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Studienbetreuer

Michael M. Patterson Ph. D., dessen zur rechten Zeit angebrachte Kommentare und besonnene Ratschläge die Autorin beflügelten, mentale und physische Barrieren zu überwinden und zuvor unmöglich erscheinende Ergebnisse zustande zu bringen.

Jane Stark

Stills Faszienkonzepte

Eine Studie

Aus dem Kanadischen von

Dr. Martin Pöttner

Überarbeitet von

Elisabeth Melachroinakes


Titel der Originalausgabe

Still’s Fascia

© 2004, Jane Stark

4328 11th Concession

RR #1 Moffat, ON

L0P 1J0

Canada

ISBN 978-3-936679724

Stills Faszienkonzepte

von Jane Stark

2. komplett überarbeitete Auflage

© 2007, JOLANDOS

Am Gasteig 6 – 82396 Pähl

978-3-936679-75-5 (Buch)

978-3-941523-28-9 (mobi)

978-3-941523-54-8 (epub)

BESTELLUNG

HEROLD Lositsik Service GmbH

Raiffeiesenallee 10 – 820041 Oberhaching

order@jolandos.de

ÜBERSETZUNG

Dr. Martin Pöttner

UMSCHLAGGESTALTUNG

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post scriptum,

www.post-scriptum.biz

DRUCK

Buchproduktion Thomas Ebertin

Goethestraße 9, 78333 Stockach

www.buchproduktion-ebertin.de

EBOOK-GESTALTUNG

Zeilenwert® GmbH

Schwarzburger Chaussee 74 – 07407 Rudolstadt

www.zeilenwert.de

Jede Verwertung von Auszügen dieser deutschen Ausgabe ist ohne Zustimmung von JOLANDOS unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Mikroverfilmungen und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Medien.

Inhalt

Cover

Studienbetreuer

Titel

Impressum

Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen

Widmung

Vorwort

Erster Band

Danksagung

Abstract

Einleitung

Kapitel 1 – Methodologie

Vorgehensweise und Quellen beim historischen Erforschen der Person Still

Vorgehensweise und Quellen beim historischen Rückverfolgen der Faszienkonzepte

Vorgehensweise und Interviewpartner beim Vergleich: Stills Faszienkonzepte und die moderne osteopathische Praxis

Zusammenfassung

Kapitel 2 – Still verstehen

Sein Leben

Seine Person

Sein Werk und seine Ausdrucksweise

Bestimmende Einflüsse

Seine Ära

Zusammenfassung: Still verstehen

Kapitel 3 – Über die Faszien

Die Geschichte des Begriffs „Faszie“

Stills Kontakt mit Faszienkonzepten

Zu Stills Zeiten übliche Therapien und deren Einfluss auf ihn

Der Begriff „Faszien“ bei Still

Stills Faszienkonzepte

Schlussfolgerungen

Band Zwei

Kapitel 4 – Interviews mit erfahrenen Osteopathen

Präsentationsform der Fragen und Ergebnisse

Fragengruppe 1: Vertrautheit mit Stills Werk

Fragengruppe 2: Osteopathenansichten über Faszien

Fragengruppe 3: Stills Faszienkonzepte

Schlussfolgerungen

Kapitel 5 – Stills Faszienkonzepte im Vergleich mit moderner osteopathischer Praxis

Gründe für das Ergebnis aus Fragengruppe 1: Vertrautheit mit Still und seinem Werk

Fragengruppe 2: Die Faszien – Stills Ansichten vs. Osteopathen-Ansichten

Fragengruppe 3: Still-Zitate – Literaturgestützte Interpretation vs. Interpretationen der Osteopathen

Schlussfolgerungen

Zusammenfassung der Forschungsergebnisse

Ausblick und Anregungen

Anmerkungen

Literaturnachweise

Appendix A – Profile

Appendix B – Die Interviewfragen

Weitere Bücher

Fußnote

Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen


Abbildung I: Die Elemente eines komplexen System S. 211
Tabelle I: Quellen für eine historisch fundierte Darstellung von Stills Leben und Person S. 33
Tabelle II: Für das Faszien-Kapitel verwendete Quellen S. 48
Tabelle III: Liste der ursprünglich ausgewählten und der empfohlenen Osteopathen S. 52
Tabelle IV: Liste der interviewten Osteopath/inn/en und der externen Experten S. 54
Tabelle V: Liste der externen Experten S. 55
Tabelle VI: Stills Sicht vom Menschen S. 135
Tabelle VII: Die Herkunft des Faszienbegriffs – Expertenaussagen und -definitionen S. 173
Tabelle VIII: Vergleich zwischen den strukturellen Eigenschaften eines komplexen Systems und Stills Faszien-System S. 216
Tabelle IX: Vergleich zwischen den funktionellen Eigenschaften eines komplexen Systems und Stills Faszien-System S. 217
Tabelle X: Textstellen aus Research and Practice, wo Still Krankheiten aufzeigt, an denen Faszien beteiligt sind S. 238
Tabelle XI: Stills Sicht vom Körper und moderne Begrifflichkeit S. 284
Tabelle XII: Stills dreifach differenzierte Einheit im Vergleich mit heutigen Begriffen S. 284
Tabelle XIII: Wann/wie fand Ihr erster Kontakt mit A. T. Stills Lehren statt? S. 288
Tabelle XIV: Haben Sie seitdem A. T. Stills Werk weiter gelesen oder studiert? S. 290
Tabelle XV: Wie häufig denken Sie an A. T. Stills Werk? S. 292
Tabelle XVI: Sind Sie mit Stills Verwendung des Ausdrucks Biogen vertraut? S. 293
Tabelle XVII: Antworten auf Fragebogen-Frage 4: Nehmen Sie routinemäßig eine Einschätzung und Behandlung der Faszien vor? S. 295
Tabelle XVIII: Was bedeutet für Sie Einschätzen der Faszien? S. 298
Tabelle XIX: Können Sie die Faszien berühren? Wenn ja, wie wissen Sie das?S. 301
Tabelle XX: Können Sie die Faszien sehen oder wahrnehmen, ohne den Patienten zu berühren? Wenn ja, wie? S. 305
Tabelle XXI: Wie fühlen sich gesunde Faszien für Sie an? S. 308
Tabelle XXII: Finden Sie, dass alle Ihre Patienten eine Faszien-Behandlung benötigen? Wenn ja, warum? S. 311
Tabelle XXIII: Was ist Ihr Ziel, wenn Sie die Faszien behandeln? S. 314
Tabelle XXIV: Wie wissen Sie, dass Sie erfolgreich waren? S. 317
Tabelle XXV: Wie verstehen Sie den Zusammenhang zwischen Faszien und Vitalität? S. 320
Tabelle XXVI: Antworten auf das erste physische Zitat S. 323
Tabelle XXVII: Antworten auf das zweite physische Zitat S. 324
Tabelle XXVIII: Antworten auf die beiden philosophischen Zitate S. 326
Tabelle XXIX: Antworten auf das erste philosophische Zitat S. 328
Tabelle XXX: Antworten auf das zweite philosophische Zitat S. 330
Tabelle XXXI: Antworten auf die beiden spirituellen Zitate S. 332

Widmung

Andrew Taylor Still (1828–1917), dessen Worte das vorliegende Projekt inspirierten und dessen Lebenswerk, die Osteopathie, unzählbare Leben verändert – nicht nur von Patienten, sondern auch von Praktizierenden, die in ihrer täglichen Arbeit von dem profitieren, was er uns geschenkt hat.

Vorwort

„Er [der Osteopath] erkennt, dass er all die das Leben störenden Ursachen finden kann, die Krankheiten hervorrufen und wachsen lassen, die Samen von Krankheit und Tod.“1 *

Andrew Taylor Still benutzte den Begriff Faszien wechselweise mit dem Begriff Membranen. Er bezog sich demnach bei der Verwendung dieser beiden Begriffe auf fibröse oder seröse und/oder auf muköse Membranen (Schleimhäute).

Obgleich es ungewöhnlich ist, in einer Einführung gleich die Schlussfolgerung voranzustellen, sind deren Auswirkungen für die Osteopathie zu bedeutend, um sie erst ans Ende dieser umfangreichen, von Viola Frymann DO, FAAO, FCA als „eine hervorragende Tiefenstudie der philosophischen Fundamente der Osteopathie“ bezeichneten Arbeit zu setzen, deren Hauptteil zur besagten Schlussfolgerung führt und sie bestätigt.

A. T. Still studierte „Gott und Erfahrung“ und das „Große Buch der Natur“. Er folgte den „Wahrheiten in der Natur“, beschrieb diese aber auf seine ganz eigene Art. Mit Faszien oder Membranen meinte er wie gesagt sowohl fibröse bzw. seröse wie auch muköse Membranen, wobei unter fibrösen Membranen die Aponeurosen bzw. das Periost zu verstehen sind, unter serösen Membranen das Peritoneum sowie die Mesenterien und unter mukösen Membranen die epitheliale Auskleidung der Verdauungs-, Atmungs- und Fortpflanzungssysteme.

Diese Art der Membranen-Klassifizierung ähnelt mehr jener von Xavier Bichat (1771–1802) als der histologischen Einteilung unserer Tage, die fibröse und seröse Membranen als Bindegewebe bezeichnet, wohingegen die mukösen Membranen dem Epithelgewebe zugeordnet werden.

Mit dem wiederauflebenden Interesse an Stills Original-Philosophie kann eine erneute, aus dem damaligen Kontext heraus erfolgende Bewertung seines Werks helfen, einige seiner bisher unterschätzten Äußerungen besser zu verstehen.

So bekommen beispielsweise auf die Rolle der Faszien bezogene Feststellungen wie „Durch ihre Aktion leben wir, durch ihr Versagen schrumpfen oder schwellen und sterben wir“ eine reichere Bedeutung, wenn man berücksichtigt, dass hier auch die epithelialen Auskleidungen der Organe gemeint sind.

Der möglicherweise signifikanteste Aspekt dieser überraschenden Entdeckung ist aber, wie Still an diese Gewebearten heranging – nämlich durch Befreien des „lokalen Nervenplexus“, der jene Bereiche versorgt. Dies setzt natürlich voraus, dass der Osteopath die Anatomie bis ins Kleinste kennt.

„Wenn wir über die in den Faszien lokalisierte Lebenskraft nachdenken, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass sie den ganzen Körper durchziehen. Finden wir einen funktionsgestörten Körperbereich, können wir ihn durch den lokalen Nervenplexus befreien, der das betreffende Organ und diesen Bereich innerviert.“

Seit ihren Anfängen vor über einem Jahrhundert stellt die Osteopathie eine führende Therapieform dar. Mit ihrem Potenzial ist es möglich, an Erkrankungen oder an Schmerzen im neuromuskulären System leidende Menschen gleichermaßen zu behandeln.

Dieses Potenzial zur Behandlung von Krankheiten an deren Ursprung steht in Gefahr, für immer verloren zu gehen, weil der Kontakt zu den Wurzeln der Osteopathie – insbesondere zu Stills Faszienkonzepten – mit jeder Generation mehr und mehr zu schwinden scheint.

37 Osteopathen und osteopathische Mediziner, die gemeinsam 1222 Jahren osteopathischer Weisheit und Erfahrung repräsentieren, sowie Experten aus anderen Bereichen haben in ausführlichen Interviews, von denen viele hier eingearbeitet worden sind, ihren Beitrag zu dieser Studie geleistet.

Einige dieser Kontributoren hat die Osteopathie seit Abschluss der Studie allerdings leider verloren:

Anne L. Wales, DO, FAAO, FCA, DSC, (1. August 2005)

William L. Johnston, FAAO, DO, (10. Juni 2003)

David Vick, DO, FAAO, FCA, (22. Februar 2006)

Herbert Yates, DO, FAAO, (5. Oktober 2002)

Schmerzlich vermisst wird auch Dr. Robert Davis, (17. Juli 2004), vom Humanities Department of Pikeville College in Kentucky. Davis, Absolvent der Princeton University, besaß einen Ph. D. in Religionswissenschaften und in Philosophie. Er war stets ein begeisterter Leser von A. T. Still und bezeichnete ihn als „schlichtweg DAS amerikanische Genie des 19. Jahrhunderts“.

Da die historische Forschung im Rahmen der Studie parallel zu den Interviews erfolgte, zeigte sich bald, dass jeder einzelne Osteopath von der Bedeutung, die Still den Faszien zugeschrieben hat, ein ganz eigenes Verständnis besaß wie einen Edelstein und dass nur dann, wenn man all diese einzelnen Juwelen zu einem Ganzen zusammensetzte, die Faszienkonzepte der Osteopathen jene von A. T. Still widerspiegelten.

Wenn Osteopathen den menschlichen Körper als funktionelle Einheit betrachten, könnte umgekehrt der menschliche Körper von den vereinten Bemühungen der Osteopathen profitieren, sich untereinander über ihre Arbeit auszutauschen, um gemeinsam die Mysterien und Antworten zu entdecken, die in der göttlichen Konstruktion und Funktionsweise des Körpers verborgen sind.

Möge die vorliegende Studie der erste Schritt sein auf dem Weg zu einer Einigkeit im osteopathischen Denken.

Jane Stark

September 2006

Erster Band

Danksagung

Nachfolgend sind alphabetisch die Namen der Personen aufgelistet, die mich beim Erstellen der vorliegenden Studie unterstützt haben, indem sie mir Hilfe und Rat boten, mich inspirierten oder beim Korrekturlesen halfen:

Rueben P. Bell, D.O., University of New England, College of Osteopathy: inhaltliche Beratung, Korrektur

Robert Davis, Ph. D., Pikeville, Kentucky: philosophische und historische Einsichten

Walter Davidson, Adair County Historical Society in Kirksville, Missouri, Kirksville, Missouri: Unterstützung bei der Recherche

Jerry Dickey, D.O., F.A.A.O., Forthworth, Texas: historische Einsichten

Jean Drouin, Toronto, Ontario: persönliche Unterstützung, Korrektur

Philippe Druelle, D.O., Montreal, Quebec: Gründer und Präsident des Canadian College of Osteopathy, Toronto, Canada: Inspiration, Ermutigung

Norman Gevitz, Ph. D., Michigan State University, College of Osteopathic Medicine, Athens, Ohio: kritische Besprechung von Ideen

Guy Goldston, Guelph, Ontario: Korrektur

Ruth Gotthardt Ph. D., Whitehorse, Yukon Territories: redaktionelle Unterstützung und Korrektur

Kristin Honey, Guelph, Ontario: Korrektur

John M. Jones III, DO, Philadelphia College of Osteopathic Medicine, Philadelphia, Pennsylvania: historische Einsichten und kritische Besprechung von Ideen

Harold I. Magoun Jr., DO, F.A.A.O., Englewood, Colorado: historische Einsichten

Michael M. Patterson, Ph. D, NOVA Southeastern University, College of Osteopathic Medicine, North Miami Beach, Florida: Betreuer der Studie

Marcee Rosenzweig, DO M. P., Toronto, Ontario: Korrektur Ida Sorci, Bibliotheksleiterin, Library/Archives of the American Osteopathic Association, Chicago, Illinois: Unterstützung bei der Forschung

Julie Saint Pierre, DO, Montreal, Quebec: Übersetzung des [englischen] Abstracts

Ed Stiles, DO, F.A.A.O., Pikeville College of Osteopathic Medicine, Pikeville, Kentucky: Historische Einsichten.

Robert Stark, Moffat, Ontario: persönliche Unterstützung

Pierre Tricot, D.O., Frankreich: französische Übersetzungen

Darüber hinaus geht Dank an alle 37 Osteopathen und osteopathischen Ärzte (hier in zufälliger Reihenfolge aufgeführt), die sich fröhlich für ein Interview zur Verfügung gestellt haben: Harold Magoun Jr., F.A.A.O., Alain Andrieux, Wayne English, Steve Sandler, Gilles Drevon, Edward Stiles, F.A.A.O., Anthony Chila, F.A.A.O., Anne L. Wales, Pierre Tricot, Fred Mitchell Jr., F.A.A.O., Gerald Lamb, Philippe Druelle, Alain Abraham Abehsera, Robert Perronneaud, Robert Ward, F.A.A.O., William Johnston, F.A.A.O., Colin Dove, Lady Audrey Percival, Ernest Keeling, Judith O’Connell, F.A.A.O., Stuart Korth, Mark Rosen, Robert Lever, Kenneth Nelson, F.A.A.O., Nick Handoll, Michael L. Kuchera, F.A.A.O., William Kuchera, F.A.A.O., David Vick, F.A.A.O., Melicien Tettambel, F.A.A.O., Jerry Dickey, F.A.A.O., Richard Feely, F.A.A.O., Charles J. Crosby, Kenneth Graham, Bernard Dariallains, Viola M. Frymann, F.A.A.O., Robert Rousse und der kürzlich verstorbene Herbert Yates, F.A.A.O.

Der Dank gilt auch alle jenen, die durch einen persönlichen Beitrag bei der Erstellung der vorliegenden Arbeit mitgewirkt haben. Ihre Namen finden sich in alphabetischer Reihenfolge unter Appendix A.

Diese Studie wäre ohne die enthusiastische und fortdauernde Unterstützung durch die Mitarbeiter und die Freiwilligen am National Center for Osteopathic History, das sich am Still National Osteopathic Museum in Kirksville, Missouri, befindet, nicht realisierbar gewesen. Ein herzliches Danke den Gründern, den Unterstützern, aber auch den einzelnen Mitarbeitern: Jason Haxton (Direktor, zuvor Kurator), Cheryl Gracey (Kurator), Debbie Loguda-Summers und die ehrenamtlichen Mitarbeiter Jean Kenney und Missy Nicole.

Abstract

In der vorliegenden Arbeit, die helfen soll, eine Andrew Taylor Stills Faszienkonzepte betreffende Lücke in der osteopathischen Literatur zu schließen, wurden zwei qualitative Forschungsansätze verwendet: ein literaturbasierter und ein interviewbasierter. Eine Zusammenschau der Ergebnisse aus diesen beiden Ansätzen soll aufzeigen, welche Bedeutung Still den Faszien gab und wie seine Konzepte von einer Stichprobe heute praktizierender Osteopathen bzw. osteopathischer Ärzte verstanden werden.

Die literaturgestützte Forschung liefert eine Skizze von Stills Leben, um sein Wesen zu erfassen und die Einflüsse aufzuzeigen, die seinen Charakter und seinen Stil formten. Zu diesen Einflüssen gehörten seine Familie, die Lebensweise der Pioniere, Lektüre, der amerikanische Bürgerkrieg, die spiritistische Bewegung im Amerika des 19. Jahrhunderts sowie Freundschaften, die ihm halfen, sein Denken und seine Weltsicht auszubilden. Es wurde auch untersucht, inwiefern die Geschichte des Begriffs Faszien und die verschiedenen, zu Stills Zeit populären mechanischen Therapien seine Faszienkonzepte beeinflusst haben. Die verwendete Textbasis umfasst alle bekannten und veröffentlichten Schriften von Still, seine relevanten nichtveröffentlichten Texte sowie die damalige medizinische Literatur. Auf dieser Basis werden Stills Faszienkonzepte vor dem Hintergrund der Philosophien und intellektuellen Strömungen seiner Zeit sorgfältig identifiziert und definiert.

Für die interviewgestützte Forschung wurden 37 Osteopathen und osteopathische Ärzte verschiedener Nationalität ausgewählt, die jeweils eine mindestens 20-jährige osteopathische Praxis vorzuweisen hatten und in den Interviews ihre Ansichten über Still, über die Faszien und über Stills Faszienkonzepte darlegen sollten. Bei der Analyse und Synthese dieser Interviews ergab sich ein beachtlicher Unterschied zwischen Stills Faszienkonzepten und denen der Befragten.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen ließ sich ein allgemeines Nichtübereinstimmen in Bezug auf die getreue Fortführung von Stills Faszienkonzepten feststellen. Die Autorin kam deshalb zu der Überzeugung, dass der osteopathische Berufsstand aus einem erneuerten Verständnis Stills und seiner Philosophie Gewinn ziehen würde, besonders im Bereich Faszien.

Einleitung

„Wer die Osteopathie verstehen will, muss Andrew Taylor Stills Werk verstehen und in diesem Zusammenhang auch etwas über die unmittelbaren Vorgänger dieses Mannes wissen. Wie sah die medizinische Welt aus, in der sich Stills Augen öffneten und in die sie mit der schärfsten Kritik der Geschichte blickten?“ 1

Worum es in der vorliegenden Studie geht, ist ein umfassendes und kritisches Untersuchen von Stills Faszienkonzepten, die wir zu diesem Zweck in physische, philosophische und spirituelle Konzepte unterteilen. Eine derartige Arbeit gibt es unter den zur Osteopathie veröffentlichten Werken bislang nicht.

Kleinere Artikel zu Stills physischen Faszienkonzepten enthält die noch im Aufbau befindliche Datenbank Ostmed (Ostmed®, The Osteopathic Literature Database, 2003). Einige Osteopathen oder osteopathische Ärzte (in der Folge stets einheitlich „Osteopathen“ genannt), die über Stills Faszienkonzepte schrieben – im Einzelnen sind das: Truhlar, Arbuckle, Kerr, McConnell und gelegentlich sogar Magoun senior –, zitierten in ihren Texten zwar Stills Gedanken zum Thema Faszien, unternahmen aber kaum je den Versuch, deren Bedeutung zu interpretieren.

Zu den prominentesten Osteopathen, die sich zu Stills Faszienkonzepten schriftlich geäußert haben, gehören Arthur Becker, Fredrick Becker, Roland Becker und Angus Cathie. Harold I. Magoun senior DO, stellte in seinem berühmten Abhandlung über Stills physische Faszienkonzepte fest, dass Still damals das Faszienproblem sogar besser verstanden habe als einige Spitzenleute in der heutigen Forschung.2 Weniger bekannt, obgleich einer der bedeutendsten Unterstützer von Still, ist Charles H. Kauffmann DO, der in den 1940er- und den frühen 1950er-Jahren ein Dutzend Artikel zu Stills Faszienkonzepten schrieb. Kauffmann besaß Zugang zu Stills seltenem dritten Buch The Philosophy and Mechanical Principles of Osteopathy.

Keinerlei osteopathische Literatur liegt zu Stills philosophischen und spirituellen Faszienkonzepten vor. William Garner Sutherland äußerte zu Stills Sicht des Lebensprinzips,3 das dieser im Kontext der Faszien erörtert hat: „Dr. Still gab sein Bestes, um uns in das Phänomen einzuführen. Doch wir waren dafür nicht aufnahmefähig“4. Und auch Rollin E. Becker DO zitierte Sutherland in diesem Sinne: „Ich habe oft darauf hingewiesen, dass wir in der Osteopathie etwas verloren haben, das Still mitzuteilen versuchte, und zwar das Spirituelle, das er in die Wissenschaft der Osteopathie einschließen wollte“.5

Einst wurden Stills Faszienkonzepte als wichtig betrachtet. Das Publikationskomitee der Academy of Applied Osteopathy, dem damals Dr. Alan R. Becker, Dr. Kenneth E. Little, Dr. George W. Northup. Dr. Ralph W. Rice, Dr. Charles K. Smith und Dr. Thomas L. Northup angehörten, unternahm 1946 den Versuch, Stills Werk speziell auf dem Gebiet Faszien wieder in den Lehrplan für die osteopathische Ausbildung zu integrieren. Um die Mitglieder der Academy of Applied Osteopathy davon zu überzeugen, dass es notwendig sei „ eine klare Auffassung von Dr. Stills Geisteshaltung in den Gründerjahren“ zu bekommen, legte man seinerzeit auch Stills zweites Buch Philosophy of Osteopathy neu auf, stellte es allen Mitgliedern zur Verfügung und verwies sie, was das Erlangen dieser „klaren Auffassung“ betraf, vor allem auf das in jenem Werk enthaltene Kapitel X, Die Faszien.

1952 empfahl Thomas L. Northup D.O., man solle „das Faszienkapitel in Dr. Stills Buch über die Prinzipien der Osteopathie nicht nur sorgfältig lesen, sondern dessen Inhalt Absatz für Absatz, Satz für Satz bedächtig studieren.“6 Danach vergingen 30 Jahre, bis der erste Versuch unternommen wurde, die Wurzeln von Stills Theorie und Philosophie der Osteopathie freizulegen. Obgleich er selbst kein Osteopath war, nahm der Soziologe und Forscher Norman Gevitz als Student an der Universität von Chicago eine absatz- und satzweise, gelegentlich sogar wortweise Durchsicht von Stills Werk vor, um u. a. herauszufinden, ob und gegebenenfalls wie die Geistesströmungen des ländlichen Amerika in der Mitte des 19. Jahrhunderts Stills Sichtweisen und Philosophien beeinflusst haben. Als Ergebnis dieses Prozesses konnte er eine Reihe wahrscheinlicher Einflüsse nennen, zu denen auch Stills Beziehung zum Spiritismus gehörte.

„Ich fand u. a. heraus, dass er [Still] den Ausdruck Banner der Osteopathie verwendet hat. Er sagte: ‚Wir wollen das Banner der Osteopathie weben.‘ Da stieß ich zufällig auf die Zeitschrift Banner of Light …, Ich erwog, ob das Banner der Osteopathie auf jenes Banner of Light bezogen sein könnte, und ging deshalb diese Zeitschrift, die ich in der großen Sammlung der Universitätsbibliothek von Michigan einsehen konnte, seitenweise durch, bis ich irgendwann einen Leserbrief entdeckte, der von Still mit unterschrieben war.“7

Für Gevitz war das der entscheidene Beweis, denn Still selbst hat nichts über seine Einflüsse mitgeteilt, zitierte nur wenige Quellen und zog es dagegen vor, „Gott und die Erfahrung“8 bzw. die „Gesetze der Natur“9 zu zitieren.

Den Empfehlungen der Academy of Applied Osteopathy aus dem Jahr 1946 folgend beschäftigt sich die vorliegende Studie mit dem Kapitel Faszien in Stills Werk. Zunächst jedoch wird auf die Arbeiten von Gevitz und der Historikerin und jüngsten Still-Biografin Carol Trowbridge (1991) eingegangen. Das ist notwendig, weil man, um Stills Faszienkonzepte zu verstehen, seinen einzigartigen Charakter, der sich in seiner Ausdrucksweise und Wortwahl widerspiegelt, vor dem Hintergrund zeitgenössischer Einflüsse und Strömungen betrachten muss.

„Er [Still] war ein komplexer Mensch. Seine Schriften sind oft schwer zu verstehen. Sie sind in der Sprache seiner Zeit geschrieben und enthalten viele Allegorien.“ 10

„Sein symbolischer und allegorischer Schreibstil erlaubt es nur einem geneigten Leser, die Bedeutung seiner Sprache und den darunterliegenden eigentlichen Sinn zu erfassen. Und es gibt einen Sinn, auch wenn Andersdenkende diese Werke nicht verstehen können.“ 11

Der erste Absatz des Kapitels Faszien in Stills Philosophy of Osteopathy lautet:

„Krankheit wird offensichtlich als Gas-, Flüssigkeits- oder Feststoffatome gesät. Zunächst ist eine geeignete Stelle zum Deponieren des aktiven Lebensprinzips nötig, was immer dies sein mag. Dann muss das Lebewesen, das entwickelt werden soll, eine ansprechende Art von Ernährung bekommen. Folglich müssen wir den Teil des Körpers finden, der durch Aktion und geeignete Ernährung mithelfen kann, das Lebewesen im fötalen Leben zu entwickeln. Vernunft weist den Verstand zunächst auf die Regeln des menschlichen Lebens während der Schwangerschaft hin und wir betrachten, als Denkbasis, das sich bewegende Atom, das werdende Lebewesen, dessen Lebenskeim wir nur durch das stärkste Mikroskop sehen können. Es sieht aus wie ein Atom weißer Fasern oder ein abgelöstes Teilchen einer Faszie. Es verlässt einen Elternteil als Faszienatom und muss, um leben und wachsen zu können, in einem freundlichen Umfeld hausen und mit solcher Nahrung versorgt werden, wie sie in Eiweiß, Fibrin und Lymphe sowie in den Nerven generierenden Kräften und Qualitäten enthalten ist, während es auf der Stelle mit dem Aufbauen einer geeigneten Form beginnt, in der es leben und gedeihen kann. Und da die Faszien bestens mit Nerven, Blut und weißen Korpuskeln ausgestattet sind, ist es nur logisch, den Teil zu suchen, der überwiegend aus Faszie besteht, und anzunehmen, dass der Keim sich dort zum Ernährtwerden und Wachsen aufhält.“ 12

Liest man diesen Absatz, entstehen sofort eine Reihe von Fragen. Wovon spricht Still im ersten Satz? Was meint er mit dem aktiven Lebensprinzip? Wieso spricht er in einem Kapitel über Faszien vom fötalen Leben? Was heißt menschliches Leben während der Schwangerschaft? Wie definiert Still den Ausdruck Keim und was ist dann ein vitaler Keim? Am wichtigsten aber ist die Frage, was dies alles mit dem zu tun hat, was wir heute unter Faszien verstehen. Der Rest des Still’schen Faszien-Kapitels ist nicht weniger kryptisch, kaum mit Interpunktionen versehen und enthält einen 17 Zeilen langen Satz mit sehr vielen rätselhaften, für den heutigen Leser archaischen Metaphern.

Dutzende von Zitaten aus Stills Werk belegen, dass er den Faszien nicht nur in Krankheit und Gesundheit, sondern auch in der dreifach differenzierten Natur des Menschen, bestehend aus materiellem Körper, spirituellem Wesen und Verstandeswesen, eine bedeutende Rolle zuschrieb. So sagte er beispielsweise:

„Die Seele des Menschen mit allen Strömen reinen lebendigen Wassers scheint in den Faszien seines Körpers zu wohnen.“ 13

„ Sie [die Faszien] lassen es dem philosophisch Denkenden absolut einleuchtend erscheinen, dass sie [die Faszien] der „materielle Mensch“ sind und die Wohnstätte seines spirituellen Wesens. Sie [die Faszien] sind das Haus Gottes, die Wohnstätte des Unendlichen, soweit es den Menschen betrifft.“ 14

Man findet in Stills Schriften jedoch ebenso viele Äußerungen, die besagen, dass die Faszien nicht wichtiger sind als andere Gewebe oder Körpersysteme.

In einem Leitartikel, der nach Stills Tod 1917 im Journal of the American Osteopathic Association erschien, steht:

„Dr. Still hinterließ keinen Nachfolger … Philosophen, die ihr Werk vollendet haben, brauchen keine Nachfolger … Sein Werk [Stills Theorie und Philosophie] sollte analysiert und auf eine für die praktische Unterweisung geeignete Form reduziert werden und in jeder osteopathischen Ausbildungsstätte zur Verfügung stehen.“ 15

Die als Hilfestellung für ein Verstehen und Entdecken von Stills Faszienkonzepten herangezogenen Werke anderer Osteopathen zeigten, dass fast niemand Northups Empfehlung gefolgt ist, den Inhalt von Stills Philosophy of Osteopathy absatz- und satzweise zu studieren.16 Ebenso bedauerlich ist es, dass außer von O’Connell (1998) in den letzten 25 Jahren so gut wie nichts über Stills Faszienkonzepte veröffentlicht wurde.

In der vorliegenden Arbeit wird auch davon ausgegangen, dass Osteopathen, die vor den späten 1980ern oder den frühen 1990er Still lesen oder über ihn schreiben wollten, in ihren Möglichkeiten ziemlich eingeschränkt waren, weil man damals an ein Buch von ihm und an die meisten seiner Zeitschriftenartikel nur sehr schwierig herankam. Zudem sind wahrscheinlich eine Reihe seiner unveröffentlichten Texte schlicht verloren gegangen oder wegen ihres anstößigen Inhalts vernichtet worden.

Was hat sich nun getan in der Osteopathie seit Northups Empfehlungen, die mehr als 50 Jahren zurückliegen? Die osteopathische Profession hat sich über zwei Generationen entwickelt und von jenen entfernt, die Andrew Taylor Still gekannt und bei ihm studiert haben. Es gibt niemanden mehr, der irgendeine direkte Erfahrung mit ihm, seinen Lehren oder seinen Ideen gemacht hat. Seine Kinder, von denen fünf Osteopathen waren, leben nicht mehr. Seine Enkel, darunter neun Osteopathen, sind ebenfalls alle verstorben.

Obwohl über die verschiedenen Disziplinen der Osteopathie, wie osteoartikuläre Anpassung, viszerale Osteopathie, kraniale Osteopathie, muskuläre Energie und Counterstrain, eine Menge Lehrbücher geschrieben worden sind, verblieb das Gebiet Faszien relativ spärlich dokumentiert und schlecht definiert. Trotz des Mangels an maßgeblichen Referenzwerken, die eine klare Interpretation von Stills Faszienkonzepten bieten, existiert aber eine überquellende Terminologie, die fasziale Zustände beschreibt. Zu den heute üblichen, umschreibenden Ausdrücken für fasziale Probleme gehören Einschränkung, Spannung, Zug, Läsion, Verklebung, Stoß, ease and bind, gewöhnliches Kompensationsmuster, ungewöhnliches Kompensationsmuster und nicht kompensiertes fasziales Muster. Noch verwirrender wird diese Terminologie durch die Austauschbarkeit bzw. die fehlende Unterscheidung myofaszialer und faszialer Anwendungen. In den letzten 15 Jahren wurden von anderen Osteopathen neue Einschätzungs- und Behandlungstechniken für Faszien eingeführt wie das Fascial Distortion Model von Stephen Typaldos D.O. (1994) und das Bioelectric Fascial Activation Model von Judith O’Connell D.O. (1998).

