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Titel

Herbert Lipsky

Mord im Spital

Kriminalroman

Leykam

Die Handlung und alle im Roman vorkommenden Personen sind frei erfunden. Es gibt in Graz zwar eine große Klinik, aber Ereignisse wie die in diesem Buch beschriebenen haben dort bisher noch nie stattgefunden. Sie können sich also getrost weiterhin ins Spital begeben und sich dort behandeln lassen. Der Kaiser-Josef-Platz, die Thalia und das Café Promenade existieren natürlich auch, und es kann schon sein, dass dort ähnliche Gespräche und Vorkommnisse stattgefunden haben. Aber alle Übereinstimmungen sind rein zufällig.

Auf ausdrücklichen Wunsch der Leserinnen und Leser hat der Held diesmal kurzzeitig den Pfad der Tugend verlassen. Nehmen Sie es ihm nicht übel!

Alles Gute zum Geburtstag

Am Morgen des Tages meines 45-jährigen Bestehens wachte ich früh auf. Die Feier dieses wichtigen Ereignisses findet jedes Jahr im Mai statt – eine Jahreszeit, bei der am Morgen so lautes Vogelgezwitscher herrscht, dass ein längeres Schlafen ohnehin unmöglich wird. Neuerdings krächzen aber auch Krähen. Ich stand also auf, ging noch im Pyjama in den Garten und streifte barfuß durch das taufeuchte Gras. Mit Wohlgefallen betrachtete ich die blühenden Blumen und Sträucher und stellte fest, dass wir heuer eine reiche Kirschenernte haben würden. Die Sonne schien bereits durch die Bäume. Ich ließ mich von ihr erwärmen, dachte nach und horchte in mich hinein: Von einer Midlife-Crisis nichts zu bemerken – ich war zufrieden und fühlte mich gut. Weit und breit nichts als Zufriedenheit, zufrieden mit der Familie, dem Beruf und mit meinem Freundeskreis. Kein Wunsch nach einer ­Änderung. Das war eigentlich pathologisch. Jeder Psychologe würde das abartig finden. Wahrscheinlich verdrängte ich nur mein Unglück, und mein Glücksgefühl war zwar ein angenehmer Zustand, aber nur Selbsttäuschung. Ohne Zweifel würde eine genügend lange Psychoanalyse dies aufdecken, es würden Zweifel aufkommen und mich so richtig unglücklich machen.

Ins Haus zurückgekehrt machte ich mir einen Espresso und setzte mich mit den Zeitungen auf die Terrasse. Nach einer Stunde gesellte sich Julia, meine geliebte Frau, zu mir. Sie gab mir einen Kuss und sagte: „Alles Gute zum Geburtstag.“ Ich dankte ihr, und dann kämpften wir uns beide schweigend durch die aktuellen innenpolitischen Skandale Österreichs.

Nach einer Weile fragte ich: „Welche Pflichten hast du heute für mich ausersehen?“

„Keine, mein Liebling. Alles ist organisiert. Zwei junge Damen werden mir helfen.“

Am Nachmittag erwarteten wir einige Freunde, die mit uns meinen Geburtstag feiern würden. Ich freute mich schon darauf – der Himmel war wolkenlos, das Wetter stabil, und wir würden alles unter freiem Himmel genießen können.

Später kam unsere kleine Tochter, ihr Schlaftier unter dem Arm. Ich bekam noch einen Kuss und eine wunderschöne Zeichnung in die Hand gedrückt. Darauf stand, umkränzt von Vergissmeinnicht: „Alles Gute zum Geburtstag, Papa! Ich habe dich lieb, Theresa.“

Was will ein Mensch mehr? Das Leben war schön und alles in bester Ordnung. Ins Spital würde ich heute nicht gehen. Ich bin nämlich Chirurg und kann mich nicht immer so leicht meiner Pflichten entziehen. Denn die Arbeit eines Chirurgen endet nicht mit der letzten Naht oder Klammer, mit denen er den Leib seines Patienten verschließt, sondern erst, wenn dieser das Spital geheilt verlassen hat. Eigentlich auch dann noch nicht, schließlich erwartet der Patient darüber hinaus auch noch, dass er gesund bleibt. Aber derzeit ging es allen meinen Frischoperierten gut, und ich musste mir keine Sorgen machen. So werkte ich am Vormittag ein bisschen im Garten, schnipselte an den Bäumen und Büschen herum (Julia mag es absolut nicht, wenn ich lange Äste zurechtstutze), entfernte einige abstehende Grasbüschel und hob kleine Zweige vom Boden auf. Alles, um auf die Gäste einen guten Eindruck zu machen. Einen perfekten Garten würden wir ohnehin nie haben.

Meine Schwiegermutter war gekommen, und aus der Küche drangen durch die offenen Fenster vielversprechende Düfte. Zu Mittag gab es nur einen Teller Suppe, denn am Nachmittag würden wir sowieso alle zu viel essen und trinken.

Um vier Uhr trafen die ersten Gäste ein, denen zwei junge Damen Drinks anboten. Unsere Freunde hatten sich im Garten und auf der Terrasse verteilt, im Haus ­lagen viele Geschenke. Um fünf waren alle gekommen und das Buffet wurde für den Ansturm freigegeben. Ich hatte nur ein Glas Wein getrunken, weil ich den Überblick bewahren und eine kleine Rede halten wollte. Es war bereits so laut, dass ich fast das Festnetztelefon überhörte, das schon eine Weile läutete. Der diensthabende Oberarzt meiner Abteilung war am Telefon.

„Herr Prof. Leistenschneider, Sie müssen sofort kommen, Herr Dr. Lederer ist gestorben!“

Ich stand da, wie vom Donner gerührt. Fritz Lederer war ein bekannter Industrieller, bei dem ich vor einigen Tagen eine komplikationsfreie Operation durchgeführt hatte. Er war bereits mobilisiert worden, es ging ihm gut, und er hätte bald nach Hause gehen sollen. Außerdem war ich auch privat mit ihm bekannt, seine Frau war eine Studienkollegin von mir.

„Ich komme sofort.“

Julia hatte mich am Telefon gesehen und musste an meinem Gesichtsausdruck gemerkt haben, dass irgendetwas vorgefallen war.

„Ich muss ins Spital, Lederer ist gestorben.“ Sie kannte ihn aus ihrer Kanzlei, sie ist Rechtsanwältin und hatte schon mehrere Rechtsgeschäfte für ihn erledigt.

Ich raste mit dem Auto ins Spital und stürmte die Treppen hinauf. Durch die offene Tür betrat ich das Krankenzimmer. Die Ärzte des Reanimationsteams waren gerade dabei, sich zurückzuziehen. Lederer lag blass im Bett, ein Tubus ragte aus seinem Mund, Schläuche führten zu einem Beatmungsgerät, das Schockgerät stand daneben. Mindestens acht Personen waren im Raum. Ich trat zu ihm und berührte ihn, sein Körper war noch warm. Im Raum herrschte totales Chaos, es sah wie ein Schlachtfeld aus, Schläuche, Tupfer, Injektionsspritzen lagen am Boden.

Der Anästhesist sagte zu mir: „Als wir zu ihm gerufen wurden, war er bereits tot. Seine Pupillen waren weit. Wir haben alles versucht.“

„Verfassen Sie bitte ein Protokoll und führen Sie alle Medikamente an, die Sie ihm gegeben haben.“

„Mach ich, selbstverständlich.“

Das Reanimationsteam räumte die Apparate aus dem Krankenzimmer. Ich ersuchte sie, alle Anschlüsse, die zum Patienten führten, zu belassen, ebenso die noch angeschlossene Infusion, dann ging ich ins Schwesternzimmer. Die diensthabende Schwester saß völlig gebrochen vor einer Tasse Kaffee.

„Wie ist es passiert?“, fragte ich sie.

„Seine Frau hat ihn besucht, sie sind am Gang auf und ab spaziert. Dann ist sie gegangen. Er kam zu mir und meinte, es wäre jetzt so weit und ich könne ihm nun seine Infusion geben. Er hätte das Antibiotikum eigentlich schon früher bekommen sollen, es stand schon auf seinem Nachttisch, aber er wollte mit seiner Frau noch etwas Bewegung machen. Wir gingen dann zusammen in sein Zimmer, er legte sich ins Bett, ich schloss die Infusion an der liegenden Leitung an und verließ das Zimmer. Zehn Minuten später hat er geläutet, ich bin sofort zu ihm, aber da war er bereits blau im Gesicht. Ich habe um Hilfe gerufen und versucht, ihn Mund zu Mund zu beatmen. Der Stationsarzt ist sofort gekommen und hat die Reanimation eingeleitet. Ich glaube, innerhalb von fünf Minuten war das ganze Reanimationsteam da.“

Sie schluchzte und begann zu weinen.

Ich tröstete sie, so gut es ging: „Sie trifft keine Schuld, Sie haben rasch und umsichtig gehandelt.“

Dann nahm ich die Krankenblätter in die Hand. ­Alles war korrekt. Ich würde seine Frau anrufen müssen, das war ich ihr schuldig. Ihre Handynummer war in der Krankenakte vermerkt. Ich erreichte sie sofort. Sie meldete sich atemlos, als ob sie etwas ahnte.

„Paul am Apparat.“

„Ist etwas mit Fritz?“

„Marion, es ist etwas Schreckliches passiert.“

„Ist er tot?“, fragte sie ohne Umschweife.

„Er dürfte eine Embolie erlitten haben. Wenn du kommst, bitte lass dich chauffieren. Ich warte auf dich.“ Sie hängte ohne Antwort auf.

Ich ging wieder zu dem Toten. Marion würde ihn sehen wollen. Ich zog den Tubus heraus und schloss ihm, so gut es ging, den Mund. An einem Ständer hingen eine größere Infusionsflasche, die offenbar die Anästhesie angehängt hatte, und eine kleinere, wohl das Antibiotikum. Ich nahm beide ab und stöpselte die venöse Leitung zu. Dann kehrte ich mit beiden Infusionen in mein Zimmer zurück und schloss sie in einem Kasten ein.

Es dauerte nicht lange, bis Marion Lederer, geführt von ihrem Sohn, den Gang entlangkam. Ich umarmte sie und begrüßte auch den Sohn, der mich abweisend anstarrte. Ich führte beide in mein Büro. Marion sah bemitleidenswert aus, diese hübsche, stolze Frau schien in kürzester Zeit gealtert und gebrochen zu sein. Ich erzählte den unglücklichen Hergang und betonte, dass zwar rasch Hilfe zu Stelle gewesen sei, aber keine Reanimation mehr möglich gewesen war.

„Ich denke, es war eine Lungenembolie. Aber das wird die Obduktion zeigen.“

„Vielleicht haben Sie ihn auch schlecht operiert“, sagte der Sohn feindselig.

„Bitte, Sebastian, hör auf“, sagte Marion.

