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Horst Bosetzky
Unterm Fallbeil
Kappes 18. Fall
Kriminalroman
Jaron Verlag
Horst Bosetzky alias -ky lebt in Berlin und gilt als «Denkmal der deutschen Kriminalliteratur». Mit einer mehrteiligen Familiensaga sowie zeitgeschichtlichen Spannungsromanen avancierte er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Zuletzt erschienen im Jaron Verlag von ihm die biographischen Romane «Kempinski erobert Berlin» (2010) und «Der König vom Feuerland. August Borsigs Aufstieg in Berlin» (2011) sowie die ersten Bände seiner Romanserie «Wie Berlin und Brandenburg wurden, was sie sind: Unglaubliche Geschichten aus dem Mittelalter» (ab 2011). Zu der Krimireihe «Es geschah in Berlin» trug er bereits mehrere Bände bei, zuletzt «Mit Feuereifer» (2011).
Originalausgabe
1. Auflage 2012
© 2012 Jaron Verlag GmbH, Berlin
1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin
ISBN 9783955520175
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
Zitat
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
NACHWORT
Es geschah in Berlin …
Es geschah in Sachsen …
«Billigt ihr […] die radikalsten Maßnahmen gegen einen kleinen Kreis von Drückebergern und Schiebern […]? Seid ihr damit einverstanden, dass, wer sich am Kriege vergeht, den Kopf verliert?»
«Ja!»
Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 in seiner Sportpalastrede – und die Antwort der Anwesenden
EINS
«EINE GEWALTTÄTIGE, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich!», rief Friedrich Riese, Leiter des Amtes V im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), und berauschte sich an den Worten des Führers, die er fehlerfrei wiedergeben konnte. «Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muss erst wieder aus ihren Augen blitzen. »
Diese Ansage galt einer Schar von Kriminalanwärtern, die sich in einem Innenhof des Gefängnisses Plötzensee vor ihm aufgebaut hatte, aber nicht zuletzt auch dem altgedienten Kriminalkommissar Hermann Kappe, den Riese für einen Weichling hielt, der längst eine Lektion verdient hatte. Mehr noch, er hatte das Gefühl, dass Kappe mit dem Widerstand sympathisierte, jedenfalls war er durch nichts zu bewegen gewesen, Mitglied von SA und NSDAP zu werden.
«Wir werden gemeinsam der Vollstreckung eines Todesurteils beiwohnen», verkündete Friedrich Riese. «Hingerichtet wird der Friseur Thomas Bethge, zum Tode verurteilt wegen Wehrkraftzersetzung und Selbstverstümmelung.»
«Richtig!», rief der forsche Kriminalanwärter Männel. «Zum Teufel mit allen Saboteuren und Volksschädlingen!»
«So ist es.» Friedrich Riese nickte, und es war kein Zufall, dass sein Blick dabei in Richtung Hermann Kappe ging. «Mit solchen Leuten wird kurzer Prozess gemacht!»
Hermann Kappe wusste, dass es in der nächsten Stunde auch um seinen Kopf ging. Dieser Friseur war ein Bruder im Geiste, und schrie er auf, wenn Bethge geköpft wurde, oder versuchte er gar, diesen Akt der Barbarei zu verhindern, dann kam er postwendend ins KZ. Dass er ganz oben auf Rieses Abschussliste stand, hatte man ihm schon gesteckt.
«In den ersten Jahren nach der Machtübernahme sind die Verbrecher teilweise noch mit dem Handbeil hingerichtet worden», erläuterte Riese. «Am 14. Oktober 1936 aber hat der Führer entschieden, dass die Todesstrafe in Deutschland künftig überall mit der Guillotine zu vollstrecken ist. Hier in Plötzensee ist eine Arbeitsbaracke als Ort der Hinrichtung bestimmt worden. Das Fallbeil wurde aus der Strafanstalt Bruchsal herbeigeschafft. Im Hinrichtungsraum sehen Sie ferner einen Stahlträger, der auf Weisung des Führers nachträglich eingezogen worden ist und an dem acht Eisenhaken befestigt sind. Hier sind im Dezember 1942 im Vierminutentakt all die ehrlosen Lumpen erhängt worden, die sich des Hoch- und Landesverrats schuldig gemacht haben.»
Kappe schluckte. Für ihn standen die Männer der Roten Kapelle, insbesondere Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack und Hans Coppi, für das gute Deutschland, und sie hatten stellvertretend auch für ihn gehandelt.
«Wir begeben uns nun in den Hinrichtungsraum», ordnete Riese an. «An diesen grenzt der große Zellenbau, das Haus III, in dem die zum Tode Verurteilten untergebracht sind. Ihre letzten Stunden verbringen sie gefesselt in besonderen Zellen im Erdgeschoss.»
Ein kalter Schauer erfasste Kappe, es war schon fast Schüttelfrost. Dieses Warten auf den Tod musste die Hölle sein. Bei Fontane hatte er einmal eine solche Szene gelesen. In dessen frühem Roman Vor dem Sturm war im Oderland ein Aufstand gegen die französischen Besatzer gescheitert, und Lewin von Vitzewitz sah auf der Festung Küstrin seiner Hinrichtung entgegen.
Allmählich stieg die ganze furchtbare Wirklichkeit vor ihm herauf, und er lauschte, ob er nicht schon den Tritt eines ihn abholenden Wachkommandos hören könne. Wusste er doch, dass die Morgendämmerung die Zeit für sol che Szenen sei.
Aber was war die Stunde? Er griff nach der Uhr und ließ sie repetieren. Fünf. Das war noch zu früh; es konnte nicht vor sechs geschehen. Also noch eine Stunde Leben, aber auch noch eine Stunde Tod, und er wünschte sich die Minuten weg, um Gewissheit zu haben. Das Letzte, das Schreckliche konnte nicht so schrecklich sein wie diese Qual.
So musste es diesem Thomas Bethge ergehen, und anders als bei Lewin von Vitzewitz, der in letzter Sekunde von den Seinen gerettet wird, gab es für ihn keinerlei Hoffnung mehr.
Der Scharfrichter zog das Fallbeil nach oben, der Todeskandidat wurde in den Raum geführt.
Hermann Kappe wünschte sich, dass eine Krankenschwester kam und ihm ein Narkosemittel spritzte, damit er erst wieder aufwachte, wenn alles vorüber war. Schnell war ihm klar, dass er dieses Narkosemittel selbst produzieren musste – in seinen Gedanken. Vielleicht schaffte er es, sich selbst in eine hypnotische Trance zu versetzen. Er fixierte die Eisenhaken oben am Balken und begann, von hundert rückwärts zu zählen. Dabei kam er immer wieder durcheinander, denn der Strom seiner Gedanken ließ sich nicht aufhalten: Jeden Tag gibt es Tausende von Toten, da spielt dieser eine auch keine Rolle mehr … Der Mann ist selber schuld an seinem Schicksal … Das ist doch alles nur ein Film, gleich ist das Kino aus …
Überlagert wurde das alles von Bildfetzen, die er nicht unterdrücken konnte. Da spazierte er als Gendarm durch Storkow. Da ruderte er mit Klara und den Kindern auf den Scharmützelsee hinaus. Da jubelte er Max Schmeling zu.
Zwei Schreie rissen ihn in die Wirklichkeit zurück. Den einen hatte Thomas Bethge ausgestoßen, als man seinen Kopf auf der Guillotine fixiert hatte, den anderen der forsche Kriminalanwärter Männel, bevor er kollabierte. Damit hatte Friedrich Riese sein Opfer gefunden, und Hermann Kappe war gerettet.
ZWEI
DER BEZIRK NEUKÖLLN war bislang von Flächenbombardements verschont geblieben. Das galt auch für die Weisestraße, die parallel zur Hermannstraße in Ost-West-Richtung verlief. Allerdings hatte es am 29. Januar 1944 die nahe gelegene Genezarethkirche am Herrfurthplatz getroffen, und Ursula Fröhlich rechnete jeden Tag und jede Nacht mit dem Schlimmsten, zumal der Zentralflughafen keinen Kilometer entfernt lag.
Sie nutzte die Mittagspause, um die Lebensmittelmarken zu ordnen, die sie im Laufe des Vormittags von ihren Kunden in Empfang genommen hatte. Sie lebte von ihrem Kolonialwarenladen in der Weisestraße, den sie gemeinsam mit ihrem Mann geführt hatte, bis der im Spätsommer 1942 im Kaukasus gefallen war. Übernommen hatte sie das Geschäft von ihrem Vater, und so stand auf dem phantasievoll gemalten Schild über Schaufenster und Tür noch immer Bernhard Bethge – Kolonialwaren. Das bedeutete, dass die Kunden neben Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Zucker, Milch, Butter, Margarine, Wurst und Käse auch Waren aus den europäischen Kolonien erwarten durften, also Kaffee, Kakao, Reis, Tee und Gewürze wie Zimt und Nelken. Davon durfte allerdings im Jahre 1944 nur noch geträumt werden. Immerhin brauchte keiner zu verhungern, und sie, die an der Quelle saß, erst recht nicht. Fragte man die Leute, was ihnen auf dem Versorgungssektor am meisten Schwierigkeiten bereitete, hieß es: «Dass wir nicht genug und nichts Richtiges zu essen haben und dauernd nach was anstehen müssen.» Erst dann kamen Kleidung und die anderen Dinge des täglichen Bedarfs. Bei denen, die ausgebombt worden waren, stand die Wohnungsfrage an erster Stelle.
Alles in allem konnte Ursula Fröhlich mir ihrer Rolle als «Milchfrau» ganz zufrieden sein. Eigentlich hätten ihre beiden Brüder hinter dem Ladentisch stehen sollen, aber Thomas und Eberhard hatten sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt.
«Wären sie nur vernünftig gewesen!», seufzte sie, denn beide waren irgendwie auf die schiefe Bahn geraten. Thomas war vor einigen Wochen wegen Wehrkraftzersetzung und Selbstverstümmelung verhaftet worden, und Eberhard hatte sich in Spandau aus der Kaserne entfernt und von seiner Truppe abgesetzt und war seitdem auf der Flucht. Kein Wunder, dass sie jedes Mal erschrak, wenn bei ihr geklingelt wurde, denn alle redeten von Sippenhaft und dass sie damit rechnen müsse, für die Verfehlungen ihrer Brüder zur Verantwortung gezogen zu werden.
Als sie den Korridor durchquerte, um vom Laden in ihre Wohnstube zu gelangen, bemerkte sie den grauweißen Briefumschlag, der gleich hinter der Wohnungstür auf dem roten Sisalteppich lag. Die Briefträgerin hatte sich offenbar nicht die Zeit genommen, zu ihr in den Laden zu kommen, sondern das Schreiben einfach in den Briefschlitz gesteckt. Das tat sie immer, wenn es unangenehme Sendungen waren, Traueranzeigen zum Beispiel. Ursula Fröhlich erschrak. Nein, ein schwarzer Trauerrand war nicht zu sehen, es war etwas Amtliches. Der Reichsminister der Justiz … Sie riss den Umschlag auf, nahm das Schreiben heraus und faltete es auseinander. Es war eine Kostenrechnung. Für zwanzig Hafttage in Plötzensee stellte man ihr 30 Reichsmark in Rechnung, für die Hinrichtung 300 Reichsmark und für das Porto 12 Pfennige.
Als sie begriffen hatte, dass es sich um ihren Bruder Thomas handelte, bekam sie keine Luft mehr, und ihr Blutdruck fiel dramatisch ab. Ihr wurde schwarz vor Augen, dann kippte sie um.
Als sie wieder zu sich kam, kochte sie sich mit den letzten Bohnen, die sie in ihrem Küchenspind finden konnte, eine Tasse Kaffee. Nachdem sie den ersten Schluck getrunken hatte, fiel ihr Blick auf den Herd, und da schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf: Mach Schluss mit allem, dreh den Gashahn auf!
