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Ingo Grabowsky
Ketzer, Chemtrails und Corona
Die mysteriöse Welt der Verschwörungstheorien und Geheimbünde

Ingo Grabowsky
Ketzer, Chemtrails und Corona
Die mysteriöse Welt der Verschwörungstheorien und Geheimbünde
HEEL
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Autor: Ingo Grabowsky
Projektleitung: Hannah Kwella
Lektorat: Elisabeth Lewerenz
Satz und Gestaltung: Ralph Handmann
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– Alle Angaben ohne Gewähr –
Printed in Latvia
ISBN: 978-3-96664-130-2
eISBN: 978-3-96664-161-6
INHALT
Einleitung
Klassische Vorbilder? – Verschwörungstheorien in der Antike
Sodomie und Hostienfrevel? – Das Mittelalter
Phantastische Anfänge und weltkluge Berechnung – Die Jesuiten
Heimliche Streiter für Weisheit und Tugend – Freimaurer, Rosenkreuzer und Illuminaten
Prager Friedhöfe und Berner Prozesse – Die Protokolle der Weisen von Zion
Der „Dolchstoß“ und die Folgen – Verschwörungstheorien zwischen den Kriegen und im Nationalsozialismus
Festung der Würdigen – Verschwörungstheorien in der Sowjetunion
Von Käfern und Kraken – Verschwörungstheorien im Kalten Krieg
Nicht von dieser Welt – Verschwörer aus dem All
Brandgefährlich – Politische Verschwörungstheorien heute
Gekaufte Wissenschaft? – Chemtrails, Corona und der Antichrist
Schluss: Verschwörungstheorien und Eliten
Dank
Weiterführende Literatur
Namensregister
Einleitung
Realität ist etwas für Menschen, die mit Verschwörungstheorien nicht umgehen können. Gegenwärtige Ereignisse bestätigen die Gewissheit, dass sich Verschwörungstheorien auch in einer Zeit, die sich eigentlich für aufgeklärt hält, so schnell verbreiten können wie ein aggressives Virus. Sie verdrängen die Wirklichkeit und zeigen so, welche Gefahr von ihnen ausgehen kann, zumal es für Verschwörungstheorien mit Sicherheit nie eine wirksame Impfung geben wird.
Ob Wuhan, Bergamo, Gütersloh oder New York: Das Corona-Virus hält im Jahr 2020 die Welt im Griff. Hunderttausende sterben, die Wirtschaft leidet wahrscheinlich noch jahrelang an den Folgen der Pandemie. Museen schließen, Konzerte, Theateraufführungen und Fußballspiele werden abgesagt. Die bisher größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist eingetreten – und gebracht hat sie eine Katastrophe, die keinen Sinn zu haben scheint. Da die Stammtische sich nicht mehr treffen können, kursieren die Gerüchte stattdessen im Internet: Wer trägt die Schuld an diesem Unglück biblischen Ausmaßes? Verschwörungstheorien machen die Runde, um das zu deuten, was unerklärbar scheint. Der amerikanische Präsident Donald Trump, ein versierter Verschwörungspropagandist, macht Chinesen und Europäer für die Ausbreitung des Virus verantwortlich. In China sucht man den Sündenbock wiederum beim amerikanischen Geheimdienst. Medien aus den arabischen Staaten bleiben bei den üblichen Verdächtigen: Schuld sind ihrer Meinung nach die Juden, in Kooperation mit den Vereinigten Staaten. Ungewöhnlich an den Verschwörungstheorien rund um Corona ist höchstens, wie viele von ihnen sich um dieses eine Thema ranken und wie wenig diese miteinander zusammenzuhängen scheinen. Über kurz oder lang wird sich jedoch – das ist beinahe sicher – jemand finden, der die unterschiedlichen Erzählstränge miteinander verbindet.

Eine Erfindung böser Mächte? Corona-Viren bedrohen die Gesellschaft in mehrfacher Hinsicht

Zur Schau gestellt: Blick in die Sonderausstellung „Verschwörungs-theorien - früher und heute“ im LWL-Museum Kloster Dalheim
Das Virus an sich mag neu sein, doch Verschwörungstheorien, die den Ausbruch von Seuchen begreiflich machen sollen, sind es nicht. Bereits in der Antike und im Mittelalter wurde auf diese Methode der Welterklärung zurückgegriffen.
Was ist eine Verschwörungstheorie?
Ob beim Blick in die Fernsehnachrichten oder in die Zeitung, auch schon vor der Corona-Pandemie begegneten uns Verschwörungstheorien beinahe täglich. Der Philosoph Karl Popper prägte den Begriff in seinem 1945 erschienenen Werk über Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Verschwörungstheorien behaupten, so Popper, dass alle „Kriege, Arbeitslosigkeit, Armut, Mangelerscheinungen“ auf einen Plan „von Seiten gewisser mächtiger Individuen oder Gruppen“ zurückzuführen sind. Hinter jedem auch noch so unbedeutendem nachteiligen Ereignis stecke demnach eine Bande von Verschwörern, die versucht, das Land oder auch die ganze Welt zu kontrollieren.
Heute unterscheiden Wissenschaftler zwischen unterschiedlichen Kategorien des Verschwörungsdenkens: Ereignisverschwörungstheorien vermuten eine Gruppe von Verschwörern hinter einem klar abgrenzbaren, einzelnen historischen Ereignis. Der Mord an John F. Kennedy oder auch die Anschläge des 11. September sind Beispiele dafür. Systemverschwörungstheorien hingegen gehen davon aus, dass eine Gruppe von Verschwörern über einen langen Zeitraum im Geheimen agiert und versucht, die Macht zu erringen oder zu verteidigen. Illuminaten, Juden oder Jesuiten sind angebliche Systemverschwörer.
Eine weitere Kategorie ist die Superverschwörungstheorie. Von einer solchen ist die Rede, wenn unterschiedliche Systemverschwörungstheorien miteinander verschmolzen werden, wenn etwa davon ausgegangen wird, dass Illuminaten, Freimaurer und Juden Hand in Hand arbeiten, um die Welt unter ihre Gewalt zu bringen. In der Praxis lassen sich diese Modelle nicht klar voneinander abgrenzen, denn häufig vermischen sich die unterschiedlichen Typen: Die meisten Unterstellungen zu den Anschlägen vom 11. September sehen hinter der angeblichen Ereignisverschwörung ein dunkles System, das dafür verantwortlich ist.

Ins Netz gegangen? Angebliche Verschwörer werden häufig mit Spinnen verglichen
Theorie ohne Wissenschaftlichkeit?
Nicht alle Forscher halten den Begriff „Verschwörungstheorie“ für geglückt. Manche Wissenschaftler empfehlen, stattdessen zwischen Verschwörungshypothesen, Verschwörungsideologien, Verschwörungsmythen und Verschwörungstheorien zu unterscheiden. Der Begriff Verschwörungstheorie ist in der Wissenschaft auch deswegen umstritten, weil es sich bei Theorien gemeinhin um rational begründete, wissenschaftliche Annahmen handelt. Verschwörungstheorien aber gaukeln Wissenschaftlichkeit lediglich vor.
Vereinzelt wird der Begriff aber aus ganz anderen Gründen kritisiert. So bezeichnete der französische Kulturphilosoph Michel Foucault Verschwörungstheorien als „disqualifiziertes Wissen“. Seiner Meinung nach würden Verschwörungstheoretiker automatisch als Paranoiker oder Extremisten abgestempelt und vom Mainstream abweichendes Denken würde durch den Begriff Verschwörungstheorie delegitimiert und disqualifiziert – eine Behauptung, die unserer Tage auch bei den Corona-Protesten zu hören ist. Damit ist gemeint: Vielleicht ist auch irgendetwas dran an der ein oder anderen Verschwörungstheorie. Insgesamt jedoch hat sich in der Wissenschaft die Auffassung Poppers durchgesetzt: Verschwörungstheorien sind nahezu sämtlich als Phantasieprodukte einzuordnen.
