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Inger Edelfeldt
Der Bote
Aus dem Schwedischen
von Birgitta Kicherer
Lindhardt & Ringhof
Inger Edelfeldt, 1956 in Stockholm geboren, begann gleich nach dem Abitur mit dem Schreiben. 1977 erschien ihr erstes Buch »Jim im Spiegel«. Darauf veröffentlichte sie in dichter Folge Romane, Novellensammlungen, Gedichtbände, Theaterstücke und zahlreiche Jugendromane; in Schweden ist sie inzwischen eine der renommiertesten Autorinnen. Inger Edelfeldt erhielt mehrere große Literaturpreise, u. a. den Deutschen Jugendliteraturpreis, und ist neben ihrer literarischen Arbeit auch als Grafikerin und Illustratorin tätig.
1. Kapitel
Diverse Erinnerungen an den Jüngsten Tag und anderes mehr
Dass ich von all den äußerst seltsamen Dingen berichten will, die ich im vergangenen Herbst und Winter erlebt habe, liegt an dir. Es liegt daran, dass ich dich neulich in der U-Bahn gesehen habe.
Zuerst schaute ich ein bisschen extra hin, ohne eigentlich zu begreifen, warum. Dann ging mir plötzlich auf, warum ich dich einfach anstarren musste. Irgendetwas in deinem Wesen bewirkte, dass ich dich erkannte, obwohl ich wusste, dass wir uns noch nie begegnet waren. Schließlich wurde mir klar, was es war: Ich glaubte in dir . . . mich selbst zu sehen! Und das war ziemlich gespenstisch.
Umso mehr, weil du so schrecklich deprimiert ausgesehen hast.
Es wäre natürlich superpeinlich gewesen, dich anzusprechen. Stattdessen versuchte ich dich nicht anzustarren. Aber als ich endlich ausgestiegen war, sah ich ein, dass ich dir gern etwas gesagt hätte. Nichts Aufmunterndes. Auch nichts Einfaches. Nein, ich hätte dir gern erzählt, was mir selbst passiert ist – etwas so Ungewöhnliches, dass du wahrscheinlich gesagt hättest: »Das glaube ich nicht, so etwas gibt es nicht in Wirklichkeit.« Aber es gibt vielerlei Arten von Wirklichkeit.
Ehrlich gesagt, ist alles ein einziges Mysterium. So zum Beispiel, dass ich hier in meinem Zimmer sitze und diese Worte schreibe. Hat mich das, was geschehen ist, nicht stärker verändert? Ich bin immer noch ein Mensch. Dennoch weiß ich, dass ich etwas anderes werden könnte, etwas anderes als ein Mensch. Aber ich existiere noch. Ich sitze hier in dem Stockholmer Vorort Bromma in meinem so genannten Mädchenzimmer (das diese Bezeichnung keineswegs verdient – warum verwende ich sie dann überhaupt?).
Einige bemerkenswerte Veränderungen habe ich notiert, wie zum Beispiel, dass ich jetzt weniger Schlaf brauche. Und das ist ja nur gut, denn so finde ich Zeit, dies alles aufzuschreiben, trotz der lästigen Schulaufgaben und all der Alltagsmühen, die man als Mensch auf sich zu nehmen hat.
Nun, mit dem Tageslicht habe ich demnach keine Probleme. Nur meine Erfahrung (die mir niemand glauben würde!) trennt mich von der Person, die ich vor etwas mehr als einem Jahr war. Und dennoch ist mein Dasein seither ganz anders geworden.
Das alles wirkt bestimmt sehr vage. Daher werde ich lieber mit etwas Konkretem anfangen. Ich werde schildern, wie es in dem Zimmer aussieht, in dem ich mich aufhalte. Meine »Hochburg«, wie der Mutterkuchen sich auszudrücken pflegt (meine verehrte Frau Mama, die nicht ahnt, wen sie da an ihrem Busen genährt hat).
Dass ich momentan am Computer sitze, ist vielleicht nicht allzu schwer zu erraten. An und für sich könnte ich genauso gut mit der Hand schreiben und bei besonderen, höchst privaten Anlässen tue ich das auch (dann schreibe ich mit unterschiedlich farbiger Tinte auf ebenfalls farbigen Papierbögen, die ich in einem speziellen, abschließbaren Schrein aufbewahre). Außerdem schreibe ich mit der Hand, wenn ich mich mit den viel geschmähten »Epochenheften« befasse, die Teil der anthroposophischen Pädagogik sind, von der die Schüler in meiner elitären, geistvollen Schule veredelt werden.
Eigentlich benütze ich den Computer lieber auf andere Weise. Zum Beispiel bleibe ich gern im Grafikprogramm hängen, wo man seinen kreativen Fähigkeiten freien Lauf lassen kann, und seien sie noch so beschränkt.
In meinem Zimmer steht ein Ikea-Bett, das fast immer ungemacht ist. Daneben eine hölzerne Kommode (Antiquität), die als Nachttisch dient. An der Wand hängen Ausdrucke von Fotos, die ich selbst aufgenommen und im Computer bearbeitet habe. Manche sind recht unheilschwanger, ich habe nämlich eine Vorliebe für seltsame Farbkombinationen. Zum Beispiel gibt es da ein paar Landschaftsaufnahmen mit stürmischem Gewölk und ein Selbstporträt als ägyptischer Pharao. Früher hingen neben meinen eigenen Fotos Bilder aus Horrorfilmen, aber die habe ich abgenommen, weil sie kindisch und irreführend sind.
Ein Tisch steht auch in meinem Zimmer – mit einem Arrangement darauf, das ich »Die Szenerie« nenne. Entstanden ist die Szenerie, als ich zwölf war, seither ist sie jedoch sehr viel raffinierter geworden. »Die Szenerie« besteht vor allem aus künstlicher Natur – Büsche, Blumen, Bäume und Felsen, alle aus den unterschiedlichsten Materialien – und wird bevölkert von seltsamen Tierchen sowie von Elben, Gnomen und allerlei anderen Kobolden, die ich aus Cernit modelliert und mit selbst genähten Kostümen ausstaffiert habe.
Daraus lässt sich schließen, dass ich ein basteliges Persönchen bin, das gern herumpusselt und sich garantiert niemals ein Motorrad wünschen würde. Ein emsiges Bienchen, als Mumie geschminkt. Nein, so einfach ist es vielleicht doch nicht, mich zu beschreiben. Oder mich zu verstehen? Ich bin ja schließlich keine normale Siebzehnjährige (oder?).
Was gibt’s noch zu sehen in meinem Reich? Ein Bücherregal mit vermischter Literatur, von Mio mein Mio bis zu den Vampirbüchern von Ann Rice (sollte ich die nicht eigentlich rauswerfen?) und anderen Fantasytiteln, die ich gelesen habe, als ich viel jünger war. Shakespeares gesammelte Werke. Parzival, den wir gezwungenermaßen in der Schule gelesen haben. Sowie ein paar uralte, schimmelige Bücher mit genauso schimmeligem Inhalt, die ich wegen ihrer dekorativen Einbände auf einem Flohmarkt erstanden habe. Ein heilloses Durcheinander. Ja, und dann stehen da auch noch ein paar ausrangierte Bibliotheksbände von mehr oder weniger bekannten Autoren (mein Vater ist Bibliothekar).
Auf dem Boden ein Flickenteppich, gewebt vom besessenen Mutterkuchen. Überall eine Menge Kleider (ich liebe Kleider, vor allem schwarze und vor allem aus Samt. Auch ausgefallenen Schmuck, Gürtel und Ähnliches. Gelegentlich bin ich in Fantasygewändern zu sehen, mitunter auch in mittelalterlicher Gewandung; mittlerweile jedoch eher selten).
Last, not least: An der Wand hängt ein Spiegel. Ein ganz normaler Spiegel, oder besser gesagt: Er sieht aus, als wäre er ein normaler Spiegel. Ein normaler Ikea-Spiegel.
In diesem Winter habe ich ihn zeitweise abgenommen und ihn mit dem Glas zur Wand gedreht.
Aber bevor ich auf das Thema Spiegel eingehe, sollte ich sinnvollerweise berichten, warum ich zu Herbstanfang so extrem deprimiert war.
Wahrscheinlich bin ich nie eine ausgesprochene Frohnatur gewesen. Ehrlich gesagt, neige ich dazu, übertrieben fröhliche Menschen für ein bisschen dämlich zu halten, was an und für sich ein Irrtum sein mag. Aber nun, als ich so auf dem Bett in meinem Zimmer lag, in meinem eigenen Schneckenhaus, mit aufgesetztem Kopfhörer (Lisa Gerrard, Lisa Gerrard!!!), und die Tatsache zu ignorieren versuchte, dass es Zeit war, mich auf den Weg zum ersten Schultag im neuen Schuljahr zu machen (eine Tatsache, die zu vergessen schwer fiel, weil der Mutterkuchen so laut gegen die geschlossene Tür trommelte, dass ich es durch die Musik hörte), – nun, also, in diesem Moment fühlte ich mich wirklich nicht wie der totale Übermensch.
»Arri, du darfst nicht gleich am ersten Tag zu spät kommen!«, tönte die Posaune des Jüngsten Gerichts. Zu ihrer Entschuldigung sei gesagt, dass sie keinen blassen Schimmer hatte, warum ich lieber jedes noch so qualvolle Martyrium erleiden würde als in die Schule zu gehen. Sie wusste nicht, dass ich exkommuniziert war; dass ich riskierte an den Pranger gestellt zu werden, die Narrenkappe aufgesetzt zu bekommen und rückwärts auf einem Esel reiten zu müssen oder wenigstens so übler Verleumdung ausgesetzt zu werden, dass mir jede handfeste Strafe lieber gewesen wäre.
Zwar hatte sie bemerkt, dass meine so genannte Freundin Maira (ja, wird so geschrieben) und ich schon geraume Zeit keinen Kontakt mehr hatten, doch das war in ihren Augen wohl nicht so ernst. Eine harmlose Kabbelei unter Mädchen! Bei unserem letzten Gespräch hatte Maira abschließend gesagt, sie beabsichtige alles Erdenkliche zu tun, um den anderen deutlich zu machen, dass mit meinem Kopf etwas nicht in Ordnung sei. »Ich werde dich DEGRADIEREN«, waren ihre Worte gewesen.
Wie diese Degradierung aussehen würde, wusste ich nicht, aber ich konnte es mir vorstellen: 1. Alle peinlichen Geheimnisse weitererzählen. 2. Erzählen, was in Visby vorgefallen war, und zwar so, dass meine Wenigkeit als Verräterin dastand. 3. Sich mit all denen verbünden, die mich ohnehin schon verachteten. 4. Mich als feige, krank und schrullig darstellen. Vielleicht sogar dieses ausgesprochen bescheuerte Foto zeigen, das ich von meinem eigenen Busen gemacht hatte, um zu beweisen, dass jede Brust in der richtigen Beleuchtung gigantisch aussehen kann, auch ohne Computertricks . . . oder dieses Foto von mir mit Schnurrbart, das ich aufgenommen und ohne jede krankhafte Absicht am Computer verändert hatte . . . Warum hatte ich ihr nur diese Ausdrucke gegeben? Lehre: Glaube nie, dass »deine beste Freundin« für immer »deine beste Freundin« bleiben wird.