Immer öfter ertappte sich Hermann Kappe bei dem Gedanken, dass der Friseur Thomas Bethge das bessere Los gezogen hatte: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Wer «in den Sack geniest hatte», wie im Volk der Tod unter der Guillotine bezeichnet wurde, der war erlöst von aller Qual, der brauchte nicht mehr Tag für Tag zu leiden und um sein Leben wie das seiner Lieben zu bangen. Kappes Schwermut erreichte am 11. Februar 1944 ihren Höhepunkt, denn das war der Tag, an dem sein 56. Geburtstag gefeiert werden sollte.
«Was gibt es da zu feiern?», hatte er seinen alten Freund Theodor Trampe schon vor Tagen gefragt.
Der hatte gelacht. «Auch eine Trauerfeier ist eine Feier!» Während seine Frau und seine Mutter in der Küche mit den letzten Vorbereitungen zu tun hatten, saß er im Wohnzimmer in seinem Lieblingssessel, genoss die Ruhe vor dem Sturm und blätterte im Völkischen Beobachter, dem «Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands». Er hatte es zum Selbstschutz abonniert. Viel Erbauliches gab es nicht. Der Führer ehrt die tapfere Berliner Bevölkerung: Ritterkreuze für die Reichshaupt stadt. Gauleiter Reichsminister Dr. Goebbels hatte dem Gaustabsamtsleiter Gerhard Schach und dem Berliner Polizeipräsidenten, SA-Gruppenführer Wolf Heinrich Graf von Helldorff, das Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz verliehen. Der eine war 1928 in die NSDAP eingetreten, der andere schon 1925. Kappe seufzte. Was hätte aus ihm werden können, wenn er dem Rat seines Onkels Richard Börnicke gefolgt und auch zu den Nazis gestoßen wäre … Heldenhafter erfolgreicher Widerstand gegen sowjetische Durchbruchsversuche. Kappe musste an Martin denken, seinen Neffen, der stand an der Ostfront, im Raum von Schaschkow.
Goebbels hatte Reichsminister Dr. Seyß-Inquart zum Präsidenten der Deutschen Akademie gemacht und eine große Rede geschwungen: «Die deutsche Sprache ist ein scharf geschliffenes Schwert zur geistigen Verteidigung der Nation.» Kappe dachte an seinen Kollegen Gustav Galgenberg, der so stark berlinerte, dass man es schon als Widerstand gegen Goebbels deuten konnte. Vielleicht mussten sie alle Englisch, Französisch und Russisch sprechen, wenn die Deutschen den Krieg verloren hatten. Postleitzahlen nicht vergessen. Endlich einmal eine Überschrift, die ihm nicht sauer aufstieß. Es klingelte.
Trampe erschien als erster Gast in der Großen Frankfurter Straße und hatte neben einem kleinen Geschenk, Hermann Stresaus historischem Roman Adler über Gallien, auch ein paar Flüsterwitze mitgebracht. «Hitler und sein Chauffeur überfahren eine Sau. Der Fahrer rennt zum Bauern, kommt erst nach Stunden wieder, sturzbetrunken und beschenkt mit Würsten und Schinken.
‹Was hast du ihm gesagt?›, fragt Hitler. Der Fahrer: ‹Heil Hitler, das Schwein ist tot! Da haben sie mich eingeladen.›»
«Pst!», machte Kappe, denn immer öfter kamen Volksgenossen, die gegen die Nationalsozialisten gerichtete Witze erzählten, ins KZ und mussten den kleinen Spaß mit dem Leben bezahlen.
Doch Trampe ließ sich nicht aufhalten. «Ein verwundeter Soldat bittet als Sterbender, die noch einmal zu sehen, für die er sterben müsse. Als man daraufhin das Bild des Führers rechts und das Bild des Reichsmarschalls Hermann Göring links neben ihn stellt, sagt er: ‹Jetzt sterbe ich wie Christus: zwischen zwei Verbrechern.›»
Kappes Lächeln war etwas gequält. «Sei bloß vorsichtig nachher, denn es werden ein paar Verwandte da sein, die dich sofort anzeigen, wenn sie so etwas hören.»
«Warum hast du dir keine anderen ausgesucht?», fragte Trampe, merkte aber sofort, dass er den Freund mit seinen Scherzen kaum aufheitern konnte.
Bertha Kappe kam ins Wohnzimmer, um den Kaffeetisch zu decken. Nach dem Tod ihres Mannes war sie zu ihrem Sohn Hermann nach Berlin gezogen, weil es ihr in Wendisch Rietz zu langweilig geworden war. Mit dem Beginn der Bombenangriffe hatte sie sich jedoch schnell wieder in den Zug Richtung Scharmützelsee gesetzt. Den Geburtstag ihres Sohnes aber hatte sie nicht versäumen wollen. 78 Jahre alt war sie jetzt und hatte vom Land so viel an Wurst, Schinken, Mehl und Butter mitgebracht, dass der Kaffee- und der Abendbrottisch viel reichhaltiger gedeckt waren als sonst üblich und den allgemeinen Mangel fast vergessen ließen.
Der große Wohnzimmertisch war ausgezogen worden, das heißt, man hatte den Mittelteil aus dem Keller geholt und zwischen die beiden halbrunden Hälften gesetzt. Außerdem war der Tisch mit der aus den Angeln gehobenen Schlafzimmertür, die auf einem Tischlerbock ruhte, um einiges verlängert worden, so dass die Erwachsenen, die in die Große Frankfurter Straße kamen, alle Platz fanden. Die Stühle reichten nicht, und die Jüngeren mussten sich mit einem Hocker oder einem umgedrehten Eimer begnügen – was die Sache aber umso gemütlicher machte.
Nacheinander trudelten die anderen Gäste ein. Den Anfang machten seine Tochter Margarete und seine Enkelin Marlies.
Die Dreijährige hatte für den Opa ein schönes Bild gemalt.
«Das ist der Mützelsee, wo du ins Wasser gefallt bist.»
Hermann Kappe bedankte sich und fragte, wo denn ihr Papa sei.
Die Kleine zeigte zum Kronleuchter hinauf. «Der macht, dass der Licht bei dir brennt.»
Hermann Kappe nickte. Sein Schwiegersohn arbeitete als Elektriker bei der Bewag und hatte Schichtdienst.
Die nächsten Gäste kamen im Konvoi: sein Bruder Oskar, der mit Tabakwaren handelte und bislang ganz gut über die Runden gekommen war, mit Frieda, seiner Frau, sowie Sohn und Schwiegertochter. Otto Kappe war ein Kollege bei der Kriminalpolizei, und seine Frau Gertrud arbeitete jetzt in der Fabrik, in der sie Scho-Ka-Kola herstellten, von allen als Fliegerschokolade bezeichnet, da sie Bestandteil der Luftwaffenverpflegung war. Als Geschenk hatte sie ein halbes Dutzend Büchsen davon mitgebracht.
«Damit du immer frisch und munter auf Draht bist, wenn du deine Mörder jagst.»
Das, was ihm auf der Zunge lag, schluckte Hermann Kappe hinunter, denn in der Wohnungstür tauchte in diesem Augenblick sein Onkel Richard Börnicke auf, geführt von seiner Tochter Hertha.
«Heil Hitler!», rief Richard Börnicke. «Wir treten an zum Gratulieren!»
Als Letzte trafen seine Schwester Pauline und sein Neffe Max in der Großen Frankfurter Straße ein.
«Macht mal, der Kaffee wird kalt!»
Bertha Kappes Kuchen und Torten ließen alle an die seligen Vorkriegszeiten denken. Laut sagte das aber keiner, denn es gab einige überzeugte Nazis unter Kappes Gästen.
Der Obernazi war in Kappes Augen sein Onkel Richard Börnicke, der Lebensmittelhändler en gros & en detail, der Haus und Garten in Hoppegarten an einen Wehrmachtsgeneral verpachtet hatte und mit seiner Tochter Hertha in einer Villa in Lichterfelde lebte, um es nicht so weit zu seiner Frau zu haben, die mit einer schweren Lungenerkrankung in einer Privatklinik in Wannsee lag.
«Meinst du denn, Richard, dass wir den Krieg wirklich noch gewinnen?», wollte Bertha Kappe von ihm wissen.
Trotz seiner nun schon 85 Jahre hieb Richard Börnicke mit einer solchen Kraft auf den Tisch, dass bei allen der Kaffee aus der Tasse schwappte. «Ich verbitte mir eine solche Frage! Das ist schon … das ist …» Das richtige Wort wollte ihm nicht einfallen. Deshalb gab er schnell das wieder, was er in Goebbels Sportpalastrede aufgeschnappt hatte: «Der endgültige und totale Sieg der deutschen Waffen ist sicher! Das deutsche Volk ist entschlossen, das Letzte herzugeben für den Sieg, und will aus ganzem Herzen den totalen Krieg. Und die Heimat steht mit starker, unerschütterlicher Moral hinter der Front und gibt ihr alles, was sie zum Siege nötig hat.» Auch die letzten Worte des Reichspropagandaministers kannte er auswendig: «Der Führer hat befohlen, wir werden ihm folgen. Wenn wir je treu und unverbrüchlich an den Sieg geglaubt haben, dann in dieser Stunde der nationalen Besinnung und der inneren Aufrichtung. Wir sehen ihn greifbar nahe vor uns liegen; wir müssen nur zufassen. Wir müssen nur die Entschlusskraft aufbringen, alles seinem Dienst unterzuordnen. Das ist das Gebot der Stunde. Und darum lautet von jetzt ab die Parole: Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los!»
Hermann Kappe musste sich sehr zusammennehmen, um nicht aufzuspringen und seinen Onkel achtkantig rauszuschmeißen. Auch Theodor Trampe litt unsäglich und presste unter dem Tischtuch seine Hände derart stark zusammen, dass die Knochen und Gelenke hörbar knackten. Die meisten Gäste ließen Börnickes Worte reglos über sich ergehen und widmeten sich angestrengt ihrer Torte, zwei junge Männer aber klatschten Beifall: Kappes Neffe Max, der bei der SS war, und sein Sohn Karl-Heinz, sein eigen Fleisch und Blut, der alles daransetzte, zur Waffen-SS zu kommen und für die Sache des Führers zu kämpfen. Das war etwas, worunter Kappe furchtbar zu leiden hatte, aber er sah keine Möglichkeit mehr, seinen Jüngsten von seinem Vorhaben abzubringen.
Hertha Börnicke, die Gedichte schrieb und mehrere Romane veröffentlicht hatte, war das Auftreten ihres Vaters mehr als peinlich, und um die Situation etwas zu entschärfen, fragte sie in die Runde, von wem denn der Satz «Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los!» eigentlich sei.
«Das hat mit den Napoleonischen Kriegen zu tun», antwortete Hermann Kappe, der ein Faible für alles Preußische hatte.
«Richtig!», rief Hertha Börnicke. «Theodor Körner, 1813. Aus dem patriotischen Gedicht Männer und Buben.»
«Kriege ich nun eine Eins?», fragte Hermann Kappe.
«Nein, da hättest du auch den Dichter nennen müssen. Aber eine glatte Zwei ist es.»
Man klatschte Beifall, und gerade wollte sich die Stimmung etwas aufhellen, da begann Klara Kappe zu weinen. «Ihr lacht hier, und mein Hartmut, der …»
Hermann Kappe nahm seine Frau in den Arm. Sie wussten, dass ihr Ältester in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten war, und hatten seit einem Vierteljahr nichts mehr von ihm gehört. Die Frage war, ob er in einem sibirischen Lager dahinvegetierte oder längst in fremder Erde ruhte.
«Auch an unseren Martin sollten wir denken», mahnte Bertha Kappe. Er war der Sohn von Hermann Kappes jüngstem Bruder Albert, der den Fischereibetrieb in Wendisch Rietz übernommen hatte und nun bei den Fallschirmjägern diente. «Die letzte Nachricht von ihm habe ich aus Italien erhalten, vor der Schlacht um den Monte Cassino.»
Bilder des Grauens stiegen in allen auf, die im Kino gewesen waren und die Bilder in der Wochenschau gesehen hatten.
