Читать книгу: «Wie ein Tier»
Horst Bosetzky
Wie ein Tier
Der S-Bahn-Mörder
Roman
Jaron Verlag
Taschenbuchausgabe
1. Auflage dieser Ausgabe 2013
© 2013 Jaron Verlag GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller
seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.
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Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin, unter Verwendung
eines Fotos des Bildarchivs Preußischer Kulturbesitz
(Hildegard Dreyer: S-Bahnhof Ostkreuz, 1962)
Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
ISBN 9783955521967
Dieses Buch erschien erstmals 1995 im Argon Verlag
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Zitate
Erster Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Zweiter Teil
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Dritter Teil
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Vierter Teil
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Fünfter Teil
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Nachwort 1995
Literatur
»Jedes Weib reizt mich bis aufs Blut. Wie ein hungriger Wolf rase ich umher. Und dabei bin ich schüchtern wie ein Kind. Ich verstehe mich manchmal selbst kaum.«
Joseph Goebbels, Tagebuch vom 15. Juli 1926
»Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. […] Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muss erst wieder aus ihren Augen blitzen.«
Adolf Hitler im Gespräch mit Hermann Rauschning
»Für die zur Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen, öffentlichen und privaten Lebens und des Verkehrs dringend notwendigen Lichtquellen sind Verdunklungsmaßnahmen durchzuführen. […] Alle übrigen Lichtquellen sind außer Betrieb zu setzen.«
»Die Beleuchtung von Straßen, Wegen, Plätzen, Bahn- und Hafenanlagen, Wasserstraßen und Grundstücken aller Art ist … außer Betrieb zu setzen.«
Achte Durchführungsverordnung zum Luftschutzgesetz (Verdunklungsverordnung) vom 23. Mai 1939


Erster Teil
Der alltägliche Schrecken
Kapitel 1
Emmi Borowka kam von der Spätschicht und fuhr mit der S-Bahn nach Hause. Nein, nicht nach Hause, sondern in die Laube am Rande der Stadt. Ihr Zuhause lag seit dem 29. August in Schutt und Asche. Als Vergeltungsschlag für die deutschen Luftangriffe auf London hatte die Royal Air Force Bomben auf Berlin geworfen. Drei Stunden lang hatten sie in der Skalitzer Straße im Luftschutzkeller gesessen. Zum Glück war sie nicht verschüttet gewesen. Zwölf Tote und 28 Verletzte hatte man am nächsten Morgen gezählt.
Es war die Strecke nach Erkner, die sie nun jeden Tag benutzen musste. Ostkreuz, Rummelsburg, Betriebsbahnhof Rummelsburg, Karlshorst, Wuhlheide, Köpenick, Hirschgarten, Friedrichshagen, Rahnsdorf, Wilhelmshagen und Erkner. An sich ihre Lieblingsstrecke. Nicht nur, weil Albert hier als Triebwagenführer jeden Tag den Dienst versah. Früher waren sie fast jeden Sonntag am Bahnhof Warschauer Straße in die S-Bahn gestiegen, die ganze Familie. Dann ging es nach Rahnsdorf zum Baden, nach Wilhelmshagen zum Pilzesammeln und nach Erkner, um auf der Löcknitz zu paddeln.
Früher, vor ’33, vor dem Krieg. Nur wenige Jahre lagen dazwischen und dennoch Ewigkeiten.
Ostkreuz. Alles war verdunkelt, wie bei einem Stromausfall. Mal ein blaues Lämpchen, mal eine Funzel. Die britischen Bomber sollten nicht erkennen, wo sie sich befanden.
Emmi war müde. Sie war es nicht gewohnt, in der Fabrik zu arbeiten. Die ganze Schicht über an der Stanze. Erstens: nach links bücken und den Rohling aus der Kiste nehmen. Zweitens: den Rohling unter die Stanze legen und genauestens ausrichten. Drittens: die Hände weit auseinander auf zwei tassengroße blanke Knöpfe legen und diese kräftig drücken. Viertens: abwarten, bis die zentnerschwere Hydraulikpresse nach unten gedonnert war. Fünftens: das nun fertig gestanzte Teil aus der Maschine nehmen und rechts unten in eine andere Kiste werfen. Alles sehr sorgfältig und zehn Stunden am Tag. Waffen für die Männer im Feld. Um Russen und Engländer zu töten.
Emmi dachte an ihren Vater. Ab und an besuchte sie ihn kurz vor Schichtbeginn noch schnell. Gestern hatte er im Sportpalast Hitler und Goebbels sprechen hören. Zur Eröffnung des Kriegs-Winterhilfswerks. »Weißt du, was Goebbels gesagt hat?«
»Nein …«
»Jeder Volksgenosse, ob arm oder wohlhabend, wird seinen Beitrag leisten, damit die Welt sieht: Dieses Reich der Deutschen ist unüberwindlich!«
»So wie unsere Flugabwehr … Als die englischen Bomben unsere Wohnung …«
Zu diesem Thema, den ›Tommis‹, hätte sie mal den Führer hören sollen: »Wenn sie erklären, sie werden unsere Städte in großem Ausmaß angreifen – wir werden ihre Städte ausradieren!«
Rummelsburg. Emmi schreckte hoch. Noch immer brachte sie das durcheinander.
Dass erst nur Rummelsburg kam und dann der Betriebsbahnhof Rummelsburg. Sie war froh, noch nicht aussteigen zu müssen. Hier in der S-Bahn fühlte sie sich sicher, der Schrecken für sie begann erst, wenn sie in das Labyrinth der Lauben musste. Sie hoffte aber noch, eine Nachbarin zu treffen, mit der sich zumindest eine Strecke Wegs gemeinsam gehen ließ.
Dass Männer ihre Frauen abholten, kam kaum noch vor. Die saßen alle in den Kasernen oder standen im Feld.
Bis auf den einen, der die Kolonien Gutland I und II schon seit 1938 in Angst und Schrecken versetzte. Wie ein Tier hockte er irgendwo in einer Hecke und wartete auf seine Beute. Plötzlich stand er da, aufgetaucht aus dem schwarzen Nichts, und sprach die Frauen an. Ob sie mit ihm ausgehen wollten. Nein. Da fiel er dann über sie her. Getötet hatte er noch keine. Aber alle warteten darauf, dass es geschah.
Die Polizei tat ihrer Meinung nach wenig bis nichts dagegen und alles sehr leise. Im nationalsozialistischen Staat konnte so etwas nicht sein, weil es nicht sein durfte.
Immerhin hatte sie letzte Woche beim NSV-Amtswalter Wenzke eine Liste gesehen, auf der alles stand, was es hier im Laubengelände bisher an schweren Straftaten gegeben hatte (neben den über zwanzig anderen Sittlichkeitsverbrechen von der versuchten bis zur vollendeten Vergewaltigung):
1. Mordversuch Budzinski, 13. 8. 39, 2 Uhr nachts. Wurde von Mann verfolgt. Dieser musste sehr gelaufen sein, denn als er in ihre Nähe kam, keuchte er. Als sie im Garten stand, Schlag über den Kopf. Im Liegen 2 Messerstiche in den Rücken.
2. Mordversuch Jablinski, 14. 12. 39, 1.15 Uhr. Merkte, dass sie verfolgt wurde, begann zu laufen. Verfolger setzte sich in Trab. Erhielt 4 Messerstiche (3 Gegend des Ohrs, 1 Hals). Schrie auf, Täter floh.
3. Mordversuch Nieswandt, 27. 7. 40, 1.30 Uhr. Opfer begab sich zur Laube. Wurde von Täter angesprochen. Opfer drohte zu schreien. Täter drückte ihr Tuch vor das Gesicht. Stiche mit Taschenmesser (Hals Nähe Schlagader, Oberschenkel direkt neben Schlagader). Täter floh.
4. Mordversuch Schuhmacher, 21. 8. 40, 23.10 Uhr. Mit Taschenlampe geblendet kurz vor Tunnel Zobtener Stra ße. Kein Wort. Schlug Frau mit Gegenstand bewusstlos (Bleirohr, Bleikabel). Opfer ein Stück aus Regenpfütze gezogen, Geschlechtsverkehr.
Emmi hatte das alles sehr genau vor Augen. Wenn sie etwas sah, fotografierte sie es gleichsam.
Heute war der 4. September, und es sah so aus, als würden die Intervalle des Täters immer kürzer werden.
Was sollte man schon tun dagegen? Wegziehen ging ebenso wenig wie alle Laternen hell aufleuchten lassen. Man konnte nur hoffen, dass es einen selber nicht traf.
Betriebsbahnhof Rummelsburg. Außer Emmi stiegen nur drei Männer aus, allesamt in Eisenbahneruniformen. Sie sprangen sofort, als der Zug wieder aus dem Bahnhof war, auf die Gleise hinunter, um schnell an ihrem Arbeitsplatz zu sein, dem Bahnbetriebswerk nebenan. Keiner benutzte den Fußgängersteg.
Es gab hier nur einen Ausgang, und zwar am Bahnsteigende Richtung Karlshorst. Es war ein Mittelbahnsteig, und sie musste zuerst in einen Tunnel hinunter, weil das nördliche Streckengleis im Wege war. Und das als einziger Fahrgast heute Nacht. Schon hier war es gruselig genug.
Emmi begann zu rennen, schaffte die kritischen Meter, stieg wieder nach oben, verließ das Bahnhofsgebäude und überquerte mit schnellen Schritten die Straße. Kein Mensch weit und breit. Die Wolkendecke war ziemlich dicht in dieser Nacht. Kein Mondschein, das war schlecht, aber keine Luftangriffe, das war gut.
Da war schon das Tor zur Laubenkolonie. Sie öffnete ihre Handtasche und nahm das Klappmesser heraus, das Albert ihr morgens mitgegeben hatte. »Stoß es ihm in den Bauch!« Wie aber, wenn der Täter sie von hinten niederschlug? Die einen sagten, er sei darauf aus, die Frauen zu betäuben, ehe er sich an ihnen verging, die anderen meinten, dass er ihren Widerstand brauchte, um etwas davon zu haben.
Emmi tauchte in das Dunkel. Sie bemühte sich krampfhaft, ganz leise zu gehen, nur die Fußballen aufzusetzen. Zugleich aber war ihr klar, dass das wenig nützen würde. Der Mann war wie eine Mücke. Die bloße Körperwärme zog ihn an. Wut stieg in ihr auf. Warum umstellten sie das Gelände nicht und suchten systematisch nach ihm? Warum stellten sie keinen Begleitschutz für alle Frauen bereit, die nachts von der Arbeit kamen? Warum war Albert nicht an ihrer Seite, sondern fuhr stattdessen wildfremde Menschen nach Hause?
Sie wusste, dass sie nach rechts musste, prallte aber gegen dichten Maschendraht, als sie es versuchen wollte. Ihr nächster Herzschlag war eine kleine Explosion. Der Mann hatte eine Falle für sie aufgestellt, einen Käfig, um sie … Ihre Beine knickten weg, sie musste sich am Drahtzaun festklammern. So hing sie da und atmete so schwer wie ihre Mutter nach einem Angina-pectoris-Anfall. Sie begann zu beten. »Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach; heile mich, Herr, denn meine Gebeine sind erschrocken, und meine Seele ist sehr erschrocken. Ach du, Herr, wie lange! Wende dich, Herr, und errette meine Seele; hilf mir um deiner Güte willen!« Es war der 6. Psalm, und es geschah ganz automatisch, dass sie das dachte. Und es half.
Sie bekam sich wieder so weit in den Griff, dass sie es wagte, die Taschenlampe herauszuholen und kurz ihre Umgebung abzuleuchten. Der schwache, aber scharf gebündelte Strahl fiel auf einen weißen, schon von Wind und Regen gebleichten Zettel.
W A R N U N G! Mitteilung der Justizpressestelle Berlin vom 7. Juni 1940:
Karl Rose (31) wurde als Volksschädling heute früh hingerichtet. Er überfiel unter Ausnutzung der Verdunklung in Hennigsdorf eine Frau und versuchte, sie unter Anwendung brutaler Mittel zu vergewaltigen.
Wenn der Kerl, der hier sein Unwesen treibt, nicht aufhört damit, wird es ihm ebenso ergehen!
Die Siedler der Kolonie Gutland I und II.
Emmi zuckte zusammen, wusste aber wieder so in etwa, wo sie war. Noch zehn Meter geradeaus, dann ein Stückchen rechts, wieder rechts und schließlich nach links bis zur Laube ihrer Schwiegereltern. Weiter. »Schlage die Trommel und fürchte dich nicht!« Hatte ihr älterer Bruder immer gesagt. Der stand jetzt mit dem X VI. Panzerkorps unter General Hoeppner in Frankreich. Nicht dran denken. Kein Was-wäre-wenn.
Sie konnte ihre Taschenlampe nicht die ganze Zeit über eingeschaltet lassen. Seit einem Jahr war Krieg, und Batterien waren schwer zu kriegen. Nur hin und wieder, da, wo die Hecken ganz besonders dicht gewachsen waren, und an den Einmündungen anderer Wege knipste sie das schwache Lämpchen an. Auch, um den Kerl nicht anzulocken.
Es lähmte sie wie das Gnu im Maule des Löwen, als sie sich vorstellte, wie es war, unter ihm zu liegen. Wenn sein Glied ihr wie ein Schwert in den Körper fuhr. Sie musste wieder stehen bleiben.
Da war ein Geräusch. Ein Tier schlich durch Gras und Sträucher. Das Tier. Der Mann. Der Vergewaltiger. Und wie ihr dieses Wort durch den Kopf schoss, fiel ihr, überwach, wie sie war, in diesem Moment auch auf, dass seine letzten beiden Silben das Wort Tiger ergaben. Der Tiger lauerte auf seine Beute.
Ein unterdrückter Schrei, ein Wimmern. »Mutti!« Hatte er auch in dieser Nacht ein Opfer gefunden? Emmi lief los. Der Impuls zu helfen war stärker als die Angst, selber Opfer zu werden. Im Laufen merkte sie, dass alles aus der Laube von Frau Ditter kam. Ihr Mann war im Felde, sie lebte mit ihren beiden kleinen Kindern ganz allein hier draußen. Als Emmi näher kam, stellte sich heraus, dass das ältere der beiden Mädchen nur unter Mückenstichen litt. Emmi klingelte trotzdem und fragte nach, als Frau Ditter schemenhaft im Fenster erschien.
»Alles in Ordnung?«
»Danke, ja.« Frau Ditter war um die zwanzig und hielt ihr Jüngstes im Arm. »Und selber?«
»Bis ich mich hier draußen eingewöhnt habe … Ich bin ja großgeworden in der Skalitzer Straße. Immer die Hochbahn vorm Fenster. Und hier …«
»Wird schon werden.« Frau Ditter hatte eine angenehme Stimme, und auch sonst war sie vom Typ her Lilian Harvey ein wenig ähnlich. Irgendwie hatte Emmi die vage Hoffnung gehabt, Frau Ditter würde sie zu einem kleinen Likör in ihre Laube bitten. Nicht nur, weil es sehr angenehm sein musste, mit ihr zu plaudern, sondern auch, weil es ihr den Rest des Heimwegs erspart hätte. Vielleicht hätte sie sogar auf einem Notbett bei Frau Ditter schlafen können. Aber die rief ihr nur ein freundliches »Na, dann gute Nacht!« über den Zaun und verschloss ihre Fensterflügel wieder.
Emmi fühlte sich furchtbar allein. Am liebsten hätte sie sich hier am Zaun ins Gras gesetzt und auf den Morgen gewartet. Fast sehnte sie sich nach der Nähe der Menschen in ihrem alten Luftschutzkeller. Und fast schien es ihr auch, dass sie vor den Bomben der Engländer weniger Angst gehabt hatte als vor der Gewalt des Mannes, der hier auf Frauen lauerte.
Sie verbot sich, an das Tier zu denken, denn instinktiv war ihr bewusst, dass ihre Ängste wie Radiowellen waren, die ihn erreichen und erregen mussten, wenn er in dieser Nacht nach Beute suchte.
Die letzten zweihundert Meter waren die schlimmsten.
Plötzlich schien es ihr sicher, dass der Mann schon in ihre Laube eingedrungen war und dort hinter dem Vorhang auf sie wartete. Sie hatten ihn als klein und schwarz beschrieben. Kein Tiger, sondern ein Panther, ein schwarzer Panther.
Mädel, reiß dich zusammen! Emmi eilte weiter. Augen zu und durch. Es wird schon nichts passieren. Ich hab die Bomben überlebt, ich werd auch das überleben.
»Albert, bitte, wir ziehen wieder weg von hier!« Sie witterte ihre Parzelle. Es waren die Astern, die in voller Blüte standen. Noch der Verteilerkasten der Bewag, breit und hoch wie ein Fels, dann war es geschafft.
Da war die Männerstimme neben ihr. Ebenso wispernd wie drohend.
»Gehen Sie noch aus mit mir?« Emmi lief los und schrie aus Leibeskräften. Das Tier folgte ihr mit schnellen Sprüngen.
Kapitel 2
Berthold Borowka lief zum Appellplatz. Nur nicht zu spät kommen und den SS-Leuten irgendwie in die Augen springen. Das konnte den sicheren Tod bedeuten. Er kam am Block 9 vorbei, wo weithin sichtbar eine Tafel mit einem wegweisenden Ausspruch Heinrich Himmlers angebracht war.
Es gibt einen Weg zur Freiheit.
Seine Meilensteine heissen:
Gehorsam, Fleiss, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterlande!
Zusätzlich hatte die SS die einzelnen Worte von Gehorsam bis Liebe mit weißer Farbe und riesigen Lettern auf die einzelnen Unterkunftsbaracken malen lassen.
Abendappell. Fast elftausend Häftlinge waren sie jetzt.
Wenn der Zählappell nicht klappte, konnten sie bis zum nächsten Morgen hier stehen. Oder aber umfallen und sterben. Berthold wusste, dass die Häftlingsschreibstube ihr Bestes tat. Diejenigen, die zu Arbeiten bei der SS abkommandiert waren, und die im Krankenbau liegenden Häftlinge waren schon vorab gemeldet worden. Die Blockältesten hatten darauf achtgegeben, dass alle anderen pünktlich angetreten waren.
Alle warteten auf die SS-Blockführer. Es begann zu regnen. Immer heftiger. Unwillkürlich musste Berthold an seine Schwester denken. Emmi hatte es gern gehabt, ohne Schirm und Jacke durch den Regen zu laufen. Ob sie auch noch ins KZ gebracht wurde? Sippenhaft. Vielleicht schaffte sie es an Alberts Seite, draußen durchzuhalten. Das war ein braver Kerl, und als S-Bahn-Fahrer vorn im Führerstand war er nicht so gefährdet wie andere, die dauernd aufpassen mussten, nichts Falsches zu sagen.
Berthold war schon seit fast zwei Jahren in Sachsenhausen, und er wusste, dass der Schrecken hier seine Nuancen hatte. Dass es andere noch schlimmer traf als ihn, war ein Stück Überlebenshilfe. Und fast registrierte er es mit einem wohligen Gefühl, kein Neuzugang zu sein.