„Auch das wird die Obduktion zeigen, die von einem unabhängigen Gerichtsmediziner durchgeführt werden wird.“

„Ihr Ärzte haltet alle zusammen, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“

„Wie Sie meinen, Sie können jetzt zu Ihrem Vater.“

Ich führte sie ins Krankenzimmer und ließ sie mit dem Leichnam allein, dann ging ich ins Schwesternzimmer und setzte mich zu der armen Diensthabenden, für die bereits eine Ablöse gekommen war. Ich versicherte ihr nochmals, dass sie alles einwandfrei gemacht habe. Dann fragte ich sie, wer die Infusion vorbereitet habe. Das habe der Turnusarzt getan. Wo seien die Stechfläschchen des Antibiotikums? Sie müssten noch im Müll liegen. Gemeinsam durchsuchten wir den Müllsack und wurden fündig. Wir fanden auch die Durchstichflaschen des ­Natriumchlorids, mit dem das Antibiotikum aufgelöst worden war. Ich nahm alles an mich, auch die Packung, in der sich das Antibiotikum befunden hatte und in der sich noch einige ungeöffnete Chargen befanden.

„Schreiben Sie mir bitte auf, wie alles abgelaufen ist, das wird Sie völlig entlasten.“

Sie versprach mir, es zu tun.

Nach einer Viertelstunde kamen Mutter und Sohn aus dem Krankenzimmer. Marion sah mich im Schwesternzimmer sitzen und kam herein.

„Paul, entschuldige meinen Sohn, er ist jung und ­impulsiv, hat keine Ahnung, wie die Dinge im Spital ablaufen. Ich danke dir, dass du gekommen bist, obwohl du heute Geburtstag hast. Du sagst mir dann, was bei der Obduktion herausgekommen ist.“

Wir verabschiedeten uns mit einer Umarmung, und ich ging in mein Büro. Die Ampullen und die Schachtel legte ich zu den Infusionsflaschen und verschloss den Schrank wieder. Telefonisch teilte ich dem Oberarzt mit, dass der Leichnam einer forensischen Obduktion zugeführt werden solle. Dann fielen mir meine Gäste ein. Ich blickte auf die Uhr, ich war nun bereits seit drei Stunden im Spital.

Daheim war die Party in vollem Gang. Ich nahm mir ein Glas Wein und schmuggelte mich unter meine Gäste. Nicht alle hatten meine Abwesenheit bemerkt, andere riefen mir zu, wo ich denn gewesen sei. Julia allein wusste, worum es gegangen war. Und obwohl ich mich bemühte, gelang es mir nicht, Fröhlichkeit und Ausgelassenheit vorzutäuschen. Rede hielt ich keine mehr. Der Tod meines Patienten war mir zu nahegegangen. Als alle Gäste weg waren, blieben Julia und ich im Garten sitzen und ich erzählte ihr von den dramatischen Vorgängen.

„Waren es Folgen der Operation?“

„Nein, das glaube ich nicht, die Operation ist gut verlaufen, der Heilungsverlauf war normal. Leider kommt es immer wieder vor, dass Patienten nach einem Eingriff eine Embolie erleiden, obwohl das Blut der Patienten routinemäßig ungerinnbar gemacht wird, um gerade das zu vermeiden. Diese Embolien lassen Chirurgen seit jeher verzweifeln, sie zeigen uns die Grenzen des Machbaren auf. Die Obduktion wird ohnehin zeigen, ob ein medizinisches Verschulden vorliegt.“

An diesem Abend benötigte ich ein Schlafmittel, das mich in einen tiefen und schweren Schlaf versenkte. Die Nachwirkungen des Medikaments waren nicht unerheblich, am nächsten Morgen fühlte ich mich zerschlagen und depressiv. Ich saß vor den Geschenken, mit denen mich meine Freunde und meine Familie bedacht hatten, aber anstatt mich darüber zu freuen, packte ich sie lustlos aus.

„Cheer up, Paul, das Leben geht weiter“, ermunterte mich Julia. „Es ist nicht deine Schuld, dass Lederer gestorben ist.“

„Abgesehen davon, dass man als Chirurg immer ein schlechtes Gewissen hat, tut mir Marion furchtbar leid. Die beiden waren so glücklich, alles haben sie gemeinsam gemacht. Sie hat nun den Boden unter den Füßen verloren.“

Julia wusste, dass Marion und ich in der Studienzeit eine Zeitlang zusammen gewesen waren. Marion war zwei Jahre älter als ich, und ich war ihr damals sehr zugetan gewesen. Sie hatte ein Jahr im Ausland studiert, das hatte unsere Beziehung beendet. Als sie zurückkam, hatten wir uns ausgesprochen und beschlossen, Freunde zu bleiben. Wenn Marion Probleme hatte, hatte sie mich früher immer angerufen. Sogar noch, als sie ihren Mann schon kennengelernt hatte. Ein klein wenig war Julia deswegen immer eifersüchtig gewesen. Wir hatten aber nie darüber gesprochen. Marion hatte mir auch ihren Mann zur Behandlung anvertraut. Wie würde es für sie nun weitergehen? Sie besaßen einen gut gehenden pharmazeutischen Betrieb in Graz und einen zweiten in Ungarn. Lederer war Doktor der Chemie gewesen, sein Hauptgeschäft machte er mit der Herstellung von Generika. Marion hatte eine kleine, aber feine medizinische Allgemeinpraxis mit einer wohlhabenden Klientel. Ihr Sohn, der uns der Schuld am Tode seines Vaters bezichtigt hatte, studierte noch. Ihre Tochter war bereits verheiratet, ihr Mann war ebenfalls im Familienunternehmen tätig. Ich wusste aber nicht, inwiefern Marion über die Geschäfte Bescheid wusste und welche Rechte sie in der Firma besaß.

In Graz, der zweitgrößten Stadt Österreichs, haben sich den letzten Jahrzehnten mehrere mittelständische Firmen entwickelt, die – wie die Lederer Pharmazeutik – 80 Prozent ihrer Produktion exportieren. Die Palette dieser Betriebe reicht vom Hochtechnologiesektor bis zur Holz verarbeitenden Industrie, und auch der steirische Autocluster zählt zahlreiche Unternehmen. Kein Wunder, dass die Stadt einen ständigen Zuwachs an Einwohnern verzeichnet. Die Lebensqualität ist sehr hoch, es gibt Schulen, mehrere Universitäten, ein Theater, eine Oper, zahlreiche Museen und Galerien und zwei symphonische Orchester. Auch naturbewusste und sportliche Menschen finden in nächster Nähe alles, was sie begehren. Trotzdem ist Graz eine überschaubare Stadt geblieben, man kennt sich, und es gibt, wie überall, einige Familien, die wirtschaftlich und politisch gut vernetzt sind und das gesellschaftliche Leben bestimmen. Die Lederers waren eine solche Familie, daher war der Tod von Fritz Lederer ein Ereignis, das sich wie ein Lauffeuer verbreitete.

Die Obduktion

Das Wochenende war irgendwie an mir vorübergegangen. Am Montag ging ich mit einem angespannten Gefühl zur Arbeit. Von meiner Sekretärin erfuhr ich, dass die Obduktion am Nachmittag im Institut für Gerichtsmedizin stattfinden würde. Geistesabwesend absolvierte ich mein Operationsprogramm und diktierte einige Briefe, bis der Anruf von der Gerichtsmedizin kam. Ich nahm die Schachtel mit den leeren Ampullen und die beiden Infusionsflaschen, in denen sich noch Flüssigkeitsreste befanden, steckte sie in einen Plastiksack und fuhr zum Institut. Als ich den Saal betrat, war der Gerichtsmedi­ziner bereits am Werk. Den Leib hatte er geöffnet und Herz und Lunge untersucht.

Prof. Neumeister wandte sich zu mir: „Kein Anhaltspunkt für einen Herzinfarkt oder eine Lungenembolie. Absolut nichts.“

Ich war erstaunt, denn ich war der festen Meinung, dass es nur eine Lungenembolie gewesen sein konnte. Er setzte seine Untersuchung mit der Exploration der Bauchhöhle fort. Ich hatte Lederer wegen eines Dickdarmtumors operiert und eine Resektion eines Darmstücks durchgeführt, bei der das erkrankte Darmstück entfernt und die gesunden Darmenden wieder miteinander vereinigt werden. Die Nähte waren dicht, die Anastomose war nicht aufgegangen, kein Zeichen einer Entzündung oder sonstiger Wundkomplikation war zu sehen, alles war so, wie es sein sollte. Der Pathologe setzte seine Untersuchung fort, die Schädeldecke wurde eröffnet, das Gehirn betrachtet. ­Makroskopisch waren alle Organe normal. Von allen wichtigen Organen wurden Gewebsproben entnommen, die anschließend unter dem Mikroskop ­untersucht werden sollten. Ebenso wurden Blut und andere Körperflüssigkeiten entnommen, um chemischen und toxikologischen Analysen unterzogen zu werden.

„Die Todesursache ist unklar, ich hoffe, dass die Analyse des Bluts einen Hinweis ergeben wird.“

Ich überreichte ihm den Sack mit den Infusions- und Durchstichflaschen: „Ich habe Ihnen die Infusionen und die Chargen der Medikamente mitgebracht. Möglicherweise waren sie nicht einwandfrei. Vielleicht hat er einen Schock auf das Antibiotikum erlitten. Allerdings hat er es bereits vier Tage lang erhalten und ohne Probleme vertragen.“

„Eines steht fest, und das ist für Sie wichtig: Die Operation ist nicht die Ursache des Todes.“

„Ich bin froh, dass Sie das sagen, aber ich habe des­wegen kein schlechtes Gewissen gehabt, denn die Indikation zur Operation war ganz klar gewesen, der Dickdarmtumor musste operiert werden. Aber der Patient stand mir nahe, seine Frau ist eine Studienkollegin von mir, und ich erlebe die Tragik dieses Todes sozusagen aus der Nähe der Familie.“

Als ich nach Hause kam, lautete die erste Frage von Julia: „Weiß man, woran er gestorben ist?

Ich schüttelte den Kopf: „Es ist rätselhaft, wenn die Blutwerte normal sind, wird die Todesursache für immer unklar bleiben.“

Am nächsten Vormittag um zehn Uhr, ich saß gerade in meinem Büro, läutete das Telefon. Es war der Gerichtsmediziner: „Schlechte Nachrichten für Sie, Herr Kollege, Ihr Patient starb an einer Hyperkaliämie. In seinem Blut hatte er einen Kaliumwert von zehn Millimol pro Liter.“

Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben, denn bereits bei der Hälfte dieses Werts man spricht von einem lebensgefährlichen, oft tödlichen Kaliumüberschuss.

