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Vernichten!

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Kapitel 1

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Kapitel 6

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Kapitel 8

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Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Hansjörg Anderegg

Hansjörg Anderegg

Vernichten!

Der 7. Fall mit BKA-Kommissarin Chris

Thriller

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://www.d-nb.de abrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96752-199-3

E-Book-ISBN: 978-3-96752-697-4

XOXO Verlag, Bremen

Copyright (2021) XOXO Verlag

Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag

unter Verwendung der Bilder:

Stockfoto-Nummer: 1068509705, 1043334526

von www.shutterstock.com

Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

Hergestellt in Bremen, Germany (EU)

XOXO Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Gröpelinger Heerstr. 149

28237 Bremen

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

Sankt Petersburg, Russland

Vielleicht nicht die beste Idee des Jahres, der Lachs-Pfannkuchen in der Stolowaja gegenüber dem Hotel. Schnell sollte es gehen, billig musste es sein. Das traf zu. Jetzt spürte er die Folgen. Sein Magen erinnerte ihn daran, wie ein einheimischer Blogger solche Schnellimbisse in Sankt Petersburg bezeichnet hatte: Toschnilowka – Kotzbude.

»Du siehst Scheiße aus«, bemerkte seine Begleiterin.

»Danke, das hilft. Mach schon! Ich kotz gleich auf den Flur.«

»Reiß dich zusammen! Sie müssen gleich da sein.«

Sie schloss auf. Er rannte ins Bad, um den Pfannkuchen an den richtigen Ort zu befördern: in die Toilette. Während er sich wusch, hörte er gedämpfte Stimmen. Eine Tür schlug zu, dann blieb es still. Irritiert verließ er das Bad und trat ins Zimmer.

»Was haben Sie mit dem Kind gemacht?«, fragte er die Unbekannte auf Russisch, alarmiert.

Das Mädchen, acht, wenn die Angaben stimmten, lag reglos rücklings auf dem Bett, das blaue Kleid mit weißen Punkten hochgeschoben, sodass ihr Höschen freilag wie eine Aufforderung, es auszuziehen.

»Das wollten Sie doch, Herr Meier«, antwortete die Russin in gebrochenem Deutsch.

Auf den ersten Blick machte die Besucherin den Eindruck einer dürren Marktfrau: grauer Rock, graue Jacke, weißes Kopftuch. Das Gesicht aber war jung. Sie warf ihm einen stechenden Blick zu. Ein verächtliches Lächeln umspielte ihren Mund. Seine Begleiterin saß im Ohrensessel am Fenster, drehte ihnen den Rücken zu und gab keinen Ton von sich. Etwas begann hier fürchterlich zu stinken, schlimmer als die verdorbenen Magensäfte in seinem Rachen.

»Was hat die Kleine?«, fragte er nochmals mit belegter Stimme.

Er beugte sich über das Mädchen, um den Puls zu fühlen. Gott sei Dank, dachte er und atmete auf. Das Herz der Kleinen schlug normal. Es war sein allerletzter Gedanke.

Fünf Minuten später stopfte die Besucherin Jacke, Rock und Kopftuch in ihren Rucksack. Bevor sie das Zimmer verließ, warf sie noch einmal einen prüfenden Blick auf die Szene, dann wandte sie sich ab. Kurz danach verließ sie das Hotel durch den Lieferanteneingang, eine junge Frau in Jeans, Lederweste und Baseballmütze, die das Haus nie betreten hatte.

Das Zimmermädchen öffnete die Tür mit der Nummer 412, nachdem niemand auf ihr wiederholtes Klopfen geantwortet hatte, um die Betten abzudecken und das Zimmer für die Nacht vorzubereiten. Nach zwei Schritten stieß sie einen gellenden Schrei aus und rannte händeringend und alle Heiligen anrufend hinaus. Wie von Killern gehetzt stürmte sie die Treppe hinunter und ins Büro des Managers. Außer Atem versuchte sie dem Mann mit Handzeichen, Gebeten und schlimmen Wörtern zu schildern, was sie gesehen hatte. Er verstand immerhin zwei davon: 412 und Politsiya. Verstört wollte er mit ihr hochsteigen, doch sie weigerte sich, noch einen einzigen Schritt zu tun, sank auf den Boden und weinte leise wimmernd vor sich hin, an die Wand gelehnt, Gesicht in den Händen vergraben.

Colonel Gregori Makarov von der Polizei Sankt Petersburg war ein alter Hase. Nach der Polizeischule war er bei der Sitte gelandet. Nach fünf Jahren hatte er beschlossen, sich künftig lieber mit den Toten des Morddezernats zu befassen. Das lag auch schon zwanzig Jahre zurück. Er konnte sich gut vorstellen, dass er sich nicht vorstellen konnte, was ihn im Zimmer 412 des noblen Hotels erwartete. Innerlich fluchend versuchte er, dem Blick seiner Partnerin Sofia im engen Aufzug auszuweichen, vergeblich. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er musste seinem Ärger Luft verschaffen.

»Passt dir mein Hemd heute nicht?«, fuhr er sie an.

»Versuch doch, es wenigstens einmal im Monat zu wechseln.«

»Oho, Major Yeltsova macht Witze, originell.«

Er kannte seine Partnerin lange genug, um zu wissen, wie es um sie stand. Je zynischer die Sprüche, desto verletzter war sie, desto mehr graute ihr vor den dunklen Seiten des Jobs. Es gab eigentlich nur dunkle, schwarze Tage beim Mord, kaum je einen Lichtblick seit Jahren. Am schwersten waren die Tatorte mit Kindern zu ertragen.

»Kann es sein, dass dein Sohn wieder Mist gebaut hat?«, fragte er, um sie abzulenken.

Sie war zu angespannt, um zu antworten. Der Pathologe traf gleichzeitig mit ihnen beim Zimmer 412 ein. Der Hotelmanager und zwei seiner Mitarbeiter warteten auf dem Flur. Die Stimme des Direktors bebte, als er sie begrüßte.

»Ein Ehepaar Meier hat das Zimmer für eine Nacht gebucht«, berichtete er, »Martha und Tobias Meier aus Berlin. Das Mädchen hat nicht mit ihnen eingecheckt. Wir wissen nicht, woher es kommt und weshalb es im Zimmer ist.«

»Etwas müssen wir ja auch noch herausfinden«, brummte Gregori griesgrämig.

Seine Partnerin und der Mediziner befanden sich bereits im Zimmer. Er atmete tief durch und trat ein. Nach den ersten Informationen hatte er eine ähnliche Szene erwartet, allerdings nicht so drastisch. Der Mann, der sich Tobias Meier nannte, lag mit einem Loch im Kopf halb auf dem Bett, halb auf einem kleinen Mädchen. Ein Blutfleck, groß wie das Kopfkissen, hatte sich auf dem erdfarbenen Bettüberwurf ausgebreitet wie der Entwurf zu einem neuen, abstrakten Design. Daneben saß seine Frau am Boden, Martha Meier, den Rücken ans Bett gelehnt, den Revolver noch in der Rechten, mit dem sie erst ihrem Mann das Licht ausgeblasen und dann sich selbst mit einer Kugel in die Schläfe gerichtet hatte. So sah es jedenfalls aus auf den ersten Blick. Das Kleid des Mädchens war hoch gerutscht, das Höschen sichtbar. Hatte die Frau ihren Mann überrascht, als er sich über die Kleine hermachte? Die Erklärung drängte sich förmlich auf. Alles passte zu dieser Vorstellung. Es passte zu gut. Die schreckliche Szene wirkte zu perfekt, wie arrangiert.

Ein halberstickter Schrei ließ alle im Zimmer erstarren. Das Mädchen regte sich, sah das Blut, die toten Augen, die es anstarrten. Von panischer Angst ergriffen, schrie es lauter, strampelte verzweifelt, um sich von der Last zu befreien. Sofia reagierte als Erste.

»Sie lebt!«, entfuhr es ihr unwillkürlich.

Zusammen mit dem Arzt befreite sie die Kleine aus ihrer misslichen Lage, während sie ihr beruhigend ins Ohr flüsterte. Sie drückte sie sanft an ihre Brust, eine Hand schützend vor den Augen, damit sie die Leichen und das Blutbad nicht länger ansehen musste. Dann verließ sie mit ihr das Zimmer.

»Das Kind weist keine äußeren Verletzungen auf«, versicherte der Arzt.

Gregori brauchte die nächste Frage nicht zu stellen. Der Mediziner wusste ohnehin, was jedermann in dieser Situation auf der Zunge brannte. Er schüttelte den Kopf und sagte:

»Soweit ich ohne Untersuchung beurteilen kann, wurde sie nicht missbraucht.« Nach kurzer Pause fügte er leise hinzu: »Zumindest nicht dieses Mal.«

»Wurde sie betäubt?«

»Sieht ganz danach aus. Ohne Untersuchung kann ich allerdings nur spekulieren. Das ist nicht meine Baustelle. Ich bin Rechtsmediziner und beschäftige mich mit den Toten, wie Sie wissen, Colonel.«

Die Kleine war fürs Erste in guten Händen bei Sofia und den Kolleginnen von der Ambulanz. Jedenfalls hatte sie aufgehört zu schreien. Man hörte allerdings auch kein Wort von ihr. Sie schien eisern zu schweigen, was ihn nicht weiter erstaunte nach dem Schock.

»Was sagen die Toten?«, fragte er den Arzt, der gerade die Hände der Frau und den Revolver untersuchte.

»Es sind tatsächlich zwei Schüsse aus dieser Waffe abgefeuert worden, und die Hand der Frau weist Schmauchspuren auf.«

»Sie hat also erst ihren Mann und dann sich selbst erschossen?«

Gregori wollte trotz des Befundes nicht an diese Erklärung glauben. Weshalb wusste er selbst nicht. Das schiefe Grinsen auf dem Gesicht des Arztes erschien ihm daher wie ein Hoffnungsschimmer.

»Ich frage mich allerdings, wie die Frau das bewerkstelligt hat«, sagte der Arzt. Er schob das Haar am Hinterkopf der Leiche etwas auseinander. »Sehen Sie, was ich meine?«

Das blau angelaufene Hämatom war nicht zu übersehen.

»Wurde sie niedergeschlagen?«

Der Arzt nickte. »Und zwar mit einem harten, stumpfen Gegenstand und roher Gewalt, vermutlich mit einem Totschläger. Die Frau war kaum bei Bewusstsein, als sie die Kugel aus dem Revolver traf.«

»Mord, wusste ich‘s doch! Die ganze Szene ist gestellt, um einen Doppelmord zu vertuschen.«

Wieder nickte der Arzt und fügte an:

»Der Mann kann jedenfalls nicht geschossen haben, bevor er selbst von hinten erschossen worden ist. Es gab keinen Kampf. Der Schuss muss ihn völlig überrascht haben. Auch die Frau weist keinerlei Abwehrverletzungen auf.«

Das Team der Kriminaltechnik traf ein. Keine fünf Minuten vergingen, bis die beiden Geschosse sichergestellt waren. Beide tödlichen Schüsse stammten aus derselben Waffe, dem Revolver. Außer der Wunde am Hinterkopf der Frau gab es keine Spuren, die auf einen dritten Täter hindeuteten. Die Morde waren mit großer Präzision und Effizienz ausgeführt worden, eindeutig das Handwerk von Profis. Über Fingerabdrücke und DNA würden sie diesen Killer nicht identifizieren, war sich Gregori sicher. Ihre einzige Hoffnung ruhte im Moment auf den Aufzeichnungen der Überwachungskameras. Dumm nur, dass es auf dieser Etage keine gab. Kameras, die brauchbare Bilder lieferten, überwachten nur den Haupteingang, den Empfang und die Ein- und Ausfahrt der Tiefgarage. Die Befragung des Personals und der Zimmernachbarn auf der Etage ergab keine Hinweise auf Personen, die das Zimmer 412 betreten oder verlassen hatten. Alles andere hätte Gregori überrascht, Berufspessimist, der er war. Woher kam die Kleine? Irgendjemand musste sie hierher gebracht haben, denn sie hatte nicht mit den Meiers eingecheckt – der Mörder?

Die Pässe bestätigten die Identität des Ehepaars. Ausländer aus dem reichen Westen, die sich in Sankt Petersburg Kinder beschafften für illegale Adoptionen oder um ihre pädophilen Fantasien auszuleben, waren leider nichts Ungewöhnliches. Amerikaner und Deutsche gehörten zu den Spitzenreitern. Mit Dollar und Euro ließ sich alles problemlos kaufen in seinem Land, dachte Gregori bitter. Früher hatte er sich bei jedem neuen Fall maßlos darüber geärgert, bis ihn ein vorwitziger Praktikant, der sonst zu nichts taugte, mit einem weisen Spruch aufklärte: Es ist sinnlos, sich über etwas zu ärgern, das man nicht ändern kann. Seither war er bescheidener geworden, versuchte nicht mehr, die Welt zu verbessern. Er beschränkte sich darauf, seine Arbeit mit Anstand zu erledigen. So, dass er morgens in den Spiegel schauen konnte, ohne sich zu ekeln. Er war daher nicht sonderlich beliebt bei vielen Kollegen, die gerne mal die Hand aufhielten, aber auch darüber war er längst hinweg.

»Mir will nicht in den Kopf, dass niemand die Schüsse gehört hat«, sagte Sofia, die eben zur Tür hereinkam.

Da ihm keine passende Antwort einfiel, erkundigte er sich nach der Kleinen.

»Das Betreuungsteam kümmert sich jetzt um sie. Wie es aussieht, hat sie wohl Glück im Unglück gehabt und die Morde verschlafen.«

»Sagt sie etwas?«

Sofia schüttelte traurig den Kopf. »Kein Wort. Sie verschließt sich wie eine Auster. Es wird wohl dauern, bis wir sie identifizieren und befragen können.«

»Wir müssen die Leute im Hotel ausquetschen. Vielleicht kennt sie ja jemand.«

Sofia warf ihm einen verächtlichen Blick zu.

»Was glaubst du, tue ich die ganze Zeit? Die Befragung ist längst im Gang, bisher ohne Ergebnis. Wir gehen auch an die Presse.«

Er nickte nachdenklich und brummte:

»Wenn es das ist, was ich vermute, werden sich die Verantwortlichen hüten, bei uns anzutanzen.«

»Wir müssen mit Berlin sprechen. Machst du das?«

Die Kollegin, die sich um die Überwachungskameras kümmerte, unterbrach sie:

»Wir haben sie!«

Sie zeigte eine Szene der Kamera am Haupteingang auf dem Laptop, aufgenommen vor einer guten Stunde. Die Kleine war deutlich zu erkennen in ihrem auffälligen Kleid. Eine ältere Frau, deren Gesicht ein weißes Kopftuch halb verdeckte, führte sie an der Hand.

»Die Fahndung nach der Frau läuft«, beeilte sich die Kollegin zu versichern. »Sonst ist sie nirgends auf einer Aufzeichnung zu sehen.«

Gregoris Puls schnellte in die Höhe.

»Sie ist noch im Haus?«, rief er elektrisiert.

»Vielleicht – wir brauchen aber mehr Leute für die Durchsuchung.«

Die Kollegin trug die Bemerkung leise vor, als äußerte sie einen unverschämten Wunsch. Wütend bellte er ins Funkgerät, um Verstärkung anzufordern. Das Hotel musste augenblicklich abgeschottet werden, dass keine Ratte mehr durchkam. Ein frommer Wunsch und wahrscheinlich zu spät. Er wusste es, aber versuchen musste er es trotzdem.

»Die Frage hat sich wohl erübrigt«, seufzte Sofia und wandte sich ab.

Er erinnerte sich an keine Frage.

»Wohin gehst du?«

»Zurück ins Büro, Berlin anrufen.«

»Nett von dir.«

»Haha – Colonel Makarov scheint heute auch seinen witzigen Tag zu haben.«

Nicht unbedingt, aber ihr Englisch war bedeutend besser als seins. Eine Stunde, nachdem sie gegangen war, brach auch er auf. Das Hotel war nicht allzu groß, die Durchsuchung bald abgeschlossen. Von der Frau mit dem weißen Kopftuch fehlte jede Spur, und es gab keinen Hinweis auf eine ähnliche Person, die das Hotel im fraglichen Zeitraum verlassen hätte. Solang die Kleine schwieg, tappten sie völlig im Dunkeln. So sah es aus.

Sofia hing am Telefon, als er ins Büro zurückkehrte. Sie sprach Englisch. Berlin war am Draht. Ihr Gesicht verriet, dass sie sich angenehmere Arten vorstellen konnte, sich die Zeit zu vertreiben. Missmutig schaltete sie auf Lautsprecher, damit er mithören konnte.

»Sie versuchen, einen Zuständigen zu finden«, murmelte sie achselzuckend.

»Kommt mir bekannt vor«, brummte er.

»Hauptkommissarin Monika Weber, LKA Berlin«, meldete sich eine tiefe Frauenstimme im Lautsprecher.

Sofia stellte sie vor und kam sofort zur Sache:

»Heute Abend sind in einem Hotelzimmer in Sankt Petersburg zwei Tote entdeckt worden, ein Mann und eine Frau. Sie trugen deutsche Pässe auf sich, die sie als Tobias und Martha Meier ausweisen. Beim Einchecken haben sie Berlin als Wohnsitz angegeben.«

Es blieb totenstill in der Leitung, als gäbe es kein Netz.

»You still there?«, fragte Sofia irritiert.

»Ja – natürlich – was ist geschehen?«

Sofia schilderte den Tathergang, vorerst ohne das Kind zu erwähnen. Wieder entstand eine lange Pause. Diesmal hörte man leise, aufgeregte Stimmen im Hintergrund. Endlich meldete sich die deutsche Kommissarin mit der Bitte, Bilder der Toten und Kopien der Pässe zu übermitteln. Kaum waren die Fotos der Opfer in Berlin, kam auch schon die Bestätigung der Kommissarin Weber:

»Wir haben das Ehepaar Meier identifiziert und kennen den Wohnsitz.«

Zum ersten Mal schaltete sich Gregori ein:

»Sind die beiden aktenkundig?«

»Nein, keine Akte.«

»Auch nicht bei der Sitte?«

»Keine Akte heißt keine Akte«, antwortete die deutsche Kommissarin unwirsch.

Der Ton störte ihn nicht, wohl aber die Tatsache, dass die Frage ausblieb, weshalb er ausgerechnet die Sitte erwähnte. Zu seiner Überraschung stellte die Deutsche eine andere Frage:

»War noch jemand beim Ehepaar Meier zur Tatzeit? Gibt es Zeugen?«

Sofia warf ihm einen vielsagenden Blick zu, bevor sie das Mädchen erwähnte.

»Mein Gott – ist das Kind verletzt?«

»Das Mädchen ist wohlauf, steht aber unter Schock«, antwortete Gregori. »Es gibt noch keine Aussage. Wir übermitteln Ihnen unsere Akten mit dem Foto des Mädchens. Sie halten uns bitte auf dem Laufenden über Ihre Ermittlungen in Berlin.«

Der Rest war Routine. Sankt Petersburg würde die Leichen nach der Obduktion und dem Abschluss der Beweisaufnahme nach Deutschland überstellen. Er und Sofia mussten den Killer oder die Killerin jagen, die Deutschen die Familie informieren und deren Umfeld untersuchen, was vielleicht zu einem brauchbaren Motiv führen würde. Ein grausamer Routinefall wie viele andere, wäre da nicht das kleine, namenlose Mädchen, das eben durch die Hölle gegangen war, die er sich als Erwachsener nicht vorstellen konnte.

Berlin

»Oh – mon – Dieu – je vais m’évanouir!«, rief Jeanne entsetzt und machte Anstalten, in Ohnmacht zu fallen.

»Ein Cognac für Jeanne«, sagte Chris lachend zur Azubiene, die ratlos danebenstand. Jeanne hieß eigentlich Hans, stammte aus der dunkelsten Ecke Neuköllns und lebte für den großen Auftritt als elegante Französin.

»Was habe ich denn Schlimmes gesagt?«, fragte sie ihre frankophile Hairstylistin.

»Mein Gott, Frau Doktor Roberts – schlimm ist gar kein Ausdruck!«

Weiter kam Jeanne nicht. Ihr Brustkorb mit den – zugegeben perfekt modellierten – Silikonimplantaten hob und senkte sich in gefährlich rascher Folge. Sie fächerte sich mit der flachen Hand Luft zu, wandte sich ab und alarmierte die Belegschaft des Salons. Die Angestellten ließen ihre Kundinnen im Stich und eilten mit besorgten Mienen herbei. Der Betrieb stand still. Chris wusste jetzt, wie sich Schimpansen im Zoo fühlten. Wenigstens trennte die eine Glasscheibe von den Gaffern. Die Chefin bahnte sich einen Weg durch die Menge. Jeanne versuchte zu erklären, was sie so erschütterte, doch ihre Stimme versagte. Zu tief saß der Schock.

»Ist etwas nicht in Ordnung, Frau Kommissarin?«, fragte die Chefin.

Chris spielte die Ahnungslose und zuckte die Achseln.

»Ich will mir nur den Zopf abschneiden lassen.«

»Nein!«, riefen die Umstehenden im Chor.

Die Aufregung war zu viel für Jeanne. Mit einem tiefen Seufzer ließ sie sich in die Arme der Kolleginnen fallen. Selbst die Chefin fand die Sprache nicht sofort wieder.

»Aber – haben Sie sich diesen Schritt auch wirklich gründlich überlegt?«, stammelte sie.

Jeannes Vorstellung war noch nicht zu Ende. Sie warf sich Chris zu Füßen und flehte sie an:

»Chère madame commissaire – erbarmen Sie sich meiner! Lassen Sie diesen bitteren Kelch an mir vorüberziehen! Zwingen Sie mich nicht, das Undenkbare zu tun, das schönste, längste, wundervollste Haar Berlins – was sage ich: die schönste Haarpracht Deutschlands! – brutal abzuschneiden!«

Jedem Satz folgte ein deutlich hörbares Ausrufezeichen. Chris tätschelte ihr mitfühlend die Hand.

»Ma chère, beruhigen Sie sich. Haare wachsen nach. Es muss einfach sein.«

»Aber warum in Gottes Namen? Hach – es ist eine Sünde.«

Jeanne blickte sich Hilfe suchend um und stellte die rhetorische Frage mit ersterbender Stimme:

»Ist es nicht eine wahre Sünde?«

Chris entschloss sich zu einer drastischen Maßnahme, um das Verfahren abzukürzen. Sie flüsterte Jeanne ins Ohr:

»Wenn Sie mir schnell einen schicken Kurzhaarschnitt verpassen, verrate ich Ihnen ein Geheimnis, das noch niemand kennt.«

Jeanne traute ihren Ohren nicht und warf ihr einen leidenden Blick zu. Erst Chris‘ Augenaufschlag überzeugte sie. Mit einem tiefen Seufzer scheuchte sie die Zuschauerinnen weg.

»Husch, husch, meine Lieben, zurück an die Arbeit, oder habt ihr nichts zu tun?«

Sie wartete mit dem Blick der Kindergärtnerin bis alle ihren Platz gefunden hatten, bevor sie die längst fällige Frage stellte:

»Was haben Sie sich denn genau vorgestellt, Madame?«

»Der Zopf muss weg«, lag Chris auf der Zunge, doch sie hütete sich, die brutale Wahrheit nochmals auszusprechen. Mit Schrecken stellte sie fest, dass sie sich keinerlei Gedanken über den nächsten Schritt gemacht hatte, so fixiert war sie auf die Vorstellung, das strohblonde Teil loszuwerden, mit dem sie nicht zuletzt ihren Ehemann Jamie geangelt hatte. Jeanne erwartete glücklicherweise keine Antwort. Behände entflocht sie den dicken Zopf, der fast bis zum Po reichte, wickelte das lange Ende locker um einen Arm und rückte das Haar mit der andern Hand so zurecht, dass Chris eine Vorstellung davon bekommen sollte, was sie sich vorstellte.

»Passt!«, beeilte Chris sich zu versichern.

»Sie werden ein gaaanz neuer Mensch, Madame«, flüsterte die Hairstylistin ergriffen mit langgezogenem A. »Wir schneiden Ihnen ein luftiges Kurzhaarfrisürchen mit neckischer, schräger Ponypartie. Was halten Sie davon?«

Chris bekundete begeisterte Zustimmung, ohne zu verstehen, wovon die Gute sprach. Wenn Jeanne in den Pluralis Majestatis verfiel und die Sätze mit »Wir« begannen, blieb ohnehin wenig Spielraum für Diskussionen. Abgesehen davon hatte sie sich vorgenommen, im Laufe des Tages doch noch im BKA-Präsidium in den Treptowers aufzutauchen – bevor Staatsanwältin Winter die Fahndung auslösen würde. Jeanne hielt inne, bevor sie die Schere zum fatalen Schnitt ansetzte, und beugte sich mit ernster Miene zu ihr herunter.

»Vergessen Sie nicht, Sie haben mir etwas versprochen, Madame – das Geheimnis!«

»Sobald der Zopf ab ist.«

Jeanne begann seufzend mit der qualvollen Arbeit. Sorgsam reihte sie Strähne um Strähne des über fast zwei Jahrzehnte gewachsenen Haares auf dem Glastisch aneinander, als wären es kostbare Reliquien. Kolleginnen unterbrachen die Arbeit, fasziniert von einem Hochamt, wie es noch nie zelebriert worden war in diesem Salon. Die Chefin verließ ihren Arbeitsplatz ein weiteres Mal, um das Wunder aus der Nähe zu betrachten. Gedankenverloren ließ sie das Haar durch die Finger gleiten, bevor sie ohne ein Wort zu sagen an den Schreibtisch zurückkehrte.

»Sie ist scharf auf Ihr Haar«, flüsterte Jeanne aufgeregt. »Verkaufen Sie es ja nicht zu billig, mindestens fünfhundert.«

»Wie bitte?«

»Fünfhundert Euro mindestens für diese Länge und Qualität.«

Chris begann zu begreifen, dass sie das erste Mal im Leben etwas produziert hatte, was man verkaufen konnte. Während Jeanne den kümmerlichen Rest ihrer Haare wusch, um sie fürs Ausdünnen und Schneiden vorzubereiten, erfuhr sie mehr übers Geschäft, von dessen Existenz sie nichts geahnt hatte. Gesundes, langes Haar von Europäerinnen ist selten und gesucht. Es eignet sich besser für Perücken und Verlängerungen als Haar von Inderinnen, das zwar reichlich vorhanden ist aber erst aufwendig behandelt werden muss.

Vor dem Spülen legte Jeanne noch einmal eine Pause ein, begleitet von einem fragenden Blick. Chris winkte sie näher heran und flüsterte so leise, dass nur sie es hören konnte:

»Ich bin schwanger.«

»Neiiin!«

Jeannes Ausruf der Überraschung ließ den Salon erstarren. Für einen Augenblick stand die Zeit still. Beim nächsten Atemzug tauchte die Chefin bei ihnen auf.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie, ohne die Lippen zu bewegen.

Chris lächelte verträumt. Nie zuvor hatte sie den Satz ausgesprochen, der ihr Leben auf den Kopf stellte: Ich bin schwanger. Nicht einmal Jamie ahnte etwas von ihrem Glück. Vielleicht glaubte er etwas zu ahnen, weil er mit ihr hoffte nach vielen vergeblichen Versuchen, aus Solidarität und Zweckoptimismus. Gewissheit hatte nur sie.

»Alles in Ordnung, Frau Kommissarin?«, fragte die Chefin noch einmal, tiefe Sorgenfalten auf der Stirn.

»Alles gut, es könnte nicht besser sein«, beruhigte sie.

Kaum waren sie wieder allein, begannen Jeannes Fragen auf sie einzuprasseln. Die neue Frisur entstand nebenbei aus dem Handgelenk. Wichtig war nur noch das eine Thema. Die Aufregung stand Jeanne ins Gesicht geschrieben, als wäre sie selbst schwanger geworden. Chris spielte eine Weile mit. Es tat ihr gut, mit jemandem darüber zu sprechen. Sie sonnte sich im Gefühl, es gäbe nichts anderes Wichtiges mehr auf der Welt, alles drehte sich einzig und allein um das winzige Lebewesen, das in ihrem Bauch heranwuchs.

»Sie werden doch jetzt nicht weiter Ganoven jagen«, sagte Jeanne unvermittelt, das nackte Entsetzen in den Augen.

Chris zuckte die Achseln. »Jemand muss es eben tun.«

»Aber – das Kind! Denken Sie an Ihr Kind! Was wird‘s denn, Junge oder Mädchen oder etwas dazwischen?«

Chris lachte laut auf. »Eine Überraschung. Es ist noch zu klein, um Farbe zu bekennen.«

Jeanne schnipselte und kämmte eine Weile schweigend weiter, bis sie innehielt und versonnen seufzte:

»Hach, ich beneide Sie.«

»Was glauben Sie, wie ich Sie manchmal beneide. Sie erschaffen Schönheit, machen Schönes noch schöner, können den ganzen Tag elegante Kleider und Schuhe tragen, ohne fürchten zu müssen, sie zu ruinieren, und haben erst noch geregelte Arbeitszeiten.«

Jeanne schüttelte traurig den Kopf. »Und was mache ich am Feierabend? Ich sitze einsam und verlassen in meiner tristen Einzimmerwohnung vor der Glotze.«

Chris musste dringend etwas Positives einfallen, damit sie sich wieder ihrem Kurzhaarschnitt mit schräger Ponypartie widmete.