In der vorliegenden Studie wird die Meinung vertreten, dass es erforderlich ist, Stills Originalanschauungen zum Thema Faszien neu, und zwar im Kontext seines Lebens, seiner Zeit und der ihn beeinflussenden Faktoren, zu betrachten, um die Faszien so, wie er sie ursprünglich definiert hat, besser zu verstehen. Diese Meinung teilen auch andere Osteopathen, z. B. Jocelyn C. P. Proby: „Ich glaube kaum, dass wir Dr. Stills Ideen begreifen können, wenn wir sie nicht vor dem historischen Hintergrund sehen.“17 oder Stills erster Biograf E. R. Booth: „Vieles, was Dr. Still zu dem machte, was er war und noch ist, lässt sich auf seine Lebensumstände zurückführen.“18 Entscheidend ist aber, dass Stills Anschauungen eben nicht nur von diesen Lebensumständen, sondern auch von seinem Wesen geprägt wurden. Carl McConnell, zu Stills Lebzeiten Professor an dessen American College of Osteopathy, schrieb:

„Um Dr. Stills Werk angemessen würdigen zu können, müssen wir seine spirituelle und mentale Disposition mitbedenken. Seine Wahrheitsliebe, eine tiefe spirituelle Einsicht in die Werke der Natur, deren physische Form nur eine äußerliche Offenbarung ist, und Mut: Das sind, wie wir es sehen, seine wichtigsten spirituellen und mentalen Eigenschaften.“ 19

In einigen Fällen genügte nicht einmal das von Northup empfohlene absatz- und satzweise Durchgehen von Stills Werk. So führte z. B. erst das genaue Beachten der differenzierten Verwendung des bestimmten und des unbestimmten Artikels in Stills Schreibstil zu einer deutlich veränderten Interpretation eines seiner Faszienkonzepte. Und erst die Feststellung, dass er „wif “ statt „wife“ schrieb, war ein entscheidender Hinweis auf eine wichtige Beeinflussung Stills, nämlich den Spiritismus.

Um Stills Faszienkonzepte in die moderne osteopathische Praxis einzubinden, wird in der vorliegenden Forschungsarbeit den folgenden drei Fragen nachgegangen:

– Wie entwickelte Still seine Faszienkonzepten und wie sehen sie aus?

– Wie werden diese Konzepte, insbesondere die philosophischen und spirituellen, von erfahrenen Osteopathen verstanden und in der manipulativen Praxis angewendet?

– Weichen heutige Faszienkonzepte wesentlich von Stills Original-Konzepten ab? Was bedeutet das für die Osteopathie?

Um dies zu beantworten, wurden literatur- und interviewgestützte Untersuchungen durchgeführt. Ziel der literaturgestützten Forschung war es, herauszufinden, wie Still seine Faszienkonzepte entwickelt hat und worin sie bestanden. Im Rahmen der interviewgestützten Forschung veranlasste eine Reihe offen gestellter Fragen eine Gruppe erfahrener, manipulativ arbeitender osteopathischer Ärzte und Osteopathen, ihre Vertrautheit mit Still und dessen Werk, ihre eigenen Faszienkonzepte sowie ihre Auffassungen von Stills Faszienkonzepten darzulegen. Beide Forschungsansätze wurden kombiniert, um ein besseres Verständnis von Stills Faszienkonzepten zu erreichen und zu erfahren, wie diese Konzepte in der modernen Osteopathie verstanden und angewendet werden.

Die Studie umfasst fünf Kapitel. Kapitel 1, Methodologie, skizziert die Schritte zur Entwicklung des in der vorliegenden Arbeit angewandten qualitativen Forschungsansatzes und beschreibt die speziellen Verfahren zur Behandlung der Forschungsfragen. Kapitel 2, Still verstehen, enthält eine kurze Biografie, deren Schwerpunkte auf Stills Lektüre, seinem Schreibstil und beeinflussenden Faktoren liegen, und stellt Vermutungen über Stills medizinische, philosophische und religiöse Überzeugungen an. In Kapitel 3, Über die Faszien, wird versucht, herauszufinden, was Still unter dem Begriff Faszien verstand, wie seine Faszienkonzepte aussahen und was sie bedeuteten. Darüber hinaus stellt dieses Kapitel Stills Ansätze beim Einschätzen und Behandeln von Faszien und Membranen vor, verfolgt die Geschichte des Begriffs Faszien und untersucht die Rolle der Faszien in anderen zu Stills Zeit bekannten mechanotherapeutischen Methoden. Es beleuchtet Stills Umgang mit den Faszien vor dem Hintergrund seiner medizinischen Ausbildung und seines Pionierlebens und führt die Gewebetypen auf, die Still in den Begriff Faszien einschloss. Schließlich wird eine repräsentative Auswahl seiner Äußerungen zum Thema Faszien interpretiert. Die Kapitel 2 und 3 befassen sich also mit der ersten Forschungsfrage: Wie entwickelte Still seine Faszienkonzepte und wie sahen sie aus?

Mit der zweiten Frage – Wie werden Stills Faszienkonzepte, insbesondere die philosophischen und spirituellen, von erfahrenen Osteopathen verstanden und in der manipulativen Praxis umgesetzt? – beschäftigt sich Kapitel 4, Interviews mit erfahrenen Osteopathen, das die Antworten von 37 erfahrenen Osteopathen und osteopathischen Ärzten auf 20 Fragen vorstellt, die schwerpunktmäßig auf das Faszienverständnis der Befragten abzielten sowie auf deren Meinung zu dem verborgenen Sinn in Stills Äußerungen über die Faszien.

Kapitel 5, Stills Faszienkonzepte und die moderne osteopathische Praxis, vergleicht schließlich die im Rahmen des literaturgestützten Forschungsansatzes erarbeitete Interpretation von Stills Faszienkonzepten mit den bei der interviewgestützten Untersuchung eingeholten Antworten und dreht sich somit um die dritte und letzte Forschungsfrage: Weichen heutige Faszienkonzepte wesentlich von Stills Original-Konzepten ab? Was bedeutet dies für die Osteopathie? Die dazu interviewten Osteopathen besaßen praktische Erfahrung in Manipulativ-Techniken und hatten Gelegenheit, diese Techniken sowie die osteopathische Philosophie von Kollegen zu erlernen, die nur eine oder zwei Generationen von A. T. Still entfernt gewesen waren. Das Kapitel macht deutlich, wo Stills Faszienkonzepte (so wie die Autorin der vorliegenden Studie sie aufgrund eingehender literaturgestützter Forschung interpretiert) und die Konzepte der Befragten konvergieren oder divergieren, diskutiert die Bedeutung der Untersuchungsergebnisse, erörtert, inwiefern sie die gegenwärtige Osteopathie beeinflussen, und gibt einige Anregungen für die Zukunft.

„Die Faszien kommen überall im Menschen vor und gleichen sich in allen Bereichen. Vor der Welt tut sich das größte Problem auf, der angenehmste Gedanke. Dem Philospohen erscheint es einleuchtend, absolut, dass er den ‚materiellen Mensch‘ und den Aufenthaltsort seines spirituellen Wesens vor sich hat. Sie[die Faszien] sind das Haus Gottes, die Wohnstätte des Unendlichen – soweit es den Menschen betrifft.“ 20

Dieses Still-Zitat wirft eine Reihe von Fragen auf: Teilt der osteopathische Berufsstand heute immer noch Stills Anschauungen in Bezug auf die Wichtigkeit der Faszien? Was bedeutete diese Äußerung für Still selbst? Wurde das größte Problem gelöst? Ist der angenehmste Gedanke jenen zugänglich, die das größte Problem lösen? Was meinte Still mit dem „materiellen Menschen“ und jenem spirituellen Wesen? Verstehen die Osteopathen von heute Stills Äußerungen? Und schließlich: Liefern Stills Ideen und Konzepte ein Jahrhundert, nachdem sie entworfen worden sind, immer noch eine Grundlage für das Praktizieren von Osteopathie?

Kapitel 1 – Methodologie

Dieses Kapitel skizziert die methodischen Schritte beim Entwerfen, Gliedern, Gestalten und Schreiben der vorliegenden Studie. Die in dieser Arbeit angewendete Methode der qualitativen historischen Forschung erlaubt laut Bailey1 „ eine ganzheitliche Beschreibung und Analyse eines bestimmten Phänomens“ – in unserem Fall also eine qualitative Untersuchung der Faszienkonzepte von Andrew Taylor Still.

Historische Forschung wurde hier verstanden als „systematische Zusammenstellung von Daten und kritische Darstellung, Bewertung und Interpretation von Fakten, die auf Personen, Ereignisse und Begebenheiten der Vergangenheit bezogen sind“.2 Im Mittelpunkt der Forschungsarbeit standen drei Fragen:

Wie entwickelte Still seine Faszienkonzepte und wie sahen sie aus?

Wie werden diese Konzepte, insbesondere die philosophischen und spirituellen, von erfahrenen Osteopathen verstanden und in der manipulativen Praxis angewendet?

Weichen heutige Faszienkonzepte wesentlich von Stills Konzepten ab und was bedeutet dies für die Osteopathie?

Diesen Fragen wurde mithilfe zweier Methoden – der literatur- und der interviewgestützten Forschung – nachgegangen.

Zur Untersuchung der ersten Frage wurde unter Einbeziehung veröffentlichten und unveröffentlichten Materials (Bücher, Aufsätze, Briefe, Interviews, Websites) literaturgestützte Forschung in zwei Schritten betrieben: Schritt eins beschäftigt sich mit Stills Leben aus historischer Sicht, betrachtet die Geistesströmungen im 19. Jahrhundert, die ihn beeinflusst haben könnten, und entwirft schließlich ein Bild von Stills Wesen. Schritt zwei verfolgt in Stills Schriften sämtliche Stellen, die sich auf „Faszien“ beziehen, beginnend mit der Prägung dieses Begriffs bis hin zu den um 1900 veröffentlichten Äußerungen von Still zum Thema Faszien.

Die interviewgestützte Forschung diente dazu, von erfahrenen Osteopathen und osteopathischen Ärzten deren Ansichten über frühere und heutige Faszienkonzepte einzuholen. Dazu wurde ein unstrukturierter Interviewentwurf3 verwendet, der es erlaubte, die Informationen (in diesem Fall also die Faszienkonzepte heutiger Osteopathen sowie deren Interpretationen von Stills Faszienkonzepten) zu erfassen und eingehend zu analysieren. Als Abschluss der Studie wurden die erfassten Informationen in Erzählform wiedergegeben, um so die Fragen eins und zwei zu beantworten. Die auf dieser Grundlage aufbauende Beantwortung von Frage drei wurde zu einer Mischung und Synthese der Antworten zu eins und zwei, was eine Auseinandersetzung mit Stills Faszien-Definitionen einerseits und den aus den Angaben der Befragten ersichtlichen Anschauungen heutiger Osteopathen andererseits ermöglicht.

Beim Verfassen der vorliegenden Studie wurden die Gestaltungsrichtlinien aus Publication Manual of the American Psychological Association4 und Thesis Guideline and Format of the Canadian College of Osteopathy5 übernommen. Die Gestaltung der Zitate folgt dem Reference Manager Package®.

Appendix A enthält Kurzporträts aller Personen, auf deren persönliche Mitteilungen in dieser Arbeit Bezug genommen wird.

Nach LoBiondo-Wood & Haber6 liegt es in der Verantwortung eines qualitativ Forschenden, die gewonnenen Informationen aufzunehmen, ohne sie aus seinen eigenen Tendenzen heraus und damit womöglich verfälscht zu interpretieren. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, verwendete die Autorin eine Vorlage, die von Kathie Johnston, Studentin am Canadian College of Osteopathy, in ihrem Darstellungsprotokoll Traditional Osteopathic Manual Practice: A legislative strategy for recognition in Ontario7 entworfen wurde. Johnston fasst in ihrem Protokoll die Arbeiten von Guba & Lincoln (1981), LoBiondo-Wood & Haber und Sandelowski (1986) zusammen, die alle über qualitatives Forschen geschrieben haben. Diese Autoren liefern einen Rahmen, der bei qualitativen Studien wissenschaftliche Strenge sicherstellt. Er besteht aus vier Kriterien: Glaubwürdigkeit, Nachvollziehbarkeit, Angemessenheit und Beweisbarkeit.8

In der Zusammenfassung von Johnston findet sich auch ein Hinweis auf eine wichtige Differenzierung bei LoBiondo-Wood, die in der historischen Forschung zwischen Tatsache, Wahrscheinlichkeit und bloßer Möglichkeit zu unterscheiden erlaubt.

Demnach kann dann von einer Tatsache gesprochen werden, wenn zwei voneinander unabhängige Primärquellen übereinstimmen oder wenn eine Primärquelle und eine Sekundärquelle das Gleiche unterstellen und nichts bekannt ist, was dem wesentlich widerspricht. Allerdings müssen beide Quellen kritisch bewertet werden.

Eine Wahrscheinlichkeit liegt dann vor, wenn die Information aus nur einer Primärquelle stammt und nichts bekannt ist, was ihr wesentlich widerspricht. Die Quelle bedarf entsprechend kritischer Bewertung. Auch wenn zwei Primärquellen in einzelnen Punkten nicht übereinstimmen, kann man von „Wahrscheinlichkeit“ ausgehen.

Von einer bloßen Möglichkeit spricht man dann, wenn eine Primärquelle keiner kritischen Bewertung unterzogen worden ist oder nur Sekundär- oder Tertiärquellen verfügbar waren.

Die Daten für historische Forschung stammen aus Primär- und Sekundärquellen.9 Eine Primärquelle wird definiert als Originalbericht von einem Ereignis. Unter Sekundärquelle versteht man eine Informationsquelle, die zumindest einen Schritt von der Primärquelle entfernt ist. Für die hier vorliegendene Studie wurden nach dem Ratschlag des Betreuers auch solche Personen als Primärquellen eingestuft, die zwar keine eigene Theorie entwickelt, jedoch über 20 Jahre hindurch intensiv praktiziert haben und somit als reife und erfahrene Osteopathen bezeichnet werden können.

Vorgehensweise und Quellen beim historischen Erforschen der Person Still

Diese Stufe des Forschungsprojekts diente zur Beantwortung der ersten Forschungsfrage: Wie entwickelte Still seine Faszienkonzepte und wie sehen diese aus? Dazu wurde die Behauptung aufgestellt, dass der Versuch, Still als Mensch zu verstehen, zu einer tieferen Einsicht in die Entwicklung seiner Konzepte verhelfen kann.

Stills erster Biograf, E. R. Booth10, seine jüngste Biografin, Carol Trowbridge11, und der Osteopathie-Forscher Norman Gevitz12 fanden es erforderlich, zunächst Stills Leben, seine Zeit und ihn beeinflussende Faktoren zu beschreiben. Ihre Aufzeichnungen werden in dieser Studie durch weitere, teils von ihnen nicht verwendete, teils ihnen nicht zugängliche Dokumente und Quellen ergänzt. Das somit aus biografischen und historischen Quellen entwickelte Porträt des Menschen Still bildet den Rahmen für eine sachkundige Interpretation seiner Faszienkonzepte.

Untersuchung der Lebens- und Zeitumstände

Die Untersuchung von Stills Leben und Zeit wurde folgendermaßen gegliedert:

SEIN LEBEN – Dieser Abschnitt berichtet der Reihe nach, wo Still wann lebte, und umfasst bedeutende Ereignisse in seinem Leben wie Geburten, Heiraten, Todesfälle, einflussreiche Freundschaften, die Kriegsteilnahme, die Entwicklung der Osteopathie, seine Schule und schließlich seinen Tod. Das liefert den notwendigen chronologischen und geografischen Hintergrund, um seine Aufenthaltsorte und Aktivitäten nachverfolgen und ausführlich über ihn lesen und schreiben zu können.

SEINE PERSON – Der Fokus liegt hier auf Stills Persönlichkeit und deren Eigenheiten, wobei auch Ereignisse aus der frühen Phase seines Lebens herangezogen werden. Basierend auf Informationen aus vorhergehenden Kapiteln sowie auf Erinnerungen von Personen, die Still gut kannten, wird dann versucht, sein Wesen zu umreißen. Der Zugang zu manchen dieser Informationen wurde erst in jüngster Zeit durch Schenkungen an das Still National Osteopathic Museum möglich.

LEKTÜRE – Hier wird versucht zu erfassen, welche Bücher, Aufsätze und Zeitschriften für Still im amerikanischen Grenzland, wo er im 19. Jahrhundert aufwuchs und lebte, greifbar waren. Außerdem enthält der Abschnitt eine Bestandsaufnahme und Kurzbeschreibung der nichtmedizinischen Literatur in seiner persönlichen Bibliothek.

SEIN WERK UND SEINE AUSDRUCKSWEISE – Das ist eine (soweit möglich mit den Daten seiner Autorschaft versehene) Auflistung von Stills Schriften, Büchern, Aufsätzen, Entwürfen, Artikeln, Notizbüchern, Tagebüchern, die sein persönliches Leben oder Einflüsse betreffen. (Eine ähnliche, jedoch ausschließlich auf Stills schriftliche Äußerungen zum Thema Faszien bezogene Sammlung wurde logischerweise nicht hier, sondern in das Kapitel über die Faszien mit hineingenommen.)

Stills von vielen Metaphern und Allegorien durchsetzte Ausdrucksweise machte eine Analyse seines Rede- und Schreibstils erforderlich, um die Bedeutung seiner Äußerungen leichter zu verstehen. Ausdrücklich wurde auch darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, bei Stills Aussagen stets genau zu unterscheiden, ob sie allegorisch gemeint sind oder nicht.

BESTIMMENDE EINFLÜSSE – Dieser Abschnitt skizziert die Zeit, in der Still aufwuchs, und wirft Licht auf die Frage, inwieweit Still typisch war für das Jahrhundert, das ihn prägte. Dabei geht es um Themen wie seine Teilnahme am Kampf gegen die Sklaverei, seine Kontakte zu Neuenglands Emigrantenszene, die Gewaltphase vor dem Bürgerkrieg und nicht zuletzt um die spiritistische Bewegung im 19. Jahrhundert. Beleuchtet werden außerdem Stills Anschauungen zu Religion, Biologie und Philosophie.

Quellen und Hilfsmittel

Die geschichtliche Darstellung von Stills Leben fußt auf vielfältigen Quellen wie Zeitschriftenartikeln, unveröffentlichten Aufsätzen, Dokumenten, Zeitungsberichten, Briefen, aufgezeichneten Erinnerungen und Büchern, von denen viele älter als 100 Jahre sind. Hinzu kamen wissenschaftlich fundierte und vertrauenswürdige Internetseiten, elektronische Kommunikation und persönliche Gespräche mit verschiedenen Experten. Nach dem Lesen oder Befragen wurden aus den gesammelten Informationen bestimmte Themen oder Passagen exzerpiert, kategorisiert, elektronisch gespeichert und dann in gegliederter Erzähl-Form dargestellt.

Tabelle I (folgende Doppelseite) erfasst überblickartig die beim Aufbau dieses Kapitels herangezogenen Quellen und deren Verwendung. Eine detaillierte Darstellung dieser Quellen folgt im Anschluss.

Autobiografie

Stills erstes Buch, The Autobiography of Dr. A. T. Still, erschienen erstmals 1897, in zweiter Auflage 1908, bietet nur einen begrenzten Einblick in sein Erwachsenenleben, weil es bereits 20 Jahre vor seinem Tod veröffentlicht wurde und außerdem zur Hälfte aus abgedruckten Reden besteht, die Still bei Graduiertenfeiern oder anlässlich von Jahrestagen zur Gründung der Osteopathie gehalten hat. Viele der hinteren Kapitel dieser Autobiografie finden sich auch in früheren Ausgaben des Journal of Osteopathy.13 Leider war es der Autorin nicht möglich, ein vollständiges Exemplar der ersten Auflage zu erhalten, obgleich ein solches im Internet auf der Webseite des Meridian Institute verfügbar ist (vgl. http://www.meridianinstitute.com).

Wo immer es möglich war, wurden für die Aufzeichnung seiner Lebensgeschichte Stills Selbstbeschreibungen herangezogen, obwohl sich seine Autobiografie als nur skizzenhaft erwies und er offenbar sehr stark ausgewählt hatte, was er dort darstellen bzw. nicht darstellen wollte.

Biografien

Was das biografische Material anbelangt, stützte sich die Autorin weitgehend auf die im Folgenden chronologisch aufgeführten Sekundärquellen, die zwar nicht alle ausschließlich über Still persönlich schreiben, aber doch oft wertvolle Einblicke in sein Familienleben gewähren.



TABELLE I:

QUELLEN FÜR EINE HISTORISCH FUNDIERTE DARSTELLUNG VON STILLS LEBEN UND PERSÖNLICHKEIT

MARY STILL ADAMS

„Mein erster Versuch, ein Buch zustandezubringen, ich war noch kein Teenager, kostete mich manche Träne.“ 14

Mary Still Adams, eine jüngere Schwester von Still, schrieb 1893 Autobiography of Mary Still Adams or In God we Trust. Obgleich dort viel über Stills Familiengeschichte zu finden ist, sind die Informationen über sein persönliches Leben karg. Das Werk trägt die Züge eines unveröffentlichten Manuskripts und war nur zugänglich durch das im Still National Osteopathic Museum befindliche National Center for Osteopathic History (in der Folge: NCOH genannt).

EMMONS RUTLEDGE BOOTH

„Viele der dargestellten Fakten stammen aus dem persönlichen Wissen des Autors.“ 15

Emmons Rutledge Booth Ph.D. D.O., der erste Still-Biograf, studierte bei Still im Jahrgang 1900 an der American School of Osteopathy (in der Folge ASO genannt). Sein 1905 veröffentlichtes Buch The Philosophy of Osteopathy, das den detailliertesten Bericht über Stills Herkunft liefert, war ein Versuch, eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie und wo A. T. Still gelebt hat und welche Geistesströmungen ihn interessierten und beeinflussten. Obgleich dieses bereits 12 Jahre vor Stills Tod erschienene Werk für den Zweck der vorliegenden Studie nicht vollständig genug war, liegt sein Wert darin, dass es, gerade weil es zu Stills Lebzeiten verfasst und publiziert wurde, so reich ist an direkten Informationen über ihn und seine Vertrauten.

LEON E. PAGE

„Nur wer den Mann verstand, der sie geschrieben hatte, konnte den wahren Wert seiner Werke erfassen.“ 16

In dem Buch The Old Doctor17 versuchte Leon E. Page, sich A. T. Stills Wesen in einer poetischen Sprache zu nähern. Still wird in fünf Lebensphasen beschrieben: als Pionier, Träumer, Experimentierer, Lehrer und Philosoph. Auf Belege wurde dabei verzichtet.

MAROVIA CLARK

„Meine Freunde und Kinder baten mich öfters, über mein Leben in Kansas zu schreiben.“ 18

Marovia Still Clark, ebenfalls eine von Stills jüngeren Schwestern, schrieb Reminiscence of the Early Events in Osteopathic History. Ihre kuriosen Geschichten sind undatiert. Dieser Text, dem Stil nach ein unveröffentlichtes Manuskript, ist nur über das NCOH zugänglich.

M. A. LANE

„Der Schlüssel zum Verständnis von A. T. Stills Werk als Leistung eines wissenschaftlichen Reformers liegt in seinem ungewöhnlichen, beeindruckend originellen Verstand.“ 19

Das von M. A. Lane verfasste, etwa 1925 erschienene Buch Dr. A. T. Still Founder of Osteopathy, in dessen Vorwort Lane als erfahrener Osteopath charakterisiert wird, der „aufgrund eigener Forschungstätigkeit schon eine fundierte Reputation in der biologischen Wissenschaft“20 besitzt, besteht aus 10 einzelnen Aufsätzen über Still, die verschiedene Lebensabschnitte behandeln. Der Autor verzichtet auf Quellenverweise, versucht aber, Stills wissenschaftliche Ideen glaubwürdig darzustellen. Das Thema Faszien klammert er aus. Weil sich das Werk in jedem Kapitel zunächst Stills Wesen widmet, bevor Stills Ideen erörtert werden, diente es bei der Erstellung dieser Studie als Vorlage.

BARBARA VAUGHN KENNEDY

„Stellen Sie sich die Sorge für fünf Kinder vor, eins davon ein Wickelkind, während man bei Sturm auf Trampelpfaden das Land durchquert, Flüsse durchwatet, im Freien campiert, bei gutem Wetter täglich einen Weg von 18 bis 20 km zurücklegt und ständig auf Hindernisse trifft, die zu überwinden sind.“ 21

Die nur elf Seiten umfassenden, nicht veröffentlichten und undatierten Aufzeichnungen von Stills Schwester Barbara Vaughn mit dem Titel Family History,22 in denen es um die frühen Jahre von Stills Eltern, vor allem aber um seine Mutter und ihre Kinder geht, hat Stills Nichte Barbara Vaughn Kennedy 1933 auf der Schreibmaschine abgetippt.

ERNEST E. TUCKER

„Verehrter, lieber Dr. Charlie [sc. Charles Still senior, Stills Sohn], ich hoffe, Sie empfinden beim Lesen meines Beitrags mindestens so viel Vergnügen, wie ich beim Schreiben hatte.“ 23

Die 95 langen Reminiscences of A. T. Still hat Ernest E. Tucker 1952 auf Bitten von Charles Still senior verfasst, den Tuckers persönliche Erinnerungen an A. T. Still interessierten. Das Werk ist Teil der Sammlung von Charles Still junior im NCOH, wird hier jedoch wegen seines einzigartigen Werts gesondert erwähnt. Obgleich sich diese Aufzeichnungen schon lange Zeit im Besitz von Charles E. Still junior befanden, wurde, soweit die Autorin weiß, der größte Teil der darin enthaltenen Informationen bislang noch nie in einer Veröffentlichung zitiert, zumal die letzte Still-Biografie erschienen ist, bevor das NCOH 1995 als Geschenk Tuckers Text erhielt, von dessen reichem Inhalt Charles E. Still junior offenbar keinen Gebrauch gemacht hatte. Auf den 95 Seiten finden sich Beschreibungen der Persönlichkeit A. T. Stills, dazu Kommentare zu seiner Religion, seiner Philosophie, seinen Schriften und seinen übersinnlichen Fähigkeiten. Der Text ist heute nur über das NCOH verfügbar.

CHARLES E. STILL JUNIOR

„Niemand konnte die Ereignisse besser [sc. als Charles Still senior] darstellen.“24

A. T. Stills Enkel, Charles E. Still junior, verfasste eine neuere, 1991 publizierte Still-Biografie mit dem Titel Frontier Doctor – Medical Pioneer. Im Vorwort schrieb Irvin Korr:

„Das Buch basiert weitgehend auf umfangreichen Notizen, Schriften, Briefen und verschiedenen Dokumenten, die der Vater des Autors [Charles Still senior, ein Sohn von A. T. Still] archiviert hat, sowie auf eigenen Recherchen und persönlichen Beobachtungen des Autors als Familienmitglied.“ 25

Stills Autobiografie und die Still-Biografie von Charles E. Still junior enthalten größtenteils ähnliche Informationen. Bedauerlicherweise finden sich jedoch in beiden Büchern kaum Zitate oder Belege. Charles E. Stills Biografie beantwortet allerdings viele A. T. Still und dessen Leben betreffende Fragen – zum Beispiel, warum seine Familie so oft umgezogen ist oder warum er einen Spazierstock mit sich führte. Der Leser sei allerdings vorgewarnt, dass Charles’ Vater, Charles Still senior, von dem das meiste Material stammt, als jemand beschrieben wird, der sich vielleicht „gelegentlich eine literarische Freiheit“ erlaubt hat, „obwohl man sagen kann, dass sie [sc. Charles Still senior und Grant Hildreth] in ihrem Alter zu ein bisschen Ausschmückung und Selbstbeweihräucherung durchaus berechtigt waren.“26

CAROL TROWBRIDGE

„Am besten versteht man Still, wenn man ihn sich in der Welt seiner Zeit vorstellt“ 27

Das im Jahr 1991 von der Historikerin Carol Trowbridge veröffentlichte Buch Andrew Taylor Still 1838–1917 ist die jüngste Still-Biografie. Sie basiert auf achtjähriger, sorgfältiger und gut dokumentierter Forschung. Trowbridge verwendete zahlreiche Primärquellen, die sie in Archiven und bei historischen Gesellschaften im ganzen Land ausfindig machte. Außerdem stellten ihr Stills Enkelinnen Jane Denslow und Elizabeth Laughlin bereitwillig Quellenmaterial zur Verfügung.

Der osteopathische Berufsstand ist Carol Trowbridge zu Dank verpflichtet für ihre umfangreiche geschichtliche Darstellung des amerikanischen Mittelwestens im 19. Jahrhundert, einer Ära, die Still prägte und in der sein Lebenswerk, die Osteopathie, entstand.

Geschichten der Osteopathie

Obgleich sich die Werke über die Geschichte der Osteopathie und die Still-Biografien teilweise überschneiden, sind – neben der bereits oben erwähnten, ebenfalls als Zugang zur Osteopathie-Historie geltenden Biografie von Booth – doch die fünf nachfolgend beschriebenen Bücher die geschichtlichen Haupt-Quellen:

GRANT HILDRETH

„Dr. Hildreth stand Still zweifellos näher als jeder andere Osteopath.“ 28

Arthur Grant Hildreth, dessen Werk The Lengthening Shadow of Andrew Taylor Still erstmals 1938 veröffentlicht wurde, war eine Generation jünger als Still, weshalb der Wert seiner biografischen Erinnerungen in der Darstellung des älteren Still, also des Osteopathen, liegt. Hildreths Worten zufolge sollte sein Buch dazu dienen, dem Leser zu helfen „eine genauere Kenntnis vom Charakter und vom Geist dieses Mannes zu erlangen, der der Welt die Osteopathie geschenkt hat“29. Da Hildreth Stills geschätzter Kollege und Freund war, stammen die meisten seiner biografischen und historischen Informationen aus erster Hand. In den letzten Buchkapiteln wird Still in Beiträgen berühmter Osteopathen seiner Ära, darunter Carl P. McConnell und Charles Hazzard, geehrt. Wie bei Charles E. Still junior sei der Leser aber gewarnt, dass man sich auch hier manche „kleine literarische Freiheit“ erlaubt hat.30

GEORGE W. NORTHUP

„Zu behaupten, Still sei ein Mann von Überzeugung gewesen, wäre eine Untertreibung.“ 31

In seinem Buch Osteopathic Medicine: An American Reformation stellt Northup Still und die Osteopathie zwar voller Verehrung, aber doch sehr objektiv dar.

NORMAN GEVITZ

„Seine [Stills] Ideen sind nicht alle auf einmal entstanden, wir können vielmehr eine Entwicklung in seinem Denken feststellen.“ 32

Sechs Jahre lang schrieb der Soziologe Norman Gevitz an einer ausführlichen Studie, die er später unter dem Titel The D.O.’s Osteopathic Medicine in America33 veröffentlichte. Die ersten Kapitel dieser gut dokumentierten, prägnanten und präzisen Foschungsarbeit konzentrieren sich auf die Nachverfolgung der Geistesströmungen, die Stills Leben und Denken geformt haben. Beim Recherchieren der medizinischen und therapeutischen Einflüsse auf Still hat die Autorin der vorliegenden Studie Gevitz’ Fußnoten und Quellenangaben eifrig genutzt.

GEORGIA WALTER

„Während der 17 Jahre als Direktorin der College[-Bibliothek des Kirksville College of Osteopathic Medicine (KCOM)] standen mir die Quellen alle direkt zur Verfügung.“34

In ihrem 1992 erschienenen wissenschaftlichen Werk The First School of Osteopathic Medicine nimmt Georgia Ann Warner Walter für sich in Anspruch, alle bekannten Quellen erforscht zu haben in dem Versuch, die genauesten Berichte zu liefern.35 Das gut dokumentierte Buch, das die Jahre 1892 bis 1987 umfasst, stützt sich auf Primärquellen, darunter die Bände dreier osteopathischer Zeitschriften und Akten aus dem KCOM-Archiv.

Zusammenfassung

Insgesamt erfassen diese Bücher und Schriftstücke einen großen Teil von Stills Familien- und Lebensgeschichte. Die Materialien wurden zunächst gelesen, um einen ersten Eindruck zu bekommen, und dann erneut gesichtet, um bestimmte, Stills Leben betreffende Fakten und Beeinflussungen, seine Ideen, sein wiederholtes Verwenden bestimmter Wörter oder Redewendungen usf. zu markieren. Sofern in diesen Büchern, insbesondere bei Gevitz und Trowbridge, Primärquellen angeführt sind, die für die vorliegende Studie von Bedeutung waren, ist die Autorin diesen Quellenverweisen nachgegangen – primär über das NCOH und mittels Fernleihe. Daneben wurden aufgrund des wissenschaftlichen Charakters der Werke von Gevitz und Trowbridge gelegentlich auch diese beiden Autoren zitiert.

Weitere osteopathische Bücher

Titel und Veröffentlichungen früher, während Stills Lebenszeit von Studenten verfasster osteopathischer Bücher wurden aus der Datenbank von MOBIUS bezogen, einem Verband akademischer Bibliotheken, dem fünfzig Colleges und Universitäten des Staates Missouri angehören, darunter auch die A. T. Still Memorial Library in Kirksville.

Erst sehr spät im Verlauf der Arbeiten an der vorliegenden Studie wurde OSTMED®, eine neue Datenbank für osteopathische Literatur zugänglich, die über einen bibliografischen Index Zugriff auf osteopathisch-medizinische Literatur bietet. OSTMED® entstand aus einem fünfjährigen, von der American Osteopathic Association und der American Association of Colleges of Osteopathic Medicine gesponserten Projekt.36

Über die Website des Meridian Institute (2001) waren einige frühe osteopathische Bücher zugänglich, die allerdings nur wenige biografische Informationen enthielten und deshalb vor allem im Hinblick auf das Thema „ Stills Faszienkonzepte“ genauer durchgesehen wurden.

Zeitschriftenartikel

Um 1905 gab es mehr als 20, zumeist allerdings nur regional verbreitete osteopathische Zeitschriften.37 Es war unmöglich, diese Zeitschriften ganz durchzugehen, zumal nicht alle einen umfassenden Index besaßen, der die Suche hätte beschleunigen können. Beim Erstellen der vorliegenden Studie wurden vor allem das Journal of Osteopathy und das Journal of the American Osteopathic Association verwendet.

JOURNAL OF OSTEOPATHY

A. T. Still veröffentlichte die Mehrzahl seiner Aufsätze im Journal of Osteopathy (in der Folge J. O. genannt). Gegenwärtig besitzen nur zwei der osteopathischen Ausbildungsstätten in Amerika, die Michigan State University und das Kirksville College of Osteopathic Medicine, alle frühen Jahrgänge dieser Zeitschrift. Erfreulicherweise sind Stills Aufsätze jetzt aber zugänglich dank der Bemühungen von R. V. Schnucker, der sie 1991 in einem Sammelwerk mit dem Titel Early Osteopathy in the Words of A. T. Still38 herausbrachte. Da Schnucker jedoch in manchen Fällen Erscheinungsmonat, -jahr und Auflage nicht mit angegeben hat, kann es beim Zitieren zu Diskrepanzen zwischen Originalveröffentlichung und Schnuckers Neudruck kommen.