Wie damals. Als er um drei Uhr morgens in Oranienburg angekommen war. In einer Grünen Minna wurden sie abgeholt. Fünfzig Gefangene hineingeprügelt. Hier am Tor hatten sie anfangs zwei Stunden in der Hocke zuzubringen gehabt. Sachsengruß hieß das. Hockstellung, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Dazu Ohrfeigen, Kinnhaken, Schläge in den Magen, Fußtritte in den Unterleib. Ihm hatte der SS-Oberführer nur zwei Zähne ausgeschlagen, seinem Kameraden aber so in den Bauch getreten, dass er zehn Minuten später gestorben war. Bei minus fünf Grad hatten sie im Freien stehen müssen. Der SS-Hauptscharführer Herbert Bloh hatte gebrüllt: »Den Kanaken sollen erst mal die Läuse einfrieren!«
Neben Berthold stand sein alter Freund Ehrenfried Rebentisch. Sie kannten sich schon von der Buddelkiste her. Ihre Eltern hatten nebeneinander ihre Laube gehabt. Kolonie »Goldregen« in Britz. Gemeinsam waren sie auch zur Schule gegangen, im »roten Neukölln«. Und hatten sich dort einer kleinen, aber gut geführten sozialistischen Organisation zur Bekämpfung der Nazis angeschlossen, der Gruppe »Neu Beginnen«. Verhaftet worden waren sie, als sie eine Parodie des Horst Wessel-Liedes verbreitet hatten. Statt »Die Fahne hoch …« hatten sie gesungen: »Einst kommt der Tag, da wird sich uns verkünden, / wer Freiheit liebt und Todesfurcht nicht kennt. / Dann werden wir ein rotes Feuerwerk anzünden, / in dem das ganze Dritte Reich verbrennt.« Irgendwer hatte sie denunziert, sie waren vorgeladen worden zur Gestapo. Geheimes Staatspolizeiamt II A 1, Prinz-Albrecht-Straße 8, III. Stock, Zimmer 311. Sie werden hiermit ersucht … Verurteilung, Zuchthaus, Überstellung ins KZ. Wenn wir schreiten Seit an Seit …
Abzählen! Wenn einer nicht aufpasste, in seiner Erregung, Erschöpfung und Angst, nicht übergangslos die nächste Zahl herausschrie, konnte es sein Leben kosten.
Gott sei Dank, heute schien alles seinen normalen Gang zu nehmen. Der jeweilige SS-Blockführer kontrollierte die Anwesenheit der gemeldeten Häftlinge. Einschließlich der Schwerkranken und der Fiebernden, einschließlich derer, die im Laufe des Tages gestorben waren. Die Leichen lagen neben den Reihen.
Weitergabe des Ergebnisses an den SS-Rapportführer. Bertholds rechtes Augenlid begann zu zucken. Jetzt kam der Augenblick, der alles entschied. Fehlte jemand, war einer geflüchtet, dann begann das Strafstehen. Erschwert durch zusätzliche Torturen wie tausend Kniebeugen. Zum Zeitvertreib. Im Januar dieses Jahres, Berthold hatte es überlebt, hatten sie nach einer eisigen Winternacht vierhundert Tote weggetragen.
Doch heute schienen die Zahlen zu stimmen, von den Außenkommandos war niemand geflüchtet.
Der Rapportführer gab das Kommando: »Das Ganze stillgestanden! Mützen ab!« Dann wurde dem Lagerführer die Lagerstärke gemeldet.
»Mützen auf!« Das war die Erlösung für diesen Abend. Dachte Borowka, denn schon gab der Lagerälteste das Kommando: »Rechts und links um, im Gleichschritt marsch!«
Da betrat Herbert Bloh die Szene, einer der SS-Hauptscharführer. Ein schöner, ein schneidiger Mann. Weizenblond, mit der Figur eines Olympiakämpfers. Ein Gesicht, so scharf geschnitten und so ausdrucksvoll, wie es in den Babelsberger Studios nur wenige gab, und so intelligent, dass es allemal zum Professor an der Wehrtechnischen Fakultät der TU Berlin gereicht hätte. Wenn er denn gewollt hätte. Aber er wollte mehr, wie alle wussten.
Der Hauptscharführer griff in seine schwarze Uniform und zog einen kleinen weißen Zettel heraus, auf dem eine Häftlingsnummer stand.
»Durch übergroße Faulheit beim Arbeitseinsatz ist heute aufgefallen …«
Es war die Nummer von Ehrenfried Rebentisch. Dieser wurde noch eine Spur blasser, dann taumelte er in Richtung Bloh. Berthold litt mit Ehrenfried, und Berthold war zugleich auch froh, dass es nicht ihn getroffen hatte, sondern den anderen. Er wusste, dass es seine Menschenpflicht war, für den anderen zu kämpfen, und er wusste auch, dass sie ihn in die elektrischen Drähte treiben und erschießen würden, wenn sie von seinem Gesicht auch nur die geringste Erregung ablesen konnten, wenn er sich abwenden wollte. Also stand er da und befahl sich: Toter Käfer, steinernes Denkmal! Kein Mensch mehr sein, nur noch ein Ding ohne Leben und Gefühl.
Sie schnallten Ehrenfried Rebentisch auf den Bock, einen hölzernen Schemel, und peitschten ihn aus. Mit dem Ochsenziemer auf das nackte Gesäß. Fünfzig Schläge, und er hatte mitzuzählen.
»… fünfzehn, sechzehn …« Ehrenfried Rebentisch konnte nicht mehr. Schrie, lallte, heulte und brüllte nur noch. Dann war er still, und sie hörten nur noch den zischenden Laut der niedersausenden Peitsche. Er war nur noch ein Brocken rohen Fleisches, als sie ihn davonschleiften.
Herbert Bloh überlegte offenbar, was sich heute noch alles anstellen ließ.
Berthold wusste, dass es für die SS tausenderlei Gründe gab, sie abzustrafen: Bei Kälte Hände in den Hosentaschen; hochgeschlagener Kragen bei Eis und Wind; zu blanke Schuhe – als Zeichen dafür, dass man sich vor der Arbeit gedrückt hatte, oder nicht gründlich gesäuberte Schuhe – bei zentimeterhohem Schlamm; einmaliges Aufrichten bei Arbeiten, die in gebückter Haltung durchzuführen waren. Dann drohten der Bock, die Stehzelle, ein enges Loch in der Erde mit einem Gitter drüber, der Zellenbau, die Schuhprüfstrecke, wo man bis zum Krepieren Wehrmachtsstiefel ausprobieren musste, oder die SK, die Strafkolonne. »In die SK kommst du leicht«, sagten sie hier, »hinaus aber nur durch den Schornstein.« Zwölf Mann pro Tag war die Sterbequote in der Strafkolonne.
Glück ist die Summe des Unglücks, dem man entgangen ist. Berthold hatte immer mehr gewollt vom Leben. Nun wusste er, dass der Satz stimmte.
Herbert Bloh suchte sich zwei Dutzend Häftlinge heraus, die am morgigen Tag den Bau eines Schießstandes für die SS voranbringen sollten.
Berthold war dabei. Er wusste, was das bedeutete, es hieß Bärentanz. Der Gefangene musste einen Schaufelstiel umklammern, den Kopf auf den Stiel legen, die Augen schließen und sich auf Kommando hin immer schneller drehen. Wenn Bloh dann diesen Bärentanz abrupt unterbrach, stellte er sich so hin, dass der orientierungslos taumelnde Gefangene ihn unweigerlich rammte. Das war dann der Vorwand für ihn, den Häftling »wegen Angriffs auf einen SS-Mann« zusammenzuschlagen oder anderweitigen Strafen zuzuführen.
Vielleicht kam er auch in Blohs Kabuff …
Kapitel 3
Alberts Hand schlich sich heran, um unter Emmis Nachthemd zu kriechen.
»Hör auf damit!« Sie stieß ihn zurück und machte vollends dicht.
»Bist du nun meine Frau oder nicht?«
»Ich kann jetzt nicht. Ich muss immer noch an Helga denken …«
In den letzten zweieinhalb Jahren hatte es zwei Dutzend Sittlichkeitsverbrechen in den Laubenkolonien ringsum gegeben, und gestern Nacht hatte es Emmis Freundin erwischt.
»Und wie ich ihm neulich gerade noch entkommen bin …« Die Erinnerung daran riss sie mit wie die starke Strömung eines Flusses einen schwachen Schwimmer. Sie begann, am ganzen Körper zu zittern.
»Ich bin doch nicht der …« Albert wälzte sich wieder auf die andere Seite des Bettes, um Emmi zu streicheln und mit seinem Körper zu wärmen. Dann schrie er auf, denn ihre abwehrende Hand hatte sein schon hartes Glied wie mit einem Sichelhieb getroffen.
»Du Unhold!« Sie glaubte, er hätte die Vergewaltigungsszene vor Augen gehabt und sich seine Lust dabei geholt.
Albert wusste wie sich die meisten Männer in einer solchen Lage verhielten: Sie schlugen ihre Frauen windelweich und zwangen sie danach, ihnen zu Willen zu sein. Er nicht. Er war ein sanfter Charakter und sich absolut sicher, dass Emmi ihn liebte und keine Schuld an allem hatte. Die Verhältnisse, die waren halt so. Und was konnten sie beide dafür, dass sie so waren.
Aber dennoch war er von Emmis Zurückweisung erheblich gekränkt. Und der Samen wollte ausgestoßen werden. Außerdem: Morgen konnte er im Felde stehen, und was dann, wenn er fiel, ohne vorher Manfred gezeugt zu haben oder Marianne.
Emmi weinte. Albert knipste die 15-Watt-Nachttischlampe an und starrte gegen die Decke. Wenn es noch lange regnete, konnte der Wasserfleck um Mitternacht Moskau eingenommen haben. Warschau, Budapest, Belgrad, Rom, Bordeaux, London, Kopenhagen und Oslo waren schon erfasst. So oft er sein Dach auch teerte, immer wieder lief es durch, und in der weißen Schlemmkreide zeichneten sich nach dem Trocknen viele schmutzigbraune Linien ab. Mit einiger Phantasie ließen sie sich als die Umrisse verschiedener Kontinente deuten. Über Alberts Augen dehnte sich Europa, und genau da, wo man sich Berlin zu denken hatte, war die undichte Stelle.
Er versuchte, auf andere Gedanken zu kommen. Wie er als Kind vorn im hölzernen Boot seiner Eltern gesessen hatte und wie sie überall umhergepaddelt waren. Von Schmöckwitz, wo es gelegen hatte, den Zeuthener See hinunter. Durch die Schleuse bei Neue Mühle hindurch, die Bootsschleppe benutzt. Dann über den Krimnick- und den Krüpelsee die Dahme hinauf. Bis zum Dolgensee. Der konnte, wenn Sturm aufkam, gefährlicher als die Ostsee werden. Einmal waren sie auch umgekippt, als sie die Ausfahrt bei Dolgenbrodt nicht mehr erreichen konnten. Wenn er da nun ertrunken wäre … Was machte es für einen Unterschied, ob man als Vierjähriger starb oder jetzt mit einunddreißig Jahren, wenn einen eine Fliegerbombe traf oder die Kugel eines SS-Mannes im KZ. In dem Moment, in dem man gestorben war, konnte es einem doch völlig egal sein, ob man vier oder vierundneunzig Jahre gelebt hatte.
Albert erschrak. Wie aufgebahrt lag seine Frau jetzt da. Er strich ihr mit den Fingerspitzen über Kinn, Lippen und Wangen.
»Lass mal, es wird schon wieder.«
»Ich hab Onkel Paul daliegen sehen, ganz verkohlt …« Ihr Lieblingsonkel war während eines Luftangriffs bei lebendigem Leibe verbrannt.
»Wir leben doch noch«, sagte Albert.
»Ja. Dann komm …« Es hatte so flehentlich geklungen, dass sie sich einen Ruck gab und ihn unter ihre Bettdecke zog.
Sie lagen eine Weile schweigend da, dann trieb es ihn zu einem neuen Versuch. Er fuhr mit seiner Hand sanft ihre Schenkel hinauf, um sie endlich wieder zu öffnen.
Doch Emmi presste sie zusammen. »Ich kann jetzt nicht …«
»Immer kannst du nicht.«
»Ich hab mir gerade vorgestellt, wie sie Berthold in den Stacheldraht jagen und erschießen.«
Das KZ Sachsenhausen lag im Norden vor den Toren Berlins, ein paar hundert Meter von jenem Bahnhof entfernt, an dem die S-Bahn-Linie Wannsee–Oranienburg ihren einen Endpunkt hatte. Albert hatte es nicht ertragen können, auf dieser Strecke Dienst zu tun und alles darangesetzt, einer anderen Zuggruppe zugeteilt zu werden.
»Meinst du, ich …« Albert erzählte ihr von dieser Geschichte.
Sie nahm seine Hand. »Ich weiß, du bist kein grober Klotz …«
Albert wurde seinem Zorn auf sie und alles nicht mehr Herr.
»Und du bist nicht Frau Jesus, du musst nicht alles Elend dieser Welt auf dich beziehen und daran leiden. Daran geh’n wir beide zugrunde!«
Sie sah ihn hilflos an. »Was soll ich denn machen?«
»Alles mal für zehn Minuten vergessen!«
»Dass von Frau Lewandowski nebenan der Sohn gefallen ist? Dass wir ausgebombt sind? Dass Berthold im KZ sitzt? Dass mein anderer Bruder im Krieg ist und jeden Tag fallen kann? Dass hier in der Laubenkolonie einer wie ein Tier über uns Frauen herfällt? Das soll ich vergessen?«
»Jaaa!«, schrie er. »Für ein paar Minuten mal.«
»Das kann ich nicht.«
Albert sprang aus dem Bett. »Dann kann ich mich ja gleich entmannen lassen.«
Damit stürzte er zur Tür, entriegelte sie und trat ins Freie hinaus. Es mochte kurz vor Mitternacht sein, und da eine dichte Wolkendecke das Mond- und Sternenlicht verschluckte, herrschte eine derart totale Finsternis, dass Albert unwillkürlich dachte, die Erde hätte sich aus ihrer Bahn gelöst und sei irgendwo in den Tiefen des Weltalls für immer verschwunden.
Es war Herbst, und die feuchte Erde wie die vielen Astern bewirkten, dass es wie auf einem Friedhof roch. Ende und Verwesung überall. Albert fühlte, dass das ein Zeichen war für das, was kam und kommen musste. Die ganze Welt war jetzt an Krebs erkrankt, und Heilung gab es nicht.
So stand er lange da und beneidete die, die noch einen Gott hatten und an ihn glauben konnten.
Wie versteinert war er, als Emmi plötzlich hinter ihm stand, sich an ihn schmiegte und ihre weichen Arme vor seiner Brust verschränkte.
»Wir lassen uns nicht unterkriegen«, sagte sie. »Jetzt gerade nicht!« Und damit meinte sie, dass es Zeit wäre, an Manfred oder Marianne zu denken. »Es wird weitergehen.« Sie nahm ihn an die Hand.
Als sie wieder nebeneinanderlagen, war es an Albert, zu zögern. Er schaffte es nicht mehr, hart zu werden. Wenn es Manfred wurde, dann machten sie ihn womöglich zum SS-Obersturmführer oder zum KZ-Aufseher. Und wenn es Marianne war, dann wuchs sie vielleicht zum willigen BDM-Mädel heran und diente der SS im Lebensborn zur Aufzucht der deutschen Herrenrasse. Viel wahrscheinlicher aber krepierten beide nach einem Volltreffer anglo-amerikanischer Bomberverbände.
Dann aber siegte das Leben. Er lag auf ihr und rang dieser Welt stöhnend-schreiend das ab, was sie an Lust noch geben konnte.
Doch kaum war sein Samen in Emmis Schoß geströmt, da stieß sie ihn in wilder Panik zur Seite.
»Da steht einer am Fenster!« Und richtig, Albert sah das Gesicht genau wie sie. Unbemerkt hatte der Mann den einen Fensterflügel aufzudrücken vermocht.
Albert stürzte zum Fenster, um es vollends aufzureißen und sich in den Garten zu schwingen, dann aber fiel ihm ein, dass er nackend war und sich erst zumindest eine Hose anzuziehen hatte. So schrie er nur aus Leibeskräften nach Hilfe, nach der Polizei.
Als er dann in einer Trainingshose steckte und rausgesprungen war, verhakte er sich im Stacheldraht des Nachbargrundstücks und hörte nur, wie mehrere Männer dabei waren, dem Täter fürchterliche Prügel zu verschaffen. Albert stürzte zum Hauptweg, um sicherzustellen, dass er auch wirklich überwältigt und der Polizei übergeben wurde.
Zu spät. Als Albert zur Stelle war, hatte es der Täter tatsächlich geschafft, sich wieder loszureißen und ins Dunkel abzutauchen. Albert schimpfte mit den drei Männern, die das zugelassen hatten. Sie gingen alle auf die Sechzig zu und verteidigten sich mit Argumenten, die nicht von der Hand zu weisen waren.
»Wir sind gerade aus der Kneipe gekommen und …« Albert roch es. Sie hatten eine ziemliche Fahne.
»Wenn ’ne Frau geschrien hätte, dann … Aber du als Mann, da ham wa nur jedacht, det et ’n Eibrecha jewesen is!«
»Vielleicht ooch bloß ’n Ritzenkieker.«
Albert konnte es nicht fassen. »Quatsch, das wird der Kerl gewesen sein, der … Wo wir ihn schon gehabt haben! Soll das denn ewig so weitergehen hier mit den Überfällen hier!? Unsere Frauen, die …«
»Nach dem Denkzettel heute lässt der sich nicht mehr blicken hier.«
Albert war da skeptisch. »Dein Wort in Gottes Ohr. Hoffentlich behältste recht.«
Kapitel 4
Albert versah in der Nacht vom 20. auf den 21. September 1940 seinen Dienst auf der Zuggruppe L, pendelte also hin und her zwischen Potsdam und Erkner. Eine Fahrt dauerte etwas mehr als anderthalb Stunden.
Es war genau 22 Uhr 22, als er auf dem Bahnhof Friedrichstraße stand. Einmal noch durch die Reichshauptstadt hindurch und nach Erkner hinaus, dann zurück bis zum Bw, und er hatte Feierabend. Sofern es keine Luftangriffe gab. Sein Alptraum war es, dass einmal, so zwischen Friedrichstraße und Börse, direkt vor ihm eine Sprengbombe in die gemauerten S-Bahn-Bögen krachte und er mitsamt seinem Triebwagen in die Tiefe stürzte. Das verfolgte ihn bei jeder Fahrt die Stadtbahn entlang.
Sein Schaffner stand draußen auf dem Bahnsteig und wartete auf den Abfahrauftrag. Zum Glück war es wie fast immer in den letzten Monaten sein alter Freund Karl-Heinz. Sie kamen beide aus der Braunauer Straße und hatten beim 1. FC Neukölln, kurz ›95‹ genannt, das Fußballspielen gelernt; sie hatten allerdings auch nie in derselben Mannschaft gespielt, da er runde fünf Jahre älter war als der Kamerad.
Karl-Heinz klopfte an die Scheibe, was das Zeichen für Türen schließen war. Mit einem schnellen Reflex drückte Albert auf den Türschließschalter, der gleich rechts neben dem Fahrschalter angebracht war. Dann gab Karl-Heinz den Abfahrauftrag der Bahnhofsaufsicht weiter, indem er auf den Summer drückte. Albert drückte den Fahrschalterknopf, und der Dreiviertelzug der Baureihe 167 setzte sich mit dem typischen Ööööhhh-Laut aller Berliner S-Bahnen in Bewegung. Währenddessen hatte sich Karl-Heinz in die offene Begleitertür geschwungen und behielt nun den Bahnsteig im Auge, um seinem Triebwagenführer eventuelle Vorkommnisse weiterzugeben und ihn notfalls anhalten zu lassen.