Phalandra und Sinistra, so nannten wir uns gegenseitig. Als wir kleiner waren, nannten unsere Eltern uns »die beiden Kletten«. Arri und die kleine Maira, die sich eigentlich »Myra« schrieb (vielleicht hatten uns unsere ungewöhnlichen Namen zusammengeführt?). Myra, die »Ameise«, die ehemals Kleinste der Klasse, die inzwischen plötzlich danach zu streben schien, zu den obercoolen Typen zu gehören, die hatte mich jetzt also exkommuniziert.
Ich bemühte mich aufrichtig nicht daran zu denken, während ich mich zur Schule schleppte. Ermahnte mich streng, dass es nicht die geringste Rolle spiele, Maira sei ohnehin nur eine peinliche blasse Kopie meiner eigenen strahlend interessanten Person gewesen. In Wirklichkeit würde mir meine hoch entwickelte Begabung und Phantasie alles geben, was ich an Freundschaft benötigte, usw., usw.
Strahlend begabt und phantasievoll, schlurfte ich weiter die Straße hinauf, am Kindergarten und Freizeitheim vorbei. Eigentlich hätte ich schon längst die Schule wechseln müssen, aber der Mutterkuchen betonte jedes Mal, das komme nicht infrage, in anderen Schulen herrsche nämlich ein viel zu harter Geist.
Innerlich trällernd, lenkte ich meine Schritte demnach weiter bergauf zu den pastellfarbenen Nebengebäuden und dem grauweißen Haupthaus.
Aber kaum erblickte ich Maira, die in einem Grüppchen auf dem Schulhof stand und mir den Rücken zukehrte (hatte sie mich schon erblickt?), da wurde mir eisig kalt. Ich fühlte mich ungefähr wie ein hilfloses Kind, das widerstrebend zu einer Skitour mitgeschleppt worden ist, die andern irgendwann nicht mehr einholen kann und bezweifelt, ob überhaupt jemand bemerken wird, wenn es im Tiefschnee stecken bleibt, während die übrigen Pause machen und warmen Kakao trinken.
Mit meinen anderen Klassenkameraden hatte ich nämlich keinen besonders guten Kontakt, und zwar, weil in mir das hartnäckige und vermutlich bedauerliche Gefühl entstanden war, sie hätten mir nichts zu bieten. Maira dagegen hatte bereits lange vor den Sommerferien damit begonnen, ihre Fühler in alle möglichen Richtungen auszustrecken, fast so, als hätte sie damals schon vorgehabt, mit mir Schluss zu machen.
Aber bevor ich noch mehr von unserer interessanten Schule und Ähnlichem erzähle, ist es vielleicht angebracht, zu berichten, was tatsächlich hinter Mairas Drohung steckte, mich zu degradieren.
2. Kapitel
Was sich in Visby, der Stadt der Verdammnis, zutrug
Mairas Eltern verbrachten jeden Sommer ein paar Wochen in einem Haus in Visby auf der Insel Gotland. Sie teilten das Haus mit anderen Verwandten und dieses Jahr hatten sie endlich das Glück, während der Mittelalterwoche dort sein zu können. Und weil sie glaubten, Maira und ich seien immer noch »die beiden Kletten«, durfte ich mitkommen.
Vor ungefähr sieben Jahren war ich zum letzten Mal auf der Mittelalterwoche gewesen, seither hatten meine Eltern andere Dinge bevorzugt. Allerdings hatte ich schon als Zehnjährige ein sauertöpfisches, verschlossenes Naturell, daher erinnere ich mich vor allem daran, dass es mir in Visby viel zu voll gewesen war und ich die Erwachsenen albern fand. Gewiss muss es auch damals ein paar Lichtblicke gegeben haben, aber ehrlich gesagt, ist mir mein ganzes zehntes Lebensjahr als eine Art Nebel in Erinnerung geblieben, der durchlitten werden musste. Zu jener Zeit hatte ich noch keine speziellen Interessen. Spice Girls oder andere Popgruppen lagen mir nicht. Ich weiß noch, dass ich eine wachsende Anzahl scheußlicher kleiner Hunde und Hamster häkelte, vermutlich, weil ich mich nach echten Haustieren sehnte. Die konnte ich aber nicht haben, weil vor kurzem festgestellt worden war, dass sich zu den vielen lästigen Eigenschaften, die ich bereits besaß, auch noch eine Pelztierallergie gesellt hatte.
In kürzester Zeit häkelte ich eine ungeheure Menge wolliger Tiere in grellen Farben, die ich taufte und miteinander paarte. Ich führte über ihre Stammbäume und Nachfahren Buch, kleine pingelige Heftchen, die der Mutterkuchen immer noch in einer Schachtel aufbewahrt (als Monument nostalgischer Gefühle, die aus einer Zeit herrühren, als die Mutter-Tochter-Beziehung noch einfacher funktionierte, weil meine Wenigkeit noch keine spürbare Persönlichkeit entwickelt hatte).
Wie dem auch sei – da waren wir nun in Visby und endlich begriff ich, was eigentlich der Witz des ganzen mittelalterlichen Spektakels war! Es lief auf genau das Gleiche hinaus wie das Dasein meiner gehäkelten Tierchen, nämlich auf die Paarung. D. h. alle paarten sich, nur ich nicht. Ja, und dann gab es da noch etwas Wesentliches, das im Leben meiner gehäkelten Tierchen gar nicht vorkam, und das war, sich möglichst bis zum Exzess zu betrinken. Eine Tätigkeit, der ich mich ebenfalls nicht zu widmen pflegte (auch mit Drogen hatte ich nichts im Sinn, obwohl der Mutterkuchen sich manchmal einbildete, mein eigenartiges Verhalten müsse von irgendeiner Droge herrühren, die es zu ihrer Zeit noch nicht gab).
Maira und ich hatten uns zwei unglaublich mittelalterliche Kleider genäht, in die gewandet wir nun durch die Gassen zogen. Wir hatten den ganzen Sommer daran genäht und gestickt. Mairas Kleid war mitternachtsblau und meins schwarz, mit dazugehörigen Umhängen aus Synthetiksamt.
Maira hatte schon mehrmals damit gedroht, in den Tolkienverein einzutreten, obwohl sie wusste, dass mich nichts auf der Welt dazu bringen würde, dort Mitglied zu werden – denn wer will schon den Spuren seiner Väter folgen? Im Tolkienverein hatten sich meine Eltern nämlich anno 1982 unter den Namen Glorfindel und Goldberry kennen gelernt – ein schicksalhaftes Ereignis für mich und meine Schwester.
Bei mir steht Folgendes fest: 1. Keine Vereine. 2. Keine Rollenspiele. 3. Auch keine Life-Rollenspiele. 4. Kein Chorgesang. 5. Bitte, keine Schulaufführungen mehr! (Ich habe in der Achten in Ein Mittsommernachtstraum die Mauer gespielt und außerdem im Märchentunnel den Kleinen Bären mit so überzeugendem Gebrüll dargestellt, dass einer der Väter, die durch den Tunnel krochen, noch wochenlang danach einen Herzkasper hatte. Doch das ist eine andere Geschichte).
Im Übrigen neige ich nicht dazu, anthroposophische Wachskerzen zu ziehen und zu dekorieren, Federmäppchen aus Filz herzustellen, Papierlaternen zu basteln oder in Eurythmieaufführungen Herbstlaub darzustellen.
Hoppla, da bin ich aber weit vom Thema Visby abgekommen. Das hat wohl damit zu tun, dass mir immer noch leicht übel wird, wenn ich daran denke, was sich dort abgespielt hat.
Anfangs war es zugegebenermaßen gar nicht so schlecht. Wir flanierten über den Deutschen Markt und zum Turnierplatz und stellten uns zur Schau. Natürlich wurde vor allem Maira von den Jungs angemacht: Zu ihrem mittelalterlichen Gewand trug sie alte Nikesportschuhe – ein geschickter Schachzug, weil interessierte Jungs dann jederzeit das Gespräch mit der intelligenten Beobachtung eröffnen konnten, im Mittelalter hätte es aber noch keine Turnschuhe gegeben.
Maira war ziemlich wählerisch, wenn es um Jungs ging, daher wunderte ich mich etwas, als sie plötzlich Krethi und Plethi zu der Fete einlud, die wir fürs kommende Wochenende geplant hatten. Dann würden ihre Eltern zu Freunden nach Farö fahren und wir würden das Haus für uns allein haben. Zum Beispiel lud sie ein paar Angeber ein, die sie erst seit kurzem kannte und die Dudelsack und Trommel spielten, und dann noch zwei, drei unförmige Mädchen in Lodengewändern, wahrscheinlich nur, weil die garantiert hässlicher waren als sie selbst. »Bringt ruhig noch jemanden mit!«, forderte sie alle großzügig auf. »Und auch was zum Essen und Trinken!«
Am Abend dieses ersten Tages wurden wir selbst von einer Gruppe mittelalterlicher Handwerker dazu eingeladen, auf einer eiskalten Wolldecke zu sitzen und sauren Rotwein zu trinken. Ich brachte keinen Ton heraus, hockte bloß da und starrte wie eine großäugige Ratte einen der schönsten Jungen an, die ich je gesehen hatte, einen Zauberkünstler und Jongleur mit langen blonden Locken und spöttischem Gesicht. Leider sah ich auch, wie sich zwischen ihm und einer Wikingertochter von natürlicher Schönheit eine Romanze entspann. Die Wikingertochter hatte eine Haarmähne so dicht wie die von Berenike und ein Lachen so klangvoll wie Harfenspiel.
Schließlich ging ich einfach weg, mein schwarzes Herz übernahm die Kontrolle über meine halb erfrorenen Füße. In der Dunkelheit sah ich allerdings kaum, wohin ich Letztere setzte. Alle waren betrunken, überall. Auf der Brücke über dem Wallgraben standen Pagen, die übers Geländer spien. Ich spürte deutlich, wie sehr ich die Menschheit verabscheute.
Dass ein gedunsener, sternhagelvoller Typ mich mit »Goth« anpflaumte, machte die Sache auch nicht besser. »He, du Goth-Tussi«, lallte er daher.
Ich trage ja nicht deshalb Schwarz, weil ich in eine dieser Kategorien gehöre (oder überhaupt in irgendeine Kategorie!), ich finde Schwarz einfach gut. Darum muss man noch lange kein Gothic-Fan sein.
Aber wo sollte ich hin? Es war Mitternacht. Mairas Eltern würden es bestimmt nicht schätzen, dass ich Maira auf dem Turnierplatz zurückgelassen hatte, allein im Finstern auf der Decke, umgeben von schwankenden, lallenden Pagen und Rittern und selbst sauren Wein trinkend (nach dem ich bestimmt ebenfalls stank). Das Handy – das in einem extra angefertigten Samtbeutel lag, da Aucassin und Nicolette sich wohl kaum per Handy verständigt hatten – hatte inzwischen einen leeren Akku. Ich glaubte eine beginnende Blasenentzündung zu spüren. Im Holzschuppen fand ich eine stark mottenzerfressene Wolldecke, in die ich mich einwickelte, während ich auf Maira wartete.
Als sie um zwei Uhr ankam, befand sie sich in einer anderen Welt. Sie hatte einen Elben getroffen, der sie zum Abschlussfest eines Life-Rollenspiel-Camps eingeladen hatte, das weit außerhalb der Stadt lag. Das Fest fand ausgerechnet an dem Tag statt, an dem wir unsere Fete geplant hatten. Was jetzt?