Der akkumulierende Index des J. O. ermöglichte es, Still oder dessen Philosophie betreffende Artikel zu beschaffen, zu sichten und zu markieren, um sie in die vorliegende Studie aufzunehmen.

WEITERE AUFSÄTZE

Weitere Aufsätze mit Bezug auf Still bzw. seine Philosophie konnte die Autorin dank des einfach zu handhabenden Index dem Journal of the American Osteopathic Association entnehmen. Nachdrucke entsprechender Aufsätze wurden beschafft, gesichtet, markiert und in die vorliegende Studie mit aufgenommen.

Zum Teil wurden auch weniger bekannte Zeitschriften herangezogen. The D. O., The Cosmopolitan Osteopath, Osteopathic Physician und The Bulletin, herausgegeben von den Atlas- und Axis-Clubs aus Kirksville, hat die Autorin selten verwendet.

Unveröffentlichte Texte

Es gibt drei Hauptquellen für katalogisierte unveröffentlichte Texte von oder über A. T. Still: die ATSP (Andrew Taylor Still Papers), die ATS Document Collection (Andrew Taylor Still Document Collection) und die CE Still Jr. Collection (Charles E. Still Jr. Collection), allesamt im Still National Osteopathic Museum, Kirksville.

ANDREW TAYLOR STILL PAPERS

Dem Still National Osteopathic Museum zufolge handelt es sich bei ATSP um ein Konvolut von ca. 1,50 Aktenmetern, das dem Museum und dem NCOH im Laufe der Jahre von verschiedenen Spendern zugegangen ist. Beim NCOH handelt es sich um die früheren Special Collections der A. T. Still Memorial Library, die seit 1997 vom Museum geführt wird. Der Hauptanteil des aus überwiegend aus Originalen bestehenden Materials wurde dem NCOH von Elizabeth Laughlin, der Witwe von Stills Enkel George Andrew Laughlin, 1990 geschenkt. Es umfasst Stills eigenhändige Schriften (hand- und maschinengeschriebene Essays, Reden und Briefe), Briefe an Still, Todesanzeigen, Beileidsbezeugungen und Ähnliches, das sich auf Stills Tod 1917 bezieht, dazu verschiedene Dokumente, die Still betreffen, enthält aber auch Belegexemplare von anderswo verwahrtem Material. Dokumente, bei denen es fraglich sie, ob Still sie verfasst hat, tragen einen entsprechenden Vermerk.39

Das Material ist zwar weitgehend undatiert, liefert aber wertvolle Einblicke in A. T. Stills Philosophie, nicht nur, was die Osteopathie anbelangt, sondern – noch wichtiger – auch in Bezug auf seine philosophischen Untersuchungen über das Wesen von Leben und Sterblichkeit.

CHARLES E. STILL, JR. COLLECTION

Die Charles E. Still Jr. Collection wurde im August 1995 von Doris Still, Charles’ Witwe, gespendet. Es handelt sich um ungefähr 1,20 Aktenmeter Texte und Fotos, wovon sich rund 95 % nicht direkt auf A. T. Still beziehen. Die verbleibenden 5 % (zwischen 200 und 250 Seiten) bestehen aus Briefen, die Charles’ Vater von Osteopathen angefordert hatte, die Still kannten.40 Irvin Korr erklärte, Charles Still senior habe dieses Material für ein Buch verwenden wollen, stattdessen sei es aber 60 Jahre lang ungenutzt in einem Metallbehältnis aufbewahrt worden.41 Diese Briefe stellen vor allem deshalb eine unschätzbare Ressource dar, weil sie keinem anderen Biografen außer Charles E. Still junior zur Verfügung standen, der ihr Potenzial aber nicht nutzte, um A. T. Stills Charakter und die Einflüsse, die ihn geformt haben, zu enthüllen.

DIE ATS DOCUMENT COLLECTION

Die ATS Document Collection (Andrew Taylor Still Document Collection), die Dokumente aus Stills Leben, z. B. Militärzeit und Pension betreffende Unterlagen und medizinische sowie urheberrechtliche Urkunden, enthält, war besonders hilfreich beim Recherchieren der genauen Veröffentlichungsdaten von Stills Büchern und lieferte Belege für seine in Missouri ausgestellten medizinischen Zulassungen.

Verlorene Werke

Zuverlässigen Quellen zufolge gab es darüber hinaus wohl verschiedene Journale, Notizbücher, Terminkalender oder Tagebücher oder lose Papiere, die entweder verschwunden sind oder anscheinend von überlebenden Familienmitgliedern vernichtet wurden. Spekulationen über den Inhalt der besagten Aufzeichnungen bilden einen Schwerpunkt im Abschnitt über Stills Schriften. Da die Autorin der vorliegenden Studie hauptsächlich dank ihrer früheren Beziehungen zu den Informanten an diese Information herankam, ist es unwahrscheinlich, dass dieser Schritt des Forschungsprojekts mit identischen Ergebnissen von einer anderen Person wiederholt werden könnte. Nicht alle Informationen hat die Autorin erfragt, einige Osteopathen trugen auch von sich aus etwas bei.

Diese verlorenen Materialien, von denen nichts blieb außer Augenzeugenberichten verschiedener Osteopathen nebst einem knappen, im Buch von Charles E. Still junior enthaltenen Exzerpt, gewinnen ihre Bedeutung gleichermaßen aus der Thematik wie aus der Tatsache, dass sie vernichtet worden sind.

Die persönliche Bibliothek

Berichte über die Bücher, die Stills persönliche Bibliothek enthielt, waren im Still National Osteopathic Museum erhältlich.42 Im diesbezüglichen Abschnitt der vorliegenden Studie wird nur erörtert, von welcher Art Stills Bibliothek war. Einzelne in ihr enthaltene Bücher werden in anderen Abschnitten besprochen, um Aussagen zu untermauern.

Berichte: Geburt, Tod, Heirat

Zumeist wurden Sekundärquellen als geeignet betrachtet, um die Daten von Geburt, Tod und Hochzeiten zu zitieren – außer in den Fällen, wo stattdessen hilfreiche Zeitungsartikel ausfindig gemacht wurden.

Zeitungsberichte

Zeitungsartikel wurden, mit wenigen Ausnahmen, nicht verwendet. Angesichts der damit verbundenen Kosten und der hinderlichen Entfernungen zu den Standorten der Zeitungsverlage sah die in Kanada lebende Autorin dieser Studie davon ab, diese Quellen zu nutzen.

In einigen Fällen kam auf Anfrage unterstützendes Material von historischen Vereinen. Doch erwies sich diese Forschungsmethode als beschwerlich, dem Zufall unterworfen und teuer. Zunächst wurden lange Briefe geschrieben, um das Thema der Forschung zu erläutern. Darauf wählte die Gesellschaft ehrenamtliche Mitarbeiter aus, nicht weil dies kompetente Forscher gewesen wären, sondern weil sie Neigung und Zeit dazu aufbringen konnten. Viele wussten gar nicht, wer A. T. Still war oder worum es sich bei der Osteopathie handelt. Das gelieferte Material wurde verwendet, um daraus lokale Informationen über Schulen, Kirchen, Geheimgesellschaften, Bibliotheken und historische Ereignisse in den jeweiligen Gemeinden zu bekommen.

Geschichtsbücher der Landkreise

Douglas und Schuyler in Missouri bzw. Macon und Adair in Kansas, die vier Landkreise, in denen Still größtenteils lebte, besitzen jeweils zumindest ein Geschichtsbuch, das vor Stills Tod (1917) geschrieben worden ist. Es handelt sich um History of the State of Kansas, Douglas County;43 History of Adair County;44 General History of Macon County Missouri 1910; History of Adair, Sullivan, Putnam and Schuyler Counties Missouri 1888 und History of Randolph and Macon Counties Missouri 1884.

Aus diesen Bücher bezog die Autorin vor allem Informationen darüber, welche förderlichen Einrichtungen (z. B. Bibliotheken) Still zur Verfügung standen. Daneben wurden sie auf biografisches, insbesondere Stills Freundeskreis betreffendes Material durchforscht.

Weitere Bücher

Eine Reihe Texte, verfasst und noch zu Stills Lebzeiten veröffentlicht von Osteopathen, die ihn kannten oder bei ihm studiert haben, wurden auf Hinweise zu Stills Faszienkonzepten durchforstet, waren aber wenig ergiebig.

Quellen im Internet und Hilfsmittel

Als zeitsparendes Hilfsmittel eingesetzte Zitate aus dem Internet erwiesen sich als nur begrenzt hilfreich für eine bessere Darstellung des Themas. Soweit es möglich war, wurden verlässliche Internetquellen wie Universitäts- und Regierungs-Websites benutzt sowie Zusendungen historischer Vereine.

Urkundenforschung

Als die Autorin das gesamte von Still veröffentlichte Material gelesen und fünfzig Prozent der ausgewählten Osteopath/inn/en interviewt hatte, besuchte sie im Frühjahr 2002 eine Woche lang das Still National Osteopathic Museum in Kirksville, um dort die ATSP45, die ATS Document Collection und die Charles E. Still Jr. Collection einzusehen und zudem fünf Kirksviller Osteopathen zu interviewen.

Zum einfacheren Ermitteln von geeignetem Material für die Durchsicht stellte das Museum im Voraus elektronische Suchhilfen zur Verfügung, mit deren Hilfe dann Material aus folgenden Rubriken durchgesehen werden konnte: Stills religiöse Anschauungen, seine Sicht von den Faszien sowie seine Anschauungen über Leben, Seele und Geist. Dazu kamen Dokumente zu Stills Ausbildung, seiner Autorenschaft und der Familiengeschichte. Bei den nicht gesichteten Dokumenten handelte es sich lediglich um Rohentwürfe von Büchern und Artikeln, die bereits gedruckt verfügbar sind.

Jedes als geeignet für das Studienprojekt ausgewählte Dokument wurde den Museumsvorschriften entsprechend mit einem säurefreien Lesezeichen versehen und nach Erledigung der Copyright-Formalitäten von einem Museumsmitarbeiter fotokopiert. Aufgrund der großen Anzahl von Fotokopien erhielt die Autorin einen Teil des Materials erst später per Post.

Im Anschluss an diesen Besuch ergab sich eine rege Korrespondenz mit den Mitarbeitern des Museums. Teilweise wurden mehr als 20 E-Mails pro Woche ausgetauscht. Dabei ging es gewöhnlich um Nachfragen und Klarstellungen, auf die in der vorliegenden Arbeit häufig Bezug genommen wird.

Eine weitere Quelle für Archivmaterial befand sich bei der American Association of Osteopathy in Chicago, Illinois. Obgleich es sich nicht um eine Forschungsbibliothek handelte, gab es dort doch Mitarbeiter, die diese Sammlung von Zeitschriften und historischen Veröffentlichungen pflegten.46 Und obgleich die Bibliothek zu der Zeit, als das vorliegende Forschungsprojekt lief, geschlossen war, stellte die kontaktierte Bibliothekarin Ida Sorci der Autorin auf Nachfrage Dokumente zu relevanten Themen und biografische Daten zu einzelnen Osteopathen zur Verfügung.

Sicherung der Daten

Im Verlauf der Literatursuche wurden elektronische Dateiordner und Unterordner angelegt, um die einschlägigen Daten zu sortieren und zu speichern. Gelesenes Material wurde markiert und kategorisiert, Ordner und Unterordner entsprechend benannt. Jedes Zitat wurde in den entsprechenden Ordner eingegeben und mit einer Fußnote versehen, die Name, Titel, Quelle, Seitenzahl usf. enthielt.

Sobald diese Dateien oder Ordner zu 90 % vollständig waren, wurde ihr Inhalt als Rahmen für das Verfassen der Unterkapitel von Kapitel 2 Still verstehen verwendet.

Vorgehensweise und Quellen beim historischen Rückverfolgen der Faszienkonzepte

Dieses Stadium des Forschungsprojekts drehte sich um die Frage: Wie entwickelte Still seine Faszienkonzepte und wie sehen diese aus?

Bei dem Versuch, zu erfassen, was man in der Zeit vor Still unter Faszien verstand und wie im Vergleich dazu Still diesen Begriff verwendete, ließ sich trotz bewusster Bemühungen ein Definieren aus dem Begriffsverständnis des 20. Jahrhunderts heraus nicht immer vermeiden. Die Erforschung des Themas wurde in folgende Schritte gegliedert:

DIE GESCHICHTE DES BEGRIFFS FASZIEN

Aufgezeigt wird hier die historische Entwicklung des Begriffs und dessen Verwendung, beginnend vom Ursprung dieses oder verwandter Begriffe. Um herauszufinden, auf welcher Basis Still seine Definitionen entwickelt hat, wurde auch die Verwendung von Faszien oder ähnlichen Begriffen in anderen zeitgenössischen Texten untersucht, die nicht zu Stills Bibliothek gehörten. Um die Begriffsverwendung nachzuverfolgen, wurde schließlich ein chronologischer Überblick der Literatur erstellt, die etwas zu diesem Thema enthält.

STILLS FRÜHE ERFAHRUNGEN

Untersucht wurden anhand von Quellen Stills frühe Kindheitserfahrungen im amerikanischen Grenzland.

STILLS AUSBILDUNG

Ein Überblick über Stills medizinische Ausbildung war für die vorliegende Untersuchung notwendig, um herauszufinden, welche Aspekte in seinen Äußerungen zum Thema Faszien auf sein Konfrontiertsein mit dem medizinischen Denken seiner Zeit zurückgehen.

KONKURRIERENDE THERAPIEN

Anhand einer auf Stills Schriften basierenden Liste anderer in Stills Ära bekannter und üblicherweise angewandter Therapien, vor allem mechanischer oder sogenannter Mechanotherapien, wollte die Autorin herausfinden, ob Still seine Faszienkonzepte aus diesen Therapien hergeleitet hat.

WAS VERSTAND STILL UNTER FASZIEN?

In diesem Abschnitt wurde zu erforschen versucht, welche Arten von Gewebe oder Geweben Still in den Begriff Faszien miteinbezogen hat. Eine Betrachtung all seiner Bezugnahmen auf Faszien, Membranen, Bindegewebe oder verbindende Gewebe soll helfen, Stills Gedanken rund um den Begriff Faszien aufzuzeigen.

STILLS ÄUSSERUNGEN ZU DEN FASZIEN

Ziel war hier, Stills Äußerungen zum Thema Faszien zu kategorisieren, und zwar vorerst ohne sie näher zu deuten.

INTERPRETATION VON STILLS ÄUSSERUNGEN

Unter Einbeziehung der biografischen Informationen aus der ersten Phase der Studie wurde in diesem Forschungsschritt der Frage nachgegangen: Wie entwickelte Still seine Faszienkonzepte und wie sehen diese aus? Ein besonderes Augenmerk galt dabei den philosophischen und spirituellen Aspekten dieser Konzepte.

EINSCHÄTZUNG UND BEHANDLUNG

Gestützt auf eine tief gehende, sorgfältige Recherche in Stills Werk, vor allem in seinen für das Thema Faszien ergiebigsten beiden Büchern Philosophy of Osteopathy und The Philosophy and Mechanical Principles of Osteopathy (PMP) wird hier aufgezeigt, wie Still Faszien eingeschätzt und behandelt hat.

Quellen und Hilfsmittel

Das Material für den Überblick über die Geschichte des Faszienbegriffs entstammt vorwiegend Sekundärquellen wie Wörterbüchern, Aufsätzen, Büchern und Expertenmeinungen. Das für die Abschnitte über Stills Faszienkonzepte verwendete Quellenmaterial ist hauptsächlich seinen Büchern und Aufsätzen entnommen. Auch hier wurden wieder ausgewählte Themen bzw. Passagen exzerpiert, kategorisiert, elektronisch gespeichert und schließlich in gegliederter Erzähl-Form präsentiert.

Eine vollständige Liste des herangezogenen Materials und dessen Verwendung in Kapitel 3 zeigt Tabelle II.

Weitere von Still veröffentlichte Bücher
PHILOSOPHY OF OSTEOPATHY

Philosophy of Osteopathy47 enthält das berühmte Kapitel X mit der Überschrift „Faszien“, das in der Einleitung der vorliegenden Studie erwähnt wurde. Aber auch sonst finden sich überall in diesem 270 Seiten starken Buch zahlreiche wichtige Bezugnahmen auf die Faszien.

THE PHILOSOPHY AND MECHANICAL PRINCIPLES OF OSTEOPATHY

Wie Philosophy of Osteopathy enthält auch The Philosophy and Mechanical Principles of Osteopathy48 einen Abschnitt über die Faszien. Auch hier finden sich über 300 Seiten verstreut viele Bezugnahmen auf die Faszien und Membranen.

OSTEOPATHY RESEARCH AND PRACTICE

Charakteristisch für Still letztes, 1910 veröffentlichtes Werk sind die wenigen Bezugnahmen auf das Thema Faszien. (Die Autorin zitiert hier aus der Neuausgabe von 1992.49) Das Buch ist relevant im Zusammenhang mit Stills Faszienkonzepten, weil es zeigt, dass seine Faszienkonzepte für ihn über längere Zeit wichtig waren – obgleich er sie in diesem letzten Buch bei weniger als zehn Prozent der erörterten Zustände erwähnt.


TABELLE II:

FÜR DAS FASZIENKAPITEL VERWENDETE QUELLEN

Stills medizinische Bibliothek

Sämtliche Autoren und Bücher, auf die Still sich in seinen Schriften bezogen hat, wurden zusammengestellt, um eventuelle Ähnlichkeiten zwischen Stills Anschauungen über Faszien und dem Gedankengut in diesen Quellen herauszufinden. Die Originale oder Kopien der Bücher waren durch das Still National Osteopathic Museum oder durch Fernleihe zugänglich.

OSTEOPATHISCHE BÜCHER

Diese Bücher wurden auf Informationen zu Stills Faszienkonzepten hin durchsucht, waren in dieser Hinsicht aber wenig ergiebig.

JOURNAL OF OSTEOPATHY

Obgleich die Artikel sich kaum auf das Thema „Faszien“ bezogen, sind die wenigen Stellen doch höchst aufschlussreich.

UNVERÖFFENTLICHTE TEXTE

Stills unveröffentlichte Texte enthalten keine direkten Bezugnahmen auf das Thema „Faszien“, erlauben jedoch gelegentliche Rückschlüsse auf seine Faszienkonzepte.

WEITERE BÜCHER

Hier geht es ebenso um Bücher aus Stills persönlicher Bibliothek wie um andere anatomische und physiologische Werke seiner Zeit, die ihm wahrscheinlich zugänglich waren. Schließlich findet sich hier ein Überblick über alle Bücher, die Faszien beschreiben.

SELTENE BÜCHER

Der größte Teil der Geschichte des Faszienbegriffes findet sich nicht in Büchern, die auf Lager oder über Fernleihe zugänglich waren. Einige Bücher konnte die Autorin bei der Thomas Fisher Rare Book Library an der Universität von Toronto überprüfen, doch die meisten Originale waren in Latein oder Italienisch geschrieben.

INTERNET

Wie im vorigen Kapitel beschrieben, wurde dieser Forschungsweg beschritten, wenn Experteninformationen nicht aus gedrucktem Material bezogen werden konnten.

EXPERTENMEINUNGEN

Dr. Frank Willard und Martin Collins lieferten Expertenmeinungen zur Osteopathie, und zwar speziell in den Bereichen Anatomie und Physiologie. Dr. Willard lehrte ab 1983 Anatomie für Osteopathen an der New England School, Martin Collins ab 1981 Physiologie für Osteopathen an der British School of Osteopathy. Ihre Meinungen sollten aufzeigen, wie zutreffend oder wie fehlgeleitet und falsch Stills Faszienkonzepte nach heutigem Wissensstand sind. Obgleich die auf diesem Weg bezogenen Informationen in der vorliegenden Studie nur wenig Verwendung fanden, haben sie der Autorin bei dem Versuch, Stills Faszienkonzepte zu verstehen, sehr geholfen.

Sicherung der Daten

Ähnlich wie im vorigen Arbeitsschritt wurde auch hier ein Ordner mit der Bezeichnung Über die Faszien angelegt, der ungefähr 30 Unterordner enthielt. Das Material wurde gelesen, markiert und thematisch kategorisiert, sodass die Namen der Unterordner entstanden. Jedes Zitat wurde in den Ordner eingegeben und mit einer Fußnote versehen, die Name, Titel, Quelle, Seitenzahl usf. enthielt. Der Inhalt der vervollständigten Dateien diente dann beim Schreiben von Kapitel 3 Über die Faszien als Rahmen.

Vorgehensweise und Interviewpartner beim Vergleich: Stills Faszienkonzepte und die moderne osteopathische Praxis

Ziel dieser Forschungsstufe war, Forschungsfrage zwei zu beantworten: Wie werden Stills Faszienkonzepte, insbesondere die philosophischen und spirituellen, von erfahrenen Osteopathen verstanden und in der manipulativen Praxis angewendet?

Zu diesem Zweck wurden erfahrene Osteopath/inn/en interviewt. Der Prozess umfasste drei Schritte:

1) Auswahl der Interviewpartner/innen und Durchführung der Interviews

2) Darstellung der Äußerungen

3) Synthese der Äußerungen

Auswahl der Interviewpartner/innen und Durchführung der Interviews

Zum Auswählen der Interviewpartner/innen wurde zunächst eine Liste mit zwölf Osteopathen und osteopathischen Ärzten erstellt, die alle den folgenden zwei Grundvoraussetzungen entsprachen: Sie hatten mindestens zwanzig Jahre in der manipulativen Praxis gearbeitet und sie waren sehr gerne zu einem Interview bereit. Weiterhin war für diese Studie auch die Mitwirkung international arbeitender Osteopathen erwünscht, um eine möglichst große Vielfalt an osteopathischer Ausbildung und Erfahrung vertreten zu haben. Die zwölf ursprünglich ausgewählten Osteopathen konnten weitere Osteopathen empfehlen, die die Kriterien ebenfalls erfüllten. Mit Rücksicht auf die vertrauliche Natur der Interviews darf die Autorin nicht mitteilen, wer wen empfohlen hat. Einige Osteopathen, mit denen sich ein persönliches Interview ergab, wurden im Nachhinein noch in die ursprüngliche Zwölferliste aufgenommen.

Ab Juni 2001 wurde in einem Zeitraum von 10 Monaten insgesamt 73 Osteopath/ inn/en ein einführendes Paket zugesandt.

52 antworteten, wovon einer kurz darauf verstarb.

11 lehnten ab, wobei die meisten ihre Entscheidung freundlich erläuterten.

12 antworteten nicht.

41 willigten ein, einer davon allerdings zu spät.

40 Interviews wurden geführt.

Drei Interviews wurden abgelehnt, weil die erforderliche praktische Erfahrung in Manipulativ-Techniken nicht vorlag.

Somit flossen die Daten aus 37 Osteopathen-Interviews in diese Studie ein.

Tabelle III führt in der linken Spalte sowohl die 12 ursprünglich ausgewählten wie auch die fünf weiteren, zufällig hinzugekommenen Osteopathen. Einige Namen erscheinen in beiden Spalten, weil die Betreffenden von anderen Osteopathen empfohlen wurden, die nichts von den 12 ursprünglich ausgewählten und schon interviewten Osteopathen wussten. In der rechten Spalte sind die Namen der Osteopathen aufgeführt, die von den 12 ursprünglich ausgewählten empfohlen wurden. Ein Sternchen (*) hinter dem Namen zeigt an, dass der Betreffende die Auswahlkriterien nicht erfüllt hat.


Liste der 12 anfänglich befragten Osteopathen Liste der empfohlenen Osteopathen
Harold Magoun, Jr. Alain Abehsera John Upledger
Fred Mitchell, Jr. Alain Abraham Abehsera Karen Snider
Michael Lockwood Alex Low* Ken Graham
Elliot Blackman Alex Nicholas Ken Nelson
William Johnston Anne Wales (5) Lady Audrey Percival
Robert Ward Anthony Chila (3) Liz Hyden
Anthony Chila Barbara Briner (2) Marc Bozetto
James Jealous Bob Kappler (2) Martin Collins*
Philippe Druelle Charles Crosby Melician Tettambel
Anne Wales Chris Blevins Michael Kuchera (2)
Viola Frymann Clive Hyden Michael Lockwood 82)
Steve Sandler Colin Dove Michael Murphy*
Dave Boesler (2) Nick Handoll
Zusätzliche/weitere Osteopathen David Vick Paul Kimberly
Gilles Drevon Denise Speed Peter Amaratage
Bernard Darraillans Dick Feeley Pierre Tricot 82)
Alain Andriex Ed Stiles Rachel Brooks
Ed Stiles Edgar Miller (2) Richard Holding
Ed Stiles Edna Lay Robert Perronneaud
Gerard Lamb Edna Lay Robert Ward (2)
Ernest Keeling Robin Dyer
Frank Willard * (3) Ross Pope
Fred Mitchell jun. (2) Sally Sutton
Gerald Monet* Stephen Blue
Gerard Lamb Stephen Funk
Harold Klug (3) Steven Blood
Harold Magoun jun. Stuart Korth (3)
Harriet Shaw Susan Turner
Herb Miller (2) Thomas Schooley
Hugh Ettlinger Tom Shaver
James Jealous (3) Tony Chila
Jean Barral Viola Frymann (5)
Jerry Dickey Walter Ehrenfeuchter
John Goodridge Wayne English
John Jones* William Betz *
John Strosnider* William Wyatt

TABELLE III:

LISTE DER URSPRÜNGLICH AUSGEWÄHLTEN UND DER EMPFOHLENEN OSTEOPATHEN

Zusätzlich zu den Interviews mit Osteopathen wurden fünf externe Experten befragt, um verschiedene andere Aspekte des osteopathischen Berufsstands zu verstehen und das geistige Klima in Stills Ära zu erfassen.

Für diese Studie wurde externer Experte definiert als jemand, der zwar sehr viel mit Osteopathie zu tun hat, aber nicht notwendigerweise über manipulative Praxis verfügt. Es handelt sich bei diesen Personen um Norman Gevitz, Robert Davis, Frank Willard, Martin Collins und John Jones D.O., wobei Collins und Johnes zwar Osteopathen sind, aber keine zwanzigjährige Berufspraxis in Manipulativ-Techniken vorzuweisen hatten. Kurzporträts der befragten Experten enthält APPENDIX A.

Tabelle IV zeigt die Namen der interviewten Osteopathen, das Land, in dem diese gegenwärtig praktizieren, die Praxisjahre, den Interviewtyp (persönliches Gespräch, Telefonat, E-Mail) sowie das Datum des Interviews und stellt die Experten mit ihrem jeweiligen Fachgebiet vor.



TABELLE IV:

LISTE DER INTERVIEWTEN OSTEOPATH/INN/EN


TABELLE V:

LISTE DER EXTERNEN EXPERTEN

Der erste Kontakt mit den potenziellen Interviewpartnern bestand aus drei Elementen:

1) einem Anschreiben

2) einer kurzen Darlegung der Studienzwecke

3) einem kurzen Fragebogen.

Die Unterlagen wurden postalisch, in wenigen Fällen elektronisch versandt. Um das Antworten zu erleichtern, wurde bei postalischem Versand jeweils ein adressierter und mit dem entsprechenden Porto frankierter Umschlag beigelegt. Erfolgte innerhalb von sechs Wochen keine Antwort, wurde erneut ein Paket per Post versandt.

Um es der Autorin zu ermöglichen, auch Französisch sprechende Osteopathen zu interviewen, wurden die drei Elemente des Pakets freundlicherweise von dem französischen Osteopathen Pierre Tricot übersetzt, aus dessen Übersetzung des Still-Buches Philosophy of Osteopathy/Philosophie de l’ Osteopathie50 auch die das Thema Faszien betreffenden Zitate für das Interview direkt übernommen wurden.

Der Zweck des Fragebogens war, von den antwortenden Osteopathen einige Vorab-Informationen einzuholen, um zu erfahren, wie häufig sie Faszien einschätzen und behandeln und wie sie selbst ihr Wissen über Stills Faszienkonzepte beurteilen. Auf der Basis dieser Antworten konnte die Interviewerin die Fragestellung dann individuell gestalten. Sobald der Fragebogen zurückkam, wurde ein Bestätigungsbrief versandt oder ein Telefongespräch geführt, um einen Interviewtermin zu vereinbaren.

Dieser Teil des Forschungsprojekts zielte darauf ab, von den Interviewpartner/ innen zu erfragen, was ihrer Ansicht nach Still mit seinen Äußerungen zu den physischen, philosophischen und spirituellen Aspekten der Faszien gemeint hat, und zudem ihre eigene Sichtweise in Bezug auf die Faszien deutlich werden zu lassen. Als Basis für die Diskussion mit den Interviewpartner/innen dienten je zwei aus Philosophy of Osteopathy entnommene Still-Zitate zu diesen drei Bereichen, also dem physischen, philosophischen und spirituellen. Die Zitate wurden den Befragten während des im Vieraugengespräch oder via E-Mail abgewickelten Interviews vorgelegt. Bei Telefoninterviews wurden die Zitattexte den Partner/inne/n vorab per Post oder Fax zugesandt, die Fragen dazu aber erst während des Telefonats gestellt.

Für persönliche Gespräche wurde eine nicht vorstrukturierte Interviewform verwendet, die es erlaubt, die auf diesem Weg gewonnenen Informationen gründlich zu analysieren und darauf basierend die Ansichten von Individuen und Gruppen zu einem bestimmten Thema zu erfassen.51

Bei diesem Interviewtyp legt der Interviewer klar definierte Themen fest, die auf das allgemeine Ziel des Forschungsprojektes bezogen sind. Der Interviewpartner wird über Thema und Ziel des Interviews infomiert und kann dann, geführt durch den Fragenkatalog und die Reihenfolge der Interviewfragen, den Fluss des Gesprächs selbst bestimmen. Der Fragenablauf muss hier im Gegensatz zum strukturierten Interview nicht bei jedem Befragten gleich sein, sondern kann, wo immer das in den Gedankengang des Interviewten passt, durch Einwürfe unterbrochen werden. Diese unstrukturierte Art der Interviewführung erlaubte eine gewisse Flexibilität beim Fragen. Nicht alle Osteopathen wurden mit allen (in APPENDIX B aufgelisteten) Fragen konfrontiert und es konnten auch zusätzliche Fragen gestellt werden, wenn ein offensichtlich tangierender Aspekt zu verfolgen war. So wollte insbesondere ein Osteopath auf Stills erweiterte Familie und auf Stills Schriften betreffende Familienangelegenheiten eingehen.

Alle Interviewten unterschrieben eine Einverständniserklärung, in der steht, dass das Interview für den persönlichen Gebrauch der Autorin bestimmt ist, um die vorliegende These zu erstellen. Die Osteopath/inn/en sollten im Zusammenhang mit ihren Antworten im Rahmen der Studie nicht namentlich genannt werden, damit sie sich möglichst offen äußern konnten. Osteopath 30 bestand aber auf seiner Identifizierung. Es handelt sich um Jerry Dickey, USA. Die fünf externen Experten erklärten per Unterschrift ihr Einverständnis, namentlich zitiert zu werden.

Alle Interviews wurden mit Einwilligung der Gesprächspartner aufgezeichnet. Jedes Interview ging von den Fragebogenantworten aus, von denen dann sanft in die ausgewählten Fragen übergeleitet wurde. Die Dauer der einzelnen Interviews reichte von 15 bis 220 Minuten, betrug aber in den meisten Fällen rund 25 Minuten. Vier der Interviews wurden auf Französisch geführt, zwei auf Französisch und Englisch, wobei die Fragen auf Englisch gestellt und die Antworten auf Französisch erteilt wurden. Die Mehrzahl der gestellten Fragen wurde beantwortet, wobei Jerry Dickey D.O. eine Ausnahme bildete: Er wollte zwar am Interview teilnehmen, aber keine Fragen beantworten.

Die Autorin hat jedes der auf Gesprächsbasis entstandenen Interviews wörtlich vom Band abgeschrieben und sie dann (ebenso wie die elektronischen) den interviewten Osteopathen zugesandt mit der Bitte um Prüfung (gegebenenfalls Korrektur) und Rücksendung des Typoskripts (ein an die Autorin adressierter, frankierter Umschlag lag jeweils bei). Kam innerhalb von sechs Wochen keine Antwort, wurde der Brief erneut zugesandt. Bei Diskrepanzen zwischen amerikanischem und britisch/kanadischem Englisch wurde jeweils die von dem interviewten Osteopathen benutzte Form beibehalten. Wenn die kanadische Autorin ein auf Französisch geführtes Interview übersetzte, wählte sie kanadisches Englisch.

Dreißig der vierzig Typoskripte wurden zurückgesandt. Alle seitens der Osteopathen gewünschten Veränderungen wurden akzeptiert und das Ganze in einer endgültigen Version gespeichert.

Sobald die abgeschlossenen Interviews in ihrer endgültigen Version vorlagen, wurde jedem interviewten Osteopathen eine Zufallsnummer zwischen 1 und 37 zugewiesen. Die Antworten aus allen Interviews wurden der jeweils entsprechenden Frage zugeordnet und zusammen mit dieser in einer eigenen Datei abgelegt. Mit Ausnahme von Osteopath 30, Jerry Dickey, wurden die Urheber der einzelnen Antworten jeweils nur über die ihnen zugewiesene Nummer identifiziert. Bei den Antworten, die sich auf die Still-Zitate zum physischen, philosophischen und spirituellen Aspekt der Faszien bezogen, war die Vorgehensweise ein wenig anders: Da den Befragten zu jedem dieser Aspekte zwei Still-Zitate vorgelegt worden waren und sie die Möglichkeit hatten, das erste, das zweite oder beide (zusammen oder einzeln) zu kommentieren, wurden die Antworten entsprechend gruppiert.

