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Jacqueline Esch
Djorgian
Das Westland
Roman
Kalidor-Verlag
Jacqueline Esch
Djorgian – Das Westland
ISBN ePub 978-3-937817-17-0
ISBN Mobi 978-3-937817-19-4
E-Book, überarbeitete Auflage, 2014
Copyright Kalidor-Verlag, C. Fanselow
12529 Schönefeld OT Großziethen
© Alle Rechte vorbehalten
www.kalidor-verlag.de
1. Kapitel
Tick … tack … tick … tack … tick …
Die langsamste Schnecke hätte diesen verdammten Sekundenzeiger überholen können. Bewegte er sich denn überhaupt nicht? Es wäre kein Wunder gewesen, wenn er ganz stehen geblieben wäre.
Am liebsten würde Judi aufstehen, zu der weiß gestrichenen Klassenzimmerwand hinübergehen und dieser blöden, babyblauen Uhr einen Schlag verpassen, der sie in ihre Einzelteile zerlegen würde. Sie hatte in der Mathestunde schneller zu laufen und damit basta!
»Nun, Judi? Weißt du die Antwort?«
Sie zuckte zusammen, als sie die Stimme des Lehrers hörte. Die letzte Viertelstunde hatte er ununterbrochen geredet und sie hatte immer gleich viel verstanden: nämlich gar nichts. Deswegen hatte sie auch gar nicht mehr hingehört. Ratlos rutschte sie auf ihrem Stuhl herum.
»M ist drei Viertel«, raunte ihr ihre Platznachbarin zu.
»Rabea! Du sollst doch nichts vorsagen! Also Judi, wußtest du nun die Antwort oder nicht?«
»Wenn ich ehrlich bin, nicht, Herr Lessmann. Ich verstehe das einfach nicht. Können sie das nicht einfacher …«
»Entweder paßt du auf oder du gehst raus. Ich mache das schon einfach genug. Also noch einmal …« Herr Lessmann fischte die Kreide vom Tisch und begann von neuem auf die schon vollgekritzelte Tafel zu schreiben. Judi verdrehte die Augen. Sie würde sich wohl noch einmal alles von ihrer Freundin erklären lassen müssen. Selbst die einfachste Rechnung konnte er so kompliziert machen, daß der beste Mathefreak damit seine Probleme hatte. Und dann kam auch noch sein unerträglicher Mundgeruch dazu, der selbst einen Toten zum Leben erwecken könnte, um ihn sofort wieder umzubringen. Schrecklich! Und er bemerkte nicht einmal, daß es über die Hälfte der Klasse nicht verstand. Alexander, ein paar Tische weiter, starrte mit leerem Blick auf die Tafel und dachte wahrscheinlich an alles andere, nur nicht an Mathe. Sandra radierte frustriert in ihrem Heft herum, weil ihre Rechnung schon wieder das falsche Ergebnis hatte usw. Nur der kleinste Teil ihrer sechsundzwanzigköpfigen Klasse schien zu verstehen, was Herr Lessmann da eigentlich an die Tafel kritzelte.
Ein neuer Blick auf die Uhr ließ sie fast verzweifeln. Der Sekundenzeiger hatte sich wirklich kaum von der Stelle bewegt. Wie sollte sie das nur aushalten?
Ein kleiner weißer Zettel landete plötzlich zielsicher auf ihrem aufgeschlagenen Heft. Verstohlen blickte sie zum Lehrer hinüber, der noch immer emsig dabei war, die Tafel zu beschreiben und ununterbrochen zu reden. Konnte er nicht einfach heiser werden? Mit roter Schrift stand groß auf dem Zettel: ›Hast du das verstanden?‹
Judi sah sich nach dem Werfer um und ihr Blick blieb auf Alessia hängen, die auf ihrem Stift herum kaute und sie dabei angrinste. Blöde Frage! Die Antwort lautete eindeutig ›nein‹, aber wenigstens würde sie das Schreiben ablenken und sie davor bewahren, auch noch einzuschlafen.
Das Zettelwerfen ging ein paar Minuten hin und her, dann hatte Herr Lessmann endlich seinen Redeschwall beendet und sich zu ihnen herumgedreht.
»Irgendwelche Fragen?«
Eigentlich müßten jetzt mindestens zwanzig Leute den Finger heben, aber natürlich tat das keiner. So gab er ihnen ein paar Aufgaben im Buch auf und widmete sich dann seinem eigenen Kram.
Rechnend überstand sie den Rest der Stunde ein wenig besser und atmete erleichtert auf, als das laute Klingeln der Glocke erscholl. Endlich! Die Schule überlebt und das Wochenende war an der Reihe.
Eilig stopfte sie die Hefte in die Tasche zurück, hangelte ihre Jacke vom Stuhl und verließ so schnell sie konnte das Klassenzimmer, ehe Herr Lessmann irgendwelche Hausaufgaben aufgeben konnte. Judi ging den langen Flur entlang, nach rechts und durch die Tür, wo ein paar Meter weiter schon die Busse warteten. Vor den schmalen Türen herrschte wie immer arges Gedrängel. Wenn sie sich nicht beeilte, würde sie keinen Sitzplatz mehr bekommen und so knuffte sie sich mit den Ellebogen ihren Weg in das Innere des Busses und erwischte gerade im letzten Augenblick einen Sitzplatz. Nur einige Sekunden später ließ sich Rabea mit einem erleichterten Seufzer neben sie in den Sitz fallen.
»Hast du heute Zeit?«, fragte sie.
Judi schüttelte den Kopf. War ja klar. Ausgerechnet heute mußte ihre Mutter weg und da war das Haus leer, weil ihr Vater erst spät abends von der Arbeit zurück kam. Und genau immer dann mußte sie zu Hause bleiben.
Ihre Freundin schwieg enttäuscht und so schweigend verlief auch der Rest der Fahrt. Als sie ihre Haltestelle erreicht hatten, brach sie das Schweigen und verabschiedete sich. Judi sprang zwischen den erst halb geöffneten Türen hindurch, kramte in derselben Bewegung ihren Fahrradschlüssel hervor und winkte Rabea zu. Der altersschwache Bus setzte sich knatternd wieder in Bewegung und fuhr weiter, gefolgt von einer bläulichen Abgaswolke, deren bloßer Anblick einen Asthmaanfall hervorrufen konnte.
Als sie gerade den Schlüssel in das Schloß ihres Fahrrades stecken wollte, bekam sie eine Gänsehaut. Sie runzelte die Stirn und streifte sich eilig ihre Jacke über. Die letzte Woche hatte Judi kein einziges Mal gefroren und gehofft, daß es vorbei war. Früher hatte sie oft grundlos plötzlich zu frieren begonnen, obwohl es sehr warm war. Ihre Mutter war daraufhin mit ihr zum Arzt gegangen, aber der hatte auch nicht weiter gewußt. Nur ein paar Medikamente hatte er aufgeschrieben und sonst nichts.
Bibbernd fuhr sie los. Zuhause würde sie sich erst einmal eine heiße Tasse Tee machen. Eigentlich sollte es sie nicht wundern, daß die Medikamente nicht geholfen hatten. Sie hatte den Beipackzettel, auf dem etwas von Erkältung stand, gelesen, aber sie war nicht erkältet. Judi bekam keinen Husten, keinen Schnupfen und auch kein Fieber. Nur das Frieren. Und das ging schon ein Jahr lang so. Kurz nach ihrem fünfzehnten Geburtstag hatte es angefangen und sie konnte nicht sagen, warum. Oder doch … sie konnte sich an irgend etwas erinnern, nur wußte sie nicht genau, woran. Es war, als hätte sie etwas Wichtiges vergessen, das noch nicht allzu lange her war.
Sie hatte ihre Hofeinfahrt erreicht und fuhr hinein, um ohne Überraschung festzustellen, daß das Auto ihrer Mutter nicht mehr da war. Hoffentlich hatte sie etwas zu Essen gemacht und nicht wieder einen Zettel geschrieben, auf dem stand, sie solle sich eine Tiefkühlpizza warm machen.
Judi schob das Fahrrad in den Ständer, schloß die Haustür auf und schleuderte ihre Schuhe in die Ecke. Ihr war noch immer kalt und so ließ sie die Jacke vorerst an. Den Rucksack stellte sie neben die Treppe und machte sich auf den Weg in die Küche. Auf dem weißen Tisch lag ein Zettel:
›Bin schon weg. Habe leider keine Zeit mehr gehabt, etwas Richtiges zu Essen zu machen. Im Backofen liegt eine Tiefkühlpizza. In fünf Minuten wird sie wohl fertig sein. Bin um 6.00 Uhr erst wieder zu Hause. Bis dann! Mutti‹
Judi zog eine Grimasse und blickte in den Ofen. Eine Pizza brutzelte darin. Toll! Sogar dieselbe Sorte seit drei Tagen. Wenn das so weiter ginge, würden ihr diese Dinger zu den Ohren herauskommen.
Sie schaltete den Ofen aus und lud sich das unerwünschte Ding auf ihren Teller. Vielleicht sollte sie ja mal ihre Klasse einladen, damit diese die Gefriertruhe leer essen konnte, die Tiefkühlpizzen eingeschlossen.
Judi würgte sie ohne großen Hunger hinunter und sah auf die Uhr. Gerade einmal Zwei. Gelangweilt fischte sie nach der Zeitung, die auf dem Platz ihres Vaters lag. Sofort auf der ersten Seite schrieen ihr rot gedruckte Buchstaben regelrecht entgegen: ›Hat er seine Frau hintergangen?‹
Sie überflog den Text gelangweilt. Immer derselbe uninteressante Quatsch. Sie faltete die Zeitung wieder zusammen und stand auf. Ihr Kälteanfall hatte mittlerweile aufgehört und so zog sie die Jacke aus, hob im Laufen ihren Rucksack vom Boden und polterte die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Dort blieb sie einen kurzen Augenblick unschlüssig stehen, dann steuerte sie ihren kleinen Schrank an und zog die zweite Schublade auf. Nachdem sie eine Weile zwischen Papier- und Fotobergen gewühlt hatte, fand sie schließlich, was sie suchte: ein kleines blaues Kästchen, das bequem in ihre Hand paßte. Sie klappte es auf und hob ein silbernes Amulett heraus. Auf der runden Scheibe waren drei halb dachen- und halb schlangenartige Wesen zu erkennen. Irgendwann nach ihrem fünfzehnten Geburtstag hatte sie es während der Klassenfahrt einmal gefunden und behalten. Aber woran erinnerte sie dieses Amulett?
Judi zuckte mit den Schultern und hängte es sich dann um, achtete aber darauf, daß man es nicht sah. Sie schob die Schublade wieder zu und entdeckte einen Brief auf ihrem Schreibtisch. Er war von Kathrin. Nachdem ihre Freundin die Schule gewechselt hatte, schrieben sie sich regelmäßig. Aber es hatte noch Zeit, den Brief zu lesen. Ihre Mutter hatte ihr gestern Abend noch gesagt, sie solle etwas von Frau Bensen abholen, da sie selber keine Zeit mehr gehabt habe.
Sie polterte die Treppe wieder hinunter, schlüpfte in ihre Jacke und zog ihre Schuhe wieder an, um sich sofort auf den Weg zu machen. Das Haus von Frau Bensen befand sich nur drei Häuser weiter und so lohnte es sich nicht, mit dem Fahrrad zu fahren. Es war ein Spaziergang von höchstens acht Minuten und Judi ärgerte sich jedes Mal von neuem darüber. Genausogut hätte ihre Mutter das Gewünschte auf dem Weg zur Arbeit eben abholen können, aber sie wollte, daß Judi sich mit der blöden Nachbarstochter anfreundete. Immer mußte sie sich Predigten anhören, wie schön diese Freundschaft doch wäre und was für ein reizendes Mädchen Ingrid doch sei.
Sie verdrehte die Augen, als sie die Hofeinfahrt erreicht und geklingelt hatte und feststellen mußte, daß niemand anderes als eben diese Ingrid die Tür öffnete.
»Hallo! Das ist aber schön. Wie geht es dir?«
Noch ein bißchen mehr und ihre Stimme würde vor lauter Schleim anfangen zu tropfen. Judi mußte sich beherrschen, genau das ihr nicht ins Gesicht zu sagen.
»Hallo. Ich soll etwas abholen.« Den unfreundlichen Ton mußte Ingrid einfach bemerken, aber sie ging leider nicht darauf ein.
»Ja, meine Mutter hat da so ein tolles Pflegeshampoo entdeckt und sollte deiner Mutter gleich eines mitbringen.«
Nur wegen dieses blöden Shampoos mußte sie sich hier herquälen? Außerdem hatte ihre Mutter doch schon Hunderte davon! Jetzt bloß nicht aufregen …
»Ist dir nicht gut? Ach, ich hole schnell das Zeug.«
Ingrid drehte sich um und verschwand im Innern des Hauses. Wie alt war sie eigentlich? Vierzehn? War ja auch egal.
Das Mädchen erschien wieder hinter der Tür, öffnete sie und machte ein schuldbewußtes Gesicht. »Oh, tut mir leid! Ich habe dich ja ausgesperrt … Hier!« Sie reichte ihr eine braune Papiertüte, machte aber keine Anstalten wieder ins Haus zu gehen.
Judi achtete nicht darauf, sondern drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort. Sie hatte einfach keinen Bock, jetzt mit dieser eingebildeten Ziege zu reden. Sie wartete, während sie die Straße wieder betrat, auf das Geräusch, mit dem sich die Tür schloß, aber es blieb aus. Sie unterdrückte den Impuls, sich herumzudrehen. Sollte Ingrid ihr doch nachstarren und sollte sie doch ruhig beleidigt sein und überhaupt! Es war ihr nur recht.
Als sie auf dem halben Weg einen Blick in die Tüte warf, sah sie aus den Augenwinkeln zwei Fußgänger. Eigentlich sollten sie Judi gar nicht beunruhigen, schließlich waren sie ganz normale Fußgänger. Aber sie taten es doch. Verwirrt und leicht verwundert blieb sie stehen und beobachtete die Leute genauer. Sie waren in blaue Jeans gekleidet, die beide gleich aussahen, und der Größere trug einen schwarzen und der Kleinere einen braunen Pulli. Was war daran so beunruhigend?
Sie waren mittlerweile etwas näher gekommen, so daß sie Judi vermutlich schon deutlich erkennen konnten. Judi hatte es plötzlich sehr eilig, schneller zu laufen und brauchte kaum zwei Minuten, um ihre Haustür zu erreichen, sie aufzuschließen und heftig wieder zuzuknallen. Was war bloß in sie gefahren? Anscheinend litt sie entweder immer noch unter dem Matheunterricht von Herrn Lessmann oder es lag an der Überdosis Tiefkühlpizzen mit Salami.
Judi atmete hörbar aus, stieß sich von der Tür ab und schleuderte ihre Schuhe abermals in die Ecke. Ihre Jacke warf sie in Richtung Jackenständer, traf aber nicht. Sie machte aber auch keine Anstalten, sie aufzuheben, denn genau in diesem Moment klingelte es an ihrer Haustür.
Judi blieb wie angewurzelt stehen. In der nächsten Sekunde schalt sie sich eine Närrin. Eine Klingel war schließlich dazu da, daß man klingelte! Und warum sollte das niemand tun? Vielleicht der Postbote, der sich verspätet hatte, oder Ingrid, um sich nochmals bei ihr wegen der Tür zu entschuldigen, oder …
Es klingelte ein zweites Mal. Sie gab sich einen Ruck und riß die Tür regelrecht auf, um zu erkennen, daß dort niemand anderes als die beiden Männer von vorhin standen. Sie sagte nichts, sondern starrte sie einfach nur an.
»Ähm … Frau Maria Lenz?«, fragte der Große.
Maria Lenz? Sah sie denn jetzt auch noch aus wie ihre Mutter? Waren die denn blind oder was?
»Ich meine … ist Frau Maria Lenz da?«
Judi schüttelte den Kopf.
»Können wir mit dir reden?«
Sie sagte gar nichts. War es nur so ein Gefühl, oder wollten die Leute da gar nicht mit ihrer Mutter reden, sondern sich eher vergewissern, daß sie gar nicht da war?
»Hattest du letztes Jahr eine Klassenfahrt mit Herrn Fischer? Im neunten Schuljahr?«
»Warum?« Was ging die das an?
»Hast du dort … etwas gefunden oder geschenkt bekommen?«
»Nein, wieso?« Die kleine Pause hatte sie nicht überhört.
»Nun ja. Wir glauben schon, daß du etwas bekommen oder zumindest gefunden hast. Es gehörte nämlich uns und ist von großem Wert, und wir hätten es gerne zurück. Es muß sich um ein Versehen handeln.«
Wollten die ihr Amulett? Hatten die denn noch alle Tassen im Schrank? Ein Versehen. Wer sollte das denn glauben? Und sie hatten natürlich ein ganzes Jahr nach dem vermutlichen Finder gesucht. Lächerlich!
»Ich weiß, das muß sich für Euch ziemlich dumm anhören, aber es ist so. Es hat sehr lange gedauert, bis wir eine Liste bekommen hatten mit den Personen, die an der Klassenfahrt teilgenommen haben. Und jetzt müssen wir jeden einzelnen fragen. Es wäre wirklich sehr schön, wenn Ihr uns weiterhelfen könntet«, meldete sich der Kleinere zu Wort.
Judi fiel auf, daß er trotzdem viel älter aussah und längere Haare hatte. Und er sprach sie mit Euch oder Ihr an. Man hatte sie schon einmal so angesprochen, das wußte sie plötzlich. Aber es schürte eher ihr Mißtrauen.
»Tut mir leid. Ich habe wirklich nichts gefunden oder bekommen. Worum handelt es sich denn? Vielleicht kann ich Ihnen ja doch ein wenig weiterhelfen?«
»Um ein Schmuckstück«, antwortete der Größere.
Judi runzelte die Stirn, tat so, als müsse sie einen Moment ernsthaft nachdenken, und verzog dann enttäuscht das Gesicht.
»Nein … nein ich wüßte nicht, daß jemand ein Schmückstück gefunden hat. Tut mir ehrlich leid.«
»Na, dann … Trotzdem vielen Dank für Eu … deine Hilfe. Auf Wiedersehen!«
Hatte der Ältere schon wieder Euch sagen wollen? Wo kamen diese schrägen Typen überhaupt her? Bestimmt nicht aus dieser Gegend. Da redete man sich nicht so an.
Judi schloß die Tür, ging die Treppe wieder hoch in ihr Zimmer und steuerte geradewegs ihr Bett an, um sich darauf fallenzulassen. Ein paar Minuten lag sie einfach nur nachdenklich da, dann sah sie zum Fenster hinüber (als wenn die beiden vor ihrem Fenster stehen könnten! Quatsch!) und zog anschließend das Amulett unter ihrem Pulli hervor. Sie betrachtete es, wie sie es schon so oft getan hatte, und wartete, bis die feinen Linien ein Bild ergaben. Die Redeweise der Männer erinnerte sie an irgend etwas, das mit dem Amulett zu tun hatte.
Sie stand wieder auf, ließ das Amulett verschwinden und öffnete den Brief von Kathrin. Er enthielt eigentlich das Übliche. Beschwerden über das schlechte Essen in der Schule, Streit in der Klasse und … Judi zog scharf die Luft ein und las noch einmal:
›Du, diese Woche, eher gesagt gestern, waren zwei komische Typen bei mir. Sie haben mich über die Klassenfahrt letztes Jahr ausgefragt und über ein angeblich verlorenes Schmuckstück. Hast du eine Ahnung, wovon die reden? Vielleicht wirst du sie ja auch bald mal sehen, denn sie wollen jeden besuchen, der damals dabei war. Muß ja was ungeheuer Wichtiges sein! …‹
Judi überflog den Rest nur noch. Also hatten sie doch die Wahrheit gesagt! Und wenn es sich um etwas ganz anderes als um das Amulett handelte? Warum machte sie sich überhaupt solche Sorgen? Die Männer hatten bei ihr nichts erreicht und würden sich den Nächsten vorknöpfen. Sie schaute aus dem Fenster und sah, wie sie um die Ecke bogen und hinter den Bäumen verschwanden. Gut! Sie waren weg. Ein erleichtertes Aufatmen konnte sie nicht unterdrücken, ebensowenig das heftige Zusammenzucken, als das Telefon klingelte. Irgendwann sterbe ich an einem Herzinfarkt, dachte sie, während sie die Treppe hinuntereilte, ins Eßzimmer ging und den Hörer abhob. »Hallo?«
»Ja, ist da Maria Lenz?«, ertönte eine tiefe Stimme.
Hielten sie denn heute alle für ihre Mutter? »Nein, nicht Maria, sondern die Tochter. Kann ich etwas ausrichten?«
Erst kam gar keine Antwort, dann erklang ein gleichmäßiges Tuten. Toll! Aufgelegt. Nein, heute war wirklich nicht ihr Tag.
Das Telefon klingelte abermals. Ein paar Sekunden betrachtete sie den Hörer einfach nur feindselig, dann hob sie ihn mit einem energischen Ruck ab und grummelte: »Nein, hier ist nicht Maria Lenz. Was wollen Sie?«
»Äh … Hallo Judi! Ich bin’s. Warst du schon bei Frau Bensen?«
»Ja, Mam, und bevor du fragst, ich habe die Pizza gegessen, aber es wäre wirklich nicht schlecht, wenn es morgen etwas anderes geben würde.«
»Mal sehen. Ach, ja. Deswegen wollte ich eigentlich anrufen. Es kann noch etwas länger dauern. Ich komme wahrscheinlich mit deinem Vater nach Hause. Also bis acht dann. Und paß mir auf das Haus auf!«
Ehe sie etwas erwidern konnte, legte ihre Mutter auf. Auch gut. Dann eben um Acht. Das Telefon klingelte abermals. Judi verdrehte die Augen.
»Was ist denn noch? Soll ich mir zum Abendessen eine Pizza warm machen?«
Stille. Dann: »Ich glaube, Ihr habt etwas, das uns gehört. Was würdet Ihr davon halten, wenn Ihr es uns aushändigen würdet?«
»Hä? Wer ist da überhaupt?«
»Wann kann es abgeholt werden?«
»Gar nicht! Ich weiß ja nicht mal, was gemeint ist. Wer ist da?«
Wieder wurde aufgelegt. Judi knallte den Hörer auf die Gabel. Entweder waren das die schrägen Vögel von eben, oder jemand wollte sich einen Scherz erlauben. Einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, den Stecker aus der Wand zu ziehen, um endlich ihre Ruhe zu haben, tat es dann aber doch nicht. Sie ging wieder in ihr Zimmer, um Kathrins Brief zu beantworten.
~ ~ ~
Nachdenklich betrachtete er den einfachen Kieselstein in seiner Hand. Nun, er sah nur so aus. In Wirklichkeit war es etwas, das er sich nicht einmal hätte träumen lassen. Das Ding erfüllte ihm seine Wünsche, wann immer er es wollte. Jedenfalls fast immer.
Hastig steckte er es wieder in seine Hosentasche, als er das Geräusch eines Pferdes hörte. Eine Kutsche näherte sich. Sollte er sie anhalten lassen? Er sah nicht gerade aus wie einer von den feinen Leuten, denen sie gehörte, aber es wäre keine schlechte Idee. Das Dorf, in das er wollte, befand sich noch ein gutes Stück vor ihm. Die Kutsche kam näher und preschte vorbei. Mist! Es funktionierte eben nicht immer. Vielleicht mußte er ja auch nur ein wenig üben. Dem schönen Gefährt nachblickend, schlenderte er den Weg entlang.
Die andere Frage war: warum wollte er eigentlich in dieses Dorf? Er hatte jetzt schon zwei Städte besucht. Nicht, daß er kein Zuhause hätte. Er hatte eines, und sogar ein sehr gemütliches. Und eine sehr gute Frau. Aber er mußte dort hin, koste es was es wolle. Irgend etwas erwartete ihn dort. Er zuckte mit den Schultern. Schlimm konnte es ja nicht sein, denn er hatte einen Glücksstein gefunden.
~ ~ ~
Träge hob sie die Hand, zielte genau … und ließ sie mit voller Wucht runtersausen. Der Wecker erstarb mit einem quäkenden Laut. Eigentlich sollte sie das ja nicht mehr tun. Ihre Mutter hatte nach dem zehnten Wecker gesagt, daß es keinen neuen mehr geben würde. Nun, sie ging ja schon sanfter mit ihm um. Seinen Vorgänger hatte sie gegen die Wand geklatscht. Stöhnend drehte Judi sich im Bett um. Nur noch fünf Minuten …
»Juuudi! Wir fahren weg!«, rief ihre Mutter von unten herauf.
»Was?«, rief sie zurück. Es war gerade einmal neun Uhr. Wo wollten sie denn so früh hin?
Ihre Zimmertür ging auf und ihr Vater kam herein. »Müssen noch einkaufen und in die Werkstatt, und dann sind wir zum Mittagessen eingeladen. Kommen erst um fünfe rum wieder.«
»Ist gut«, murmelte Judi.
»Schlaf nicht zu lange! Und geh ans Telefon! Der Anrufbeantworter ist kaputt. Sie sollen morgen wieder anrufen. Bis später dann!«
Ihr Vater verließ das Zimmer wieder und kurze Zeit später konnte sie hören, wie die Haustür geschlossen wurde und das Auto losfuhr. Ihr war es nur recht. Sie konnten ruhig noch länger wegbleiben. So würde sie sich einen schönen Tag machen ohne Hetze.