»Du kannst unmöglich in Nikeschuhen zu dem Life-Camp rausfahren, die ziehen dir die Haut ab und werfen dich den Trollen zum Fraß vor«, bemerkte ich.
»Dann kaufe ich mir eben Schuhe auf dem Markt«, sagte Maira hektisch. »Oder ich geh barfuß.«
»Übrigens gab’s früher auch keinen Synthetiksamt«, bemerkte ich.
»Jetzt hör doch auf zu meckern! Dieser Junge ist ein Elbe, ich sag’s dir! Mit oder ohne Ohren!«
»Na klar doch.«
»Sei doch nicht ständig so negativ!«, beharrte sie und versprach, ich dürfe auch mitkommen.
»Ich denk ja nicht daran, in irgendwelchen Zelten rumzuliegen, Met zu trinken und peinliche Lieder zu singen. Und was ist mit dem Fest, zu dem du halb Visby eingeladen hast?«
»Aber Arri, das hier KANN ich einfach nicht verpassen, lieber schneid ich mir den Hals ab!«
»Dann musst du deine Fete eben absagen.«
»Mensch, sei doch nicht so supernegativ! Diese Sache im Camp fängt erst ziemlich spät an. Um zehn würden ein paar Gaukler mich . . . uns hinfahren. Also können wir bis dahin bei uns feiern. Und anschließend wissen die meisten bestimmt noch andere Feten, wo sie hinkönnen. Das klappt schon!«
Also überredete sie mich. Zuerst wollten wir mit diesen Krethi und Plethi, die sie eingeladen hatte, feiern, danach würden bestimmt viele zu dem Life-Camp mitkommen. Ich musste versprechen sie auf jeden Fall dorthin zu begleiten und dafür wollte sie mir ihre Original Loreena-McKennitt-Platte schenken plus den Choker mit den schwarzen Steinen und vielleicht ihre Strumpfhose aus London, die mit dem Drachenmuster. Aufräumen und sauber machen könnten wir dann am nächsten Tag, irgendwie würden wir garantiert in die Stadt zurückkommen. Der ohrenlose Elbe wohnte normalerweise in Halmstad, dies sei also die letzte Chance, am Sonntag würde er nämlich nach Hause fahren.
Doch dann passierte Folgendes: Als die Gäste im Laufe des Abends ins Haus zu tröpfeln begannen, erwartete mich der größte Schock der Woche: Der Zauberkünstler mit den langen blonden Locken tauchte auf. Ohne die Wikingertochter. Und ER SPRACH MIT MIR. (»Arri, was ist das denn für ein Name?« – »Eine Abkürzung von Arwen.« – »Aha, aber wie heißt du tatsächlich?« – »Ich heiße so.« – »Das ist doch wohl ein Pseudonym?« – »Nein, ich bin so getauft.« – »No kidding! Krass!«)
Dies vergrößerte meine Abneigung dem Camp gegenüber, zumal inzwischen Regen eingesetzt hatte. Außer Personen, die lächerlich geil auf ohrenlose Elbenknaben sind, fährt doch kein Mensch freiwillig bei Regen in durchweichte Life-Rollenspiel-Camps, die weit draußen in der Dunkelheit liegen.
»Okay«, sagte Maira beherrscht, als wir uns auf der Toilette darüber unterhielten, »du bleibst hier und sorgst dafür, dass alle sich menschlich aufführen und das Haus nicht demolieren, und ich fahr zum Camp. Der mit dem Auto wollte uns um zehn beim Kapitelhaus einsammeln.«
Unter dem großen schwarzen (mittelalterlichen?) Schirm ihres Vaters machte sie sich auf den Weg und mir wurde plötzlich mit einem gewissen Schauder klar, dass ich jetzt eine Verantwortung für das Haus trug. Und falls ich alle zum Gehen aufforderte, würde der Zauberkünstler ebenfalls verschwinden. Ich konnte ihn ja schlecht bitten zu bleiben, wenn alle andern sich verabschieden mussten; so weit war es dann doch noch nicht gediehen.
Nun hatten aber die infernalischen Weber am Webstuhl des Schicksals noch eine Überraschung für mich parat: Simsalabim – und plötzlich steht die Wikingertochter da und will zu ihrem Zauberkünstler eingelassen werden! Sie hat nämlich bis jetzt an einer Tanzaufführung teilgenommen! In ihr goldenes Haar hat sie Rosen gesteckt. Ich lächle liebenswürdig und lasse sie eintreten, während ich mich auf der Stelle in einen Mutanten verwandle, zu gleichen Teilen aus enttäuschtem Kleinkind und Pitbullterrier bestehend. Die Wikingertochter marschiert schnurstracks auf den schönen Zauberkünstler zu und führt den Beginn der Schlafzimmerszene aus Romeo und Julia auf.
Und was tue ich, Arri, die Tüchtige? Nun, alles verflüchtigt sich aus dem Kopf der tüchtigen Arri, alles bis auf die große Trauer (an die ich mich eigentlich schon gewöhnt haben müsste, weil alles immer in ihr zu münden scheint).
Ich hätte erwähnen müssen, dass sich in dem Haus eine gewisse Anzahl Flaschen mit alkoholhaltigem (in mehreren Fällen sehr alkoholhaltigem!) Inhalt befand. Schau an, Arri trinkt Schnaps! Schau an, Arri trinkt noch mehr Schnaps! Schau an, Arri schert sich den Teufel um den ganzen Quatsch und schläft stockbesoffen auf dem groß geblümten Bettüberwurf im Bett von Mairas Eltern ein! Und, schau an, schau an, natürlich wacht Arri am Vormittag in einem leeren, unverschlossenen Haus auf und ihr ist speiübel!
Und das Ganze wurde auch nicht davon besser, dass 1. der Glastisch vor dem Sofa zerbrochen war, 2. das Sofa und der Teppich vor Wein und Chips klebten und das ganze Zimmer wie ein Saustall aussah, 3. es sich später herausstellte, dass aus der Schublade im Eingangsflur Geld, aus dem Regal im Zimmer Videokassetten und aus dem Badezimmerschrank Schmuck geklaut worden waren.
Maira kam mit Knutschflecken am Hals zurück, besah sich das Chaos und machte mich für alles verantwortlich, worauf ich sowohl traurig als auch wütend wurde. Außerdem verbot sie mir ausdrücklich zu erwähnen, dass sie diejenige gewesen sei, und zwar sie ganz alleine, die einen Haufen Leute eingeladen hatte, um sich dann einfach aus dem Staub zu machen.
Aber weil ich mich nicht wie eine gekuschte Ratte fühlen wollte, erzählte ich Mairas Eltern als Erstes, dass sie genau das getan hatte. Mairas Version – die wir gemeinsam hätten auftischen sollen – lautete dagegen, wir hätten nur ein paar wenige ausgesuchte Freunde eingeladen, dann sei aber ein eifersüchtiger, betrunkener Freund mitsamt Spießgesellen aufgetaucht und habe den wilden Mann gespielt. Maira dachte sich das Ganze blitzschnell aus: Der unidentifizierbare ehemalige Freund eines der sittsamen Mädchen, die an unserem Kinderfest teilnahmen, sei ein Deutscher namens Hans (oder vielleicht Wolfgang?) gewesen und inzwischen sei er spurlos verschwunden. Außerdem sei er schwarz geschminkt gewesen und seine ehemalige Freundin wisse nicht einmal, wo in Deutschland er überhaupt beheimatet sei. (Vermutlich hatte er sich in voller Rüstung auf den Glastisch gesetzt und zornentbrannt mit der Hellebarde Chipstüten gespalten.)
Wie gesagt – ich berichtete Mairas Eltern den tatsächlichen Verlauf der Ereignisse, worauf mich Maira kurzerhand exkommunizierte. Ich hatte auch noch angeboten die entstandenen Schäden mit meinen mageren Ersparnissen zu beheben, doch die Eltern waren der Ansicht, die Hauptschuldige sei vor allem Maira. Dieser Ansicht war ich ehrlich gesagt auch.
Was keineswegs verhinderte, dass ich Maira seither vermisste.
Ja, so war das also. Das heißt natürlich nicht, dass ich mich in Gedanken unablässig mit Maira und ihrem Verhalten beschäftigte. Ich hatte nicht einmal versucht mit ihr Kontakt aufzunehmen. Ich fand, es sei ihre Sache, einzusehen, dass ich unschuldig war.
Wie der aufgeweckte Leser gewiss schon ahnt, mangelte es mir nicht an Fähigkeiten, mich allein zu amüsieren. Natürlich müsste ich jetzt endlich auf die Ereignisse des ersten Schultages zu sprechen kommen, aber um meine Persönlichkeit noch eingehender zu beleuchten und um anzudeuten, wie meine Gemütsverfassung war, bevor das eigentliche Drama sich entfaltete, möchte ich vorher noch zwei Texte anführen, die zum Inhalt des verschlossenen Schreins gehören und ungefähr zu jenem Zeitpunkt im Herbst entstanden sind.
Der erste ist mit roter Tinte auf hellgrauem Papier geschrieben:
GEDANKEN ÜBER DIE EXISTENZ
Es gibt etwas, das mich immer wieder in Erstaunen versetzt, nämlich dass eine überwiegende Mehrheit der Menschen glauben kann, alles in unserer Existenz und in der Existenz der Welt sei »selbstverständlich«. Hand aufs Herz: Das einzig Selbstverständliche ist doch, dass alles ein Rätsel ist, ein Mysterium. Dass wir überhaupt »geboren« werden, dass wir »leben«, dass wir »sterben«, dass es uns »gibt« – all das ist atemberaubend unbegreiflich, und damit unser Verstand nicht explodiert, wenn er an diese Dinge rührt, müssen wir ganz einfach gewisse Möglichkeiten vereinbaren, wie wir die »Wirklichkeit« betrachten wollen! Aber viele Menschen sehen nicht ein, dass diese Betrachtungsweisen eben nur . . . Vereinbarungen sind! Denn wenn man der Sache auf den Grund geht, »existiert« eigentlich nichts – oder zumindest nichts, das ein Gesicht, eine Oberfläche oder einen von Menschen geschaffenen Namen hat! Am besten wäre es, gar nicht daran zu denken. Ich ahne, dass diese Gedanken einen wahnsinnig machen können. Gleichzeitig ist es ja unmöglich, nicht daran zu denken!
Vielleicht gibt es eine weniger unheimliche Möglichkeit, sich diesen Dingen zu nähern. Bleibt mir nur, diese Möglichkeit zu finden! Wahrscheinlich wird es mir nie gelingen, das alles einem anderen Menschen zu erklären.
Am allerschlimmsten ist es, wenn mich das Gefühl von völliger Unwirklichkeit befällt. Das Gefühl, dass alles eine Illusion ist – ich selbst auch. Was hilft dann noch? Was ist das Heilmittel dagegen? Vielleicht, manchmal, etwas mit den Händen zu machen. Oder sich zu verlieben; dann wird alles wirklicher als wirklich, das ist eine Art totaler Verwandlung! Es ist, als würde alles von einem besonderen Licht beleuchtet und man selbst wäre die Lampe, man EXISTIERT wirklich und die Tatsache, dass alles ein Rätsel ist, erschreckt einen nicht mehr.
Das Dumme ist nur, dieses Gefühl lässt sich nicht festhalten. Vor allem wenn man das Pech hat, jemand zu sein, in den die Leute sich im Allgemeinen nur selten verliehen.
