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Jan Eik

Grenzgänge

Der 25. Kappe-Fall

Kriminalroman

Jaron Verlag

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Über den Autor

Impressum

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

NACHBEMERKUNG

Jan Eik, geboren 1940 als Helmut Eikermann, lebt als freiberuflicher Autor und Publizist in Berlin. Er schrieb eine Vielzahl von Sachbüchern, Kriminalromanen und -erzählungen sowie Hör- und Fernsehspielen. Die Leser des Jaron Verlags erfreute er u. a. mit «Schaurige Geschichten aus Berlin»(Neuausgabe 2013) sowie «Berliner Jargon»(2009) und «DDR-Deutsch» (2010), zwei humorvollen Büchern zur heimatlichen Sprache. Vor allem aber verfasste er zahlreiche Bände für die Krimiserien des Jaron Verlags, so für «Es geschah in Berlin»(zuletzt: «Heißes Geld», 2014), «Es geschah in Preußen»(«Attentat Unter den Linden», mit Uwe Schimunek, 2012), die «Berliner Mauerkrimis»(«Am Tag, als Walter Ulbricht starb», mit Horst Bosetzky, 2010) und «Es geschah in Sachsen» («Katzmann und das schweigende Dorf», 2011).

Originalausgabe

1. Auflage 2015

© 2015 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und

aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,

Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung

in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

ISBN 978-3-95552-024-3

EINS

DAS VON BRANDSPUREN und dicken Schläuchen durchzogene Gras quietschte schlammig unter den Stiefelsohlen der Feuerwehrmänner. Sie hatten ganze Arbeit geleistet. Was nicht den Flammen zum Opfer gefallen war, hatte dem Wasserdruck der Löschrohre nachgegeben. Qualmende Balkenstümpfe, zu schwärzlich glänzendem Schutt zerfallene Gebäudereste, allerlei Hausrat und Überbleibsel verbrannten Mobiliars verunzierten den einstigen Garten. Noch immer rann Wasser über das sanft abfallende Gelände durch die Zaunreste und bildete auf dem unbefestigten Fußweg Pfützen.

Missmutig versuchte Kriminaloberkommissar Otto Kappe, der Nässe auszuweichen. Es war hoffnungslos. Auf einer Wellblechtafel – bis vor zwei Stunden vermutlich das Schleppdach einer angebauten Garage, von der nur noch die unverputzte Rückwand stand – fand er einen trockenen Standort. Unwillig stieß er mit der Schuhspitze gegen einen ausgeglühten Fahrradrahmen. So viel stand fest: Ein Auto hatte in der Garage nicht gestanden. Leider ließ sich daraus nicht mit Sicherheit ableiten, dass sich keiner der Bewohner im Haus aufgehalten hatte, als der Brand ausgebrochen war. Davon hing ab, ob Otto Kappe den Rest der Nacht in der gottverlassensten Ecke des Berliner Nordens verbringen musste oder nicht.

Er hatte allen Grund zum Missmut. Keineswegs bester Stimmung war er am frühen Sonntagnachmittag mit Frau und hörbar murrendem Sohn zur Geburtstagsfeier seines Schwiegervaters aufgebrochen. Zu einem Ereignis, dem Otto Kappe einigermaßen kritisch gegenüberstand – was ihn allerdings nicht daran gehindert hatte, den seltenen Besuch ungebührlich lange auszudehnen und ein, zwei Gläser mehr zu trinken, als es dem Bereitschaftsdienst der Mordkommission gestattet sein mochte. Das hatte er nun davon. Er war nicht einmal dazu gekommen sich umzuziehen. Der helle Trenchcoat über dem neuen Anzug und die taubengrauen Slipper an den Füßen erwiesen sich als denkbar ungeeignete Bekleidung für die Untersuchung einer Brandstätte, in deren Trümmern die Feuerwehr eine Leiche vermutete. Mit einigem Recht, wie Otto Kappe zugeben musste, wollte er seiner Nase trauen. Die rauchgeschwängerte Luft enthielt eine deutliche Geruchskomponente von verbranntem Fleisch.

Sein jüngerer Kollege Hans-Gert Galgenberg schlängelte sich steifbeinig quer durchs Gelände. Sorgen bezüglich der Kleiderordnung kannte der nicht einmal sonntags nachts. Er war jederzeit zweckmäßig gekleidet und auf alles vorbereitet, heute trug er eine graugrüne Jacke und zu den modischen Nietenhosen eine Art halbhohe Cowboystiefel. Seit einiger Zeit versuchte er vergeblich, seinem freundlichen Mondgesicht mit einer randlosen Brille den Anschein strenger Intelligenz zu verleihen, den er gerne dargeboten hätte. Im Moment glich seine Miene eher der eines bekümmerten Laubenpiepers, der seinen abgebrannten Besitz in Augenschein nahm. «Kjökkenmödinger!», rief er Kappe zu und wies mit ausholender Armbewegung über die Trümmerstätte.

«Kjökken-was?», erkundigte sich Kappe, kaum befremdet. Galgenbergs gelegentlich etwas bizarre Einfälle überraschten ihn längst nicht mehr.

« … mödinger», ergänzte Galgenberg im Näherkommen. «So bezeichnet man neolithische Abfallhaufen. Darin macht man mitunter verblüffende Entdeckungen.»

Otto Kappe war selbst mit der Jungsteinzeit nicht zu schrecken. Er wusste, dass der junge Galgenberg unter diversen Studienfächern auch die Archäologie erwogen hatte. Schließlich war er aber doch im Arbeitsfeld seines legendären Großvaters gelandet.

«Na, dann mödinger mal, mein Junge!», ermunterte Kappe den Jüngeren spöttisch. Er selbst kam sich bis jetzt überflüssig vor. Beinahe jedenfalls. Um die Brandursache musste sich die Spurensicherung der Feuerwehr kümmern, und ob der verdächtige Geruch durch einen Leichenfund bestätigt würde, musste sich erst erweisen. Immerhin lag bei einem mit einigem Aufwand modernisierten Haus aus den zwanziger Jahren der Verdacht eines Versicherungsbetrugs nahe: Oft genug erschien der «warme Abriss» einem finanziell überforderten Bauherrn als die günstigste Variante, alle Schulden und den inzwischen mehrfach verfluchten Bau gleichzeitig loszuwerden. Sollte das Ehepaar, dem das Haus nach Auskunft herumstehender Nachbarn gehörte, sich rechtzeitig und weit genug in Sicherheit gebracht haben, konnte das ein Indiz sein. Allerdings eines, das die Mordkommission nicht betraf.

Das ursprünglich spitzgieblige Haus lag abseits der schmalen, von den Löschzügen und Begleitfahrzeugen hoffnungslos verstopften Straße an einem Hang. In einiger Entfernung verlief dort oben der Zaun aus gestanzten Metallgliedern, der die Grenze zur Ostzone markierte. Das hatte Galgenberg als Erstes herausgefunden. Das Grundstück rechts daneben war ebenso wie die gegenüberliegenden Flurstücke unbebaut. Wer zog schon in den letzten Zipfel von West-Berlin, wo Tag und Nacht die Vopos am Zaun entlangschlichen! Kein Wunder, dass niemand in dieser einsamen Gegend und in einer kühlen Maiennacht das Feuer rechtzeitig bemerkt hatte.

Obwohl die Brandstätte noch immer Hitze ausstrahlte, fröstelte Otto Kappe. Ihm war nach einem Schnaps zumute, und sei es nur, um gegen den Geruch und das Kratzen im Hals anzukämpfen. «Vielleicht lässt sich herausfinden, wohin die Besitzer des Hauses gefahren sind», äußerte er übellaunig und tat einen unvorsichtigen Schritt. Sofort spürte er Nässe unter der Fußsohle. Angewidert hob er das Bein. Die chicen Schuhe konnte er vergessen!

«Die olle Dame, die den Schuppen da links bewohnt, weiß von nischt was», erwiderte Galgenberg, der drei Meter von ihm entfernt unbekümmert im Brandschutt wühlte.

«Gar nichts?», fragte Kappe stirnrunzelnd. «Schuppen»war etwas unhöflich ausgedrückt, aber als besonderer Prachtbau fiel das Nachbarhaus mit dem blätternden Putz wahrlich nicht auf.

«Ick glaube, sie ist stocktaub. Und mit ihren Augen scheint et auch nicht weit her zu sein.»

Es war immer dasselbe mit potentiellen Zeugen: Entweder gab es ein Dutzend, die sich beim Denunzieren der Nachbarschaft gegenseitig übertrafen und dabei sämtlich lebhaft widersprachen, oder keiner hatte etwas gesehen oder gehört.

Der Mann von der Feuerwehr, der das Kommando führte, kam hinter den Resten des Autostandplatzes hervor. «Mit großer Wahrscheinlichkeit ist das Feuer im Heizungskeller ausgebrochen!», rief er herüber.

«Das ist naheliegend», knurrte Kappe und tappte los, vergebens bemüht, dem Wasser und dem schlimmsten Dreck auszuweichen.

Der sogenannte Keller verdankte seine Bezeichnung der Hanglage. Zur Vorderfront hin erstreckte sich auf gleichem Niveau das einstige Parterre des Hauses mit einer vorgebauten Veranda, von der nur verkohlte Reste zeugten. In der Mauer zwischen beiden Gebäudeteilen hing eine stählerne Tür mit zwei Schließhebeln schief in ihrem Rahmen. Eine Luftschutztür, wie sie Kappe noch hinreichend bekannt war. Welche Gewalt mochte das schwere Ding samt Stahlrahmen aus dem Mauerwerk gerissen haben?

«Es hat offensichtlich eine Explosion stattgefunden», erläuterte der Mann von der Feuerwehr. Kappe hatte weder dessen Namen noch seinen Dienstrang verstanden. Unter dem Helm lief dem Mann der Schweiß in breiten Bahnen über die geschwärzten Gesichtszüge. «Der Öltank ist in die Luft geflogen. Deshalb diese verheerenden Schäden.»

Dass man neuerdings mit Öl heizte, wusste Kappe. Sehr verbreitet war das noch nicht. So eine Anlage kostete ein Heidengeld.

Ein eigenes Haus war überhaupt ein teurer Spaß. Vor dem Krieg hatten Gertrud und er sich gelegentlich dem Traum vom Häuschen im Grünen hingegeben. Jetzt war kaum daran zu denken. Zumindest nicht, solange der Junge noch zur Schule ging und anschließend wahrscheinlich studierte.

Kappe merkte, dass er nicht so recht bei der Sache war. Dabei verriet ihm seine Nase immer noch, dass man ihn vermutlich nicht umsonst herbeordert hatte. Auch der junge Galgenberg rümpfte seinen nicht zu übersehenden Gesichtserker und zog witternd die Luft ein. Es stank gottserbärmlich. Da brauchte man nicht mal zu schnüffeln wie ein Jagdhund.

«Vielleicht haben die Leute einen Hund gehabt», sagte Galgenberg wie auf Bestellung.

«Im Heizungskeller?», zweifelte Kappe.

Im Licht des Handscheinwerfers tappten sie dem Feuerwehrhäuptling hinterher durch die verrußte Öffnung, die einmal vom Garten aus in den Keller geführt hatte. Die blechbeschlagene Bohlentür lag ein paar Meter entfernt im Gesträuch.

Die stickige Hitze nahm Kappe den Atem. Er hielt sich ein Taschentuch vor Nase und Mund, aber das half wenig.

Der Lichtkegel glitt über die rußgeschwärzten Wände und traf auf Rohre und zerrissenes Metall. «Hier stand der Öltank», erläuterte der Feuerwehrmann. Er wies auf einen noch halbwegs erkennbaren Block. «Das ist die Brennkammer. Mir ist schleierhaft, wie so eine Anlage in Brand geraten kann.»

«Vielleicht ist dem Heizer schlecht geworden», schlug Galgenberg hustend vor. «Und das Öl ist ausgelaufen.»

Das Gefühl hatte Otto Kappe ebenfalls. Den Boden bedeckte eine schmierige und zähe Masse aus Ruß, Wasser und Ölresten, die an den Schuhsohlen kleben blieb. Taubengraue Slipper!, dachte er im Stillen, doch als der Lichtschein auf einen dunklen Haufen vor der Brennkammer fiel, verging der Gedanke. Kappe, in mehr als zwanzig Jahren Polizeidienst und den Berliner Bombennächtenabgehärtet, erschauerte unwillkürlich. Der erste Anblick verriet kaum, ob es sich bei dem Verbrennungsrückstand um die Überbleibsel eines Menschen oder eines größeren Tieres handelte. Dann sah Kappe den Schuh. Vielmehr das, was davon übrig geblieben war. «Nichts berühren!», sagte er und hob warnend die Hände. «Erst mal müssen Photos von allen Seiten gemacht werden, außerdem brauchen wir korrekte Maßangaben zur Auffindungssituation und alles Übrige, was dazu gehört. Wir müssen auf die Kriminaltechnik warten.»

Der Feuerwehroberste beruhigte ihn. «Eine entsprechende Ausrüstung haben wir selbst dabei», sagte er. «Wir sind nicht von gestern!»