Verschwörungstheorien durch die Jahrhunderte
Der vorliegende Band erzählt die Geschichte des verschwörungstheoretischen Denkens von den Anfängen in der Antike bis in die unmittelbare Gegenwart. Die Geschichte der Verschwörungstheorien beginnt mit den Alten Griechen und Römern. Im Mittelalter wurde verschiedensten Gruppen wie Templern, „Hexen“ und Juden unterstellt, mit dem Teufel zu paktieren und Ketzerei zu treiben. Weltumspannende Gruppen wie Jesuiten oder Freimaurer gerieten in der Neuzeit ins Visier der Verschwörungstheoretiker. Grundlegend für die Staatsräson wurden Verschwörungstheorien in den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts, im Nationalsozialismus und im Kommunismus – mit tödlichen Folgen für Millionen von Menschen. Galten Verschwörungstheorien nach dem Zweiten Weltkrieg allgemein als verpönt, erleben sie mit dem Siegeszug des Internets und mit dem Aufkommen mächtiger populistischer Bewegungen in vielen Ländern der Erde einen neuen Aufschwung: Der Glaube an Reptiloide, Chemtrails und eine angeblich nur erfundene Pandemie namens Corona richtet sich gegen die Demokratie, nicht zuletzt auch in Deutschland.

Geheime Zeichen? Zirkel, Winkelmaß und allsehendes Auge sind Symbole der Freimaurer
Klassische Vorbilder? – Verschwörungstheorien in der Antike
Biegsame Geschichtsschreiber, erfinderische Juristen, singende Kaiser, christliche Sündenböcke – und Verschwörungstheorien: In der Antike scheint alles schon einmal da gewesen zu sein, was uns bis heute begleitet. Aber sollten wir uns wirklich immer an den Klassikern ausrichten?
Verschwörungsdenken war bereits den Alten Griechen nicht fremd. Schon der Trojanische Krieg, den die Griechen als historisches Ereignis verstanden, rührt aus einer Verschwörung der Götter. Und Verschwörungen prägten, glaubt man dem Dichter Homer, den Krieg selbst. Die Eroberung Trojas gelang durch die konspirative Idee, ein hölzernes Pferd voller Krieger in die Stadt zu schmuggeln. Auch in der als geschichtlich geltenden Welt der Griechen waren Verschwörungen oder die Rede davon an der Tagesordnung.
In der Rhetorik tauchten Verschwörungen ebenfalls häufig auf. Redner wie der gegen die aufkommende makedonische Macht kämpfende Athener Demosthenes operierten ausgiebig mit Verschwörungsunterstellungen. Diese richteten sich allerdings, anders als in der Gegenwart, nicht gegen anonyme, übermächtig scheinende Gruppen, die im Hintergrund die Fäden zogen. Vielmehr zielten die athenischen Oratoren mit ihren Unterstellungen auf konkrete Personen: Demosthenes etwa unterstellte seinen politischen Gegnern, heimlich mit König Philipp II. von Makedonien im Bunde zu sein. Weltverschwörungspläne gehörten nicht zum Repertoire der Vorwürfe, den angeblichen (oder tatsächlichen – das lässt sich heute kaum noch entscheiden) Verschwörern wurden stattdessen konkrete Ziele unterstellt. Auch in der Antike fanden Verschwörungstheorien besondere Resonanz in Krisensituationen – hier etwa infolge der Bedrohung der athenischen Freiheit durch Makedonien. Persönliches oder gesellschaftliches Unglück wurde auf Gruppen von Übelwollenden zurückgeführt.
Catilina, Cicero und Caesar – Die Römische Republik
In der späten Römischen Republik gesellten sich dann die Verschwörungstheorien zu den Verschwörungen. Zentrale Figuren in diesem Gewebe waren die Staatsmänner und Literaten Marcus Tullius Cicero und Caius Iulius Caesar. Beide wirkten Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts. Cicero, der etwas Ältere, verteidigte als Politiker und Literat die hergebrachte Römische Republik. Caesar hingegen räumte das alte System beiseite und schwang sich zum Alleinherrscher auf. Damit bereitete er den Weg für das römische Kaisertum, das die folgenden Jahrhunderte prägte.
Im Prinzip schien die politische Struktur in Rom zunächst nicht eben förderlich für Verschwörungen zu sein, denn Politik galt als res publica (lat. öffentliche Angelegenheit). Politische und juristische Entscheidungen wurden öffentlich diskutiert und entschieden, nächtliche Versammlungen waren verboten. Cicero zum Beispiel wohnte in einem Haus, das seinerzeit der Volkstribun Livius Drusus hatte erbauen lassen. Es war so konstruiert, dass alles, was er tat, „von jedermann beobachtet werden“ konnte.
Im Jahr 70 v. Chr. führte Cicero als Anwalt der Geschädigten einen Prozess gegen den ehemaligen Statthalter von Sizilien, Verres. Dieser hatte sich während seiner von 73 bis 71 dauernden Amtszeit brutal auf Kosten der Bevölkerung bereichert. Ciceros Reden gegen Verres werden als „Urtext des römischen Konspirationismus“ bezeichnet, denn Cicero habe Verres neben den tatsächlichen Vergehen außerdem Dinge unterstellt, die dieser nicht begangen habe. Unter anderem habe er ihn mit Hilfe „vermeintlich eindeutiger Zeugenaussagen und dubioser Deduktionen“ bezichtigt, Sklavenaufstände, die in Wirklichkeit gar nicht stattfanden, unterstützt zu haben. Diese Einordnung erscheint etwas überspitzt, denn vieles in den Verrinischen Reden Ciceros ist sicher Teil gerichtsüblicher Übertreibung und Effekthascherei, die vermutlich auch das Publikum als solche wahrnahm. Ohne Zweifel hatte Verres als Statthalter Siziliens bei der Ausbeutung der Provinz unzählige Verbrechen begangen. Vor allem hatte er die Zeit seiner Statthalterschaft dazu genutzt, seine zerrütteten Vermögensverhältnisse zu sanieren, indem er den Einwohnern der Insel Millionensummen abpresste. Zudem konnte Cicero in seiner Darstellung auf frische Ängste zurückgreifen, denn der Aufstand des Spartacus hatte ein Jahr vor dem Prozess Rom vielleicht nicht existentiell bedroht, so aber doch immerhin in erhebliche Aufregung versetzt.

Zunächst gelungen: Eine der berühmtesten Verschwörungen der Geschichte richtete sich gegen Iulius Caesar
Mag es also etwas übertrieben erscheinen, Cicero als Verschwörungstheoretiker zu sehen, so griff er in seinen Reden dennoch auf einen ausgeprägten Dualismus von Gut und Böse zurück: Den improbi (lat. die Bösen), den Feinden der Republik, standen die boni (lat. die Gutgesinnten) gegenüber – eine Polarisierung, die auch heutigem verschwörungstheoretischen Denken nicht fremd ist. Cicero wusste aber auch, dass seine Zuhörer jederzeit mit Komplotten rechnen mussten. Die von ihm aufgedeckte Verschwörung des Catilina, der sich das Amt des Konsuls durch eine Intrige verschaffen wollte, ist nur ein Beispiel für die Krise des römischen Staatswesens. Nicht zu Unrecht führte daher Ciceros Zeitgenosse, der Geschichtsschreiber Sallust, den Untergang der Republik auf den Verfall der Werte zurück. „Habgier und Machtstreben“ hätten die Oberhand gewonnen – und dieses Urteil fasst wohl tatsächlich die herrschende Mentalität unter der Oberschicht zusammen. Der Mord an Caesar gilt bis heute als Musterbeispiel einer erfolgreichen Verschwörung. Und doch bilden diese beiden Ereignisse, die Catilinarische Verschwörung gegen die Republik und das Komplott gegen den Diktator, der diese beerbt hatte, lediglich die Spitze des Eisbergs.
Der Mord an Caesar, die neben dem Oktoberputsch in Russland 1917 wohl berühmteste Verschwörung der Weltgeschichte, konnte die Republik jedoch nicht retten, zumal die Verschwörer für den Fall, dass sie erfolgreich sein würden, kein zielführendes Vorgehen durchdacht hatten. Fast mag es nicht ganz zutreffend sein, hier überhaupt von einer Verschwörung zu sprechen. Eingeweiht in den Plan, Caesar im Senat zu töten, waren über 60 Personen. Ihre Aktion sahen sie nicht als illegales Vorhaben, sondern als Akt, die legitime Ordnung wiederherzustellen. Daher tauschten sie keine Eide aus, legten nicht auf besondere Geheimhaltung wert und verschonten – das war vielleicht ihr größter Fehler – den amtierenden Konsul Mark Anton, Caesars vertrauten Mitstreiter.