„Aber warten Sie, nun kommt es erst: In der Infusionsflasche, in der sich das Antibiotikum befand, wurde eine hohe Konzentration an Kaliumchlorid gemessen. Lederer ist mit großer Wahrscheinlichkeit durch diese Infusion ums Leben gekommen. Ich habe auch die ungeöffneten Chargen der Antibiotikapackung untersucht. Keine Spur von Kalium. Auch in den zur Auflösung verwendeten Durchstichflaschen des Natriumchlorids war natürlich kein Kalium. Meines Erachtens nach wurde es der Infusion zugesetzt, nachdem das Antibiotikum bereits aufgelöst war.“

„Was heißt das?“

„Tod verursacht durch Fahrlässigkeit oder Absicht. Ich habe bereits die Staatsanwaltschaft verständigt.“

Mir schwirrte der Kopf, ich versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen: „Ich werde mit dem betreffenden Turnusarzt sprechen und außerdem versuchen herauszufinden, ob es auf der Station überhaupt Ampullen mit Kaliumchlorid gibt. Es muss also der bereits aufgelösten Infusion zugesetzt worden sein? Sie können sich vorstellen, dass ich an einer lückenlosen Aufklärung mehr als interessiert bin.“

„Ich fürchte, das wird ein Riesenskandal werden. Bereiten Sie sich darauf vor.“

Ich bedankte mich für die Vorinformation und legte den Hörer auf. Wenn der Kaliumspiegel im Blut, aus welchen Gründen auch immer, zu hoch ist, kommt es zu einem Herzstillstand in der Diastole. In den USA wird Kaliumchlorid verwendet, um die Todesstrafe zu vollziehen – zusammen mit einem Betäubungsmittel.

Mein erster Weg führte mich auf die betroffene Station. Ich ging mit der verantwortlichen Schwester den ­Medikamentenvorrat durch. Kaliumchlorid gab es nur im Notfallwagen. Ich versammelte alle anwesenden Schwestern und befragte sie, ob sie in den letzten Monaten einmal Kaliumchlorid in der Hand gehabt hätten und wüssten, ob es als Infusionszusatz verwendet worden sei. Sie verneinten es einstimmig. Die Standardsalzlösungen enthalten meist mehrere Elektrolyte, und Kaliumchlorid in Ampullen wird nur unter gewissen Umständen zugesetzt, das macht man eher auf einer Intensivstation.

Danach sprach ich mit dem jungen Turnusarzt, der die Infusion zubereitet hatte. Der Arme tat mir leid. Völlig zusammengebrochen saß er mir gegenüber. Ich versicherte ihm, dass ich nicht glaubte, dass er fahrlässig gehandelt habe. Er schilderte den Ablauf seiner Tätigkeit sehr glaubhaft. Die zur Vorbereitung notwendige Flüssigkeitsmenge von 100 Milliliter Natriumchlorid gab es gar nicht in Ampullenform, sondern nur in einer Durchstichflasche, er konnte es also gar nicht mit Kaliumchlorid, das in Ampullen abgefüllt ist, verwechselt haben. Er hatte die Infusion im Schwesternraum vorbereitet und sie dort ­stehen gelassen. Die Schwester hatte sie genommen und unmittelbar danach in das Zimmer zum Patienten gebracht, der zu dieser Zeit mit seiner Frau am Gang auf und ab spazierte. Im Zimmer war sie eine gute halbe Stunde am Bett gehangen, bis die Schwester sie an die Leitung am Unterarm des Patienten angeschlossen hatte. Ich ersuchte den jungen Mann, darüber ein Protokoll zu verfassen. Auch ich setzte mich an den PC und versuchte, eine exakte Dokumentation der gesamten Ereignisse zu erstellen.

Als meine Sekretärin Simone den Bericht las, war sie entsetzt: „Herr Professor, das bedeutet ja Mord! Jemand hat das Kaliumchlorid in voller Absicht zugesetzt. Mord, bei uns im Spital! Aus welchem Grund? War das ein Wahnsinniger?“

„Es ist perfid, einen kranken Menschen zu beseitigen. Wenn ich nicht alle Infusionen sofort sichergestellt hätte, wäre die Lage noch viel schwieriger für uns gewesen. Wenige Stunden später wäre alles entsorgt gewesen. Man hätte uns bezichtigt, Beweise auf die Seite geräumt zu haben.“

Am Nachmittag erhielt ich den ersten Anruf von der Polizei. Man würde am nächsten Tag zu uns kommen, ich möge doch sämtliche betroffenen Personen zu Befragungen bereithalten. Man wolle auch einen Lokalaugenschein vornehmen. Ich beauftragte Simone, alle zu verständigen.

Die Staatsanwältin

Für das Treffen mit den Behörden hatte ich unser großes Besprechungszimmer gewählt, dort würden wir alle Platz finden. Kaffee und Getränke standen bereit. Es kamen nicht weniger als sieben Personen. Drei Damen und vier Herren. Zwei Frauen von der Staatsanwaltschaft und eine von der Polizei. Die übrigen vier waren ebenfalls Polizisten, einer davon mein Freund Jakob Steinbeißer, Chefin­spektor bei der Kripo. Er war übrigens auch bei meinem Geburtstagsfest gewesen. Der Gerichts­mediziner war selbstverständlich auch anwesend. Ich begrüßte alle, bat sie, Platz zu nehmen, und ergriff das Wort.

„Meine Damen und Herren, ich darf Sie hier als Leiter der Abteilung begrüßen. Um Ihnen die Arbeit zu erleichtern, habe ich alle Infragekommenden gebeten, sich bereitzuhalten. Sie können den Arzt befragen, der die Infusion hergerichtet hat, die Schwester, die sie angehängt hat, den Anästhesisten, der die Wiederbelebung gemacht hat, die leitende Stationsschwester und außerdem die Diensthabenden der Nachbarstation und alle Ärzte, die am Samstag Dienst hatten. Unmittelbar nach den Vorfällen habe ich alle gebeten, ein Gedächtnisprotokoll zu verfassen, und ich habe auch selbst versucht, meine Beobachtungen und Eindrücke niederzuschreiben. Ich verspreche Ihnen, wir werden um eine gute Zusammenarbeit bemüht sein.“ Nach diesen Worten setzte ich mich.

Die Staatsanwältin, die während meiner kleinen Rede säuerlich gelächelt hatte, meinte sarkastisch: „Wenn Sie bisher schon alles gemacht haben, wollen Sie nicht auch gleich selbst die Ermittlungen leiten?“

Das musste ich mir in meinem Haus nicht bieten lassen. Ohne ein Wort zu verlieren, stand ich auf, verließ den Raum und ging in mein Büro. Alle sahen mir erstaunt nach, nur Jakob schmunzelte. Ich zog mich um und fuhr nach Hause. Noch während der Fahrt läutete mein ­Mobiltelefon. Es war Jakob.

„Paul, was ist los? Sei doch nicht beleidigt. Komm zurück. Die ist immer so eklig. Sie will damit die Leute einschüchtern.“

„Nicht mich. Ich bin bereits auf dem Weg nach Hause, meine Dienstzeit ist zu Ende. So eine blöde Kuh, ich bemühe mich, bin freundlich, bereite alles für euch vor, und sie will sich wichtigmachen und fährt mir über den Mund.“

„Sie ist dafür bekannt. Sie wird dich zu einer Einvernahme ins Gericht bestellen.“

„Dann werde ich kommen, aber wie du weißt, ein Arzt hat nicht immer Zeit. Spielchen kann sie mit anderen spielen. Mein Protokoll liegt am Tisch, ihr habt für heute genug Arbeit. Macht eure Einvernahmen.“

„Na, wie du glaubst.“

Als ich Julia von meinem Auszug berichtete, lachte sie hell auf. Als Rechtsanwältin kennt sie natürlich die Justiz und ihre Beamten. Als ich ihr die Staatsanwältin beschrieb, nannte sie mir ihren Namen: Frau Leitner-Markovic.

„Das tut der gut, dass sich einmal einer gegen sie wehrt. Sie fährt über alle Leute drüber und versucht, sie einzuschüchtern. Es gibt Gerüchte, dass sie eine politische Karriere anstrebt, ihr Mann ist Politiker. Man hat ihr den Spitznamen ,Justizministerin‘ verpasst.“

„Ich werde sie zur Strafe ein wenig ärgern.“

„Ich werde dir juristischen Beistand leisten.“

Am Abend rief Marion an.

Sie klang verzweifelt: „Paul, sag mir, wisst ihr schon, woran Fritz gestorben ist?“

„Es tut mir leid, dass ich dir das sagen muss, aber er dürfte an einer Vergiftung gestorben sein.“

Sie sprach minutenlang nicht. „Vergiftung?“

„In der Antibiotikaflasche befand sich Kaliumchlorid in hoher Dosierung. Ich darf dir das wahrscheinlich gar nicht sagen.“

„Wer hat das getan, und warum?“

„Die Staatsanwaltschaft und die Polizei ermitteln, sie waren heute im Spital und haben alle Personen, die am Samstag Dienst gehabt haben, befragt.“

„Kann ich zu euch kommen?“

Ich sah Julia fragend an. Sie nickte.

„Selbstverständlich.“

Eine halbe Stunde später läutete es an der Haustür, Marion war da. Ich ließ sie herein und umarmte sie. Sie wirkte gefasst. Auch Julia nahm sie in die Arme. Wir setzten uns ins Wohnzimmer, und ich begann, den Ablauf der Ereignisse im Licht der neuen Erkenntnisse zu schildern.

„Du meinst also, dass es Mord war?“

„Die Tatsachen lassen keine andere Schlussfolgerung zu. Ich glaube nicht an Fahrlässigkeit. Auf der Station gab es zu dieser Zeit nur im Notfallwagen Kaliumchlorid, auch im Abfallbehälter waren keine leeren Ampullen. Jemand muss das Kalium mit voller Absicht in die Infusion gegeben haben, während ihr beide am Gang auf und ab spaziert seid. Die Infusionsflasche trug den Namen deines Mannes. Alle Menschen, die sich auf der Krankenstation aufhielten, könnten das Zimmer betreten und etwas in die Flasche gegeben haben. Kein Mensch achtet darauf, wenn eine Schwester oder ein Besucher ein Zimmer betritt.“

„Wir sind eine Weile auch im Aufenthaltsraum gesessen.“

Ich reichte ihr ein Glas Rotwein, sie trank einen Schluck.

„Wer könnte an seinem Tod Interesse haben?“

„Das musst du am ehesten wissen. Das wird dich auch die Polizei fragen. Sie werden deine privaten Beziehungen durchwühlen und die Geschäfte eurer Firma durchforsten. Mach dich auf Unangenehmes gefasst.“

Sie seufzte auf und begann hemmungslos zu weinen. Julia hatte sich an ihre Seite gesetzt und ihre Arme um sie gelegt. Nach einer Weile beruhigte sie sich.

„Marion, wir sind beide für Sie da. Wenn Sie persönlich eine juristische Beratung bei der Verlassenschaft brauchen, so bin ich gern bereit, für Sie zu arbeiten.“

Marion stand auf, sie hatte sich einigermaßen gefasst.

„Ich danke euch für eure Freundschaft, gerne werde ich auf eure Angebote zurückkommen. Danke für die Offenheit, Paul, ich werde auf der Hut sein und dich nicht verraten.“

Wir begleiteten sie zur Tür.

