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Hugh Lofting

Doktor Dolittles Zirkus

E.L. Schiffer

Saga

Doktor Dolittles Zirkus ÜbersetztE.L. Schiffer Original Doctor Dolittles's CircusCopyright © 1924, 2020 Hugh Lofting und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726583885

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

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AM KAMIN

Dieses Buch erzählt von den Abenteuern, die Doktor Dolittle bei einem Wanderzirkus erlebte. Anfangs hatte er nicht beabsichtigt, viel Zeit an dieses Unternehmen zu verschwenden. Er hatte nur das Stoßmich-Ziehdich so lange zur Schau stellen wollen, bis er genug Geld erworben hätte, um dem Seemann das geliehene Schiff zu bezahlen, das an der Küste von Afrika zerschellt war.

Aber Tuh-Tuh hatte mit ihrer Bemerkung ganz recht: es fiel Johann Dolittle gar nicht so schwer, reich zu werden — wenn es sich um Gelddinge handelte, war er wahrhaftig leicht zufriedenzustellen — aber ganz etwas anderes bedeutete es für ihn, auch reich zu bleiben. Dab-Dab sagte immer, während der Zeit, die sie ihn kannte, sei es ihm schon fünf- oder sechsmal gut gegangen; aber je reicher er war, desto schneller war zu erwarten, er würde wieder arm werden.

Dab-Dab dachte, wenn sie so sprach, natürlich nie an ein großes Vermögen. Der Doktor hatte jedoch während seines Zirkuslebens oft so viel Geld in der Tasche, um für recht wohlhabend zu gelten. Aber pünktlich wie eine Uhr stand er am Ende der Woche oder des Monats stets ohne einen Pfennig da.

Wir wollen nun zu der Zeit zurückkehren, als Doktor Dolittle und seine Tiere: Jip, der Hund, Dab-Dab, die Ente, Tuh-Tuh, die Eule, Göb-Göb, das Schwein, das Stoßmich-Ziehdich und die weiße Maus endlich von ihrer langen Reise aus Afrika zu ihrem kleinen Haus in Puddleby auf der Marsch zurückgekommen waren. Eine große Familie mußte verpflegt werden, und der Doktor besaß keinen Pfennig und machte sich große Sorgen, wie er sie alle nur während der kurzen Zeit — bis er einen passenden Zirkus gefunden hatte — durchfüttern sollte. Auf alle Fälle hatte die vorsorgliche Dab-Dab die Vorräte, die sich nach Beendigung der Reise noch in der Speisekammer des Piratenschiffes befanden, ins Haus tragen lassen.

So konnten sie es bei großer Sparsamkeit wenigstens ein paar Tage lang aushalten. Die Tiere waren so froh, wieder zu Hause zu sein, daß sie sich zuerst, ausgenommen Dab-Dab, jeden Gedanken an die Zukunft aus dem Kopf schlugen. Die gute Haushälterin war schnurstracks in die Küche geeilt und hatte sich ans Töpfesäubern und Kochen gemacht. Die andern waren mit dem Doktor in den Garten gelaufen, um alle wohlbekannten Stellen wieder aufs neue zu entdecken. Sie stöberten noch immer in jedem Winkel und jeder Ecke ihres geliebten Heims herum, als plötzlich Dab-Dabs Mittagsglocke ― eine Bratpfanne, die mit einem Löffel geschlagen wurde — zum Essen rief, worauf sich alle auf einmal durch die Hintertür drängten und sich begeistert ausmalten, wie schön es sein würde, wieder in der guten, lieben, alten Küche zu essen, wo sie früher so viele schöne Stunden miteinander verlebt hatten.

„Es ist kühl genug, um heute abend zu heizen“, sagte Jip, als sie ihre Plätze am Tisch eingenommen hatten. „Dieser Septemberwind bringt eine tüchtige Kälte mit sich. Wollen Sie uns nicht nach dem Abendessen eine Geschichte erzählen, Doktor? Wir haben alle so lange nicht um den Herd herumgesessen.“

„Oder lesen Sie uns doch bitte etwas aus Ihrem Tiergeschichtenbuch vor“, rief Göb-Göb, „vielleicht das, wo der Fuchs versucht, des Königs Gans zu stehlen.“

„Ja, ja, vielleicht“, sagte der Doktor. „Woll’n sehen, woll’n sehen. Was für ausgezeichnete Sardinen diese Piraten gehabt haben! Sie schmekken, als wären sie aus Bordeaux; echte französische Sardinen erkennt man immer am Geschmack.“

In diesem Augenblick wurde der Doktor ins Sprechzimmer zu einem Patienten gerufen — einem Wiesel, das sich eine Kralle gebrochen hatte. Kaum war er mit ihm fertig, als ein Hahn mit einem rauhen Hals von dem Nachbargehöft hereingeflogen kam. Er war so heiser, sein Krähen hörte sich wie ein Flüstern an und niemand wachte auf seinem Gehöft morgens auf. Dann kamen zwei Fasanen, um dem Doktor ein schwächliches Junges zu zeigen, das von Geburt an nie imstande gewesen war, die Körner ordentlich aufzupicken.

Hatten auch die Menschen in Puddleby noch nichts von des Doktors Ankunft erfahren, so hatte sich diese Neuigkeit doch unter den Tieren und Vögeln bereits verbreitet. Den ganzen Nachmittag war er damit beschäftigt, Verbände anzulegen, Ratschläge zu erteilen und Rezepte zu schreiben, während eine riesige Menge von Tieren aller Art geduldig vor seiner Sprechzimmertür wartete.

„Ach herrje! — genau wie früher“, seufzte Dab-Dab. „Keine Ruhe! Patienten, die ihn morgens, mittags und abends sprechen wollen.“

Jip hatte recht gehabt, bei Einbruch der Dunkelheit wurde es kalt. Man fand genug Holz im Keller für ein behagliches Feuer im großen Kamin, um den sich nach dem Abendbrot die Tiere versammelten und den Doktor quälten, ihnen eine Geschichte zu erzählen oder ein Kapitel aus einem seiner Bücher vorzulesen.

„Aber denkt doch lieber einmal nach“, sagte er, „was mit dem Zirkus werden soll! Wenn wir Geld verdienen wollen, um dem Schiffer sein Boot zu bezahlen, müssen wir uns jetzt daran machen. Bisher haben wir noch nicht einmal einen Zirkus gefunden, dem wir uns anschließen können. Ich möchte nur wissen, wie man so etwas auf die beste Art und Weise anfängt. Wanderzirkusse reisen immer umher, wie Ihr wißt. Bei wem könnte ich mich nur danach erkundigen?“

„Pst!“ sagte Tuh-Tuh. „Hat’s nicht an der Vordertür geklingelt?“

„Was!“ rief der Doktor und stand auf, „sollte etwa Besuch kommen?“

„Vielleicht ist es die alte Dame mit dem Rheumatismus“, meinte die weiße Maus, als der Doktor in die Halle hinaustrat. „Wahrscheinlich ist der Arzt in Oxendorf doch nicht so gut gewesen.“

Nachdem Johann Dolittle die Kerzen in der Halle angezündet hatte, öffnete er die Vordertür, und auf der Schwelle stand der Katzenfuttermann.

„Nanu, Matthäus Mugg!“ rief er. „Kommen Sie herein, Matthäus, kommen Sie herein. Woher wissen Sie denn, daß ich da bin?“

„Hab’s in meine Knochen gespürt, Doktor“, sagte der Katzenfuttermann und stolperte in die Halle. „Grade heute morgen habe ich noch zu meine Frau gesagt:,Theodosia‘, habe ich gesagt,,mich ist, als ob der Doktor zurückgekommen ist. Ich werde heute abend einmal zu seinem Haus gehen und nachsehen‘.“

„Ich freue mich sehr, daß Sie gekommen sind“, rief Johann Dolittle. „Wir wollen in die Küche gehen, dort ist es warm.“

Obgleich der Katzenfuttermann gesagt hatte, er wäre nur zufällig vorbeigekommen, um nachzusehen, ob der Doktor schon da sei, hatte er doch Geschenke mitgebracht: einen Hammelknochen für Jip; ein Stück Käse für die weiße Maus; eine Rübe für Göb-Göb und einen Blumentopf mit Geranien für den Doktor.

Nachdem der Besucher es sich in dem Armsessel vor dem Feuer bequem gemacht hatte, reichte ihm Johann Dolittle die Tabaksdose vom Kaminsims und bat ihn, sich seine Pfeife zu stopfen.

„Werden Sie diesmal lange zu Hause bleiben?“ fragte Matthäus.

„Ja und nein“, antwortete der Doktor. „Mir wäre nichts lieber, als hier ein paar ruhige Monate zu verleben und meinen Garten in Ordnung zu bringen, denn er ist schrecklich verwahrlost. Aber unglücklicherweise muß ich erst etwas Geld verdienen.“

„Hm“, sagte Matthäus und stieß Rauchwolken aus. „Ich habe das mein ganzes Leben versucht — und hab’s niemals nich fertig bekommen. Aber ich habe mich fünfundzwanzig Schilling gespart, wenn die Sie helfen Können — — —.“

„Sehr freundlich von Ihnen, Matthäus, sehr freundlich, aber ich brauche eine ganze Masse Geld. Ich muß Schulden bezahlen. Aber hören Sie: ich habe ein seltsames neues Tier mitgebracht, ein Stoßmich-Ziehdich. Es hat zwei Köpfe. Die Affen in Afrika haben es mir geschenkt, nachdem ich ihre Krankheit geheilt hatte, und mir geraten, es in einem Wanderzirkus zur Schau zu stellen. Wollen Sie es einmal sehen?“

„Aber natürlich“, sagte der Katzenfuttermann. „Das hört sich mächtig interessant an.“

„Es grast drußen im Garten“, sagte der Doktor. „Aber starren Sie es nicht so an. Es ist noch nicht daran gewöhnt und gerät dadurch in große Verlegenheit. Wir werden einen Eimer Wasser mitnehmen und so tun, als wollen wir ihm zu trinken geben.“

Als Matthäus mit dem Doktor in die Küche zurückkam, strahlte er begeistert übers ganze Gesicht.

„Johann Dolittle“, sagte er, „bei Ihrem Leben, Sie werden damit ein Vermögen verdienen! Niemals nich seit die Welt steht, hat man so etwas gesehen. Ich habe überhaupt immer schon gedacht, daß Sie zum Zirkus sollen — Sie, der einzige Mensch, der die Tiersprache kann. Wann wollen Sie damit anfangen?“

„Das ist es ja gerade: Vielleicht können Sie mir helfen: Ich möchte nur mit einem netten Zirkus herumziehen — mit Leuten, die mir gefallen.“

Matthäus Mugg beugte sich vor und tippte dem Doktor mit seiner Pfeife aufs Knie.

„Ich weiß das Richtige für Ihnen“, sagte er, „in Grimbledon befindet sich augenblicklich der netteste Zirkus, den man sich denken kann. Der Grimbledoner Jahrmarkt dauert noch diese Woche, und der Zirkus bleibt bis Freitag dort. Ich und Theodosia sind gleich am ersten Tage drin gewesen. Es ist kein großer Zirkus nich, aber ein sehr guter — eine piekfeine Sache. Was würden Sie dazu sagen, wenn ich Ihnen morgen früh mit hinübernähme, um erst einmal mit dem Besitzer zu sprechen?“

„Ausgezeichnet“, sagte der Doktor, „aber sagen Sie inzwischen niemandem etwas von meinem Vorhaben. Bevor das Stoßmich-Ziehdidi dem Publikum öffentlich gezeigt wird, darf man nichts von seinem Vorhandensein erfahren.“

DER DOKTOR TRIFFT EINEN FREUND — UND EINE VERWANDTE

Matthäus Mugg war ein seltsamer Mensch. Er fing immer gern etwas Neues an, und das war vielleicht der Grund, warum er nie viel Geld verdiente. Alle seine Versuche, eine neue Arbeit zu beginnen, endeten gewöhnlich damit, daß er wieder zurückkehrte, Katzenfutter verkaufte und für die Bauern und Müller von Puddleby Ratten fing.

Matthäus hatte bereits versucht, auf dem Jahrmarkt von Grimbledon eine Anstellung bei dem Zirkus zu bekommen und war abgewiesen worden. Aber jetzt, wo der Doktor zum Zirkus gehen wollte und dazu mit einem so wundervollen Schaustück wie dem Stoßmich-Ziehdich, hoben sich seine Hoffnungen wieder, und als er abends nach Hause ging, sah er in seiner Phantasie bereits, wie sein geliebter Doktor und er den größten Zirkus der Welt leiteten.