Analysieren der Interviewantworten

Durch Analysieren der Antworten auf die relevanten Interviewfragen sollte Forschungsfrage zwei (Wie werden Stills Faszienkonzepte, insbesondere die philosophischen und spirituellen, von erfahrenen Osteopathen verstanden und in der manipulativen Praxis umgesetzt?) beantwortet werden. Als relevant wurden dabei jene Interviewfragen definiert, die hohe Priorität hatten und geeignet waren, entweder das mit dem Einschätzen und Behandeln der Faszien zusammenhängende Faszien-Verständnis des Befragten sowie dessen eigenes Faszienkonzept zu ergründen oder sein Verständnis von Stills Faszienkonzepten aufzuzeigen.

Da nicht alle Fragen relevant waren, wurden sie in drei Gruppen unterteilt: vorbereitende, abschließende und zielorientierte Fragen (siehe vollständige Fragenliste unter APPENDIX B).

Nicht alle der insgesamt rund 20 Interviewfragen wurden analysiert. Einige vorbereitende Fragen wie „ Warum waren Sie damit einverstanden, an der Studie teilzunehmen?“ dienten lediglich als eine Art Hinführung zu den eigentlichen Fragen.

Einige abschließende Fragen wie: „Wenn A. T. Still Ihnen eine Frage zu den Faszien beantworten könnte, welche würden Sie ihm stellen?“ fungierten als sanfter Ausklang des Interviews.

Mithilfe der zielorientierten und entsprechend formulierten Fragen sollte bei dem jeweils befragten Osteopathen ermittelt werden:

inwieweit er Interesse an A. T. Stills Werk hat,

wie sein eigenes Faszienkonzept aussieht,

ob und wie er Faszien einschätzt und behandelt,

wie er Stills Faszienkonzepte interpretiert.

Schlüsse ziehen

In der letzten Phase des Forschungsprojektes, wo zur Beantwortung der dritten und letzte Forschungsfrage (Weichen moderne Faszienkonzepte wesentlich von Stills Konzepten ab? Was bedeutet dies für die Osteopathie?) eine vergleichende Gegenüberstellung der Interviewantworten und der hypothetischen Antworten von Still auf dieselben Fragen vorgenommen wurde, war sich die Autorin stets der Verantwortung des Forschers bewusst, eingeholte Information aufzunehmen, ohne sie in irgendeiner Weise durch vorgefasste eigene Meinungen zu verfälschen. Um wissenschaftliche Striktheit sicherzustellen, wendete sie auf die aus dokumentarischen Quellen und Interviews gewonnenen und hier zusammengeführten Informationen die bereits erwähnten Kriterien Glaubwürdigkeit, Nachvollziehbarkeit, Angemessenheit und Beweisbarkeit an. Sie folgte dabei den Methoden, die laut Sandelowski (1986) die Glaubwürdigkeit und Angemessenheit einer qualitativen Studie gewährleisten:

Überprüfen der Repräsentativität der Daten als Ganzes und Kodieren der Kategorien und Beispiele, die zum Reduzieren und Präsentieren der Daten verwendet werden.

Überprüfen, ob Beschreibungen und Erklärungen von Daten oder Theorien über sie die typischen und atypischen Elemente dieser Daten enthalten.

Bewusst versuchen, aus den Daten gezogene Schlüsse außer Acht zu lassen bzw. zu widerlegen.

Bestätigung aus dem Untersuchungsgegenstand selbst gewinnen.

Ebenso bewusst war sie sich auch der Bedeutung der Begriffe Tatsache, Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit, da diese mit der Stichhaltigkeit historischer Forschung zusammenhängen.

Zusammenfassung

In diesem Kapitel wurden die beim Entwerfen, Recherchieren, Darstellen und Schreiben der vorliegenden Studie erfolgten methodischen Schritte beschrieben, die Vorgehensweisen in der historischen Forschung und bei den Interviews umrissen, die Charakteristika einer qualitativen Darstellung erläutert und die zur Sicherstellung wissenschaftlicher Striktheit notwendigen Kriterien genannt.

Ebenso wurden die einzelnen Forschungsphasen skizziert, die der Behandlung der drei Forschungsfragen dienten, und die gewählten Forschungsmethoden beschrieben.

Kapitel 2 – Still verstehen

„Ich glaube nicht, dass wir Stills Ideen losgelöst vom historischen Kontext verstehen können.“ 1

In diesem Kapitel geht es um den historischen Hintergrund von Andrew Taylor Stills Leben. Es wird der Versuch unternommen, einige der Einflüsse zu entdecken, die ihn schließlich zur Entwicklung der Osteopathie führten und richtungsweisend waren für seine Schriften. Um zu verdeutlichen, was und warum Still schrieb, werden auch die Geistesströmungen im Amerika des 19. Jahrhundert, darunter der Spiritismus, dargestellt. Dazu kommen, in Form einer kurzen biografischen Skizze, Elemente aus Stills Lebensgeschichte, die wichtige Einblicke in Stills Charakter und Wesen geben.

Stills metaphorischer Stil lässt sich u. a. auf seine Teilnahme am Bürgerkrieg, seine Basteleien an mechanischen Erfindungen und sein Vertrauen auf einen irrtumsfreien Gott zurückführen. Ein Vertrautsein mit Stills Leben, seiner Philosophie, seiner Ausdrucksweise und seinen Zielen bildet die Basis für die Untersuchung seiner Faszienkonzepte.

Sein Leben

„Eine Reihe von Faktoren, die Dr. Still zu dem machten, was er war und noch ist, ergeben sich aus seinen Lebensumständen.“ 2

Die 89 Jahre seines Leben verbrachte Still in zehn Pioniergemeinden des mittleren Westen Amerikas. Nach dem Wunsch seiner Mutter, die für ihre Kinder eine gute Bildung anstrebte, wählte er, in die Fußstapfen des Vaters tretend, den medizinischen Berufsstand. Er wurde in den Jahren vor und während des amerikanischen Bürgerkriegs erwachsen, heiratete zwei Mal und wurde Vater von 13 Kindern. Seine beiden Ehefrauen, acht seiner Kinder und viele Freunde starben vor ihm. Zielstrebig und mit leidenschaftlichem Engagement entwickelte er eine medikamentenfreie Heilkunst, die er Osteopathie nannte. In der Folge werden wesentliche Details seines Lebens und seiner Zeit dargestellt, die sowohl Still selbst als auch die erste Entwicklung der Osteopathie prägten. Mit Einzelheiten seiner medizinischen Ausbildung beschäftigt sich dann Kapitel drei, Über die Faszien.

Die Familiengeschichte
Stills Eltern

„Will man mit einem Menschen vertraut werden, sollte man sich mit seiner familiären Herkunft beschäftigen.“ 3

Andrew Taylor Still wurde als neuntes Kind von Abraham und Martha Still geboren, die sich einer Beschreibung nach „inmitten all der schwierigen Verhältnissen“ der damaligen Zeit als „Eroberer und Helden reinsten Wassers“ erwiesen.4 Stills Eltern waren Pioniere und Landwirte, deren Genealogie amerikanische, englische5, schottische und deutsche Wurzeln aufweist6.

ABRAHAM STILL

„Mein Vater war ein Mann mit strengen Überzeugungen, die er immer und an jeder Stelle verteidigte. Er stand stets für die Abschaffung der Sklaverei ein und kämpfte so lange dafür, bis er sie von jedem Fleck Nordamerikas entfernt sah, ob sie nun von Gott gewollt oder teuflisch war.“ 7

Neben der Landwirtschaft betätigte sich Abraham als erfahrener Schlosser,8 methodistischer Prediger,9 Wanderprediger zu Pferd,10 Arzt11 und Doktor der Theologie12 der Methodistischen Episkopalistischen Kirche. Sein Abenteuergeist gepaart mit seinem Drang, als Wanderprediger den Methodismus zu verbreiten, und seine starke Abneigung gegen die Sklaverei führten dazu, dass die Familie häufig umziehen musste.

Um 1820 herum13 nahm Abraham seine Wanderpredigertätigkeit auf. Wanderprediger benötigten eine sehr kräftige Konstitution, um die zahlreichen körperlichen Belastungen zu ertragen, die mit ihrer Berufung, die Religion bis in die entferntesten Gegenden des besiedelten Grenzlandes zu verbreiten, einhergingen.14 Sie „nahmen es auf sich, so viel möglich über Krankenbetreuung zu lernen.“15

MARTHA POAGE MOORE (1800–1888)

„ Sie war zeitlebens mein bester Freund.“ 16

Als Pioniersfrau konnte Stills Mutter Martha Felle gerben, Kleidung aus Rehfellen herstellen und Schweine schlachten, um Fleisch zu erhalten.17 Still beschrieb seine Mutter als „geborene Mechanikerin“18. Obgleich einige ihrer Vorfahren von Indianern des Shawnee-Stammes umgebracht worden waren,19 zog sie später mit ihrer Familie zu diesem Stamm, um dort zu leben. Seine Entschlossenheit und die Auffassung, dass Zurückweichen eine Schande und Blamage sei, schrieb Still „dem Schneid meiner Mutter“ und deren Einimpfungen zu20. „Sie ist der Leuchtturm meiner Kammer des Schließens.21“22

Johnsville, Lee County, Virginia, Mitte der 1820er Jahre bis 1833

Andrew Taylor Still wurde am 6. August 1828 in einem Blockhaus in Lee County, Virginia, geboren.23 Zusammen mit seinen Geschwistern James, Thomas und Barbara Jane24 besuchte er eine Privatschule, wo die Ausbildungsqualität allerdings so schlecht war, dass Stills Mutter auf Umzug bestand. Abraham entsprach ihren Wünschen und wurde 1834 Prediger für Newmarket, Tennessee.25

Newmarket, Jefferson County, Tennessee (1834–1837)

In Newmarket wurden Abraham und Martha zwei weitere Kinder geboren, John Wesley und Thomas. Es wird angenommen, dass die männlichen Familienglieder ihren Widerstand gegen die Sklaverei in Tennessee entwickelt haben, zumal Abraham dort Hausarzt des berüchtigten Parson Brownlow26 gewesen sein könnte, eines methodistischen Wanderpredigers, emporgekommenen Journalisten und politischen Aktivisten, der mit ätzender Zunge und scharfem Stift die Sklaverei und die Union verteidigte.27

1835 begann A. T. Stills Schulunterricht am Holston Seminary in Newmarket.28 Die Ausbildung wurde aber bald durch einen weiteren Umzug unterbrochen, entweder weil Abraham mit dem sesshaften Leben nicht zurechtkam oder weil er das preisgünstige Land im Westen unwiderstehlich fand.29 Wie auch immer: Abraham übernahm eine neue Stellung als erster methodistischer Prediger Still,30 in Macon County, im Norden Missouris,31 eines damals die Sklaverei befürwortenden Staates.32

Macon County, Missouri (1837–1839)

Die Stills gehörten zu den ersten Siedlern im Bereich Macon County,33 der so weit entfernt von der Zivilisation war, dass es dort keine Schulen, Kirchen oder Läden gab.34 Mehrere Familien verpflichteten einen Privatlehrer, der die Kinder im Winter 1839/40 unterrichte.35 Während der kurzen Zeit in Macon County wurde A. T. Stills Schwester Mary M. geboren. Im Frühling 1839 zog die Familie nach Schuyler County um, 80 km nördlich von Macon, damit der Methodismus auch in die entferntesten Gegenden gelange.36

Schuyler County, Missouri (1839–1845)

In Schuyler County wurde eine weitere Schwester, Marovia M. Still geboren. Die Stills zogen in den nächsten Jahren tatsächlich mehrmals in benachbarte Landkreise um, sodass den Kindern erneut ein, zwei Jahre ihrer Schulbildung verlorengingen, die erst 184137 oder 1842 wieder fortgesetzt wurde. Im Frühling 1845 kehrten die Stills nach Macon County zurück,38 weil Abraham in den Nachbarbezirken zwei methodistische Prediger lästig wurden mit ihren „Neigungen zur Sklaverei“.39

Macon County, Missouri (1845–1852)

Das letzte Kind von Abraham und Martha, Cassandra, kam 1845 in Macon County zur Welt. Zwischen 1845 und 1852 besuchte Still eine nahe gelegene Schule in La Plata, Missouri.40

Als es wegen der Sklavereifrage zur Spaltung der Methodistischen Episkopalistischen Kirche kam,41 verließ Abraham zunächst seine Kirche, schloss sich jedoch 1848 der nördlichen Kirchenorganisation an, die sich gegen die Sklaverei aussprach. Er predigte in feindseligem Indianergebiet,42 bis er zum Vorsitzenden Ältesten der kirchlichen Shawnee-Mission in Kansas bestimmt wurde.43 Zwei Jahre später, also 1852, ließ er seine Familie nach Kansas nachkommen.44

Schon Jahre vor diesem Umzug, am 29. Januar 1849, hatte A. T. Still Mary Margaret Vaughn geheiratet.45 Marusha Still, ihr erstes Kind wurde im Dezember 1849 geboren.46 A. T. Still betrieb nun Landwirtschaft, um die Familie zu ernähren, versuchte sich dann aber, nachdem am 4. Juli 1852 ein Hagelsturm ihr gesamtes Getreide vernichtet hatte,47 zusammen mit seiner Frau als Lehrer.48 Als auch dieser Versuch fehlschlug, zogen die beiden 1852 mit Stills Eltern zur Indianermission nach Kansas.49

Shawnee-Mission, Douglas County, Kansas (1853–1854)

Ungefähr 10 km östlich von Lawrence, Kansas, befand sich die Wkarusa-Shawnee-Mission,50 wo es ebenfalls keine Schulen, Kirchen oder Läden gab.51 A. T. Still betrieb dort wieder Landwirtschaft52 und praktizierte zusammen mit seinem Vater Medizin.53 Als 1854 die Mission geschlossen wurde, übersiedelte die Familie nach Coal Creek in Douglas County, Kansas,54 wo A. T. Still „ihre Sprache“,55 also die Sprache der Shawnee, erlernte.

Coal Creek, Douglas County (1854–1856)

Aufgrund des Kansas-Nebraska-Gesetz-Erlasses wurde die Entscheidungsschlacht darüber, ob Kansas als Staat für oder gegen die Sklaverei eintreten würde, sowohl politisch als auch in den Straßen und Siedlungen von Douglas County ausgetragen. Beide Lager, sowohl die hauptsächlich aus Missouri kommenden Befürworter der Sklaverei wie auch deren aus New England56, insbesondere Boston, angereiste Gegner, versuchten, die Entscheidung zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Da Stills zum Lager der Sklavereigegner gehörende Familie und deren Land von den Sklavereibefürwortern bedroht wurde, organisierten A. T. Still und Major James Burnett Abbott 1855 zusammen mit anderen ein Bataillon gegen die als sogenannte „Missourer“ berüchtigten Landräuber, das bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs bestehen blieb.57

Still sagte über seinen lebenslagen Freund Major Abbott, mit dem er sich in offenen Gesprächen austauschte, dessen Meinung er sehr schätzte und der ihn entsprechend beeinflusste58: „Er war mir einer der besten Freunde, die ich je hatte. Er war der erste Mensch, der mir die Idee von der Osteopathie in den Kopf setzte oder von einer Heilwissenschaft, die auf Medikamente verzichtet.“59 „J. B. Abbott stammte von der Ostküste und sein Wissen und seine Umgangsformen waren dadurch entsprechend geprägt. Er arbeitete als Goldschmied und war ein allgemein kunstfertiger Mechaniker.“60 „Wenn er über Hellsichtigkeit sprach, dann so, als unterhielten wir uns über eine ganz alltägliche Kuriosität.“61 „Ob er nun die Hellsichtigkeit verwendete oder nicht, jedenfalls sagte er voraus, dass etwas entstehen werde, das Allopathie, Eklektizismus und Homöopathie ersetzen werde.“62

Eine Art Wendepunkt in Stills Leben war der Tod seines kleinen Sohns im April 1855. Im Monat darauf schrieb Still, dies sei der Zeitpunkt gewesen, wo „ich begann, Gründe für mein Vertrauen in die Gesetze des Lebens zu erschließen, die den Menschen, den Welten und den Lebewesen vom Gott der Natur gegeben worden sind.“63

Vorkriegszeit in Baldwin, Kansas (1856–1861)

Im Frühling 1856 zog A. T. Still mit seiner Familie nach Palmyra, Kansas, das später in Baldwin umbenannt wurde.64 Dort erwarb er zwischen 1856 und 1859 eigenes Land,65 arbeitete als Arzt, sägte Bauholz66 und vertiefte sich in das Studium der Anatomie, Physiologie, Chemie und Mineralogie.67 Er betätigte sich auch politisch, führte einen Wahlkampf und wurde in die gesetzgebende Versammlung von Kansas gewählt, wo er von 1857 bis 1858 Abgeordneter von Douglas County war.68

In Baldwin begann Still, auf geradezu ketzerische Weise den medizinischen Berufsstand, dessen Vertreter schädliche und süchtig machende Medikamente anwendeten, zu verdammen und sich so Hohn, Zorn und Ablehnung der ortsansässigen Prediger und Ärzte zuzuziehen. Einer der Geistlichen meinte, Still müsse „seine Taktik ändern oder in der Hölle landen“.69 Still schildert, wie „200 Kinder meinen Weg flohen, als sei ich ein unreiner Leprakranker, eine riesige Schlange oder ein wilder Bär aus Russland.“70 Obgleich diese Verachtung beunruhigend für ihn war, erklärte er später: „Wenn ein Mann eine Wahrheit besitzt, tut ihm Beschimpfung gut“ und meinte, dass solcher Spott oder solche Beschimpfung bloß als „Dünger“ für sein Lebenswerk gedient habe.71 Als er seine neuen Ideen der Fakultät an der Baker University vorstellen wollte, wies man ihn ab.72 Zu diesen Kümmernissen und Belastungen kam noch der Tod seines fünften Kindes, Lorenzo, hinzu, das die Geburt nur sechs Tage überlebte, und gleich darauf, am 29. September 1859, auch der Tod seiner Frau Mary Margaret.73

Im November 1860 heiratete Still erneut.74 Seine zweite Frau Mary Elvira Turner, aufgewachsen im Staat New York, wurde von der Historikerin Carol Trowbridge beschrieben als jemand, der „aus einer Welt der intellektuellen Erregung, eines fortwährenden Experimentierens mit spirituellen und säkularen Ideen“ kam. In dieser Welt entstanden viele amerikanische Bewegungen wie die Anti-Sklaverei- und die Anti-Freimaurer-Initiative, der Swedenborgianismus, der Mesmerismus, die Phrenologie und der Spiritismus.75

Bürgerkrieg (1861–1864)

„Er schwankte niemals in der Liebe zu seinem Land.“ 76

Als 1861 der Bürgerkrieg ausbrach, diente Still unter dem Befehl von Hauptmann R. T. J. Mewhinne im Neunten Kansas Kavallerieregiment in Leavenworth. Dieses Regiment setzte sich aus Männern zusammen, die in den davorliegenden sechsjährigen Grenzgeplänkeln zwischen Kansas und Missouri Erfahrungen gesammelt hatten.77 Doch: „Es passierte nichts.“78 Nach der Auflösung des Regiments im 1. April 1862,79 kehrte Still nach Kansas zurück80 und schloss sich später der Brigade von James H. Lane in Kansas City an.81 Unter Lane arbeitete er als Wundarzt für die Aufklärer.82 Die Einheit marschierte unter General John C. Fremont von Leavenworth nach Springfield, Missouri. Seiner medizinischen Ausbildung entsprechend diente Still zunächst als Lazaretthelfer.83 Seine Behauptung, er habe unter Fremont als Chirurg gedient,84 lässt vermuten, dass er später befördert wurde. Im Winter 1861/62 arbeitete auch Stills Frau im Lazarett als Oberin.85 Stills Beschreibung nach bestand die typische Chirurgenausrüstung damals aus Kalomel, Whisky, Opium, Chinin, Tüchern und einem Skalpell.86 25 % der Bürgerkriegs-Soldaten, die amputiert werden mussten, starben an den Folgen der Operation, bei den Hüftgelenkamputierten waren es sogar 80 %. Wundbrand als Folge schlechter medizinischer und allgemeiner Hygiene in den Feldlazaretten war weit verbreitet.87

Enttäuscht, weil er weder an einer Schlacht teilnehmen noch Siegesgefühl empfinden hatte können, organisierte Still die Kompanie D, eine zur 18. Kansas-Miliz gehörende Miliz,88 in der er zwei Tage pro Woche freiwilligen Dienst als Hauptmann tat.89 Sie patrouillierten auf dem durch Douglas County führenden Alten Santa Fé Trail. Durch Zusammenschluss mit anderen Einheiten entstand das 21. Kansas-Regiment, in dem Still zum Major befördert wurde.90 Zu dieser Zeit ereignete sich Quantrills furchtbarer „Rausschmiss aus Lawrence“.91 Wieder war Stills Regiment an keiner Schlacht beteiligt, sondern verbrachte die meiste Zeit nur mit Üben und Patroullieren.92 Am 10. Oktober 1864 schloss sich Stills Miliz unter dem Befehl von General Lane einer 20.000 Mann starken Armee von General Curtis an. Am 24. Oktober wurde Stills Regiment in die Schlacht von Westport verwickelt. Eine Kugel durchschlug Stills Mantel, eine andere erschreckte sein Reittier. Beide stürzten und Still wurde dabei verletzt.93 Am 27. Oktober 1864 quittierte er den Militärdienst, weil er und seine Männer nicht mehr gebraucht wurden.94 Das Regiment wurde aufgelöst und die Auszahlung des Solds auf unbestimmte Zeit nach dem Krieg verschoben.95 Still schwieg über diese Bürgerkriegsjahre weitgehend. Doch Ernest Tucker D.O. schrieb 1952, das einzige Mal, als er Still habe weinen sehen, sei es um Kriegserinnerungen gegangen. Still sagte zum Krieg und den Toten: „Sie kamen gewöhnlich voller Hass und Rachegefühle in der Geisterwelt an; aber jetzt tun sie das nicht mehr – – und sein Atem ging schnell und zitternd, Tränen flossen aus seinen Augen.“96 Zutiefst beeinflusst wurde Stills Leben durch den Verlust seiner Kinder während der Bürgerkriegszeit. Innerhalb von drei Jahren verloren seine zweite Frau und er fünf Kinder. Das erste, ein kleiner Junge mit Namen Dooley, lebte nur einen Monat, im Februar 1864 starben innerhalb von drei Tagen weitere drei Kinder (zwei – die elfjährige Susan und der zwölfjährige Abram – aus Stills erster Ehe und ein adoptiertes neunjähriges Kind). Trotz der Begleitung durch vier der laut Still am besten ausgebildeten Ärzte des Landes, die mit ganzer Kraft „den Feind bekämpften“97 starben alle drei Kinder an zerebrospinaler Meningitis.98 Noch im selben Monat folgte ihnen die erst 4 Wochen alte Marcia Ione. Stills Ansichten über die reguläre Medizin wurden nach diesen Schicksalsschlägen noch negativer.

Nachkriegszeit in Baldwin, Kansas (1864–1874)

Im Anschluss an den Bürgerkrieg war Still Landwirt, arbeitete als Arzt, betrieb eine Sägemühle,99 bastelte an mechanischen Erfindungen wie einer Erntemaschine und einem Butterfass.100 Am 7. Januar 1865 wurde sein Sohn Charles geboren.101 Die Stadtbewohner äußerten nun zunehmend Zweifel an Stills Glaubwürdigkeit als Arzt, weil er die reguläre Medizin kritisierte und behauptete, Krankheiten seien durch mechanische und strukturelle Probleme verursacht. Er beschloss daher, seine Ideen über vier Jahre für sich zu behalten,102 wodurch sich seine gesellschaftliche Situation aber nur vorübergehend besserte, denn als er klarlegte, dass er Infektionen manipulativ anstatt mit Medikamenten behandle, schwand seine Reputation wieder.103 Im Mai 1867 wurden A. T. Still und Mary Elvira Eltern der Zwillinge Harry und Herman. Am 31. Dezember desselben Jahres starb Stills Vater unerwartet an einem akuten Anfall von Lungenstau.104

Es wird berichtet, Still habe im Herbst und Winter 1870/71 zusammen mit Dr. John M. Neil, „einem Graduierten der Edinburgh Medical School und Zeitgenossen von Darwin, Huxley, Wallace, Spencer, Beauchamp und anderen europäischen Biologen“ Studien angestellt.105 Die Genauigkeit dieses alten Berichtes ist allerdings fraglich, weil dort auch behauptet wird, Still habe ein Interesse an Zellen gehabt, was aus seinen veröffentlichten und unveröffentlichten Schriften aber nicht hervorgeht.

Stills schwindendes Ansehen und die Dürre-Periode von 1873 brachten seine Familie in Not. 1874 fraßen Heuschrecken die Felder ab, sodass er und seine Nachbarn Saatgut und Lebensmittel sammeln mussten, um neues Getreide pflanzen zu können.106 Seinerzeit unterzeichnete Still mit zumindest drei weiteren prominenten Einwohnern von Baldwin, dem Bürgermeister, einem Arzt und einem Mitglied des [Stadt-?]Rates, einen Brief an die periodisch erscheinende spiritistische Zeitschrift Banner of Light107, worin sie um Linderung der verheerenden Folgen der Heuschreckenplage baten.

Obwohl er, wie sein Mitunterzeichnen dieses offiziellen Briefes annehmen lässt, in der Gemeinde damals offensichtlich einen prominenten Status genoss, berichtet Still in seiner Autobiografie, dass bei den Stadtbewohnern Gerüchte über seine makabren Aktivitäten kursierten, weil er Tag und Nacht das Land durchstreifte und „wie irgendein Grabräuber … mit der Schaufel tote Indianer exhumierte, um ihre Körper für die Wissenschaft zu nutzen.“108

Macon County, Missouri (1874–1875)

Am 25. Januar 1874 wurde A. T. Still und seiner Frau ein weiterer Sohn, Fred, geboren. Drei Monate später ging Still nach Macon und ließ seine Frau zurück, um die Farm zu verkaufen und die finanziellen Angelegenheiten der Familie zu ordnen.109 Warum Still nach Macon County, Missouri, zurückkehrte, ist nicht bekannt. Der Wegzug von Baldwin könnte durch eine Reihe von Gründen veranlasst sein, etwa durch den Verlust seiner Reputation als Arzt in jener Gegend, die Zerstörung der Farm oder auch durch die Hoffnung, er könne zusammen mit seinem Bruder Ed eine medizinische Praxis führen.110 Laut einem Bericht seiner Tochter Blanche wandten sich nach seinem Weggang von Kansas und dem Umzug der Familie nach Missouri alle Verwandten und Freunde gegen ihn.111 In Macon fand Still seinen Bruder Ed krank und drogenabhängig vor und musste erleben, wie dieser zögerte, ihn seinen früheren Patienten zu empfehlen. Der Grund dafür war ein Brief ihres in Kansas lebenden gemeinsamen Bruders Reverend James Still an Ed, in dem stand, dass jeder, der „Drew“ als Partner in einer Praxis akzeptiere, in ernste Schwierigkeiten gerate und dass Drew ganz gewiss seinen Verstand verloren habe und seine verrückten Ideen über medizinische Behandlung nicht nur eine Praxis ruinieren, sondern auch ihn selbst bei den Ansässigen lächerlich machen würden.112 Völlig allein, in einem schäbigen Anzug, hohen Stiefeln und einem schwarzen, an Ellbogen und Ärmelaufschlägen abgetragenen Alpakamantel,113 proklamierte Still am 22. Juni 1874 um 10 Uhr morgens in Macon seine neue Entdeckung,114 für die er noch nicht einmal eine Bezeichnung hatte. Seine Ankündigung verhallte ungehört. „Seine Proklamation … zeigte sowohl beim medizinischen Berufsstand als auch bei den Bewohnern von Kansas und Missouri kaum Wirkung.“115 Erst 1887116 oder 1889117 war Still in der Lage, seiner Entdeckung einen Namen zu geben: Osteopathie.

Als Arzt erreichte er zwar gute Resultate, aufgrund der Kampagne eines örtlichen Predigers gegen ihn und seine Praxis scheute er sich jedoch, durch die Straßen zu gehen.118 Traurig berichtete er, wie durch die Worte dieses Predigers verschreckte Kinder vor ihm flohen.119 1875 erkannte er, dass er Macon verlassen musste, und beschloss, es in Kirksville zu versuchen.

Kirksville, Adair County, Missouri (1875–1917)

„Ich … ging nach Kirksville, wo ich drei oder vier denkende Menschen fand, die mich und mein Baby, die Osteopathie, willkommen hießen.“ 120

Im Februar 1875 ließ Still sich also in Kirksville, Missouri, nieder,121 das er allerdings erst 1887 zu seinem festen Wohnsitz machte.122 Obwohl er in Kirksville praktizierte, arbeitete er jeweils wochenlang als reisender Heiler anderswo im Staat. Der Grund für seinen Entschluss, sich in Kirksville anzusiedeln, waren ein paar freundliche, ihm wohlgesonnene Menschen, die er dort bei früheren Besuchen kennengelernt hatte123. Es handelte sich dabei um Dr. F. A. Grove, Frau Julie Ivie, Richter Linder, Charlie Chinn und Robert Harris, die er als „die ersten Befürworter der Osteopathie in Kirksville“ betrachtete.124

Freunde

„Ich möchte von ein paar treuen und intelligenten Freunden sprechen. Ich werde sie nicht beim Namen nennen, aber ihre Häuser, Betten und Tische standen durch ihre gütigen Hände und Herzen immer und überall für meine Behaglichkeit und mein Wohlergehen bereit. Sie waren erfolgreich in dem freigiebigen und liebevollen Versuch, mir bei meiner Lebensbeschreibung zu helfen, und ermutigten mich stets, zu kämpfen und die Flagge zu verteidigen und niemals aufzugeben.“ 125

DR. F. A. GROVE

Ihn bezeichnete Still als „lieben Mann“ und „Freund“. „Er war ein Mann von Prinzipien und sehr gebildet. Er kam zu mir, um mich im Namen der Stadt Kirksville … zu begrüßen. Er war in der Welt herumgekommen … Wir wurden Freunde bis ans Grab. Er hat mir sehr dabei geholfen, die Wahrheiten dieser Wissenschaft zu entfalten.“126 Dr. Grove verschaffte Still die ersten Empfehlungen.127 Er war Freimaurer, Mitglied des Gun Club128 und auch aktiv in der Spiritistischen und Liberalen Gesellschaft in Kirksville.129

JULIE IVIE

„Liebe alte Mutter“ nannte Still Julie Ivie130, die ihm für einen Monat freie Kost und Logie im Ivie-Hotel gewährte.131 „Nie wird ihr freundliches altes Gesicht in meiner Erinnerung verblassen.“132 Jerry Dickey D.O., ein Freund von Stills Enkelin Mary Jane Denslow, berichtete, Mary Jane habe ihm erzählt, dass die am 22. Dezember 1889 verstorbene133 Julie Ivie Spiritistin gewesen sei.134

CHARLIE CHINN

Charlie Chinn vermietete Still „eine ganze Zimmerflucht über seinem Laden“, obwohl er wusste, dass Still kein Geld hatte. Still sagte von ihm, er habe sich als die Art Mensch erwiesen, an die man sich halten könne, und er sei ihm sehr zu Dank verpflichtet.135 Charlie Chinn war ebenfalls Freimaurer und Mitglied des Ancient Order of United Workmen.136

ROBERT HARRIS

Robert Harris, ein Mechaniker, Mechanist und ehemaliger staatlicher Büchsenmacher, war für Still „einer der besten Menschen, die ich je kennengelernt habe.“137 Für ihn war „der Mensch die Maschine aller Maschinen und alles andere nur Imitationen der dem Menschen zugrunde liegenden Teile und Prinzipien“138 Harris, auch Vizepräsident der Kirksviller „Spiritistischen Gesellschaft“139, starb am 25. Dezember 1882.140

HERR UND FRAU PATTERSON

Die Pattersons waren die „ersten prominenten Menschen in Kirksville, die sich mit Dr. Still und der Osteopathie identifizierten.“141 Henry Patterson war Freimaurer142 und nahm auch teil an einer der Veranstaltungen des Magnetic Club143, dessen Mitgliedern man „okkulte Eigenschaften“ zuschrieb.144 Er starb Anfang April 1901.145

HERR UND FRAU MORRIS

Still schrieb in der Abgeschiedenheit des Wohnhauses der Morris’schen Farm seine beiden ersten Bücher und rechnete es Anna Morris, die am 1. März 1902 starb,146 hoch an, dass sie bei der Produktion von zweien seiner Bücher als Sekretärin fungiert hatte.

JOHN MUSICK

Über ihn sagte Still: „Er stand stets am Tor bereit, um einen Neuankömmling willkommen zu heißen … suchte nach grünen Weiden des Verstandes.“147

„Er war eine ganze Reihe von Jahren ein guter Freund von Dr. Still und zeigte reges Interesse an der Osteopathie.“148 Still sagte von ihm: „Er war ein tiefer Denker, ein ausgezeichneter Schriftsteller und was sein Stift hervorbrachte war Grund genug, um für ihn als Autor Liebe und Respekt zu fordern. Ich vermisse ihn … Er war mir Beistand und Trost beim Verfassen von zwei Büchern und hat mich vier Jahre lang weise beraten … Ich vermisse ihn mehr als jeden Menschen, den ich kenne.“149 Musick starb am 13. April 1901.

DR. JONES

George Tull behauptete, Still sei von einem Dr. Jones gefesselt gewesen, der „Reputation als scharfer und brillanter Denker, guter Gesellschafters und gewandter Redner“ gehabt habe.150

STILLS INTERESSEN

Ob Still oder einer seiner Freunde einer sogenannten „Bruderschaft Unabhängiger Denker“ angehörte, ist nicht bekannt. Still schrieb allerdings über diese Bruderschaft: „Wissen aus jeder erdenklichen Quelle, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen … um alle antiquierten theoretischen Lügen auszumerzen und allein den Wahrheiten zu leben.“151 Seine Freunde traf Still täglich in Henry’s Drug Store, wo sie „gemütlich miteinander quatschten“.152 Dass er diese paar Leute mit Verstand gefunden hatte, bewirkte seinen Worten zufolge eine Veränderung, die „alles Erträumte übertraf.“153 Doch selbst in den Kirksviller Straßen wies man auf ihn hin wie auf jemanden, der „im Oberstübchen nicht ganz richtig war“.154 Stills Mitgliedschaft bei den Freimaurern ist ein Aspekt seines Lebens, der später in diesem Kapitel genauer dargestellt wird.