Hermann Kappes Schwägerin Frieda hatte sich ins Religiöse geflüchtet und zitierte aus dem 11. Psalm: « Der Herr prüft den Ge rechten; seine Seele hasst den Gottlosen und die gerne freveln. Er wird regnen lassen über die Gottlosen Blitze, Feuer und Schwefel …»
Oskar Kappe, ihr Mann, fürchtete, dass das von den Nazis am Tisch falsch ausgelegt werden könnte, und versicherte allen, dass sie damit die Luftangriffe auf England meinte.
In diesem Augenblick wurde Sturm geklingelt. Hermann Kappe fuhr zusammen, denn seit langem fürchtete er, die Gestapo würde kommen und seinen Freund Theodor Trampe mitnehmen. Doch zum Glück war es nur Gustav Galgenberg, sein Kollege über Jahrzehnte hinweg, der jedoch mit dem 31. Dezember 1943 in den Ruhestand abgewandert war.
Galgenberg gratulierte Hermann Kappe herzlich. «Freu dir, dette uff de Welt bist und nich runtafällst, det heißt, imma noch am Leben bist. Wann ham wa uns kennjelernt? Noch zu Kaisers Zeiten: 1910. Ach ja, damals ging’s uns gut, heute geht’s uns besser, es wäre aber besser, wenn es uns wieder gut gehen würde.»
«Alles aufstellen zum Photographieren!», rief Otto Kappe, der Galgenberg die Interpretation dieses Spruchs ersparen wollte. Er hatte sich bei den Kriminaltechnikern am Alexanderplatz eine Kamera und genügend Magnesiumpulver fürs Blitzlicht beschafft.
«Kein Blitzlicht!», schrie Margarete Kappe. «Da denkt Marlies immer, eine Bombe schlägt bei uns ein.»
«Freude, schöner Götterfunke …», murmelte Gustav Galgenberg.
DREI
MIT FORTGANG DES KRIEGES geriet die Berliner Kriminalpolizei in eine tiefe Krise, da es einerseits immer weniger Beamte gab, andererseits aber immer mehr Aufgaben zu bewältigen waren. So nahmen seit Beginn des Luftkriegs die Eigentumsdelikte spürbar zu, vor allem aber wurden Kriminalbeamte zur Gestapo und in die besetzten Länder abkommandiert, um dort in den Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und der Geheimen Feldpolizei der Wehrmacht Deserteure zu verfolgen, Partisanen zu jagen und beim Ausrauben, der Deportation und der Ermordung jüdischer Menschen mitzuhelfen.
Hermann Kappe konnte sich glücklich schätzen, für diese Einsätze zu alt zu sein. Außerdem war er wegen seiner Erfahrung an der Heimatfront unentbehrlich. Jeder Mord, der nicht aufgeklärt werden konnte, schädigte das Ansehen des NS-Staates – und es gab aufgrund der Verhältnisse, die immer chaotischer wurden, eine solch hohe Zahl unaufgeklärter Morde, dass Goebbels und Himmler, so jedenfalls Kappes Vermutung, auf die Idee gekommen waren, dem leicht debilen Bruno Lüdke, der in Köpenick Wäsche ausgefahren hatte, über achtzig Morde anzuhängen. Kappes krankhaft ehrgeiziger Kollege Heinz Franz hatte das Ganze ausgebrütet. Als aber die Nazi-Oberen gemerkt hatten, dass Lüdke unmöglich der Täter sein konnte und sie Franz auf den Leim gegangen waren, hatten sie beide nach Wien abgeschoben.
Für Kappe war die Welt ein einziges Irrenhaus, und gab es wirklich einen Gott, so musste der ein Sadist oder aber ein Geisteskranker sein. Bei dem Gedanken erschrak er, denn so viel Religionsunterricht hatte er in Wendisch Rietz gehabt, dass er nun die Rache des Herrn befürchten musste. Du schiltst die Heiden und bringst die Gottlosen um; ihren Namen vertilgst du immer und ewiglich. Schon die nächsten Bomben konnten die Häuser der Großen Frankfurter Straße in Schutt und Asche legen …
Weil die Straßenbahn nach Luftangriffen öfter ausfiel und Kappe Bewegung guttat, hatte er sich angewöhnt, zu Fuß zum Polizeipräsidium zu laufen. Es waren genau 1,3 Kilometer, wie er anhand des Stadtplans errechnet hatte. Außerdem sparte er dadurch jeden Tag ein paar Pfennige, was ihm ein dickes Lob seiner Gattin eingetragen hatte. Für die Große Frankfurter Straße war mit dem Bau der U-Bahn-Linie E nach Friedrichsfelde eine Schneise durch die Häuserfronten geschlagen worden, und sie lief jetzt direkt auf den Alexanderplatz zu, so dass er ein paar hundert Meter Fußweg sparte. Bei seiner morgendlichen Wanderung konnte er genau verfolgen, wie es den alliierten Bomberverbänden von Tag zu Tag und Nacht zu Nacht mehr gelang, Berlin in eine Trümmerwüste zu verwandeln. «Wie soll das bloß mal enden?», hatte seine Mutter gefragt, bevor sie sich selbst nach Wendisch Rietz evakuiert hatte. Ja, wie? Die Fronten rückten immer näher an die Reichsgrenzen heran, und vielleicht hatten die Alliierten in einem Jahr schon ganz Deutschland erobert und Soldaten der Roten Armee das Polizeipräsidium besetzt. Oder hatte Hitler doch noch eine Wunderwaffe in der Hinterhand? Sofort hatte Kappe Zarah Leanders Stimme im Ohr: Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n, und dann werden tausend Märchen wahr. Aber die Vorstellung, dass die Nazis den Krieg gewannen und ganz Europa unterjochten, war auch nicht gerade berauschend.
Es war noch niemand im Büro, und so widmete sich Kappe erst einmal der Zeitungslektüre. Die Überschriften auf der Titelseite waren schnell überflogen: Churchills Schock über die deutschen Luftangriffe – Bauern sichern das Werk der Soldaten – Die Schlacht um das Becken von Cassino – Heftige Durchbruchsversuche der Sowjets bei Witebsk erneut vereitelt.
Er blätterte weiter zum Berliner Beobachter und zum Sportbeobachter und las: Wie Kinder zur Sauberkeit erzogen werden. Das schnitt er aus, um es seiner Tochter zu schenken. Wem die Bomben das Dach abgedeckt hatten, der sollte den Schnee vom Dachboden fegen, damit der, schmolz er, die darunterliegenden Räume nicht unter Wasser setzte. Im Reichsprogramm gab es von 19.15 Uhr bis 19.30 Uhr Frontberichte. Da war einzuschalten. Im Deutschlandsender wiederholten sie um 21 Uhr ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler. Da würde Klara wieder vor dem Radioapparat sitzen und verzückt zuhören, weil sie sich damit den höheren Ständen zurechnen konnte. Ihn hingegen nervte das Gefiedel. Beim Trabrennen in Mariendorf hatte Orankepage gewonnen, was Kappe aber ebenso wenig interessierte wie der 7:1-Sieg, den Berlin im Städtespiel gegen Posen errungen hatte. Seine Blicke blieben nur an den Zeichnungen hängen. Kohlenklau lobte Bruder Leichtfuß, weil der das, was er auf seiner Kohlenkarte an Brennmaterial bekam, nicht richtig einteilte und am Monatsende seine Möbel verheizte. Eine andere Zeichnung zeigte zwei Frauen, die beim Briefeschreiben saßen, die eine fröhlich und mit toller Frisur, die andere griesgrämig und mit wüster Dauerwelle. Dazu hatte jemand gedichtet:
Schreibt Liese einen Feldpostbrief,
dann ist der Inhalt positiv,
voll Liebe und Vertrauen.
Ein Brief aus Mieses Horizont
kann dem Soldaten an der Front
die Stimmung nur versauen!
Mit zehn Minuten Verspätung erschien Gerhard Piossek am Arbeitsplatz und begrüßte Kappe ordnungsgemäß mit einem schallenden «Heil Hitler!».
«Heil …», murmelte Kappe. Der Kollege war zwar Mitglied der NSDAP, aber kein fanatischer Nazi, sondern nur ein Mitläufer.
Von September 1941 bis Januar 1943 war er zum Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) Belgien-Nordfrankreich nach Brüssel abkommandiert worden und hatte dort im Bett einer Wallonin eine gewisse ideologische Läuterung erfahren.
Piossek hängte seinen Mantel an den Haken und riss dann das Blatt für Sonntag, den 13. Februar, vom Kalender. Auf der Rückseite stand der Spruch des Tages. Piossek las ihn ab: « Aequo animo poenam, qui meruere, ferant. Und auf Deutsch? Ah, hier: Wer die Strafe verdient, nehme sie mit Gleichmut hin. Ovid.» Er zerknüllte das Blatt und warf es in den Papierkorb, ohne einen Kommentar abzugeben.
Auch Kappe dachte sich seinen Teil. Die Deutschen hatten ihren Hitler gewollt, und nun hatten sie ihre Strafe mit Gleichmut hinzunehmen, auch wenn diese Strafe fürchterlich war.
Es klopfte, und nach Kappes gleichgültigem «Ja bitte, herein» stand Gustav Galgenberg vor ihnen. «Heil Hitler! Ich soll mich hier melden.»
Kappe tat so, als hätte er ihn nie gesehen, und musterte ihn wie einen armen Irren. «Ah, Sie sind der, der Julius Caesar ermordet hat?»
Galgenberg schüttelte den Kopf. «Nee, im Ernst, ick bin reaktiviert worden. Wieda mal.»
Er war einer von zweitausend rüstigen Pensionären, die man im Altreich in ihre Dienststellen zurückholte, um dem akuten Personalmangel abzuhelfen, erreichte man doch in manchen Bereichen der Kripo nur noch sechzig Prozent der Sollstärke.
«Wunderbar», rief Kappe, «jetzt kann ich, wenn wir zum Tatort eilen, auch noch deinen Rollstuhl schieben!»
«Lieber ’ne Laus im Kohl als jar keen Fleisch», sagte Galgenberg.
«Und wo willst du sitzen?», fragte Kappe.
«Na, auf meinem Allerwertesten, wo sonst?»
«Aber nicht bei mir auf ’m Schoß», sagte Piossek, der nach Galgenbergs Verabschiedung dessen Platz eingenommen hatte.
Galgenberg kratzte sich den kahl gewordenen Kopf. «Dann muss ich wohl losziehen und mir einen Schreibtisch organisieren.» Es verging eine halbe Stunde, bis er zurück war. Im Keller hatte er ein schon seit Ewigkeiten ausrangiertes Exemplar gefunden. Es war ein fast schwarz gebeiztes, selten hässliches Stück aus Kaiser Wilhelms Zeiten, das er mit Hilfe eines einarmigen Hausmeisters und eines kriegsblinden Boten ins Zimmer bugsierte und quer zu den Schreibtischen der beiden Kollegen aufstellen ließ.
«Reißen Sie sich bloß keinen Splitter ein!», warnte ihn Piossek.
«Das Ding taugt doch höchstens noch als Brennholz.»
Galgenberg lachte. «Det wird et ja ooch werden, wenn wa ’n Volltreffa abkriegen. Det wundert mir sowieso, det der Kasten von Polizeipräsidium noch steht.» Er sah Kappe an. «Wat habta denn nun für mich zu tun?»
«Nichts Aktuelles. Nimm dir die Akten mit den toten Fischen vor, vielleicht hast du da ’ne Idee, die uns weiterbringt.»
«Igitt, tote Fische!» Galgenberg tat so, als wüsste er nicht, dass damit ungelöste Fälle gemeint waren. «Dann lass uns lieba Skat spielen.»
Piossek wies – halb im Ernst, halb im Scherz – darauf hin, dass Skatspielen im Dienst nach der Volksschädlingsverordnung vom 5. September 1939 möglicherweise mit dem Tode bestraft werde.
Galgenberg, der Piossek nicht so recht einschätzen konnte, begann darauf, eine Strophe des Liedes Von Finnland bis zum Schwarzen Meer zu singen, die er von einem seiner Söhne gelernt hatte:
Den Marsch von Horst Wessel begonnen
Im braunen Gewand der SA
Vollenden die grauen Kolonnen:
Die große Stunde ist da!