Obwohl sie immer noch nicht ganz wach war, schlug sie die Bettdecke beiseite, watschelte ins Bad und beförderte sich unter die Dusche. Nachdem sie ihre Lebensgeister wenigstens halbwegs geweckt hatte, zog sie sich an und ging hinunter in die Küche. Es roch nach Brötchen und frischem Tee. Herrlich!
Zwei Brötchen später angelte sie wie jeden Morgen nach der Zeitung, die auf dem Platz ihres Vaters lag und handelte sich dabei drei tiefe Kratzer an ihrer Hand ein. Erschrocken zog Judi sie zurück und warf ihrem Kater einen bösen Blick zu. Aber der kümmerte sich gar nicht darum und begann sogar noch zu schnurren.
»Ich wünsche dir auch einen guten Morgen, Blödmann!«
Merlin schnurrte noch lauter, so daß er sich mittlerweile wie ein kaputter Rasenmäher anhörte.
Judi ließ die Zeitung vorsichtshalber wo sie war. Seufzend stand sie auf, als das Telefon klingelte, ging ins Eßzimmer hinüber und hob ab.
»Hallo?«
»Frau Lenz?«
Kam ihr diese Stimme irgendwie bekannt vor? »Nein, die ist nicht da und Sie können auch erst Morgen wieder mit ihr reden. Kann ich etwas ausrichten?«
»Ich lasse ausrichten, daß wir endlich das haben wollen, was uns gehört! Wann wollt Ihr es uns endlich aushändigen? Es gehört Euch nicht. Ihr habt kein Recht, es zu behalten! Wann können wir es abholen?«
»Sag mal, spinnst du eigentlich? Wenn du einem einen Streich spielen willst, dann ruf bei einem anderen an! Bei mir verschwendest du deine Zeit.«
Judi knallte den Hörer auf die Gabel. Und sofort klingelte es wieder. Sie riß den Hörer wieder an ihr Ohr und brüllte: »Du kannst mich mal! Du sollst jemand anderem auf den Geist gehen!«
»Äh … Hatten wir Streit?«
»Oh! Rabea! Entschuldige bitte, aber irgend jemand macht sich einen Spaß daraus, mich zu nerven und da dachte ich, daß du …«
»Ist ja schon gut. Ich wollte ja auch nur fragen, ob du heute Zeit hast. Gestern waren ja deine Eltern weg.«
»Und heute sind sie es schon wieder«, unterbrach Judi ihre Freundin. »Tut mir leid, aber heute geht es schon wieder nicht.«
»Hmm, na ja. Vielleicht morgen oder so. Bis dann!«
»Ja, mach’s gut!«
Sie wartete, bis Rabea aufgelegt hatte, dann tat sie es ebenfalls. Merlin strich schnurrend um ihre Beine. Judi bückte sich, hob ihn auf den Arm und ging mit ihm zurück in die Küche. Dort setzte sie ihn wieder ab und gab ihm etwas zu fressen. Sie mußte sich wieder beruhigen. Nein, von so einem Vollidioten, der nichts anderes im Kopf hatte, als irgendwelchen Leuten auf den Zeiger zu gehen, würde sie sich nicht den Morgen verderben lassen.
~ ~ ~
Verwirrt ging er durch die Straßen. Ein paar Wächter kamen ihm entgegen. Auf ihren Gürteln prangte das Wappen von Nebeldorf: ein springendes Reh. Eigentlich sollte er sich einen Platz zum Übernachten suchen, denn es würde bald dunkel werden, aber statt dessen lief er hier durch die schmalen Straßen. Mittlerweile befand er sich in einer Gegend, die er besser meiden sollte. Aber er war hier. Und wieso?
Unschlüssig blieb er vor der roh gemauerten Wand stehen. Eine Sackgasse. Aber er war hier nicht falsch. Das bohrende Gefühl in seinem Innern schien im Gegenteil noch zuzunehmen. Er wandte sich nach rechts und erblickte eine niedrige Tür. Vorsichtig streckte er die Hand danach aus. Sie war offen und gab ein knarrendes Geräusch von sich, als er sie öffnete. Es roch muffig. Wohnte hier überhaupt jemand? Er blieb abermals stehen. Durch eine weitere Tür sickerte Kerzenschein. Gab es hier keine Fenster? Er ging weiter und schloß geblendet die Augen, als er durch die zweite Tür trat. Überall standen Kerzen und es roch nicht mehr muffig, sondern nach irgend etwas Scharfem, das in der Kehle brannte. Erst nach einigen Sekunden bemerkte er, daß noch jemand hier war.
»Wer ist da?«, fragte er leise.
»Ihr seid also gekommen. Habt Ihr auch das mitgebracht, was ich suche?«
»Ich … ich weiß nicht wovon ihr redet.« Seine Knie begannen zu zittern. Alles in ihm schrie danach, sich umzudrehen und aus diesem Raum zu stürmen, aber er tat es nicht. Was zum Henker machte er hier eigentlich?
Der Mann, der aus den Schatten trat, lachte leise. Er schien nicht älter als er selbst zu sein. Höchstens vierundzwanzig. Warum ließ er sich so von ihm einschüchtern?
»Nein? Ihr wißt ganz sicher, wovon ich rede. Gebt ihn mir!«
Seine Stimme hörte sich nach Drohung an und er mußte sich beherrschen, ihr nicht Folge zu leisten.
»Ich habe nichts.«
»Ihr seid ein Narr! Wir könnten zusammenarbeiten, aber anscheinend ist Euch der Stein schon zu Kopf gestiegen. Ich war es, der Euch gerufen hat, und ich bin der Grund, warum Ihr hier seid. Also erfüllt Eure Aufgabe und gebt ihn mir endlich, bevor ich ihn mir holen muß!«
Etwas Silbernes blitzte in der Hand des Fremden auf. Nein. Nein! Er würde ihm den Stein auf keinen Fall geben! Er gehörte ihm! Ihm hatte er sein Glück zu verdanken! Er drehte sich mit einem Ruck um und versuchte, die Tür zu erreichen. Das war das letzte, das er in seinem Leben tat. Er schaffte nicht einmal die Hälfte.
~ ~ ~
Judi klappte das Buch zu und stellte es ins Regal zurück. Sie sah auf die Uhr: Zwölf. Nach Lesen war ihr nicht mehr zumute, das hatte sie die letzten Stunden ununterbrochen getan. Gelangweilt sah sie aus dem Fenster … und schlagartig war ihre Langeweile vergessen. Zwei Männer kamen den Weg hinauf. Warum konnten sie sie denn nicht einfach den Samstag genießen lassen? Wütend stapfte sie die Treppe hinunter und nahm vor der Tür Aufstellung. Die konnten sich sowieso auf etwas gefaßt machen! Das mit dem Telefon hatte sie ganz bestimmt nicht vergessen.
Sie mußte sich noch ein wenig gedulden, bis sie endlich Stimmen hören konnte und kurz darauf das schrille Klingeln der Haustür. Judi wartete noch ein paar Sekunden, dann öffnete sie die Tür und hob die Hand bevor jemand anfangen konnte zu sprechen.
»Zum hundertsten Mal: ich habe nichts, was euch gehört. Um ganz ehrlich zu sein, ihr geht mir allmählich auf den Zeiger. Und mit euren Telefonstreichen könnt ihr mich auch nicht einschüchtern.«
Die beiden sahen sie einen Moment verdutzt an, dann ergriff der Große das Wort. »Wir haben nicht angerufen.«
Judi warf ihnen einen letzten ›du-mich-auch-Blick‹ zu und wollte die Tür schließen, aber der Mann stellte seinen Fuß dazwischen.
»Was soll das? Laßt mich endlich in Ruhe!«
»Wer hat angerufen? Hat derjenige einen Namen gesagt? Was wollte er?«
»Das müßtet ihr ja wohl am besten wissen.« Judi bekam nun doch ein wenig Angst. Der Typ sollte endlich seinen Fuß da wegnehmen!
»Ich versichere dir, wir haben nicht angerufen. Was hat er gesagt?«
»Ach, und woher wißt ihr dann, daß es ein er war?«
»Was hat er gesagt?«
»Dasselbe wie ihr auch. Aber ich habe wirklich nichts. Und wenn ihr gekommen seid, um, wie ihr sagt, es abzuholen, muß ich euch leider enttäuschen.«
»Hat er das am Telefon gesagt? Verdammt …«
»Wenn sie mich jetzt bitte freundlicherweise entschuldigen würden, und endlich ihren Fuß aus meiner Tür nähmen, wäre ich ihnen wirklich sehr verbunden.«
Der Mann tat das tatsächlich, und sie schlug in derselben Sekunde die Tür zu.
»Warte! Das hast du alles falsch verstanden. Wir haben wirklich nicht angerufen. Du bist in großer Gefahr! Ich weiß, wie sich das anhören mag, aber …«
»Es hört sich ziemlich bescheuert an und jetzt verschwindet endlich!«, unterbrach Judi ihn.
»Es stimmt! Er wird kommen und es sich holen, und das darf nicht geschehen! Jetzt mach die Tür auf! Wir wollen dich doch nur in Sicherheit bringen.«
»Und ich bin die Kaiserin von China!« Wütend eilte sie die Treppe hinauf und verkrümelte sich in ihrem Bett. Sollten sich diese Idioten doch schwarz reden!
Demonstrativ stellte sie ihre Anlage mit der Fernbedienung an und drehte sie auf volle Lautstärke. Sie wartete kurz, dann stellte sie sich ans Fenster. Unwillkürlich tastete ihre Hand über das Amulett, das immer noch unter ihrem Pulli verborgen war. Die Männer sah sie allerdings nicht. Sie atmete tief ein, stellte das Radio wieder aus und ging abermals zur Tür hinunter, ohne sie zu öffnen.
»Warum ich?«, fragte sie dann. Konnten die sich denn keinen anderen aussuchen, den sie nerven konnten? Wie wäre es mit Ingrid? Bei der hätte sie selbst wenigstens auch etwas davon.
»Weil … Du hast es, nicht wahr?«
»Nein. Und deshalb bin ich der Meinung, ihr könntet jemand anderen ärgern.«
»Aber wir machen keine Witze! Wenn er glaubt, du hast es, dann mußt du dich in Sicherheit bringen! Wir könnten dich verstecken. Sehr gut sogar.«
»Meine Mutter war nicht vergeßlich. Vielleicht hat eure Mutter es euch nicht beigebracht: ›Mein Kind, du darfst nie zu einem Fremden ins Auto steigen!‹ Ich jedenfalls glaube, daß das auch für das Angebot eines Fremden gilt, einen in Sicherheit zu bringen.«
Als sie dachte, sie würde darauf gar keine Antwort mehr bekommen, sagte der Kleinere (sie erkannte es an der Stimme) leise: »Und wenn du uns einfach vertraust?«
Das war doch lächerlich! Die beiden hätten Vertreter für Staubsauger oder ähnliches werden sollen, die waren genauso hartnäckig.
»Wir können es beweisen. Mach die Tür auf und du wirst sehen. Ehrenwort!«
Und darauf sollte sie hereinfallen? Und wenn doch … Ganz vorsichtig drückte sie die Klinke herunter, vergaß aber nicht den Fuß gegen die Tür zu drücken. Dann schob sie sie ein paar Millimeter auf um hindurchzuspähen. Das hätte sie nicht tun sollen. Die beiden da draußen hatten es trotz ihrer Vorsicht bemerkt und warfen sich fast gleichzeitig gegen die Tür, so daß diese mit voller Wucht gegen ihren Kopf prallte. Keuchend fiel sie nach hinten und landete unsanft auf dem Teppichboden. Der Große packte sie am Arm und zerrte sie hinaus. Aber anders als erwartet, steckten sie sie nicht in irgendein Auto mit schwarzgetönten Scheiben, hinter dessen Steuer ein Mann mit Zigarre im Mundwinkel saß, sondern rannten auf das kleine Gartenhaus zu, das ihrem Haus gegenüber stand.
Judi war immer noch zu benommen, um zu schreien oder sich auch nur zu wehren. Der Kleinere öffnete die Tür und schob den Rasenmäher und das andere Gerümpel beiseite, um Platz für sie zu schaffen. Dann schloß er die Tür wieder und nahm vor dem schmutzigen Fenster Aufstellung.
Behutsam setzte sie der Große auf dem klapprigen Gartenstuhl ab und sah sie an.
»Wie geht es dir?«
»Ihr seid ja nicht mehr ganz dicht! Was wollt ihr hier machen?«
»Warten.«
»Worauf denn? Daß meine Eltern nach Hause kommen und die Polizei rufen?«
»Nein. Wir warten auf den Beweis. Damit du endlich einsiehst, daß wir die Wahrheit sagen.«
Und das taten sie dann auch. Judi wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war bis der Kleinere sich hastig etwas weiter vom Fenster zurückzog und ihr mit Gesten bedeutete, aufzustehen. Nichts tat sie lieber als das, sie konnte nämlich nicht mehr sitzen. Neugierig trat sie an das schmutzige Fenster und spähte hinaus. Eine einzelne Person stand vor ihrer Haustür und klingelte. Er war in ein Holzfällerhemd und Jeans gekleidet und trug eine Cappie. Man konnte sein Gesicht nicht richtig erkennen. Er klingelte noch einmal und dann ein drittes Mal. Was sie dann sah, konnte sie kaum glauben. Der Mann sah sich um, und als noch immer niemand die Tür öffnete, ging er zum Fenster, das auf Kippe stand und verrenkte sich so lange den Arm, bis der Griff waagerecht lag und er es aufschieben konnte. Allerdings mit dem Ergebnis, daß sämtliche Blumentöpfe, die innen auf der Fensterbank standen, zu Bruch gingen.
»Glaubst du uns jetzt?«
»Ich … Und wenn ihr ihn beauftragt habt?«
Beide verdrehten gleichzeitig die Augen.
»Und wenn es stimmen würde, was sollte ich dann eurer Meinung nach tun?«
»Mit uns kommen. Wir können dich in Sicherheit bringen. Du mußt uns nur vertrauen.«
So ein Schwachsinn! Diese Männer waren doch wildfremd und sie verlangten von ihr, daß sie ihnen vertraute?
Es dauerte noch eine Weile, bis der Eindringling endlich aus ihrem Haus trat und den Weg wieder zurück eilte.
Judi atmete erleichtert auf. Nur ein Problem hatte sie … Wie sollte sie das ihrer Mutter bloß erklären? Nun, da war ja auch noch Merlin. Der dicke Kater hatte schon öfter Töpfe in Scherben verwandelt, wenn er auf die Fensterbank gesprungen war. Warum sollte er es jetzt nicht wieder gewesen sein? Er war nun einmal ein Trampel.
»Nein, Danke! Ich gehe jetzt wieder in mein Zimmer und wenn ihr ebenfalls gehen würdet, nur in die entgegengesetzte Richtung, also da die Straße hinunter, wäre ich wirklich sehr froh. Tschüß!«
Sie ging hinaus und stellte fest, daß der Schlüssel sich nicht in ihrer Hosentasche befand. Judi zuckte mit den Schultern und betrat, wie der Mann vor ihr, das Haus durch das immer noch offene Fenster. Der Boden bot keinen sehr erbaulichen Anblick. Er war mit zerbrochenen Blumentöpfen, Erde und teilweise abgeknickten Pflanzen übersäht. Na, Klasse! Und wer mußte das sauber machen?
Kopfschüttelnd schloß sie wieder das Fenster (diesmal richtig) und winkte den beiden Männern zu, sie sollten endlich verschwinden. Sie taten das dann Gott sei Dank auch. Ihr fiel ein Stein vom Herzen.
Nach ungefähr zwanzig Minuten hatte sie alles soweit wieder hergerichtet und ihr erster Weg ging zum Telefon. Eilig tippte sie Rabeas Nummer ein und wartete bis diese endlich abhob.
»Hallo?«
»Hi, ich bin’s. Du … Ich weiß das hört sich total verrückt an, aber zwei bekloppte Typen belagern mich und ein dritter hat sogar bei uns eingebrochen. Ich habe ganz schön Angst. Kann ich wohl vorbeikommen? Ich weiß nicht, ob diese Verrückten noch mal wiederkommen. Die labern ständig etwas von Gefahr und solchem Zeugs. Die einzige Gefahr, die ich sehe, geht von denen aus. Die sind reif für die Klapse!«
»Ah … ja. Klar, du kannst kommen. Und dann erzählst du mir noch mal alles haargenau, okay?«
»Ist gut. Bis dann!« Erleichtert legte sie den Hörer auf die Gabel zurück und steckte den Schlüssel ein. Einen Moment lang überlegte sie, mit dem Fahrrad zu fahren, entschied sich dann doch dagegen. Sie brauchte frische Luft, um nachzudenken, und das möglichst lange. Judi würde zu Fuß gehen, und so schloß sie das Haus sorgfältig ab und machte sich auf den Weg. Als sie eine Weile die Straße entlang gegangen war, kam ihr wieder jemand entgegen. Ihr Herz drohte stehenzubleiben, als sie erkennen mußte, daß es niemand anderes war als der Typ, der bei ihnen eingebrochen war. Verdammt! Was sollte sie jetzt machen?
Krampfhaft versuchte sie, normal weiterzugehen und nicht ständig den Näherkommenden zu beobachten. Als er nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt war, blieb er stehen und musterte sie. Sie hielt seinem Blick Gott sei Dank stand und brachte es sogar fertig, zu lächeln. »Kann ich Ihnen helfen?«
»Ja, ich suche eine gewisse Judi Lenz. Weißt du, wo sie wohnt?«
Warum wollte er wissen, wo sie wohnte? Das wußte er doch. Er war gerade eben erst bei ihr eingebrochen. Eine Fangfrage? Besser, sie ging davon aus, und so nannte sie ihm auch die richtige Adresse. Ihr Gegenüber schien zufrieden.
»Ach, weißt du zufällig, wo sie jetzt ist?«
»Warum wollen Sie das wissen?«
»Ich bin ein guter Bekannter von ihr und wollte eigentlich ihre Mutter besuchen, aber irgendwie finde ich das Haus nicht. Und da die Mutter vormittags arbeitet, wollte ich zu Judi.«
Das war die behämmertste Ausrede des Jahres! Gerne hätte sie ihm jetzt gesagt, was sie von seiner ›guten Bekanntschaft‹ hielt, aber das tat sie natürlich nicht.
»Ja, wenn das so ist … Sie ist in dem Haus da hinten, das mit den vielen Rosen davor. Da wohnt ihre Freundin Ingrid und da ist sie immer, wenn ihre Mutter arbeitet. Richten Sie ihr einen Gruß aus, ja?«
Der Mann nickte und ging rasch weiter. Bis er merken würde, daß sie ihn ordentlich belogen hatte, würde sie sicherlich schon längst bei ihrer Freundin sitzen. Und damit auch in Sicherheit. Doch das war ihr heute wohl nicht gegönnt. Nach fünf Minuten drehte sie sich noch einmal um und sah einen kleinen hüpfenden Punkt, den sie erst für einen streunenden Hund hielt. Trotzdem beschleunigte sie ihren Schritt noch ein wenig und nach weiteren fünf Minuten erkannte sie, daß es der Mann war, und er ging ganz und gar nicht langsam. Verdammt!
Judi rannte los, erst langsam, dann immer schneller werdend, und als sie die Kreuzung fast erreicht hatte, raste ein dunkelblaues Auto heran und bremste mit quietschenden Reifen neben ihr. Die Insassen waren ihr (leider) bekannt: die beiden verrückten Männer.
»Komm! Schnell, steig ein!«
»Ich denk ja nicht dran.«
»Ich verstehe das einfach nicht. Jetzt verfolgt er dich schon, und du glaubst uns immer noch nicht!«
Ängstlich sah sie über die Schulter zurück. Wenn sie jetzt los rannte, konnte sie es noch schaffen, bis zu Rabea zu kommen.
»Jetzt komm schon! Ich schwöre bei meiner Seele, wir wollen dir nichts Böses, nur dich in Sicherheit bringen.« Der Größere ging ihr allmählich auf die Nerven.
»Nein! Und jetzt laßt mich in Ruhe!«
»Und wenn ich dir sage, daß wir dich nach Djorgian bringen?«, murmelte der Kleinere, als sie sich umwenden wollte.
Judi stockte. Einen Moment lang stand sie wie gelähmt da, dann schien das Amulett auf ihrer Haut plötzlich zu brennen. Trotzdem konnte sie sich immer noch nicht rühren. Bilder, unglaublich viele Bilder rasten durch ihren Kopf. Aber sie waren alle nur kurz sichtbar, so daß sie sie nicht erkennen konnte. Aber ein seltsames Gefühl breitete sich in ihr aus. Und plötzlich vertraute sie den beiden Männern im Wagen. Sie zögerte noch einen Moment, sichtlich verwirrt, und streckte dann langsam die Hand nach der Autotür aus, um sie zu öffnen und sich, immer noch zögernd, auf die Rückbank zu setzen. Was zum Teufel tat sie denn da schon wieder? Was hatte sie dazu gebracht, in diesen blöden Wagen zu steigen? Doch wohl nicht dieses einfache Wort? Was war daran so besonders? Im letzten Moment unterdrückte sie den Impuls, nach dem Amulett zu greifen, das mittlerweile wieder ein ganz normales Amulett war. Aber hatte sie es denn nicht schon einmal gehört?
Die Fremden fuhren schnell los, aber Judi konnte sich nicht auf den Weg konzentrieren, den sie fuhren. Was waren das für Bilder gewesen? Von vielleicht Tausend, die durch ihren Kopf geschossen waren, waren zwei geblieben. Und diese begannen auch schon wieder zu verblassen. Da war ein Haus. Ein seltsames Gebäude aus Holz mit … Schlangen? Oder waren es Drachen? Nein … Hunde? Sie hatte es wieder vergessen. Aber hatte sie es jemals wirklich gewußt? Nein, das war zu kompliziert.
»Wohin fahren wir?«
»In Sicherheit. Dorthin, wohin er uns nicht folgen kann. Jedenfalls nicht so schnell und nicht problemlos.«
»Und das heißt im Klartext?«
»Zur weißen Stadt. Nach Djorgian.«
Schon wieder dieses Wort. Also eine Stadt. Aber nie davon gehört. Oder doch?
»Übrigens, ich bin Felonn«, sagte der kleinere ältere.
»Und ich bin Mendras.«
»Aha«, meinte sie nur. Ungewöhnliche Namen. »Und wie ich heiße, wißt ihr ja schon.«
»Ja, aber du wahrscheinlich nicht«, sagte Felonn.
»Was soll denn das jetzt wieder heißen? Traut ihr mir nicht zu, daß ich meinen Namen behalten kann?«
»Judi, ja so heißt du hier. Aber dort heißt du Norenie.«
Dieser Name … Auch ihn hatte sie schon einmal gehört. »Könntet ihr mir denn jetzt bitte genau sagen, wo wir hinfahren?«
Mendras seufzte. »Wir fahren in einen Wald.«
»In welchen?«
»In einen Wald eben. Einen, der weit genug entfernt und groß genug ist. Und alt.«
Und was hatte das bitteschön mit einer weißen Stadt zu tun? Sie gab es auf.
»In Djorgian wird dir alles wieder einfallen.«
»Ich dachte, wir fahren in einen Wald?«
Beide Männer seufzten, als würden sie verzweifeln. Dabei war sie doch diejenige, die das tat! Sollten sie doch endlich Klartext reden, damit sie endlich verstehen konnte, was die überhaupt meinten! Ärgerlich verschränkte sie die Arme vor der Brust und tat beleidigt. Dann würden sie sie wenigstens die nächste Zeit nicht mehr ansprechen.
Judi schätzte, daß ungefähr eine halbe Stunde verging, bis Felonn und Mendras anhielten. Schnell stiegen sie aus, bedeuteten Judi, es ebenfalls zu tun und schlossen den Wagen ab. Vor ihnen befand sich tatsächlich ein Wald, auf den sie hastig zusteuerten. Sie hatte keine Ahnung, was die beiden da wollten, aber sie hatte auch keine Angst, obwohl das hier eigentlich angebracht war.
Nachdem sie ein paar Meter in den nicht allzu dichten Wald eingedrungen waren, gingen sie etwas langsamer und schließlich gemächlich. Die Männer unterhielten sich leise, während Judi sich neugierig umsah. Etwas Außergewöhnliches konnte sie allerdings nicht entdecken, ein ganz normaler Wald eben. Nur das Amulett schien für einen Moment aus Feuer zu bestehen, so daß sie einfach nicht anders konnte, als erschrocken aufzuschreien und unter den Pulli zu greifen, um das heiße Ding herauszuholen. Ärgerlich wedelte sie mit den Händen, die sie sich fast verbrannt hatte, und fluchte laut.
Felonn und Mendras drehten sich erschrocken zu ihr um, was sie noch ärgerlicher machte. Toll! Jetzt wußten die beiden, daß sie das, was sie suchten, doch hatte. Dem Großen rutschte die rechte Augenbraue ein Stückchen nach oben und Felonn lächelte. Demonstrativ ergriff sie das nun mittlerweile wieder kalt gewordene Amulett und steckte es wieder unter den Pulli.
»Wir sind da.«
Judi sah sich fragend um, aber sie befanden sich immer noch in demselben Wald. War das hier versteckte Kamera oder so was? »Ach, ja?«
Felonn deutete auf ihre Brust, da, wo sich ungefähr das Amulett befinden mußte. Wirklich sehr aufschlußreich. »Es hat uns hinübergebracht. Ohne das wäre es nicht so leicht gelungen, aber wir wußten von Anfang an, daß du es hast.«
Sie verstand immer noch Spanisch, also zog sie es vor, zu schweigen. Wenn die Beiden Spaß daran hatten, nur in Rätseln zu reden, bitte. Sie fand das wirklich sehr komisch.