Draußen schrie eine Stimme: «Großfeuer auf der Pfaueninsel!»

«Auch das noch!», klagte der Feuerwehrmann. «Da kommen wir doch höchstens mit dem Löschboot ran!»

Es war nicht die letzte Hiobsbotschaft in dieser Nacht. Geblendet von dem Scheinwerfer der Feuerwehr, übersah Galgenberg eine Vertiefung im Boden und fiel seiner ganzen Länge nach hin. Als Kappe sich nach ihm umwandte, hockte er stöhnend im nassen Gras. «Scheiße, ick hab mir den Knöchel verrenkt», ächzte er.

ZWEI

CHARLOTTE WEIDNER wurde das ungute Gefühl in der Magengegend nicht los. Seit Tagen, ja eigentlich seit drei Wochen hoffte sie vergebens auf eine Nachricht von ihrer Tochter. Schließlich hatte sogar Max ihre Unruhe bemerkt, und das wollte etwas heißen. Dem gingen im Augenblick ganz andere Dinge im Kopf herum. Aber darüber sprach er nicht. Um sie zu schonen, wie sie wusste. Die Zeiten waren ernst. Wie immer. Hatten sie jemals fröhliche Zeiten erlebt? «Der Klassenfeind gibt niemals Ruhe, auch nicht in der Kultur», war alles, was Max äußerte. Kein Wort davon, dass im Politbüro eine parteifeindliche Fraktion entlarvt und liquidiert worden war. Wie es das Unglück wollte, gehörte der am heftigsten Angegriffene zu Max’ engsten Kampfgenossen aus alten Zeiten. Insgeheim und nicht ohne Hoffnung war sein Name als der eines längst notwendigen Nachfolgers für das höchste Amt genannt worden. Etwa auch durch Max?

Charlotte wusste, was das bedeutete. Ein schrecklicher Gedanke, der sich nicht verdrängen ließ, obwohl sie sich damit zu beruhigen versuchte, dass sich die Dinge seit dem letzten Parteitag in Moskau verändert hatten. Ein wenig jedenfalls. Der Alpdruck, der alle ihre Erinnerungen überschattete, war geblieben. Gerade jetzt, wo sie etwas Verbotenes zu unternehmen gedachte, spürte sie ihn deutlich.

Dabei hörte sich ganz harmlos an, was sie vorhatte: Sie wollte ihre Tochter besuchen. Elke wohnte wie sie in Berlin, kaum eine Stunde entfernt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln bequem zu erreichen. Nur verlangte diese Fahrt eine Entscheidung von Charlotte, die gerade in der gegenwärtigen Situation existenzielle Auswirkungen für Max und sie haben konnte. Elke wohnte in West-Berlin. Für sie selbst, die treue Genossin und brave Ehefrau eines höheren Staatsfunktionärs, war es selbstverständlich, die Berliner Westsektoren nicht ohne besondere Genehmigung zu betreten. Genossen ihres Standes durften nicht einmal zu Agitationseinsätzen in die feindliche Frontstadt.

Dabei hatten Max, Elke und sie bis zum Jahre 1952 zusammen in Charlottenburg gewohnt. Als sie Anfang 1946 aus Moskau in Berlin eintrafen und Max sofort eine wichtige Funktion im Rundfunk übernahm, schien es angebracht, sie in der Nähe des Funkhauses an der Masurenallee unterzubringen. Aber dann wurde Max aus heiterem Himmel in eine unglückliche politische Affäre verwickelt, gemaßregelt und in die Provinz versetzt, wo er sich als Chef eines Museums wiederfand. Bis sich der zu jener Zeit noch führende Genosse im Politbüro, dessen Namen zu nennen man seit zwei Monaten besser vermied, auf ihn besann. Er holte Max zurück nach Berlin, wo ihn im Kulturministerium eine verantwortungsvolle Aufgabe erwartete.

Seitdem wohnten sie in Niederschönhausen. Im Städtchen, wie das abgeschlossene Viertel am Pankower Schlosspark allgemein genannt wurde. Im Schloss hatte der greise Staatspräsident seinen Amtssitz, und in den Villen ringsum wohnten er und die Repräsentanten von Partei und Regierung. Das erleichterte es den Verantwortlichen, für deren Sicherheit zu sorgen. Im Westen galt Pankow deswegen als Synonym für das «Zonenregime», eine Formulierung, die Max maßlos aufregte, während Charlotte eher das Wort «Repräsentanten»missfiel.

Sie vermied es sich umzublicken, als sie die stille Straße mit den gepflegten Gärten und Häusern entlangschritt. Seltsam, sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, wer früher hier gelebt hatte. Sicherlich alte Nazis. Die sowjetischen Freunde hatten gewiss die Richtigen enteignet.

Auf der Ossietzkystraße hatte sie ständig den Eindruck, jeder Passant mustere sie besonders aufmerksam und sogar der Posten am Zugang zum Städtchen schaue ihr aufmerksam hinterher. Ärgerlich verzog sie das Gesicht. Sie war schließlich kein heuriger Hase. Als junge Frau hatte sie lange genug im illegalen Apparat der Partei gearbeitet und seither nicht verlernt, wie man einen Verfolger erkannte und sich ihm entzog. Vor der Buchhandlung blieb sie stehen und tat so, als betrachte sie die Auslage. Im Spiegelbild fiel ihr nichts Verdächtiges auf. Weshalb auch? Niemand konnte ahnen, was sie vorhatte.

Sie überquerte die Straße und den alten Dorfanger mit der Kirche und wandte sich nach rechts, als wollte sie in Richtung Rathaus gehen. Der Straßenbahn, die gerade in die Haltestelle einfuhr, schenkte sie scheinbar keine Aufmerksamkeit. Erst als alle Wartenden eingestiegen waren und die Schaffnerin im Anhänger abklingelte, lief sie hastig auf die anfahrende Bahn zu und kletterte auf die Plattform.

«Hätten Se sich och früher überlejen könn’, junge Frau!», murrte die mollige Schaffnerin.

Charlotte lächelte gewinnend. «’tschuldigung. Ich war ganz in Gedanken.»

Dabei war sie hellwach. Sie bezahlte die zwei Groschen und blieb an der hinteren Scheibe stehen. Aufmerksam beobachtete sie die Fahrzeuge neben der Bahn, bevor sie sich umwandte und unauffällig die Insassen im Innern des Wagens in Augenschein nahm. Jetzt, um die Mittagszeit, waren es nur wenige, und sie entdeckte kein bekanntes Gesicht darunter. Die meisten stiegen am S-Bahnhof Pankow aus. Unschlüssig, ob sie mit Straßen- und U-Bahn ins Stadtinnere fahren sollte oder besser die S-Bahn nahm, folgte sie in einem plötzlichen Entschluss dem letzten Aussteigenden.

Ganz entgegen ihrer üblichen Vorsicht besaß sie nicht einmal einen genauen Plan für ihr Vorhaben. Nur nicht lange zögern!, dachte sie, doch ihre Hand zitterte, als sie am Schalter mit leiser Stimme eine Rückfahrkarte verlangte. Niemand stand hinter ihr, und dem alten Mann hinter der Glasscheibe schienen die Fahrgäste höchst gleichgültig. Er fragte nicht nach der Preisstufe, schob ihr das gelbe Pappkärtchen und sechzig Pfennig Wechselgeld hin, ohne den Blick zu heben.

Der Mann in der Abfertigungswanne knipste die Fahrkarte mit gleicher Unaufmerksamkeit. Selbst zwei auf dem Bahnsteig patrouillierende Bahnpolizisten interessierten sich nicht für sie, zumal sie sich vorsichtshalber nach links wandte, zum Gleis nach Bernau. Als der Zug in der Gegenrichtung einfuhr, überquerte sie den Bahnsteig und stieg erst beim Kommando «Türen schließen!» ein. Wie albern sie sich plötzlich vorkam! Sie, eine geborene Berlinerin, war seit Jahren nicht mehr mit der S-Bahn gefahren. Im Grunde war sie überhaupt nicht mehr mit den alltäglichen Gegebenheiten der geteilten Stadt vertraut.

Wollte sie mal ins Zentrum, nahm Max sie morgens mit oder schickte ihr im Verlauf des Vormittags den Dienstwagen. Ihr war das unangenehm, doch Max bestand darauf. Dass sie gelegentlich alleine mit der Straßenbahn bis zur Schönhauser Allee und von dort sogar mit der U-Bahn zum HO-Kaufhaus am Alex fuhr, verschwieg sie ihm ebenso wie die regelmäßigen Verabredungen mit Elke. Kehrte Max spätabends und oft genug erst nachts nach Hause zurück, fragte er sowieso nicht danach, was sie den ganzen Tag getrieben hatte. Nur ihrem Wunsch, sich wieder eine Arbeit zu suchen, widersprach er heftig. «Sei zufrieden, dass du deine Ruhe hast!», lautete sein Kommentar. Erwähnte er in den seltenen gemeinsamen Stunden etwas von den täglichen Widrigkeiten, vom Misstrauen, den Intrigen und Verdächtigungen, welche die Arbeit in den oberen Etagen so schwer erträglich machten, musste sie ihm recht geben. Das war wirklich nichts mehr für sie und ihre angegriffene Gesundheit.

Der Zug hielt. Eine gurgelnde Lautsprecherstimme verkündete unüberhörbar: «Letzter Bahnhof im demokratischen Sektor!» So direkt auf ihr Vergehen hingewiesen, durchfuhr Charlotte ein leichter Schock, der sich angesichts zweier graugekleideter Zöllner noch verstärkte, die suchend durch den Wagen schritten. Charlotte streifte nur ein gleichgültiger Blick. Den Mann am Fenster, der seinen Rucksack vergeblich hinter den Beinen versteckte, wurde zum Aussteigen aufgefordert. Murrend folgte er den Uniformierten.

Endlich fuhr die S-Bahn weiter. Charlotte warf einen Blick auf den Linienplan neben der Tür. Die nächste Station hieß Gesundbrunnen. Am nahen Wedding hatte sie sich einst gut ausgekannt. Mehr als fünfzehn Jahre lag das zurück. Und was für Jahre! Jetzt erinnerte der Name der Station sie nur an Frau Raabe, ihre Haushaltshilfe. Fehlte etwas in der Wirtschaft und war nicht einmal für die bevorzugten Bewohner des Städtchens aufzutreiben, riet die mit ihrer Berliner Kodderschnauze: «Vasuchn Set mal bei de HO Jesundbrunn’! Da jibt et allet.»

Charlotte erschrak. Weshalb war sie so kopflos und unüberlegt losgestürzt?

Der Zug, in dem sie sich befand, erreichte in fünf Minuten wieder den demokratischen Sektor. Am Bahnhof Friedrichstraße musste sie umsteigen, wo eine weitere Grenzpassage bevorstand. Hastig stand sie auf. Stieg sie hier am Gesundbrunnen in den Nordring um, konnte sie über Westkreuz nach Charlottenburg fahren. Das war etwas umständlicher, aber die Wahrscheinlichkeit, einem bekannten Genossen zu begegnen, war umso geringer. Es sei denn, sie traf die gute Frau Raabe auf dem Weg zu einem Einkauf. Die war zu Max’ Ärger nicht einmal Genossin und sprach ganz offen über ihre Westeinkäufe. Oft genug hatte sie Charlotte angeboten, ihr das eine oder andere mitzubringen, ein gutes Stück Seife oder Tosca, ein Parfum, für das sogar Max eine Schwäche hatte.

Charlotte passte scharf auf, entdeckte in dem Gewusel der Umsteigenden aber weder Frau Raabe noch sonst ein vertrautes Gesicht. Von der Raabe wusste sie, dass sich andere Ehefrauen aus dem Städtchen keineswegs so abstinent verhielten wie sie, wenn es um Besuche in West-Berlin ging. Vor allem unter den sogenannten Kulturschaffenden gab es genügend unsichere Kantonisten, von denen viele noch aus den Jahren ihres Westexils über Kontakte nach «drüben»verfügten und sich keineswegs schämten, die reichlich vorhandene Ostwährung zum Schwindelkurs einzutauschen. Sogar über den Kulturminister selbst wurde derlei und manches andere behauptet.

Charlotte fand einen Fensterplatz. Neugierig starrte sie nach draußen. Alles erschien ihr fremd, bis der Zug am Wedding hielt. Der Bahnhof hatte sich kaum verändert. Am liebsten wäre sie ausgestiegen und ein wenig in der vertrauten Gegend herumgeschlendert. Was hinderte sie eigentlich daran, es zu tun? Ein Verbot zu übertreten hatte sie in ihren jungen Jahren keine Sekunde Nachdenken gekostet.

Sie war in Friedrichsberg aufgewachsen, einer Vorstadt im Osten, die seit ihrem Geburtsjahr 1908 auf keinem Pharus-Plan mehr auftauchte und heute zu Friedrichshain gehörte. Zu dritt bewohnten sie in der Kreutzigerstraße Stube und Küche im Hinterhof. Das Gewehr, das der Vater in den heißen Januartagen 1919 mit nach Hause gebracht hatte, blieb so lange in ihrer Matratze versteckt, bis das Kinderbett, dem sie ohnehin um einige Zentimeter entwachsen war, eines Nachts unter ihr zusammenbrach und das Geheimnis preisgab. Das magische Wort Partei, das im Zusammenhang mit dieser Waffe fiel, gehörte zum vertrauten Wortschatz in der Familie. Von Beruf war ihr Vater Parteiarbeiter, wie er der Zwölfjährigen geduldig auseinandersetzte, wobei er sie eindringlich ermahnte, die Partei bei eventuellen Befragungen ungenannt zu lassen.