Caesar selbst – psychisch und körperlich angeschlagen nach Jahrzehnten der Kriege gegen außen- und innenpolitische Feinde – sah sein Leben fatalistisch in Händen der Schicksalsgöttin Fortuna. Er wusste, dass er bedroht war, hielt entsprechende Gerüchte also nicht für eine Verschwörungstheorie. Dennoch traf er keine Maßnahmen zu seinem Schutz.
Und so war diese Verschwörung erfolgreich. Ein glückliches Unternehmen mag man sie dennoch nicht nennen. Weil die Beteiligten überfordert damit waren, die notwendigen weiteren Schritte zu durchdenken, und mit ihrem Tyrannenmord lediglich eine Schuld des Gewissens abzahlen wollten, scheiterte das wichtigste Ziel, nämlich die Wiederherstellung der alten Ordnung. Die unbeabsichtigte Folge der Verschwörung waren jahrelange neue Kriege und letztlich die Etablierung des römischen Kaisertums – ein Beispiel dafür, dass eine erfolgreiche Verschwörung nicht automatisch auch nach Plan läuft. Geschichte ist nicht planbar.
Der Bock als Gärtner – Nero und der Brand von Rom
Zwar wurde Rom mit der Einführung der Monarchie stabiler – Verschwörungen und Verschwörungstheorien blieben dennoch an der Tagesordnung. Ein eifriger Verschwörungstheoretiker war der römische Kaiser Nero. Wenn der Überlieferung Glauben zu schenken ist, kam Nero, der Adoptivsohn des Kaisers Claudius, im Jahr 54 n. Chr. durch eine Verschwörung an die Macht. Seine Mutter Messalina bezahlte den Leibarzt des Claudius dafür, diesen zu vergiften, weil sie befürchtete, dass der Kaiser seinen leiblichen Sohn Britannicus statt des von Messalina in die Ehe mitgebrachten Nero zum Nachfolger bestimmen könnte. Diese Verschwörung war erfolgreich. Messalina konnte sich jedoch nicht lange an den Früchten der Tat erfreuen. Einige Zeit später, im Jahr 59, ließ Nero seine Mutter ermorden, tarnte dieses Verbrechen jedoch mit der Verschwörungstheorie, sie habe sich das Leben genommen, weil sie einen Anschlag gegen ihn habe unternehmen wollen, der jedoch gescheitert sei.
Eine umfangreichere Verschwörungstheorie benötigte Nero, als die zu einem großen Teil aus Holz gebaute Stadt Rom am 18. und 19. Juli 64 brannte. Dass Nero selbst den Brand aus ästhetischen Gründen hat legen lassen, um die Stadt danach noch schöner wiederaufbauen lassen zu können, ist vermutlich eine böswillig unterstellte Verschwörungstheorie. Der Kaiser benötigte für die Katastrophe aber in jedem Fall einen Sündenbock, und als solcher boten sich die Christen an, die gleichsam als Sekte im Geheimen ihre Rituale pflegten. Er ließ Christen verhaften und grausam hinrichten, obschon sie nicht zugegeben hatten, die Stadt angezündet zu haben, und auch sonst keine Beweise vorlagen. Die erste bekannte Christenverfolgung der Geschichte basierte also auf einer Verschwörungstheorie. Nero nutzte sie, um von der mutmaßlich falschen Unterstellung, er habe den Brand selbst legen lassen, abzulenken.

Katastrophe mit Folgen: Als Vorwand für Christenverfolgungen diente der Brand von Rom
Von alten Schlangen und Superverschwörern
Ein Produkt der Zeit Neros ist auch die neutestamentarische Offenbarung des Johannes - ein Text, auf den sich Verschwörungstheoretiker bis heute berufen. Darin wird der „große Drache, die alte Schlange, die den Namen Teufel und Satan trägt“, beschrieben. Ihm zur Seite stehen zwei weitere Geschöpfe, zum einen das Tier aus dem Meere, „das hatte zehn Hörner und sieben Köpfe und auf seinen Hörnern zehn Diademe und auf seinen Köpfen Namen voll Lästerung“ (Offb. 13,1). Dieses Tier wird häufig als Verkörperung der antichristlichen politischen Macht gedeutet. Zum anderen wird noch ein zweites Tier beschrieben, das die Menschen zur Anbetung des ersten verführt. Dieses Tier verkörpert die geistigen Kräfte, die dazu verführen wollen, dem Satan zu dienen. Zu erkennen ist das Tier an seiner Zahl, nämlich der 666.
Bis heute wird diese Zahl von christlich-fundamentalistischen Verschwörungstheoretikern als Zeichen der Macht des Antichrists gedeutet. Zwar erscheint es als Überinterpretation, die metaphorisch geprägte Offenbarung als Verschwörungstheorie zu deuten, in der Gott im Hintergrund als Superverschwörer fungiert. Doch zweifelsohne beeinflusst dieser Text bis heute das Denken von Verschwörungstheoretikern. Die Aufforderung, den Verstand zu nutzen, um die Zeichen des Bösen zu erkennen, nutzen christlich fundierte Verschwörungstheoretiker nach wie vor, um überall Zeichen für das beginnende Zeitalter des Antichrists zu suchen. Der bei Verschwörungstheoretikern ausgeprägte Zeichenwahn hat vermutlich hier seinen Ursprung.

Großer Drache mit dem Namen Satan: Auf die Bilderwelt der Offenbarung des Johannes berufen sich Verschwörungstheoretiker bis heute
Sodomie und Hostienfrevel? – Das Mittelalter
Im Mittelalter sehen Verschwörungstheoretiker hinter allem Übel das Wirken des Teufels. Ob Sodomie bei den Templern, Schadenzauber bei Hexen (und übrigens auch Hexern) oder jüdische Ritualmorde: Keine Unterstellung ist so abwegig, dass sie nicht von willigen Vollstreckern geglaubt würde.
Philipp IV., König von Frankreich, galt als frommer Mann. Seine Epoche, die Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert, war in dieser Hinsicht eine Zeit der klaren Verhältnisse: Gott und der Teufel rangen miteinander, Sünder und Gerechte kamen entweder in den Himmel oder aber ins Fegefeuer und die Hölle. Dämonen bevölkerten die Lüfte. Magier und Hexen ritten auf dem Teufel in Tiergestalt durch die Lüfte - ob in Wirklichkeit oder im vom Teufel inspirierten Traum, darüber stritten Volk und Gelehrte.
Die Religion beanspruchte den ersten Platz im Leben und Denken aller Menschen, Könige wie Bauern, Kleriker wie Bürger, Männer wie Frauen. Einfach schien es, bei Unheil im Leben der Menschen, sei es Krieg oder Missernte, Krankheit oder Hungersnot, die Schuldigen und Missetäter dingfest zu machen. Selbst da, wo nur mit der Einbildungskraft des mittelalterlichen Menschen ein Übel zu sehen war, erlaubten es Verschwörungstheorien, vermeintlich Schuldige beim Schopf zu greifen.

Auf dem Scheiterhaufen: „Hexen“ als Opfer des Verschwörungsdenkens
Anfänge der Templer
Bei mittelalterlichen Verschwörungstheorien hatte stets der Teufel seine Hand im Spiel. Einen Bund mit dem Teufel unterstellte Philipp IV. auch dem Orden der Templer, als er im Jahr 1307 einen Angriff gegen die Fratres militiae templi (lat. Ritterbrüder des Tempels) führte.
Die Tempelritter wurden 1120 von dem französischen Jerusalempilger Hugo von Payens gegründet. Aus einer losen Bruderschaft europäischer Ritter entstand ein geistlicher Orden, der das Ziel hatte, die Pilger im Heiligen Land zu beschützen und damit die bereits dort ansässigen Johanniter, die durch Seelsorge und Krankenpflege das Leben in Jerusalem erträglicher machten – Ritter wurden sie erst später – zu entlasten. Templer nannten sie sich, weil sie ihr Hauptquartier auf dem Tempelberg in Jerusalem in der Nähe des einstigen Tempels des Salomo bezogen. Als erste verbanden sie das Ideal des Mönchs mit dem des Ritters. Wie andere Ordensleute auch legten sie das Gelübde von Armut, Keuschheit und Gehorsam ab. Zugleich waren sie aber auch bereit, um der Sache Christi Willen Blut zu vergießen – damit erweiterten sie das ursprünglich der Friedfertigkeit verpflichtete Ideal der Mönche beträchtlich.