Am nächsten Morgen war Matthäus schon früh wieder in Johann Dolittles Haus. Fürs Frühstück steckte Dab-Dab dem Doktor und ihm ein paar Sardinenbrote in die Tasche, und so machten sie sich auf die Reise. Von Puddleby nach Grimbledon war es ein langer Weg, aber als der Doktor und der Katzenfuttermann eine Zeitlang die Landstraße hinuntergetrottet waren, hörten sie Hufschläge hinter sich. Sie wandten sich um und sahen, ein Bauer kam mit seinem Kutschwagen hinter ihnen her gefahren. Der Bauer wollte die beiden Wandersleute gern in seinem Wagen mitnehmen, doch seiner Frau gefiel das zerlumpte Äußere des Katzenfuttermannes nicht, und so verbot sie ihm, anzuhalten.

„Das nennt man nun christliche Nächstenliebe“, sagte der Katzenfuttermann, als der Wagen an ihnen vorüberfuhr, „sich bequem in den Sitz zurücklehnen und uns hinterher laufen zu lassen. Das war Isidor Stiles, der größte Kartoffelbauer von die ganze Gegend — ich fange oft Ratten für ihm — und seine Frau, diese alte eingebildete Vogelscheuche. Haben Sie gesehen, wie sie mir angeguckt hat? Ein Rattenfänger scheint ihr als Reisegesellschaft nich fein genug zu sein.“

„Aber sehen Sie nur“, rief der Doktor. „Sie halten an und drehen um.“

Das Bauernpferd kannte den Doktor gut vom Sehen und Hören, und beim Vorübertraben hatte es in dem kleinen Mann auf der Landstraße den berühmten Johann Dolittle erkannt. Es freute sich sehr über seine Rückkehr, drehte auf eigene Faust um und trabte zurück, obgleich der Bauer die Zügel fest anzog, um den Doktor zu begrüßen und sich nach seinem Wohlergehen zu erkundigen.

„Wohin wollen Sie?“ fragte das Pferd, als es herankam.

„Zum Jahrmarkt von Grimbledon“, antwortete der Doktor.

„Wir auch“, sagte das Pferd. „Warum steigen Sie nicht in unsere Kutsche und setzen sich neben die Alte?“

„Man hat mich nicht dazu aufgefordert“, antwortete der Doktor. „Dein Bauer versucht, nach Grimbledon umzudrehen. Reiz ihn lieber nicht zu sehr. Lauf los und sorg dich nicht um uns, wir werden schon hinkommen.“

Sehr unwillig gehorchte das Pferd endlich seinem Herrn, drehte um und machte sich nochmals auf den Weg zum Jahrmarkt. Es war aber noch keine halbe Meile getrabt, als es zu sich sagte: Es ist eine Schande, den großen Mann laufen zu lassen, während diese Bauerntölpel fahren. Zum Henker, ich muß ihn holen!

Dann tat es so, als ob es vor irgend etwas auf der Landstraße scheue, schwenkte den Wagen plötzlich herum und galoppierte zum Doktor zurück. Die Bauersfrau kreischte, und ihr Mann legte sich mit seinem ganzen Gewicht in die Zügel. Doch das Pferd beachtete das überhaupt nicht. Als es den Doktor erreicht hatte, begann es sich zu bäumen, auf die Hinterbeine zu stellen und wie ein wildes Füllen aufzuführen.

„Steigen Sie ein Doktor, oder ich werfe diese Dummköpfe in den Graben“, flüsterte es.

Der Doktor, der einen Unfall befürchtete, faßte das Pferd am Zügel und klopfte ihm auf die Nase. Sofort wurde es ruhig und sanft wie ein Lamm.

„Ihr Pferd ist ein bißchen unruhig“, sagte der Doktor zu dem Bauern. „Darf ich es vielleicht einen Augenblick kutschieren? Ich bin Tierarzt.“

„Aber gern“, sagte der Bauer. „Ich habe mir eingebildet, etwas von Pferden zu verstehen, aber heute werde ich mit diesem hier durchaus nicht fertig.“

Nachdem der Doktor auf den Wagen geklettert war und die Zügel in die Hand genommen hatte, stieg der Katzenfuttermann hinter ihm ein und setzte sich vergnügt schmunzelnd neben die entrüstete Bäuerin.

„Schönes Wetter heute, Frau Stiles“, sagte Matthäus Mugg, „wie gehts den Ratten in der Scheune?“

Sie kamen ungefähr in der Mitte des Vormittags nach Grimbledon. In der Stadt war ein großes Gedränge und lebhafte und festtägliche Stimmung. Auf dem Viehmarkt füllten schöne Ochsen, preisgekrönte Schweine, fette Schafe und Zugpferde mit bunten Bändern in der Mähne die Stände.

Durch die gutgelaunte Menge, die sich in den Straßen drängte, bahnten sich der Doktor und Matthäus geduldig ihren Weg zu dem Platz, wo der Zirkus stand. Der Doktor fürchtete, man würde Eintrittsgeld von ihm verlangen, er hatte nämlich keinen Pfennig in der Tasche.

Am Eingang des Zirkus war eine erhöhte Plattform mit Vorhängen auf der Rückseite errichtet. Es sah wie ein kleines Freilufttheater aus. Auf dieser Bühne stand ein Mann mit einem riesigen schwarzen Schnurrbart. Von Zeit zu Zeit traten verschieden kostümierte Zirkusleute durch den Vorhang, und der große Mann stellte sie der erstaunten Menge vor und erzählte Wunder von ihren Fähigkeiten. Was sie auch waren: Clowns, Akrobaten oder Schlangenbeschwörer, immer sagte er, sie seien die besten der Welt. Dies machte auf die Menge einen großen Eindruck und in einem fort schoben sich Leute allein oder paarweise durchs Gedränge, zahlten an der kleinen Kasse ihr Eintrittsgeld und begaben sich in das Innere des Zirkus.

„Habe ich Sie nich gesagt“, flüsterte der Katzenfuttermann dem Doktor ins Ohr, „es ist eine gute Aufführung, die Leute gehen scharenweise hinein.“

„Ist der große Mann der Direktor?“ fragte der Doktor.

„Ja, natürlich, Blossom selbst — Alexander Blossom, der Mann, den wir sprechen wollen.“

Der Doktor begann, sich durch die Menge zu winden, und Matthäus folgte ihm auf den Fersen. Endlich hatten sie sich bis zur ersten Reihe durchgearbeitet und versuchten, dem großen Mann durch Zeichen deutlich zu machen, daß sie mit ihm sprechen wollten. Aber Herr Blossom brüllte die Wunder seines Zirkus so laut in die Welt hinaus, daß der Doktor — ein kleiner Mann in einer großen Menge — seine Aufmerksamkeit nicht erregen konnte.

„Klettern Sie auf die Plattform“, rief Matthäus. „Klettern Sie hinauf und sprechen Sie mit ihm.“

Der Doktor kletterte also an einer Ecke auf die Bühne und wurde plötzlich sehr verwirrt, als er sich einer so großen Ansammlung von Menschen gegenübersah. Aber trotzdem nahm er seinen Mut zusammen, tippte dem schreienden Schaubudenbesitzer auf den Arm und sagte:

„Entschuldigen Sie, bitte.“

Herr Blossom hörte mit seinem Gebrüll über,den größten Zirkus der Welt‘ auf und starrte auf den kleinen dicken Mann hinunter, der plötzlich neben ihm erschienen war.

Der Doktor räusperte sich, worauf Ruhe eintrat und das Publikum zu kichern anfing.

Wie die meisten Zirkusleute, war Blossom nie um Worte verlegen und er versäumte selten eine Gelegenheit, sich auf Kosten eines Andern lustig zu machen. Während Johann Dolittle sich noch immer besann, womit er beginnen sollte, hatte sich der Direktor schon wieder der Menge zugewandt. Er wies auf den Doktor und rief:

„Dies, meine Damen und Herren, ist der bekannte Original-Humpty-Dumpty. Bezahlen Sie Ihr Billett und kommen Sie herein, um ihn von der Mauer fallen zu sehen!“

Die Menge bog sich vor Lachen, und der arme Doktor wurde verlegener als je.

„Sprechen Sie mit ihm, Doktor, sprechen Sie mit ihm!“ rief der Katzenfuttermann von unten herauf.

Und als das Gelächter sich gelegt hatte, machte der Doktor einen neuen Versuch. Er hatte gerade seinen Mund geöffnet, als ein scharfer Schrei aus der Mitte der Menge erscholl — „Johann!“ rief es, der Doktor drehte sich um und schaute über die Köpfe der Menge hinweg, um zu sehen, wer ihn bei seinem Namen gerufen hätte. Am Rand des Gedränges sah er eine Frau, die ihm heftig mit ihrem grünen Sonnenschirm zuwinkte.

„Wer is das?“ fragte der Katzenfuttermann.

„Der Himmel bewahre uns!“ rief der Doktor und kletterte beschämt von der Tribüne herab. „Was machen wir jetzt, Matthäus? — es ist Sarah!“

DER VERTRAG

„Guten Tag, Sarah“, sagte Johann Dolittle, als er sich endlich zu ihr durchgewunden hatte. „Wie gut und rund du aussiehst!“

„Aber ganz und gar nicht, Johann“, antwortete Sarah streng. „Bitte, sei so freundlich und teile mir mit, was du dir dabei denkst, dich wie ein Clown auf dieser Bühne herumzutreiben? Genügt es dir nicht, die beste Praxis der westlichen Provinzen wegen weißer Mäuse, Frösche und dergleichen wegzuwerfen? Besitzest du denn gar keinen Stolz? Was hast du dort oben zu suchen?“

„Ich will zum Zirkus gehen“, sagte der Doktor.

Sarah schnappte nach Luft und führte ihre Hand zur Stirn, als ob sie in Ohnmacht fallen wollte. Da trat ein langer, magerer, wie ein Pfarrer gekleideter Mann hervor, der neben ihr gestanden hatte, und nahm ihren Arm.

„Was ist denn geschehen, meine Liebe?“ fragte er.

„Lancelot“, antwortete Sarah schwach, „dies ist mein Bruder Johann Dolittle. Johann, dies ist Seine Hochwürden Lancelot Dingle, Rektor von Grimbledon, mein Gatte. Johann, du kannst dich nie anständig benehmen. Zum Zirkus gehen, wie abscheulich! Du scherzest wohl — und wer ist dieser Mensch da?“ fügte sie hinzu, als Matthäus Mugg herbeigeschlurft kam und sich der Gesellschaft anschloß.

„Das ist Matthäus Mugg“, antwortete der Doktor. „Du erinnerst dich doch noch an ihn, nicht wahr?“

„Pfui! Der Rattenfänger!“ sagte Sarah und schloß vor Entsetzen die Augen.

„Aber durchaus nicht, er ist Fleischverkäufer“, sagte der Doktor. „Herr Mugg, Hochwürden Lancelot Dingle.“ Und der Doktor stellte seinen zerlumpten, schmierigen Freund vor, als sei er der König in Person. „Herr Mugg ist mein bester Patient“, fügte er noch hinzu.

„Aber Johann, höre“, rief Sarah, „wenn du diesen verrückten Beruf ergreifst, versprich mir, daß du es unter einem anderen Namen tun wirst. Denk doch nur, wie es uns schaden würde, wenn man hört, des Rektors Schwager ist ein gewöhnlicher Schaubudenmann!“

Der Doktor dachte einen Augenblick nach und versprach Sarah lächelnd, unter einem andern Namen aufzutreten. Wenn ihn aber trotzdem jemand erkennen würde, könnte er nichts dafür.

Nachdem sie sich von Sarah verabschiedet hatten, gingen der Doktor und Matthäus wieder zu dem Zirkusdirektor, der jetzt am Eingang saß und in aller Ruhe sein Geld zählte.

Johann Dolittle beschrieb das Stoßmich-Ziehdich und sagte, er wolle sich mit diesem wunderbaren Tier dem Zirkus anschließen. Alexander Blossoms Bitte, ihm das Tier hier vorzuführen, schlug der Doktor ab. Er meinte, es wäre einfacher und besser, wenn der Direktor nach Puddleby käme, um es sich dort in seiner eigenen Behausung anzusehen.

Blossom willigte ein, und so machten sich der Doktor und Matthäus, sehr zufrieden mit ihrem Erfolg, wieder auf den Heimweg.