Als sie sechzehn wurde und die Inflation sich ebenso endgültig verflüchtigt hatte wie die Aussicht auf eine baldige revolutionäre Erhebung der Massen, gehörte sie selbst schon dazu, zum Apparat, in den sie wie selbstverständlich hineinwuchs. Als man den Vater fünf Jahre später zu den sogenannten Versöhnlern zählte und er nur nach harscher Selbstanklage mit einer gelinden Parteistrafe davonkam, verurteilte sie ihn scharf. Gewisser spezieller Aufgaben wegen hatte sie sich weitgehend von den Eltern abgenabelt. In Wahrheit stand sie gänzlich unter dem Einfluss des schwarzlockigen und absolut linientreuen jungen Genossen Jakob Menzel, dessen wahren Namen man ihr erst zehn Jahre später im Verlauf inquisitorischer Vernehmungen und in russischer Sprache vorhielt, so dass sie lange nicht begriff, von wem die Rede war. Ihre einzige Liebe, dieser furchtlose Kämpfer mit dem feurigen Blick aus den so verträumt schimmernden Augen, dem sie mehr vertraute als jedem anderen Genossen, hieß angeblich Isaak Mendel und war der Spionage für die verhassten Faschisten überführt. Diesem unbeirrbar geradlinigen Menschen, der sie nie belogen oder betrogen hatte, war sie blindlings nach Prag und schließlich – welch ein Glücksgefühl empfand sie! – direkt in die Hauptstadt der Welt gefolgt, wo inmitten all der Enge und täglichen Unruhe die gemeinsame Tochter das Licht der Welt erblickte. Mit welchem Stolz versuchte sie, die Urkunde in der noch fremden Schrift zu entziffern! Elka Jakubowna Menzel. Geburtsort: Moskau. Konnte es bessere Voraussetzungen für die Zukunft eines Kindes geben?

Elka, die eigentlich Elke heißen sollte, war vier, als man Jakob verhaftete und wenige Tage später auch Charlotte vorlud, sie bedrohte, beschimpfte, ihr ins Gesicht schlug und ankündigte, sie ins Lager und Elke in ein Heim zu stecken, würde sie nicht zugeben, von Jakobs verräterischem Treiben gewusst, ja ihn dabei unterstützt zu haben. Halb wahnsinnig vor Angst um die bei der Zimmernachbarin zurückgelassene Tochter, war sie beinahe bereit, alles zu unterschreiben, was man ihr vorlegte, als der hasserfüllte Eifer des Vernehmers unerwartet erlahmte. Drei weitere schreckliche Wochen vergingen, bis man sie plötzlich aus dem düsteren Kerker eher verjagte als entließ. Erst vor wenigen Wochen hatte sie einen möglichen Grund dafür erfahren. Das Schreiben über Jakobs Rehabilitation verzeichnete den Tag ihrer letzten Vernehmung als den seines Todes in der Lubjanka.

Unter all den fremden Frauen in der stinkenden, überfüllten Zelle hatte sie gelernt, mit der Verzweiflung umzugehen. Sie konnte ihr Glück kaum fassen, als sie ihr blasses und verstörtes Kind wieder in die Arme schloss. Und ein wenig blieb ihr dieses Glück treu. Hielt jemand die Hand schützend über sie, damit sie nicht die Arbeit in der Fabrik und das dürftige Kämmerchen in der drangvollen Gemeinschaftswohnung verlor, in dem sie hausten? Frauen und Angehörige der Volksfeinde verschwanden spurlos in den Lagern, die Kinder in Heimen. Viele wurden nach Deutschland ausgeliefert, sie und Elke jedoch erst nach Kriegsausbruch in eine primitive Siedlung nahe Taschkent deportiert. Dort wären sie gewiss zugrunde gegangen, hätte es nicht den einflussreichen Genossen Max Weidner gegeben, der sich ihrer aus Berlin erinnerte. Ihm gelang es, sie als wichtige Mitarbeiterin nach Ufa mitzunehmen und später sogar zurück nach Moskau kommandieren zu lassen.

Sie wusste, was sie Max zu verdanken hatte, der ihr in unbeholfenen Worten seine Liebe gestand und schwor, ihr ein treusorgender Ehemann und Elke ein guter Vater zu sein. Ein Wort, das er hielt, solange Elke mitspielte. Sie war dreizehn, als sie mit ihrer Mutter und Max nach Berlin kam und die Mädchen in ihrer Klasse sie als Russki hänselten, weil sie besser Russisch als Deutsch sprach.

Diese Erinnerungen gingen Charlotte durch den Kopf, während sie aufmerksam ihre Umgebung beobachtete. In einem Anfall von Leichtsinn beschloss sie, erst in Witzleben auszusteigen, der Station nahe dem Funkhaus. Dort hatte sie in der Frauenredaktion gearbeitet und zusammen mit Max die Stellung verloren. Dass sie ihm an seine neue Wirkungsstätte folgte, wie er die Verbannung in Stralsund beschönigend nannte, schien ihr so selbstverständlich, dass Elkes Weigerung, mit ihnen in die Provinz zu ziehen, sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf. Elkes achtzehnter Geburtstag stand bevor, mit dem sie in der DDR ihre Volljährigkeit erreichen würde. Sie jedoch beharrte darauf, mindestens bis nach dem Abitur in der Charlottenburger Wohnung zu bleiben. Später begann sie zu Max’ und Charlottes Entsetzen an der vom Osten verachteten Spalteruniversität zu studieren.

Erst da hatte Charlotte begriffen, wie weit ihr die Tochter inzwischen entglitten war, deren heftige Vorwürfe sie fassungslos über sich ergehen ließ. «Du hast mir nie gesagt, wo mein Vater geblieben ist und weshalb du selbst im Gefängnis warst! Weißt du überhaupt, wie ich mich damals in der schrecklichen Wohnung in Moskau gefürchtet habe?»

Nein, darüber war selbstverständlich nie gesprochen worden. Allenfalls in Andeutungen, von denen Max und Charlotte geglaubt hatten, Elke überhöre sie. Im Übrigen nahm die Partei Elkes Entschluss erstaunlich gelassen zur Kenntnis. Das war für Max das Wichtigste. Ihm fiel es ohnehin schwer genug, sich an seinem neuen Arbeitsplatz Respekt zu verschaffen. Die Museumsleute waren ein reaktionäres Völkchen besonderer Art, die dem Genossen aus Berlin und seinen revolutionären Vorstellungen von der Kunst mit Argwohn, ja mit eindeutiger Ablehnung begegneten. Bei der Untersuchung eines Brandes im Museum stellte sich heraus, wie ungenügend Max über viele Vorgänge informiert war. Vermutlich war der Brand gelegt worden, um einen Einbruchdiebstahl in das nicht ausreichend gesicherte Depot zu verdecken. Max’ Rückberufung nach Berlin kam gerade zur rechten Zeit und ersparte ihm weiteren Ärger.

Als Charlotte aus dem Bahnhof trat, galt ihr Blick zuerst der vertrauten Silhouette des Funkturms. Sie war niemals dort oben gewesen, nicht einmal im Restaurant. Anfangs hatte sie es sich immer wieder vorgenommen, aber Max riet ab. Später verboten die politischen Umstände solche Absichten. Nur von der anderen Straßenseite aus sah sie die Menschenmassen, darunter viel zu viele aus dem Osten, zur alljährlichen Industrieausstellung in die Messehallen strömen.

Sie wandte sich nach links und bog wie gewohnt in die Wundtstraße ein, an deren oberem Ende Elke wohnte. Hoffentlich begegnete ihr kein Bekannter von früher. Aber wer erinnerte sich nach sieben Jahren noch an eine unscheinbare ältere Frau, die hier zweimal am Tag vorbeigehastet war? Zu den Nachbarn, die dem Zonenrundfunk und seinen Mitarbeitern ohnehin misstrauten, hatte es kaum Kontakt gegeben. Elke hingegen war von Anfang an akzeptiert worden.

Bei dem Gedanken, die Tochter gleich in die Arme zu schließen, schlug ihr Herz schneller. Sie blieb stehen, atmete tief ein und schaute hinunter auf den Lietzensee. So idyllisch war ihr die Gegend damals gar nicht vorgekommen. Leute saßen auf den Bänken – Arbeitslose, wie sie vermutete –, Kinder spielten auf dem Rasen. In der wärmenden Maisonne wirkte alles so friedlich, dass sie plötzlich sicher war, alles würde gut ausgehen. Elke hatte sich bestimmt aus reiner Gedankenlosigkeit nicht gemeldet, obwohl das nicht ihrer Art entsprach. Wie die Mutter war sie eine umsichtige und zuverlässige Person, die auf Ordnung hielt. Schon in Moskau, in Taschkent und in Ufa am Ural war das so sorgfältig gekleidete, zierliche Kind mit dem Madonnengesicht jedermann aufgefallen. Immer wieder hatten Frauen versucht, Charlotte zum Tausch oder Verkauf abgelegter Kleidungsstücke zu überreden, nur war da nichts zu tauschen gewesen. Jeder Fetzen Stoff wurde gebraucht, damit ihre Elke nicht abgerissen herumlief wie die anderen Kinder.

Erst in letzter Zeit war ihr aufgefallen, dass Elke anscheinend etwas weniger auf ihre Kleidung achtete, das rabenschwarze Haar manchmal strähnig wirkte. Sie schwieg dazu, um die viel zu seltenen Treffen mit der Tochter nicht durch Gemecker zu belasten. Oder hatte Elke ihr etwa doch eine Bemerkung übelgenommen, ohne dass es ihr aufgefallen war?

Was hatte sie falsch gemacht, das eine solche Kluft zwischen Elke und ihr rechtfertigte? Gewiss, in den Jahren beim Rundfunk war viel zu wenig Zeit für die Heranwachsende geblieben. Elke hatte ihr eigenes Leben geführt, das äußerlich keinen Grund zur Beunruhigung bot. Was wirklich in dem Mädchen vorging, war Charlotte verborgen geblieben. Auch jetzt wusste sie im Grunde nicht mehr über ihre Tochter, als dass sie studierte. Publizistik und Theaterwissenschaft. Und dass sie für Brecht schwärmte und öfter das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm besuchte. Ein ideologischer Hoffnungsschimmer für Charlotte, während Max aus seinem Misstrauen gegen den «Augsburger», wie er Brecht stets betitelte, kein Hehl machte. Wo Elke politisch wirklich stand, vermochte Charlotte nicht einmal zu erraten. Den knappen, nur flüsternd vorgetragenen Bericht über die Schreckenszeit in der Haft, zu dem sich Charlotte nach dem Parteitag in Moskau überwand, hatte Elke mit Schweigen quittiert. Davon, dass ihr Vater inzwischen rehabilitiert worden war, ahnte sie nichts. Auch deshalb musste sie unbedingt mit Elke reden.

Vor dem Haus angelangt, fiel ihr die renovierte Fassade auf. In dem ehemaligen Antiquitätengeschäft residierte eine Fahrschule. Ein chices Auto stand vor der Tür und dahinter ein Gefährt mit gläsernem Dach, das an ein Kleinstflugzeug erinnerte.

Es hatte sich noch mehr geändert. Die stets offenstehende Haustür war verschlossen, links in der Wand war eine Klingelleiste installiert. Menzel las sie dort und hinter einem Schrägstrich einen zweiten Namen: U. Losinski. Richtig, Elke hatte vor einiger Zeit ihre Absicht erwähnt, der steigenden Miete wegen einen Untermieter aufzunehmen. Entschlossen drückte Charlotte auf den Klingelknopf. Ein scharfes Klicken ertönte, dann quäkte eine Männerstimme: «Bin schon unterwegs!»

Ratlos starrte Charlotte die Tür an. «Das ist ein Missverständnis», sagte sie dann. «Ich möchte zu Fräulein Menzel.»

Eine Antwort blieb aus.

Sie drückte erneut auf den Knopf. Nichts. Dann die sich überschreiende Männerstimme, die ungeduldig «Ja doch!» hervorstieß. Kurz darauf vernahm Charlotte das Zuknallen der Wohnungstür im Treppenhaus. Sie kannte das vertraute Geräusch noch.

Schritte polterten die Treppe herab, die Haustür wurde aufgerissen. Ein baumlanger junger Mann wollte an ihr vorbeistürmen. Sie hielt ihn am Ärmel fest. «Herr Losinski?», fragte sie.

Überrascht blickte er auf sie hinab. «Ja, bitte?»

«Ich möchte zu Fräulein Menzel.»

Sein Befremden wuchs sichtlich. «Die ist nicht da», sagte er barsch und wollte gehen, nicht ohne die Frau, die noch immer seinen Arm umklammerte, mit einem gewissen Misstrauen zu betrachten. «Was wollen Sie denn von ihr?»