»So ’n Quatsch«, sagte Karl-Heinz. »Bei die Dunkelheit siehste doch sowieso nischt mehr.«
Obwohl die verschärfte Verdunkelungsverordnung erst in den nächsten Wochen in Kraft treten sollte, waren schon jetzt alle entbehrlichen Lampen abgeschaltet worden. Nicht nur, um den anfliegenden Bombern kein Ziel zu bieten, sondern auch, um Strom zu sparen. Zu diesem Zweck hatten sie auch eine besondere Signaltafel auf den Stromschienenkästen befestigt, die Albert und seine Kollegen aufforderte, das Triebfahrzeug auszuschalten. Als hätte er nicht selber gewusst, wann sein Zug die Streckengeschwindigkeit erreicht hatte.
»Ich hab auf jedem Bahnhof Angst, dass mir die Leute vor ’n Zug fallen«, sagte Albert. »Diese Verdunklung, nee …«
»Oder zwischen die Wagen, weil se die Lücke für ’ne Tür jehalten ham.«
Die Zielrichtungsschilder zeigten nur noch ein düsteres Blau, und insbesondere die älteren Leute, die nicht mehr richtig hören konnten, bemerkten die herannahenden Züge oftmals zu spät. Und die Jüngeren sprangen manchmal aus den Zügen, bevor diese überhaupt in den Bahnhof eingefahren waren, oder sie verließen den Zug auf der falschen Seite. Kein Wunder, wenn man nichts mehr richtig sehen konnte. Kamen jene Menschen hinzu, die leichtfertig die Gleise überquerten, um eine Abkürzung zu nehmen. Ganz zu schweigen von denen, die Selbstmord begingen.
Albert stöhnte auf. »Ja, so ’n S-Bahn-Zug ist schon ’n richtiges Mordinstrument geworden. Ich warte nur noch auf die Sekunde, wo wir mal einen erwischen.«
»Beschrei’s mal nich!«, warnte Karl-Heinz. Alberts größte Angst aber war, dass sich Emmi einmal das Leben nehmen würde, sich vor seinen Augen von der Bahnsteigkante löste, um in den Tod zu springen. Nicht nur, dass sie ihren Bruder schon ins KZ gebracht hatten, auf ihre beiden jüdischen Freundinnen wartete noch Schlimmeres. Er kam mit seinen Zügen mehrmals in der Woche an den Bahnhöfen vorbei, auf denen sie die Transporte zusammenstellten.
Mit Karl-Heinz konnte man reden. Schon ihre Eltern hatten sich gekannt. Aus der Arbeitersportbewegung, dem ASV Fichte Berlin, der zur Kampfsportgemeinschaft Rot-Sport gehört hatte und 1933 aufgelöst worden war.
»Wie soll das bloß mal enden?«, fragte Albert.
»Det se uns alle so zermantschen, wie ick die Mücke hier!« Karl-Heinz machte es ihm vor. »Entweder die Nazis selber oder die Alliierten, weil wa für die alle Nazis sind. Ooch, wenn wa in Wahrheit keene sind. Wie soll ’n die det aus’nanderhalten, wenn se da oben in ihre Maschine sitzen?« Er zeigte zum Himmel hinauf.
Albert musste sehen, dass er wieder auf andere Gedanken kam. »Was gibs’n für neue Witze?«
»Sechs Monate KZ.« Sie lachten, und Albert sagte, dass ihm, wenn er an diese Reaktion denke, immer das Experiment mit dem Frosch einfiele.
»Welchet mit ’m Frosch?«
»Na, sie setzen ihn in einem Labor in einen großen Topf mit Wasser, stellen den auf eine Herdplatte und schalten die ein. Der Frosch könnte schon noch herausspringen und sich retten, aber er will mal sehen, wie lange er es in dem immer heißer werdenden Wasser aushalten kann …«
»Und?«
»Er passt sich den veränderten Verhältnissen so gut an, dass er schließlich verdampft.«
Sie schwiegen, weil sie beide fühlten, dass sie eigentlich viel zu wenig taten, um die Dinge aufzuhalten. Ganz im Gegenteil.
Albert musste sich auf das Bremsen konzentrieren.
360 Tonnen aus 80 Kilometern in der Stunde auf den Meter genau ruckfrei zum Halten zu bringen, das erforderte schon eine ziemliche Meisterschaft. Kein Fingerspitzengefühl, obwohl die Hand das Führerbremsventil zu betätigen hatte. Das richtige Bremsgefühl saß im Hintern. Je nachdem, wie man mit dem auf dem Sitz ins Rutschen kam, hatte man das Bremsen zu dosieren. Und das war jedes Mal anders und hing davon ab, ob die Schienen trocken oder glitschig waren, ob man nur wenig Fahrgäste in den Abteilen hatte oder ganze Menschentrauben.
Albert schaffte es in dieser Nacht nicht immer, genau am weißen H auf schwarzem Grund zu halten, dazu war das Licht zu schlecht, die Haltetafel oftmals nur zu ahnen.
»Kampf der Neger im Tunnel«, sagte Karl-Heinz. Schlesischer Bahnhof, Warschauer Straße, Ostkreuz, Rummelsburg. Es war eine monotone Fahrt durch die Nacht, und sie wurden immer müder.
Als sie am Betriebsbahnhof Rummelsburg hielten, warf Albert einen Blick nach links, wo sich das Laubengelände weit nach Karlshorst und Friedrichsfelde zog. Ob Emmi schon schlief? Oder wieder nicht einschlafen konnte. Aus Angst vor dem Tier, das um die Laube schlich. Aus Angst, dass Berthold erschossen wurde. Aus Angst vor den Bomben. Er fragte Karl-Heinz, was denn nun die neuesten Witze seien.
»Der Führer kommt in ’ne Stadt, und kleene Mädchen steh’n da, mit Blumen inne Hand. Eene aba is dabei, die hält dem Führer ’n Grasbüschel hin. ›Was soll ich denn damit tun?‹, fragt Hitler.
›Essen‹, antwortet die Kleene.
›Wieso denn das?‹
›Weil die Leute jeden Tag sagen: Erst wenn der Führer ins Gras beißt, kommen bessere Zeiten.‹«
Von den Witzen wechselten sie zum Fußball über und schwärmten vom 3:2-Sieg ihres 1. FC Neukölln über Tennis Borussia, ohne sich einigen zu können, ob sich dieses historische Ereignis nun 1931 oder 1932 zugetragen hatte.
»Jedenfalls hieß der Torwart von Tennis Butterbrodt.«
»Und unser Mittelstürmer Skorzus.«
»Skorzus mit seinem Torschuss.« Vor ’33, vor dem Krieg. Alles Leben zerfiel für sie in die Zeit davor, die immer mehr etwas Paradiesisches gewann, und das Jetzt, das immer mehr zum Alptraum wurde.
»Die englischen Flieger sollen jetzt sogenannte Brandplättchen einsetzen«, sagte Albert. »Die werden abgeworfen und fangen Feuer, wenn sie mit Sauerstoff in Berührung kommen. Stichflammen von einem Meter Höhe.«
»Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen«, sagte Karl-Heinz und sprach dann davon, wie er noch Karriere bei der Deutschen Reichsbahn machen wollte. Vom Betriebsarbeiter im Bw Rummelsburg hatte er es über den Aushilfsschaffner bis zur Planstelle als Triebwagenschaffner gebracht. »… ’45 mach ick dann ’n Führerlehrjang …«
»Wenn du vorher nicht eingezogen wirst«, kommentierte Albert. Er war denselben Weg gegangen, hatte aber jede freie Minute genutzt, um sich selber fortzubilden. Seine Großmutter kam aus einem sozialdemokratischen Arbeiterbildungsverein und hatte ihm den Floh Diplom-Ingenieur in den Kopf gesetzt. »Wenn der braune Spuk vorbei is, dann studierste.«
Sie erreichten Erkner, und Albert war so unkonzentriert, dass er fast den Prellbock gerammt hätte. Er erschrak. Wenn das passiert wäre, hätten sie ihm womöglich noch Sabotage unterstellt und ihn ins KZ gebracht. Er wusste, dass seine ganze Sippe auf der Abschussliste stand.
Albert zog den Fahrschalterschlüssel ab und griff sich seine abgewetzte schwarze Aktentasche. Sie hatten jetzt ein paar Minuten Pause, um sich ein wenig die Beine zu vertreten, pinkeln zu gehen und sich dann im Führerstand am anderen Ende des Zuges auf die Rückfahrt einzurichten.
Um 23 Uhr 14 bekamen sie den Abfahrauftrag. Erkner, Wilhelmshagen, Rahnsdorf, Friedrichshagen, Hirschgarten, Köpenick, Wuhlheide, Karlshorst … und so weiter. S-Bahn-Fahrer sein, das war wie Rosenkranzbeten. »Da musste ’n Jemüt ham wie ’ne Weihnachtsgans«, wie Karl-Heinz immer wieder betonte.
Sie kamen auf ihr großes Idol zu sprechen, Hanne Sobeck von Hertha BSC.
»Weeßte noch, wie se det erste Mal Deutscha Meista jeworden sind: 1930, det 5:4 jegen Holstein Kiel in Düsseldorf.«
»Ja, und wie der Sobeck erzählt hat, was er zu Hause immer für Keile von seinem Vater bekommen hat … Da hat mein Vater mich auch noch mal tüchtig verdroschen, obwohl ich schon fast zwanzig war. ›Solange du noch deine Beine unter meinem Tisch hast …‹«
»Meina imma mit ’m Siebenstriemer …« Das war eine Hundepeitsche. »Bis ick jeblutet habe wie ’ne Sau.«
Albert schwieg. Wer seine Kinder schlug und wer als Kind geschlagen wurde, der erschlug auch Menschen. Er wusste es: Das Mördertier, das steckte auch in ihm. Wie in allen Männern. Die Frage war allein, ob man stark genug war, es zu bändigen. Nein, ob andere einen dazu brachten, es rauszulassen.
»Friedrichshagen.« Hier hielten sie immer ein paar Sekunden länger, weil Karl-Heinz ein wenig Süßholz raspeln musste. Sie hieß Elisabeth Bendorf, und Albert neckte seinen Schaffner des Öfteren mit dem schönen Schlager: »Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt …« Betti saß zwar unten am Fahrkartenschalter, kannte aber ihren Umlaufplan und kam schon mal eben schnell nach oben auf den Bahnsteig, wenn sie in Friedrichshagen hielten. Heute Nacht aber war sie ein paar Sekunden zu spät. Karl-Heinz sah sie nur schemenhaft im Abgang auftauchen, als die Aufsicht schon aus ihrer Bude trat. Ehe sie sich ein paar Scherzworte zurufen konnten, hatte die Aufsicht schon die grüne Fliegenklatsche gehoben. Der Abfahrauftrag. Weiter.
»Köpenick.« Als Karl-Heinz auf dem Bahnsteig stand, um auf den Abfahrauftrag zu warten, kam eine junge Frau auf ihn zu. Sie war auffallend schmächtig, aber so attraktiv, dass Karl-Heinz gerne seinen Dienst verlassen hätte, um mit ihr einen flott zu machen. Sie hatte sich offenbar in der Länge des Zuges verschätzt und viel zu weit vorne gewartet.
»Wo ist denn hier die 2. Klasse?«
»Weita hinten. Aba da is imma so leer. Fahr’n Se lieba Dritta.«
»Kann ich nicht bei Ihnen mitfahren?«
Karl-Heinz lachte. »Det is leida bei Todesstrafe verboten.« Er sah der jungen Frau hinterher. Sogar bei der Funzel von Lampe oben am Dach war zu sehen, dass sie sehr schöne Beine hatte. Karl-Heinz wartete mit dem Klopfen an die Scheibe, bis sie wirklich eingestiegen war.
Das Fräulein mit den schönen Beinen ließ Karl-Heinz die strammen Fußballerwaden vergessen, und statt von Sobeck schwärmte er nun vom Hotten.
»Niggerjazz, det is, wo de die Nazis am meisten mit ärgern kannst.« Und dann erzählte er Albert, wie er im März ’40 bei dem großen Tanzabend der Swing-Jugend im Hamburger Curiohaus teilgenommen hatte. »Jetzt will die Gestapo det allet vabieten.«
Als sie in Wuhlheide hielten, wäre Karl-Heinz am liebsten den Zug entlanggelaufen, um die junge Schöne noch einmal zu sehen. Morgen konnte er schon bei der Wehrmacht sein, übermorgen tot, da galt es, jede Chance zu nutzen, noch mal eine Frau zu haben. Schnell hinlaufen und sich mit ihr verabreden. Sie schien der Typ dafür zu sein. Alles mitnehmen, bevor die Welt in Scherben fiel.
Quatsch, Dienst war Dienst. Aber so schnell kam er nicht mehr von ihr los. Vielleicht sah er sie beim Aussteigen noch einmal wieder. Schon ein paar hundert Meter vor Karlshorst zog er seine Fensterscheibe nach unten und steckte den Kopf in den Fahrtwind raus. Die Wolken waren aufgerissen, der Mond brach hervor. So war plötzlich eine ganze Menge zu erkennen.
Karl-Heinz schrie auf. Ein Schatten, eine große Puppe flog auf das Gegengleis. »Da haben se eene aus ’m Zug jeschmissen!«
Zweiter Teil
Das Erschrecken der Jäger
Kapitel 5
Der Wachtmeister Hermann Heckelberg war in der Nacht vom 20. zum 21. September 1940 der diensttuende Beamte auf dem Polizeirevier Berlin-Karlshorst. Sein Tätigkeitsbuch war an diesem Tag schon ziemlich gefüllt. Alles, was anfiel, war in vier Spalten zu vermerken:
– Lfd. Nr. – Bezeichnung der Angelegenheit – Was ist darauf veranlasst?– Wann und durch wen abgegeben?
Die Verkäuferin Dorothea Opitz aus der Treskowallee hatte eine Jüdin angezeigt, die um viertel sechs in ihrer Bäckerei erschienen war, um ein Brot käuflich zu erwerben. Seit dem 4. 7. war es aber Juden nur noch zwischen 16 und 17 Uhr gestattet, Lebensmittel einzukaufen. »Die Jüdin wurde dem Revier zugeführt und der Gestapo überstellt.«
Die Rüstungsarbeiterin Margot Mucke war wegen Arbeitsverweigerung angezeigt und der Gestapo vorgeführt worden.
Zwei Kriegsgefangene aus Frankreich waren beim Schwarzhandel erwischt und festgenommen worden.
Gegen die Straßenbahnschaffnerin Erna Nawrocki war von einer Nachbarin Anzeige wegen des verbotenen Umgangs mit einem Fremdarbeiter erstattet worden.
Die Eheleute Fritz Schwarz und Hella Sara Schwarz, geb. Hirschfeldt, hatten Selbstmord begangen und ihre drei Kinder mit in den Tod genommen. »Angehörige konnten nicht ermittelt werden. Der Nachlass der Verstorbenen ist aufgenommen und sichergestellt worden. Ein Verzeichnis über die aufgenommenen Gegenstände ist an das Amtsgericht abgegeben.«
In einer Telefonzelle am S-Bahnhof Karlshorst war eine »slawische Hetzschrift« gefunden worden. Der Text hatte gelautet: »Schlagt Hitler und Bonzen tot, bringt Luftangriffe zu Ende«.
Ein aufmerksamer Straßenpassant hatte die Kohlenhändlerin Anna Walter wegen eines »Verstoßes gegen das Verdunklungsgesetz« zur Anzeige gebracht.
Heckelberg hatte das alles mit seiner steilen Handschrift sorgfältig eingetragen. Ordnung war das Herz aller Dinge. Er kam aus einem kleinen Dorf in der Uckermark und hatte es schon in der Schule gelernt:
»Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.« So stand es im Brief des Paulus an die Römer, und so war es richtig bis in alle Ewigkeit. Heckelberg beugte sich vor, um seine Schreibtischlampe mehrmals an- und auszuknipsen. Wenn doch nur alle Menschen so funktionieren würden wie sie! Das ging nur, so seine Urerkenntnis, wenn ein starker und genialer Mann am großen Schalthebel eines Volkes stand. Ohne ihn ging es nicht. Und aus dieser Einsicht heraus hatte er sich schon sehr früh der Bewegung angeschlossen, war er ein Pg. mit vergleichsweise niedriger Nummer geworden, und er wusste, dass sein Führer in wenigen Jahren ein Großdeutschland geschaffen haben würde, das frei war von jedem Verbrechen. Adolf Hitler hatte Millionen Volksgenossen in Lohn und Brot gebracht, den artfremden Klassenkampf und seine Parteien beseitigt, die Kleinstaaterei überwunden und in den wenigen Jahren seiner Regierung ein Reich der Sauberkeit und Ordnung aufgebaut.
Heckelberg drehte sich zur Wand hin um, und mit einem langen Blick auf das aufgehängte Führerbild fühlte er voller Dankbarkeit, dass das so sein musste, wenn es einem gut gehen sollte: Ein Volk, ein Reich, ein Führer! Und er dachte an seinen Ältesten, der bei den Fallschirmjägern war, und an den Jüngsten, der sich im Polenfeldzug ausgezeichnet hatte. Solch eine Gefolgschaft brauchte der Führer, wenn sein großes Werk gelingen sollte. Jeder an seinem Platz, damit das Gute seinen Sieg errang. Man hatte seine Pflicht zu tun. In Rüstung, Industrie und Wehrmacht wie hier im Polizeirevier. Wie oft genügte ein gutes Wort und ein wohlgemeinter Ratschlag, wie dankbar war manche Frau für die humorvolle Art, mit der man den schwierigsten Dingen die Härte nahm. Heckelberg wusste, was man über ihn sagte: Er sei ein Mann mit Herzenswärme.
Derart zufrieden mit sich und der Welt, öffnete er die obersten Knöpfe seiner Uniform, steckte sich ein Pfeifchen an, machte es sich in der Revierstube so gemütlich wie zu Hause am heimischen Herd und widmete sich wieder der Lektüre, die ihm die lange Nacht verkürzen sollte: dem Bericht über den jüngsten Polenfeldzug. Er begann mit der Reichstagsrede des Führers vom 1. September 1939: »Seit Monaten leiden wir alle unter der Qual eines Problems, das uns einst das Versailler Diktat beschert hat und das nunmehr in seiner Ausartung und Entartung unerträglich geworden war. Danzig war und ist eine deutsche Stadt! Der Korridor war und ist deutsch! Alle diese Gebiete verdanken ihre kulturelle Erschließung dem deutschen Volk, ohne das in diesen Gebieten tiefste Barbarei herrschen würde!« Heckelberg las das mit demselben wohligen Genuss, wie er mit großem Hunger in eine Wurststulle biss. »Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!« Der Führer wollte nichts weiter sein als der erste Soldat des Deutschen Reiches.
Das Telefon begann zu schrillen, und Heckelberg knurrte es an wie sein Schäferhund den schwarzen Zwergschnauzer seiner Nachbarin. Die Gedankenverbindung lag insofern nahe, als eine ältere Dame schon viermal in großer Erregung angerufen hatte, um nach ihrem entlaufenen Drahthaarterrier zu fragen. Und sie war es in der Tat zum fünften Male. Eine Irmgard Fröhlich, wie er inzwischen wusste.