„Wenn Sie mit Blossoms Zirkus herumziehen“, bat Matthäus, als sie, ihre Sardinenschnitten kauend, die Landstraße hinuntertrotteten, „müssen Sie mir bitte mitnehmen, Doktor. Ich kann mir dort sehr nützlich machen, die ganze Gesellschaft versorgen, füttern, säubern und so weiter.“

„Sie sind mir sehr willkommen, Matthäus“, sagte der Doktor. „Aber was wird aus Ihrem eignen Geschäft?“

„Ach das“, sagte Matthäus und biß gereizt in ein neues Brot. „Darin steckt doch kein Geld nich. Außerdem ist es eine zu zahme Angelegenheit, Fleischstücke auf Holzstäbchen an überfütterte Pudel zu verabreichen. Darin steckt kein, wie heißt es doch?“ (und er schwenkte sein Brot zum Himmel empor) — „darin steckt kein Abenteuer nich. Ich habe eine abenteuerliche Ader — eine direkt leichtsinnige — seit je her, schon von der Wiege an. Zirkusleben! Ja, das ist das Wahre für einen echten Mann!“

„Aber was wird aus Ihrer Frau?“ fragte der Doktor.

„Theodosia? Ach, die kommt mit. Die hat auch so eine abenteuerliche Ader. Sie kann Kleider flicken und andre Arbeiten machen.“

Am späten Abend, als der Grimbledoner Jahrmarkt schon geschlossen war, besuchte Direktor Blossom den Doktor in Puddleby. Nachdem man ihm beim Schein einer Laterne das Stoßmich-Ziehdich gezeigt hatte, das grade auf dem Rasenplatz graste, kehrte er mit dem Doktor in die Bibliothek zurück und fragte ihn, wieviel er für das Tier haben wolle.

„Nichts“, sagte der Doktor, „ich verkaufe es nicht.“

„Ach Unsinn“, antwortete der Direktor, „Sie können ja gar nichts damit anfangen, jeder Mensch sieht, daß Sie kein richtiger Schaubudenbesitzer sind. Ich zahle Ihnen vierhundert Schillinge dafür.“

„Nein“, sagte der Doktor.

„Sechshundert“, rief Blossom.

Der Doktor schlug auch dieses Angebot ab.

„Achthundert — tausend“, steigerte der Direktor sich und ging höher und immer höher hinauf, schließlich bot er ihm einen Preis, der des Katzenfuttermanns Augen vor Erstaunen größer und größer werden ließ.

„Es hat keinen Zweck“, sagte Johann Dolittle endlich. „Entweder müssen Sie das Tier und mich in Ihren Zirkus hereinnehmen oder das Tier dort lassen, wo es sich befindet. Ich habe versprochen, selbst darauf zu achten, daß es ordentlich behandelt wird.“

„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte der Schaubudenbesitzer, „wem haben Sie das versprochen? Gehört es Ihnen denn nicht?“

„Es gehört sich selbst“, antwortete der Doktor. „Es ist aus Gefälligkeit gegen mich mitgekommen. Dem Stoßmich-Ziehdich selbst habe ich es versprochen.“

„Was, sind Sie verrückt?“ rief der Schaubudenmann.

Matthäus Mugg wollte schon Blossom auseinandersetzen, daß der Doktor die Tiersprache spräche, als Johann Dolittle ihm einen Wink gab, den Mund zu halten.

„Sie müssen also entweder mich und das Tier nehmen, oder das Tier lassen, wo es ist“, wiederholte er.

Auf eine solche Abmachung wollte sich aber Blossom nicht einlassen, und zu Matthäus großer Enttäuschung nahm er seinen Hut und ging.

Er hatte nämlich erwartet, der Doktor würde seine Meinung ändern und nachgeben; aber nicht mehr als zehn Minuten waren vergangen, als die Türglocke wieder läutete, und Blossom von neuem um das Stoßmich-Ziehdich zu handeln begann. Das Ende vom Liede war, der Schaubudenbesitzer bewilligte alles, was der Doktor verlangte. Das Stoßmich-Ziehdich bekam einen neuen Wagen ganz für sich, und galt das Tier und seine Begleitung auch als ein Teil des Zirkus, so blieben sie doch vollkommen frei und unabhängig. Das für die Besichtigung des Stoßmich-Ziehdich eingenommene Geld wurde zu gleichen Teilen zwischen dem Doktor und dem Zirkusdirektor geteilt. Das Stoßmich-Ziehdich bekam einen freien Tag, wann immer es einen haben wollte, und Blossom versprach, jede Art Futter, die es verlangte, heranzuschaffen.

Nachdem alle Abmachungen getroffen waren, sagte Blossom, er würde am nächsten Tage den Wagen schicken, dann stand er auf, um zu gehen.

„Übrigens“, fragte er, „wie heißen Sie eigentlich?“

Der Doktor wollte es ihm gerade sagen, als er sich an Sarahs Bitte erinnerte.

„Ach, nennen Sie mich nur Johann Smith“, sagte er.

„Gut, Herr Smith“, antwortete der Schaubudenbesitzer, „halten Sie Ihre Gesellschaft für morgen früh um elf Uhr bereit. Guten Abend.“

Sobald sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, kamen Dab-Dab, Göb-Göb, Jip, Tuh-Tuh und die weiße Maus, die sich in verschiedenen Ecken des Hauses versteckt und gehorcht hatten, in die Halle gelaufen und fingen alle auf einmal aus voller Kehle zu schreien an.

„Hurra!“ grunzte Göb-Göb. „Es lebe der Zirkus!“

„Meiner Seel“, sagte Matthäus zum Doktor, „schließlich und endlich sind Sie doch kein so schlechter Geschäftsmann nich. Sie haben Blossom dazu bekommen, Ihnen in allem nachzugeben. Er wollte sich die Sache nich durch die Lappen gehen lassen. Haben Sie gesehen, wie schnell er zurückkam, als er fürchtete, das Geschäft würde ihm entgehen? Ich wette, er glaubt durch uns eine Menge Geld zu verdienen.“

„Liebes altes Haus“, seufzte Dab-Dab und staubte zärtlich den Hutständer ab, „daß wir dich so schnell wieder verlassen müssen!“

„Hurra!“ rief Göb-Göb und versuchte, auf den Hinterbeinen zu stehen und des Doktors Hut auf seiner Schnauze zu balancieren. „Es lebe der Zirkus! Hurra! Morgen geht’s los. Quiek!“

DES DOKTORS ENTLARVUNG

Am nächsten Morgen hatte Dab-Dab das ganze Haus bereits sehr früh auf die Beine gebracht. Sie sagte, es müsse schon vor sieben Frühstück gegessen und der Tisch abgeräumt sein, wenn alles zur Abreise um elf fertig werden sollte.

Tatsächlich hatte die emsige Haushälterin es erreicht, schon Stunden, bevor der Zirkuswagen kam, war das Tor verschlossen, und alle Insassen saßen auf den Stufen davor und warteten. Allein der Doktor war die ganze Zeit über beschäftigt; denn bis zum letzten Augenblick waren aus allen Gegenden Tierpatienten gekommen, deren verschiedene Leiden kuriert werden mußten.

Endlich kam Jip, der Ausschau gehalten hatte, zu den andern, die im Garten warteten, zurückgerast.

„Der Wagen kommt“, keuchte er — „er ist gelb und rot angemalt — jetzt biegt er gerade um die Straßenecke.“

Alle wurden sehr aufgeregt und begannen, nach ihren Paketen zu greifen. Göb-Göbs Gepäck bestand aus einem Bündel mit weißen Rüben, und grade als es die Stufen herabwollte, riß die Schnur, und die runden weißen Knollen rollten hinaus.

Als der Wagen endlich in Sicht kam, war er wirklich wunderschön. Er hatte wie ein Zigeunerwagen ein paar Fenster, eine Tür und einen Schornstein, und alles war buntbemalt und funkelnagelneu.

Aber das Pferd war sehr alt. Der Doktor sagte, er hätte nie ein so ausgemergeltes Tier gesehen. Er fing an, sich mit ihm zu unterhalten und erfuhr bald, daß es schon 35 Jahre im Zirkus arbeite und dies sehr satt hätte. Es hieß Beppo. Der Doktor beschloß im Stillen, Blossom zu sagen, es wäre höchste Zeit, daß man Beppo pensioniere und ihm erlaube, seinen Lebensabend in Frieden zu verbringen.

Obgleich der Wagen funkelnagelneu war, fegte ihn Dab-Dab nochmals aus, bevor sie das Gepäck hineintat. Sie hatte des Doktors Bettzeug wie ein großes Wäschebündel in ein Laken gebunden und achtete sorgsam darauf, daß es nicht schmutzig würde.

Als die Tiere und das ganze Gepäck untergebracht waren, fürchtete der Doktor, die Last würde für das alte Pferd zu schwer sein, und er wollte von hinten schieben, aber das Pferd sagte, es könne ganz gut damit fertig werden. Trotzdem wollte der Doktor sein eigenes Gewicht nicht noch hinzufügen, und nachdem man die Tür geschlossen und die Fenstervorhänge zugezogen hatte, so daß niemand das Stoßmich-Ziehdich auf seiner Reise beobachten konnte, machten sie sich auf den Weg nach Grimbledon. Der Mann, der den Wagen hergebracht hatte, kutschierte, während der Doktor und der Katzenfuttermann hinterhergingen.

Auf dem Puddlebyer Marktplatz hielt der Kutscher an, um verschiedene Einkäufe in einem Laden zu machen. Während die Reisenden draußen warteten, scharte sich eine Menge Menschen um den Wagen, um zu erfahren, wohin er fuhr und was sich in ihm befand. Matthäus Mugg hätte es ihnen nur allzu gern mit vor Stolz geschwellter Brust erzählt, aber der Doktor erlaubte es ihm nicht.

Gegen zwei Uhr nachmittags kamen sie zum Grimbledoner Jahrmarkt und betraten den Zirkus durch einen Hintereingang, im Innern erwartete sie der große Blossom zur Begrüßung.

Er schien sehr erstaunt zu sein, als er in dem Wagen die seltsame Tiersammlung entdeckte, die der Doktor mitbrachte, und sein ganz besonderes Erstaunen erregte Göb-Göb, das Schwein. Aber er war so froh, das Stoßmich-Ziehdich zu haben, daß er sich nichts merken ließ.

Er führte sie sofort zu dem, was er ihren Stand nannte, und den er am Vormittag extra für sie hatte bauen lassen. Es war eine ähnliche Plattform wie die, auf der Johann Dolittle Blossom zuerst erblickt hatte. Sie war drei Fuß über dem Fußboden, so daß die Bretterbude auf ihr gut gesehen werden konnte. Stufen führten zu ihr hinauf, und ein kleines Stück hinter der vordem Kante der Plattform bedeckten Vorhänge den Eingang, so daß niemand etwas sehen konnte, wenn er nicht Eintritt bezahlte.

Auf der Vorderseite war ein Schild angebracht:

Das Stoßmich-Ziehdich

Kommt und seht das wunderbare

zweiköpfige Tier

aus dem afrikanischen Urwald!

Eintritt sechs Groschen

Der rot und gelbe Wagen, in dem des Doktors Truppe mit Ausnahme des Stoßmich-Ziehdich wohnen sollte, wurde hinter den Stand gefahren, und Dab-Dab fing sofort an, Betten zu machen und das Wageninnere gemütlich zu gestalten.

Blossom wollte das Stoßmich-Ziehdich gleich zur Schau stellen, aber der Doktor erlaubte es nicht. Er sagte, jedes Tier der Wildnis müsse sich nach einer so langen Reise erst einmal ausruhen. Das schüchterne Geschöpf Sollte sich zuerst an den lärmenden Wirrwarr des Zirkuslebens gewöhnen, bevor es von einer Menge Nichtstuer angestarrt wurde.

Blossom war sehr enttäuscht, aber er mußte nachgeben. Dann bot er dem Doktor zum Entzücken der Tiere an, sie im ganzen Zirkus herumzuführen und den Gauklern und Artisten vorzustellen. Nachdem man das Stoßmich-Ziehdich in sein neues Heim gebracht und der Doktor gesehen hatte, daß es mit Heu, Wasser und Streu versorgt worden war, begann die Puddlebyer Truppe unter der Führung des Direktors den Zirkus zu besichtigen.

Die Hauptvorstellung fand nur zweimal täglich — um zwei Uhr nachmittags und um halb sieben Uhr abends — in einem großen Zelt in der Mitte der Einfriedung statt. Aber rundherum standen kleine Zelte und Buden, und für die meisten mußte man noch ein besondres Eintrittsgeld bezahlen. Auch des Doktors Truppe sollte eine Extrabude werden. Die Zelte und Buden enthielten alle möglichen wunderbaren Sachen: Schießund Rätselbuden, wilde Männer aus Borneo, Damen mit Bart, Karusselle, Athleten, Schlangenbeschwörer, eine Menagerie und vieles andre mehr.