Das Siegel der Templer klärt darüber auf, wie sie sich verstanden: Es zeigt zwei Ritter, die gemeinsam auf einem Pferd reiten – damit signalisieren sie Armut und Gemeinschaft. „Schmucklos und kahl“, so formuliert es der Historiker Arno Borst, „war ihre Unterkunft“. Die Templer trugen „einen weißen leinenen Mantel mit achteckigem blutroten Kreuz, dem ausdrucksvollen Symbol des Märtyrertums, und einen weißen leinenen Gürtel, das Zeichen der Reinheit des Herzens“, wie es ein Historiker der vorvergangenen Jahrhundertwende beschreibt.
Die Regel des Ordens stammte von Bernhard, einem einflussreichen Zisterzienser und Abt im von ihm selbst gegründeten Kloster von Clairvaux. Im Laufe der beiden Jahrhunderte seines Bestehens sammelte der zunächst Armut und Entsagung verpflichtete Orden immer mehr Besitz an. So wurden die Templer offenbar von immer mehr Menschen als überheblicher Ritterorden betrachtet, der die Askese gegen gutlaufende Geschäfte getauscht hatte. Zu seinen besten Zeiten zählte der Orden etwa 7.000 Angehörige. Zu seinem Besitz gehörten wohl 870 Burgen und andere Eigentümer. Einen schlechten Ruf erarbeiteten sich die Templer nicht zuletzt dadurch, dass sie in ihr Ordensleben manche suspekt scheinenden Einflüsse des Orients aufgenommen hatten. Verlorene Schlachten im Heiligen Land führten schließlich zu einer Schwächung des Ordens und zu Ansehensverlust.
Machtbewusst und erfindungsreich: Philipp IV. von Frankreich
In Frankreich nun waren die Templer den dortigen Königen unbequem. Die Curia in compotis, die Rechnungskammer des Königs, tagte im Pariser Temple. Der Schatz des Königs befand sich also unter dem Schutz, aber eben auch unter der Verwaltung der Tempelritter. Die nur dem Papst unterstehenden und gleichsam als Staat im Staate agierenden Templer waren Philipp ein Dorn im Auge.
Obwohl sich der König streng religiös zeigte, hatte er sich auch in der Vergangenheit schon mit kirchlichen Institutionen angelegt. Unter anderem hatte Philipp den Machtkampf mit Papst Bonifatius VIII. gesucht, um Steuern auf kirchliche Güter erheben zu können. Seine Getreuen scheuten sich nicht, einen Anschlag auf den Papst zu verüben: An den Folgen des sogenannten Attentats von Anagni verstarb der greise Bonifatius VIII. Seine notorisch leeren Kassen hatte Philipp bereits 1306 versucht zu füllen, indem er die französischen Juden enteignen und vertreiben ließ. Ähnlich ging er in den Jahren 1301 und 1309 bei den finanzstarken Lombarden vor. Nicht zuletzt war dem König daran gelegen, seine Machtbasis zu vergrößern. Doch die bis heute aufsehenerregendste Tat Philipps bestand freilich im Angriff auf den Templerorden, den er mit der „Blitzartigkeit eines Tigersprungs“ durchführte, um es mit den Worten der Historikerin Barbara Tuchman auszudrücken.
Seit November 1305 war Clemens V. im Amt – ein Papst, der seinen Sitz 1309 auf Druck Philipps nicht in Rom, sondern in Avignon nehmen musste, das im Einflussbereich der französischen Könige lag. Der Zeitpunkt für einen Schlag gegen den Orden schien günstig. Zwielichtige (manche Historiker meinen: gekaufte) Zeugen hatten bereits Anfang 1305 schwere Vorwürfe gegen die Templer vorgebracht. Die Zeugen behaupteten, bei Aufnahme in den Orden müsse Christus dreimal verleugnet werden. Dreimal müssten die Novizen auf das Kreuz speien. Auch gebe es beim Aufnahmeritual sodomitische Praktiken – Ordensangehörige küssten angeblich den untersten Rückenwirbel, den Mund oder Nabel eines Mitbruders, sie beschworen Dämonen und beteten das Kopfidol Baphomet an – eine angesichts der Tätigkeit des Ordens im Heiligen Land plausibel scheinende Unterstellung, denn bei Baphomet handelt es sich um eine Verballhornung des Namens Mohammed. Ein weiterer schwerer Vorwurf bestand darin, dass die Templer angeblich die Heilige Messe schändeten, indem sie sie mit ungeweihten Hostien feierten. Kurz, die angeblichen Zeugen führten eine ganze Reihe von Unterstellungen an. Einige davon stammten aus dem üblichen Arsenal, das gegen mögliche Ketzer aufgeboten wurde, andere waren auf das Wirken des Ordens im Heiligen Land zurückzuführen. In jedem Fall war es eine finstere Verschwörung mit dem Teufel, die König Philipp IV. den Templern unterstellte.
Das Ende eines Ordens – und der Anfang seiner Geschichte
In aller Heimlichkeit ließ Philipp den Schlag gegen die Templer vorbereiten. Am 13. Oktober 1307 wurden – in einem klaren Verstoß gegen die Privilegien des Ordens – die französischen Ritter verhaftet. In Paris betraf das 138 Ordensbrüder, von denen 134 unter Folter die Verfehlungen gestanden, die ihnen zur Last gelegt wurden. Gegen den Widerstand anderer europäischer Monarchen und des Papstes ließ der König den Ordensangehörigen den Prozess machen. Der Widerstand des ebenfalls verhafteten Großmeisters der Templer, Jacques de Molay, konnte die Vernichtung des Ordens nicht verhindern. Eine Verhandlung nutzte der Großmeister zwar gemeinsam mit 40 anderen Brüdern, um dem Volk seine Foltermale zu zeigen und auf das abgepresste Geständnis hinzuweisen – doch trotzdem nahmen die Dinge ihren Lauf. Brüder, die den Orden verteidigten oder ihre Geständnisse widerriefen, wurden als sogenannte relapsi (lat. Zurückgefallene) behandelt und zum Tode verurteilt.
Unter dem Druck des Königs hob der Papst den Orden schließlich am 22. März 1312 auf. Jacques de Molay, der eine weitere Versammlung, bei der er auf der Schandleiter vor der Kathedrale von Notre-Dame öffentlich seine Sünden bekennen sollte, dazu nutzte, die Folterspuren zu zeigen und sein Geständnis zu widerrufen, wurde am 18. März 1314 verbrannt. Angeblich soll Jacques noch auf dem Scheiterhaufen König und Papst verflucht haben – tatsächlich starben binnen eines Jahres König und Papst, jener unter mysteriösen Umständen auf der Jagd. Damit beginnen die fortwirkenden Legenden rund um den Orden.

Nachwirkend? Der letzte Großmeister der Templer verfluchte König und Papst
In anderen europäischen Ländern wurden die Templer weitaus milder behandelt als in Frankreich. Auf der iberischen Halbinsel etwa gingen sie in neu geschaffenen Ritterorden auf, die fortan den dortigen Monarchen dienstbar waren. Der Besitz des Ordens ging nach der Auflösung im Wesentlichen auf die Johanniter über, aber auch der französische König sicherte sich seinen Anteil.
Eine Verschwörungstheorie diente also als Vorwand für die Zerschlagung des Templerordens. In Verschwörungstheorien jedoch lebt er auch weiter. So gibt es etwa die – von Umberto Eco in seinem Roman Das Foucaultsche Pendel ironisch verarbeitete – Vorstellung, der Orden oder jedenfalls sein Wissen existiere im Geheimen bis heute. In Teilen bezog sich auch die Freimaurerei des 18. Jahrhunderts auf angebliches Geheimwissen der Templer, das über die Rosenkreuzer an sie weitergegeben worden sei. Symbole und Rituale des Ordens wurden von einzelnen Logen verwendet. Auch aus diesem Grunde sah der Abbé Barruel, der um 1800 die Französische Revolution auf einer Verschwörung der Freimaurer und Illuminaten zurückführte, hier die Templer mit im Spiel.