Still in Kirksville, Adair County, Missouri (1875–1917)

Obgleich Still inzwischen mittellos war, holte er im Mai 1875 seine Frau und die verbliebenen Kinder nach Kirksville. Die Familie begann sich wieder zu erholen.155 Still arbeitete als reisender Landarzt und warb mit Handzetteln. Viele aus der Gemeinde Macon betrachteten ihn als Spinner oder als vom Teufel Besessenen und betrieben durch Verbreiten von Gerüchten aktiv eine Rufmordkampagne, bis ein presbyterianischer Geistlicher vor seiner Gemeinde offen bekannte, er habe „volles Vertrauen in Dr. Stills Behandlungsmethoden“.156 Man schreibt es Dr. J. B. Mitchell zu, den „Strom der öffentlichen Meinung zugunsten von Dr. Still und des wahren Wertes seiner Entdeckung“ verändert zu haben.157 Nach einer Paratyphus-Attacke, die von 1876 bis September 1877 andauerte,158 war Still schwach und ausgezehrt. Der damals erst 49-Jährige begann nun, seinen berühmten Stock mit sich zu führen, und wurde „der alte Doktor“159 genannt. Während einer Erholungsphase lebte er abgeschieden auf dem Land, wo er das Studium der Osteopathie angenehmer fand und „sehr aufrechte Menschen … die sich über alle literarischen Themen unterhalten konnten“ traf.160 Nach dieser Pause nahm er erneut seine Praxis auf, mit einer Unterbrechung durch einen Aufenthalt in Kansas, der von 1878–1879161 oder (anderen Quellen zufolge) von 1878–1880162 dauerte. Nacheinander führte er auch seine Söhne in die Prinzipien der Osteopathie ein: zunächst Harry (1887), dann Charles, schließlich Herman und Fred.163 Zwischen 1880 und 1886 besuchte Still Dutzende von Gemeinden und kleinere Städte im Umkreis von Kirksville. In Hannibal soll er „Mark Twain“ behandelt haben.164 Die Details über die Zeit von 1886–1891 sind sowohl in der Autobiografie als auch in den Biografien karg. Er nahm zwei Schüler an, die jedoch beide ihre Ausbildung nicht beendeten. Auf seinen Fahrten als reisender Landarzt begleiteten ihn seine Söhne Harry und Charles, die aber, abgesehen von ihren osteopathischen Kenntnissen, zu wenig grundlegende Bildung besaßen, um ihm eine wirkliche Unterstützung zu sein.165 Weil nun sein Ansehen und die Nachfrage nach seinen Behandlungen ständig zunahmen, hörte er schließlich mit dem Herumreisen auf.166 Ab 1894 oder 1895 blieb er „in Kirksville … um zu lehren und zu behandeln und eine entsprechende Institution aufzubauen.“167 Während seine Praxis wuchs, war er vor allem damit beschäftigt, eine Schule und ein Krankenhaus zu planen und zu bauen. Dort sollten seine „neue Wissenschaft“ gelehrt und die Tausenden von Patienten, die nach Kirksville pilgerten, behandelt werden.168

The American School of Osteopathy

1892 gründete Still die American School of Osteopathy (ASO). Der Leser sei hier auf das Buch The First School of Osteopathic Medicine169 hingewiesen, das eine umfassende geschichtliche Darstellung dieser Einrichtung bietet. Das A.-T.- Still-Krankenhaus wurde am 1. Januar 1895 fertiggestellt.170 Zu den ersten Graduierten der ASO gehörten Stills Bruder Edward, seine Söhne, Fred, Charles, Harry und Herman sowie sein Freund Grant Hildreth, der „Still zweifellos näher stand als jeder andere Osteopath“.171 Innerhalb weniger Jahre graduierten Stills Brüder James und Thomas und seine Tochter Blanche an der ASO.172 Später wurden auch seine Neffen Guy, Mack und Will Hulett sowie sein Schwiegersohn George McLaughlin Osteopathen.173 1929 schrieben sich sein Enkel Charles Still junior und dessen Schwester Elizabeth an der ASO ein174, an der sich in jenen ersten Jahren manche Veränderungen, Fortschritte und Verbesserungen vollzogen. Dazu gehörten die Vergrößerung des Gebäudes, die Erweiterung und qualitative Verbesserung der Fakultät und ihres Mitarbeiterstamms sowie der Ausbau und die Optimierung des Lehrplans. Ab 1910 bewirkten ASO-kritische Äußerungen im berühmten Flexner Report über die medizinischen Lehranstalten Amerikas „viele Veränderungen und Verbesserungen in der medizinischen Ausbildung“.175

Das Ende des Jahrhunderts

„Sie kamen zu ihm mit Wagen und Zügen. Auf dem Rasen wartete oft eine große Masse, um ihn zu sehen.“ 176

Aus der Überzeugung heraus, dass er diese Wissenschaft anderen beibringen oder mit ihr Schluss machen müsse,177 unterrichtete Still bis in sein 70. Lebensjahr. Mitte der 1890er Jahre waren seine Söhne in verschiedene Orte des mittleren Westens weggezogen.178 Sein Sohn Fred starb im Juni 1894 durch einen Unfall, was Still schwer traf.179 1894 begann Still mit dem Veröffentlichen von Zeitschriftenartikeln, 1897 schrieb er Autobiography of A. T. Still180 und 1899 Philosophy of Osteopathy. Als Rückzugsort wählte er dabei eine einsame, 11 km südlich von Kirksville, in Millard’s Station, gelegene Farm,181 die dem mit ihm befreundeten Ehepaar Morris gehörte und erstmals 1896 als Besuchsort erwähnt wurde,182 obgleich Still auch schon davor dort gewesen sein könnte. 1898 verschlechterte sich Stills Gesundheit weiter.

Die Jahrhundertwende

Mit Beginn des Studienjahrs 1900/01 nahm Still an der ASO nur noch eine eingeschränkte Lehrfunktion wahr, blieb aber eine Art Aufseher und ein häufiger Besucher in den Klassenräumen, wo er „enthusiastisch begrüßt“ wurde.183 Manchmal saß er nur still dabei, bei anderen Gelegenheiten übernahm er die Vorlesung ganz.184 J. A. Quindal D.O. äußerte 1907, Still habe das Recht beansprucht, die Klassen nach seinem Gutdünken zu „besuchen“ und habe Berichten zufolge nie eine Klasse verlassen, ohne eine wertvolle Instruktion zu erteilen.185 1902 veröffentlichte er sein drittes Buch, The Philosophy and Mechanical Principles of Osteopathy, und 1910 sein letztes: Osteopathy, Research and Practice.

Zu Beginn des neuen Jahrhunderts war Andrew Taylor Still in Kirksville eine äußerst populäre Figur. Als seine Fakultät aber facettenreicher wurde, begannen einige neue Mitglieder, ihn zu kritisieren und sich durch seine Kleidung, Lebensführung und seine persönlichen Interessen, insbesondere seinen Glauben an den Spiritismus, kompromittiert zu fühlen.186 Zu dieser Zeit verschlechterte sich auch der Gesundheitszustand von Stills Frau Mary Elvira. Sie, die ihn 50 Jahre hindurch begleitet hatte, fiel im April 1910 in ein Koma187 und starb einen Monat später, am 28. Mai 1910.188

Jahre des Zwielichts

Nach dem Tod von „Mutter Still“ kehrten Stills Söhne nach Kirksville zurück189 Im März 1914 half Still beim Eröffnen, des Still-Hildreth-Sanatoriums in Macon, einer Einrichtung für psychisch kranke Menschen.190 Im Frühling 1914 erlitt er einen leichten Schlaganfall, der ihn kurze Zeit einschränkte. An seinem 85. Geburtstag wohnten ungefähr 15.000 Menschen, darunter 1.100 Osteopathen, der Parade und Feier zu seinen Ehren bei.191 Im Winter 1916/1917 verließ Still nur selten sein Bett. Im Mai 1917 konnte er in Kirksville noch der Enthüllung einer Statue zu seinen Ehren beiwohnen und seine Gesundheit schien sich über den Sommer hin etwas zu verbessern. Das kalte Wetter im Herbst verschlechterte sich jedoch seinen Zustand wieder. Anfang Dezember erlitt er einen schweren Schlaganfall und am 12. Dezember 1917 entschlief er friedlich.192

Freimaurerei

Still behauptete, seit 1861 Freimaurer gewesen zu sein: „Ich bin seit 40 Jahren Freimaurer.“193 Die Mitgliedschaft in dieser Vereinigung ermöglichte es ihm nach seinen Worten, ein guter Bürger zu sein. Als Freimaurer, so empfand er es, konnte er „allen Sekten und Individuen das Recht auf die Wahl einer eigenen religiösen, politischen oder wissenschaftlichen Organisation zugestehen“.194

Der britische Osteopath und Freimaurer Steve Sandler erklärt, das Wort Freimauer bezeichne freie und akzeptierte bzw. spekulative „Maurer“ im Unterschied zum Maurer als Handwerker im üblichen Sinn. Moderne bzw. spekulative Freimaurer arbeiten nicht mit Steinen. Sie benutzen den Vergleich mit dem tatsächlich mit Steinen, Mörtel und Werkzeug arbeitenden Maurer allegorisch, um auf moralische Themen Bezug zu nehmen. Der Maurer formt Steine, der Freimaurer formt mit den gleichen, im übertragenen Sinne genutzten Werkzeugen sich selbst.

Still gehörte im Rang eines Meisters der in Baldwin City befindlichen Palmyra-Loge Nr. 23 an. Als der Osteopath Dale J. Raynesford, ehemaliger Student am Kirksville College of Osteopathic Medicine, erfuhr, dass man Still sowohl aus der Kirche als auch aus der Loge ausgeschlossen habe, untersuchte er den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung und fand heraus, dass Stills Mitgliedschaft tatsächlich am 10. August 1875 ausgesetzt worden war, weil er seine Beiträge nicht bezahlt hatte. Sie wurde am 4. Juni 1879 wieder in Kraft gesetzt und am 20. Januar 1886 erneut ausgesetzt. Allerdings gibt es laut Raynesford keinen Hinweis auf ein Verfahren, „das für einen Ausschluss aus der Loge jedoch erforderlich gewesen wäre“.195 In Kirksville gab es ebenfalls eine Loge, Nr. 105, gegründet am 26. Mai 1864.196 Stills Schwiegersohn George Andrew bestätigte, dass Still in einer Phase aus der Loge ausgeschlossen worden sei, in der sogar die Geistlichen darum beteten, „er möge sterben“.197 Wie schon oben, im Abschnitt „Freunde“, erwähnt, waren auch mindestens zwei von Stills guten Freunden, Dr. F. A. Grove und Charlie Chinn, Freimaurer.

Bei Stills Begräbnis leitete Richter Higbee, ehemaliger Großmeister der Freimauer in Missouri, die Zeremonie.198 In der Lokalzeitung stand seinerzeit: „Die Aufsicht über die Zeremonie, die der Gedenkfeier im Haus folgte, hatte die Bruderschaft der Freimaurer. Edward Higbee, State Grand Master of the F. and A. M. [der Freimaurer in Missouri, Anm. d. Übers.], veranstaltete eine beeindruckende Feier.“199 Ob es nun derselbe Edward Higbee war oder nicht: Jedenfalls gehörte ein E. H. Higbee neben William Smith, Fred Still, Herman Still und Grant Hildreth zur ersten Klasse von Graduierten an der ASO.200

Befragt zu der Wahrscheinlichkeit einer freimaurerischen Zeremonie an Stills Grab sagte der britische Osteopath Steve Sandler: „Hätte man Still jemals aus der Loge ausgeschlossen, wären ihm solche Privilegien nie zuteilgeworden. Freimaurer besitzen im Allgemeinen ein langes Gedächtnis. Falls seine Mitgliedschaft wegen nicht bezahlter Beiträge geruht hat, konnte sie doch jederzeit wieder in Kraft gesetzt werden, sobald die Rückstände beglichen waren. Wie die Dinge stehen hätte er jemand schon über lange Zeit sehr verärgern müssen, um ausgeschlossen zu werden.“201 Von Interesse für die vorliegende Studie sind die in Stills Schriften verstreuten Hinweise auf das Verwenden freimaurerischer Terminologie: „Um fest zu stehen, musst du den Aufbau deines Fundament genau beobachten. Sieh zu, dass die Oberfläche waagerecht ist, die Seiten im rechten Winkel stehen und benutze dein Lot entsprechend.“202 „Vermesse den ganzen menschlichen Körper.“203 „Ein Osteopath muss genau die Ecken finden, die vom Göttlichen Vermesser gesetzt worden sind.“204 „Der Osteopath besitzt einen rechten Winkel, ein Lot und eine Wasserwaage.“205

Sandler erklärte Stills allegorischen Gebrauch der freimaurerischen Terminologie anhand des folgenden Beipiels: „Wenn Still sagte: ‚Handele wie jemand, der vom rechten Winkel, dem Lot und der Wasserwaage der Vernunft geleitet wird, in dem Wissen, warum diese Wirkungen hervorgebracht worden sind‘, dann verwendet er ein direkt aus dem Freimaurer-Ritual ersten Grades entnommenes, auf die Arbeitswerkzeuge des eingetragenen Freimaurer-Lehrlings bezogenes Beispiel, in dem es heißt: ‚Der arbeitende Maurer benutzt den Messstab, um sein Werk zu messen. Der spekulative Maurer teilt den Messstab in drei Teile: ein Teil soll auf das Gebet verwendet werden, ein Teil auf Arbeit und Erholung, ein Teil auf die Hilfe für einen Freund oder Bruder in Not. Wobei dies nicht nachteilig für uns oder unsere Familien sein darf ‘. Genau das ist es, was Still getan hat.“206

Zusammenfassung: Stills Leben

Andrew Taylor Stills Eltern mit ihrer strengen Moral und ihrem unbeugsamen Pioniergeist waren ihm in seiner frühen Lebensphase Vorbild. Er stützte sich auf diese Kraft, um die Mühsal seiner vielfältigen Aufgaben als Farmer und Arzt im Grenzland vor und nach dem Bürgerkrieg zu ertragen. Sein Selbstvertrauen, seine Unabhängigkeit und sein pionierhafter Stoizismus ließen ihn später auch den Spott und Tadel hinnehmen, den ihm seine unkonventionellen medizinischen Überzeugungen und Praktiken einbrachten, und den Schmerz erdulden, den ihm der Verlust so vieler Familienglieder und lieber Freunde im Lauf seines Lebens bereitete.

Durch alle schwierigen Lebensphasen begegnete er immer wieder geistig interessierten Menschen, die wie er ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen nach Erkenntnis strebten. In seiner zweiten Frau, die an der Ostküste aufgewachsen war und einen entsprechenden Bildungshintergrund besaß, fand Still eine gleichgesonnene Lebenspartnerin und Unterstützerin.

Viele seiner Erfahrungen, insbesondere aus der Militärzeit, aus der Beschäftigung mit Maschinen und aus der Freimaurerei, spiegeln sich in seinem allegorischen Schreibstil wider.

Still nannte den April 1855 als den Zeitpunkt, wo er „begann … Gründe für mein Vertrauen in die Gesetze des Lebens zu erschließen, die den Menschen, den Welten und den Lebewesen vom Gott der Natur gegeben worden sind.“207 Zwei Jahrzehnte danach gab er öffentlich seine Entdeckung einer ganz neuen, medikamentenlosen Behandlungsart kund, die er allerdings erst einige Jahre später Osteopathie nannte. Die letzten 43 Jahre seines Lebens verbrachte er in Kirksville, wo er eine Schule und ein Krankenhaus eröffnete, Osteopathie lehrte und seine Aufsätze und Bücher schrieb. Er starb 1917 im Alter von 89 Jahren.

Seine Person

„Wenn ihn nur jeder kennen würde! Wenn nur jeder sehen und begreifen könnte, was unter seiner schlichten äußeren, scheinbar so alltäglichen Art alles verborgen liegt! Wie viel höher wäre dann die Wertschätzung für ihn und wie viel umfassender und besser die Auffassung von Osteopathie!“208

In diesem Abschnitt wird versucht, die Leitfigur Still als Mensch und Person darzustellen, damit der Leser, wenn es in der vorliegenden Studie um die Still’schen Faszienkonzepte geht, ein lebendiges Bild vom Schöpfers dieser Konzepte vor Augen hat.

Charakteristisches

„ Auch die beste Charakteranalyse hinterlässt immer eine gewisse Kälte und Flachheit. Aus diesem Grund beziehe ich mich auf einige persönliche Charaktereigenschaften.209 „ Stills Charakter hat sich in seinem Gesicht und seiner physischen Erscheinung widergespiegelt.“210

Andrew Taylor Still, von anderen als „großer, majestätisch wirkender Mann“ mit „eindrucksvoller Präsenz“211 geschildert, beschrieb sich selbst als „5 Fuß und 11 Dreiviertelzoll groß212 mit dunklem Haar, dunkler Hautfarbe und dunkelgrauen Augen.“213 Häufig verglich man ihn aufgrund seiner Erscheinung und seines Charakters mit Abraham Lincoln,214 denn er war „ein großer, knochiger Mann, der ungefähr 60 zu sein schien, dessen Haar aber noch so schwarz war wie das eines 50-Jährigen und dessen scharfe und forschende Augen die eines 40-Jährigen hätten sein können.“215 Über Stills Ähnlichkeit mit Lincoln schrieb Edwin C. Pickler:

„Unter den großen Männern unseres Landes ragen als Befreier und Wohltäter der menschlichen Rasse zwei deutlich heraus. Mir scheinen diese beiden in ihren physischen, mentalen und moralischen Charakterzügen sehr ähnlich zu sein. Alle, die sie und ihr Werk kennen, lieben und respektieren sie. Der eine ist Abraham Lincoln, der andere Andrew Taylor Still.“216 „Seine [sc. Stills] Veranlagung wird beispielhaft bestätigt durch seine Gestalt, gütige Gesichtszüge, einen durchdringenden Blick, eine wunderbar vollkommene Stirn, eine römische Nase und einen nicht sehr bestimmenden Kiefer. Mit seiner edlen Seele geht eine leicht zu erkennende und wahrzunehmende spirituelle Einsicht in die Mysterien des Lebens einher, wie sie nur wenigen Individuen gewährt wird. Dazu kommen Lebensfreude, Humor, Witz und eine poetische Ader. Man kann sich dem Eindruck, mit ihm einen ungewöhnlich starken, unabhängigen und originellen Denker vor sich zu haben, nicht entziehen. 217

Der gealterte Still wurde von Ernest Tucker D.O. so beschrieben: „Er trug einen grauen Backenbart und unter wild wachsenden Augenbrauen blickten graue, braun gesprenkelte Augen forschend durch graue Brillengläser.“218

„Seine Stirn war gewölbt wie das Knospenende einer Wassermelone und er hatte eine unglaublich scharfe Nase. … Sein Schnurrbart half – wie soll ich sagen – seine Nase zu normalisieren. Schnurrbart und Backenbart sorgten für eine harmonische Einbeziehung von Nase und Stirn.“ 219

„Seine Hände waren groß, flach und ohne Zweifel sehr kräftig. Seine Ohrläppchen hingen großzügig herunter. Achten Sie doch mal auf die Ohrläppchen starker Führungspersönlichkeiten. Seine Haut wirkte düster, was zweifellos an seinem Alter, aber auch an der Gemütsverfassung lag. An den Augenwinkeln hatte er zahlreiche Lachfalten.“ 220

„Seine Stimme war heiser, so als ob sie von woanders herkäme, weit entfernt, oder von jemand anderem … Oh, er konnte schon kraftvoll sprechen – Heiserkeit – das hatte so was Intimes – eine Art von Nur-wir-beide-Effekt.“ Er ging „sich auf seine Zehen erhebend“, was Tucker als indianischen Gang verstand, weil Still sich „so leise wie ein Indianer in einen Klassenraum stehlen“ konnte.221

1923 stellte F. P. Millard D.O. übrigens interessanterweise einen Zusammenhang zwischen einem federnden Gang und dem Zustand der Faszien her:

„Gehen Sie niemals auf Ihren Fersen. Wenn Sie das tun, verursacht die Erschütterung in Wirbelsäule und Faszien alle Arten von Verformungen und Läsionen. Wenn Sie gehen, dann gehen Sie auf den Fußballen und schwingen Sie vorwärts, anstatt sich ruckweise voranzubewegen.“222.

Früh in seinem Leben entdeckte Still aufgrund persönlicher Erfahrung, dass Kleidung „das Schicksal eines Menschen nicht ändert“, sodass er nicht mehr bereit war, zur „Kleiderparade“ anzutreten223 und mit zunehmendem Alter er nicht mehr besonders auf seine äußerliche Erscheinung achtete.224 Er trug einen zerknitterten Anzug, in seinen abgetragenen Stiefeln steckten Kordhosen.225 Halstücher und steife Kragen bezeichnete er als „Abscheulichkeiten“.226 In Kirksville konnte man ihn typischerweise auf einer Warenkiste sitzen oder in einer Hängematte oder auf einem Feldbett liegen sehen. Häufig schnitzte er an einem der gut 2 m langen Stäbe herum, die er abwechselnd mit sich führte.227 Mit einem Packen Plakate (Werbungsmaterial) begab er sich in kleine Städte und demonstrierte auf einem „alten Ochsenkarren oder einem gefederten Wagen“ stehend öffentlich Behandlungstechniken wie „Hüfteneinrenken“.228 Oft trug er einen Sack oder eine Handvoll Knochen bei sich.229 Man erzählt von ihm, er habe auf der Veranda, auf dem Rasen, an einen Baum gelehnt oder in einem Wagen sitzend Patienten behandelt – „wo eben gerade Platz war“.230

Wesen

„Um Dr. Still vollständig zu verstehen, ist es nahezu unerlässlich, ihn persönlich zu kennen.“231

Drew, wie sein Spitzname lautete,232 war ein Frühaufsteher233 und arbeitete bis zu 16 Stunden „studierend, experimentierend und demonstrierend“.234 Still sagte dazu: „Ich gehe nicht zu Pferderennen, zum Tanzen oder zu irgendeiner anderen Veranstaltung, die mir nicht Wissen und näheres Vertrautsein mit dem menschlichen Aufbau bringt.“235 Er selbst beschrieb sich (in der dritten Person) so: „Er hasst einen Heuchler, einen Lügner, einen Dieb, einen Faulenzer, einen Mann bzw. eine Frau mit zwei Gesichtern und einen faulen Mann. Er bezahlt alle seine Schulden, ist gut zu den Armen, verdient leicht Geld und ist wahrscheinlich der beste lebende Anatom. Er weiß, was er sagt, und sagt nur, was er weiß.“236 Er betrachtete sich als Pionier, der „den Weg bahnt“,237 und als jemand, der aus seiner „praktischen Erfahrung in der Schule der Natur“ heraus spricht und „aus der Philosophie eines Amerikaners, der sich nicht dafür schämt oder sich davor fürchtet, das zu sagen und zu tun, was wahre Ehrlichkeit seiner Meinung nach gebietet“.238

Als „Plagegeist der Familie“239 mochte er handfeste Späße.240 Sobald man vertrauter wird mit seinen Schriften und seiner Wortwahl, erscheint einem sein Humor als sehr trocken – was jene am meisten schätzten, die ihn am besten kannten. Er hatte eine Schwäche für Süßigkeiten, achtete in seinem Essverhalten aber auf Mäßigkeit. Obgleich er, wie Charles Still junior berichtet, konservative Ansichten über Laster wie Alkohol und Billardspielen vertrat, mochte er doch Kautabak.241 Tatsächlich war Still absolut intolerant gegenüber Alkohol- und Drogenkonsum:

„Jeder Student, der unsere Schule [sc. die ASO] betritt, muss zeigen, dass er gebührend nüchtern ist. Wir dulden keinerlei alkoholischen Getränke … Alle zukünftigen Bewerber … müssen belegen, dass sie eine vollständige englische Ausbildung genossen haben und dass sie weder Bier, Apfelwein, Wein oder Alkohol in irgendeiner Form zu sich nehmen. Das Gleiche gilt für die gewohnheitsmäßige Einnahme von Opium oder irgendeiner anderen Droge.“ 242

Er wurde als Philanthrop beschrieben, denn er war jemand „der seine Mitmenschen liebt und sich für sie einsetzt“.243 „Geld bedeutete ihm offensichtlich nichts, außer es wurde für die Unterweisung und zum Glücklichmachen anderer verwendet.“244 „Sein Witz, seine Zuversicht und seine Freundlichkeit waren einige seiner starken Charakterzüge … Großzügigkeit war eine weitere schöne Tugend.“245

Er war gütig246, ein Gemeinschaftsmensch und zutiefst patriotisch.247 Wie sein Vater hegte er gegen die Sklaverei eine starke Antipathie, die es ihm zusammen mit seinen Patriotismus „schwer machte, sich auf die eigenen Nöte zu konzentrieren … wenn es um das Schicksal der Nation und die Sklavereifrage ging“.248

Seine Hobbys waren u. a. die Astronomie249, die Mineralogie250 und die Ornithologie251, ein Interessenbereich, auf den sich die Herkunft mancher Äußerung in seinen Schriften zurückführen lässt. Er sammelte ausgestopfte Tiere und Vögel, darunter einen amerikanischen Adler.252 Darüber hinaus verfolgte er politische, soziale und spiritistische Interessen.253 Sein Interesse an der Natur und an allen natürlichen Sachverhalten begann im Grenzland, wo die Wohnhäuser der Familien oft weit entfernt von Kirchen, Schulen und Läden waren.254 „Das Grenzland ist das große Buch der Natur. Es ist der Ursprung des Wissens und die Naturwissenschaft wird einem hier von den ersten Prinzipien an gelehrt.“255 Seinem Pioniergeist entsprechend jagte er schon als Junge wilde Tiere.256 Später pflegte er „Rotwild zu schießen, zu zerlegen, das Fleisch für den Haushalt zu konservieren, das Fell zu gerben und daraus Schuhe oder ein anderes Kleidungsstück für sich oder ein anderes Familienglied herzustellen.“257 Als jung verheirateter Mann Anfang zwanzig pflügte er mit einem Gespann Ochsen pro Tag 1 ha seines 20 ha großen Farmlandes, um dann die Früchte seiner Arbeit an einem einzigen Nachmittag durch einen Hagelsturm vernichtet zu sehen.258 Das Pionierleben war physisch und psychisch zermürbend, stärkte aber Stills Charakter und weckte sein Interesse an der Mechanik, das ihn veranlasste, Geräte zur Arbeitsrationalisierung zu entwickeln, z. B. eine Erntemaschine und ein Butterfass.259 Furcht war in seinem Leben schon früh ein Thema. Die Furcht vor Gottes Zorn wurde ihm bei den methodistischen Treffen eingeflößt, die sein Vater abhielt. Die Angst vor dem drohenden Jüngsten Tag, der in den frühen 1840er-Jahren von den Milleriten [sc. Adventisten (Anm. d. Übers.)] vorausgesagt wurde,260 deutete er später als Unwissenheit.261 In der Kinderzeit lebten die Geschwister in einer Atmosphäre physischer und psychischer Angst.262 So deckte 1860 ein Tornado das Dach des Hauses ab263 und stets hatten die Stills damit zu rechnen, wegen der Antihaltung des Vaters gegenüber der Sklaverei umgebracht zu werden.264 Im November 1855, als der Konflikt zwischen den Parteien eskalierte, mussten die Stills ihr Haus mitten in der Nacht verlassen, um der drohenden Ermordung zu entgehen. Still begegnete dieser Furcht erhobenen Hauptes, indem er sich der Poker Moonshine Party anschloss265, um die Familie zu schützen.

Seine Antihaltung zur Sklaverei brachte ihn oft in Lebensgefahr:

„Ich entschied mich für eine Seite und stimmte für die Freiheit … Ich konnte nicht anders stimmen, denn kein Mensch, unabhängig von Rasse und Farbe, kann per Gesetz die Freiheit eines anderen besitzen. Angesichts dieser Wahrheit beteiligte ich mich zu Hause und auf der Straße an allen Auseinandersetzungen für die Abschaffung der Sklaverei und hatte bald einen ganzen Haufen erbitterter politischer Feinde, was zu vielen aufregenden und merkwürdigen Abenteuern führte.“ 266

Wegen dieser Einstellung wurde er von Grenzräubern verfolgt, die ihn hängen wollten, weil er „ein schwarzer Sklavereigegner“ war.267

Bitterkeit empfand Still über zwei Umstände in seinem Leben: Zum einen hegte er einen tiefen Groll gegen die US-Regierung, weil sie seinen aufgrund der im Bürgerkrieg erlittenen Verletzungen gestellten Pensionsantrag abgelehnt hatte. Dieser Groll war für ihn aber insofern von Vorteil, als er ihn umso entschlossener sein Ziel, die Entwicklung der Osteopathie, verfolgen ließ.268 Interessanterwese schrieb Still später im Zusammenhang mit Faszien metaphorisch über das Beziehen einer Pension.269

Die andere Quelle tiefer Verbitterung waren die von kirchlicher Seite gegen ihn betriebenen Rufmordkampagnen, an denen sich auch sein Bruder, Reverend James Still, beteiligte. In Baldwin, Kansas, und Macon, Missouri, wurden seine Ideen „als ein Art Zauberei verdammt“.270 Bei einem Gottesdienst in Baldwin wurde Still aufgefordert, die Versammlung zu verlassen, weil er ein Spinner sei.271 Ein wenig später äußerte ein methodistischer Prediger von der Kanzel, dass „der neue Doktor in der Stadt von einem unnatürlichen Geist besessen ist und eine Gefahr für die Gemeinde werden könnte“. Die Bemühungen der Prediger, Macon von diesem „bösen Einfluss“ zu befreien, führten dazu, dass die Menschen die Straßenseite wechselten, wenn sie Still begegneten.272

Obgleich auch in Kirksville anfänglich die gleichen ärgerlichen Probleme mit dem Klerus auftraten, war es schließlich ein presbyterianischer Geistlicher, der „den Strom der öffentlichen Meinung zu Stills Gunsten veränderte“273, weil er auf der Kanzel offen bekannte, dass „er volles Vertrauen in Dr. Stills Behandlungsmethoden“ habe. Still hatte seine „verkrüppelte“ Tochter erfolgreich behandelt.274 Durch all diese Abenteuer und Bedrängnisse hielt Still unbeirrbar an einem Vorsatz fest: an der auf die Entwicklung der Osteopathie gerichteten „Kontinuität im Denken“, wie er selbst es nannte. In ein rotes Notizbuch, das seither verschwunden ist, schrieb er:

„Das erste in der Kontinuität enthaltene Prinzip ist eine feste, mit der Willenskraft einhergehende Entschlossenheit, abgesichert durch genauestes Wachen über das geringste Abweichen oder Zur-Seite-Schwingen des Pendels kontinuierlicher Tätigkeit.“ 275

Viele Autoren haben über Stills menschliche Größe geschrieben. Doch Ernest Tucker, sein Freund und früherer Student, erinnert uns daran, dass „ein wahrhaft Großer kaum an Größe denkt und sich noch weniger darum sorgt“.276 Daher sprechen wir in der Folge nicht von Stills Größe, sondern von seinem Wesen, seinem Still-Sein.277

Der Begriff Wesen stammt aus den philosophischen Schriften von Sokrates und Thomas von Aquin. Für Sokrates war das Wesen einer Sache F ihr F-sein, wobei F für einen Namen oder ein Substantiv steht und sein für seine entsprechende Adjektivform. Thomas von Aquin definierte Wesen später als das, was etwas zu dem macht, was es ist – sokratisch ausgedrückt das F-Sein bzw. das Was-Sein.278 Ein Erfassen von Stills Wesen geht also tiefer als eine Beschreibung seines Charakters und erfordert ein lebendiges Bild vom seinem Still-sein – und das vermitteln uns am besten die respektvollen Äußerungen seiner Vertrauten. Ernest Tucker sagte: „Jene, die in Kontakt mit dem Alten Doktor kamen, empfanden diese Beziehung als besonders intim.“279 Und F. W. Link erklärte: „Es gibt nur wenige, die A. T. Still wirklich kennengelernt haben. Und bislang hat noch niemand sein wahres spirituelles und intellektuelles Maß erfasst.“280

Andrew Taylor Stills Wesen hatte, wie z. B. die folgenden Zitate zeigen, verschiedene und sich doch überschneidende Aspekte: Zweckgerichtet-Sein, Human-Sein, seine Erkenntnisgerichtet-Sein und sein Spirituell-Sein.