»Gönnen Sie sich eine Reise – nach Paris zum Beispiel. Sammeln Sie schöne Erinnerungen. Die sind das Kostbarste, was es gibt.«

»Außer Kindern und einer Familie«, murmelte Jeanne fast unhörbar. Bevor Chris antworten konnte, fuhr sie mit bitterem Lächeln fort: »Paris war schon immer mein Traum.«

»Wollen Sie damit andeuten, noch nie dort gewesen zu sein?«

»Kann ich mir nicht leisten.«

»Ach was, Paris ist nicht teurer als Berlin, wenn man den Kaffee nicht gerade bei der Oper trinkt.«

Jeanne schüttelte entschieden den Kopf und drohte, die Arbeit an der Frisur ganz einzustellen.

»Sie haben ja keine Ahnung, Madame«, klagte sie. Die Hand auf der Brust, fügte sie an: »Die OP hat mich komplett ruiniert. Ich werde den Kredit wohl bis ans Lebensende abzahlen müssen. Nicht einmal die Farben der Saison kann ich mir leisten. Tragisch, nicht wahr?«

So melodramatisch sie sich ausdrückte, in ihrer Stimme und den Augen lag eine Traurigkeit, die Chris berührte. Jeanne war bei aller Exaltiertheit ein zutiefst unglücklicher und einsamer Mensch. Da ihr keine passende Antwort einfiel, endete die Unterhaltung abrupt. Jeanne widmete sich mit neuer Inbrunst dem Kunstwerk auf ihrem Kopf. Bisher hatte Chris den Blick in den Spiegel vermieden, doch jetzt, nachdem Jeanne eine letzte Strähne gebändigt hatte, musste sie in den sauren Apfel beißen. Eine fremde Frau sah sie an, deren Gesichtszüge sich langsam entspannten. Sie wagte gar ein Lächeln, denn was sie sah, gefiel ihr. Die neue Chris gefiel ihr so sehr, dass Jeanne sich heimlich eine Träne trocknen musste. Sie liebte die große Geste.

»Jetzt beginnt ein neuer Lebensabschnitt«, sagte sie, zufrieden mit ihrem Werk.

Sie sprach Chris aus der Seele.

Das schrille Geheul einer Polizeisirene drang durch die halb offene Tür in den Salon. Ein Rettungswagen raste auf der Straße am Fenster vorbei. Der Alltag hatte sie wieder. Sie griff automatisch zum Telefon, das sie stumm geschaltet und während der Verwandlung im Salon nicht beachtet hatte. Drei Anrufe aus dem Präsidium, eine SMS vom Kollegen Haase und eine Nachricht von Jamie. Der musste warten. Sie rief Haase an.

»Sie sollten sofort herkommen«, sagte er ruhig und emotionslos wie stets, wenn er nicht gerade Kaffee braute. »Es brennt.«

»Das Büro brennt?«

»Die Staatsanwaltschaft.«

»Besser.«

»Im Ernst, die Winter sucht sie schon eine ganze Weile. Sie hat ziemlich üble Laune.«

»Das ist ihr Normalzustand.«

Staatsanwältin Winter, die Eisprinzessin, hatte ihre Scheidung auch nach Jahren immer noch nicht überwunden, immerhin ein Zeichen, dass sie auch Gefühle besaß, negative zumindest.

»Ich muss leider zurück ins Büro«, entschuldigte sie sich bei Jeanne mit einem Seufzer.

Sie stand auf, betrachtete sich von allen Seiten im Spiegel und lobte das gelungene Meisterwerk. Ohne Zopf fühlte sie sich leicht, beschwingt gar und um Jahre jünger. Jeanne betrachtete sie in stiller Bewunderung ihrer Arbeit. Die Augen glänzten oder waren es Freudentränen?

»Was geschieht mit dem schönen Haar, Madame?«, fragte sie tonlos.

Chris hatte den alten Zopf beinahe vergessen. Die Zeit drängte, die beste Voraussetzung für gute Einfälle. Mit einem letzten Blick auf die verlorene Haarpracht sagte sie:

»Den Zopf schenke ich Ihnen.«

»Neiiin!«

Wieder hörte die Welt auf, sich zu drehen. Die Chefin materialisierte sich wie aus einer höheren Dimension. Bevor sie die Standard-Frage stellen konnte, bekräftigte Chris ihren Entschluss:

»Ich schenke den Zopf meiner Künstlerin Jeanne.«

Um deren drohende Ohnmacht zu verhindern, drängte sie zum Aufbruch. Zum Abschied flüsterte sie der Guten ins Ohr:

»Nicht zu billig verkaufen, Jeanne, mindestens fünfhundert – und grüßen Sie mir Paris.«

Jens Haase füllte neue Bohnen in seine Espressomaschine, als sie eintrat. Er blickte nur kurz auf.

»Sie wünschen?«

Danach widmete er sich wieder dem Kaffee, seiner großen Leidenschaft. Er kannte jede exotische Bohne und besaß sie auch.

»Herr Haase, Jens Haase?«, fragte sie lächelnd.

»Ja, was …«

Er stockte, starrte sie mit offenem Mund an, sprachlos. Das war an sich nichts Ungewöhnliches. Sprechen gehörte nicht zu seinen Leidenschaften. Er war der stille Schaffer im Präsidium, mit allen nützlichen Datenbanken per du und gehörte, seit sie sich erinnern konnte, zum Inventar wie das Mobiliar – mit vergleichbarer Präsenzzeit. Sie vermutete schon lange, er wohne im Büro, hatte allerdings sein Bett noch nicht gefunden. Vielleicht brauchte er keins bei dem Kaffeekonsum.

»Bekomme ich auch einen Ristretto?«, fragte sie, um den Bann zu brechen.

»Sie sind es wirklich – das ist ja …«

»Anders, wollten Sie sagen?«

»Praktisch.«

Sie brach in Gelächter aus. Ein besseres Urteil zu ihrer neuen Erscheinung war von seinem analytischen Verstand nicht zu erwarten. Sie nahm es als Kompliment, denn praktisch war die Kurzhaarfrisur allemal, viel praktischer als der Rapunzel-Zopf.

»Herr Haase, hat sie sich bei Ihnen gemeldet?«, fragte Staatsanwältin Winter hinter ihrem Rücken.

Sie drehte sich in Zeitlupe um. »Meinen Sie mich?«

Eine Schrecksekunde blieb es still. Winters Augen blitzten kurz auf, bevor sie in der üblichen, tiefgefrorenen Tonlage fragte:

»Wo stecken Sie die ganze Zeit? Ich habe mehrfach versucht, Sie anzurufen. Kommen Sie!«

Chris hatte eine ironische, ja zynische Bemerkung zur schrägen Ponypartie erwartet und sich auf den Schlagabtausch gefreut – aber nicht nichts. Enttäuscht nahm sie die Tasse, die Haase ihr reichte, murmelte etwas von »leerem Akku« und folgte Winter ins Büro der Staatsanwaltschaft. Sie versuchte, das eisige Schweigen mit der Versicherung zu brechen, der verlangte Abschlussbericht würde pünktlich bis Mittag auf ihrem Schreibtisch landen.

»Es geht nicht darum«, gab die Staatsanwältin nervös zurück.

Als sie sich gegenübersaßen, schob sie eine Akte über den Tisch.

»Das LKA hat Mist gebaut. Lesen Sie!«

Fälle, in denen sie Kollegen an den Karren fahren musste, hasste sie besonders, und Winter wusste es. Sollte das eine Art Strafaktion werden für häufige Alleingänge? Bevor sie die Akte aufschlug, suchte sie die Antwort in Winters Augen, doch da gab es nichts zu lesen.

Der Bericht begann wie einer von tausend Fällen, denen sie in der Abteilung für schwere und organisierte Kriminalität täglich begegnete. Das einzig Ungewöhnliche schien der Ort des Verbrechens zu sein, jedenfalls aus Sicht des Bundeskriminalamts. Zwei deutsche Staatsbürger, das Ehepaar Martha und Tobias Meier aus Berlin, waren in einem Hotelzimmer in Sankt Petersburg erschossen aufgefunden worden. Bei der Lektüre des zweiten Abschnitts konnte sie einen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken.

»Verdeckte Ermittlungen des LKA in Sankt Petersburg?«, murmelte sie ungläubig.

»Verstehen Sie jetzt, was ich mit Mist meine?«

»Allerdings.«

Martha und Tobias Meier waren unter falscher Identität nach Russland eingereist. In Wirklichkeit handelte es sich um die Kommissare Katharina Bach und Malte Friedmann vom LKA. Über den Grund des verdeckten Einsatzes blieb der kurze Bericht vage mit dem Verweis auf die Ermittlerin in Berlin, Hauptkommissarin Monika Weber vom LKA 4, zuständig für organisierte Kriminalität und Bandendelikte.

»Ich möchte, dass Sie diesen Fall übernehmen, Dr. Roberts«, sagte die Staatsanwältin. »Finden Sie die Täter von Sankt Petersburg, und finden Sie um Gottes willen heraus, was da im LKA falsch läuft.«

Es war eine Bitte, kein Befehl. In Winters Stimme schwang ein Hauch banger Hoffnung mit. Chris sparte sich die Diskussion um Zuständigkeiten. Sie wussten beide, dass dieser Doppelmord ein Fall für die russischen Behörden war. Aber die Tatsache, dass es sich bei den Opfern um deutsche Polizisten handelte, deren Identität und Aufgabe auf keinen Fall an die Russen durchsickern durften, barg erheblichen Sprengstoff.

»Da werden meine drei Lektionen Russisch nicht weiterhelfen«, versuchte sie zu scherzen.

Winter ignorierte die Bemerkung.

»Dank der grenzenlosen Dummheit der Kollegen vom LKA stehen wir unter einem enormen Druck. Das werden Sie verstehen. Die Sache erfordert äußerstes Fingerspitzengefühl. Der Fall ist Verschlusssache und streng geheim. Ich muss über jeden Schritt informiert sein und ich genehmige jeden Zugriff Dritter auf die Akten. Sonst haben Sie freie Hand. Haben wir uns verstanden?«

»Ich bin also auf mich allein gestellt«, fasste Chris nüchtern zusammen.

Winter versuchte zu lächeln. »So kann man es auch ausdrücken.«

Chris wandte sich zum Gehen. »Haben Sie die Kollegin Weber schon vorgeladen?«

Winter schüttelte den Kopf. Bevor sie das Büro verließ, wandte sie sich noch einmal an sie:

»Dr. Roberts …«

»Ja?«

»Sieht schick aus, die neue Frisur, gefällt mir.«

»Danke«, antwortete sie perplex, nach Hintergedanken forschend.

»Ich habe mir auch schon überlegt, so etwas machen zu lassen.«

Bloß nicht!, dachte sie erschrocken und zog die Tür hinter sich zu. Für einmal konnte sie den Ärger der Staatsanwältin über die Dilettanten im LKA nachvollziehen. Sie war versucht, die harte Tour zu fahren, Hauptkommissarin Weber wie eine Verdächtige vorzuladen und ihr erst einmal die Leviten zu lesen. Nachdem sie Haase mit den notwendigen Informationen über den Fall vertraut gemacht hatte, entschied sie sich für die wissenschaftliche Methode: beobachten, zuhören und erst dann Schlüsse ziehen.

Eine halbe Stunde später betrat sie das LKA-Gebäude am Tempelhofer Damm. Das Erste, was ihr an Monika Weber auffiel, war die tiefe, männliche Stimme. Sanft, angenehm, aber sie passte nicht zu den harten, fast abgehärmten Gesichtszügen. Die Frau, zwanzig Jahre älter als sie, erweckte den Eindruck, als wäre sie schon etliche Male durch die Hölle gegangen, zuletzt wohl am Vortag bei der Nachricht aus Sankt Petersburg. Im Besprechungszimmer wartete ein Mann um die vierzig in betont lässiger Pose.

»Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich meinen Partner zuziehe?« Ohne die Antwort abzuwarten, stellte Monika Weber ihn vor: »Oberkommissar Dieter Vogel, auch LKA 4.«

»Ganz ohne Staatsanwaltschaft?«, fragte er bissig.

Chris ließ sich nicht provozieren. An diesem schönen Tag schon gar nicht.

»Staatsanwältin Winter wird Sie nicht mehr belästigen«, sagte sie lächelnd, »dafür bin ich jetzt da.«

Der Scherz trug nicht zur Entspannung bei. Sie beeilte sich, ihren Auftrag sachlich zu schildern, wobei sie betonte, alle verfügbaren Ressourcen des BKA einzusetzen, um die Tat aufklären zu helfen. Kollege Vogel traute dem Frieden nicht, setzte zu einer Entgegnung an, hielt jedoch den Mund auf ein Zeichen seiner Partnerin.

»Am besten erzählen Sie mir alles, was Sie über die verdeckte Ermittlung der Opfer in Sankt Petersburg wissen«, schlug sie vor.

Monika Weber deutete auf eine Reihe Ordner im Regal an der Wand.

»Im Grunde genommen steht alles da drin. Das sind die Ergebnisse von sieben Jahren Ermittlungsarbeit. Es fällt mir nicht leicht, das Material zusammenzufassen. Das dürfen Sie mir glauben, Dr. Roberts.«

»Chris«, unterbrach sie. »Vergessen Sie den Doktor. Kollegen nennen mich Chris.«

»Also gut, Chris, ich versuch’s. Vielleicht ist es am besten, am Schluss anzufangen, bei der Katastrophe in Sankt Petersburg.«

Ihr Partner breitete schweigend Fotos auf dem Tisch aus, welche die russische Polizei am Tatort geschossen hatte.

»Sieht auf den ersten Blick wie eine fatale Abrechnung unter Eheleuten aus«, bemerkte Chris. »Wer ist das Mädchen?«

Monika Weber zuckte die Achseln. »Wir wissen es nicht, und die Kollegen der Kripo in Sankt Petersburg konnten ihre Identität bisher auch nicht feststellen.« Sie verstummte für kurze Zeit, bis sie mit einem Kloß im Hals sagte: »Ich weiß, wie das für Sie aussehen muss. Wir lassen zwei Leute undercover in Sankt Petersburg ermitteln, wozu wir gar nicht berechtigt sind, und tappen zudem im Dunkeln darüber, was die beiden im Hotelzimmer gewollt haben. Sie müssen glauben, wir hätten komplett den Verstand verloren.«

Chris hätte es nicht besser ausdrücken können. Laut sagte sie:

»Ich bin sicher, die Geschichte hört sich aus Ihrer Sicht ganz anders an.«

»Da haben Sie verdammt recht«, schaltete Kollege Vogel sich ein.

Die Erklärung überließ er wieder seiner Partnerin.

»Es begann wie gesagt vor rund sieben Jahren mit dem nächtlichen Brand einer Villa in Charlottenburg. Die Besitzer weilten zu der Zeit in der Oper und konnten erst ermittelt werden, nachdem das Haus fast bis auf die Grundmauern niedergebrannt war. Ein Unfall, ausgelöst durch einen Kurzschluss. In den Überresten fand man die verkohlten Leichen zweier Kinder, Knaben im Alter von sechs und sieben Jahren. Die Ermittlungen haben ergeben, dass sie sich zur Zeit des Unglücks allein im Haus befanden, eingesperrt in einem fensterlosen Kellerraum.«

Chris schauderte unwillkürlich. »Was für Eltern tun so etwas?«

»Das nette Ehepaar besaß gar keine Kinder«, warf Dieter Vogel düster ein. »Die Kleinen waren auch nicht zufällig zu Besuch im Haus.«

»Die Kinder lebten illegal in Berlin, gekauft von Kinderhändlern«, stellte seine Partnerin klar.

»Der reine Horror!«, war alles, was Chris dazu einfiel.

Sie begann zu begreifen, woher die verhärteten Gesichtszüge ihres Gegenübers stammten. Monika Weber schwieg eine Weile nachdenklich, bevor sie leise fortfuhr:

»Wir wissen nicht, was diese kleinen Jungen erdulden mussten während der zwei Jahre, die sie in der Villa verbrachten.« Wieder stockte sie, dann murmelte sie: »Ist wohl auch besser so. Der einzige Trost in dieser Tragödie ist, dass die beiden wahrscheinlich bewusstlos waren, als sie das Feuer erfasste. Kohlenmonoxid.«

»Was geschah mit ihren Peinigern?«

»Die bleiben auf unbestimmte Zeit verwahrt, schweigen aber bis heute.«

»Kinderhandel«, murmelte Chris bedrückt.

Die Galle kroch in ihr hoch. Abscheu und Ärger erfüllten sie angesichts der unbeschreiblichen Zustände, die sich hinter harmlosen, gutbürgerlichen Fassaden verbargen.

Monika Weber nickte. »Kinderhandel, Kinderprostitution, Pädophilie, Kinderpornographie – das ganze Programm. Jahrelang haben wir nach Hintermännern, Verbindungen und weiteren Fällen gesucht, auch im Ausland über Europol. Das Resultat finden Sie in diesen Ordnern.«

»Und wo ist der Link zu Sankt Petersburg?«

Kollege Vogel klärte sie auf:

»Die beiden Knaben stammten aus Sankt Petersburg. Zumindest müssen wir davon ausgehen, denn das saubere Pärchen hat sie dort gekauft, genauso wie Dutzende andere Opfer in Sankt Petersburg gekauft worden sind. Die Fälle sind alle im Detail dokumentiert. Wenn Sie wissen wollen, wie es in der Hölle zugeht, lesen Sie diese Akten.«

»Ich hoffe, Sie besitzen Nerven wie Drahtseile«, warf Monika Weber ein, »sonst rate ich Ihnen dringend von der Lektüre ab.«

»Sie vermuten eine kriminelle Organisation dahinter, die aus Sankt Petersburg heraus operiert?«

»Und zwar in ganz Europa mit Schwerpunkt Berlin. Nach unseren Ermittlungen gibt es keinen Zweifel daran. Die Bande kauft Kinder von Not leidenden Familien zu einem Spottpreis, meist unter dem Vorwand, sie an westliche Paare zur Adoption zu vermitteln, ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen. Das funktioniert ohne großen Druck. Noch einfacher geht es mit ein paar Rubel in Waisenhäusern. Die Empfänger im Westen zahlen Unsummen für die bedauernswerten Opfer.«

»Vielleicht gibt es ja nicht nur Opfer.«

»Sie meinen anständige Adoptiveltern? Klar gibt es die, aber vergessen Sie nicht, dass die Kinder illegal einreisen. Es ist schwierig bis unmöglich, die Adoption zu legalisieren. Wir müssen leider davon ausgehen, dass die überwiegende Mehrheit der Kinder auf Nimmerwiedersehen im pädophilen Sumpf verschwindet.«

»Stimmt nicht ganz«, widersprach Kollege Vogel mit bitterem Lächeln. »Viele davon tauchen im Internet wieder auf. Möchten Sie eine Auswahl der Filmchen sehen?«

»Zynismus hilft auch nicht weiter«, murmelte Monika Weber.

»Das alles ist eine einzige Katastrophe«, seufzte Chris.

Bis vor einer Stunde hatte sie noch geglaubt, bei der Arbeit am BKA schon in jeden Abgrund geblickt zu haben. Was für ein Irrtum! Möglich, dass sie besonders empfindlich auf Kinder als Opfer reagierte, weil sie selbst eins erwartete. Sie ahnte noch vor dem ersten Blick in die Akten, dieser Fall würde sie fordern wie kaum einer zuvor.

»Was war der konkrete Anlass für den Einsatz in Sankt Petersburg?«

Die beiden Kollegen hätten das Risiko sicher nicht auf einen bloßen Verdacht hin auf sich genommen. Vogel antwortete:

»Malte ist es gelungen, in einem einschlägigen Internetforum Kontakt aufzunehmen. Die verwendeten Codes waren dieselben, die in mehreren unserer Fälle aufgetaucht sind.«

»Malte Friedmann alias Tobias Meier?«

»Genau der. Es war die erste gelungene Kontaktaufnahme seit Jahren.«

»Wir mussten schnell handeln«, warf Monika Weber ein. »Es blieb keine Zeit für den langen Dienstweg.« Nach einer kurzen Pause fügte sie leise hinzu: »Das wird die Hinterbliebenen allerdings kaum trösten.«

»Wer wusste von der Aktion?«

»Nur wir zwei, der Dienststellenleiter – und die Opfer.«

»Trotzdem sind die Kollegen in eine Falle getappt, wie es aussieht«, sagte Chris. »Sie haben sich sicher auch schon die Frage nach dem Leck gestellt …«

»Die ganze Zeit denke ich an nichts anderes«, unterbrach Vogel wütend.

Seine Partnerin schüttelte entschieden den Kopf und betonte:

»Wer in Gottes Namen sollte hier ein Motiv zu so einem Verrat haben?«

»Mir würden da schon einige Gründe einfallen«, gab Chris zu bedenken, »Geld, persönliche Konflikte, Rache, um nur die Üblichen zu nennen. Verstehen Sie mich richtig: Damit will ich nicht andeuten, dass mich diese Theorie überzeugt.«

»Das ist Blödsinn«, stimmte Vogel zu. »Die Kollegen waren allseits beliebt und geachtet, lebten in geordneten Verhältnissen. Wir kennen – kannten – beide auch privat seit vielen Jahren.«

Dieses Argument überzeugte zwar nicht, aber sie verzichtete auf Widerspruch. Es gab ein Dutzend andere Möglichkeiten, wie eine derart heikle Operation auffliegen konnte. Am wahrscheinlichsten erschien ihr ein tödlicher Fehler der Ermittler als Erklärung. Sie brauchte den Gedanken nicht auszusprechen. Monika Weber tat es für sie und provozierte eine heftige Auseinandersetzung mit ihrem Partner, offenbar einem guten Freund des ermordeten Malte Friedmann.

»Wir alle machen Fehler«, warf sie ein, um die fruchtlose Diskussion zu beenden. »Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich jetzt mit dem Aktenstudium beginnen. Sie halten mich bitte auf dem Laufenden über die Entwicklung in Sankt Petersburg.«

Die beiden Kommissare erhoben sich. Vor dem Verlassen des Zimmers sagte Monika Weber düster:

»Ich habe Sie gewarnt.«

Der Tag hatte so gut begonnen.

Sankt Petersburg, Russland

Major Sofia Yeltsova von der Kripo Sankt Petersburg blieb mitten auf dem Flur des Betreuungszentrums stehen. Ihr Partner Gregori Makarov ging zwei Schritte weiter, bis er es bemerkte.

»Was ist jetzt schon wieder?«, brummte er ungehalten. »Wir sind so schon zu spät.«

»Ach was, ich glaube, du verkennst die Lage.«

»Welche Lage? Wir versuchen, die Kleine zum Sprechen zu bewegen. Was ist daran so schwer zu verstehen?«

»Genau das ist es. Du verstehst es nicht.«

»Verdammt, kannst du vielleicht Klartext reden, oder willst du mich nur ärgern? Das ist dir nämlich gelungen.«

»Ist ja auch nicht schwierig bei dir.«

Er drehte sich um und ging weiter. Es gab schon gute Gründe, weshalb er nach dem Tod seiner Frau Einsiedler geblieben war. Ihm fehlte das masochistische Gen, um eine wie Sofia auch noch außerdienstlich zu ertragen.

»Jetzt warte doch mal! Hör zu!«

Widerwillig blieb er stehen. Ihre Stimme klang besorgt, als sie weitersprach:

»Ich meine, es wäre besser, wenn ich mich erst einmal allein mit der Kleinen unterhalten würde, so von Frau zu Frau, verstehst du?«

»Was macht dich so sicher, dass sie weniger Angst vor Drachen als vor Drachentötern hat?«, fragte er giftig.

»Du willst es nicht kapieren, oder? Die Kleine ist total traumatisiert. Niemand weiß, was die Schweine mit ihr angestellt haben …«

»Schon klar, aber wer sagt uns, dass es männliche Schweine waren, dass sie Angst vor Männern haben soll?«

»Darum geht es doch nicht. Ich möchte es einfach so sanft und langsam wie möglich angehen. Wenn wir jetzt zu zweit einfahren, war‘s das vielleicht schon.«

Er verspürte ohnehin keine Lust auf die Psycho-Nummer, also gab er seinen Widerstand auf.

»Versuch‘s meinetwegen. Ich besorge mir etwas zu trinken.«

Er kehrte zum Kiosk zurück, der sich neben dem Eingang im Erdgeschoss befand. Nach kurzem Zögern nahm er ein ›Kvass‹ aus dem Regal. Das pasteurisierte, süße Zeug schmeckte ihm nicht, aber es schmeckte wenigstens nach etwas, nicht wie Wasser. Sein Großvater hatte ganz anderes ›Kvass‹ gebraut, das nach zwei Wochen Gärung am besten schmeckte. In einer Einrichtung für Seelenklempner konnte man natürlich keinen anständigen Drink erwarten. Mürrisch legte er die paar Münzen auf den Tisch bei der Kasse und wollte gehen, als ihm eine Schale mit ›Alenka‹-Riegeln auffiel. Er nahm zwei heraus, legte mangels Kleingeld einen Geldschein auf die Theke und wartete. Das Mütterchen an der Kasse rührte keinen Finger.

»Worauf warten Sie?«, fragte er nach einer Weile.

»Vielleicht fällt dem Herrn ja noch etwas ein«, keifte die Frau.

Russen genießen nicht, sie ertragen – er müsste es allmählich wissen.

»Wenn Sie keinen Wert auf mein Geld legen, konfisziere ich die Schokolade«, sagte er beiläufig und zeigte den Dienstausweis.

Der Geldschein verwandelte sich vor seinen staunenden Augen in ein paar Kopeken Wechselgeld. Das ging so schnell, dass er die Handbewegung des Mütterchens kaum wahrnahm.

»Spasibo.«

Er nickte ihr freundlich grinsend zu, steckte die Riegel ein und verließ ihr Königreich.

Sofias Methode schien nicht sehr erfolgreich zu sein. Er traf sie aufgeregt mit der Betreuerin diskutierend auf dem Flur vor dem Spielzimmer.

»Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben, an die Kleine heranzukommen«, sagte sie händeringend.

Die Betreuerin, eine Kinderpsychologin, wie er auf dem Namensschild las, lächelte verständnisvoll.

»Ich weiß, es ist für Laien schwer zu verstehen, aber das Verhalten des Mädchens ist unter den gegebenen Umständen völlig normal. Es leidet unter einem schweren Schock. Darauf reagieren Kinder im Wesentlichen auf zwei verschiedene Arten. Die einen reden und hören nicht mehr auf, bis alles gesagt ist, was sie bedrückt. Andere schweigen wie ein Grab, weil sie nicht über das Erlebte sprechen können. Sie erinnern sich nicht, oder die Erinnerung ist so schmerzhaft, dass ihr Gehirn sie temporär verdrängt, ein Selbstschutzmechanismus.«

»Und wie lange dauert dieses Schweigen?«, wollte er wissen.

»Tage, Monate – ich weiß es nicht. Im Moment wären wir schon froh, sie würde wenigstens etwas essen. Wahrscheinlich verschwenden Sie nur Ihre Zeit. Sie können nichts erzwingen.«

Sofia schüttelte den Kopf. »Ich versuch‘s trotzdem noch einmal.«

Diesmal ließ er sich nicht abwimmeln. Sie betraten das Spielzimmer, argwöhnisch beobachtet von der Psychologin. Das Mädchen saß in einer Ecke am Boden, eine Stoffpuppe auf dem Schoß, mit der es aber nicht spielte. Apathisch sah es den andern drei Kindern zu, die mit einer Betreuerin den Kinderreim »Soroka, Soroka« – »Elster, Elster« übten und dazu klatschten.

»Gibt es ein Zimmer, wo wir sie allein sprechen können?«, fragte er leise.