»Laßt uns weitergehen, ich weiß im Moment nicht, wie weit wir von der weißen Stadt entfernt sind.«
»Ich dachte, wir sind da?«
»Noch nicht ganz. Komm, man erwartet uns sicherlich schon. Niam hat ausdrücklich gesagt, wir sollen uns beeilen.«
Niam? Wieder rauschten Bilder mit der Wucht eines Niagarafalls durch ihren Kopf, so daß sie gequält aufstöhnte und sich an die Stirn faßte.
»Das vergeht wieder, glaub mir. Es sind deine Erinnerungen, die du, wie soll ich sagen … verdrängt hast. Das geschieht automatisch, wenn man wieder in die andere Welt geht. Das ist so eine Art Schutz für die anderen. Ihre Existenz bleibt verborgen, wenn man sich nicht mehr an sie erinnert, aber wenn man wieder hier ist, kommen alle Erinnerungen zurück, früher oder später.«
Was redete der da eigentlich? Erinnerungen? Hier? Dort? Was sollte das alles? Andererseits …
»Niam … er muß jetzt ungefähr neunzehn sein, oder?«
Mendras mußte lachen. »Wenn du ihm das sagst, wenn du ihn siehst, machst du ihm ein unendlich großes Kompliment. Nein, auch die Zeit vergeht hier anders als in der anderen Welt.«
Na ja. Sie würde abwarten. Und ihre Eltern sagten immer, sie hätte zu viel Fantasie. Ha, ha.
~ ~ ~
2. Kapitel
Seine Hand schloß sich fest um das kleine Bündel, das um seinen Hals hing. Es so leicht zu bekommen, hatte er sich nicht vorgestellt. Tallorin wußte selbst nicht, wie er das gemacht hatte. Es war fast, als hätte irgend etwas die Kontrolle über ihn übernommen, und er war nur Zuschauer in seinem eigenen Körper gewesen. Alles, was er gesagt hatte, hatte ihn selbst überrascht. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Langsam ging er die dunkle Straße entlang. Der Wind wirbelte Blätter vor ihm auf, und er zog den Umhang etwas enger um sich. An der Weggabelung blieb er kurz stehen und überlegte. Wo war die Herberge? Schulternzuckend wandte Tallorin sich nach rechts. Wenn er hier kein Glück haben sollte, konnte er auch noch woanders suchen. Jedenfalls brauchte er Nahrung. Wenn er erst einmal genügend zu Essen bekommen würde, könnte es vielleicht diesmal funktionieren. Er hatte immer noch nicht richtig herausbekommen, wie man die Kräfte seines kleinen Schatzes entfesseln konnte. Man mußte sich halt in Geduld üben. Lächelnd blickte er in den sternenklaren Himmel. Wie lange noch?
Tallorin blieb stehen, als er leises Trommeln hörte, und folgte dem Geräusch. Kurz darauf hatte er die Herberge erreicht und öffnete die alte Tür. Eine kleine Musikgruppe saß in der Ecke und spielte. Das Gasthaus war nicht schlecht besucht. Leise schloß er die Tür wieder und machte sich auf den Weg zu den Zimmern.
Er ging den Gang bis fast ganz nach hinten durch, um nicht überrascht zu werden, und klopfte. Schnell nahm er seinen Beutel um den Hals ab, legte ihn vor die Tür und duckte sich in den Schatten des Ganges, um zu warten. Ein paar Sekunden später öffnete ein junger Mann, sah sich fragend um, und als er das kleine Bündel am Boden sah, bückte er sich rasch danach und verschwand wieder.
Tallorin trat aus dem Schatten und lauschte. Nichts war zu hören. Er streckte die Hand nach der Klinke aus und runzelte die Stirn. Verdammt! Verschlossen. Das war ihm bis jetzt noch nicht passiert. Ärgerlich rüttelte er ein paar Mal und fuhr erschrocken zurück, als die Tür geöffnet wurde.
»Was wollt Ihr?«
»Ich … Ich habe etwas verloren. Es war in ein Tuch eingewickelt.«
»Ich weiß von nichts.« Mit diesen Worten knallte er ihm die Tür vor der Nase zu. Das Geräusch des Schlüssels blieb aus.
Er lächelte leicht, als er ein schwaches Poltern hörte, und betrat das Zimmer. Es bestand nur aus zwei Räumen. Im Schlafzimmer entdeckte er den Mann. Er lag am Boden und ein paar Zentimeter von ihm entfernt lag der Stein. Vorsichtig drehte Tallorin ihn herum. Nein, er war nicht tot. Ebensowenig wie die anderen vor ihm. Er wußte nicht, was mit ihnen geschah. Sie rührten sich einfach nicht mehr, als würden sie schlafen. Nur daß sie nicht mehr erwachten, und jedesmal schien von dem Stein eine größere Kraft auszugehen.
Schnell wickelte er ihn wieder ein und verließ zufrieden das Gasthaus.
~ ~ ~
Sie gingen immer noch durch den Wald, dessen goldgelbe Blätter zum größten Teil schon auf dem Boden lagen. Judi war noch nie aufgefallen, daß er so groß war. Aber wenn es nach Mendras und Felonn ging, konnten sie noch mehrere Wochen hier herumlaufen. Nach der angeblichen Stadt konnten sie lange suchen, es gab nämlich keine.
Die Beiden blieben stehen, schienen zu lauschen, und dann konnte auch sie das leise Geräusch von rasch näher kommenden Pferdehufen hören. Neugierig sah Judi zu dem kleinen Punkt, der vor ihnen zwischen den Bäumen auftauchte. Er entpuppte sich als ein Mädchen, vielleicht ein oder zwei Jahre älter als sie selbst. Sie hielt dicht vor den Dreien an und lächelte Judi zu.
»Da seid ihr ja endlich! Ihr habt gesagt, es würde nicht sehr lange dauern und jetzt sind schon fast drei Monate vergangen.«
Die Unbekannte trug eine enge Hose aus angerauhtem Leder, deren Enden in weichen Stiefeln aus demselben Material steckten. Ihr Oberteil war ein viel zu großes, aus grober Wolle gearbeitetes Hemd. Zum Schutz vor der Kälte hatte sie sich einen langen Umhang übergeworfen.
»Ich habe dir doch schon mehrmals erklärt, daß bei euch die Zeit anders vergeht. Dort ist wirklich nicht sehr viel Zeit vergangen. Woher wußtet ihr, daß wir da sind?«, fragte Mendras.
»Das habe ich dir wiederum schon mehr als einmal erklärt. Niam hat es gesehen. Das war nicht schwer, zumal sie es bei sich hat.« Wieder schenkte sie Judi ein Lächeln. »Ich muß jetzt wieder umkehren. Beeilt euch ein wenig, weit ist es ja nicht mehr. Oder soll ich Pferde bringen lassen?«
»Nein, ich danke dir. Wir gehen zu Fuß weiter.«
Das Mädchen wendete ihr Pferd und preschte davon. Ihre langen, rabenschwarzen Haare flatterten wild im Wind.
»Wer war das?«
Felonn drehte sich zu ihr um und antwortete: »Meerenja. Sie ist nur ein Jahr älter als du.«
Also Siebzehn. Aber warum hatte sie so merkwürdige Klamotten an? Während sie noch grübelte, gingen sie weiter. Judi bemerkte gar nicht, daß sie mittlerweile auf einem Weg gingen und auch nicht, daß der Waldbestand ein wenig abnahm. Erst als sie mehrmaliges Lachen hörte, schrak sie aus ihren Gedanken auf und erblickte eine Gruppe von Kindern, die ihnen entgegenkamen. Sie hatten Körbe bei sich und lasen Bucheckern vom Boden auf.
»Nicht über das Aussehen wundern. Hier sind alle so gekleidet. Aber daran wirst du dich sicherlich auch noch erinnern«, meinte Mendras, und grüßte freundlich die Kleinen.
Ja, sie wußte zwar, daß das hier normal war, aber mehr auch nicht.
Die Anzahl der Menschen, die ihnen entgegenkamen, nahm mehr und mehr zu, ebenso wie die Wege, und dann konnte sie die ersten vereinzelten Häuser erkennen. Sie waren klein und fast ausschließlich aus Lehm gebaut, machten aber alle einen gemütlichen Eindruck. Aber auch Wachposten befanden sich unter ihnen, die nicht zu übersehen waren. Hohe Türme, auf denen man Bogenschützen sehen konnte. Der Wald war nun wirklich kaum noch vorhanden, nur noch vereinzelte Baumgruppen, die auf schon abgeernteten Feldern oder neben den aufgeweichten Wegen standen. Aber Judi war ganz damit beschäftigt, ihre Erinnerungen zu sortieren, als sie die Stadt sah. Das letzte Mal als sie Djorgian betreten hatte, war es eine menschenleere Ruinenstadt gewesen. Aber jetzt? Die neu errichteten Mauern leuchteten in der Herbstsonne und statt einem befanden sich gleich drei riesige Tore nebeneinander, durch die Menschen ein- und ausgingen. Die roten Dächer der Häuser überragten die Mauern ein wenig. Mendras und Felonn gingen ein wenig schneller.
Wieviel Zeit war vergangen? So etwas ließ sich doch sicherlich nicht in einem einzigen Jahr aufbauen!
Sie durchschritten eines der Tore und die matschigen Wege machten mit Kopfstein gepflasterten Straßen Platz. Ein weißes Haus reihte sich an das andere, aber sie konnte auch Ruinen erkennen, die noch nicht wieder errichtet oder erneuert worden waren. Manchmal konnte man auch kleine Gärten sehen, in denen allerhand Kräuter wuchsen.
Sie folgte den Männern bis zu dem runden Platz, auf dem ein neuer, großer Brunnen stand. Ein paar kleine Kinder turnten an dessen Rand und warfen Steinchen in das Wasser. Ein großer Hund lief bellend und schwanzwedelnd zwischen ihnen her. Rechts mußte sich der Tempel befinden. Sie wußte wieder, daß die drei Drachen auf ihrem Amulett die drei Heiligen Drachen dieser Welt waren, und diese Stadt einst das Zentrum dieses Glaubens gewesen war. Bevor Dohn kam. Ja, sie konnte sich plötzlich wieder an jede Kleinigkeit erinnern. An den Stein der Seelen, an Burbix, Diamara usw.
»Wohin gehen wir?«, fragte sie dann.
»Zu Niam. Er erwartet uns schon.«
Judis Herz klopfte freudig. Erst jetzt merkte sie, wie sehr sie das alles hier vermißt hatte. Sie bogen noch ein paar Mal nach rechts oder links ab, dann blieben sie vor einem mittelgroßen Haus stehen, dessen Wände reich verziert waren. Daneben stand eine große steinerne Wand, in die drei Figuren eingearbeitet waren. Verblüfft blieb sie stehen, als diese sich als zwei Menschen und einen Zwerg entpuppten.
Mendras lächelte. »Ja, die in der Mitte bist du. Das ist das Denkmal zum Dank, daß ihr die Stadt gerettet habt. Rechts siehst du Niam und links Burbix. Es wurde gleich zu Beginn der Erneuerung der Stadt errichtet.«
Ein Denkmal? Von ihr selbst? Judi mußte sich bemühen, nicht glatt eingebildet zu werden. Sie grinste und folgte den beiden dann ins Haus. Der Holzboden knarrte laut. Gleich neben der Tür befand sich eine Treppe, die nach oben führte. Aber sie gingen nicht hinauf, sondern weiter geradeaus in eine kleine Küche mit einer offenen Kochstelle. Über dem Feuer hing ein Topf und es roch würzig. In der Ecke auf einem der Stühle, die um einen wuchtigen Tisch standen, saß ein alter Mann. Fassungslos blieb sie stehen und starrte ihn an. Es war der Mann aus ihrem Traum, den sie vor einem Jahr während der Klassenfahrt mehrmals geträumt hatte. Aber was hatte das zu bedeuten?
»Hallo, Judi! Bitte setz dich doch.«
Beunruhigt tat sie, was er gesagt hatte, konnte die Augen aber nicht von ihm nehmen.
»Erkennst du mich nicht?«, fragte er und lächelte.
Judi schüttelte den Kopf und nickte dann. »Sind Sie … der aus meinem Traum?«
»Das auch, aber darüber reden wir später. Weißt du nicht wer ich bin?« Der Alte strich sich durch seine langen weißen Haare.
»Nein.«
»Na, das nehme ich dir auch nicht übel. Wenn ich dich so ansehe … du hast dich in all den Jahren kein bißchen verändert. Damals war ich achtzehn, hatte braune Haare …« Er machte eine wedelnde Handbewegung, wobei sie ein schlangenartiges Ding auf seiner Handfläche erkennen konnte.
»Niam? Nee.«
»Doch. Ich weiß, ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber …«
»Das haut doch hinten und vorne nicht hin. Den Traum hatte ich vor einem Jahr, und da war er noch jung. Wie kann es sein, daß, nehmen wir mal an, er ist jetzt alt, er jetzt erst alt ist, ich den Traum aber da schon hatte, er also schon vor Jahren alt sein mußte und …«
»Das zu erklären ist fast unmöglich. Die Zeit verläuft hier anders. Ich wollte dich damals und gleichzeitig hier in der Gegenwart um Hilfe bitten. Aber jetzt, also jetzt wo ich alt bin, hat irgend etwas nicht funktioniert und … Ach, es ist so schwer … Ich habe dich jetzt vor ein paar Tagen um Hilfe bitten wollen, doch durch die Zeitverschiebung ist meine Bitte, also dein Traum, zu früh bei dir angekommen, also zu der Zeit, als ich noch jung war.« Er seufzte und strich sich über seinen Bart.
Judi konnte es immer noch nicht glauben. Der Tattergreis da vor ihr sollte Niam sein?
»Na, ja. Ach, bitte laß das alberne ›Sie‹. Sag ›du‹, wie früher auch. Kann ich das Amulett bitte einmal kurz haben?«
»Welches Amulett?«
»Das ich dir damals in den Ruinen geschenkt habe«, antwortete er geduldig. War er doch Niam? Zögernd griff sie unter ihren Pulli und reichte ihm das Gewünschte. Er legte es vor sich auf den Tisch.
»Warum haben Sie … hast du mich wieder hier hergeholt?«
»Nun, ja. Es gibt ein kleines Problem mit dem Stein.«
»Ich dachte, er liegt im See und damit hätte sich die Sache erledigt.«
»Das dachten wir alle. Aber der Stein … Es hat eine Überschwemmung gegeben und da ist er irgendwie aus dem See gelangt. Jemand hat ihn gefunden und seine Kräfte entdeckt.«
»Heißt das wieder so ein Verrückter?«
»Nicht ganz. Er kann seine Kräfte nicht nutzen, da er keine Ahnung hat. Aber der Stein benutzt ihn.«
»Hä?«
»Tja, er braucht Nahrung. Deshalb benutzt er seinen Träger als eine Art Transporter. Mit ihm kann er in verschiedene Gegenden kommen und dort die Seelen der Menschen nehmen. Aber anders als bei Dohn werden sie nicht zu willenlosen Kriegern, sondern fallen einfach um und scheinen zu schlafen. Nur wachen sie nicht mehr auf. Und dann verschwinden sie. Einfach so. Man glaubt, es sei eine Krankheit und daß man sie vertuschen will, aber …«
»Das heißt, der Stein hat einen eigenen Willen?«
»So in der Art, ja. Und das ist nicht das Problem allein. In Sonnenfeld hat es angefangen, dann ist es in Somonda passiert. Es breitet sich immer weiter nach Westen aus und die Westländer meinen, wie schon gesagt, es sei eine Krankheit und wir seien daran schuld. Nachrichten, von denen ich nicht weiß, ob sie stimmen, behaupten, sie würden sich sammeln, um uns niederzumachen, bevor die vermeintliche Krankheit sich bis zu ihnen vorarbeiten kann. Jetzt haben wir also gleich zwei Probleme und ich dachte, da du uns schon einmal geholfen hast, würdest du uns vielleicht auch ein zweites Mal helfen. Und dazu brauchen wir das Amulett. Es ist eines der letzten.«
Judi überlegte. Aber warum nicht? So konnte sie wieder mal ein kleines Abenteuer erleben, während in ihrer Welt nur wenige Minuten vergingen. Sie nickte.
»Gut. Nur diesmal kann ich leider nicht mitkommen. Du weißt ja … Das Alter …«
»Was ist eigentlich aus Burbix geworden?«
»Tja, er ist bei einem Überfall umgekommen, als er mich besuchen wollte. Das waren irgendwelche abscheulichen Wegelagerer. Aber schon vor einigen Jahren.«
»Oh! Tut mir leid.« Das hatte der kleine Sprücheklopfer nicht verdient.
»Hast du Hunger? Ich glaube das Essen ist fertig.«
Sie seufzte. »Nun ja, solange es keine Tiefkühlpizza ist …«
~ ~ ~
Von dem Stein schien eine Unruhe auszugehen, die er bis jetzt noch nicht erlebt hatte. Erst dachte Tallorin, er hätte vielleicht wieder Hunger, aber dem war nicht so. Gleichzeitig schien sich diese Unruhe auch auf ihn zu übertragen. Er mußte schnell weiter. Irgend etwas war geschehen, das seinen kleinen Stein sehr beunruhigt hatte. Vielleicht würde er ihm jetzt seine Kräfte offenbaren? Zeit wäre es ja eigentlich schon. Seufzend schwang er sich in den Sattel und ritt weiter.
~ ~ ~
Nach dem Essen bot sich Meerenja - Judi hatte erfahren, daß sie die Tochter von Niams Sohn war, der allerdings an sehr hohem Fieber erkrankt war, und dies nicht überlebt hatte - an, ihr die neue Stadt zu zeigen. Da konnte sie nicht nein sagen.
Fast alles war wieder aufgebaut und noch schöner errichtet worden. Den Schutz der Stadt hatte man verdoppelt. Die Mauern waren verstärkt, ebenso die Wachtürme. Aber das, was sie am meisten beeindruckte, war der Tempel. Judi konnte sich noch gut an die rußgeschwärzten Wände erinnern und an die halb zerstörte steinerne Karte, die sich im Innern befunden hatte. Jetzt erkannte sie dieses Gebäude kaum wieder. Säulen aus hellem Marmor stützten die drei heiligen Drachen, die ebenfalls aus diesem Stein gearbeitet waren. Die Karte war wieder vollständig vorhanden und der Altar über und über mit Herbstblumen und sonstigen Gaben bedeckt. An den Wänden hingen Teppiche, auf denen die Rettung der Stadt und die Vernichtung von Dohns Herrschaft zu sehen war. Auch sie selbst war ebenfalls wieder abgebildet, was Judi abermals zu einem Grinsen veranlaßte. Aus Holz geschnitzte Figuren, ebenfalls wieder die heiligen Drachen, standen zwischen den Kissen, die sorgfältig am Boden aneinander gereiht lagen.
Es gab auch hier ein Heilerhaus, allerdings war Diamara auch nicht mehr am Leben. Dann war da noch so eine Art Schule, wo die Nachfolger der Magier ausgebildet wurden. Niam war einer der Lehrer, und so hatte sie den Rest des Tages nicht mehr die Gelegenheit, mit ihm zu reden. Nach der kleinen Führung hatten sie ihr Lager für die Nacht hergerichtet. Judi mußte mit Niams Enkeltochter in einem Zimmer schlafen, was ihr allerdings nichts ausmachte. Sie mochte Meerenja.
Jetzt saßen sie nebeneinander auf der mit Stroh gefüllten Matratze am Boden des kleinen Zimmers und unterhielten sich.
»Wozu braucht ihr eigentlich das Amulett?«
»Genaues hat mir Niam auch nicht erzählt. Er will die Amulette einschmelzen, wodurch deren Magie aber nicht beeinflußt wird. Da sie noch mit der alten, etwas stärkeren Magie erfüllt sind, haben sie große Kraft. Jedenfalls wollen sie den Stein dann in dem Geschmolzenen verschließen. Durch den großen Zauber, den alle Amulette zusammen ergeben, kann man es weder öffnen, noch die Kräfte des Steines wiedererwecken.«
»Ja, ja. Und dann kommt plötzlich doch einer mit noch größeren Kräften, und dann geht alles wieder von vorn los.«
Meerenja schüttelte den Kopf. »Nein. Dadurch, daß er vollständig von dem heiligen Metall umschlossen ist, verliert er mit der Zeit auch seine eigenen Kräfte und stirbt sozusagen.«
»Und wie lange wird das dann dauern?«
»Nicht lange. Nur ein paar Jahre. Drei oder so, aber nicht mehr.«
»Eine Frage noch«, sagte sie, während Meerenja aufstand und sich auf ihr eigenes Bett setzte.
»Hm?«
»Wie sind diese beiden Fritzen eigentlich da hingekommen, wo ich wohne?«
»Sie kommen von deiner Welt. Aber es gefällt ihnen hier besser und deswegen haben sie sich entschlossen, hier zu leben. Wären sie aber zu lange dort geblieben, hätten auch sie vergessen, daß es uns gibt.«
»Könnt ihr nicht zu uns kommen?«
»Nein, nicht die Bewohner unserer Welt.«
»Und wie viele wissen, daß es euch gibt?«
»Nicht viele. Von euren Menschen vielleicht fünf oder sechs Leute. Du eingeschlossen. Und alle davon haben sich, abgesehen von Dir, dazu entschieden, bei uns zu leben.«
»Und wie kommen die von da, wo wir leben, dahin, wo ihr lebt?«
»Ich dachte nur noch eine Frage?« Meerenja lächelte, dann fuhr sie fort: »Das geht nicht so einfach. Nur zu bestimmten Zeiten funktioniert das, und ein Magier muß ihnen dabei helfen. Bei dir war es Niam. Und das Amulett. Nur in den ganz, ganz seltenen Fällen gelingt es jemandem, einfach so zu uns zu kommen.«
Gerade hatte ihre neue Freundin diesen Satz beendet, als die Tür aufflog und Niam hereinkam.
»Warum hast du mir nicht gesagt, daß du verfolgt wurdest?«
Zuerst wußte Judi gar nicht, was er meinte. Dann zuckte sie mit den Schultern.
»Man hat mich nicht gefragt. Und außerdem bin ich ja hier, oder?«
»Ja. Und wenn er euch weiter verfolgt hat und hier hergekommen ist? Ich will nicht, daß dir etwas passiert. Wie sah er aus?«
»Keine Ahnung. Er hatte ein Käppi auf.«
Niam verstand wahrscheinlich nicht die Bohne von dem, was sie meinte, gab sich aber damit zufrieden.
»Ich möchte nicht, daß ihr zwei noch einmal alleine in der Stadt herumgeht oder irgendwelche Ausflüge macht. Ja, ich meine euch beide!«
»Ich bin alt genug, um auf mich selbst aufzupassen!« empörte sich seine Enkelin, aber Niam beachtete das gar nicht, sondern schloß die Tür wieder.
»Daß er mich immer wie ein kleines Kind behandeln muß! Ich hätte jetzt richtig Lust, mit dir morgen in den Wald zu gehen.«
Judi erwiderte darauf nichts. Sie kannte das nur zu gut.
Anscheinend wollte Meerenja ihre Drohung wahrmachen, denn gleich nach dem Frühstück - und natürlich erst, nachdem Niam gegangen war - warf sie sich ihren Umhang um und forderte Judi auf, ihr zu folgen. Sie fühlte sich gar nicht wohl dabei, aber dann tat sie es doch. Doch Niam schien damit gerechnet zu haben, denn er hatte Mendras als eine Art Babysitter beauftragt, und dieser ließ den Ausgang nicht aus den Augen. Durch die Tür konnten sie also nicht, aber wozu gab es denn schließlich Fenster?
Draußen angekommen warf Judi sich ebenfalls einen Umhang über die Schultern und zuppelte noch ein wenig an ihren etwas zu großen Kleidern herum, die Niam ihr gegeben hatte. Wie seine Enkeltochter trug sie jetzt eine nicht zu enge, angerauhte Lederhose und ein aus grober Wolle gearbeitetes Hemd. Der Wind wirbelte bunte Blätter vor ihnen auf, aber sehr kalt war es nicht.
»Bekommt Mendras keinen Ärger? Und vor allem: bekommen wir keinen Ärger?«
»Laß das mal meine Sorge sein. Ich möchte dich nur ein bißchen herumführen. Und in den Wald gehe ich nun mal gerne. Das kann er mir nicht verbieten, er ist nicht mein Vater.«
Dazu sagte Judi lieber nichts, sondern folgte ihr weiter den Weg entlang, der aus der Stadt führte.
»Wirst du eigentlich auch ausgebildet?«
»Als was?« Meerenja sah sie fragend an.
»Als Magier. Niam hat mir früher einmal erzählt, daß die äh … Gabe weitervererbt wird.«
»Zu seiner sichtlichen Enttäuschung habe ich die Gabe nicht. Zumindest nicht ausreichend genug, um eine richtige Magierin werden zu können. Aber mir ist das egal.«
Sie durchschritten das mittlere Tor und bogen nach links ab.
»Wann wollen wir uns eigentlich auf den Weg machen, um den Stein zu holen?«, fragte Judi, um das Schweigen zu brechen.
»Wir gar nicht. Das ist zu gefährlich«, äffte sie Niam nach.