ZIELGERICHTET-SEIN

„Er war das Beispiel eines Mannes von einzigartiger Zielgerichtetheit und Energie, für den es kein Hindernis gab. Er hatte einen festen Kurs und da die Wahrheit sein Fundament war, schritt er sein Leben lang stetig voran, indem er auf diesem Fundament aufbaute.“ 281

HUMAN-SEIN

„Wir haben Achtung vor Dr. Still und halten sein Gedächntis in Ehren wegen seiner Selbstlosigkeit, seiner unverdorbenen Schlichtheit, seiner demokratischen Ideen und seiner Wahrheitsliebe.“ 282

„Lob wies er stets zurück und er scheute sich vor öffentlichen Auftritten. Gleich einer wohltätigen Fee, die des Nachts kommt, war er stets bestrebt, seine guten Werke unbemerkt zu tun.“ 283

„Was war er für ein Mann – bescheiden, freundlich, höflich, großzügig, hingebungsvoll, mitfühlend, ein sozial gesonnener Menschenfreund!“ 284

Er war Vater und Freund für uns alle, für jeden Einzelnen. Es war sein großer Wunsch, dass jeder unterwiesen werden, jeder die Wahrheit begreifen, jeder die Vision erfassen möge.“ 285

„Dr. Stills Herz war so groß, dass sich in seinem Werdegang häufig sein Edelmut im Verlauf seines zuungunsten seiner eigenen Bequemlichkeit auswirkte.“ 286

ERKENNTNISGERICHTET-SEIN

„Dr. Still war ein selten genauer Beobachter der Natur. Offensichtlich entging nichts seiner Wahrnehmung … Für ihn schien alles buchstäblich zu pulsieren von Leben, dessen innere Bedeutung gesucht, analysiert und gemäß einem bestimmten Ablauf von Ursache und Wirkung und seiner Beziehung zum Universum ausgerichtet wurde.“ 287

„Er begriff das, was der schlafende Verstand nicht erfassen kann.“ 288

„Der Verstand von Dr. A. T. Still war gestaltet, um die Wissenschaft der Osteopathie zu entfalten, zu entwickeln, zu praktizieren und zu lehren, daran zweifle ich nicht.“289

„Dr. Still erschien mir stets als … der reinste Typ eines subjektiven Verstandes, den ich je kennenlernen durfte. Er nähert sich der Wahrheit nicht durch einen langsamen Prozess des Schließens, sondern durch überlegene Intelligenz, die die Wahrheit blitzartig zu erkennen scheint. Dann setzt er seine Logik ein, um diese Wahrheit zu beweisen … Dr. Still stellte sich mir stets als direkter Gegensatz zu einem objektiven [sc. Verstand] dar, als ein Mann mit klarer Inspiration, dessen Eingebungen sehr selten falsch waren … Der subjektive Verstand ist der Verstand der eigentlichen Intelligenz, der intuitiven Fähigkeit. Er ist der Verstand, der die Wahrheit erkennt. Ein derartiger Verstand war den alten Sehern und Propheten zu Eigen, den brillanten Visionären, die aus hoch ummauertem Himmel das Feuer herunterholten und den Menschen unsterbliche Wahrheiten schenkten.“ 290

SPIRITUELL-SEIN

„Sein Verstand war im Einklang mit dem Unendlichen.“ 291

„Er besaß die Qualität und die Kraft, das innere Leben des Individuums zu erfassen. Er erkannte es und bezog sich auf das, was wir tatsächlich waren, und nicht auf das, was wir vorgaben zu sein.“ 292

„Die Natur brachte Dr. Still hervor und setzte einen Zündfunken, den Nachbarn, Schulen und Colleges weder zum Brennen bringen noch verdunkeln konnten … Als seine Nachbarn begannen wir, die titanenhafte, unvergängliche innere Kraft dieses Mannes zu verstehen – eine Kraft, die uns lange verborgen blieb, weil wir nicht die Augen hatten, um diese schöpferische, konstruktive, reflektierende, alles aufnehmende, weitreichende Seelenkraft zu erkennnen“ 293

„Mason Presley ((Pressly)), D.O., Absolvent des Princeton Theological Seminary, Forschungsstipendiat an der Divinity School at Harvard University, Doktor der Philosophie und Student an der ASO, fasste Stills höchste Qualitäten zusammen, um sein Wesen darzustellen und sein tiefes Verständnis, das nicht nur seinem Haupt-Thema, der Osteopathie, galt, sondern auch seiner Welt insgesamt – etwas, das die Franzosen als prise de conscience, als tiefgehendes Begreifen bezeichnen.“294

„Er ist ein Mann mit Zielen und Plänen und arbeitete beharrlich daran, sie zu realisieren. Er ist fest in seiner Loyalität. Er steht zu seinen alten Freunden … Er ist fähig, mittels mentaler Kraft und aus sich selbst heraus das zu vollbringen, was Weisheit, Staatsgewalt, Ewigkeit und Unternehmen nicht zustande gebracht haben. Und er tat es ohne Unterstützung und gegen die Rufmordkampagne, er sei ein Spinner, gegen den Widerstand der organisierten Schulen und der gesetzgebenden Versammlungen … Sein Gefühl fließt sehr stark. Er besitzt ein zutiefst mitempfindendes, leidenschaftliches und kraftvolles Herz – und doch wird es gelenkt von einem Willen, der sich in außergewöhnlicher Gelassenheit äußert, in Vertrauen und in Mut.“ 295

„Dr. Still verfügt über einzigartige intuitive Fähigkeiten und spirituelle Erkenntnis. Er besitzt eine derartige sinnliche und seelische Empfindsamkeit, dass die Schwingungen der universalen Wahrheit ihn berühren und durchschauern wie bei einer Offenbarung. Er erreicht Schlussfolgerungen durch die langwierigen Prozesse des Argumentierens und seine Schlussfolgerungen sind endgültig und bedürfen keiner Bekräftigung durch zusätzliche Autoritäten. Die Welt des Unsichtbaren ist ihm so real wie die Welt des Sichtbaren, deshalb hat er große Abstraktions- und Konzentrationsfähigkeiten. Er hat auf allen Ebenen des Denkens Fixpunkte und bewegt sich leicht und natürlich vom niedrigsten Konkreten zum höchst Abstrakten. Das verleiht ihm ungestörtes Selbstvertrauen und eine uneingeschränkte und unabhängige Position.“ 296

Zusammenfassung: Stills Charakter und Wesen

Still, der schon in jungen Jahren geprägt wurde von den Wundern und Mühseligkeiten des Pionierlebens und all die Bedrängnisse und Ängste ertrug, die mit der Vertretung starker Überzeugung in einem vom Krieg zerrissenen Land verbunden waren, machte seinen Weg, indem er aus seinen Erfahrungen Stärke bezog, um mit unbeirrbarer Zielstrebigkeit und Kontinuität im Denken die Osteopathie zu entdecken und zu entwickeln. Seine Vorgehensweisen waren das Beobachten, das Schließen, Intuition und etwas, das darüber hinausgeht. Gleichgültig gegenüber Äußerlichkeiten wie Kleidung und Stil blieb Still sich selbst treu und galt bei seinen Mitmenschen als Lincoln’scher Charakter mit einer immerwährenden Ehrfurcht vor einer Höheren Macht.

Seine Freunde, die zumeist auch seine Studenten waren, behielten ihn in ehrfürchtigem Andenken als einen Menschen mit prise de conscience, also einem tiefgehenden Begreifen, das ihn durch Tiefen und Höhen große Leistungen vollbringen ließ.

Man kann sich sein Wesen als eine Kaskade von Superlativen vorstellen, wie sie so wortreich von seinen Zeitgenossen beschrieben wurden. Sie sind so unmessbar, dass jeder Versuch, sie zusammenzufassen, eine Verminderung ihrer Intensität wäre.

Andrew Taylor Stills Größe war sein Wesen. Sein Still-sein bestand aus einer unfassbaren Kombination von Qualitäten, die nicht erworben waren, sondern ihm zunächst geschenkt und dann entfaltet wurden. Ein lebendiges Bild von A. T. Still zu behalten, heißt, sich der in History of Osteopathy and Twentieth-Century Medical Practice297 abgedruckten Worte von E. H. Pratt zu erinnern:

„Sein dem Licht zugewandtes Antlitz leuchtete stets. Doch dieses Licht kam nicht von ihm, er reflektierte nur das Licht, auf das er schaute – das Licht Gottes.“

Sein Werk und seine Ausdrucksweise

„Ich beabsichtige, Euch diese Wahrheiten in Worten mitzuteilen, die Ihr nicht vergessen werdet.“ 298

Dieses Kapitel, das Stills veröffentlichte und unveröffentlichte Texte identifiziert und charakterisiert, soll den Hintergrund für ein Erfassen von Stills Faszienkonzepten liefern. Das Gliederungsschema folgt – soweit dies möglich ist – der Chronologie der Veröffentlichung. Zunächst werden seine vier bekannten Bücher, dazu zahlreiche Zeitschriftenartikel beschrieben. Danach geht es um die zwar unveröffentlichten, aber katalogisierten und im Still National Osteopathic Museum aufbewahrten Texte und schließlich um den nie veröffentlichten und nicht katalogisierten Teil seines Werks, der angeblich verloren gegangen ist: um einzelne Blätter, Notizbücher und Tagebücher.

Stills Bücher enthalten Biografisches und die meisten seiner Gedanken zum Thema Faszien, während die Zeitschriftenaufsätze mehr über sein Wesen, seinen Charakter und über geistige Beeinflussungen aussagen. Bei den verschwundenen Texten handelt es sich, wie die Autorin aus Augenzeugenberichten erfuhr, hauptsächlich um Amerkungen zum Spiritismus. Auch wenn in diesen Texten vermutlich also keine Hinweise auf die Faszienkonzepte, ja nicht einmal auf die Osteopathie vorkamen, so belegten sie doch eindeutig Stills Interesse am Spiritismus. Daher empfiehlt die Autorin, den spirituellen Aspekt in Stills Faszienkonzepten auch aus dieser Perspektive zu betrachten.

Still veröffentlichte vier Bücher und schrieb zahlreiche Artikel, insbesondere für das Journal of Osteopathy (JO). Das Still National Osteopathic Museum beherbergt seine unveröffentlichten, katalogisierten Schriften. Keiner der an der Erstellung der vorliegenden These Beteiligten weiß, wo sich die mindestens drei „Tagebücher“ und die unzähligen losen Blätter befinden, die seit 10 Jahren verschwunden sind.

Still muss schon 1885 geschrieben haben, denn 1895 sagte er einmal: „Ich habe die Erlaubnis von Frau Annie Morris, die die Manuskripte und Aufzeichnungen von 1885 aufbewahrt, mir nochmals anzusehen, wie sich die Osteopathie vor 10 Jahren dargestellt hat.“299 Interessanterweise gibt es aber vor seinem ersten, im JO erschienenen Artikel keine bekannten Veröffentlichungen von Still.

Texte von Still zeitlich genau einzuordnen, ist aus drei Gründen schwierig: In zumindest einem Fall, und zwar bei dem Buch The Philosophy and Mechanical Principles of Osteopathy, differieren das Datum des Copyrights und das Datum der Buch-Veröffentlichung um etwa 10 Jahre. Der Großteil von Stills unveröffentlichten, aber katalogisierten Texten ist außerdem nicht datiert. Und es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass die gleichen Texte in zwei von Stills veröffentlichten Werken auftauchen. So erschienen beispielsweise zunächst im JO abgedruckte Artikel später auch in einem seiner Bücher und umgekehrt wurden Texte aus seinen Büchern auch im JO veröffentlicht. Vor diesem Hintergrund war es der Autorin nicht möglich, eine klare Chronologie der Entwicklung von Stills Faszienkonzepten aufzuzeigen.

Die veröffentlichten Werke

„Diese Bücher verfolgen die Fußspuren seiner großartigen Idee, wie sie ihren Weg durch seinen Kopf und durch die Köpfe anderer Menschen nahm. Die Idee war lebendig, sie wuchs und schließlich entwuchs sie den geschriebenen Aufzeichnungen.“ 300

AUTOBIOGRAPHY OF ANDREW TAYLOR STILL

Die Autobiography of Dr. A. T. Still, von der jeder Student und Absolvent der ASO ein Exemplar ASO erhielt, war Stills „erste Leistung als Autor“301. Sie wurde erstmals 1897 veröffentlicht302 und im JO vom Dezember 1897 angezeigt.303 Die Auslieferung erfolgte aber aufgrund „mancher Verzögerungen und ärgerlicher Enttäuschungen“304 wahrscheinlich erst Anfang 1898. Diese Autobiografie war einer damaligen Beschreibung zufolge „in der originellen Art des Doktors verfasst“ und enthielt „viele amüsante und herzergreifende Ereignisse aus seinem Leben“.305 Still gibt darin an, er schreibe für „zukünftige Generationen“.306

In der zweiten, 1908 veröffentlichten Auflage der Autobiography ließ Still bestimmte Informationen weg, von denen er annahm, dass sie „für den normalen Leser praktisch keine Bedeutung besitzen“.307 Es gibt zwar leichte Unterschiede beim biografischen Material, aber keine wesentlichen Veränderungen in Bezug auf die Faszienkonzepte. In der Auflage von 1908 gibt es 20 Beispiele, wo Still eine Folge von Gewebebezeichnungen auflistet wie Arterien, Nerven, Venen, Muskeln … und das Wort Faszien aber völlig weglässt. Tatsächlich konnte die Autorin keine Erwähnung von Faszien finden, obgleich Still gelegentlich den Begriff „Membran“ verwendet.308 Trotz des Titels Autobiography präsentiert der Text tiefe Einblicke in Stills Philosophie und in seine Sicht vom menschlichen Körper.

Beim Erfassen des ersten Dreiviertels seines Lebens ist diese Autobiografie sehr hilfreich, sie enthält aber nur wenige Hinweise auf die spätere Lebensphase. Die erste Auflage wurde 20 Jahre vor Stills Tod veröffentlicht und die zweite Hälfte des Buches enthält Neudrucke von Reden, die er bei Graduierungsfeiern oder zum Geburtstag der Entdeckung der Osteopathie gehalten hat. Die meisten dieser Kapitel finden sich auch in Artikeln im JO. Da die Nachdrucke zu besonderen Anlässen erfolgten, kann man unterstellen, dass Still sich oft wiederholte, wobei Wiederholung jedoch nicht als Betonung gedeutet werden darf.

PHILOSOPHY OF OTEOPATHY

Stills zweites Buch, Philosophy of Osteopathy, dessen Copyright-Datum der 5. Oktober 1899 ist,309 wurde „zur Information des Studenten“ geschrieben310 und im November 1899 angezeigt311 Sehr wahrscheinlich kam es bald darauf in den Buchhandel. Es enthält das berühmte Kapitel X, Über die Faszien, das in der Einleitung der vorliegenden Studie zitiert wurde. Über die 270 Seiten des Buches verstreut finden sich viele höchst bedeutende Bezugnahmen auf die Faszien. Anders als in der Autobiography verwendet Still hier den Ausdruck „Faszien“. Insofern ist dieses Buch bei der Behandlung des Themas „Stills Faszienkonzepte“ besonders zu beachten.

Zwei Personen unterstützten Still beim Erstellen seiner ersten beiden Bücher:312 Frau Annie Morris, Millard’s Station, Missouri, die als „freundlich gesonnene Sekretärin“ fungierte und der zeitgenössische Grenzlandautor John Musick, Kirksville, der mit Rat und Tat zur Seite stand.313

THE PHILOSOPHY AND MECHANICAL PRINCIPLES OF OSTEOPATHY

Der Zweck dieses langen Abschnitts über The Philosophy and Mechanical Principles of Osteopathy (in der Folge: PMP genannt) besteht darin, eindeutig zu klären, dass es sich um Stills drittes Buch handelt und nicht um sein erstes. Nach Stills Worten war dieses Werk „für den Studenten geschrieben, um ihn dazu zu bringen, erst zu nachzudenken, bevor er handelt, und in jedem Fall erst die Ursache zu erschließen und nach ihr zu jagen, bevor er behandelt.“314 Das Buch ist für die vorliegende Studie deshalb von hoher Bedeutung, weil es eine Menge über Stills Einflüsse aufzeigt, einschließlich einer Fülle von Aussagen zum Thema Faszienkonzepte, vor allem aber eine Idee, die er zwischen 1899 und 1902 entwickelt zu haben scheint: nämlich die Rolle der Membranen und die Behandlung der Eingeweide. Im Text geht es um die Vorstellung, dass die Faszien und die Membranen als System agieren. Die Art dieses Systems wird im weiteren Verlauf der vorliegenden Studie deutlich werden.

Ohne unumstößliche Beweise zu haben, vertritt die Autorin die Ansicht, dass es sich bei PMP um das dritte der vier Still-Bücher handelt, obgleich es dem Copyright-Datum nach sein erstes Werk sein könnte.

Das Buch gilt als „geheimnisumwittert“,315 weil sich dort – auf der Seite vor dem Vorwort – besagter, auf das Jahr 1892 datierter Copyrighteintrag findet, während das Veröffentlichungsdatum 1902 ist. Dies führt zu der Spekulation, dass das Buch schon 1892 geschrieben, von Still aber dann 10 Jahre lang zurückgehalten worden ist.

Drei Darstellungen des Sachverhalts beschäftigen sich mit der Möglichkeit, dass PMP schon 1892 geschrieben worden ist. Die erste stammt von dem osteopathischen Arzt Jerry Dickey, der sich hier auf Stills Großenkelin Mary Jane Denslow als Quelle stützt. Dickey meint:

„Still schrieb das Buch ungefähr zur selben Zeit, als er die Schule gründete [1892] … Er verteilte nur einige Exemplare und zog das Werk dann sofort aus dem Buchhandel zurück. Niemand weiß, warum er das tat. Es waren wenige Exemplare von The Philosophy and Mechanical Principles of Osteopathy in Umlauf. Große Teile des Buches wurden 1899 in Philosophy of Osteopathy erneut veröffentlicht und einige der anderen Ideen fanden ihren Weg in Research and Practice“.316

In einer zweiten Darstellung heißt es: „Die Menschen spekulierten, dass es unvollendet gewesen sei und/oder dass Still die Veröffentlichung verzögert habe, weil er …. nicht zufrieden damit war.“317

1986 wurde in einer Pressemeldung von Harry Goodman D.O. festgestellt, „dass das Copyright 1892 erteilt worden ist, das Buch jedoch nicht vor 1902 ans Tageslicht gelangte“, wobei Goodman nicht unterstellte, es sei 1892 geschrieben worden. Er nahm vielmehr an, dass Still seine Werke und seine Geschichte ein wenig im Unklaren lassen wollte, um „dem Feind so wenig Angriffspunkte wie möglich zu liefern“318, und dass die Veröffentlichung von PMP eine deutliche Ausnahme von dieser Regel gewesen sei.

Viel mehr Anzeichen sprechen allerdings dafür, dass PMP tatsächlich als drittes Buch, also nach Autobiography und Philosophy of Osteopathy geschrieben worden ist:

In einem Aufsatz aus dem September 1901 wies Still nämlich darauf hin, dass er zwei Bücher fertiggestellt habe,319 wobei es sich um die bis dahin veröffentlichten Bücher Autobiography (1897) und Philosophy of Osteopathy (1899) gehandelt haben muss. Das Vorwort zu PMP ist auf den 1. Januar 1902 datiert. Auf Seite 11 beginnt eine Äußerung mit „das zwanzigste Jahrhundert erfordert …“ Weiterhin heißt es auf Seite 228 desselben Buches: „Wir stehen am Anfang des 20. Jahrhunderts“, während er in einem Aufsatz aus dem Jahr 1898 begann: „Von Wundern wird täglich berichtet und sie scheinen sich im 19. Jahrhundert stark zu vermehren.“ (Still, A. T. 1898j, 249). Es ist also sehr fraglich, ob Still in PMP, wenn dieses schon 1892 geschrieben worden wäre, die Formulierung „20. Jahrhundert“ verwendet hätte, wo er doch auch noch 1898 vom „19. Jahrhundert“ spricht. John Jones hat dagegen eingewendet, dass Still den Ausdruck „20. Jahrhundert“ erst zur Zeit der Veröffentlichung eingefügt haben könnte.320 Obgleich auch das möglich wäre, spricht der Entwurf eines Buches mit dem Titel The Mechanical Principles of Osteopathy 1st ed. dagegen, weil im Großen und Ganzen die Vorworte identisch sind, sieht man von den handschriftlichen Korrekturen im Entwurf ab. In beiden Fällen, dem Entwurf und dem Buch, ist das Datum 1. Januar 1902 unter dem Vorwort identisch.321 Der Entwurf wurde mit den Initialen A. T. S. unterschrieben. Zur Authentizität der Initialen befragt, stellte Cheryl Gracey, die frühere Leiterin der Sammlung und heutige Kuratorin des Still National Osteopathic Museum, fest: „Die Initialen am Ende von EL-46.3 [Entwurf des Vorworts zu PMP] scheinen von Still geschrieben zu sein, aber ich bin nicht hundertprozentig sicher (sagen wir 90 %) – sie sind kleiner und ordentlicher als die, die wir sonst von ihm kennen.“322 Das Journal of the American Osteopathic Association erhielt sein erstes Exemplar von PMP im Februar 2003.323 Henry Bunting D.O. berichtete, Still habe in der Abgeschiedenheit der Morrisfarm die Pläne für die ASO und für sein Krankenhaus entworfen, seine Autobiography geschrieben, die Beiträge für das JO fertiggestellt und Philosophie der Osteopathie vorbereitet.324 Das bedeutet, dass Still schon vor 1892, dem Gründungsjahr der ASO, auf der Morris-Farm gewesen sein muss und man somit spekulieren kann, dass, falls er wirklich damals schon an PMP gearbeitet hätte, wie das Copyright-Datum nahe legt, sicher auch dieses Buch-Projekt in Buntings Bericht erwähnt worden wäre.

Charles Hazzard, D.O., der Still durch acht Jahre kannte, schrieb 1903 einen Artikel, in dem er PMP als Stills spätestes und bestes Werk bezeichnete.325 Cheryl Gracey lieferte eine logische Erklärung für die Diskrepanz zwischen Copyright- und Ausgabe-Datum. Sie bestätigte, dass um die Jahrhundertwende „ein Autor bei der Library of Congress schon ein Copyright erwerben konnte, bevor das Buch geschrieben war“.326 Tatsächlich wurde das Copyright für PMP aber am erst am 8. Dezember 1902 beantragt und nicht 1892.327 Peter Vankevich vom Copyright-Büro der Library of Congress bestätigte, dass dem hier relevanten Copyright-Gesetz von 1870 zufolge spätestens 10 Tage nach der Veröffentlichung eines Buches zwei Exemplare davon bei der Library of Congress vorliegen mussten.328 Die Library of Congress hat am 17. Januar 1903 zwei Exemplare von PMP erhalten,329 woraus folgt, dass dies wirklich Stills drittes Buch ist.

Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen Philosophy of Osteopathy und PMP, aber auch beachtenswerte Unterschiede. Insbesondere enthält PMP ein 20-seitiges Kapitel mit der Überschrift Biogen, wohingegen in Philosophy of Osteopathy nur einige Male das Adjektiv „biogen“ auftaucht.330 Gerade anhand jenes 20-seitigen Kapitels lassen sich Verbindungen zwischen Still und Elliot Coues herstellen, der eine Zeit lang Präsident der Theosophischen Gesellschaft in Amerika war.331

Goodman schreibt über PMP:

„Andrew Taylor Still offenbarte in diesem Buch seine Seele und sprach aus ganzem Herzen. In einer schmerzhaft persönlichen Sprache legte er ein für alle Mal die Grundprinzipien der Osteopathie dar. Wir erleben ihn hier als den großen Metaphysiker, den Entdecker des Gesetzes von Verstand, Bewegung und Materie, der aus seinen Erfahrungen heraus erkannte, dass die Welt noch nicht entwickelt genug war, um seinen einzigartigen Beitrag würdigen zu können.“332

Es zeigt sich, dass Still viele seiner Äußerungen aus Philosophy of Osteopathy in PMP korrigiert bzw. verfeinert hat. Während er beispielsweise im Zusammenhang mit dem dreifach differenzierten Wesen des Menschen in Philosophy of Osteopathy noch schreibt: „Alle rein verstandesmäßigen Schlussfolgerungen sind schlecht“ (im Original „bad“), hat er in PMP das Wort „bad“ in „based“ geändert, so änderte dass es dort heißt: „alle mentalen Schlussfolgerungen basieren“ sc. auf den sinnlichen Wahrnehmungen, Anm. d. Übers.]333, was im Kontext des Werkes wesentlich verständlicher ist.

Man berichtet, Still habe kurz nach der Veröffentlichung von PMP die Auslieferung des Buches gestoppt und versucht, die schon verkauften Exemplare zurückzuholen, da er der Überzeugung gewesen sei, das Buch spreche eine zu deutliche Sprache, und befürchtet habe, unzureichend vorgebildete Menschen könnten es unsachgemäß anwenden.334 In PMP scheinen zwei Still-Bücher kombiniert zu sein:

eine Ausarbeitung der in Philosophy of Osteopathy dargestellten Still’schen Philosophie unter Einbeziehung eines Großteils seiner viszeralen Methode, ergänzt um das Biogen-Kapitel, und ein noch nicht ausgereifter Vorläufer von Stills letztem Buch Research and Practice, in dem es um eine regionale Betrachtungsweise des Körpers geht.

Goodman schreibt über PMP auch:

„Noch rätselhafter ist, dass Still kurz nach dem Erscheinen einen sofortigen Stopp der Veröffentlichung verfügte. Daher wurden keine weiteren Exemplare verbreitet. So plötzlich, wie das geheimnisvolle Buch erschienen war, verschwand es auch wieder von der Bildfläche. Es verblieben so wenige Exemplare, dass viele Leute sogar die Existenz des Buches an sich in Frage stellten. Im Lauf der Jahre wurde es zu einer Rarität und heute ist es eines der am schwersten zugänglichen Dokumente in der Geschichte des osteopathischen Berufsstands.335

Georgia Walter, zwischen 1969 und 1986 Bibliothekarin im Kirksville College of Osteopathic Medicine Museum, erinnert sich an „Gerüchte“, wonach Still das Buch zurückgezogen habe, konnte dafür jedoch keinen Beweis finden. Zwar besaß, wie sie sagt, das Museum, dieses Buch noch nicht, als sie dort zu arbeiten begann, bekam allerdings später einige Exemplare von ehemaligen Studenten geschenkt.336

Folglich war PMP 80 Jahre lang nahezu verschwunden, bis es Osteopathic Enterprise, eine 1986 u. a. von den osteopathischen Ärzten Jerry Dickey und Larry Bader gegründete Firma von dem Exemplar, das Stills Enkelin Mary Jane Denslow besaß, reproduzierte. Doch auch heute werden davon nur etwa 100 Exemplare pro Jahr verkauft.337 Dass das Buch nicht sehr verbreitet war, zeigen einige Zusammenfassungen von Stills Werk. Shilton Webster-Jones, Korektorin der British School of Osteopathy (ausgebildet von John Martin Littlejohn) stellte Stills Schriften 1954 überblicksartig in der J. Martin Littlejohn Memorial Lecture dar,338 erwähnte aber dabei PMP ebenso wenig wie Jocelyn C. P. Probys ein Jahr zuvor in ihrer Zusammenfassung Still’scher Bücher im Rahmen der gleichen Vorlesung.339 Auch Robert Suter erwähnte PMP nicht, als er über die Beziehung von A. T. Still und Sir William Osler schrieb. Er spricht dort nur von Stills „drei Hauptwerken“.340 Allerdings ist es interessant, dass Robert Fulford D.O. offenbar sehr vertraut mit PMP war, denn er schrieb: „Bei Problemen, die mir nicht lösbar erscheinen, greife ich zu Dr. Stills Philosophy and Mechanical Principles of Osteopathy“.341

Da, soweit es Anzahl und Inhalt von Stills Bezugnahmen auf die Faszien anbelangt, ein Unterschied besteht zwischen Philosophy of Osteopathy und PMP, wird behauptet, dass man durch Vergleichen der beiden Bücher eine die Faszienkonzepte betreffende Entwicklung in Stills Denken zur Zeit der Jahrhundertwende nachverfolgen kann. Anders als in Philosophie der Osteopathie werden die Faszien in PMP nicht in einem eigenen Kapitel behandelt. Allerdings befasst sich ein kleiner Abschnitt am Anfang des Buches mit diesem Thema. Darüber hinaus findet man in beiden Büchern verstreut viele, zum Teil sehr profunde Bezugnahmen auf die Faszien.

Was PMP in puncto Faszien fehlt, macht es durch seine Bezugnahmen auf die Membranen und die Behandlung der Eingeweide wett. Für das Faszienkapitel in der vorliegenden Studie werden Stills Membranenkonzepte eine breite Basis bilden.

PMP ist aber nicht nur wegen des aussagekräftigen Abschnitts über Faszien wichtig für diese Studie, sondern auch, weil es Licht auf einige sehr bedeutende Einflüsse in Stills Leben wirft – vor allem, wenn man die Entstehung des Biogen-Kapitels verfolgt.

OSTEOPATHY RESEARCH AND PRACTICE

Stills viertes Buch, Osteopathy Research and Practice (1910), ähnelt im Stil zeitgenössischen medizinischen Lehrbüchern,342 was vor allem aus der Gliederung und den Abschnitten über Definitionen, Symptomatiken, Ätiologien, Prognosen und Behandlungen hervorgeht.343 Er schrieb es, um „die Wahrheit so genau wie möglich darzustellen und den Osteopathen dabei zu unterstützen, von der sichtbaren Wirkung auf die oft unsichtbare Ursache zu schließen.“344 Berichten zufolge fand auch dieses Buch nur wenige Leser, weil es jahrelang vergriffen war.345 Osteopathy Research and Practice erweist sich als aufschlussreich, weil es relativ wenig über Faszien enthält und den Fokus auf Membranen und viszerale Osteopathie richtet. Als Stills letztes Buch ist es relevant in Bezug auf die Entwicklung seiner Konzepte sowie auf die Bedeutung, die diese über die Zeit für ihn hatten.

WEITERE BÜCHER VON STILLS

Es gibt einige Hinweise darauf, dass Still noch andere Publikationen vorbereitet hat. Illustrated Practise [sic] of Osteopathy und Variationen dieses Titels erschienen im JO zwischen 1900346 und 1902.347 Womöglich handelt es sich dabei um frühe Bezugnahmen auf Osteopathy Research and Practice. In der Tat wurde aber am 18. Dezember 1899 das Copyright für Illustrated Practice of Osteopathy erteilt.348 Im August 1900 berichtete das JO, dass Still eine „Praxis“ vorbereite, die bald erscheinen und als Lehrbuch der Osteopathischen Praxis eingeführt werden solle.349 Und im Januar 1902 hieß es, er stelle seine „Praxis der Osteopathie“ fertig.350

Still beantragte offenbar zwei Copyrights – 18. Dezember 1899351 und 9. Februar 1900352 – für Illustrated Practice of Osteopathy und damit für ein Buch, das gar nicht zu existieren scheint, denn keiner der beiden Copyright-Anträge bestätigt die Einreichung der erforderlichen zwei Beleg-Exemplare. Von Interesse ist, dass Still die Illustrationen aus A Textbook of Anatomy by American Authors353 als begleitendes Bildmaterial für seine Practice of Osteopathy erbat.354 Dass offenbar einige Still-Artikel wie The Buzzard355 aus dem Manuskript von Dr. A. T. Still’s system [System?] on Independent Philosophy entnommen wurden, besagt folgender kurzer Hinweis im JO: „Die veröffentlichten Artikel stammen aus dem Manuskript Dr. A. T. Still’s system [System?] on Independent Philosophy, das bald erscheinen wird.“356 Es scheint allerdings keinerlei Beleg für diese Publikation zu geben.357 The Publishers’ Printing Company (New York) schrieb am 28. Oktober 1897 an Stills Freund John Musick: „Wir haben das Manuskript, die Schnitte und den Scheck für das neue Buch von Dr. A. T. Still erhalten. Wir werden mit der Bearbeitung beginnen und Ihnen sobald wie möglich Fahnen zukommen lassen.“ Debra Loguda-Summers, Kuratoriums-Assistentin am Still National Osteopathic Museum und am National Center for Osteopathic History konnte bestätigen, dass alle im Kirksviller Museum vorhandenen Still-Bücher entweder von ihm selbst oder vom Verlag des JO verlegt worden sind.358 Am 30. August 1897 beantragte Still ein Copyright für Obstetrics und für Osteopathy, A text book devoted to the principles and practice of Osteopathy as applied to the treatment of disease.359 Eine von Lawrence W. Onsager veranlasste Suche nach Bestätigungen für Stills Copyrights begann allerdings erst mit dem Jahr 1898, schloss das Jahr 1897 also nicht mit ein.360

Nach dem Tod seines Freundes Musick (13. April 1901) äußerte Still: „Ich bin bereit, für ihn [Musick] ein weiteres Buch zusammenzustellen, und zwar A. T. Still’s Complete Work of Osteopathy.“361 Aber auch für das Erscheinen dieses Buches gibt es keinerlei Beleg.

Jorunal of Osteopathy

Im Journal of Osteopathy (JO), von der ASO zum ersten Mal im Mai 1894 herausgegeben,362 veröffentlichte Still über 200 Artikel, wovon die ersten Abdrucke von Ansprachen sowie Aufsätze zur Organisationsgründung und zu Erfolgen der ersten Graduierten363 waren. In den letzten 10 Jahren seines Lebens erschienen von ihm nur noch wenige Beiträge. Der letzte bedeutende war der Nachdruck seiner Rede vor der Missouri State and Mississippi Valley Osteopathic Association zu seiner Philosophy of Immortality.364 Bis R. P. Schnucker D.O. 1991 die meisten von Stills Aufsätzen unter dem Titel Early Osteopathy in the Words of A. T. Still herausbrachte, waren die JO-Artikel kaum aufzutreiben. Vor 1991 besaßen nur zwei amerikanische osteopathische Colleges alle frühen Bände des JO, die Stills Aufsätze enthalten: das Michigan State University und das Kirksville College of Osteopathic Medicine.

In diesen Aufsätzen findet sich manch einzigartige Still’sche Idee, die sonst nirgendwo in seinen Schriften erscheint.

Unveröffentlichte Manuskripte

Das Still National Osteopathic Museum beherbergt unter anderen folgende unveröffentlichte, katalogisierte Texte:

Hand- und maschinengeschriebene Originaltexte von Still (Aufsätze, Reden, Briefe) außerdem Briefe an Still, Nachrufe, Kondolenzschreiben und weitere Texte, die sich auf Stills Tod 1917 beziehen, sowie verschiedene Still betreffende Dokumente. Größtenteils handelt es sich dabei um Originale. Die Sammlung enthält auch einige Referenzexemplare von anderswo aufbewahrtem Textmaterial. Dokumente, bei denen Stills Autorenschaft fraglich ist, sind in den Box- und Ordnerlisten vermerkt.365

Der Hauptteil dieses Materials wurde dem National Center for Osteopathic History (NCOH) von Elizabeth Laughlin, der Witwe von Stills Enkel George Andrew Laughlin, gespendet (aaO.).

Verschollene Texte

Einige von Stills Texten werden wohl kaum wieder auftauchen und alle Berichte von Personen, die angeben, diese Texte gesehen zu haben, sind mit Vorsicht zu behandeln, denn „auch eine vertrauenswürdige Quelle kann ungenau sein – weil zum einen die Erinnerung über die Zeit blasser wird und weil zum anderen auch Augenzeugen, deren Aufmerksamkeit ja oft nur einseitig konzentriert ist, ein Geschehen nicht völlig unverfälscht wiedergeben können.“366 Mit dieser Warnung im Hinterkopf wird hier durch Nacherzählen der in Interviews und zusätzlichen persönlichen Gesprächen gemachten Äußerungen von Jerry Dickey D.O., John Jones, III., D.O., Harold Magoun junior D.O. und Ed Stiles D.O. sowie anhand von Zitaten aus dem Buch von Charles E. Stills junior D.O., Frontier Doctor, Medical Pioneer, über die verschollenen Still-Texte berichtet. Dies ist höchst wichtig, denn es zeigt sich, dass das gegenwärtige Bild von Still nur unvollständig ist, weil einiges Textmaterial aus seinem Nachlass offenbar von Mitgliedern seiner Familie absichtlich zensiert oder gar vernichtet wurde. Da Still geschrieben hat, dass die Wohnstätte von Seele und Geist die Faszien sind367, muss man seine Faszienkonzepte auch in Beziehung zu seinem Interesse am Spiritismus setzen.