Bogen Nummer zwei ist mit Silbertinte auf schwarzem Papier geschrieben:
AM FLUSS DER UNTERWELT
Tief in meinem Innern existiert ein schrecklicher, tödlicher Ernst. Ein schwarzer, tiefer Fluss, der durch die Unterwelt fließt. (Das ist der Grund, warum ich Lisa Gerrards Stimme so liebe, sie berührt genau diesen Ernst.)
Es ist, als wäre ich eigentlich viel älter als ich bin. Als könnte ich, Zeitalter um Zeitalter, in die Vergangenheit zurückkehren, bis ich irgendwo ankomme, wo alles seinen Ursprung hat, in einer Art Urernst.
Ist »Ernst« das richtige Wort? Was gibt es dort, am Ufer des unterirdischen Flusses? Feierlichkeit. Etwas unheilig Heiliges. Lust? Grausamkeit?
Ich weiß nur, dass etwas mich ruft.
Aber kann man dorthin gelangen und noch Mensch sein?
Noch etwas sollte ich vielleicht erwähnen. Seit ich von Gotland zurückgekehrt war, hatte ich das Gefühl gehabt, dass etwas Bemerkenswertes geschehen würde. Ein Riss im Gewebe der Illusionen. Ein Tor, das sich in etwas anderes öffnete. Eine Art Erwähltheit. Als ich nach der Überfahrt von Gotland, die ich in der Gesellschaft der hartnäckig schweigenden Maira verbracht hatte, müde und traurig mein Zimmer betrat, überkam mich dieses Gefühl wie eine Art deutlicher Vorahnung oder Botschaft. Trotz Kummer und Aufregung fühlte ich das und ich weiß noch, wie ich in jener Nacht in meinem Bett lag und mich auf der Grenze zwischen Schlaf und Wachsein in einem gleichsam schwebenden Zustand befand, in dem Worte und Bilder mich heimsuchten, fast als wäre ich in Trance. Diesen Zustand kennen wohl die meisten, er stellt sich direkt vor dem Einschlafen ein. Und da hörte ich plötzlich eine Stimme sagen: »Du wirst hindurchtreten.«
Mehr war es nicht. Aber es schien mir voller Bedeutung zu sein. Ich verstand nicht so recht, wie ich es interpretieren sollte, hatte aber das Gefühl, dass die Botschaft irgendwie von einer »anderen Seite« kam. Das hätte mich vielleicht erschrecken sollen, mir kam es jedoch eher wie eine Verheißung vor.
3. Kapitel
Die Zeit der Wunder ist möglicherweise noch nicht vorbei
Das Gefühl, eine kleine Rotznase zu sein, die zu einer Skitour gezwungen worden ist, hielt an. Ich fühlte mich wie in einem nicht endenden Alptraum, als ich an jenem ersten Schultag im Klassenzimmer saß. Wenn mir alles wirklich zuwider ist, höre ich manchmal auf zu atmen und merke es erst, wenn ich fast ohnmächtig werde. So schlimm war es auch diesmal. Ich musste mich zum Atmen zwingen, damit das Klassenzimmer nicht zu kreisen begann und ich unnötige Aufmerksamkeit auf mich zog, indem ich vom Stuhl kippte.
Wir hatten eine neue Klassenlehrerin. Unsere alte, von mir geschätzte Lehrerin hatte Mutterschaftsurlaub. Die neue hatte eine Namensliste, auf der ich als ARWEN Björklund verzeichnet stand. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Namen anfangen soll. Inzwischen wissen die meisten wenigstens, woher er kommt.
Trotz meiner jämmerlichen Verfassung gelang es mir, darauf hinzuweisen, dass ich Arri genannt werde, aber die Neue zwitscherte einfach drauflos, wie schön dieser Name sei und wie sehr sie die Bücher liebe, in denen meine Namensschwester vorkomme (ja, inzwischen gibt es mich ja sogar als Plastikfigur).
Ich fing einen Blick von Maira ein, der unverhohlene Verachtung ausdrückte. In der Pause konnte ich trotz all meiner Vorsätze nicht umhin, ihr eine SMS zu schicken: »Können wir nicht wenigstens miteinander REDEN?«
Sie simste zurück: »ARTUR.«
Ich wusste, was das bedeutete. Sie hatte früher mal einem Jungen, auf den sie sauer war, per SMS mitgeteilt, was sie von ihm hielt, doch das wohlerzogene, kleine Hühnerhirn des Handys kannte dieses Wort nicht und machte »ARTUR« daraus.
»ARSCH«, bedeutete das. Nie hätte ich geglaubt, dass dieses Wort mich bezeichnen würde.
Obendrein mussten alle natürlich zu mir herkommen und fragen: »Hast du dich mit Maira verkraaacht?«
Als ob das nicht genug wäre, würde unsere erste Epochenarbeit sich mit sphärischer Trigonometrie befassen, ein Thema, das mich kaum zum Jubeln brachte.
Arsch Arwen Artur machte das einzig Wahre, sie wartete, bis sie Migräne bekam, und verließ die Schule nach der Mittagspause.
Die klägliche, kleine Rotznase trottete die Straße hinunter und warf einen zufälligen Blick auf den Hof vor dem Freizeitheim der Schule. Und dann geschah es. Ich sah . . . ja, wie soll ich ihn nennen? Alles wird unbedeutend im Vergleich, es gibt Sachen, die lassen sich nicht beschreiben. Nicht dass ich nicht beschreiben könnte, wie er aussah: eine schmale, schwarz gekleidete Gestalt, blass, ohne geschminkt zu sein. Dunkle Augen, schmale schwarze Augenbrauen (zugegeben, die waren wahrscheinlich geschminkt). Ich glaube, er trug ein schwarzes Samthemd. Seine Haare waren auch schwarz, lang und gerade. Sie flatterten im Wind. Er hatte silberne Ohrringe und um den Hals auch etwas Silbernes (was, das erfuhr ich später). Und ich weiß nicht, warum, aber als ich vorbeiging – vermutlich stand mir das Wort »suizidal« auf die Stirn geschrieben –, lächelte er, und das war das wundervollste, persönlichste Lächeln, das ich je gesehen hatte. Als wüsste er etwas über mich, und zwar augenblicklich. Als würde er etwas sehen, was alle anderen nicht entdeckten.
Und dann war ich vorbeigegangen. Kein Wort hatte er gesagt.
Am liebsten hätte ich kehrtgemacht, doch das ging natürlich nicht. Ich wagte nicht einmal einen Blick über die Schulter zu werfen. Ich weiß nicht, wovor ich Angst hatte – vielleicht davor, in Stücke zu zerspringen. Aber sein Bild blieb mir vor meinem inneren Auge. Dort verwahrte ich es wie in einer mit Edelsteinen verzierten Schatztruhe, dort stellte ich es auf einen Altar und zündete kostbaren Weihrauch davor an. Und ich schrieb mit Goldstift auf rotes Papier:
DER ABGESANDTE
Wie lange hat das Wunder gewährt? Das Wunder: sein Lächeln, das mir galt. Als würde er mich wirklich sehen, direkt in die Tiefe meiner Seele blicken. Als würde er meine Seele berühren. Ein magischer Akkord, der alle Schlösser öffnete.
Wer ist er? Ist er gesandt worden, um mich zu retten? Hat eine unbekannte Macht irgendwo beschlossen mir mitzuteilen: Das Leben muss nicht wie eine unfreiwillige Skitour sein. Es gibt auch andere Dimensionen.
Er stand wirklich da, wie aus einem meiner Träume getreten.
Daher tanzte ich an diesem ersten Schultag dieselbe Straße hinunter, die ich mich zuvor hinaufgeschleppt hatte. Und ich tanzte den ganzen Weg nach Hause zu meiner besorgten Mutter, die seufzend am Schreibtisch saß und ein Buch über Schlangen übersetzte.
Und sie sagte: »Was ist denn mit dir los?«
Und ich sagte: »Ich hab Migräne«, und schloss mich mit Lisa Gerrard in meinem Zimmer ein. Die Mutter hämmerte an die Tür und sagte: »Du hast überhaupt keine Migräne, dann würdest du nämlich keine Musik hören!«
Also holte ich tief Luft und ließ sie gegen besseres Wissen herein.
»Was ist denn mit dir?«, fragte sie. Und dann sah sie mich lange an und sagte: »Sehr eigenartig, aber ich glaube tatsächlich, dass du froh aussiehst. So froh wie schon lang nicht mehr.«
Das war ja einfühlsam. Vor lauter peinlicher Rührung hätte ich fast losgeheult. Aber ich hatte wirklich keine Lust, ihr zu verraten, warum. Es war einfach zu groß. Stattdessen versprach ich ohne jegliche Überwindung am nächsten Tag und an allen anderen Tagen zur Schule zu gehen.
Am nächsten Tag jedoch schaute er mich nicht an – alas! Er lächelte mir nicht zu. Er stand da und unterhielt sich ausgesprochen intim und engagiert mit einem Mädchen aus der Zwölften, die Amanda hieß und sehr proper aussah. Mir wurde außerdem klar, dass ich ihn schon früher gesehen hatte; er hatte sich im Laufe des Sommers nur grundlegend verändert. Ich fand ihn im Jahrbuch vom vergangenen Schuljahr; hübsch zwar, aber keineswegs exotisch. Jetzt war er ein ganz anderer. Nur sein Name war gleich geblieben: Er hieß Oscar Axelsson.
Obwohl ich einsah, dass es besser wäre, ihn ganz und gar zu vergessen, fügte ich noch einiges auf dem roten Bogen hinzu:
Ich habe nie mit ihm gesprochen und doch ist es, als würden wir uns kennen. Als könnte ich ihn an die Hand nehmen und mit ihm in die tiefste Tiefe wandern.
Als könnte ich ihn in alles einweihen, was ich denke und fühle. Sowohl in alles Helle als auch in alles Grausame. In all die unterschiedlichen Räume und Zeitalter. In die magischen Gärten, die unterirdischen Reiche. In alles, was eine uralte Seele enthalten kann.
Gleichzeitig war es ja extrem schwierig, diese Amanda zu ignorieren. In den folgenden Tagen sah ich ihn so oft in ihrer Gesellschaft, dass ich umgehend in eine totale kohlpechrabenschwarze Depression versank.
Und genau in dieser ersten, von Hoffnungslosigkeit geprägten Zeit wachte ich eines Nachts mit dem deutlichen Gefühl auf, beobachtet zu werden. Die Dunkelheit erschien mir irgendwie geladen, als würde jemand mich suchen. Vom Bett aus blickte ich ins Zimmer und aus irgendeinem Grund jagte der Spiegel mir Angst ein. Mir war, als würde er auf neue, seltsame Weise schimmern, fast so, als wäre er eine Art Bildschirm, der eine Eingabe erwartet. Was für eine Eingabe denn?, dachte ich und wurde von plötzlichem Schreck durchzuckt. Einer Panik nahe machte ich Licht, und als der Wecker mich weckte, brannte es immer noch.
Und dabei hatte ich mir eingebildet, ich könnte mich nie mehr vor der Dunkelheit fürchten.
