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Hedwig Courths-Mahler
Eine fromme Lüge
Saga
Eine fromme Lüge
Coverbild/Illustration: Shutterstock
Copyright © 1922, 2021 SAGA Egmont
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9788726950359
1. E-Book-Ausgabe
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.
Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.
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Heinz Frank sass seiner Stiefmutter gegenüber. Sie hatte ihn in ihren Salon bitten lassen. Es war einige Tage nach dem Begräbnis seines Vaters, dessen Tod am Tage vor dem Weihnachtsfeste erfolgt war.
Frau Gertrud Frank war nur vier Jahre älter als ihr Stieffohn, der im siebenundreissigsten Lebensjahre stand. Sie war noch immer eine schöne, stattliche Erscheinung. Den regelmässigen Zügen, aus denen blaue Augen mit kühler Ruhe ins Leben blickten, sah man an, dass der Tod des Gatten kein unersetzlicher Verlust für diese Frau war.
Sie hatte ihrem Stiefsohn bei seinem Eintreten Platz in einem der tiefen Lehnstühle angeboten. „Du hast mich zu sprechen gewünscht. Was hast du mir zu sagen?“ fragte sie mit einem formellen Neigen des schön frisierten Hauptes.
Er hatte die Begrüssung in gleich förmlicher Weise erwidert und sich ihr gegenüber niedergelassen. Seine schlanke, aber kraftvoll-sehnige Gestalt hielt sich aufrecht im Sessel. Der charakteristische Rassekopf mit dem bronzefarbenen Teint, mit den markanten, festgefügten Zügen und dem edlen Profil sass wie in steifer Abwehr auf den breiten Schultern.
Der junge Mann trug einen dunklen, eleganten Anzug, der jedoch einen etwas fremdartigen Schnitt hatte und seiner Erscheinung etwas Ausländisches gab. Auf den ersten Blick hatte Heinz Frank jenes gewisse Etwas, das sofort Interesse abnötigt. Man konnte ihn nicht übersehen. Sein Gesichtsausdruck verriet natürlichen Stolz und geistige Überlegenheit ohne jede Überhebung.
„Ich habe mancherlei mit dir zu besprechen, was sich nicht länger aufschieben lässt“, erwiderte er ruhig und bestimmt.
Sie neigte das Haupt: „Also bitte! Ich bin bereit, dich anzuhören.“
Er legte seine schlanke, nervige Hand auf die Lehne seines Sessels. „Zuerst das Wichtigste. Dass die Firma Frank & Söhne, die seit Jahrhunderten bekannt ist, vor dem vollständigen Zusammenbruch steht, weisst du.“
„Du hast es mir am Todestage deines Vaters gesagt.“
„Ich sagte es dir vielleicht in einer schroffen, schonungslosen Art, weil ich mich, noch voller Schmerz, über den Tod meines Vaters, nicht beherrschen konnte.“
Sie zuckte die Achseln. „Eine schonungsvolle Behandlung habe ich nicht von dir erwartet. Es mag ja auch bitter für dich sein, da du selbst mit leeren Händen nach langen Jahren in die Heimat zurückkehrtest, als Erbe nichts vorzufinden als eine bankerotte Firma.“
Es lag ein leiser Hohn in ihren Worten, der ihm die Röte in die Stirn trieb.
„Dass ich mit leeren Händen heimgekehrt bin, wie du sagst, tut nichts zur Sache.“
Wieder zuckte sie mit den Schultern. „Ich konstatierte die Tatsache nur, weil du damals verschworen hast, nur als gemachter Mann Heimzukehren, wenn dies je geschehen würde. Du liessest dir damals das Erbteil deiner Mutter auszahlen, dein Vater musste es aus dem Geschäft ziehen, weil du damit grosse abenteuerliche Pläne verwirklichen wolltest.“
Er hatte seine Ruhe wieder erlangt.
„Ich liess mir allerdings die mit aus dem Erbe meiner Mutter zustehenden vierzigtausend Mark auszahlen, die Vater damals leicht entbehren konnte, aber nicht, um abenteuerliche Pläne zu verwirklichen, sondern nur, um mir fern der Heimat eine Existenz zu gründen.“
„Leider hast du dieses Vermögen nicht vermehrt, sondern aufgebraucht, und deines Vaters Hoffnung, dass du ihm helfen könntest, war eine vergebliche.“
„Darüber wollte ich nicht mit dir reden“, sagte er kalt. „Meines Vaters Tod dürfte die Folge seines geschäftlichen Zusammenbruches sein, die Zahlungsunfähigkeit der von seinen Vorfahren ererbten Firma, die drohend vor ihm stand, und die er nicht mehr aufhalten konnte, ging ihm an den Lebensnerv. Er hat mir vor seinem Tode bestätigt, nachdem ich mich mit ihm ausgesöhnt hatte, dass er daran zugrunde gegangen ist — daran und an den Selbstvorwürfen, die er sich gemacht hatte. Er hatte schwere Kämpfe und Leiden hinter sich. Dazu kam seine Sorge um Jutta und — um dich. Das ruinierte ihn seelisch und körperlich.“
Sie warf den Kopf zurück. „Aus deinen Worten klingt ein Vorwurf. Ich weise ihn zurück. Was kann ich dafür, dass die Geschäfte von Jahr zu Jahr zurückgegangen sind? Dein Vater hätte ja wissen müssen, wie weit er gehen durfte.“
Es blitzte zornig in seinen Augen auf, aber er beherrschte sich. „Ich habe keinen Vorwurf ausgesprochen. Dass du aus meinen Worten einen solchen heraushörst, zeugt davon, dass du dir bewusst bist, Vorwurf zu verdienen. Gewiss sind die Umsätze von Jahr zu Jahr geringer geworden, weil meines Vaters Kraft sich zersplitterte. Aber das hätte den Ruin noch nicht herbeigeführt. Ich habe in die Bücher Einblick genommen — es sind Unsummen aus dem Betrieb gezogen und verschwendet worden! Daran bist du allein schuld! Mein Vater war kein Verschwender, er war für sich anspruchslos und hat sich nur von dir bestimmen lassen, weit über seine. Verhältnisse hinaus ein grosses Haus zu führen, dir die unsinnigsten Wünsche zu erfüllen! Dies alles tat er gegen seine bessere Einsicht.“
Es zuckte nervös in Frau Gertrud Franks Gesicht.
„Weisst du das so genau?“
Seine Stirn zog sich zusammen. „Ja, Vater hat es mir auf seinem Sterbebette selbst gestanden, dass seine Liebe zu dir ihn verleitete, dir die verschwenderischsten Wünsche zu erfüllen, obwohl er wusste, dass er damit den Untergang seines Hauses herbeisührte.“
Sie biss sich auf die Lippen. „Ich habe nicht geahnt, dass dein Vater über seine Verhältnisse lebte.“
Wieder flammte sein Blick auf. „Er hat nicht über seine Verhältnisse gelebt, denn er war schlicht und anspruchslos. Nur du hast es getan, nur dir zuliebe war er schwach. Du solltest ihm keinen Vorwurf ins Grab nachschicken. Doch lassen wir das! Es ist nicht mehr ungeschehen zu machen. Wir haben jetzt nur mit Tatsachen zu rechnen. Tatsache ist, dass die Firma Frank & Söhne aufhören muss zu bestehen, wenn sich nicht jemand findet, der dreihunderttausend Mark Kapital hergibt, um die Forderungen zu decken, die in den nächsten Wochen fällig werden. Nur dann wäre der Ruin aufzuhalten. Ich habe meinem Vater, um ihm das Sterben leicht zu machen, versprochen, alles zu tun, was in meinen Kräften steht, die Firma zu retten. Dieses Versprechen will ich halten. Ich bin als der einzige. Sohn meines Vaters der Erbe der Firma, und ich werde dieses Erbe antreten, obwohl es mir nur Lasten und Verpflichtungen bringt.“
„Wenn du aber niemand findest, der dir dies Kapital vorstreckt?“ fragte sie gepresst und unruhig.
„Das lass meine Sorge sein. Jo hoffe, diese Angelegenheit regeln zu können, wenn auch mit grossen Opfern und Schwierigkeiten. Wenn ich es schaffen kann, soll die Firma Frank & Söhne ihren guten Ruf wieder erhalten.“
Es zuckte spöttisch um ihre Lippen. „Du nimmst dir viel vor. Ich denke, die Verhältnisse sind unhaltbar geworden?“
Fest und ruhig sah er sie an. „Ich pflege mir nicht mehr vorzunehmen, als ich durchführen kann.“
„Du hast immer gern grosse Worte gebraucht. Ich muss wieder daran denken, dass du nur als gemachter Mann heimkehren wolltest. Auch sprachst du damals in grossen Tönen davon, dass du nie ins Vaterhaus zurückkehren würdest, wenn dein Vater dich nicht darum bitten würde. Und nun bist du doch da.“
Wie Wetterleuchten zuckte es in seinem Gesicht. Dann sagte er ruhig überlegen: „Ich habe sogar geschworen, dass ich ungerufen nicht wiederkehren würde.“
„Sogar geschworen?“ höhnte sie.