Die Psychologin schüttelte den Kopf. »Hier fühlt sie sich einigermaßen geborgen. Warten Sie, ich schicke die Gruppe weg.«

Nachdem sie einige Worte mit der andern Betreuerin gewechselt hatte, forderte die ihre Kinder auf, ihr zu folgen. »Polonez« war das Stichwort, worauf das Grüppchen klatschend und tanzend das Zimmer verließ. Die Kleine mit der Puppe folgte mit den Augen, regte sich aber nicht. Sofia näherte sich vorsichtig, ging in die Hocke und begann ruhig zu sprechen, ein warmes Lächeln im Gesicht, soweit es das zuließ. Sie fragte nach dem Befinden und stellte ihren Partner mit Vornamen vor. Das Mädchen hörte stumm zu. Die Blicke ruhten abwechselnd auf den drei Erwachsenen. Ihn beschlich das unangenehme Gefühl, sie kehrten häufiger zu ihm zurück als zu den zwei Frauen. Sofia deutete auf die Puppe und fragte:

»Verrätst du mir, wie sie heißt?«

Der Blick des Mädchens wanderte wieder zu ihm, als wüsste er die Antwort. Einer Eingebung folgend, sagte er:

»Lass mich raten. Heißt sie – Anastasia?«

Es war der erste Name, der ihm einfiel, außer Sofia. Die Kleine schüttelte fast unmerklich den Kopf, die erste Reaktion auf eine Frage. Ihre Augen hingen an seinen Lippen. Es blieb nichts anderes übrig, als weiterzumachen. Während er tief in seiner Erinnerung nach andern, beliebten Mädchennamen forschte, versuchte es Sofia mit Vorschlägen, die allesamt unbeachtet verhallten. Er war am Zug. In seiner Not erinnerte er sich an die Schokoriegel. Sein Gesicht strahlte wie das Mädchen mit dem Kopftuch auf der Verpackung, als er einen davon aus der Tasche zog und fragte:

»Heißt sie vielleicht – Alenka?«

Die Reaktion überraschte alle. Die Kleine packte den Riegel, legte ihn mit der Puppe neben sich auf den Boden, sprang auf und begann, sich zu entkleiden. Er erschrak dermaßen, dass er unwillkürlich zwei Schritte rückwärts taumelte und dabei fast seine Partnerin zu Boden riss. Das Mädchen hielt verstört inne, ein Glück für alle Beteiligten. Die Psychologin schien als Einzige zu begreifen, was geschah. Im Nu ließ sie den ›Alenka‹-Riegel verschwinden, zog das Mädchen sanft zu sich und sprach beruhigend auf sie ein. Gleichzeitig bedeutete sie den Kommissaren mit energischen Handbewegungen, das Zimmer zu verlassen.

»Hat ja wunderbar geklappt«, fauchte Sofia ihn wütend an.

Noch immer perplex von der Reaktion des Kindes, hörte er nicht zu. Als Laie, der nicht einmal verstand, was in seinem eigenen Kopf vorging, begriff er nur, was offensichtlich war. Der Schokoriegel wirkte als Auslöser für das seltsame Verhalten, oder war es der Name Alenka?

»Hast du verstanden, was ich gesagt habe?«

Es konnte nichts Gutes sein, schloss er aus dem Wetterleuchten in ihren Augen. Er brauchte nicht zu antworten. Die Tür ging auf. Die Psychologin, das Mädchen an der Hand und sichtbar erleichtert, winkte sie herein. Kaum im Zimmer, hörten sie das erste Wort aus dem Mund der Kleinen: »Natascha«.

»Du heißt Natascha?«, fragte Sofia erfreut.

Das Mädchen schüttelte den Kopf, streckte die freie Hand aus und wiederholte den Namen: »Natascha.«

Es kommunizierte, wenn auch einigermaßen rätselhaft. Wieder war es die Psychologin, die das Mädchen verstand.

»Die Puppe!«, rief sie aus. »Du meinst die Puppe. Sie heißt Natascha, nicht wahr?«

Das Mädchen wand sich los, holte die Puppe und presste sie ans Herz. »Natascha«, flüsterte es wiederholt. Tränen traten in seine Augen. Das Kind begann leise zu schluchzen.

»Es ist besser, wenn Sie uns jetzt wieder allein lassen«, flüsterte die Psychologin.

Rein, raus – allmählich verlor er die Geduld. Die Situation überforderte ihn. Nicht nur ihn, wie ihm Sofias Achselzucken auf seine Frage nach dem »Wie weiter?« signalisierte.

Er zog den zweiten Riegel aus der Tasche und hielt ihn Sofia hin.

»Alenka?«

Sie nahm die Schokolade ohne Zögern und begann schweigend zu essen. Sekunden später hatte sie das süße Zeug verschlungen und reichte ihm die zerknüllte Verpackung. Er rang sich ein ironisches Lächeln ab.

»Spasibo. Fahren wir zurück ins Büro?«

Sie schüttelte den Kopf und fand endlich die Sprache wieder.

»Jetzt nicht. Ich habe das Gefühl, sie wird bald reden nach deiner Schokotherapie.«

»Die wirkt offenbar auch bei dir.«

»Nein im Ernst, Gregori. Was immer dein Schokoriegel ausgelöst hat, es wird uns weiterhelfen.«

»Toll, dass ich helfen konnte«, brummte er, ohne ihren Optimismus zu teilen.

Er glaubte nicht daran, dass das immer noch namenlose Mädchen selbst überhaupt wusste, woher es kam und wer es ins Hotelzimmer verschleppt hatte. Langsam aber sicher sehnte er sich zurück ins Büro, ein Gefühl, das er bisher nicht gekannt hatte.

»Was wird aus der Kleinen?«, fragte er.

Er kannte die Antwort, überließ es aber gerne seiner Partnerin, die brutale Wahrheit auszusprechen. Sie tat es ohne Wenn und Aber:

»Sie wird in ein Waisenhaus gesteckt, wo man sie bei nächster Gelegenheit an eine andere Bande verkauft – oder an dieselbe.«

»Das dürfen wir nicht zulassen.«

»Nein.«

Damit war das Thema vorerst erledigt. Keiner kannte ein Rezept, um die Zustände zu ändern. Wie Angehörige vor dem OP gingen sie schweigend auf dem Flur auf und ab, bis sich die Tür zum Spielzimmer wieder öffnete. Die Psychologin trat heraus, zufrieden lächelnd.

»Jelena zeichnet.«

»Jelena?«, riefen sie wie aus einem Mund.

Die Psychologin nickte. »Sie heißt Jelena, einfach nur Jelena. An einen Nachnamen erinnert sie sich nicht. Natascha heißt übrigens ihre Freundin.«

»Die Puppe.«

»Auch, aber die heißt nur so wegen ihrer echten Freundin. Sie vermisst sie und will sie suchen. Sie kennt ihre Adresse nicht, aber ich habe ihr vorgeschlagen, das Haus zu zeichnen.«

»Sie sollten bei der Polizei arbeiten«, sagte er mit breitem Grinsen.

Die Hoffnung kehrte zurück. Der Ausflug in die Tiefen der Kinderseele war womöglich doch nicht ganz sinnlos. Erstaunt stellte er fest, dass Jelena an seinem Schokoriegel knabberte, während sie mit Farbstiften malte. Sie verhielt sich wie ein normales Kind, als hätte sie auf einen Schlag alles Schreckliche vergessen, was sie erlebt hatte. Sie antwortete auf Sofias vorsichtige Fragen, ohne von der Zeichnung aufzublicken.

Nicht nur ihr Bild, auch das Bild vor seinem geistigen Auge nahm Konturen an. Jelena und ihre etwas ältere Freundin Natascha hatten offenbar nicht in einem Waisenhaus gelebt, eher in einer Art Wohngemeinschaft, zusammen mit fünf weiteren Mädchen und einer wechselnden Gruppe Erwachsener. Aus Angst vor einem Rückfall wagten sie nicht zu fragen, was diese Leute mit ihnen angestellt hätten. Wichtig war zuerst einmal, das Haus zu finden. Seine Hoffnung schwand ein gutes Stück, als er erfuhr, dass die Kinder dort nur im Dvor, im Innenhof, spielen durften. Jelena hatte das Haus nur einmal kurz von außen gesehen, als sie zum Hotel gefahren wurde.

Die Zeichnung war fertig. Sie zeigte eine rote Fassade mit winzigen Fenstern, vier Stockwerke hoch, die unterste Reihe der Fenster vergittert. In der Mitte der Fassade befand sich ein schwarzes Loch, das offenbar das geschlossene Tor zur Straße darstellte. Im Hof standen sieben Strichmännchen, die sieben Kinder. Von den Erwachsenen fehlte jede Spur. Jelena blendete sie aus. Gregori konnte es ihr nicht verdenken. Ein vierstöckiges rotes Haus mit Innenhof – davon gab es Dutzende, wenn nicht Hunderte in Sankt Petersburg.

»Gibt es noch etwas, was du am Haus oder in der Nähe gesehen hast, Jelena?«, fragte er.

Sie schluckte den Rest der Schokolade hinunter, leckte sich die Finger und dachte nach. Plötzlich griff sie zum schwarzen Stift und zeichnete etwas neben den Fenstern auf die Fassade. Es sah aus wie ein großes Strichmännchen, aber es besaß Hörner.

»Dyavol«, erklärte sie dazu. »Jemand hat den Teufel an die Wand gemalt.«

Ein Graffiti – im Innenhof, auch nicht gerade selten und nicht eben hilfreich, um das Haus zu finden.

»Erinnerst du dich sonst noch an etwas? Liegt das Haus vielleicht an einer großen Straße, an einer Kreuzung, fährt die Bahn vorbei?«

»Nein, nein, die Straße liegt an einem Kanal. Wir sind über eine Brücke gefahren.«

»Gibt es außen am Haus auch solche Graffiti wie der Dyavol?«

»Nicht wie der Dyavol, nur schwarze Striche.«

Die Kleine hatte eine Menge beobachtet, obwohl sie wahrscheinlich die ganze Zeit im roten Haus gefangen gehalten worden war.

»Danke, Jelena, du hast du uns sehr geholfen«, sagte Sofia.

Die Erleichterung war ihr anzuhören. Mit etwas Glück würden sie das Haus mit diesen Angaben finden. In seinem Kopf jagten sich die Gedanken. Rotes Haus, Graffiti, Kanal – die Kombination weckte Erinnerungen. Im Moment, als ihm einfiel, woran er sich erinnerte, fragte Jelena:

»Gehen wir jetzt Natascha suchen?«

»Genau das machen wir«, platzte er heraus, bevor die beiden Damen etwas entgegnen konnten. Er streckte die Hand aus. »Kommst du mit? Wir brauchen deine Hilfe.«

Völlig überrumpelt, bearbeitete Sofia ihn mit strafenden Blicken.

»Ich glaube, ich weiß, wo wir suchen müssen«, beruhigte er.

»Das geht nicht!«, wehrte sich die Psychologin, sobald sie die Sprache wiedergefunden hatte.

»Doch, das geht«, widersprach er lächelnd. »Jelena möchte es so, und wir sind die Polizei.«

»Ich muss verrückt sein«, murmelte Sofia, bevor sie in den Dienstwagen stieg.

»Es ist unsere einzige Chance«, gab er ebenso leise zu bedenken.

Jelena saß angeschnallt auf dem Rücksitz und sollte nichts von Unmut und Zweifel bemerken. Optimismus war jetzt angesagt.

»Wir werden deine Natascha finden«, behauptete er und lächelte dem Rückspiegel zuversichtlich zu, als er sich ans Steuer setzte.

Sofia saß eine Weile schweigend neben ihm, bis er nach rechts abbog, Richtung Neva.

»Wo fährst du hin?«

»Jedenfalls nicht auf den Newski-Prospekt, nicht jetzt, am Vorabend der weißen Nächte. Ich habe keine Lust auf ein Touristenmassaker.«

»Pass auf, was du sagst, wir sind nicht allein!«, zischte sie.

»Entschuldigung – aber es ist doch wahr. In diesen Tagen könnte man glauben, es gäbe keine andere Straße als den Newski-Prospekt in unserer Stadt.«

»Ist ja gut, fahr einfach weiter und halt die Klappe.«

»Achtung, wir sind nicht allein«, echote er grinsend.

Jelena kümmerte sich nicht um ihr Geplänkel. Sie war vollauf damit beschäftigt, das ihr unbekannte Treiben auf den Straßen an diesem Nachmittag zu beobachten. Nach dem Stau auf der Brücke schafften sie den Rest der Strecke bis zur Ulitsa Nalichnaya in zwanzig Minuten. Das alte Haus aus rotem Sandstein versteckte sich hier zwischen Blöcken aus rohem Beton. Deshalb war es ihm seinerzeit aufgefallen. Jelena hatte aufgehört, aufgeregt nach allen Seiten zu gucken und die Nase am Seitenfenster platt zu drücken. Sie saß merkwürdig still auf dem Sitz, mit eingezogenen Schultern, als erwartete sie Schläge. Weckte die Gegend unangenehme Erinnerungen? Er fuhr langsam am Kanal entlang, unsicher, in welcher Richtung sich das Haus befand.

»Suchen wir überhaupt auf der richtigen Insel?«, flüsterte Sofia so leise, dass er es kaum verstand.

»Zwei Uhr«, antwortete er, ohne den Kopf zu bewegen.

Er hatte das rote Haus vorne rechts jenseits der kleinen Brücke entdeckt. Es war auch Jelena nicht entgangen.

»Natascha!«, schrie sie und versuchte aufzuspringen. Mit beiden Händen zeigte sie auf das Haus am andern Ufer.

»Da wohnt ihr, du und Natascha – bist du sicher?«, fragte Sofia, immer noch skeptisch.

»Da, da, Natascha!«

Hätte der Gurt sie nicht zurückgehalten, sie wäre stracks aus dem Auto gesprungen.

»Wir müssen jetzt ganz vorsichtig sein«, versuchte er ihre Begeisterung zu dämpfen.

Jelena ließ sich nicht beeindrucken. Sie zerrte am Gurt, wollte ihn öffnen. Es gelang ihr nicht, also schlüpfte sie kurzerhand unter dem Gurt hindurch. Die Tür stand schon einen Spalt offen, bevor er anhielt. Sein Wagen, ein Lada Samara, der sein zehnjähriges Dienstjubiläum auch schon hinter sich hatte, war nicht für den sicheren Transport von Kindern ausgerüstet. Im letzten Moment gelang es Sofia, das Energiebündel aufzuhalten. Jelena kratzte und keifte. Plötzlich begann sie zu weinen und ließ sich auf den Rücksitz fallen. Sofia setzte sich neben sie und nahm sie in die Arme. Er rieb sich die Schweißperlen von der Stirn. Der Dienstwagen war nicht der Einzige, der sich nicht für Kinder eignete.

Langsam fuhr er weiter auf die Brücke zu, nach einer geeigneten Stelle Ausschau haltend, wo er parken konnte, ohne vom roten Haus aus gesehen zu werden. Der Lada war zwar nicht als Polizeifahrzeug gekennzeichnet, aber Ganoven besaßen besondere Nasen, um Bullen zu riechen.

»Ihr beiden Damen müsst mir jetzt versprechen, ganz lieb zu sein und im Wagen zu warten«, sagte er, nachdem er den Motor abgestellt hatte. »Ich werde mich erst mal umsehen.«

Er nahm die Dienstwaffe aus dem Handschuhfach, kontrollierte sie, lud durch und steckte sie ein, bevor er ausstieg. Jelena in Sofias Armen machte keine Anstalten zu fliehen.

Die paar Schritte zur Straße lagen noch nicht hinter ihm, als wie aus dem Nichts drei ›GAZ Tigr‹, schwere, gepanzerte 4 × 4 der Polizei, auftauchten. Aus beiden Richtungen der Straße und von der Brücke her rasten sie mit heulenden Sirenen auf das rote Haus zu. Der vorderste Einsatzwagen durchbrach kurzerhand das Holztor zum Innenhof. Die beiden andern Fahrzeuge hielten vor dem Haus, versperrten so die Zugänge und blockierten die Straße. Jeder Tigr spie neun oder zehn Mann in grau-blauen Kampfanzügen aus, die Gesichter unter schwarzen Sturmmasken verborgen, ›Bizon‹ Maschinenpistolen schussbereit im Hüftanschlag. ›OMOH‹ (OMON) stand in großen, gelben Lettern auf dem Rücken.

Gregori rettete sich mit einem Fluch in den Schutz des staubigen Haselstrauchs an der Straße und dankte im Stillen der kleinen Jelena. Hätte sie ihn nicht ein paar Minuten aufgehalten, wäre er der OMON direkt in die Arme gelaufen. Die OMON als mobile Einheit mit besonderen Aufgaben gehörte zwar auch zur Polizei wie die Kripo, aber sie unterstand direkt dem Innenministerium. Die Typen der OMON lebten und wirkten in einer anderen Welt, die er bisher erfolgreich gemieden hatte. So sollte es auch bleiben, verdammt noch mal, sagte er sich und beschränkte sich aufs Beobachten. Er hoffte inständig, Sofia käme nicht auf dumme Gedanken. Es wäre nicht das erste Mal, würde sie sich unnötig exponieren. Seine Hoffnung ruhte wieder auf Jelena. Die Kleine hatte Sofias Mutterinstinkt geweckt, und das war gut so.

Das Sirenengeheul verstummte so plötzlich, wie es angefangen hatte. Außer vereinzelten scharfen Befehlen verlief die Aktion in beinahe unheimlicher Stille. Umso überraschter war er, als unvermittelt ein Motorrad aus dem Dvor auf die Brücke zu schoss. Eine Frau mit wehenden Haaren klammerte sich auf dem Rücksitz an den Fahrer. Sie reagierten nicht auf die lauten Rufe des SWAT-Teams, versuchten offensichtlich verzweifelt zu fliehen. Die Fahrt endete noch vor der Brücke. Eine Gewehrsalve schleuderte die Frau vom Rücksitz auf die Straße und streckte den Fahrer nieder. Das Motorrad prallte gegen einen Kandelaber, überschlug sich und schlitterte jammernd die Böschung hinunter in den Kanal. Fahrer und Passagierin blieben reglos im Staub liegen.

Es war kaltblütiger Mord. Jedenfalls schätzte er die Chance aufs Überleben der beiden auf ziemlich genau null ein. Die Projektile aus den ›Bizons‹ durchschlugen auf diese Entfernung auch Schutzwesten, und die beiden sahen nicht danach aus, als trügen sie welche. Er griff mechanisch nach seinem Handy, um die Rettung zu rufen. Ein leises Zittern seiner Hand kündete die Schockreaktion an. Er kannte das Gefühl zur Genüge. Was wollte er noch mal? Der Notarzt!

Ein Rettungswagen näherte sich mit Sirene und Blaulicht von der Innenstadt her, bevor er eine Taste gedrückt hatte. Das Handy verschwand in seiner Tasche. Abgelenkt durch Notarzt und Sanitäter, die sich um die leblosen Körper kümmerten, bemerkte er erst im letzten Moment, wie ein Kleinbus mit schwarzen Scheiben, ähnlich einem Leichenwagen, in den Hof des roten Hauses fuhr. Was zum Teufel ging hier vor? Er konnte nicht länger tatenlos zusehen, verließ seine Deckung und näherte sich mit gezücktem Dienstausweis der nächsten Gruppe OMON, die den Haupteingang sicherte.

»Colonel Gregori Makarov«, rief er von Weitem. »Ich muss den Kommandanten sprechen.«

Vier MPs zielten auf seinen Brustkorb. Die Gewehrläufe senkten sich erst, als er nah genug getreten war, dass die Männer den Ausweis lesen konnten.

»Was wollen Sie?«, fragte einer unwirsch.

»Den Kommandanten sprechen, sagte ich schon.«

Der Sprecher des Teams blitzte ihn aus jugendlichen Augen an. Der Kerl war bestimmt keine dreißig und noch grün hinter den Ohren, was die Diensterfahrung betraf. Dennoch oder gerade deswegen war äußerste Vorsicht angesagt. Um in die OMON aufgenommen zu werden, taten diese jungen Wilden alles. Die Durchfallquote bei der Aufnahmeprüfung betrug achtzig Prozent, wurde gemunkelt. Das wussten die erfolgreichen zwanzig Prozent und führten sich entsprechend als unbezwingbare Meister des Universums auf. Widerwillig sprach der junge Mann nach kurzer Denkpause ins Funkgerät. Eine Minute später stand ein Riese vor ihm, der sich zackig und viel zu laut als Colonel Igor Zorin vorstellte.

»Ich kam zufällig vorbei«, log Gregori. »Was für ein Einsatz ist das?«

»Warum interessiert Sie das?«

Er versuchte, überlegen zu grinsen, was ihm nur schlecht gelang.

»Ich bin bei der Kripo, schon vergessen? Bei uns weiß niemand etwas von einem solchen Einsatz, also …?«

»Ist auch besser so. Das hier geht niemanden etwas an, auch nicht die Kripo. Anordnung vom Government.«

Der Ärger war nicht mehr zu unterdrücken. Zudem sorgte er sich zunehmend um die Kinder, so sie denn in diesem Haus lebten.

»Lassen wir doch den Scheiß. Ihr Government ist auch mein verdammtes Government!«

Der Funkverkehr des SWAT-Teams aus Zorins Walkie-Talkie steigerte sich für kurze Zeit zu einem Stakkato zackiger Meldungen und Antworten, wie er sie zuletzt in der Polizeischule gehört und gleich wieder vergessen hatte. Der Kleinbus fuhr durch das zertrümmerte Tor auf die Straße, beschleunigte und verschmolz bald mit dem Horizont. Der Krankenwagen folgte mit den beiden Opfern. Zurück blieben nur zwei riesige Blutflecke und das Motorrad im Kanal, das niemanden interessierte. Auf einen Schlag zogen sich Zorins Männer in die 4 × 4 zurück.

»Wir sind hier fertig«, sagte der Kommandant ohne weiteren Kommentar.

Er drehte ihm den Rücken zu, sprang in den dritten ›Tigr‹, der gerade aus dem Hof fuhr, dann machten sich die OMON-Fahrzeuge ebenso schnell aus dem Staub, wie sie gekommen waren.

»Du mich auch, Arschloch«, rief er ihnen nach.

Jeder andere, der ihn wie Zorin behandelt hätte, liefe jetzt mindestens mit einem blauen Auge herum, sagte er sich zum Trost. Er stapfte zum Dienstwagen zurück, wo Sofia ihn mit einem Gesicht erwartete, das Zorin sofort in die Flucht geschlagen hätte. Sie sprang aus dem Wagen, sobald sie ihn bemerkte, knallte die Tür hinter sich zu, dass die arme Jelena auf dem Rücksitz sich duckte. Die nächsten zwanzig Sekunden benutzte Major Yeltsova, um zu beweisen, dass ihr Wortschatz ebenso reich an wüsten Flüchen war wie seiner. Sie musste sich Luft verschaffen. Er verstand es. Russen benutzten Schimpfwörter im Grunde genommen nicht zum Fluchen, sondern zum Sprechen, wie ein russischer Dichter schon vor hundert Jahren erkannt hatte.

»Bist du fertig?«, fragte er, als sie endlich Atem schöpfen musste.

»Was in drei Teufels Namen denkst du dir dabei, uns hier allein zu lassen, während da vorne der Krieg ausbricht?«

»Der Krieg ist vorbei, und ich wüsste selbst verdammt gerne, wer ihn angezettelt hat und weshalb.«

Allmählich beruhigte sie sich. Vom Standort des Wagens aus konnten die beiden den Doppelmord oder was immer es war nicht gesehen haben. Gut so. Er ließ es dabei bewenden, vorläufig.

»Was wollte die OMON im roten Haus?«, fragte sie ruhiger.

»Der Kommandant, ein Baumstamm namens Colonel Zorin, hat den Taubstummen gemimt. So lang ich auch darüber nachdenke, mir fällt nur eine Erklärung ein: Das war eine Säuberungsaktion. Ich fürchte, wir werden nicht mehr viel vorfinden im Haus.«

Sofia erschrak. »Und die Kinder?«

Er zuckte die Achseln. »Gesehen habe ich sie nicht, aber die sind mit einem Kleinbus in den Hof gefahren und bald danach wieder verduftet. Ich nehme an, sie haben damit eher jemanden abtransportiert als hergebracht.«

»Mein Gott, die armen Kinder. Hast du dir wenigstens das Kennzeichen gemerkt?«

»Selbstverständlich, Major, ich bin ja auch Polizist.«

Er gab ihr die Information zusammen mit den Angaben zu Zorin, damit sie die Daten durch den Polizeicomputer jagen konnte.

»Wie geht es Jelena?«

»Den Umständen entsprechend, aber die Sirenen haben ihr Angst eingejagt, und sie wird langsam ungeduldig. Sie will zu Natascha.«

»Bloß nicht! Wenn die OMON das getan hat, was ich vermute, wird sie Natascha so schnell nicht wiedersehen, fürchte ich.«

Sofia stampfte wütend auf den Boden.

»So eine elende Schweinerei! Das kann doch alles kein Zufall sein.«

Er lachte bitter auf. »Du meinst die Kommandoaktion zur Räumung des Hauses genau zum Zeitpunkt, als wir hier aufkreuzen? Wenn das ein Zufall ist, fresse ich meinen Lada.«

»Elende Schweinerei«, wiederholte sie zerknirscht.

Jelena wurde unruhig. Sie wollte aussteigen.

»Du solltest dich um sie kümmern – und um den Computer«, sagte er und entfernte sich rasch. »Ich sehe mich jetzt im Haus um«, rief er über die Schulter zurück.

Es war ihm schon während der OMON Aktion aufgefallen: Das Haus wirkte von außen unbewohnt. Im Dvor sprang ihm als erstes der überdimensionierte, schwarze Teufel an der roten Fassade ins Auge. Er stand zweifellos im Hof, den Jelena gezeichnet hatte. Es herrschte Totenstille. Nichts bewegte sich, nicht einmal die vertrockneten Blätter des Strauchs neben den Trümmern des Tors. Er betrat das Haus durch die einzige Tür zum Hof, die nicht mit Brettern verbarrikadiert war. Es roch nach Kohlsuppe und Urin – und Kindern. Er konnte sich den Eindruck nicht erklären, aber es roch definitiv nach Kindern. Vielleicht erinnerte ihn der Geruch ans Schulhaus seiner eigenen Kindheit. Offenbar war nur der von der Straße abgewandte Seitenflügel des Hauses bewohnt gewesen und da nur das Erdgeschoss mit den vergitterten Fenstern und einige Zimmer im ersten Stock. Bauschutt und Bretter versperrten die Zugänge zum Rest des Hauses.

Niemand befand sich im Erdgeschoss, soweit er im spärlichen Tageslicht, das durch die kleinen Fenster und offenen Türen in den Flur schimmerte, erkennen konnte. Eine Blitzsuche bestätigte den Eindruck. Oben an der Treppe brannte Licht. Die Pistole schussbereit in der Rechten, stieg er auf Zehenspitzen die Treppe hinauf. Das Holz knarrte trotzdem unter seinem Gewicht. Auf den ersten Blick gab es auch im oberen Stock keine Anzeichen von Bewohnern, aber der Lichtschein aus dem Zimmer am Ende des Gangs jagte seinen Puls augenblicklich in die Höhe. Die Tür stand halb offen. Er versetzte ihr einen Tritt, damit er das ganze Zimmer überblicken konnte. Niemand zu Hause. Die Waffe glitt ins Halfter zurück. Es sah aus, als hätten die Bewohner in aller Eile Regale, Schränke und Schubladen geleert, bevor sie in Panik flüchteten. So sollte es zumindest aussehen, allein, der große Fleck frischen Blutes auf dem Teppich vor dem Fernseher und die zwei Einschusslöcher, die er auf Anhieb entdeckte, erzählten eine andere Geschichte. Leise fluchend zog er das Handy aus der Tasche, um die Kollegen von der Kriminaltechnik zu rufen. Er glaubte, einigermaßen sicher beurteilen zu können, dass hier kein Kind geschlachtet worden war. Zu viel Blut war geflossen. Wozu immer dieses Zimmer mit den leeren Regalen, dem fleckigen Sofa, den vier Stühlen und dem großen Flachbildschirm gedient hatte, es war ein Zimmer für Erwachsene gewesen. Diese Erkenntnis beruhigte seinen Puls einigermaßen. Außer den offensichtlichen Spuren würden die Kollegen vermutlich nicht viel mehr finden, denn das Räumungskommando hatte gründliche Arbeit geleistet in der kurzen Zeit. Sogar die DVD im Abspielgerät hatten sie nicht vergessen.

Drei weitere Zimmer, die wohl als Schlafzimmer gedient hatten, fand er ebenfalls leer vor. Die Aschenbecher stanken zwar nach heftigem Gebrauch, enthielten aber keine Kippen. Schnell und gründlich – das Markenzeichen der OMON Einsätze. Allerdings waren auch diese Elitepolizisten nicht perfekt. Nach kurzer Suche fand er doch noch einen Zigarettenstummel unter einem Bett. Vielleicht hatten sie ausnahmsweise Glück mit dem DNA-Abgleich. In der Küche fand er die Kohlsuppe. Das Räumungskommando hatte es nicht für nötig befunden, sie in den Ausguss zu schütten. Der Topf war noch warm. Sonst hatten sie auch hier alles fast klinisch sauber hinterlassen. Das zuletzt benutzte Geschirr und Besteck befand sich frisch gewaschen im noch handwarmen Geschirrspüler. Die Spurensicherung würde ihm danken für diesen sinnlosen Einsatz.

Mit einem Gesicht wie beim Betrachten der leeren Wodkaflasche, die er sich zu Hause aufhob, um nach dem Entzug trocken zu bleiben, stapfte er die Treppe hinunter zu den Zimmern, in denen offenbar die Kinder gehaust hatten. Er begann mit dem Raum am Ende des Flurs, einem Schlafzimmer mit vier Pritschen, das außer durchwühlten Bettlaken nichts hergab. Gegenüber der Tür stand ein Schrank, der einzige im Flur. Auf den ersten Blick wirkte das Möbelstück ziemlich deplatziert. Als er die Schranktür am Knauf aufziehen wollte, stürzte ihm das Ungetüm entgegen, als hätte es nur darauf gewartet, ihn zu erschlagen. Fluchend und keuchend stieß er den Schrank an die Wand zurück. Dabei bemerkte er, wie leicht er sich verschieben ließ. Seine Flüche wurden lauter. Die Kratzer am Boden verrieten, dass er nicht der Erste war, der das Möbel verschob. Er brauchte es nur wenige Zentimeter zur Seite zu schieben, bis er die Tür dahinter entdeckte.