Mein Handy läutete, es war Jakob.

„Na, Schatz, wie war dein Tag?“, fragte ich ihn scheinheilig.

„Es war nicht leicht. Frau Staatsanwalt war durch den Gesichtsverlust, den sie durch deinen Abgang erlitten hat, ganz schlechter Laune. Deinen armen Turnusarzt und die Schwester hat sie fast zerrissen. Es war wie ein Kreuzverhör mit überführten Mördern, aber dank des Gedächtnisprotokolls und deiner peniblen Aufzeichnungen und Beweisstücke ist es ihr nicht gelungen, die beiden einer fahrlässigen Tötung zu überführen. Du bist schon ein alter Schlaumeier.“

„Jakob, nicht Schlaumeier, sondern gebranntes Kind. Wir haben jedes Jahr Anklagen wegen Kunstfehlern am Hals und sind seit Jahren nicht bestraft worden, weil wir immer alles gut dokumentieren und Beweise vorlegen können, die uns recht geben, und, das ist wichtig, wir haben nie geschummelt oder gelogen.“

„Ist es wirklich so arg?“

„Es wird immer schlimmer. Es ist beinahe schon wie in den USA. Jeder, der mit dem Resultat seiner Behandlung unzufrieden ist, klagt. Aber meistens gelingt es, die Beschwerden außergerichtlich bei der Schlichtungsstelle zu erledigen.“

„Sie wird dich, den hochnäsigen weißen Gott, in ihr Büro bestellen.“

„Gerne, ich werde meine Anwältin mitbringen.“

„Eine gute Idee, sonst setzt sie dich womöglich noch fest. Eine Art Beugehaft.“

„Julia wird mich heraushauen.“

„Ich komme morgen am Nachmittag zu dir und werde eine peinliche Befragung durchführen.“

„Geht es nicht am Vormittag? Du weißt doch, Mittwochnachmittag ist Golf angesagt. Sonst habe ich ja nie Zeit.“

„Nie Zeit, dass ich nicht lache. Du bist ja ununterbrochen am Golfplatz. Aber gut, von mir aus, aber nur weil wir befreundet sind, dann komme ich eben am Vormittag.“

„Sag einmal, ich habe gar nicht gewusst, dass die Staatsanwaltschaft schon so früh bei den Erhebungen dabei ist. War das immer so?“

„Nein, erst seit der Strafprozessreform 2008. Ursprünglich war die Staatsanwaltschaft als reine Antragsbehörde konzipiert, die entweder Verfahren einstellte oder Strafanträge und Anklagen bei den Gerichten einbrachte. Im neuen System ist sie aber auch Ermittlungsbehörde. Die Staatsanwälte leiten nun das gesamte Ermittlungsverfahren, können der Kriminalpolizei Anordnungen geben und selbst Ermittlungen führen. Nicht jeder Staatsanwalt tut das. Es gibt aber ehrgeizige und karrierebewusste Staatsanwälte, die versuchen, sich in wichtigen Verfahren zu profilieren.“

„Haben wir es hier mit so einem Fall zu tun?“

„My lips are sealed.“

An dieser Stelle muss ich wohl mein Verhältnis zu Jakob erläutern. Vor Jahren hatten wir uns bei einem Mordfall kennen und schätzen gelernt. Ich hatte ihm geholfen, den Fall zu lösen. Das klingt zwar etwas hochtrabend, stimmt aber. Daraus hat sich eine echte Freundschaft entwickelt. Und erst vor zwei Jahren hatte ich wiederum zusammen mit Jakob eine Kunstfälscherbande hinter Schloss und Riegel gebracht. Das war ziemlich gefährlich gewesen, und ich hatte meiner Frau schwören müssen, mich nie wieder in so eine Situation zu bringen. Nicht nur Jakob und ich, sondern auch unsere Frauen sind befreundet. Julia hat gerade Jakobs Frau überredet, mit dem Golfen anzufangen. Er sträubt sich noch hartnäckig dagegen, aber es wird ihm nichts nützen. Auch er wird anfangen müssen. Wir treffen uns regelmäßig, im Winter spielen wir in der Halle Tennis und gehen gemeinsam Schi fahren, im Sommer machen wir Bergpartien, mit einem Wort, wir sind echte Freunde.

Am nächsten Tag kam Jakob schon um zehn Uhr in mein Büro, mit der jungen Kollegin, die schon am Vortag dabei gewesen war und die er mir nun als Frau Inspektor Blassnig vorstellte. Ich gab eine knappe und präzise Darstellung meiner Sichtweise. Bei einigen Punkten hakte er nach. Dann kam die unvermeidliche Frage, wer denn die Tat begangen haben könnte?

Ich antwortete schweren Herzens: „Nur jemand, der die Station und ihren Betrieb genau kennt und der exakte medizinische Kenntnisse besitzt, mit einem Wort, es muss ein Mitarbeiter oder zumindest ein ehemaliger Angehöriger der Klinik sein.“

„Arzt, Pflegepersonal oder jemand von der Verwaltung?“

„Am ehesten ein Arzt oder jemand vom Pflegepersonal.“

„Glaubst du, dass der oder die bei der Tat Berufskleidung getragen hat?“

„Kann sein, muss aber nicht sein. Jeder normale Besucher kann ein Krankenzimmer betreten, während der Besuchszeit gehen die Angehörigen der Patienten aus und ein. Es ist ganz einfach: Der Täter beobachtet das Opfer und seine Frau, die am Gang auf und ab gehen und auch längere Zeit im Aufenthaltsraum sitzen. Er geht in Lederers Zimmer, es ist ein Einzelzimmer. Die Spritze ist vorbereitet, es dauert nicht einmal eine Minute, um sie der Infusion beizufügen, und er verlässt das Zimmer wieder. Wenn jemand gekommen wäre, hätte er einfach gesagt, dass er die Infusion kontrollieren müsse, oder sich entschuldigt, dass er sich im Zimmer geirrt habe. Es ist insgesamt kein großes Risiko. Am Samstagnachmittag herrscht ein ständiges Kommen und Gehen.“

„Jedenfalls ist niemandem etwas aufgefallen.“

„Befragt doch die anderen Patienten, ob irgendetwas Auffälliges passiert ist oder ob sie jemanden gesehen haben.“

„Haben wir, aber ohne Resultat.“

„Fragt nach einer Ärztin, einem Arzt oder Pfleger, nach Schwestern, die ihnen neu waren.“

„Das werden wir tun. Aber ich habe hier die Liste derer, die auf den beiden Stationen arbeiten, das sind rund 50 Personen.“

„Durch die Dreiteilung des Arbeitstags wird auch dreimal in 24 Stunden gewechselt. Dazu benötigt man viel Personal. Es herrscht ein derartiger Wechsel, dass die Patienten keine Bezugspersonen mehr haben. Ich beurteile diese Entwicklung absolut negativ, aber man kann nichts dagegen machen. Es liegt außerhalb der ärztlichen Kompetenz, wir dürfen und können dem Pflegedienst nichts mehr anordnen.“

Jakob sah seine junge Kollegin an und fragte, ob sie noch etwas wissen wolle.

Sie nickte und fragte: „Stellen Sie bei jedem Todesfall Infusionen und Medikamente sicher?“

„Ja schon. Vor allem, wenn der Tod unerwartet eintritt. Etwa bei einem mors in tabula, einem Tod am Operationstisch, aber auch wenn der Patient unmittelbar auf ein Medikament irgendwelche Reaktionen zeigt.“

Mit dieser Antwort gaben sich die beiden zufrieden und ließen mich wieder an meine Arbeit gehen.

Am nächsten Tag bekam ich einen Liebesbrief von der Staatsanwältin, Frau Dr. Leitner-Markovic. In der kurz gefassten Mitteilung stand, dass ich mich am Freitag um zehn Uhr im Büro der Staatsanwaltschaft, Zimmer 103, im zweiten Stock des Oberlandesgerichts einzufinden habe. Der Text war ungefähr so formuliert, dass, sollte ich der Vorladung unentschuldigt fernbleiben, ich bestraft werden oder eine Zwangsvorführung stattfinden würde.

Am Abend zeigte ich Julia die Vorladung.

Sie lachte: „Das ist nichts anderes als der übliche Gerichtsjargon. Sie wird dich schon nicht einbehalten. Solltest du Schwierigkeiten haben, ruf mich an, ich werde dir zu Hilfe eilen.“

„Diese Sprache scheint mir unhöflich und nicht mehr zeitgemäß.“

„Das kann schon sein. Aber vergiss nicht: Heute leitet der Staatsanwalt das Ermittlungsverfahren und kann in jedem Stadium der Ermittlung Beweisaufnahmen bei der Kriminalpolizei beantragen. Er gewährt und trifft Anordnungen und kann selbst eingreifen. Wenn du dich durch eine Anordnung des Staatsanwalts als ungerecht behandelt erachtest, kannst du das Gericht anrufen.“

„Wenn sie das tut, dann werde ich mich beschweren.“

Pünktlich um zehn saß ich am nächsten Morgen auf einer harten Bank vor dem besagten Zimmer. Wie erwartet, musste ich eine Viertelstunde warten. Viertel nach zehn rauschte die Frau Staatsanwältin mit zwei jungen Juristen grußlos an mir vorbei und ging in ihren Amtsraum. Fünf Minuten später wurde ich ins Zimmer gebeten.

Nach einem Kopfnicken, wohl als Gruß gemeint, forderte man mich auf, Platz zu nehmen. Frau Leitner-Markovic blätterte in ihren Akten. Ich betrachtete sie genau, sie war eigentlich eine attraktive Frau. Ein längliches schmales Gesicht, die schwarzen Haare hochgesteckt, ein eleganter Hals und eine schlanke Figur. Nur war da ein Zug von Verbissenheit. Ihre Miene war ernst, die Lippen zusammengepresst, man konnte sich nicht vorstellen, dass sie einmal lächeln könnte oder dass dieser Mund zärtliche Worte sagen würde.

In unhöflichem Ton und mit knappen Worten wurde ich nach meinem Geburtsdatum gefragt, wo ich wohnhaft sei und welchen Beruf und welche Stellung ich habe. Ich antwortete brav. Danach begann sie mit der eigentlichen Befragung, die mehr ein Verhör war. Geduldig und ruhig schilderte ich den Ablauf der Dinge, denn ich hatte es nun schon oft genug getan. Wieder und wieder stellte sie Fragen – dieselben wie zwei Tagen zuvor Jakob: ­Warum ich die Beweismittel sichergestellt hätte und ­warum ich jedermann aufgefordert hätte, Gedächtnisprotokolle zu schreiben. Das sei doch merkwürdig, wollte ich damit die Schuld vom Spital abwälzen?