4. Kapitel
Ein Erdmännchen erteilt mir eine Lektion, und anderes mehr
Amandas Existenz brachte mich dazu, über eine Frage nachzudenken, der ich eigentlich grundsätzlich ausweiche, weil ich einsehe, dass sie meine Integrität bedroht. Nämlich: Wie wird man beim anderen Geschlecht beliebt? Zwar widerstrebte es mir, Oscar mit einer so banalen Bezeichnung in eine Kategorie einzuordnen (denn natürlich war er einmalig und kein Repräsentant irgendeiner Gruppe), aber trotz meiner festen Entschlossenheit, sowohl meine Persönlichkeit als auch meine Selbstachtung zu wahren, habe ich selbstverständlich auch meine schwachen Momente.
Als warnendes Beispiel hat das Schicksal mir eine zwei Jahre jüngere Schwester beschert. Bis zu dem Moment, als sie einen Freund fand, der ihr Leben ausfüllte, hatte sie stets in allem, was mein Dasein ausmachte, herumschnüffeln müssen, obwohl ihr Bestreben vor allem in den letzten Jahren darauf gerichtet war, sich so stark wie möglich von mir zu unterscheiden. Auf den Namen Isolde getauft, war das arme Kind bis zu seinem dreizehneinhalbten Lebensjahr Solli genannt worden, dann aber hatte sie gefordert Sophie gerufen zu werden, weil sie sich einen »echten Mädchennamen« wünschte. Innerhalb kürzester Zeit legte sie sich eine Menge peinlicher Verhaltensweisen zu, die sie aus allen möglichen Soaps abgeguckt hatte. Ihr Zimmer war rosa gestrichen und an den Wänden hingen Poster mit Popstars. Als sie zwölf war, verehrte sie Ricky Martin und A Teens, doch eines Tages waren die in Ungnade gefallen und sie hängte stattdessen Eminem und Tupac Shakur auf (mit einem blutenden Blumenkreuz daneben). Überall lagen Mädchenzeitschriften herum, auf deren Titelseiten Fragen wie »Warum schmeckt Sperma so komisch?« gestellt wurden.
Als ob das nicht schlimm genug wäre, sind alle ihre kleinen Freundinnen beinahe identisch mit ihr und scheinen ständig damit beschäftigt zu sein, 1. in unerträglich affektiertem Ton zuckersüß miteinander zu reden, 2. über die Freundinnen, die momentan abwesend sind, herzuziehen und sie mit Vorliebe »Nutte« oder Ähnliches zu nennen.
Ich hatte gute Gründe für den Verdacht, dass meine peinliche soap-geklonte Schwester, die zu Beginn des neuen Schuljahres kaum das zarte Alter von fünfzehn Jahren erreicht hatte, erfahrener war als ich selbst.
»Weißt du, warum niemand mit dir Sex haben will?«, fragte sie mich bei einer Gelegenheit. »Weil du nicht richtig lächelst!« Dann erteilte sie mir eine Lektion, wie man sich bewegen muss, wie man den Kopf schief legt und wie man gucken soll.
»Du siehst aus wie ein Erdmännchen«, sagte ich.
»Big deal«, sagte sie mit affiger Stimme, spreizte die Finger und machte einen Schmollmund.
»Eins kann ich dir sagen, Sophie«, sagte ich. »Die Jungs, die auf so was abfahren, mit denen will ich auch keinen Sex haben.«
»Du hast garantiert noch nicht mal jemand geküsst«, sagte Sophie.
»Hoffentlich wirst du schwanger«, sagte ich.
Da schaute sie mich unter schweren Augenwimpern hervor an, ihre Lippen blank, als wären sie aus Glas, und dann sagte sie: »Es gibt einiges, was man tun kann, ohne davon schwanger zu werden. You know?«
In diesem Moment beschloss ich erst wieder ernsthaft mit meiner kleinen Schwester zu kommunizieren, wenn sie aufgehört hatte diese geklonte Soapdarstellerin zu sein und sich wieder in eine reale Person zurückverwandelt hatte – in hundert Jahren oder so.
Außerdem hatte ich wie alle anderen einiges an Pornofilmen im Fernsehen gesehen und sagte mir manchmal, dass es vielleicht nicht schlecht wäre, ganz ohne Sex auszukommen.
Um ausführlicher aufzuzeigen, wie kleinkariert unser Familienleben zu jener Zeit war (also: bevor ich Oscar traf), kann ich nicht umhin noch weitere Einzelheiten über Sophies Verhalten anzuführen:
Eines Abends entdeckte ich, dass einer der gelungensten Cernit-Elben meiner Szenerie, Prince Scarabee, eine alberne Mütze in Form eines farbigen Kondoms mit Erdbeerduft und entsprechendem Geschmack auf dem Kopf hatte, offensichtlich aus der Sammlung der Geklonten. Mit abgeklärter Überlegenheit widerstand ich dem Impuls, in ihr Zimmer zu stürzen und ihre Popstars mit Schnurrbärten zu verschönern. Stattdessen entfernte ich nur das Kondom, tat so, als wäre nichts geschehen, machte die erfreuliche Entdeckung, dass meine Zimmertür sich auch mit dem Schlüssel der Kleiderkammer im Flur abschließen ließ, und suchte dann ein Foto aus, das ich neulich von der Geklonten gemacht hatte und auf dem sie glaubte, fast wie Cameron Diaz auszusehen. Dieses Foto manipulierte ich anschließend so im Computer, dass die unvorteilhaften Züge im Gesicht meiner Schwester ein wenig, aber nicht zu sehr, übertrieben wurden: die Nasenlöcher ein wenig stärker geweitet, die Wangen ein wenig aufgeplusteter und die Unterlippe ein wenig schlaffer herabhängend. Darunter schrieb ich mit knallrosa Schrift »Cameron Diaz« und hängte dann den Ausdruck an das Nachrichtenbrett unten im Hauseingang.
Diese kleine Aktion sorgte tatsächlich dafür, dass meine Schwester endlich aufhörte mit mir zu reden; von ihrer Seite vielleicht kein allzu großes Opfer, da sie zwei perfekt geklonte Freundinnen hatte, mit denen sie sich kichernd in ihrem Zimmer einschließen konnte. Andererseits bewirkte das, dass ich meine Sachen ebenfalls ständig einschließen musste. Das Einzige, was ihr anzustellen gelang, war, eine Tube Zahnpasta in einen meiner Stiefel auszudrücken, woraufhin eine Familienkonferenz einberufen wurde, bei der man mit ernster Miene sämtliche Verästelungen dieses Dramas zerpflückte und zerredete. (Mussten die Töchter einen tiefenpsychologischen Konflikt ausleben, der seinen Grund darin hatte, dass sie sich in der »Familie« nicht genügend respektiert fühlten, oder handelte es sich um normalen Geschwisterzank, gegen den es scharf durchzugreifen galt? Ja, benötigten die streitenden Parteien in Wirklichkeit mehr elterliche Autorität; müssten die Eltern in ihrer Rolle deutlicher sein, war die Kommunikation zwischen den Generationen zu verschwommen?)
Diese ganze Diskussion ging sowohl der Geklonten als auch mir derart auf die Nerven, dass wir versprachen unsere kindischen Spielchen zu beenden. Meine Tür schloss ich aber dennoch weiterhin ab.
»Wenn jemand Phantasie und Humor hat, das ist ja schön und gut«, hatte der Bibliothekar (unser Vater) gesagt, »aber deshalb braucht man ja nicht gleich gemein zu werden!« Und das saß. Gemein? Ich hatte mich doch bloß verteidigt. Außerdem wollte ich im tiefsten Innern nur das Beste für die Geklonte; ihre neue Identität als Barbie deprimierte mich, ich machte mir Sorgen um ihre Zukunft. Ich selbst hatte ein für alle Mal beschlossen, um keinen Preis der Welt eine affektierte weibliche Rolle zu spielen, weder als »bitch« noch als »babe«. Ich wollte mir selbst treu bleiben, auch wenn dies ewige Jungfräulichkeit zur Folge hätte.
Allmählich glaube ich, dass ich jetzt, bevor ich mit wichtigeren Angelegenheiten fortfahre, ein detaillierteres Bild der übrigen Familienmitglieder liefern muss. Here it goes:
DER BIBLIOTHEKAR
gegen den ich eigentlich nicht allzu viel einzuwenden habe. Er war und ist ziemlich harmlos. Man könnte ihn vielleicht sogar einfach als lieb bezeichnen. Allerdings habe ich den Verdacht, dass der Mutterkuchen nie richtig in ihn verliebt gewesen ist. Der einzige ernsthafte Einwand, den ich gegen den Bibliothekar erhebe, ist, dass er ziemlich oft irgendwie nicht vorhanden ist (ganz im Gegensatz zu manchen anderen Vätern, die immer die Superkumpel sein wollen und stets voller Ermunterung sind oder so sehr an einer »Kommunikation über die Generationsgrenzen hinweg« interessiert sind, dass sie ihre Töchter als eine Art Gratistherapeuten betrachten, siehe Mairas anschmeißerischen Vater). Na ja, manchmal kriegt er einen Anfall und schlägt vor, dass wir ins Kino gehen, bloß er und ich, aber das klappt fast nie. Stattdessen leiht er irgendein Video aus, das wir uns dann angucken und bei dem wir vorzugsweise Chips futtern, während der Mutterkuchen übersetzt und die Geklonte eine der anderen Geklonten besucht.
Wenn ich behaupte, der Bibliothekar sei irgendwie nicht richtig anwesend, meine ich damit, dass er sich ganz und gar in seine Hobbys Lesen und Laufen verwandelt hat. Vor allem im Winter senkt sich ein unangenehm matter Schleier über seine Augen, möglicherweise von der mangelnden Liebe des Mutterkuchens erzeugt. Außerdem muss ich gestehen, dass er, weil er eigentlich keine erkennbare Persönlichkeit hat, zu den gleichen Phantasiegeschichten einlädt wie zum Beispiel die Ken-Barbiepuppe es tut. Ich habe ihn demnach der Reihe nach folgender Vergehen verdächtigt: 1. Prostituierte zu besuchen. 2. Auf Kinderporno abzufahren. 3. Sich an mir vergangen zu haben, was ich aber vergessen oder verdrängt habe. 4. Eigentlich homosexuell oder Transvestit zu sein. Weil jemand, der im Alltag so beherrscht ist, sich doch irgendwo ausleben muss. Aber vielleicht kriegt er ja seine nötige Entspannung beim joggen. Ab und zu hat er außerdem kindische Wutanfälle, die man nur belächeln kann.
Diese sicherlich ungerechte Beschreibung muss vorerst genügen. Jetzt gehen wir lieber zu etwas anderem über, nämlich zum
MUTTERKUCHEN
Gegen den Mutterkuchen habe ich eine ganze Reihe von Einwänden, die viele meiner Freundinnen, die mich besucht haben (hm, nun ja, allzu viele waren es nicht) nicht verstehen konnten. Sie waren der Meinung, ich hätte eine interessante Mutter. »Und warum nennst du sie Mutterkuchen?«, fragen sie voller Anklage.