„Ja — und ich habe meinen Schwur gehalten, so schwer es mir auch geworden ist, auf den Ruf meines Vaters zu warten. Lange habe ich warten müssen, aber Schliesslich kam er doch. Du wusstest es nur nicht, dass meines Vaters Sehnsucht auf dem Krankenbette mächtiger wurde als dein Einfluss. Er hat mich heimgerufen, hat mich gebeten, heimzukehren, ehe ihm der Tod die Augen schloss!“
Sie zuckte zusammen und richtete sich hoch auf.
„Er hätte dich heimgerufen? Wie konnte er das? Er wusste doch all die Jahre nicht, wo du weiltest.“
„Allerdings, das hat er nicht gewusst. Aber als ich dieses Haus vor mehr als fünfzehn Jahren verliess, habe ich meinem Vater mitteilen lassen, dass mein Freund Lothar Bredow immer von mir hören würde, wo ich leben würde. So habe ich es all die Jahre auch gehalten. Lothar Bredow lebt seit einigen Jahren als Rechtsanwalt in Berlin, und mit ihm bin ich in Verbindung geblieben. An ihn hat sich Vater gewandt, als er vor Monaten krank wurde und seine Sehnsucht nach mir nicht länger beherrschen konnte. Mein Freund sandte mir Vaters Brief sofort ein, und ich machte mich, so schnell ich konnte, auf die Reise. Dass Vater mich nicht schon früher heimrief, lag an dir. Du hast ihn daran gehindert.“
Sie wurde rot und wich seinem Blick aus. „Ich?“ entgegnete sie verlegen.
Er nickte. „Ja, du! Dein Hass gegen mich muss sehr gross gewesen sein, gross genug, zwischen Vater und Sohn eine Scheidewand aufzubauen. Nur heimlich hat er es schliesslich gewagt, mich heimzurufen. Und fast wäre ich, so sehr ich mich auch beeilte, zu spät gekommen, um meinen Frieden mit ihm zu machen und ihm die Augen zu schliessen, denn mein Weg war weit — sehr weit. Gottlob fand ich ihn noch am Leben, und — er ist gestorben in der festen Überzeugung, dass er mir Unrecht getan hatte, als er mich vor fünfzehn Jahren aus dem Hause wies — als Dieb!“
Frau Frank war blass geworden; ihre Augen irrten scheu zur Seite. „Du warst des Diebstahls doch überführt“, stiess sie heiser hervor.
Er sprang hastig auf, so dass sie erschrocken zusammenzuckte, und dicht trat er vor sie hin.
„So? War ich das wirklich? Auf welche Beweise hin? Nur darauf hin, dass du angegeben hast, du hättest mich in der Nacht aus jenem Zimmer schleichen sehen, aus dem Vaters Brieftasche mit zwanzigtausend Mark entwendet worden war. Gewiss, man hat diese Brieftasche, ohne das Geld, am nächsten Morgen während meiner Abwesenheit in der Brusttasche eines meiner Anzüge gefunden. Aber waren das Beweise meiner Schuld? Damals konnte ich sie nicht entkräften. Vater glaubte diesen Beweisen mehr als der Versicherung seines Sohnes, unschuldig zu sein. — Du hattest erreicht, dass ich das Vaterhaus verlassen musste. Ich war dir ja immer ein Dorn im Auge, weil ich wusste, dass du einen andern liebtest und Vater nur aus Berechnung geheiratet hattest!“
Jetzt fuhr auch sie empor und stand ihm blass, mit sprühenden Augen gegenüber. „Schweig! Kommst du auch jetzt noch mit diesem Märchen? Wen willst du damit noch schrecken? Du hast mich gehasst! Warum, weiss ich nicht. Wahrscheinlich, weil ich deiner Schwester das Leben gab. Du fürchtetest wohl, dereinst dein Erbe mit ihr teilen zu müssen. Damals war ja noch auf ein grosses Erbe zu rechnen.“
Ein verächtliches Lächeln spielte um seinen Mund. Er wurde wieder kalt und ruhig. „Meine kleine Schwester habe ich lieb gehabt. Sie war ja nicht nur deine, sondern auch meines Vaters Tochter. Der Verdacht, den du da aussprichst, trifft mich nicht. Du sprichst ihn auch gegen deine Überzeugung aus. So genau du wusstest, dass ich die zwanzigtausend Mark damals nicht entwendet hatte, so genau weisst du auch, dass ich andere Gründe hatte, dir feindlich gegenüber zu stehen.“
Sie verfärbte sich jäh. „Du irrst, ich bin noch heute der festen Überzeugung, dass du die zwanzigtausend Mark genommen hast. Wahrscheinlich, weil du damit in die weite Welt wolltest. Ich habe eines Tages selbst gehört, wie du zu Lothar Bredow sagtest: Wenn ich mein Einjähriges hinter mir habe, gehe ich in die weite Welt. Zu Hause wird es mir zu eng. Nun — du hattest dein Einjähriges und warst fertig. Da nahmst du das Geld, um fortzukommen. Das ist meine feste Überzeugung.“
Mit einem seltsam überlegenen Blick sah er sie an.
„So — du bist also überzeugt, dass ich der Dieb war?“ fragte er.
Sie gab sich Haltung. „Gewiss! Wer hätte es sonst entwenden können? Niemand als du hatte Zutritt zu dem Zimmer deines Vaters, in dem die Brieftasche lag.“
„Ganz recht — nur ich und du!“
„Nun also!“ sagte sie leichthin.
„Nun also! Folglich musste einer von uns beiden der Dieb sein, ich — oder du.“
Ihre Augen irrten ab. „Dein Vater fand die leere Brieftasche in deinem Anzug.“
„Richtig! Als du ihn darauf hinwiesest, dass es seine Pflicht sei, meine Sachen zu durchsuchen, da fand er die Brieftasche in meinem Anzug!“
„Das war doch Beweis genug.“
„Vielleicht auch nicht. Irren ist menschlich. Du hattest dich ja auch geirrt, als du gesehen zu haben glaubtest, dass ich in jener Nacht aus Vaters Zimmer gekommen sei. Vielleicht hatte ein anderer die leere Brieftasche in meiner Abwesenheit in meinen Anzug gesteckt. Ich hatte schon damals die feste Überzeugung, und habe sie heute noch.“
Nervös klopfte sie mit ihren Fingern auf die Sessellehne. „Wer hätte das tun sollen?“
Er beugte sich plötzlich weit vor und sah sie scharf an. „Du!“ sagte er halblaut.
Das traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. „Was wagst du!“ schrie sie, heiser vor Erregung.
Er lehnte sich zurück. „Es ist oft ein Wagnis, die Wahrheit zu sagen, aber in diesem Falle ist es für mich keines. Lass deine Empörung! Wir wollen ruhig bleiben — in deinem Interesse. Es ist nicht nötig, dass jemand etwas von dem hört, was jetzt zwischen uns zur Sprache kommt, zur Sprache kommen muss. Der Name Frank soll rein bleiben. Mein Vater hat nicht erlaubt, trotzdem er damals an meine Schuld glaubte, dass du zu jemand davon gesprochen hast. Er hat der Öffentlichkeit gegenüber einen glaubhaften Vorwand gefunden, weshalb ich das Vaterhaus verlassen hätte. Daran soll nicht gerüttelt werden. Jetzt könnte dich vielleicht dein Hass gegen mich so weit treiben, das Märchen von meinem Diebstahl auszuplaudern. Dem muss ich einen Riegel vorschieben. Und deshalb soll heute reiner Tisch zwischen uns geschaffen werden. Also ohne weitere Umschweife — ich weiss, dass du damals die zwanzigtausend Mark entwendet hast.“
Sie fuhr kerzengrade empor. „Unverschämter!“ stiess sie mit blassen, bebenden Lippen hervor und sah angstvoll nach der Tür.
Er erhob sich ruhig, öffnete die Tür und überzeugte sich, dass kein Lauscher in der Nähe war. Dann wandte er sich nach ihr um und nahm seinen Platz wieder ein.
„Bitte, bleib ruhig sitzen und lass uns ohne Lärm und ohne dramatische Pose zu Ende kommen. Ich ahnte schon damals, dass nur du das Geld haben konntest, wenn ich auch nicht erriet, zu welchem Zwecke du es entwendet hattest. Nur, um meinen Vater zu schonen, der ja mit seinem ganzen Herzen an dir hing, vergalt ich deine Anschuldigung nicht mit einer Gegenklage.“
Frau Gertrud Hatte sich mühsam gefasst. „Ich halte es für unter meiner Würde, mich zu verteidigen. Aus dir spricht der Hass“, sagte sie, ihrer Stimme Festigkeit gebend.