Er schob den Schrank ganz beiseite, zog die Pistole aus dem Halfter, drückte die Türklinke hinunter und stieß sie auf. Sie bildete den Anfang einer Treppe, die steil nach unten führte. Jedenfalls vermutete er es, denn sehen konnte er nur die ersten drei Stufen. Alles war schwarz angemalt, Treppe, Wände, Decke. Er hatte das Gefühl, in den Einstieg einer Kohlenzeche zu blicken. Mangels Taschenlampe versuchte er es mit dem Lichtschalter.

»Jemand da?«, rief er, sich vorsichtig in Deckung haltend.

Es blieb still. Er stieg hinunter. Der süßliche Geruch, der ihm sofort aufgefallen war, verstärkte sich mit jeder Stufe. Nicht unangenehm, nur zu süß für seinen Geschmack, der Geruch, der einem beim Öffnen einer Bonbonniere in die Nase strömt. Das schwarze Treppenhaus mündete in einen ebensolchen Gang, der in ein großes Gewölbe führte. Ein rundes, rosa Bett stand in der Mitte. Primitiv bemalte Kulissen an den Wänden sollten das Innere einer Waldhütte und eine Reihe weiterer kleiner Betten darstellen. Sieben Bettchen für die sieben Zwerge. Im Unterschied zum Märchen besaß Schneewittchen hier ihr eigenes Bett, groß genug für allerhand weiteres Personal, wie er leise fluchend feststellte.

»Ein verdammtes Filmstudio«, brummte er, wobei ihn schauderte beim Gedanken, welche Art Filme hier wohl gedreht worden waren.

Ob Jelena auch auf diesem Bett … Er wandte sich ab, um den Rest nicht denken zu müssen. Ein Geräusch aus dem schwarzen Gang ließ ihn herumwirbeln. Mit einem Satz suchte er Deckung hinter einem Baum aus Sperrholz.

»Polizei! Ist da jemand?«

Die Antwort waren hastige Tritte auf der Treppe. Jemand rannte hinauf, leichtfüßig, nicht polternd wie er.

»Halt, Polizei!«, rief er keuchend, Puls auf 180.

Oben angekommen sah er den Zipfel eines weißen Rocks oder Kleides und Füße in kleinen Sandalen durch die Tür zum Hof verschwinden. Die Flüchtige war ein Kind wie Jelena und flink wie ein scheues Reh. Er sparte sich weitere Rufe, um keine Panik zu schüren, versuchte, das Mädchen mit den schwarzen Zöpfchen im weißen Nachthemd einzuholen. Dabei stolperte er über die Schwelle, fiel der Länge nach aufs Kies. Die spitzen Steine rissen Wunden in die Handflächen, dass beide Hände zu bluten begannen. Er sah gerade noch, wie Schneewittchen durchs Tor auf die Straße rannte. Kaum stand er mit rotem Kopf wieder auf den Beinen, quietschten Bremsen. Ein spitzer Schrei, gefolgt von einem dumpfen Aufprall ließ das Blut in seinen Adern gefrieren, dann herrschte Totenstille.

»Nein!«, krächzte er heiser.

Mit weichen Knien rannte er ihr hinterher. Schneewittchen lag auf der Straße und bewegte sich nicht mehr. Ein silbergrauer VW-Polo stand wenige Meter entfernt, der Fahrer festgefroren am Lenkrad. Auch der regte sich nicht. Das Telefon am Ohr, rannte er zum Mädchen. Ein Meer aus Vorwürfen stürzte auf ihn ein, als er die Finger an die Halsschlagader legte, um den Puls zu fühlen. Sie lebte, hatte durch den Aufprall das Bewusstsein verloren. Äußerlich war keine Verletzung festzustellen. Brüche, innere Blutungen und Schädel-Hirn-Trauma konnte er nur vermuten und hoffen, dass er sich irrte. Während er Ambulanz und Verkehrspolizei alarmierte und den zur Salzsäule erstarrten Fahrer des VW im Auge behielt, näherte sich sein Dienstwagen mit Sofia am Steuer. Er bemerkte ihn erst, als Jelena noch bevor er stoppte heraussprang. Schreiend rannte sie auf ihn zu.

»Natascha! Natascha!«

Sie wollte sich weinend auf das reglos am Boden liegende Schneewittchen werfen. Er fing sie auf, um Worte ringend. Er brauchte Nachhilfe im Umgang mit Kindern.

»Natascha lebt …«, war alles, was er der verzweifelten Jelena ins Ohr flüstern konnte.

Sofia verjagte die Gaffer, die angehalten hatten und im Begriff waren, auszusteigen. Ihr Dienstausweis wirkte Wunder. Niemand war sonderlich erpicht auf Kontakt mit der Kripo. Endlich stand sie bei ihm und nahm Jelena in die Arme.

»Das ist Natascha«, sagte er. »Sie hat sich im Keller versteckt und ist geflüchtet, als ich … Verfluchte Scheiße!«

Er riss sich vom Anblick des unglücklichen Mädchens los und rannte zum VW-Polo. In der Ferne ertönten die Sirenen der Ambulanz und Polizei, als er die Tür des VW aufzog, dem Fahrer den Dienstausweis unter die Nase hielt und ihm befahl, auszusteigen. Ein junger Mann, um einen Kopf kleiner als er, stand ihm zitternd gegenüber. Falls der Junge überhaupt schon einen Führerausweis besaß, konnte der noch nicht alt sein.

»Sie – ist mir – einfach vors Auto gelaufen«, stammelte er heiser.

Das Elend des jungen Fahrers passte zu seiner eigenen Verfassung. Es stimmte ihn versöhnlich.

»Ich weiß«, sagte er und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

Der Junge knickte ein, als hätte er den Solarplexus getroffen, würgte, hustete und kotzte ihm auf die Schuhe, das einzige wasserdichte Paar mit intakten Nähten, das er besaß. Er spürte, wie die Adern an den Schläfen anschwollen, schluckte aber die Schimpfwörter hinunter. Dem jungen Mann ging es beschissen, das musste genügen. Er übergab ihn der Streife, die gleichzeitig mit der Ambulanz eintraf.

»Passen Sie auf, er hat schlecht gegessen«, murmelte er, nachdem er den Kollegen seine Version zu Protokoll gegeben hatte.

Die Notärztin hatte Natascha versorgt. Die Ambulanz fuhr ab, da trafen endlich die Kollegen der Spurensicherung ein. Er hielt das Briefing kurz, denn Sofia drängte zum Aufbruch. Jelena war kaum mehr zu bändigen. Hysterisch »Natascha« rufend wollte sie dem Krankenwagen nachrennen. Sofias beruhigende Worte prallten ungehört am Kind ab, das offensichtlich unter Schock stand. Die Beruhigungsspritze der Notärztin wirkte erst Minuten später. »Natascha« war das letzte Wort aus ihrem Mund, bevor sie die Augen schloss und gar nichts mehr sagte. Er versuchte vergeblich, sie aufzumuntern:

»Wir haben deine Natascha gefunden wie versprochen, was sagst du dazu?«

Sie sagte gar nichts. Er war nicht sicher, ob sie ihn überhaupt hörte. Dennoch setzte er noch einen drauf:

»Sie wird wieder gesund werden, ganz bestimmt.«

Die Notärztin war da weniger sicher gewesen. Während der Fahrt zurück zum Betreuungszentrum berichtete er Sofia leise, was er im Haus gesehen hatte.

»Ein Freudenhaus für Pädophile«, fasste sie zähneknirschend zusammen.

»Und ein einträgliches Kinderporno-Studio, das die User im Internet vermissen werden«, ergänzte er bissig.

»Du meinst, die OMON habe die andern Kinder abtransportiert?«

Er nickte stumm. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander, bis Sofia herausplatzte:

»Das passt überhaupt nicht zu denen.«

»Ich weiß.«

Der Gedanke beschäftigte ihn auch, seit er das Haus betreten hatte. Die OMON war eine Spezialeinheit für die Bekämpfung der ganz bösen Buben, Gewaltverbrecher, Terroristen. Das rote Haus aber war ein klarer Fall für die Sitte.

»Es passt ganz und gar nicht zusammen«, murmelte er nachdenklich.

Sofia rümpfte die Nase. »Und es stinkt zum Himmel. Dieses Räumungskommando, die verdammte Geheimniskrämerei des Colonels, der Abtransport und möglicherweise die Eliminierung von Zeugen – das alles weckt ganz böse Erinnerungen, wenn du verstehst, was ich meine.«

Er verstand sie sehr gut.

»Nos?«, fragte er nur.

Sie nickte stumm. Nos, die Nase, war der Spitzname des Pakhan, des unbekannten obersten Bosses des mächtigen Tambowskaja Kartells in Sankt Petersburg, das sich neuerdings sehr aktiv mit Internet Pornographie der ganz harten Sorte beschäftigte.

»Fragen wir unseren Freund Colonel Zorin«, brummte er mit bitterem Grinsen.

Dahlem

Chris zögerte auszusteigen, obwohl sie eigentlich leichten Herzens hätte aus dem Auto ins Haus und in Jamies Arme springen müssen. Hier in Dahlem war alles perfekt. Das hoffentlich nicht mehr lange kinderlose Ehepaar Roberts bewohnte eine der schönsten Villen im vornehmen Viertel, einen Prunkbau aus der Jahrhundertwende, um den sie jeder Yuppie Investmentbanker beneiden würde. Ein alter Freund mit Verbindungen zum preußischen Hochadel überließ ihnen das Haus mit der einzigen Auflage, es zu bewohnen – zu einem lächerlich niedrigen Mietpreis, den zu zahlen sie sich fast schämte.

Im Gegensatz zu ihr besaß Jamie, Engländer und Arzt in der medizinischen Forschung, gleich zwei grüne Daumen. Der ehemals wild wuchernde Garten hinter dem Haus hatte sich daher in ein naturnahes Paradies verwandelt mit einem Kräutergarten, der jedem Kloster wohl anstünde. Eine Stunde bei gutem Wetter in diesem Garten war die bessere Medizin, um den Dreck loszuwerden, dem sie bei ihren Ermittlungen begegnete, und wieder herunterzukommen, als eine Dosis Benzodiazepin. Sogar der Pavillon unter der alten Buche sah jetzt, frisch gestrichen, einladend aus.

Im Dachgeschoss befand sich das Musikzimmer mit einem Oberlicht, das ihr das Gefühl gab, auf Wolken zu schweben. Das war ihr Reich. Jamies Epizentrum befand sich im Erdgeschoss. Seine Küche mit Fenstern zum Garten diente nicht nur als Labor für raffinierte kulinarische Experimente. Der gemütliche Raum beherbergte auch den längsten Küchentisch, den sie je gesehen hatte, und war Mittelpunkt nächtelanger Diskussionen und leider allzu seltener Treffen mit Freunden.

Jetzt hatte auch sie sich erneuert und trug ein Geheimnis in sich, das ihrer beider Glück nochmals steigern würde. Besser ging es nicht. Warum also zögerte sie?

Das Aktenstudium im LKA hatte ihr plastisch vor Augen geführt, was sie zwar schon immer gewusst aber bisher stets erfolgreich verdrängt hatte: Sie lebten in einer Welt, in der man Kinder missbraucht und wegwirft, wenn sie zu alt werden – wie seelenloses Spielzeug, dem man entwächst. Wie konnte sie da glücklich sein in ihrem Paradies in Dahlem? Vor dem Rückspiegel übte sie das entspannte Lächeln, mit dem dieser wichtige Tag enden sollte, bevor sie ausstieg.

Jamie befand sich nicht im Haus. Sie ging in die Küche. Die Tränen zuvorderst, betrachtete sie die Leckereien, die ihr Kochkünstler als Requiem für den verlorenen Zopf aufgetürmt hatte. Gambas an scharfer Weißweinsauce, Datteln im Speckmantel, marinierte Paprika, Champignons mit Chorizo und natürlich die spanische Version von Bruschetta mit Jamón: Häppchen, die sie auf Anhieb erkannte. Die andere Hälfte der festlichen Tafel bestand aus neuen Kreationen, die sie noch nie gekostet hatte. Im Kühlschrank warteten bestimmt die Förmchen mit Jamies legendärer Crème brûlée, denn der Bunsenbrenner stand schon bereit. Der Gute hatte sich selbst übertroffen und war nun dabei, den Pavillon zu schmücken, wie sie beim Blick aus dem Fenster bemerkte. Warum konnte sie die quälenden Bilder in ihrem Kopf nicht einfach einen Abend lang vergessen und sich dieser Orgie hingeben? Ärger über ihre Unfähigkeit, einfach nur glücklich zu sein, gesellte sich zur Trauer über die verlorenen Kinder im Aktenberg des LKA.

Er trat aus dem Pavillon, sah sie im Küchenfenster und erstarrte. Ihr gezwungenes Lächeln mochte auf die Entfernung ganz entspannt wirken. Nach dem ersten Schreck grinste er breit, warf ihr eine Kusshand zu, griff sich ans Herz, verbeugte sich und dankte pantomimisch dem Himmel, bevor er in großen Sätzen aufs Haus zu rannte. Sein Theater rührte sie noch mehr zu Tränen. Er stürmte in die Küche, während sie die feuchten Augen abtupfte, was er als Zeichen überbordender Freude interpretierte. Er küsste sie lange, bevor er sein Urteil abgab. »Scharf«, lautete das erste Adjektiv zur neuen Frisur.

»Gib schon zu, es gefällt dir nicht«, jammerte sie scheinbar enttäuscht, ohne ihn anzusehen.

»Was meinst du?«

Dabei grinste er so unverschämt, dass sie wider Erwarten lachen musste.

»Ich wusste es!«, rief sie aus. »Du hast nur meinen Zopf geliebt.«

Zu ihrer Überraschung stimmte er zu, immer noch grinsend.

»Das war so bei der alten Chris. Die neue Mrs. Roberts aber würde ich auf der Stelle heiraten, wäre ich noch zu haben.«

Da ihr die angemessene Antwort nicht sogleich einfiel, presste er sie an seine Brust und wiederholte das erste Adjektiv, dem sogleich weitere aus derselben Kategorie folgten, wobei die Stimme immer tiefer in den Keller sank:

»Entzückend, bezaubernd, hinreißend, verführerisch, unwiderstehlich – bloody sexy!«

»Mehr fällt dir dazu nicht ein?«

Ein gezwungenes Lächeln begleitete den kläglichen Versuch, britisch cool zu wirken. Er spürte, dass sie lieber weinen statt lachen wollte.

»Stimmt etwas nicht, Liebling? Habe ich etwas Falsches gesagt?«

Sein betroffenes Gesicht verdiente einen weiteren Kuss. Sie schüttelte traurig den Kopf.

»Es hat nichts mit dir zu tun. Ich – hatte einfach einen schlechten Tag. Es tut mir leid, Liebster. Du hast dir solche Mühe gegeben … Ach, es ist zum Heulen.«

Diesmal tupfte er ihr die feuchten Augen ab.

»Deine Arbeit frisst dich noch auf«, murmelte er. »Aber setzen wir uns doch, essen ein Häppchen, trinken ein schönes Glas Rioja dazu und reden darüber.«

Sie versuchte es, doch selbst die zarten Paprikastücke blieben ihr im Halse stecken. Sie trank einen winzigen Schluck Rotwein und sah ihm eine Weile beim Essen zu. Dann gab sie sich einen Ruck, räusperte sich und wollte die wichtigste Neuigkeit des Tages verkünden. Mitten im Satz stockte sie und entschuldigte sich.

»Was wolltest du mir sagen?«, fragte er beunruhigt.

»Ach nichts – nicht jetzt.«

Es war kein Tag für gute Nachrichten. Sie sah ihm tief in die Augen und hoffte, er würde ihr ehrliches Bedauern spüren.

»Es tut mir leid, Jamie. Heute ist einfach nicht mein Tag. Bitte entschuldige mich.«

Er blickte ihr kauend nach, wie sie auf leisen Sohlen die Küche verließ. Lange stand sie unter der Dusche, doch die Bilder in ihrem Kopf ließen sich nicht abwaschen. Er verstand, dass sie jetzt Zeit für sich alleine brauchte. Erst viel später, als er glaubte, sie schliefe, trat er kurz an ihr Bett, streichelte über die neue Haarpracht, hauchte einen Kuss auf ihre Wange und verließ das Zimmer, um unten auf der Couch zu schlafen. »Du hast diesen Mann nicht verdient«, war der letzte Vorwurf, mit dem sie sich diesen schönen Tag versaute, bevor sie einnickte.

Sie erwachte schweißgebadet. Der Albtraum lastete auf ihr, als säße ein Nachtmahr auf ihrer Brust und hinderte sie am Atmen. Sie hatte geträumt, das stand fest. Geblieben waren nur Erinnerungsfetzen, genug, um ihr Angst einzujagen. Sie hatte auf der falschen Seite gestanden, sich so intensiv um ihr eigenes Kind gekümmert, um es vor der bösen, bösen Welt zu beschützen, wie die Perversen in den Akten. Und sie hatte Lust dabei empfunden. Es war das Schlimmste, woran sie sich erinnerte.

Ächzend erhob sie sich und dankte der Vorsehung, dass Jamie nicht neben ihr lag. Der Magen fühlte sich leer an, als hätte sie tagelang gefastet. Sie wünschte, es gäbe eine verlässliche Methode, um so etwas mit dem Kopf anzustellen. Lust auf pädophile Handlungen! Wie widerlich war das. War sie auch so eine? Steckte der schlimme Keim in allen Erwachsenen? Kleine, wehrlose Kinder zum eigenen Lustgewinn zu missbrauchen ist doch die abscheulichste Form von Kindesmisshandlung, weil sie die Seele zerstört. Solche Wunden heilen nie. Sie ekelte sich vor sich selbst und mied den Blick in den Spiegel, bis sie heiß geduscht hatte. Sie musste dringend etwas unternehmen, um den Kopf freizukriegen. Es war erst sieben Uhr früh, Jamie vielleicht noch im Haus.

»Jamie?«, rief sie auf der Treppe zum Wohnzimmer. »Wir müssen reden.«

Statt einer Antwort hörte sie ihr Handy klingeln.

»Sie sollten herkommen«, sagte Hauptkommissarin Monika Weber vom LKA. »Wir haben den Bericht aus Sankt Petersburg erhalten.«

»Schon unterwegs.«

Auf dem Küchentisch lag ein Zettel von Jamie: Wir holen das nach. Ich liebe die neue Chris. Lächelnd steckte sie ihn ein wie eine wertvolle Trophäe. Sie aß in aller Eile zwei Brote mit Jamón, um den Magen zu beruhigen, bevor sie zum Präsidium fuhr. Ein leerer Magen eignete sich nicht für diesen ekelhaften Fall. Zudem musste sie sich allmählich angewöhnen, für zwei zu essen, selbst wenn ihr wegen der Bilder im Kopf ganz und gar nicht danach war.

Monika Weber und ihr Partner Dieter Vogel standen vor der Pinnwand im Besprechungszimmer, wo sie die Akten studiert hatte. Der fensterlose und meist abgeschlossene Raum diente als diskrete Operationsbasis für die kleine Truppe, die den Doppelmord in Sankt Petersburg untersuchte. Die spärlichen Informationen an der Wand bedeuteten nichts Gutes. Die beiden waren offenbar noch keinen Schritt weiter bei der Ermittlung der russischen Kontakte ihrer ermordeten Kollegen. Vogel blätterte in einer Akte und schüttelte den Kopf, dann knallte er die Mappe schimpfend auf den Tisch.

»So eine Scheiße! Entweder sind diese Russen lausige Ermittler, oder sie halten absichtlich Informationen zurück. Ich finde keinen verdammten Hinweis auf ein Handy der Opfer, noch nicht einmal die Info, man habe gesucht und keins gefunden. Das gibt‘s doch nicht.«

»Vielleicht liegt es an der Übersetzung«, gab Chris zu bedenken.

Monika Weber schüttelte energisch den Kopf. »Auf die Übersetzerin ist Verlass. Wir arbeiten schon jahrelang mit ihr zusammen. Für sie lege ich die Hand ins Feuer.«

»Ihr Wort in Gottes Ohr. Ich möchte trotzdem eine Kopie des russischen Originals.«

»Kein Problem. Im Moment können wir sowieso nur Daumen drehen, bis wir weitere Informationen aus Sankt Petersburg erhalten.«

Der Bericht bestätigte die ersten Aussagen der russischen Kollegen. Das falsche Ehepaar Meier war ermordet worden, ein Doppelmord, der nur dank der Aufmerksamkeit des russischen Pathologen nicht als tragische Abrechnung unter Eheleuten durchging. Chris betrachtete das Bild der Tatwaffe, eines Revolvers ›Smith & Wesson‹ Modell 19, Kaliber .357, nicht gerade die gängigste Handfeuerwaffe in Russland. Die Täter hatten an alles gedacht. Es sollte wohl so aussehen, als hätten die Meiers den Revolver aus Deutschland mitgebracht.

»Sind das Blutflecke auf dem Holzgriff?«, fragte sie unvermittelt.

Die Kopie in der übersetzten Akte ließ keine eindeutige Interpretation zu. Monika Weber reichte ihr das Original aus dem russischen Bericht und stutzte.

»Das sind Farbtupfer, rote Farbtupfer.«

»Moment!«, warf ihr Partner ein. »Eine ›Smith & Wesson‹ mit roten Flecken auf dem Griff? Warum ist mir das nicht früher aufgefallen?«

Chris hütete sich, ihm die Frage zu beantworten.

»Sag nicht, du kennst den Revolver«, brummte Monika Weber.

»Vielleicht«, antwortete er nachdenklich, schon an der Tür. »Augenblick.«

Nach zehn Minuten kehrte er mit einer Fotokopie zurück, auf der ein Revolver abgebildet war, der ihrer Tatwaffe glich wie ein eineiiger Zwilling. Das Foto war nicht besonders scharf, da offenbar aus einem Schnappschuss vergrößert, aber die Farbflecke befanden sich an exakt denselben Stellen. Es konnte kein Zufall sein. Zwei fragende Augenpaare richteten sich auf Dieter Vogel.

»Ja, es tut mir leid, dass ich nicht sofort geschaltet habe. Ein solcher Revolver ist vor einem Jahr bei einem Einbruch gestohlen worden.«

»Seit wann beschäftigst du dich mit Einbrüchen?«, fragte seine Partnerin eingeschnappt.

»Es war ein Einbruch in eine Galerie am Oranienburger Tor. Der Besitzer hat den Täter überrascht, wollte ihn mit so einem Revolver stellen, hat ihn sogar angeschossen, ist aber niedergeschlagen worden. Als er wieder zu sich kam, war die Waffe verschwunden. Man hat den Einbrecher nie geschnappt, den Revolver auch nicht – bis jetzt.«

Monika Webers Gesicht verfinsterte sich um mindestens zwei Stufen.

»Warum weiß ich nichts davon?«

»Du warst damals im Urlaub, und der Fall nicht gerade weltbewegend. Er ist schnell zu den Akten gelegt worden.«

»Offenbar zu schnell«, murmelte sie laut genug, damit er es hörte.

»Was für eine Galerie war das?«, fragte Chris.

»Die Galerie Matulis. Der Besitzer heißt so, Lukas Matulis.«

»Der Matulis?«, fuhr seine Partnerin auf mit der Betonung auf »der«.

Er nickte. Chris lebte offensichtlich noch nicht lange genug in Berlin oder verkehrte in den falschen Kreisen.

»Muss man den Herrn Matulis kennen?«

Vogel lachte verächtlich auf. »Er glaubt es jedenfalls. Der feine Herr verkehrt in den besten Kreisen der Stadt, spielt sich als der große Wohltäter und Kunstmäzen auf. Ich will gar nicht wissen, wie viele seiner Schinken im Regierungsviertel an den Wänden hängen.«

»Das macht ihn noch nicht zum Verbrecher.«

»Nein, aber diese aalglatten Anzug-Typen gehen mir einfach auf den Wecker.«

»War seine Aussage denn glaubhaft?«

»Es gab keinen Grund, daran zu zweifeln. Er besaß sogar einen ordentlichen Waffenschein für den Revolver.«

»Na also«, sagte Monika Weber. »Und wie kommt diese Waffe ins Hotelzimmer in Sankt Petersburg?«

»Falls es tatsächlich dieselbe Waffe ist. Ist es denkbar, dass sie inzwischen doch aufgetaucht ist und die Kollegen sie aus Berlin mitgenommen haben?«

Dieter Vogel verneinte entschieden. »Ausgeschlossen!«

»Wir werden den Herrn Matulis noch einmal befragen«, entschied seine Partnerin.

Chris versprach sich nicht allzu viel davon. Falls Matulis damals die Wahrheit ausgesagt hatte, würde er an der Geschichte festhalten. Andernfalls auch. Es sei denn …«

»Ist Matulis erkennungsdienstlich erfasst worden?«, fragte sie.

Vogel nickte. »Wir haben seine Fingerabdrücke erfasst. Sie werden uns allerdings nicht weiterbringen. Auf dem Revolver sind nur die Abdrücke der ermordeten Kathi Bach sichergestellt worden.«

»Und auf den Patronenhülsen?«

Davon stand nichts im Bericht aus Sankt Petersburg. Es war nur von Abdrücken auf der Tatwaffe die Rede, was immer die russischen Kollegen darunter verstanden. Monika Weber ging zum Telefon mit der Spinne für Konferenzgespräche.

»Schadet nicht, wenn wir danach fragen«, bemerkte sie, während sie die Schaltung nach Sankt Petersburg vorbereitete.

Sobald die Verbindung zu Colonel Gregori Makarov stand, fragte sie zuerst nach dem Befinden des Mädchens.

»Es geht ihr gut, den Umständen entsprechend«, versicherte Makarov. »Wir haben inzwischen ihren Namen erfahren. Sie heißt Jelena. Einen Nachnamen kennt sie nicht, und wir tappen weiterhin im Dunkeln darüber, woher sie kommt.«

Er berichtete mit monotoner Stimme, als läse er den Text ab. Chris konnte nicht beurteilen, wie offen er informierte, oder ob er Informationen zurückhielt. Dass beide Seiten sich in der Fremdsprache Englisch unterhalten mussten, trug auch nicht zur besseren Verständigung bei. Weitere Fragen zu Jelena beantwortete Makarov kurz und ausweichend.

»Was geschieht jetzt mit dem Mädchen?«, fragte Monika Weber, bevor sie das Thema wechselte.

Makarovs Partnerin, Sofia Yeltsova, schaltete sich ein:

»Wir sind dabei, einen Platz in einer bekannten Familie für Jelena zu organisieren. Ich werde ein Auge auf sie haben.«

Eine gute Nachricht, endlich, dachte Chris.

»Wunderbar«, sagte auch Monika Weber. »Gibt es neue Erkenntnisse aus Ihren Ermittlungen?«

Makarov antwortete:

»Ja, zwei Dinge. Nach Aussage des Mädchens ist Jelena von einer ihr unbekannten Frau, wahrscheinlich zwischen dreißig und vierzig Jahre alt, mittelgroß mit grünen Augen, ins Hotel gebracht worden. Sonst hat sie nichts vom Gesicht der Unbekannten gesehen. Kurz vor dem Betreten des Zimmers hat ihr die Frau Wasser aus einer Flasche zu trinken gegeben. Danach erinnert sie sich an nichts mehr. Wir nehmen an, dass diese Frau die Tat begangen hat.«

»Eine Killerin!«, murmelte Monika Weber. »Das riecht nach organisiertem Verbrechen.«

»Davon gehen wir aus. Es war sicher keine Zufallstat. Die Fahndung nach der Verdächtigen ist bisher leider ergebnislos verlaufen.«

Das überraschte niemanden im Zimmer des LKA. Professionelle Killer hinterließen kaum Spuren, wenn sie etwas taugten.

»O. K.«, sagte Monika Weber gedehnt, »und weiter?«

»Im Schließfach des Hotels ist ein Handy sichergestellt worden, welches das deutsche Ehepaar dort deponiert hat, obwohl es auch einen Safe im Zimmer gibt.«

Dieter Vogel grinste breit. Bevor jemand eine Frage stellen konnte, sprach Makarov weiter:

»Wir haben es bereits ausgewertet. Neben privaten Anrufen nach Deutschland ist zuletzt, vierzig Minuten vor der Tat, ein Anschluss in Sankt Petersburg angerufen worden. Dort befindet sich allerdings nur ein Festnetzapparat, der die Anrufe auf eine deutsche Prepaid-Nummer umleitet. Wir können daher den Besitzer dieser Nummer nicht ausfindig machen.«

Als er schwieg, herrschte eine Weile Totenstille. Die Kommissare vom LKA sahen sich an, als erwarteten sie jeden Augenblick, Makarov ließe nach dieser Enthüllung die ganz große Bombe platzen. Falls die Anrufliste des Handys eine Nummer enthielte, welche die falschen Meiers mit dem LKA in Verbindung brachte, wäre die Katastrophe perfekt. Alle warteten mit angehaltenem Atem, doch Makarov sagte nur:

»Entschuldigen Sie uns einen Augenblick.«

Im Hintergrund hörte man gedämpfte Stimmen. Die auf Russisch geführte Unterhaltung wurde schnell lauter, dann schlug eine Tür zu und es kehrte Ruhe ein.