«Ich bin ihre Mutter.»

Er schien zu erschrecken. «Sie ist trotzdem nicht da», sagte er ablehnend, doch immerhin eine Spur höflicher.

«Und wann kommt sie wieder?»

«Keine Ahnung.» Es war klar, dass er an einem Gespräch mit ihr nicht interessiert war.

«Sie wohnen doch mit ihr in derselben Wohnung!»

Moralische Skrupel waren Charlotte fremd. Aber wenn eine bildhübsche 25-jährige Frau und ein Mann, der nur ein wenig älter sein konnte, gemeinsam in einer Zweieinhalbzimmerwohnung lebten, sah das nach einer engeren Beziehung aus.

«Elke ist zurzeit nicht hier», äußerte der Mann vage. Das Thema schien ihm nicht zu behagen. «Tut mir leid, ich muss los.»

Charlotte besann sich nicht lange, versperrte ihm den Weg in Richtung auf das rote Kleinflugzeug. «Einen Moment werden Sie wohl noch Zeit für mich haben», sagte sie kühl. «Wo ist meine Tochter?»

Er wich ihrem Blick aus.

Der Kerl gefiel Charlotte überhaupt nicht. Sein Äußeres wirkte ungepflegt, der Bartflaum zottelig, das Haar zu lang. Passte es zu Elke, sich mit so einem einzulassen?

«Kann ich nicht sagen», murmelte er, wobei er sich nach allen Seiten umblickte, als könnte jemand sie beobachten. «Sie wird sich schon wieder melden.»

So leicht war Charlotte nicht abzuschütteln. Sie sagte laut und bestimmt: «Ich möchte wissen, wo sich meine Tochter aufhält! Und ich erwarte eine vernünftige Antwort von Ihnen.»

Ihm war anzumerken, wie lästig sie ihm wurde. «Ich weiß es nicht», sagte er unbestimmt. «Sie ist weggefahren …» Er wandte sich um und klappte die Glaskanzel des Fahrzeugs auf.

«Wenn Sie mir keine Auskunft geben wollen, muss ich mich wohl an die Polizei wenden», sagte Charlotte.

Er erschrak. «Lassen Sie das lieber sein!», sagte er halblaut und ein wenig drohend, wie ihr schien. «Sie bringen uns in Teufels Küche!»

DREI

IM GRUNDE gefiel Oberkommissar Otto Kappe die Frau, die vor ihm saß. Als Frau jedenfalls: eine schlanke, aber keineswegs magere Mittdreißigerin mit rötlich getöntem Haar, das nicht ganz so akkurat frisiert war, wie es zu der eleganten Erscheinung der Dame und ihrer teuren Kleidung gepasst hätte. Auch die leicht verschmierte Schminke um ihre braunen Augen verriet etwas von dem Kummer, den sie berechtigt war zu zeigen. Vielleicht zeigte sie ihn etwas zu deutlich, wie Kappe in einer Aufwallung von Misstrauen empfand. Etwas störte ihn an dem Bild der untröstlichen Witwe. Spielte sie ihm etwas vor? Hatte sie den Stuhl vor seinem Schreibtisch mit Absicht so weit nach hinten gerückt, dass er ihre wohlgeformten Beine unbedingt wahrnehmen musste, oder war das nur die Haltung einer selbstsicheren Person, die sich ihrer Wirkung bewusst war?

Andererseits gab es keine Norm, wie eine so plötzlich in eine Witwe verwandelte junge Frau sich als Zeugin zu betragen hatte. In dieser Rolle gefiel sie Kappe weniger. Nur stockend teilte sie auf seine bewusst zurückhaltenden Fragen ihre persönlichen Daten und karge Einzelheiten ihres Lebenslaufs mit: Verena Roeder, am 8. April 1922 als Verena Hassenkamp in Stralsund geboren, nach Abitur und abgebrochenem Kunststudium infolge der Kriegsereignisse ins Mecklenburgische verschlagen, 1953 wie ihr späterer Mann Ronald als politischer Flüchtling in West-Berlin anerkannt, seitdem in Reinickendorf ansässig. Das Häuschen, dessen Reste nunmehr ihren ganzen Besitz darstellten, sah man von dem blauen Ford Taunus ab, mit dem sie in der Nacht bei der Brandstätte aufgetaucht war, hatten sie mit Hilfe der Hassenkamp’schen Verwandtschaft erworben und zu einem wohnlichen Heim ausgebaut. Ihr Mann, obwohl von Hause aus studierter Volkswirt, hatte sich als ein handwerklich begabter Mensch erwiesen, der auch wesentliche Teile der teuren Heizanlage selbst installiert hatte …

An diesem Punkt schlug sie die Hände vor das Gesicht und beugte sich aufschluchzend weit vor, wobei sie, wie Kappe nicht umhinkam zu bemerken, mit den Ellenbogen den engen Rock um einiges zurückschob, was ihm zwangsläufig einen Blick weit über ihre aufreizenden Knie hinaus gestattete. Gerne wäre er jetzt aufgestanden und hätte ihr väterlich-mitfühlend die Hand auf die Schulter gelegt, doch er hütete sich von jeher vor derlei Vertraulichkeiten. Außerdem stand ihm – und ihr – das Schlimmste noch bevor: die Identifizierung der Leiche, die bereits abtransportiert war, als Frau Roeder zu Hause erschien. Dass es sich bei dem Brandopfer nur um ihren Mann handeln könne, hatte sie im Angesicht der qualmenden Ruine fassungslos zu Protokoll gegeben. Er habe die Heizung nach dem langen Winter überprüfen und in Ordnung bringen wollen. In letzter Zeit habe es Schwierigkeiten mit dem Warmwasser gegeben.

«Kommen wir nun zur Person Ihres Mannes», sagte Kappe mild, nachdem sich Frau Roeder etwas beruhigt und den Rock wieder züchtig bis an die Knie gezupft hatte. «Wann und wo ist er geboren?»

«Am 22. Juni 1916, in einem kleinen Ort in Westpreußen. Den Namen vergesse ich immer wieder.» Sie blickte Kappe entschuldigend an. «Er steht in unserer Heiratsurkun …» Sie stockte, wohl weil ihr bewusst wurde, dass dieses Dokument unwiederbringlich ein Opfer der Flammen geworden sein musste. «Alle unsere Papiere sind verbrannt», stellte sie denn auch mit schreckgeweiteten Augen fest. «Alle.»

«Haben Sie die nicht in einem besonderen Behältnis aufbewahrt? In einer Kassette oder etwas Ähnlichem?»

Sie schüttelte den Kopf. «Ich glaube nicht. Mein Mann war in solchen Dingen nicht übertrieben ordentlich. Das lag alles in einer Mappe in seiner Schreibtischschublade. Wer rechnet denn mit einer solchen Katastrophe?»

Ich!, hätte Otto Kappe jetzt sagen können. Die Papiere waren doch das Wichtigste, was ein Mensch besaß. Wie waren solche sorglosen Zeitgenossen wie diese Roeders über den Krieg gekommen?

«Hätte das Feuer nicht auch eine Kassette ausgeglüht?», gab Frau Roeder mit einem Augenaufschlag zu bedenken, der Kappes Misstrauen neue Nahrung gab. Viel Tränen waren bei ihrem Aufschluchzen nicht geflossen, konstatierte er.

«Na gut, das finden wir ja alles in den Unterlagen», sagte er, was sie zu erstaunen schien.

Irritiert fragte sie: «In welchen Unterlagen?»

«Sagten Sie nicht, Sie hätten das Anerkennungsverfahren für politische Flüchtlinge absolviert? Außerdem muss Ihr Mann ja beim Finanzamt und bei einer Versicherung gemeldet sein. Das ist also kein Problem.»

Ihre unsichere Miene verriet Kappe, dass es eines werden konnte. «Bei welcher Krankenkasse war er denn versichert?», erkundigte er sich vorsichtshalber.

Sie hob die Schultern. «Er war nie krank.»

Kappes Hände umfassten die Schreibtischkante. «Wollen Sie damit andeuten, er sei nicht versichert gewesen?»

Sie riss die Augen weit auf. Die verlaufene Schminke gab ihrem tragischen Blick zugleich etwas Dämonisches. «Um so etwas habe ich mich nie kümmern müssen», entgegnete sie.

Kappe glaubte, eine Spur von Arroganz herauszuhören, die ihn erboste. «Aber Steuern wird er doch wohl gezahlt haben!», stellte er in einem Ton fest, den er bisher sorgsam vermieden hatte – und der bei ihr schlecht ankam.

Im gleichen herablassenden Ton sagte sie: «Wie ich bereits andeutete, habe ich mich um so etwas nie kümmern müssen.»

«Sie haben keine eigenen Einkünfte?»

Sie zögerte. «Nein, nicht direkt. Ist daran etwas auszusetzen?»

«Natürlich nicht. Welcher Tätigkeit ist Ihr Mann nachgegangen?»

«Er ist … er war Künstler. Er … hat gemalt.» Sie schnäuzte sich umständlich. «Seine graphischen Arbeiten fanden bei Sammlern reges Interesse.»

«Er hat also nicht in seinem Beruf als Volkswirt gearbeitet, sondern von der Malerei gelebt?», vergewisserte sich Kappe.

«Ja. Er hat hin und wieder etwas verkauft. Nötig war das eigentlich nicht, wir haben ja die Unterstützung meiner Familie.» Ihr Blick erschien ihm jetzt beinahe treuherzig. «Ich entstamme einer wohlhabenden Reederfamilie. Besonders der Hamburger Zweig ist recht vermögend.»

«Ich verstehe», sagte Kappe, obwohl er keineswegs verstand, welches Glück manchen Leuten beschieden war. Eine reiche Familie, keine Steuern und ein bisschen Farbenkleckserei, ein Häuschen im Grünen, ein Auto und eine schöne Frau – da kam kein gewöhnlicher Kriminalbeamter mit. Obwohl sich wenigstens seine Gertrud vor so einer Schmarotzerin nicht zu verstecken brauchte. Es gab genügend Männer, die ihn mit Recht um sie beneideten. «Na schön. Auf Ihre Vermögensverhältnisse kommen wir noch zurück», sagte er. «Wenden wir uns der äußerlichen Beschreibung Ihres Mannes zu. Wie groß war er?»

«1,79 Meter.» Sie dachte einen Augenblick nach. «Das hat er jedenfalls immer gesagt. Vielleicht war er auch zwei, drei Zentimeter kleiner.» Wieder so ein Augenaufschlag. «Er hielt sich immer sehr aufrecht, um groß zu wirken. Ist das so wichtig?»

«Sehr wichtig. Wir müssen den aufgefundenen Körper eindeutig identifizieren.» Er vermied das Wort Leiche. Den Anblick würde er ihr nicht ersparen können.

Sie sah ein wenig blass aus um die Nase und senkte den Kopf. «Schrecklich!», stöhnte sie.

«Sein Gewicht?»

Sie blickte auf. «Wissen Sie, was Sie mir zumuten?», fragte sie anklagend. Ihre Stimme wurde lauter. «Mein Mann ist heute Nacht auf entsetzliche Weise zu Tode gekommen, und Sie fragen nach seinem Gewicht! Er war ein ganz normaler, gutaussehender, schlanker Mensch! Genügt Ihnen das?»

Es genügte Kappe nicht, doch beharrte er nicht auf einer exakten Antwort. Nicht in dieser Situation, in der sich die Frau nur unnötig aufregte. Begütigend hob er die Hand und fragte: «Bei welchem Zahnarzt war er in Behandlung?»

«Zahnarzt?», fragte sie gedehnt zurück. «Was soll das nun wieder? Er hatte gesunde Zähne und brauchte keinen Zahnarzt!»

Kappe lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Allmählich wurde die Angelegenheit mysteriös. Ein malender Volkswirt ohne Papiere, der keine Steuern zahlte und keinen Zahnarzt benötigte. Hatte es diesen Mann überhaupt gegeben? Wenn nicht – um wen handelte es sich dann bei der Leiche?

Immerhin hatte der Tote eine trauernde Witwe hinterlassen, die leibhaftig und nicht ohne Attraktivität vor ihm saß und deutliche Anzeichen von Unmut verriet. Zu ihrem Alibi für den vergangenen Abend hatte er sie noch nicht befragt. Es war überhaupt allzu viel offen in diesem Fall, für den die Mordkommission bis jetzt nur deshalb zuständig war, weil er Bereitschaft gehabt und die ersten Untersuchungen am Auffindungsort der Leiche geführt hatte. Weshalb wartete er nicht einfach das Ergebnis der Obduktion ab? Der Brand war ein bedauerlicher Unfall, um den sich die Gutachter der Versicherung kümmern würden. Dass es eine Lebensversicherung von Ronald Roeder zugunsten seiner Frau und eine Police für das Haus gab, hatte Verena Roeder ihm noch in der Nacht am Brandort bestätigt. Da sie noch nicht genau gewusst hatte, wo sie unterkommen würde, hatte er sie für den Nachmittag zu einer ersten Befragung ins Landeskriminalamt bestellt.