Blossom zeigte dem Doktor und seinen Freunden zuerst die Menagerie. Es war eine schmierige, drittklassige Sammlung, die meisten Tiere machten einen schmutzigen und unglücklichen Eindruck. Den Doktor betrübte das sehr, er hätte Blossom gerne deswegen zur Rede gestellt. Aber der Katzenfuttermann flüsterte ihm ins Ohr:

„Schlagen Sie nicht gleich Lärm, Doktor, warten Sie noch etwas. Wenn der Chef erst weiß, wie viel ihm die Vorführung ihrer Tiere einbringt, können Sie ihn um den Finger wickeln. Wenn Sie jetzt gleich Krach machen, verlieren wir wahrscheinlich unsre Stellung, und dann können Sie später gar nichts ausrichten.“

Dieser Rat leuchtete Johann Dolittle ein, und er gab sich für den Augenblick damit zufrieden, den Tieren durch die Gitterstäbe ihrer Käfige zuzuflüstern, er hoffe, später etwas für sie tun zu können.

Kurz nach ihrem Eintritt führte ein schmutziger Mensch einen Trupp Landleute herum, um ihnen die Sammlung zu zeigen. Er blieb vor einem Käfig stehen, in dem ein kleines Pelztier gefangengehalten wurde und rief:

„Und dies, meine Damen und Herren, ist das berühmte Hurri-Gurri aus den patagonischen Wäldern. Es hängt sich mit seinem Schwanz an den Bäumen auf. Bitte zum nächsten Käfig.

Der Doktor, gefolgt von Göb-Göb, sah sich das berühmte Hurri-Gurri an.

„Nanu“, sagte er, „das ist ja nichts weiter als ein gewöhnliches Opossum aus Amerika. Eins aus der Familie der Beuteltiere.“

„Es trägt aber gar keinen Beutel am Arm?“ meinte Göb-Göb. „Es hat sicher nur eine kleine Tasche im Pelz.“

„Und dies hier“, brüllte der Mann vor dem nächsten Käfig, „ist der größte in Gefangenschaft lebende Elefant.“

„Fast der kleinste, den ich je gesehen habe“, murmelte der Doktor.

Dann schlug Herr Blossom vor, sie wollten sich zum nächsten Zelt begeben, zur Prinzessin Fatima, der Schlangenbeschwörerin. Und er führte sie aus der engen, übelriechenden Menagerie ins Freie hinaus. Als der Doktor an den Käfigen vorbeiging, ließ er seinen Kopf hängen und seufzte betrübt. Die Tiere hatten alle den großen Johann Dolittle erkannt und machten ihm Zeichen, er solle stehen bleiben und mit ihnen sprechen.

Als sie das Zelt der Schlangenbeschwörerin betraten, befand sich dort außer ihnen im Augenblick kein Besucher. Auf der kleinen Bühne sahen sie nur Prinzeß Fatima, die sich ihre große Nase puderte und im Londoner Dialekt vor sich hinfluchte. Neben ihrem Stuhl stand eine große flache Schachtel voller Schlangen.

Als Matthäus Mugg einen Blick hineinwarf, fuhr er erschrocken zurück und wollte aus dem Zelt rennen.

„Fürchten Sie sich nicht, Matthäus“, rief der Doktor ihm nach, „sie sind ganz harmlos.“

„Was sagen Sie, harmlos?“ schnaubte Prinzeß Fatima und starrte den Doktor an. „Es sind Königskobras aus Indien, die giftigsten Schlangen, die es gibt.“

„Das sind sie durchaus nicht“, antwortete der Doktor. „Es sind ungiftige amerikanische Schwarznattern.“ Und er kitzelte eine unterm Kinn.

„Lassen Sie die Schlangen in Ruh“, kreischte Fatima und stand auf, „oder ich schlage Sie Ihren dussligen Deetz ein.“

In diesem Augenblick trat Blossom dazwischen und stellte Herrn Smith der aufgeregten Prinzessin vor.

Die folgende Unterhaltung — Fatima war noch zu wütend, um sich daran zu beteiligen — wurde durch die Ankunft von ein paar Leuten unterbrochen, die sich die Vorstellung der Schlangenbändigerin ansehen wollten. Blossom führte des Doktors Gesellschaft in eine Ecke und flüsterte:

„Sie ist ausgezeichnet, Smith, eine der besten Nummern, die ich habe. Beobachten Sie sie nur.“

Hinter dem Vorhang begann jemand zu trommeln und zu pfeifen. Fatima erhob sich, nahm zwei Schlangen aus der Schachtel und wand sie sich um Hals und Arme.

„Würden die hochverehrten Damen und edlen Herren die großmütige Güte haben, etwas näher zu treten“, redete sie die Zuhörerschaft schmeichelnd und wie geschmiert an, „dann können Ihre strahlenden Himmelslichter das schwarze Gewürm der Unterwelt besser erspähen.“

„Warum spricht sie so?“ flüsterte Göb-Göb dem Doktor zu.

„Pst“, sagte Johann Dolittle, „ich nehme an, sie hält das für eine orientalische Sprechweise.“

„Hört sich eher wie eine Bratkartoffelsprechweise an“, murmelte Göb-Göb, „wie fett und wabblig sie ist!“

Da der Zirkusdirektor sah, diese Schau machte keinen guten Eindruck auf den Doktor, führte er ihn zu anderen Zelten.

Als sie zur Bude des Athleten hinübergingen, bekam Göb-Göb etwas vom Kasperle-Theater zu sehen. Im Augenblick spielten sie grade die Szene, wo der Hund Toby Kasperle in die Nase beißt. Göb-Göb war begeistert, man konnte es kaum von der Stelle bekommen, und die ganze Zeit, während sie mit dem Zirkus herumzogen, blieb das Kasperletheater sein größtes Vergnügen. Es versäumte keine einzige Vorstellung, und obgleich immer das gleiche Stück aufgeführt wurde und es bald jedes Wort auswendig kannte, wurde ihm das Zuhören nie langweilig.

Vor der nächsten Bude hatte sich viel Publikum versammelt, und Bauernjungen sahen erstaunt dem starken Mann zu, der riesige Gewichte in die Luft stemmte. Bei dieser Vorführung war keine Betrügerei, und Johann Dolittle schloß sich sehr interessiert dem Händeklatschen der erstaunten Menge an.

Der Athlet war ein ehrlich aussehender Bursche mit starken Muskeln, und der Doktor gewann ihn sofort lieb. Eine seiner Nummern bestand darin, sich auf den Rücken zu legen und riesige Hanteln mit den Füßen in die Luft zu stemmen. Dazu war sowohl Gleichgewicht wie Kraft nötig, denn fielen die Hanteln herunter, verletzte man sich schwer. Als der starke Mann seine Beine endlich in eine aufrechte Stellung gebracht hatte und die Menge vor Bewunderung zu flüstern begann, gab es auf einmal einen lauten Krach. Ein Dielenbrett der Bühne hatte nachgegeben, und die riesigen Hanteln waren dem Mann auf die Brust gefallen.

Die Menge schrie, und Blossom sprang aufs Podium. Nur der gemeinsamen Kraft von zwei Männern gelang es, die Hanteln von des starken Mannes Brust zu entfernen, aber selbst dann stand er nicht auf. Er blieb bewegungslos mit geschlossenen Augen und totenblassem Gesicht liegen.

„Hol’ einen Doktor!“ rief Blossom dem Katzenfuttermann zu, „mach schnell, er ist schwer verletzt und bewußtlos, schnell einen Arzt!“

Aber Johann Dolittle war bereits auf die Bühne geklettert und beugte sich über den Direktor, der neben dem verletzten Mann kniete.

„Machen Sie mir bitte Platz, und lassen Sie mich ihn untersuchen“, sagte er ruhig.

„Sie können ihm doch nicht helfen! Er ist schwer verletzt. Er atmet ganz schwer. Wir brauchen einen Arzt.“

„Ich bin Arzt“, sagte Johann Dolittle. „Matthäus, laufen Sie zum Wagen und holen Sie mir meine schwarze Tasche.“

„Sie, ein Arzt?“ rief Blossom und stand auf. „Ich dachte, Sie seien ein Herr Smith.“

„Natürlich ist er Arzt“, rief jemand aus der Menge. „Es hat eine Zeit gegeben, wo er der beste in den ganzen westlichen Provinzen war. Ich kenne ihn. Er heißt Dolittle — Johann Dolittle aus Puddleby auf der Marsch.“

DER DOKTOR IST ENTMUTIGT

Der Doktor hatte festgestellt, die Hanteln hatten dem starken Mann zwei Rippen gebrochen. Aber bei Herkules’ überaus kräftiger Gesundheit prophezeite er, der Patient würde sich trotzdem schnell erholen. Der Verletzte wurde in seinem Wagen zu Bett gebracht, und bis zu seiner Genesung besuchte ihn der Doktor viermal am Tage und Matthäus schlief in seinem Wagen, um ihn zu pflegen.

Der Athlet — sein Künstlername war Herkules — war Johann Dolittle dankbar und schloß sich ihm an und wurde ihm — wie man später sehen wird — sehr nützlich.

Als der Doktor am ersten Abend seiner Zirkuslaufbahn zu Bett ging, wußte er, wenn er sich in Fatima, der Schlangenbeschwörerin, heute auch eine Feindin gemacht hatte, in Herkules, dem starken Mann, hatte er einen Freund gewonnen.

Am nächsten Tag wurde das Stoßmich-Ziehdich zum erstenmal zur Schau gestellt, und viele Leute kamen, es anzusehen, denn ein zweiköpfiges Tier hatte man noch nie in einem Zirkus besichtigen können. Zuerst starb das arme Stoßmich-Ziehdich beinahe vor Verlegenheit und Schüchternheit, stets hielt es den einen seiner Köpfe unter der Streu versteckt, damit ihn nicht alle glotzenden Blicke trafen. Die Leute wollten aber dann nicht glauben, daß es mehr als einen Kopf hätte, und so mußte der Doktor es bitten, so gut zu sein, beide Köpfe sehen zu lassen.

„Du brauchst ja die Leute nicht anzusehen“, sagte er, „sondern nur zu zeigen, daß du wirklich zwei Köpfe hast. Du kannst dabei ruhig dem Publikum von beiden Seiten den Rücken zuwenden.“

Aber einige dumme Leute, selbst wenn sie jetzt die zwei Köpfe sahen, behaupteten noch immer, der eine Kopf sei falsch. Und sie stachen nach dem armen Tier mit Stöcken, um herauszufinden, ob ein Teil von ihm ausgestopft sei. Als zwei Bauernlümmel es eines Tages wieder taten, wurde das Stoßmich-Ziehdich wütend und stieß die beiden Quälgeister mit beiden Köpfen zugleich heftig in die Beine. So erhielten sie den sicheren Beweis, daß es am ganzen Körper echt und lebendig war.

Sobald der Katzenfuttermann nicht mehr Herkules pflegen mußte und es seiner Frau überlassen konnte, übertrug der Doktor ihm die Wache beim Stoßmich-Ziehdich: er mußte versprechen, es nicht von dummen Besuchern belästigen zu lassen. Die ersten Tage waren für das arme Tier schrecklich gewesen. Aber als Jip ihm erzählte, wie viel Geld damit verdient wurde, beschloß es, um Johann Dolittles willen, weiter auszuhalten. Obgleich seine Achtung vor den Menschen immer mehr abnahm, gewöhnte es sich bald an die dummen Glotzaugen seiner Besucher und starrte aus seinen vier Augen mit furchtloser Überlegenheit und der Verachtung, die sie verdienten, auf sie zurück.

Während der Vorstellung saß der Doktor auf dem vorderen Podium, nahm die Sechsgroschenstücke entgegen und lächelte jeden Besucher an, als wäre er ein alter Freund von ihm, der zu ihm in sein eigenes Haus käme. Und tatsächlich traf er auf diese Weise viele gute Bekannte wieder: die alte Dame mit dem Reißen, den Pfarrer Jenkyns, und außerdem eine Menge Nachbarn aus Puddleby.

Die arme Dab-Dab hatte mehr zu tun als je. Zu ihrer Aufgabe, den Haushalt zu führen, kam noch hinzu, daß sie den Doktor stets im Auge behalten und oft ausschelten mußte, weil er, wenn sie nicht hinsah, die Kinder ohne Bezahlung hereinließ.

Am Ende eines jeden Tages kam Blossom, der Direktor, um das Geld zu teilen. Tuh-Tuh, die Rechenkünstlerin, war immer dabei, wenn zusammengezählt wurde, um aufzupassen, daß der Doktor auch seinen richtigen Anteil bekam.

Obgleich das Stoßmich-Ziehdich so beliebt war, wurde es dem Doktor bald klar, es würde eine ganze Weile dauern, bis er mit seinem neuen Beruf genug Geld verdient hätte, um dem Schiffer sein Boot zu bezahlen — ganz abgesehen von dem, was er für sich und den Unterhalt seiner Familie brauchte.