„Nein, heute hasse ich dich nicht mehr! Wenn mein heisser, jugendlicher Zorn gegen dich Hass war, so entsprang er nur den überschwenglichen Gefühlen meiner Jünglingsseele. Ich hatte meine Mutter namenlos geliebt, liebte meinen Vater. Du verdrängtest die angebetete Mutter aus seinem Herzen und raubtest mir seine Liebe. Da glaubte ich, dich hassen zu müssen und habe dir diesen Hass auch ohne Bedenken gezeigt. Ich war ja noch so töricht, so jung! Der Kampf draussen in der Welt hat diesen jungenhaften Hass gelöscht. Was davon übrig blieb, ist vielleicht kaum noch Verachtung. Hätte ich dich wirklich gehasst, dann hätte ich mich sicherlich gerächt, sobald ich die Gewissheit erhielt, dass du tatsächlich, wie ich geahnt hatte, selbst die Diebin gewesen bist!“
„Ich verbitte mit solche Worte!“ rief sie laut und suchte Festigkeit vorzutäuschen. Aber ihr Blick kroch ängstlich an ihn heran.
„Es nützt dir nichts — du musst es dir gefallen lassen, dass ich dich als Diebin entlarve. Das tue ich nicht aus Hass und Rachgier, sondern nur, um mich selbst vor dir zu schützen. Sei unbesorgt, ausser uns beiden wird nie ein Mensch etwas davon erfahren, solange du meiner Ehre nicht zu nahe trittst. Der dritte Mensch, der ausser uns beiden um deine Schuld wusste — den brauchst du nicht zu fürchten. Kurt Vollmer — ist tot.“
Leichenblass sank Frau Gertrud in ihren Sessel zurück und schloss wie in jäher Furcht die Augen. Erst nach einer Weile sah sie wieder zu ihm auf. „Kurt Vollmer? Was weisst du von ihm?“ fragte sie tonlos und erschöpft.
Sein Gesicht bekam einen Ausdruck, als erfasse ihn Mitleid mit ihr. „Ich weiss, dass du ihn geliebt hast und ihn nur aufgabst, weil ihr beide arm waret. Du nahmst meines Vaters Werbung an, um ein sorgenloses, glänzendes Leben führen zu können. Kurt Vollmer aber war ein Schuft. Er neidete dir das gute Leben und wollte Vorteil daraus ziehen. Die leidenschaftlichen Briefe, die du ihm geschrieben hattest, drohte er meinem Vater zu übergeben, wenn du ihm nicht zwanzigtausend Mark auszahltest. Die Briefe hätten dich kompromittiert. Da du dir das Geld nicht auf andere Weise schaffen konntest, stahlst du es, als ein Zufall es fügte, dass mein Vater gerade diese Summe in seiner Brieftasche hatte. Du kauftest die Briefe damit zurück, und er nahm das Geld, Obwohl er wusste, dass du es hattest entwenden müssen. Ich weiss das alles von ihm selbst.“
Sie sah fahl und verfallen aus. „Von Kurt Vollmer selbst?“ stöhnte sie ganz, zerbrochen.
„Ja! Eines Tages traf ich mit ihm zusammen — draussen in der Welt. Es tut nichts zur Sache, wo es war. Es ging ihm schlecht. Er war zerlumpt und elend wie ein Bettler am Wege. Mir ging es damals leidlich gut. Er erkannte mich, weil er meinen Namen hörte, und suchte mich auf. Er bot mir Beweise für meine Unschuld an, für eine lächerlich geringe Summe, wohl gerade genug, um die Heimreise antreten zu können. Ich wollte aber verhindern, dass er heimreiste und sich vielleicht wieder mit Drohungen an dich herandrängte. Deshalb versprach ich ihm Geld in monatlichen Raten, die er aber stets an derselben, der Heimat fernen Stelle abheben musste. Er ging darauf ein und lieferte mir die Beweise aus.“
Sie strich sich über die Stirn. „Was für Beweise?“
„Zwei Briefe von dir. Sie sind nur kurz und erst nach der Zeit geschrieben, da er dir die kompromittierenden Briefe verkauft hatte. Es war sehr unklug von dir, diesem Menschen abermals Briefe auszuhändigen, die dich belasten konnten. In dem einen teilst du ihm mit, dass du ihn noch einmal an der bestimmten Stelle treffen müsstest. In dem andern aber widerrufst du es und beschwörst ihn, sofort abzureisen, weil der Verlust der zwanzigtausend Mark entdeckt sei und du nur mit Mühe den Verdacht auf deinen Stiefsohn hättest ablenken können. Dieser Stiefsohn aber sei ein rabiater Mensch, und es sei nicht abzusehen, was er tun würde, sich zu rechtfertigen. Vollmer müsse sich deshalb mit dem Gelde in Sicherheit bringen. Das hat er ja dann auch getan. Er brachte im Ausland das Geld durch und sank von Stufe zu Stufe. Als ich ihm begegnete, war er wohl auf der untersten angelangt, dazu körperlich eine Ruine. — Hier sind die Briefe. Willst du sie sehen?“
Damit hielt er ihr die Briefe hin. Sie warf nur einen scheuen, flüchtigen Blick darauf.
„Der Elende!“ stöhnte sie auf.
Aufatmend lehnte er sich zurück. „Vermutlich hätte er dir mit diesen beiden Briefen das Leben noch recht schwer gemacht. Sicher hätte er noch Kapital daraus geschlagen, wenn er dich nur hätte erreichen können. Dass ihm das Reisegeld fehlte, war dein Glück. Und als ich ihm begegnet war, hielt ich ihn, wie gesagt, fest — am andern Ende der Welt. Das war vor drei Jahren; ein Jahr danach ist er gestorben. Ich habe ihn beerdigen lassen.“
Wie von Grauen und Angst geschüttelt, sah sie ihn an. „Hast du deinem Vater diese Briefe gezeigt?“ fragte sie mit versagender Stimme.
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Wozu hätte ich ihm wehe tun sollen? Ich fand gottlob auch ohnedies Glauben an meine Unschuld bei ihm. Vielleicht — vielleicht hat er geahnt, dass du das Geld selbst entwendet hattest, und hat im stillen geglaubt, du hättest es für Putz und Tand ausgegeben. Ausgesprochen hat er es nicht, aber er bat mich, nicht mehr nach dem Täter zu forschen. Das Verschwinden des Geldes sei übrigens Geheimnis zwischen dir und ihm geblieben. So versprach ich ihm, die Dinge ruhen zu lassen.“
Eine Weile herrschte tiefes Schweigen zwischen den beiden Menschen. Dann richtete sich Frau Gertrud Frank mit einem tiefen Seufzer auf. „Und was willst du nun tun?“ Sie sah dabei scheu auf die Briefe.
Er legte sie zusammen. „Sie haben für mich ihren Zweck erfüllt. Ich wollte sie dir nur vorlegen. Du weisst nun, dass ich deine Schuld kenne, und wirst, wie ich, über das schweigen, was damals geschehen ist, und weshalb ich das Vaterhaus verliess. Hier hast du die Briefe zurück — vernichte sie selbst. Der Name Frank soll nicht besudelt werden.“
Hastig erfasste sie die Briefe, riss sie mit bebenden Händen entzwei und warf sie in das auflodernde. Kaminfeuer.
Dann wandte sie sich aufatmend nach ihn um. „Ich danke dir! Ich habe diese Schonung nicht verdient. Vergeihe mir!“
Schwer und mühsam kamen die Worte über ihre Lippen.
„Wir sprechen nie mehr davon“, sagte er ruhig.