Von Finnland bis zum Schwarzen Meer:
Vorwärts, Vorwärts!
Vorwärts nach Osten, du stürmend Heer!
Freiheit das Ziel,
Sieg das Panier!
Führer, befiehl!
Wir folgen dir!
Kappe verdrehte die Augen. Wer mit Gustav Galgenberg in einem Büro saß, der brauchte nicht mehr ins Kabarett zu gehen. Jedenfalls machte das Wiedererscheinen des alten Haudegens das Leben etwas erträglicher, und der Tag verging schneller als sonst.
Sie bereiteten sich schon auf ihren Feierabend vor, als ihr Chef plötzlich in der Tür stand. Sie dachten alle, Dr. Morack wäre gekommen, um den neuen alten Kollegen zu begrüßen, doch er hatte einen Auftrag für sie. «Geisenheimer Straße 45. Ein Mieter hat in einem Kellerverschlag die Leiche einer Frau entdeckt. Sie ist offensichtlich erschlagen worden.»
Sie liefen auf den Hof hinunter, wo das Mordauto auf sie wartete. Es existierte immer noch, was Kappe irgendwie verwunderlich fand. Die guten alten Gennat-Zeiten waren doch lange vorbei. Auch war es noch nicht auf Holzgas umgestellt. Es gab allerdings keinen Fahrer mehr. Diese Rolle hatte Bernhard Klingbeil übernommen, der Nachfolger von Dr. Kniehase. Er kam aus Wowerischken im Memelland, hatte in Königsberg Chemie studiert und im Kriminaltechnischen Institut der Sipo gearbeitet. Nazi war er eigentlich nicht, aber begeistert davon, dass Hitler 1939 das Memelland «befreit» hatte.
«Wo liegt denn diese Geisenheimer Straße?», fragte er, als alle Platz genommen hatten, Galgenberg neben ihm und die beiden Jüngeren im Fond.
«Mit hoher Wahrscheinlichkeit in Groß-Berlin», antwortete Galgenberg.
«Danke, das hilft mir schon weiter. Dann muss ich nicht Kurs auf Hamburg oder Leipzig nehmen.»
«Gibt es hier keinen Stadtplan im Wagen?», fragte Kappe.
«Nein, den muss jemand geklaut haben.»
«Einer von uns müsste ins Büro zurück und auf dem Stadtplan nachsehen», stellte Piossek fest.
«Ja, aber wer?», fragte Klingbeil.
Kappe lachte und sah Galgenberg an. «Für solche Sachen sind immer die Neuen zuständig.»
«Bei mir Gummibusen», entgegnete Galgenberg, «da prallste ab.»
«Wenn wir so weitermachen, ist die Leiche verwest, bis wir in der Geisenheimer Straße angekommen sind», stellte Klingbeil fest.
Kappe fand, dass die Situation langsam zur Farce wurde. Aber war es nicht auch schon eine Farce, dass sie hier einen Mord aufklären sollten, wo doch tagtäglich Tausende von Menschen umgebracht wurden – und die Mörder für ihre Taten noch befördert wurden? Um ihrer Diskussion ein Ende zu bereiten, sprang er schließlich aus dem Mordauto und lief nach oben. Seiner Meinung nach musste Geisenheim irgendwo am Rhein liegen, und zwar da, wo Wein angebaut wurde. Also begann er, im Wilmersdorfer Rheingauviertel zu suchen. Und richtig, die Geisenheimer Straße begann am Rüdesheimer Platz und reichte bis zur Kreuzung der Laubacher mit der Kreuznacher Straße hinunter. Sie konnten sich also auf den Weg machen.
Es dauerte eine Weile, bis sie von der Kaiserallee in den Südwestkorso abbiegen konnten und über die Wiesbadener Straße zum Rüdesheimer Platz gelangten.
«Eine noble Gegend hier», meinte Kappe. «Das wäre was für Klara.» Und er hätte fast hinzugefügt: nach dem Krieg. Dieses «nach dem Krieg» beherrschte sein Denken immer stärker, und manchmal spottete er über sich selbst: Als ob es ein Leben nach dem Tode geben würde! Blieben Glaube und Hoffnung …
Die Straßen südlich des Rüdesheimer Platzes waren durch kompakte Neubaublöcke geprägt. Es gab keine einzelnen, individuell gestalteten Häuser, sondern durchgehende Zeilen mit fünfgeschossigen Putzbauten, deren Fassaden durch Loggien und Erkervorbauten gegliedert waren. Zudem hatte man die Sockel, teilweise auch die Erdgeschossflächen, die Treppenhäuser und die Brüstungen der Loggien mit braunroten Klinkern verblendet. Kappe wusste nicht genau, ob er das schön oder langweilig finden sollte.
Sie hielten vor der Hausnummer 45, wo zwei ältere Schutzpolizisten bereits ungeduldig auf sie warteten. Kappe sprang als Erster aus dem Mordauto und begrüßte die beiden. Der bloße Tatbestand war schnell ermittelt: Eine Mieterin hatte in ihrem Kellerverschlag ein Blutrinnsal entdeckt und war daraufhin schreiend zur Hauswartsfrau gelaufen. Die hatte festgestellt, dass das Blut aus dem Keller der 36-jährigen Irmgard Klodzinski kam. Die beiden Frauen hatten angenommen, dass die Fahrkartenverkäuferin Selbstmord begangen hatte. Seltsamerweise war jedoch die Tür zu Klodzinskis Kellerverschlag mit einem völlig intakten Vorhängeschloss gesichert. Die Mieterin war sodann zur Polizei gelaufen, die den Kellerverschlag aufbrechen ließ und feststellte, dass die Klodzinski erschlagen worden war. Die riesige Platzwunde am Hinterkopf sagte alles.
Kappes Schlussfolgerung war klar und eindeutig. «Es muss sie also jemand erschlagen haben, als sie im Begriff war, etwas aus ihrem Keller zu holen, und sie dann dort eingeschlossen haben.»
Ein Raubmord schien ausgeschlossen, denn in der Wohnung der Klodzinski schien nichts durchwühlt oder gestohlen worden zu sein.
«Dann fangen wir mal an, die Leute zu befragen», sagte Kappe. Doch daraus wurde nichts, denn als sie mit der Hauswartsfrau beginnen wollten, gab es Fliegeralarm, und sie mussten in einen Luftschutzbunker eilen.
Im Frühsommer 1943 hatten die schweren Bombenangriffe auf Berlin begonnen, und mit Beginn des Jahres 1944 ging es Schlag auf Schlag. Am 20. Januar hatten mehrere hundert Bomber Berlin angegriffen, am 31. Januar hatten die Luftangriffe Spandau und dem Flughafen Staaken gegolten, und in der Nacht vom 15. auf den 16. Februar sollte es den bisher größten Angriff der Royal Air Force geben, bei dem über achthundert Bomber 2643 Tonnen Spreng- und Brandbomben abwarfen.
Hermann Kappe war im Polizeipräsidium zum Luftschutzdienst abkommandiert worden und hatte mindestens einmal im Monat Luftschutznachtwache zu schieben. In diesen Zeiten war er von seiner Frau getrennt, was seine Ängste nur noch schürte. Es gab zwar direkt vor der Haustür den Tiefbunker unter dem Alexanderplatz, aber er hatte im Dienstgebäude zu bleiben, um einen etwaigen Brand sofort löschen zu können. Er hatte sich, um den braunen Eiferern keine weitere Angriffsfläche zu bieten, auch freiwillig gemeldet, als es darum gegangen war, den Luftschutzwart für das Mietshaus in der Großen Frankfurter Straße zu bestimmen. Dazu hatte er verschiedene Schulungsabende besuchen müssen und einiges gelernt.
«Wir unterscheiden im Wesentlichen erstens Sprengbomben, die durch Erdstoß, Luftdruck, Luftsog und Splitterwirkung die umliegenden Häuser beschädigen, zweitens Brandbomben, drittens Splitterbomben und viertens Bomben mit chemischen Kampfstoffen. Und darum gilt … Alle!»
«Die Volksgasmaske muss stets griffbereit sein!»
«Richtig! Der Luftschutzraum im Keller bietet Schutz gegen Luftdruckwirkung, Bombensplitter und Mauertrümmer. Darum … Alle!»
«Bei Luftalarm immer Ruhe und Überlegung bewahren!»
Die erste Initiative der Luftschutzwarte habe der Entrümpelung des Dachbodens zu dienen. «Alles Brennbare ist zu entfernen!»
«Wie denn?», hatte Kappe gemurmelt. «Dann muss ich ja auch die Dachbalken zersägen und abtransportieren … Aber wer hält dann bis zum Endsieg die Ziegel?»
Nach erfolgter Schulung hatte er eine Armbinde bekommen: hellblau mit weißem Randstreifen und einem weißen Kreis. Mit seinen Laienhelferinnen hatte er als Erstes den Hausboden mit Feuerlöscheimern, Wasserbehältern, Feuerpatschen, Sand und Eimereinstellspritzen ausgestattet.
Als in dieser Nacht erneut die Sirenen heulten und Voralarm gegeben wurde, ging es bei ihm besonders hektisch zu, denn Margarete und Marlies schliefen bei ihnen.
«Schnell in den Keller runter!» Karl-Heinz konnte ihnen nicht zur Hand gehen, denn er war Flakhelfer und musste sich beeilen, um rechtzeitig in seiner Stellung zu sein. Er wollte schon die Treppen hinunterspringen, da schrie er auf: «Seid ihr wahnsinnig geworden? Welcher Idiot hat denn im Wohnzimmer den Vorhang nicht zugezogen? Und du, Vater, willst Luftschutzwart sein? Anzeigen müsste man dich!»
«Und dann kurzer Prozess», murmelte Kappe. Aber sein Sohn hatte ja recht. Jeder Verstoß gegen die Verdunkelungsverordnung vom 23. Mai 1939 wurde hart geahndet, unterstellte man doch jedem, der einen Lichtstrahl nach außen dringen ließ, den alliierten Bomberpiloten damit zeigen zu wollen, wohin sie zu zielen hatten.
Kappe kleidete sich in aller Eile an und holte das Luftschutzgepäck aus der Abstellkammer. Dazu gehörten die wichtigsten Papiere und vor allem die Lebensmittelkarten. Als seine Enkeltochter angezogen war, heftete er ihr Leuchtplaketten an den Mantel. Alle trugen sie. Ihr schwacher Schein sorgte im Dunkel dafür, dass man mit niemandem zusammenstieß. Während seine Familie nun in den Luftschutzkeller eilte, öffnete er in der ganzen Wohnung die Fenster und fixierte sie mit den Haken, die sich unten an den Wasserschenkeln befanden, damit sie bei einem Bombeneinschlag nicht aus dem Rahmen flogen. Dann sprang er ins Treppenhaus und bummerte gegen die Türen der Mieter, die partout nicht in den Luftschutzkeller wollten.
«Frau Böse, wenn wir einen Volltreffer abkriegen, ist es aus mit Ihnen!»
«Das ist doch das Beste, was einem passieren kann.»
Kappe konnte sie nicht zwingen. Er rannte zum Dachboden hinauf, um zu sehen, ob dort alles in Ordnung war. Er öffnete eine Luke und steckte den Kopf hinaus. So prachtvoll hatte er den Sternenhimmel über Berlin noch nie gesehen. Doch es war ein Himmel ohne Gefühl und ohne Gnade. Eiskalt nahm er alles hin, was gleich geschehen sollte: das hundertfache Sterben. Wieder heulten die Sirenen, diesmal Vollalarm. Im Westen tauchten die ersten englischen Bomber auf und setzten ihre «Tannenbäume», damit die nachfolgenden Kameraden in ihrem Licht die Gebäude ausmachen konnten, auf die sie ihre Bomben werfen sollten. Die Lichtfinger der deutschen Scheinwerfer suchten die Flugzeuge zu erfassen, die Flak begann zu feuern. Kappe machte, dass er in den Keller kam. Dessen Decke hatte man mit Betonbalken und -pfeilern verstärkt, außerdem konnte man, sollte es einen Volltreffer geben, durch Mauerdurchbrüche in die Keller der beiden Nachbarhäuser gelangen.