»Die sind sich nicht einig, was für Bären sie uns noch aufbinden wollen«, brummte Vogel, die Hand auf dem Mikrofon.

Monika Weber entspannte sich allmählich. Die Bombe war nicht detoniert. Das gab Hoffnung. Sie zuckte dennoch kaum merklich zusammen, als Makarovs Stimme wieder aus dem Lautsprecher sprach. Sie hatte sich verändert. Er hörte sich verärgert an.

»Es gibt eine Änderung«, sagte er ohne weitere Erklärung. »Unser Vorgesetzter, Generalmajor Petrov, hat Ihnen etwas zu sagen.«

Perplex hörten sie Petrov zu. Er sprach ein miserables Englisch, aber was er sagte, hatte es in sich.

»Unsere Ermittlungen haben ergeben, dass das deutsche Ehepaar Meier Opfer eines Konflikts zwischen rivalisierenden Banden des organisierten Verbrechens geworden ist. Das Ehepaar stand offenbar mit einem Pädophilen-Ring in Kontakt, der mit dem Geschäft des Tambowskaja Kartells konkurriert, das zurzeit den Menschenhandel zu kontrollieren versucht. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Da der Fall das landesweit organisierte Verbrechen betrifft, mussten wir ihn an die zuständige Behörde abgeben.«

»Was heißt zuständige Behörde?«, brauste Monika Weber auf. »Ich denke, Sie sind zuständig.«

»Die Angelegenheit ist von nationaler Bedeutung. Zuständig ist jetzt das Innenministerium. Für weitere Fragen wenden Sie sich bitte direkt ans Ministerium.«

Damit endete die Telefonkonferenz abrupt.

»Nicht zu fassen – hält der sich für den verdammten Putin oder was?«, rief Vogel aus.

Monika Weber schüttelte nur stumm den Kopf, während Chris sich die Reaktion von Staatsanwältin Winter ausmalte. Die Begeisterung über den in Rekordzeit und ohne außenpolitische Komplikationen abgeschlossenen Fall würde ihr womöglich gar ein Lächeln abringen. Sie selbst sah allerdings keinen Grund zu übereilter Freude, so gerne sie den Fall lieber heute als morgen zu den Akten gelegt hätte. Das unbestimmte Gefühl beschlich sie, hinter dem Horizont erwarte sie ein Unwetter, auf das sie in keiner Weise vorbereitet war.

Kapitel 2

Berlin

Hauptkommissarin Monika Weber druckte die wenigen Seiten Information über Lukas Matulis und seine Galerie aus und meldete sich vom System ab. 14 Uhr war vorbei, ihr Partner Dieter Vogel immer noch nicht zurück vom Mittagessen, das normalerweise aus Currywurst am Platz der Luftbrücke oder Cheeseburger to go beim Burger King bestand, damit die Ernährung nicht allzu einseitig ausfiel.

»Hat jemand Dieter gesehen?«, fragte sie in die Runde.

»Raucht Parkplatz«, antwortete der alte Postbote im Telegrammstil, der zufällig am Fenster stand.

»Seit wann raucht der wieder?«

Mindestens ein Jahr lang hatte er zu ihrer Verblüffung keine Zigarette mehr angerührt. So viel Selbstdisziplin passte einfach nicht zu ihrem Partner. Sie ging ans Fenster. Es war tatsächlich Dieter Vogel, der, Zigarette im Mund, einen Parkplatz besetzte und in einen heftigen, pantomimischen Streit mit dem Fahrer des schwarzen Audi verwickelt schien, der partout auf dem letzten freien Platz parken wollte. Sie sah eine Weile kopfschüttelnd zu. Der Streit eskalierte. Dieter Vogel stapfte gesenkten Hauptes auf den Wagen zu wie der Stier aufs rote Tuch und versetzte der Stoßstange einen kräftigen Tritt. Der Fahrer sprang aus dem Auto. Sie schrien sich an, dann wandte ihr Partner sich unvermittelt ab.

»Was hat er vor?«, fragte der Postbote neben ihr, der das Schauspiel zusammen mit fünf weiteren Kollegen gespannt verfolgte. Dieter Vogel beantwortete die Frage, indem er den nahen Mülleimer aus der Halterung riss, in hochhob und damit auf den Fahrer losging.

»Der ist total übergeschnappt«, murmelte sie erschrocken.

Unter dem Gelächter der Kollegen rannte sie zum Lift. Unten angekommen sah sie ihren Partner mitten auf dem Parkplatz auf dem Eimer sitzen. Er zündete sich die nächste Zigarette an und schien wieder mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Der Audi war verschwunden.

»Dem hast du‘s aber gezeigt«, sagte sie.

Er drehte sich langsam zu ihr um, sah sie an, als nähme er Maß für den nächsten Angriff, bevor er sich entspannte und brummte:

»Warum kann mich dieses Arschloch nicht einfach in Ruhe lassen?«

»Vielleicht weil du auf dem letzten freien Platz sitzt?«

Nach zwei langen Zügen, begleitet von trockenem Husten, schnippte er die Zigarette angewidert weg, klaubte eine neue aus der Packung und versuchte, sie anzuzünden. Die Hand mit dem Streichholz zitterte. Zudem blies der Wind in die falsche Richtung. Schließlich warf er das Streichholzbriefchen mit einem undeutlichen Fluch der Kippe hinterher. Die jungfräuliche Zigarette im Mund, hockte er auf den Mülleimer und starrte stumm ins Leere. Sie spürte, wie aufgewühlt er war, was sicher nicht am Audi-Fahrer lag. Daher verzichtete sie auf ironische Kommentare und fragte nur:

»Willst du darüber reden?«

Der gequälte Blick war nicht gespielt, als er antwortete:

»Hast du dir mal überlegt, was für einen beschissenen Job wir eigentlich machen?«

Er verstand es nicht als Klischee-Frage wie im Fernsehkrimi. Er erwartete eine ernsthafte Antwort, die ihr gerade nicht einfiel. Sie konnte nur vermuten, woher sein Zustand rührte.

»Du warst bei Marion, nicht wahr?«

Marion, die junge Witwe des ermordeten Kollegen Malte Friedmann. Dieter war seit langer Zeit eng mit der Familie Friedmann befreundet, der Sohn Patrick sein Patenkind.

»Es ist – unfassbar – ich kann dich verstehen«, fügte sie stockend hinzu. »Der arme Kleine …«

»Patrick weiß es noch nicht!«, unterbrach er heftig. »Wie erklärst du einem Fünfjährigen, dass eine Psychopathin seinen Vater abknallt wie ein krankes Schwein, nur weil er seinen verschissenen Job macht? Marion kann es jedenfalls nicht – ich auch nicht.«

Auch darauf wusste sie keine Antwort, außer dem eiskalt klingenden Hinweis auf »professionelle Hilfe«, was er mit einem verächtlichen Lacher quittierte. Sie wechselte abrupt das Thema:

»Wir müssen los: Matulis.«

»Noch so ein sinnloser Einsatz«, knurrte er.

Immerhin erhob er sich, versetzte dem Eimer einen Fußtritt, dass er an den Rand des Parkplatzes rollte, und folgte ihr zum Dienstwagen.

»Was versprichst du dir von dieser Übung?«, fragte er unterwegs.

»Darum geht es nicht. Wir müssen Matulis nochmals zur Waffe befragen. Das weißt du.«

Er fuhr schweigend weiter. An der nächsten roten Ampel bekräftigte er seinen Vorbehalt gegen Lukas Matulis. Er wandte sich ihr zu und sagte:

»Ich traue diesem Typen nicht.«

»Du traust keinem Schlipsträger.«

Die Ampel wechselte auf Grün. Der Hintermann hupte. Dieter Vogel blickte sich um und dachte nicht daran, weiterzufahren.

»Suchst du einen Mülleimer?«

Es war ihr einfach so entschlüpft. Zu ihrer Verblüffung brach er in Gelächter aus und fragte:

»Hast du einen gesehen?«

Dann trat er aufs Gas. Die Ampel stand auf Orange und wechselte auf Rot, bevor er sie hinter sich gelassen hatte. Der Hintermann musste eine Runde länger warten. Ihr Partner grinste zufrieden.

»Na, wie habe ich das gemacht?«

»Du bist unschlagbar«, versicherte sie trocken, da er wieder im Normalmodus operierte. »Woher stammt eigentlich deine besondere Abneigung gegen Lukas Matulis?«

Er lachte verächtlich. »Ich bitte dich! Ein Typ, der sogar zu Hause in seiner Festung in Charlottenburg in Anzug, weißem Hemd und blauem Schlips herumläuft – mit dem stimmt doch etwas nicht.«

»Da ist er wieder, der Schlips«, lachte sie. »Matulis ist ein litauischer Geschäftsmann mit einem Tick. Das ist alles.«

Er schüttelte entschieden den Kopf. »Da steckt mehr dahinter, garantiert. Du wirst es erkennen, wenn du ihm ins Gesicht schaust. Er fixiert dich mit eiskalten Augen aus der Visage eines Kickboxers oder Stasioffiziers. Das ist nicht das Gesicht des biederen Geschäftsmannes, als den er sich ausgibt.«

»Dann ist er eben ein knallharter litauischer Geschäftsmann mit einem Tick. Davon gibt‘s sicher viele.«

»Du wirst schon sehen.«

Das Haus am Oranienburger Tor besaß zwar einen kleinen Kundenparkplatz, doch der war an diesem Nachmittag besetzt durch Nobelkarossen, die wohl zum Preis der Kunst in der Galerie passten. Bei einer schwarzen Limousine war das Fenster auf der Fahrerseite heruntergelassen. Eine Hand mit brennender Zigarette hing heraus. Die Herrschaften leisteten sich einen Chauffeur. Vor dem Haupteingang war ein roter Teppich ausgerollt. Schlag auf Schlag trafen weitere Limousinen ein, meist mit getönten Scheiben, die keinen Blick ins Innere gestatteten. Die Wagen spien festlich gekleidete Damen und Herren im Smoking aus und entfernten sich rasch wieder.

»Was zum Teufel ist hier los?«, brummte Dieter Vogel, während er auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Parkverbot eine Lücke suchte. »Das ist ein Aufmarsch wie bei einer verdammten Oper.«

In Zeitungen und im Netz hatte sie nichts von einer solchen Veranstaltung gelesen. Es musste wohl ein sehr exklusiver Event sein.

»Geschlossene Gesellschaft«, beschied denn auch der Sicherheits-Bulle mit dem Knopf im Ohr am Eingang.

Er gab den Tarif durch, bevor sie ein Wort gesagt hatten. Kleidung und Aussehen genügten als Filter. Sie gehörten nicht dazu. Das sah ein Blinder. Dieter Vogel schenkte dem Zerberus ein schiefes Grinsen und sagte:

»Wenn Sie so weitermachen, könnten Sie schneller recht bekommen, als Ihnen lieb ist, junger Mann.«

Bevor der andere seine Muskeln in Bewegung setzte, beruhigte er ihn mit dem Dienstausweis.

»Oberkommissar Dieter Vogel vom LKA. Das ist meine Kollegin, Hauptkommissarin Monika Weber. Wir müssen den Chef sprechen, den Herrn Lukas Matulis.«

Der Türsteher im Maßanzug überlegte nur kurz, bevor er leise ins verborgene Mikro sprach. Eine Sekunde später erschien ein anderer Maßanzug, wohl der Security-Chef, um mit bedauerndem Lächeln zu verkünden:

»Tut mir leid, meine Herrschaften. Sie kommen zur falschen Zeit. Herr Matulis ist auf Geschäftsreise.«

»Wann kommt der denn zurück?«, fragte sie.

Der Anzug zuckte mit den Achseln. »Ich fürchte, da müsste ich die Geschäftsführerin fragen. Sie ist aber gerade sehr beschäftigt, wie Sie sehen.«

»Die Mühe können Sie sich sparen. Wir sprechen gerne selbst mit der Geschäftsführerin. Wie heißt die Dame denn?«

»Roze Matulis. Sie ist die Tochter von Herrn Matulis.«

Roze Matulis mochte um die dreißig sein, kleidete sich wie zwanzig und empfing sie sichtlich nervös. Sie geleitete sie ins Büro im Erdgeschoss, bemüht, möglichst wenig Aufsehen bei der feinen Gesellschaft zu erregen.

»Wir führen gerade die sehr wichtige Sommer-Auktion zugunsten unserer Stiftung durch. Ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar, wenn sie sich kurzfassen könnten.«

Monika Weber hatte kein Problem damit. Ihr Partner schon gar nicht. Sich kurz zu fassen war seine Spezialität.

»Wo ist ihr Vater, Lukas Matulis?«, fragte er.

»Auf Geschäftsreise in Holland. Hat man Ihnen das nicht ausgerichtet?«

»Seit wann, und wann kehrt er zurück?«

»Vorgestern ist er nach Den Haag geflogen. Wir erwarten ihn am Wochenende zurück. Was wollen Sie von meinem Vater? Worum geht es?«

Monika Weber schaltete sich ein.

»Es geht um den Einbruch vor einem Jahr. Sind Sie darüber im Bilde?«

Roze nickte, abwartend.

»Damals wurde ein Revolver gestohlen, der Ihrem Vater gehört hat. Wir vermuten, die Waffe sei wieder aufgetaucht. Können Sie sich an den Revolver erinnern?«

»Ja sicher. Er lag immer hier im Schreibtisch – für den Notfall.«

»Ich möchte Ihnen ein Foto zeigen.«

Während sie das Foto der Tatwaffe von Sankt Petersburg in der Tasche suchte, fragte ihr Partner nach der Toilette. Der älteste Trick, sich in einem Haus umzusehen ohne richterlichen Durchsuchungsbeschluss. Roze überlegte kurz, dann schickte sie den unliebsamen Besucher ein Stockwerk höher, weg von den feinen Herrschaften.

Dieter Vogel dachte nicht daran, den Weg über die Hintertreppe zu benutzen. Beim Betreten der Galerie war ihm im hinteren Teil des lang gestreckten Raums ein Balkon mit Balustrade aufgefallen, von dem aus man die Gäste, die an der Auktion teilnahmen, unauffällig beobachten konnte. Er war allerdings nur über eine leicht einsehbare, frei schwebende Treppe zu erreichen. In unregelmäßigen Abständen stiegen einzelne, meist ältere Herren hinauf und verschwanden im Dunkel des Flurs der oberen Etage. Der Weg zu den feinen Toiletten? Er schlenderte an Ikonen und vergoldeten Holzskulpturen vorbei, die niemand beachtete und eigentlich in ein abgelegenes russisches Kloster gehörten. An den Wänden hingen moderne, abstrakte Malereien, die seiner Meinung nach gar nirgends hingehörten, nicht wenige davon mit einem diskreten roten Punkt gekennzeichnet: verkauft. Die Gäste interessierten sich auch nicht für die Moderne. Er fragte sich, was hier wohl versteigert würde, oder ging es am Ende nur ums Geld, nicht um Kunst?

Der Blick vom Balkon schaffte Klarheit. Hier wurden keine teuren Kunstwerke versteigert, sondern niedliche Kinderzeichnungen. Ein Banner an der Wand hinter dem Pult des Auktionators präsentierte unter dem Logo der Stiftung deren Leitmotiv: Wir helfen bedürftigen Kindern. Nobel, dachte er, fast ein wenig enttäuscht. Die Zeichnungen, oft nicht viel mehr als einige Strichmännchen mit einer gelben Sonne, gingen für bis zu fünfhundert Euro über den Tisch. Die Herrschaften zeigten sich großzügig zum Wohl der Kinder, ein eklatanter Widerspruch zu seinem gefestigten Vorurteil. Außer der Tatsache, dass da offenbar viel Geld zusammenkam, gab es nichts zu entdecken.

Nach ein paar Minuten auf dem Beobachtungsposten fiel ihm auf, dass keiner der älteren Herren aus der oberen Etage zurückkehrte. Der nächste Herr kam die Treppe herauf. Obwohl er das Gesicht nur für einen Sekundenbruchteil sah, glaubte er, ihn zu erkennen. Er erinnerte sich nicht an den Namen, war sich aber sicher, den Herrn in letzter Zeit öfter im Fernsehen gesehen zu haben, in den Nachrichten, wo er sein Saubermann-Image pflegte. Der Mann arbeitete im Innen- oder Außenministerium, war aber kein Minister. Wenigstens so weit kannte er sich in der hohen Politik im Regierungsviertel aus.

Er wartete, bis der andere im Flur verschwand, dann folgte er ihm. Der Gang führte an einer Reihe geschlossener Zimmer vorbei, erstreckte sich über die ganze Länge des Hauses und endete vermutlich an der Hintertreppe. Das hohe Tier aus dem Regierungsviertel war nirgends zu sehen. Leise fluchend überlegte er sich, hinter welcher Tür der Mann wohl verschwunden war. Es musste eine der Ersten sein. Am wahrscheinlichsten schien ihm die Tür neben dem Bild mit den Dollarzeichen. Dort stand eine antike Kommode, auf der einige Herren ihre halb leeren Sektgläser abgestellt hatten. Er ging auf die mit Zahlenschloss gesicherte Tür zu, entschlossen, anzuklopfen. Ein Geräusch hinter ihm ließ ihn herumfahren. Der angegraute Herr trat aus dem Zimmer gegenüber, das offenbar tatsächlich Kundentoiletten enthielt. Dieter Vogel starrte ihm wohl eine Sekunde zu lang ins Gesicht, denn der Schlipsträger zeigte mit finsterer Miene auf die Kommode und herrschte ihn an:

»Worauf warten Sie, junger Mann? Räumen Sie das ab, oder brauchen Sie eine schriftliche Einladung?«

Ohne ihn weiter zu beachten, klopfte er an die Tür neben der Kommode: einmal lang, zweimal kurz, einmal lang. Der Sesam öffnete sich. Er verschwand im Zimmer. Die Tür schlug zu.

Dieter Vogel erwachte aus seiner Starre. Allzu gern hätte er einen Blick ins geheimnisvolle Zimmer geworfen. Die primitive Methode, einzutreten und nach der Toilette zu fragen, funktionierte nicht mehr. Sollte er einfach verschwinden? Was hinter dieser Tür verhandelt wurde, ging ihn nichts an. Es hatte nichts mit seinem Fall zu tun, also Abgang. Das professionelle Misstrauen war stärker. Vorsichtig drückte er die Klinke der Tür zum Nebenzimmer hinunter und stürzte beinahe hinein. Bis auf einen staubigen Schrank befand sich nichts im Raum, der offenbar schon lang nicht mehr benutzt wurde. Der Schrank interessierte ihn nicht, wohl aber das schlecht schließende Fenster, durch das die Geräusche des Nebenzimmers hereindrangen. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, ging ans Fenster und öffnete es. Hinauszulehnen und einen vorsichtigen Blick durchs offene Fenster des Nebenzimmers zu werfen, erwies sich als einfache Übung.

Das hohe Tier verhandelte mit einer älteren Dame, die er sich eher im Laden einer Tankstelle als in der vornehmen Galerie Matulis vorstellen konnte. Im Hintergrund neben der Tür stand ein weiterer Maßanzug mit Knopf im Ohr. Alle Alarmglocken des Kommissars schrillten gleichzeitig, ohne dass er sich erklären konnte, weshalb. Normale Geschäfte wurden hier nicht abgewickelt, da hätte er so ziemlich alles darauf gewettet, mit Ausnahme der Mütze mit Rummenigges Autogramm vielleicht.

Der Handel ging flott vonstatten. Das hohe Tier zückte die Brieftasche, legte zwei Fünfhunderteuroscheine auf den Tisch der seltsamen Kassiererin und erhielt dafür einen niedlichen Teddy mit goldenem Schleifchen. Ohne ein weiteres Wort verließ der Herr mit dem Teddy den Raum und zog sich wohl über die Hintertreppe zurück. Dieter Vogel schüttelte seufzend den Kopf. Es gab auch in seiner Stadt noch Dinge, die er nicht verstand, und damit meinte er nicht den Flughafen.

Seine Partnerin saß bereits im Auto, als er das Haus verließ.

»Probleme beim Wasser lösen?«, fragte sie gereizt.

Er berichtete haarklein, was er beobachtet hatte, worauf sie nur mit den Achseln zuckte.

»Mehr fällt dir dazu nicht ein?«

»Das kann doch alles Mögliche bedeuten – und was hat der Teddy mit unserem Fall zu tun?«

Er sparte sich die Antwort, steckte den Zündschlüssel ein und fuhr ab.

»Der Strafzettel steckt im Handschuhfach«, sagte sie.

Er war nicht der einzige. Einmal im Monat räumte er das Fach und warf die Zettel in den Müll.

»Hat deine Unterhaltung mit Madame Matulis wenigstens etwas mit dem Fall zu tun?«, fragte er schnippisch.

»Sie ist sich nicht ganz sicher, ob es dieselbe Waffe ist. Jedenfalls bleibt sie bei der Geschichte, die wir von Lukas Matulis kennen. Damals wurden sechs wertvolle Ikonen gestohlen, was die Versicherung eine Stange Geld gekostet haben muss.«

»Ich weiß, aber er besitzt ja noch genug von dem Zeugs, wie ich gesehen habe.«

Nachdem sie eine Weile schweigend weitergefahren waren, nahm er einen neuen Anlauf:

»In dieser Galerie stinkt etwas gewaltig. Wir sollten irgendwie an Matulis dranbleiben.«

»Wie denn? Was glaubst du, würde die Staatsanwaltschaft dazu sagen oder unser lieber Chef? Willst du unbedingt Streife fahren?«

Sie hatte ja recht – aber tausend Euro für einen kleinen Teddybären?

Sankt Petersburg, Russland

Vladimir Lukov trat ungeduldig von einem Fuß auf den andern. Die Warteschlange vor der Kasse der einzigen vernünftigen Stolowaja im weiten Umkreis wuchs schneller als er zählen konnte, dem Internet sei Dank. Die ganze Bande der Touristen schien sich in diesem einen Lokal mit hundert ›Likes‹ zu versammeln, um sich vor einer weiteren langen Nacht den Bauch für ein paar Rubel vollzuschlagen. Er dachte fast ein wenig wehmütig an die Zeit des Eisernen Vorhangs zurück, die er nur vom Hörensagen kannte. Damals gab es wenigstens keine Touristen – sonst auch nichts, aber das war eine andere Geschichte.

Die Blondine vor ihm klaubte umständlich ihr letztes Kleingeld zusammen für den Salat, der schon zu welken begann. Wozu sich ärgern? Sein Schaschlik war bereits auf dem halben Weg zur Kasse kalt geworden. Selbst das Glas mit dem Tschai fühlte sich nur noch handwarm an. Eine warme Mahlzeit innerhalb von 24 Stunden, das war eigentlich das Ziel, vor allem eine Mahlzeit, zu der man die Zähne benötigte. Ihn schauderte beim Gedanken an die faden Suppen, von denen sich seine kranke Mutter zu Hause ernährte. Sie lebte nur noch von Suppe und Papirossi, den unsäglichen russischen Zigaretten mit dem Kartonröhrchen anstelle eines anständigen Filters. Für Mamotschka spielte das leider keine Rolle mehr. Ihre Lunge musste längst schwarz sein wie eine Kohlengrube, und jetzt war auch noch Krebs im Endstadium diagnostiziert worden. Sie hustete und rauchte und fluchte nur noch in den dreißig Quadratmetern im Plattenbau, schlürfte hin und wieder etwas Suppe, die auch nach Papirossi stank, und trank Wodka, wenn sie Durst bekam. In Situationen wie dieser erinnerte er sich gerne an die trostlosen Zustände zu Hause. Das wirkte wie eine rosa Brille, durch die selbst eine hoffnungslos überfüllte Stolowaja mit kaltem Schaschlik ihren Charme versprühte.

Das Fleisch am Spieß beschäftigte seine Zähne länger als geplant. Er musste sich beeilen, um die Apotheke noch vor Ladenschluss zu erreichen. Die starken Schmerzmittel bekam er nur dort, auf Rezept und dank dem sanften Druck seines Ersatzvaters Sergei Churkin. Die Familie Churkin, für die seine Mutter jahrelang geputzt hatte, bis es nicht mehr ging, hatte ihn wie einen Sohn aufgenommen, nicht zuletzt als Kameraden für den eigenen Sohn Andrei, mit dem niemand sonst spielen wollte. Vater Churkin war ein einflussreicher und daher gefürchteter Apparatschik mit Verbindungen in höchste Regierungskreise. Das machte ihn in den Augen vieler Leute äußerst verdächtig. Man mied die Familie. Dennoch florierte sein Handelsgeschäft mit Büros an bester Lage am Petrogradskaya Damm. Jedenfalls schwamm Churkin im Geld, hatte seine Ausbildung bezahlt, kam jetzt für die Kosten der teuren Medikamente auf und war für ihn der beste Vater, den er je gehabt hatte – auch der einzige.

Die Apothekerin war dabei, das Geschäft abzuschließen, als er auftauchte. Sie gab ihm die drei Schachteln im Beutel mit dem üblichen Seufzer:

»Ihre Mutter gehört in ein Krankenhaus.«

»Ich weiß, aber auf diesem Ohr ist sie taub.«

Seine übliche Antwort. Mamotschka war noch nicht alt, viel zu jung zum Sterben, aber keine zehn Pferde würden sie in ein Krankenhaus bringen oder überhaupt aus den dreißig Quadratmetern im Plattenbau vertreiben. Sie hätte längst komfortabel und umsonst in Churkins Datscha wohnen können, aber sie hörte gar nicht hin, wenn er davon anfing. Sie hauste lieber in ihrem Loch, umgeben von den wenigen Freunden, die ihr geblieben waren.

Die Metro fuhr nicht einmal in die Nähe der Siedlung aus der Sowjetzeit. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit gefühlten hundert anderen bedauernswerten Passagieren in den Bus pferchen zu lassen. In Sekundenschnelle schwamm er im eigenen Schweiß. Möglicherweise war es der Schweiß der anderen, so genau konnte man das nicht unterscheiden. Es war Hochsommer in Sankt Petersburg und in diesen verdammten Dingern herrschte drinnen wie draußen stets dieselbe Temperatur, als hätte noch niemand Klimaanlagen erfunden. Er hatte vergessen oder verdrängt, wie schlimm die Busfahrt zur Siedlung in der heißen Jahreszeit sein konnte, denn seit er volljährig war, fuhr er mit dem alten Lada zur Arbeit, den sein Freund Andrei Churkin gegen die Mercedes S-Klasse eingetauscht hatte. Leider war das Vehikel nun an den Spätfolgen von Andreis Rennen im holprigen Gelände um die Datscha krepiert. Er musste sich dringend um Ersatz kümmern.

Das Hemd klebte am Körper, nasse Haarsträhnen hingen ihm ins Gesicht wie nach einem Bad in der Newa, als er in der Siedlung ankam. Lautlos wie ein Schatten huschte er an der Tür der Nachbarin vorbei. Er hatte die Wohnung schon fast erreicht, als er den gefürchteten Klick hinter seinem Rücken hörte. Nachbarin Milena war wie stets auf der Lauer und stand eine Sekunde später bei ihm.

»Sie hat heute wieder gar nichts gegessen, Wowotschka«, sagte sie vorwurfsvoll, als hätte er die Suppe verweigert.

Milena und seine Mutter waren die einzigen Menschen, die ihn so nennen durften, schließlich kannten sie ihn seit der Geburt.

»So geht es nicht weiter, mein Junge. Sie muss ins Krankenhaus.«

»Du weißt ja, wie sie reagiert. Sie ist stur wie eine Achtzigjährige.«

»Wem sagst du das, aber so wird sie sterben.«

Er war es überdrüssig, darüber zu reden, solang er doch nichts ändern konnte.

»Sterben müssen wir alle«, antwortete er unwirsch und betrat die Wohnung.

»Bist du das, Wowotschka?«, rief die Mutter, begleitet von trockenem Husten.

Ihrer schleppenden Ausdrucksweise entnahm er, dass die gute Marinka Lukova ziemlich durstig gewesen sein musste. Auch dagegen war er machtlos. Das gute Salär ermöglichte ihm wenigstens, dafür zu sorgen, dass sie anständigen Wodka soff. Statt zu antworten, eilte er ans Fenster, um den abgestandenen Rauch hinauszulassen.

»Willst du mich umbringen?«

Sie schaltete den Ton des Fernsehers aus und betrachtete ihn mit wässrigen Augen.

»Komm her, mein Junge, gib deiner Mamotschka ein Küsschen.«

Er tat ihr den Gefallen, löste sich aber sofort wieder aus ihrer Umarmung.

»Ich bin doch kein kleiner Junge mehr«, sagte er ärgerlich.