Cheryl Gracey, Kuratorin des Still National Museum of Osteopathic History, erklärte: „Das einzige Notizbuch, das wir von Still besitzen, ist ein etwa 6 mal 15 cm großes, in rotes Leder gebundenes Büchlein mit 30 unlinierten Blättern. Es wurde von hinten nach vorne beschrieben, und zwar nur die Innenseite des Umschlags und einige Seiten.“368

Um diesen Bericht zu vervollständigen, müssen erst drei von Stills Enkelkindern identifiziert werden: Stills Tochter Blanche heiratete George Laughlin, D.O., (1873–1948). Sie hatten zwei Kinder, Mary Jane Denslow (1924–1991), Ehefrau des osteopathischen Forschers Sted Denslow (1906–1982), und George Andrew Laughlin, D.O., (1918–1981), Ehemann von Elizabeth Peterson (Laughlin), die später einen Großteil des in der A. T. Still Collection am Still National Osteopathic Museum, Kirksville, aufbewahrten Materials spendete. Das dritte Enkelkind ist der schon oft erwähnte Charles E. Still junior (in der Folge als Charlie bezeichnet), Sohn von Charles E. Still senior. Er war mit Doris Still verheiratet.

Einer A. T. Still Manuscript Collection genannten Broschüre zufolge gingen die Still Manuscripts nach Stills Tod 1917 zunächst an George und Blanche Laughlin. Ein Feuer in deren Haus zerstörte jedoch 1925 nahezu den gesamten, dort befindlichen Nachlass an Still-Texten.369 Einiges von dem Still’schen Textmaterial war jedoch der Osteopathy Collection 1887–1941 am Smithsonian Institute (Smithsonian Institution Research Information System Archives) übergeben worden. Nach Blanches Tod gingen die Erbstücke an ihren 1981 verstorbenen Sohn George Andrew, dessen Witwe Elizabeth die Behälter mit den Manuskripten aufbewahrte. „Obgleich die A. T. Still Memorial Library schon vorher einige Manuskripte erhalten hatte, erfolgte die Hauptschenkung, die über 2000 Seiten umfasste, im Frühjahr 1990.“370

Jerry Dickey, D.O., zufolge, der sich hier auf Stills Enkelin Mary Jane Denslow beruft, wurden die übrigen Materialien aus Stills Nachlass irgendwann zwischen 1959 und 1981, als George Andrew Laughlin noch lebte, von der Familie gesichtet.

Gegen Ende ihres Lebens teilte Mary Jane Denslow ihrem Kirksviller Nachbarn und Freund Jerry Dickey mit, dass um 1970 oder vielleicht auch schon 1963 die noch lebenden Enkel von Still dessen Manuskripte „akribisch durchforstet hätten“. Ein anberaumtes Familientreffen habe Folgendes ergeben:

„Die Mehrheit plädierte für die Säuberung der vorliegenden Informationen … alles, was auf spiritistische Tendenzen hinwies, wurde herausgenommen. Denn der Familie erschien dieses Material zu explosiv, es hätte definitiv die Dinge ins Wanken gebracht und seine [A. T. Stills] Reputation und damit auch die ihre [der Enkel] ruiniert … die Mehrheit der Familie entschied, dass sie ihre relativ anerkannte Stellung nicht gefährden wolle.

Daher beschlossen sie [die Enkel], dass dieses Wissen bzw. dieser Aspekt von A. T.Still nicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfe.“ 371

Dr. Dickey erzählte, Mary Jane habe ihm mitgeteilt „dass es einen Koffer mit ausschließlich spiritistischem Material gab, das von der Familie durchgesehen wurde … Es wurde Charlie anvertraut. Er packte es in einen muffigen Koffer, er besaß einen Koffer voll mit diesem Zeug.“372

Allerdings, so erklärte Dickey weiter, habe sich Mary Jane damals als Minderheit in der Familie gegen jede Säuberung der Werke ausgesprochen und gesagt: „Das war auch ein Aspekt von ihm [Still]. Wir dürfen nicht darüber entscheiden, was die Leute sehen dürfen und was nicht. Dazu haben wir kein Recht.“373 Dr. Dickey beschrieb, wie es dazu kam, dass er das Material sichten konnte: „Charlie ließ mich das Material nur sehen, weil seine Cousine, die er achtete, ihm das befahl … Als er [Charlie] dann meiner Frau Kathy und mir erlaubte, den Koffer durchzusehen war er hypernervös … Von sich aus hätte er das wohl niemand gezeigt. Er wollte dieses Wissen nicht mit mir teilen.“374

„Meine Frau und ich saßen in ihrem [Charlie und Doris Stills] Apartment in Scotsdale, Arizona, und während sie uns sehr nervös beobachteten, konnten wir schätzungsweise eine Stunde lang das Material durchsehen. Ich bezweifle ernsthaft, dass außer uns jemand das Tagebuch [Stills Tagebuch im Koffer] gesehen hat.“ 375

Dr. Dickey äußerte über den Inhalt des Koffers:

„Es war ein ganzer Koffer voller loser Blätter, nicht nur ein Tagebuch … Manches machte überhaupt keinen Sinn, denn es waren zusammenhanglose Gedanken auf einzelnen Papierstücken … Meine Aufmerksamkeit wurde vor allem von einem Taschennotizbuch gefesselt. Es war braun, besaß Taschengröße, war gebunden und das Papier war liniert. Es war fest eingebunden und offensichtlich in Stills Handschrift geschrieben, von der ich viele Beispiele gesehen habe. Er benutzte immer einen Bleistiftstummel. Ich nahm das kleine Notizbuch und ging es durch und schließlich begriff ich, dass es sich um eine Serie von Antworten auf spezielle Fragen handelte, aber die Fragen waren nicht in dem Buch. Und ohne die Fragen ist die Information nutzlos. Allerdings belegt es zweifelsfrei, dass er Spiritist war, weil er – da können Sie mich ruhig zitieren – sogar das Medium namentlich identifiziert hat.“ 376

Still habe, so Dickey, in diesem Buch „sein Medium als ‚Matah aus dem Orient – beantwortet Deine Fragen‘ identifiziert … Wir [Dickey und seine Frau Katy] haben versucht, es als ein Wort aufzuschreiben, aber es sah komisch aus. Das ‚h‘ [in Matah] ergab keinen Sinn. Wenn er also über eine indi(ani)sche Frau spricht, dann meint er eine Frau vom Subkontinent [im Unterschied zu einer nordamerikanischen Indianerin].“377

Die Autorin befragte Dr. Dickey daraufhin, ob es in dem besagten Material um Osteopathie gehe oder um rein Persönliches. Dr. Dickey: „Das kann ich Ihnen nicht beantworten, weil es sich bloß um Antworten handelte. In einigen Fällen ging es auch um etwas so Banales wie Längen und Breiten. Es waren immer ein oder zwei Sätze, ohne jeden Kontext, offenbar eine Anwort, aber eben ohne die Frage.“378

Interviews mit Ed Stiles ermöglichten zusätzliche Einblicke in den Umgang der Still-Familie mit jenem explosiven Textmaterial. Ed Stiles begann das Interview mit folgender Eröffnung: „Sie wissen, dass behauptet wird, Still sei Spiritist gewesen. Ich denke, dass sich dafür einige Argumente liefern lassen.“379 Er betonte aber, dass sein Forschungspartner am Pikeville College of Osteopathic Medicine, Robert Davis, dafür keinen stichhaltigen Beleg gefunden habe.380

Stiles erzählte auch, dass er George Andrew McLaughlin mehrmals jährlich zu besuchen pflegte. „Nach dem Abendessen führte er mich immer in das Wohnzimmer. Er öffnete ihn [einen gläsernen Bücherschrank aus Stills Wohnung] und gab mir dieses [Stills] Buch zu lesen. Er sagte, lesen Sie das, und ich las. Dann kam er ganz überraschend, nahm es und schloss es wieder weg. So verhielt es sich jedes Mal, wenn ich dort war.“381

Carol Trowbridge, die die Laughlins ebenfalls besucht hatte, erinnerte sich zwar an den gläsernen Bücherschrank, nicht aber an dessen Inhalt, geschweige denn an Bücher von Still.382 Obgleich John Jones III. D.O. und Charlie Freunde waren, erfuhr Dr. Jones nur aus anderen Quellen, dass Charlie, ein Tagebuch von A. T. Still besaß. Als Dr. Jones ihn danach fragte, erklärte Charlie: „Es ist eigentlich kein Tagebuch … die Leute nennen es zwar das Tagebuch, aber ist eigentlich keines. Es ist ein Terminkalender für ein Jahr.“383

Als Dr. Jones darum bat, das „Tagebuch“ sehen zu dürfen, sagte Charlie, „es stünden einige Dinge darin, die nach Meinung seiner Enkel sogar innerhalb, sicherlich aber außerhalb des Berufsstands dazu führen würden, Still eher als Spinner zu betrachten oder aber als Person, die groteske Ideen vertreten habe. Bevor man also seine Reputation beschmutze, wo es doch nach ihrer Meinung schon genug Auseinandersetzungen um ihn gebe, werde man das Buch lieber vernichten.“384

Trotzdem erhielt Dr. Jones die Erlaubnis, sich kurz das Buch anzusehen, das er etwas anders beschreibt als Dr. Dickey.

„Die Seiten waren etwas vergilbt, aber nicht sehr. Und der Einband mag zu Beginn weiß gewesen sein, doch über die Zeit hin kann sich die Farbe geändert haben, auch durch Schmutz, jedenfalls war sie beige. Ich kann mich nicht an die genaue Größe erinnern, vielleicht 20 cm hoch und 13 cm breit. Es sah ein wenig wie ein Taschen-Terminkalender aus, den man zu Neujahr bekommt. Ich spreche von einem, den man als Geschenk bekommt. Das Buch war etwas breiter als diese Art. Es sah nicht aus wie ein gewöhnliches Tagebuch. Doch es war etwas breiter als ein Geschenkkalender für jeden Tag. Die Seiten waren auf jeden Fall breiter, daran erinnere ich mich … Weiterhin handelte es sich hauptsächlich um Bleistiftschrift.“ 385

Als die Autorin danach fragte, ob Charlie ihn auf die Bezeichnung „Matah aus dem Orient“ hingewiesen habe, antwortete Dr. Jones: „Charlie hat mir in der Tat den Abschnitt gezeigt, aber sofern ich weiß, hatte ich damals den Eindruck, es ginge um eine örtliche Indianerin, die als Medium wirkte.“386

Erneut befragt teilte Dr. Jones mit: „Ich erinnere mich, etwas von dem Zeug über das indianische Medium gesehen zu haben. Der Abschnitt, den mir Charlie als besonders charakteristisch für die spiritistische Sichtweise zeigte, war in sehr schlechter Handschrift geschrieben. Ich habe es so verstanden, dass er von einer indianischen Frau sprach. Ich verstand es so, dass es eine Frau war mit dem Namen, den er verwendete, obwohl er nur sagte, dass es sich um ein indi(ani)sches Medium handelte.“

Dr. Jones sagte weiterhin, er habe versucht, Charlie davon zu überzeugen, dass man das „Tagebuch“ retten müsse, und ihm vorgeschlagen: „Sie könnten es in einem Umschlag versiegeln lassen, der erst in 20 oder 50 Jahren geöffnet werden darf.“ Doch Charlie Still habe das nach einiger Überlegung abgelehnt. Er habe, so Jones, Charlie dann zwei Wochen vor dessen Tod noch einmal besucht und obwohl er sich „entschlossen hatte ihn nicht im mindesten zu bedrängen“, eröffnete Charlie ihm, er habe darüber nachgedacht, doch die Enkel hätten nun einmal diese Vereinbarung getroffen und nach seinem Empfinden, sei sie immer noch gültig und er werde sich daran halten.387

Georgia Walter erklärte gegenüber der Autorin, sie habe gewusst, dass Charlie Still einige Texte von A. T. Still besaß, aber sie sei sich keiner „geheimen Texte“ bewusst. Sie erzählte, wie nach der Vollendung von Charlies Buch Frontier Doctor, Medical Pioneer sein Haus in Arizona gebrannt habe: „Die gesamten Papiere zusammen mit Bildern und fast allem, was er sonst besaß, wurden dabei vernichtet.“388 Dr. Jones sagte jedoch: „Ja, ich weiß von dem Feuer … Aber das sogenannte ‚Tagebuch‘ war unversehrt, ich sah es später in einem Haus, dass Charlie und Doris gemietet hatten.“389 Von der Autorin befragt, ob sie etwas von Stills Tagebuch bzw. von Papieren wisse, die Charlie Berichten zufolge aufbewahrt habe, antwortete Carol Trowbridge, die Charlie ebenfalls gut gekannt hatte: „Ich weiß, das klingt komisch, aber ich habe Charlie niemals danach gefragt und er hat mir auch nichts darüber gesagt. Ich weiß nichts über das Behältnis mit dem Material.“390 Dr. Jones meinte zum Verbleib des Tagebuchs:

„Ich halte es für das Allerwahrscheinlichste, dass Charlie es in die Mülltonne geworfen hat und niemand um seine Bedeutung wusste.“ 391

„Ich sprach mit seiner Frau und seinen Söhnen nach seinem Tod über das Tagebuch. Doch sie wussten nichts darüber und sagten, falls sie es fänden, würden sie mit mir Kontakt aufnehmen. Daher glaube ich, dass er es einfach in den Müll geworfen hat. Er sagte ja, er werde es zerstören, so wie unter den Enkeln beschlossen. Monate später habe ich die Familie noch mal besucht, aber sie hatten nichts gefunden.“ 392

Die einzigen noch verbliebenen Kostproben aus A. T. Stills unveröffentlichten und nicht katalogisierten Notizen enthält demnach das von Charlie verfasste Buch.393 Es bestätigt weder noch verteidigt es die Säuberung bzw. Beseitigung von Stills spiritistischen Schriften und Notizen, gewährt aber weitere Einsichten in Stills Interessen und bietet einige Beispiele aus Stills nicht verfügbaren Schriften. Charlie besaß, wie er in seinem Buch schreibt

„ein metallenes Behältnis, in das Papa [Charles Still, Sr.] Briefe zusammen mit Schriften von Charles Stills gelegt hatte. Sie waren über 60 Jahre gelagert worden.“394 Er offenbart auch, dass er sich bei der Arbeit an seinem Buch nicht nur auf die Aufzeichnungen seines Vaters, sondern in einem Punkt auch auf die Notizen von A. T. Still gestützt hat,395 und er erzählt aufgrund dieser Lektüre:

„Während der ersten Wochen seiner Meditationsversuche probierte er [A. T. Still], wie seine Notizen zeigen, offenbar erneut einige der Techniken aus, mit denen er es schon 10 Jahre zuvor versucht hatte, als er sich in den Spiritismus vertiefte … Damals hatte er Kontakt mit dem Geist [A. T. Still] einer Matah genannten ind(ian)ischen Frau aufgenommen und ihr einige philosophische Fragen gestellt. 396

Charlie beschreibt auch ein rotes Taschennotizbuch/-tagebuch, dass A. T. Still bei sich geführt habe, um seine „philosophischen Betrachtungen“ aufzuzeichnen. Da dieses Notizbuch vorgedruckt war, standen Still für seine Aufzeichnungen nur die Seitenränder zur Verfügung. Charlie stellte fest: „Sein [A. T. Stills] Abkürzungssystem und seine durchgehend schlechte Rechtschreibung machen es dem Leser schwer, mit absoluter Sicherheit die Bedeutung der Sätze zu erfassen.“397

Ken Bacher, der Charlie beim Verfassen seines Buches half und ihn mehrmals in seinem Apartment besuchte, bestätigte der Autorin, ein rotes Notizbuch gesehen zu haben, dessen Seitenränder in denkbar schlechter Handschrift beschrieben waren. Von einen Koffer voller Schriftstücke wusste er jedoch nichts.398

Für die Autorin ist es schwer nachvollziehbar, wie Charlie allein aufgrund der Eintragungen an den Seitenrändern eines vorgedruckten Notizbuch einige poetische Texte von A. T. Still wiedergeben konnte, die er ebenso wie zwei von Stills immer wiederkehrenden „philosophischen Betrachtungen“, nämlich Sammlung und Kontinuität im Denken, in seinem Buch veröffentlicht hat.399 Charlie zeigte A. T. Stills Notizen auch einer im Raum Denver ansässigen Bibliothekarin namens Per Brown, die zusammen mit drei „osteopathischen Verwandten und einem Psychologen“400 versuchte, die Eintragungen in dem roten Notizbuch genauestens zu interpretieren. Eine Zusammenfassung ihrer Interpretation findet sich auszugsweise in Charlies Buch. Grundsätzlich stellten sie fest, dass die Handschrift sehr schwer lesbar war und eine Menge Fehler und Wortumkehrungen enthielt, die zum Teil im Nachhinein korrigiert worden waren. „Vermutlich ist es vor allem falscher Satzbau, der den Sinn des Geschriebenen unklar bleiben lässt. Bei einer richtigen Syntax könnte sich aus den Äußerungen eine völlig andere Bedeutung ergeben.“401 Im Verlauf der Forschung wurde deutlich, dass Harold Magoun junior D.O. einer der besagten „drei osteopathischen Verwandten“ ist, die in Charles E. Stills Buch beschrieben werden. Dr. Magoun bestätigte das auf Anfrage.402 In den späten 1970er-Jahren erhielt Dr. Magoun junior die Erlaubnis, private Texte von Still zu sichten. Wie er bestätigte, ging es darin tatsächlich um spiritistische Themen.403 Was die anderen „Verwandten“ anbelangt: Per Brown ist heute schwer krank und wird zweifellos kein weiteres Licht auf den Inhalt werfen können, und der dritte „Verwandte“, ein Patient von Dr. Magoun, der sich damals mit Spiritismus beschäftigte, ist inzwischen verstorben.

Details des Tagebuchinhalts werden im Abschnitt über den Spiritismus behandelt. Dr. Magoun bestätigte, dass das Tagebuch, das er zu sehen bekommen habe, nicht das in Charlies Buch erwähnte gewesen sei, sondern ein etwa 12,50 cm x 15 cm großes und ungefähr 1,5 cm dickes „von dunkler Farbe und ohne jeden Vordruck“. Es enthielt also um die 50 bis 60 Seiten.404 Kurz nach Charlies Tod 1995, schenkte seine Witwe Doris das Textmaterial aus Charlies Besitz dem Still National Osteopathic Museum. Die neun Seiten umfassende Inventarliste der katalogisierten Schriftstücke enthält aber weder einen Hinweis auf die von Dr. Dickey erwähnten losen Seiten noch auf die von Dr. Jones und Dr. Magoun beschriebenen „Tagebücher“. Nur ein einziger Ordner könnte einige dieser Dinge enthalten haben.405

Zusammenfassung

Man kann davon ausgehen, dass es für einen heutigen Osteopathen oder Historiker, der aus A. T. Stills Philosophie sowohl die Person als auch die Osteopathie betreffende Schlussfolgerungen ziehen möchte, von Vorteil wäre, wenn er Zugang zu Stills sämtlichen Aufzeichnungen hätte. Wie hier gezeigt, war bis vor zehn oder 15 Jahren an die meisten von Stills frühen Zeitschriftenartikeln und an eines seiner Bücher aus verschiedenen Gründen so gut wie nicht heranzukommen. Still veröffentlichte vier Bücher, wovon das dritte, Philosophy and Mechanical Principles of Osteopathy, vor der 1986 erfolgten Neuauflage nur in wenigen Exemplaren verbreitet war. Es enthält ein merkwürdiges Kapitel mit der Überschrift Biogen und sehr entwickelte Gedanken über Faszien sowie – noch wichtiger – über Membranen.

Es gibt mindestens drei, seit 10 Jahren verschollene Notizbücher/Tagebücher, die vermutlich Beweise für Stills Verbindung zum Spiritismus enthalten, deren Öffentlichmachen nach der mehrheitlichen Meinung von Stills Hinterbliebenen reputationsschädigend gewesen wäre. Diese mögliche Verbindung könnte aber wichtiger Schlüssel zum Verständnis seiner Faszienkonzepte sein, zumal er die Faszien als Wohnstätte von Seele und Geist bezeichnete.

Stills Rede- und Schreibstil

„Der Stil mag rau und ungehobelt erscheinen. Wenn es sich so verhält, möchte ich als Entschuldigung nur das anführen: Es ist nach meiner Art und Gewohnheit zu reden gesprochen … [und] ohne Rücksicht auf die Regeln des guten Schreibens.“ 406

Redestil

Obgleich es keine bekannten Aufnahmen von Stills Stimme und keine lebenden Osteopathen oder Familienglieder mehr gibt, die sich an sie erinnern könnten, ist es wichtig, Stills Redestil Beachtung zu schenken, denn der Still-Biograf Booth (1905) sowie Freunde und Studenten von Still sind lebendige Aufzeichnungen von vielem, was er gesagt hat. So meinte etwa W. J. Conner D.O.: „Er redete jeden Tag zu uns. Doch viel davon rauschte gewöhnlich so hoch über meinen Kopf hinweg, dass ich nur den Klang hörte.“407 Conner, der Still seit 1874 kannte, veröffentlichte The Mechanics of Labor Taught by Andrew Taylor Still408, eine Publikation, die noch vor einigen Jahren (2002) als Unterrichtsmaterial in einem Kurs am Canadian College of Osteopathy diente (Canadian College of Osteopathy, 2002). Sowohl in der Autobiography als auch in JO-Artikeln finden sich Drucke und Neudrucke Still’scher Reden oder Ansprachen. Ein Zeitgenosse bemerkte über Stills rednerisches Auftreten: „Seine Darlegungen strotzen von scharfsinnigen, prägnanten und schlagenden Argumenten. Er hielt seine Zuhörer in Bann.“409

Andrew Taylor Still war schwer zu verstehen. In der ersten Still-Biografie schrieb E. R. Booth, über Stills Redestill:

„Die Überfülle solcher Gedanken in seinem Verstand … verleiht seinen Vorträgen, aber auch seiner Konversation oft ein mystisches Flair, etwas Übernatürliches. Seine Ideen entwickeln sich schneller, als er sie ausdrücken konnte. Seine tiefsten Gedanken bilden sich in seinem Verstand häufig mit derartiger Geschwindigkeit und werden in so schneller Folge artikuliert, dass der Hörer beim Versuch ihnen zu folgen ganz benommen wird und sich vielleicht fragt, ob diesen Äußerungen wirklich ein zusammenhängendes Prinzip zugrunde liegt.“ 410

Im ersten Moment erinnert Stills Sprach-Stil an Harry Ward Beecher (1813–1887), einen amerikanischer Theologen, der im ganzen Land für seine Predigten, seine gefühlsbetonte Redeweise und seine unorthodoxe Theologie berühmt war. Still kannte Beecher und andere Theologen, missbilligte aber deren hohe Einkünfte.411 Das Predigen des Evangeliums erlebte Still wohl erstmals in den 1830er-Jahren in den methodistischen Zeltlagern seines Vaters. Wanderprediger im Grenzland benutzten die damals dort übliche Umgangssprache, um Resonanz beim Publikum zu finden.412 Sie bewegten sich auf der geistigen Ebene ihrer Zuhörer und sprachen in Metaphern und Gleichnissen, „um ihr wirres Haar zu durchdringen und in ihren Intellekten haften zu bleiben“.413

Da viele von Stills Reden als Kapitel in seinen Büchern und als Aufsätze in Zeitschriften, insbesondere im JO, gedruckt worden sind, sollte man sich stets daran erinnern, dass sie selbst für diejenigen, die Still gut kannten, schwer zu verstehen waren.

Schreibstil

„Er [Still] bemühte sich nicht unbedingt darum, uns die Details der Wissenschaft zu erläutern – die mit der Zeit ohnhin von selbst dazukamen –, sondern er wollte uns zum Ursprung, zu den Quellen führen, sodass wir diesen Gesichtspunkt schätzen, diese Art der Osteopathie verstehen lernten.“414

Eine wichtige, bei der Lektüre von Stills Schriften gewonnene Beobachtung ist, dass vor allem beim Deuten seiner Gedanken Vorsicht geboten ist aufgrund der vielen, im gesamten Werk auftauchenden, oft geheimnisvollen allegorischen Darstellungen, die sogar seinen erster Biografen verblüfften.415 Jetzt, ein Jahrhundert später, ist das Ganze eher noch schwieriger geworden, denn Äußerungen wie „Unbewegt und leer wie ein Fischteich im Mondlicht gehe ich davon“416 scheinen dem heutigen Leser zunächst wenig Sinn zu machen.

Tucker erinnerte seine Leser daran, dass sich:

„eine Lektüre dieser Bücher vor dem Hintergrund heutiger wissenschaftlicher Erkenntnisse mühsam gestaltet. Sehen wir der Tatsache ins Auge … Seine Sprache ist ganz einzigartig, ein bisschen altmodisch, mit Anspielungen auf die Heiligen Schriften, gelegentlich ein wenig umständlich. Oft fällt es einem schwer, über den Stil nicht so belustigt zu sein, dass man die Intensität dieses Nachforschens, seinen aus Sehnsucht geborenen Mut übersieht. Doch wenn wir uns öffnen und unsere Gefühle antworten lassen, dann werden wir absoluten Mut entdecken (der in einem dummen Menschen leicht aufsteigen mag, sich mit zunehmender Intelligenz aber immer schwieriger gewinnen lässt). Ebenso begegnen wir absoluter Ehrlichkeit, die gewiss beabsichtigt ist. Und wir bemerken, wie tief er selbst in das Problem eingedrungen ist. 417

„Er [Still] war ein komplexer Mensch und seine Schriften, in der Sprache seiner Zeit geschrieben und voller Allegorien, sind oft schwer zu verstehen. Bedauerlicherweise haben die Historiker später diese Allegorien oft wörtlich genommen und so ihren Sinn verfehlt.“418

Was das Ganze noch schwieriger macht, ist, dass Still nur wenige Quellen zitiert und sich stattdessen auf „Gott und die Erfahrung“419 sowie auf die „Gebote der Natur“420 beruft.

Er hatte einen ganz eigenen Schreibstil. Seine schriftlichen Texte sind wie seine Reden von Metaphern und Allegorien durchzogen. Für einen Forscher ist es daher von größter Bedeutung, diese allegorischen Äußerungen zu sieben, um das eigentliche Gold zu entdecken und sich nicht durch alles, was da so glitzert, täuschen zu lassen.

Stills Enkel, Charlie Still, betonte, Andrews Schreibstil und seine ziemlich durchgehende Verwendung allegorischer Bezugnahmen hätten es vielen Lesern schwer gemacht, den genauen Sinn der Texte zu erschließen.421 Still verunklarte seine Sätze, indem er z. B. eine darin verwendete Allegorie erneut allegorisch erläuterte. Ein Beispiel: „Diese allegorische Bild wurde verwendet, damit sich dein Verstand an festliche Bewirtung gewöhnt und etwas über die Formen der Lebensorgane im menschlichen Körper lernt.“422 „Still lehrte manchmal in Parabeln, deren Sinn manche Menschen zwar niemals begriffen, die sich den Denkern, die sie hörten und miterlebten, aber unauslöschlich einprägten.“423 Dr. Charles Hazzard sagte: „Zunächst verwirrte mich der allegorische Stil des Alten Doktors. Ich wusste nicht recht, worüber er bei seinen Vorträgen sprach. Doch allmählich lernte ich, ihm zu folgen.“424 Dr. Nora Pherigo-Baird berichtete, nur 25 % der Klasse hätten Still verstehen können:

„Eine Zeit lang konnte ich ihn nicht begreifen. Das schien mir daher zu kommen, dass er ein so überlegenes Wesen mit so vielen Eigenschaften war, zugleich aber schlicht und ungekünstelt. Man musste ihn schon genau kennen, um ihn zu verstehen.“ 425

Tucker beschrieb Stills als jemand, der seine Gedanken nicht einfach in Worte umsetzt: „Das war nicht sein Metier. Seine Worte kreisten wie eine Felge um die Nabe, als bewegten sie sich um ein geheimes Zentrum, eine geheime Quelle.“426

Dr. Clarence V. Kerr erklärte, warum Still sich dieses unnachahmlichen, von Metaphern, Allegorien, Analogien und Parabeln durchzogenen Sprachstils bediente. Still, so berichtete er, habe ihm gesagt, dass er bei der Darstellung seiner Themen deshalb zu ungewöhnlichen Vergleichen greife, weil das die Hörer stärker fessele und ihre Aufmerksamkeit so erhöhe, dass sie das Wesentliche besser aufnehmen könnten, als wenn er sich in langweiligen Aufzählungen trockener Fakten erginge.427

Aus einer anderen Perspektive hat Robert Davis, Professor für Philosophie und Religionswissenschaft am Pikeville College of Osteopathic Medicine, Stills Sprache in drei Aspekte untergliedert: den Newtonschen Aspekt, den Aspekt der industriellen Revolution und den evangelikalen Aspekt. Zusammengefasst, so David, respräsentieren diese Aspekte oder Stilformen Stills Sprachstil und vermitteln worum es Still ging und warum er so sprach:

„Sein Newton’scher Stil basierte auf dem alten quantifizierten Universum Newtons, dem Universum quantifizierter Gesetze, an das Still zu glauben schien. Im Newton’schen System läuft alles wie ein Uhrwerk, sowohl das gesamte Universum als auch alles Einzelne. Der zweite Aspekt seines Stils ist geprägt von der industriellen Revolution, die damals von Chicago ausgehend jenen Teil des Landes erfasste. Sie werden sehen, wie viele Metaphern aus der Mechanik er verwendet. Der dritte Aspekt entspringt seinem methodistischen Hintergrund …. Und wie tief sein Glaube auch gewesen sein mag, er war durch und durch evangelikal.“ 428

Die Autorin möchte Davis’ Analyse hinzufügen, dass Still sich auch der Sprache der Freimaurer bediente, wenn er z. B. sagte: „Sieh zu, dass die Oberfläche waagerecht ist, die Seiten im rechten Winkel stehen und benutze dein Lot entsprechend.“429 Relevanter für die vorliegende Studie sind jedoch seine in Bezug auf Faszien verwendeten militärischen Analogien wie im berühmten Kapitel X:

„Dies ist die Festung, die der Feind des Lebens durch Krankheit und Winde im Kampf erobert, und wo er seine schwarze Flagge hisst: „Besetzt!“ 430

Still benutzte Websters Wörterbuch431 und verfocht Websters Forderung nach einer amerikanischen Sprache. „Die Pionierfamilien im Grenzland brachten damit ihren Kindern das Lesen bei, in den Schulen war es ein grundlegendes Lehrbuch.“432 Der Webster-Biograf K. Alan Synder, beschrieb in Defining Noah Webster, A Spiritual Biography wie Webster einen erstaunlichen Einfluss auf Denkweise und Moral im frühen Amerika gewann.433 „Webster glaubte glühend an die sich entwickelnde kulturelle Autonomie der Vereinigten Staaten. Dazu gehörte ihm zufolge vor allem eine klar unterschiedene amerikanische Sprache mit eigener Ausdrucksweise und Aussprache.“434 Websters Impetus wird von Still reflektiert, wenn er beispielsweise sagt: „Ich werde ein schlichtes Englisch sprechen“435 oder „Lasst Euer Griechisch und Latein weg! Sprecht die Sprache der Vereinigten Staaten!“436 Wie schwierig es oft ist, Stills Texte zu verstehen, zeigt z. B. seine folgende Äußerung: „Ich sezierte und beobachtete die Arbeit der weltbesten Anatomen.“437 Sie könnte den Leser glauben machen, Still habe die Möglichkeit besessen, den besten Anatomen der Welt bei der Arbeit zuzuschauen. Doch diese Schlussfolgerung ist höchst zweifelhaft, da Still selbst darauf hinwies, dass er fast sein ganzes Leben im mittleren Westen der Vereinigten Staaten verbracht hat.438 Abgesehen von seinem Freund William Smith, früher Professor an der ASO, befanden sich die besten Anatomen seiner Zeit aber in Paris und London. Und die besten amerikanischen Anatomen lehrten an den größeren medizinischen Colleges in New York, Boston, Philadelphia und Cincinnati.