Sie trat vor ihn hin. ,,Eins will ich dir versichern, grade jetzt, in dieser Stunde: ich habe dich nie gehasst! Gefürchtet habe ich dich. Ich wusste, dass dir ein Zufall verraten hatte, wie ich mit Kurt Vollmer stand, und besorgte, du könntest mich deinem Vater verraten. Den Verdacht lenkte ich nur deshalb auf dich, weil ich mich selber nicht anders retten konnte. So klagte ich dich an! Ich gestehe offen ein, ich habe alle meine Macht über deinen Vater dazu benutzt, dich ihm fernzuhalten, nur, weil ich deine Wiederkehr fürchtete. Als du vor mir standest, wenige Tage vor deines Vaters Tod, da fasste mich wilde Angst, obwohl ich keineswegs ahnte, dass Vollmer mich dir verraten hatte. Ich danke dir, dass du mich deinem Vater nicht verrietest, wenn du es auch nur seinetwegen getan haben wirst. Und noch viel mehr danke ich dir, dass ich vor meiner Tochter nicht zu erröten brauche. Du beschämst mich durch deine Grossmut. Verdient habe ich sie nicht.“
Ruhig blickte er zu ihr hin. „Bitte, nimm wieder Platz. Das alles soll vergessen sein. Wir wollen nun wieder auf das Geschäftliche kommen. Ich trete also die Erbschaft an und werde Chef der Firma Frank & Söhne. Was in meinen Kräften steht, soll geschehen, sie wieder zur Blüte zu bringen.“
„Wenn du aber das nötige Geld nicht erhältst, was dann? Ohne Kapital ist doch, wie du sagst, der Bankrott nicht aufzuhalten.“
Jetzt vermied er ihren Blick. „Ich werde es auftreiben, dieses Kapital. Draussen in der Welt habe ich einen Freund gefunden, der sehr vermögend ist und mir vertraut. An ihn werde ich mich wenden!“
Sie seufzte beklommen auf. „Aber was wird aus Jutta und mir?“
Fest blickte er ihr wieder in die Augen. „Jutta ist meine Schwester. So lange sie mich braucht, stehe ich ihr bei. Ich hoffe, trotz allem, dies Haus hier zu halten, gleichviel mit welchen Opfern. Jutta soll ihre Heimat behalten. Und auch für ihre Mutter wird in Zukunft Raum sein.“
Ihre Augen leuchteten heller. Eine grosse Angst fiel ihr von der Seele. „Du glaubst, dass wir bleiben können?“
„Ich hoffe es. Freilich nur, wenn du dich mit Jutta allen meinen Anordnungen fügst. In Zukunft werde ich bestimmen, auf welcher Basis der Haushalt hier aufgebaut wird. Die sinnlose Verschwendung der letzten fünfzehn Jahre muss natürlich aufhören. Ich bin nicht willens, meine Kraft an eine nutzlose Aufgabe zu vergeuden. Es muss hier alles nach meinem Willen gehen. Bitte, sage mir, ob du dich in diese Abhängigkeit fügen willst.“
Resigniert strich sie sich über das Haar. „Ich muss froh sein, wenn ich mit meiner Tochter ein Dach über dem Haupte behalte. Wir stehen ja dem Nichts gegenüber. Ich habe nicht geahnt, wie schlecht es um uns steht. So werde ich mich deinem Willen fügen.“
„Gut. Die ganze Lebensführung hier im Hause muss eine andere werden. Ich werde noch heute die beiden Diener entlassen, und auch ohne Zofe wirst du dich behelfen müssen. Pferde und Equipage werden verkauft und der Kutscher entlassen. Das kleine Auto, in dem Vater täglich hinaus nach der Fabrik fuhr, genügt zu Ausfahrten. Ich selber werde es zum gleichen Zweck wie der Vater benutzen, im übrigen steht es euch zur Verfügung.“
„Man muss sich bescheiden“, sagte sie ergebungsvoll.
Er lächelte ein wenig ironisch. „Nun, wenn dir keine schlimmeren Entbehrungen auferlegt werden, wird alles erträglich sein. Wir haben noch eine Köchin und zwei Hausmädchen zur Bedienung. Ausserdem befindet sich in meiner Begleitung ein mir ergebener Javaner, der nicht von mir lassen wollte. Auf den Sundainseln, wo ich lange Jahre gelebt habe, hat auch der ärmste Europäer einen Diener. Sarida glaubte, ich käme auch in der deutschen Heimat nicht ohne ihn aus, und er folgte mir hierher. Er ist sehr anstellig und willig, hat ein leidliches Deutsch von mir gelernt und weiss auch ein Auto sicher zu lenken. Er befindet sich jetzt im Hotel, wo ich abgestiegen bin, und wird noch heute hierher übersiedeln. Du weisest ihm bitte ein freundliches Zimmer an.“
„Das soll geschehen.“
„Gastereien verbieten sich jetzt in der Trauerzeit von selbst. Auch später werden luxuriöse Feste nicht mehr veranstaltet. Eine bescheidene Festlichkeit will ich euch nicht verwehren, aber ich werde die Grenzen bestimmen.“
Frau Gertrud war in dieser Stunde viel zu froh, vor Schlimmerem bewahrt zu bleiben, als dass sie nicht widerspruchslos in alles eingewilligt hätte. Aber immerhin musste sie noch froh sein, dass es nicht schlimmer kam.
Die grösste Sorge war für sie, ob er das nötige Kapital erhalten würde. Ohne dieses, das wusste sie, musste es noch viel schlimmer kommen.
„Ich sagte dir schon, ich füge mich in alles. Wenn du nur das Geld von deinem Freunde auch wirklich erhältst. Immerhin wäre es doch für ihn eine ziemlich unsichere Kapitalanlage.“
Ein leises Lächeln huschte schnell um seinen Mund, als er sich erhob. Es verschwand sogleich wieder. „Er vertraut mir wie sich selbst. Ich habe meinem Vater versprochen, dich und Jutta vor Sorgen zu behüten und euch eine Existenz zu schaffen, die erträglich ist; das soll geschehen. Aber vernünftig müsst ihr sein. Auch Jutta muss sich den neuen Verhältnissen anpassen. Wie mir Vater voller Sorge anvertraute, scheint sie mit ziemlich oberflächlich zu sein und gedankenlos in den Tag hinein zu leben. Davon möchte ich meine Schwester kurieren.“
„Von was willst du mich kurieren, Heinz?“ fragte in diesem Augenblick eine helle Mädchenstimme.
Jutta Frank war unbemerkt eingetreten. Die Winterluft hatte ihre Wangen gerötet; in dem hellblonden, krausen Haar schienen noch einige Schneeflocken zu hängen.
Heinz, Frank und seine Stiefmutter sahen sich nach ihr um. Auf dem Gesicht des jungen Mannes malte sich eine leichte Verlegenheit. Er wusste nicht, was seine Halbschwester von der Unterhaltung gehört hatte, da er ihren Eintritt nicht bemerkt hatte.
„Meine Worte waren nicht für dich bestimmt, Jutta“, sagte er zögernd.
„Aber sie betrafen mich. Ich hörte ganz deutlich bei meinem Eintreten, dass du deine Schwester von etwas kurieren möchtest. Nun sage mit, wovon, Heinz“, bat sie lebhaft.
„Vielleicht von allzu grosser Neugier!“
Schmollend sah sie ihn an. ,,Ach, ich finde, du bist nicht sehr galant. Lernt man das auf den Sundainseln nicht? Oder ist es wahr, was Ella Helmer immer sagt, dass Brüder ihre Schwestern stets als Neutrum behandeln und in ihnen keine Damen sehen.“
,,War ich so ungalant?“
„Na, jedenfalls ist es nicht nett, dass du mir nicht sagen willst, was du von mir gesprochen hast. Sag’ es mir doch. Sei nett! Sieh, ich habe mich so gefreut, dass mein Bruder, den ich doch noch gar nicht kannte, wieder heimgekehrt ist, obgleich Mama — doch nein — das will ich nicht sagen! Du bist so lange fortgeblieben, und ich freute mich wirklich deiner Heimkehr. Sie tröstete mich gleich ein wenig über Papas Tod. Und nun willst du so unliebenswürdig zu mir sein?“
Ernst und gütig blickte er ihr in die Augen. Sein Schwesterlein gefiel ihm. Er fühlte es warm in seinem Herzen für sie aufsteigen. Aber dabei hatte er doch wieder das Empfinden, dass ihrem Wesen die Tiefe fehlte.
Trotzdem hoffte Heinz, dass im Charakter seiner Schwester doch tiefere Werte verborgen wären, die nur durch die Erziehung und das Beispiel ihrer Mutter verkümmert waren. Er wollte sich Mühe geben, sie zu wecken. Vielleicht gelang es ihm, diese Werte zu heben. Jedenfalls wollte er versuchen, Einfluss auf die Schwester zu gewinnen.
„Also ich will nett sein und dir sagen, wovon ich in der Hauptsache mit deiner Mutter sprach. Du darfst aber nichts ausplaudern. Versprich mir das!“
Eifrig nickte sie. „Ich verspreche es, Heinz, und was ich einmal verspreche, das halte ich auch.“
„Das ist eine lobenswerte Eigenschaft. Also — es steht schlimm, sehr schlimm um die Firma Frank & Söhne! Zum Glück wissen das vorläufig nur wenige, und ich hoffe, es soll niemand weiter davon erfahren. Vater hat mir die Firma mit einer grossen Schuldenlast hinterlassen, und ich werde sie nur mit grossen Opfern, mit dem Einsatz aller meiner Kräfte halten können. Du bist durch Vaters Tod ein ganz armes Mädchen geworden, und wenn es mir nicht gelingt, die nötigen Mittel aufzutreiben, die den Untergang verhüten sollen, dann musst du mit deiner Mutter aus diesem Hause gehen, und ihr ständet vor dem Nichts?“
Jutta war blass geworden und fiel in einen Sessel. „Um Gotteswillen!“
Er strich ihr über das Haar. Mit Absicht hatte er sie den ganzen Ernst ihrer Lage erblicken lassen. Nun fuhr er fort: „Sei ruhig! Ich will für dich und deine Mutter sorgen, will euch die Heimat zu erhalten suchen. Aber du wirst auf mancherlei verzichten müssen, was bisher Gewohnheit war. Dies alles habe ich mit deiner Mutter besprochen. Allzu grosse Opfer werde ich die nicht aufzuerlegen brauchen, wie ich hoffe. — Doch jetzt müsst ihr mich entschuldigen; ich habe noch wichtige geschäftliche Besprechungen.“
Damit drückte Heinz Frank warm und herzlich die Hand seiner Schwester, verneigte sich vor seiner Stiefmutter und ging.