»Hören Sie, Herr Wachtmeister, das Tierchen hört auf den Namen Fipsi. Da muss es doch möglich sein, ihn zu finden, wo doch das Revier in unserer Nähe liegt.«
»Ich stehe schon die ganze Zeit über am Fenster und rufe nach Ihrem Hündchen«, sagte Heckelberg.
»Herzlichen Dank!«, rief Fräulein Fröhlich. »Aber dazu muss unsere Polizei doch auch da sein, nicht wahr?«
»Das ist an dem, ja« Endlich konnte er sich wieder seinem Kriegsbericht zuwenden.
Am 8. September 1940 erreichten die deutschen Panzertruppen die Außenbezirke von Warschau. In Südpolen wurde Rzeszow genommen und bei Sandomierz die Weichsel überschritten. Als alter Marschierer aus den Jahren 1914–18 kannte Hermann Heckelberg Polen ziemlich gut. Und las er die polnischen Namen, so erinnerte sich sofort an die harten wie doch schönen Tage von damals. Am 9. September wurde Lodz von den deutschen Truppen besetzt, und Hermann Göring erklärte in einem Berliner Rüstungswerk: »Deutschland ist der bestgerüstete Staat der Welt, den es überhaupt gibt. Keine Macht der Welt verfügt über so umfangreiche Produktionsstätten und Rüstungsbetriebe« Und er schloss mit den Worten: »Wenn aber das letzte Opfer von uns verlangt wird, dann geben wir es mit den Worten: Wir sterben, auf dass Deutschland lebe.«
Das rührte Heckelberg derart an, dass er, der harte Hund des ersten Polenfeldzuges, feuchte Augen bekam. Für das Vaterland zu sterben, war das einzige, was einem Leben Sinn verlieh.
Das Telefon riss ihn aus seinen Gedanken. Diesmal war es ein Volksgenosse aus der Dorotheastraße, der meldete, dass sich zwei Ausländer unter seinem Fenster abfällig über den Führer und den Krieg geäußert hätten.
»Und wo sind die beiden jetzt?«, fragte Heckelberg.
»Weitergegangen.«
»Und wo soll ich die jetzt suchen?«
»Na, hier in Karlshorst. Wozu ist die Polizei denn da?« Heckelberg zuckte bedauernd die Achseln. »Tut mir leid, ich bin alleine hier, alle anderen Beamten sind gerade unterwegs im Streifendienst. Und so viele sind wir nicht mehr, alle jungen Beamten sind ja zum Heeresdienst eingezogen worden.«
»Und wer schützt uns hier an der Heimatfront!« Und aufgelegt. Heckelberg hielt den Hörer noch ein Weilchen in der Hand. Nun ja, so unrecht hatte der Anrufer gar nicht einmal. Wenn er nur an die Sittlichkeitsverbrechen dachte, die laufend im Laubengelände unten an der Bahn geschahen. Er wusste nicht, wie er sein erhebliches Störgefühl wieder loswerden sollte und kam sich vor wie ein Schüler, der ausgerechnet hatte, dass Caracciola auf Mercedes-Benz mit einer Geschwindigkeit von 2355 Stundenkilometern gesiegt hatte. Irgendetwas konnte da nicht stimmen.
Aber wieder hinderte ihn das Telefon am Weiterdenken. Wahrscheinlich wieder Irmgard Fröhlich. Diesmal mit der Information, dass ihr Fipsi wieder heil zu Hause angekommen war. Entsprechend unfreundlich war sein Ton. Doch er musste sich schnell korrigieren, denn der Anruf kam vom Aufsichtsbeamten des S-Bahnhofs Berlin-Karlshorst.
»Hier sitzt eine junge Dame bei mir, die berichtet, dass sie aus einem fahrenden Zug hinausgestürzt worden ist.«
»Wie?« Heckelberg konnte nicht ganz folgen. »Tot?«
»Nein.«
»Klar, wenn Sie bei Ihnen sitzt …« Heckelberg stöhnte auf.
Der wenige Schlaf in den letzten Tagen. »Verletzt, wollte ich sagen …«
»Nein. Das heißt nur leicht und so auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen.«
»Komisch …«
»Ein Beamter der Bahnpolizei ist mit einer Taxe unterwegs zu Ihnen, mit der jungen Dame …«
»Danke, ja …« Heckelberg legte auf und blickte nachdenklich seinem Führer ins Gesicht. Im Nachhinein kam es ihm gar nicht mal so albern vor, sofort an eine Tote gedacht zu haben. Er klopfte bedächtig seine kurze Pfeife aus und ging in der kleinen Revierstube auf und ab. Das ging doch alles nicht an. Wenn der Zug mit sechzig Stundenkilometern fuhr und es bis zum harten Schotterbett zwei Meter in die Tiefe ging, dann war man doch ganz einfach tot, wenn man unten landete. Oder zumindest schwer verletzt. Noch dazu als Frau. Nein, das war ganz sicher wieder so ein Fall, wo ein junges Mädchen zu lange gefeiert und getanzt hatte und nun eine solche Geschichte erfinden musste, um der Strafe ihrer erzürnten Eltern zu entgehen.
Er hörte Schritte auf dem Flur und ging zur Tür. Aus dem ungewissen Halbdunkel näherte sich ein Bahnbeamter, der eine Frau in einem rotbraunen Mantel vorangehen ließ.
»Heil Hitler, Herr Wachtmeister! So, da wären wir!« Hilfsbereit führte Heckelberg die junge Frau in sein Zimmer und bot ihr den Stuhl vor seinem Schreibtisch an. »So, bitte, setzen Sie sich erst einmal. Wollen Sie vielleicht ein Glas Wasser haben?«
»Wasser? Danke, nein …« Die junge Frau schüttelte den Kopf und setzte sich überaus vorsichtig hin.
Heckelberg fand das ein wenig gespielt. Auch war der Stuhl ziemlich neu und nicht irgendwie wacklig. Er musste sich erst wieder bewusst machen, dass sie ja aus dem Zug gefallen sein wollte.
Geistesabwesend sah die junge Frau zuerst auf das Führerbild an der Wand, dann zum verhängten Fenster. Wie eine Träumerin kam sie Heckelberg vor. Der große, stramme Bahnpolizist stellte sich dicht neben Heckelberg und flüsterte ihm ins Ohr, ob er ihn wohl mal allein sprechen könnte.
Heckelberg wandte sich an die junge Dame. »Bitte, entschuldigen Sie uns einen Augenblick …« Dann ging er mit dem Bahnpolizisten auf den Flur hinaus und fragte ihn, was denn sei.
Der senkte die Stimme. »Wissen Sie, Wachtmeister, ehe Sie mit der Vernehmung beginnen, wollte ich Ihnen noch sagen, was mir vorhin aufgefallen ist. In der Taxe, als wir nebeneinander gesessen haben, das Fräulein da und ich …«
Heckelberg schmunzelte. »Dass sie hübsch ist?«
»Nein, dass sie nach Alkohol gerochen hat. Das war schon so in meinem Dienstzimmer auf dem Bahnhof, als ich da mit ihr gesprochen habe.«
Heckelberg fand das kaum bemerkenswert. »Zwei Gläschen Likör … Sie ist doch nicht betrunken.«
»Nein, aber … Komisch, dass ihr nichts weiter fehlt als ihre Fahrkarte.«
»Nun …«
»Ich wollte Sie ja auch nur informiert haben.«
»Na, schön … Dann wollen wir die Ärmste doch mal selber hören.« Heckelberg zog die Tür wieder auf, und sie gingen zurück in die Revierstube, in der vergleichsweise helles Licht brannte. Er nahm hinter seinem Schreibtisch Platz, der jungen Dame gegenüber, während der Bahnpolizist seitwärts an der Wand zu sitzen kam.
»Nun, wie geht es Ihnen denn jetzt?« Heckelberg begann die Vernehmung ein wenig so, als sei er Arzt und sie Patientin.
»Haben Sie Kopfschmerzen? Oder fühlen Sie irgendwo besondere Schmerzen?«
Die Gefragte schüttelte den Kopf und versuchte dabei ein Lächeln, das ihr aber eher zur Grimasse geriet. Zugleich erhob sie sich eine Handbreit vom Stuhl und stöhnte verhalten.
»Entschuldigung, aber ich …« Verlegen ließ sie sich wieder auf die Sitzfläche nieder, doch ihr Gesicht verzerrte sich nun, als hätte man ihr eine Injektionsnadel ins Fleisch gejagt.
»Ach so …« Heckelberg schwankte immer noch, ob das echt war oder nur Theater. »Sie sind ja auf’s Gesäß gefallen …« Die junge Dame wurde rot und nickte, worauf Heckelberg vom leeren Stuhl eines Kollegen das Sitzkissen losband und es ihr, als sie sich ein paar Zentimeter erhoben hatte, kurzerhand unterschob.
»So, nun geht’s wohl besser?«
»Danke, ja …«
»Dann wollen wir mal hören, Fräulein …«
»Kargoll, Gerda Kargoll«
»Schön … Am besten ist es, Fräulein Kargoll, Sie erzählen uns nun einmal der Reihe nach, was Sie da erlebt haben?«
»Ja …«, Fräulein Kargoll schien bemerkt zu haben, dass man ihr keinen rechten Glauben schenken wollte, und wirkte zunehmend verschüchterter. »… viel kann ich Ihnen nicht berichten. Es ging alles so schnell und überraschend, wissen Sie … Ich bin mit der S-Bahn von Köpenick nach Hause gefahren, und da plötzlich … Nein, ich muss das wohl von Anfang an erzählen … Ich bin erst in den falschen Zug gestiegen, in die falsche Richtung gefahren.«
Heckelberg nickte. »Sie haben sich also verfahren …«
»Ja, und da ich gleich eingeschlafen bin, habe ich das erst in Rahnsdorf gemerkt.«
»Und sind da raus und wieder nach Berlin zurück …« Heckelberg sagte das fast ein wenig gelangweilt.
»Genauso, ja. Aber auf dem Bahnsteig in Rahnsdorf hat mich der Mann angesprochen. Der, der mich nachher …«
»Oh …« Heckelberg war sofort wieder hellwach. »Und, ist Ihnen was Besonderes aufgefallen an ihm?«
»Nein, bei dem schwachen Licht da. Nur, dass er eine Mütze aufhatte.«
»Nun, ja …« Heckelberg kratzte sich den Kopf. »Sie haben miteinander gesprochen?«
»Ja, er hat mich gefragt, woher ich käme.«
»Ist Ihnen dabei was aufgefallen?«
»Nein.«
»Und dann sind sie beide in den Zug gestiegen?«
»Ja, in die 2. Klasse. Ich bin dann sofort wieder eingeschlafen und hab irgendwie die Orientierung verloren, das Zeitgefühl … Als ich dann hochschrecke, sitzt der Mann mir gegenüber. Ich frage ihn, wo wir sind. Wuhlheide. Plötzlich …« Sie stockte.
Heckelberg fragte sich, ob sie nun wirklich wieder in Panik geriet oder ob sie nur eine gute Schauspielerin war. »Bitte, beruhigen Sie sich doch, es ist ja alles vorbei …«
Fräulein Kargoll schloss kurz die Augen, presste die Lippen zusammen und gewann ihre Fassung zurück. »Ja … Plötzlich beugt er sich zu mir herüber und will mir unter den Mantel fassen, zwischen die … Ich stoße ihn zurück und will noch zur Tür. Die schließen aber schon, der Zug fährt los. Er springt auf mich zu und packt mich am Hals. Ich wehre mich … so …« Sie stand auf und machte vor, wie sie mit den Knien gestoßen und mit ihren Fäusten von unten herauf in das Gesicht des Mannes geschlagen haben wollte.
Heckelberg spürte wohl, in welcher Erregung sie sich jetzt befand. Aber er hatte in seiner langen Dienstzeit schon Frauen mit noch ganz anderen Schauspielkünsten kennengelernt.
»Und weiter?«
Fräulein Kargoll setzte sich wieder und machte eine Geste der Hilflosigkeit. »… weiß ich nicht, wie es weiterging. Mir muss wohl doch mit einemmal schwach geworden sein, denn ich erinnere mich nur, dass der Kerl mich noch umfasst und zur Tür gezerrt hat.«
»Haben Sie denn schon auf dem Boden gelegen?«
»Ja … Nein … Bitte, ich weiß es nicht mehr. Mein Mantel war nachher schmutzig von der Erde da draußen auf dem Bahndamm. Aber … ich spüre noch jetzt, wie der Luftzug … als er die Abteiltür aufgerissen hat. Und dann … Ich bin erst wieder zu mir gekommen, als ich im Dunkeln auf der Erde lag.« Sie begann zu schluchzen. »Das war so entsetzlich alles!« Sie wischte sich mit ihrem kleinen Taschentuch die Tränen aus den Augen und rang um Fassung.
»Ja, das ist alles.«
»So, so …«, meinte Heckelberg begütigend, »das ist ja eine tolle Geschichte. Na, dann wollen wir das mal alles genau zu Protokoll nehmen.« Er holte ein Formular hervor und stellte zunächst die Personalien der Überfallenen fest. Fräulein Kargoll war Turnlehrerin und kam aus der Lietzenburger Straße 38 in Berlin-Schöneberg. Heckelberg fragte sie, was sie denn da in Köpenick gemacht habe.
»Ich war zu Besuch bei Bekannten.« Das war Heckelberg zu allgemein.
»Bei wem bitte?«
»Bei Doktor Stüben, das heißt bei seiner Frau. Parisiusstraße 29.«
Heckelberg schrieb und fragte weiter: »Und welchen Zweck verbanden Sie mit diesem Besuch?«
Fräulein Kargoll war ein wenig irritiert. »Zu welchem Zweck? Wieso?«
Heckelberg blieb geduldig, obwohl es ihm zunehmend Mühe machte. Aber sein Gegenüber war hübsch und so brünett, wie er es mochte. »Ja, Fräulein Kargoll, in einem solchen Fall muss die Polizei alles ganz genau wissen. Wie sollten wir sonst eine solche Geschichte aufklären können? Also …«
Er wollte sich an ihren sicherlich hübschen Beinen erfreuen, musste aber zu seinem Leidwesen feststellen, dass sie keinen Rock, sondern lange, weite Hosen trug.
»Waren noch andere Personen bei Doktor Stüben, das heißt, verließen noch andere Leute zusammen mit Ihnen das Haus? Waren Sie alleine dort oder in Gesellschaft?«
»Ach so, ja. Es war eine kleine Feier dort, und ich verließ mit noch, warten Sie mal, mit noch einer Dame und drei Herren das Haus.« Sie nannte zwei Vor- und zwei Nachnamen.
»Die wohnen aber alle in Köpenick, und wenn Sie meinen, es käme davon jemand in Frage, das ist ausgeschlossen, denn der Mann in der S-Bahn hatte eine Uniform an.«
»Also von einer Feier«, wiederholte Heckelberg und dachte an die Information des Bahnbeamten bezüglich des Alkoholgeruchs, den nun auch er wahrnehmen konnte. »Das mit der Uniform halten wir nachher noch fest. Hatten Sie das Gefühl, dass Ihnen auf der Straße jemand gefolgt ist?«
»Nein. Aber darauf hab ich auch nicht weiter geachtet, weil mich ja meine Bekannten zum Bahnhof gebracht haben.«
Für Heckelberg war weiterhin alles Routine. »Welche Klasse benutzten Sie?«
»Bitte? Zweite Klasse, wie gesagt …«
»Ah, ja …« Heckelberg versuchte, sich an das zu erinnern, was ihm der Bahnpolizist noch so gesagt hatte. Zum Beispiel, dass dem Fräulein nichts weiter als die Fahrkarte gefehlt habe.
»Vermissen Sie übrigens etwas von Ihren Sachen?«
»Wie bitte?«
»Ich meine, ob Ihnen irgendein Gegenstand fehlt. Handschuhe, Geld oder was anderes in dieser Richtung?«
»Nein … Meine Tasche lag noch neben mir, als ich wieder zu mir gekommen bin. Zu. Der lange Lederriemen hing mir überm Arm. So …«
Sie machte es den beiden Männern vor.
»Darf ich dann mal Ihre Fahrkarte sehen?«
»Ja, die Fahrkarte …« Fräulein Kargoll blickte zum Bahnpolizisten hinüber. »Das habe ich schon Ihrem … Kollegen hier gesagt, dass ich meine Fahrkarte nicht mehr finden kann.«
»Haben Sie also ›vergessen‹, eine zu lösen?«
»Nein. Meine Bekannten waren doch dabei, als ich in Köpenick am Schalter …«
»Na schönchen …« Heckelberg gab sich väterlich. »Wenn Sie wirklich eine hatten, wo haben Sie die dann hingetan? Jeder hat doch einen ganz bestimmten Platz dafür. Bei Frauen ist es in der Regel die Handtasche …«
Fräulein Kargoll kramte noch einmal in den Tiefen ihrer kunterbunt gefüllten Tasche herum, ohne aber fündig zu werden. »Sie ist einfach nicht mehr da.«
Heckelberg legte die Feder beiseite und lehnte sich zurück bis an die hohe Lehne seines Stuhls. »Hm, denken Sie doch einmal nach. Als Sie in Köpenick einstiegen, werden Sie sie noch in der Hand gehalten haben. Aber wenn man im Abteil Platz genommen hat, dann steckt man doch seine Fahrkarte irgendwo hin. Zumal Sie ja bis Schöneberg noch ein ganzes Weilchen zu fahren hatten.«
Fräulein Kargoll machte eine hilflose Handbewegung. »Es nützt alles nichts, ich hab schon vorhin darüber nachgedacht, aber mir fällt es nicht ein.« Sie blickte Heckelberg fast bittend an. »Ich kann auch gar nichts mehr denken … Der Sturz aus dem Zug …« Sie rieb sich mit den Fingerkuppen über die Schläfen. »Mir fehlt zwar nichts weiter, aber …«
»Na schön …« Heckelberg nahm seinen Federhalter wieder hoch und ergänzte seine bisherigen Eintragungen mit den drei Worten »Fahrkarte abhanden gekommen«. Dann ließ er das Fräulein Kargoll ihre Angaben über den Überfall noch einmal wiederholen und stellte weitere Fragen. »Und … können Sie genauere Angaben über das Gesicht des Mannes machen?«
»Nein, es ist ja so verdunkelt auf den Bahnhöfen und in den Wagen. Ich glaube, es war ein sehr faltiges Gesicht.«
»Jung oder älter?«
»Dreißig Jahre vielleicht.«
»Können Sie die ungefähre Größe angeben?« Fräulein Kargoll stand auf und hielt die rechte Hand in der Höhe ihres Hutes.
Heckelberg stellte sich daneben und schätzte die Größe des Täters – wenn es einen solchen wirklich gab und das Fräulein nicht wegen irgendwelcher Liebesdinge flunkerte – auf 1,60 bis 1,65 Meter. »Und was für eine Uniform hatte der Mann an?«
»Wie soll ich das als Frau …« Sie zögerte. Heckelberg wusste nicht, wie das zu deuten war. Entweder sie war jetzt zu müde, um ganz schnell etwas zu erfinden, das plausibel klang, oder sie scheute sich davor, die Mitteilung zu machen, einen Mann in der Uniform von SS, SA oder Wehrmacht erkannt zu haben.
»Na!?«, half er ein wenig nach.