Wanderprediger und andere Influencer
Verschwörungstheorien verbreiteten sich zu allen Zeiten mit Hilfe unterschiedlicher Medien. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Art der für die Verschwörungspropaganda genutzten Mittel keinen Effekt auf deren Verbreitung hätte. In der Antike herrschte -auch wenn es schriftliche Verbreitungsmöglichkeiten gab - die Mündlichkeit vor: Die Geschicklichkeit des Redners machte den Erfolg der Verschwörungstheorie aus.
Im Mittelalter waren es vor allem Mönche, die Verschwörungstheorien unters Volk brachten. Die Idee von den jüdischen Brunnenvergiftern verbreitete sich mit Hilfe von Wanderpredigern in Europa. Aber auch Bildlichkeit ist ein wichtiger Aspekt: Darstellungen etwa von Hostienfrevel begehenden Juden, die sich in Kirchen finden, hielten die judenfeindlichen Ideen wach - bis in die Gegenwart.
Mit der Entstehung des Buchdrucks wurde dieses neue Medium auch für verschwörungstheoretische Zwecke genutzt. Der Hexenhammer etwa diente dazu, die Idee unters Volk zu bringen, Hexer und vor allem Hexen hätten sich mit dem Teufel gegen die Christenmenschen verschworen. Über Jahrhunderte wurden Verschwörungstheorien mit Hilfe von Büchern, Flugblättern und später auch Zeitungen verbreitet. Alte Medien wie etwa die Predigt blieben natürlich weiterhin wirksam.
Im 20. Jahrhundert können als bevorzugte Propagandamittel das Plakat und dann auch der Rundfunk gelten. Wie die sowjetischen Kommunisten nutzten die Nationalsozialisten auch das Kino für die Verbreitung von Verschwörungstheorien, etwa in Filmen wie Jud Süß. Auch Ausstellungen und Kunst wurden in diesem Sinne in den totalitären Systemen zu Propagandainstrumenten.
Heute ist das Verbreitungsmittel der Wahl vor allem das Internet. Ohne redaktionelle Hindernisse kann jeder seine Denkweisen unter die Leute bringen. Die Echokammern des Netzes verstärken den Effekt einstmals völlig abseitiger Verschwörungstheorien. Waren sie in den demokratischen Gesellschaften des Westens in den 1960er bis 1990er Jahren vielleicht als Geraune bei Stehpartys präsent, erobern sich Verschwörungstheorien mit Hilfe von für das Smartphone optimierten Videos heutzutage einen großen Wirkungskreis.
Feinde Christi von Anfang an?
Verschwörungstheorien wurden im Mittelalter immer in irgendeiner Art und Weise religiös begründet – der Teufel hatte als Bündnispartner der Verschwörer seine Hand im Spiel. So verhält es sich auch bei den Unterstellungen gegen die Juden, die ebenfalls erstmals im Kontext der Kreuzzüge historisch wirksam wurden. Kein Blatt sei, so schreibt die große Historikerin und Dichterin Ricarda Huch, „in der Geschichte der Menschheit so tragisch und geheimnisvoll wie die Geschichte der Juden“. So sind auch keine Verschwörungsunterstellungen – sei es im Mittelalter, in der Neuzeit oder unserer Gegenwart – so schmierig und gehässig wie eben die, die sich gegen die Juden richteten und richten.
Ihre Wurzel haben judenfeindliche Verschwörungstheorien wohl in einigen Aussagen des Neuen Testaments. Im Zentrum der Unterstellungen steht dabei der Vorwurf des Gottesmordes, für den Pontius Pilatus, römischer Statthalter von Galiläa, die Verantwortung erfolgreich auf die Juden abwälzte, wenn wir der Bibel glauben dürfen. Ein Wort Jesu, in dem er den Juden oder vielmehr seinen Mitmenschen vorwarf, den „Teufel zum Vater“ zu haben, wurde ebenfalls lange Zeit als argumentative Grundlage des Judenhasses genutzt.
Bereits noch zu Zeiten, in denen sowohl Christen als auch Juden Minderheitsreligionen im Römischen Reich waren, entwickelte sich ein starkes Konkurrenzverhältnis der monotheistischen Religionen. Führende Theoretiker des Christentums nahmen für sich in Anspruch, das alleinige Auslegungsrecht für das Alte Testament zu besitzen. Als das Christentum im 4. Jahrhundert Staatsreligion wurde, verschlechterte sich die Lage der Juden zusehends, auch wenn es mitunter Gegenbewegungen gab.
Papst Gregor, der in diesem Sinne seinen Beinamen „der Große“ zurecht trägt, garantierte den Juden die ungestörte Ausübung ihrer Religion und schützte sie vor Nachstellungen. Ähnlich hatte auch schon der Ostgotenkönig Theoderich gehandelt, der es abgelehnt hatte, Juden zwangsweise zum Christentum zu missionieren, da er den freien Willen als Grundlage des Glaubensbekenntnisses ansah.
Vorwürfe gegen die Juden kamen, wie gesagt, vor allem im Kontext der Kreuzzüge auf, deren Fanatismus sich nicht nur gegen die „Ungläubigen“ im Heiligen Land, sondern auch gegen die im eigenen Land richtete. Als potenziell stete Verbündete des Teufels wurden den Juden zahlreiche Verschwörungen gegen die Christenheit unterstellt. Nachhaltig wirksam waren etwa die in Predigten oder auf Bildern – den Massenmedien der damaligen Zeit – verbreiteten und tausendfach rezipierten Vorstellungen, die Juden würden zu rituellen Zwecken christliche Kinder töten und Hostienfrevel begehen. Dieser besteht im Denken der damaligen Zeit darin, dass die Juden geweihte Hostien – die im katholischen Verständnis lebendiger Leib des Herrn sind – durchbohrten, um Jesus ein weiteres Mal zu töten.


Notgeld mit Lügenbildern: Noch im 20. Jahrhundert glaubten Menschen an jüdischen „Hostienfrevel“
Gefälschte Anschuldigungen und echte Lynchmorde
Besonders abstoßend erscheint der Vorwurf, Juden töteten zu rituellen Zwecken christliche Kinder. Dieser tauchte erstmals 1144 in England auf. Der Benediktinermönch Thomas von Monmouth, der diese Legende verbreitete, führte als Beweis für den Ritualmord an William von Norwich einen Traum der Mutter des Jungen an. Einen besonders bekannten Fall bietet der 1475 gestorbene Simon von Trient, der am Ostersonntag tot unter dem Haus des jüdischen Gemeindevorstehers aufgefunden wurde. Gegen den Willen der Kurie – die Päpste verwiesen Ritualmord und Hostienfrevel ins Reich der Legende – wurden die jüdischen Männer des Ortes festgenommen. Bereits 1236 war eine von Kaiser Friedrich II. eingesetzte theologische Kommission zu dem Schluss gekommen, dass Ritualmorde mit der besonderen Rolle des Blutes im Judentum nicht vereinbar sind. Als Teil einer fanatischen Volksfrömmigkeit bestand der Glaube daran dennoch weiter.
Vierzehn der festgenommenen jüdischen Männer wurden 1476 zum Tode verurteilt und starben auf dem Scheiterhaufen. Um Simon von Trient entwickelte sich ein regelrechter Wallfahrtskult – so kurbelte der angebliche Ritualmord den Fremdenverkehr an und wurde zum Wirtschaftsfaktor. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hob der Heilige Stuhl 1965 den Kult um Simon als gegenstandslos auf.