* * *
Betreten blickte Jutta ihrem Bruder nach. Dann, als er verschwunden war, sah sie zu ihrer Mutter auf. „Mama, was soll das heissen? Steht es wirklich so schlimm mit uns?“
„Ja, Jutta, es steht sehr schlimm um uns! Und es hätte noch schlimmer werden können, wenn Heinz nicht zurückgekehrt wäre. Dann hätte uns geschehen können, dass wir dieses Haus hätten verlassen müssen, und dass wir aller Existenzmittel entblösst waren.“
„Mein Gott, davon habe ich nichts geahnt.“
„Auch ich wusste nicht, wie schlimm die Dinge liegen, wenn ich auch ahnte, dass nicht alles wie früher war. Papa hat uns wohl schonen wollen, hat vielleicht geglaubt, er könnte das Unheil noch abwenden. Gottlob, dass Heinz nun da ist. Wir werden, so versprach er mir, hier im Hause bleiben können, wenn wir uns auch einschränken müssen.“
Und sie berichtete Jutta, welche Einschränkungen Heinz für nötig hielt.
„Ach — keine Gesellschaften mehr! Das wird aber langweilig werden. Behalten wir denn wenigstens unsere Loge im Theater?“ fragte Jutta verdriesslich.
Der Ernst ihrer Lage war ihr trotz allem noch nicht aufgegangen.
Ihre Mutter zuckte die Achseln. „Das glaube ich nicht. Wir müssen uns da ganz nach Heinz richten. Was er für gut und richtig findet, muss geschehen. Er hat jetzt über uns zu bestimmen.“
Jutta warf sich in ihren Sessel zurück. „Wie sonderbar, Mama! Bisher war Heinz doch das schwarze Schaf in der Familie und nun soll er unser Herr sein!“
Verlegen wandte sich Frau Frank zur Seite. „Um Gotteswillen, Jutta, wie kommst du zu einer solchen Auffassung?“
Erstaunt richtete ihre Tochter sich auf. „Ich habe das aus deinen Worten entnommen.“
„Da hast du mich ganz falsch verstanden. Heinz hatte in jungenhaftem Unverstand seinen Vater erzürnt — er wollte ja immer in die weite Welt. Papa gab das nicht zu, und Heinz lehnte sich heftig gegen ihn auf. Da gab es zornige Worte und eine erregte Szene. Papa gebot in der Hitze, Heinz sollte gehen. Er ging auch — aus Trotz!“
„Weshalb rief Papa ihn dann nicht wieder zurück?“
„Das gab sein Stolz nicht zu. Er war doch der Vater, und Heinz hätte zu ihm kommen müssen. Aber dieser schickte nicht einmal Nachricht, wo er sich aufhielt.“
„So ein Trotzkopf! Aber jetzt hatte ihn doch Papas Nachricht erreicht. Er sagte mir gestern, Papa habe ihn heimgerufen.“
„Ja — Papa schickte einen Brief für Heinz an einen Freund, der dessen Adresse wusste. — Es ist ein grosses Glück für uns, dass er heimgekommen ist. Was hätte sonst aus uns werden sollen! Jedenfalls müssen wir uns sehr gut zu ihm stellen. Vergiss es nie!“
,,O Mama, an mir soll es nicht liegen! Ich finde es sehr nett, einen grossen Bruder zu haben. Heinz sieht famos aus! Findest du nicht auch, dass er eine riesig interessante Erscheinung ist?“
„O ja.“
„Du, all meine Freundinnen beneiden mich um ihn und brennen vor Verlangen, ihn kennen zu lernen. Ich traf jetzt einige unterwegs. Sie brachten mich nach Hause, in der Hoffnung, Heinz zu begegnen. Und denke dir, Gussy Heiden behauptet, Heinz habe einen farbigen Diener mitgebracht, einen Malayen, mit gelber Haut und schwarzem Haar!“
,,Das stimmt. Sein Diener ist im Hotel zurückgeblieben. Er sagt, in den Tropen habe jeder Europäer einen Diener, und der seine habe sich durchaus nicht von ihm trennen wollen.“
„Heinz trägt auch sehr elegante Garderobe.“
Die Mutter seufzte. ,,Das ist aber wohl auch alles, was er mitgebracht hat. Sein kleines Vermögen hat er jedenfalls in den Jahren seiner Abwesenheit aufgebraucht. So leicht ist es eben nicht, ein gemachter Mann zu werden.“
„Jedenfalls ist er aber ein interessanter Mensch. Du glaubst nicht, wie sich alle jungen Damen für ihn interessieren. Alle fragen mich, wo er bisher gewesen ist, und warum er solange fern blieb.“
„Und was hast du darauf geantwortet?“ fragte Frau Gertrud unruhig.
„Ich habe gesagt, dass ich das selber nicht genau weiss und bisher noch gar keine Zeit gehabt habe, ausführlich mit ihm zu plaudern. Ich wüsste nur, dass es zuletzt auf den Sundainseln gewesen sei.“
Erleichtert atmete Frau Frank auf. Gottlob, dass Jutta nichts Nachteiliges über Heinz gesagt hatte! Es wäre jetzt schwer wieder gut zu machen gewesen.
„Also stelle dich gut zu ihm und halte ihn bei guter Laune“, mahnte sie eindringlich. „Heinz wird nun Papas Zimmer beziehen.“
„O — er will hier wohnen?“
„Ja, natürlich!“
„Mit seinem malayischen Diener?“
„Ja. Der soll sich hier im Hause nützlich machen und auch Chauffeur sein.“
„Hm, das wird sich auch ganz nett machen. Einen malayischen Chauffeur, den hat dann hier niemand als wir. Ich hoffe, Heinz wird auch kein Unmensch sein und wird für uns die Theaterloge weiter abonnieren. Ein wenig Ablenkung will man doch haben, gerade jetzt braucht man sie nötig. Und ernste Stücke kann man sich auch in der Trauerzeit ansehen.“
Frau Gertrud stützte den Kopf in die Hand. „Du kannst ja dein Glück bei ihm versuchen. Ich möchte ihn nicht darum fragen, möchte ihn überhaupt so wenig wie möglich mit einer Bitte behelligen.“
Fragend und forschend sah Jutta ihre Mutter an. „Ihr steht anscheinend nicht gut miteinander. Wie kommt das, Mama?“
Eine leichte Röte stieg in Frau Gertruds Gesicht. ,,Er sieht eben in mir nur die Stiefmutter, die seine eigene Mutter aus dem Herzen seines Vaters verdrängt hat.“
„Er hat wohl seine Mutter sehr geliebt?“
„Ja, er hat sie angebetet, und deshalb hatte ich einen sehr schweren Stand bei ihm.“
„Findest du es da nicht sehr vornehm von ihm, dass er trotzdem für dich und für mich sorgen will? Eigentlich bin ich doch nur seine Halbschwester.“
,,Aber auch die Tochter seines Vaters. Und er hat dich lieb.“ —
Als Frau Gertrud sich später zurückzog, um Briefe zu schreiben, begab sich Jutta in ihre Zimmer.
Es war ein reizendes Nestchen, das sie bewohnte, seit sie aus der Pension zurückgekehrt war.
Jutta warf sich in einen Sessel und stützte den Kopf in die Hand. Was sollte sie nun mit ihrer Zeit anfangen, bis man zu Tisch ging?
„Mein Gott, ist das langweilig!“ dachte sie und gähnte ein wenig. Dabei fiel ihr Blick auf ein Bildchen in einem entzückenden Rokokorahmen, das ihr gegenüber in der Fensternische hing.
Sie sprang auf und trat dicht heran. Ein Frauenbildnis war’s. Es hatte ihr so gut gefallen, als sie es eines Tages im Schreibtisch ihres Vaters hatte liegen sehen. Sie hatte es sich von ihrem Vater erbeten, um es in ihr Rokokozimmerchen zu hängen, weil es so gut hinein passte.
Der Vater hatte es ihr erst nicht geben wollen. „Ich habe es für deinen Bruder Heinz verwahrt. Es ist das Bild seiner Mutter“, hatte er gesagt.
„Gib es mir nur, Papa! Ich hänge es in meinem Zimmer auf. Da ist es gut verwahrt. Wer weiss, ob mein Bruder je wieder heim kommt.“
Da hatte er ihr das Bildchen gegeben und sie abermals ermahnt, es gut zu verwahren.