»Vielleicht ein Eisenbahner. Oder, warten Sie, wo gibt es so was noch? Ach so, bei der Post.«
»Haben Sie Rangabzeichen bemerkt, Sterne am Kragen oder eine Schnur um die Mütze? Hatten Sie den Eindruck, dass es sich um einen Beamten oder einen Arbeiter handelt?« Fräulein Kargoll wurde nun ein wenig schnippisch: »Es war doch keine gepflegte Unterhaltung, die wir da …«
»Nun!« Heckelberg ermahnte sie.
»Es ging doch alles so fürchterlich schnell. Und dann die Dunkelheit. Die Uniform …«, sie schloss die Augen und versuchte, sich noch einmal zu erinnern, »… die war nicht sehr sauber.«
Heckelberg notierte es. »Und, äh … müsste der Mann Kratzwunden zurückbehalten haben?«
»Nein, ich hatte doch Handschuhe an.«
»Was ist Ihnen denn so durch den Kopf gegangen, als Sie wieder zu sich gekommen sind, erzählen Sie doch mal.«
Fräulein Kargoll zögerte. »Nun … das war alles so unwirklich, wie im Traum. Als ich wieder zu mir gekommen bin, da habe ich zuerst wirklich gedacht, dass ich das alles nur geträumt hätte. Das Schreckliche alles. Eben war ein Zug an mir vorübergerauscht, sehen konnte ich nichts, es herrschte absolute Dunkelheit … Ich hatte Angst, gelähmt zu sein, und war glücklich, dass ich meine Hände wieder bewegen konnte, meine Füße … Und wehtat mir auch nur …«, sie wusste nicht, wie sie sich ausdrücken sollte, »… die Sitzgelegenheit. Ich hab mich dann aufgerappelt, und da hing auch noch meine Handtasche am Arm. Ja, und dann hab ich meine Handschuhe ausgezogen und mein Gesicht abgetastet. War alles in Ordnung, nichts Ernstliches passiert. Und darum war das Empfinden auch so stark, dass ich das alles nur geträumt hätte.«
Heckelberg fixierte sie. »Ist Ihnen die Gegend hier bekannt?«
»Hier? Nein.«
»Nun, wie konnten Sie denn dann so rasch zum Bahnhof finden, nach Karlshorst, in dem weglosen Gelände?«
Sie verstand seine Zweifel nicht. »Na, immer an den Gleisen lang.«
»Wie, das in der totalen Finsternis?«
»Weil da über mir ein Zug gefahren ist. In Richtung Karlshorst. Natürlich kamen auch Züge in entgegengesetzter Richtung, aber in der anderen Richtung haben sie gehalten, gar nicht mal weit weg. Da bin ich dorthin gegangen. Es war ja totenstill, und ich konnte den Lautsprecher hören, die Durchsage: ›Zurückbleiben!‹ Wenigstens hab ich mir das eingebildet. Vielleicht sind es nur ’n paar Fahrgäste gewesen, die da was gerufen haben. Es war nicht weit zu gehen.«
»Wie weit nach Ihrer Meinung?«
»An die hundert Meter, vielleicht ’n bisschen mehr.« Heckelberg schüttelte den Kopf. »Wenn das so war, dann müsste doch Ihre Kleidung … Kommen Sie, sehen wir mal nach.«
Heckelberg erhob sich und betrachtete aufmerksam den modischen Mantel, den Fräulein Kargoll ein wenig geöffnet hatte. Auch der Bahnpolizist war aufgestanden, um sich an der Spurensuche zu beteiligen. Aber weder am Mantel noch am Hosenkostüm darunter war irgendetwas zu finden. Es war wie ein Wunder. Aber an solche glaubte Heckelberg nicht. Nicht daran, dass jemand bei 60 km/h aus einem S-Bahn-Zug stürzte und keinen Riss in seiner Kleidung hatte. Kopfschüttelnd setzte er sich wieder an sein Anzeigeformular.
Erst später zu Hause sollte Fräulein Kargoll feststellen, dass die Hose ihres Kostüms doch zerrissen war. Sie hielt es für unwichtig, dies der Polizei zu melden. Hätte sie es getan, wäre vieles anders gelaufen.
Heckelberg fühlte sich von Fräulein Kargoll nun doch etwas vergackeiert. Keine Spuren an der Kleidung. Normalerweise waren die Leute tot, wenn sie aus der S-Bahn fielen oder wenigstens schwer verletzt, und ihre Kleidung konnte man getrost in die Lumpen geben. Er hatte Mühe, förmlich zu bleiben. »Nun, Fräulein Kargoll, Sie nach dieser Darstellung noch nach einem Verdacht zu fragen, scheint mir zwecklos zu sein …«
»Ja.«
Er stand abermals auf, ging aber diesmal zur Tür. »Damit wären wir am Ende. Halt, bitte noch Ihre Telefonnummer.« Er ließ sie sich sagen und notierte sie im Stehen. »Danke. Und wenn Ihnen doch noch etwas einfallen sollte, so bitte ich, hier schriftlich oder telefonisch Mitteilung zu machen. Dann können Sie nun also nach Hause fahren.« Nun klang er doch etwas spöttisch: »Geht es alleine?«
Der Bahnbeamte tat einen Schritt nach vorn. »Ich fahre mit.«
Heckelberg nickte und reichte Fräulein Kargoll ein wenig widerstrebend die Hand. »Bei so viel Schwein, das Sie haben, sollten Sie es mal in der Lotterie versuchen.«
»Ich kann es ja selber nicht verstehen …«
Die beiden gingen, Heckelberg war wieder allein. Er blickte auf die Uhr. Es war fast 1 Uhr 30. Nachdem er sich eine Pfeife angesteckt hatte, begann er, seinen Bericht an das Polizeipräsidium anzufertigen. Immer wieder kam ihm dabei in den Sinn, wie vergleichsweise stark das Fräulein doch nach Alkohol gerochen hatte. Wie viele Gläschen Likör mochte sie getrunken haben? Wie betrunken war sie gewesen? Um das beurteilen zu können, hätte er sie in garantiert nüchternem Zustand kennen müssen. Auch das mit der Fahrkarte war merkwürdig genug. Alles da, nur die Karte nicht. Raub schied also aus. Keine Verletzung, nichts zerrissen. Also auch kein Sittlichkeitsdelikt. Er war zu lange im Dienst, um da nicht etwas zu wittern. Das Ganze sah irgendwie nach einem erwünschten Alibi aus. Wozu mochte das kleine Fräulein es brauchen? Am Ende, wenn er alles gegeneinander abwog, blieb das Wahrscheinlichste, dass die Dame in ihrem Schwips die Tür ein wenig zu früh geöffnet hatte und hinausgestürzt war. Aber warum hatte sie dann den Überfall erfunden?
Heckelberg überlegte lange, ehe er seinen Bericht mit der Überschrift »Mordversuch« versah und zusammen mit einer Anzeige gegen unbekannt nach oben weitergab.
Kapitel 6
Es war Freitag, der 4. Oktober 1940. Erneuter schwerer Luftangriff der Luftflotte 3 des Generalfeldmarschalls Sperrle auf London. Treffen Hitlers mit Mussolini auf dem Brenner. Ein Kilo Rindfleisch kostete 167 Reichspfennige (Rpf), ein Kilo Butter 350 Rpf.
Reinhard Wenzke, einer der vielen rührigen Amtswalter der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) nutzte den schönen Herbsttag, um sich aufs Fahrrad zu schwingen und von Lichtenberg in die Laubenkolonien Gutland I und II zu fahren und dort nach dem Rechten zu sehen. Er half, wo immer es ging, und mindestens einmal die Woche machte er da draußen seine Runde.
Die besagten Kolonien lagen im Dreieck Lichtenberg, Friedrichsfelde und Betriebsbahnhof Rummelsburg. Wenzke radelte gern hier lang, genoss die grüne Oase, die sich am östlichen Rande der Reichshauptstadt so lange noch erhalten hatte. Zur Sommerszeit gediehen hier Bäume und Sträucher in üppigem Grün, und dichte Hecken säumten die Wege, so dass die kleinen, zum Teil massiv, vorwiegend aber aus Holz errichteten Häuschen vor den Augen von Radfahrern und Spaziergängern fast verdeckt waren. Die hinter Zäunen und Hecken verborgenen Gärten zeugten vom emsigen Fleiß der Besitzer und Pächter, und mancher Hausvater hatte sich im Frühjahr 1940 hier in kluger Vorausschau angesiedelt, um seinem Haushalt Gemüse und Obst zuzuführen. Das Leben in dieser Siedlung verlief allerdings so, dass man sich gegenseitig nur im nächsten Umkreis seines Häuschens kannte. Da nun aber von einer Wohnlaube zur anderen das Gemüseland lag, dehnten sich die Bekanntschaften, die meist nur loser Natur waren, nicht sehr weit aus. Man konnte zwar nicht sagen, dass sich hier kein Mensch um den anderen kümmerte, aber es vermochte hier durchaus jemand tagelang für sich allein zu leben, ohne einen Nachbarn sehen zu müssen. Die Frauen begegneten sich vielleicht auf dem Wochenmarkt in Lichtenberg und die Männer hier und da auf dem Weg zur Arbeitsstätte, im Ganzen aber wurde das Ruhebedürfnis des Großstädters in dieser beinahe idyllisch zu nennenden Gegend nicht sonderlich gestört, vorausgesetzt, dass einer es selbst nicht anders wollte.
Wenzke sah auf seine Armbanduhr. 12 Uhr 25. Wenn er sich beeilte, konnte er zum Mittagessen wieder zu Hause sein. Das meiste war erledigt. Aber er konnte ja noch einmal bei Gerda Ditter vorbeifahren, Gutland II, Weg 5a, Laube 33.
Der hatte er letzte Woche hübsche Kindersachen für den Winter gebracht, und nun war noch mal zu fragen, ob sie auch wirklich passten.
Frau Ditter war 20 Jahre alt und niedlich anzuschauen. Ihr Mann befand sich bei der Wehrmacht, und sie hatte es nicht leicht mit ihren beiden Kindern, Mädchen von zwei und einem halben Jahr. Er musste sich wirklich öfter um sie kümmern. Ein kleiner Haushalt, der erst noch werden wollte, aber in allen Stücken war Fleiß und Sauberkeit zu sehen. Erstaunlich, wie die junge und eher schmächtige Frau allem gewachsen war. Er würde sich erkundigen, wie es ihrem Mann denn ginge und ob sie irgendwelche Hilfe gebrauchen könne.
Wenzke hatte die Laube 33 erreicht, stieg vom Rad und lehnte es an eine übermannshohe Hecke. Dann drückte er die Gartentür auf und ging auf das flache Sommerhäuschen zu. Den Weg säumten auf beiden Seiten einige dürre Fliederbüsche, und über verblühten und fast vertrockneten Blumenstöcken zeugte eine Hand voll Astern von einem farbenfrohen Sommer, während die Gemüsebeete bis auf einige Reihen krausköpfigen Grünkohls abgeerntet waren. Links vor der Haustür stand eine alte Badewanne, neben ihr eine verrostete Pumpe.
Wenzke kam zur Haustür, die mit übriggebliebener Dielenfarbe rot gestrichen worden war, fand sie leicht angelehnt und klopfte vorsichtig, um Frau Ditter nicht zu erschrecken. Zu Hause musste sie sein, denn im Wohnraum hinten hörte er die Kinder sprechen. Oder war es Weinen? Egal, er durchquerte den winzigen Vorraum mit anderthalb Schritten und wandte sich zur Küche. Wieder klopfte er. Keine Reaktion.
Na schön. Wenzke war ein Mann, der es hasste, wenn die Menschen zögerlich waren, und so drückte er die Klinke schnell nach unten und trat in die kleine Küche.
»Heil Hitler, Frau …« Ihr Name blieb ihm in der Kehle stecken, denn dicht vor ihm, vor dem Küchenschrank, mit der rechten Schulter an eine Bank gelehnt, war die Frau buchstäblich in sich zusammengesunken. Rasch sprang Wenzke hinzu, denn er vermutete eine Ohnmacht und wollte helfen.
»O Gott …« Als er sich zu ihr hinuntergebeugt hatte, entdeckte er an der ihm zugewandten Seite des Halses Blut. Dicht unterhalb des linken Ohrs lief ein dicker Blutstreifen zur bunten Hausschürze hinunter, und als er nun das nach hinten gesunkene, mehlgraue Gesicht voll im Blickfeld hatte, sah er, dass die braunen Augen der jungen Frau gebrochen waren.
Wenzke schrie auf. Erst beim Aufspringen bemerkte er die große Blutlache, in der die Tote kniete.
Er musste die Augen schließen und Halt am Küchenschrank suchen. Schwindel packte ihn, kalter Schweiß überzog den Oberkörper. Nein, das konnte nicht sein, das durfte nicht sein. Dieses junge, pulsierende Leben, und nun … Er sah sie im Sonnenschein durch die Straßen radeln.
Nebenan lachten die Kinder. Das riss ihn in die Wirklichkeit zurück. Zwei Kinder ohne Mutter, der Vater an der Front. Wahnsinniger Hass gegen den Täter schoss in ihm auf. Sofort ’n Kopf kürzer machen! Vielleicht steckte er noch hier. Entschlossen wollte er alles durchsuchen, bremste sich aber. Zuerst kamen die Kinder. Die durften auf keinen Fall die Mutter sehen. Er schloss die Küchentür.
»Onkel Wenzke, huhu!«, rief die kleine Hannelore, als er die Tür zum Wohnraum öffnete. »Mama krank.« Das Kind begann zu weinen.
»Ja, sie muss ins Krankenhaus«, sagte Wenzke und führte die beiden Mädchen ins Freie. Er musste sie bei einer Nachbarin abgeben, bevor sie ins Heim eingeliefert wurden. Vielleicht fanden sich auch Großeltern, die die Aufzucht übernahmen.
Er wandte sich zum Grundstück der Borowkas. Er kannte sie, obwohl sie erst seit kurzem hier draußen wohnten. Er war S-Bahner, sie in der Rüstung beschäftigt, Bruder im KZ. Beide unsichere Kantonisten, und man hatte ihn gebeten, ein wenig auf sie Obacht zu geben. Nun ja, wenn die Kinder ein paar Stunden bei ihr waren, ging die Welt nicht unter.
Er klingelte Emmi Borowka heraus, um ihr kurz zu erklären, worum es ging. Der Kinder wegen etwas verklausuliert.
Emmi brach in Tränen aus. »Ich wusste es ja, dass …«
»Nehmen Sie sich doch bitte zusammen!«, fuhr Wenzke sie an. Dann eilte er zurück zur Parzelle 33. Seine erste Hoffnung war, den Täter noch in der Laube zu finden. Entschlossen durchsuchte er sie und den Geräteschuppen. Aber er konnte nichts entdecken.
Nach kurzer Überlegung schwang er sich aufs Rad und jagte zur nächsten öffentlichen Fernsprechzelle. Groschen hatte er stets bei sich in der Tasche. Er erhielt sofort Anschluss und benachrichtigte das nächstgelegene Polizeirevier. Wachtmeister Heckelberg sagte ihm zu, sofort einen Beamten zu schicken. Wenzke atmete durch. Die Kinder fielen ihm ein, und dass sie bei Emmi Borowka nicht bleiben konnten. So rief er seine NSV-Amtsstelle an. Man möge sofort jemanden schicken, die Kinder zu holen. Dann kehrte er zum Weg 5a zurück.
Am Tatort war inzwischen schon ein Revierbeamter eingetroffen. Zusammen warteten sie auf die Mordkommission, die vom Revier aus benachrichtigt worden war.
Kapitel 7
Bei der Einweihung des Reichskriminalpolizeiamtes (RKPA) im August 1939 war von dessen stellvertretendem Leiter, dem SS-Sturmbannführer, Oberregierungs- und Kriminalrat Paul Werner, die folgende wegweisende Rede gehalten worden:
Nur wer sich restlos in die Gemeinschaft einfügt und gemeinschaftsgemäß lebt, kann vollberechtigtes Glied der Gemeinschaft sein. […] Wer … aber der Gemeinschaft gegenüber gleichgültig ist, wer aus verbrecherischer oder asozialer Gesinnung gar gegen sie eingestellt ist, wird … scharf bekämpft. Wer sich durch sein gerneinschaftswidriges Verhalten außerhalb der Gemeinschaft stellt, verdient keinerlei Rücksicht und wird mit scharfen Waffen polizeilich bekämpft und niedergerungen. Das Schicksal des einzelnen gilt nichts, wenn der Gemeinschaft Schaden durch ihn auch nur droht. Jeder kriminelle Störenfried muss so behandelt werden, dass er keinen weiteren Schaden mehr verursachen kann. […] Wenn ein Verbrecher oder Asozialer Vorfahren hat, die ebenfalls verbrecherisch oder asozial lebten […], ist nach den Ergebnissen der Erbforschung erwiesen, dass sein Verhalten erbbedingt ist und dass durch erzieherische Einflüsse eine Änderung nicht zu erreichen ist. Ein solcher Mensch muss demzufolge in anderer Weise angepackt werden. […] Der Verbrecher wird nicht mehr als Einzelperson, seine Tat nicht mehr als Einzeltat gesehen. Er ist vielmehr als Spross und Ahn seiner Sippe, seine Tat als Tat eines Sippengliedes zu betrachten. Daraus erhellt, dass die Kriminalpolizei sich keinesfalls in theoretischen Erörterungen all dieser Dinge erschöpft, sondern dass sie überaus praktische Schlussfolgerungen zieht.
»Wie schön«, sagte Kriminalsekretär Gerhard Baronna, der sich in seinem Gespräch mit Grete Behrens an diese Rede erinnerte. »Ziehe ich also im Falle unserer Sittlichkeitsdelikte in Rummelsburg den Schluss, dass ich nur den Großvater unseres Täters finden muss, um zu wissen, wer das ist.«
Beide saßen in Baronnas blauem Faltboot und paddelten den Gosener Graben entlang. Was sie verband, die Kriminalassistentin und ihn, war im Augenblick mehr der Beruf als die Liebe, wenn er sie auch eigentlich nicht nur zum Fachsimpeln nach Schmöckwitz eingeladen hatte, wo seine »Snark« im Bootshaus »Krampenblick« zu Hause war. Doch alle seine Versuche, die kleine Spritztour ins Grüne zum Flirten zu nutzen, waren bisher vergeblich gewesen. In einen Film der Ufa hätten sie beide nicht gepasst, der Kriminalsekretär und die Kriminalassistentin.
Grete Behrens war ein ernsthafter Mensch. Sie war Kriminalbeamtin geworden, um ganz dicht an die Täter heranzukommen. Um deren Psyche kreiste ihr Denken. Warum brachte ein Mensch den anderen um? Das war die Frage, deren Erforschung sie ihr Leben widmen wollte. Folgerichtig hatte sie begonnen, sich der Psychologie und vor allem der Psychoanalyse zu widmen, war sogar bei Sigmund Freud in Wien gewesen und hatte Melanie Klein gehört, doch dann war Hitler gekommen und hatte die Großen ihres Faches vertrieben. Was war ihr anderes geblieben, als zur Kripo zu gehen und im Tausendjährigen Reich ein langes Praktikum zu absolvieren.