„Frau Staatsanwalt, ich weiß nicht, ob Sie wissen, welchem Druck wir heute im Spital ausgesetzt sind, lassen Sie mich etwas ausholen. Die Abteilung, der ich vorstehe, führt fast 1500 Eingriffe im Jahr durch. Wegen angeblicher Kunstfehler oder zu Unrecht durchgeführter Operationen in den letzten Jahren wurden nicht weniger als zehn Anzeigen bei Gericht beziehungsweise bei der Schlichtungsstelle gemacht. Fast in allen Fällen sind wir freigesprochen worden, weil wir alles gut dokumentieren und nie etwas leugnen. Wir geben Fehler, die wir machen, zu. Dadurch wird es möglich, dass die Patienten Schadensersatz bekommen. Ich weiß sehr wohl, dass manche Kollegen ihr schuldhaftes Verhalten nicht zugeben wollen und die Geschädigten deshalb Schwierigkeiten haben, zu ihrem Geld zu kommen. Die hauptsächlichste Ursache dafür ist Eitelkeit. Fehler macht ein jeder, auch Organisationsfehler kommen immer wieder vor. Aber wir führen einen ständigen Kampf gegen Nachlässigkeit und Schlamperei. An meiner Abteilung wird immer alles offengelegt, und die Patienten werden von mir persönlich über eventuell begangene Fehler aufgeklärt. Ich finde, das ist das wenigste, was man machen kann. Daher mein Ersuchen um sofortige Gedächtnisprotokolle, daher das ­Sicherstellen von Infusionen. In meinem Schreibtisch habe ich einen ganzen Ordner mit Protokollen aufbewahrt, die nie benötigt wurden.“

Wieder blätterte sie in ihren Unterlagen, ihre Gesichtszüge hatten sich etwas entspannt.

„Ich habe nicht gewusst, dass so häufig Ansprüche gestellt werden.“

„Das meiste wird von der Schlichtungskommission der Ärztekammer erledigt, nur einzelne Fälle gelangen vor Gericht.“

„Wir werden einen Sachverständigen ersuchen, ein Gutachten zur Operation und zur medikamentösen Behandlung zu erstellen.“

„Da habe ich nichts dagegen.“

Dann wieder die obligatorische Frage, wer es denn meiner Meinung nach getan haben könnte?

Ich gab die gleiche Antwort wie schon mehrmals zuvor: „Die Tat kann nur von einem Menschen durchgeführt worden sein, der die Station und ihren Betrieb genau kennt und der exakte medizinische Kenntnisse besitzt, mit einem Wort, es war mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Mitarbeiter oder zumindest ein ehemaliger Angehöriger der Klinik.“

Das erstaunte sie. Sie hatte wohl erwartet, dass ich die Schuld von der Klinik wegschieben wollte.

„Warum glauben Sie das?“

„Der Täter oder die Täterin muss über den Stationsbetrieb genau informiert gewesen sein. Die Sache war leicht durchführbar, verlangte aber exakte Fach- und Ortskenntnisse.“

„Hätte er mit der Tat ungeschoren davonkommen können?“

„Ich glaube, dass er sogar damit gerechnet hat. Wenn man Lederer routinemäßig obduziert hätte und weder eine Embolie noch ein Herzinfarkt festgestellt worden wäre, hätte man wahrscheinlich einen unklaren Herztod angenommen, denn er hatte einen leichten Myokardschaden. Hätte man die Infusion nicht sichergestellt, dann wäre der Nachweis eines Verschuldens schwer zu führen gewesen. Das wäre dann der perfekte Mord gewesen.“

„Wie ist Ihr Verhältnis zur Familie Lederer?“

„Frau Lederer ist eine Studienkollegin, mit der ich in meiner Studienzeit eng befreundet war. Wir haben uns allerdings in den letzten zehn Jahren seltener gesehen. Auch ihren Mann habe ich gekannt. Vor dem Eingriff haben wir uns mehrere Male länger unterhalten, in meiner Ordination. Übrigens war er mir sehr sympathisch. Wir haben vereinbart, uns nach seiner Gesundung auch privat zu treffen. Die Kinder kenne ich überhaupt nicht. Beide sind schon über 20.“

„Wissen Sie etwas über das Unternehmen?“

„Keine Ahnung. Es scheint gut zu gehen. Soviel ich weiß, gibt es eine zweite Niederlassung in Ungarn.“

Der Ton der letzten Fragen war schon wesentlich freundlicher gewesen. Sie bedankte sich nun sogar für mein Kommen und reichte mir zum Abschied die Hand. Das Protokoll würde ich noch unterschreiben müssen. Ich erhob mich und verließ das Zimmer der Staatsanwältin auf freiem Fuß.

Das Begräbnis

Ich blickte auf meine Uhr, es war bereits zwölf, die Befragung hatte lange gedauert. Durch die fatalen Ereignisse der letzten Tage war meine Arbeit zu kurz gekommen, also ging ich nicht nach Hause und ins Wochenende, sondern fuhr mit der Straßenbahn zur Klinik. Im Sekretariat saß neben meiner Sekretärin auch die junge Kollegin von Jakob. Ihr Name war mir entfallen. Simone erklärte mir, dass sie beide gerade Listen unseres gesamten Personals zusammenstellten.

„Gut, gut, machen Sie das, vergessen Sie aber nicht, auch diejenigen einzubeziehen, die vor nicht allzu langer Zeit auf andere Stationen gewechselt haben.“

Simone stöhnte.

„Sprechen Sie mit der Oberschwester, die wird das schon wissen. Der schadet es nicht, wenn sie auch einmal etwas arbeitet. Sie ist ohnehin meist auf einem Fortbildungskurs.“

Die junge Polizistin sah mich erstaunt an, sagte aber kein Wort. Sie war eine gut trainierte junge Frau. Ihre Haare waren kurz geschnitten, schwarz getönt und dicht, ihr Gesicht frisch, die Backenknochen breit. Sie gefiel mir auch als Frau gut. Ich verschwand in meinem Zimmer.

Dutzende E-Mails waren zu lesen und zu beantworten, Operationsberichte zu diktieren, Telefonate zu führen. Letzteres ist an einem Freitag schwierig, weil viele Leute bereits ab Mittag nicht mehr zu erreichen sind. Um drei Uhr steckte Simone ihren Kopf herein und wünschte mir ein schönes Wochenende. Ich wünschte ihr dasselbe, ohne vom PC aufzuschauen.

Ich wollte mich im Internet über die Firma von Lederer informieren und googelte die Website der Lederer Pharmazeutik. Da stand, man befasse sich mit der Entwicklung, der Zulassung und dem Vertrieb von überwiegend rezeptpflichtigen Arzneispezialitäten. An den beiden Standorten Raaba und Szombathely würde eine breite Palette von Arzneimitteln entwickelt und produziert. Im letzten Jahr waren es 67 Millionen Packungen mit mehr als 2,5 Milliarden Einzeldosen hochwertiger Medikamente gewesen. Das Unternehmen erzielte mit 750 Mitarbeitern, davon 500 in Österreich, an den beiden Produktionsstandorten einen Umsatz von 130 Millionen Euro, davon rund 60 Prozent im Export.

Auch die leitenden Personen waren verzeichnet:

Geschäftsführung: Dr. Fritz Lederer, Dr. Marion Lederer

Finanzgebarung & Project Management Licensing: Dr. Arthur Burger

Produktion: Mag. Daniel Schlingensief

Business Development und Marketing & Sales International: Mag. Kevin Miller

Marketing & Sales Inland: Mag. Alfred Stylo

Med. Abteilung: Dr. Edwin Färber

Patente: Dr. Fred Reiter

Qualitätssicherung und -kontrolle: Dr. Josef Porsch

Das Unternehmen war eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung und gehörte ausschließlich der Familie. Wie ich wusste, hatte Lederer mit der Herstellung von ­Generika begonnen, das sind Arzneimittel, die von anderen Firmen entwickelt werden und deren Patentrechte abgelaufen sind. Wenn die Patente erlöschen, dürfen sie auch von anderen Unternehmen erzeugt werden. Manchmal ist ein solches Medikament dann aber doch nicht so wirksam wie das Original, weil diverse Einzelheiten bei der Erzeugung, etwa die Löslichkeit der Moleküle, deren ­Resorption und die Verabreichungsform, den Nachahmern nicht bekannt sind. Doch dem Chemiker Lederer war es gelungen, nachgebaute Arzneimittel in bester Qualität herzustellen. Und nun hatte seine Firma auch angefangen, eigene Medikamente zu entwickeln.

Ich blieb bis sechs Uhr sitzen, dann packte mich die Müdigkeit, ich fuhr meinen PC herunter, versperrte mein Zimmer und ging nach Hause.

Trotz strikter Geheimhaltung der Ermittlungen durch die Polizei hatte die Presse von den Vorgängen erfahren. Die Staatsanwaltschaft und die Polizei waren gezwungen, eine Pressekonferenz einzuberufen. Den zahlreich erschienenen Reportern wurde mitgeteilt, dass der Tod Lederers mit höchster Wahrscheinlichkeit durch ein Gift verursacht worden sei. Das Medienecho war unbeschreiblich. Die Spitalsleitung forderte mich auf, ebenfalls eine Pressekonferenz abzuhalten. Ich stimmte zu, denn ich wurde täglich mit unzähligen Anrufen bombardiert, sodass ich bereits die zweite Woche in Folge nicht ungestört arbeiten konnte. Am Donnerstag bei der Pressekonferenz schilderte ich den Ablauf der Ereignisse noch einmal und beantwortete alle Fragen der anwesenden Journalisten geduldig. Der Spitalsdirektor, der die ganze Zeit neben mir saß, beteuerte mehrmals, dass das Spital keine Schuld am Tode habe und dass es Mord gewesen sein müsse.

Mord im Spital lauteten am nächsten Tag die Schlagzeilen. Die abenteuerlichsten Theorien wurden aufgestellt. Simone teilte mir mit, dass einige Patienten, die zur Aufnahme bestellt waren, aus fadenscheinigen Gründen abgesagt hatten. Man konnte ihnen das gar nicht verübeln. Ich nahm das nicht so ernst, weil der Ansturm nach einiger Zeit erneut einsetzen würde. Nach einer Revolution in einem Land kommen die Touristen, trotz möglicher gefährlicher Unruhen, ebenfalls kurz danach wieder, und auch wenn ein Kreuzfahrtschiff sinkt, sind keine wesentlichen Stornos bei dieser merkwürdigen Form von Massentourismus festzustellen. Das kollektive Gedächtnis währt nur kurz.

In der folgenden Woche wurde die Leiche zur Beerdigung freigegeben, die im kleinen Kreise der Familie stattfand. Wir erhielten eine Parte, in der stand, dass am Freitag um elf Uhr im Dom eine Seelenmesse zelebriert würde. Im Anschluss daran würde es in der Alten Universität gegenüber dem Dom für die Freunde der Familie eine private Gedenkfeier geben.