Sie sah lange in das feine, zarte Frauengesicht mit den grossen, warmen Augen, über denen sich feingezeichnete dunkle Brauen wölbten. „Es sind dieselben Augen, die Heinz hat; sie haben fast denselben Ausdruck. Ich werde ihn fragen, ob er das Bildchen haben will. Denn es ist ja für ihn bestimmt; es wird ihm Freude machen, es zu erhalten. Gleich heute werde ich ihn fragen, wenn er seinen Einzug gehalten hat.“
Mit diesem Entschluss warf sich Jutta wieder in den Sessel und knabberte Süssigkeiten aus einer Bonbonniere.
* * *
Nachdem Heinz Frank seine Stiefmutter verlassen hatte, war er nach seinem Hotel gefahren und hatte seinem Diener Sarida Weisung gegeben, das Gepäck nach Villa Frank zu schaffen und sich dort ein Zimmer anweisen zu lassen.
Sarida nickte.
„Sarida alles tun, Mynheer“, erwiderte er ernsthaft.
Heinz nickte ihm lächelnd zu und musterte ihn. Sarida trug europäische Kleidung, eine Art Reiseanzug mit kurzen Beinkleidern und Gamaschen und einer Mütze. Auf diese Kleidung war er stolz wie ein eitles Kind. Sein gut geformtes Gesicht hatte einen gutmütigen und doch intelligenten Ausdruck; es war nur etwas gelblicher im Ton als das bronzefarbene Gesicht seines Herrn.
„Vergiss nicht deinen warmen Überrock anzuziehen, Sarida, damit du nicht frierst.“
Sarida zeigte lachend zum Fenster hinaus auf das Schneetreiben. „Kalt und nass, Mynheer, aber Sarida friert nicht. Schön warme Kleider.“
„Nun gut, du sollst auch nicht frieren, mein braver Sarida. Und vergiss nicht, was ich dir gesagt habe: mit niemand hier über das sprechen, was in Sumatra gewesen ist. Wirst du gefragt, antwortest du: Ich weiss nicht.“
Sarida lachte, dass seine gesunden Zähne blitzten. „Ich weiss nicht, Mynheer. Sarida sagt nichts.“
,,Gut. Ich weiss, dass ich dir vertrauen kann. Nun mache deine Sache gut und erwarte mich in Villa Frank.“
„Sarida wartet auf Mynheer.“
Befriedigt und überzeugt, dass Sarida sich eher die Zunge abbeissen würde, ehe er eine Frage beantwortete, die er nicht beantworten sollte, fuhr Heinz nun in dem kleinen Auto seines Vaters nach der Fabrik hinaus, die draussen vor der Stadt lag. Dort angekommen, liess er die beiden Prokuristen seines Vaters zu einer Besprechung in das Privatkontor bitten.
Heinz begrüsste sie. „Also, meine Herren, anschliessend an unsere geschäftlichen Besprechungen in den letzten Tagen mache ich Ihnen heute die endgültige Mitteilung, dass die Firma Frank & Söhne weiter bestehen wird. Das nötige Kapital werde ich schon in den nächsten Tagen angewiesen bekommen; wir können dann sofort an die Regelung der schwebenden Angelegenheiten gehen.“
Die Gesichter der beiden Prokuristen hellten sich auf. Auch sie hatten sich in ihrer Existenz bedroht gesehen. Sie drückten ihrem jungen Chef ihre Freude aus, dass der Konkurs der Firma verhütet werden konnte.
„Ich trete mein Amt als Chef der Firma unter sehr ungünstigen Bedingungen an,“ fuhr Heinz fort, „aber ich gehe trotzdem mit Lust und Liebe an die Arbeit. Und ich setze als selbstverständlich voraus, dass Sie, sowie alle Beamte und Angestellte mich mit aller Kraft unterstützen. Es geht ja auch um Ihre eigene Existenz. Helfen Sie mir und vertrauen Sie mir! Ich glaube, Ihnen das Versprechen geben zu können, dass wir, wenn wir mutig und entschlossen an die Arbeit gehen, bald wieder auf der Höhe sind. Es wird jetzt sparsam gewirtschaftet werden. Dem Betriebe soll kein Kapital entzogen werden, soweit das irgend zu vermeiden ist. Wir bekommen so freie Bahn. Darf ich also auf Ihre Hilfe rechnen?“
Die beiden Herren ergriffen seine Hand und versprachen mit leuchtenden Augen, all ihre Kräfte dem guten Zwecke zu widmen.
Heinz drückte ihnen die Hand. Ich weiss von meinem Vater, dass Sie beide treu wie Gold sind und das Ihre getan haben, das Schlimmste abzuwenden. Dafür danke ich Ihnen. Es wäre mir ein tiefer Schmerz gewesen, wenn die Firma nicht zu retten gewesen wäre. Wir werden in den nächsten Tagen noch mancherlei Konferenzen halten müssen. Sobald ich orientiert bin, werde ich weitere Bestimmungen treffen.“
Es soll geschehen, Herr Frank“, versicherte der Prokurist Brand in seiner ruhigen Art.
„Gut! Damit wir uns der Konkurrenz gegenüber siegreich behaupten können, muss ein frischer Zug in den Betrieb kommen. Vor allem müssen wir schlagende Neuheiten in unseren Teppichen und Möbelstoffen bringen. Ich stehe bereits in Unterhandlung mit einem talentvollen, tüchtigen Künstler, der in allen Stilen erfahren ist. Den Mann holen wir uns. Er soll uns Muster entwerfen, mit denen wir die gesamte Konkurrenz schlagen werden.“
Seine Augen sprühten vor Eifer und Schaffensdrang.
„Es ist erstaunlich, Herr Frank,“ sagte der zweite Prokurist Wendt, „wie Sie gleich wieder mitten hinein springen in den Betrieb der Firma, nachdem Sie doch so lange Jahre abwesend waren.“
Ein Lächeln huschte über das Gesicht des jungen Chefs. „Ich bin doch im Betriebe gross geworden und habe mich schon als Junge mehr um die Fabrik gekümmert als um meine Schulaufgaben. Dass ich trotzdem gut abschloss und mein Abiturium sehr frühzeitig und gut bestand, lag nur an meiner glücklichen Begabung.“
„Ich habe angenommen, dass Sie auch während Ihrer Abwesenheit in der Branche geblieben sind, Herr Frank“, bemerkte Brand.
Heinz schüttelte den Kopf. „O nein, ich habe in all den Jahren ganz andre Dinge zu tun gehabt. Aber freilich — für die Teppichweberei habe ich mich immer interessiert und sie in fast aller Herren Länder studiert. Dabei habe ich manches gelernt, was uns jetzt zugute kommen soll. Ich denke an Fabrikation von Teppichen, die mit den schönsten Persern konkurrieren sollen. Aber, wie gesagt, während meines Fernseins hatte ich andere Beschäftigung. Im kaufmännischen Betrieb bin ich jedoch geblieben. Ich hatte eine ziemlich verantwortungsvolle Stellung.“
„Und haben Sie diese Stellung so schnell aufgeben können, als Ihr Herr Vater Sie heimrief?“ fragte Wendt interessiert.
Heinz sah vor sich hin. „Als, meines Vaters Botschaft mich auf Sumatra erreichte, war ich schon im Begriff, nach Europa zurückzukehren. Auf die Dauer bekommt uns nun mal das Klima in den Tropen nicht, obwohl es auf den Höhen der Inseln ganz erträglich ist und ich eine sehr zähe. Natur bin. Von Zeit zu Zeit bin ich zur Erholung immer einige Monate in Europa gewesen. Einen Winter in Norwegen, einen in England und Holland. Nur nach Deutschland bin ich In all der Zeit nicht gekommen — — —“
Er sprach noch längere Zeit mit den beiden Prokuristen, ging mit ihnen durch sämtliche Räume der Fabrik und traf allerlei Anordnungen, die, wie die Prokuristen sich eingestehen mussten, Hand und Fuss hatten. Zu Mittag verabschiedete er sich von ihnen und fuhr zur Villa Frank zurück.
* * *
Sarida hatte den Befehl seines Herrn ausgeführt und war bereits fertig mit dem Einräumen seiner Sachen, als Heinz nach Hause kam. Dieser liess sich nun gleich noch Saridas Zimmer zeigen und überzeugte sich, dass es gut erwärmt war.
„Bist du zufrieden, Sarida?“ fragte Heinz lächelnd.
„Sehr zufrieden! Sarida friert nicht, Mynheer.“
Das versicherte er seinem Herrn immer wieder. Dieser hatte ihm nämlich, ehe er ihn mit nach Deutschland nahm, bange gemacht: ,,Sarida, du wirst in meiner Heimat frieren müssen!“ Und nun glaubte dieser, seinem Herrn immer wieder versichern zu müssen, dass er es nicht tue. — — —
Heinz Frank speiste mit seiner Stiefmutter und Schwester zusammen. Nach Tisch reichte ihm Jutta im Nebenzimmer eine Tasse Mokka, während Frau Gertrud sich mit häuslichen Geschäften entschuldigte und die Geschwister allein liess. Heinz nahm seiner Schwester lächelnd das Tässchen ab.