Die außerordentliche Professorin für Anglistik und Amerikanistik Michelle Gadpaille wurde gebeten, Stills Äußerung unter Berücksichtigung der eben angeführten Tatsachen zu analysieren. Sie war der Meinung, dass es sich um eine Übertreibung handle oder auch einfach nur um eine merkwürdige Redewendung, in der „ein und derselbe Vorgang von zwei Verben modifiziert wird, wodurch er einmal einen metaphorischen und einmal einen wörtlichen Sinn bekommt. In diesem Fall könnte man sagen, Still sah (‚beobachtete‘) im Bürgerkrieg das, was er für Weltklasse-Anatomie hielt, und ‚sezierte‘ (im ironisch-metaphorischen Sinn) später die Arbeit wirklicher Weltklasse-Anatomen aus London und Paris, indem er in Büchern oder Schriften eingehend darüber las.“439

Wenn man tatsächlich alle Schriften von Still gelesen hat, erübrigt sich allerdings eine Analyse seiner Äußerungen. Denn dann kennt man auch die für diesen Fall relevante Textstelle in der ersten (nicht in der zweiten) Auflage der Autobiography, wo Still mit höchster Anerkennung über William Smith spricht: „Er [Dr. Smith] hat mich davon überzeugt, dass er der beste lebende Anatom auf der Erde ist. Sein Kopf und Skalpell beweisen, dass er genauso gut ist wie die besten Anatomen an den medizinischen Colleges in Europa und Amerika … Dr. Smith ist heute der weiseste lebende Anatom auf dem Globus.“440 Auch die folgende Äußerung, die dem heutigen Leser wie ein Befürworten von Abtreibung erscheinen mag, veranschaulicht die Fallen, in die man leicht tappt, wenn man nicht mit allen Aspekten des Stillschen Werkes vertraut ist:

„Um den Tod jedes Kindes herbeizuführen, musst Du die Gebärmutter ausleeren, bevor die Bewegung das Kind zur Reife bringt [sic]. Andernfalls wird es ein tödlicher Feind des Lebens und der Bewegung sein. Darüber wisst Ihr Diplomaten [sic] der Osteopathie sehr gut Bescheid, wie man der Natur den Aufstieg [sic] verschafft.“ 441

Wenn man Texte aus der ATS Collection gelesen hat, kennt man aber eine andere Äußerung, die eindeutig belegt, dass Still gegen Abtreibung war. Er schrieb: „Abtreibung ist ein System um die reife Geburten von Kindern zu verhindern und ist gleichbedeutend mit Mord.“442 Der kürzlich verstorbene Herbert Yates, Kirksville College of Osteopathic Medicine, der von sich sagt, „Ich habe jedes von Still geschriebene Wort gelesen, das ich finden konnte“443, wurde um eine Stellungnahme zu der besagten Äußerung gebeten:

„Mir scheint das eine klassische viktorianische Allegorie zu sein, in der die Gebärmutter als Anfang oder Startpunkt verwendet wird … „Abtreibung“ ist hier in dem Sinn zu verstehen, dass Behandlungen Migränen oder andere Krankheiten abtreiben, dass also eine frühe Intervention die volle Entwicklung einer Krankheit und deren Symptome verhindert.“ 444

Zusammenfassung

„Durch das Gesetz des Wissens und der Intuition gelangen alle Menschen zum Erfolg. Daher sollten wir nicht einfach damit zufrieden sein, dass wir Recht haben, sondern dies auch genau empfinden und mit Energie an der Anpassung arbeiten. Dann werden unsere Erfolge mit der Zeit wachsen.“ 445

In diesem Abschnitt wurde gezeigt, dass eine kritische Durchsicht der gesamten von Still verfügbaren Schriften erweiterte Einsichten in seine Philosophie und in beeinflussende Faktoren erbringt. Dieses Vertrautsein mit seinen Texten erleichtert das Interpretieren seiner manchmal sehr eigenen Wortwahl und Ausdrucksweise.

Stills Rede- und Schreibstil ist unverwechselbar seiner. Er umfasst eine vielfältige Sammlung geläufiger Gedanken und ausgefallener Ideen. Um sein Publikum zu erreichen, verwendete Still auch schon für die damalige Zeit archaisch anmutende Metaphern und Allegorien.

Die Aufgabe der Forschung besteht darin, den allegorisch ausgedrückten Sinn aus Stills Texten herauszufinden. Diese Fertigkeit erlangt man durch sorgfältiges Untersuchen seiner Schiften, durch Einholen der Meinungen derer, die ihn kannten, sowie durch ein Vertrautsein mit den Geistesströmungen der damaligen Zeit. Das Problem einer exakten Deutung von Stills Äußerungen wird im nächsten Kapitel, wo es um das Thema Faszien und Membranen geht, erneut auftauchen.

Bestimmende Einflüsse

„Um Dr. Stills Verstand würdigen zu können, ist es notwendig, einige Faktoren zu analysieren, die seine Sichtweise bestimmen.“ 446

Stills Werke in dem Kontext zu betrachten, in dem sie verfasst wurden, wird dazu beitragen, den Mann, seine Entdeckung, also die Osteopathie, aber vor allem seine Faszienkonzepte besser zu verstehen. Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit den bedeutenden Geistesströmungen des 19. Jahrhunderts, die Stills Leben beeinflusst und ihre Spuren in seinen Texten hinterlassen haben. Norman Gevitz und Carol Trowbridge haben ausführlich über die intellektuellen Einflüsse auf Still geschrieben. Ihre Arbeiten wurden zunächst genau studiert und dienten dann als Ausgangsbasis, um die für die Entdeckung der Osteopathie und für Stills Faszienkonzepte relevanten Themen zu identifizieren und zu klären. Zu diesen Themen gehören Stills Philosophie, seine Annäherung an die Medizin, seine Religion und vor allem die Ideen und Überzeugungen, die er aus dem Spiritismus bezog.

Der Abschnitt beginnt mit einer Durchforsten von Stills Bibliothek nach Inhalten, die ihn als Leser beeinflusst haben. Dann werden die Einflüsse der Jacksonschen Demokratie und des aufklärerischen Denkens beschrieben, die in den intellektuellen Kreisen von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika vorherrschten. Stills philosophische, medizinische, biologische, religiöse Perspektiven und seine Sicht der Natur des Menschen werden zunächst skizzenhaft dargestellt, um eine Basis für das Verständnis seiner Schriften und seines Stils sowie einen Leitfaden zum Analysieren seiner Faszienkonzepte zu gewinnen.

Lektüre

„Viele Jahre lang habe ich gewissenhaft die Werke antiker und moderner medizinischer Autoren gelesen.“ 447

Anders als beispielsweise Charles Darwin (1809–1892), der über die Literatur, die er gelesen hatte, Buch führte,448 ließ Andrew Taylor Still über seine Lektüre nichts verlauten außer der Mitteilung, er habe im Bereich der Medizin viel gelesen. In diesem Abschnitt wird dargestellt, wie A. T. Still in der kulturellen Einöde des Grenzlandes Mitte des 19. Jahrhunderts Bücher bekommen und lesen konnte. Dazu werden Details seiner persönlichen und medizinischen Bibliothek erörtert. Man geht davon aus, dass Still trotz seines Lebensortes im Grenzland des Mittleren Westens Zugang zu einer Fülle von Zeitungen, periodisch erscheinenden Zeitschriften, literarischen und medizinischen Büchern hatte, wobei es auch Bücher zu Stills persönlichen Interessen, nicht zuletzt periodische Zeitschriften zum Spiritismus gab.

Zugang

Still war offenbar ein unersättlicher Leser. Sogar in seinen frühen Lebensjahren besaß die Familie sowohl literarische Werke (wie etwa Miltons Paradise lost) als auch medizinische Werke, die von den Stills reichlich studiert wurden.449 Im Alter von 16 Jahren las Andrew Taylor bereits Anatomiebücher.450 Und als er erwachsen war, fand McConnell zufolge „der Buchhändler stets einen geneigten Käufer in ihm“.451 „Wissenschaftliche Bücher interessierten ihn, falls sie nicht mit zu viel Theorie aufgepolstert waren.“452 Als Still 85 Jahre alt war und seine Augen nachzulassen begannen, las ihm jemand mindestens zwei Stunden am Tag vor.453

A. T. Still sagte, er könne dank „wissenschaftlicher Elektrizität“ der neuesten medizinischen und geisteswissenschaftlichen Literatur Rechnung tragen.454 Schon im 18. Jahrhundert konnten sich Amerikaner laufend über die medizinische Szene in Europa informieren. Die Lokalzeitungen brachten medizinische Nachrichten und das Gentleman’s Magazine druckte medizinische Artikel ab. Aus Europa importierte Fachbücher kamen innerhalb eines Jahres nach der Veröffentlichung in die USA. Auch europäische Zeitschriften gab es zu kaufen.455 Um 1800 waren in Amerika 51 medizinische Bücher einheimischer Autoren, 49 Neudrucke und Übersetzungen sowie sieben Abhandlungen akademischer Gesellschaften456 im Umlauf.

Um 1855 gab es in Kansas sechs Zeitungen. 1874 waren es schon148, die auch Landkreise wie Douglas457 erreichten, wo Still lebte. Und da Nachrichten aus Kansas bis nach England gelangten458, werden sie auch den umgekehrten Weg gefunden haben.

Im nahe gelegenen Lawrence, Kansas, das den Spitznamen „Die Bildungs-Stadt“ trug, gab es Leute, die aus den hoch gebildeten und kultivierten Kreisen Neu Englands und New Yorks stammten. Zur Verfolgung ihrer sozialen und literarischen Interessen organisierten sie Gesellschaften, deren Ziel die Förderung von Wissenschaft, Kunst und Literatur war.

Dass Bücher für Interessierte schon Ende des 18. Jahrhunderts immer zu haben waren, selbst in Gegenden fernab der Zivilisation, bestätigte auch Lois Vines, Professor für moderne Sprachen an der Universität Ohio.459 So erreichte damals beispielsweise das Werk von Edgar Allan Poe (1809–1849) sogar Kroatien und Estland.460

Man gründete literarische Zirkel, um Lektüre miteinander zu teilen.461 In den Bibliotheken konnte man Bücher ausleihen. Kirksville war offenbar „gut versorgt“ mit literarischen Gesellschaften, die seit den frühen 1870ern existierten.462 Am Ende des Jahrhunderts stellte Still fest: „Wenn Europa glaubt, es hätte ein neues Heilmittel gegen Krankheiten entdeckt …, dann weiß dies ganz Nordamerika so schnell, wie die Nachricht mittels wissenschaftlicher Elektrizität zu uns gelangt.“463 Die 1865 eröffnete Lawrence Circulating Library of Kansas erweiterte ihren Anfangsbestand von sechzig Bänden innerhalb eines Jahres auf 1000 und hatte auch die damals größten Zeitschriften auf Lager.464 Da es in dieser Bibliothek, die heute Lawrence Public Library heißt, keine Aufzeichnungen mehr über den vor 1905 geführten Buchbestand gibt, war es nicht möglich, festzustellen, welche Bücher zu Stills Zeiten zirkulierten oder welche er ausgeliehen hatte.465 Die Verfügbarkeit von Büchern und Zeitschriften zum Thema Spiritismus ist für die Untersuchung von Einflüssen auf Still besonders relevant. 1857 gab es in den USA zu diesem Themenbereich mindestens 57 Bücher sowie vier Monats-Zeitschriften und 12 wöchentlich erscheinende, von denen Banner of Light eine der führenden war.466

Persönliche Bibliothek und sonstige Literatur

Stills persönliche Bibliothek wurde niemals katalogisiert und „verschwand nach seinem Tod weitgehend“ – so die Auskunft der Mitarbeiter des Still National Osteopathic Museum.467 Seine gesamte medizinische Bibliothek bewahrte Still jedoch nicht bei sich zu Hause. Stattdessen verfügte er über „eine gute wissenschaftliche Bibliothek“ an seinem Rückzugsort bei Sol und Anna Morris, in Millard’s Station, Missouri, nur zwölf Kilometer südlich von Kirksville und damals mit dem Zug erreichbar.468 Die meisten von Stills Hinterlassenschaften verbrannten jedoch im März 1925 in der Wohnung von Dr. George Laughlin.469 Ob dabei auch Bücher aus Stills medizinischer Bibliothek vernichtet wurden, ist unbekannt. Viele seiner persönlichen Habseligkeiten werden im Still National Osteopathic Museum aufbewahrt, andere, zumeist mit der ASO zusammenhängende Fotografien, Bücher und Materialien, sind seit 1918 im Besitz der Osteopathy Collection 1887–1941 am National Museum of American History, Archives Center, Washington, D. C. (Smithsonian Institution Research Information System Archives). Eine Liste der medizinischen und nichtmedizinischen Bücher, die Still sicher besaß, ist beim Still National Osteopathic Museum erhältlich. Diese Liste wurde 1992 von Lawrence W. Onsager, dem früheren Direktor der A. T. Still Memorial Library, Kirksville College of Osteopathic Medicine, zusammengestellt und 2001 überarbeitet. Nachfolgend werden jene ehemals zu Stills Bibliothek gehörigen Bücher und Publikationen vorgestellt, die dem Leser helfen könnten, Still oder seine Faszienkonzepte zu verstehen.

Medizinische Bibliothek

„Seit mindestens 50 Jahren kann ich auf die Belehrungen einer gut ausgestatteten medizinischen Bibliothek zurückgreifen.“ 470

Wie die Darstellung der Lebensgeschichte Stills ergab, erhielt er während der Pioniersjahre im Grenzland eine durchschnittliche Bildung, die immer wieder durch Umzüge der Familie, durch seine Pflichten als Farmerssohn und durch den Mangel an Schulen unterbrochen wurde. Ob er vor oder nach dem Bürgerkrieg eine medizinische Ausbildungsstätte besucht hat, ist umstritten. Doch die meisten Quellen stimmen darin überein, dass er seine Ausbildung formal nicht abgeschlossen hat.471 Man zitiert Still so, dass er „derart unzufrieden mit der Ausstattung [der medizinischen Schule] gewesen sei, dass er niemals wieder dorthin zurückkehrte.“472 Wann und wo Still auch immer eine medizinische Schule/ein medizinisches College besucht haben mag: Er tat vermutlich gut daran, nach dem ersten Semester aufzuhören, weil das zweite Semester ohnehin nur eine Wiederholung des ersten war.473 Trotz seiner schmalen Schulbildung ist es sicher, dass Still über allopathische Medizin alles las, was ihm verfügbar war. Er behauptete, er sei in der Medizin gut belesen474, und benutze reichlich „die Meinungen aller Philosophen, die ich befragen konnte“.475 Über Sinn und Zweck des Ohrenschmalzes hat er seinen Worten zufolge bei allen modernen und alten Autoren nachgelesen.476 Ebenso war er mit den besten Autoren vertraut, die über eine breite Palette von Krankheiten geschrieben hatten.477 Aufgrund von Gesprächen mit A. T. Still im Jahr 1910 und Charles Still, Sr. behauptete Wilborn Deason D.O., dass Herbert Spencers First Principles zu Stills meistgeschätzten Büchern gehört habe, dass Alfred Russell Wallace für Still der wichtigste Biologe gewesen sei und dass er auch Rudolf Virchows Zellularpathologie gelesen habe.478 Deason zufolge hat Still sich zudem mit den Werken von Thomas Henry Huxley, Charles Darwin und anderen bedeutenden europäischen Biologen beschäftigt.

In seinen Schriften zitiert Still medizinische Autoritäten wie Dorland,479 Chambers,480 Dunglinson481 und gelegentlich Potter.482 Außerdem erwähnt er Grays Anatomie, die er in der Ausgabe von 1893 besaß483, Anatomiebücher von Morris484 und Gerrish485, von Wilson ein Buch über Therapien486 und William Henry Howeles 1000-seitiges Physiologielehrbuch An American Text-Book of Physiology487, das er tatsächlich einmal anführte.488 Er kannte auch das Werk des französischen Internisten Jean-Baptiste Bouillaud489, dessen einzige englische Veröffentlichung er gehört oder gelesen haben könnte490, wusste von den Arbeiten des englischen Arztes Thomas Addison (1795–1860) sowie von Edward Jenner (1749–1823) und lobte William Harvey (1578–1675).491 Zudem behauptete er, ein 700-seitiges Gynäkologie-Buch gelesen zu haben,492 sagte jedoch nichts über Titel und Autor.

Zusammenfassung

„In der Hoffnung, etwas über das große Gesetz zu erfahren, von dem die antiken Philosophen sprechen, habe ich durch Lesen und Nachfragen alles erforscht, was über verwandte Themen [Medizin, Krankheit, Heilmittel] geschrieben worden ist, kam aber so leer zurück, wie ich begonnen hatte.“ 493

Still profitierte von dem Streben nach kultureller und wissenschaftlicher Bildung, das Amerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfasst hatte und zur Gründung förderlicher Gesellschaften, Bibliotheken und Lesezirkeln führte, die sicherstellten, dass auch in Gegenden fernab der Zivilisation neue Veröffentlichungen, Bücher, Magazine, Zeitschriften und Zeitungen verfügbar waren. Seinen Interessen entsprechend könnte Still sich intensiv mit klassischen und aktuellen Philosophien, auch dem Spiritismus, befasst haben. Er hatte offensichtlich ungehinderten Zugang zur damals aktuellen medizinischen und sonstigen wissenschaftlichen Literatur – trotz seiner mangelhaften Schulbildung und des rauen Pionierlebens im Grenzland.

Seine Ära

„Ich glaube nicht, dass wir Dr. Stills Ideen losgelöst von ihrem historischen Kontext verstehen können.“ 494

Obgleich man an der ASO auch einige ältere Herren zuließ, wurde dort bis 1895 kein vor 1859 Geborener angenommen, es sei denn mit Sondererlaubnis der Kuratoren.495 „Ein Student muss über 20 und unter 45 sein, grundsätzlich gemäßigt, mit gutem moralischem Charakter, einer guten natürlichen Fähigkeit und zumindest gewöhnlicher Schulbildung.“496 Still war bei der Eröffnung der ASO bereits 60 Jahre alt und damit eine Generation älter als die meisten seiner Studenten und der größte Teil der Fakultät. Dieser Altersunterschied trennte Still in vieler Hinsicht von seinen Studenten und Mitarbeitern. Was jedoch die Denkweise anbelangt, war er, wie sich zeigen wird, seinen ASO-Kollegen um 50 bis 75 Jahre voraus. Stills Auffassung vom menschlichen Körpers und seine Herangehensweise an seine Wissenschaft der Osteopathie lassen sich mit den erst wesentlich später im 20. Jahrhundert entwickelten kohärenten Philosophien und wissenschaftlichen Paradigmen von Komplexitätstheorie, Systemtheorie und Kybernetik beschreiben.

Der Generationenunterschied war nicht nur eine Frage der Jahre, er spiegelte sich auch in völlig unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Ausbildungsstandards wider. Still hatte eine eher praxisorientierte medizinische Ausbildung durchlaufen und sich in gewisser Weise vom „großen Buch der Natur“ belehren lassen.497 Dagegen kamen einige Professoren an der ASO wie J. Martin Littlejohn und William Smith von der University of Edinburgh Medical School, die damals als fortschrittlichste medizinische Ausbildungsstätte in ganz Europa galt498 und auch von Still als „eine der bedeutendsten medizinischen Schulen in der Welt“ anerkannt wurde.499 Zu Stills Lebenserfahrungen gehörten das Wanderprediger-Dasein und methodistische Camps, die Furcht vor dem Jüngsten Tag und die Beschwerlichkeiten des Farmeralltags im Grenzland, bewaffnete Konflikte, seine Kämpfe als ziviler Sklavereigegner, schließlich die Teilnahme am Bürgerkrieg und der 15. April 1865, an dem Abraham Lincoln, Stills „Idealfigur in der Geschichte“500 ermordet wurde. Dies alles hat sich nachweislich auch in seinem Werk niedergeschlagen und macht es noch schwieriger, seine Äußerungen zu deuten, weil er seine ganz eigenen Metaphern und Bezüge verwendet, die von einer Ära und von Erfahrungen sprechen, die nur wenige seiner Zeitgenossen mit ihm teilten. Dennoch gibt es in Stills Schriften stets wiederkehrende Schlüsselthemen, die es erlauben sich dem Sinn seiner Texte anzunähern. Dazu gehören das Vermächtnis der Aufklärung, insbesondere die Naturphilosophie und die Debatte um Vitalismus und Mechanismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts, sowie die Jackson’sche Demokratie. Es wird hier davon ausgegangen, dass ihn diese Ideen in Kombination mit seiner fortwährender Suche nach der Seele des Menschen zur spiritistischen Bewegung des 19. Jahrhunderts geführt haben.

Aufklärung

Das Zeitalter der Aufklärung oder der Vernunft ersetzte im Denken die Offenbarung durch die Vernunft als Quelle der Wahrheit. Die religiösen Werte wurden durch säkulare Werte ersetzt und „an die Stelle der Idee vom Göttlichen Gesetz trat die Idee vom Naturgesetz und das Naturgesetz erschien den Menschen zugänglicher als das Göttliche Gesetz“.501

Die Aufklärung, eine Geistesströmung des 17. und 18. Jahrhunderts, die „beim Streben nach Wissen und Glück auf den Gebrauch der Vernunft setzte“502, hatte ihre Endphase zwischen 1800 und 1830, reichte also bis in Stills erste Lebensjahre hinein. Aufklärung stand für „eine neue und deutlichere Weise, die Welt zu sehen. Dabei unterstellte man, dass sich eher die Einstellung zu den Dingen als die Dinge selbst geändert hatten.“503

Die Themen Vernunft, Natur und Naturgesetz durchziehen Stills Schriften. Er behauptete, er habe sein Wissen aus einem Verstehen der Natur bezogen504 und zog seine Schlüsse auf der Grundlage der Naturgesetze505, obwohl er die Idee vom Göttlichen Gesetz niemals ablehnte.506 Stills höchste Offenbarungs-Erfahrung war ganz einfach, dass die Osteopathie ein Gottesgeschenk ist. Die Osteopathie galt ihm als „das Gesetz Gottes, das dem Menschen gegeben wurde, um die Kranken zu heilen.“507 In philosophischen Kreisen entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts die vor allem in Deutschland entwickelte Naturphilosophie. Sie setzte eine biologische Debatte um Mechanismus versus Vitalismus in Gang, die weiter unten behandelt wird.

Jackson’sche Demokratie

In der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in Amerika das Zeitalter des gemeinen Menschen, das sich mit der Wahl Andrew Jacksons zum Präsidenten der USA in Stills Geburtsjahr 1828 ankündigte.508 Die so genannte Jackson’sche Demokratie betonte die Autonomie des Individuums und dessen Recht, sein Leben selbst zu bestimmen. Dabei entstand als Nebenerscheinung auch der Wunsch nach „Demokratie in der Medizin“.509 Im 19. Jahrhundert entwickelte sich in Amerika eine Fülle von neuen medizinischen Systemen.510 So kam es zu zahlreichen medizinischen Sekten bzw. alternativen medizinischen Bewegungen wie der Homöopathie, dem Eklektizismus, dem Thomsonianismus, der Hydropathie und der Christlichen Wissenschaft. Diese Sekten wuchsen laut Starr seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die „Unangemessenheit der aktuellen Medizin, insbesondere der heroischen Therapie, die Aderlass, starke Dosen von Quecksilber und andere Behandlungsmethoden empfahl, die man inzwischen für unwirksam oder gar tödlich hält“.511 Starrs Ansichten spiegelten sich auch in Stills Philosophie wider: „Ich empfand, dass die Welt durch die Lehren und die Praxis der sogenannten Wissenschaft der Medizin beschädigt wurde. Ich erkannte, dass die denkenden Menschen das Vertrauen in die Medikamente verloren hatten und sich aus guten Gründen über die nicht erfüllten Versprechen der medizinischen Schulen und Praktiken beschwerten.“512 William Rothstein, Verfasser von American Physicians in the Nineteenth Century From Sects to Science, beschreibt die damalige Situation so:

„Das Unterscheidungsmerkmal der Osteopathie, der Christlichen Wissenschaft oder der Chiropraktik war, dass sie alle eine medikamentenfreie Medizin propagierten. Das bedeutet, sie griffen die offizielle Medizin nicht direkt an, wie das die Homöopathie und die Pflanzenheilkunde ein halbes Jahrhundert zuvor getan hatten. Sie boten eine Alternative an, die sich in keinem Bereich mit dem überschnitt, was Schulmedizin, Homöopathie oder Eklektizismus taten. Im Wesentlichen gestanden sie der herkömmlichen Medizin eine Existenzberechtigung zu, waren aber der Meinung, dass sie nicht viel vermag.“ 513

Medizin

„Um Dr. Still als Wissenschaftler richtig einschätzen zu können, muss man den Status verstehen, den die Medizin zu der Zeit hatte, als er aktiv war. Man muss sein medizinisches Umfeld betrachten.“ 514

Wer nachvollziehen will, wie medizinische Konzepte durch andere ersetzt werden, muss sich das Denkklima klar machen.515 Im Zuge des aufklärerischen Denkens gab es auch in der Medizin gewaltige Veränderungen. Die Abkehr oder Ablehnung von Autoritäten sowie das Fortschreiten von rationalistischen zu empiristischen Überzeugungen führten zur Entwicklung von medizinischen Geräten, „die die Krankheit objektivierten und zugleich die Unterschiede zwischen den Patienten minimierten.“516 Cunningham & French zufolge hatte man Hippokrates und Galen bis in die Aufklärung hinein als medizinische Autoritäten betrachtet.517 Doch um die Mitte des 18. Jahrhunderts bildeten deren Werke nicht mehr die Basis der medizinischen Ausbildung. Stills persönliche Rebellion gegen das medizinische Denken seiner Zeit hat H. P. Frost D.O so beschrieben:

„In Dr. Stills innerstem Bewusstsein rebellierte es gegen die vorherrschende Art des „medizinischen Schlussfolgerns“. Als Konsequenz daraus revoltierte er therapeutisch.“ 518

Die Medizin erlebte im Zeitalter der Aufklärung eine Transformation und war nun auf eine neue Philosophie gegründet. Obgleich es von Empirismus und Rationalismus ganz unterschiedliche Definitionen gibt, so gilt doch, dass sich die Empiristen auf die Erfahrung verlassen, die Rationalisten auf die Vernunft. „Diese Begriffe stehen jedoch in Bezug zueinander, weil man ohne Erfahrung keine Schlüsse ziehen und umgekehrt ohne das Fundament der Vernunft keine Erfahrungen machen kann.“519 Gevitz, der allerdings zugestand, dass er Schwierigkeiten hatte, Stills Position genau zu bestimmen, fand, dass dieser beide Tendenzen aufweist:

„In gewisser Weise war er Empirist. Das heißt, er behandelte, was er vorfand. Andererseits war er aber auch Rationalist, weil er ein System aufbaute, und zwar meiner Meinung nach eher deduktiv als induktiv. Er behandelte eine relativ kleine Zahl von Menschen, bevor er mit großen Theorien darüber auftrat, wie der Körper funktioniert, was nicht funktioniert und warum es nicht funktioniert und wie man es wieder in Ordnung bringt. Seine daraus folgende Praxis und Lehre basierte auf diesen rationalistischen Überzeugungen. Aufgrund der Prinzipien, an die er glaubte, schloss er andere Formen der Therapie und Diagnose aus. Es handelt sich also eher um eine philosophiebasierte Medizin als um eine pragmatisch begründete, die in erster Linie danach fragt, was dem Patienten praktisch hilft.“ 520

Tatsächlich findet man in Stills Werk beide Überzeugungssysteme. Der Rationalist Still sagt: „Wir erfassen die Wahrheit nur durch die mächtigen Regeln des vernünftigen Schließens.“521 H. L. Coulter stellte fest, dass empirisch arbeitende Ärzte das neue anatomische, physiologische und chemische Wissen weitgehend ignorierten. Wenn sie es akzeptierten, dann „ordneten sie es ihrer sensualistischen Erkenntnistheorie und vitalistischen Physiologie unter“.522 Ein Musterbeispiel für diese Denkweise wäre Stills Keime-Theorie. Obgleich er sagte: „Ich hatte mit den Wissenschaftlern keinen Streit über die Tatsache, dass sich im System Keime befinden, denn das wurde ja schon vor Jahren bewiesen“,523 betrachtete er Mikroben als etwas natürlicherweise zum Körper Gehöriges, entstanden aus sterbenden Blutkörperchen.524 „Ich glaube, dass sie [die Mikroben] allgemein Abbauprodukte sind.“525 „Die physiologischen Schriften sind heutzutage nicht viel mehr als Sammlungen verschiedener Theorien und einiger weniger Fakten … Die einzig wahre Quelle, aus der wir solches Wissen schöpfen können, ist das Buch der Natur.“526 Er mochte die alten physiologischen Theorien und sagte: „Habt keine Angst vor ihrer Weisheit.“527 Zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte eine holistische Sicht des Körpers vor. „Alle Teile des Körpers waren zwangsläufig und untrennbar aufeinander bezogen.“528 Dass der Organismus und seine Umwelt ständig interagieren, erkannte der Arzt, indem er das Aufnehmen und Ausscheiden des Körpers beobachtete, das Aufnehmen von Nahrung, Flüssigkeit und Luft und das Ausscheiden von Luft, Stuhl, Urin, Sekreten usw. Dieses Gleichgewicht und nicht die Abwesenheit von Krankheit verstand man im frühen 19. Jahrhundert unter Gesundheit.529 „Man betrachtete das Gleichwicht als synonym mit Gesundheit. Entsprechend war ein gestörtes Gleichgewicht gleichbedeutend mit Krankheit.“530 Das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschende Zeitalter der Heroischen Medizin, in dem Still aufwuchs und gegen das er später revoltierte, wollte schnell und beharrlich diese Ungleichgewichte ändern.

Eines von Stills Problemen war, dass man zu dem Zeitpunkt, als seine Bücher erschienen, die von ihm verurteilten Praktiken der Heroischen Medizin wie Aderlass oder das hohe Dosieren verheerend wirkender Medikamente wie Kalomel (Quecksilber) schon lange aufgegeben hatte. „Im zweiten Drittel des Jahrhunderts wurden die Dosierungen wesentlich geringer und vor allem verschwand der Aderlass.“531 Diese Entwicklung bestätigt auch ein Brief des Bürgerkrieg-Militärgenerals William Hammond an die Wundärzte, in dem er die Verwendung von Kalomel untersagt.532 Still klagte jedoch noch 40 Jahre später darüber, dass er „Ersatzzähne tragen muss, weil ich [im Alter von 14 Jahren] in einer Zeit und Generation lebte, die Kalomel verschrieb.“533 Stills medizinische Ideen ähnelten der holistischen Sicht zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Er verwendete für den Gleichgewichtszustand bzw. die Gesundheit den Ausdruck „Harmonie“534, wobei sich aus seiner Sicht Harmonie bzw. Gesundheit eher durch Anzeichen im Inneren des Körpers ausdrückt als im Äußeren. Sichtbare Zeichen von Disharmonie waren Still zufolge: lokale Veränderungen der Gewebetemperatur535, Fieberstufen536, Schrumpfung oder Schwellung des betroffenen Bereichs537, verzögertes Fließen oder Stagnieren von Flüssigkeiten538, Vertrocknen des betroffenen Bereichs539, „Versorgungsbedarf“540 oder Wachstumserscheinungen im Körper, die er häufig als Anschwellungen bezeichnete.541

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts „gewann die Medizin stärkeren Einblick in die Besonderheit von Krankheiten als sachlich getrennte Phänomene, denen individuelle Ursachen, Verläufe und Symptomatiken zugeordnet wurden. Sie wandte sich daher allmählich von der holistischen Sicht des Körpers ab und entwickelte eine eher mechanistische und reduktionistische Sicht seiner Funktion.“542 Vorreiter im medizinischen Denken waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts der französische Anatom Xavier Bichat (1771–1802) und der italienische Anatom und Pathologe Giambattista Morgagni (1682–1771). Bichat zeigte, dass es sich bei Krankheit nicht um eine Veränderung des Blut-Zustandes handelt, sondern dass sie lokal auftritt und in den Organen und Geweben haust.543 Seine und Morgagnis Arbeit hatte zur Folge, dass sich der Schwerpunkt in der Medizin vom Flüssigkeitsmodell (humorales Modell) auf ein Gewebe- oder Organmodell verlagerte. Da diese neuen Ideen aber nur langsam nach Amerika gelangten544, wurde an den dortigen medizinischen Schulen auch noch einige Jahre nach dem Bürgerkrieg das humorale Modell der Pathologie gelehrt. Man glaubte, dass eher die Flüssigkeiten als die festen Bestandteile des Körpers für Krankheiten verantwortlich seien.545 Still begann seine medizinische Berufstätigkeit zwar in einer Phase, als noch das humorale Modell vorherrschte, an der Wende zum 20. Jahrhundert, als seine Bücher erschienen, gewann aber das Gewebemodell die Oberhand. Er blieb jedoch weiterhin ein Anhänger des alten humoralen Modells, demzufolge die Flüssigkeiten bzw. die Disharmonien in deren Fluss, insbesondere in dem des Blutes, die Ursache einer Krankheit sind und sich in jedem Organ oder System befinden. Seiner Ansicht nach bestimmt „eine gestörte Arterie bis auf die Stunde und Minute genau den Zeitpunkt, zu dem eine Krankheit beginnt.“546

Die wichtigste Veränderung im medizinischen Denken des 19. Jahrhunderts bestand im Wechsel von der Meinung, der Körper besitze einen natürlichen Zustand, der für das betreffende Individuum charakteristisch sei, zu der Ansicht, es gebe einen Normalzustand, der mittels „quantifizierbarer Normen“ „objektiv messbar“ sei.547 Vor der Mitte des Jahrhunderts definierte John Wesley den natürlichen Zustand des menschlichen Körpers als einen Zustand „in dem alle Teile des Körpers gebührend ihre natürlichen Verrichtungen ausführen. Die wichtigsten sind der Blutkreislauf durch Herz und Gefäße, die Atmung durch die Lungen, Einverleibung und Ernährung durch die Verdauungsorgane, Sekretion und Ausscheidung durch die entsprechenden Organe, Wahrnehmung und Bewegung sowie der Gehorsam des Körpers gegenüber dem Verstand.“548 In den 1880ern wechselte die therapeutische Perspektive zum quantifizierten Normalzustand des Körpers, also zu standardisierten Normen des Herz- bzw. Pulsschlags und der Temperatur, die mit bestimmten Instrumenten wie Stethoskop, Thermometer und Uhr objektiv messbar waren.549 Diese aus Frankreich stammende Technologie des Messens, der Perkussion und der Auskultation entwickelte sich derart, dass „die Ärzte in den Körper ‚hineinfühlen‘ und ‚hineinsehen‘ konnten, um die Krankheit ausfindig zu machen“550 – und das schon vor der Autopsie. Still, der im 19. Jahrhundert und darüber hinaus die Idee des natürlichen Zustandes vertrat, zog es dagegen vor, von natürlicher Drainage oder von der „natürlichen Tendenz zu Gesundheit und Genesung“ zu sprechen.551 „Dr. Still besaß niemals ein klinisches Thermometer. Er nannte sie ‚Schweineschwänze‘ und sagte, wir bräuchten so etwas nicht. Wir trugen sie deshalb auch nie sichtbar bei uns.“552 Über den Osteopathen sagte Still: „Wenn er auf dem neuesten Stand der Osteopathie ist, weiß er: Seine Hand ist das Thermometer. Seine Hand ist seine Spritze.“553

„Der Patient hat Fieber und ist sehr erhitzt. Ein erfahrene Berührung zeigt Dir das auch ohne den Gebrauch eines Thermometers.“ 554

Still soll auch gesagt haben: „Das Röntgen zeigt durch Verstärken der Schwingungen Bilder unter der Oberfläche. Warum können wir unseren Verstand nicht zwingen, das, was dazwischen ist, zu durchdringen, und uns zu offenbaren, was wir wissen möchten?“555

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23 декабря 2023
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