Gerhard Baronna kam aus Kreuzberg, wo seine Mutter in der Manteuffelstraße einen Kohlenkeller ihr Eigen nannte. Sein Vater war im Jahre 1935 an seiner kranken Lunge gestorben, als Folge einer Verwundung, die er im Ersten Weltkrieg erlitten hatte, und hatte sich als alter Schupo nichts sehnlicher gewünscht, als seinen Sohn später einmal in den Reihen der Kripo zu wissen. So hatte Baronna sich nach Beendigung der Schule bei der Polizei beworben und den Lehrgang am Polizeiinstitut Berlin-Charlottenburg erfolgreich abgeschlossen. Auch die Abneigung gegen die Nazis hatte ihm sein Vater vererbt. Richard Baronna war altes Mitglied des »Schrader-Verbandes«, einer radikal-demokratischen Organisation der Schupo, Kripo und Landjäger.
Grete war noch immer über die Rede Paul Werners empört.
»Das führt doch nur dazu, dass Heydrich seinen Katalog der ›Staatsfeinde und Volksschädlinge‹ immer mehr erweitern kann. Alles soll dann ausgemerzt werden: Asoziale, Bettler, Landstreicher, Prostituierte, Zuhälter, Homosexuelle, Schieber, Preistreiber, Psychopathen, Arbeitsscheue … Alle ab ins KZ.«
»Sind die ›Politischen‹ nicht mehr so allein«, sagte Baronna, der mitunter zum Zynismus neigte und es gerne drastisch hatte.
Grete wusste wohl, wie er das meinte, zuckte aber dennoch leicht zusammen. »Ich bitte dich …« Sie erzählte ihm, dass die Sicherheitspolizei nun auch schon daran dachte, in der Uckermark für weibliche Minderjährige ein »Jugendschutzlager« einzurichten.
Wieder kam Baronnas sardonisches Lachen. »Motto: ›Vom Kinderbett ab ins KZ!‹ Aber tröste dich: Für die Jungen gibt es das schon seit letztem August, im Solling. Der ewige Wettkampf zwischen Nebe und Müller.«
Reichskriminaldirektor und SS-Brigadeführer Arthur Nebe war der Leiter des Reichskriminalpolizeiamtes (R K PA), kurz: der Chef der deutschen Kripo, Heinrich Müller leitete das »Geheime Staatspolizeiamt« (Gestapo) und war Gefolgsmann Reinhard Heydrichs. Er und die führenden Männer der Gestapo verfolgten die Unternehmungen der Kripo-Kameraden ebenso neidisch wie misstrauisch. Die Kriminalbeamten hatten es verstanden, die Arbeit des R K PA weithin von der Gestapo freizuhalten. Dabei war ihnen zugutegekommen, dass die Nationalsozialisten 1933 bei der Umstrukturierung der Polizei von sich aus reine und tüchtige Kriminalisten den politischen Mitläufern vorgezogen hatten. So hatte es immer eine Abschottung und sogar ein Gegeneinander von Kripo und Gestapo gegeben. Und während die Männer der Gestapo von erheblichen Teilen der Bevölkerung abgelehnt wurden, gab es für die Kripo in der Öffentlichkeit Anerkennung und Verständnis. Wenn Gerhard Baronna also im Herbst 1940 ein berufliches Vorbild hatte, dann war es nicht Heydrich oder Himmler, sondern Ernst Gennat, der alte stellvertretende Chef der Kriminalabteilung. Einer, der mit seiner buddhaähnlichen Figur gar nicht dem Idealbild des »deutschen Mannes« entsprochen hatte und mit seiner republikanischen Gesinnung erst recht nicht dem SS-Bild der Polizei.
Von ihm schwärmte Baronna noch immer, als sie das Ende des Gosener Grabens erreichten und den rauen Seddinsee vor sich liegen sahen. Die Oktobersonne färbte den Sand der Gosener Berge goldrot, und die Schillerwarte auf dem höchsten ihrer Hügel wirkte wie ein Fort am Rande der Sahara. Nichts ließ darauf schließen, dass es Krieg gab, Elend und Vernichtung.
Grete hörte auf zu paddeln. »Musst du nachher noch zum Dienst?«
»Ja.«
»Dadurch, dass wir die Verbrecher zur Strecke bringen, tun wir viel für Hitler, stabilisieren wir sein Reich …«
»Recht hast du«, erwiderte Baronna mit gewohntem Sarkasmus. »Wenn jeden Tag jeder Deutsche einen Deutschen ermordet – Mann oder Weib –, steht Hitler in einem Monat ohne alle da. Kein Volk, kein Reich, kein Führer. Darum lassen wir sie also gewähren, unsere Mörder.«
»Tun wir doch sowieso schon … im KZ.«
Baronna schlug mit dem Paddel so aufs Wasser, dass es bis zu ihr nach vorne spritzte. »Hör auf! Wir sind hier, um uns zu erholen. Ich hab’s schon schwer genug im Dienst.«
Als Gerhard Baronna seine Dienststelle am Werderschen Markt betrat, den »Jägerhof«, wurde er sofort von seinem Chef am Ärmel gepackt und wieder zur Tür befördert.
»Kommen Sie!«, rief Kriminalkommissar Wilhelm Lüdtke.
»Mord in einer Laubenkolonie am Betriebsbahnhof Rummelsburg.«
Als Baronna die Leiche der Gerda Ditter in ihrer Blutlache sah, dachte er mit einem seiner typischen Reflexe, warum es hier an der Heimatfront eigentlich anders aussehen sollte als draußen auf den Schlachtfeldern des Krieges. Alle hatten Opfer zu bringen. Zugleich erfüllte ihn eine nie gekannte Traurigkeit. Eine so hübsche Frau; dahingegangen, bevor sie gelebt hatte. Zwei Kinder ohne Mutter, seelisch verkrüppelt für ihr ganzes Leben. Aber egal, sein Sarkasmus ließ ihn wieder aufleben, bald sank ohnehin die ganze Stadt in Schutt und Asche. Wenn die Engländer Krieg führten gegen die Deutschen, waren ihre amerikanischen Blutsbrüder nicht mehr weit, 1917 hatte es gezeigt, und gegen deren Bomber war kein Kraut gewachsen.
»Baronna, heh, träumen Sie?« Lüdtke stieß ihm den Ellenbogen in die Seite.
»Ja, Herr Kommissar.«
»Das sollten Sie lassen, Sie sind im Dienst.«
»Ich weiß, auf Träumen steht die Todesstrafe – siehe den Prinzen von Homburg.«
Der Beamte vom Erkennungsdienst hatte nun genügend Fotografien gemacht, und sie konnten alles näher in Augenschein nehmen. Doch ein Mordwerkzeug war nirgendwo zu finden, ebenso keinerlei Spurenmaterial, das sich gebrauchen ließ.
»Es scheint«, sagte Lüdtke, »dass der Täter aus irgendeinem Grunde plötzlich von seinem Opfer abgelassen hat. Er muss noch das Mordinstrument gegriffen und sich dann schleunigst entfernt haben. Und die Lage der Leiche … Auf einen Kampf lässt das auch nicht schließen. Oder?«
Baronna nickte. »Nein …«
»Die Frau muss von seiner Attacke völlig überrascht worden sein. Abwehr? Keine Zeit mehr dazu.«
Sie stellten abschließend fest, dass der Tod schon vor etlicher Zeit eingetreten sein musste, höchstwahrscheinlich durch Messerstiche. Genaueres mussten die Gerichtsmediziner herauszufinden suchen.
Der Leichenwagen kam, Frau Ditter abzuholen. Der NSVAmtswalter und der Revierbeamte gingen mit den Kindern in den hinteren Raum und spielten mit ihnen.
Lüdtke und Baronna fuhren ins Büro zurück.
Als Kriminalsekretär Gerhard Baronna am späten Nachmittag an seiner Maschine saß, um mit seinem Zehnfingersuchsystem den Bericht zu schreiben, gab es nichts wesentlich Neues hinzuzufügen. Es handelte sich um zwei Messerstiche, und vorher hatte der Mörder sein Opfer zu erwürgen versucht. Vermutete Tatzeit war der 3. Oktober, spät in den Abendstunden. Nichts deutete auf einen Raubmord hin.
Baronna ging mit dem Bericht zu seinem Chef. Lüdtke las alles sorgfältig durch und meinte dann, dass man wohl zwischen einem Einbrecher zu wählen habe, der geräuschlos in die Laube eingedrungen sei, oder einem Bekannten der Diner.
»Der Mann Soldat, da kommt ein guter Freund des Hauses, der meint, dass der einsamen Frau doch etwas fehlen müsse. Die wehrt sich und dann … Also, sehen Sie sich mal im Bekanntenkreis der Gerda Ditter um. Außerdem ist die Möglichkeit eines Einbruchdiebstahls in Betracht zu ziehen. Frage, ob es da in der Gegend in letzter Zeit Vorkommnisse dieser Art gegeben hat.« Lüdtke steckte sich eine Juno an. »Immerhin scheint mir die Absicht eines Sittlichkeitsverbrechens nicht ganz ausgeschlossen zu sein. Müssen wir also auch dahingehend Ermittlungen anstellen.«
Baronna klappte sein schwarzes Schulheft wieder zu. »Wird gemacht. Und … soll die Meldung für die Morgenzeitung freigegeben werden?«
Lüdtke sah durch ihn hindurch, und Baronna wusste, was seinen Chef bewegte. Jeder Mord im Deutschen Reich war eine Hiobsbotschaft für die Spitzen von Partei und Staat. Hieß das doch: Ha-ha, bei euch geht es auch nicht anders zu als zur Systemzeit, nicht anders als in Weimar, Mord und Totschlag überall. Und wenn die absoluten Herrscher früherer Zeiten den Überbringer einer Hiobsbotschaft kurzerhand erschlagen hatten, so neigten die Herren des Hitler-Reichs dazu, mit ihren Kripoleuten auch nicht anders umzugehen. Sie störten nur. Besonders, wenn sie ihre Arbeit nicht lautlos taten. Andererseits brauchten sie die Kripo und die Presse, um die Täter zu fassen und andere abzuschrecken, zum Verbrecher zu werden.
Lüdtke entschied sich für die Standards seiner Zunft. Wohl, weil er Nebe hinter sich wusste. »Ja, geben Sie’s den Zeitungen. Die geringste Wahrnehmung aus der Bevölkerung ist wichtig. Und da wir keine Spuren haben, brauchen wir die Presse. Und sehen Sie zu, dass eine Mahnung an die Bevölkerung damit verbunden ist, vor verdächtigen Elementen auf der Hut zu sein.«
»… vor verdächtigen Elementen auf der Hut zu sein«, wiederholte Baronna mit hintergründigem Lächeln. Er spielte ein wenig den von ihm sehr verehrten Kabarettisten Werner Finck, der zu einem SS-Spitzel in seiner »Katakombe« einmal gesagt hatte »Kommen Sie mit, oder soll ich mitkommen?«
Lüdtke ging auf sein Wortspiel nicht ein, und Baronna war sich nicht im Klaren darüber, ob er es nicht verstand oder nicht verstehen wollte. So fasste er noch einmal zusammen.
»Also: Alles melden, was man sieht. Bei totaler Verdunkelung das eigene Licht noch heller leuchten lassen.«
»Raus!«, rief Lüdtke.
Baronna machte sich an die Arbeit. Presse benachrichtigen, zum Dezernat für Sittlichkeitsverbrechen gehen usw.
Der 5. Oktober 1940 war ein Sonnabend. An den Fronten gab es nichts Neues, aber an diesem Tag begann in Deutschland die Kinderlandverschickung, organisiert von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), der Hitlerjugend (HJ) und der NS -Lehrerschaft. Kinder, die unter den Kriegsfolgen und schlechter Ernährung litten, sollten aus dicht bevölkerten Gebieten hinaus aufs Land. Auch um den alliierten Luftangriffen zu entgehen.
Gerhard Baronna las es ohne übergroße Anteilnahme, hatte er doch selber keine Kinder, dachte aber dann an die beiden Mädel aus der Laubenkolonie, deren Mutter man ermordet hatte. Vielleicht half es ihnen, wenn sie ganz woanders aufwachsen konnten.
Viel war es nicht, was im Völkischen Beobachter, im 12 Uhr Blatt und in der Berliner Morgenpost über den Rummelsburger Mord zu lesen stand. Der Beisetzung von Walter Kollo hatte man mehr Beachtung geschenkt. Aber immerhin wurde in den Lokalteilen an auffälliger Stelle von Gerda Ditter berichtet und die Bevölkerung gebeten, sich mit sachdienlichen Hinweisen an die Polizei zu wenden.
Die ersten Anrufe kamen auch schon am Sonnabendvormittag, brachten aber wenig. Erst eine gewisse Emmi Borowka, die sagte, dass sie seit kurzem in der Laubenkolonie Gutland wohnte, ließ ihn ein wenig hoffen.
»Ich hab mich ein paar Mal mit Frau Ditter unterhalten.«
»Und? Hat sie Ihnen gegenüber etwas verlauten lassen, das vielleicht ein Hinweis wäre?«
»Nein, aber ich hab sie am Donnerstag auf dem Wochenmarkt in Friedrichsfelde mit einem Mann reden sehen, länger …«
Baronna horchte auf. »Können Sie den näher beschreiben?«
»Ja … Eine blaue Schirmmütze hat er aufgehabt und so ein offenes Sporthemd an.«
Baronna notierte es. »Alter? Größe?«
»Na, dreißig vielleicht oder ’n bisschen älter … Aber so genau … Und die Größe? Eins siebzig vielleicht.«
»Und sonst noch, besondere Kennzeichen und so?«
»Da fällt mir nichts mehr ein.«
Baronna bedankte sich und legte wieder auf. Hm … Eine Beschreibung, die auf Hunderte von Männern passte. Er sah auf die Uhr. Um zehn hatte sein Vorgesetzter ihn sehen wollen. Baronna machte sich auf den Weg und berichtete Lüdtke zuerst über das, was er gestern noch vom Dezernat für Sittlichkeitsverbrechen in Erfahrung hatte bringen können.
»Ja, also«, Baronna las ab, was er sich notiert hatte. »Seit dem Sommer 1938 haben sich in dem Laubengelände am Betriebsbahnhof Rummelsburg und in der näheren Umgebung zahlreiche Überfälle auf Frauen ereignet. Zunächst handelte es sich um verhältnismäßig harmlose Belästigungen, das heißt, die Frauen sind mit der Taschenlampe angeleuchtet und daraufhin angesprochen worden, ob sie mit dem Täter den Geschlechtsverkehr ausüben wollten. Bei einer Ablehnung ist zunächst nichts weiter passiert. Dann ist es zu versuchten und später auch vollendeten Sittlichkeitsverbrechen gekommen. Der Täter würgte seine Opfer, schlug auf sie ein oder versuchte, sie sonst wie mit Gewalt wehrlos zu machen.«
Lüdtke spielte mit seiner Zigarettenschachtel. »Da gab es als Steigerung nur noch eines: einen Mord …«
Baronna vermied es, seine Anmerkung zynisch klingen zu lassen: »Und was kommt bei einem solchen Menschen nach einem Mord?«
Lüdtke stöhnte auf. »Der zweite, der dritte, der vierte … Bei Friedrich Haarmann in Hannover waren es schließlich siebenundzwanzig Opfer.«
»Trösten wir uns mit William Shakespeare«, sagte Baronna.
»Bei dem steht irgendwo der schöne Satz: ›Gott schuf ihn, also lasst ihn für einen Menschen gelten.‹«
»Was Gott nicht alles so geschaffen hat …«, murmelte Lüdtke, und Baronna ahnte, was und wen er damit meinte.
»Zeit, ihn abzuschaffen.« Er steckte sich mit typischer Ufa-Geste seine Juno an.
»Zur Sache, Baronna! Wo fanden die Überfälle statt? Ich meine: in Wohnungen, auf offener Straße oder wo sonst?«
»Ausnahmslos im Freien und während der Abend- und der Morgenstunden.«
»Sind irgendwelche Spuren vorhanden oder Personenbeschreibungen?«
»Nein, nichts. Der Täter hat sich jedes Mal die Verdunkelung zunutze gemacht. Der Täter, die Täter … Wer weiß … Die überfallenen Frauen haben kaum Beobachtungen machen können.«
Lüdtke dachte nach. »Ich hab so das Gefühl, dass wir es bei den Überfällen in den Laubenkolonien und dem Mordfall Ditter mit ein und demselben Mann zu tun haben.«
Baronna hatte dazu eine andere Meinung. »Herr Kommissar, bitte, es spricht doch alles dafür, dass es mindestens zwei verschiedene Täter sind. Sittlichkeitsverbrechen in Serie, darauf kann doch im Falle Ditter durch nichts geschlossen werden.«
»Sicher …« Lüdtke stand auf und ging im Raum umher.
»Sie können genauso gut recht haben wie ich. Erfahrung und Gefühl sind manchmal Ratgeber, auf die man nur mit Vorsicht hören sollte. Wie auch immer, wir sollten uns nicht zu schnell auf nur eine Möglichkeit festlegen.«
»Verzeihung, aber ein ganz simpler Einbruch wäre ja auch noch in Erwägung zu ziehen. Der Täter wird von Frau Ditter überrascht, gerät in Panik und sticht zu …«
»Gut, Baronna, Sie ziehen alles ins Kalkül. Auf alle Fälle veröffentlichen wir auch da eine Pressenotiz und lenken die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf die Sittlichkeitsverbrechen im Raume Rummelsburg, Karlshorst und Lichtenberg.« Baronna unterbrach ihn. »Das wird man höherenorts gar nicht so schätzen …« Er erschrak über sich selbst. Jetzt zeigte auch er jenen vorwegnehmenden Gehorsam, über den er Grete gegenüber immer spottete, und dachte schon so, wie die Naziführer dachten, machte deren Ängste zu seinen Ängsten.
»Nun …« Lüdtke blieb am Fenster stehen und sah auf die Stadt hinunter. »Das ist die Quadratur des Kreises: Kriegen wir den Kerl nicht bald, kommen wir selber in den Geruch von Volksschädlingen und dürfen uns auf einiges gefasst machen, doch wir kriegen ihn nur, wenn wir in der Öffentlichkeit Alarm schlagen. Tun wir das aber, sind wir für Heydrich und Co. nichts weiter als Agenten des britischen Geheimdienstes, gedungen, unser Land draußen in der Welt lächerlich zu machen und die Wehrkraft des deutschen Volkes zu zersetzen.«
»Und?«
»Nebe deckt es.«
Baronna schwieg. Für ihn war Arthur Nebe ein charakterloser Karrierist, schon seit 1931 Parteigenosse und Mitbegründer der Nationalsozialistischen Beamten-Arbeitsgemeinschaft (NSBAG), Mitglied eines Freicorps, Militarist und Antisemit, also insgesamt ein übler Bursche. Grete aber wollte gewittert haben, dass Nebe Kontakte zu Leuten hatte, die den Führer absetzen lassen wollten. Undenkbar für ihn.