Die Mieter saßen auf alten Wohnzimmerstühlen, Korbsesseln und einem Sofa, durch dessen roten Samtbezug die Sprungfedern schauten. Die einen dösten vor sich hin, die anderen hielten einen kleinen Plausch, als hätten sie sich in Friedenszeiten mitten auf dem Alex getroffen, die dritte Gruppe starrte gegen die weiß gekalkte Wand und suchte, alles um sich herum zu vergessen. Die dürre Lehrerin aus dem dritten Stock betete, die Hauswartsfrau erzählte Schauergeschichten.
«Bei meiner Schwägerin im Haus ist eine Frau bei lebendigem Leibe verbrannt, die war nachher so klein, dass man sie in einem Margarinekarton beisetzen konnte. Aber wenn hier eine schwere Luftmine einschlägt, dann reißt es uns die Lunge entzwei, und das ist dann ein leichter Tod.»
«Halt’s Maul, alte Kuh», brummte Kappe.
Der pensionierte Finanzbeamte aus dem zweiten Stock, der schon etwas wirr im Kopf war, flüsterte Kappe ins Ohr, dass er ihn bedauern würde.
«Warum denn das?»
«Na, wie wollen Sie denn heutzutage einen Mörder festnehmen? Die tragen doch alle Uniformen und werden für ihre Untaten noch mit einem Orden ausgezeichnet.»
Kappe verzog das Gesicht und flüsterte: «Eine solche Bemerkung kann Sie ins KZ bringen.»
«Wieso denn, ich meine doch die Tommies und die Amis oben in ihren Fliegenden Festungen, die uns die Bomben auf den Kopf werfen.»
Dann wurde es ernst, man hörte das Dröhnen der Flugzeugmotoren und registrierte den ersten Einschlag. Die Erwachsenen richteten sich auf und warteten mit angespanntem Körper auf das Unvermeidliche. Die Kinder weinten. Margarete presste ihre Tochter an sich.
Kappe sah zur Decke hinauf. Noch rieselte kein Kalk herab, noch vibrierte die Grundplatte ihres Hauses nicht. Jede Sekunde aber konnte …
Kappe versuchte, sich dadurch abzulenken, dass er an den Mordfall Irmgard Klodzinski dachte. Aber das fiel ihm schwer, weil sie bisher nur wussten, dass sie nichts wussten.
Da kam der Einschlag, die Explosion. Alles bebte und wankte, die Lampe an der Decke flackerte erst, dann erlosch sie ganz.
«Es ist aus mit uns!», schrie die Hauswartsfrau.
Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
An der Ostfront wiesen unsere tapferen Truppen auch gestern starke
Angriffe der Sowjets in schweren Kämpfen ab.
Im hohen Norden setzten schnelle deutsche Kampfstaffeln ihre Angriffe gegen den Transportverkehr auf der Murmanbahn fort und beschädigten drei Züge schwer.
In Italien kam es auch gestern im Landekopf von Nettuno außer beider seitiger Späh und Stoßtrupptätigkeit zu keinen wesentlichen Kampfhand lungen.
Bei Cassino griff der Feind infolge seiner hohen Verluste aus den Vortagen gestern nicht weiter an.
Deutsche Schnellboote führten in der vergangenen Nacht ein Unterneh men unter der englischen Küste trotz feindlicher Zerstörerangriffe plan mäßig und ohne Verluste durch.
Kappe schaltete die Goebbelsschnauze, den Volksempfänger, den Piossek mit ins Büro gebracht hatte, wieder aus. Was das Oberkommando der Wehrmacht nicht bekanntgab, war sein Überleben beim gestrigen Luftangriff. Drei Häuser weiter war die Sprengbombe eingeschlagen, und es hatte sechs Tote gegeben.
Es war, wie es war, und Kappe hielt sich an das, was einen guten deutschen Beamten ausmachte: Er sah sein Glück in der Pflichterfüllung. Also vergaß er die, die im Dienste töteten, und konzentrierte sich auf den einen privaten Mörder, der die Fahrkartenverkäuferin Irmgard Klodzinski erschlagen hatte. Mal zog er mit Gerhard Piossek, mal mit Gustav Galgenberg durch die Reichshauptstadt, um mehr über diese Frau zu erfahren. Anzufangen war im Hause Geisenheimer Straße 45, und da wollten sie zuerst mit der Hauswartsfrau reden.
«Wie heißt die noch mal?», fragte Kappe, dessen Namensgedächtnis nicht das Beste war.
«Lammkoth …», antwortete Galgenberg, «… äh … Kammloth!» Hildegard Kammloth war ebenso herb wie übergewichtig und genau der Typ von Frau, vor dem Kappe Angst hatte. So klang seine Stimme fast piepsig, als er sie nach Auffälligkeiten im Leben der Ermordeten fragte.
Die Kammloth zuckte mit den Schultern. «Viel weiß ich nicht über sie.»
Kappe lächelte. «Hauswartsfrauen wissen doch immer alles.»
«Nur, dass sie geschieden ist. Ihr Mann ist aber immer wieder mal hier aufgekreuzt und hat ihr was zu Essen gebracht. Der is Kellner irgendwo. Manchmal war auch ihre Schwester da, die Margot.»
«Und wat is mit den Männern?», wollte Galgenberg wissen.
«Die war’n immer hinter ihr her.»
«Und wer genau?», hakte Kappe nach.
«Alle, die noch …» Sie brach ab und deutete an, dass sie nun rot werden müsse. «Die meisten Männer hier aus’m Haus stehen ja im Felde.»
«Und wer nicht?», wollte Galgenberg wissen.
Die Kammloth druckste eine Weile herum, dann ließ sie sich aber doch zwei Namen entlocken: Walter Arndt und Erwin Reschke. «Die wollten immer mit ihr ins Bett, sie aber nicht mit ihnen.»
Galgenberg nickte. «Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.»
«Sie sagen es, Herr Kommissar.»
Walter Arndt war der Blockleiter und Kappe höchst zuwider. Ein Blockleiter hatte um die fünfzig Haushalte zu überwachen, und seine Aufgaben waren von der NSDAP klar umrissen: Der Hoheitsträger muss sich um alles kümmern. Er muss alles erfahren. Er muss sich überall einschalten. Er hatte unter anderem Judenfreunde zu melden, Unmutsäußerungen über das Regime zu notieren und darauf zu achten, dass die Mieter bei offiziellen Anlässen eine Hakenkreuzfahne aus dem Fenster hängten und keine Feindsender abhörten. Bei Kappe war der Blockleiter in die Wohnung gekommen und hatte einen Zettel an seinen Rundfunkempfänger geklebt: Das Abhören ausländischer Sender ist ein Verbrechen gegen die nationale Sicherheit unseres Volkes. Es wird auf Befehl des Führers mit schweren Zuchthausstrafen geahndet. Denke daran!
Dieser Walter Arndt sah vergleichsweise harmlos aus, und wahrscheinlich sagten seine Enkelkinder von ihm, dass er der liebste Opa auf der Welt sei.
«Was wissen Sie denn vom Umgang der Klodzinski?», lautete Kappes erste Frage an ihn.
Der Blockleiter musste nicht lange nachdenken. «Sie war langjähriges Mitglied der NSDAP, hat fleißig fürs Winterhilfswerk gesammelt, Lebensmittelkarten verteilt und bei uns im Haus streng darauf geachtet, dass der Eintopfsonntag eingehalten wird.»
«Dafür werden sie nicht alle jeliebt ham», merkte Galgenberg an. «Aber das ist doch noch keen Grund, jemanden zu erschlagen.»
Kappe ging dazwischen, um Galgenberg zu bremsen. «Hatte sie denn hier im Haus Verehrer, die aber bei ihr nicht zum Zuge gekommen sind?»
«Nur den Reschke», kam die Antwort, für Kappe ein wenig zu schnell.
Der Rentner Erwin Reschke, von Hause aus Buchhalter und wohl knapp über siebzig Jahre alt, schien in der Tat ein Lüstling zu sein, denn in seinem Bücherschrank entdeckte Kappe einiges an erotischer Literatur aus der Weimarer Zeit, darunter Bände mit Aktfotos.
«Sie leben allein?», begann Kappe das übliche Frage- und Antwortspiel.
«Ja, meine Frau ist vor drei Jahren gestorben.»
Galgenberg fixierte ihn. «Aber ein Mann nimmt seine Potenz mit ins Grab, das wissen wir alle. Die Frage ist nur, was macht er vorher damit …»
Reschke grinste. «Ich habe eine Haushaltshilfe …»
Kappe bluffte nun ein wenig: «Aber eigentlich sind Ihre Wünsche ja in Richtung Irmgard Klodzinski gegangen …»
«Ist das strafbar?»
«Nein, aber die Klodzinski ist erschlagen worden. Vielleicht deswegen, weil sie jemanden abgewiesen hat.» Kappe beschloss, noch einen Schritt weiterzugehen. «Herr Reschke, Sie steigen in den Keller hinunter, um sich ein Netz voll Kartoffeln zu holen. Als Sie in Ihrem Kellerverschlag stehen, hören Sie Frau Klodzinski nach unten kommen und ihren Verschlag öffnen. Sie gehen hin und bedrängen sie, doch Sie werden abgewiesen. Und als Frau Klodzinski ein paar abfällige Bemerkungen über Ihr Alter macht und dass Sie zum Beischlaf nicht mehr in der Lage seien, da greifen Sie zu Ihrem Beil und …»
Reschke verlor nun doch die Contenance. «Das werden Sie noch bereuen, junger Mann, mich so zu verdächtigen! Meine Kameraden von der SA werden Ihnen die gebührende Antwort geben!»
Kappe und Galgenberg blieb nichts anderes übrig, als von dannen zu ziehen und erst draußen auf der Straße zu überlegen, wie Reschkes Drohung zu bewerten war.
«Hat er wirklich Dreck am Stecken und will uns hindern, weiter gegen ihn zu ermitteln?», fragte sich Kappe. «Oder habe ich ihn mit meiner Schilderung an seiner empfindlichsten Stelle getroffen, seiner Ehre?»
Galgenberg wurde philosophisch. «Wer will es wissen, ob sich die Fische küssen? Über Wasser tun sie’s nicht, und unter Wasser sieht man’s nicht.»
Sie marschierten zum Rüdesheimer Platz, um mit der U-Bahn zur Schwester der Klodzinski zu fahren, einer gewissen Margot Tänzer, die ihren bisherigen Recherchen zufolge als Verkäuferin bei Karstadt am Hermannplatz beschäftigt war.
«Karstadt, det is doch wat!» Galgenberg geriet ins Schwärmen.
1929 eröffnet, hatte sich das Kaufhaus an der Schnittstelle der Bezirke Kreuzberg und Neukölln schnell zu einer stadtbekannten Attraktion entwickelt, wobei der absolute Clou die Dachterrasse war, auf der bis zu fünfhundert Menschen Platz fanden. Bei Kaffee und Kuchen konnte man den herrlichen Ausblick auf ganz Berlin genießen. Mit dem Ausbruch des Krieges aber endete Karstadts große Zeit. Es gab immer weniger zu kaufen, vieles war rationiert, so zum Beispiel die Bekleidung, und zudem waren die meisten kriegstauglichen Männer längst eingezogen. So waren die zweite, dritte und vierte Etage des Hauses für das Angebot der wenigen Waren entbehrlich geworden, und man hatte sie an das Heeresbekleidungsamt vermietet.
Kappe und Galgenberg genossen die Fahrt mit der U-Bahn, denn hier im Tunnel war alles fast noch wie zu Friedenszeiten. Wittenbergplatz mussten sie allerdings umsteigen und dann zwischen den Stationen Gleisdreieck und Hallesches Tor auf Hochbahngleisen fahren, so dass sie von den Bombenschäden doch noch etwas mitbekamen.