Der Dom war voll mit Menschen. Die Bedeutung von Lederer wurde offenbar. Nicht nur Politiker und andere Stützen der Gesellschaft waren erschienen, sondern auch einfacher gekleidete Menschen, wahrscheinlich Angestellte des Unternehmens. Alle wollten ihm die letzte Ehre erweisen. Der Bischof selbst feierte die Totenmesse und fand die richtigen Worte, um ihn zu würdigen. Mich stört an diesen Verabschiedungen immer die Art und Weise, wie sich manche Leute dabei benehmen, wie einige nach links und rechts grüßen, sprechen, gelegentlich lachen und wie so eine Totenfeier zu einem gesellschaftlichen Ereignis wird. Nach der Messe gingen wir in die Alte Universität. Auch hier unzählige Leute. Wenn man sich nun, befreit vom Angesicht des Todes, unterhält und eine fröhlichere Konversation führt, stört das nicht. Dieses Ritual gibt es bei allen Völkern, es bringt zum Ausdruck, dass das Leben weitergeht. Getränke wurden gereicht und ebenso kleine Leckerbissen. Wir trugen uns ins Kondolenzbuch ein und gesellten uns erst gegen Ende der Feier zur Trauerfamilie.

Lederers Sohn, Sebastian, sagte zu mir, während ich ihm die Hand gab: „Es tut mir leid, dass ich Sie im Spital so angefahren bin. Mama hat mir alles erklärt.“

„Schon gut, das ist schon vergessen.“

Seine Schwester war eine ätherisch wirkende blonde, junge Frau. Sie machte einen geistesabwesenden Eindruck und schien einem Zusammenbruch nahe zu sein. Sie hatte große schimmernde Augen, die irgendwohin in die Ferne blickten. Ich sprach ihr mein Beileid aus und drückte eine zarte Hand, die sich wie ein kleiner Vogel anfühlte. Ihr Mann war ein großer, sportlich wirkender Typ mit regelmäßigen männlichen Gesichtszügen, Mitte 30, fester Händedruck. Mir war er fast zu fesch, er wirkte auf mich beinahe wie Ken, der Partner von Barbie. Sein Gesicht war ernst und unbewegt. Trauer war darauf nicht abzulesen. Ich konnte ihn schwer einschätzen, er war mir aber nicht unsympathisch.

Marion schien in einem verhältnismäßig guten Zustand zu sein, sie nahm die Anteilnahme der Trauergäste gefasst entgegen und bedankte sich für deren Kommen. Ich merkte jedoch, dass sie ebenfalls beinahe am Rande eines Zusammenbruchs stand. Ich sagte zum Abschied kein Wort zu ihr, hielt sie nur lange fest.

„Weißt du, ich habe jetzt so viel zu tun, dass ich noch gar nicht realisiert habe, dass Fritz nicht mehr ist.“

Zu Julia sagte sie: „Könnten Sie bitte nächste Woche einmal zu mir kommen, ich benötige dringend Ihren Rat.“

Schweigend fuhren wir nach Hause, heute würde ich nicht mehr arbeiten gehen.

Am Samstag sahen wir uns im Schauspielhaus ein neues Stück an. Die Karten hatten wir uns schon vor Wochen besorgt. Ich freute mich schon auf eine Abwechslung, denn die Rezension der Komödie war gut gewesen. Soviel ich den Ankündigungen entnehmen hatte können, würden wir heute keine SS-Uniformen zu sehen bekommen. Leider verlief der Abend nicht nach meinen Erwartungen, ich bin für das Theater von heute einfach zu konservativ. Ich habe viele Freunde und Kollegen in Deutschland und fahre gerne in dieses Land, aber die deutschen Regisseure können mir alle gestohlen bleiben. Es gelingt ihnen, aus der lustigsten Komödie ein schicksalsschwangeres Stück zu machen, bei dem es wenig zu lachen gibt. Wie in den amerikanischen Filmen herrscht anstatt Humor Klamauk, und natürlich gibt es die unvermeidlichen Sexszenen – auf vulgäre Art. Mir tun immer die jungen Schauspielerinnen leid, die nackt und frierend auf der Bühne herumhüpfen müssen, nur weil ein paar geile Regisseure sich nicht an ihnen sattsehen können. Viele Werbeplakate werden als sexistisch eingeschätzt und müssen manchmal sogar entfernt werden, aber gegen den Sexismus auf der Bühne tut man nichts. Der verbirgt sich hinter dem Anspruch, Kunst zu präsentieren. In diesem Fall könnten sich die Feministinnen jedoch eindeutig stärker für ihre Geschlechtsgenossinnen einsetzen. Dabei bin ich alles andere als ein prüder Mensch. Na gut, einige Male habe ich an diesem Abend schon über den Text des witzigen Klassikers gelacht. Vielleicht war einfach meine Grundstimmung zu negativ.

Cui bono?

Das weitere Wochenende bewahrten wir über die ganzen Ereignisse Schweigen und beschäftigten uns mit unserem Kind. Doch die Sache ließ mich nicht los. Warum war Fritz Lederer ermordet worden? War es Eifersucht, geschäftliche Konkurrenz, trieb ein böser Mensch im Spital sein Unwesen? Letzteres beunruhigte mich besonders, da es in den letzten Jahren in Spitälern und Pflegeheimen immer wieder zu Serienmorden gekommen war: Alten oder Schwerkranken wurde der Tod gegeben. Viele dieser Mörder im Spitalsgewand hatten angeblich aus Mitleid damit angefangen, um sich dann als Herren über Leben und Tod zu fühlen und immer wieder zuzuschlagen. Drohte uns nun diese Gefahr? Man konnte nur hoffen, dass die Polizei den Täter so rasch wie möglich finden würde.

Julia war mit einem ihrer Mitarbeiter zu Marion gegangen und mit überraschenden Neuigkeiten zurückgekommen. Laut Testament war Marion Alleinerbin, und ihre Kinder würden vorläufig nur ihre Pflichtteile bekommen. Sie wollte sie mit Immobilien und Bargeld auszahlen. Dem bisher für die Patente zuständigen Mann, einem Herrn Dr. Fred Reiter, wollte sie nun die Finanzen übergeben, da Arthur Burger, der für die Finanzgebarung zuständig gewesen war, vor wenigen Monaten verstorben war. Reiter habe das Vertrauen ihres Mannes besessen. Julia berichtete auch, dass Kevin Miller, der Schwiegersohn, der die Abteilung Business Development und Marketing & Sales International leitete, erwartet habe, in die Geschäftsleitung aufzusteigen. Aber Marion zögere damit, weil auch ihr Mann das noch nicht gewollt habe, denn Miller trete für eine Reorganisation des Unternehmens ein, was wiederum nur durch die Hereinnahme eines Partners möglich wäre. Es hatte in der Vergangenheit innerhalb der Familie heftige Diskussionen darüber gegeben. Lederer wollte die Selbstständigkeit der Firma beibehalten, was mit einem Partner nicht möglich gewesen wäre.

„Na, das wäre ja schon ein Motiv. Er räumt den Schwiegervater aus dem Weg, weil er seinen Plänen entgegensteht.“

„Du mit deinen Schnellschüssen. Miller ist erst kurz vor dem Begräbnis aus den USA zurückgekehrt. Er war zur Tatzeit nicht einmal im Lande.“

„Das alles ist Sache der Polizei. Ich will damit nichts zu tun haben. Uns geht das nichts an. Ich habe dir das letzte Mal das Versprechen gegeben, mich nie mehr in einen Kriminalfall einzumischen, und gedenke, es zu halten.“

„Ich habe aber Marion meinen juristischen Beistand zugesagt. Sie hat mich gebeten, gewisse Verträge unter die Lupe zu nehmen. Die leitenden Angestellten waren sich nicht immer einig. Einige von ihnen waren dafür, die Firma zu vergrößern, andere setzten auf ein langsames Wachstum. Wir haben einen Partner in der Kanzlei, der sich im Unternehmensrecht gut auskennt, der soll sich damit beschäftigen. Jedenfalls übernimmt Dr. Reiter nun die Finanzen, was für ihn einen Aufstieg bedeutet. Er profitiert also vom Tod Lederers. Offenbar hält Marion viel von ihm. Sie überlegt sogar, ob sie ihn zum zweiten Geschäftsführer ernennen soll.“

„Ihr geht es also um das Vermächtnis ihres Mannes?“

„Ja, sie will sich nun mehr in die Firma einbringen als bisher und ihre medizinische Praxis zurücknehmen, wenigsten so lange, bis der Sohn in das Unternehmen eintreten kann.“

„Was weißt du über ihren Schwiegersohn?“

„Miller stammt aus einer austro-kanadischen Familie und hat an der London School of Economics studiert. Seine Familie ist vermögend, sein Vater besitzt ein Unternehmen, das aber wahrscheinlich sein älterer Bruder bekommen wird. Er hat Roswitha, die Tochter, bei einem Studienaufenthalt in Wien kennengelernt.“

„Was macht sie?“

„Sie war immer ein wenig das Sorgenkind der Familie. Nach zwei Semestern Medizin ist sie auf Kunstgeschichte umgestiegen und hat schlussendlich promoviert. Nach einer Affäre mit einem viel älteren Mann, der sie andauernd betrogen hat, ist sie nach Wien gegangen, um dort in einer Galerie zu arbeiten, wo sie dann Kevin Miller begegnet ist. Derzeit führt sie in Graz eine eigene Galerie mit dem Namen Brennpunkt.“

„Über die Galerie habe ich schon etwas gehört, war aber noch nie dort, denn sie stellt vorwiegend die Maler der Gruppe Wirklichkeiten und surrealistische Künstler aus, und ich mag die alle nicht.“

„Das musst du ihr ja nicht sagen.“

„Ich bin gewarnt und werde meine Zunge hüten.“

Trotzdem ließ man mich nicht in Ruhe. Die junge Polizistin saß andauernd mit meiner Sekretärin Simone zusammen, die beiden waren sogar schon per Du. Simone liebt es, Dinge auszuforschen, sie ist die geborene Ermittlerin. Durch sie bin ich immer über alles im Spital informiert. Dann, mitten am Vormittag, als ich mich gerade zwischen zwei Operationen entspannen wollte, die Füße am Schreibtisch, platzte Jakob herein.