Kappe erhob sich und sagte gemessen: «Ich möchte Ihre Geduld und Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen. Es wird sicherlich noch die eine oder andere Frage zu klären sein. Deshalb ist es unumgänglich, dass Sie zu erreichen sind.»

Kappe merkte ihr die Erleichterung an, als sie aufstand. Er reichte ihr den leichten Sommermantel vom Kleiderhaken und wartete höflich, bis sie hineingeschlüpft war. Sie war einen halben Kopf kleiner als er und roch nach einem teuren Parfum. Keine Spur von Rauch. Sie musste ihre Haare gründlich gewaschen haben.

«Ich habe vorläufig in der Pension Rosenkranz in der Potsdamer Straße Unterkunft gefunden», sagte sie. «Adresse und Telefonnummer notiere ich Ihnen.»

Während sie schrieb, gestattete sich Kappe einen letzten Blick auf ihre Waden. Weshalb es eine solche Frau aus Frohnau ausgerechnet in die übelbeleumdete Potsdamer Straße zog, war ihm schleierhaft. Zuvorkommend geleitete er sie durch das Vorzimmer und verabschiedete sie mit einer gemessenen Verbeugung.

Als er sich umwandte, blickte er in die grinsenden Gesichter seiner Kollegen Günter Kynast und Jürgen Rückert. Kynast, allemal der Dreistere von beiden, verkniff es sich nicht einmal, anzüglich das Gesicht zu verziehen und so etwas wie «Glücklicher Witwentröster» zu murmeln.

Das war selbst Rückert zu viel. «Wenn du mal im Dienst erschossen wirst», bot er Kynast hinterhältig an, «übernehme ich die Tröstung sämtlicher deiner Flammen. Einverstanden?»

Kynast salutierte militärisch. «Einverstanden, Herr Oberleutnant!» Er liebte es, Rückerts Hang zum Militärischen zu karikieren. Lachend fügte er hinzu: «Aber schraub deine Hoffnungen nicht zu hoch! Mehr als ’ne Woche gibt dir Keunitz bestimmt nicht frei.»

Kriminalrat Keunitz war der Leiter des Referats M, zuständig für alle Tötungs- und Sittlichkeitsdelikte, und damit ihr Vorgesetzter. Otto Kappe wusste, wie der zu nehmen war, und kam einigermaßen gut mit ihm aus. An Günter Kynast aus Neukölln, von Otto gern als James Dean von Rixdorf tituliert, missfiel ihm dagegen die amerikanischen Filmschauspielern abgeguckte Lässigkeit. Seit Lilli Lenné, die jugendliche Schönheit der Truppe, zum Lehrgang in Westdeutschland weilte, artete sein Ton ein wenig aus.

«Euch steigen wohl die linden Maienlüfte zu Kopf», knurrte Kappe. Er war müde und wurde das Gefühl nicht los, immer noch wie ein Scheiterhaufen zu riechen. Dabei hatte er am Morgen länger als gewöhnlich geduscht. «Habt ihr nichts zu tun?»

Kynast zog den sorgfältig frisierten Kopf ein. «Angelwetter, wie?», sagte er spöttisch und spielte damit auf Otto Kappes Gewohnheit an, sie in ruhigen Zeiten mit den «nassen Fischen», den ungelösten Mordfällen der Vergangenheit, zu beschäftigen.

Kappe ging nicht darauf ein. «Ich mache jedenfalls Schluss für heute. Hab mir die ganze Nacht da draußen in Frohnau um die Ohren geschlagen.» Und außerdem hatte er noch Galgenberg zur Rettungsstelle begleitet, in der sie beide allein schon durch den sie umgebenden Brandgeruch aufgefallen waren. Galgenberg hatten sie im Krankenhaus gleich dabehalten. Diagnose: Knöchelbruch.

«Da wartet noch diese Frau …», sagte Rückert. «Ich hatte das Gefühl, sie möchte eher mit einem etwas gesetzteren Kollegen reden.»

«Was denn für eine Frau?», fragte Kappe ungehalten. Die Höflichkeit erforderte es eigentlich, dass er jetzt noch seinen verunfallten Mitarbeiter im Krankenhaus besuchte.

«Sie sitzt draußen. Kommt aus dem Osten und vermisst ihre Tochter. Sie ist sich ganz sicher, dass der was Schreckliches passiert ist. Die Kollegen vom Revier in Charlottenburg haben sie hergebracht.»

«Und was habe ich damit zu tun? Für solche Fälle sind die da oben zuständig.» Aufgebracht wies Kappe zur Decke. Im obersten Stockwerk saßen die Kollegen, die sich um vermisste Personen kümmerten.

Rückert ließ sich nicht beirren. «Die Tochter wohnt in der Wundtstraße. Das ist doch gleich bei dir um die Ecke.»

«Seid ihr nicht ganz bei Trost?», fauchte Kappe. «Übernimmst du neuerdings nur noch Fälle, wenn die Leiche aus Siemensstadt stammt?»

Dort wohnte Rückert, seit er vor beinahe zehn Jahren aus dem Osten gekommen war. Jetzt wand er sich wie ein Aal. «Red doch wenigstens mal mit der Frau! Ich hab nicht viel aus ihr rausgekriegt.»

VIER

CHARLOTTE WEIDNER hatte in ihrem 49-jährigen Leben so manches mitgemacht und geriet nicht leicht in Panik. Im Augenblick aber fühlte sie sich dicht davor. Verzweiflung hätten andere es wohl genannt, doch dieses Gefühl war ihr in härteren Zeiten abhandengekommen. Irgendwie ging es immer weiter, das wusste sie.

Ihre bösen Vorahnungen hatten sie nicht getrogen, dessen war sie sicher. Ihr Herz flatterte, und sie fühlte sich, als drohe die innere Unruhe sie zu zerreißen. Worauf hatte sie sich eingelassen? Aber was blieb ihr anderes übrig? Die Tochter, die wahrscheinlich nicht einmal ahnte, was sie der Mutter bedeutete, konnte, durfte nicht einfach verschwunden sein!

Der unangenehme Auftritt dieses Losinski vor dem Haus hatte ihre schlimmsten Vermutungen bestätigt. Der Mensch hatte etwas zu verbergen. Man musste nicht über so viele böse Erfahrungen verfügen wie Charlotte, um dem das schlechte Gewissen anzumerken. Die hastige Abfahrt mit dem bonbonroten Fahrzeug hatte einer Flucht geglichen.

In ihrer Ratlosigkeit war Charlotte in die Fahrschule gegangen. Die junge Frau dort kannte Elke tatsächlich, wusste aber nichts Beruhigendes mitzuteilen. Auch sie hatte Elke seit Tagen, vielleicht seit Wochen nicht mehr gesehen, dafür aber andere junge Frauen in Losinskis Begleitung bemerkt. «Bei denen herrscht ja immer reger Verkehr», sagte sie. «Studenten eben. Er soll so ’ne Art Assistent an der Uni sein. Hat sich hier vor dem Haus auch mal mit einem geprügelt. Wegen Politik, hieß es. Ich war nicht dabei.»

Als Charlotte den Laden verließ, war sie der Nachbarin aus dem ersten Stock begegnet, an deren Namen sie sich nicht einmal mehr erinnerte. Die hatte sie sofort erkannt und auf sie eingeschwatzt, als wären sie die dicksten Freundinnen gewesen. «Wo ist denn Ihre Tochter abgeblieben?», lautete die erste Frage. «Die ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Weg. Von einem Tag zum andern! Oder hat sie zu Mama heimgefunden, nach all dem Theater hier? Kann einem ja leid tun um das junge Blut, wenn man so was sieht.»

Und bevor Charlotte überhaupt zu einer Frage anzusetzen vermochte, erfuhr sie ausschließlich Beunruhigendes über Elkes Lebenswandel und ihren Umgang mit diesen schrecklichen Menschen, die sich als Studenten ausgaben. «Was die studieren, möchte unsereins wissen! Nichts Vernünftiges jedenfalls. Rauchen, trinken, singen, nachts die Musik aufdrehen, bis einem das Trommelfell platzt. Was waren das für friedliche Zeiten, als Sie und Ihr Mann noch hier wohnten! Wie geht’s ihm überhaupt? Sah ja immer ’n bisschen blass aus, der Gute. Aber ein feiner Mensch ist er. Auf so einen Schwiegersohn kann der dankend verzichten.»

Endlich gelang es Charlotte, den Redefluss der Frau zu unterbrechen. «Wann haben Sie Elke zum letzten Mal gesehen?»

Die Nachbarin riss die Augen unnatürlich weit auf. «Zum letzten Mal?», fragte sie erschrocken. «Wollen Sie damit sagen …»

Beinahe fassungslos über diese Reaktion, schüttelte Charlotte heftig den Kopf. «Nein, nein, ich …»

Die Frau war von der einmal aufgenommenen Spur nicht mehr abzubringen. «Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Der hat ihr was angetan! Wie der schon immer guckt, so scheel, und kann einem nicht in die Augen blicken. Wenn einer Dreck am Stecken hat, dann der! Weiß man denn, was der mit seinem komischen Roller alles abtransportiert? Ein paarmal hat er das Ding beladen wie einen Lkw. Und Ihre Tochter, diese zarte Person, das ist ja nur so ein Bündel.» Ihre Hände zeigten ein handliches Paket.

Charlotte hielt eine Hand der Frau fest. «Nein», stieß sie entsetzt hervor, «das ist unmöglich!»

«Na, wenn Sie meinen.» Achselzuckend wandte sich die Frau ab. «Wenn es um meine Tochter ginge, wäre ich jedenfalls längst bei der Polizei. Das Revier ist immer noch gleich um die Ecke.»

Und so war Charlotte tatsächlich entgegen aller politischen Einsicht und Vernunft auf dem Revier gelandet und dort auf einen Beamten gestoßen, der vermutlich seit Jahrzehnten hinter dem abgestoßenen Schreibtisch hockte und sich seine eigenen Gedanken zu machen schien und sich der politisch verdächtigen Frau vom Ostrundfunk womöglich besann. Ihr fiel der eigenartige Zug um seine Augen auf, nachdem sie sich als Charlotte Menzel vorgestellt, knapp ihr Anliegen samt Elkes Adresse vorgetragen und auf seine Frage hin behauptet hatte, den eigenen Personalausweis leider nicht bei sich zu haben. Natürlich fragte er nach ihrer Adresse. Widerstrebend musste sie zugeben, im Osten zu wohnen, wo man von ihren Erkundigungen besser nichts erfahren sollte.

Dazu nickte er vielsagend. Ob verständnisvoll, bezweifelte sie. Als er jedenfalls «Das ist eher ein Fall fürs Präsidium. Ich denke, da wird man Ihnen helfen» sagte, versuchte sie vergeblich, einen Rückzieher zu machen. «Vielleicht warte ich erst noch ein paar Tage», sagte sie und erhob sich. Doch der Beamte, der schon zum Telefonhörer gegriffen hatte, bedeutete ihr sitzen zu bleiben.

Zehn Minuten später hatte man ihr höflich, aber doch sehr bestimmt auf die Rückbank eines Volkswagens geholfen, und der hatte sie hierher gebracht, in eine Gegend, die sie nicht kannte und von der sie annahm, dass es sich um die Friesenstraße handelte, von der so häufig in den Zeitungsmeldungen über die Untaten der Stumm-Polizei die Rede war. Mein Gott, wozu hatte sie sich hinreißen lassen!

Wenn Max davon erfuhr, war mehr als eine heftige Auseinandersetzung zu erwarten. Und wenn die Partei davon Wind bekam … Sie wagte dem Gedanken nicht zu folgen. Sich direkt an die Büttel des Klassenfeindes zu wenden – das grenzte schlichtweg an Verrat und bedeutete mindestens Parteiausschluss. Einen hatte sie schon hinter sich, wie ihr plötzlich einfiel. Nach ihrem Aufenthalt in der Lubjanka war sie zur Unperson geworden. Erst Max hatte das später in Moskau wieder in Ordnung gebracht. Parteimitglied seit 1924, hieß es in ihrem Fragebogen. Und nun so etwas!

Andererseits machte nur Elke ihr Leben wirklich aus. Gewiss, Max hatte sie nie enttäuscht. Dennoch war zu ihm nie die gleiche Nähe entstanden wie zu ihrem geliebten Jakob und dem Einzigen, das sie als bleibendes Vermächtnis an diesen erinnerte: Elke. Die war ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur die Hoffnung, sie wieder in die Arme zu schließen, hatte Charlotte damals in der Zelle die Kraft gegeben, sich nicht umzubringen. Die Partei hingegen hatte nichts für sie getan, sie einfach fallenlassen, ohne sie je anzuhören.

Das waren ketzerische Gedanken, auf die sie sich trotzig versteifte, während sie auf dem kahlen Gang vor den feindlichen Büros darauf wartete, sich in neues Ungemach zu verwickeln. Es war ihr unmöglich gewesen, sich dem ersten Beamten auf dem Präsidium anzuvertrauen, einem nicht einmal unsympathischen jungen Menschen, der sie aber nicht recht zu verstehen schien.