„Du darfst auch eine Zigarette rauchen Heinz“, sagte sie.
„Erlaubst du?“
„Gern, könntest mir sogar auch eine mit anzünden.“
Er tat es, und sie setzten sich am Kamin einander gegenüber. „Es ist doch riesig behaglich an so einem Kaminfeuer, wenn draussen der Schnee wirbelt“, sagte Heinz.
,,Nun, es freut mich, dass es dir gefällt, Heinz. Wenn man sich behaglich fühlt, hat man gute Laune. Und ich möchte, dass du gute Laune hast, weil ich dir eine Bitte aussprechen möchte, an deren Erfüllung mir viel liegt.“
Er sah sie Forschend an. „Also nur deshalb freut es dich, dass ich mich wohl fühle?“
„Aber nein! So sollst du das nicht auffassen. Es freut mich auch ohne jeden andern Grund.“
„Das ist mir lieb. Also welche Bitte hast du mir vorzutragen?“
Mit einem kleinen, koketten Lächeln blickte sie ihn an und beugte sich vor: „Ich möchte dich bitten, uns auch in Zukunft das Abonnement unserer Theaterloge zu gestatten. Mama hat mir gesagt, dass wir uns sehr einschränken müssen. Aber ins Theater möchte ich doch wenigstens zuweilen gehen. Glaube nicht, dass ich Papa so schnell vergesse! Ich vermisse ihn schrecklich, denn er war so himmlisch gut zu mir und erfüllte mir alle meine Wünsche.“
Heinz stellte seine geleerte Tasse auf das Tischchen, das zwischen ihnen stand. ,,Vermissest du ihn nur deshalb?“ fragte er ernst.
Sie errötete jäh. ,,Ach, wie du nur so fragen kannst! Nicht nur deshalb. Ich meine nur, er war so gut zu mir, und mir ist, als stündest du nun an seiner Stelle und ich müsste mit allem zu dir kommen.“
„Das freut mich sehr, Jutta. Aber so ganz ohne weiteres werde ich deine Wünsche nicht erfüllen, sondern immer erst prüfen, ob die Erfüllung zu deinem Besten ist.“
Gleich war wieder der leise schmollende Zug in Gesicht des jungen Mädchens. „Also du willst mir die Theaterloge versagen? Was soll man da nun die ganze Zeit anfangen? Keine Geselligkeit, kein Theater! Ich werde mich zu Tode langweilen.“
Fest und forschend, als wollte er sie ergründen, ruhten seine Augen auf ihr. „Hast du nie versucht, deine Zeit mit ernsten Dingen auszufüllen?“
Fast erschrocken sah sie ihn an. „Mit ernsten Dingen? Wie meinst du das? Soll ich vielleicht kochen oder Staub wischen? Oder gar in der Fabrik am Kontorpult arbeiten?“
Keine Miene verzog sich in seinem Gesicht. ,,Das Staubwischen kannst du dem Hausmädchen überlassen. Und eine Köchin ist ja auch im Hause. Vielleicht aber bist du zu Kontorarbeiten brauchbar?“
Sie wurde ganz blass. ,,Um Gotteswillen, ist dies dein Ernst? Du willst mich doch nicht gar in die Fabrik stecken? Das wäre schrecklich!“
„Hast du schon jemals versucht, dich im Fabrikbetrieb umzusehen?“
„Nein, das hat Papa nie von mir verlangt.“
„Vielleicht hättest du ihm aber eine Freude gemacht, wenn du Interesse dafür gezeigt hättest.“
Mit grossen, bangen Augen blickte sie ihn an. ,,Ach mein Gott, Heinz, mir wird ganz angst. Was hast du mit mir vor?“
Er lächelte ein wenig, fasste ihre Hand und sah sie warm und herzlich an. „Ich hab dich lieb, Schwesterchen! In all den Jahren, da ich draussen in der Welt war, habe ich immer wieder an das kleine blonde Mädelchen gedacht, das im Vaterhause zur Welt gekommen war, als ich noch das Gymnasium besuchte. Ich malte mir oft aus, wie es sich wohl entwickelt haben könnte. Manchmal dachte ich: sie ist eine Frank und wird ein guter ehrlicher Mensch geworden sein. Sind manchmal dachte ich wieder: vielleicht hat sie sich anders entwickelt, als du es wünschest. Aber immer war ich voll Liebe in meinen Gedanken um dich. Dies musste ich vorauschicken, damit du Vertrauen zu mir hast. Deine erschrockene Frage: Was hast du mit mir vor? will ich dir beantworten: nur Gutes! Ich will versuchen, mein Schwesterchen zu leiten, dass sie den richtigen Weg findet.“
Seine Worte blieben nicht ohne Eindruck auf sie; aber ihr bisher nur auf Oberflächlichkeit gestimmtes Wesen fürchtete sich vor Gründlichkeit. „Du willst mich erziehen, Heinz! Ich bin aber doch erwachsen und brauche keinen Erzieher mehr“, schmollte sie.
Er schüttelte den Kopf. „Nicht dein Erzieher will ich sein, Jutta, nur dein Freund und Berater. Und wenn ich dir nicht ohne weiteres alt deine Wünsche erfülle, dann sollst du nicht an meinem guten Willen zweifeln, sondern dir immer sagen, dass ich es gut mit dir meine.“
Sie atmete lächelnd auf. „Also in die Fabrik steckst du mich nicht?“
„Nein.“
,,Und die Loge? Wirst du sie weiter für uns abonnieren? Sieh mal, etwas muss der Mensch doch haben, worauf er sich freuen kann. Wenn ich früh aufwache, und es gibt an dem Tage nichts, worauf ich mich freuen kann, dann möchte ich am liebsten nicht aufstehen.“
Er sah ein, dass er diese junge Seele langsam erschliessen, dass er sie behutsam in seine Anschauungen ziehen müsse. Hoffnungslos erschien ihm sein Bemühen nicht, trotzdem er heute nicht viel erreicht hatte.
„Also gut, du sollst deine Loge haben. Und auch an den übrigen Tagen wird sich etwas finden, worauf du dich freuen kannst, wenn es auch keine eitlen, oberflächlichen Vergnügungen sein werden. Aber versprich mir, mich morgen einmal in die Fabrik zu begleiten und dich von mir durch die Arbeitsräume führen zu lassen. Ich wette, du weisst noch nicht einmal, wie ein Teppich entsteht, trotzdem du eine Frank bist.“
Energisch schüttelte sie den Kopf. „Nein, das weiss ich wirklich nicht. Aber ich werde dich begleiten.“
„Es soll mich freuen. Und ich will dir erzählen, wie im Orient die wundervollsten Teppiche gewebt werden, und wie ich es einrichten will, dass wir ähnliche Fabrikate herstellen können. So habe noch ein Stündchen Zeit für dich. Soll ich gleich jetzt damit beginnen?“
Eifrig wat sie dabei. „Ja, bitte, tue das, ich weiss ohnedies nicht, womit ich meine Zeit verbringen soll.“
Er begann seine Erzählung. Und sie lauschte gefesselt seinen Worten. Eine interessante, bunte Welt tat sich vor ihren Augen auf, die sie anmutete wie ein Märchen. Er verstand es, anschaulich und lebendig zu berichten, denn er hatte viel des Schönen und Interessanten erlebt und gesehen.