„Aha, der Herr Professor lässt es sich gut gehen.“

„Ich bin schon zwei Stunden im OP gestanden und gehe bald noch einmal für zwei Stunden dorthin.“

„Ich habe einige Fragen an dich, die Familie Lederer betreffend.“

„Ich weiß nichts Genaueres über sie.“

„Aber deine Frau arbeitet doch derzeit für sie.“

„Dann frag Julia.“

„Du willst mir also nicht helfen.“

„Nein, absolut nicht. Das letzte Mal, als ich für dich ermittelt habe, wäre ich fast draufgegangen. Ich weigere mich, etwas in dieser Richtung zu unternehmen. Ich bin hier Arzt und sonst nichts.“

„Und wenn noch ein Todesfall auftritt?“

„Auch dann nicht. Ihr bekommt alle Auskünfte, die ihr benötigt, und wir werden unsere Augen offen halten. Adesso, basta.“

„Wir suchen ein Motiv und glauben, dass es etwas mit der Firma zu tun hat.“

„Dann frag doch Marion Lederer, sie will doch auch, dass der Mörder ihres Mannes gefunden wird.“

„Und wenn sie es selbst war? Sie könnte es durchaus getan haben.“

„Red nicht so einen Blödsinn. Ich werde sicher kooperativ sein, denn vor allem bin ich beunruhigt, dass bei uns im Spital ein Mörder sein Spiel treiben könnte.“

„An den Infusionen und auch am Bett sind so viele Fingerabdrücke, dass wir nichts zuordnen können. Übrigens, was das Pflegepersonal betrifft, du hast fast keine Pfleger mehr. Warum?“

„Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens gibt es überhaupt mehr Krankenschwestern als Pfleger, zweitens mag ich kein männliches Pflegepersonal. Das weiß man bei der Pflegeleitung, und das wird berücksichtigt.“

„Und warum magst du keine Männer?“

„Weil sie sich oft nichts sagen lassen wollen und ihre Mitschwestern gerne unterdrücken. Das gilt aber nicht für alle. Erst voriges Jahr habe ich einen hervorragenden Pfleger gehabt, der uns leider verlassen hat. Den habe ich sogar ermutigt, Medizin zu studieren.“

Mein Telefon läutete, ich musste in den OP. Ich schüttelte Jakob die Hand und ließ ihn allein.

In der nächsten Woche hatte ich endlich Ruhe. Auch die junge Polizistin war aus dem Sekretariat verschwunden, sehr zum Leidwesen von Simone.

Eine Einladung

Langsam begann ich, den Fall zu verdrängen, als Julia eines Abends das Gespräch darauf brachte.

„Marion hat mit ihrem Schwiegersohn offensichtlich doch Probleme. Bisher hat sie über ihn vollständig neutral gesprochen, aber es scheint Zoff gegeben zu haben. Sie machte eine Bemerkung, dass der Haushalt ihrer Tochter ein Fass ohne Boden sei und dass sie Angst habe, dass diese ihren Erbteil zu rasch verbrauchen werde.“

Das interessierte mich schon.

„Warum?“

„Die beiden jungen Leute haben ein großes Haus und führen ein Luxusleben. Kevin hat sich gerade einen Porsche gekauft, wobei Marion der Meinung ist, dass es sein BMW noch länger getan hätte. Und Roswithas Galerie wirft auch keine Gewinne ab, Marion sagt, dass sie nur erfolglose Künstler unterstütze. Sie glaubt, dass die beiden weit über ihre Verhältnisse leben, und das macht ihr Sorgen.“

„Wie ist er bei der Arbeit?“

„Sie meint, dass er tüchtig sei. Nur ihre Ansichten über die Zukunft der Firma seien eben verschieden. Ein Teil des Führungspersonals stehe auf seiner Seite, der andere habe auf der ihres Mannes gestanden.“

„Wenn sie einen Verdacht hat, dass er über seine Verhältnisse lebt, dann soll sie sich doch genauer darüber informieren.“

„Sie kann ihn doch nicht fragen!“

„Nein, aber sie kann einen Detektiv anstellen. Kannst du dich noch an meinen Herrn Wotruba erinnern? Sprich einmal mit ihr. Er ist ein tüchtiger Bursche, den kann ich ihr empfehlen.“

Am nächsten Abend kam bei einem Glas Rotwein die Sprache neuerlich auf die Lederer Pharmazeutik. Julia hatte mit ihrem Mitarbeiter den ganzen Tag in Raaba verbracht. Es war dabei hauptsächlich um die Regelung des Nachlasses gegangen.

„Ich habe Marion vorgeschlagen, einen Detektiv zu engagieren, und ihr erzählt, dass Wotruba für dich hervorragende Arbeit geleistet hat. Sie will aber ihrem Schwiegersohn nicht nachspionieren.“

„Das verstehe ich auch. Wenn er das erfährt, ist der Familienfriede ein für allemal gestört.“

„Ich habe ihr jedenfalls die Adresse von Wotruba gegeben. Sie hat uns übrigens am Wochenende zu einem Abendessen eingeladen.“

Am Samstagabend fuhren wir nach Petersbergen, ein Wohnviertel im Südosten von Graz, wo die Lederers ein schönes und standesgemäßes Haus besitzen – mit einem prachtvollen Ausblick auf den Süden von Graz und auf das steirische Mittelgebirge. Das Haus gefiel mir, ein ­moderner, aber perfekter Schuhschachtelstil, harmonisch in die Landschaft eingefügt. In der Auffahrt standen schon einige Luxusautos, neben denen sich Julias Golf etwas mickrig ausnahm. Für mich sind Autos ein Gebrauchsgegenstand, ich habe zwar immer ordentliche besessen, aber als Statussymbol benötige ich sie nicht. Und es dauert bei mir auch immer ziemlich lange, bis eine Beule im Kotflügel ausgebessert wird. Vor allem wenn ich ins Ausland fahre und in besseren Hotels absteige, lasse ich mir vorher die Karosserieschäden richten.

Ein Mädchen führte uns durch das Haus auf eine ­Terrasse. Außer uns war noch ein Paar, offenbar enge Freunde der Familie, eingeladen, außerdem waren die beiden Kinder und der austro-kanadische Schwiegersohn von Marion zugegen. Wir wurden einander vorgestellt – der Herr war ein Banker und seine Begleiterin eine ­Unternehmerin – und nahmen einen Aperitif. Das Gespräch drehte sich um Kredite, Investitionen und Auslagerungen. So wie Mediziner über Medizin sprechen und Juristen über Rechtsfälle, sprechen Geschäftsleute gerne über Geschäfte. Mich interessierte das Thema nicht, doch Julia hörte gespannt zu. Ich wandte mich den beiden Geschwistern zu und sagte zu Roswitha: „Ich habe gehört, Sie haben eine Galerie in Graz eröffnet.“

Die zarte junge Frau bekam gleich etwas Farbe im Gesicht: „Interessieren Sie sich für bildende Kunst?“

„Ich bin zwar Arzt, beschäftige mich aber schon seit meiner Jugendzeit mit Kunst.“

„Diese ewigen Gespräche über Investitionen und Umsätze kann ich schon nicht mehr hören. Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen einige schöne Bilder, die ich meinen ­Eltern aufgedrängt habe.“

Sie führte mich ins Haus. Im großen Wohnzimmer harmonierten eine moderne Sitzgruppe und ein schöner Barockschrank miteinander und an den Wänden befand sich eine ansprechende Mischung von modernen und ­alten Bildern. Ein Rainer, ein Prachensky, ein Weiler hingen neben einer prachtvollen italienischen Landschaft aus dem 17. Jahrhundert und einem Biedermeierporträt. Im nächsten Raum, in dem für uns gedeckt war, fanden sich Arbeiten von Giuseppe Penone, Morris Louis und Wolfgang Hollegha.

„Wissen Sie, dass Hollegha mit Louis zusammen in den USA ausgestellt hat?“

„Ich weiß, deswegen habe ich Papa überredet, die beiden Bilder zu kaufen. Er ließ mir freie Hand. Ich durfte auch beim Hausbau vor vier Jahren mitreden.“

„Sie haben einen sicheren Geschmack, meine Hochachtung. Sie hätten Innenarchitektin werden sollen.“

Auch in den anderen Räumen sah ich noch viele schöne Bilder. Angeregt durch ein Gespräch über die zeitgenössische Kunst, kehrten wir zu den anderen zurück. Ein strafender Blick Julias ereilte mich. Marion meinte nur: „Da haben sich die beiden Richtigen gefunden.“

Bei Tisch ging die Konversation im gleichen Stil weiter. Es wurde über Expansion und Geld diskutiert. Wortführer war Kevin Miller, der auch von einem neuen Medikament, das die Lederer Pharmazeutik entwickelte, erzählte. Es war ein Schlankheitspräparat, in das große Hoffnungen gesetzt wurden. Auch Marion, die ich immer als Kollegin betrachtet hatte, schien viel vom Geschäft zu verstehen und vertrat energisch ihre Meinung. Kevin war der Ansicht, dass man jetzt investieren müsse, da man Kredite für niedere Zinsen bekomme. Ich dachte mir nur, dass wir dafür auch für unsere Einlagen von den Banken nichts bekommen. Mein altmodisches Sparbuch brachte weniger an Zinsen, als die gegenwärtige Inflation verschlang. Wenn man noch die Kontogebühren dazurechnete, könnte man fast zu dem Entschluss kommen, sein Geld daheim unter der Matratze aufzubewahren. Julia sprach wenig, hörte nur zu. Ich saß den beiden jüngeren Leuten gegenüber, beteiligte mich nicht am Hauptgespräch und unterhielt mich mit den beiden über Kultur.

„Sammeln Sie?“, fragte mich Roswitha.

„Ein wenig, aber ich habe keinen Platz mehr in meinem Haus. Manchmal verkaufe ich auch etwas.“

„Das tun nur wenige.“

„Ein Sammler beginnt dann einer zu sein, wenn er weitere Kunstwerke erwirbt, obwohl sein Haus oder seine Wohnung schon voll ist und er nichts mehr aufhängen oder aufstellen kann.“

„Da haben Sie recht.“

Dann erzählte ich etwas über meinen medizinischen Alltag, was sie einigermaßen zu interessieren schien. Insgesamt verlief der Abend unterhaltsam.

Als ich mich von Marion verabschiedete, meinte sie: „Du Armer, heute hast du dir eine Menge vom Geschäft anhören müssen.“

„Ich habe mich mit deinen wirklich netten Kindern sehr gut unterhalten.“

Auf der Heimfahrt fragte ich Julia: „Was sagst du zum Schwiegersohn?“

„Eine starke Persönlichkeit, aber schwer einzuschätzen. Zu mir sehr höflich, er macht mir ein wenig den Hof. Seine Bemerkungen über die Entwicklung der Firma präsentiert er bestimmt, aber vorsichtig. Er weiß, dass er noch nichts zu sagen hat. Ich schätze ihn als tüchtig ein. Seine Ansichten scheinen mir vernünftig zu sein. Aber Roswitha hat es mit ihm sicher nicht leicht, er ist sehr dominant.“

„Wann ist die Erbschaft abgewickelt?“

„Das wird noch lange dauern. Die Familie ist wirklich reich. Da zahlt es sich aus, einzuheiraten. Trotzdem gibt es bei der Weiterentwicklung der neuen Schlankheitspille finanzielle Engpässe.“

„Bis heute ein Medikament auf den Markt kommt, kostet es fast eine Milliarde Euro. Das übersteigt die Möglichkeiten einer Firma dieser Größe. Nach Tierversuchen müssen vor einer Zulassung mehrphasige Studien am Menschen gemacht werden. Es kann passieren, dass man fast das ganze Geld ausgegeben hat und sich in der letzten Studie herausstellt, dass schwere Nebenwirkungen auftreten. Dann ist alles weg. Deshalb müssen kleinere Firmen ihre Patente oft an die großen Konzerne verkaufen, weil sie mit ihren Finanzen am Ende sind.“

„Lederer wollte offenbar noch nicht verkaufen, entweder meinte er wohl durchzukommen oder er wollte den Preis höher hinauftreiben. Es ist tragisch, dass ausgerechnet der für die Finanzgebarung zuständige Arthur Burger, der ihm eine wichtige Unterstützung war, vor einigen Monaten gestorben ist.“

„Weißt du eigentlich, woran er gestorben ist?“

„Keine Ahnung, jedenfalls nicht an Altersschwäche.“

Der Detektiv

Montagnachmittag bekam ich wieder einmal Besuch von der Polizei. Jakob betrat mein Büro, seine junge Kollegin blieb bei Simone.