»Aber er war mit mir früher selber unterwegs. Da war er auch nur ein Jahr älter als du.«
»Erklär ihm das, nicht mir. Mir könnte ja was passieren. Und mit dir war das ja auch etwas ganz anderes. Jetzt ist das ja eine andere Sache.«
»Und warum sollte ich dann kommen?«
»Wegen des Amuletts. Den Stein holen ein paar andere, die Niam persönlich aussucht.«
Judi schlenderte mit gesenktem Kopf durch das Laub, und merkte es erst gar nicht, als sie den Wald betraten. Erst als Meerenja sie anstieß, sah sie auf. Es war wirklich ein schöner, ruhiger Wald. Die Bäume standen nicht sehr dicht. Aber das hatte sie Judi nicht zeigen wollen, sondern den Reiter, der im vollen Galopp auf sie zuhielt.
»Der Bote!« rief sie aufgebracht und winkte mit beiden Händen.
Der Mann hielt neben ihr und sah auf sie herab. Er trug rote Kleidung und hatte einen blauen Hut, der etwas schief lag.
»Was wollt Ihr?«
»Habt Ihr Nachricht für Niam?«
»Ja, und deshalb muß ich auch zu ihm.«
»Ich bin seine Enkelin. Kann ich nicht …«
»Nein, sie ist nur für ihn bestimmt«, unterbrach er sie bestimmt.
»Er teilt es mir doch sowieso mit.«
»Dann könnt Ihr Euch doch sicherlich auch noch ein wenig gedulden. Gehabt Euch wohl!« Mit diesen Worten sprengte er weiter.
»Sohn eines Errar«, murmelte Meerenja und blickte ihm nach.
»Was erwartest du denn für eine Nachricht?«
»Wegen des Westlands. Bis jetzt gab es ja nur das Gerücht, daß sie uns irgendwann angreifen wollen. Wir haben Boten ausgeschickt, um auszukundschaften, ob es wirklich stimmt. Das war wahrscheinlich die Antwort.«
»Sollen wir zurückgehen?«
»Ja, ich will es unbedingt wissen. Und wenn wir Glück haben, ist Niam noch nicht wieder da.«
Aber er war da. Er erwartete sie genau da, wo sie das Haus verlassen hatten: am Küchenfenster. Sein Gesicht hatte beunruhigende Ähnlichkeit mit einer Gewitterwolke, die kurz vorm Entladen stand, und er hatte die Hände in die Seiten gestemmt. Aber er sagte kein Wort, bis sie sich gesetzt hatten.
»Was habe ich gesagt?«
»Es ist doch nichts passiert, oder?«, gab seine Enkelin zurück.
Niam atmete tief ein. »Gut, vertagen wir das auf später. Ich habe schlechte Neuigkeiten.«
»Wegen des Westlands?«
»Ja, auch. Die Gerüchte haben sich leider bewahrheitet, aber wir haben noch viel Zeit. Das andere ist, die Krankheit, oder wie man das auch immer nennen mag, hat gedreht. Es bewegt sich jetzt an den Westländern entlang. Niemand weiß, welche Richtung es als nächstes einschlagen wird. Wir müssen schnell handeln.«
»Warum kann ich denn nicht mit?«
»Meerenja, das haben wir schon hundertmal besprochen.«
»Du behandelst mich, als ob ich Demas in Person wäre! Ich kann mich sehr wohl verteidigen!«
»Wenn ich nein sage, dann meine ich das auch. Du wirst nicht mit gehen. Und du auch nicht, Judi.«
»Und warum hast du mich dann kommen lassen?«
»Damit du mir das Amulett geben kannst und weil ich dich wiedersehen wollte. Ich dachte, du freust dich!«
»Aber Niam, du warst doch früher auch nicht älter. Okay, ein Jahr vielleicht, aber als wir damals zusammen losgegangen sind, hast du das für selbstverständlich gehalten.«
»Ich möchte nicht, daß mein Wort in Frage gestellt wird. Sie und du, ihr werdet hier bleiben. Ich kann auch nicht mitgehen.«
Meerenja verzog wütend das Gesicht, stand auf, um in den Flur zu gehen, und polterte die Treppe hinauf, die in ihre kleine Kammer führte. Judi folgte ihr nach kurzem Zögern. Sie öffnete die zugeknallte Tür und fand ihre Freundin auf dem einfachen Bett wieder.
»Er ist so ungerecht!«, schimpfte sie.
»Wer ist Demas?« Judi ging absichtlich nicht auf das Thema ein.
»Wie? Ach so. Das ist ein kleiner, junger Drachengott, der den Kindern die Langeweile vertreibt. Er ist völlig schutzlos. Aber ich kann mich sehr wohl verteidigen!«
»Ich dachte ihr habt nur drei Drachen?« Wieder ging sie nicht auf die letzten Worte ein.
»Die drei Hauptdrachen. Aber es gibt viele, viele kleinere Drachengötter, die ihnen als Helfer dienen.«
Meerenja setzte sich wieder auf und blickte immer noch wütend aus dem Fenster. »Manchmal hasse ich ihn. Und wenn wir uns einfach ohne sein Wissen auf den Weg machen? Er hat es vorhin auch erst gemerkt als wir weg waren.«
»Ich halte das für keine gute Idee. Es ist bestimmt ein langer Weg, und wenn er doch schon seine erfahrensten Kämpfer aussucht …«
»Jetzt sag bloß, du hast Angst? Damals mit euch, das war viel gefährlicher. Jetzt müssen wir nur den Mann finden, der den Stein hat, und ihn ihm wegnehmen.«
»Das sagst du so einfach. Das ist doch …«
»Du hast Angst«, stellte Meerenja fest.
»Ist ja gar nicht wahr. Es ist nur …«
»Angst, Angst, Angst!«
»Nein!«
»Dann komm mit. Oder ich gehe allein. Gehen werde ich auf jeden Fall.«
»Das ist nicht fair.«
»Dann gehe ich eben allein.«
»Du weißt ja nicht einmal, wo du suchen mußt.«
»Ich habe einen Mund, mit dem ich fragen kann. Wir brauchen einfach nur der Spur zu folgen. Und die ist nicht gerade unauffällig.«
»Aber Niam …«
»Jetzt laß diesen alten Mann aus dem Spiel! Ich werde so oder so gehen. Wenn du mitkommst, ist es zwar einfacher, aber wenn du hier bleibst, werde ich nicht auch hier bleiben!«, brauste Meerenja auf.
»Okay, dann komme ich eben mit. Und wann gehen wir?«
Meerenja lächelte triumphierend. »Heute Nacht.«
»Schon?« Judi seufzte.
»Ja. Niam rechnet bestimmt nicht damit, daß wir so schnell gehen. Aber er rechnet sicher damit, daß wir gehen. Wir müssen nur leise sein. In der Küche liegt noch genügend getrocknetes Fleisch und Trockenobst, das sich lange hält.«
Judi fühlte sich gar nicht wohl. Aber vielleicht hatte Niams Enkelin ja recht. Sehr viel gefährlicher konnte es ja nicht sein und vielleicht ja sogar leichter.
»Aber wir werden zu Fuß gehen müssen. Die Pferde sind alle außerhalb der Stadt auf der Weide und werden streng bewacht.«
»Aber sie kennen dich doch, oder?«, gab Judi zurück.
»Du hast Niam vergessen. Wenn er ihnen Bescheid sagt?«
Sie schwieg.
Mendras öffnete einen Moment später die Tür und holte sie zum Mittagessen. Es gab einen dicken Eintopf und jedesmal, wenn Meerenja die Kelle aus dem Topf nahm, verursachte dies schmatzende Geräusche. Es sah auch nicht gerade appetitlich aus. Wenig begeistert starrte Judi die bräunliche Masse an, die da in ihrem Teller wabbelte. Als sie sich schließlich überwinden konnte, einen Löffel in Richtung Mund zu führen, tropfte ein Teil der zähflüssigen Masse wieder zurück in den Teller und platschte laut. Judi schluckte und ließ den Löffel wieder zurücksinken. Die unförmigen, braunen Dinger die darin herumschwammen, konnte man mit viel Fantasie als kleine Fleischstückchen bezeichnen.
»Wenn du nichts essen möchtest … Ich weiß, es sieht nicht sonderlich lecker aus«, sagte Niam schmatzend.
Nicht sonderlich lecker? Das Zeug sah aus wie dreimal vorgekaut und eine Woche stehengelassen. Ein paar Sekunden betrachtete sie Niam, seine Enkelin, Mendras und Felonn, die genüßlich kauten. Dann schob sie mit einem entschuldigenden Kopfschütteln den Teller einige Zentimeter von sich. Das würde sie niemals runterkriegen.
»Ich bin noch vom Frühstück satt.«
Meerenja grinste nur breit und löffelte weiter.
Nachdem die übrigen das Mahl beendet hatten, wollte Judi mit in der Küche helfen, aber Mendras winkte freundlich ab und sagte, sie könne ruhig gehen. Gehen war gut. Da sie das Haus nicht verlassen durften, blieb nur noch das Zimmer ihrer Freundin. Meerenja kramte eine Weile in einer Kiste herum und förderte schließlich eine halbfertige Stickerei zutage. Sie setzte sich auf den Stuhl, der am Fenster stand, und setzte die begonnene Arbeit fort, während Judi ihr dabei interessiert zusah. Es stellte eine kleine Landschaft dar.
»Möchtest du auch, Judi?«, fragte sie.
»Ich? Nein. Ich kann so etwas doch gar nicht.«
»Wie? Aber das lernt man doch schon sehr früh! Das kann jedes Mädchen«, behauptete sie.
»Nicht jedes. Wir lernen bei uns so was nicht.«
»Ja, bei euch ist vieles anders.«
Irgendwie konnte Judi es kaum erwarten, bis es Abend wurde. Wo vorher Unbehagen war, brodelte jetzt Abenteuerlust. Hibbelig rutschte sie auf dem Strohlager am Boden herum und sah ständig aus dem Fenster, in der Hoffnung, die Sonne wäre vielleicht ein paar Millimeter gesunken. Es erinnerte sie an den Matheunterricht. Das unendlich langsame Bewegen des Sekundenzeigers … Vielleicht würde sich Herr Lessmann ja ein paar Minuten verspäten. Nur ein paar Minuten …
Aber nein, fast auf die Sekunde genau würde er hereinkommen, das Gesicht leicht gerötet, würde kurz in der Tür stehenbleiben und die Brille zurechtrücken, tief Luft holen, als reite er in eine bevorstehende Schlacht, und dann gemessenen Schrittes das Klassenzimmer betreten. Die Tasche würde mit einem Knall auf dem Pult landen, um auch die letzten Gespräche verstummen zu lassen. Er würde leicht lächeln und sofort mit seinem Redeschwall beginnen. Mit x und y würde er sie zuquatschen, würde von Formeln reden, von Koordinatensystemen … Und nicht zu vergessen, langsam und gleichmäßig seinen Mundgeruch im Zimmer zu verbreiten.
Und die Reaktion der Schüler wäre auch wie immer: Sandras Herumkritzeln in ihrem Heft, Thomas’ leises Schnarchen, Stefans schleimende Argumente, wie gut Herr Lessmann das doch erklärte, Waldemars gezeichnete Autos, die auf einem karierten Zettel bis zu Alexanders Platz wandern würden, um von diesem ergänzt zu werden, Alessias erbostes Murmeln wenn er schon wieder dasselbe Zeug laberte, was sowieso keiner verstand, und die Bilder ihrer Platznachbarin Rabea, die Herrn Lessmann mal gehängt, mal begraben, mal geknebelt zeigten. Naomi würde wieder beim Kaugummikauen erwischt werden, und Janina eifrig Zettelchen mit ihrer Platznachbarin schreiben, damit der Schlaf sie nicht übermannte. Judi seufzte und die Bilder verschwanden. Jetzt war wirklich der unpassendste Moment, sich den Tag versauen zu lassen, indem sie an Mathe dachte. Nein. Sie seufzte noch einmal und ließ sich von Meerenja sagen, daß es ja nicht mehr so lange dauern würde.
»Ich gehe zum Unterricht. Ich werde wahrscheinlich erst spät zurückkommen, da ich ein paar neue Schüler erst einweisen muß. Wollt ihr mitkommen?« Niam hatte leise die Tür geöffnet und streckte nun den Kopf zu ihnen herein.
»Nein. Du weißt doch, ich würde mich wahrscheinlich nur wieder ärgern, weil ich nicht das Talent besitze. Und ich würde dir nur wieder vor Augen führen, daß ich nicht begabt bin«, fügte sie ein wenig bitter hinzu.
»Du weißt genau, daß du für mich nicht minderwertig bist, nur weil du nicht vollkommen begabt bist, und außerdem …« Mit einem Seitenblick auf Judi brach er im Satz ab, zögerte ein paar Sekunden und sagte dann: »Besprechen wir das ein anderes Mal wieder, wenn du willst. Von mir wirst du jedenfalls das gleiche hören, wie sonst auch.«
Seine Enkeltochter verdrehte die Augen und schwieg, bis Niam das Zimmer wieder verlassen hatte. Dann warf sie die Stickerei wieder in die Kiste zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Ich bin froh, wenn ich mir ein paar Tage lang sein Gerede nicht mehr anhören muß. Jedesmal dasselbe, und doch weiß ich, daß er in Wirklichkeit enttäuscht ist. Ich werde sein Gesicht nicht vergessen, als sich herausstellte, daß ich nicht genügend Begabung für die Magie besitze.« Meerenja schwieg wütend und starrte aus dem Fenster.
Letzten Endes war die Zeit doch schneller vergangen, als Judi gehofft hatte. Mendras und Felonn hatten das Haus verlassen, was sie ein wenig wunderte, und sonst war niemand im Haus. Sie packten alles zusammen, was sie brauchten. Genügend Essen, das sich lange hielt, einfache, aber sehr warme Decken, Kleidung.
Als sie alles in drei großen Beuteln verstaut hatten, die beinahe zu platzen drohten, wollten sie wieder aus dem Fenster steigen, doch Meerenja hielt sie zurück. Ihr Gesicht verfinsterte sich.
»Für wie blöd hält der mich?«
»Was meinst du?«, hakte Judi nach.
»Er hat alle Fenster mit einem unsichtbaren Hindernis belegt. Gehst du da hindurch, wird er es sofort bemerken. Schöne Schande. Die Tür ist mit Sicherheit auch belegt. Und er hat gedacht, ich merke das nicht. Also so wenig Begabung habe ich nun auch wieder nicht! Deshalb sind auch seine beiden Freunde Mendras und Felonn gegangen.«
»Ist ja alles schön und gut, aber wie kommen wir jetzt weg?«
»Hm, den Bann kann man nicht aufheben. Aber … Komm mit!« Schnell rannte sie die Treppe wieder hinauf und riß ihre Tür auf. Dann näherte sie sich langsam dem Fenster und ihr Gesicht hellte sich auf.
»Ha! Das ist frei. Wir können an dem Alienusgitter runter.«
Judi sparte sich die Frage, was denn nun ein Alienusgitter war. Sie würde es schon sehen, denn ihre Freundin hatte mittlerweile schon das Fenster geöffnet und begann, an irgend etwas herunterzuklettern. Sie blickte ihr nach und erkannte ein aus dicken Ästen gefertigtes Gitter, an dem etwas empor rankte, das bereits die Blätter verloren hatte. Die gesamte Konstruktion schwankte bedächtig, aber sie hielt.
»Jetzt komm schon! Wenn Mendras wiederkommt, möchte ich so weit wie möglich weg sein.«
Judi biß die Zähne zusammen und begann mit dem Abstieg. Doch entweder hatte sie eine besondere Begabung dafür, in den unpassendsten Momenten das Falsche zu tun, oder einfach nur Pech, jedenfalls hörte sie irgend etwas reißen und dann entfernte sich die Hauswand mit enormer Schnelligkeit von ihrem Gesicht, und dafür trat der Himmel in ihr Gesichtfeld. Sie hatte gerade noch Zeit, einen Schreckensschrei von sich zu geben, dann prallte ihr Rücken auf dem Boden auf und das trieb ihr die Luft aus den Lungen, so daß ihr Schrei jäh abbrach. Während sie verzweifelt nach Luft rang, brach Meerenja in lautes Lachen aus. Im ersten Moment war Judi einfach nur wütend, aber dann mußte auch sie lachen, wenn sie sich vorstellte, wie sie wohl da lag. Auf dem Boden liegend, nach Luft ringend wie ein Fisch auf dem Trockenen und das umgekippte Gitter noch immer mit den Händen umklammert.
Immer noch lachend hob Meerenja das Gitter von Judi herunter und half ihr auf.
»Ist was passiert?«
»Nee. Nur sämtliche Rippen gebrochen, den Arm verstaucht und mein Bein angeknackst.«
»Also alles in Ordnung«, grinste Meerenja. »Komm, wir müssen jetzt.«
Judi holte tief Luft und folgte ihr, während sie den Beutel auf ihrem Rücken zurechtrückte. Er tat ein wenig weh, aber es hielt sich im erträglichen Maße. Hätte sie nicht den Beutel mit den Decken genommen, hätte sie sich wahrscheinlich wirklich ein paar Rippen gebrochen.
Irgendwo bellte ein Hund, aber es bemerkte sie niemand. Judi grinste. Sie dachte schon wie eine Verbrecherin, die auf der Flucht war. Trotzdem beruhigte sich ihr Herz erst, als sie die Stadtmauern hinter sich gelassen hatten, und den Pfad beschritten, der in einen anderen Teil des Waldes führte. Es war eine sternenklare Nacht. Und es war kalt. Judi zog den Mantel noch etwas enger um sich und unterdrückte ein Zittern.
»Sehr weit werden wir wohl nicht gehen können.«
»Warum nicht?«, fragte Judi zwischen einem Gähnen. Im Mondlicht konnte sie sehen, daß Meerenja sie tadelnd ansah.
»Du müßtest das doch wissen! Ihr wurdet damals von Gor verfolgt, oder etwa nicht?«
»Ja, aber …«
»Du hast wohl gedacht, nur weil ihr Herr besiegt wurde, sind sie verschwunden? Oh, nein. Sie streunen nachts durch die Gegend und stiften Unheil. Sie werden zwar gejagt, aber sie sind wie die Pest. Kaum zu beseitigen.«
Mit plötzlich erwachtem Unbehagen, das ebenso beunruhigend schnell anwuchs, sah sie sich um. War da nicht ein leises Knacken im Gebüsch? Oder war da im Säuseln des leichten Windes nicht ein entferntes Knurren zu hören?
»Jetzt sieh dich nicht wie ein ängstliches Häschen um. Hier so nah an der Stadt gibt es keine. Nur weiter draußen wurden manchmal welche gesichtet.« Ihre Freundin lachte leise und kniff sie scherzhaft in die Seite.
Sie gingen noch so weit, bis Djorgian nur noch ein Lichtfleck zwischen den Bäumen war, und hielten dann an. Sie rollten die Decken auf dem Boden aus, doch als Judi Feuerholz sammeln wollte, schüttelte Niams Enkeltochter den Kopf.
»Aber ich dachte wir …«
»Das Feuer sieht man zu sehr«, unterbrach sie Judi.
»Und was soll dann das Gefasel von den Gor? Sollen sie uns zum Abendessen holen? Tut mir leid, ich habe Salz und Pfeffer vergessen.«
»Ich merke, es scheint sich so einiges verändert zu haben, seit du das letzte Mal hier warst. Ich brauche kein Feuer um Gor zu vertreiben.« Mit diesen Worten setzte sie sich im Schneidersitz auf ihre Decke und formte die Hände zu einer Kugel. Schon ein paar Sekunden später schillerte blaues Licht durch ihre Finger hindurch und als sie sie wieder auseinander nahm, blickte Judi fasziniert auf die bläuliche helle Kugel, die vor ihr in der Luft hing und schwaches Licht verbreitete.
»So viel dazu, daß du nicht genügend Begabung besitzt.«
»Dazu gehört nicht sehr viel. Aber es ist besser als Feuer. Es schreckt sie mehr ab. Hast du Hunger?«
Judi nickte und bekam einen Moment später ein dickes Stück Brot gereicht, in das kleine Schinkenstücke eingebacken waren. Immer noch wendete sie die Augen nicht von der Kugel, die ganz leicht hin und her schwankte, jedoch nie an Höhe verlor. Fröstelnd zog sie die Decke enger um sich. Als das nichts brachte, verdrehte sie die Augen.
»Ist was?« Meerenjas blaue Augen blickten fragend drein.
»Kalt«, gab sie knapp zurück.
»Ich habe noch eine Decke. Möchtest du die?«
Judi nickte und versuchte das immer stärker werdende Zittern zu unterdrücken. Dankbar griff sie nach dem groben Stoff, den ihre Freundin ihr hinhielt und wickelte sich fest darin ein. Sehr viel mehr brachte das allerdings nicht.
»Können wir wirklich kein Feuer machen? Oder hast du nicht noch einen Trick auf Lager? Wie wäre es mit einer Wärmflasche oder einer Heizdecke oder so?«
»Nein, leider nicht. Aber so sehr kalt ist es doch gar … Ach, jetzt weiß ich! Das hatte ich ja vollkommen vergessen! Du hast ja damals diese Begegnung mit dem Nebelwesen gehabt.«
»Hundert Gummipunkte. Und jetzt? Ich erfriere gerade.«
»Komm her«, sagte Meerenja und hob ihre Decke an. Immer noch zitternd kroch Judi darunter und kuschelte sich eng an Niams Enkeltochter. Allmählich ebbte ihr Kälteanfall wieder ab und sie schlief erleichtert ein.
~ ~ ~
Sie gähnte ausgiebig und bemühte sich gleichzeitig, nicht wieder über eine Wurzel zu stolpern. Der Mond stand hell am Himmel und die Sterne umgaben ihn wie Milliarden von kleinen Bewachern, die ihn umschwirrten.
Sie wußte, daß es nicht ungefährlich war, in diesen Gegenden zu wandern. Ganz und gar nicht, aber ihre Schwester brauchte ihre Hilfe. Wenn sie ganz ehrlich war, hatte sie sogar ein wenig Angst. Aber das war nicht etwa Feigheit, im Gegenteil: sie hatte sogar zu wenig Angst, wenn man bedachte, daß sie gefährlich nahe an den Westländern war. Würde einer von ihnen zufällig ihren Weg kreuzen und erkennen, wem er da gegenüber stand, würde man sie ohne eine Sekunde zu zögern umbringen oder Schlimmeres.
Jamalia gähnte noch einmal und betrachtete prüfend den Verband, der sich fest um ihre rechte Hand spannte. Vorsichtshalber hatte sie ihn noch ein wenig rot eingefärbt, damit es auch wirklich wie eine Verletzung aussah.
Müde von dem langen Marsch wäre sie am liebsten stehengeblieben und hätte sich an einer geeigneten Stelle schlafen gelegt. Aber das war zu gefährlich. So leichtsinnig war Jamalia nun auch wieder nicht, daß sie nicht wußte, sie wäre erst in Sicherheit, wenn sie das Haus ihrer Schwester erreicht hatte, und selbst dann konnte ihr noch Gefahr drohen. In dieser Gegend war niemand von ihrer Gemeinschaft sicher, auch wenn sie nicht wußte warum. Dabei taten sie doch gar nichts Schlechtes. Im Gegenteil, sie setzten ihre Kräfte hauptsächlich dazu ein, Kranken zu helfen oder ähnliches. Natürlich, sie konnten ihre Gabe auch zum Töten und Kämpfen einsetzen, aber das hatte niemand mehr getan, seit der verrückte Dohn damals vom Thron gestoßen worden war. Eine der ersten und obersten Regeln, die sie lernen mußten, war, niemandem mit der Begabung ein Leid anzutun, es sei denn, man befand sich in Lebensgefahr und es gab absolut, absolut keinen anderen Ausweg.
Jamalia seufzte. Warum die Westländer so feindlich gestimmt waren, wußte wohl niemand so genau. Und das würde sich wohl so schnell auch nicht wieder ändern.
In der nächsten Sekunde stolperte sie nun doch über eine übersehene Wurzel, fiel, und prallte mit dem Kinn am Boden auf. Ungeachtet der Gefahr, in der sie sich noch immer befand, fluchte sie lauthals und betrachtete den Verband um ihre Hand mißmutig im Mondschein, und anschließend den scharfen, halb aus dem Boden ragenden Stein, der sich vor ihr auf dem Weg befand. Toll. Der Verband war zerrissen und ihre Hand aufgeschürft. Wie konnte so etwas genau jetzt passieren? Immer noch fluchend, jedoch merklich leiser, wickelte sie die Reste der Binde von ihrer Hand und betrachtete den kleinen Drachen, der in bläulicher Farbe auf ihre Haut tätowiert worden war. Kurzerhand riß sie sich ein Stück Stoff aus ihrem Kleid und wickelte es neu darüber. Das Blut mußte sie jetzt nicht mehr vortäuschen, dachte sie grimmig, als sie erkannte, daß es sich rot färbte. Das mußte ja auch …
Jamalia brach diesen Gedanken ab, als sie Schritte vor sich auf dem Weg hörte. Verdammt! Mit ihrem Gefluche mußte sie im ganzen Wald gehört worden sein. Im ersten Moment dachte sie daran, sich im Gebüsch zu verstecken, tat es dann aber doch nicht. Wenn sie entdeckt worden wäre, hätte man nur Verdacht geschöpft. Lauschend schloß sie die Augen und tastete im Geist den Weg vor sich ab. Erleichtert stellte sie fest, daß es sich nur um eine Person handelte. Und trotzdem beunruhigte sie etwas.
Stirnrunzelnd ging sie weiter und versuchte, in den Schatten vor ihr etwas zu erkennen. Am Anfang war sie dem Mond für sein Licht dankbar gewesen, aber jetzt erkannte sie, daß es den Weg nicht wirklich erhellte, sondern die Sicht nur noch verschlechterte.