»Wo warst du denn die ganze Zeit? Und wie du aussiehst! Ganz verschwitzt.«

»Danke für den Hinweis. Ich war arbeiten. Dein Wowotschka hat einen Job, schon vergessen? Manchmal kann man den Computer nicht einfach um fünf abschalten in meinem Beruf. Das würde Sergei gar nicht gefallen.«

»Ach, Papa Churkin«, seufzte sie und führte die Flasche zum Mund, »ein guter Mann. Weißt du, was er für dich getan hat? Das werde ich ihm nie vergessen.«

Natürlich wusste er es. Er war ja selbst dabei gewesen, sozusagen. Die Antwort sparte er sich. Sie wollte die Geschichte sowieso ungefähr jeden Tag einmal erzählen.

»Weißt du«, begann sie, um sogleich eine Pause einzulegen und die nächste Papirossi anzuzünden. »Weißt du, als ich damals deinen Marschbefehl für Tschetschenien gesehen habe, ist mein Herz stehengeblieben. Ich habe sofort Sergei angerufen, und weißt du, was er gesagt hat?«

Er versuchte, am Fenster etwas frische Luft aufzuschnappen und wartete.

»Keine Sekunde hat er gezögert, der gute Papa Churkin, nicht eine Sekunde. Sein Andrei ist nämlich auch eingezogen worden. Er hat mir nur gesagt: Machen Sie sich keine Sorgen, Marinka. Ich kümmere mich darum.« Sie nahm einen tiefen Zug, bevor sie versonnen lächelnd fortfuhr: »Von da an haben wir kein Wort mehr von der Armiya gehört. Stimmt‘s, Wowotschka? Es hat noch Suppe auf dem Herd, brauchst sie nur zu wärmen.«

»Vielen Dank.«

Sie schaltete den Ton wieder ein. Gleichzeitig klingelte sein Handy. Andrei Churkin war am Apparat.

»Wir müssen sofort in den Bunker.«

Er war der Chef, dem man besser nicht widersprach. Dennoch wagte er, wegen des Horrors im Bus einzuwenden:

»Jetzt noch? Muss das sein?«

»Bist du zu Hause?«

»Ja.«

»Ich hole dich ab. Gib mir zwanzig Minuten.«

Der futuristische Bau aus Metall und Glas am Petrogradskaya Damm strahlte nachts noch mehr selbstzufriedene Zuversicht aus als am Tag. Das halbe Viertel darum herum gehörte der Churkin Handelsgesellschaft. Obwohl er nun schon fast fünf Jahre als Programmierer für Papa Churkin arbeitete, hatte er nur eine vage Vorstellung davon, womit der eigentlich sein Geld verdiente. Sicher, der Handel mit hochwertigen Maschinen und Ersatzteilen vor allem aus Westeuropa war ein einträgliches Geschäft, doch wurde er den Verdacht nicht los, die ganz große Kohle stamme von den geheimen Regierungsaufträgen, die sie im Bunker im achten Stock, unmittelbar unter der Chefetage, ausführten. Mit Handel hatte ihre Arbeit nicht viel zu tun. Eher mit Spionage, oder wie es politisch korrekt heißt: IT Security. Sie produzierten Sicherheitssoftware und veranstalteten Hackerangriffe, um die Sicherheit der Systeme des weitverzweigten Churkin Imperiums, von Regierungsstellen und der Armee zu überprüfen. Bei jedem Hit rollten Köpfe und flossen fette Prämien. Er konnte sich nicht beklagen.

Andrei hatte während der ganzen Fahrt geschwiegen, was sonst kaum je der Fall war. Sichtlich nervös sprang er aus dem Wagen, kaum stand er auf dem Parkplatz in der Tiefgarage, der mit goldener Schrift für ihn reserviert war.

»Willst du mir nicht endlich verraten, was Sache ist?«

»Sitzung mit Gott«, antwortete er nur, hielt seine Karte an den Sensor des Lifts und gab die PIN ein.

Eine Sitzung mit Sergei Churkin persönlich. Kein Wunder war sein Sohn nervös. Der alte Churkin verlangte viel und konnte sehr ungehalten werden, wenn man ihn enttäuschte. Das galt auch für Familienmitglieder. Im Lift gab es keinen Hinweis darauf, dass die Etagen acht und neun überhaupt existierten, obwohl der Zugang nur über den Aufzug möglich war. Panzertüren versperrten die Sicherheitstreppen. Türen, die sich nur im Katastrophenfall automatisch öffneten – wurde zumindest behauptet. Die Bezeichnung Bunker für ihr Büro lag also auf der Hand.

»Na endlich!«, begrüßte sie Fisik, die Physikerin, ungehalten. »Ich wollte schon wieder abhauen. Was gibt es denn so Wichtiges?«

»Abwarten«, murmelte Andrei und gab ihr einen Kuss, den sie nur flüchtig erwiderte.

»Vielleicht klärt uns das Visel auf, wenn der Lider schweigt«, brummte Vanya, der ältere der Brüder Melnikov, den alle nur Ekspert nannten, weil er jeden Fehler in jedem Programm entdeckte.

Vladimir fand seinen Spitznamen Visel ziemlich daneben. So flink wie ein Wiesel war er gar nicht oder tickten die andern einfach zu langsam? Andrei hingegen liebte seinen Titel Lider, der Leader. Er war der Boss, und das musste auch der Spitzname widerspiegeln.

Normalerweise herrschte eine gelöste Atmosphäre in Bunker, so hart sie auch arbeiteten. Andrei, der am wenigsten von Hard- und Software verstand, sorgte gerne mit einem lockeren Spruch oder anzüglichen Witzen für Gelächter. Nicht an diesem Abend. Er saß an seinem Pult und starrte abwesend mit eingezogenen Schultern auf sein Smartphone, ängstlich beobachtet von Fedor, dem jüngeren der Brüder Melnikov. Fedor, der Architektor, war das genaue Gegenteil seines extravertierten Bruders Vanya. Er war der stille Konstrukteur, hörte gut zu und entwarf die raffinierteste Systemarchitektur aus dem Nichts, während Vanya lauthals jede Schwachstelle kommentierte und die Software gnadenlos in ihre Bestandteile zerlegte, bis kein unerklärter Befehl und keine dubiose Konstante mehr übrig blieben.

Fisik rückte näher zu ihm, so nah, bis sie ihm ins Ohr flüstern konnte:

»Haben wir etwas falsch gemacht?«

Er zuckte die Achseln, rückte etwas ab. Sie rückte nach. Andrei schien es nicht zu kümmern. Drei kurze, durchdringende Summtöne und der Blinker über dem Eingang kündeten Besuch an.

»Sie sind da!«, rief Lider Andrei wie erlöst und sprang auf.

»Sie?«, flüsterte Fisik ihm mit großen Augen ins Ohr.

Sergei Churkin oder Gott, wie ihn sein Sohn nannte, trat ein, gefolgt von einem Unbekannten. Gott grüßte freundlich und stellte dem Unbekannten seine Elitetruppe mit sichtlichem Stolz vor. Der hörte sich alles mit unbeweglicher Miene an. Trotz der Hitze draußen trug er Hut und Mantel, die er auch jetzt nicht ablegte, genauso wie seine undurchsichtige Sonnenbrille. Das verblüffendste Merkmal aber war, dass er offenbar keinen Namen besaß. Churkin stellte ihn nicht vor, und trotzdem schien sich an diesem Abend alles um den Unbekannten zu drehen.

Papa Churkin kam zur Sache und sagte:

»Mein Freund hier hat einen Auftrag für euch.«

Dann wandte er sich an seinen Begleiter:

»Wenn überhaupt jemand dein Problem lösen kann, dann meine Spezialisten.«

Der Unbekannte ignorierte die gewagte Behauptung. Zum ersten Mal öffnete er den Mund:

»Was Sie heute Abend hören und sehen, verlässt diesen Raum nicht, und diese Besprechung hat nie stattgefunden. Haben wir uns verstanden?«

Gott nickte für alle. Seine Spezialisten hüteten sich, etwas zu erwidern. Die Aufforderung des Unbekannten war sowieso überflüssig. Nichts, was im Bunker passierte oder gesprochen wurde, drang je nach draußen. Zu Vladimirs Überraschung zog der Unbekannte ein Mini-Tablet aus der Manteltasche, presste ein paar Buttons und legte es auf den nächsten Schreibtisch.

»Informationen von höchster Brisanz sind in falsche Hände geraten«, bemerkte er dazu. »Hier ist Ihr Auftrag.«

Die Truppe drängte sich um den kleinen Bildschirm wie die Touristen um Raffaels Heilige Familie in der Eremitage. Er musste den Text zweimal lesen, um zu glauben, was er sah. Die Worte blieben ihm im Halse stecken. Sie trauten sich einiges zu. An Selbstvertrauen mangelte es ihnen nicht – aber das konnte nur ein Verrückter geschrieben haben. Die Freunde schwiegen ähnlich betroffen.

»Können Sie das?«, fragte der Unbekannte, als ginge es um eine simple Datenbankabfrage.

Vladimir fragte sich wohl nicht als Einziger, ob der Kerl sie einfach vor Gott in die Pfanne hauen wollte. Das Gesicht des Mannes gab nichts her und Churkin wartete mit zusammengepressten Lippen auf eine Antwort. Fisik brach den Bann. Nüchtern stellte sie fest:

»Das geht nicht ohne Unterstützung vor Ort.«

»Die haben Sie«, antwortete der Unbekannte wie aus der Pistole geschossen.

»Was soll das heißen?«, fuhr Vladimir auf, immer noch nicht überzeugt vom Ernst der Sache.

Der Unbekannte ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er antwortete sachlich und emotionslos wie sein Gesicht:

»Sagen Sie uns, was Sie vor Ort brauchen.«

»Heißt das, Sie haben lokalen Zugriff auf die Systeme?«

»Wenn Sie den Zugriff benötigen, bekommen Sie ihn.«

Was der Typ behauptete war schlicht undenkbar. Der Mann wusste nicht, was er sagte. Vladimir warf seinem Boss Andrei einen warnenden Blick zu und murmelte laut genug, damit es auch der Unbekannte hörte:

»Wir brauchen Zeit.«

Wieder kam die Antwort des Unbekannten blitzschnell, als hätte er auf den Einwand gewartet:

»Zeit ist das Einzige, was wir nicht haben. Es gibt ein Fenster von zehn Tagen. Dann ist es zu spät.«

Der Kerl musste total verrückt sein. Wahrscheinlich brauchten sie nur schon zehn Tage, um einen Zugang zum System zu finden, der sich für ihre Zwecke eignete. Die ganze Truppe begann aufgeregt zu diskutieren, bis Andrei Einhalt gebot. Vorsichtshalber wandte er sich an Gott, seinen Vater:

»Wir müssen das seriös analysieren, um endgültig zu entscheiden.«

»Bis wann?«

»Vierundzwanzig Stunden«, behauptete Andrei.

Es klang überzeugend, obwohl er wie alle andern keine Ahnung haben konnte, wie lang sie tatsächlich brauchen würden, um die Machbarkeit zu untersuchen. Der Unbekannte nickte.

»Vierundzwanzig Stunden«, bestätigte er und wandte sich zum Gehen. »Auf dem Tablet finden Sie alle notwendigen Informationen zum Auftrag.«

Gott folgte ihm zur Tür. Bevor sie den Bunker verließen, wandte er sich nochmals an seine Elitetruppe:

»Ich bin sicher, ihr werdet mich nicht enttäuschen – und denkt daran: Was immer ihr braucht, um den Auftrag meines Freundes auszuführen, ihr bekommt es.«

Vanyas Mund klappte zu.

»Was war das denn?«, fragte er ratlos, sonst nie um einen bissigen Kommentar verlegen.

Fisik schüttelte ungläubig den Kopf. »Hat der Allmächtige irgendeine Vorstellung davon, was er gerade gesagt hat? Was immer ihr braucht – wie wär‘s mit einer neuen Serverfarm, damit wir endlich anständig Bitcoins fördern können? Von mir kriegt der eine Wunschliste länger als der Newski-Prospekt.«

»Dein Einsatz in Ehren, meine Liebe, aber so wird es nicht funktionieren«, entgegnete Andrei.

»Aha, und das sagt der Hardwarespezialist.«

Vladimir versuchte, die Wogen zu glätten. Das Gezänk hinderte ihn am Denken.

»Leute, haltet mal die Klappe. Wir haben nicht viel Zeit, also machen wir uns an die Arbeit. Überlegen wir, was wir wirklich brauchen, falls wir den Auftrag annehmen.«

Andrei lachte ihn aus und versicherte:

»Die Option nicht anzunehmen gibt es nicht, Freunde. Falls ihr es nicht kapiert habt: Neinsagen bedeutet Kopf ab für den Alten, und das wollt ihr nicht erleben, glaubt mir.«

Der stille Architektor Fedor unterbrach das betroffene Schweigen, das Andreis Drohung folgte:

»Fisik hat recht. Wenn wir überhaupt eine Chance haben wollen, die starke Verschlüsselung zu knacken, mit der wir rechnen müssen, brauchen wir die Leistung eines Supercomputers.«

»Die sollen uns den Lomonosov zur Verfügung stellen«, schlug Vladimir vor.

Der Supercomputer in Moskau war vor ein paar Jahren immerhin einer der schnellsten in Europa gewesen.

Fisik schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Die 30‘000 Xeons sind ja ganz niedlich, aber ich glaube, es gibt Besseres. Augenblick.«

Sie hüpfte an ihren Arbeitsplatz. Die Finger spielten eine Weile Rachmaninow auf der Tastatur, dann verkündete sie mit breitem Grinsen:

»Ich wusste es. T-Platforms hat das Monster in Testbetrieb genommen. Zehnfache CPU-Leistung gegenüber Lomonosov. Wir müssen nur aufspringen.«

»Das Monster ist eine Legende«, behauptete Vanya mit einer abschätzigen Handbewegung.

Vladimir kannte wie alle in der Szene die Gerüchte über den neuen, wassergekühlten Supercomputer, aber eben nur Gerüchte.

»Bist du sicher?«

»Euch ist nicht zu helfen. Überzeugt euch doch selbst.«

Sie wandte sich beleidigt ab und widmete sich ihrem Smartphone. Auf dem mittleren der drei Bildschirme, die aus dem Chaos der Platinen, Chips, Trafos und Kabel auf ihrem Pult herausragten, konnten sie es lesen. Irgendwie war es ihr gelungen, in den geheimen Bereich des Armeenetzwerks einzudringen, wo die Pläne, Protokolle und aktuellen Berichte über die Inbetriebnahme des Supercomputers der nächsten Generation verwaltet wurden. Die Spezifikationen der Anlage rechtfertigten durchaus den Spitznamen Monster. Wenn irgendeine Maschine moderne Verschlüsselungen in nützlicher Frist knacken konnte, dann wohl dieses Monster. Andrei klopfte seiner Freundin anerkennend auf die Schulter.

»Gut gemacht, Kleines. Wir werden freien Zugang zum Monster fordern. Da kann der Freund des Alten beweisen, wozu er fähig ist.«

Während der Diskussion über den Supercomputer hatte der Systemarchitekt Fedor am Whiteboard begonnen, einen Lösungsansatz zu skizzieren. Obwohl auch er die genauen Voraussetzungen und Randbedingungen für den Auftrag noch nicht kannte, folgte seine Skizze einer zwingenden Logik. Es war nicht das erste Mal, dass sie in ein gut gesichertes System eindringen mussten. Das Vorgehen war grundsätzlich bekannt. Dieser Auftrag aber verlangte viel mehr als das simple Kopieren fremder Daten oder die Lähmung des Systems durch ›denial of service‹ Attacken. Diesmal mussten sie die Kontrolle über das ganze Peripherie-Subsystem übernehmen, das die Daten verwaltete. Nur so war es möglich, den Auftrag des Unbekannten auszuführen. Fedors Skizze zeigte wie immer klar und ohne unnötigen Schnickschnack einen plausiblen Weg auf, wie sie dieses Ziel erreichen könnten. Andrei nickte zufrieden.

»Khorosho! Nehmen wir das als Arbeitshypothese.«

Er benutzte die Skizze, um die Aufgaben zuzuordnen, eine Arbeitsteilung, die sowieso aufgrund ihrer unterschiedlichen Fertigkeiten auf der Hand lag.

»Ganz zentral ist der Trojaner, der lang genug unentdeckt bleiben muss«, fuhr er fort. »Visel?«

Vladimir nickte. »Hab‘s begriffen.«

Trojaner gehörten zu seinen Spezialitäten. Er besaß eine ansehnliche Sammlung solcher Softwarekomponenten für alle möglichen Betriebssysteme. Sein Design erlaubte es ihm, die Schadsoftware mit wenigen Parametern für den jeweiligen Zweck umzuprogrammieren. Er war ein professioneller Hacker, der Software produzierte, um ein Ziel zu erreichen, kein Bastler, der zum Zeitvertreib an Spaghetti-Code herumschraubte.

Andrei kopierte die Information aus dem Tablet auf den Datenserver, damit sie arbeiten konnten. Bis spät nachts sprachen sie kaum mehr ein Wort miteinander, dann verließen zuerst die Brüder Melnikov den Bunker. Andrei folgte. Er versuchte vergeblich, seine Freundin Fisik zu überzeugen, ihn zu begleiten, um über die Angelegenheit zu schlafen. Beischlafen sollte es wohl besser heißen. Gegen Mitternacht stellte Vladimir verblüfft fest, dass er fast allein im Bunker saß. Fisik schien vor ihren Bildschirmen eingenickt zu sein. Den Kopf auf einer Kabelrolle, hing sie in ihrem Sessel und rührte sich nicht. Nur die Brust hob und senkte sich regelmäßig. Er beachtete sie nicht weiter.

Eine Minute vor der Geisterstunde zog er sein zweites Handy aus dem Geheimfach und begann zu tippen. Der auf Englisch abgefasste Text war kurz wie jede SMS an die heimliche Geliebte, die so unerreichbar weit entfernt lebte.

Ganz herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, meine Liebste. Ich denke jeden Tag an unsere Nacht in Sankt Petersburg.

Jene Nacht im Hotel war nicht nur die schönste, sondern vor allem die einzige Erinnerung an sie, die Bezeichnung Geliebte also eine ziemlich unverschämte Übertreibung. Aber sie hatte bisher alle seine Kosenamen ohne Weiteres akzeptiert und stets rasch und warmherzig auf die etwas hölzernen Texte reagiert. Das fachte die Flamme in seinem Herzen jedes Mal aufs Neue an. Kaum war die SMS abgeschickt, stand Fisik sozusagen auf seinen Füßen. Mit einem anzüglichen Lächeln fragte sie:

»Du vögelst doch nicht etwa mit einer heimlichen Geliebten?«

Sie ahnte nicht, wie nah sie an der Wahrheit vorbeischrammte. Ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken. Es lag nicht an Fisiks aufgeladener Weiblichkeit. Das Handy war sein Problem. Es musste unter allen Umständen geheim bleiben, denn es war sein einziger privater Draht nach draußen, der nicht von den Kollegen gehackt werden konnte. Das Telefon schien sie nicht weiter zu interessieren. Er steckte es mit einem stillen Seufzer ein und beglückwünschte sich einmal mehr für die weise Voraussicht, zwei identische Handys angeschafft zu haben.

»Mir kannst du es ruhig verraten«, flüsterte sie und rückte noch einige Zentimeter näher. »Ich sag‘s bestimmt nicht weiter.«

Was führte sie im Schilde? Die körperliche Nähe brachte ihn unwillkürlich ins Schwitzen. Fisik war der Hardwareguru im Bunker, nichts weiter – bisher.

»Ich denke, du solltest dich ein wenig entspannen«, sagte sie.

Ihr T-Shirt löste sich vor seinen Augen in nichts auf. Die nackten Brüste bekräftigten ihre Bemerkung auf eine Weise, der er nichts entgegenzusetzen hatte. Wahrscheinlich lag es daran, dass seine Gedanken immer noch um die ferne Geliebte kreisten. Jedenfalls fiel die Antwort seines Körpers auf den unerwarteten Striptease zu ihrer vollen Entzückung aus. Die CPU der Großhirnrinde fuhr herunter. Der Autopilot des Stammhirns übernahm die Kontrolle. Das genügte vollkommen für den Rest der Nacht. Im letzten Moment hinderte ihn der Klingelton des offiziellen Handys daran, in ihren Mund zu entladen.

»Verdammt, weißt du, wo Fisik steckt?«, fragte Andrei gereizt.

Ahnungslos, was er antworten sollte, da sein Großhirn ausgeschaltet war, ließ er sich das Telefon aus der Hand nehmen. Fisik unterbrach die Arbeit am steifen Glied und sprach ins Handy:

»Hallo?«

»Verdammt, wo steckst du? Warum ist dein Telefon ausgeschaltet?«

Andrei sprach so laut, dass sein Stammhirn jedes Wort hörte.

»Ich bin beschäftigt. Dringender Auftrag von Gott persönlich, schon vergessen?«

»Du kommst heute nicht mehr?«

»Blöde Frage, und überdies ist es schon morgen.«

Sie unterbrach die Verbindung und schaltete sein Handy vorsichtshalber aus. Ein kurzer Zungeneinsatz brachte seinen Schwanz wieder in Stellung.

»Jetzt aber richtig, mein Lieber!«, rief sie aus und saß auch schon auf seinem Schoß.

Mehr als ein paar wenige rhythmische Stöße hielt sein Stammhirn nicht aus. Das System kollabierte gleichzeitig mit dem Samenerguss. Reboot. Sie war noch nicht soweit, presste die Hinterbacken zusammen, um den lahmenden Schwellkörper im Schoß zu halten, während sie masturbierte wie auf Speed, bis sie mit einem Aufschrei über ihm zusammenklappte.

»Andrei!«, war der erste müde Gedanke, den das wiedererwachte Großhirn an sein Bewusstsein sandte.

Fisik zog sich ohne ein weiteres Wort in die Dusche zurück. Zur Not diente der Bunker auch als Wohnung. Bei ihren Projekten war die erforderliche Präsenzzeit kaum abschätzbar. Es würde nicht auffallen, wenn sie zwei hier übernachteten, falls Andrei nicht schon misstrauisch geworden war. Seine Gedanken drehten sich im Kreis oder besser: kreisten in einer Achterbahn um zwei Frauen. Computerprogramme und Betriebssysteme oder Papirossi im Plattenbau kamen nicht vor. Er fühlte sich plötzlich hundemüde. Nach kurzer Toilette legte er sich unter seinem Pult auf dem harten Betonboden schlafen. Jacke und Tasche dienten als Bettzeug.

Vanyas Stimme weckte ihn am frühen Morgen.

»Hat sich die Nacht wenigstens gelohnt?«, wollte er von Fisik wissen.

Sie stand wie aus dem Ei gepellt in frischen Kleidern vor ihrem Gemischtwarenladen, Lötpistole in der Hand.

»Ich kann mich nicht beklagen«, murmelte sie und beugte sich über ein Werkstück, das einem gewöhnlichen Netzwerkkabel von der Stange glich.

»Was bastelst du da?«

Sie versteifte sich, drehte sich langsam zu Vanya um, die Lötpistole gefährlich nah an seinem Auge.

»Ich bastle nicht«, zischte sie.

Vladimir fürchtete, sie würde zustechen und zuckte unwillkürlich zusammen.

»Ich löse Probleme«, fuhr sie weiter, »während du auf deinem Hausboot die Sau rauslässt. Du stinkst.«

Vanya grinste. Er verstand die Schelte als Bestätigung seiner rauen Männlichkeit.

»Die Nacht war wohl doch nicht so erfolgreich«, sagte er lachend und setzte sich an seinen Arbeitsplatz.

Vladimir fiel es schwer, sich auf den Programmcode zu konzentrieren. Immer wieder schweifte sein Blick verstohlen zu Fisik hinüber. Sie reagierte nicht, konzentrierte sich auf ihre Arbeit, als erinnerte sie sich nicht an die Nacht. Er verstand diese Frau nicht, wollte sie im Grunde auch nicht verstehen. Im Übrigen war er damit beschäftigt, seinen Kater mit Tee aus dem Samowar zu lindern. Er fühlte sich wie nach einer Flasche Wodka, übel und leer.

Andrei traf erst gegen Mittag ein. Er warf ein paar bedruckte Seiten auf Vanyas Schreibtisch, die dem Ekspert einen verwunderten Ausruf entlockten.

»Wer zum Teufel verwendet denn heute noch Faxe?«

»Die glorreiche russische Armee«, grinste Andrei.

»Die mit dem modernsten verdammten Supercomputer? Betreiben die den noch mit Dampf?«

Fisik hatte das Fax schon gelesen. Sie strahlte.

»Sieh dir lieber an, was da drin steht. Wir haben das Monster!«

Jubel brach aus im Bunker, in den sogar der stille Fedor einstimmte. Andrei sah auf die Uhr.

»O. K., Leute, uns bleiben noch genau sechs Stunden, um die Machbarkeit zu verifizieren. Schaffen wir das?«

Er erhielt keine Antwort, erwartete auch keine. Es gibt Fragen, die kann man erst im Nachhinein beantworten, also schenkt man sich die Antwort.

»Countdown läuft«, sagte er nur.

Von nun an zählte die große Digitaluhr an der Wand rückwärts: 6:00:00, 5:59:59, 5:59:58 … Sechs Stunden bedeuteten für einen Computer eine halbe Ewigkeit, für einen Programmierer leider nur einen Wimpernschlag. Es war die Aufgabe der Brüder Melnikov, das Monster in die Architektur ihres Systems einzubinden und die benötigten Funktionen zu testen. Sie planten, den Supercomputer als Zahlenfresser zu benutzen, um die Verschlüsselung des Zielsystems zu knacken. Für alle andern Arbeiten trauten sie nur ihren eigenen Systemen. Vladimir sah, wie die beiden schwitzten, und hätte ihnen gerne geholfen, wäre er nicht selbst in Verzug geraten mit der Arbeit am Trojaner. Es bereitete ihm immer noch Mühe, sich zu konzentrieren. Dass Fisik jetzt in aufreizender Pose vor ihm stand, machte die Sache nicht leichter.

»Was liegt an?«

Sein Blick schweifte überallhin, um nicht an den Brustwarzen haften zu bleiben, die sich unter der Bluse abzeichneten. Sie gab ihm das Werkstück, das Vanya als Bastelei interpretiert hatte.

»Das ist unser kleiner Helfer«, sagte sie. »Du brauchst ihm nur noch Leben einzuhauchen.«

Das Ding war nicht zu unterscheiden von einem Kabelende, wie es dutzendweise in jedem Netzwerkserver steckte. Es würde im Kabelgewirr keines Computerraums auffallen. Ihr Design und die Ausführung konnte er nur als genial bezeichnen. Das Gehirn des kleinen Helfers befand sich unsichtbar im Stecker. Das Stück Kabel diente nur als Tarnung. Ein Stecker ohne Kabel würde jedem Techniker sofort auffallen. Nüchtern gab sie die Spezifikationen des nicht einmal Fingernagel großen integrierten Schaltkreises bekannt:

»1 GHz ARM Prozessor, 512 MB RAM, 8 GB Flash Speicher. Du hast ein voll funktionsfähiges Linux System zur Verfügung, mein Lieber.«

»Genial«, wiederholte er laut.

Er steckte das Wunderding in einen freien Port an seinem Computer. Nach wenigen Befehlen öffnete sich ein Fenster mit der bekannten Linux Oberfläche auf seinem Hauptmonitor. Der Zwerg lebte. Er brauchte ihn nur noch für seine Zwecke zu konfigurieren.

»Khorosho«, murmelte sie.

Sie kehrte zu ihrer Werkstatt zurück, um baugleiche Chips in weitere Typen von Steckern einzubauen, wie er vermutete. Da sie nicht genau wussten, was sie vor Ort erwartete, mussten sie für alle gängigen Anschlüsse vorbereitet sein.

Nachdem auch der Tarnanzug des Trojaners zu seiner Zufriedenheit funktionierte, baute er die Schadsoftware zum ersten Mal in Fisiks Zwerg ein, ein trivialer Kopiervorgang. Etwas mehr Mühe bereitete der Probelauf. Der Zwerg musste automatisch anspringen, sobald er eingesteckt wurde. Das klappte erst nach einem Eingriff der Schöpferin, deren Hinterteil ihm dabei gefährlich nahe kam.

Der Countdown stand bei 2:47:23 als Vanya fluchend aufsprang.

»So funktioniert das nicht!«, rief er wütend.

Sein Bruder beschrieb das Problem. Die Rechenleistung des Monsters betrug nicht viel mehr als das Doppelte ihres eigenen schnellen Servers. So müssten sie hundert Jahre rechnen, um eine starke Verschlüsselung zu knacken. Andrei riss sich von seinem Computerspiel los, las den Countdown-Zähler des Todes laut ab und sagte:

»Visel, sieh mal nach.«

Seine Arbeit am Trojaner war zwar noch nicht erledigt, aber das Problem mit dem Monster hatte Priorität. Sie mussten es unter allen Umständen rasch lösen, sonst konnten sie einpacken. Die Bildschirme der Melnikovs glichen den Monitoren früher PCs: Shell Scripts mit kryptischen Befehlen ans Betriebssystem, endlose Logfiles mit den Antworten des Monsters und Zahlenfriedhöfe. Er benötigte einige Minuten, um zu begreifen, was Vanya dermaßen ärgerte.