Nun, weil sie krankhaft auf den weiblichen Körper fixiert ist. Ich weiß nicht, wie alt ich war, als sie mir eine Abbildung des Mutterkuchens zeigte und sagte: »Ist das nicht phantastisch? Es sieht genau so aus wie ein Baum!« Und dann wollte sie einen Wandbehang weben, der den Mutterkuchen darstellte, aber nie vollendet wurde. Sie hat die Gabe, einen nervös zu machen. Sie will einem viel zu nah auf den Leib rücken und sie versprüht Unruhe und Symbiose, sie will in mich eindringen und checken, dass alles okay ist, etwas, was sie immer bezweifelt. Vor zwei Jahren ungefähr führten wir ein vertrauliches Gespräch über eine Sache, die ich ihrer Meinung nach wissen sollte. Sie habe gelesen, dass, wenn die Mutter während der Schwangerschaft sehr gestresst sei, dieser Stress sich auf das Kind übertrage. Das wolle sie mir deshalb erzählen, weil es ihr so wahnsinnig schlecht gegangen sei, als sie mich erwartete. In der Zeit habe sie nämlich eingesehen, dass ihre Doktorarbeit nichts taugte und dass sie in ihrem Leben lauter Fehlentscheidungen getroffen hatte (vermutlich meinte sie damit auch den Bibliothekar), ja, ihr ging es damals wirklich schlecht, und falls ich je das Gefühl haben sollte, ein schwieriges Naturell zu haben, könne es vielleicht hilfreich sein, zu wissen, dass ich ausgerechnet damals ausgerechnet in ihrem Bauch gelegen sei und meine Schwierigkeiten daher natürliche Gründe hätten.
Das hatte sie wahrscheinlich in einem dieser Psychologiebücher gelesen, die sie andauernd kauft. Bücher, in denen es immer um die Kunst des Liebens geht oder die Kunst der Selbsterkenntnis oder darum, das Wesen des Mannes zu verstehen, oder um Sternzeichen und wie sie zueinander passen oder um Sachen, die mit der Psyche der Frau zu tun haben – Göttinnenaspekte z. B. oder Abhandlungen namens »Wie möchte die Frau geliebt werden« oder »Der Zorn der Frauen«.
Einmal habe ich sie gefragt, ob sie und der Bibliothekar nie daran gedacht hätten, sich scheiden zu lassen. Das hat sie fürchterlich gekränkt. Wahrscheinlich ist sie der Ansicht, dass sie die Ehe mir und Sophie zuliebe aufrechterhalten hat, obwohl sie eigentlich etwas viel, viel Besseres hätte haben können. Da möchte ich mich doch am liebsten übergeben.
5. Kapitel
Nie darf man in Ruhe die Kaninchen anschauen
Die Oscar-Situation war unverändert. Es hatte absolut keinen Sinn, sich irgendwelche Hoffnungen zu machen. Wenigstens versuchte ich mir das zu sagen. So zu tun, als ob man etwas nicht braucht, was man vermutlich ohnehin nicht bekommen kann – ist das wohl ein gutes Prinzip? (Wie weit kann man mit diesem Prinzip gehen – eine interessante philosophische Frage! Letzten Endes redet man sich vielleicht erfolgreich ein, dass man überhaupt nichts mehr braucht, und dann siecht man endgültig dahin . . .)
Ich setzte meinen Abstieg in die pechschwarze Depression fort, da ich gewisse Tatsachen einsehen musste: 1. Ich kann nicht aufhören ekelhaft verliebt in ihn zu sein. 2. Er gehört Amanda. 3. Amanda sieht aus wie ein Golden Retriever. 4. Ich sehe nicht wie ein Golden Retriever aus. 5. Er fühlt sich auf perverse Art ausschließlich zu Mädchen hingezogen, die wie Golden Retriever aussehen.
Ich mochte in den Pausen kaum auf den Schulhof gehen, weil es so unerträglich schmerzhaft war, ihn mit ihr dastehen zu sehen! Und ich wollte ja unter keinen Umständen, dass er merkte, wie sehr ich ihn anstarrte, was ich ja nicht lassen konnte – also war es besser, sich anderswo aufzuhalten.
Jenes Lächeln damals musste ein Versehen seinerseits gewesen sein, vielleicht hatte er auch ganz einfach gefunden, dass ich komisch aussah!
Es war wie ein Rückfall in meine Zeit als Dreizehnjährige. Ich ging in die Schule und saß den Unterricht ab, völlig in meine eigene Welt versunken (mit anderen Worten: eine klägliche, kleine Rotznase in einer gläsernen Kugel), dann ging ich nach Hause, machte freudlos und roboterhaft meine Hausaufgaben, stickte oder pusselte mit meinen Fotos und Cernit-Figuren herum. Nicht einmal Musik vermochte mich zu trösten, weder meine alten Bänder und die Platten mit mittelalterlicher Musik, die Mairas Vater für mich gebrannt hatte, noch meine Platten mit Dead Can Dance, Portishead und Loreena McKennitt.
Im Werkunterricht sollten wir Stoffmuster drucken. Die renommierte, extra angeheuerte Textilkünstlerin, die uns unterrichtete, fand meinen Vorschlag für ein kompliziertes Totenkopfmuster »interessant, aber nicht sehr originell«.
Ich fühlte mich wie ein Automat, tot. In mir schien eine Art Hass zu schwelen, der in Geschwüre aufzubrechen drohte. Als wäre ich vergiftet.
Anfang September gelang es mir dann tatsächlich, echt krank zu werden. Ich bekam einen so bösartigen Virus, dass ich nicht in die Schule konnte. Das bedeutete natürlich, dass ich Probleme mit meinem Epochenheft für sphärische Trigonometrie bekommen würde, aber mir ging es so schlecht, dass ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Um die anderen Fächer machte ich mir keine Sorgen. Ich hatte sowieso keine Lust mehr, mich leistungsorientiert zu verhalten, obwohl ich natürlich auch nicht wollte, dass man sich um meinen Geisteszustand Gedanken machte. Bloß keine engagierten Entwicklungsgespräche über mich, besten Dank!
Typisch für mich ist: Für Fächer, die mich interessieren (wie Sprachen und, ehrlich wahr, Religion), brauche ich kaum zu lernen, und alles, was mich nicht interessiert (Mathe und ähnlich nützliche Dinge), kriegt man nicht mal mit einem Hammer in meinen Schädel rein. Daher begreife ich eigentlich nicht, warum jemand wie ich überhaupt eine Schule besuchen soll; das, was mich interessiert, kann ich ohnehin schon, wie z. B. jedes noch so schwierige Buch auf Englisch lesen und Fotos machen. Manchmal habe ich daran gedacht, einfach aufzuhören.
Maira hatte sich demonstrativ mit Jessy zusammengetan, einer patchouliduftenden Person mit Dreadlocks, die ihre eigenen Kleider nähte, Gitarre spielte und verdächtigt wurde lesbisch zu sein.
Ich kann also nicht behaupten, dass es irgendetwas in der Schule gab, das mich verlockte – bis auf Oscar.
Andererseits war es daheim ziemlich einsam und verlassen. Der Mutterkuchen hatte (ungewöhnlicherweise) ein paar Tage freigenommen und traf sich mit ihren Freundinnen im Café, garantiert vor allem, um die Fehler und Mängel in ihrer Beziehung zum Bibliothekar zu analysieren. (»Du fühlst dich doch hoffentlich nicht im Stich gelassen, wenn ich mal kurz ausgehe, Arri?«)
Sophie glänzte meistens durch Abwesenheit. Sie hatte sich plötzlich einen zwei Jahre älteren Freund zugelegt, der dem inzwischen so verachteten Ricky Martin lächerlich ähnlich sah und unglückseligerweise sogar Rico hieß, aber ich durfte ihn unter keinen Umständen Ricky nennen (wie sollte ich mir das verkneifen können?). Sie wohnte mehr oder weniger bei ihm, wenn sie nicht gerade eine der anderen Geklonten besuchte.
An einem dieser Tage, als ich unter einer warmen Decke auf dem Sofa lag und wieder mal »Watership Down« guckte, wurde die Wohnungstür aufgeschlossen. Der Mutterkuchen kam total verweint hereingestürzt und schrie: »Sie haben das World Trade Center gesprengt! Warum gehst du nicht ans Telefon?«
Ich hatte einfach keine Lust gehabt, ans Telefon zu gehen, weil ich ja ungestört Video gucken wollte.
Sie befand sich im Auflösungszustand. Der Kaninchenfilm musste den Nachrichten weichen. Und sie rief immer wieder Sophie an, die aber bei ihrem Freund bleiben wollte. Der Bibliothekar kam nach Hause und war, ausnahmsweise, genauso erregt, obwohl er versuchte männlich zu sein und Trost und Ausgewogenheit zu verbreiten.
Und was war mit mir? Wie reagierte ich?
Der Mutterkuchen bezeichnete meinen Zustand als »Schock«. Ich selbst würde eher behaupten, dass ich nicht überrascht war. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, warum. Aber die Welt dort draußen ist doch eigentlich nie besonders viel versprechend gewesen, oder? Oder ich hatte tatsächlich einen Schock und habe ihn immer noch.
Aber irgendwie habe ich mir nie ein langes, sicheres Leben vorstellen können. Kaum überhaupt ein Leben. Ich habe den Glauben, dass die ganze Chose nicht zum Teufel gehen wird, schon immer für naiv gehalten.
Ich hörte ihre Gespräche, als sie glaubten, ich schliefe: »Wenn ich gewusst hätte, wie diese Welt einmal aussehen wird, hätte ich niemals auch nur ein einziges Kind auf die Welt gebracht.«
So, so.
Und ich verkroch mich unter der Decke und stellte mir vor, wie alles verging, in Flammen aufging, explodierte.
Vor einiger Zeit war mir vage bewusst geworden, dass ich irgendwann etwas anderes als ein so genannter »Teenie« sein würde. Ich würde irgendeiner Arbeit nachgehen, irgendwo wohnen und irgendeine Art von erwachsenem Leben führen müssen. Das kam mir zwar unendlich fern vor und ich hatte auch keine Lust, daran zu denken, aber ganz konnte ich doch nicht davon absehen. In Hinblick darauf, dass die Welt ohnehin früher als gedacht untergehen würde, fand ich diese Überlegungen plötzlich ziemlich einfältig.
Und erstaunlicherweise kam mir der bevorstehende Weltuntergang gar nicht so entsetzlich vor, wie man hätte erwarten können. Als ich so unter meiner Decke lag, empfand ich zum ersten Mal tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich nicht viel mehr zu verlieren hatte als – mein Leben. Dieses Leben, das mir sowieso als Illusion erschien. Wer konnte schon wissen, ob der Tod nicht eine Rückkehr zu diesem tiefsten Ernst war, der mir schon immer als die einzige Wahrheit erschien?
Ich kroch aus meinem Nest, holte den tragbaren CD-Player, »The Mirror Pool« und den Kopfhörer. Ich ließ die Musik in mich eindringen und mich füllen wie einen Becher voll Wein. Und plötzlich konnte ich nicht mehr widerstehen: Ich sah sein Gesicht vor mir, die schwarzen wehenden Haare, die Augen, das Lächeln in dem Moment, als er mich zum ersten Mal erblickte.
Und mir war klar, dass eine bestimmte Sache in meinem Leben stattfinden musste – nicht nur in der Phantasie, sondern in der Wirklichkeit –, bevor ich bereit wäre die Welt zu verlassen. Ich musste seine Nähe erleben, ich musste ihn küssen. Amanda hin oder her, ich musste ihn küssen. Das war das Einzige, das absolut Einzige, was mir wichtig erschien.
Aus Cernit kann man sich keine Menschen formen.