Nachdem eine rothaarige junge Frau in einer Duftwolke an ihr vorbeigerauscht war, öffnete sich nach einiger Zeit die Tür und ein gutgekleideter, beinahe athletisch wirkender Beamter mittleren Alters musterte sie aus müden Augen. «Na, dann kommen Sie mal rein!», forderte er sie auf. Seine Lustlosigkeit schien mit Händen greifbar. Am besten machte sie es kurz und erklärte alles zu einem Missverständnis, bevor es wieder um ihre Personalien ging. Für eine Flucht, an die sie seit ihrem Besuch auf dem Revier gedacht hatte, war es allemal zu spät. Bei jedem Versuch davonzulaufen würde ihr Herz sich überschlagen. Auf einer Polizeidienststelle in West-Berlin versterben – das war das Letzte, was sie Max antun wollte.

Drinnen stellte sich ihr Gegenüber als Oberkommissar Kappe vor, und sie sagte ohne nachzudenken: «Charlotte Weidner.»

Nun war es heraus und konnte nur noch schlimmer werden. Der Oberkommissar achtete nicht darauf. Vielleicht war ihm der Name Menzel vom Revier nicht übermittelt worden. Charlotte beruhigte sich selbst. Von diesem Herrn Kappe ging eine Ruhe aus, die wohl nicht nur auf seine Müdigkeit zurückzuführen war.

Er hörte sich die Kurzfassung ihrer Geschichte an, ohne Fragen zu stellen oder Notizen zu machen. «Wundtstraße, gleich um die Ecke vom Horstweg?», vergewisserte er sich schließlich.

Sie bestätigte es.

«Ihre Tochter könnte verreist sein, ins Ausland möglicherweise», gab er zu bedenken.

«Das hätte sie mir vorher mitgeteilt. Oder wenigstens eine Ansichtskarte geschickt, selbst aus Paris oder sonst woher.»

Er nickte bedächtig. «Wie lange braucht die Post wohl von Paris nach Ost-Berlin?», fragte er mehr sich selbst als sie.

Paris! Wie fremd das für Charlotte klang. Eine Karte von dort ins Städtchen – jemand würde die wohl vor ihr lesen und sie nicht der Empfängerin, sondern seiner Dienststelle weiterreichen. Aber Elke kannte diese Gepflogenheiten. So unvorsichtig würde sie niemals sein. Post nach Niederschönhausen gab sie stets im demokratischen Sektor auf. «Wahrscheinlich haben Sie recht», sagte Charlotte resignierend. Sie fühlte sich plötzlich sehr hilflos und hatte nur noch einen Gedanken: Weg hier, bevor noch mehr Porzellan zu Bruch geht!

Herr Kappe jedoch schien erst am Anfang. «Ihre Tochter ist Studentin», stellte er fest. «Eigentlich ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sie mitten im Semester eine längere Reise unternimmt. Und welchen Grund hat dieser Herr Losinski, den Unwissenden zu spielen? Dem könnte man nachgehen. Allerdings sind wir in dieser Abteilung ausschließlich für Tötungsverbrechen zuständig.»

Ein eisiger Schmerz durchfuhr Charlotte. Fahl und schwer atmend schloss sie die Augen und sank in sich zusammen. Erst das Glas Wasser, das ihr der Oberkommissar reichte, brachte sie in die Gegenwart zurück.

«Ich wollte damit nur ausdrücken, dass für Ihren Fall andere Kollegen zuständig sind – und hoffentlich auch bleiben.» Er lächelte Charlotte aufmunternd zu und nahm ihr das Glas aus der Hand.

«Ich verstehe», sagte sie leise. Es klang hoffnungslos.

Er blieb freundlich. «Da Sie nun einmal bei uns gelandet sind, werden wir trotzdem nachforschen, wo Ihre Tochter abgeblieben sein könnte. Wir verfügen sicher über bessere Möglichkeiten als Sie.» Er ließ sich wieder hinter seinem Schreibtisch nieder. «Also gehen wir die Sache noch einmal Punkt für Punkt durch. Elke Menzel, geboren am?»

«Am 28. November 1933», antwortete Charlotte mit schwacher Stimme.

«In Berlin?»

Nun kommt es raus, dachte sie. Doch es half ja nichts. «In Moskau», sagte sie, um Festigkeit in ihrer Stimme bemüht.

Der Oberkommissar sah auf und blickte sie an. «In Moskau!», sagte er mit einer gewissen Betonung und schrieb es auf.

FÜNF

WER IN BERLIN Jazz hören wollte, der ging in die «Badewanne», wo das Rediske Quintett modernen Cool darbot, oder er fuhr zum Dixieland mit den Spree City Stompers in die «Eierschale»am Breitenbachplatz. Im «Landhaus Dahlem» spielten die Salty Dogs mit ihrem Starschlagzeuger Baby Ko, und selbst im «Haus Berlin» an der Ost-Berliner Stalinallee jamten jeden Dienstag Musikanten aus Ost und West. Als Geheimtipp galt das «Studio 22» am Stuttgarter Platz. Der Gitarrist Coco Schumann, der das KZ überlebt hatte, war hier zu Hause. Im «Studio 22» trafen sich allwöchentlich die Musiker der modernen Richtungen zur Jam Session.

Peter Kappe, der sich nach unbefriedigenden Skiffle-Übungen auf dem Banjo seit einiger Zeit auf der Gitarre versuchte, hatte schon einige Abende im «Studio 22» verbracht. Bequemer und billiger war die Art Musik, die er mochte, kaum zu haben. Eintrittsgeld wurde nicht verlangt, und nach Hause waren es nur ein paar hundert Meter. Die Hoffnung, bei der Gelegenheit mal eine Mieze mit gleichen Interessen aufzureißen, hatte sich bisher nicht erfüllt. Das «Studio»war früher eine gewöhnliche Charlottenburger Eckkneipe gewesen und machte daraus auch keinen Hehl. Wahrscheinlich verzogen die Mädchen aus seiner Klasse deshalb das Gesicht, wenn er eines von ihnen aufforderte, ihn hierher zu begleiten. Es waren eben nur stumpfe Schrammen, zu Peters Bedauern. Die schwärmten für «Schlager der Woche» oder für dürftigen Rock ’n’ Roll und Elvis, dessen Verrenkungen Peter abschreckend fand. Das war alles nur nachgemachter schwarzer Rhythm and Blues, wie er wusste. Sein augenblickliches Gitarrenidol hieß Barney Kessel. In dessen Stil versuchte gerade ein plumper Bursche mit Ami-Bürste, auf dem kleinen Podium Melodielinien nachzuspielen, die Peter bekannt vorkamen.

«Dave Brubeck», sagte der Wortführer der beiden Burschen, an deren Tisch Peter Kappe einen Platz gefunden hatte.

Ihnen gegenüber saß ein Pärchen. Sie bot einen angenehmen Anblick, ihr Macker mochte schon um die dreißig sein. Er nickte bestätigend. «Klingt aber eher wie Eddie Condon.»

Bis auf die junge Frau lachten alle. Es war nicht schwer zu erkennen, dass der Gitarrist sich ebenso dilettantisch wie vergeblich bemühte, Brubecks rhapsodische Pianoläufe auf der Gitarre nachzufingern. Der Vergleich mit dem trunksüchtigen Dixieländer Condon war boshaft, aber nicht unpassend.

Der Macker und der Brubeck-Kenner, der vermutlich nicht viel älter war als Peter, gerieten sofort in eine Diskussion darüber, ob Brubeck überhaupt noch zum Jazz gehöre, wobei der Jüngling mit Kenntnissen und endgültigen Urteilen glänzte, die Peter beeindruckten. Clemens, wie ihn sein ansonsten eher schweigsamer Gefährte einmal ansprach, war ein großgewachsener Knabe mit dunkler Lockenpracht, der seine Ansichten gegenüber dem Älteren mit größter Selbstsicherheit vertrat. Dixieland sei eine tote Musik, deren Interpretation allenfalls Altmeistern wie Sidney Bechet oder Armstrong zustünde, und auch die hätten sich längst weiterentwickelt und spielten in Wahrheit Swing.

Das einzige weibliche Wesen am Tisch fühlte sich zu Recht vernachlässigt. Vermutlich fand sie das Gespräch genauso langweilig wie das Geschehen auf dem Podium, wo inzwischen ein Trio aus Bass, Schlagzeug und Altsaxophon zwirnsfadendünne Tonkaskaden abließ, die Clemens mit einem vernichtenden Urteil kommentierte. «Klingt wie eine verstimmte Trichtervioline. Ohne Piano geht so was gar nicht!», lautete sein abschließender Befund.

Sie blickte Peter an und lächelte, während ihr Begleiter sich mit Clemens über die harmonische Bedeutung des Klavierspiels im Jazz austauschte. Meinte die Ische wirklich ihn? Sie trug ihr blondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebündelt und wirkte trotz ihrer spitzen Nase anziehend, besonders wenn sie lächelte. Peter schätzte sie auf Mitte zwanzig.

«Spielen Sie auch ein Instrument?», fragte sie ihn quer über den Tisch hinweg.

Peter nickte ein wenig gehemmt. «Gitarre», sagte er. «Aber ich bin noch ziemlich am Anfang.»

«Meine Mutter hat mich früher immer zum Klavierunterricht gezwungen», sagte sie und ließ ihre schlanken Finger auf der Tischplatte tanzen. «Schrecklich! Das hat mir die ganze Freude an der Musik verdorben.»

Ihren Scheich schien es nicht zu stören, dass sie sich anderweitig unterhielt. Clemens und er diskutierten über Erroll Garner und Oscar Peterson. Nur Clemens’ Gefährte, ein bebrilltes Jüngelchen mit nichtssagendem Gesicht, fühlte sich plötzlich angesprochen. «Ich spiele Trompete», sagte er selbstbewusst, wobei er die erste Silbe betonte. «So in der Art wie Chet Baker.»

Den kannte sie. «Der hat doch die Platte mit Caterina Valente gemacht!»

Und abgemeldet war Peter. So erging es ihm immer. Kam er wirklich mal mit einer Frau ins Gespräch, fand sich sofort ein oberschlauer Draufgänger, der sich dazwischendrängte. Bei den gleichaltrigen Mädchen in der Schule war ihm das inzwischen beinahe egal. Ihn reizten sowieso eher Frauen, die eine gewisse Reife und Klugheit ausstrahlten. Das hatte er allen Ernstes Marlies erklärt, der Enkelin seines Großonkels Hermann. Insgeheim hatte er dabei an seine wunderschöne Zeichenlehrerin gedacht, in die alle Jungs verknallt waren, aber auch an die auffallend hübsche Schwarzhaarige, die ihm jeden Morgen auf der Straße begegnete. Ein echt steiler Zahn! Die war bestimmt schon Mitte zwanzig. Er vermisste sie seit Tagen. Hoffentlich war sie nicht weggezogen!

Natürlich hatte Marlies ihn ausgelacht. Bei Onkel Hermanns siebzigstem Geburtstag war das gewesen. Eine tödlich langweilige Veranstaltung, bei der sie auch die Beförderung seines Vaters zum Oberkommissar gefeiert hatten. Der und der greise Onkel Hermann hatten die Gelegenheit beim Schopf gepackt und wechselseitig Anekdoten aus dem Leben von Kriminalkommissaren zum Besten gegeben. Da war ihm Marlies wie ein Lichtblick erschienen. Er hatte sie eine ganze Weile nicht gesehen. Zumindest äußerlich schien sie sehr zu ihrem Vorteil verwandelt. Abgesehen davon war sie das einzige Mädchen in seinem Alter in der ganzen Kappe-Sippe. Aber leider, wie sich schnell herausstellte, auch nur so eine Schlagermieze, die für Peter Kraus schwärmte – und der war nun wirklich das Letzte!

Wie gerne hätte Peter hier im «Studio 22» eine verständnisvolle Partnerin an seiner Seite gehabt und mit ihr zusammen die Musik genossen – soweit das Amateur-Getue genießbar war. Es durfte sich eben jeder versuchen, solange das Publikum geduldig blieb. Insgeheim nährte Peter die Hoffnung, die Zuhörer eines Tages mit seinen Gitarrenriffs zum Aufhorchen zu bringen. Bis dahin war es ein steiniger Weg, das wusste er.

Auf dem Podium brachte inzwischen ein swingendes Quartett Schwung in den Laden. Alle wippten mit den Füßen, nicht mal der kluge Clemens fand etwas auszusetzen. Sein Kumpel, der angebliche Trompeter, fingerte laienhafte Griffe in die Luft, um Eindruck auf die Mieze zu machen. Angesichts dessen besann sich deren Begleiter auf seine Rechte und Pflichten. Er drückte sie besitzergreifend an sich und begann, auf sie einzureden.

In Ermangelung eines anderen Diskussionspartners wandte sich Clemens zu Peter. «Du spielst Gitarre?», fragte er.

«Ein bisschen», gab Peter zu, und damit Clemens ihn nicht für einen Zickendraht à la Eddie Condon hielt, fügte er hinzu: «So in Richtung Barney Kessel.»

Den akzeptierte Clemens. «Von dem gibt es eine herrliche neue Scheibe mit den Poll Winners», sagte er.