Jamalia blieb abermals stehen. Vor ihr bewegte sich etwas. Warum war sie nur so beunruhigt? Ein einsamer Wanderer wie sie, der zufällig ihren Weg kreuzte. Er würde eine Achtzehnjährige sicherlich nicht beachten. Sie faßte sich ein Herz und ging weiter.
»Ist da jemand?«
Jamalia zuckte heftig zusammen als sie die Stimme hörte. Eine junge Stimme.
»Hallo?«
Sie gab keine Antwort. Sollte sie sich doch verstecken? Doch bevor sie den Gedanken in die Tat umsetzen konnte, erblickte sie eine Gestalt vor sich, die rasch näher kam.
~ ~ ~
Am nächsten Morgen mußten sie sich rasch auf den Weg machen, da sie von weitem Rufe hören konnten. Entweder trieb da jemand sein Vieh zusammen, oder man suchte sie. Wenn das so war, war Niam wahrscheinlich fuchsteufelswild.
»Sollten wir nicht wieder zurückgehen, bevor es zu spät ist?« Judi zupfte nervös an den Riemen des Beutels, der wieder auf ihrem Rücken baumelte.
»Aus zwei Gründen geht das nicht. Erstens will ich ihm beweisen, daß ich doch etwas wert bin und er keinen Grund hat, sich meinetwegen zu schämen. Ich bin nämlich kein nutzloses Ding, das zu nichts fähig ist. Und zweitens: es ist sowieso schon zu spät. Auch wenn wir jetzt umdrehen und zu ihm zurückkehren, häutet er uns bei lebendigem Leibe.«
»Ich glaube eher, er würde erleichtert sein, wenn er weiß, daß uns nichts passiert ist.«
»Vielleicht war Niam früher einmal so, aber wenn er so war, hat er sich vollkommen verändert. Er wird ganz Djorgian zusammenbrüllen. Wir können erst zurück, wenn wir den Stein haben und er keinen Grund mehr hat, wütend auf uns zu sein.«
»Schöne Scheiße!«
»Willst du jetzt etwa kneifen?« Meerenja sah sie herausfordernd an. Judi schwieg und konzentrierte sich wieder auf den Weg, der vor ihnen lag.
Nach einer halben Stunde blieb Meerenja plötzlich stehen, erfaßte Judi am Arm und deutete mit leuchtenden Augen auf eine Stelle neben ihnen.
»Siehst du das da?«
»Was meinst du?«
»Da! Bist du denn blind? Da vorn ist ein Kernfruchtfeld.«
»Ein was?«
Meerenja verdrehte die Augen. »Es ist das leckerste, das ich kenne, allerdings auch das teuerste. Diese Früchte sind außerdem sehr lange haltbar.«
»Und jetzt? Sollen wir uns etwa welche stehlen?« Judi hatte das eigentlich als Scherz gemeint, weil sie wußte, daß sie nicht viel Geld mitgenommen hatten. Aber als Meerenja weiterhin ernst dreinblickte und nichts erwiderte, zog Judi blinzelnd die Brauen hoch und blinzelte.
»Jetzt im Ernst? Ich meine …«
»Hast du eine bessere Idee? Wir dürfen uns nur nicht erwischen lassen.«
»Ich fasse es nicht! Machst du so was öfter?«
»Natürlich nicht. Hör auf zu diskutieren und warte hier, oder komm mit! Wenn du nicht zu feige bist«, fügte sie mit einem herausfordernen Lächeln hinzu. Judi schnaubte und folgte ihr kopfschüttelnd. Noch nicht einmal einen ganzen Tag unterwegs, und schon wurden sie zu Dieben.
Sie blieben vor einem hohen hölzernen Zaun stehen.
»Und jetzt? Willst du da hoch kraxeln?«
Meerenja grinste und streckte die Hand nach dem Zaun aus. Vorsichtig suchte sie Halt und begann hinaufzuklettern. Judi folgte ihr weit weniger geschickt und war heilfroh, als sie auf der anderen Seite angelangt waren und wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Sie betrachtete ihre grün verschmierten Finger und anschließend den schmutzigen Zaun, zuckte mit den Schultern und wischte sie sich an ihrem Kleid ab. Meerenja legte den Zeigefinger auf die Lippen und blickte sich vorsichtig um. Judi konnte nichts außer den seltsamen, palmenartigen Bäumen erkennen, deren dunkelgrüne Blätter sich im Wind wiegten. Sie sahen zwischen den kahlen Bäumen, denen der Herbst die Blätter schon genommen hatte, seltsam deplaziert aus.
»Und wo sind …« begann Judi, verstummte aber sofort, als Meerenja erschrocken mit der Hand winkte, sie solle still sein. Dann deutete sie auf den Boden. Judi erblickte mangogroße gelbe Dinger, die abgefallen waren. Sie waren mit braunen Flecken übersäht und sahen nicht sehr schmackhaft aus, aber Niams Enkeltochter war schon dabei, sie in ihren Sack zu stopfen, und Judi tat es ihr gleich. Mit zufriedenem Gesichtsausdruck gingen sie wieder zu dem glitschigen Zaun zurück. Meerenja streckte gerade die Hände nach dem Holz aus, als sie ein leises Knurren hörten. Ihre Gesichtsfarbe wechselte in Sekundenschnelle von erfreutem Rot zu Weiß.
»Hoch!«, schrie sie plötzlich, und begann, flink wie ein Wiesel hinaufzuklettern. Judi beging den Fehler, sich umzudrehen. Nicht mehr weit entfernt raste ein dunkelbraunes, riesenhaftes Etwas heran, neben dem ein ausgewachsener Schäferhund wie ein zahmes Schoßhündchen gewirkt hätte, und mit Zähnen, die sie von hier aus sehen konnte. Sie hatte es auf einmal sehr eilig, ihrer Freundin zu folgen. Mehrmals rutschte sie ab und erst, als sie keuchend neben Meerenja angelangt war, wagte sie einen Blick nach unten. Das Ding sah wie eine Kreuzung zwischen einem Wildschwein und einem Hund aus. Die Sprünge hatten etwas Katzenhaftes und es hatte einen langen rattenähnlichen Schwanz, der nur spärlich behaart war. Judi schätzte, daß es etwas über einen Meter lang und ebenso hoch war.
»Was ist das?«, entfuhr es ihr.
»Der schlimmste Wachhund, den du dir vorstellen kannst. Ein Wagar. Er kann dir ohne Mühe deine Hand abbeißen.«
Judi schluckte und sah noch einmal zu dem knurrenden Ding hinunter, das ständig am Zaun hochsprang. Das zottige Fell sträubte sich.
»Komm, laß uns weitergehen. Seinem Besitzer möchte ich nicht unbedingt begegnen.«
Schnell kletterten sie wieder auf die andere Seite.
~ ~ ~
»Hallo?« Immer noch kam keine Antwort, obwohl er sich sicher war, eine Stimme gehört zu haben. Wenn auch keine sehr erfreute. Außerdem ging von dem Stein eine gierige Unruhe aus, die sich auf ihn übertrug. Sein kleiner Freund hatte seit drei Tagen keine Nahrung mehr bekommen und es wurde höchste Zeit.
Tallorin ging weiter und sah jemanden auf sich zukommen. Erstaunt zog er die Brauen hoch, als er erkannte, daß es eine junge Frau war. Sie wirkte ängstlich und blieb stehen, als sie ihn ebenfalls erblickte. Seine Hände zitterten, so daß er sie schnell zu Fäusten ballte.
»Hallo! Ihr braucht keine Angst zu haben. Ich bin froh, jemanden zu sehen. Seit drei Tagen irre ich schon durch diesen Wald und bin noch keiner Menschenseele begegnet.«
Die verkrampfte Haltung der jungen Frau entspannte sich ein wenig. Er lächelte, obwohl er sich nicht sicher war, ob sie es im Dunkeln sehen konnte.
»Was macht Ihr so alleine in einem Wald, und noch dazu mitten in der Nacht?«
Sie zögerte, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und entschied sich dann doch zu antworten. »Ich bin auf dem Weg nach Hause. Und Ihr?«
Tallorin lächelte abermals. »Dann haben wir eines gemeinsam. Ich bin ebenfalls auf dem Weg zu meinem Haus.«
Er bemerkte, wie sie nervös an ihrem Schal zupfte. Verdammt, sie war fast noch ein Kind! Er hatte sich eines fest vorgenommen: keine Kinder.
Seine Hand versank in seiner Tasche und Tallorin zog sie erschrocken wieder zurück. Der Stein war glühend heiß. Nein, nein, nein! Die Frau schien seine hastige Bewegung nicht bemerkt zu haben, denn sie sah an ihm vorbei. Hin- und hergerissen strich er über das Tuch, in das er den Stein eingewickelt hatte. Er spürte dessen Hunger, der sich langsam aber unerbittlich weiter auf Tallorin übertrug. Was sollte es schon schaden? Außerdem kannte er den Stein nicht genug. Würde er ihn am Ende selbst verschlingen, wenn er ihn weiter hungern ließ? Zuzutrauen wäre es ihm. Sein eigenes Leben war wichtiger als das eines anderen. Entschlossen umfaßte er das kleine Bündel und drehte es in der Hand, die junge Frau aus den Augenwinkeln beobachtend. Sie versuchte neugierig, einen Blick darauf zu erhaschen, was ihm erneut einen schmerzhaften Stich versetzte. So jung, verdammt noch mal, so jung! Aber Tallorin hatte nicht vor, sich selbst fressen zu lassen.
»Ich … ich möchte dir etwas geben. Einen Glücksbringer. Wie heißt du eigentlich?«
Sie zögerte wieder, aber ihre Neugier siegte. »Jamalia.«
Er nickte und hielt ihr das Bündel entgegen. »Er beschützt einen auf seinen Wegen. Und diese Gegend ist gefährlicher für eine junge Frau, als für einen Mann.«
Jamalia lächelte und nahm den ›Glücksbringer‹ entgegen. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen, mit denen sie ihn vorsichtig auswickelte. Als sie den einfachen Stein ergreifen wollte, mußte er sich beherrschen, sie nicht daran zu hindern. Es war eine Ausnahme. Es war nötig, versuchte er sich selbst einzureden. Als sie ihn berührte, erstarrte sie. Ungläubig sah sie auf den Stein herab, dann verdrehte sie die Augen und sank lautlos in sich zusammen. Schnell fing Tallorin sie auf und ließ sie langsam auf den Boden gleiten. Traurig blickte er auf sie herab. Es sah aus, als würde sie schlafen. Ihr Atem ging flach aber sie rührte sich nicht mehr und das würde auch so bleiben. Er zog sie zum Wegrand und nahm ihren Schal, um ihn über Jamalia zu breiten. Warum hatte er sie nur nach ihrem Namen gefragt? Jetzt kam er sich schuldiger vor denn je. Der Name gab ihr etwas persönliches, etwas, das ihm weh tat. Er seufzte, suchte einige Sekunden nach dem Stein und wickelte ihn wieder in das Tuch, um ihn dann in der Tasche verschwinden zu lassen. Frage nie nach dem Namen! Nie.
Was würden ihre Eltern wohl machen? Vergebens würden sie auf ihre Tochter warten, vergebens … Er zwang sich, diesen Gedanken abzubrechen. Mit entschlossenen Schritten setzte er seinen Weg durch die Nacht fort.
~ ~ ~
»Halt! Warte!« Erschrocken hob Meerenja die Hand und hielt Judi zurück, die gerade in eine von diesen sogenannten Kernfrüchten beißen wollte.
»Du beißt dir die Zähne aus. Sieh!« Sie nahm sie Judi aus der Hand und stach mit dem kleinen Messer hinein. Schon die Spitze stieß auf harten Widerstand. Sorgfältig kratzte sie die Schale ab.
»Und was ist daran jetzt noch eßbar?« Stirnrunzelnd betrachtete Judi den großen Kern.
»Du mußt ihn natürlich öffnen«, sagte ihre Freundin mit einem spöttischen Glitzern in den Augen. Sie setzte das Messer an einer kleinen Spalte an, nahm die metallene Wasserflasche und schlug auf den Griff. Mit einem trockenen Knacken brach der Kern in zwei gleichgroße Hälften. Das Innere schimmerte feucht und hatte die Farbe einer schlammigen Pfütze.
»Ich will ja nichts sagen, aber das sieht Niams Eintopf erschreckend ähnlich …«
Meerenja lachte und schüttelte dann den Kopf. »Mach dir keine Sorgen, das schmeckt. Probiere!«
Sie schnitt ein kleines Stück heraus und reichte es Judi. Zögernd griff sie danach. Es fühlte sich klebrig an und hinterließ kleine Fäden auf ihren Fingern. Aber Meerenja hatte recht, es schmeckte sogar sehr gut. Fast wie gebrannte Mandeln. Als die eine Hälfte komplett ausgehöhlt war, wickelte Judi die andere in ein Stück Leder und verstaute es wieder in dem Beutel.
»Wie lange werden wir wohl unterwegs sein?«
»Ich weiß es nicht. So weit war ich noch nie von Djorgian entfernt. Das habe ich Niam zu verdanken, aber ich weiß die Richtung, das reicht. Zur Not können wir ja auch fragen«, antwortete sie, und betrachtete verärgert die Blätter, die an ihren Fingern klebten, nachdem sie schlauerweise versucht hatte, sie am Boden abzuwischen. Sie ergriff einen Zipfel ihres Kleides und versuchte, sich damit ihre Hände zu säubern, mit dem Ergebnis, daß diese nun am Kleid klebten.
Judi grinste und handelte sich einen verärgerten Blick ein.
Sie gingen weiter, als Meerenja plötzlich stehen blieb. Sie sah ein wenig schockiert aus, fand Judi, und sah sich nervös um. Hatte ihre Freundin schon wieder etwas entdeckt, das ihr entgangen war? Zu hören war jedenfalls nichts, und zu sehen waren nur die kahlen Bäume und Sträucher, und das verwelkte Laub am Boden.
»Was hast du?«
Sie antwortete nicht aber ihre Augen suchten den Weg vor ihnen ab.
»Hallo? Mars an Erde.«
»Wie?«
»Was hast du?«, wiederholte Judi und wurde ein wenig besorgt.
»Nichts. Ich meinte nur … Ich weiß auch nicht.«
»Aha«, machte Judi, aber Meerenja sprach nicht weiter und so beließ es Judi bei einem Achselzucken. Erst nachdem sie ein paar Meter weitergegangen waren, erklärte ihre Freundin: »Ich glaube, es ist jemandem etwas passiert. Jemandem von uns. Ich weiß auch nicht, aber die, die begabt sind, spüren es manchmal, wenn jemandem von ihrer Art etwas passiert, und ich glaube, daß … Ach, vergiß es. Ich habe mich geirrt.«
Judi wußte nicht, was sie davon halten sollte und schwieg zu diesem Thema.
»Werden wir die ganze Strecke zu Fuß laufen müssen? Ich meine, hier muß es doch irgendwo Pferde geben.«
»Das schon, aber eines kaufen? Du vergißt wohl, daß wir zu wenig Geld bei uns haben.«
Toll! Die ganze Strecke latschen. Was zu Beginn ihres Aufbruchs Abenteuerlust gewesen war, schlug jetzt in Zweifel um. Kaum hatte sie dieses Land wieder betreten, war sie schon wieder auf Wanderschaft und jagte diesem bescheuerten Stein hinterher, der sich einfach nicht damit abfinden konnte, auf dem Grunde des Sees liegen zu bleiben, und verdammt noch mal die Menschen in Ruhe zu lassen. Und sie hatte gedacht, es wäre vorbei. Ha, ha. Dämlicher Kiesel.
»Und was ist mit den Westländern? Wann werden sie angreifen?«
»Ich weiß es nicht. Ich hoffe, wir finden den Stein vorher, auch wenn ich bezweifle, daß das etwas bringen wird.«
»Wie meinst du das? Ich dachte, wenn wir den Stein finden und es ihnen erklären, hat sich die Sache erledigt.«
»Das glaube ich kaum. Sie wollten uns schon früher zusetzen, haben aber bisher noch keinen Grund gefunden, und so einfach ohne Grund anzugreifen geht nicht. Wenn wir ihnen jetzt den Grund für diese Krankheit erklären wollen, bin ich mir sicher, daß sie ihn gar nicht hören wollen. Sie haben eine Möglichkeit gewittert und nutzen sie natürlich sofort aus.«
»Weiß Niam das?«
»Natürlich. Aber keine Sorge, bis es dazu kommt, vergehen vielleicht noch ein paar Wochen. So schnell können selbst die Westländer kein Heer aufbauen.«
Hoffentlich war sie dann schon über alle Berge und bei sich zu Hause in ihrem warmen Bett. Sie hatte wenig Lust, einen Krieg mitzuerleben.
»Dann brauchen wir den Stein ja gar nicht zu holen.«
»Ist das dein Ernst? Willst du, daß er noch mehr unschuldige Menschen verschlingt?«
»Hast ja recht …«
Immer wieder blickte Judi in den Himmel, aber die Sonne war und blieb hinter einem Vorhang aus weißen Wolken verschwunden. Es war kalt und unangenehm naß, so daß Judi am liebsten wieder umgedreht wäre, um sich an einem Feuer zu wärmen. Meerenja schien dieses Wetter allerdings nichts auszumachen. Sie lief leichten Schrittes neben ihr her und machte ein zufriedenes Gesicht. Wenn es nach ihr ginge, könnten sie wahrscheinlich noch Jahre so weitermachen.
»Schade eigentlich, daß wir am Mondfest nicht teilnehmen können.«
»Was is`n das?«
»War damals dabei und weiß es nicht«, Meerenja seufzte. »Bald ist wieder der blaue Mond. Sagt dir das etwas?«
»Ist das jetzt Galgenmännchen oder so was? Da kann ich auch in den Kindergarten gehen.« Judi wußte auch nicht, was sie hatte, aber die gute Laune ihrer Freundin wandelte sich bei ihr ins Gegenteil um. Aber diese zeigte sich von Judi nicht im geringsten beeindruckt.
»Das war der Tag, an dem Niam den Stein in den See geworfen …«
»Moooment mal. War ja klar, daß er sich die Lorbeeren einheimst. Hat er euch das erzählt?«
»Ja, weil du ihm ja den Stein gegeben hattest und noch bei den Dorfbewohnern warst, weil …«
»Pah! Der Blödmann hatte nichts besseres zu tun, als sich ein Messer an den Hals halten zu lassen!«
Meerenja machte große Augen. »Er hat gesagt, daß du im Dorf warst, um ihn zu warnen, wenn jemand kam. Er mußte mit drei Kriegern kämpfen und …«
»Und ist nur mit knapper Not entkommen, wie? Na, warte, wenn ich ihn wieder sehe! Das war nämlich ganz anders. Ich wollte den Stein gerade in den See schleudern, als Myrmon, einer von Dohns Kriegern Niam gepackt hatte und drohte, ihm die Kehle durchzuschneiden, wenn ich es tun würde. Wären die vom Volk der Naradihel uns nicht zu Hilfe geeilt, wäre wahrscheinlich alles ganz anders gekommen. Niam hat nicht mal einen Finger gekrümmt!«
»Oh«, sagte Meerenja, dann grinste sie. »War nur ein Scherz. Er hat nie etwas derartiges behauptet, aber von dem Messer hat er allerdings nichts erzählt.«
Den ganzen Nachmittag lang liefen sie durch den herbstlichen Wald.
»Wann machen wir endlich eine Pause und essen etwas?«, fragte Judi, nachdem ihr Magen keine Ruhe mehr geben wollte. »Das letzte Essen war heute früh.«
»Und somit auch das letzte für den Rest des Tages und den morgigen Tag.«
»Das ist jetzt ein Witz, oder?«
»Nein, natürlich nicht. Willst du gegen die heiligen Regeln verstoßen?«
»Was für heilige Regeln? Die einzige heilige Regel ist für mich im Moment, meinem Magen die nötige Nahrung zuzuführen.« Ihr Magen knurrte zustimmend.
»Eineinhalb Tage vor dem Fest muß man fasten. Dafür gibt es auf dem Festplatz, wenn der blaue Mond am Himmel steht, die herrlichsten Delikatessen …«
»Soll das heißen, ich darf heute und morgen hungern? Willst du mich vielleicht nach Westen tragen? Die Regeln sind mir schnurzpiepegal! Ich habe Hunger und damit basta!« Ihre schlechte Laune war wieder da und beinahe genoß sie die schockierten Blicke Meerenjas.
»Aber …«
»Hast du etwa keinen Hunger?«
»Nein. Ich bin das gewohnt. Komm schon, es ist ein heiliges Fasten.«
»Bis morgen bin ich verhungert. Ich muß sie doch gar nicht einhalten. Bin ich etwa hier geboren? Nein. Also!«
»Nein.« Meerenja blieb stur. Am liebsten hätte Judi ihr einen der beiden Beutel heruntergerissen und einfach etwas zu Essen geklaut, aber das tat sie natürlich nicht. Vielleicht konnte sie ja etwas ergattern, wenn ihre Freundin schlief … Warum hatte sie nur den Beutel mit dem Essen Meerenja gegeben?
Bis zur Abenddämmerung diskutierte sie mit Niams Enkeltochter, wie wichtig doch die regelmäßigen Mahlzeiten seien. Allerdings mit wenig Erfolg. Schließlich hielt Meerenja an und seufzte. »Ich glaube wir sollten jetzt unser Lager aufschlagen. Hier ist ein guter Platz und es wird kalt werden. Komm, hilf mir!«
Zu Judis Erstaunen holte sie ein paar lederne Planen aus einem der großen Beutel hervor, und begann eine Art Zelt aufzubauen. Sie hatte sich die ganze Zeit schon gefragt, was da alles drin sei.
»Und warum haben wir das nicht schon gestern gemacht? Da war es noch kälter.«
»Schon vergessen, daß wir schnell weiter mußten? Da wäre keine Zeit mehr gewesen, ein Zelt abzubauen. Jetzt halt das mal nach oben.«
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie das mickrige Zelt stehen hatten. Es machte allerdings keinen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Ein starker Wind würde ihnen das Ding über ihren Köpfen wegpusten. Trotzdem zufrieden, half sie noch ein Feuer zu entzünden, das die Dämmerung vertrieb.
Dankbar streckte Judi die Hände nach den Flammen aus und seufzte.
»Kann ich denn nicht ein kleines Stückchen …?«
»Wie hat das Niam nur mit dir ausgehalten?«
»Als ich mit Niam unterwegs war,« begann Judi betont, »gab es noch kein heiliges Fasten. Außerdem hatte ich Schwierigkeiten, ihn zu ertragen.«
Meerenja grinste, und griff zu Judis Freude in den Rucksack mit den Vorräten. Sie malte sich schon die herrlichsten Leckereien aus, als sie mit einer Wasserflasche belohnt wurde. Ärgerlich riß sie ihr die Flasche aus der Hand.
»Trinken ist erlaubt.«
»Ha, ha.« Judi trank gierig und gab sie anschließend wieder zurück.
»Darf ich mich zu Euch gesellen?«
Beide fuhren erschrocken zusammen und erblickten einen Mann. Besser gesagt die Umrisse eines Mannes, der in der Dämmerung stand, gerade weit genug vom Schein des Feuers entfernt, daß man ihn nicht genau erkennen konnte.
»Wer seid Ihr?« Meerenjas Hand kroch tiefer zu ihrer Hüfte und Judi erinnerte sich, daß sie selbst dort früher einen Dolch getragen hatte. Sicherlich hatte Niams Enkeltochter nicht versäumt, ebenfalls einen mitzunehmen. Allerdings war diese Bewegung alles andere als unauffällig.
»Ein Wanderer. Genaueres wäre eine lange, lange Geschichte. Ich friere und habe das Feuer gesehen und gehofft, einen Platz daran zu finden.«
Der Mann mit der tiefen Stimme kam einen Schritt näher. Erkennen konnte man ihn aber immer noch nicht.
Meerenja zögerte und nickte dann.
»Ich danke Euch«, sagte der Unbekannte und trat endlich in den Schein des Feuers. Mißtrauisch kniff Judi die Augen zusammen. Kam er ihr nicht irgendwie bekannt vor? Nein. Sie zuckte mit den Schultern, was ihren Gegenüber zu einem fragenden Blick veranlaßte. Sie lächelte entschuldigend und starrte dann wieder in die prasselnden Flammen.
»Wie ist Euer Name?« fragte Meerenja.
Der Mann rieb sich noch ein paar Sekunden die Hände, dann antwortete er: »Necar. Und Ihr?«
»Ich bin Meerenja und das ist Norenie.« Jetzt hatte Judi also wieder ihren alten Namen bekommen. Necar lächelte. »Norenie, wie die Retterin?«
Gegen ihren Willen mußte sie grinsen. Wenn der wüßte …
»Ich möchte nicht undankbar sein. Hier, das habe ich selbst zusammengebraut. Hier in dieser Gegend wird es wahrscheinlich nicht bekannt sein, aber da, wo ich herkomme, ist es eine berühmte Spezialität.«
Er förderte eine kleine, in Leder eingebundene Flasche aus seinem Beutel und hielt sie ihnen hin. Judi sah erst die Flasche und dann Meerenja an und griff schließlich danach, als ihre Freundin keine Anstalten machte. Sie schraubte den Deckel auf und schnüffelte. Necar lachte und schüttelte dann den Kopf.
»Es ist nichts Schlimmes. Es wird aus Früchten gewonnen. Soweit ich weiß, ist der Saft von Früchten während des Fastens, das jetzt stattfindet, erlaubt.«
Judi gab sich einen Ruck und nippte vorsichtig. Abgesehen von dem bitteren Nachgeschmack schmeckte es wirklich gut.