«Ob das nach dem Krieg alles wiederaufgebaut wird?», fragte Galgenberg.
Kappe sah sich um. Da niemand mithörte, konnte er drastisch werden. «Nach dem Endsieg schon – wenn wir den Krieg aber verlieren, bleiben die Trümmer liegen. Schau dir mal die Akropolis oder das Collosseum an.»
Sie fanden Margot Tänzer in der Abteilung für Haushaltswaren. Sie brach in Tränen aus, als sie hörte, warum die beiden Männer gekommen waren. «Dass es mit der Irma solch ein Ende nehmen musste!»
Galgenberg verstand es auf seine väterliche Art und Weise, die Frau zu beruhigen. Sie gingen mit ihr in die noch leere Kantine, um ihr ein paar Fragen nach dem Umgang ihrer Schwester zu stellen.
«Außer mir hatte sie noch eine Freundin, die Lieselotte, aber die ist mit ihren Kindern schon lange raus aus Berlin, und dann hat sie sich auch öfter mit Karl-Heinz getroffen.»
«Mit ihrem geschiedenen Mann?»
«Ja, zwischen den beiden war bestimmt noch was, er ist ja auch ein Liebhaber, wie …» Sie brach unvermittelt ab.
«Ach so!», rief Galgenberg. «Das haben Sie auch schon mal ausprobiert?»
Die Tänzer ging in die Offensive: «Ja, aber erst, nachdem mein Mann gefallen ist und die beiden geschieden waren. Ist doch nicht verboten, oder?»
«Verboten nicht», sagte Kappe, «aber wenn einer Ihnen nicht gut gesonnen ist, dann könnte er darin ein Tatmotiv erkennen: Eifersucht.»
«Ich war zu Hause, als es passiert ist!»
Kappe lächelte. «Das ist ja interessant. Wann ist es denn passiert?» Sie selber wussten das noch nicht. Fest stand nur, dass es nicht vor Sonnabendnachmittag, 17 Uhr, gewesen sein konnte, denn da war die Klodzinski im Treppenhaus gesehen worden.
Margot Tänzer merkte, dass sie in eine Falle gegangen war.
«Na, am Sonntag, steht doch in der Zeitung.»
«Meiner Ansicht nach steht da nur, dass der Mord am Wochenende geschehen ist, und das reicht ja von Samstagmorgen bis Sonntagabend.»
Als sie nachhakten, hatte Margot Tänzer nur für insgesamt vier Stunden ein hieb- und stichfestes Alibi.
«Doch dass eine Frau ihre eigene Schwester tötet …» Galgenberg schüttelte den Kopf, als sie wieder auf dem Hermannplatz standen. «Nicht mal Brunhild hat Kriemhild umgebracht.»
Kappe war müde geworden und wollte schnell ins Büro.
«Warten wir mal ab, was Piossek herausgebracht hat.»
Doch der erste Kollege, den sie im Polizeipräsidium trafen, war Bernhard Klingbeil. Der hatte inzwischen mit dem Gerichtsmediziner der Charité konferiert, und man war anhand objektiver Merkmale wie der beginnenden Lösung der Totenstarre und der einsetzenden Grünverfärbung im Unterbauch übereingekommen, dass die Klodzinski am frühen Samstagabend gestorben sein musste.
«Also am 12. Februar, sagen wir einmal ganz grob, zwischen 18 und 21 Uhr.»
«Gibt es denn Anhaltspunkte für ein Sittlichkeitsverbrechen?», wollte Kappe wissen.
«Nein, nichts. Obwohl der Täter, soweit wir das beurteilen können, viel Zeit gehabt hätte, sich an ihr zu vergehen.»
Kappe bedankte sich bei Klingbeil, auch wenn im Augenblick noch nicht zu erkennen war, ob ihnen diese Auskünfte jemals von Nutzen sein würden. Aber auch das, was Gerhard Piossek herausgefunden hatte, ließ keine große Freude aufkommen.
«Eine heiße Spur ist nicht dabei. Ihren Kollegen und Kolleginnen bei der U-Bahn ist nichts an ihr aufgefallen. Sie war immer pünktlich und zuverlässig, und ihr Vorgesetzter ist voll des Lobes. Auch bei der Partei sagt man nur Gutes über sie. In der Geisenheimer Straße hat sie den Blockleiter vorbildlich vertreten.
In ihrer Freizeit hat sie manchmal in einer Gärtnerei ausgeholfen, nebenan bei sich in Wilmersdorf, bei einer gewissen Lindenkranz. Aber auch da ist keinem etwas zu Ohren gekommen, das uns weiterbringen könnte. Sogar ihr geschiedener Mann, Karl-Heinz Klodzinski, stimmt in diesen Chor mit ein und nennt sie ‹mein kleines Frauchen, das mir so sehr ans Herz gewachsen ist›.»
«Und warum sind sie auseinandergegangen?», fragte Kappe.
«Weil er ein Verhältnis mit einer Kollegin angefangen hat, und daraus ist ein Kind entstanden. In der Ehe hatte es mit dem Nachwuchs nicht geklappt.»
«Wat macht er denn beruflich?», wollte Galgenberg wissen.
«Kellner ist er bei Aschinger.»
Kappe knetete seine Finger, dass es furchtbar knackte. «Hast du dir die Zeiten aufgeschrieben, in denen er auf Arbeit war?»
«Ja.» Piossek reichte den Zettel hinüber.
Kappe warf einen schnellen Blick hinauf. «Schade … In der Zeit, in der seine gewesene Gattin erschlagen worden ist, hat er gerade Gäste bedient.»
Galgenberg stieß einen tiefen Seufzer aus. «Kiek mal aus’m Fenster, wenn de keen Kopp hast.»
Kappe gab sich optimistischer. «Da ein Selbstmord auszuschließen ist, muss es ja einen Täter geben. Und der zeigt vielleicht bald Nerven und begeht einen Fehler, der ihn verrät.»
VIER
AUF DIE WELT GEKOMMEN war Eberhard Bethge am 14. April 1920 in Berlin-Neukölln als Sohn des Einzelhandelskaufmanns Gottfried Bethge und der Plätterin Elfriede Bethge, geborene Radasewski. Insgesamt drei Kinder waren es, die in der Weisestraße aufwuchsen. Sein Bruder Thomas war zwei Jahre älter, seine Schwester Ursula ein Jahr älter. Gottfried Bethge kümmerte sich wenig bis gar nicht um seine Kinder, sein Denken kreiste einzig und allein um seinen Kolonialwarenladen – und den Alkohol. Er war der Trunksucht verfallen, auch wenn man ihm das tagsüber kaum anmerkte. Und wenn er einmal etwas über den Durst getrunken hatte, dann stand seine Frau im Geschäft. Die Kinder galten, Ursula ausgenommen, als gescheiterte Existenzen. Aber immerhin hatten die beiden Brüder ihre Lehre erfolgreich zu Ende gebracht, Eberhard als Drogist, Thomas als Kaufmannsgehilfe.
Thomas Bethge führte zwar ein unstetes Leben, brachte es aber als Handelsvertreter und durch verschiedene krumme Geschäfte zu einem gewissen Wohlstand. Jedenfalls hatte er bei Kriegsbeginn so viel Geld beisammen, dass er sich in Mahlsdorf ein Grundstück mit einem kleinen Häuschen kaufen konnte. Er heiratete ganz bürgerlich, doch verließ ihn 1942 seine Frau wegen eines anderen Mannes. Daraufhin stürzte er sich mit aller Kraft auf seinen Grünkramladen, sein Obst- und Gemüsegeschäft in Köpenick.
Mit den Nazis hatte er nichts im Sinn, und mit seiner Chuzpe gelang es ihm auch, sich lange Zeit vor dem Kriegsdienst zu drücken. Als man ihn Anfang 1944 doch noch zu den Soldaten holen wollte, ließ er sich von einem befreundeten Chirurgen den rechten Zeigefinger amputieren, ohne den sich kein Gewehr bedienen ließ. Er gab an, sich den Finger beim Holzhacken abgetrennt zu haben, aber die Nazis durchschauten diesen Trick und schleppten ihn vor ein Gericht, wo er wegen Wehrkraftzersetzung und Selbstverstümmelung zum Tode verurteilt wurde. Doch das war nicht alles: Er hatte auch Waren aus seinem Geschäft abgezweigt und zu Schwarzmarktpreisen verkauft und sich – was viel schwerer wog – an der Plünderung der Villa eines Nazi-Bonzen beteiligt, die von einer Bombe getroffen worden war.
Sein Bruder Eberhard zeichnete sich durch oberflächlichen Charme und Wortgewandtheit aus, war jedoch unfähig, sein Leben zu planen, und legte weder in großen noch in kleinen Dingen Verantwortungsgefühl an den Tag. Er sah aus wie eine Mischung aus Maler, Schauspieler und Primgeiger und konnte seine Eroberungen gar nicht mehr zählen. Er war eben ein Filou.
Lange Zeit war er wegen seines schlechten Rufs nicht einberufen worden, doch im September 1943 erwischte es ihn schließlich doch, und er hatte sich in einer Pionierkaserne in Berlin-Spandau einzufinden. Als feststand, dass er nach Abschluss der Grundausbildung an die Ostfront kommen sollte, setzte er sich Anfang Februar 1944 von seiner Truppe ab und versuchte, von Spandau nach Mahlsdorf zu gelangen. Irgendwie hatten sein Bruder und er alles vorausgeahnt und neben dem Haus in Mahlsdorf ein Versteck angelegt, von dem sie annahmen, dass es nicht einmal die Gestapo finden würde. Doch in Berlin waren überall Streifen unterwegs, um Deserteure aufzugreifen, und so schaffte es Eberhard Bethge nicht, sich nach Mahlsdorf durchzuschlagen. Es hätte ihm auch wenig genützt, denn mit seinem Bruder hatte man ja inzwischen in Plötzensee kurzen Prozess gemacht – was er allerdings nicht wusste. Auf der Flucht versteckte er sich vor den Feldjägern auf dem Güterbahnhof Westend in einem dort abgestellten Waggon. Der wurde plötzlich von außen verschlossen – und er saß in der Falle. Halb verhungert und verdurstet kam er erst zwei Tage später in Bremen wieder frei. Fürs Erste fand er ein Versteck in einem zerbombten Haus in Findorff. Am nächsten Morgen wagte er sich auf die Straße, um etwas zu essen und zu trinken zu suchen. Dabei traf er die Briefträgerin Grete Meyerdierks, die ihn mit nach Hause nahm. Sie wollte dem ausgehungerten Mann helfen, außerdem war es für sie eine Gelegenheit, sich an ihrem Mann rächen, der – wie sie erfahren hatte – als Soldat regelmäßig ins Frontbordell ging.
Eberhard Bethge erwachte gegen vier Uhr morgens und brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, wo er gerade war. Ah ja, in Bremen, in Gretes Ehebett. Als er sich aufrichtete, schreckte sie hoch.
«Richard?»
«Nein, Eberhard.»
Sie rieb sich die Augen. «Ich dachte schon, mein Mann hat plötzlich Heimaturlaub bekommen.»
Er umarmte sie gierig. «Ein letztes Mal noch …»
«Ich muss pünktlich auf der Post sein!», rief sie, aber ihr Widerstand war nicht ernst gemeint.
So liebten sie sich noch einmal mit der Leidenschaft und Verzweiflung zweier Verlorener. Danach frühstückten sie wortlos und verabschiedeten sich unter heißen Tränen. Er musste verschwinden, denn die Nachbarn waren schon aufmerksam auf ihn geworden. Grete Meyerdierks hatte ihm eine alte Eisenbahneruniform verschafft, mit der er sich in der Stadt sehen lassen konnte, ohne den herumstreifenden Feldjägern und anderen Bütteln des Staats sofort ins Auge zu stechen.
«Du willst dich wirklich nach Berlin durchschlagen?»
«Ja. Da habe ich ein Versteck, in dem ich bleiben kann, bis alles vorbei ist.»