Jutta verging die Zeit wie im Fluge. Als er seine Erzählung abbrach und sich erhob, sagte sie bedauernd: ,,Ach, wie schade, dass du nicht weiter erzählst. Du musst weit in der Welt herumgekommen sein. Bist du immer von Land zu Land gezogen?“
„Im Anfang wohl, da sah ich mir die halbe Welt an und suchte nach einem Erdenfleck, wo ich sesshaft werden und mir eine Existenz aufbauen konnte.“
„Und du wurdest sesshaft auf den Sundainseln?“
„Ja.“
„Und dort bist du geblieben bis jetzt?“
„Ja, fünfzehn Jahre lang. Aber ich bin auch in dieser Zeit noch viel gereist. Meine Geschäfte führten mich auch nach Indien, Japan und China, das brachte meine Stellung mit sich.“
„Du hattest eine Stellung?“
„Ja.“
„Konntest du diese aufgeben, als Papa dich heimrief?“
Zum zweiten Male wurde Heinz heute diese Frage vorgelegt. Einen Augenblick zögerte er. Dann sagte er ruhig: „Ich hatte es bereits getan, als ich die Nachricht von Vaters Erkrankung erhielt; ich wollte gerade eine Erholungsreise nach Europa antreten.“
„Und musst du nun nochmals nach den Sundainseln zurück?“
„Ich weiss es noch nicht. Es könnte möglich sein, dass ich noch einmal auf kurze Zeit zurückkehren müsste, um einiges au ordnen, was ich bei meiner schnellen Abreise nicht tun konnte. Aber vielleicht lässt sich das auch von hier aus regeln. Aber nun ist es Zeit, dass ich wieder an die Arbeit gehe.“
„Bitte, warte noch. Erst lass mich dir noch ein Geständnis machen.“
„Ein Geständnis? Das klingt ja ganz feierlich.“
„Ja, denke dir, ich habe mir von dir ein ganz falsches Bild gemacht.“
„Was denn für eins?“
„Ein ungünstiges. Ich habe geglaubt, du hättest Dummheiten gemacht und wärst deshalb von Papa verstossen worden. Als ich dich aber sah, konnte ich mir gar nicht denken, dass du etwas Unrechtes getan haben könntest. Das passt gar nicht zu deiner stolzen, aufrechten Persönlichkeit. — Und es kam mir nun wie ein Unrecht gegen dich vor, dass ich so etwas Dummes von dir gedacht habe, und deshalb wollte ich es dir beichten. Bist du mir böse?“
Er strich leicht über ihr hellblondes Haar. „Nein, Schwesterchen, ich bin dir nicht böse. Aber es freut mich, dass du nun eine bessere Meinung über mich hast.“
Strahlend sah sie ihn an. „Die allerbeste. Weisst du, Heinz, wenn du nicht mein Bruder wärest, dann könnte ich mich in dich verlieben. Ich werde sehr stolz auf meinen grossen Bruder sein.“
Als er sie nun verlassen wollte, hielt sie ihn nochmals fest. „Du Heinz, komm doch mal schnell mit in mein Zimmer hinüber! Da habe ich etwas, was dich freuen wird; und ich möchte dir gern eine Freude machen.“
Sie zog ihn mit sich fort in ihr Zimmer, vor das Bild seiner Mutter. „Da — sieh dir das an!“ Er stutzte, als er das Bildchen sah, und eine tiefe Bewegung malte sich auf seinen Zügen. „Woher hast du dies Bild, Jutta?“
„Von Papa. — Es gefiel mir so sehr, als ich es eines Tages bei ihm sah. Und weil das Rähmchen so gut in dies Zimmer passte, bat ich ihn darum. Er wollte es mir erst nicht geben und sagte mir, dass er es für dich aufbewahren wollte, weil es das Bild deiner Mutter sei. Ich versprach ihm aber, es hoch in Ehren zu halten und es für dich aufzuheben. Willst du es nun haben?“
Behutsam hatte er das Bildchen von der Wand genommen und sah darauf nieder. „Meine Mutter! Sie starb mir viel zu früh. Ja, Jutta, gib mir das Bild. Ich will es über meinen Schreibtisch hängen, an dieselbe Stelle, wo es Vater früher hängen hatte. Für den leeren Platz schenke ich dir ein andres Bildchen.“
Unsicher sah sie in sein bewegtes Gesicht. „Du hast sie wohl sehr geliebt, deine Mutter?“
Er nickte nur. „Und deshalb stehst du Mama so fremd gegenüber?“
„Frage nicht“, bat er und wandte sich ab.
Da legte sie die Arme um ihn. „Aber ich hab dich lieb, und du hast mich lieb! Ich fühle es ganz deutlich in meinem Herzen, und es ist wunderschön, dass du gekommen bist.“
Ernst sah er sie an und wunderte sich, wie warm und zärtlich sie blicken konnte. „Bewahre mir deine schwesterliche Liebe, Jutta, und vertraue mir“, sagte er herzlich und legte den Arm um ihre Schultern.
„Das will ich tun, mein lieber Bruder.“
Er drückte noch einmal ihre Hand und ging schnell hinaus. Jutta sah hinter ihm her und war ein Weilchen sehr bewegt. Aber dann wandte sie ihre Gedanken anderen Dingen zu. Sehr tief gingen solche Gespräche noch nicht bei ihr. Sie war noch zu jung und unbeständig. Aber einen gewissen Einfluss hatte Heinz schon über sie gewonnen.
* * *
Seit Monaten war Heinz Frank nun schon Chef der Firma Frank & Söhne und konnte mit Befriedigung auf den Erfolg seiner Tätigkeit blicken.
Es war an einem wundervollen, klaren Maienmorgen. Heinz Frank sass in seinem Privatkontor in der Fabrik an seinem Schreibtisch. Ab und zu flog sein Blick zum Fenster hinaus auf einen schmalen Waldestreifen. Das frische, junge Grün ergötzte seine Augen. Seit langen, langen Jahren war es der erste deutsche Frühling, den er erlebte und dessen Zauber er sich nicht entziehen konnte.
Vor ihm lag ein Brief, an dem er schrieb. Er lautete:
„Mein lieber Lothar! Heute komme ich endlich dazu, dir ausführlich zu schreiben. In den letzten Monaten konnte ich dir nur immer flüchtige Nachricht geben, denn ich hatte wahrlich kaum eine freie Stunde für mich. Nun bin ich aber aus dem Gröbsten heraus und will dir nun endlich Genaueres berichten.
Dass die Fabrik gerettet ist, habe ich dir schon mitgeteilt. Was ich meinem sterbenden Vater versprochen habe, das werde ich halten. Nur ihm habe ich anvertraut, dass ich als reicher Mann zurückgekehrt bin und dass das Kapital, welches nötig war, die Firma zu retten, von mir selbst kommen würde. Sonst weiss hier kein Mensch, wie meine Verhältnisse in Wahrheit liegen.
Ich habe den ganzen Haushalt hier auf eine andere Basis gestellt. Meine Schwester und ihre Mutter sollen auch in Zukunft ein angenehmes, sorgloses Leben haben, aber sie sollen sich dabei bewusst werden, dass es Verantwortungen auch für sie gibt. Wenn es an der Zeit ist, werde ich auch ihnen gegenüber meine Verhältnisse offenbaren.
Ausserdem teile ich dir noch mit, dass ich nicht nach Sumatra reisen muss, um meine letzten Angelegenheiten zu ordnen, und das ist mir lieb, denn die Heimat hält mich fest mit tausend Banden.
Meine beiden letzten Plantagen auf Sumatra werde ich, wie du weisst, noch vertaufen. Auftrag dazu habe ich gegeben. Dank dir konnte ich ungestört mit meinen dortigen Geschäftsträgern in Verbindung bleiben, ohne dass hier jemand etwas davon merkt. Da mein ganzer Briefwechsel durch deine Hände geht, wundert man sich hier höchstens, in welch reger Korrespondenz ich mit dir stehe. Und dabei habe ich dich wahrlich sehr kurz gehalten und dich immer nur zum Vermittler gebraucht. Nun — meinen Dank trage ich dir noch ab.
Mit meiner kleinen Schwester stehe ich sehr gut. Ich habe viel Einfluss auf sie gewonnen und freue mich herzlich ihrer Entwicklung. Sie ist mir ein lieber Mensch geworden, aber ausfüllen kann sie mein Leben natürlich nicht. Dazu brauche ich eine Frau, die meinen ganzen Menschen versteht und mit mir durch alle Höhen und Tiefen geht. Du wirst lächeln über mich. Bisher hat die Frau ja nur eine untergeordnete Rolle in meinem Leben gespielt, weil ich eben die Eine, Einzige noch nicht gefunden habe. Jetzt habe ich zuweilen Sehnsucht nach dieser Einen. Das sind aber Dinge, die man eben nur an einem so unglaublich schönen Maimorgen empfindet, zumal wenn man so lange keinen deutschen Frühling erlebt hat. Ich gestatte dir, über mich zu lächeln.
Aber nun habe ich dir ausführlich genug berichtet. Ich hoffe, nächstens mal einige Tage nach Berlin zu kommen. Dann sehen wir uns wieder und sprechen uns aus. Für heute nur noch meinen Dank, dass du mir Walrad empfohlen hast, er ist ein Genie und für uns unbezahlbar. Zum Schluss noch eine ergebene Empfehlung und einen Handkuss für deine junge Frau. Du Beneidenswerter hast die bewusste Eine, Einzige gefunden! Ob ich sie auch finden werde? Der deutsche Frühling hat es in sich. Lache mich aus! Und sei herzlich gegrüsst von
Deinem getreuen Heinz.“
Aufatmend legte Heinz Frank die Feder hin, als dieser lange Brief beendet war. Er lehnte sich in den Sessel zurück und sah zum Fenster hinaus ins Weite. Seine Augen hatten einen suchenden Blick, als wollte er draussen in der Ferne die Zukunft erspähen.
Träumerei lag dem tatkräftigen, zielbewussten Manne sonst ganz fern, aber heute verlor er sich ein wenig in eine träumerische Stimmung.
Aus ihr wurde er plötzlich herausgerissen. Es klopfte an seiner Tür, und auf seinen Zuruf wurde sie ein wenig geöffnet.
Бесплатный фрагмент закончился.