Immer wieder kam es infolge der Verschwörungsvorwürfe zu Morden und Massenmorden an den europäischen und vor allem an den deutschen Juden. Für vermeintliche und tatsächliche Unglücke wurde der „ewige Fremde“ als Sündenbock ausgemacht. In Folge der Großen Pest wurden Vorwürfe laut, die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Erste Lynchmorde gab es 1348, im selben Jahr verbot Papst Clemens VI. in einer Bulle Gewalt gegen Juden ohne Gerichtsverfahren. Auch städtische Behörden versuchten zunächst, die Juden vor Nachstellungen zu schützen, beugten sich jedoch meist rasch dem nach Vergeltung lechzenden Volkswillen. Hinzu kam, dass auch die Städte selbst vom Raub jüdischen Eigentums profitierten. In Savoyen fand 1348 ein Prozess statt, bei dem den Juden unterstellt wurde, Gift für die Brunnenvergiftung aus dem Ausland erhalten zu haben. Unter Folter abgepresste Geständnisse brachten das erwünschte Ergebnis, und die Gerüchte über die Juden verbreiteten sich wie ein Steppenbrand durch ganz Europa. Anfang 1349 gab es Ausschreitungen gegen die Baseler Juden, von denen viele auf der Rheininsel verbrannt wurden. Selbst Juden, die sich zunächst durch die Taufe gerettet hatten, drohte dann erneut Unheil, als die Pest im weiteren Verlauf des Jahres 1349 tatsächlich Basel erreichte.
Das antijüdische Verschwörungsdenken wurde aufgrund dieser religiös bedingten Vorbehalte zu einer regelrechten internationalen Verschwörung. Der Soziologe Werner Bergmann beschreibt es so: „[Die Juden] avancieren vom Helfer des Antichrists zu selbstverantwortlich Handelnden, die auch nicht mehr endzeitlich überwunden werden können, sondern die Christen ihrer Herrschaft dauerhaft unterwerfen werden.“ Ungehört verhallte die Argumentation des Papstes, der darauf hinwies, dass zum einen auch Juden von der Pest betroffen seien und diese zum anderen auch in Gebieten wüte, in denen es überhaupt keine Juden gebe. Obwohl auch manche Landesherren die Juden schützten, wurde das europäische Judentum infolge der Brunnenvergiftungspogrome stark dezimiert. Sein Fortleben fand fortan unter schwereren Bedingungen statt. Offenkundig hatten die über Jahrhunderte zugestandenen Rechte keine Wirkung mehr. Ende des Jahrhunderts und dann erneut im 15. Jahrhundert kam es zu weiteren Übergriffen und Vertreibungen.
Ein Reformator auf Abwegen
Auch die Reformation veränderte die Haltung den Juden gegenüber nicht zum Besseren. Der Reformator Martin Luther, der zu Beginn seines Wirkens noch eine wohlwollende Haltung gegenüber den Juden eingenommen hatte, entwickelte sich zum Ende seines Lebens zu einem regelrechten Judenhasser, dessen Abneigung tatsächlich einen nahezu rassistischen Charakter annahm. Die von Luther zunächst abgelehnte Idee des Ritualmords wurde ihm in der 1543, zum Ende seines Lebens hin erschienenen Schrift Von den Juden und ihren Lügen zur Gewissheit:
„So ists auch unser schuld, das wir das grosse unschuldige Blut, so sie an unserm Herrn und den Christen bey dreyhundert jaren nach zerstörung Jerusalems, und bis daher, an Kindern vergossen (welchs noch aus jren augen und haut scheinet) nicht rechen, sie nicht todschlahen, Sondern fur alle jren mord, fluchen, lestern, liegen, schenden frey bey uns sitzen lassen, jre Schule, heuser, leib und gut schützen und schirmen, damit wir sie faul und sicher machen, das sie getrost unser geld und gut uns aussaugen, dazu uns spotten, uns anspeien, ob sie zuletzt künden unser mechtig werden. Und für solche grosse Sünde uns alle todschlahen, alles gut nehmen, wie sie teglich bitten und hoffen.“
Luther unterstellte den Juden verschiedene Bosheiten gegen die Christen und forderte, sie „wie die tollen hunde aus[zu]jagen“. Vor den mittelalterlichen Anschuldigungen konnten sich Juden in der Regel durch die Taufe, den Religionswechsel also, retten. Doch Luther sah die Juden als „religiös verloren“ an, ihre Rettung sei also auch durch die Taufe nicht mehr möglich. Der christlich geprägte Antijudaismus wandelte sich beim Reformator zu einer Frühform des Antisemitismus. Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann sieht in Luthers Denken daher auch ein wichtiges Bindeglied zwischen dem religiösen Judenhass des Mittelalters und dem rassistisch motivierten Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts.
Der politische Erfolg seines Hasses blieb dem alternden Reformator gleichwohl versagt. Die evangelischen Stände machten sich seine Vorschläge größtenteils nicht zu eigen, und Kaiser Karl V. ließ 1546 die Rechte der Juden bestätigen und sie auch von der Lutherschen Ritualmordunterstellung freisprechen. Vierhundert Jahre später wurden Luthers Schriften in neuen politischen Zusammenhängen aus der Mottenkiste geholt und dienten als eine der Begründungen für die nationalsozialistische Unterdrückungs- und Vernichtungspolitik. Der Herausgeber des NS-Hetzblattes Der Stürmer, Julius Streicher, berief sich noch vor dem Nürnberger Gerichtshof auf Luthers Aussagen.

Verschwörungsdenker? Denkmal des Reformators Martin Luther in Eisleben
Geschlechtsverkehr mit dem Teufel? Hexerei und Hexenprozesse
Magie und Teufel galten, wie eingangs erwähnt, im Mittelalter als reale Phänomene. Zunächst hatte die Kirche Vorstellungen von Zauberei abgelehnt. Hexerei erschien nur als Einflüsterung des Teufels möglich und machte sich höchstens als Traum bemerkbar, nicht als Phänomen der Wirklichkeit. Dennoch verbreiteten sich entsprechende Vorstellungen weit und bildeten zum Beispiel einen Bestandteil des Beichtfragebogens und des Canon Episcopi, einer Sammlung von kirchlichen Rechtssätzen aus dem 9. Jahrhundert. Hier wurde festgehalten, dass „gewisse verbrecherische Frauen […] glauben und von sich behaupten, dass sie in nächtlichen Stunden mit der Diana, der Göttin der Heiden, […] auf gewissen Tieren reiten“.
Im 15. Jahrhundert entwickelte sich die zuvor vor allem als Bestandteil der Beichte relevante Hexerei zu einem Kapitalverbrechen. Die heute häufig für mittelalterlich angesehene Hexenverfolgung war vor allem ein Phänomen der Frühen Neuzeit: Zum einen war der Glaube an Hexerei mit dem Glauben an Magie verbunden – der Möglichkeit also, Wirklichkeit durch zauberische Mittel zu verändern. Zum anderen geht er zurück auf den Glauben an das personalisierte Böse, auf Teufel und Dämonen. Und nicht zuletzt gab es sowohl in protestantischen als auch in katholischen Regionen umfangreiche Hexenverfolgungen, weil sich die Konfessionen darin überboten, gegen religiöse Abweichung vorzugehen – wenn nötig mit Gewalt.
Hexen und Zauberern wurde nachgesagt, Schadenzauber zu betreiben und damit schlechtes Wetter, Epidemien, Unfruchtbarkeit, Missernten und andere Katastrophen auszulösen. Die Verschwörung der Hexen galt als Teil der Wirklichkeit. Wie im Fall der Templer oder auch der Verschwörungsunterstellungen gegen Juden wurden die Geständnisse auf brutalste Weise unter Einsatz von Folter abgepresst. Häufige Unterstellungen betrafen den Hexensabbat, Versammlungen von Hexen in Anwesenheit des Teufels, und die Teufelsbuhlschaft, also Geschlechtsverkehr mit dem Teufel. Hexen und Hexer – etwa 25 Prozent der Opfer in Hexereiprozessen waren Männer – wurden obszöne Rituale, Ritualmorde, Kannibalismus und Hexenflug nachgesagt. Zwar gab es auch während der Hochzeit der Hexenverfolgungen stets Zweifel und Kritik: Nicolas Oresne etwa, ein Berater des französischen Königs, hielt Hexerei für Aberglauben und wies darauf hin, dass unter Folter keine wahren Geständnisse abgegeben würden. Dennoch setzten sich seit Ende des 15. Jahrhunderts Fanatiker wie Heinrich Kramer durch, der in seinem 1486 herausgegebenen Malleus maleficarum (lat. Hexenhammer) das gesamte Register an Vorwürfen gegen Hexen zusammenfasste. Kramer brachte eine deutlich frauenfeindliche Tendenz in den Hexereiglauben. In Buch Exodus (2 Mos Ex 22, 18) der Bibel ist davon die Rede, die (männlichen) Hexer solle man nicht leben lassen, Kramer legte seinen Fokus allein schon durch den Titel seines Werkes auf (weibliche) Hexen.