Ein letzter Kuss, eine flüchtige Umarmung unten im Hausflur, dann lief sie in Richtung ihrer Dienststelle, während er noch eine Minute wartete, damit man sie nicht zusammen sah. Als er dann auf die Straße trat, war sie in einer Gasse verschwunden, die den komischen Namen Im Krummen trug. Er zögerte einen Augenblick, ehe er sich auf den Weg zum Güterbahnhof Findorff machte. Grete Meyerdierks wohnte am Sielwall, und es war zu Fuß ein ganzes Stück. Mit der Straßenbahn zu fahren, wagte er nicht.
Einige Stadtteile Bremens waren ein großes Trümmerfeld, denn seit dem 18. Mai 1940 gab es schwere Luftangriffe der Royal Air Force und der United States Air Force. Sie galten den Werften, auf denen Kriegsschiffe produziert wurden, und den Flugzeugfabriken. Aber bei großflächigen Bombardements wurden auch ganze Wohnviertel in Schutt und Asche gelegt wie etwa die Ostertorvorstadt. Am Pfingstsonntag 1943 hatte es 238 Tote gegeben, am 26. November 1943 sogar 270 Tote – und das bei Tagesangriffen.
Einen solchen fürchtete Eberhard Bethge auch an diesem Vormittag. Aus diesem Grund zögerte er und überlegte, wo es ihn eher treffen konnte: wenn er quer durch die Innenstadt Richtung Hauptbahnhof ging oder aber außen herum an der Weser entlang? Und wo war es weniger wahrscheinlich, dass er einer der Feldjägerstreifen in die Arme lief? Er konnte diese Fragen nicht wirklich beantworten, also folgte er seinem Gefühl und wandte sich zum Fluss. Nach wenigen hundert Metern hatte er den Osterdeich erreicht. Am anderen Ufer erstreckte sich ein ausgedehntes Laubengelände. Einen Augenblick dachte er daran, irgendwie über die Weser zu setzen und sich da drüben zu verstecken, verwarf aber diesen Gedanken sofort wieder, denn zum einen wohnten auch jetzt im Winter viele der Ausgebombten dort in ihren Häuschen, und zum anderen hatte er keine Chance, sich etwas zu essen zu besorgen. Nein, es gab nur eine Möglichkeit für ihn: das geheime Versteck im Keller seines Bruders Thomas in Mahlsdorf. Doch bis nach Berlin waren es vierhundert Kilometer. Diese Strecke Ende Februar zu Fuß zurückzulegen erschien ihm unmöglich, zumal er die Landstraßen meiden musste. Er war nicht dafür gemacht, durch die Wälder zu streifen und in Heuschobern zu übernachten. Also blieb ihm nur die Bahn. Doch wegen der andauernden Kontrollen konnte er keine Personenzüge nehmen, sondern musste auf die Güterzüge ausweichen. Da setzte er auf die vielen alten Waggons, die wegen des Krieges bei der Reichsbahn noch immer im Einsatz waren und zum Teil noch technisch längst überflüssige Bremserhäuschen hatten. In ein solches konnte er schnell hineinklettern und sich verstecken. Mit seiner Eisenbahneruniform würde er auf den Güterbahnhöfen kein Aufsehen erregen, und sprach ihn jemand an, würde er etwas von einem Geheimauftrag murmeln.
Auf dem Osterdeich war es ihm zu dieser frühen Morgenstunde zu einsam, da fiel er auf, also entschloss er sich, doch durch die Innenstadt zu laufen. Von Grete wusste er, dass der Weg zur Bahntrasse einfach war und er sich nicht verlaufen konnte: den Sielwall hinauf bis zum Ostertorsteinweg und dann immer Am Dobben entlang.
Er gab den Eisenbahner, der es eilig hatte, um pünktlich zum Dienst zu erscheinen, und niemand nahm Notiz von ihm. Das machte ihm Mut, und als er am Ende des Dobben in einiger Entfernung das Postamt sah, spielte er einen Augenblick mit dem Gedanken, hineinzugehen und sich mit seinem Bruder oder seiner Schwester verbinden zu lassen. Er musste unbedingt wissen, wie es ihnen ging. Doch nach ein paar Schritten stoppte er wieder. Nein, das war zu gefährlich, denn bei der Post musste er ihre Namen nennen, und womöglich standen sie schon auf einer Fahndungsliste, denn es war anzunehmen, dass die Gestapo bei Deserteuren alle Angehörigen streng überwachen ließ.
Rechts von ihm rollten die Züge auf einer eisernen Brücke über die Straße hinweg, und aus ihrer geringen Geschwindigkeit schloss er, dass der Hauptbahnhof nicht mehr weit entfernt sein konnte. Und gleich hinter der Bahnhofshalle sollte, so war es ihm beschrieben worden, der Güterbahnhof liegen. Er hatte Gretes Stimme im Ohr: «Du gehst unter der Bahn hindurch und dann nach links. Dort siehst du dann die Bürgerweide, und da ist es auch schon.»
FÜNF
FRAGTE MAN HERMANN KAPPE nach seinen Fortschritten im Mordfall Irmgard Klodzinski, dann antwortete er, er würde daran kauen wie an einem zähen Stück Rindfleisch, das er am liebsten ausgespuckt hätte. Meist war er von einem gewissen, manchmal auch tiefen Mitgefühl mit den Ermordeten erfüllt, bei der Klodzinski aber dachte er zuweilen: Gut, dass es diese Nazi-Jule erwischt hat, nun kann sie wenigstens keinen Schaden mehr anrichten! Von den Kolleginnen bei der U-Bahn wie den Nachbarn in der Geisenheimer Straße hatte es keiner unverblümt gesagt, aber viele hatten es angedeutet, dass es sich bei Irmgard Klodzinski um eine üble Denunziantin gehandelt hatte. Kappe merkte, dass auch er in seinem Fühlen und Denken immer mehr verrohte, und fragte sich, wie das noch alles enden sollte. Wahrscheinlich waren die, die schon gestorben waren, am besten dran. Während viele Zeitgenossen, insbesondere die jüngeren, in immer größere Hektik verfielen und noch alles mitnehmen wollten, was das Leben zu bieten hatte, verhielt sich Kappe immer mehr wie ein Käfer, der sich tot stellte. Er kam sich vor wie ein Schlafwandler, irgendwie in Trance versetzt.
Auch an diesem Freitagmorgen – es war der 3. März 1944 – saß er schläfrig am Schreibtisch und blätterte lustlos in seiner Zeitung. Der 1000. FlakAbschuss im Feldluftgau BelgienNordfrankreich – Eng land stimmt in wüsten jüdischen Hassgesang ein: Buchstäblich bis aufs letzte Hemd sollen wir ausgeplündert werden.
Sonst gab es nicht viel. Ein Fronturlauber hatte einen Dieb verprügelt. Goebbels sprach um 19.45 Uhr im Reichsprogramm zum Thema «Zwischenbilanz des Luftkrieges». Von 18.43 Uhr bis 6.10 Uhr musste alles verdunkelt werden. Im Staatlichen Lustspielhaus stand Lauter Lügen auf dem Spielplan. Kappe staunte, dass Hitler, Goebbels und Göring das durchgehen ließen. Statt eines Romans druckte der Völkische Beobachter nun einen Tatsachenbericht aus den Kämpfen der Division Großdeutschland ab, den ein Kriegsberichterstatter mit dem unpassenden Namen Hans H. Henne verfasst hatte, und darin gab es so erbauliche Sätze wie diese: Heinrich stand in seinem Loch. Er war allein. Auf dem Maschinengewehr lag eine gelbe Zeltplane, die er sicherlich erbeutet hatte. Vor dem Loch lagen vier Tote, ihre Hände hielten noch die gelbbraunen Eierhandgranaten um krallt.
Das Telefon schrillte. Kappe zuckte zusammen, griff mit einem leisen Fluch zum Hörer und meldete sich mit Namen und Dienststelle, allerdings etwas nuschelnd.
«Wie, die Sportkommission?», kam es vom anderen Ende der Leitung. «Welche Sportkommission?»
«Mordkommission!», schrie Kappe.
«Det kann nich sein!»
«Doch!» Kappe wurde langsam etwas ungehalten.
«Nee, wer schreit, hat imma Unrecht!»
«Mensch, Justav!» Erst jetzt hatte Kappe Galgenbergs Stimme erkannt. «Was ist denn? Bist du krank, kommst du heute nicht ins Büro?»
«Ick bin ja schon da.»
Das überraschte Kappe. «Tut mir leid, aber ich kann dich nicht sehen. Hast du dir ’ne Tarnkappe beschafft?»
«Nee, die hebt sich der Führer als Geheimwaffe auf.»
«Pst», machte Kappe. Es war ein Reflex.
«Also jut, ick bin zwar hier, wenn ooch noch nich da, det heißt, ick habe zufällig beim Pförtner den Neumann vom Einbruchsdezernat getroffen, und der hat mir erzählt, dass sie gestern Abend in Wilmersdorf, in der Kaiserallee, bei einem Kellereinbruch einen Mann geschnappt haben, der von der Hauswartsfrau überrascht worden ist und die Dame niedergeschlagen hat.» Galgenberg machte eine kleine Pause. «Na, fällt dir wat uff?»
«Ja, dass die Kaiserallee und die Geisenheimer Straße beide in Wilmersdorf liegen, und zwar keine zwei Kilometer auseinander.»
«Jut, eens ruff mit Mappe!», rief Galgenberg. «Teichert heißt der Knabe, Peter Teichert, ick komm jleich mal vorbei mit ihm.»
Kappe dachte das, was er in solchen Fällen immer dachte: Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe. Er dachte aber auch an die Weisung des Reichskriminalpolizeiamtes vom Ende letzten Jahres, die Kleinkriminalität wegen des Personalmangels schlicht unbearbeitet zu lassen und die Entgegennahme von Anzeigen wegen «geringfügiger Sachen» abzulehnen. Es ging sogar das Gerücht, dass das RKPA noch im Sommer 1944 die Einstellung des Meldedienstes auf den Gebieten Kapital- und Sexualverbrechen, Brandstiftung, Einbruch, Diebstahl und Betrug anordnen werde. Die verbliebenen Kräfte der Kriminalpolizei sollten sich auf die Sicherung der Heimatfront konzentrieren und sich den Kriegswirtschaftsdelikten und der Kontrolle der ausländischen Zwangsarbeiter widmen. Mit dem zunehmenden Mangel wuchs die Versuchung zu stehlen und zu plündern, da half es auch nicht, dass man zur Abschreckung Trickbetrügerinnen und ähnliche Kleinkriminelle ins KZ verschleppte oder unter die Guillotine legte. Und bevor man solch Schicksal erlitt, erschlug man lieber den, der einen anzeigte. Es schien so, als hätte sich das Töten zum Volkssport der Deutschen entwickelt. «Ist das alles ein Wahnsinn!», murmelte Kappe.
Galgenberg erschien mit dem Einbrecher Peter Teichert. War dem Mann zuzutrauen, dass er eine Frau erschlug, die ihn ertappt hatte? Er sah dumpf und durchtrieben aus, und Kappe fragte sich, warum der nicht zur SA gegangen war. Wahrscheinlich aber hatte Teichert sogar für die zu viele Vorstrafen aufzuweisen. Und dass man ihn als Asozialen nicht längst ins KZ gesperrt hatte, mochte entweder daran liegen, dass er pfiffig und gerissen genug war, den Hals immer wieder aus der Schlinge zu ziehen, oder dass einer seiner Verwandten irgendwo ein hohes Tier war und seine Hand schützend über ihn hielt.
«Das ist doch Selbstmord, was Sie da machen, Herr Teichert», begann Kappe. «Sie wissen doch sicherlich auch, was mit Volksschädlingen passiert … Wer vorsätzlich unter Ausnutzung der durch den Kriegszustand verursachten außergewöhnlichen Verhältnisse eine Straftat begeht, kann mit dem Tode bestraft werden, wenn diese Straftat dem gesunden Volksempfinden zufolge besonders verwerflich ist.»
Teichert lachte. «Einen Tod kann man nur sterben, Herr Kommissar.»