Dies tat ihm recht leid, denn es gab im Zirkusleben eine Menge Dinge, die ihm nicht gefielen, und er hätte den Zirkus gerne wieder verlassen. Seine eigene Schau war eine ehrliche Angelegenheit, aber sonst wurde viel betrogen, und dem Doktor, der jeden Betrug haßte, war es unangenehm, zu einem nicht ganz ehrlichen Unternehmen zu gehören.

Aber das, was den Doktor am meisten schmerzte, war die Verfassung, in der sich die Tiere befanden. In den meisten Fällen führten sie ein unglückliches Leben. Am Schluß seines ersten Zirkustages, nachdem die Besucher nach Hause gegangen waren und alle Zelte und Buden ruhig und verlassen dalagen, war er in die Menagerie zurückgekehrt und hatte dort mit den Tieren gesprochen. Fast alle hatten sich über etwas zu beklagen; ihre Käfige wurden nicht richtig sauber gehalten; sie hatten weder genug Bewegung noch Raum dazu, und einigen wurde Futter gegeben, das ihnen nicht schmeckte.

Der Doktor hörte sie alle an und entrüstete sich so sehr darüber, daß er sofort den Direktor in seinem Privatwagen aufsuchte und ihm offen alle die Dinge sagte, die seiner Meinung nach geändert werden mußten.

Blossom hörte geduldig zu und fing dann an zu lachen.

„Aber, Doktor!“, rief er, „wenn ich das alles tun sollte, was Sie von mir verlangen, könnte ich ebensogut die ganze Geschichte aufgeben. Ich wäre dann nämlich sowieso ruiniert. Was, die Pferde pensionieren? Das Hurri-Gurri in seine Heimat zurückschicken? Die Leute dazu anhalten, den ganzen Tag die Käfige zu putzen? Besondre Nahrung kaufen? Die Tiere täglich spazieren führen, als ob sie im Mädchenpensionat wären? Mann Gottes, Sie sind verrückt! Sie verstehen sicherlich nichts von diesem Geschäft — nicht wahr? Ich habe Ihnen in allem nachgegeben, was Sie für sich und Ihre Truppe verlangt haben. Ich lasse Sie Ihre Vorstellungen auf Ihre Weise machen, aber im übrigen habe ich hier zu bestimmen. Verstanden? Ich wünsche keinerlei Einmischung. Schlimm genug, daß der starke Mann auf der Krankenliste steht. Ich habe keine Lust, wegen Ihrer Sonntagsschulideen Bankerott zu machen, und damit basta.“

Traurig verließ der Doktor das Zelt und ging zu seinem Wagen hinüber. Auf den Stufen saß der Katzenfuttermann und rauchte seine Abendpfeife. Neben ihm nagte Beppo, das alte Pferd, im Mondschein das magere Gras der Einfriedung ab.

„Schöner Abend heute Morgen“, sagte Matthäus. „Sehen etwas verärgert aus, Doktor, stimmt was nich?“

„Ja“, sagte Johann Dolittle und setzte sich traurig auf die Stufe über ihm. „Nichts stimmt. Ich habe soeben Blossom gebeten, ein paar Verbesserungen in seinem Zirkus einzuführen, aber er will nichts davon hören. Ich glaube, ich verlasse den Zirkus wieder.“

„Immer mit die Ruhe, Doktor“, sagte Matthäus. „Sie haben ja kaum angefangen. Blossom weiß noch nich einmal, daß Sie die Tiersprache sprechen können. Zirkusse brauchen nich so schlimm zu sein. Sie wären der Mann, der einen neuen Zirkus leiten könnte. Einen saubern, ehrlichen, ganz besonderen Zirkus, den sich kein Mensch nich ungern ansehen würde, aber zuerst müssen Sie das Geld zusammenbekommen. Geben Sie nich so leicht alles wieder auf.“

Doch der Doktor blieb sehr niedergeschlagen. Er meinte, er könne hier doch nichts nützen und auch nicht bleiben und das Unglück der Tiere mit ansehen. Er hätte sich nie auf einen solchen Handel einlassen sollen.

In diesem Augenblick kam das alte Pferd Beppo, da es die Stimme seines Freundes erkannt hatte, näher heran und rieb sein Maul zärtlich an des Doktors Ohr.

„Hallo“, rief Johann Dolittle, „Beppo, ich fürchte, ich werde dir nicht helfen können. Es tut mir leid, ich verlasse den Zirkus.“

„Aber Doktor“, sagte das alte Pferd, „Sie sind unsre einzige Hoffnung. Grade heute habe ich gehört, wie der Elefant und das sprechende Pferd — das Pony, das bei der großen Aufführung mitwirkt — sich über Ihre Ankunft freuten. Haben Sie doch etwas Geduld. Man kann nicht alles in einer Minute ändern. Wenn Sie uns verlassen, werden unsre Wünsche nie erfüllt werden. Aber, wenn Sie dableiben, wissen wir, daß Sie binnen kurzem den Zirkus auf die richtige Weise leiten werden. Solange Sie da sind, haben wir keine Angst. Nur bleiben müssen Sie. Achten Sie darauf, was ich Ihnen sage: Der Tag wird kommen, wo der neue Zirkus, der Dolittle-Zirkus, der größte der Erde sein wird.“

Der Doktor schwieg einen Augenblick, und Matthäus, der die Unterhaltung mit dem Pferd nicht verstand, wartete ungeduldig auf das, was der Doktor beschließen würde.

Endlich erhob sich Johann Dolittle und wandte sich zum Wagen.

„Sie bleiben doch?“ fragte der Katzenfuttermann ängstlich.

„Ja, Matthäus“, sagte der Doktor, „ich muß ja wohl. Gute Nacht.“

Ende der Woche war der Grimbledoner Jahrmarkt vorüber und der Zirkus zog in die nächste Stadt. Es war eine schwere Arbeit, den großen Zirkus und all die kleinen Buden und Zelte für eine lange Reise auf der Landstraße zusammenzupacken, und den ganzen Sonntag ging es auf der Zirkuswiese sehr geschäftig zu. Große und kleine Zelte wurden abgebaut und zusammengerollt, Stände auseinandergenommen und in Wagen verpackt. Der große Platz, der so bunt und fröhlich ausgesehen hatte, lag bald traurig und unordentlich da. Für die Tiere des Doktors war das alles neu, und obgleich Dab-Dab von der allgemeinen Unruhe des Packens mitergriffen wurde, freuten sich die andern an der Aufregung und dem Neuartigen dieses Aufbruches.

Es belustigte sie aufs höchste, zu beobachten, wie sich die Zirkusleute veränderten, wenn sie ihre Bühnenkostüme ablegten und sich für die Reise anzogen. Göb-Göb war ganz verwirrt, denn es erkannte niemanden wieder. Der Clown rieb sich die Schminke vom Gesicht, Prinzeß Fatima legte ihre herrlichen Gewänder ab und sah wie eine achtbare, sonntäglich gekleidete Reinemachefrau aus. Der wilde Mann aus Borneo band sich Kragen und Schlips um und sprach ganz natürlich. Und die bärtige Dame nahm ihren Bart ab, faltete ihn zusammen und legte ihn in einen Koffer.

Dann machte sich die lange Wagenreihe des Zirkus auf den Weg zur nächsten, fünfzig Meilen entfernten Stadt. Diese Reise konnte im Schritt natürlich nicht in einem einzigen Tag zurückgelegt werden. Nachts mußte man am Straßenrand oder an einem freien Platz lagern. So bot sich außer dem neuen Vergnügen, das Land bei Tag aus einem Haus auf Rädern zu sehen, noch die Aufregung, die Nacht auf Zigeunerart dort zu verbringen, wo einen grade die Dunkelheit überfiel. Jip machte es viel Spaß, die Ratten aus den Gräben längs der Landstraße aufzujagen, und oft pürschte er auf einer Wiese einer Fuchsspur nach. Der Zirkus kam so langsam vorwärts, daß dem Hund noch Zeit für eine Menge kleiner Abenteuer blieb. Göb-Göbs größtes Vergnügen war es aber, zu raten, wo sie wohl die Nacht zubringen würden.

Dieses Haltmachen an einem Schlafplatz schien ihnen allen am meisten Freude zu bereiten. Wenn der Kessel über das Feuer am Wegrand gehängt worden war, wurde jeder vergnügt und gesprächig. Jips beide Freunde, der Hund des Clowns und Toby, der Hund vom Kasperle-Theater, schlossen sich abends, sobald der Zug halt machte, des Doktors Truppe an. Auch sie waren sehr dafür, Johann Dolittle solle die Leitung des Ganzen übernehmen oder selbst einen eigenen Zirkus gründen. Und wenn sie nicht den ganzen Kreis mit ihren wunderbaren Geschichten aus dem Leben eines Zirkushundes erheiterten, sagten sie dem Doktor immer wieder und wieder, ihrer Meinung nach würde ein richtiger Dolittle-Zirkus die Vollkommenheit selbst sein.

Johann Dolittle hatte stets behauptet, es gäbe bei den Hunden genau ebensoviele, oder sogar noch verschiedenere Charaktere und Typen, wie bei den Menschen. Zum Beweis dafür hatte er ein Buch geschrieben, das er Seelenkunde der Hunde nannte. Die meisten Gelehrten hatten es verächtlich abgelehnt und gesagt, nur ein Hohlkopf könne über einen solchen Gegenstand schreiben. Aber das sagten sie nur, um zu verbergen, daß sie es nicht verstanden.

Die beiden Hunde, Schwizzel, der Hund des Clowns, und Toby vom Kasperle-Theater, waren sehr verschiedene Charaktere. Schwizzel, der dem Äußeren nach nur ein ganz gewöhnlicher Köter war, hatte viel Humor. Er machte aus allem einen Scherz. Teilweise kam das von seinem Beruf — er half dem Clown, Leute zum Lachen zu bringen —, aber zum Teil erwuchs es auch aus seiner Lebensanschauung. Er erzählte dem Doktor und Jip mehr als einmal, wie er schon als kleines Hunde-Baby erkannt hatte, nichts in der Welt lohne es, ernst genommen zu werden. Er war ein großer Künstler und verstand stets jeden Spaß, selbst wenn er auf seine Kosten gemacht wurde.

Toby, der andre Hund, war von seinem Freunde Schwizzel so verschieden wie nur möglich. Er war ein kleiner Hund, ein weißer Zwergpudel, und nahm sich selbst und das Leben sehr ernst. Sein hervorstechendster Charakterzug war seine Entschlossenheit, alles zu bekommen, was er haben wollte. Aber trotzdem war er nicht selbstsüchtig. Der Doktor sagte immer, diese verschmitzte Geschäftstüchtigkeit fände man bei den meisten kleinen Hunden, die ihre Kleinheit durch eine Extraportion Frechheit wieder wettmachen müßten. Als Toby das erstemal Johann Dolittles Truppe besuchte, sprang er sofort auf des Doktors Bett und machte es sich dort bequem. Die höchst empörte Dab-Dab versuchte, ihn wieder hinunterzuwerfen, aber er wich keinen Schritt. Er sagte, der Doktor habe nichts dagegen, und er sei der Besitzer des Bettes. Von da an belegte er immer, wenn er zu Besuch kam, diesen Platz im Wagen. Nur seine Frechheit hatte ihm dieses Vorrecht eingebracht. Er verlangte stets Vorrechte, und gewöhnlich bekam er sie auch.

Aber eins hatten Toby und Schwizzel gemeinsam: das war der Stolz auf ihre persönliche Freundschaft mit Johann Dolittle, den sie für den größten aller Menschen hielten.

An einem Abend hatte der Zug, wie gewöhnlich, am Rande der Landstraße haltgemacht. Ein nettes altväterliches Bauerngehöft lag in der Nähe, und Göb-Göb war nachsehen gegangen, ob nicht einige Schweine im Stall wären, sonst aber war des Doktors vertrauter Kreis vollständig beisammen. Kaum hatte man den Kessel zum Kochen aufgehängt, als Toby und Schwizzel herbeikamen. Es war eine kühle Nacht, und statt draußen ein Feuer zu machen, kochte Dab-Dab das Essen auf dem Ofen im Innern des Wagens, um den alle herumsaßen und schwatzten.

„Haben Sie schon das Neuste gehört, Doktor?“ fragte Toby, als er auf das Bett sprang.

„Nein“, sagte Johann Dolittle, „was ist denn los?“

„In der nächsten Stadt nehmen wir Sophie wieder mit.“

„Wer in aller Welt ist denn Sophie?“ fragte der Doktor und holte seine Pantoffeln hinter dem Ofen hervor.