Peter nickte. «Die habe ich schon», entgegnete er nicht ohne Genugtuung. Zum Beweis imitierte er eine Kessel’sche Improvisation von der Platte. Die Poll Winners waren die besten Instrumentalisten des Jahres ’57.

Clemens hörte mit fachmännischem Interesse zu. «Was sammelst du denn so?», wollte er wissen.

Endlich ergab sich eine Gelegenheit für Peter, mal ein bisschen mit seiner bescheidenen Plattensammlung zu renommieren. Da er den Oldtime Jazz vorsichtshalber wegließ, fand das meiste Clemens’ Zustimmung. «Und du?», erkundigte sich Peter. «Worauf stehst du?»

Unter anderem auf Ellington, Bebop und Jazz at the Philharmonic, wie sich herausstellte. Und auf Lionel Hampton. «Das ist der Größte!», behauptete Clemens. «Musikalisch und rhythmisch. So wie der swingt kein anderer.»

Peter widersprach nicht. Beim letzten Konzert des Maestros im Sportpalast hatte auch ihn die allgemeine Begeisterung angesteckt.

Es wurde ein langer Abend. Das Pärchen verzog sich irgendwann, zwei schwarze US-Krieger nahmen die Plätze ein. Keine Jazzer, wie sich herausstellte, sondern zwei brave GIs aus Oklahoma, die auf Rhythm and Blues und Chuck Berry standen und das schwarze Harlem nur aus furchterregenden Erzählungen kannten. Peter, der sich schon öfter mit Amis und britischen Soldaten unterhalten hatte, fand sich überraschend in der Rolle des Dolmetschers. Clemens’ Englisch war dürftig und das seines Kumpels nicht viel besser.

«Ich dachte, du studierst», sagte Peter, dessen Bewunderung für Clemens einen Knacks weg hatte. Und gleich einen zweiten bekam.

«Ich mache gerade Abitur», gab Clemens mit gedämpfter Stimme zu.

«Auch in Englisch?», wagte Peter zu fragen.

Clemens schüttelte den Kopf. «Das haben wir leider erst seit zwei Jahren.»

Peter sah ihn ungläubig an. Zwei Jahre Englisch und dann Abitur – so etwas hatte er noch nie gehört.

Clemens senkte seine Stimme. «Im Osten, verstehst du?»

Der nach dem Aufbruch des Pärchens wieder schweigsame Trompeter nickte trübe.

Peter verstand. Nun war ihm klar, weshalb sich die beiden den ganzen Abend an einer Coca festgehalten hatten, allen mahnenden Anfragen des Kellners zum Trotz. Er selbst hatte immerhin drei getrunken.

Ost-Berliner waren ihm schon hin und wieder begegnet. Eine nähere Bekanntschaft hatte sich nie ergeben. Wozu auch? Sein Vater war Polizeibeamter, der mit dem Osten nichts am Hut hatte. Gar nicht haben durfte. Das war so selbstverständlich wie die Abneigung seiner Mutter gegen alles Östliche und die Vorbehalte seiner Freunde und Klassenkameraden gegen den Osten. Hieß es nicht, der Jazz sei dort verboten?

«Quatsch!», widersprach Clemens. «Musik lässt sich nicht verbieten. Jazz gibt es sogar bei den Russen. Nur keine Platten. Das ist das Problem.»

Peters Problem bestand eher im hohen Preis der Langspielplatten. Die billigeren 45er knisterten nach einer Weile wie ein Lagerfeuer. Sein Taschengeld, das er durch allerlei Nebenarbeiten aufbesserte, reichte nie aus. Einmal in der Woche setzte er in einer Kneipe Kegel auf, für einen Stundenlohn von einer Mark. Das war schäbig genug, aber bei einem Wechselkurs von eins zu vier eine Menge Geld für die Billigkonkurrenz aus dem Osten.

Clemens’ schmale Künstlerhände sahen nicht aus, als hätten sie jemals Kegel aufgesetzt oder andere schwere Arbeiten ausgeführt. Wollte er allerdings eine LP kaufen – die meisten kosteten 19,90 DM –, so waren das in seiner Währung fast neunzig Mark.

«Hast du eine größere Plattensammlung?», fragte Peter dennoch.

«Nur das Wichtigste», antwortete Clemens. «Vom Oldtime nur die wahren Schöpfer: Armstrongs Hot Five, den frühen Sidney Bechet, allenfalls noch Really the Blues mit Tommy Ladnier.»

«Die habe ich auch!», bestätigte Peter stolz.

«Weißt du, dass Bechet und Ladnier zwar aus New Orleans stammen, sich aber erst in Moskau kennengelernt haben?»

Nun staunte Peter doch. «In Moskau? Wie kamen sie denn ausgerechnet da hin?»

Clemens wusste es. «In den zwanziger Jahren gab es dort Jazzkonzerte. Und in den Vierzigern hatten sie sogar ein staatliches Jazzorchester unter Eddie Rosner. Der machte ganz brauchbaren Swing. Natürlich auf sehr sowjetische Art.»

«Interessant», befand Peter. «Du weißt ja gut Bescheid. Bist du mal in Russland gewesen?»

Clemens’ Gesicht verdüsterte sich ein wenig, aber auf dem seines schweigsamen Kumpels breitete sich ein Grinsen aus. «Clemens ist in Moskau geboren», meldete er naseweis.

Clemens schien das für eine überflüssige Bemerkung zu halten. «Ich bin seit ’46 wieder in Berlin!», sagte er ein wenig unwirsch.

Aus Moskau wieder in Berlin? Wie meinte er das? Peter hätte gerne nachgefragt, wollte aber nicht indiskret sein. «Hast du russische Jazzplatten?», fragte er stattdessen.

Clemens bestätigte das. «Auch polnische LPs vom Jazzfestival in Sopot.»

Damit waren sie wieder bei den Platten. «Wäre schön, wenn man die eine oder andere Scheibe auf Band umschneiden könnte», schlug Clemens vor.

Daran war nichts auszusetzen. Peter stimmte zu. «Warum nicht. Wir könnten uns ja mal verabreden. Hast du ’ne vernünftige Bandmühle?»

Die besaß Clemens, im Gegensatz zu Peter, auf dessen Wunschliste ein mindestens halbprofessionelles Tonbandgerät ganz oben stand – also unerreichbar hoch vorläufig. Vielleicht klappte es zum Abi im nächsten Jahr. Im Osten gab es anscheinend wohlhabende Leute, die ihren Kindern, die noch dazu in Moskau geboren waren, großzügige Geschenke machen konnten.

Peter entsann sich, dass es von Hartmut, dem ältesten Cousin seines Vaters, hieß, er sei höherer Offizier bei der Kripo im Osten. In der Familie wurde er kaum erwähnt. Nicht mal zum Siebzigsten des eigenen Vaters war der aufgetaucht. Vermutlich verdienten solche Leute im Osten so viel, dass ihre Kinder im Westen hätten einkaufen können, es aber sicherlich nicht durften.

«Wenn du willst, können wir das bei mir machen», schlug Peter großzügig vor. «Ich wohne nur ein paar Ecken von hier.» In seinem Zimmer durfte ihn jeder besuchen. Weder Mutter noch Vater waren da kleinlich. Außerdem brauchte niemand zu erfahren, dass der Besucher aus dem Osten kam. Clemens sah überhaupt nicht danach aus.

«Ich weiß nicht …», sagte der zögernd. «Die Kiste ist ziemlich schwer und unhandlich. Damit müsste ich ja über die Grenze …»

«Müsste ich mit meinen Platten auch», wandte Peter ein.

«Das ist kein Problem! Du hast einen Westausweis. Bei uns in der Interessengemeinschaft Jazz halten öfter Personen aus dem Westen Vorträge. Die bringen alle ihre Platten mit.»

«Na, wenn du meinst.»

«Ich wohne in Biesdorf. Mit der S-Bahn sind das von hier kaum vierzig Minuten.»

Peter zögerte. In den Osten sollte er. Und dann auch noch so weit. Andererseits reizte ihn die Vorstellung. Wer kannte schon einen echten Jazzfan aus dem Osten? «Wann würde es dir denn passen?», fragte er.

«Am besten wäre es am Tage. Und in der Woche. Dann habe ich sturmfreie Bude.»

«Wir können ja mal darüber reden», sagte Peter.

SECHS

OBERKOMMISSAR OTTO KAPPE war guten Mutes, den Fall mit der Brandleiche in Frohnau aufzuklären. Den hatte er nun endgültig an der Backe. Der Rest der Inspektion war mit den Ermittlungen zu einem Raubmord in der Liegnitzer Straße in Kreuzberg beschäftigt. Unbekannte hatten dort vor einer Woche einen Taxifahrer schwer verletzt, einen 62-jährigen Vertreter erschossen und dessen Geldtasche mit 43 000 DM entwendet. Bis jetzt war nur der bei der Tat benutzte Pkw gefunden worden, den die Täter Wochen vorher in Zehlendorf gestohlen hatten.

Im Frohnauer Fall taten sich allmählich Schwierigkeiten auf. Der Anblick des stark verkohlten Leichnams blieb der Witwe auf Weisung von Kriminalrat Keunitz erspart. Metallreste an einem Finger der linken Hand identifizierte sie auf Photos schluchzend als den Siegelring ihres Gatten. Die Überbleibsel des rechten Schuhs und eine deformierte Gürtelschnalle gehörten ihrer Aussage nach zur Kleidung, die der am Sonntag vor dem Unglück getragen hatte.

Kappe blieb misstrauisch. Beim Gespräch des Obduzenten Dr. Konrad König mit der Witwe hatte er dessen Ausführungen zu Größe und Gewicht sowie zum Zahnstatus des Verbrannten mit einem warnenden Blick, den König glücklicherweise verstand, verhindert. Zu diesen Themen wollte Kappe sich erst einmal ausführlich informieren, bevor er sich auf die weitere Befragung der Leidtragenden einließ. Deren Reaktion auf Königs Feststellung, die Leiche weise eine tiefe Schädelverletzung am Hinterkopf auf, war ihm ein wenig zu prompt erfolgt. «Wahrscheinlich ist er gestürzt und hat sich dabei verletzt», hatte sie gesagt und dabei ihre großen Augen entsetzt aufgerissen.

In Königs Bericht, den Kappe jetzt durchging, klang das ein wenig anders. Nach der guten alten Hutkrempenregel war eine Selbstverletzung durch einen Sturz so gut wie auszuschließen, da die Wunde oberhalb der gedachten Krempe lag. Viel eher hatte den Mann ein Schlag mit einem stumpfen Gegenstand von schräg oben getroffen und zu Fall gebracht, bevor der Brand ausgebrochen war. Tot war er da noch nicht gewesen, wie die Rauchgase in seiner Lunge bewiesen.

Zufrieden pfiff Kappe vor sich hin. Es gab genügend Ansatzpunkte. Die Körpergröße beispielsweise, zu der sich der Mediziner nur unter Vorbehalt äußerte – sie sei bei einer Leiche in diesem Stadium der Verkohlung und in der dafür typischen zusammengekrümmten Fechter- oder Boxerstellung nur höchst ungenau zu ermitteln –, gab er mit maximal 1,68 Meter an. Noch auffallender trat die Diskrepanz zwischen den Angaben der Witwe und Königs Untersuchungsergebnissen bei der Eigenschaft auf, die neben den Papillarlinien der Finger und der Form der Ohrmuscheln jedes Individuum eindeutig vom anderen unterschied: dem Zustand der Zähne.

Günter Kynast polterte so unbekümmert herein, wie es seine Art war, und platzte los: «Nichts! Jedenfalls so gut wie.»

Kappe sah ihn missbilligend an und wartete. Mitunter zweifelte er, ob es günstig war, den James-Dean-Verschnitt und nicht etwa eine etwas gediegenere Erscheinung mit der Befragung älterer Zeugen zu beauftragen. Das Militär zum Einsatz zu bringen, wie es Galgenberg ironisch nannte. Piossek war der ehemalige Offizier noch immer anzumerken, und Rückert gebärdete sich gelegentlich auch ziemlich stramm. So jemand wie der blonde Engel Lilli fehlte im Team.

«Die Nachbarn halten sich bedeckt», berichtete Kynast. «Keiner will die Roeders näher gekannt haben. Da draußen wohnen übrigens fast nur alte Leute. Wussten Sie, dass die Grenze bis ’48 hinter Stolpe verlief? Die Franzosen sollten da ihren Flughafen bauen, aber die Russen …»

Otto Kappe winkte ab. «Olle Kamellen!», sagte er. «Als die Franzosen wegen der Luftbrücke anfingen, Tegel zu nutzen, haben die Russen sich Stolpe zurückgeholt. Hat das was mit unserem Fall zu tun?»

Das musste Kynast verneinen. «Jedenfalls kann keiner zuverlässig angeben, wann und mit welchen Insassen der Ford Taunus am Sonntag aufgebrochen ist. Wahrscheinlich fuhr er ein paarmal hin und her, sagt einer, der es aber nicht beschwören würde. Überhaupt will keiner etwas Auffälliges beobachtet haben. Lediglich am Sonnabendmittag ist ein schlechtgekleideter Fremder durch diesen besseren Laubenweg geschlichen und hat nach den Hausnummern geguckt, auf die Frage, ob er jemanden suche, aber den Kopf geschüttelt.»