Von guten Geistern ziemlich sehr verlassen
Nach der Reformation 1517 verstärkte sich die Verfolgung der Hexen. Zweifel an der Hexerei wurden – auf katholischer Seite – nur vorsichtig geäußert. In seinem kritischen Werk Cautio criminalis (lat. Vorsicht in Kriminalsachen) griff der Jesuitenpater Friedrich Spee 1631 die Folter bei Hexereiprozessen an. Als Beichtvater angeblicher Hexen hatte er den Eindruck gewonnen, dass unter Folter falsche Geständnisse zustande kämen. Offenbar bezweifelte Spee sogar, dass es Hexerei überhaupt gebe – diese grundsätzliche Haltung konnte gefährlich sein und gegebenenfalls auch eine Verfolgung nach sich ziehen.
Im Zuge der Hexenprozesse waren bis Ende des 18. Jahrhunderts etwa 50.000 bis 60.000 Opfer zu beklagen. Gerade während der Aufklärung fanden in Gegenden Südeuropas wie Italien und Spanien, die zuvor kaum Prozesse zu verzeichnen hatten, weitere Verfahren wegen Hexerei statt. Dennoch bildete Nordeuropa das Zentrum: Ein päpstlicher Diplomat, der 1648 den Heiligen Stuhl bei den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden vertrat, äußerte sich entsetzt darüber, wie „arme und überaus bedauernswerte Frauen als Hexen von den Flammen verzehrt worden waren“. Es hatte sich ihm ein „fürchterliches Schauspiel“ geboten, bei dem „unzählige“ Menschen getötet worden seien.
Doch sollte es danach noch gut 100 Jahre dauern, bis die Hexereiprozesse zu Ende gingen. Diese Epoche, die sich besonders religiös wähnte, war schon längst vom Pfad der Besonnenheit abgewichen. Ricarda Huch brachte es auf den Punkt: „Wenn die Regierenden anfangen, Feuer und Schwert anzuwenden, um die Einheit des Glaubens und Denkens zu erhalten, hat Gott sie meistens schon verlassen.“
Phantastische Anfänge und weltkluge Berechnung – Die Jesuiten
In Zeiten konfessioneller Auseinandersetzungen wird auch den Jesuiten, der Elitetruppe des Heiligen Stuhls, verschwörerisches Denken und Handeln unterstellt. Die Sprengung des englischen Parlaments, der Stadtbrand von London, die Ermordung des englischen Königs: Im 17. Jahrhundert gelten Jesuiten und Papst in England als Ursache allen Übels. Bis in die Gegenwart richten sich immer wieder üble Unterstellungen gegen den wie ein Geheimbund des Papstes wirkenden Orden.
„Ein Jesuit kommt in eine fremde Stadt. Da er nicht Bescheid weiß, hält er auf der Straße einen Franziskaner an und fragt ihn: ‘Ehrwürdiger Bruder, können Sie mir sagen, wie ich zum Jesuitenkolleg komme?‘ ‘Das werden Sie kaum finden, hochwürdiger Pater‘, antwortet der Franziskaner. ‘Da müssten Sie nämlich immer geradeaus gehen.‘“ Anschaulich zeigt dieser Witz Vorurteile gegenüber den Jesuiten – eine der Gruppen, der über die Jahrhunderte im besseren Fall der Hang zu Schlichen oder Rabulistik unterstellt wurde, im übleren aber, sich zum Nachteil der Menschheit verschworen zu haben.
Die Gesellschaft Jesu – so der eigentliche Name des Ordens – galt von Anfang an als „Speerspitze“ der katholischen Reformbewegung, die sich in der Reformationszeit als Antwort auf die protestantische Herausforderung bildete. Dieses militärische Bild ist nicht ganz abwegig, denn es war ein ehemaliger spanischer Offizier, der den Orden 1534 in Paris gründete. Ein Erweckungserlebnis auf dem Krankenlager, auf dem Ignatius nach einer schweren Verletzung lag, brachte ihn dazu, sich ganz der Nachfolge Christi zu widmen. Mit Hilfe von Exercitia spiritualia (lat. Geistliche Übungen) sollten sich die Jesuiten ihrem Ziel widmen, „Gott und den Seelen zu dienen“.
Militärisch ist aber auch die Organisationsform des Ordens, der 1540 vom Papst anerkannt und zum Gehorsam verpflichtet wurde. Anders als bei den kontemplativen Ordensgemeinschaften, die das Mittelalter geprägt hatten, war es nicht allein sein Ziel, Armut, Keuschheit und vor allem Gehorsam zu pflegen. Auf Geheiß des Papstes ging die „Kampfgruppe Jesu Christi“ vielmehr überall hin, „zu den Türken […] oder zu andern Heiden, selbst in jene Länder, die man Indien nennt, oder zu beliebigen Ketzern und Abtrünnigen, oder zu allen beliebigen Gläubigen“, um „für die Förderung der Seelen und die Verbreitung des Glaubens“ zu wirken, wie es in der Regel des Ordens heißt. Die Jesuiten, die auf Außenstehende nicht zuletzt durch ihre straffe Organisation Eindruck machen, verstanden sich seit je, um es mit den Worten des Heiligen Franz Xaver, eines Mitgründers des Ordens, auszudrücken, als „Gesellschaft der Liebe“. Zugleich wurden sie von Anfang an auch von manchen Katholiken, Vertretern der älteren, mittelalterlichen Orden etwa, als „Werkzeug des Satans und Vorläufer des Antichrist“ beschimpft.

Soldat Christi: Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens
Anrüchige Elite?
Nicht zuletzt die auf weltweite Wirkung angelegte Ordensstruktur ist entscheidend für die Verschwörungen, die den Jesuiten unterstellt wurden. Hinzu kam auch der Erfolg des Ordens, der Misstrauen, Angst und Hass bei seinen Gegnern hervorrief. Innerhalb kurzer Zeit hatten die Jesuiten immer mehr Mitglieder angezogen und sich zu einer Elite von sehr gut ausgebildeten und intellektuell wie geographisch äußerst beweglichen Geistlichen entwickelt.
Die Arbeit des rasch wachsenden Ordens war im 16. und 17. Jahrhundert entscheidend für den Erfolg der Gegenreformation oder, wie man heute auch sagt, Katholischen Reform. Die Jesuiten breiteten sich in ganz Europa, aber auch in Übersee aus. Bereits Franz Xaver, Mitgründer des Ordens, ging mit drei Gefährten nach Ostindien. Die Jesuiten wirkten unter anderem in China, in Tibet, in Nord- und in Südamerika. Bedeutsam war ihre Rolle im Bildungswesen und als Hofbeichtväter katholischer Fürsten. Den großen Erfolg der Jesuiten in den ersten beiden Jahrhunderten ihres Bestehens und ihren prägenden Einfluss auf Bildung, Kultur, Politik und Ökonomie machten die zunächst fortschrittliche Pädagogik, die Beschäftigung mit Philosophie und Naturwissenschaften und überdies die das Mittelalter hinter sich lassende Wirtschaftsethik und Wirtschaftspolitik aus. Die alten großen Orden des Mittelalters waren mit der Reformation in eine Motivations- und Glaubwürdigkeitskrise geraten, die ein Vakuum schuf, das die Jesuiten ausfüllen konnten.