„Sie hat uns schon vor Ihrer Ankunft verlassen“, sagte Schwizzel. „Sophie ist eine Seerobbe. Sie balanciert Bälle auf ihrer Schnauze und macht Wasserkunststücke. Sie ist krank geworden, und Blossom hat sie vor einem Monat zurücklassen müssen. Jetzt geht es ihr wieder gut, und ihr Wärter trifft mit uns in Ashby zusammen. Sie ist ein ziemlich gefühlsduseliges Mädchen, die Sophie, aber ein guter Kerl, und sie wird Ihnen sicherlich gefallen.“

An einem Mittwoch, ungefähr um neun Uhr abends, kam der Zirkus in Ashby an und sollte am frühen Morgen des nächsten Tages für das Publikum geöffnet werden. Daher waren alle Leute die Nacht hindurch beschäftigt, bei Fackellicht Zelte und Buden aufzuschlagen und Tannenrinde zu streuen. Selbst nachdem der Stand des Stoßmidi-Ziehdich aufgebaut worden war, und sich des Doktors Familie zur Ruhe zurückgezogen hatte, ging niemand schlafen. Die Erde erzitterte noch immer von den Hammerschlägen, mit denen die Blöcke in den Boden getrieben wurden, und die Luft war voll von Rufen und Arbeitslärm, bis die Morgendämmerung über die Dächer von Ashby kroch, und die Zeltstadt zeigte, die über Nacht errichtet worden war.

Johann Dolittle stelle fest, als er müde von seinem Bett herunterkletterte, daß eine Menge dazu gehöre, sich an das Zirkusleben zu gewöhnen. Nach dem Frühstück übergab er Matthäus die Aufsicht über seinen Stand und ging fort, um die Seerobbe kennenzulernen.

SOPHIE AUS ALASKA

Sophies Wärter hatte, wie die übrigen Zirkusleute, seinen Stand schon fertig für das Publikum aufgebaut. Die Robbe führte zweimal täglich in dem großen Zelt ihre Kunststücke vor. Ihre Nummer folgte auf die der Trapez-Akrobaten Brüder Pinto und auf die des sprechenden Pferdes. Aber während der übrigen Zeit wurde sie ebenso wie das Stoßmich-Ziehdich in einem Nebenstande gezeigt. Dort tauchte sie zum Vergnügen eines jeden, der dafür drei Groschen bezahlte, in einem umgitterten Wasserbehälter nach Fischen.

An diesem Morgen war es noch früh und Sophies Wärter frühstückte grade draußen auf den Stufen, als der Doktor in ihr Zelt kam. Ein ungefähr zwölf Fuß breiter Wasserbehälter war hier in die Erde eingelassen und um ihn herum eine Plattform mit einem Geländer gebaut, von dem aus die Besucher die Vorführungen sehen konnten. Sophie, eine schöne, fünf Fuß lange Alaska-Seerobbe mit glattem Fell und klugen Augen, wälzte sich trübsinnig im Wasser. Als der Doktor mit ihr in ihrer eignen Sprache zu sprechen begann und sie erkannte, wer ihr Besucher war, brach sie in Tränen aus.

„Was fehlt dir denn?“ fragte Johann Dolittle.

Die Robbe fuhr fort zu weinen und antwortete nicht.

„Beruhige dich“, sagte der Doktor, „nur keine Aufregungen! Bist du noch krank? Ich glaubte, du wärst wieder ganz gesund.“

„Ach ja, ich hab mich längst wieder erholt“, schluchzte Sophie, /„ich hab nur Magenschmerzen gehabt. Wir werden hier mit faulen Fischen gefüttert.“

„Was fehlt dir sonst?“ fragte der Doktor. „Warum weinst du denn?“

„Ich weine vor Freude“, sagte Sophie. „Als Sie hereinkamen, dachte ich grade, der einzige Mensch in der ganzen Welt, der mir helfen kann, ist Johann Dolittle.“

„Wobei soll ich dir helfen?“ fragte der Doktor.

„Ach“, rief Sophie und brach wieder in Tränen aus, „ich weine nur, weil ich so glücklich bin. Als Sie hereinkamen, habe ich Sie zuerst für einen gewöhnlichen Besucher gehalten, aber nach Ihrem ersten Wort Robbensprache — und dazu noch Alaska-Dialekt — wußte ich, wer Sie waren: Johann Dolittle, der einzige Mensch in der ganzen Welt, mit dem ich sprechen wollte! Das war für mich zuviel, ich — —“

„Nun, nun“, sagte der Doktor, „brich nur nicht gleich wieder zusammen. Sag mir, was dir fehlt.“

„Gern“, antwortete Sophie.

In diesem Augenblick hörten sie draußen das Klappern eines Eimers. „Pst“, flüsterte der Doktor schnell. „Der Wärter kommt. Fang wieder mit deinen Kunststücken an! Man darf nicht erfahren, daß ich die Tiersprache spreche.“

Als der Wärter eintrat, um den Boden zu scheuern, hüpfte und tauchte Sophie ausgelassen für ein Publikum, das aus einem einzigen kleinen, dicken, ruhigen Mann mit einem zerbeulten, aus der Stirn gerückten Zylinderhut bestand. Bevor der Wärter sich an seine Arbeit machte, warf er dem Doktor einen Blick zu und entschied, daß dieser eine ganz gewöhnliche Person und nichts Besondres sei.

Sobald der Mann mit dem Aufwischen fertig und wieder verschwunden war, fuhr Sophie fort:

„Als ich krank wurde, befanden wir uns grade in Hatley am Meer, ich und mein Wärter — er heißt Higgins — blieben zwei Wochen lang dort, während der Zirkus ohne uns weiterzog. In Hatley gibt es einen Zoo — nur einen ganz kleinen — mit künstlichen Teichen voll Seehunden und Ottern. Eines Tages kam Higgins mit dem Wärter dieser Robben ins Gespräch und erzählte ihm, daß ich krank sei. Und da sie glaubten, mir würde etwas Gesellschaft gut tun, steckten sie mich zu meiner Erholung in den Teich zu den andern Seerobben. Unter diesen befand sich eine alte Robbe, die aus demselben Teil der Behringstraße stammte wie ich. Von ihr erfuhr ich ein paar schlimme Neuigkeiten aus meiner Heimat. Mein Gatte war seit meiner Gefangennahme untröstlich und wies alle Nahrung zurück. Früher war er der Anführer der Herde gewesen, aber nachdem man mich von seiner Seite gerissen hatte, grämte er sich so, daß er vollständig abmagerte, und ein anderer Seehund statt seiner zum Führer gewählt wurde. Die Robbe glaubte nicht, daß er jetzt noch am Leben wäre“, und Sophie begann wieder, leise vor sich hinzuschluchzen.

„Ich kann es gut verstehen“, fuhr sie fort, „wir haben so sehr aneinander gehangen. Und obwohl er groß und stark war und kein andrer Hund der Herde je wagte, mit ihm Streit anzufangen, ohne mich war er nur ein kleines, hilfloses Kind. In allem hat er sich vollkommen auf mich verlassen. Und jetzt — jetzt weiß ich nicht, was mit ihm ist. Es ist schrecklich — einfach schrecklich!“

„Einen Augenblick, aber hör erst zu weinen auf“, sagte der Doktor. „Was müßte denn deiner Meinung nach geschehen?“

„Ich müßte zu ihm zurückkehren“, sagte Sophie und hob sich mit ausgestreckten Flossen aus dem Wasser. „Ich müßte bei ihm sein. Er ist der wahre Führer der Herde, und er braucht mich. Ich hatte schon gehofft, in Hatley zu entkommen, aber leider hatte ich keine Gelegenheit.“

„Hm“, murmelte der Doktor, „bis zur Behringstraße ist es sehr weit, wie in aller Welt willst du dahinkommen?“

„Grade deswegen habe ich mit Ihnen sprechen wollen“, sagte Sophie. „Zu Lande reise ich natürlich sehr langsam. Aber“, fügte sie mit einem mächtigen Schlage ihres Schwanzes hinzu, so daß die Hälfte des Wassers aus dem Bassin schwappte, „bin ich erst einmal im Meere, schwimme ich, eins, zwei, drei, nach Alaska.“

„Ja, das ist wahr“, stimmte der Doktor zu, als er sich das Wasser aus den Schuhen schüttelte. „Ich sehe, du bist wirklich eine ausgezeichnete Schwimmerin. Wie weit ist es ungefähr von hier bis zur Küste?“

„Ungefähr hundert Meilen“, sagte Sophie. „O weh, o weh! Mein armer Glitschi! Mein armer Glitschi!“

„Wer ist arm?“ fragte der Doktor.

„Glitschi“, antwortete Sophie, „so heißt nämlich mein Mann. Er hat sich in allen Dingen stets auf mich verlassen, der arme dumme Glitschi. Was soll ich nur tun? Was soll ich nur tun?“

„Ja, ja“, sagte Johann Dolittle, „es ist keine einfache Sache, dich bis zum Meer durchzuschmuggeln. Ich will nicht sagen, es wäre unmöglich, aber man muß sich die Sache erst einmal gut überlegen. Vielleicht kann ich dich auf die eine oder andre Weise in aller Öffentlichkeit befreien. Inzwischen werde ich deinem Gatten durch einen Vogel Botschaft senden, es gehe dir gut, und er solle aufhören, sich zu grämen. Derselbe Bote kann uns dann gleich sagen, wie es ihm geht. Also Kopf hoch! Es kommen Leute, die deine Kunststücke bewundern wollen.“

Eine Lehrerin mit einem Haufen Kinder trat, von Wärter Higgins begleitet, ein, und zugleich verließ ein kleiner, schmunzelnder, dicker Mann die Bude. Bald lachten die Kinder entzückt über die Späße des großen Wassertiers. Higgins stellte fest, Sophie müsse sich nun wieder vollkommen wohl fühlen, er hatte sie noch nie so strahlender Laune gesehen.

EINE BOTSCHAFT AUS DEM NORDEN

Spät am Abend ging der Doktor mit Tuh-Tuh noch einmal zur Robbe.

„Diese Eule“, sagte er, als er an Sophies Schwimmbassin stand, „ist eine Freundin von mir. Bitte beschreibe ihr, wo man in Alaska deinen Gatten finden kann. Sie fliegt dann zur Küste und gibt ihre Botschaft an die Möwen weiter, die nach Nordwesten ziehen. Darf ich euch miteinander bekannt machen: Sophie, dies ist Tuh-Tuh, einer der klügsten Vögel, die ich kenne. Tuh-Tuh ist eine besonders gute Rechnerin.“

Die Eule blieb auf dem Geländer sitzen, während Sophie ihr genau auseinandersetzte, wie man Glitschi erreichen könne und eine lange, liebevolle Botschaft für ihren Gatten herunterleierte. Als sie damit fertig war, sagte Tuh-Tuh:

„Ich fliege nach Bristol, Doktor, das ist die nächste Küstenstadt, dort halten sich immer eine Menge Möwen im Hafen auf. Ich werde schon eine finden, die die Botschaft übernimmt und sie an die richtige Adresse befördert.“

Der Doktor war damit einverstanden, und da alles so schnell wie möglich gehen sollte, bat er sie, einen Seevogel ausfindig zu machen, der aus Freundlichkeit für ihn die ganze Strecke übernehmen würde.

„Ist recht, Doktor“, sagte Tuh-Tuh und bereitete sich auf die Reise vor. „Lassen Sie bitte das Fenster offen, damit ich wieder hereinkommen kann. Ich glaube, ich werde kaum vor zwei Uhr morgens zurück sein. Bis dahin auf Wiedersehn!“

Der Doktor kehrte zu seinem Wagen zurück und schrieb den letzten Teil seines neuen Buches, das,Schwimmkunst der Tiere‘ hieß, noch einmal um. Sophie hatte ihm eine Menge hilfreicher Winke über gutes Schwimmen gegeben, so daß er dem Buch noch drei neue Kapitel hinzufügen mußte.

Er war so in seine Arbeit vertieft, daß er gar nicht merkte, wie die Zeit verging, als plötzlich zwischen zwei und drei Uhr morgens der Nachtvogel Tuh-Tuh vor ihm auf dem Tisch saß.

„Doktor“, sagte Tuh-Tuh leise, um die anderen nicht aufzuwecken, „ich habe eine alte Bekannte von mir, eine Möwe, getroffen und ihr gesagt, daß ich jemanden suche, der eine Botschaft nach Alaska bringen kann. Als sie hörte, daß Doktor Dolittle mich schicke, sagte sie, sie würde es mit dem größten Vergnügen gerne selbst tun. Sie glaubt aber kaum, vor fünf Tagen zurück sein zu können, das heißt, wenn alles gut geht. Ich fliege Freitag wieder nach Bristol, und wenn sie dann noch nicht zurück ist, warte ich dort auf sie.“

Johann Dolittle freute sich sehr über Tuh-Tuhs Nachricht und erzählte Sophie am folgenden Tage, daß ihre Botschaft weitergegeben worden sei. Für den Augenblick konnte man nichts andres tun, als die Rückkehr der Möwe abzuwarten.