»Wartet, ich habe noch ein paar Becher dabei.« Necar kramte abermals in seinem Beutel herum und goß jedem einen Becher voll.
Diesmal trank auch Meerenja.
»Wohin seid Ihr denn unterwegs?«, fragte sie dann.
»Ach, im Moment bin ich auf der Suche nach Arbeit. Danach werde ich wohl weiter in den Norden ziehen. Ich bin mir noch nicht sicher.«
»Ungefähr einen Tagesmarsch von hier entfernt befindet sich Djorgian. Dort findet Ihr sicherlich Arbeit. Könnt Ihr schmieden?«
»Nicht sehr gut, aber ein paar Dinge kann ich schon.«
»Dort werden im Moment Schmiede gesucht. Dann werdet Ihr auf jeden Fall Arbeit finden.«
»Ich danke Euch.« Necar lächelte und goß ihnen nach.
»Und wo wollt Ihr hin?«
»Weiter im Westen wohnen Bekannte von uns. Wir werden dort gebraucht, vor allem jetzt, wenn die Kernfrüchte reif werden. Kennt Ihr die?«
»Natürlich. Wer kann diese Köstlichkeit nicht kennen?«
Judi fiel auf, daß er selbst noch gar nichts getrunken hatte. Aber warum war sie so mißtrauisch?
Necar bemerkte ihren Blick und trank einen Schluck, drehte sich dann aber um, als habe er ein Geräusch gehört.
»Was ist? Hier in der Nähe gibt es keine Gor. Zumindest nur sehr selten«, sagte Meerenja und blickte sich ebenfalls in der Dunkelheit um.
»Es ist nichts. Nur ein Tier. Ich habe einmal schlechte Erfahrungen mit diesen Viechern gemacht. Sie sind eine echte Plage …« Während er weiter belangloses Zeug schwafelte und Meerenja sich sichtlich dafür zu interessieren schien, betrachtete sie Necar genauer. Irgend etwas stimmte mit ihm nicht. Warum konnte sie das Gefühl nicht loswerden, ihn schon einmal gesehen zu haben? Sie leerte auch den zweiten Becher und lehnte ab, als er ihr abermals nachschenken wollte. Judi blinzelte, als sein Gesicht zu verschwimmen begann. Sie war wirklich übermüdet und brauchte dringend eine Mütze voll Schlaf.
»Ihr seht müde aus«, sagte Necar und zog die Augenbrauen zusammen.
»Ich … ja, das stimmt.«
»Ihr hättet nicht so viel trinken sollen. Das kann manchmal wirklich schaden, wißt Ihr? Erst recht, wenn in dem Getränk, das man Euch anbietet, Fathum enthalten ist.«
Meerenja begann zu kichern und kippte den Rest ins Feuer. Was war daran so komisch? Necar lächelte und kratzte sich am Hals. Judi erkannte einen merkwürdigen Löwen der auf seinem Arm prangte, als der Ärmel ein Stück nach unten rutschte und im selben Moment blieb Meerenja das Kichern im Halse stecken. Entsetzt riß sie die Augen auf und starrte auf das Tier. »Das …« begann sie, brach aber sofort wieder ab.
»Es ist wirklich eine Laune des Schicksals. Da macht man sich auf den Weg, um die Tochter Niams zu entführen, eine wertvolle Geisel zu haben und vor allem Geld zu kassieren, da kommt sie einem noch entgegen und bringt gleich noch eine gute Freundin mit. Sicherlich kennt Niam dich sehr gut und würde ebenfalls bestürzt sein, wenn er erfährt, daß ich auch noch die kleine Judi habe.«
»Was zum Henker soll das … heißen?« Judi fiel das Sprechen schwer. Das Gesicht des Mannes vor ihr begann immer mehr zu verschwimmen. Meerenja hatte sich mittlerweile von ihrem Schrecken erholt, weshalb auch immer sie erschrocken war, und versuchte aufzustehen. Sie machte einen torkelnden Schritt, stöhnte und fiel der Länge nach hin. Judi wollte ihr zu Hilfe kommen, aber ihre Beine versagten ihr den Dienst. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, den Arm zu heben, stellte sie mit Entsetzen fest.
»Es tut mir leid, aber Fathum entfaltet seine Wirkung in der Regel sehr schnell. Ihr werdet …« Judi verstand den Rest des Satzes nicht mehr. Sein Gesicht zerfloß endgültig vor ihren Augen und verblaßte. War ja klar. Gleich am Abend des zweiten Tages mußte ihnen so etwas passieren! Das war ihr letzter Gedanke.
Anders als erwartet, hatte sie keine Kopfschmerzen. Das Erwachen war ganz normal, und was sie als erstes sah, als sie die Augen öffnete, waren auf und ab wippende Bäume. Judi wollte sich über das Gesicht streichen, registrierte dann erst, daß ihre Hände gefesselt waren. Wie hätte es sonst sein sollen? Sie lag bäuchlings über den Hals eines Pferdes und sie konnte Leder knarren hören. Als sie den Kopf noch ein wenig weiter drehte, erkannte sie einen Stiefel, der in einem Steigbügel steckte. Necar. Er schien ihr Erwachen bemerkt zu haben, denn eine Sekunde später klopfte er ihr auf den Rücken.
»Na, bist du wach?«
»Was zum Teufel soll das? Laß mich runter!«
»Sie ist wach«, sagte Necar mit einem Seufzen und hielt das Pferd an.
»Jetzt, da du wieder bei dir bist, kannst du sogar ein eigenes Pferd haben.«
»Ich platze vor Freude«, erwiderte Judi grimmig. Necar hob sie vom Tier und setzte sie sofort auf ein anderes, allerdings ohne zu vergessen, ihre Beine festzubinden und die Zügel an seinem Sattelknauf zu befestigen.
»Deine Freundin schläft noch. Mich wundert es, daß du überhaupt schon wach bist.«
»Ich konnte nicht abwarten, dein Gesicht wiederzusehen.« Sie wußte selbst nicht, woher sie den Mut nahm, aber Necar war nicht im geringsten verärgert. Er lächelte sogar.
»Das freut mich.«
Judi wandte das Gesicht ab. Wenigstens konnte sie jetzt wieder sitzen und mußte nicht wie ein Sack Kartoffeln auf dem Rücken seines Pferdes hängen. Meerenja lag nämlich genau auf diese Weise hinter seinem Sattel, zusätzlich noch ans Pferd gebunden, damit sie nicht hinunter fiel. Wo brachte er sie eigentlich hin? Und warum war Niams Enkeltochter gestern so erschrocken gewesen, als sie den Löwen auf Necars Arm gesehen hatte? Was Fathum war, glaubte sie mittlerweile zu wissen.
»Ich tue euch sogar einen Gefallen, wißt ihr? Ich reite mit euch nach Westen. Dort sind einige Leute sehr erpicht darauf, euch zwei in die Finger zu bekommen. Auch wenn du das Amulett nicht mehr hast. Darum geht es jetzt nicht mehr.«
Plötzlich wußte Judi, wer dieser Mann war. Hatte sie denn gestern Abend Tomaten auf den Augen gehabt? Dieser Typ war der, der bei ihr eingebrochen hatte. Käppi und Holzfällerhemd hatte er gegen eine pelzgefütterte Weste und ein schmales Stirntuch getauscht, das seine schulterlangen Haare aus seinem Gesicht hielt. In einige Strähnen hatte er Perlen eingeflochten.
»Sieht so aus, als wüßtest du wieder, wer ich bin. Ist aber egal. Ich tue euch nichts. Nicht, daß ich einer wäre, der sich einen Spaß daraus macht, Kinder zu ängstigen. Ich bringe euch nur dahin, wo man euch erwartet, und versuche euch die Reise nicht unnötig schwer zu machen.«
»Soll ich vor lauter Dankbarkeit Luftsprünge machen? Tut mir leid, ich bin geknebelt.« Judi hatte endgültig beschlossen, ihn nicht zu mögen. Aber wieder grinste Necar nur belustigt. Sie hatte gute Lust, ihm in sein breites Grinsen zu spucken, aber so weit reichte ihr Mut dann doch wieder nicht.
»Und was stellt man mit uns dort an, wo du uns hinbringst?«
Necar zuckte mit den Schultern. Dann tat er so, als müsse er einen Augenblick angestrengt nachdenken. »Geiseln hält man fest, schätze ich.«
Wie witzig. An dem war wirklich ein Komiker verlorengegangen. Judi verdrehte die Augen. »Wie spät ist es?«
»Es ist Nachmittag. Bis sie hier aufwacht, wird wohl noch eine Weile vergehen. Und dann könnt ihr etwas zu Essen bekommen.«
Judi horchte auf. Essen? »Ich dachte …« Sollte sie etwas über das Fasten sagen? Lieber nicht, sonst würde er es sich noch anders überlegen.
»Was dachtest du?«
Schließlich sagte sie es ihm doch, worauf Necar abfällig schnaufte. »Wir kümmern uns nicht um die gotteslästerlichen Bräuche der falschen Götter.«
»Falsche Götter? Ich dachte, daß alle an die Drachen glauben.«
»Nein, wir glauben an den wirklichen Gott. Der, den es noch gibt. Er hat nämlich die drei heiligen Drachen vernichtet, nachdem sie ihn verraten haben, und die ganze kleinere Drachenbrut gleich mit. Dehus ist der einzig wahre Gott.« So wie er das Wort ›heilig‹ aussprach, machte er es zu einem Schimpfwort.
»Aha«, machte Judi nur. »Ist das zufällig ein Löwe?«
»Wie?«
»Na, das Tier, das du auf deinem Arm hast. Das ist doch ein …«
»Wie kannst du es wagen, Dehus ein Tier zu nennen?« Necar war plötzlich sehr wütend geworden. Hatte sie denn etwas Falsches gesagt?
»Ich weiß, welche Tiere Du meinst. Aber diese haben nichts mit unserem Gott zu tun.«
»Wann bist du eigentlich hierher gekommen?« Judi wußte, daß er nicht hier geboren war, da er es ja geschafft hatte, von hier in ihre Welt zu kommen.
»Ich weiß es nicht. Ich war fast noch ein Kind, aber ich muß sagen, es ist kein schlechtes Leben.«
Judi schwieg und auch das nächste Stück des Weges verlief schweigend. Sie fror in den Kleidern, aber es war nicht diese merkwürdige Krankheit, sondern ein ganz normales Gefühl. Aber sie sagte nichts, bis Meerenja wieder zu sich kam. Necar hielt an, als er ihren Blick bemerkte, und setzte sie dann hinter Judi in den Sattel, ebenfalls angebunden. Ihre Freundin sprach kein Wort, sondern starrte Necar beinahe mit Mordlust an. Dann brach sie doch das Schweigen. »Wieviel geben sie Euch für uns? Habt Ihr schon geplant, wie man uns umbringt?«
»Ihr scheint da etwas zu mißverstehen. Es stimmt, ich bekomme eine Belohnung, aber das geht euch nichts an. Und man hat nicht vor, euch umzubringen, sondern euch als Geiseln festzuhalten.«
Meerenja machte ein abfälliges Geräusch. »Für Geiseln bekommt man in den Westländern nicht viel Geld, und ein Handlanger der Westländer, wie Ihr, würde sich nicht die Mühe machen, einen weiten Weg dafür auf sich zu nehmen.«
»Du irrst dich. Ihr zwei seid etwas ganz besonderes. Und wenn ihr nichts dagegen habt, schlagen wir jetzt unser Lager für die Nacht auf.«
Er wartete ihre Antworten gar nicht ab sondern ritt noch ein kleines Stück weiter und hielt an. Sein Pferd band er an einen dicken Ast und band anschließend sie los. Judi überlegte gerade, wie sie ihm am besten in das Gesicht treten könnte, aber er hielt ihren Fuß fest und sah sie ernst an, als habe er ihre Gedanken gelesen. »Ich würde das an deiner Stelle nicht tun.«
Necar band sie an einen Baum und häufte dann Geäst auf einen Haufen. Wortlos sahen sie ihm dabei zu, wie er das Lager herrichtete und sich dann wieder vor das Häufchen hockte, um es mit kleinen Feuersteinen in Brand zu setzen. Zum Schluß holte er noch einen eisernen Topf zum Vorschein, in dem er kalten Nußbrei erwärmte. Er füllte zwei Schalen und warf Meerenja einen fragenden Blick zu, den sie verächtlich erwiderte. Necar zuckte mit den Schultern und reichte Judi die eine Schale, grinste dann breit, als Judi ihn böse anblickte. Mit an einen Baum gebundenen Händen konnte man ja auch wirklich gut essen! Aber er machte sie nicht los, sondern hielt ihr einen Löffel vor die Nase. Zuerst wollte Judi gar nichts essen, weil sie nicht wie ein Baby gefüttert werden wollte, dann gab sie doch ihrem knurrenden Magen nach und öffnete den Mund. Es schmeckte köstlich. Necar fütterte sie weiter mit einem Lächeln auf den Lippen, das allerdings nichts Spöttisches an sich hatte, und sah dann wieder zu Meerenja neben ihr hinüber.
»Warum hungerst du, wenn eure toten Götter doch sowieso nichts davon haben?«
»Unsere Götter sind nicht tot! Wie könnt Ihr Euch so etwas anmaßen, wenn Ihr doch keine Ahnung habt?!«
»Sag bitte ›du‹ zu mir. Und wir haben Ahnung. Eure Götter wollten unseren Gott verraten, aber er hat …«
»Ihr … du glaubst das, nicht wahr?« Plötzlich blickte Meerenja sehr traurig drein. »Das ist doch nur ein Vorwand, damit ihr Westländer einen Grund habt, uns zu hassen! Krieg, das ist es, was ihr wollt. Ihr wollt mehr Land und habt Angst, daß wir an Macht gewinnen, weil unser Glaube am meisten verbreitet ist und sich auch weiterhin verbreitet. Und darum braucht ihr einen Grund, gegen uns zu kämpfen.«
»Das ist doch nicht wahr! Ihr seid auch nicht ohne Schuld …«
»Das habe ich auch gar nicht behauptet«, unterbrach ihn Meerenja. »Aber wir verabscheuen euren Hang zur Gewalt. Kommt einer von uns in eure Gegend, wird er getötet oder Schlimmeres. Ja, ich weiß, das kann bei uns auch vorkommen. Aber nicht so oft wie bei euch, das mußt du wiederum zugeben. Und wir töten keinen, nur weil er unseren Glauben nicht anerkennen will. Wenn bei euch jemand nicht an Dehus glaubt, wird er so lange gefoltert, bis er es tut, und wenn er es immer noch nicht … wenn er sich immer noch nicht fügt, wird er ohne Skrupel getötet. Und dann nicht nur er, sondern seine ganze Familie gleich mit, ohne lange Fragen zu stellen. Euer Gott ist blutbefleckt.«
Judi glaubte erst, daß Meerenja sich da in etwas hineingesteigert hatte, aber als sie in die Augen von Necar sah, erkannte sie, daß es die Wahrheit war und sie erschauderte.
»Aber damit ist auch nicht jeder einverstanden …«
»Und warum tut ihr dann nichts dagegen?«, unterbrach ihre Freundin ihn abermals.
Necar schwieg, stopfte die geleerten Schalen in seinen Beutel zurück und gab Meerenja etwas zu trinken. Dann holte er ihre eigenen Decken, breitete sie so gut es ging über sie und legte sich dann ebenfalls schlafen, nachdem er noch ein paar Äste nachgelegt hatte.
~ ~ ~
Unruhig ging er im Zimmer auf und ab. Alle Versuche, sie zu erreichen, waren gescheitert. Nervös hielt er einen Moment im endlosen Laufen inne und betrachtete die Tür, hinter der seine letzte Hoffnung lag. Mehr als einmal war er versucht, sie zu öffnen, aber sie durfte bei ihrer Arbeit nicht gestört werden, das wußte er aus eigener Erfahrung. Niam ging weiter auf und ab, hin und her. Seine Finger zupften beunruhigt an den Ärmeln seines weiten Gewandes. War ihnen etwas passiert? Warum nur hatte er seine Enkeltochter so unterschätzt? Sie mußte doch mehr von der Gabe besitzen, als er gedacht hatte. War es möglich, daß sie mit dem Alter zunahm? Als er sie geprüft hatte, war sie noch sehr jung gewesen, aber eigentlich war es auch sehr, sehr selten, daß man seine Begabung nicht gleich von Anfang an besaß, sondern sie sich langsam entwickelte. Niam seufzte und sah abermals zu der dunklen Holztür hinüber. Meerenja hatte die Begabung nicht einmal zur Hälfte besessen. Bei den einfachsten Aufgaben war sie gescheitert. Zwar nicht bei allen, aber bei den meisten. Und Judi war natürlich mitgegangen. Wie sollte es auch anders sein? Er hatte nicht nur seine Enkeltochter unterschätzt, sondern auch Judi.
Er strich sich durch seinen weißen Bart und fuhr herum, als er das Geräusch der Tür hörte. Die junge Frau kam heraus. Sie machte ein trauriges Gesicht. Sie öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen, brachte es dann aber anscheinend doch nicht fertig und schwieg bedrückt. Ihre Hand zupfte ebenso nervös an dem weiten grauen Gewand wie seine zuvor.
»Habt Ihr sie … erreicht?« Niams Stimme war schwer. Er wußte, daß etwas nicht stimmte.
»Ich … nur sehr kurz. Ich dachte, sie hat nur sehr wenig Begabung?« Esanna hob die Augen und sah ihn fragend an. Niam nickte.
»Das glaube ich nicht. Sie kann ihre Gedanken verschließen. Vielleicht macht sie es auch unbewußt, ich bin mir nicht sicher aber … Ich habe Dehus gesehen.«
Er konnte regelrecht spüren, wie die Farbe aus seinem Gesicht wich, und sie sprach hastig weiter.
»Es muß nicht bedeuten, daß sie gefangengenommen wurden. In zwei Tagen können sie noch nicht weit gekommen sein, erst recht nicht zu Fuß. Es kann auch heißen, daß sie auf dem Weg nach Westen sind. Ihr scheint recht zu haben. Sie wollen den Stein holen.«
»Ja, das wird es sein.« Niam schloss die Augen. Was hatte er nur falsch gemacht? Meerenja war das einzige, was ihm noch geblieben war. Seine Schwiegertochter war tot, sein Sohn war tot, seine Frau war von den Gor getötet worden. Und jetzt war seine Enkeltochter auf dem Weg nach Westen, dem Land, das niemand der an die drei heiligen Drachen glaubte, betreten durfte! Sie würden getötet werden. Aber vielleicht auch nicht. Er mußte mit seinem Trupp warten. Jetzt konnte er ihn nicht losschicken, um den Stein zu holen. Verdammt! Er könnte die beiden damit vielleicht in Gefahr bringen, und das wollte er auf gar keinen Fall. Hoffentlich würden sie nicht wirklich einem Westländer in die Hände fallen!
Die Frau ging mit einer angedeuteten Verbeugung. Niam lehnte sich gegen die Wand. Er mußte warten. Warten …
~ ~ ~
Meerenja lehnte grimmig das Essen ab, das Necar ihr anbot. Dabei war das Fasten doch vorbei! Im Gegensatz zu ihrer Freundin aß Judi mit großem Appetit und diesmal mit eigenen Händen, wenn auch noch aneinander gebunden. Necar beobachtete jede ihrer Bewegungen genau. Sie würden keine Gelegenheit bekommen, zu fliehen, das stand fest.
Fröstelnd zog Judi ihren Umhang enger um sich und blickte mißmutig in den vollkommen wolkenbedeckten Himmel. Es war ekelhaft kalt und naß. Meerenja zog geräuschvoll die Nase hoch und wartete ebenso mißmutig wie Judi, bis Necar sein ausgiebiges Frühstück beendet hatte. Warum konnte er an seinem Nußbrei nicht einfach ersticken? Nachdem er alles wieder verstaut, auf die Pferde gepackt und festgeschnürt hatte, half er ihnen aufs Pferd. Die Zügel ihres Pferdes band er wieder an seinem Sattel fest. Sie setzten ihren Weg nach Westen fort. Weiter, immer weiter einer ungewissen Zukunft entgegen. Warum konnte eine ihrer Reisen nicht auch nur ein einziges Mal glatt gehen? Ohne Zwischenfälle oder sonstiges? Irgend etwas machte sie immer falsch.
»Jetzt schaut nicht so grimmig drein. Euch wird schon nichts geschehen. Niemandem nützt eine tote Geisel etwas.«
Das war wirklich eine wunderbare Art, einem Mut zu machen. Zählte er gleich auch noch die Foltermethoden auf?
»Und was ist, wenn sie das erpreßt haben, was sie wollen? Glaubt Ihr … glaubst du wirklich, daß deine Auftraggeber uns einfach so gehen lassen?«
»Ja«, antwortete Necar einsilbig.
Meerenja schnaubte. »Das glaubst du doch wohl selbst nicht! Ich habe bis jetzt noch von keiner Geisel gehört, die lebend vom Westland zurückgekommen ist. In den seltensten Fällen bekommt man die Leiche der Geisel, aber mehr auch nicht.«
»Man kann auch übertreiben«, meinte er. Es klang jedoch nicht sehr überzeugend und Meerenja plapperte einfach weiter, als rede sie über das Wetter und nicht darüber, was ihnen wahrscheinlich bevorstand.
»In den meisten Fällen wird nämlich die Geisel lebend, wenn sie nicht gerade zu Tode gefoltert wurde, dem Gott geopfert. Das ist ein weiterer Punkt, den wir an euch so hassen. Menschenopfer! Und Ihr sagt, ihr seid nicht grausam. Pah! Aber nein, Ihr seid ja nicht jemand, der Kindern unnötig Angst machen will. Ihr seid nur jemand, dem es nichts ausmacht, daß seine Gefangenen, die er ja beschaffen sollte, ohne weiteres ermordet werden. Ich …«
»Das reicht!« Necar hatte nicht sehr laut gesprochen, aber die Schärfe in seiner Stimme hatte Meerenja sofort zum Verstummen gebracht. Sie schwieg verärgert und wohl auch ein bißchen erschrocken, als sei ihr jetzt erst klar, was sie da überhaupt gesagt hatte. Judi schluckte schwer. Na toll! Sie hätte nicht herkommen sollen.
Schweigend ritt ihre kleine Gruppe weiter durch den Wald, jeder seinen Gedanken nachhängend.
Judi konnte diese Stille nicht ertragen, weil sie irgend etwas Unheilverkündendes an sich hatte, und fragte Meerenja: »Wie weit ist es eigentlich bis zum Westland?«
»Von Djorgian aus sieben Tagesreisen entfernt. Ich schätze, daß wir noch ungefähr vier Tage brauchen.«
Judi seufzte. Vier Tage Zeit, einen Plan auszuhecken, um zu fliehen. Großartig. Und jeder Schritt ihrer Pferde brachte sie der feindlichen Grenze ein Stückchen näher. Wie gern würde sie jetzt daheim in ihrem warmen Bett sitzen und sich nicht Sorgen um ihr Überleben machen müssen. Die einzige Sorge, die sie sich machen wollte, war, wie sie die nächste Mathestunde überleben könnte.
Die weißen, dicken Wolken am Himmel verfärbten sich dunkel und kurze Zeit später begann es zu regnen: zuerst feiner Nieselregen, dann schüttete es wie aus Kübeln. Sie suchten schnell Schutz unter einer großen Eiche, die das niederstürzende Naß wenigstens ein wenig abhalten konnte. Ihre Mäntel waren schon nach ein paar Minuten durchgeweicht, und die beiden Pferde standen mit hängenden Köpfen neben ihnen. Die Tropfen bildeten Miniatursturzbäche auf ihrem braunen Fell. Das einzige, was trocken bleiben würde, war ihr Gepäck, das in gewachstes Leder eingewickelt war.
Necar, der vor ihnen hockte und sie wieder keine Sekunde aus den Augen ließ, rieb sich die Hände. Meerenja, die neben ihr am Stamm lehnte, rieb sie sich ebenfalls, aber nicht etwa um sie zu wärmen, sondern um die Fesseln abzubekommen. Vergebens. Der Mann war ein wahrer Künstler im Knoten binden und er schenkte ihrem Tun auch keine sonderliche Beachtung.
Bibbernd, schniefend und sich gegenseitig anstarrend warteten sie auf das Nachlassen des Regens. Es dauerte eine Viertelstunde, bis sie endlich wieder aufsitzen und weiterreiten konnten. Die Kapuzen tief in die Stirn gezogen, versuchten sie sich vor dem jetzigen Nieselregen zu schützen. Zu allem Überfluß war auch noch leichter Wind aufgekommen und ließ sie noch mehr frieren. Sauwetter, dachte Judi inbrünstig und verwünschte die schweren Regenwolken auf verschiedenste Art und Weise. Auf dem Waldboden hatten sich schon schmutzige, mit Blättern bestückte Schlammpfützen gebildet, und die Schritte der Pferde verursachten dumpfe Klatschlaute.
Gegen Mittag hielt Necar plötzlich an und blinzelte angestrengt durch den wieder stärker gewordenen Regen auf irgendeinen Punkt vor ihnen. Alles hatte sich in graue, verwaschene Dinge verwandelt, in die die niederstürzenden Tropfen Bewegung hinein zauberten, und es war schwierig, etwas zu erkennen. Es gab nun wirklich keinen Millimeter mehr auf ihrer Haut, der noch nicht vollkommen naß war. Trotz der Kapuze hing Judis Haar in dicken, tropfenden Strähnen in ihrem Gesicht und Meerenja ging es nicht besser. Necar drehte sich zu ihnen um und schien einen Augenblick über etwas nachzudenken.