Als ich nach überstandener Virusinfektion wieder in die Schule kam, fühlte ich mich immer noch total matt. Ich hinkte hinterher, das war ja klar. Mein Epochenheft in Trigonometrie durfte ich in den Herbstferien nachholen, mithilfe bestimmter Bücher und, wie die Lehrer sagten, »mit der Unterstützung von Freunden« (was denn für Freunde, bitte schön?).
Das meiste holte ich schnell auf – abgesehen von Mathematik. Die nächste Epochenarbeit bestand darin, Parzival und Hamlet zu lesen und zu besprechen, und das würde mir ja keine Probleme bereiten, zumindest Hamlet nicht, denn das Stück hatte ich schon gelesen (auf Englisch!). Und zwar aus purer Neugier und Dickköpfigkeit und um mich besonders zu fühlen.
Oscar schien nicht zu bemerken, dass ich wieder da war, obwohl ich mich tollkühn gut sichtbar in eine entfernte Ecke des Schulhofs stellte. Das Golden-Retriever-Mädchen dagegen starrte mich hasserfüllt an, als verdächtigte es mich, Voodoo zu praktizieren. Und ich, ich brauchte bloß Oscars Rücken zu sehen, um geradezu elektrisch von ihm angezogen zu werden, als wäre er ein Magnet. Vom magnetischen Standpunkt aus hätte er eigentlich genauso auf mich reagieren müssen, doch das tat er offensichtlich nicht.
Wenn ich wenigstens ein anständiges Foto von ihm gehabt hätte!
Im Licht des bevorstehenden Weltuntergangs hätte ich natürlich couragiert genug sein müssen, um in einem der wenigen, von Amanda unbewachten Augenblicke auf ihn zuzumarschieren, aber so mutig – oder idiotisch – zu sein wagte ich dann doch nicht.
Maira hatte sich in der Zwischenzeit die Haare abrasiert und schaute jedes Mal demonstrativ in eine andere Richtung, wenn ich in ihre Nähe kam. Sie und Jessy waren jetzt fundamentalistische Veganer. Lesbische, fundamentalistische Veganer, allem Anschein nach. Hätte ich sie nicht so sehr gehasst (oder eher sie mich; und noch hatte ich das Jesus- oder Gandhi-Stadium nicht erreicht), hätte ich zugegeben, dass sie unglaublich cool aussah. Aber jetzt zwang ich mich zu dem Gedanken: »Hilfe, jetzt hat sie sich auch die Haare abrasiert, genau wie alle andern«. Obwohl ich gestehen muss, dass diese »alle andern« in unserer braven, exklusiven Schule nicht sehr zahlreich waren.
Emma, Mega-Loser der Schule, kam zu mir her und sagte: »Ich hab gehört, dass du diesen SCHRECKLICHEN Virus gehabt hast; ich erhole mich auch gerade von seinen Folgen.
Und in ihren Augen las ich ein Flehen: Geh mit mir zum Naturkostladen und lass uns dort wie zwei Freundinnen Vitamintabletten kaufen! Und dabei war es total peinlich, auch bloß mit ihr zusammenzustehen! Daher sagte ich, Krankheiten würden mich nicht sonderlich interessieren, es sei denn, es handle sich um etwas Ernsthafteres wie Aussatz oder Lycantropie. Am liebsten hätte ich ihr gesagt: »Eigentlich hab ich Aids«.
Sie verzog sich und ich blieb mitten auf dem Schulhof stehen. Der Wind war kalt und ich fühlte mich irgendwie unangenehm durchsichtig. Vielleicht hatte ich tatsächlich irgendeine ernsthafte Krankheit, vielleicht hatte ich Aids, ohne es zu wissen?
In der Hoffnung, noch irgendwo auf Oscar zu stoßen, zwang ich mich dazu, bis zur letzten Stunde zu bleiben. Dann ging ich nach Hause, aber langsam, und ich fühlte mich wirklich sehr matt.
6. Kapitel
Die Schatten im Spiegel
Als ich nach Hause kam, war die Wohnung leer. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: »Mach dir den Eintopf aus dem Kühlschrank warm!«
Bohneneintopf? Nein, da drehte sich mir der Magen um. Ich nahm mir etwas Obst und einen Jogurt und ging dann in mein Zimmer.
Eine Sache habe ich wohl noch nicht erwähnt, nämlich etwas, das ich bemerkt hatte, während ich krank im Bett lag, etwas, das mir ein wenig Angst einflößte. Es hatte wieder mit meinem Spiegel zu tun. Ich hatte ein neues optisches Phänomen darin entdeckt. Eine Lichtschwankung, einen Schimmer, genau wie in jener Nacht, als ich voller Angst aufgewacht war. Damals war es so undeutlich gewesen, dass ich es als Einbildung oder Hirngespinst hatte abtun können. Jetzt war es jedoch plötzlich greifbarer, als würden kleine seltsame Schatten hervorflimmern, um sogleich wieder hinterm Glas zu verschwinden. Ungefähr so, als befände sich etwas anderes hinterm Spiegelbild, das ab und zu hervorbrach, wechselhaft wie das Spiel von Licht und Schatten auf einer fast ruhigen Wasserfläche. Es verschwand schnell und es war vage wie etwas, das man aus dem Augenwinkel wahrnimmt.
Ich erschrak, aber am helllichten Tag ist man ja viel sachlicher, als wenn man mitten in der Nacht aufwacht. Vielleicht erschrak ich so sehr, dass ich ganz einfach sachlich sein musste. Das kann irgendein Symptom sein, das mit dem Virus zu tun hatte, sagte ich mir. Früher hatte ich einmal nach einer Grippe das Gefühl gehabt, ich würde schielen und mein rechter und linker Fuß wären irgendwie vertauscht. Das war vorbeigegangen. Ich brauchte ganz einfach Ruhe. Mit meinen Augen und mit meinem (hoch entwickelten, phantasievollen) Gehirn sei bestimmt alles in Ordnung, sagte ich mir.
Ich legte »The Mirror Pool« auf und streckte mich auf dem Bett aus.
Mir war wirklich seltsam zu Mute. Ich wollte von der Musik umfangen und gewiegt werden, konnte mich aber nicht entspannen. Außerdem hatte ich Durst. Aber um in die Küche zu gehen, musste ich an dem Spiegel vorbeigehen, auch wenn ich in eine andere Richtung schauen könnte.
Ich lag da wie gelähmt. Inzwischen klang die Musik schwer und unheilvoll.
Dann überlegte ich: Wenn das jetzt doch keine Nachwirkungen des Virus sind. Wenn es tatsächlich etwas gibt . . . ich meine, etwas Anderes. Etwas, das nur mit mir Kontakt aufnehmen will . . . das mir seit einiger Zeit Zeichen sendet . . . diese Worte vom »Hindurchtreten« und mein Gefühl, beobachtet zu werden . . .
Warum sollte ich mich davor fürchten?, versuchte ich mich zu fragen. Vielleicht wollte es mir ja etwas Wichtiges mitteilen?
Wenn etwas auf mich zukäme, um mir eine andere Wirklichkeit anzubieten – wäre das dann nicht ein Angebot, das ich mit offenen Armen willkommen heißen müsste? Angst ist doch nichts als ein menschliches Gefühl, etwas, das man ablegen kann, durch das man hindurchkann, oder? Hindurchtreten . . .
Ich erschauerte. Der Schauder lief vibrierend über meine Haut, es war, als würde sich jedes Härchen einzeln aufrichten. Ich erinnerte mich daran, was ich über Transformationen gehört und gelesen hatte, über Leute, die ihren Körper verlassen hatten . . .
Und plötzlich spürte ich eine Art Anwesenheit, etwas, das mich haben wollte. Die Musik mahnte mich, tastete an meiner innersten Seele . . .
Bis heute kann ich nicht verstehen, woher ich den Mut nahm, aber ich stand auf, ich ging auf den Spiegel zu und mit jedem Schritt, den ich zurücklegte, fühlte ich dieses seltsame Vibrieren der Haut, wie von einer Berührung oder einem leichten Windhauch.
Und dann stand ich da, vor dem Spiegel. Aus seinem Glas blickte mein vertrautes siebzehnjähriges Spiegelbild auf mich zurück. Trotz der ägyptisch geschminkten Augen, der rabenschwarzen Haare und der blutroten Lippen sah es kindlich aus. Bei seinem Anblick hätte man am liebsten geweint. Plötzlich erinnerte ich mich deutlich an etwas ganz anderes: warmer Sand am Strand, Papa, der warmen Sand über meinen winzig kleinen Körper häufte. Warme Sonne, warmes Meer. Das lag sehr, sehr lange zurück. Jetzt war mir immer kalt. Ein kleines Kind kann man nie mehr werden. Sentimentales Zeug. Ich sah, wie die Augen im Spiegel groß, glänzend und flehend wurden, wie auf einem Kitschgemälde namens Das weinende Kind. Selbstmitleid stieg in mir hoch und die magische Spannung verschwand.
Es kam mir witzlos vor, so vor dem Spiegel zu stehen und ihn anzustarren.
»Ich mache die Musik aus und gehe spazieren«, sagte ich mir.
Doch im selben Moment, als ich mich abwenden wollte, erblickte ich wieder eines dieser kleinen Schattenfragmente. Und was noch hinzukam: Ich sah, von staunendem Schauder gepackt, wie mein eigenes Spiegelbild sich verwandelte. Das war keine Einbildung. Eine andere Gestalt leuchtete durch meine Züge hindurch und durch meinen Körper, wie auf einem doppelt belichteten Foto. Ich erahnte ein blasses Gesicht, seitlich von silbrig schimmerndem Licht beschienen, mit Augen, so dunkel und glänzend wie Edelsteine. Ein spöttisches Lächeln, ein altertümliches schwarzes Mieder, so fest geschnürt, dass die Brüste nach oben gepresst wurden. Die Haare raffiniert hochgesteckt und mit Perlen geschmückt, einzelne, lose herabfallende Strähnen.
Meine erste Reaktion war Erschrecken. Doch mein Blick blieb ans Glas gebannt. Die Gestalt kam und ging wie eine Spiegelung auf einer Wasserfläche.
»Touch the glass«, hörte ich plötzlich ein Flüstern in der Musik und ich wusste, dass diese Worte sonst nicht darin vorkamen.
Wie hypnotisiert hob ich die Hand und berührte die Hand im Spiegel, die ebenfalls gehoben wurde. Es war, als würde ich etwas Elektrisches berühren: Meine Finger hafteten an dem Glas und eine Welle stieg in mir auf, fast wie eine Ohnmacht. Einen Augenblick lang befand ich mich in einem entsetzlichen Zustand, der kaum zu ertragen war: ein Nichts, eine Blindheit sämtlicher Sinne, in der meine Seele jede Wirklichkeit verlassen zu haben schien und nur noch auf der Flucht war – die Welt der Dinge weigerte sich sie aufzunehmen und eine andere Zuflucht gab es nicht. Als würde ich mich in einem stummen Schrei befinden, der kein Ende nahm. Dann, mit einem krampfhaften Zittern, hatte ich Körper und Bewusstsein wieder erlangt, aber kein Sehvermögen. Ich hörte dröhnendes Lärmen und Pochen und fühlte, wie ich in einer Art Trägheit gefangen war. Dann sah ich ein, dass das Pochen von meinem eigenen Herzen kam. Irgendwie war es mir gelungen, mich auf einen Stuhl zu setzen, ich konnte nämlich den Sitz unter mir spüren.