„Was gibt es Neues?“, fragte ich ihn.

„Wir haben allen Patienten, die zum Zeitpunkt der Tat auf der Station lagen, die Fotos aller Ärzte, Schwestern und Pfleger gezeigt, die bei euch arbeiten. Niemand hat etwas Außergewöhnliches bemerkt. Nur eine Patientin, die am Gang auf und ab spazierte, meinte, sich erinnern zu können, dass außer der Stationsschwester ein Mann Lederers Zimmer betreten habe, der ein grünes OP-Hemd getragen habe. Die Patientin ist 80 Jahre alt, aber geistig durchaus fit. Sie glaubt, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben, ist sich aber nicht sicher, wo es war.“

„Das klingt nicht gerade nach einer heißen Spur.“

Dann fiel mir etwas ein: „Jakob, vor ein paar Monaten ist ein wichtiger Mitarbeiter von Lederer gestorben. Sein Name war Burger. Vielleicht findest du heraus, woran er gestorben ist.“

„Du meinst, dass er beseitigt wurde?“

„Nein, ich habe keine Ahnung, aber zwei Todesfälle innerhalb so kurzer Zeit in einer Firma, da sollte man sich schon davon überzeugen, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Es kann aber natürlich auch ein Irrer gewesen sein oder einer, der sich als Herr über Leben und Tod betrachtet. So etwas gab es in den letzten Jahren immer wieder, denk an die Pflegerinnen von Lainz, die waren kein Einzelfall.“

Als Jakob ging, hörte ich durch die geöffnete Tür aus dem Vorzimmer das fröhliche Lachen der zwei jungen Damen, die sicher nicht über den Mord gesprochen hatten.

Kurz danach wurde ich wieder mit dem Mord belästigt: Frau Staatsanwalt Leitner-Markovic war am Telefon. Ihr Ton war diesmal wesentlich umgänglicher, beinahe schon normal. Sie wollte wissen, ob wir etwas herausgefunden hätten und ob mir noch etwas eingefallen sei? Ich verneinte und meinte, dass nicht ich es sei, der die Ermittlungen führe, sondern die Polizei. Sie könne doch Chefinspektor Steinbeißer interviewen, der gerade bei mir gewesen sei. Dann fragte sie mich, diesmal weniger direkt, noch einmal über mein Verhältnis zur Familie Lederer aus. Wie oft ich in den letzten Jahren Kontakt mit Marion gehabt hätte und ob die Ehe der beiden glücklich gewesen sei?

Ich wehrte energisch ab: „Selbst wenn ich etwas wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen.“

„Ich will Sie nicht zu einem Vertrauensbruch bewegen, sondern ich will Frau Lederer lediglich von einem Verdacht befreien. Schließlich ist sie die Alleinerbin und könnte die Tat sehr wohl begangen haben.“

Wir beendeten unser Gespräch in Frieden. Diese Frau war verdammt misstrauisch. Glaubte sie am Ende, ich wäre der Geliebte von Marion gewesen und hätte Lederer beseitigt, um an das große Geld heranzukommen? Ich muss aber gestehen, dass ich keine Ahnung gehabt hatte, wie reich Marion tatsächlich war. Sie wäre wirklich eine gute Partie.

Kaum hatte ich aufgelegt, erhielt ich einen weiteren Anruf, diesmal von Marion.

„Paul, Julia hat mir etwas von einem Detektiv erzählt. Ich möchte ihn nun doch engagieren. Ist dieser Wotruba wirklich diskret und verlässlich?“

„Absolut, er hat unauffällige Methoden und behandelt die Geheimnisse seiner Klienten mit äußerster Verschwiegenheit.“

„Wir haben momentan Probleme mit Kevin. Er hat erwartet, dass Roswitha sofort Firmenanteile erbt und er dadurch mehr Mitspracherecht erhält. Ich habe ihn selbstverständlich mit einer wichtigeren Position betraut, aber das ist ihm zu wenig. Ich möchte daher etwas über seinen Umgang und seine Verbindungen erfahren.“

„Dann engagiere Wotruba. Übrigens, Julia hat mir mitgeteilt, dass ein leitender Angestellter eurer Firma, ein Herr Burger, vor einem halben Jahr gestorben ist.“

„Das ist eines unserer Probleme. Kevin wollte unbedingt seine Stellung haben, die ich aber an Dr. Reiter vergeben habe.“

„Warum?“

„Reiter ist ohne Zweifel tüchtig und hat sich bisher bewährt. Auch Fritz hat ihn geschätzt. Dafür werde ich, wenn ich von Kevin überzeugt bin, ihn direkt in die Geschäftsführung nehmen. Außerdem habe ich noch einen Sohn. Mein Endziel wäre es, dass Kevin und Sebastian die Firma leiten.“

„Woran ist Burger gestorben?“

„Er war Diabetiker und ist beim Sport gestorben. Er hat sich wohl übernommen.“

Aber auch nach diesem Gespräch hatte ich noch keine Ruhe. Simone kam herein und brachte mir eine Reihe von Schriftstücken zur Unterschrift.

„Soll ich nachforschen, welchen Mann Frau Ederer gesehen haben könnte?

Ich blickte sie erstaunt an: „Frau Ederer, wer ist das?“

„Na, die alte Dame, die jemand in Lederers Zimmer gehen gesehen hat. Sie war zu einer Kontrolle bei uns aufgenommen und ist zur Tatzeit auf dem Gang gewesen.“

Ich erinnerte mich vage.

„Sollen wir der Polizei nicht auch die Fotos aller Männer zur Verfügung stellen, die im Haus arbeiten?“

„Machen Sie, was Sie wollen, aber nicht in der Dienstzeit. Ich möchte mich nicht in die Ermittlungen einmischen. Das alles ist Sache der Polizei.“

Simone packte wortlos die unterschriebenen Papiere und stöckelte grußlos mit festen Schritten hinaus. Ich hatte sie beleidigt. Nachdenklich sah ich auf ihr reizendes Hinterteil, das empört hin und her schwang. Ihr Gang ist immer so etwas wie ein Stimmungsbarometer, das ich gut deuten kann. Es gibt einen zufriedenen Abgang, mit langsamen elastischen Schritten, wie auf einem Catwalk sozusagen, und vor der Tür gibt es noch einen freund­lichen Blick zurück. Dann kann ihr Gang auch einladend, ja verführerisch sein, dann ist auch der Hüftschwung etwas ausgeprägter. Das geschieht, wenn man von mir etwas will. Heute war ich etwas ungehalten gewesen, daher die beleidigte Gangvariante. Sie war einfach nur neugierig, aber ich muss gestehen, dass ihre Neugier mir schon oft geholfen hat.

Endlich konnte ich mich wieder meiner Arbeit zuwenden, ich stand auf und begann meine Visite. Im Spital hat sich in den letzten Jahren einiges geändert. Dafür gibt es viele Ursachen. Die Dreiteilung der Führung in Ärzteschaft, Pflege und Verwaltung ist eine davon. Diese Leitungsorgane agieren häufig nicht miteinander, sondern nebeneinander oder gegeneinander. Die Fortschritte in der Medizin und nicht zuletzt die Digitalisierung des Alltags haben die Kosten und den Aufwand beträchtlich vergrößert. Die notwendigen Rationalisierungen wurden von Managern durchgeführt, die dies zu tun anderswo gelernt haben. Sie haben die Spitäler so wie ein beliebiges anderes Unternehmen organisiert und orten Sparpotenziale, wo es keine gibt. So hat die Digitalisierung – der Fluch und Segen unserer Zeit – zu einer immer größer werdenden Bürde der Dokumentation geführt, die Ärzten und Schwestern weniger Zeit für den Patienten lässt. Wir alle leisten heute die Arbeit, die früher Sekretärinnen gemacht haben. Die können das nämlich nicht mehr machen, weil dafür zu viel Fachwissen notwendig ist. Der Patient, der ein Spital betritt, wird stundenlang befragt, zuerst von der Krankenschwester, dann vom Stationsarzt und dann vom Spezialisten. Alles wird dokumentiert und weggespeichert. Der Patient wird über alles aufgeklärt und muss für jeden Handgriff, der bei ihm getan wird, eine Einwilligung unterschreiben. Der nun „aufgeklärte“ Patient hat meist nichts oder wenig verstanden und ist deswegen nicht wirklich mündig geworden. Ich erinnere mich an intelligente Patienten, die ich zuerst selbst in meiner Ordination aufgeklärt habe, die dann im Spital einen illustrierten Bogen über den Verlauf der Operation angeschaut und unterschrieben haben, nochmals aufgeklärt wurden und die Operation gut überstanden haben. Solche Patienten fragen einen dann nach Jahren: „Aber Herr Doktor, ich habe doch damals keinen Krebs gehabt?“

Für einen echten Kontakt zwischen Arzt, Pflegepersonal und Patient bleibt nur mehr wenig Zeit. Durch den ständigen Wechsel wird der Kranke verwirrt, denn er kennt „seinen“ Arzt und „seine“ Schwester nicht. Er wird in eine Diagnose- und Therapiemaschine eingespeist, die meist effizient arbeitet, auch wenn Pannen möglich sind. Meist wird er aber geheilt wieder ausgeworfen. Alle Bemühungen des Managements wie etwa die Vorstellung des Personals mit Namen und Handschlag können über die Distanz nicht hinwegtäuschen, die bleibt. Jeder von uns ist ständig auf dem Sprung, man antwortet dem Patienten, aber der Tagesablauf drängt einen weiter.

Ein humorvoller Patient hat einmal zu mir gesagt: „Was ich im Spital so schön finde, ist, dass man so viele Menschen kennenlernt, die einem alle die Hand geben und sich vorstellen. Leider sieht man sie dann kein zweites Mal.“

Ich versuche, dem entgegenzuwirken, indem ich immer wieder allein Visiten mache, bei denen ich nur eine Schwester mitnehme und mich von Patient zu Patient weitertratsche. Auf so eine Trödelvisite ging ich jetzt und wollte dabei nicht gestört werden. Wie immer konnte ich diese nicht ganz beenden, denn ich wurde durch einen Anruf in den OP geholt.

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9783701179121
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