»Dort vorn ist ein Haus. Ich weiß nicht, ob es bewohnt ist, aber wenn, und die Leute uns dort einlassen … Es hängt von euch ab, ob ich sie am Leben lasse.«
»Wie? Was soll das denn jetzt?« Judi dachte erst, er mache einen Scherz, aber sein Gesicht war todernst.
»Wir können nicht noch länger in diesem Regen reiten. Ich werde diesen Leuten dort erzählen, daß ihr mit mir verwandt seid. Behauptet ihr das Gegenteil oder versucht zu fliehen, wenn ich euch die Fesseln durchschneide, töte ich die Bewohner. Verstanden?«
Judi nickte langsam. Dazu wäre er in der Lage, keine Frage. Auch Meerenja nickte nur stumm, und Necar lächelte zufrieden. Mit einem mehrmals gewellten Dolch, wie Judi noch keinen zuvor gesehen hatte, schnitt er ihnen die Fesseln an den Händen los und wickelte schließlich die Zügel von seinem Sattel, so daß sie das letzte Stück frei reiten konnten. Automatisch rieb sie sich die Handgelenke.
Dicht vor der Hütte hielt er an und sprang aus dem Sattel. Es dauerte eine Weile, bis jemand auf sein Klopfen reagierte. Eine kleine Klappe an der Tür wurde geöffnet und Judi konnte durch den Regen ein paar Augen erkennen, die die Truppe mißtrauisch musterte.
»Was wollt Ihr?«
»Wir können nicht weiter, ich habe Angst, daß meine kleinen Verwandten sich den Tod hier draußen holen. Können wir bei Euch ausharren, bis der Regen nachgelassen hat?«
Die Augen wanderten von Necar zu ihnen und wieder zurück, dann schloß sich die Klappe wieder. Kurz darauf war das Geräusch eines Riegels zu hören und die Tür schwang auf. Zu Judis Überraschung war es eine Frau, die ihnen Einlaß gebot. Hastig betraten sie das Innere des kleinen Hauses. Nach der schrecklichen Kälte empfand sie die Wärme, die der offene Kamin verbreitete, als Paradies.
»Ihr könnt Eure Kleider dort zum Trocknen aufhängen«, sagte die Frau und deutete auf den kleinen Holzständer, der vor einem prasselnden Feuer stand. Dann verschwand sie in einem anderen Raum.
Neugierig blickte Judi sich genauer um, während Necar ihre Umhänge aufhängte. Der Boden bestand aus festgestampftem Lehm und war an einigen Stellen schon gerissen. Außer dem Kamin befand sich nur noch ein Tisch mit drei kleinen Hockern im Raum und eine Truhe. Das war alles.
»Kann ich Euch etwas zu Essen anbieten? Ich habe noch etwas Brot und Obstmus von heute Morgen.«
Necar nickte und der Kopf der Frau verschwand wieder in der Küche. Mit ausgestreckten Händen saßen sie am Kamin und versuchten, das Zittern zu unterdrücken. Ein paar Minuten später kam ihre Gastgeberin mit einem Tablett zurück und stellte es vor sie. Das Brot roch frisch und Judi knurrte der Magen hörbar. Sie war die erste, die sich eine dicke Scheibe nahm und eine Ecke in die Schale mit dem gelblichen Fruchtmus tunkte. Es schmeckte herrlich und die Frau beobachtete ihren Appetit mit einem freundlichen Lächeln. Das Mißtrauen war aus ihren Augen verschwunden.
»Entschuldigt bitte, ich habe Euch noch nicht unsere Namen genannt. Mein Name ist Necar, das ist Meerenja und das … Norenie.«
Die kleine Pause schien sie nicht bemerkt zu haben. »Mein Name ist Amika. Kann ich Euch noch etwas zu trinken bringen?« Amika wartete ihre Antwort erst gar nicht ab, sondern verschwand abermals in der Küche, hantierte eine Weile lauthals herum, um dann mit drei Bechern zurückzukommen, in denen eine rötliche Flüssigkeit dampfte, die einen süßlichen Geruch verbreitete.
Zuerst meinte Judi, sie hätte flüssige Lava geschluckt, aber dann breitete sich eine angenehme, warme Schwere in ihrem Magen aus.
»Wenn Ihr wollt, kann ich ein paar Lager herrichten, wo Ihr Euch ausruhen könnt, bis der Regen nachgelassen hat. Habt Ihr irgendwelches Gepäck bei Euch?«
Meerenja wollte antworten, aber Necar kam ihr zuvor. »Ja, unsere Pferde stehen noch draußen, das habe ich ganz vergessen.« Er machte Anstalten aufzustehen, aber Amika schüttelte den Kopf und warf sich einen einfachen Schal über die Schultern. »Das mache ich schon. Eure Tiere können mit in den Stall. Es ist zwar nicht sehr viel Platz, da er eigentlich für ein paar Ziegen gedacht ist, aber ich werde sehen, was sich machen läßt.« Mit diesen Worten öffnete sie die Tür und verschwand im Regen.
Necar aß weiter und warf ihnen noch einmal einen warnenden Blick zu. Als wenn das nötig gewesen wäre! Sie hatten wirklich Glück gehabt, denn der Wind hatte wieder an Stärke gewonnen und ließ die Holzwände ächzen. Es dauerte eine Weile, bis Amika zurückkam. Ihre Kleider waren durchnäßt und mit einem lauten Schnauben schloß sie die Tür. Ihre Schuhe hinterließen kleine Pfützen auf dem Boden. Mit verzogener Mine hängte sie ihren Schal zu ihren Umhängen vor das Feuer, ging wieder in die Küche, um sich ebenfalls einen Becher dieses rötlichen Getränks zu holen, und hockte sich dann zu ihnen vor den Kamin.
»Vielen Dank, daß …«, begann Necar, wurde aber sofort von ihr unterbrochen.
»Ihr braucht Euch nicht zu bedanken! Es wäre unmenschlich, wenn ich Euch bei diesem Wetter dort draußen gelassen hätte. Ich bin froh, ein wenig Gesellschaft zu haben. Hier ist es manchmal etwas einsam …« Sie lächelte Meerenja zu und fragte, ob sie noch etwas zu trinken möchte, da sie ihren Becher schon geleert hatte. Wieder wollte sie antworten, aber Necar kam ihr abermals zuvor.
»Wir möchten Euch nicht allzu sehr zur Last fallen.«
Amika runzelte leicht die Stirn und zuckte dann mit den Schultern. Judi fiel auf, wie jung sie war: höchstens sechsundzwanzig.
Schweigend lauschten sie dem Prasseln des Regens und dem Heulen des Windes, dann stand die Frau auf und meinte, sie wolle nun die Lager herrichten. Judi war das nur recht, sie war wirklich müde.
Amika kam mit einem Stapel Decken zurück, die sie zu ihnen vor den Kamin legte und wünschte ihnen eine angenehme Ruhe.
»Sobald der Regen nachläßt, wecke ich Euch«, meinte sie freundlich.
Judi schnappte sich als erste eine Decke und wickelte sich mit einem erleichterten Seufzen darin ein. Sie war hundemüde und die Wärme tat ihr übriges.
~ ~ ~
»Verdammt noch mal! Ich kann doch auch nichts dafür! Habt Ihr Kinder?«
»Nein«, antwortete er knapp.
»Dann könnt Ihr mich auch nicht verstehen.«
»Aber wenn wir diesen verdammten Stein nicht holen, bricht der Krieg aus! Da zählt ein einziges Menschenleben doch …«
»Erzählt mir nichts! Ihr könnt das nicht verstehen. Und der Krieg wird so oder so ausbrechen.«
»Da bin ich aber anderer …«
Wieder ließ ihn Niam nicht ausreden. »Sie haben doch nur wie hungrige Gor darauf gewartet und stürzen sich jetzt auf diese Gelegenheit, was habt Ihr denn geglaubt? Gerade deswegen wollten sie doch auch das Amulett haben! Sie wollten verhindern, daß wir eine Möglichkeit finden, diese sogenannte Krankheit aufzuhalten. Ihnen ist nichts zu teuer. Sie hätten das Amulett behalten und zugesehen, wie immer mehr unschuldige Menschen ihre Seelen ließen, nur um einen Grund zu haben, über uns herzufallen! Versteht doch endlich! Das ist jetzt zwar schief gelaufen, da wir das Amulett bekommen haben, aber jetzt ist ihnen das egal. Sie rüsten sich zum Kampf. Ich weiß nicht wieviel Zeit uns noch bleibt. Eine Woche? Zwei? Es ist alles möglich.«
»Aber vielleicht …«
»Nein. Wir werden mit unserem Trupp warten und damit basta. Wollen sie vielleicht zwei Kinder in Gefahr bringen, nur um etwas zu verhindern, das ohnehin nicht mehr zu verhindern ist? Wollt Ihr meinen Beschluß in Frage stellen?«
Der Soldat schwieg. Niam konnte regelrecht sehen, wie es hinter dessen Stirn arbeitete. Es war ihm nicht recht, daran bestand kein Zweifel. Und andererseits konnte Niam ihn auch verstehen. Sie alle hofften, diesen Krieg verhindern zu können, aber es war aussichtslos. Die Glut hatte zu lange gelodert, jetzt stiegen die ersten Flammen auf und würden sich bald in ein brüllendes Feuer verwandeln.
»Ihr werdet den Trupp zu etwas anderem brauchen. Ihr kennt die Schwachstellen an Djorgian?«
Der Soldat nickte.
»Ihr werdet alle Baustellen, die Häuser ausbessern oder bauen, stoppen und das Material zum Ausbessern der Mauern und anderen Schwachpunkten verwenden. Und schickt Boten aus, die benachbarte Städte um Hilfe bitten. Sonnenfeld, Somonda, alle, die Ihr erreichen könnt. Verstanden?«
Der Mann nickte und ging dann aus dem Zimmer. Niam seufzte. Kaum hatten sie die Stadt wieder aufgebaut, drohte ihnen schon wieder der Untergang. Das Westland war riesig. Und in Djorgian waren nicht genug Krieger. Sie würden viele Städte um Beistand bitten müssen, und die Zeit, die sie dafür benötigten, hatten sie nicht. Mit hängenden Schultern machte er sich auf den Weg zur Schule. Die jungen Magier würden ab sofort einer anderen Ausbildung unterzogen werden. Einer Ausbildung, die sie zu Kämpfern machte.
~ ~ ~
Judi behagte es gar nicht, wieder in die Kälte zu müssen. Der Regen hatte den ganzen Abend und die Nacht hindurch angedauert, so daß sie erst am nächsten Morgen aufbrechen konnten. Nach mehrmaligem Bedanken waren sie wieder auf die Pferde gestiegen, die die Nacht im Ziegenstall verbracht hatten, und ihren Weg fortgesetzt. Kaum waren sie außer Sichtweite der Hütte gewesen, hatte Necar ihnen wieder die Hände gefesselt und ihr Pferd wie gewohnt an seinem festgebunden. Es war zum Heulen! Vergaß er denn gar nichts?
Es war ein dunkler, unfreundlicher Morgen. Zwar regnete es im Moment nicht, aber das konnte sich noch rasch ändern. Hatte Niam schon erfahren, daß sie gefangengenommen worden waren? Würde er seinen Trupp aussenden, den Stein zu holen? Oder würde er warten? Was würde mit ihnen geschehen? Was wollten die Westländer mit ihnen als Geiseln erpressen? Fragen über Fragen und keine einzige Antwort. Konnten sie Necar wohl dazu bewegen, sie frei zu lassen?
»Bist du sicher, daß man Geiseln am Leben läßt?«
Necar nickte und Meerenja schüttelte im gleichen Moment den Kopf, worauf er ihr einen bösen Blick zuwarf.
»Nur so lange, bis sie haben, was sie wollen«, sagte ihre Freundin, Necars Blicke mißachtend.
»Ist das wahr?«, fragte Judi wieder an Necar gewandt.
»Nein.«
»Doch! Warum willst Du es nicht wahrhaben? Damit ihr Westländer kein schlechtes Gewissen zu haben braucht, zwei Kinder umzubringen?«
Judi verdrehte die Augen. Meerenja konnte auch nicht einen Augenblick die Klappe halten. So würde das nie etwas werden.
»Sie werden euch nichts tun, das war die Bedingung. Normalerweise vergreife ich mich nicht an Kindern. Also braucht ihr euch nicht zu fürchten.«
»Pah! Das Wort eines Westländers ist einen Dreck wert.«
Necar atmete einmal tief ein und konzentrierte sich dann wieder auf den Weg vor ihnen. Das Thema war damit also beendet. Super!
Der Westländer hielt plötzlich an und lauschte. Dann wickelte er hastig ihre Zügel von seinem Tier und einen Augenblick später konnte Judi auch erkennen, warum. Amika kam angerannt und rief, sie sollen anhalten. Sie konnte sehen wie Necar seinen Dolch zog und sich so vor sie stellte, daß Amika sie nicht mehr sehen konnte.
»Ihr habt … etwas vergessen …«, keuchte sie und hielt ein Bündel in die Höhe. Es war ein Teil ihrer Vorräte. Judi konnte regelrecht sehen, wie die Anspannung von ihm abfiel.
»Ich danke Euch«, sagte er knapp, und streckte die Hand danach aus. Das war ein Fehler. Da er sich bücken mußte, konnte Amika einen Blick auf Judi und Meerenja erhaschen und erkannte, daß sie gefesselt waren.
»Was …« begann sie und blickte Necar unsicher an. Sein vorher erleichterter Gesichtsausdruck verschwand und machte etwas wie Bedauern Platz.
»Oh nein! Das kann nicht …« Weiter kam sie nicht. Er hob seinen Dolch und ließ ihn niedersausen. Judi schrie auf und wollte vom Pferd springen, aber sie landete unsanft im Matsch, da sie ihre gebundenen Hände vergessen hatte. Als sie sich aufrichtete, konnte sie Blut zwischen den blonden Haaren hervorsickern sehen und erstarrte. Nein!
»Hast du geglaubt, ich bringe sie um, nachdem sie uns Obdach geboten hat?«, fragte er beinahe empört und bettete die Frau in das feuchte Laub, das sich am Wegrand gehäuft hatte. Dann packte er Judi grob am Arm und hob sie wieder auf ihr Pferd und stieg dann ebenfalls in den Sattel.
»Sie … sie ist nicht tot?«
Er schüttelte stumm den Kopf und sah dann noch einmal zu der Bewußtlosen hinunter.
»Haltet euch fest, wir müssen uns jetzt beeilen.« Necar ergriff ihre Zügel und rammte seinem Tier die Fersen in die Seiten. Hastig klammerte Judi sich am Sattel fest, um nicht zu stürzen.
Sie wußte nicht, wie lange sie so im Galopp dahin gerauscht waren, bis er endlich langsamer wurde und sie schließlich wieder in gemächlichem Tempo ritten. Ihre Arme schmerzten von der verkrampften Haltung und die Fesseln hatten rote Stellen hinterlassen. Die Wolkendecke hatte sich ein wenig gelockert und es war heller geworden. Ungefähr drei Tagesreisen waren sie nun noch von ihrem Schicksal entfernt.
»Wer ist denn dein Auftraggeber? Ein reicher Mann?«
»Reich ist er und er ist einer der vier Herren, die über einzelne Gebiete des Westlandes regieren.«
»Und weißt du auch, was er erpressen will?«, hakte Judi weiter.
»Das geht mich nichts an. Ich bekomme das Geld und gehe wieder. Der Rest ist seine Sache.«
»Wahrscheinlich will er einige Landesteile, die uns gehören, erpressen«, meinte Meerenja. »Nicht alle Westlandgebiete sind groß, nicht wahr?«
»Ja. Und das Land meines Auftraggebers ist wahrhaftig nicht sehr groß. Vielleicht will er auch nur einige Güter, die wir nicht anpflanzen können, und Geld.«
»Das klingt mir ein bißchen wenig, meinst du nicht? Dafür läßt er doch nicht die Enkeltochter von Niam, dem derzeitigen Herren Djorgians entführen, oder?« Meerenja machte ein verächtliches Gesicht und Judi mußte ihr im Stillen zustimmen.
Necar zuckte mit den Schultern. »Müssen wir täglich dieses Thema von neuem aufgreifen?«
»Wir sind schließlich die Geiseln und wollen wissen, was mit uns passiert und überhaupt.« Ihre Freundin hob demonstrativ die gebundenen Hände und machte ein ärgerliches Gesicht. Aber Necar sprach nicht weiter.
Judi betrachtete mißmutig den langen Rock, den sie heute Morgen angezogen hatte. Auch Meerenja hatte sich so gekleidet, auf Necars drängen hin. In Hosen wäre ihnen wesentlich wärmer gewesen, aber er hatte gemeint, es schicke sich da, wo er herkomme, nicht, daß Frauen Männerkleidung trugen. Heute Abend würden sie das Westland erreichen. Die vergangenen Tage hatte Necar kein Wort mehr über ihr Schicksal verloren, auch nicht auf das ständige Drängen Meerenjas hin. Der Regen hatte endlich aufgehört und die Sonne schien am fast wolkenlosen Himmel. Es war auch ein wenig wärmer geworden, was ihre Laune nicht unbedingt verbesserte. Necar lächelte ihnen aufmunternd zu und strich sich mit der freien Hand über die Perlen in seinem Haar. Heute Morgen hatte er sich zwei Strähnen dazu geflochten und auf Judis Fragen hin hatte er erklärt, daß dies der Schmuck der Skuda, sie vermutete, daß dieses Wort einem ›Söldner‹ sehr nahe kam, sei. Für jede Perle und jede geflochtene Strähne stand ein erfüllter Auftrag. Aber worum es sich bei diesen Aufträgen wohl am meisten handelte, konnte sie sich denken und fragte lieber nicht nach. Als die Sonne im Zenit stand, konnten sie von weitem Rauch erkennen. Sie ritten mittlerweile nicht mehr durch einen Wald, sondern durch eine hügelige Landschaft, die mit großen grauen Steinen übersäht war. Das blaßgrüne Gras und die dornigen Büsche, die hier reichlich wuchsen, waren auch fast schon alles, was ihnen an Vegetation begegnete.
Meerenja stieß sie an und deutete auf den dicken Rauch, den sie schon gesehen hatte. Auch Necar hatte ihn bemerkt und sein Gesicht bekam einen besorgten Ausdruck. Er hielt an und deutete ihnen, abzusteigen.
»Ihr bleibt hier und rührt euch nicht von der Stelle! Hier waren Räuber und ich weiß nicht, ob sie noch in der Nähe sind.« Sein Vertrauen schien allerdings nicht sehr groß zu sein, denn er band ihnen zusätzlich noch die Füße. Dann schwang er sich in den Sattel und preschte davon. Sein weiter Umhang flatterte im Wind und war dann hinter dem nächsten Hügel verschwunden.
»Das ist die Gelegenheit!«, rief Meerenja und begann gleich übereifrig, mit gebundenen Händen ihren Rock hochzuziehen und den Dolch zum Vorschein zu bringen.
»Der Idiot hat ihn dir gelassen?«, entfuhr es Judi.
Meerenja grinste und säbelte ihre Fußfesseln los. Dann gab sie ihr das Messer, damit sie die gebundenen Hände ihrer Freundin befreien konnte. Zuletzt half Niams Enkeltochter noch ihr und gemeinsam liefen sie los. Die Richtung war egal, Hauptsache weg! Judi blickte über die Schulter zurück, aber es war keine Spur von dem Westländer zu sehen.
Nach ein paar Minuten versteckten sie sich keuchend hinter einem Felsen, als sie das Geräusch von Hufen hörten. Erst nach ein paar Sekunden erkannte Judi, daß etwas daran nicht stimmte. Es war nicht Necars Pferd, es waren viele Pferde. Sie duckten sich noch tiefer in den Schatten und warteten. Es dauerte nicht sehr lange, dann preschte der erste Reiter an ihnen vorbei und ihm folgten vielleicht noch zehn, allesamt langhaarig und mit Perlen in den Haaren. Metall klirrte und die Tiere schnaubten laut. Jeder trug einen weiten grauen Umhang, der sich im Wind aufbauschte.
»Das sind Räuber! Dann ist Necar ja auch einer.«
Judi bedeutete Meerenja, still zu sein. Trotz der donnernden Hufe befürchtete sie, sie könnten gehört werden, was natürlich Schwachsinn war. Doch dann hielten die Reiter in einiger Entfernung plötzlich an und Judi meinte, ihr Herz bliebe stehen, als einer der Reiter genau in ihre Richtung blickte. Aber er blinzelte nur, von der Sonne geblendet und sprach dann mit seinem Nachbarn.
»Haben die uns gesehen?«, hauchte ihre Freundin.
»Nein, das ist unmöglich.«
»Und warum halten sie dann? Komm laß uns auf die andere Seite gehen.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, huschte sie um den Felsen. Judi zögerte einen Moment, dann tat sie es ihr gleich, aber ihr Umhang verfing sich an einem dornigen Gebüsch. Hastig zerrte sie daran. Das trockene Geäst gab knackend nach und Judi fiel prompt hintenüber. Einen Fluch unterdrückend robbte sie zu Meerenja, die sie erschrocken ansah.
»Haben sie dich gesehen?«
»Nein, ich glaube nicht. Ach, verdammte Scheiße, ich bin das Ganze satt! Ständig müssen wir uns vor irgend jemandem verstecken.«
»Sei ruhig! Nicht so laut«, raunte ihre Freundin. Ihr Atem zitterte und sie schloß die Augen. »Sind sie weg?« fragte sie dann. Judi zuckte mit den Schultern. Ihr Herz jagte. So etwas konnte auch nur ihnen passieren!
»Ich sehe nach. Keine Sorge, ich passe auf!« Vorsichtig, auf Händen und Knien krabbelnd arbeitete sie sich vor. Es war niemand gekommen. Die Reiter standen immer noch genau so da, wie zuvor und unterhielten sich. Judi warf dem Gebüsch, an dem jetzt ein Fetzen ihres Mantels hing, einen bösen Blick zu, wandte sich dann wieder um … und erstarrte. Ihr Herz hüpfte einmal bis zum Hals hinauf und schien dann wieder still zu stehen. Sie schluckte und blickte ängstlich auf die Spitze des Schwertes, die sich einen Millimeter vor ihrem Hals befand.
»Wen haben wir denn da?« Die rauhe Stimme gehörte niemand anderem, als dem Anführer der Gruppe, der sich mit seinem Nachbarn unterhalten hatte. Ihre Augen suchten wild nach einem Fluchtweg, aber der Mann lächelte nur, hob sein Schwert ein wenig, so daß es unter ihr Kinn drückte und sie stand langsam auf. Verdammt! Die andere Hand des Räubers preßte sich fest auf Meerenjas Mund. Sie hatte die Augen weit aufgerissen.
»Zeig deine Hände!«
Ihre Hände?
»Na, los! Mach schon, oder hast du etwas zu verbergen?«
Verständnislos streckte sie ihm ihre Hände hin und er sah sie sich genau an.
»Du bist also keine von diesen dreckigen Schlampen. Wer ist noch entkommen?«
Judi schluckte abermals. »Ich habe keine Ahnung, wovon Ihr sprecht.«
Das kalte Metall drückte stärker gegen ihr Kinn und sie spürte etwas Warmes ihren Hals hinunterlaufen. Meerenja wollte irgend etwas sagen, trat dann aber mit voller Wucht gegen sein Schienbein. Der Mann ächzte und das Pieken an Judis Kinn verwandelte sich augenblicklich in ein brennendes Stechen. Hastig bog sie den Kopf zurück, fiel nach hinten und sah entsetzt, wie Meerenja ihren Dolch zog und ihm in den Rücken rammte. Er stieß einen kurzen Schrei aus und brach dann zusammen.
»Schnell! Komm!«, rief ihre Freundin, die Männer weiter unten mißachtend, und rannte wie von Furien gehetzt los. Judi rappelte sich auf, faßte sich an den Hals und betrachtete eine Sekunde erschrocken das Blut auf ihren Fingern. Dann folgte sie Meerenja so schnell sie konnte. Hinter ihnen wurden Rufe laut und kurz darauf das Geräusch rasch näher kommender Pferdehufe. Sie blickte nicht zurück, sondern rannte weiter, zerkratzte sich die Beine an den kahlen dornigen Gebüschen, die durch den dicken Rock fuhren und ihn zerfetzten. Sie würden es nicht schaffen!
Mittlerweile hatte sie Meerenja eingeholt. Gehetzt umrundeten sie die mannshohen Felsen, aber die Reiter ließen sich nicht abhängen. Judi wagte nun doch einen Blick über die Schulter und schrie auf. Der erste Reiter war vielleicht noch hundert Meter von ihnen entfernt und der Abstand schmolz mit jeder Sekunde mehr zusammen.
»Lauf!«, rief Meerenja wieder und versuchte, noch schneller zu rennen. Sie stolperte, fiel, sprang wieder auf und raste weiter. Aber sie waren zu langsam. Judi fühlte sich plötzlich gepackt, in die Höhe gerissen und fand sich bäuchlings auf dem Rücken eines Pferdes wieder, von einer starken Hand festgehalten. Sie schrie, strampelte mit den Beinen und schlug mit den Fäusten nach den Beinen des Mannes, ohne Erfolg. Judi wehrte sich verzweifelt, hörte jetzt auch Meerenjas Schreie. Dann blieb das Pferd abrupt stehen und sie wurde grob hinuntergestoßen. Nach Luft ringend wollte Judi sich wieder hochrappeln, aber ein harter Tritt in die Seite schleuderte sie wieder zu Boden. Zusammengekrümmt blieb sie liegen und wartete auf den nächsten Tritt, aber er kam nicht, und so senkte sie vorsichtig die Arme vom Gesicht und blinzelte.