Schließlich kehrte das Sehvermögen zurück, aber nicht so wie vorher. Ich sah mein Zimmer und alles glänzte in einem Licht, das jedes Detail deutlich hervorhob, ohne deswegen scharf oder stechend zu sein. Mir war klar, dass meine Augen sich verändert hatten. Als ich auf meine Hände hinabblickte, sah ich sie weiß und schimmernd auf einem schwarzen Seidenrock ruhen, unterhalb des schwarzen Mieders, das ich vorhin kurz wahrgenommen hatte und das die beiden vollendeten weißen Früchte hochschob, in die sich meine Brüste verwandelt hatten.
Ich musste mich erheben und an den Spiegel herantreten!
Doch im Glas des Spiegels befand sich kein Spiegelbild, es war wie ein Fensterglas und – da stand noch eine andere Gestalt, die mich betrachtete! Ein Mann, bleich und mit den gleichen Edelsteinaugen ohne Weiß, die ich bereits bei meinem eigenen neuen Spiegelbild wahrgenommen hatte.
Sein braunes Haar war lang, dicht und matt, fast wie eine Löwenmähne, mit einem spitz zulaufenden Haaransatz.
Er hob die Hand und ich glaubte zuerst, das sei, um mich zu beruhigen. Doch gleich darauf sah ich, dass seine Hand mühelos das Glas durchbrach wie eine senkrechte Wasserfläche. Als wäre es die natürlichste Sache der Welt, trat er aus dem Spiegel und blieb vor mir stehen.
»Hab keine Angst«, sagte er.
Das hatte ich auch nicht, ich war schon viel zu verblüfft und verwirrt, um auf die Fortsetzung dieses seltsamen Traums noch furchtsam reagieren zu können. Außerdem hatte er etwas an sich, das mich unmittelbar verzauberte.
»Normalerweise pflegt dergleichen nicht zu geschehen«, fuhr er fort und fügte hinzu: »Ich spreche doch hoffentlich das richtige Idiom?«
»Absolut richtig«, antwortete ich.
»Ausgezeichnet.« Er bürstete seine schwarze Kleidung ab: das Rüschenhemd, die Seidenweste und die gut geschnittene Hose. Sein Gesicht trug trotz der leicht animalischen Züge (die hohen Wangenknochen, die breite Stirn und eine gewisse Wölbung der Lippen) einen höflichen, aufmerksamen Ausdruck, der irgendwie ein wenig altertümlich wirkte.
»Ich bin davon überzeugt, dass all diesem Geschehen ein Sinn innewohnt«, fuhr er fort. »In Eidolon geschieht nichts ohne Sinn.«
»In Eidolon?«
»Demnach dürfte der Name gänzlich unbekannt sein?« Er musterte mich prüfend.
»Soweit ich mich erinnern kann«, erwiderte ich diplomatisch.
»Das ist in der Tat verwirrend«, sagte er mit Nachdruck. »In das Zimmer eines hellwachen Menschenwesens zu treten und es zur Hälfte transformiert vorzufinden.« Er musterte mich weiterhin. »Hast du ein Spiegelbild?«, fragte er vorsichtig.
Ich blickte zu dem Spiegel hinüber, durch den er soeben hereingetreten war, doch der war immer noch durchsichtig wie ein Fenster und ging allem Anschein nach nur auf eine Steinwand hinaus. Stattdessen öffnete ich die Kommodenschublade und holte einen kleinen Handspiegel hervor, den ich vor lauter Eifer fast fallen gelassen hätte.
Doch, ja, ich hatte ein Spiegelbild, wenn auch ein zittriges und leicht durchsichtiges. Das Bild der Siebzehnjährigen war jedoch völlig verschwunden, an ihrer Stelle erblickte ich, wenn auch undeutlich, das bleiche, dunkeläugige Frauengesicht, das ich ganz zu Beginn im Glas erahnt hatte. Durch dieses Spiegelbild hindurch sah ich allerdings ganz deutlich den Tisch und den Vorhang hinter meinem Rücken. Mir begann es wieder schwindelig zu werden.
»Schön ruhig bleiben«, sagte er. »Setz dich hin, ich werde mich kurz der Reflexion widmen.«
Plötzlich kam mir ein Gedanke. Verstohlen fuhr ich mir mit der Zunge über die Zähne, sie stieß aber auf keine Überraschungen.
Während er in meinem Zimmer umherging und vermutlich sowohl über die Situation als auch über die Dinge nachsann, mit denen ich mich umgab, konnte ich ihn beobachten. Seine Art, sich zu bewegen, war faszinierend; bis in die kleinste Bewegung geschmeidig und zweckmäßig wie bei einem Tier in der Natur. Er hatte behauptet, er sei verwirrt, aber beim Erforschen meiner Umgebung sah er belustigt, neugierig, ja, fast glücklich aus. Er lachte zwar nicht, gestattete sich aber oft ein beherrschtes Lächeln, zum Beispiel über meine Bilder aus den Horrorfilmen und meine eigenen Computerausdrucke. Er schien sich geradezu wohl zu fühlen.
Inzwischen konnte ich feststellen, dass seine schwarze, aufwändige Kleidung abgetragen und verschlissen aussah. Am meisten wunderte ich mich aber darüber, dass ich selbst so ruhig war und seine Nähe mir ein so großes Wohlbehagen einflößte. Müsste ich mich nicht vor ihm fürchten, müsste ich nicht auf der Hut sein? War er vielleicht gar nicht das, wofür ich ihn hielt? Oder lag es an meiner eigenen Verwandlung, dass ich in seiner Gegenwart so entspannt war – als wäre ich seine Schwester oder zumindest Halbschwester?
»Es stimmt, dass du mich nicht zu fürchten brauchst«, bemerkte er plötzlich. »Unsere Aufgabe wird sein, den Sinn dieser Begegnung herauszufinden.« Mit einem Anflug von Verschmitztheit streckte er mir die Hand hin. »Aber wir haben ja vergessen uns vorzustellen! Du kannst mich Leonidas nennen, das ist einer meiner Namen.«
»Phalandra«, hörte ich meinen Mund (na ja, meinen?) sagen, während ich feststellte, dass seine Hand kühl war, sich aber keineswegs unangenehm anfühlte, und dass mich beim Hautkontakt eine gewisse Erregung durchzuckte.
»Angenehm«, erwiderte er. »Ich glaube, das Beste wird sein, wenn du mich ganz einfach begleitest – hinüber auf meine Seite, sozusagen.« Er ließ meine Hand nicht los. »Nach Eidolon, meine ich.« Und dann führte er mich an den Spiegel. »Nach dir, meine Schöne.«
Das Glas zu durchqueren war ganz undramatisch, als würde ich einen Luftzug durchschreiten. Wir kamen in einer Kammer mit steinernen Wänden heraus, die nur spärlich möbliert war. Ich drehte mich sofort um und konnte gerade noch einen Blick auf mein Zimmer hinter dem Glas erhaschen, bevor die Spiegelfläche sich verdunkelte. Mit einer selbstverständlichen, eingeübten Bewegung zog Leonidas einen Samtvorhang vor den Spiegel, routinemäßig wie das Schließen einer Tür.
»Ich habe das Glück, eine eigene Kammer zur Verfügung zu haben«, erklärte er. »Ein Privileg, das den . . . Bejahrtesten von uns zusteht.«
Mir lag schon die Bemerkung auf der Zunge, er sähe aber jung aus, doch dann ging mir auf, wie extrem naiv und menschlich eine solche Äußerung wirken musste.
»Es trifft jedoch zu«, versetzte er mit einem belustigten Blick auf mich. »Ich bin gut erhalten. Und das, obwohl wir hier keine Schönheitschirurgie haben.«
Ich begann mich daran zu gewöhnen, dass er in der Lage zu sein schien, meine Gedanken zu lesen.
»Du bist mit der Welt der Menschen wohlvertraut«, sagte ich.
»Wir wissen alles über sie«, erwiderte er. »Dagegen möchte ich behaupten, dass ihr immer noch an der unsrigen herumrätselt. Ihr nehmt Fragmente wahr und konstruiert daraus Märchen.« Er trat an einen mit schönen Schnitzereien verzierten Eichentisch, auf dem eine Karaffe mit rotem Inhalt und einige erlesene Kristallgläser standen. »Möchtest du etwas trinken?«
Er merkte mein Zögern.
»Es ist Wein«, erklärte er. »Der würzige Wein von Eidolon, Eidolons Nektar. Wir sind zivilisiert, wie ihr zu sagen pflegt.« Er goss das dunkelrote Getränk in zwei Gläser. »Spüre den Duft, wenn du meine Worte bezweifelst.«
Ich wagte mich vor und roch vorsichtig an dem Wein, der würzig und fein duftete wie ein exotischer Glühwein. Er beobachtete mich. Ich konnte nicht widerstehen und nahm einen kleinen Schluck. Sofort wurde ich von einem unbeschreiblich köstlichen Geschmack und kribbelnder Hitze durchströmt.
»Die Jahre«, sagte Leonidas, »haben dazu beigetragen, dass wir ein Wissen über Kräuter und Elixiere entwickelt haben, von dem die guten alten Ägypter trotz all ihrer Kenntnisse nur träumen konnten. Wie fühlst du dich?«
Von dem Wein beflügelt, hatte ich Lust, zu lächeln und zu tanzen. Aber trotzdem fuhr ich mir wieder möglichst unmerklich mit der Zunge über die Vorderzähne. »Gut«, sagte ich.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte er. »Du bist nicht . . . was ich bin. So einfach geht das nicht.«
Und im selben Moment stieg in mir eine – vielleicht durch den Wein ausgelöste – Woge der Sehnsucht auf, Sehnsucht nach dem, was er hatte und was seine Existenz beinhaltete: das menschliche Leben, das stets so voller Schmerz und unüberwindlicher Hindernisse zu sein schien, ablegen zu dürfen, um in ein Sein einzutreten, das, wie soll man sagen, andere Möglichkeiten eröffnete.
»Du weißt nicht, was du dir wünschst!«, sagte er mit plötzlicher Strenge. »Und wie würdest du dieses Sein verwenden?«
Ich konnte nicht verhindern, dass ein Bild von mir und meinem schwarzhaarigen Liebsten, auf ewig vereint, in meinen Gedanken Form annahm.
Er las es sofort ab. »So würdest du also handeln, ganz ohne Kenntnisse, ohne das geringste Wissen über meine Welt? Ohne Überlegung?« Er streckte die Hand nach meinem Glas aus und nahm es mir weg. »Du bist nur ein Kind! Aber lass uns nicht noch mehr Zeit vergeuden. Als Angehöriger des Rates kann und muss ich die anderen Ratsältesten zu einer Zusammenkunft rufen, um mit ihnen zu überlegen, welch einen Sinn du wohl haben magst!«
Damit verflog mein Wohlbehagen. Am liebsten wäre ich im Boden versunken. Ein Kind! Welch einen Sinn du haben magst! Um meine Reaktion zu verbergen trat ich mit ein paar Schritten ans Fenster und spähte durch den Spalt zwischen den Fensterluken hinaus. Offensichtlich befanden wir uns hoch oben. Draußen lag eine Terrasse, die auf einen silbern und still im Mondschein ruhenden Garten hinausführte. In weiter Ferne erhoben sich ebenfalls mondbeschienene, spärlich bewaldete Berghänge.
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