Neben der Inquisition wurden die Jesuiten, wie es der Historiker Markus Friedrich beschreibt, das stärkste „Symbol“ all dessen, was Menschen am althergebrachten Katholizismus ablehnten. Naturgemäß war die Ablehnung in den protestantischen Regionen besonders stark, wie sie zum Beispiel von Ricarda Huch analysiert wird: „Es ist begreiflich, daß die Protestanten die siegreich vordringende Armee der Jesuiten haßten. Sie konnten sich ihren Erfolg nur durch den Gebrauch abgefeimter Mittel, Verzauberung der Seelen und Vergiftung der Leiber erklären. Sie schrieben den Jesuiten alle erdenklichen Teufeleien zu, die ihnen fernlagen; aber die Witterung von etwas Anrüchigem trog sie doch nicht ganz.“
Aber auch in katholischen Kreisen schlug den Jesuiten Abneigung entgegen, besonders bei traditionellen Orden wie den Dominikanern, die die neue Konkurrenz durch die Societas Iesu (lat. Gesellschaft Jesu) bekämpften. In Paris wehrte sich die Universität Sorbonne gegen die Einrichtung eines Jesuitenkollegs – der Orden machte sich mit seiner Tätigkeit viele Feinde. Der Anwalt der Sorbonne, Etienne Pasquier, bezeichnete die Jesuiten als einer der ersten auch als politisch gefährlich: Sein 1602 erschienener Catéchisme des Jésuites (frz. Katechismus der Jesuiten) war eine der ersten wichtigen polemischen Streitschriften gegen die Gesellschaft Jesu. Kritik übte Pasquier auch an ihrer zentralistischen Verfasstheit: Hier war das Motiv gesetzt, das Verschwörungstheoretiker über Jahrhunderte in ihren Polemiken gegen den Orden verwendeten, nämlich das Bild des Jesuitenordens als hypereffiziente Organisation, die weltweit ihre Finger im Spiel hat. Ein deutscher Autor des 18. Jahrhunderts behauptete: „Ihre Monarchie ist eine Maschine, worin alle Räder richtig gehen, sobald das Triebrad gerühret ist“.
Alles schon mal dagewesen
Vermutlich war es Hieronymus Zahorowski, ein ehemaliger Jesuit, der 1614 in Krakau die Monita secreta (lat. Geheime Anweisungen) veröffentlichte. Zahorowski, der von den Jesuiten entlassen worden war, trieb das Motiv, sich am Orden zu rächen. Die Schrift enthielt vorgebliche Regeln, die belegen sollten, wie der Orden Macht und Reichtum zu erreichen suchte. Aus der Schrift ließ sich außerdem eine angebliche jesuitische Grundregel herauslesen: Dass der Zweck die Mittel heilige. Zahlreiche Auflagen auf Latein, Deutsch, Englisch und Französisch machten die Monita secreta bis ins 20. Jahrhundert wirksam. Die vorgeblichen Anweisungen beschreiben, wie sich die Jesuiten in das Vertrauen der Völker und Herrscher schleichen sollen, „reiche Witwen für sich gewinnen“ oder auf andere Art und Weise den materiellen Nutzen des Ordens mehren können. Zwar wurde die Schrift rasch als Fälschung entlarvt, dennoch erlebte sie viele Auflagen und galt in der jesuitenfeindlichen Szene noch lange als authentisch. Die Produktion falscher Dokumente gehört spätestens seit den Monita secreta zum gängigen Methodenrepertoire von Verschwörungstheoretikern. Als ein weiteres Beispiel sind hier in erster Linie die Protokolle der Weisen von Zion zu nennen, ein Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland veröffentlichtes fiktives Dokument, das angeblich eine jüdische Weltverschwörung belegt. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es – übrigens von einem ehemaligen Jesuiten veröffentlichte – falsche Dokumente, die die Schuld der Freimaurer am Attentat von Sarajevo belegen sollten.
Auf Anweisung des Heiligen Stuhls?
Im 17. Jahrhundert gerieten die Jesuiten im anglikanisch gewordenen England ins Visier von Verschwörungstheoretikern. Die Pulververschwörung vom 5. November 1605 – der gescheiterte Versuch katholischer Verschwörer also, das englische Parlament samt König in die Luft zu jagen – wurde den Jesuiten ebenso angelastet wie der Ausbruch der Pest 1665 und der Londoner Großbrand von 1666.
Tödliche Folgen für etliche Angehörige des Ordens hatte der sogenannte Popish Plot (engl. Papisten-Verschwörung) im Jahr 1678. Zentrale Figur dieser Verschwörungstheorie war der ehemalige anglikanische Geistliche Titus Oates. Wegen Gotteslästerung und Unzucht von der anglikanischen Kirche entlassen, trat er bei den Jesuiten ein, wo er kurze Zeit in einer nordfranzösischen, dann in einer spanischen Niederlassung lebte. Der Orden warf ihn nach wenigen Monaten wegen ungebührlichen Verhaltens hinaus, so dass Oates im Juni 1678 nach London zurückkehrte. Gemeinsam mit einem alten Spießgesellen, dem anglikanischen Pfarrer Israel Tonge, schmiedete Oates ein Komplott. Mit Hilfe von gefälschten Briefen und unter Verweis auf seine intime Kenntnis des Ordens, die er als Mitglied erworben hätte, unterstellte er den Jesuiten, auf Geheiß des Papstes ein Attentat auf König Karl II. verüben zu wollen. Bevorzugtes Massenmedium bei der Verbreitung dieser Verschwörungstheorie waren Flugblätter, die zahlreich in den Straßen der Großstadt im Umlauf waren.

Ziel von Unterstellungen: Propagandadarstellung der Jesuiten in Portugal
Die Verschwörungstheorie zog weite Kreise, unter anderem erhoben Tonge und Oates Vorwürfe gegen George Wakeman, den Leibarzt der Königin, in die Mordpläne gegen den König verwickelt zu sein. Noch während das Verfahren lief, wurde der mit dem Fall befasste Friedensrichter Edmund Berry Godfrey von Unbekannten ermordet – auch dieses Verbrechen wurde zunächst den Jesuiten in die Schuhe geschoben. Insgesamt fünfzehn Menschen wurden im Laufe der Verfahren aufgrund der Verschwörungstheorie von Titus Oates hingerichtet. Nach dem Freispruch eines Angeklagten 1681 drehte sich allerdings der Wind. Die Anschuldigungen stellten sich als erlogen heraus, Oates wurde in mehreren Prozessen inhaftiert und zu einer Geldstrafe von 100.000 Pfund verurteilt. Nach dem Machtantritt Jakobs II. 1685 wurde die Strafe dann zu lebenslanger Haft mit jährlicher Vorführung am Pranger und öffentlicher Auspeitschung umgewandelt. Später wurde Oates dann begnadigt.
Wortverdreher oder Sündenböcke?
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kamen mehrere Motive auf, die von an da an zum Grundbesteck antijesuitischer Propaganda zählten. So entwarf der geistliche Schriftsteller Blaise Pascal – als Anhänger einer konkurrierenden theologischen Richtung – in seinen Lettres provinciales (frz. Briefe in die Provinz) das Bild des unmoralischen Jesuiten, dessen Kasuistik – seine Wortverdreherei also – für jede Sünde eine Rechtfertigung biete. Gegenstand der Kritik wurde auch die mit wirtschaftlichen Unternehmungen verbundene jesuitische Missionspolitik in Südamerika: Diese kam vor allem der portugiesischen Krone in die Quere. Portugals leitender Minister Sebastião José de Carvalho e Mello initiierte nach 1750 eine regelrechte Kampagne gegen den Orden, dem er unter anderem auch unterstellte, für den Niedergang der einstmals einflussreichen Kolonialmacht Portugal in der Frühen Neuzeit verantwortlich zu sein.
Die Jesuiten hatten sich im 18. Jahrhundert überlebt. Ihre Modernität, wie etwa im Bildungswesen, war in Rückständigkeit umgeschlagen. Zugleich galten sie als arrogant, elitär und geldgierig – ein wiederkehrendes Motiv in der Geschichte des Verschwörungsdenkens. Kritik fand auch ihre besondere Nähe zum Volk – so richteten sie ihre Arbeit in den unterschiedlichen Ländern stark an den jeweils vorhandenen Bedürfnissen aus. Der Jesuit als von der Zentrale gesteuerter Akteur seines Ordens wurde gleichsam zu einer Figur der Populärkultur. Im aus „Tausenden von Individuen“ bestehenden Orden schien nichts zu geschehen, das nicht den geheimen Zielen der Führung entsprach. Ein jesuitenfeindlicher deutscher Autor meinte 1761, es sei „höchst billig, daß man nach ihren eigenen Gesetzen wegen der Vergehungen einzelner Mitglieder auch die Oberen der Gesellschaft zur Rechenschafft zieht, als welche nothwendig die sachen vorher müssen gewußt haben“.
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