»Also …« Lüdtke sprach weiter: »Die Personenbeschreibung des Mannes vom Wochenmarkt beifügen. Eine Belohnung von eintausend Reichsmark wird auch bewilligt werden.«
Gerhard Baronna hatte sein erstes Lebensjahrzehnt in Trebatsch verbracht, einem Dörfchen am Schwielochsee, nördlich des Spreewaldes, und er erinnerte sich oft an das, was der Pfarrer dort, wenn man ihn bei Besuchen auf dem Lande einmal traf, immer lächelnd sagte. Dass er sich an Martin Luther hielte und dessen Maxime: »Und wenn ich wüsste, dass die Welt morgen unterginge, ich würde heute noch einen Baum pflanzen.«
So kam er sich vor, als er durch Lichtenberg streifte, um in den Läden nach dem Mörder der Gerda Ditter zu suchen. Der große Krieg würde noch kommen, aber auch jetzt schon starben Hunderte von Menschen täglich. In den KZs zum Beispiel wie im Krieg. Und wenn die Amis erst in Europa landeten und der Führer die Russen angriff, worauf viele seiner Freunde wetteten, dann gab es Millionen Tote. Und da sollte er sich den Arsch aufreißen, weil hier einer eine getötet hatte …
Doch, ja. Wie anders auch. Ein immer helles Licht beleuchte deinen Weg – die Pflicht. So hatte er es gelernt.
Am U-Bahnhof Friedrichsfelde war ein kleiner Wochenmarkt, auch gab es eine Reihe von Geschäften, in denen die Bewohner der im Süden angrenzenden Laubenkolonien gerne kauften. Seit Ende 1930 hatte hier die U-Bahn-Linie E, die vom Alexanderplatz kam, ihre Endstation, und es herrschte immer reges Treiben.
Wie ein Vertreter für Kurzwaren – Knöpfe, Nähgarn, Schnürsenkel und dergleichen – zog Baronna herum und sprach die Leute an, insbesondere die Frauen. Ob sie die Geschlechtsgenossin auf diesem Foto hier kannten? Ob sie in letzter Zeit von einem Mann belästigt worden seien? Ob sie einem Mann begegnet waren, der wie folgt beschrieben wird …
»Nein …«
»Tut mir leid …«
»Die arme Frau Ditter.«
»Das war eine freundliche Frau. Immer ruhig und gut zu leiden.«
»Ja, die hat ihr Fleisch immer hier bei uns gekauft. Nein, immer alleine, nie mit einem Mann zusammen.«
So ging es den ganzen Vormittag über. Seit dem Mord an Gerda Ditter waren nun gute vierzehn Tage vergangen, ohne dass sie auch nur einen winzigen Schritt weitergekommen wären.
Als er aber in sein Büro zurückgekommen und die Liste mit den eingegangenen Anrufen durchgegangen war, glaubte er, endlich Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Die 30-jährige Fabrikarbeiterin Ella Jarke wollte in dem gesuchten Mann ihren früheren Verlobten, den 32-jährigen Steinsetzer Paul Malchow, erkannt haben. Er sei im Frühjahr 1940 von seiner Arbeitsstelle verschwunden und seither nicht mehr bei ihr aufgetaucht, sie habe ihn aber im September in Lichtenberg gesehen, als sie in der Prinz-Albert-Straße mit der 76 an ihm vorbeigefahren sei.
Gerhard Baronna setzte einen Assistenten in Marsch und ließ sich die Dame kommen. Ella Jarke war mächtig zurechtgemacht, roch nach billigem Parfüm, musste ihre Haare literweise mit Wasserstoffsuperoxyd behandelt haben und fiel zweifellos in die Kategorie ordinär. Nicht, dass er sie schon zu den Prostituierten rechnen mochte, aber bestimmt ließ sie sich nicht lange bitten, wenn ein Kerl ein bisschen was hermachte und sie in die etwas besseren Etablissements einladen konnte.
Sie nahm Platz, schlug die Beine so übereinander, dass ihm der Anblick ihrer Strumpfränder und -bänder nicht entgehen konnte, und bestätigte dann die von ihr gemachten Angaben.
Baronna vermied es mit einiger Anstrengung, ihre Marlene-Dietrich-Beine zu bestaunen. »Sie haben also in der Straßenbahn gesessen … Und da haben Sie Herrn Malchow erkannt?«
»Ja, an sein offnet Hemde. So wie’t inne Zeitung jestanden hat.«
Baronna nickte. »Und mit der Größe, das stimmt auch, und mit der Schirmmütze?«
»Jenau, Herr Kommissar. Früha hatta imma ’n Hut uffjehabt, aba ’ne Schirmmütze ooch.«
Sehr überzeugend war das alles nicht, und Baronna begann sich schon zu ärgern, dass er die Jarke derart ernst genommen hatte. »Nun sagen Sie mir doch mal bitte, warum Sie Herrn Malchow solche Sittlichkeitsverbrechen überhaupt zutrauen und am Ende sogar den Mord in der Laubenkolonie?«
»Ja, wissen Sie, dem Kerl is allet zuzutrau’n …« Baronna stieß nach. »Wieso?«
Nun passierte das, was Baronna für völlig undenkbar gehalten hatte: Fräulein Jarke wurde rot. Ihr ganzer Hals war im Nu scharlachfarben angelaufen.
Baronna ahnte, was das hieß. »Sie haben Herrn Malchow vermutlich sehr nahe gestanden?«
Jetzt kicherte sie wie ein Backfisch in einem Ufa-Film.
»Kann man wohl sagen …«
»Ein intimes Verhältnis also, so richtig …«
Sie senkte den Blick. »So richtig eben nicht …«
Weiter mochte sie nichts sagen, und Baronna fragte sie, ob sie das wohl lieber einer Kollegin erzählen wolle, wobei er an Grete Behrens dachte.
»Nee, ick trau ma schon. Sie sind ja eijentlich keen Mann, sondern nur ’n Beamter.« Dabei klappte sie aber die Beine derart aufreizend auseinander, dass Baronna doch ein wenig schlucken und schnell zur Seite gucken musste.
»Zur Sache bitte!« Er klopfte mit seinem zugeschraubten Füller auf den Tisch. »Er hat sich also beim Geschlechtsverkehr mit Ihnen abartig verhalten?«
»Ja, ick musste imma ’n Kleid anbehalten und dann hatta mir det vom Körpa jerissen. Und eenmal hatta mir ooch mit ’m Stock jeschlagen.«
Baronna machte sich Notizen. Das passte ins Bild. »Und Sie haben keine Anzeige erstattet.«
Fräulein Jarke versuchte ein kokettes Lächeln. »Ick hab ja nischt dajegen jehabt.«
»Aber jetzt wollen Sie ihn als Mörder hinstellen?«
»Na, hör’n Se mal!« Fräulein Jarke fuhr auf. »Det is keene Rache von mir, det tu ick, damit nich noch wat passiert hier inne Jegend.«
»Kommen Sie, Fräulein Jarke, der Malchow hat Sie sitzengelassen, und nun wollen Sie ihm eins auswischen … Die Gelegenheit ist günstig.«
Fräulein Jarke kniff die Augen zusammen. »Sie …« Und was jetzt kam, war keine leere Drohung. »Ick hab Freunde bei die SS … Und wenn ick sage, der Malchow is ’n Schwein, dann issa ’n Schwein. Roh issa schon imma jewesen, und eenmal – fällt ma noch ein – issa sogar mit ’m Messa uff mich losjejangen.«
Baronna konnte nicht anders, als Fräulein Jarke Glauben zu schenken. »Wissen Sie denn auch, ob er sich da im Laubengelände aufgehalten hat, in der Kolonie Gutland am Betriebsbahnhof Rummelsburg?«
»Ja, weeß ick.«
Baronna kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. »Hat er Ihnen davon erzählt?«
»Det nick, aba im Aujust issa bei mir uffjekreuzt mit ’ner jroßen Tasche. Da war’n Wäschestücke drin, Blusen und so, und ’n totet Karnickel. Det sollt ick ihm allet abkoofen. Sie, Herr Kommissar, ick bin sicha, detta det allet jeklaut hat. In die Lauben da.«
Baronna nickte. Ja, das klang verdammt plausibel. »Sie wissen nicht zufällig, wo Herr Malchow wohnt?«
»Nee, ick hab ’n ja rausjeschmissen bei mir.«
»Aber ein Foto von ihm werden Sie doch haben?«
»Det hab ick mia jedacht, Herr Kommissar!« Sie wühlte in ihrer Handtasche herum. »Hier. Bei mir is allet da.«
Sie reichte ihm die Fotografie eines Mannes in mittleren Jahren, der auf den ersten Blick eher wie ein Filou denn wie ein finsterer Triebtäter wirkte. Aber Baronna wusste, dass sich da schon manch einer gehörig getäuscht hatte.
»Bekomm ick nu die Belohnung?«, fragte Fräulein Jarke.
»Warten wir’s ab. Wenn Ihre Angaben zum Ziel führen, dann ganz bestimmt.«
»Schön wär’t ja.«
Damit war Fräulein Jarke wieder entlassen, und Baronna eilte zu Kommissar Lüdtke, um ihn zu fragen, ob die sofortige Fahndung nach Paul Malchow wirklich opportun sei.
»Selbstredend! Allerdings suchen wir ihn nur wegen der Einbrüche in den Lichtenberger Lauben, nicht wegen der Sache Ditter und der Sittlichkeitsdelikte. Vorsichtshalber.«
So erschien Paul Malchow mitsamt Foto und Personalbeschreibung im Meldeblatt Berlin und im Deutschen Kriminalpolizeiblatt.
Der 31. Oktober 1940 fiel auf einen Donnerstag. Im vergangenen Monat hatten die deutschen Unterseeboote im Krieg gegen Großbritannien 61 Handelsschiffe versenkt, und insgesamt 1733 deutsche und 915 britische Flugzeuge waren in diesen vier Wochen im Verlaufe der Luftschlacht um England abgeschossen worden. Im Oktober hatte die deutsche Luftwaffe 783 Angriffe auf England geflogen, davon 333 auf London. Die Verluste der britischen Zivilbevölkerung betrugen bis dahin 15 000 Tote und 21 000 Verletzte.
Im Berliner Polizeipräsidium saß der Kriminalsekretär Gerhard Baronna noch immer am Fall Gerda Ditter und fahndete nach ihrem Mörder.
Kurz nach der Mittagspause klingelte das Telefon, und Baronna war sehr überrascht, als ihm ein Kollege des Einbruchsdezernats die Mitteilung machte, dass man den im Meldeblatt 2714 vom 12. Oktober 1940 gesuchten Paul Malchow festgenommen hatte. Es sei gelungen, ihm eine Reihe von Einbrüchen und Diebstählen nachzuweisen.
»Wo denn?«, fragte Baronna mit schnellerem Puls.
»Ausnahmslos im Siedlungsgelände südlich von Lichtenberg.«
»Das ist ja phantastisch!« Baronna bedankte sich, legte auf und eilte zu Lüdtke hinüber, um ihn schnellstmöglich zu informieren.
Doch der Vorgesetzte ließ sich von seiner Erregung nicht anstecken. »Lassen wir den Mann erst einmal kommen. Und dann veranlassen Sie die Untersuchung seiner Kleidungsstücke … auf Blutspuren.«
Als er Paul Malchow dann vor sich sitzen hatte, wurde Baronna schmerzhaft bewusst, dass seine Menschenkenntnis noch längst nicht ausreichte, um intuitiv sagen zu können: Der war’s oder der war’s nicht. Wie ein Streuner sah der Malchow aus, ein Landstreicher, arbeitsscheu, abgerissen, verantwortungsscheu, aber wie ein Mörder? Wie sahen Mörder eigentlich aus? Und er dachte unwillkürlich an das, was sie in der Ausbildung über Cesare Lombroso gehört hatten, wie der sich den »geborenen Verbrecher« vorgestellt hatte. Kantig der Schädel, Augenbrauen wie ein Neandertaler – und schon wusste man, dass man einen Mörder vor sich hatte. Schön wär’s gewesen. Paul Malchow sah eher aus wie ein in die Jahre gekommener Gigolo.
»Was sind Sie denn von Beruf gewesen?«, fragte Baronna.
»Vertreter eines Weinhauses.«
»Ah ja …« Baronna brauchte auch nicht weiter zu fragen, weshalb er diesen Beruf nicht mehr regelmäßig ausübte, denn dass sein Gegenüber Trinker war, stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Paul Malchow musste seine Gedanken gelesen haben, denn er grinste und kam mit einem alten Spruch: »Ja, ja: Arbeiter meidet den Alkohol, kauft euern Schnaps im Konsum.«
Baronna konstatierte, dass der Mann durchaus jenen Charme entwickeln konnte, der Frauen kirre machte. »Da haben Sie dann also nicht mehr gearbeitet, sondern sich aushalten lassen?«
»Immer so lange, bis die es nicht mehr ausgehalten haben mit mir.«
Baronna fand ihn amüsant und neigte immer stärker zu der Ansicht, dass dieser Mann kein Mörder sein konnte. Aber zu fragen war immerhin, wie gut er die Laubenkolonien nördlich der S-Bahn-Strecke nach Erkner kannte. »Wie sieht’s denn aus mit Gutland I und II, Herr Malchow, haben Sie da auch eine Frau gesucht, bei der Sie für ein Weilchen wohnen konnten?«
Da sprang Paul Malchow auf. »Den Mord da lass ich mir nicht anhängen, Herr …«
Baronna dachte ganz automatisch: Aha, Freundchen! Wenn Angriff die beste Verteidigung ist, dann … Er gab sich alle Mühe, selber ruhig zu bleiben.
»Bitte, behalten Sie doch Platz.« Er wartete, bis Malchow wieder saß und kam dann ganz direkt zur Sache. »Dass Sie ohne festen Wohnsitz sind und Ihren Lebensunterhalt nach der Trennung von Fräulein Jarke vornehmlich durch Lauben- und Stalleinbrüche im Süden Lichtenbergs bestritten haben, das können wir wohl ohne weiteres so zu Protokoll nehmen – oder?«
Paul Malchow sank in sich zusammen. »Ja. Aber das mit Frau Ditter …«
Baronna ging dazwischen. »Ist ja interessant, dass Sie diesen Namen immer wieder erwähnen.«
»Ich bin doch nicht dumm, ich weiß doch, weswegen ich hier bin, bei der Mordkommission Lüdtke.«
Baronna stand auf und ging vor Malchows Stuhl auf und ab.
»Machen wir es kurz …« Er hatte ein hohes Interesse daran, den Mordfall Ditter schnell und ohne Lüdtkes Hilfe aufzuklären. Das brachte ihm ganz sicher bei seiner Karriere die Pluspunkte ein, die andere als alte NSDAP-Mitglieder oder SS-Leute sozusagen gratis bekamen. Und aufsteigen wollte er. Warum alles den anderen überlassen.
»Also, Malchow, reden wir mal« – fast hätte er gesagt: Tacheles miteinander – »von Mann zu Mann. Sie lernen Frau Ditter auf dem Wochenmarkt in Friedrichsfelde kennen und sehen eine Chance für sich. Der Mann im Krieg, sie allein in der Laube, da könnten Sie doch eine schöne Unterkunft finden. Der Winter naht mit Schnee und Eis. Wie schön müsste es da bei der kleinen Gerda Ditter sein. Sie scheint auch nicht ganz abgeneigt. Sie sind ja auch ein Kerl, der die Frauen wild machen kann. Als Sie dann am 3. Oktober abends an ihrer Laube klingeln, lässt Frau Ditter Sie auch ein. Alles läuft für Sie nach Plan. Doch als Sie dann zärtlich werden und mit der Sprache rausrücken, dass Sie bei ihr wohnen wollen, da stößt Frau Ditter Sie zurück. Und Sie geraten in Rage, greifen zum Messer und …«
»Nein!«, schrie Paul Malchow. »Ich war nicht da, ich bin kein Mörder!«
Er tat das so überzeugend, dass Baronna wieder schwankend wurde.
Da kam ein Anruf eines ihrer Kriminaltechniker: »Blut an Hose und Jackett!«
Baronna rief Lüdtke an: »Herr Kommissar, wir haben ihn!«
Kapitel 8
Der 4. November 1940 war ein Montag. Die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zum 9. November liefen überall auf Hochtouren. An diesem historischen Tag hatte Adolf Hitler im Jahre 1923 in München geputscht und die provisorische deutsche National-Regierung proklamiert. Die Engländer versuchten die Vorbereitungen mit einem Nachtangriff auf München empfindlich zu stören.
Elisabeth Bendorf hatte ihren Dienst am Fahrkartenschalter beendet und stieg mit bleiernen Füßen die ewig lange Treppe zum Bahnsteig hinauf. Todmüde war sie und dachte nur noch daran, ins Bett zu sinken. Zum Glück hatte sie es nicht mehr weit nach Hause. Friedrichshagen, Hirschgarten, Köpenick – es war nur ein Klacks. Seit einiger Zeit wohnte sie in Berlin-Köpenick, in der Wendenschloßstraße. Das war zwar gar nicht mal so weit weg vom S-Bahnhof, aber da es Richtung Osten keine Spree-Brücke mehr gab, musste sie durch ganz Alt-Köpenick hindurch. Hoffentlich bekam sie noch die letzte Straßenbahn. Mit der 83 konnte sie fast vor ihre Haustür fahren. Allerdings fürchtete sie sich auch jedes Mal davor, in ihre leeren Zimmer zu kommen. Kein Rudi da. Der war Feldwebel in Posen, wo die Heeresgruppe B unter Generalfeldmarschall von Bock ihr Hauptquartier eingerichtet hatte. Ob sie ihn jemals wiedersehen würde? Nicht einmal verlobt waren sie ja, und vielleicht ließ sie sich doch einmal von diesem lustigen Triebwagenschaffner da, dem Karl-Heinz, überreden. Wenigstens zum Kinobesuch.
Während sie auf den Zug nach Erkner wartete, freute sie sich schon auf den nächsten Zarah-Leander-Film, Das Herz der Königin, Regie Carl Froelich. Letzten Freitag Uraufführung in Hamburg. Mit Maria Koppenhöfer, Lotte Koch, Willy Birgel, Axel v. Ambesser, Will Quadflieg, Margot Hielscher, Hubert v. Meyerinck, Erich Ponto und Ursula Herking. Sie kannte sie alle, und die Fotos der Sterne hingen bei ihr zu Hause im Flur oder überm Bett. Je nachdem. Und von Willy Birgel hatte sie sogar ein Autogramm. Gott, wie hieß denn bloß der erste Film, den die Zarah Leander und der Willy Birgel miteinander gedreht hatten? Sie dachte ein Weilchen darüber nach und kam schließlich auch darauf: Zu neuen Ufern.
»Wie geht’s?« Sie fuhr herum. Ein kleiner Mann stand hinter ihr. Ein Kollege mit Uniform und Mütze. Obwohl er sich deutlich abhob von den weiß glasierten Kacheln der Aufsichtsbude, war bei der funzligen Bahnsteigbeleuchtung nicht viel von ihm zu sehen. Aber von irgendwoher kannte sie ihn, von einer Betriebsversammlung aller Eisenbahner, da war sie sich ganz sicher. Wieder einmal ärgerte sie sich darüber, dass sie sich keine Gesichter merken konnte. Den Kollegen nach dem Namen zu fragen, fand sie aber peinlich. Mal sehen, vielleicht kamen sie im Laufe des Gesprächs darauf.
»Gut geht’s mir.«
»Fahren wir zusammen?«
»Ja.« Klang ein bisschen ostpreußisch, wie der Kollege sprach.
Sie versuchte, sich an alle Kollegen zu erinnern, die aus Königsberg, Danzig oder Allenstein kamen. Vielleicht der Max Bullin. Abwarten.
»So allein nachts …« Der Kollege ließ den Satz unvollendet.