»Er ist tot! Diese verdammten Biester haben ihn umgebracht! Ich schneide ihnen die dreckigen, kleinen Kehlen durch!«
»Nein! Wir können sie noch brauchen. Vielleicht werden sie plaudern.«
»Das interessiert mich nicht! Wenn ich sie in die Finger kriege …«
»Geh zurück!«
»Er hat doch recht. Die sind nichts wert.«
»Er war auch mein Freund und ich sage, ihr sollt sie in Ruhe lassen!«
»Ich spucke auf das, was du sagst!«
»Paß auf, wie du mit mir sprichst! Wenn er tot ist, habe ich den Befehl über diese Gruppe und du hast dich mir nicht zu widersetzen.«
»Pah!«
Judi hörte nicht mehr länger hin, sondern drehte sich langsam zu ihrer Freundin um, die mit einer Platzwunde auf der Stirn neben ihr lag.
»Meerenja?«
»Ja, mir geht’s gut.«
Judi atmete erleichtert auf und wollte sich hinsetzen, aber sie wurde abermals mit einem Tritt zu Boden geworfen.
»Du verdammtes Dreckschwein! Laß mich in Ruhe!«, fuhr sie den bärtigen Mann an, aber der lächelte nur.
»Mutig, mutig. Aber paß auf, daß es dich nicht die Zunge kostet.«
»Laß sie in Ruhe! Wie heißt du?«, fragte sie der blonde Mann, der sich gerade selbst zum Anführer gemacht hatte. Er war jung und hatte wenig Haarschmuck, aber er strahlte Autorität aus wie Licht im Dunkeln.
»Mein Name geht Euch nichts an«, erwiderte sie ruhig.
»Ihr seid mir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Also sprecht, wenn Euch das Leben lieb ist. Eures und das eurer Freundin.« Um seine Worte zu bekräftigen, blickte er auf Meerenja nieder, die auf dem Boden lag und sich nicht rührte. Er spielte mit dem Dolch, der ihr gehörte. Judi schluckte. Würde er sie umbringen? Einfach so?
»Also?«
»Mein Name ist Norenie.«
»Seid Ihr aus dem Dorf?«
»Ich habe keine Ahnung, welches Dorf Ihr meint.«
Er beugte sich über sie und betrachtete ihre Hände.
»Ihr tragt nicht das Zeichen, aber das muß nichts heißen. Ihr habt diesem Abschaum Obdach geboten und das wird mit dem Tod bestraft.«
»Ich habe schon einmal gesagt: ich weiß nicht wovon Ihr sprecht! Was für ein Dorf, verdammt noch mal!«
Meerenja warf ihr einen warnenden Blick zu, aber sie ignorierte ihn. Sie waren so oder so tot. War ja eine tolle Flucht! Aus dem Kochtopf in das Feuer gesprungen.
»Ich wußte nicht, daß es verboten ist, dieses Land zu betreten. Nehmt Ihr jeden gefangen und droht ihm mit dem Tod, sobald er einen Fuß in dieses Land setzt? Das ist doch Schwachsinn! Wir wissen nicht einmal wer Ihr seid.«
»So? Nicht wer wir sind oder was wir sind?« In seiner Stimme lag ein lauernder Unterton. Dann fiel Judi ein, daß im Westland diese Art von Menschen wahrscheinlich sehr bekannt war. Wenn sie nicht wüßte, was sie sind, würde das heißen, sie komme aus dem feindlichen Land, oder nicht? Verdammt, was sollte sie antworten?
Der Mann lächelte. »Fesselt sie und gebt ihnen das Pferd von Machal. Er braucht es jetzt nicht mehr. Schade um ihn. Wißt Ihr, daß die Strafe für Mord an einem von uns ebenfalls der Tod ist?«
Judi schluckte und ließ sich die Hände binden. Meerenja murmelte irgendwelche Flüche und Verwünschungen vor sich hin. Als einer der Männer sie auf das Pferd heben wollte, trat sie ihm ins Gesicht. Er keuchte und wollte sie schlagen, aber der Anführer wehrte ab.
»Laß sie«, sagte er durch das Gelächter der anderen.
Judi wurde grob hinter sie gesetzt.
»Auch nur ein Wort über unsere Herkunft und wir sind tot«, flüsterte Meerenja ihr zu. Judi nickte, dann fiel ihr ein, daß sie es gar nicht sehen konnte.
»Hört auf zu tuscheln! Das sind wahrscheinlich die einzigen, die entkommen sind. Laßt uns zurückreiten. Los!«
Sie preschten den Weg zurück, den sie gekommen waren und hielten auf den Rauch zu. Vergeblich zerrte Judi an den Handfesseln. Womit hatten sie das nur verdient? Sie gerieten von einem Unglück ins nächste. Jetzt hatten sie endlich eine Gelegenheit gefunden, zu fliehen, da fielen sie den nächsten Wahnsinnigen in die Hände. War ja großartig.
Die Landschaft flog nur so an ihnen vorüber. Sie konnte verbranntes Holz riechen und nach ein paar Minuten konnte sie auch erkennen, was da gebrannt hatte. Es war ein Dorf. Zumindest das, was davon übriggeblieben war.
Qualmende Balken, die einmal Häuser gewesen waren, tote Tiere. Sie mußte einen Schrei unterdrücken, als sie näher kamen und sie sah, daß dort nicht nur diese am Boden lagen. Frauen, Kinder und Männer lagen verstreut zwischen den Häusern. Alle waren tot. Judi schnürte es die Kehle zu und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie ritten langsamer und schließlich im Schritt durch die verkohlten Überreste des Dorfes. Sie wollte den Blick abwenden, dann erblickte sie eine Frau, die auf dem Bauch lag und eine Hand weit von sich gestreckt hatte. Jetzt wußte sie auch, welches Zeichen die Männer gemeint hatten, das sie auf ihren Händen nicht gefunden hatten: den Drachen, den die Magier trugen.
»Nein«, flüsterte sie und schloß die Augen.
Der Anführer hielt an und blickte stirnrunzelnd auf den Boden. Dann stieg er ab und rief: »Hier war jemand. Es ist vielleicht nur ein paar Minuten her.«
»Aber wer? Noch ein Überlebender, Meas?«
Das war also sein Name. Meas kam auf sie zu und blickte sie eine Weile schweigend an. »Wer hat noch überlebt?«
»Ich sagte doch …« Der Schlag kam so schnell, daß sie ihn gar nicht kommen sah. Ihr Kopf flog in den Nacken und sie sah bunte Sterne.
»Ich warne Euch, treibt kein falsches Spiel mit mir«, zischte er.
Was sollte sie denn antworten? Sie wußte es doch wirklich nicht! Judi hob schützend die Hände vor das Gesicht, als Meas zu einem weiteren Schlag ausholte.
Da schrie Meerenja plötzlich auf, sprang aus dem Sattel, ehe sie jemand daran hindern konnte, und rannte auf eine reglose Gestalt zu, die vor den schwarzen Balken eines Hauses lag.
»Armah! Nein!« Sie drehte die Frau um und Judi wandte entsetzt das Gesicht ab. Sie mußte sich bemühen, nicht zu erbrechen. Das Gesicht der Frau war blutüberströmt und das abgebrochene Ende eines Pfeils ragte aus ihrer Brust.
»Ihr kennt dieses Dorf also nicht, wie?«, sagte Meas höhnisch. Er gab dem Mann neben sich einen Wink, der daraufhin Meerenja in die Höhe zog und mit sich zerrte. Sie schrie, wehrte sich und fuhr mit ihren Nägeln schließlich durch sein Gesicht. Sie hinterließ rote Kratzer und der Mann versetzte ihr eine schallende Ohrfeige, worauf sie benommen zusammensank. Dann hob er sie hinter Judi wieder in den Sattel.
»Also, wer hat noch überlebt?«
»Ich weiß es nicht«, murmelte Judi, die Augen geschlossen und immer noch gegen die Übelkeit ankämpfend. »Verdammt noch mal, ich weiß es nicht!«
Meerenja weinte leise hinter ihr.
Meas verzog wütend das Gesicht. »Wie Ihr wollt. Los! Wir reiten weiter. Laßt sie liegen! Sollen sie die wilden Tiere holen, die werden sich freuen.«
Sie ritten weiter, diesmal nicht ganz so schnell. Waren das die Spuren von Necar gewesen? Würde er sie retten? Ach, was dachte sie da? Warum sollte ausgerechnet er sie retten? Er war es doch, der sie erst gefangengenommen hatte und sie hierher verschleppte. Würde er sie zurückholen, damit er nicht auf sein Geld verzichten mußte? Und warum hatte er sich gefürchtet? Diese Leute hier hatten doch denselben Beruf wie er. Judi verstand das alles nicht. Krampfhaft versuchte sie, die Bilder aus ihrem Kopf zu verbannen. All diese toten Menschen, und das nur wegen eines anderen Glaubens!
Sie ritten noch eine Stunde weiter, dann sah Judi wieder Rauch am Himmel, allerdings stammte dieser von Lagerfeuern. Sie hatten das Lager der Skuda erreicht. Einige Kinder liefen ihnen entgegen.
»Papa! Papa! Hast du die bösen Leute getötet? Wann kann ich endlich mit dir reiten?«, rief ein Junge, der vielleicht sechs Jahre alt war.
Meas lachte, beugte sich im Sattel vor und hob den kleinen Jungen zu sich aufs Pferd.
»Ja, die bösen Leute sind tot und auch die, die ihnen Schutz gewährt haben.«
»Und wer sind die da?« Der Kleine zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Judi und Meerenja.
»Das sind Gefangene. Sie gehören zu den Leuten im Dorf.«
Der Junge nickte ernst und blickte dann feindselig zu ihnen hinüber. Judi erwiderte seinen Blick ebenso grimmig, worauf er ihr die Zunge rausstreckte. Meas setzte ihn wieder ab, zerstrubbelte seine Haare und wartete, bis sie neben ihm angekommen waren.
»Ein Fluchtversuch und Ihr seid tot. Bringt sie ins Zelt und bindet sie gut!«
Grob wurde jede von ihnen aus dem Sattel gezerrt und auf ein niedriges Zelt zugestoßen. Es war völlig leer. Der Boden bestand nur aus trockenem, feinen Pudersand. Die Männer banden sie an den breiten Pfahl, der im Boden eingelassen war und gingen dann wieder.
»Wer war die Frau?«, fragte Judi.
»Eine gute Freundin meiner Mutter. Nachdem diese gestorben war, zog sie durch das Land und verweilte nie lange an einem Ort. Sie kam uns noch oft besuchen, aber ich hätte nie gedacht, daß sie sich so weit an das Westland wagen würde. Sie erzählte mir, sie wolle mit einer Gruppe von Magiern in ein Dorf reisen und dort einige Tage bleiben. Auch sie war eine Magierin. Was daraus geworden ist, hast du ja gesehen.« Meerenjas Stimme zitterte und sie begann von neuem zu weinen. Judi wollte ihre Hand ergreifen, aber die Fesseln hinderten sie daran.
»Diese verdammten Schweine! Sie werden dafür bezahlen.« Ihre Freundin zog die Nase hoch.
»Ich glaube, sie werden versuchen, uns irgendwie dazu zu bekommen, daß wir ihnen verraten, was bei uns so vor sich geht. Und ob wir wissen, ob sie angreifen werden und so weiter. Du darfst auf keinen Fall etwas sagen, ja?«
»Natürlich nicht«, antwortete Judi prompt.
Die Zeltplanen wurden zur Seite geschoben und Meas trat in das Zelt.
»Ich hoffe, Euch gefällt die Unterkunft«, sagte er mit einem bösen Lächeln.
»Da Ihr ja das Dorf gar nicht kennt, und seine Bewohner auch nicht«, fügte er mit einem spöttischen Blick auf Meerenja hinzu, »Kann ich Euch leider nichts zu Essen geben. Es liegt an Euch, wann Ihr welches bekommt.«
»Ihr seid doch nichts weiter als ein dreckiger Westländer. An Euch verschwende ich auch nicht ein Wort! Eher verhungere ich!«
Meas schlug ihr ins Gesicht. »Ich würde aufpassen, was du da sagst, dreckige Nordländerin.«
»Mörder!«
Meas lächelte wieder. »Es macht Spaß, weißt du? Ihr seid nicht mehr als Tiere und so werdet ihr auch gejagt und jeder der euch hilft. Das Feuer wird zuerst gelegt, damit ihr leichter zusammengetrieben werden könnt, wie ängstliche Rinder, dann werden die Kinder vor den Augen ihrer Eltern getötet, dann die Frauen vor den Augen ihrer Männer und diese zum Schluß.«
Meerenja schrie auf, versuchte nach ihm zu treten und spuckte ihn an. Aber er lachte nur weiter, erhob sich betont langsam und verließ dann das Zelt. Meerenja schrie ihm wüste Verwünschungen nach, riß wie eine Wilde an den Fesseln und heiße Tränen rannen über ihre Wangen. Judi versuchte sie zu beruhigen, aber es half nicht. Schließlich sank sie schluchzend in sich zusammen und reagierte nicht mehr, weder auf Judis Worte noch auf das Gelächter, das von draußen zu ihnen hereindrang.
Am Morgen des nächsten Tages wurde Judi von dem Geruch nach Essen geweckt. Ihr Magen knurrte laut. Man hatte die Plane am Eingang absichtlich zur Seite gerollt, so daß sie den Topf, in dem eine Suppe brodelte, gut sehen konnten. Auch Meerenja war wach geworden und starrte mit leerem Blick nach draußen. Die Einwohner des Lagers hatten sich um die Flammen versammelt, löffelten genüßlich in ihren Schalen und lachten hin und wieder bösartig auf. Judi konnte nicht verstehen, worüber sie scherzten, aber denken konnte sie es sich allemal.
»Stör dich nicht daran. Irgendwann wird ihnen der Spaß noch vergehen.«
Judi nickte und richtete ihren Blick auf den kleinen Jungen, den sie gestern schon gesehen hatte. Als er ihren Blick bemerkte, stand er auf, die Schale mit der Suppe vorsichtig balancierend, und setzte sich dann in einem Meter Abstand vor sie in das Zelt. Er grinste und führte den Löffel langsam zu seinem Mund. Die Männer und Frauen draußen brachen abermals in schallendes Gelächter aus.
»Man sieht, daß es dein Sohn ist, Meas. Ganz der Vater.«
Meerenja verzog das Gesicht und trat Sand in die Richtung des Jungen. Der Kleine begann zu weinen, als seine Suppe voller Sand war. Dann stand er auf und kippte den Inhalt ihrer Freundin ins Gesicht.
»Laß gut sein, Dewin, und komm her«, rief Meas. »Hier bekommst du neuen Eintopf. Bring deine Schale mit.«
Dewin warf ihnen noch einen bösen Blick zu, den Judi mit einem herablassenden Lächeln erwiderte, und ging dann schmollend zu seinem Vater zurück.
»Ekelhaftes, kleines Miststück«, murmelte Meerenja. »Wenn ich den in die Finger kriege, ziehe ich seinen Hosenboden stramm, daß er nicht mehr sitzen kann.« Sie schüttelte den Kopf um die Gemüsebröckchen aus ihren langen, schwarzen Haaren zu bekommen.
Judi grinste. »Was meinst du, wird Necar wohl kommen?«
Ihre Freundin zuckte mit den Schultern und sie schwieg. Langsam beendeten die Leute das Frühstück und gingen dann ihren Arbeiten nach. Die Plane wurde wieder vor den Eingang gerollt. Draußen schien die Sonne und es mußte herrliches Wetter sein, aber drinnen war es nicht richtig hell. Zum hundertsten Male versuchte Judi, die Fesseln irgendwie zu lösen, aber das einzige Ergebnis war, daß sie sich die Handgelenke wundscheuerte. Judi hielt in ihren vergeblichen Versuchen inne, als ein Mann das Zelt betrat. Er hatte nicht nur Perlen in seinen Haaren, sondern auch in seinen langen Bart eingeflochten. Stumm hielt er ihnen eine metallene Wasserflasche an die Lippen und ging dann wieder. Wenigstens etwas. Verdursten mußten sie schon mal nicht. Dann kam Meas in das Zelt. Man sah ihm an, daß er sich das Grinsen verkneifen mußte, als er die Möhrenstückchen und Kartoffelscheiben in Meerenjas Haar erblickte. Er hockte sich vor sie hin und sah sie mit gespieltem Mitleid an.
»Ich würde mich wirklich wohler fühlen, wenn Ihr mir verraten würdet, wo noch mehr von Eurer Sorte leben. Ich würde mich auch schon damit zufrieden geben, wenn Ihr mir einige Verräter nennt, die diese Magierbrut unter ihre Fuchtel genommen haben. Oder sonst irgend etwas über diesen Abschaum verratet.«
»Dieser Teil des Landes gehört Euch nicht. Ihr habt kein Recht, so mit seinen Bewohnern umzuspringen! Sie sind nicht Euch untertan.« Meerenjas Stimme zitterte vor zurückgehaltener Wut.
»Ich quäle Kinder nicht gerne, das müßt Ihr mir glauben.«
»Aber töten, das macht Euch nichts aus, wie?«
»Es muß sein, weil …«
»Verschwendet Eure Worte an jemand anderen! Vielleicht interessiert der sich dafür.«
»Ich muß sagen, Ihr habt Mut, junge Nordländerin. Aber geht nicht zu weit.«
»Ihr könnt mich mal!«
»Sind denn alle so unfreundlich im Norden? Ich möchte meine Frage wiederholen: wißt Ihr irgend etwas über …«
»Seid Ihr schwerhörig? Wir verschwenden unseren Atem nicht an Euch«, fuhr Judi ihn an.
»Ich kenne Mittel und Wege, Eure Zungen zu lösen, nur sind diese nicht sehr angenehm. Ich möchte sie nicht unbedingt anwenden, aber wenn Ihr mir keine andere Wahl laßt …«
»Ich fange vor Mitleid gleich an zu weinen«, erwiderte Judi grimmig.
»Ich muß sagen, Ihr seid schwierig.«
Meerenja reagierte wie bei Dewin zuvor: sie förderte Meas eine gehörige Ladung Sand ins Gesicht. Judi schloß die Augen und wartete auf einen Schlag aber er kam nicht. Meas atmete tief ein, drehte sich um und ging wieder.
»Meinst du, daß das sonderlich klug war?«
»Es ist mir egal. Wir werden so oder so sterben«, gab ihre Freundin zurück.
Judi seufzte. Sie hatte ja recht. Necar würde bestimmt nicht mehr kommen. Er hatte sich bis jetzt nicht gezeigt und würde es auch weiterhin nicht tun. Und falls doch, bezweifelte sie, daß Meas sie freigeben würde, Lohn hin oder her.
Gegen Mittag kam Meas wieder.
»Ich habe Euch wahrscheinlich zu früh gefragt. Ich gebe Euch eine letzte Möglichkeit. Wollt Ihr mir irgend etwas sagen?«
Sie schwiegen beide beharrlich.
»Ich verstehe nicht, wie Ihr nur so stur sein könnt. Ihr könntet es so einfach haben.«
»Was einfacher? Einen einfacheren Tod? Das ist doch lächerlich!«
Der Anführer trat Meerenja hart in die Seite. »Meine Geduld mit Euch geht allmählich zu Ende.« Er packte das Haar ihrer Freundin und riß ihren Kopf nach hinten. Sie verzog das Gesicht, sagte aber kein Wort. Meas zog seinen Dolch und hielt ihn ihr an die Kehle, aber sie lächelte nur. »Na los, stecht zu! Glaubt mir, Ihr bereitet mir damit nur eine Freude, weil ich Euer dreckiges Gesicht nicht mehr sehen muß, Erran!«
Die Hand des Mannes begann zu zittern, aber dann nahm er ihn wieder hinunter und sagte: »Damit würde ich es Euch zu einfach machen.«
»Verdammt, was wollt Ihr eigentlich? Wir wissen nichts und wenn, würden wir nichts sagen. Es ist zwecklos.«
»Und was ist, wenn ich deiner kleinen Freundin die Kehle vor deinen Augen durchschneide?«
Judi hielt die Luft an, als der Dolch in ihre Richtung wanderte. Meerenja sagte nichts, sondern schluckte nur und sah Judi an. Der Dolch hatte ihre Kehle mittlerweile erreicht und sie atmete tief ein. Dann blickte sie Meas gerade in die Augen und sie spürte - sie verstand sich selbst nicht mehr - keine Angst. So würde es nur schneller vorbei sein. In seinen Augen loderte Wut auf, als auch Meerenja keine Regung zeigte, sondern ihn nur anstarrte. Mit einem Ruck nahm er den Dolch zurück und schlug Judi so hart ins Gesicht, daß ihr Kopf mit voller Wucht gegen den Balken schlug und sie das Bewußtsein verlor.
~ ~ ~
»Ihr müßt etwas essen! Das hilft Eurer Enkeltochter auch nicht weiter.«
»Ich habe keinen Hunger«, sagte er scharf und die Frau ging wieder.
Wütend krachte seine Faust auf den Tisch. Warum hatte er nicht besser aufgepaßt? Jetzt wußte er nicht einmal, wie es ihnen ging. Waren sie in Gefangenschaft? Hatten sie sich verirrt? Oder waren sie sogar schon … Nein, er verdrängte diesen Gedanken. Sie waren am Leben und er durfte sie mit seinem Trupp nicht in Gefahr bringen. Niam sah ärgerlich auf, als sich die Tür öffnete, halb weil er vermutete, diese Nervensäge von einer Frau würde wieder hereinkommen, um ihn zum Essen zu bewegen, und halb, weil er auch von niemand anderem gestört werden wollte.
»Herr …«, begann der Mann, aber Niam ließ ihn gar nicht erst ausreden.
»Habe ich nicht gesagt, daß ich nicht gestört werden will?«, fuhr er ihn an.
»Sicher, Herr, aber …«
»Und was sucht Ihr dann hier? Wenn ich mich nicht irre, stört Ihr mich gerade, oder?«
»Aber Herr, da draußen …«
»Ihr sollt mich in Ruhe lassen!«
»Herr, laßt mich ausreden!«
»Was ist, zum Henker? Dann sprecht doch endlich!«
»Da draußen ist eine Frau, die Euch dringend sprechen will.«
»Und was will sie?«
»Sie hat gesagt, das kann sie nur Euch selbst sagen. Sie hat eine Wunde am Kopf, wollte sich aber nicht helfen lassen. Sie sagt, es sei dringend.«
»Dann laßt sie ein. Und sorgt dafür, daß wir nicht, nicht gestört werden.«
»Jawohl, Herr.« Der Mann senkte den Kopf und ging. Nur einen Moment später eilte eine junge Frau herein. Ihr Kleid war schmutzig und auf ihrer Stirn klebte getrocknetes Blut. Ihr langes blondes Haar hing wirr durcheinander.
»Herr.« Sie verbeugte sich und Niam wies sie lächelnd auf einen Platz nahe am Kamin. Viel Zeit würde er ihr nicht schenken können, da er wieder hinunter zu seinen Schülern mußte. Die Pause wäre gleich um.
»Wie ist Euer Name?«, fragte er, nachdem er sich ihr gegenüber gesetzt hatte und sie forschend ansah. Hier in Djorgian wohnte sie nicht, er hatte sie noch nicht gesehen.
»Amika, Herr.« Man sah ihr an, daß sie sich beherrschen mußte, nicht gleich mit ihrer Nachricht herauszuplatzen.
»Und was führt Euch hier her?«
»Ich habe für einen Tag einem Mann und zwei Kindern Obdach geboten. Sie waren freundlich und … und zuerst merkte man nichts, aber dann … Sie hatten ihr Proviant vergessen, da eilte ich ihnen nach, um es ihnen zu bringen. Sie waren zu Pferde, aber sie ritten nicht sehr schnell und so konnte ich sie einholen. Als der Fremde sich hinunter beugte, um mir das Bündel abzunehmen, sah ich, daß die beiden Kinder gefesselt waren und ich erkannte Dehus auf dem Arm des Mannes. Aber ehe ich reagieren konnte, schlug er mich nieder.«
»Zwei Kinder sagt Ihr?« Niam wurde hellhörig.
»Ja, gefangengehalten von einem Westländer.«
»Wißt Ihr die Namen noch? Wie sahen sie aus?«, drängte er weiter.
»Ich bin mir nicht sicher. Er heiß Ne… Necar? Ich glaube schon, und die Kinder hießen Mahria? Nein. Ich weiß es wirklich nicht mehr.«
»Meerenja und die andere Judi?«
»Ja! Meerenja stimmt, aber Judi? Nein.«
»Vielleicht Norenie?«
»Ja, so hießen sie. Meerenja und Norenie.«
Niam wurde weiß. Also doch.
»Was habt Ihr? Kanntet Ihr sie?«
»Meerenja ist meine Enkeltochter.«
Amika sah ihn aus großen Augen an.
»Ich danke Euch für die Nachricht. Vor der Tür steht ein Mann, sagt ihm, er soll Euch ein Zimmer geben und einen Heiler rufen. Ihr bekommt auch etwas zu essen.«
Amika dankte ihm und ging.
Verdammt, was sollte er jetzt tun? Die Grenzen des Westlandes waren groß, er konnte schlecht überall suchen, und er mußte sich um die Stadt kümmern. Er mußte den Trupp doch aussenden. Er mußte sie retten. Und dann konnte er sich um den Stein kümmern. Entschlossen stand Niam auf und rannte die Treppe hinunter. Seine Schüler konnten warten.
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