«Sie leben also von Keller- und Wohnungseinbrüchen?», fragte Galgenberg.
«Ja. In die Wohnungen breche ich ein, wenn die Leute im Luftschutzkeller sitzen, und in die Keller breche ich ein, wenn die Leute oben in der Wohnung sind.»
Kappe fixierte den Mann. «Und wenn Sie dennoch mal überrascht werden, dann schlagen Sie zu?»
Teichert ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. «Dann isset Notwehr, Herr Kommissar, nüscht wie Notwehr.»
Gegen diese Logik war schwer anzukommen. Kappe wandte sich der Frage zu, die ihn am meisten interessierte. «Herr Teichert, im März 1937 sind auf Befehl des Reichsführers SS zweitausend nicht in Arbeit befindliche Berufs- und Gewohnheitsverbrecher festgenommen und in ein Konzentrationslager gebracht worden, und seitdem ist die Vorbeugungshaft für Asoziale immer mehr ausgeweitet worden. Wie kommt es da, dass Sie noch …»
Teichert grinste. «Da müssen Sie meinen Vater fragen. Der heißt zwar nicht Teichert, denn ick bin unehelich, aber …» Und er nannte einen Namen, den Kappe und Galgenberg kannten. «Ick kann also erblich nich vorbelastet sein.»
O doch!, dachte Kappe, denn der Mann, den Teichert meinte, war für ihn ein ausgemachter Verbrecher. Was tun? Klar war nur, dass er außerordentlich vorsichtig zu Werke gehen musste. Doch vielleicht bluffte Teichert auch nur, und die angeführte Nazigröße war gar nicht sein Erzeuger. Kappe zögerte, die nächste Frage zu stellen.
Galgenberg kam ihm zuvor. «Herr Teichert, was gibt es denn in Kellern groß zu holen?»
«Eingekellerte Kartoffeln.»
«Uns is nicht zum Spaßen zumute!», sagte Kappe.
«Nee, det is mein Ernst.»
«Nun gut … Was haben Sie denn am Sonnabend, dem 12. Februar, so gemacht?»
Teichert überlegte. «Keene Ahnung, det is ja nun ooch schon ’n paar Wochen her.»
Galgenberg blätterte in den Papieren, die ihm der Kollege vom Einbruchsdezernat in die Hand gedrückt hatte. «Sie wohnen in Wilmersdorf, in der Hildegardstraße?»
«Ja, im Hinterhaus als Untermieter.»
«Im Umkreis der Hildegardstraße haben Sie dann auch Ihre Einbrüche begangen», fuhr Kappe fort. «Und bis zur Geisenheimer Straße ist es ja nicht weit …»
«Nee.»
Kappe ahnte, dass es ein langer Tag werden würde. Und allzu viel Zeit hatte er nicht, denn um zwölf wollte er auf dem Anhalter Bahnhof sein, um seinem Sohn auf Wiedersehen zu sagen. Karl-Heinz ging nach Prag. Wie furchtbar alles war!
Karl-Heinz Kappe war froh und glücklich, endlich von zu Hause wegzukommen. Sein Vater war für ihn ein verkappter Kommunist und dazu ein feiger Weichling. Im Weltkrieg hatte er sich um den Fronteinsatz gedrückt, und jetzt, zwanzig Jahre später, machte er kein Hehl daraus, dass ihm alles Soldatische fremd war. Als Hartmut in den Krieg gezogen war, um für das deutsche Volk den Lebensraum im Osten zu sichern, da hatte er nur gejammert. Mit seiner Mutter sah es nicht viel besser aus, die hatte nur ihre Mode im Kopf, und alles Völkische interessierte sie nicht. Einer seiner Kameraden hatte einmal gesagt, dass sie «nicht weiter denken würde, als ein Bulle scheißt», und er hatte da nicht widersprochen. Immerhin schien sie den Führer gehörig zu bewundern.
Karl-Heinz Kappe, der sich in der HJ bewährt hatte, war es gelungen, vorzeitig zum RAD, dem Reichsarbeitsdienst, einberufen zu werden. Stolz hatte er dessen braune Mütze getragen, die im Volksmund wegen des Kniffs in der Mitte «Arsch mit Griff» genannt wurde. Willig hatte er geholfen, Bäume zu fällen und das Eis in Blöcken aus den Gewässern zu sägen, um es den Fleischern in der Stadt zum Kühlen ihrer Waren zu bringen. Nach einem Vierteljahr stand seinem Dienst bei der Waffen-SS nichts mehr im Wege.
Nun stand er am Bahnhof und wartete auf seinen Zug nach Prag. Dort befand sich die Ausbildungsstätte seiner künftigen Einheit, der SS-Panzergrenadier-Division Hohenstaufen. Er freute sich auf seine graue Uniform mit den silbernen Sigrunen auf den schwarzen Kragenspiegeln. Und, das wusste er schon, die Vorgesetzten waren nicht mehr mit der Hand an der Mütze oder am Käppi zu grüßen, sondern mit dem erhobenen rechten Arm, dem deutschen Gruß, der «Heil Hitler!» hieß. Nicht der betreffenden Person, sondern der Uniform galt die Ehrenbezeugung. Und dann würde es nach Frankreich gehen, in den Kampf. Karl-Heinz sang leise das Frankreich-Lied:
Kameraden! Wir marschieren und stürmen,
Für Deutschland zu sterben bereit,
Bis die Glocken von Türmen zu Türmen
Verkünden die Wende der Zeit!
Vorwärts! Voran, voran!
Da sah er seinen Vater kommen. «Verflucht!»
Der Zug dampfte durchs märkische Land. Niederlehme, Zernsdorf, Kablow … Wiesen, Felder, Wälder – alles lag da wie im tiefsten Frieden. 1898 war die Strecke zwischen Königs Wusterhausen und Beeskow eröffnet worden, und Hermann Kappe konnte sich noch gut an seine erste Fahrt erinnern. Da war er zehn Jahre alt gewesen. Es schien ihm seither eine Ewigkeit vergangen zu sein, und die Welt war nicht mehr die gleiche. Nie hatte er mit Wilhelm II. etwas am Hut gehabt, aber nun dachte er: Lieber zehn Kaiser als einen Adolf Hitler!
Mit ihm im Abteil saßen seine Frau, seine Tochter und seine Enkelin. Nach dem letzten Luftangriff hatte er darauf gedrängt, dass sie aufs Land kamen, nach Wendisch Rietz. Ein Zwang zur Evakuierung von Frauen und Kindern bestand nicht, nur eine «dringende Aufforderung». So hatte man mit Trommelwirbel in der Großen Frankfurter Straße verkündet: «Berliner! Berlinerinnen! Der Feind setzt den Luftterror gegen die deutsche Zivilbevölkerung rücksichtslos fort. Es ist dringend erwünscht und liegt im Interesse jedes Einzelnen, der nicht aus beruflichen oder sonstigen Gründen zum Verbleiben in Berlin gezwungen ist – wie Frauen, Kinder, Pensionäre, Rentner und so weiter –, sich in weniger luftgefährdete Gebiete zu begeben.»
Kappe fiel bei so viel Mark Brandenburg auf beiden Seiten der Bahn zwangsläufig Theodor Fontane ein. Was hätte der in dieser Situation geschrieben? Sicherlich: Mir ist das Herze so schwer, denn alles zerfällt, die Familie wie das Reich.
«Opa, malst du mir eine S-Bahn?»
«Ja, Marlies, wenn du mir deinen Malblock borgst.» Fredersdorf, Kummersdorf, Storkow … Kappe sah sich als Gendarm an der Schranke stehen. Man schrieb das Jahr 1910. Da rettete er dem alten Haudegen Ferdinand von Vielitz das Leben, als den ein ertappter Einbrecher erschießen wollte, und der Major verschaffte ihm als Dank dafür eine Stelle bei der Berliner Polizei.
Seine Frau schaute nach rechts vorn in die Wälder. Dort hatte die Hütte ihrer Eltern gestanden, dort am Glubigsee war sie aufgewachsen.
«Kommt Papa auch zur Rietzer Oma?», wollte die Enkeltochter wissen.
«Kind, das ist deine Uroma», korrigierte ihre Mutter sie. «Nein, Papa muss in Berlin bleiben und arbeiten.»
Hubertushöhe, Wendisch Rietz … Kappes Mutter stand auf dem Bahnsteig, um «ihre Kinder» in Empfang zu nehmen. Einen Augenblick gab sich Kappe der Illusion hin, sie würden anreisen, um ganz normal Ostern zu feiern.
«Wo is’n Onkel Albert?», fragte die Kleine.
«Der ist zu einer Übung des Volkssturms», antwortete Bertha Kappe. «Aber Tante Doris ist da. Die kocht dir dann was Schönes zum Essen. Fisch.»
«Igitt, Fisch!»
Zwischen den einzelnen Bombenangriffen gab es in Berlin durchaus ein Alltagsleben, und für einige Stunden wurde der Krieg so sehr verdrängt, dass man denken konnte, es herrschte tiefer Frieden. Ein Kinobesuch war das beste Mittel, der garstigen Wirklichkeit zu entfliehen. Und so trieb es auch Hermann Kappe ins Kino, als er das Alleinsein in der großen leeren Wohnung nicht mehr ertragen konnte. Er hatte sich schnell für die Familie Buchholz entschieden, denn der Roman von Julius Stinde, nach dem der Film von Carl Froelich gedreht worden war, gehörte zu seinen Lieblingsbüchern.
Verabredet hatte er sich mit Theodor Trampe, doch als er vor dem Kino auf ihn wartete, kamen ihm erhebliche Bedenken, hatte er doch die sichere Ahnung, dass der alte Freund im Widerstand aktiv war. Und flog er auf, dann sah es auch für ihn, Kappe, schlecht aus, denn es bestand kein Zweifel daran, dass er auf Friedrich Rieses Abschussliste stand und der nur darauf wartete, endlich zuzuschlagen. Kappe schloss die Augen und sank in sich zusammen. Traf er Trampe, begab er sich in Lebensgefahr, lief er davon, dann entlarvte er sich als elender Feigling und Verräter und konnte nie wieder in den Spiegel sehen. Also blieb er.
Doch Theodor Trampe kam nicht. Sollte man ihn schon verhaftet haben? Voller Unruhe ging Kappe vor dem Kino auf und ab. Zwei Häuser weiter waren in einem Schaufenster Teile des Völkischen Beobachters ausgehängt. Er blieb stehen. Das Lesen lenkte ab. Wirksames Vernichtungsfeuer der Artillerie gegen sowjetische Verstärkungen – Terrorangriff nordamerikanischer Bomberverbände auf Bonn und Köln – Ritterkreuzträger fanden den Heldentod – Der Krieg: die Bewährungsprobe der Frauenarbeit – BlauWeiß gegen Hertha BSC 1:1.
Hermann Kappe, der früher selbst bei Viktoria 89 gekickt hatte, war ein eingefleischter Gegner der «Männer von der Plumpe» und gönnte ihnen selbst den einen Punkt nicht.
Da bog Theodor Trampe um die Ecke. Gott sei Dank! Sie wagten es nicht sich zu umarmen, um nicht für homosexuell gehalten zu werden.
Der Film lenkte Kappe tatsächlich von allem Elend ab, obwohl er das Buch zu genau kannte und die Bilder, die er sich bei der Lektüre gemacht hatte, selten mit denen auf der Leinwand übereinstimmten. Die Wilhelmine Buchholz, eine ebenso resolute wie herzensgute Frau mit einem Hang zum Literarischen, hatte er immer als Bertha Kappe gesehen, seine Mutter, und nun wurde sie von Henny Porten verkörpert. Paul Westermeier als Karl Buchholz, Grethe Weiser als Köchin und Elisabeth Flickenschildt als «die Bergfelden» passten ganz gut, und Erich Fiedler als der Filou Emil Bergfeldt war die ideale Besetzung. Wie auch immer, Hermann Kappe lebte für anderthalb Stunden im Berlin der Kaiserzeit und vergaß alles, was ihn bedrückte.
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