»Nun …« Elisabeth Bendorf wusste nicht, worauf das alles hinaus sollte. War der Kollege nur von Langeweile geplagt und wollte nichts, als ein wenig plaudern, oder war das als Annäherungsversuch gedacht. Ihr wurde ein wenig heiß, als sie sich erinnerte, wie es war, wenn … Lange her, zu lange vielleicht. Warum eigentlich auf alles verzichten. Nur weil Krieg war. Und Rudi, der war kein Kostverächter, der hatte bestimmt schon ein Polenmädel gefunden. Aber ausgerechnet mit diesem Kollegen? Wenn es wirklich der sein sollte, für den sie ihn hielt, der Max Bullin, dann war das einer, den sie immer als Schrumpfgermanen verspottet hatten. Lieber niemals mehr als einmal mit dem.
»Da kommt der Zug«, sagte der Kollege.
»Ja …« Man hörte ihn mehr, als dass man ihn sah. Die Frontscheinwerfer des Zuges waren nicht heller als gute Fahrradlampen.
»Zweite Klasse?«, fragte der Kollege.
»Ja, bitte.«
Der Kollege riss die Messinggriffe auseinander, obwohl er irgendwie einen steifen linken Arm zu haben schien. Aber Genaues war nicht zu erkennen.
»Bitte.«
»Danke.«
Elisabeth Bendorf betrat das Abteil. Sie liebte diese Abteile, die aussahen wie die Salons, in denen Willy Birgel, Hans Söhnker und Johannes Heesters verkehrten. Einmal mit einem von ihnen auf diesem Samtstoff sitzen. Stattdessen war sie in Begleitung dieses kleingewachsenen Mannes, der nach Schmieröl, Ruß und Kohle roch. Aber nun: Besser ein Kleiner als keiner. Ach, was. Sie setzte sich in die Ecke gleich hinter der Tür und kuschelte sich gegen das edel-dunkle Holzfurnier. Am liebsten hätte sie ein kleines Nickerchen gemacht, doch bis Köpenick waren es man gerade fünf Minuten, und da lohnte das nicht.
Der Kollege sank schräg gegenüber in die Polster. Ihre Knie berührten sich kurz. Sie glaubte schon, dass ihn das zu weiteren Annäherungsversuchen bewegen würde, doch er zog seine Füße schnell zurück und redete dann nur über belanglose Dinge.
»Ist ja nun bald wieder Weihnachten.«
»Knappe sieben Wochen noch.«
»Der erste Schnee kann auch jeden Tag kommen.«
»Das Schneefegen dann wieder.«
Die S-Bahn fuhr an. Elisabeth Bendorf genoss es, so gefahrlos durch die Nacht zu gleiten. Klack-klack und mit einer winzigen Sekunde dazwischen wieder Klack-klack. Wenn die Drehgestelle über Schienenstöße mussten.
»Fahren Sie gerne S-Bahn?«, fragte der Kollege.
»Lieber als U-Bahn, da im Tunnel sieht man ja nichts.«
»Die Berliner S-Bahn, das ist schon was …«
»In Hamburg haben sie auch eine.«
»Die Stromschiene ist aber anders: von der Seite bestrichen, nicht von unten wie bei uns.«
»Kann man eher ’n Schlag kriegen, wenn man rankommt.« Elisabeth Bendorf hatte ständig Angst davor.
»750 Volt«, lachte der Kollege. »Und was meinen Sie, wenn man da die Stromschiene auswechseln muss. Wenn die Isolatoren brechen. Unter Spannung. Mit ’nem Holzbalken anheben, auf ’ner Gummiplatte stehen.«
»Tüchtig.« Der Zug hielt zum ersten Mal. Hirschgarten.
Wenn man in Fahrtrichtung rechts aus dem Fenster sah, starrte man auf die schwarze Wand der Mittelheide. Mit Rudi war sie früher gerne das Neuenhagener Mühlenfließ hinaufgewandert.
Zwei Leute waren ausgestiegen. Druckluft strömte durch den Zug, die Türen knallten zu. Der Zug fuhr an, wurde hochgeschaltet, gewann zunehmend an Geschwindigkeit. Noch drei Minuten. Elisabeth Bendorf dachte schon ans Aussteigen und rückte ihre Handtasche auf dem Schoß zurecht.
Da erhob sich ihr gegenüber der Kollege.
»Wollen Sie auch in Köpenick …« Weiter kam sie nicht, denn plötzlich zog ihr Gegenüber mit der rechten Hand einen länglichen Gegenstand aus dem linken Ärmel und schlug auf sie ein. Der erste Schlag traf ihren Kopf. Sie fiel nach hinten, trat ihm aber noch instinktiv mit beiden Füßen gegen Unterleib und Knie. Das warf ihn zurück, und er verlor kurz die Balance. Das genügte ihr, um aufzuspringen.
Jetzt hat’s auch dich erwischt!, schoss es ihr durch den Kopf. Sie wusste, dass es in der S-Bahn schon einen Überfall gegeben hatte.
Aber Elisabeth Bendorf war eine Kämpferin, galt als resolute Frau, die ihren Mann stand, überall. Sie war nicht gerade eine Walküre, ganz im Gegenteil, aber immerhin noch ein wenig größer als dieser Kerl. So geriet sie nicht in Panik, sondern versuchte mit aller Kraft, in den Raum vor den Türen zu gelangen. Dort hatte sie mehr Bewegungsfreiheit und konnte seinen Schlägen besser ausweichen. Aber ihr Kopf schmerzte gewaltig, und sie wusste, dass sie jeden Augenblick zusammenbrechen konnte. Nein. Sie wollte noch leben.
Wieder traf er sie. Diesmal zum Glück nur in den Rücken. Und sie schaffte es, als er wieder ausholte, unter seinem Arm hindurchzulaufen und seinen Körper zu fassen. Dann umschlang sie ihn, klammerte sich fest an ihn wie an eine Kletterstange. Er schlug um sich und versuchte, sie von sich abzuschütteln. Das gelang ihm nicht, und sie sah sich schon gerettet. Jeden Augenblick mussten sie in Köpenick sein. Gott, war das eine Ewigkeit, das kurze Stück.
Da registrierte sie, wie er mit seiner freien Hand die Tür aufriss. Der Fahrtwind schoss ihr ins Gesicht. Ihr war klar, was er wollte: sie hinausstoßen. Das war der sichere Tod.
Er bekam ihre Handgelenke zu packen und riss ihre Hände, die sie hinter seinem Rücken verschränkt hatte, mit einem Ruck auseinander. Sie wusste, dass sie nur noch eine Chance hatte: sich zu Boden fallen zu lassen und seine Füße zu umklammern. Dann konnte sie ihn mitreißen in den Tod. Also musste er von ihr ablassen, wollte er nicht selber sterben.
Doch sie hatte sich verrechnet. Er bekam den rechten Fuß wieder frei und trat ihr mit voller Wucht erst in den Bauch, dann gegen den Kopf. Sie musste loslassen und schrie gellend auf, als er sich neben sie kniete. Jetzt würde er ihr die Kleidung zerreißen und ihr Gewalt antun. Aber nein. Er riss sie wieder hoch und stieß sie aus dem Zug.
Kapitel 9
Gerhard Baronna liebte die Morgenandachten seines Vorgesetzten immer dann, wenn der Kriminalkommissar Lüdtke der großen Heroen der Berliner Kripo gedachte und von ihren Heldentaten berichtete. Das geschah vor allem, wenn sie in einem aktuellen Fall nicht weiterkamen und er sie auf diese Art und Weise anspornen wollte. Fast immer ging es mit Ernst Gennat los, dem großen Mordexperten der Abteilung IV im Berliner Polizeipräsidium.
»1906 ist er schon Kommissar geworden. Ein Empiriker der alten Schule, die Wissenschaft hasste er geradezu. So was von Ausdauer, von ungeheurem Gedächtnis und psychologischem Scharfblick!«
Baronna schien das alles ein wenig gegen Nebe zu gehen, den Lüdtke nicht unbedingt zu schätzen schien.
»Sah aus wie Buddha. Das hatte er seiner Vorliebe für Buttercremetorten zu verdanken …«
»Darum haben wir ihn auch immer den Vollen Ernst genannt«, sagte Kriminalkommissar Zach. »Aber können Sie sich noch an Albert Dettmann erinnern?«
Baronna brauchte nicht lange nachzudenken. »Selbstverständlich. Der hat 1920 die Brüder Strauß festgenommen – sehr gefährliche Menschen –, indem er sie mit Handgranaten bedrohte. ›Hände hoch – oder ich spreng euch in die Luft!‹«
»Das hat ihm zwar viel Bewunderung eingebracht, aber keine Beförderung«, ergänzte Zach.
Was muss man nicht alles tun, um sich einen Namen zu machen, dachte Gerhard Baronna. Die jüngeren Beamten hatten es nicht nur schwer, gegen den Ruhm der alten Garde anzukommen, sondern auch, sich den Nazis zu entziehen. Einige wechselten über zur Politischen Polizei, andere hatten sich früh der nationalsozialistischen Zelle der Kripo angeschlossen. Die beiden Kriminalkommissare Philipp Greiner und Georg Kanthak zum Beispiel hatten 1932 den jüdischen Polizeivizepräsidenten Dr. Bernhard Weiß an die Nazis verraten.
Lüdtke war nun angekommen beim legendären Polizeimeister Teigeler. »In der Silvesternacht 1932 gab es gleich vier Verbrechen, zu denen er gerufen wurde. In der Ackerstraße schießt ein SA-Mann vom Fahrrad aus wahllos auf Passanten und trifft eine Frau Künstler tödlich, als in deren Nähe jemand die Nationalsozialisten beleidigt. Vom Wedding muss er dann nach Lichtenrade hetzen, wo sie einen kommunistischen Arbeiter erschossen haben. Zurück zum Wedding, wo in der Utrechter Straße ein Hitlerjunge erstochen worden ist. Dann muss er zu einer Landstraße nördlich Berlins, wo ein Unbekannter tot aufgefunden wurde. Zwei der Mörder fasst er innerhalb von vierzehn Tagen, und zwar …«
Lüdtke sah sich durch eine hereinkommende Kriminalassistentin in seinem Redefluss gestoppt. »Was ist denn?«
»Entschuldigung, aber … der Polizeibericht von gestern Nacht … Da ist auch etwas dabei, das …«
»Danke, ja …« Lüdtke murmelte den Text halblaut vor sich hin, aber Baronna, der neben ihm saß, konnte alles mitlesen, was die Schupo-Kollegen eilig getippt hatten:
Auf dem Bahnhof Hirschgarten werden Reisende und Bahnbeamte um 23 Uhr 50 durch zwei schrille Schreie einer Frau alarmiert. Zwei Bahnbeamte laufen sofort in die Richtung, aus der man um Hilfe gerufen hat, und stoßen nur etwa einhundertfünfzig Meter vom Bahnsteig entfernt auf das Opfer. Im Taschenlampenlicht sehen sie etwa drei Meter neben dem äußeren Gleis eine Frau liegen. Man trägt die Bewusstlose, die vor Schmerzen immer wieder aufstöhnt, zum Bahnhof, was sich in der dunklen und schon sehr kalten Novembernacht in dem weglosen Gelände als sehr schwierig erweist. Eine Handtasche findet man nicht, man kann die Frau nicht identifizieren. Als man im Haar Blutspuren bemerkt, nimmt man den Hut der Überfallenen ab und entdeckt eine ganz erhebliche Verletzung des Schädels. Es wird die Überführung ins Krankenhaus Köpenick vorgenommen.
Lüdtke richtete sich auf und sah seinen Gefolgsmann kopfschüttelnd an. »Mensch, Baronna, Sie mit ihrem Paule Malchow! Unser Täter sitzt bei uns in ’ner Zelle und stößt gleichzeitig in Köpenick eine Frau aus ’m Zug.«
Baronna schloss die Augen und stöhnte auf. »Es war zu schön, um wahr zu sein …«
Um von seiner Niederlage abzulenken, erinnerte er die anderen daran, dass Ende September auf derselben S-Bahn-Strecke schon einmal eine Frau aus einem fahrenden Zug gestoßen worden war zwischen Wuhlheide und Karlshorst, da …«
»Richtig!«, fiel im Lüdtke ins Wort und ließ sich sofort die Unterlagen dieses Falles kommen.
Als er ihn durchgegangen war, hegte er sogleich den Verdacht, dass derselbe Täter seinen Raubversuch wiederholt habe. »Dasselbe Muster oder, wie man heute wissenschaftlich sagt: Perseveranz. Beim ersten Mal, beim Überfall auf Fräulein Kargoll, hat er keine Handtasche erbeuten können, diesmal aber.«
Kaum hatte er das ausgesprochen, kam ein Bote ins Besprechungszimmer und übergab ihm eine schwarze Damenhandtasche. »Kommt vom Bahnhof Hirschgarten, Herr Kommissar, und ist beim Abgehen der Strecke am Kilometerstein 12,8 gefunden worden.«
Lüdtke bedankte sich und kippte den Inhalt der Tasche kurzentschlossen auf den Tisch. Die Herren stellten fest, dass alles noch vorhanden war, was man in einem solchen Behältnis wohl vermuten durfte. Lippenstift, Puder, Spiegel, Kamm, Parfüm, eine kleine Taschenuhr, etwas für die kritischen Tage, die Geldbörse mit einem Inhalt von 3 RM und 27 Rpf, ein Schlüsselbund, das Foto eines Soldaten, einen Feldpostbrief und schließlich das Personaldokument.
»Elisabeth Bendorf«, las Baronna. »Kommt aus Köpenick, Wendenschloßstraße 382. Auf dem Bahnhof Friedrichshagen beschäftigt.«
Kaum hatten sie das in sich aufgenommen, kam der Bote erneut ins Zimmer, diesmal mit einem Bleikabel in der Hand.
»Vom Betriebsbahnhof Grunewald. Hat in einem Abteil der 2. Klasse gesteckt, in ’n Polstern drin. Im Zug aus Erkner, wo det passiert is mit die Frau.«
Lüdtke freute sich über die Weit- und Umsicht des Bahnbeamten, der die Suche gleich nach Bekanntwerden des Überfalls angeordnet hatte.
Alle sieben anwesenden Männer betrachteten das Bleikabel, das eine Länge von knapp vierzig Zentimetern hatte. Ohne Zweifel war das ein gefährliches Schlaginstrument, mit dem man ohne weiteres die Schädeldecke eines Menschen zertrümmern konnte.
»Was schließen wir daraus?«, fragte Lüdtke.
»Dass es das Tatwerkzeug ist«, antwortete Baronna, der manchmal etwas vorlaut war.
Lüdtke sah ihn missbilligend an. »Nicht doch: X andere Leute können es dort versteckt haben, und es kann reiner Zufall sein, dass man es kurz nach der Tat in der S-Bahn dort gefunden hat.«
Baronna wollte seinen Fehler wieder gutmachen und wies darauf hin, dass man das erst entscheiden könnte, wenn man wüsste, woher dieses Kabel eigentlich stammte.
Lüdtke nickte. »Was Sie denn gleich anschließend in Angriff nehmen sollten. Die Fabrik ausfindig machen, wo es hergestellt worden ist und wer so was verwendet – Post, Bahn oder wer sonst noch. Vielleicht gehen Sie auch mal zum Kriminaltechnischen Institut. Das sollen ja manchmal wahre Hexenmeister sein. Vorerst sollten Sie aber im Krankenhaus anrufen und fragen, ob wir das Fräulein Bendorf schon sprechen können.«
Baronna ging zum Apparat, musste aber erfahren, dass Elisabeth Bendorf noch nicht vernehmungsfähig sei.
»Schade …« Baronna war ständig bemüht, bei den anwesenden Kommissaren einen guten Eindruck zu schinden, und so dachte er, als ihm auffiel, dass die Überfallene gar keine Fahrkarte bei sich gehabt hatte, vor dem Losreden gar nicht lange nach. »Wie bei der Kargoll im ersten Fall. Das lässt doch nur den Schluss zu, dass der Täter Fahrkartenkontrolleur ist oder sich als ein solcher ausgegeben hat.«
Kriminalkommissar Zach lachte laut los. »Irrtum, sprach der Hahn und stieg von der Ente. Wenn sie bei der Bahn arbeitet, wird sie doch umsonst fahren können.«
Baronna wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken.
»Also, Baronna, keine voreiligen Schlüsse, erst denken, dann reden. Und bleiben Sie in Kontakt mit dem Krankenhaus. So schnell wie möglich mit der Bendorf sprechen. Und das Kabel nicht vergessen!«
Zach grinste.
»Wie? Soll er ihr ’s noch mal übern Kopp hauen?«
Am 6. November 1940, einem Mittwoch, hatten die Zeitungen wenig zu berichten. Reichsminister Dr. Goebbels weilte in Prag, und Mein Kampf hatte die Auflage von 6 500 000 Exemplaren erreicht. Der Berliner Lokal-Anzeiger widmete dem Fall Elisabeth Bendorf eine Spalte von 8 × 11,5 Zentimetern.
Gerhard Baronna hatte das zwar in die Wege geleitet, war nun aber doch ein wenig verwundert, es auch wirklich zu lesen. Irgendwie fiel das doch unter den Begriff der Wehrkraftzersetzung, auch hatte er Angst, als »Volksschädling« gebrandmarkt zu werden. Noch dazu, wo am Tag des Überfalls auf Elisabeth Bendorf eine neue und verschärfte Verdunkelungsverordnung in Kraft getreten war. Danach musste vom Sonnenuntergang (an diesem Tage um 17.23 Uhr) bis Sonnenaufgang (um 8.05 Uhr) überall dort, wo die Lampen nicht gänzlich abgeschaltet werden konnten, das Licht blau eingefärbt werden, namentlich in den Straßenbahnen, Omnibussen, Kraftwagen und Eisenbahnwagen; ebenso durften auch alle Kennzeichen, Zielrichtungs- und Nummernschilder der Stadt-, Vorort- und Hochbahnen nur düsteres Blau zeigen. In ganz Berlin kam er sich vor wie bei sich zu Hause in der Dunkelkammer, wenn er beim Entwickeln seiner Fotos war. Als Kripomann war ihm klar, dass das ein idealer Nährboden für das war, was man im Allgemeinen als lichtscheues Gesindel bezeichnete.
»Was soll das!?«, hatte Arthur Nebe gefragt, als sie ihm ihre Bedenken gegen diese Veröffentlichung vorgetragen hatten.
»Alle unsere Kriminellen befinden sich zur Zeit zur Umerziehung in Sachsenhausen, Buchenwald, Dachau und so weiter.«
Baronna warf einen Blick auf das Bild seines Führers und verließ sein Büro, um auf die Toilette zu gehen. Auf dem Flur hing ein übergroßes Plakat, das einen gierigen Adler zeigte, dessen Kopf in eine Staffel schwarz-weiß-roter Reichskriegsflaggen ragte. Darüber und darunter stand in optimistisch wirkender Schrift: Mit unsern Fahnen ist der Sieg! Daneben hing der Aufruf vom letzten Kriegs-Winter-Hilfswerk. Er überflog ihn.
Durch des Führers entschlossene Haltung ist Deutschland erneut größer geworden! Wieder erhöhte sich damit auch die Zahl der Männer, Frauen und Kinder, die nach jahrzehntelanger Unterdrückung, nach unsagbarer Not, auf unsere Unterstützung angewiesen sind. […] Neue kleine Bücher Der Führer macht Geschichte danken den Spendern. […] Schaffende sammeln – Schaffende geben!
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