Am Donnerstag, einen Tag bevor Tuh-Tuh nach Bristol fliegen wollte, saß die ganze Gesellschaft in des Doktors Wagen um den Tisch und lauschte einer Geschichte, die Toby, der Kasperlehund, erzählte. Grade als Toby vor dem aufregenden Teil der Geschichte atemlos eine Pause machte, hörte man ein leises Klopfen am Fenster.

„Huuh“, rief Göb-Göb, „es spukt“, und krabbelte unter das Bett.

Johann Dolittle stand auf, zog die Vorhänge zurück und öffnete das Fenster. Auf dem Fensterbrett stand eine müde und zerzauste Möwe, die mehr tot als lebendig zu sein schien. Der Doktor hob sie behutsam vom Fensterbrett und setzte sie auf den Tisch. Dann drängten sich alle um sie herum und starrten den erschöpften Vogel schweigend an, bis er zu sprechen anfing.

„Johann Dolittle“, sagte die Möwe endlich, „ich habe nicht auf Tuh-Tuh in Bristol gewartet, weil ich glaubte, Sie wollten alles gern so schnell, wie nur möglich, wissen. Die Robbenherde, zu der Sophie und ihr Mann gehören, befindet sich in einem sehr, sehr schlechten Zustand. Das kommt nur daher, weil Sophie gefangen genommen wurde und ihr Gatte Glitschi die Führerschaft verloren hat. In diesem Jahre hat dort der Winter früher eingesetzt, und was für ein Winter! Schneestürme, ungeheure Lawinen. Das Meer ist Monate vor der gewöhnlichen Zeit zugefroren. Ich selbst bin beinahe vor Kälte umgekommen, und Sie wissen: wir Möwen können eine sehr niedrige Temperatur vertragen.

Bei schlechtem Wetter ist nun die Führung für eine Seerobbenherde außerordentlich wichtig. Seerobben leben wie Schafe und alle wandernden Tiere in Rudeln. Und ohne einen großen, starken Anführer, der sie zu den offenen Fischplätzen und den geschützten Überwinterungsstellen führt, sind sie vollkommen hilflos und verloren. Seit Glitschi schwermütig geworden ist, haben sie einen Führer nach dem anderen gehabt, aber keiner von ihnen hat etwas getaugt. Kämpfe und kleine Meutereien haben die Herde dauernd erschüttert, Walrosse und Seelöwen treiben sie von den besten Fischplätzen fort, und die Eskimo-Robbenfänger töten sie rechts und links. Keine Seehundsherde kann sich lange gegen die Pelzjäger halten, wenn sie nicht einen guten Führer hat, der genügend Verstand besitzt, um sie vor Gefahr zu schützen. Glitschi war der beste, den sie je gehabt haben, und dazu stark wie ein Ochse. Nun tut er nichts, als auf einem Eisberg liegen und stöhnen und weinen, weil ihm seine Lieblingsfrau genommen worden ist. Er hat hundert andre Frauen, die ebenso hübsch sind wie Sophie, aber er sehnt sich nur nach ihr. Da haben Sie die Geschichte: die Herde zerfällt einfach! Man hat mir erzählt, unter Glitschis Führung sei sie die beste Seerobbenherde im ganzen nördlichen Polarkreis gewesen. Jetzt, dazu noch bei diesem strengen Winter, wird sie höchstwahrscheinlich ganz zugrunde gehen.“

Als die Möwe ihre Erzählung beendet hatte, herrschte eine Minute lang Schweigen im Wagen. Schließlich sagte Johann Dolittle: „Toby, gehört Sophie Blossom oder Higgins?“

„Higgins, Doktor“, sagte der kleine Hund. „Es ist so ähnlich wie bei Ihnen. Dafür, daß die Robbe bei der Vorstellung im großen Zirkus mitwirkt, braucht Higgins für seinen Stand nichts zu bezahlen und steckt das ein, was die Nebenschau einbringt.“

„Das ist durchaus nicht dasselbe wie bei mir“, rief der Doktor, „der große Unterschied ist, das Stoßmich-Ziehdich hält sich aus freiem Willen hier auf, während Sophie gegen ihren Willen im Zirkus festgehalten wird. Es ist eine wahre Schande, daß Jäger ins Eismeer hinauffahren und alle Tiere, die sie haben wollen, fangen, Familien zerstören und auf diese Weise auch jede Lebensgemeinschaft erschüttern dürfen — es schreit wahrhaftig zum Himmel!“

„Wieviel kostet eine Robbe?“ fragte er Toby.

„Das ist verschieden“, antwortete Toby. „Ich habe einmal Sophie sagen hören, Higgins habe sie in Liverpool von dem Mann, der sie fing, für vierhundert Schillinge gekauft. Bevor sie an Land kam, hatte man ihr schon auf dem Schiff Kunststücke beigebracht.“

„Wieviel ist in unsrer Sparbüchse, Tuh-Tuh?“ fragte der Doktor.

„Die ganzen Einnahmen von der vorigen Woche“, antwortete die Eule, „außer einem Schilling und drei Groschen. Für drei Groschen haben Sie sich die Haare schneiden lassen, und für einen Schilling haben Sie Göb-Göb Sellerie-Salat gekauft.“

„Was bleibt also übrig?“

Tuh-Tuh, die Rechenkünstlerin, legte ihren Kopf auf die Seite und schloß das linke Auge, wie sie es immer tat, wenn sie rechnete.

„Siebenundvierzig Schilling“, murmelte sie, „weniger einem Schilling und drei Groschen macht — macht fünfundvierzig Schilling und neun Groschen netto bar auf den Tisch.“

„Großer Gott!“ stöhnte der Doktor, „kaum genug, um ein Zehntel von Sophie zu kaufen. Ich möchte wissen, ob ich hier jemand anpumpen kann. Das ist das einzig Gute, wenn man ein Menschendoktor ist: als ich noch eine Menschenpraxis hatte, konnte ich mir wenigstens von meinen Patienten etwas borgen.“

„Wenn ich mich recht erinnere“, murmelte Dab-Dab, „haben Sie viel öfter Ihren Patienten etwas geliehen, als daß Sie sich etwas von Ihren Patienten geborgt haben.“

„Blossom würde sie Ihnen doch nicht verkaufen, selbst wenn Sie das Geld hätten“, sagte Sdhwizzel. „Higgins hat sich vertraglich verpflichtet, mit ihm ein ganzes Jahr herumzuziehen.“

„Da bleibt nur ein Ausweg übrig“, meinte der Doktor. „Diesen Leuten gehört die Robbe jedenfalls nicht. Sie ist eine freie Bewohnerin des nördlichen Eismeeres, und will sie dorthin zurückkehren, so soll sie es auch. Sophie muß entfliehen.“

Bevor an jenem Abend seine Tiere zu Bett gingen, ließ er sich von ihnen versprechen, der Robbe vorläufig nichts von den schlechten Nachrichten der Möwe zu erzählen. Es würde sie nur quälen, und ehe er sie nicht sicher zum Meere gebracht hätte, nützte es ihr doch nichts, davon zu wissen.

Dann besprach er bis zum Morgengrauen mit Matthäus den Plan für Sophies Flucht. Zuerst war der Katzenfuttermann sehr gegen diese Idee.

„Doktor“, sagte er, „wenn man Ihnen zu fassen kriegt, sperrt man Ihnen ein. Eine Seerobbe zur Flucht von ihre Besitzer zu verhelfen, wird man einfach Diebstahl nennen.“

„Daraus mache ich mir nicht so viel“, sagte der Doktor und schnippte mit den Fingern. „Man kann es nennen, wie man will. Man kann mich auch einsperren, wenn man mich kriegt. Wenigstens werde ich vor Gericht Gelegenheit haben, ein Wort für das Recht wilder Tiere einzulegen.“

„Man wird nich auf Ihnen hören, Doktor“, sagte Matthäus, „man wird Ihnen für einen gefühlsduseligen Narren halten. Higgins wird glatt gewinnen. Eigentumsrecht und all solch Zeug. Ich verstehe Sie Ihren Standpunkt schon, aber der Richter wird es nie nich tun, er wird Ihnen verurteilen, Higgins vierhundert Schillinge für seinen verlorengegangenen Seehund zu bezahlen, und wenn Sie nicht bezahlen können, kommen Sie ins Gefängnis.“

„Daraus mache ich mir nicht so viel“, wiederholte der Doktor. „Aber hören Sie Matthäus, wenn Sie die Sache nicht für richtig halten, möchte ich Sie nicht mit hineinziehen. Schaffen kann ich es nur durch allerlei Betrügereien, und ich wäre sehr traurig, wenn Sie dadurch mit in Unannehmlichkeiten gerieten. Wenn Sie lieber die Hände davon lassen wollen, sagen Sie es mir ruhig. Ich für mein Teil, habe bereits meinen Entschluß gefaßt: Sophie kehrt nach Alaska zurück, selbst wenn ich dafür ins Gefängnis kommen sollte, was nichts Neues für mich wäre, denn ich habe schon früher im Gefängnis gesessen.“

„Ich auch“, sagte der Katzenfuttermann. „Sind Sie schon mal im Cardiffer Zuchthaus gewesen? Pfui Teufel! Ein verflixtes Loch, das schlimmste, in dem ich je gesessen habe.“

„Nein“, antwortete der Doktor, „bis jetzt hab ich nur in afrikanischen Gefängnissen gesessen — die sind schlimm genug. Aber wir wollen uns nicht von der Hauptsache entfernen. Vielleicht wollen Sie mir lieber nicht bei diesem Unternehmen helfen? Es verstößt gegen das Gesetz, das weiß ich, wenn ich auch das Gesetz für falsch halte. Verstehen Sie mich recht: ich bin nicht im geringsten beleidigt, wenn Sie Bedenken haben, mir zu helfen und beizustehen.“

„Bedenken? I wo“, rief der Katzenfuttermann, öffnete das Fenster und spuckte kräftig in die Nacht hinaus. „Natürlich helfe ich Sie, Doktor. Dieser alte Brummbär Higgins hat kein Recht nich, die Robbe gefangen zu halten. Sie ist ein freies Geschöpf der Meere. Daß er vierhundert Schillinge für sie bezahlt hat, geschieht ihm nur recht. Was Sie sagen, stimmt, Doktor. Machen wir nich sozusagen die ganze Zirkussache zusammen? Habe ich Ihnen nich gesagt, daß ich abenteuerlich gesinnt bin? Gott bewahr mich! Ich habe schlimmre Dinger gedreht, als einer Zirkusrobbe zur Flucht zu verhelfen. Habe ich Sie eigentlich erzählt, warum ich im Cardiffer Zuchthaus gesessen habe? Wissen Sie weshalb?“

„Nein, keine Ahnung“, sagte der Doktor, „sicherlich wegen irgendeines kleinen Vergehens. Wir wollen jetzt —“

„Es war kein kleines Vergehen“, sagte Matthäus, „ich —“

„Ach kümmern Sie sich jetzt nicht darum“, sagte Johann Dolittle schnell. „Wir machen alle mal einen kleinen Fehler.“

„Es ist auch kein kleiner Fehler gewesen“, murmelte Matthäus, aber der Doktor fuhr schnell fort: „Wenn Sie ganz sicher wissen, daß Sie diese Sache nicht bereuen werden, wollen wir uns alle Mittel und Wege überlegen. Um Blossoms Verdacht zu vermeiden, wäre es sicher das beste, den Zirkus für einige Tage zu verlassen. Ich werde sagen, ich müsse aus geschäftlichen Gründen fort, was ja auch wahr ist, selbst wenn ich keine Geschäfte zu erledigen habe. Aber es sähe allzu verdächtig aus, wenn Sophie und ich in derselben Nacht verschwänden. Ich gehe also zuerst, und Sie bleiben hier und leiten inzwischen unsern Stand. Einen oder besser zwei Tage später verschwindet dann Sophie.“

„Ebenfalls aus geschäftlichen Gründen“, murmelte Matthäus. „Sie wollen sagen, ich soll ihr aus den Bassin herauslassen, nachdem Sie abgereist sind.“

„ Ja, wenn Sie nichts dagegen haben“, sagte der Doktor.

„Aber im Gegenteil, es wird mich ein großes Vergnügen sein“, antwortete der Katzenfuttermann.

„Ausgezeichnet!“ rief der Doktor. „Ich werde mit Sophie verabreden, wo wir uns treffen, wenn sie erst einmal aus dem Zirkus heraus ist. Und dann —“

„Und dann wird Ihre Aufgabe erst richtig beginnen“, lachte Matthäus Mugg.