»Gibt es keine Auswertung über die Auslastung der Prozessoren?«, fragte er.

Fedor deutete stumm auf das kleine Fenster mit der Ausgabe des ›top‹ Befehls, der Übersicht über die wichtigsten Durchsatzzahlen des Monsters. Vladimir schüttelte den Kopf.

»Das meine ich nicht. Ich brauche die genaue Auswertung über den Grad der Parallelverarbeitung. Wie viele Prozessoren waren aktiv in welcher Phase des Tests – so etwas.«

Die Brüder Melnikov sahen sich ratlos an. Wie sich bald herausstellte, wusste niemand im Bunker, wie man eine solche Auswertung aus dem Monster herauskitzelte.

»Das darf doch nicht wahr sein«, rief er aus. »Ohne diese Statistik fliegen wir im Blindflug.«

»Zwei Stunden«, meldete Andrei, nicht eben hilfreich.

»Statt auf die tickende Zeitbombe zu starren, solltest du besser deine Freunde bei der glorreichen Armee anrufen«, fuhr Vanya ihn an.

»Es sind nicht meine Freunde«, gab Andrei mürrisch zurück und bequemte sich endlich, sich aus dem Sessel zu erheben und zu ihnen ans Pult zu treten.

»Wo liegt das Problem?«

Vladimir antwortete, um Vanya Gelegenheit zu geben, sich zu beruhigen.

»Ich will wissen, auf wie viele Prozessoren die Rechenarbeit unseres Testprogramms verteilt wird. Das ist ja wohl das Mindeste, was man von einem Supercomputer verlangen kann.«

Unsicher, ob Andrei sein Anliegen überhaupt verstanden hatte, verfolgte er skeptisch, wie Andrei sich hartnäckig durchfragte, bis er endlich die richtige Person am Draht hatte.

»Moment«, sagte er und gab ihm den Hörer.

Die Person am andern Ende der Verbindung erwies sich als kompetente Frau. Sekunden später erfuhren sie die erschütternde Tatsache: Ihr Testprogramm war von einem einzigen Prozessor ausgeführt worden, keine Spur von Parallelverarbeitung. Die Frau am Draht gab gleich den entscheidenden Hinweis dazu:

»Sie sollten die Option ›openmp‹ nicht vergessen, wenn Sie mehr Rechenleistung benötigen.«

Er dankte und legte auf.

»Wir sind Idioten«, murmelte er, passte den Ausführungsbefehl fürs Testprogramm an und startete es erneut.

»49 Minuten«, verkündete Andrei.

Dann schwieg auch er. Alle warteten angespannt auf das Ende der Verarbeitung. Fedor brach schließlich das Schweigen:

»Es hat längst terminiert.«

Vladimir traute seinen Augen nicht, glaubte zuerst an einen Fehler. Erst nach eingehender Kontrolle entspannte er sich. Das Monster hatte keine Minute gebraucht, um den aufwendigen Test auszuführen.

»37 Minuten«, verkündete Vanya lachend.

»Heißt das …«

Weiter brauchte Andrei nicht zu fragen. Fisik klärte ihn auf:

»Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass unser Monster sich wahrscheinlich für das Codeknacken eignet.«

Fedor, der Architektor, fasste den Stand der Arbeiten anhand seiner Systemskizze zusammen. Alle Komponenten, die sie für den Angriff brauchten, lagen nun bereit – bis auf seinen Trojaner, das wichtigste Stück Software. Der Countdown stand bei 21 Minuten. Er würde es nicht schaffen, die Konfiguration und alle notwendigen Tests in der verbleibenden Zeit durchzuführen. Andererseits wusste nur er das, und er erwartete keine Überraschungen mehr, also gab er grünes Licht. Die Machbarkeit des Auftrags war erwiesen. Niemand im Bunker zweifelte mehr daran. Der namenlose Unbekannte konnte kommen.

Er erschrak, als Fisik sich von hinten über ihn beugte.

»Kannst du das bitte in korrektes Englisch übersetzen?«, hauchte sie, wobei die Lippen sein Ohr berührten, dass 100‘000 Volt stracks in seinen Schritt fuhren. »Dein Englisch ist viel besser als meins.«

Sie presste die Daumen in seinen Nacken, bevor sie sich abstieß, um zu Andrei hinüber zu schweben. Ein stilles Gewitter entlud sich unter seinem Schreibtisch, während er ihren Zettel las. Er enthielt die knappe aber präzise Anweisung an den unbekannten Helfer vor Ort, was mit den intelligenten Steckern zu tun sei.

Berlin

Chris hatte es wieder nicht geschafft, Jamie die Freudenbotschaft zu überbringen. Der falsche Zeitpunkt, die falsche Stimmung: Ausreden gab es genug. Es blieb ja noch etwas Zeit, bis er es merken musste, tröstete sie sich und hob den Hörer ab. KHK Monika Weber vom LKA war am Apparat.

»Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass wir die Ermittlungen einstellen.« Nach kurzer Pause fügte sie hinzu: »Einstellen mussten.«

Chris hatte so etwas erwartet. Sie verstand Monika Webers Vorgesetzte sogar ein Stück weit. Man wollte den tragischen verdeckten Einsatz in Sankt Petersburg möglichst schnell vom Tisch haben und gab sich mit der fragwürdigen Erklärung der russischen Behörden zufrieden. Das deutsche Ehepaar Meier war zwischen die Fronten zweier Banden von Kinderhändlern geraten und hatte das leider mit dem Leben bezahlt. Klappe zu. Es war nicht die erste Vertuschungsaktion, der sie in ihrer Zeit beim BKA begegnete. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass die Akte zum Doppelmord auch in Sankt Petersburg längst geschlossen worden war. Zwecklos, beim russischen Innenministerium nachzuhaken. In dieser Beziehung herrschte für einmal Einigkeit mit Staatsanwältin Winter. Für die war der Fall, der so gefährlich heikel begonnen hatte, schon fast vergessen, während die Bilder und Berichte über misshandelte und missbrauchte Kinder noch frisch in ihrem Kopf herumgeisterten. Leere Augen ohne Hoffnung in Kindergesichtern, Jungen und Mädchen, die ihr Gesicht in den Händen verbargen, als hätten sie keins, bildgewordene seelische Grausamkeit, schlimmer als offene Wunden.

»Verstehe«, sagte sie wie zu sich selbst. »Hat die Spur zum Galeristen Matulis etwas gebracht?«

»Nicht wirklich. Die Mordwaffe ist zwar wahrscheinlich sein Revolver, aber es besteht kein Grund, an seiner Geschichte zu zweifeln. Der Revolver ist ihm bei einem Raub russischer Ikonen gestohlen worden. Es ist also durchaus plausibel, dass die Waffe jetzt in Sankt Petersburg auftaucht. Na ja – jedenfalls nicht ausgeschlossen.«

Sie musste ihr zustimmen. Warum sollte eine Bande von Kinderhändlern nicht auch Verbindungen zur Kunstmafia haben? Die Tentakel der Russenmafia reichten weit. Aus einem Bauchgefühl heraus sagte sie:

»Ich wäre Ihnen dankbar für die Unterlagen zu Lukas Matulis, falls es keine Umstände macht.«

Monika Weber lachte bitter auf. »Viel ist es leider nicht. Wir haben versucht, seine Geschäftsreisen und die Art der Geschäfte nachzuvollziehen, stoßen aber überall ins Leere. Der Mann scheint ein unbeschriebenes Blatt zu sein, und jetzt ist die Akte geschlossen.«

Das Dossier, das sie kurz nach dem Gespräch per E-Mail erhielt, verdiente diesen Namen tatsächlich nicht. Sie leitete es an den Kollegen Haase weiter. Wenn jemand in nützlicher Frist einen Menschen wie Lukas Matulis durchleuchten konnte, dann er.

Beim nächsten Stopp an seiner Kaffeemaschine war das Dossier immerhin schon auf zwanzig Seiten angewachsen. Der Galerist wohnte in einer zur Festung ausgebauten Villa in Charlottenburg. Zwei Bodyguards, ein Mann und eine Frau, wichen seit Jahren nicht von seiner Seite. Die meiste Zeit befand er sich allerdings auf Geschäftsreisen, über die Haase bisher nichts herausgefunden hatte. Matulis besaß ein Flugzeug, eine Turbo-Prop-Maschine, die er oft selbst pilotierte. Ohne richterlichen Beschluss gab es deshalb keine Möglichkeit, ein genaues Bewegungsprofil zu erstellen. Es blieb nur die Vermutung, Matulis betreibe Geschäfte in ganz Europa, inklusive Oststaaten und Russland. Für die Tatzeit in Sankt Petersburg hatte ihm die Tochter Roze ein hieb- und stichfestes Alibi verschafft. Matulis blieb ein – zwar undurchsichtiger – Geschäftsmann.

»Etwas ist seltsam«, sagte Haase, während sie die Nase der Arabica-Bohnen prüfte wie bei einem teuren Whisky. »Die Geschichte des Herrn Matulis und seiner Tochter lässt sich fast lückenlos etwa zwanzig Jahre zurückverfolgen, doch dann verliert sie sich im Nebel, als hätte es ihn vorher nicht gegeben.«

»Er stammt aus dem ehemaligen Ostblock«, erwiderte sie, »der Eiserne Vorhang … Die damaligen Behörden waren nicht gerade für ihre offene Informationspolitik bekannt.«

»Stimmt, aber der Eiserne Vorhang und die Abschottung des Ostens endeten 1989, einige Jahre früher. Warum finde ich keine Hinweise auf Matulis aus jener Zeit? Auch nicht in Litauen, notabene.«

»Weil unsere Datenbanken Löcher aufweisen?«

Haase lachte. »Oh ja, Sie sagen es, klaffende Lücken. Falls Matulis doch in pädophile Aktivitäten verstrickt ist, haben wir ohnehin Pech.«

»Wie darf ich das verstehen?«

Haase war nicht nur ein wandelndes Lexikon, wenn es um Polizeiarbeit ging. Er recherchierte auch überaus gründlich und hatte sich in kürzester Zeit mit den Themen Menschenhandel und Pädophilie vertraut gemacht, die eher die Sitte zu interessieren hatten als ihre Abteilung.

»Die professionellen Kinderhändler operieren natürlich international«, erklärte er. »Unsere nationale INPOL-Datenbank nützt da wenig bis gar nichts, da sie kaum Informationen über Beziehungen, Strohmänner, Scheinfirmen etc. über die Landesgrenzen hinaus enthält. Es ist nahezu unmöglich, Personen oder Organisationen miteinander in Verbindung zu bringen, die in verschiedenen Ländern unter verschiedenen Namen operieren. Manchmal gelingt es über die Spur der Opfer, aber das ist eher Glückssache.«

»Warum erstaunt mich das alles nicht?«, fragte sie die Kaffeetasse.

»Das ist bekannt, ich weiß, aber es gibt neue Hoffnung – oder vielmehr: Es gab sie. Ich meine das neue Informationssystem von Europol in Den Haag. Das IS ist zwar immer noch im Aufbau, aber es hat schon im Testbetrieb wertvolle Dienste geleistet beim Aufdecken von Verknüpfungen zwischen Daten und Personen. Das IS umfasst verschiedene Datenbanken, und jetzt wird‘s interessant.«

Er wartete, bis sie ihren zweiten Ristretto in der Tasse hatte, dann fuhr er fort:

»Diese Woche hätte eine neue Datenbank aufgeschaltet werden müssen. Seit zehn Jahren läuft das Geheimprojekt. Offiziell gibt es keine Information darüber, aber die Spatzen pfeifen es von den einschlägigen Dächern. Der Codename der neuen Datenbank lautet PD-27. Fragen Sie mich nicht, wie ich an die Information gelangt bin.«

Sie lachte. »Ich will es nicht wissen.«

»Also – PD-27 fasst zum ersten Mal alle Falldaten in den Bereichen Menschenhandel, Kinderhandel insbesondere, Kinderprostitution, Kindesmisshandlung und Pädophilie europaweit zusammen.«

»Und dafür brauchen die bei Europol zehn Jahre?«

»So ist es. Der Grund ist einfach. PD-27 ist nicht nur eine Sammlung von AWFs …«

»AWF?«

»Analysis Work Files, Analysedaten zu den Fällen, wie sie in den bei Europol angeschlossenen Ländern anfallen. PD-27 ist viel mehr. Zu jedem Fall, zu jedem AWF sind Unmengen von standardisierten sogenannten Tags erfasst worden, die es nur auf dieser Datenbank gibt. Erst durch diese in mühsamer Handarbeit erfassten Tags werden die Falldaten überhaupt maschinell verwertbar. Sie ermöglichen es, Muster zu erkennen und Verbindungen aufzuzeigen, die bisher verborgen blieben.«

»Werden es ermöglichen«, korrigierte sie.

»Wie bitte?«

»Sie sagten doch, PD-27 sei noch nicht im Einsatz.«

»Ach so, ja, aber das soll sich jetzt rasch ändern. Allerdings …«

»Ich höre.«

»Im Moment ist sogar der Zugang zu unseren eigenen Daten im IS blockiert.«

»Wieso denn das?«

»Eine Vorsichtsmaßnahme. Europol vermutet einen Hackerangriff und hat alle Zugänge dichtgemacht. Sie haben das EC3 eingeschaltet.«

»Das European Cybercrime Center in Den Haag? Ist das überhaupt schon in Betrieb?«

»Schon seit mehr als zwei Jahren. Allerdings glaube ich nicht, dass die Kollegen vom EC3 viel ausrichten können – mit vierzig Mitarbeitern und einem Budget, das gerade mal einem Prozent von unserem entspricht.«

»Keine Konkurrenz für die NSA«, bemerkte sie lachend. »Vielleicht sollte Europol die Amis einschalten.«

Staatsanwältin Winter ging am Büro vorbei und schnappte ihre Bemerkung auf.

»Was sollen die Amis?«

Sie wiegelte ab: »Kleiner Scherz«, und ging an ihren Arbeitsplatz zurück, nicht ohne vorher Haase zuzurufen: »Schicken Sie mir die Daten für den Schlussbericht bitte bis Mittag.«

»Gute Arbeit«, bemerkte Winter mit dem seltenen Anflug eines Lächelns.

Chris beneidete die Staatsanwältin manchmal für ihr schnörkelloses Weltbild. Es bestand im Wesentlichen aus geschlossenen Akten. Für sie selbst sorgte Haases Bemerkung über die Cyberattacke kurz vor der Aufschaltung der so wichtigen neuen Datenbank zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch im großen Stil für eine gewisse Unruhe. Sie musste wissen, was dahinter steckte und rief den IT-Guru an, den sie in Wiesbaden kennengelernt hatte.

Es war schwierig, Uwe Wolf ans Telefon zu bekommen, schon immer gewesen. Der IT-Experte war ebenso verschlossen wie genial, zeigte autistische Züge. Erst als sie die Kollegin am andern Ende bat, ihn vom Zopf zu grüßen, nahm er den Anruf entgegen.

»Chris Hegel, wir kennen uns«, sagte er.

Normalerweise grüßte er gar nicht, erinnerte sie sich. Sie verzichtete auf die Richtigstellung des Namens und kam gleich zur Sache:

»Ja, ist schon eine Weile her. Uwe, ich habe nur eine kurze Frage. Der Zugriff aufs Europol IS scheint unterbrochen zu sein. Wissen Sie etwas über die Hintergründe?«

»Die offizielle Version …«

»Nicht die offizielle Version bitte«, unterbrach sie. »Ich will die Wahrheit.«

»Inkompetenz.«

Diese Antwort fand selbst sie allzu sparsam formuliert.

»Wie muss ich das verstehen?«

»Letzte Nacht hat sich ein remote User in den IS-Cluster eingeloggt, der schon seit zwei Monaten gesperrt sein müsste. Der ehemalige Mitarbeiter, dem der Account gehörte, befand sich zu der Zeit nachweislich im Flugzeug nach Tokio.«

»Jemand hat seine Identität gestohlen?«

»Ja. Der Zugriff ist übrigens nur zufällig entdeckt worden, weil ein Servicetechniker, der den Ex-Mitarbeiter kannte, im System unterwegs war.«

»Weiß man, woher der Angriff kam?«

»Eben nicht. Die Verantwortlichen haben sofort alle remote Logins gesperrt, und das, bevor man den Angreifer lokalisieren konnte. Inkompetenz, wie gesagt.«

»Was hat der Eindringling gewollt?«

»Er hat sich offenbar für die Systemkonfiguration interessiert.«

»Für die Datenbanken?«

»Auch.«

Sie überlegte sich, die Frage nach PD-27 zu stellen, verzichtete jedoch darauf. Stattdessen fragte sie nach den Konsequenzen für die Arbeit mit dem IS.

»Dank der Inkompetenz der Betreiber wird es wohl keine Konsequenzen geben. Sie werden das System in Kürze wieder öffnen und hoffen, den nächsten Angriff zufällig zu entdecken.«

»Das klingt ziemlich resigniert, Uwe. So kenne ich Sie gar nicht.«

»Inkompetenz kann ich nicht ausstehen. Ich bin nicht für das IS verantwortlich, aber ich habe einen Trap installiert, damit der nächste Angriff wenigstens rechtzeitig registriert wird.«

»Wie – installiert – ich denke, die Zugänge zum System sind blockiert.«

»Nicht alle.« Nach kurzer Pause fügte er hinzu: »Ich fürchte, die Angreifer wissen das auch, falls es ernstzunehmende Hacker sind.«

Kapitel 3

Scheveningen, Den Haag, Niederlande

Jan der Unfehlbare wartete am selben Platz wie bei jedem Besuch mit leidender Miene, Baskenmütze vor sich auf dem Tisch. Danny Willems steuerte lustlos auf seinen älteren Bruder zu, argwöhnisch beobachtet von den zwei Wachen an der Tür des Besucherraums. Die meisten andern Tische blieben leer. Er sah den Tag kommen, an dem es mehr Wachpersonal als Insassen geben würde in Scheveningen, aus Mangel an geeigneten Delinquenten. So gesehen mussten die Betreiber des ›Hague Hilton‹ geradezu froh sein um Bagatellfälle wie ihn. Jan sprang auf, um ihn mit einer Umarmung zu begrüßen, was eigentlich nicht erlaubt war. Wie jedes Mal schritt keine der Wachen ein. Der großartige Jan strahlte eine derart überlegene Seriosität aus, dass ihm niemand eine krumme Tour zutraute. Leider stimmte das. Nicht einmal ein Smartphone hätte der überkorrekte Bruder hereingeschmuggelt.

»Danny, wie geht es dir?«

Die Frage nervte.

»Wie soll es mir schon gehen, unschuldig im Knast?«

»Danny, das hatten wir doch schon. Du hast Scheiße gebaut, deshalb sitzt du hier. So einfach ist das. Es sind ja nur noch zwei Nächte.«

Danny zuckte unwillkürlich zusammen, als Timmy Bos hereingeführt wurde. Timmy setzte sich zu einer Rothaarigen an den Tisch, der man ansah, dass sie vorwiegend nachts und im Dunkeln arbeitete. Alle nannten ihn den smarten Timmy. Er führte sich zwar auf wie ein cleverer Geschäftsmann, konnte aber so smart nicht sein. Säße er sonst in diesem Knast? Der Typ war ihm nicht geheuer. Er hatte sich schon ein paar Mal an ihn herangemacht, auch in der Dusche. Sonderbar, dass er dennoch hoch im Kurs stand bei den Knackis.

»Ist was?«, fragte sein Bruder misstrauisch.

Er schüttelte den Kopf. »Hast du wenigstens Zigaretten dabei?«

»Ich werde dir doch keine Zigaretten besorgen. Du hast noch nie geraucht, Danny Boy.«

»Du sollst mich nicht so nennen! Wie schlägt man denn sonst die Zeit tot in diesem Loch? Nicht mal den Computer haben sie mir in der Zelle gelassen.«

»Mir kommen gleich die Tränen. Hast du erwartet, sie besorgten ausgerechnet einem Hacker wie dir einen Computer, wenn möglich mit Internet-Anschluss, damit du weiter alte Leute abzocken kannst?«

»Der da hat auch einen Computer«, brummte er ärgerlich, den Blick auf Timmy Bos geheftet.

»Er wird ihn nicht bedienen können«, gab Jan lachend zurück. Seine Miene verfinsterte sich sogleich wieder, als er weitersprach: »Weißt du, Danny, ich mache mir ernsthaft Sorgen. In zwei Tagen bist du raus aus dem ›Hague Hilton‹ aber statt den Fehler einzusehen und gebessert herauszukommen, beklagst du dein Schicksal und legst dir ein neues Laster zu. Hast du überhaupt eine Vorstellung, wie es draußen weitergehen soll?«

Gleich kommt die Leier vom guten Beispiel, das er sich am großen Bruder nehmen soll, verantwortungsvoller Posten, Staatspension und so weiter, dachte Danny. Seine Muskeln spannten sich. Er war bereit, beim ersten Ton aufzuspringen und das Gespräch für beendet zu erklären, so wie ungefähr bei jedem zweiten Besuch. Nichts dergleichen geschah. Jan sah ihm nur eine Weile tief in die Augen, dann fragte er leise:

»Brauchst du irgendetwas – außer Zigaretten?«

»Ein paar Scheine wären nicht schlecht.«

Das ›Hague Hilton‹ war zwar kein Hochsicherheitsknast mit borderline Personal, aber Geld konnte man auch hier ganz gut gebrauchen – und sein Bruder verdiente gut. Jan nickte stumm. Viel mehr hatten sie sich nicht zu sagen. Noch achtundvierzig Stunden, dann hätten auch diese Besuche endlich ein Ende.

Jan vergaß die Geldscheine nicht, wie er später beim Griff in die Tasche des Gefängnis-Overalls feststellte. Dumm nur, dass der smarte Timmy ihn beim Geldzählen erwischte.

»Na, Danny Boy, reicht es schon für eine Nutte?«

Er wich einen Schritt zurück. Man konnte nie wissen. Der smarte Timmy besaß leider auch Muskeln, die den seinen überlegen waren und übergroße Hände. Der könnte ihm locker die Eier zerquetschen. Das durfte nicht passieren, so kurz vor der Entlassung. Die Eier würde er noch brauchen, so viel stand fest.

»Was willst du?«, fragte er unsicher.

»Keine Sorge, ich interessiere mich nicht für deinen Zaster. Es sei denn, du willst etwas kaufen. Ich kann dir alles besorgen, auch Nutten.«

Er sagte es mit selbstsicherem Grinsen, wobei sich die Lippen kaum bewegten. Es war das erste Mal, dass Timmy ihn als potentiellen Kunden beachtete. Da gerade kein Wachpersonal zuhörte, fragte er aus reiner Neugier:

»Nutten – wie soll das gehen?«

Timmy zeigte die Zähne, so weiß, dass sie im Dunkeln leuchteten.

»Man hat seine Verbindungen.«

Im Klartext: Er schmierte die Wärter. Womit? Er musste nicht lange auf die Antwort warten. Wie durch ein Wunder erschien ein Briefchen mit schneeweißem Pulver zwischen Timmys Fingern und fand den Weg in seinen Overall.

»Gratismuster von Timmys Supermarkt«, flüsterte er, »unverschnitten, besser als Sex.«

»Wenn du es sagst, und was erwartest du jetzt von mir?«

»Gar nichts, betrachte es als Marketingaktion.«

Das war noch nicht alles. Danny sah es an seinen Augen. Prompt fragte Timmy nach kurzer Pause:

»Du kennst dich doch mit Computern aus?«

Er zuckte die Achseln, ratlos, worauf die Frage zielte.

»Klar doch, du bist der Computerfreak. Das weiß hier jeder.«

»Wieso fragst du dann?«

»Weil du mir ein kleines Problem lösen kannst.«

Daher wehte der Wind. Das Koks war also doch nicht umsonst. Dennoch atmete er auf. Seine Eier schienen für den Augenblick in Sicherheit zu sein.

»Was für ein Problem?«

Timmy wandte sich abrupt ab. Ein Wärter kam vorbei, und er grüßte ihn mit einem unverschämten Grinsen. Bevor er verschwand, sagte er, ohne sich nach ihm umzudrehen:

»Heute Abend im Gym.«

War es doch eine Finte? Zum Fitnessraum im ›Hague Hilton‹ gehörten eine Umkleide und Nasszellen mit jeder Menge dunklen Ecken.

Er lag auf der Hantelbank, als Timmy auf ihn zutrat. Im Vorbeigehen murmelte er zwischen den Zähnen:

»Komm nach, unauffällig.«

Danny folgte ihm zur Umkleide. In einem Nebenraum, für den sich normalerweise weder Personal noch Insassen interessierten, befand sich eine Liege für Notfälle. Er beobachtete, wie Timmy hineinging, und wollte folgen, als ihn zwei Typen in die Zange nahmen, denen die Anabolika aus den Ohren trieften.

»Hallo Danny Boy, bald wieder bei Mama und Papa?«, sagte der eine, der sprechen konnte.

»Lasst den Scheiß!«

Viel mehr als Worthülsen stand ihm nicht zur Verfügung, eingeklemmt in einen Schraubstock aus Muskeln und eisernen Fäusten. Der ungeschriebene Knast-Code verbot ihm, laut um Hilfe zu rufen. Damit würde er sich selbst zum offiziellen Abschaum erklären. Was das bedeuten konnte, hatte er an einem jungen Junkie demonstriert bekommen. Niemand wusste, ob der Knabe jemals wieder aufwachen würde.

»Danny Boy, du bist doch ein lieber Junge«, fuhr der Sprecher fort. »Dir macht es sicher nichts aus, uns ein paar Dinge zu besorgen, wenn du wieder draußen bist, nicht wahr? Uns besucht sonst keiner, weißt du.«

Da er nicht sofort antwortete, presste ihn der Schraubstock etwas stärker zusammen. Er bekam kaum Luft, und das Blut begann sich in seinen Armen zu stauen.

»Was soll das werden?«, fragte Timmys Stimme hinter seinem Rücken.

Die beiden Muskelprotze lösten sich vor seinen Augen in öligen Dampf auf. Keuchend holte er Luft und rieb sich die Glieder. Bevor er etwas sagen konnte, zog Timmy ihn in den Raum mit der Liege, wobei er bemerkte:

»Dich wird hier niemand mehr belästigen.«

Während er sich noch fragte, ob das auch für seinen Retter gälte, zog dieser ein Smartphone der neusten Generation unter der Liege hervor.

»Der verdammte Scrambler funktioniert nicht. Kannst du da was machen?«

Danny staunte über die Fachwörter, die Timmy kannte, obwohl er sonst keine technologische Leuchte war.

»Du willst einen Zerhacker installieren?«, fragte er, unsicher, ob er richtig verstanden hatte.

Timmy nickte. »Ich kann es mir nicht leisten, dass jedes Arschloch meine Gespräche mithört. Der Scrambler sollte eigentlich schon installiert sein, aber das Scheißding funktioniert nicht. Es ist verdammt wichtig. Der King nimmt nur verschlüsselte Anrufe entgegen. Ohne den Scrambler bin ich tot, verstehst du?«

Allzu viel verstand er im Augenblick nicht, aber er verschob die Fragen auf später und widmete sich der technischen Aufgabe. Sie stellte sich als trivial heraus. Timmys Smartphone war vollständig für verschlüsselte Anrufe vorbereitet. Einzig der Schalter in den Einstellungen stand auf off. Er stellte ihn auf on und gab Timmy das Handy.

»Das ist alles?«

»Versuch‘s.«

Der Zeitpunkt war günstig. Niemand beobachtete sie. Nach einem kurzen Telefongespräch ließ Timmy seine Zähne aufblitzen.

»Genial, Mann«, sagte er mit anerkennendem Nicken. Der King ist begeistert.«

»Der King ist tot.«

Es dauerte einige Sekunden, bis Timmy den Scherz verstand.

»Quatsch, nicht dieser King«, winkte er ab. »Unser King ist eine große Nummer draußen, verstehst du?«

Er wartete auf die Erklärung.

»Mensch, Danny, du musst noch viel lernen. Der King kontrolliert alles: Koks, Weiber, was du willst. Der hat immer Bedarf für Genies wie dich.«

Er erwartete, Timmy würde jeden Augenblick in Gelächter ausbrechen und ihn zum Teufel jagen, doch nichts dergleichen geschah. Der Typ meinte es ernst. Allmählich empfand er fast Sympathie für den smarten Timmy. Endlich einer, der seine Qualitäten zu schätzen wusste. Zum ersten Mal im Leben fühlte er sich seinem Bruder Jan durchaus ebenbürtig.

»Der King besorgt dir einen guten Job«, versicherte Timmy, als hätte er darum gebeten. »Er erwartet dich.« Er kramte einen Papierfetzen aus dem Mülleimer in der Umkleide und kritzelte eine Adresse darauf. »Melde dich da mit einem Gruß von mir, sobald du draußen bist.«

Konsterniert steckte er den Zettel ein. Es ging ihm alles zwei Zacken zu schnell, andererseits – Job hörte sich nach Knete an und nach Unabhängigkeit von Jan. Das war die gute Seite.