«Wo der abgeblieben ist, haben Sie nicht herausgefunden?»

Kynast schüttelte den Kopf. «Das hat angeblich keiner gesehen.»

«Personenbeschreibung?»

Kynast blickte ihn an. «Wollen wir jetzt das Signalement aller Passanten überprüfen, die jemals an Roeders Gartenzaun entlanggelaufen sind?»

«Reden Sie keinen Unsinn! Falls es sich, wie ich vermute, bei dem Kellerfund nicht um die Leiche des Hausbesitzers handelt, muss der Verbrannte irgendwann von irgendwoher nach Frohnau gelangt sein.»

«Vielleicht haben sie ihn im Auto mitgebracht.»

«Vielleicht!», sagte Kappe unzufrieden. «Wenn auch nicht sehr wahrscheinlich. Und selbst dann müssen wir erfahren, ob der Mann groß oder klein oder bucklig war. Und ob er etwa schlechte Zähne hatte.»

«Das ist die nächste Niete», gab Kynast zu. «Im Umkreis von mehreren Kilometern praktizieren dort oben nur drei Zahnklempner. Patient Ronald Roeder – negativ.»

«Das beweist gar nichts. In Berlin gibt es Hunderte Zahnärzte. Vielleicht ist Roeder zu einem alten Bekannten gegangen, der Zahnarzt ist. Oder er ist zur Behandlung in der Gegend geblieben, in der er vorher gewohnt hat.»

Kynast verzog das Gesicht. «Na, dann herzlichen Glückwunsch!»

Kappe grinste verkniffen. «Wahrscheinlich finden wir den zuständigen Herrn Doktor sowieso nicht. König bescheinigt ihm nämlich ziemliche Pfuscherei.» Er deutete auf den Bericht. «Zwei Backenzähne fehlen. Es gibt zwei frische und mehrere länger zurückliegende Plombierungen, eine davon unfachmännisch und offensichtlich mit grobem Werkzeug ausgeführt.»

«Wie lange zurückliegend? Roeder kam doch aus der Zone.»

«Vor gut fünf Jahren hat er rübergemacht. Und nach Angaben seiner Frau mit kerngesundem Gebiss.»

Sie sahen sich an. «Davon mal abgesehen», sagte Kynast, «meinen Sie nicht, dass auch ein Zahnarzt in der Zone sein Bestes tut? Es sei denn …»

«Es sei denn, es handelte sich um gar keinen Zahnarzt. Wir wissen noch viel zu wenig über unseren Roeder. War der vielleicht irgendwo in Gefangenschaft?»

«Oder im Knast», sagte Kynast und sprach damit aus, woran auch Kappe schon gedacht hatte.

«Sie fahren morgen früh nach Marienfelde und gucken sich die Akte Roeder an! Mal sehen, ob sich daraus etwas Interessantes ergibt.»

Mit der Bitte um Auskünfte vom Flüchtlingslager in Marienfelde hatte Kynast keine durchweg guten Erfahrungen gesammelt. Sein pessimistischer Nachsatz lautete: «Sofern nicht wieder irgendeiner vom Dienst mit Schlapphut auf der Akte sitzt und uns auflaufen lässt.»

Das Problem kannte Kappe zur Genüge. «Dann sollen die gefälligst auch rausfinden, wer da wessen Leiche verbrannt hat!», sagte er ungehalten. Er schob Königs Bericht in einen Aktendeckel. «Die untröstliche Witwe lassen wir jedenfalls ein bisschen schmoren, bis wir Genaueres wissen. Für heute ist erst mal Feierabend.»

Als Otto Kappe mit seinem Käfer vom Kaiserdamm abbog, fiel ihm an der Ecke Wundtstraße der feuerrote Messerschmidt-Kabinenroller auf, den diese Frau Weidner erwähnt hatte. Eine passende Gelegenheit, den verdienten Feierabend noch ein bisschen zu verschieben! Er parkte den Wagen und ging hinüber zu dem Haus, vor dem das Gefährt stand. Bemerkt hatte er den Autoverschnitt schon oft, aber nie sonderlich beachtet. Jetzt warf er im Vorbeigehen einen Blick in die gläserne Kanzel. Dass da zwei Erwachsene hintereinander hineinpassten, war schon erstaunlich genug. Dass jemand eine Leiche darin verstauen und abtransportieren konnte, erschien ihm zweifelhaft.

Er klingelte bei Menzel/​U. Losinski. Es knackte, gleichzeitig summte der Türöffner, und eine fröhliche Männerstimme sagte: «Komm rauf, du weißt ja, wo!»

Im zweiten Stock stand die Wohnungstür halb offen. Kappe klingelte noch einmal.

«Ja doch! Komm rein!», rief die Männerstimme.

Kappe schob die Tür auf und trat in den Korridor. Erst nach einer ganzen Weile tauchte aus einer der Türen ein junger Mann auf, dessen Gesicht Kappe in dem herrschenden Dämmerlicht nur in Umrissen erkennen konnte.

«Wer sind Sie denn?», erkundigte sich der Mann befremdet.

«Offensichtlich nicht der, den Sie erwartet haben», entgegnete Kappe. Er zückte seine Dienstmarke und stellte sich vor.

Dem anderen war trotz des schlechten Lichts anzumerken, wie wenig er den Besuch schätzte. «Was wollen Sie von mir?» Seine Ablehnung war mit den Händen zu greifen.

«Wollen wir das nicht besser in Ruhe in einem Ihrer Zimmer klären, falls Sie Herr Losinski sind?», schlug Kappe vor, doch sein Gegenüber protestierte: «Ich wüsste nicht, was es mit mir zu klären gäbe. Dass ich Losinski heiße, kann ich Ihnen auch hier im Flur glaubwürdig versichern.»

«Na, wenn Sie meinen.» Kappe hatte gelernt, seine Gefühlsaufwallungen zu beherrschen. Widerspenstige Zeugen oder nassforsche Verdächtige waren ihm nur allzu vertraut. Er griff in seine Innentasche. «Ich stelle Ihnen eine Vorladung ins Landeskriminalamt aus, der Sie bitte Folge leisten! Morgen früh um acht haben Sie sich in der Gothaer Straße einzufinden.»

«Morgen früh um acht? Ich habe um neun eine Vorlesung zu halten!»

Kappe begann zu schreiben. «Das ist Ihr Problem, um dessen Klärung Sie sich bitte bemühen!», sagte er trocken. Er hatte sich inzwischen an das trübe Licht gewöhnt und sah jetzt deutlich das unrasierte Gesicht seines Gegenübers über einem dunklen Rollkragenpullover. Losinski war ihm schon auf der Straße begegnet, ein schlaksiger Mensch um die dreißig, der immer ein bisschen ungepflegt wirkte. Im Gegensatz zu seiner Begleiterin, die Kappe plötzlich deutlich vor Augen stand: eine dunkelhaarige kleine Person mit dem Gesicht eines Engels und einer Figur, nach der man sich schon mal umgedreht hätte, wäre man schlecht erzogen und kein Kriminaloberkommissar und verheirateter Familienvater gewesen. Kappe reichte Losinski, der ihn mit einer Mischung aus unterdrückter Erregung und schlecht vorgeführter Selbstsicherheit belauerte, das Papier. «Wir können Sie auch vorführen lassen», sagte er dabei möglichst beiläufig.

«Das könnte Ihnen so passen!», bellte Losinski, der seine Sprache wiedergefunden hatte. «Was wollen Sie eigentlich von mir?»

Kappe spielte den Freundlichen. «Das klären wir besser morgen früh», sagte er beinahe herzlich. «Bis dahin also!» Grüßend hob er zwei Finger und wandte sich zum Gehen.

«Moment, Moment! Ihre aggressiven Polizeimethoden ziehen bei mir nicht! Sie dringen in meine Wohnung ein, drohen mir mit Vorführung und wollen mir nicht einmal sagen, was gegen mich vorliegt?»

«Es tut mir leid, wenn Sie das so empfinden», entgegnete Kappe kalt. Er blickte demonstrativ auf seine Armbanduhr. «Im Übrigen habe ich für heute Dienstschluss. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Ihnen die Beantwortung von ein paar Fragen so viel Schwierigkeiten bereitet.»

Losinski stieß die Tür zu einem Zimmer auf. «Kommen Sie rein!», sagte er finster. «Leute wie Sie geben ja doch keine Ruhe.»

Kappe überlegte einen Moment, weiter auf die Feierabendkarte zu setzen. Andererseits interessierte es ihn, einen Blick auf die Wohnverhältnisse des Pärchens zu werfen. Morgen früh wartete genügend andere Arbeit auf ihn.

Das Wohnzimmer, wenn man es so bezeichnen wollte, glich aus Kappes Sicht dem mittleren Chaos einer unaufgeräumten Studentenbude. Auf den ersten Blick fielen zwei fremdsprachige Plakate auf, hinter deren Sinn Kappe nicht kam. Das eine gab über einer ausgestreckten Faust eine spanische Losung wieder, das zweite sah verdächtig russisch aus. Auf mindestens drei Tischen und halbhohen Regalmöbeln türmten sich Bücher, Zeitschriften und Schallplatten in buntem Durcheinander. Kappe identifizierte ein futuristisches Radio der Firma Braun und den dazugehörenden Plattenspieler, den er aus dem Zimmer seines Sohnes Peter kannte. Allerdings sah es in dessen Höhle dank Gertruds ständiger Mahnungen wesentlich wohnlicher aus als in dieser obskuren Bude, in der eine ordnende weibliche Hand zu fehlen schien.

Mit einer unwirschen Handbewegung forderte Losinski Kappe zum Sitzen auf, blieb jedoch selbst stehen. «Ich höre!», sagte er pikiert.

«Sie sagten, ich sei in Ihre Wohnung eingedrungen», begann Kappe, und Losinski widersprach sofort mit einer abwehrenden Handbewegung: «Ich weiß, dass die Tür offen stand.»

«Vielleicht nehmen Sie ebenfalls Platz!», bat Kappe höflich. Von oben herab ließ er nicht gerne auf sich einreden.

Losinski ließ sich so vorsichtig auf der mit Papier überhäuften Couch nieder, als befürchte er eine Explosion.

Geschäftsmäßig fragte Kappe: «Handelt es sich wirklich um Ihre eigene, persönliche Wohnung?»

«Was soll diese Frage? Ich wohne hier, das genügt doch wohl! Selbstverständlich zur Miete, wie denn sonst.»

«Als Haupt- oder als Untermieter?»

Die Frage brachte Losinski aus der Fassung. Er schluckte mehrmals. «Die Wohnung …», sagte er stockend, « … gehört meiner … meiner Bekannten. Fräulein Menzel, deren Name ja auf dem Türschild steht.» Schrittweise gewann er seine Selbstsicherheit zurück. «Sie ist im Augenblick nicht zu Hause.»

Kappe nickte verstehend. «Und wann kommt sie nach Hause? Ich meine, üblicherweise.»

«Sie ist … Sie weilt gegenwärtig … nicht in Berlin.»

«Darf man fragen, wo sie sich aufhält?»

«Man darf.» Losinski rang sich ein verklemmtes Lächeln ab. «Aber ich weiß es nicht.»

Kappe blickte ihn an. «Zumindest wollen Sie es mir nicht sagen.»

Sofort brauste Losinski auf. «Ich kann es Ihnen nicht sagen! Sie ist verreist, und sie ist mir keinerlei Rechenschaft über ihr Reiseziel schuldig!»

Kappe schwieg und ließ seinen Blick weiter auf Losinski ruhen, bis der unruhig wurde. «Auch wenn Sie es mir nicht glauben, ich weiß nicht, wo Frau Menzel sich gegenwärtig aufhält. Ich bin nicht für sie verantwortlich!»

«Das bleibt Ihnen unbenommen», bestätigte Kappe ruhig. «Aber sie ist doch Ihre … Partnerin. Sie leben zusammen mit ihr in ihrer Wohnung. In einer engen Lebensgemeinschaft sozusagen. Fräulein Menzel ist Studentin?»

«Ja.»

«Was studiert sie?»

Wieder eine Frage, die Losinski zu beunruhigen schien. «Journalistik, Politologie … Sie hat sich noch nicht endgültig entschieden.»

«Aber sie fährt mitten im Semester einfach los und sagt nicht einmal, wohin? Ob beispielsweise nach Heilbronn oder nach Stockholm? Wann ist sie denn weggefahren?»

Losinski tat, als überlege er. «Das mag etwa zwei Wochen her sein», sagte er. «Ich habe mir den Tag nicht aufgeschrieben.»

«Hatten Sie Streit miteinander?»

«Ich wüsste nicht, was Sie das angeht. Wir führen eine absolut offene Beziehung. Keiner mischt sich in die Angelegenheiten des anderen ein.» Losinski guckte unauffällig, wie er glaubte, auf die Uhr. «Waren das alle Fragen, die es zu klären galt?», erkundigte er sich spitz.

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23 декабря 2023
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231 стр. 2 иллюстрации
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9783955520243
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