DER FLUCHTPLAN

Obgleich die Pläne von Sophies Flucht natürlich vor allen Menschen, die zu Blossoms Zirkus gehörten, streng geheim gehalten wurden, erfuhren die Tiere doch bald durch Jip, Tuh-Tuh und Göb-Göb davon.

Als Johann Dolittle von Blossom zurückkehrte, dem er gesagt hatte, er müsse den Zirkus aus geschäftlichen Gründen für ein paar Tage verlassen, fand er seine Tiere in seinem Wagen um den Tisch sitzend und sich flüsternd unterhalten.

„Nun, Doktor“, fragte Matthäus, der auf den Stufen saß, „haben Sie mit dem Chef gesprochen?“

„Ja“, antwortete der Doktor. „Ich habe es ihm gesagt, es ist alles in Ordnung. Ich reise heute Abend. Ich habe übrigens dabei ein gräßliches Gefühl der Unaufrichtigkeit und Verlogenheit gehabt. Ich wünschte, ich könnte Sophie offen und ohne alle Heimlichkeiten befreien.“

„Na, dann blühte Sie aber dicke Aussicht auf Erfolg“, sagte Matthäus, „ich von mich aus fühle keine Schuld nich.“

„Hören Sie einmal, Doktor“, rief Jip, „die ganzen Zirkustiere interessieren sich ungeheuer für Ihren Plan. Sie fragen, ob sie Ihnen irgendwie helfen können. Wann soll denn Sophie entfliehen?“

„Übermorgen“, antwortete der Doktor. „Matthäus wird kurz nach Schluß des Zirkus die Tür zu ihrem Stand öffnen. Sehen Sie sich nur vor, Matthäus, daß niemand Sie an dem Schloß herumhantieren sieht. Wenn man uns faßte, säßen wir ordentlich in der Tinte. An Schlössern hantieren macht leichte Vergehen zu schweren Verbrechen. Sie müssen sehr, sehr vorsichtig zu Werke gehen.“

„Verlassen Sie sich nur auf mir, Doktor“, sagte der Katzenfuttermann und warf sich stolz in die Brust. „Ich habe so meine eigene Art, mit Schlössern umzugehen. Keine Gewalt nich, nichts als Überredung.“

„Machen Sie sich nur schnell aus dem Staube, wenn Sophie frei ist“, rief der Doktor, „damit gar nicht erst der Verdacht auf Sie fällt. Ach herrjeh! Es hört sich alles wie eine niederträchtige Verschwörung an.“

„Für mir eher wie ein Riesenjux“, sagte Matthäus.

„Für mich auch“, fügte Jip hinzu.

„Es ist der beste Trick, der seit langem in diesem Zirkus gezeigt worden ist“, fügte Schwizzel ein. „Meine Herren und Damen, Johann Dolittle, der weltberühmte Zauberkünstler, wird jetzt eine lebende Seerobbe vor Ihren eigenen Augen verschwinden lassen. Hokuspokus — Fidibus, Abracadabra, Hoppla, Presto! — Fertig!“

Und Schwizzel stellte sich auf seine Hinterbeine und verbeugte sich vor einer nicht vorhandenen Zuhörerschaft hinter dem Ofen.

„Wenn es sich auch niederträchtig anhört“, sagte der Doktor, „ich habe doch nicht das Gefühl, ein Unrecht zu tun. Sie haben kein Recht, Sophie in Sklaverei zu halten. Wie würde es uns beiden gefallen“, wandte er sich zu Matthäus, „in einer Wanne voll schmutzigen Wassers zum Vergnügen aller Müßiggänger nach Fischen tauchen zu müssen?“

„Scheußlich“, sagte Matthäus. „Ich habe nie nich eine Vorliebe für Fische oder Wasser gehabt. Haben Sie schon mit Sophie verabredet, wo sie Ihnen treffen soll?“

„Ja“, antwortete Johann Dolittle, „sobald sie die Zirkuswiese hinter sich hat — vergessen Sie nur nicht, die Zauntür ebenso schön zu öffnen wie Sophies eigene Tür, wir verlassen uns auf Sie, — sobald sie aus dem Zaun heraus ist, muß sie die Straße überqueren, dort steht ein leeres Haus, und an diesem Hause läuft ein dunkler Gang entlang, und dort werde ich auf sie warten. Mein Gott! Hoffentlich geht alles gut. Es ist so wichtig für Sophie und alle Seerobben in Alaska.“

„Und was geschieht“, fragte Matthäus, „wenn sie in der Gasse ist?“

„Es hat keinen Zweck, den Plan bis ins Kleinste auszuarbeiten. Die Hauptsache ist, daß wir zum Kanal von Bristol gelangen. Ich glaube, das ist die kürzeste Entfernung von hier zum Meer. Sind wir erst einmal dort, hat sie es geschafft. Aber die Entfernung beträgt in der Luftlinie fast hundert Meilen, und da wir uns den größten Teil des Weges verbergen müssen, erwarte ich keine leichte Reise. Trotzdem, es hat keinen Zweck, gleich das Schlimmste zu befürchten. Hat sie erst einmal den Zirkus hinter sich, werden wir schon weiterkommen.“

Viele von des Doktors Lieblingstieren wollten ihn auf seinen kommenden Abenteuern begleiten. Besonders Jip bat dringend, mitgenommen zu werden. Aber obgleich sich der Doktor den Beistand seines Freundes wünschte, glaubte er weniger Argwohn zu erregen, wenn er seine ganze Familie beim Zirkus zurückließ.

Noch am gleichen Abend, nach einer letzten Unterredung mit Sophie, machte er sich allein — aus geschäftlichen Gründen — auf den Weg. Er nahm den größten Teil seines Geldes mit und ließ bei Matthäus nur so viel zurück, daß während seiner Abwesenheit kleine Ausgaben für seine Truppe bezahlt werden konnten. Seine Geschäfte führten ihn nicht weiter als bis zur nächsten Stadt, wohin er mit einer Postkutsche fuhr. Obgleich es in jenen Tagen schon Eisenbahnen gab, bestanden doch nur sehr wenige Hauptlinien, und die meisten Überland-Reisen zwischen kleineren Städten wurden noch auf diese altmodische Art unternommen.

Bei seiner Ankunft in der nächsten Stadt nahm er sich ein Zimmer in einem Wirtshaus und blieb dort die ganze Zeit. Zwei Abende später kehrte er nach Einbruch der Dunkelheit wieder nach Ashby zurück, und nachdem er die Stadt von dem entgegengesetzten Ende betreten hatte, nahm er seinen Weg durch unbelebte Straßen, bis er zu dem Gang kam, wo er sich mit Sophie treffen wollte.

Obgleich der Doktor keinem seiner Lieblingstiere eine besondere Rolle in seinem Plan für Sophies Entführung zugeteilt hatte, waren sie sämtlich entschlossen, auf eigene Faust zu tun, was sie nur konnten und was — wie man sehen wird — ein gut Teil ausmachen sollte. Als die verabredete Stunde heranrückte, wuchs ihre Aufregung, die Göb-Göb zum Beispiel kaum noch verbergen konnte, mit jeder Minute.

Ungefähr um zehn Uhr, als der Zirkus seine Tore schloß, pflanzte sich Tuh-Tuh auf das Dach der Menagerie, von wo aus sie alle Vorgänge beobachten konnte. Sie hatte mit dem Elefanten und den andern Tieren der Menagerie besprochen, auf ein verabredetes Zeichen hin einen großen Spektakel in der Menagerie anzufangen, um die Aufmerksamkeit der Zirkusleute, wenn es notwendig sein sollte, von der entfliehenden Robbe abzulenken. Göb-Göb hatte sich selbst die Aufgabe gestellt, Blossom zu überwachen und bezog seinen Posten unter des Direktors Privatwagen.

Es war Vollmond, und selbst nachdem die Zirkuslaternen ausgelöscht waren, lag alles noch hell beleuchtet da. Der Doktor hätte aus diesem Grunde die Flucht am liebsten auf eine spätere Nacht verschoben, aber als er an die Zustände bei den Alaskarobben dachte, hielt er es doch für nötig, Sophie so schnell wie möglich zur Flucht zu verhelfen.

Ungefähr eine Stunde, nachdem Blossom das Gatter geschlossen hatte und zu seinem Wagen zurückgekehrt war, stahl sich Matthäus vom Stand des Stoßmich-Ziehdich fort und schlenderte über die Wiese. Jip, der ebenfalls so tat, als hätte er nichts zu versäumen, folgte ihm in kurzer Entfernung. Jedermann schien schlafen gegangen zu sein und Matthäus traf keine Seele auf dem Wege zumTor, von dem der Doktor gesprochen hatte. Nachdem der Katzenfuttermann sich vergewissert hatte, daß ihn niemand sah, drückte er die Klinke hinunter und öffnete das Tor. Dann schlenderte er zu Sophies Stand, während Jip zurückblieb, um das Tor zu bewachen.

Er war kaum eine Minute fort, als der Zirkuswächter mit einer Laterne vorbeikam. Zu Jips Entsetzen klinkte er das Gatter wieder ein und verschloß es mit einem Schlüssel. Jip, der noch immer so tat, als schnüffle er am Gatter nach Ratten, wartete, bis der Mann wieder verschwunden war; dann jagte er zu Sophies Stand, um Matthäus dort zu finden.

Es zeigte sich, daß die Dinge für den Katzenfuttermann nicht so leicht waren, wie er gehofft hatte. Als er sich dem Seerobbenhaus näherte, sah er schon von weitem Higgins, der rauchend auf den Stufen saß und den Mond betrachtete. Matthäus zog sich daher in den Schatten eines Zeltes zurück und wartete darauf, daß der Robbenwärter zu Bett ginge.

Er wußte, Higgins schlief in einem Wagen, der in der Nähe von Blossoms Wagen, auf der andern Seite der Zirkuswiese stand. Aber während er beobachtete und wartete, kam noch eine andere Gestalt dazu, anstatt daß Higgins sich entfernte. Es war der Zirkuswächter, der sich zu Higgins auf die Stufen setzte und mit ihm zu plaudern begann. Plötzlich kam Jip, der jetzt Matthäus hinter dem Zelt aufgespürt hatte und versuchte, ihm mit allen Kräften klarzumachen, das von ihm geöffnete Gatter sei wieder ge- und sogar verschlossen worden.

Jip konnte sich dem Katzenfuttermann nur wenig verständlich machen, und Matthäus wartete im Schatten des Zeltes fast eine Stunde lang darauf, daß die beiden Gestalten von den Stufen vor Sophies Stand fortgingen und die Luft rein würde, um die Robbe zu befreien. Unterdes wartete Johann Dolittle in seinem engen dunkeln Gang vor dem Zirkus, überlegte, was wohl der Grund dieser Verzögerung sein könne und versuchte, beim trüben Mondlicht seine Uhr zu entziffern.

Schließlich kam Matthäus zu der Überzeugung, die beiden Männer würden wohl niemals zu Bett gehen. Er kroch daher leise fluchend aus dem Schatten des Zeltes heraus und ging zu seiner Frau Theodosia, die im Wagen saß und beim Licht einer Kerze Strümpfe stopfte.

„Theodosia! Pst!“ flüsterte er ihr durchs Fenster zu, „hör mal!“

„Gott im Himmel!“ rief Frau Mugg und ließ den Strumpf fallen. „Wie du mich erschreckt hast, Matthäus! Ist alles in Ordnung? Ist die Robbe fort?“

„Nein, alles geht schief. Higgins und der Wächter sitzen auf die Stufen vor Sophies Stand und unterhalten sich; ich kann nich an die Türe ran, wenn sie dort sitzen. Komm raus, versuche, sie mir vom Hals zu schaffen. Sage sie, ein Zelt hätte der Wind umgeblasen oder sonst was. Jedenfalls was, was sie fortlockt, sonst hocken sie die ganze Nacht.“

„Gut“, sagte Theodosia, „warte nur, bis ich mir mein Tuch umgebunden habe. Ich werde sie zu einer Tasse Kakao einladen.“

Die hilfreiche Frau Mugg zog also los und lud Higgins und den Wächter zu einer Tasse Kakao in ihrem Wagen ein. Sie sagte, Matthäus käme sofort nach.

Sobald die Luft rein war, eilte der Katzenfuttermann die Stufen zum Stand der Seerobbe hinauf, und in einer Sekunde hatten seine geschickten Finger die Tür geöffnet. Drinnen lag Sophie, bereit, sich auf ihre lange Reise zu begeben. Mit einem dankbaren Grunzen watschelte sie in den Mondschein hinaus, glitt die Stufen hinunter und wälzte sich unbeholfen auf das Gitter zu.

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9788726583885
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