Am Tag der Entlassung stand Jans Auto vor dem Portal des ›Hague Hilton‹. Wie könnte es anders sein. Seit dem frühen Unfalltod der Eltern betrachtete sich sein Bruder als Mutter und Vater in einer Person. Er zögerte, überlegte sich, ob er überhaupt einsteigen wollte. Der Blick zurück auf die verhasste Fassade gab ihm den nötigen Schub. Bloß so schnell wie möglich weg von diesem Horror, egal wie.

»Ist doch ein gutes Gefühl, wieder frei zu sein«, sagte Jan zur Begrüßung.

Als wüsste der, was frei sein bedeutete nach dem Knast. Statt zu antworten, brummte er:

»Du kannst mich bei Geert absetzen.«

In Geerts Snackbar gab es wenigstens anständige Portionen fetter Pommes mit Mayo, nicht das wässrige Gemüse aus der Gefängnisküche, das angeblich so wahnsinnig gesund sein sollte. Jan ließ sich nicht beirren in seiner Mutterrolle.

»Ich fahre dich erst mal nach Hause, dann muss ich zurück an die Arbeit.«

»Lass dich nicht aufhalten.«

Er verspürte keine Lust zu reden. Jan ließ ihn in Ruhe, bis sie im Reihenhaus ankamen. Während Jan die Tür aufschloss, stellte er die Frage, die kommen musste:

»Wie geht es jetzt weiter?«

»Das wirst du schon sehen.«

»Hast du so etwas wie einen Job in Aussicht?«

»Vielleicht.«

»Gut, wenn ich dir irgendwie helfen kann …«

Jan der Gute, Jan der Großzügige, Jan der Unfehlbare, Jan, Jan – ihm hing das alles schon jetzt zum Hals heraus. Froh, ihn wegfahren zu hören, verließ auch er das Haus sogleich wieder. Sein Bromfiets stand betriebsbereit und aufgetankt im Schuppen, wo Jan das Werkzeug für den winzigen Garten aufbewahrte. Zu einem richtigen, schweren Motorrad hatte es nie gereicht, aber das würde sich bald ändern. Wenn er Timmy Bos glauben konnte, schwamm der King im Geld, und er würde sich nicht unter Wert verkaufen. Pommes oder King? Er entschied sich für beides, in dieser Reihenfolge.

Der volle Magen nach dem Besuch bei Geert verschaffte ihm die nötige Bodenhaftung, um dem allmächtigen King standfest gegenüberzutreten, glaubte er. Zweifel kamen auf, je näher die Gasse im Rotlichtviertel rückte, die Timmy ihm angegeben hatte. Er hielt bei einer der wenigen Bars an, die zu dieser frühen Stunde geöffnet hatten, bestellte ein Tonicwater und verschwand umgehend auf der Toilette. Zwei Linien aus Timmys Briefchen stellten die verlorene Selbstsicherheit wieder her und versetzten seiner Unternehmungslust den nötigen Schub. Mochte der King drei Meter groß sein und zwei Tonnen wiegen, ihn beeindruckte das nicht mehr.

Der Hauseingang an der Adresse auf Timmys Zettel enttäuschte in zweifacher Hinsicht. Es war der Eingang zu einem der vielen billigen Puffs und er war geschlossen, kein Wunder, kurz nach Mittag. Neben der Tür befand sich eine Klingel mit Gegensprechanlage. Er drückte sie so lange, bis eine schläfrige Frauenstimme ärgerlich antwortete:

»Steck deinen Finger sonst wohin. Wir haben geschlossen.«

»Timmy schickt mich zum King«, sagte er rasch, um keine Zeit zu verlieren.

Der Lautsprecher schwieg lange genug, dass er sich Sorgen machte, die Dame wäre nicht interessiert.

»Wer sind Sie, und was wollen Sie vom King?«, fragte endlich eine Männerstimme.

»Danny Willems. Timmy hat mich dem King empfohlen.«

»Augenblick.«

Wieder zog sich der Augenblick schmerzlich in die Länge, bis die Tür mit einem lauten Klick aufsprang. Ein altes Männlein stand im Flur und winkte ihn hastig herein.

»Kommen Sie.«

Die Männerstimme.

»Ist der King da?«, fragte er unsicher, als ihn das Männlein in die Bar führte, wo die Rammler sonst den Nutten flaschenweise Sekt aus purem Gold bezahlten, den sie dann in die Blumentöpfe kippten. Jetzt herrschte gähnende Leere. In der Luft hingen Reste süßen Parfüms und ein Hauch von Gras. Der Alte schien seine Frage nicht gehört zu haben.

»Die Damen werden gleich bereit sein«, sagte er. »Was möchten Sie trinken? Geht alles aufs Haus.«

Sein Kiefer klappte herunter. Er wusste zwar nicht, was er erwartet hatte, aber das sicher nicht.

»Was heißt das – was für Damen?«, stammelte er.

»Der King sagt, Sie sollen sich amüsieren. Es wird etwas dauern, bis er Sie empfangen kann.«

»Amüsie…«

Das Wort blieb ihm im Halse stecken, denn die beiden Sirenen, die ihn in die Mitte nahmen, entsprachen haargenau seinen schönsten Träumen im ›Hague Hilton‹. Dort hatte er zwar nie geträumt, aber wenn er hätte, dann nur von diesen beiden. Da war er sich hundertprozentig sicher, zweihundertprozentig. Er suchte vergeblich Blickkontakt zum Alten. Der hatte sich diskret zurückgezogen. Wie nach einem geheimen Drehbuch küsste ihn jede der Damen auf eine Wange, eine Hand auf seinem Po, die andere gefährlich nah am Schritt. Dann flüsterten sie ihm ins Ohr:

»Na Danny, Süßer, wollen wir ein wenig Spaß machen?«

Spaß haben, meinten sie wohl. Der Akzent hörte sich russisch an. Die beiden waren sicher zehn Jahre jünger als er, mit andern Worten: blutjung, fast noch Mädchen, schätzte er. Sie glichen sich wie Schwestern. Andererseits sahen für ihn alle hübschen jungen Russinnen gleich aus. Beide trugen gelbe Korsagen mit schwarzen Spitzen, Strapse und schwarze Netzstrümpfe. Die Füße steckten in hochhackigen Lackschuhen. An den Ohren klingelte billiger Schmuck. Sonst nichts. Die Höschen hatten sie in der Eile vergessen, was ihm endgültig die Sprache verschlug. Zarte Hände begannen sein im Knast etwas verkümmertes Glied zu massieren.

»Willst uns zugucken bei Lecken, Danny, Süßer?«, flüsterte eine.

Er hatte sich unversehens in einen heißen Porno geträumt, aber es war kein Traum. Solche Szenen konnten unmöglich in seinem Kopf entstehen. Dafür fehlte ihm schlicht die Fantasie. Die Hose löste sich vom Körper ohne sein Zutun. Das Glied verschwand vollständig im Mund eines Mädchens. Binnen Sekunden wuchs es zu staatlicher Grüße heran, was die junge Dame locker wegsteckte. Hatte die Schwertschluckerin gelernt? Der Gedanke streifte ihn nur kurz, denn ihre Kollegin hing jetzt bäuchlings am nächsten Tisch, Beine gespreizt, beide Eingänge weit offen. Er brauchte sich nur noch zu entscheiden. Die Schwertschluckerin nahm ihm die schwere Entscheidung ab, streifte mit dem akrobatischen Mund ein Kondom über und führte den harten Danny in den oberen Tunnel, während sie die Klitoris der Kollegin liebevoll streichelte. Diesen Porno hatte er noch nicht gesehen. Er musste ihn unbedingt aufnehmen. Es war sein letzter Gedanke, bevor sich das Gehirn ganz auf die Südhälfte des Körpers konzentrierte. Kaum eingefahren, entlud er, was nicht nur ihm ein Stöhnen entlockte. Sein Danny schrumpfte augenblicklich, obwohl es noch viel zu tun gab. Es musste am Koks liegen.

Die Schwertschluckerin brachte ihm ein Glas Sekt zur Stärkung. Die Wirkung verblüffte. Statt zu erfrischen und ihn zu neuen Taten anzuspornen, machte ihn das Getränk schnell schläfrig. Er musste sich auf den Boden setzen, wo er stand, kippte um und verlor das Bewusstsein.

Als er die Augen wieder aufschlug, wähnte er sich im Knast. Es war stockdunkel und es stank nach verschwitzten Turnschuhen. Irgendetwas stimmte nicht an dieser Erinnerung. Die Geräuschkulisse passte nicht zum Bild. Motorengeräusch, wenn auch gedämpft wie in einer gut isolierten Luxuslimousine, drang an sein Ohr. Er saß in einem fahrenden Auto. Es war der schwarze Sack über dem Kopf, der so entsetzlich stank. Fluchend versuchte er, ihn herunterzureißen, doch die Hände klebten hinter seinem Rücken zusammen. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Würde er sich doch nur erinnern, wie zum Teufel er hierhergekommen war. In seinem Kopf klaffte eine Lücke so schwarz wie der Sack.

»Nur noch fünf Minuten, Mijnheer«, sagte eine Männerstimme, »dann haben Sie es überstanden.«

Die Stimme klang sanft und unaufgeregt wie die eines netten Henkers. Panik ergriff ihn.

»Was überstanden?«, wollte er ausrufen.

Mehr als ein verzweifeltes Krächzen gelang ihm nicht. Da war sie wieder, die Stimme des Henkers:

»Keine Sorge, Mijnheer, wir sind gleich da.«

Der Gegensatz zwischen dem stinkenden Sack und der ausgesuchten Höflichkeit jagte ihm kalte Schauer über den Rücken. Ohnmächtig begann er zu strampeln und auszuschlagen, so gut es ging. Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. Sein Herzschlag setzte aus.

»Beruhigen Sie sich. Es ist gleich vorbei«, sagte eine andere sanfte Stimme neben ihm.

Er erstarrte, wagte kaum zu atmen. Ausdrücke wie »überstanden« oder »bald vorbei« eigneten sich keineswegs, um ihn zu beruhigen. Da konnten die Wörter noch sanfter daherkommen. Die Fahrt verlangsamte sich. Der Wagen kam zum Stillstand. Wieder wollte sein Herz aussetzen. Knast hin oder her, auf solche Übungen war er nicht vorbereitet. Während er sich fieberhaft fragte, was er falsch gemacht hatte, ging die Tür neben ihm auf, und der Henker bat ihn höflich, auszusteigen. Jemand schnitt den Kabelbinder an seinen Händen durch und zog vorsichtig den Sack vom Kopf.

»Wir sind da. Der King erwartet Sie im Garten«, sagte der Henker in der Uniform eines Chauffeurs mit Mütze und weißen Handschuhen wie in alten amerikanischen Filmen.

Dabei deutete er eine leichte Verbeugung an, als wollte er sich für sein Wohlverhalten bedanken. Der Herr mit der unglücklichen Wortwahl, der neben ihm gesessen hatte, begleitete ihn stumm zu einem weitläufigen, flachen Gebäude, das an eine texanische Ranch aus dem Fernsehen erinnerte. Der Gedanke, abzuhauen, streifte ihn flüchtig, doch angesichts der langen Beine und der Pistole seines Begleiters ließ er es bleiben. Der Mann führte ihn auf kürzestem Weg durchs Haus und wieder ins Freie. Er traute seinen Augen nicht. Was der Chauffeur als Garten bezeichnet hatte, erwies sich als ausgedehnter Park mit üppig blühenden exotischen Blumen, die er noch nicht einmal auf Fotos gesehen hatte. Verschiedene Abteilungen mit unterschiedlicher Bepflanzung gruppierten sich um einen Pool vom Ausmaß eines kleinen Sees. Oder war es ein See? Befand er sich überhaupt noch in den Niederlanden?

Außer zwei Gärtnern war weit und breit niemand zu sehen, bis ein Kopf am Beckenrand auftauchte. Eine junge Dame, Japanerin allem Anschein nach, materialisierte sich neben dem unscheinbaren Mann mittleren Alters, der aus dem Wasser stieg. Kichernd rieb sie ihn mit einem Frotteetuch trocken, dann verschwand sie so plötzlich, wie sie erschienen war. Sein Begleiter hatte sich auch in Luft aufgelöst. Er war allein mit dem King.

Der gefürchtete Herr über Drogen und Weiber glich einem Uhrmacher, den er als kleiner Junge kennengelernt hatte. Nichts deutete darauf hin, dass er einem mächtigen Boss der Unterwelt gegenüberstand. Nichts außer dem Gesichtsausdruck, der so emotionslos und unterkühlt wirkte, als trüge er eine Maske. Der King deutete auf einen Liegestuhl.

»Setz dich, Danny – ich darf dich doch Danny nennen?«

Er stammelte etwas Unverständliches, das mit Mijnheer endete, und gehorchte.

»Vergiss den Mijnheer. King genügt. So nennen mich alle meine Freunde.«

Er nahm einen der zwei Drinks von Clubtisch zwischen den Liegestühlen.

»Den solltest du probieren, aus eigenen Passionsfrüchten, schmeckt köstlich.«

Wieder gehorchte Danny und sog ein wenig süßen Saft aus dem Strohhalm, während ihn der King mit seinen Blicken röntgte.

»Du bist doch mein Freund, Danny?«, fragte er unvermittelt.

Die unerklärliche Spannung zwischen ihnen schnürte ihm die Kehle zu. Mehr als ein stummes Nicken lag nicht drin. Der King nahm es befriedigt zur Kenntnis.

»Ich möchte mich für die Unannehmlichkeit auf der Fahrt entschuldigen. Es war leider notwendig. Nur eine Handvoll Leute kennt den Weg hierher, und je weniger du über mich weißt, desto besser für beide.«

Der Groschen fiel eine Sekunde später.

»Heißt das, die gleiche Prozedur auf der Rückfahrt?«, platzte es aus ihm heraus.

Sein schmerzverzerrtes Gesicht reizte den King zum Lachen.

»Ich fürchte, das lässt sich nicht vermeiden, Danny. Die Kabelbinder lassen wir diesmal weg, da du jetzt weißt, worum es geht und sicher keine Dummheiten machst.«

»Aber …«

Seine Stimme versagte. Man widersprach einem König nicht, in den Niederlanden schon gar nicht.

»Was willst du mir sagen?«

»Der Sack – er stinkt nach Knast.«

Diesmal brach der King in lautes Gelächter aus, ohne das Gesicht zu verziehen.

»Knast – herrlich«, sprudelte es aus ihm heraus. »Das verstehe ich natürlich, dass dir davor graust. Meine Leute werden sicher eine passende Augenbinde finden.«

Dannys Verunsicherung wuchs mit jedem Zug am Strohhalm. Was wollte der King von ihm? Er war ein ganz kleiner Fisch, da machte er sich keine Illusionen. Sein Bruder Jan hatte ihm oft genug zu verstehen gegeben, was für ein kleines Licht er war, wenn auch ohne Absicht. Nun gehörte er plötzlich zum exklusiven Freundeskreis des Kings. Warum zum Teufel? Die Bombe musste jeden Augenblick platzen, fürchtete er. Der King aber spielte weiterhin den großzügigen Gastgeber.

»Wie war dein Besuch bei Natalia und Ivana?«, fragte er mit verträumtem Blick, das Gesicht immer noch frei von jeder Regung. Er wartete nicht auf die Antwort, sprach sogleich weiter: »Es sind die Besten. Ich sollte sie auf die Ranch holen.«

Die Erinnerungsfetzen in Dannys Hirn fügten sich beim besten Willen nicht zu einem vernünftigen Bild zusammen. Er spürte, wie ihm der kalte Schweiß auf die Stirn trat, als er dem King ins Gesicht log:

»Spitze, die beiden sind unschlagbar zusammen.«

»Du sagst es Danny, du sagst es.«

Die Lunte brannte. Er spürte es in den Nieren. Tatsächlich beendete der King den Small Talk mit der Ankündigung:

»Du könntest klasse Weiber wie die beiden öfter haben, Danny. Cracks, die sich mit Computern auskennen, kann ich gut gebrauchen.«

»Ich weiß nicht …«

»Sei nicht so bescheiden. Der gute Timmy hat dich genau beobachtet – Zeit genug hatte er ja im ›Hague Hilton‹.«

Die Lunte brannte intensiver. Funken sprühten. Wie lang noch, bis die Bombe platzte? Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu warten.

»Ich bin sogar überzeugt, dass niemand sonst diesen Auftrag erledigen kann, nur du, Danny Willems.«

»Was für ein Auftrag?«, fragte er mit erstickter Stimme.

Der King deutete eine beschwichtigende Handbewegung an.

»Es ist im Grunde ganz einfach, ein Klacks für einen wie dich. Jeder, der sich einigermaßen mit Computern auskennt, könnte es tun, aber …« Er legte eine Pause ein, um dem Folgenden mehr Gewicht zu verleihen, bevor er fortfuhr: »Nur du bist der Bruder von Jan Willems.«

Der Schock verschlug ihm die Sprache. Er hatte mit allem Möglichen gerechnet aber nicht damit. Er musste den King falsch verstanden haben. Doch nicht Jan! Der lebte auf einem ganz andern Planeten als der King.

»Was – hat – Jan damit zu tun?«, stammelte er schließlich.

»Gar nichts, das ist es ja. Dein Bruder wird uns einen kleinen Gefallen erweisen, von dem er nichts ahnt.«

Er gab es auf, den King verstehen zu wollen, und sah schweigend zu, wie sein seltsamer Gastgeber einen Zettel entfaltete, der im Bademantel gesteckt hatte.

»Lies!«, befahl er ohne weitere Erklärung und reichte ihm den Zettel.

Es war eine Art Gebrauchsanweisung, abgefasst in englischer Sprache. Obwohl sie nur ein paar Zeilen umfasste, musste er sie zweimal lesen, dann schüttelte er den Kopf und sagte:

»Das geht nicht. So etwas könnte nur Jan selbst tun.«

Der King hatte wohl mit einer solchen Reaktion gerechnet. Das erste Mal deutete sein Mund ein verständnisvolles Lächeln an, als er antwortete:

»Genau das dachten wir zuerst auch, aber dann hat uns der Himmel dich geschickt, Danny. Du wohnst bei Jan in derselben Wohnung. Wo ist also das Problem?«

»Er ist mein Bruder.«

»Ach die Familie – nicht diese Leier, Danny. Ich weiß, wie du zu Jan stehst und er zu dir. Im Übrigen wird er gar nichts bemerken, wenn die Sache glatt über die Bühne geht. Du wirst den King doch jetzt nicht enttäuschen, Danny.«

Seltsamerweise ärgerte er sich in diesem Moment über Jan statt über das wahnwitzige Ansinnen des Kings. Der Verdacht, ein Tipp von Jan hätte ihn in den Knast gebracht, kroch wieder hoch. Zuzutrauen wäre es ihm. In Jans Moralvorstellung galt ein Jahr Knast wohl als reinigendes Gewitter. Ein leiser Fluch entfuhr ihm. Unschlüssig blickte er vom Zettel zum King und wieder auf den Zettel.

»Zehn Riesen und die Mädchen«, bemerkte sein Gastgeber beiläufig und fügte an: »wenn die Sache erledigt ist.«

Auf einen Schlag sausten die schönsten Dinge durch seinen Kopf, angeführt von der Honda CB 750, dem Traum aller Biker. Zehn Riesen! Sein Entschluss stand fest, bevor er sich dessen bewusst wurde. Im Grunde war es leicht verdientes Geld.

»Bis wann?«, fragte er.

Jetzt gelang dem King ein richtiges Lächeln.

»Das ist mein Danny. Ich wusste, auf dich ist Verlass.«

Er schnippte mit zwei Fingern. Wie durch ein Wunder erschien die fröhliche Japanerin. Sie reichte ihrem Herrn ein Tablett mit einer tiefen Verbeugung. Darauf befanden sich ein flaches Paket und ein Fünfhunderteuroschein, in den ein Briefchen eingewickelt war, wie er es von Timmy bekommen hatte. Der King gab ihm beides.

»Da drin findest du das Material, und nimm das als Anzahlung. Du musst dich beeilen. In spätestens achtundvierzig Stunden muss der Auftrag ausgeführt sein. Schaffst du das?«

»Klar«, sagte er, Augen auf dem großen Schein.

Wiesbaden

Uwe Wolf schreckte hoch. Hatte der Alarm seines Überwachungsprogramms angeschlagen? Hastig richtete er sich im Sessel am Pult auf, wo er die halbe Nacht geschlafen hatte. Der mittlere Monitor zeigte den Bildschirmschoner. Seine Finger flogen über die Tastatur. Die psychedelischen Schlieren des Screensavers lösten sich auf und machten der gewohnten Oberfläche Platz, deren Ordnung nur sein gesundes Gehirn verstand. Die Kolleginnen und Kollegen schienen in dieser Beziehung samt und sonders über Lücken in der Logik zu verfügen. Das Hauptfenster des Schnüfflers war zwar immer noch online und zeigte rege Netzwerk-Aktivität an aber keine Spur eines Hits, der den Alarm hätte auslösen können. Kopfschüttelnd wollte er sich ein Wasser aus dem Kühlschrank holen, da klingelte es wieder. Das Geräusch stammte vom Schreibtisch gegenüber. Die neue Kollegin, oder wer immer sie war, rührte in der Teetasse aus Meißner Porzellan.

»Kannst du nicht aufpassen?«, herrschte er sie an. »Du veranstaltest hier ein Glockenspiel, während ich zu arbeiten versuche!«

Sie stockte mitten in der Bewegung, dann zog sie den Löffel ganz vorsichtig heraus und legte ihn weit weg von der Tasse auf den Schreibtisch. Sie sagte kein Wort. Gut so, die Störung war beseitigt, jedenfalls für einige Stunden, nahm er an. Als er mit einem Wasser ans Pult zurückkehrte, sah er sie an einem andern Platz aufgeregt mit dem schönen Peter diskutieren, der schon ebenso lang wie er in der IT des BKA arbeitete, obwohl er nicht das hellste Licht war. Das hinderte ihn nicht daran, jedem Rock den Hof zu machen, und die Frauen ließen es sich gefallen. Alles viel zu kompliziert und unnötig. Er verstand diese Menschen nicht.

Die Eindringlinge waren clever. Sie hatten sich elegant Zugang zum Datenbank Cluster in Den Haag verschafft. Social Engineering nannten die Laien den Trick, um an Benutzerkennungen und Passwörter zu gelangen. Social Espionage war der korrekte Ausdruck, denn die Hacker hatten nicht Mitarbeiter des Rechenzentrums ausgehorcht, um sich Zugang zu verschaffen, sondern im Müll gegraben, bildlich gesprochen, bis sie auf den sträflich vergessenen Account des Ex-Technikers gestoßen waren. Was hatten Sie sonst noch gefunden? Wichtiger noch: In welchen Mülleimern hatten sie gestöbert? Er nahm nicht an, die Hacker wären physisch durchs Rechenzentrum oder die Büros von Europol spaziert, um Klebezettel an den Bildschirmen und Notizen von Passwörtern in den Schubladen zu sammeln. Diese Methode galt zwar als höchst effizient und funktionierte erwiesenermaßen in jedem Unternehmen, aber das Risiko, in den Gebäuden von Europol erwischt zu werden, wo jeder Winkel während vierundzwanzig Stunden am Tag von Kameras überwacht wird, schätzte er als zu hoch ein.

Nein, die Hacker hatten die Daten des Ex-Technikers wohl ganz einfach im Internet gefunden. Moderne Firewalls schützten zwar das Informationssystem, aber falls der Techniker auch nur einmal unter seinem Account übers Netz gechattet oder eine Mail verschickt hatte, war es für professionelle Hacker ziemlich leicht, an seine Daten zu gelangen. Chat- und Mail-Programme, Webbrowser sowieso, übermittelten Passwörter oft unverschlüsselt. Das war die wahrscheinlichste Theorie. Er müsste sie nur noch durch eigene Suche im Netz verifizieren, doch das sparte er sich. Er würde zu viel Zeit verlieren. Möglicherweise suchten die Kollegen in Den Haag ohnehin schon im Netz nach Sicherheitslücken.

O. K., die Hacker hatten also kurzzeitig einen fremden Account benutzt. Der war sofort nach Entdeckung gesperrt worden. Welchen Schaden konnten sie in der Zwischenzeit angerichtet haben? Er traute den Aussagen der Kollegen im Rechenzentrum nicht. Die hatten die Logfiles des Systems ausgewertet und so gut wie nichts gefunden, als hätten sich die Angreifer tatsächlich nur für ein paar Konfigurationsdaten des Clusters interessiert. Nichts zu finden in den Logs konnte auch etwas ganz anderes bedeuten. Der gehackte Account verfügte über temporären ›root‹ Zugang. Mit dem einfachen Befehl ›sudo‹ verwandelte sich der angemeldete Benutzer in einen Superuser mit Privilegien, die praktisch alle Eingriffe ins System erlaubten. Schweißperlen traten auf seine Stirn, während er sich tausend Minenfelder ausmalte, welche die Eindringlinge binnen Sekunden hätten anlegen können. Für Profis war es zudem möglich, die Systemlogs so zu manipulieren, dass alle Spuren verwischt wurden.

Die Falle, die er den Hackern gestellt hatte, war so gut wie nutzlos. Er hielt die Angreifer für Professionelle, die wussten, was sie taten. Solche Typen dachten wie er. Wie würde er einen Angriff planen? Er hatte nicht nachgedacht. Die Falle war ein kindischer Schnellschuss gewesen. Aus Ärger trank er fast die ganze Flasche Sprudelwasser, verschluckte sich und hustete, bis alle Augen im Großraumbüro auf ihm ruhten. Er tat, als wären sie nicht vorhanden, was ihm nicht schwerfiel. Vielleicht hatte er doch nicht alles falsch gemacht.

Fieberhaft begann er, die vielen Hundert Megabytes an Klartext und verschlüsselten Daten, die sein Schnüffler während der Nacht gesammelt hatte, mit neuen Filtern zu analysieren. Er vergaß alles um sich herum, reagierte weder auf Fragen der Kollegen noch auf Telefonanrufe, was außer der Neuen niemanden befremden würde. Nach einer knappen Stunde gab es Gewissheit: Er war nicht der einzige Sniffer im System. Ohne die Augen vom Bildschirm zu nehmen, griff er zum Telefon. Sein Handy klingelte im selben Moment, als er anrufen wollte. Ärgerlich sah er aufs Display. Die Nummer kannte er. Er vergaß keine Telefonnummern. Der Zopf rief an.

»Was wollen Sie?«, fragte er unwirsch.

Der ruppige Ton überraschte die Hauptkommissarin aus Berlin nicht. Sie kam ohne Umschweife zur Sache:

»Mir ist noch etwas eingefallen, was vielleicht bei der Suche nach den Hackern helfen könnte. Ist es möglich, dass sich die Typen besonders für eine Datenbank namens PD-27 interessieren? Und noch eine Frage: Kann es sein, dass es sich um professionelle russische Hacker handelt?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Lange Geschichte. Falls etwas dran ist, werde ich Sie über die Hintergründe informieren. Rufen Sie mich bitte auf dieser Nummer zurück, sobald Sie was haben.«

Damit legte sie auf.

Na bitte – warum konnten nicht alle Menschen so unkompliziert sein? Die seltsamen Fragen der Kommissarin bewogen ihn, mit dem Anruf nach Den Haag zuzuwarten. Er passte die Filter an und startete eine neue Analyse der gesammelten Daten. Zeile um Zeile erschienen die Ergebnisse auf dem Bildschirm, erst in großen Abständen, dann immer schneller.

Die Analyse stoppte. Die tabellarische Zusammenfassung am Schluss war so aufschlussreich, dass sein Gehirn einen Überschuss an Dopamin erzeugte. Nur so konnte er sich erklären, weshalb er plötzlich zur Neuen hinüber blinzelte und sagte:

»War nicht so gemeint.«

Dann hatte er sich sofort wieder unter Kontrolle. Höchste Zeit für den Anruf nach Den Haag. Wie es schien, waren die Kollegen im Rechenzentrum ziemlich beschäftigt. Es dauerte satte zehn Minuten, bis er den richtigen Mann in der Leitung hatte. Er sparte sich überflüssige Floskeln und sagte auf Englisch:

»Ich habe bis jetzt sieben ›NICs‹ im ›promiscuous mode‹ entdeckt.«

Er hörte mehrere Stimmen fluchen. Offenbar hatten sie ihn auf Lautsprecher geschaltet.

»Seven?«, rief der Kollege erschrocken. »Wir wissen, dass ein Netzwerk Interface Controller offen ist – also im ›promiscuous mode‹ arbeitet.«

Er gab die Adresse des betroffenen ›NIC‹ bekannt.

»Der ist auch auf meiner Liste«, bestätigte Uwe. »Aber wie gesagt, es sind noch eine Reihe anderer ›NICs‹ betroffen. Ich schicke euch die Liste.«

Die Hacker wollten auf Nummer sicher gehen und hatten bereits mehrere Netzwerk-Computer so umprogrammiert, dass sie nicht nur die an sie adressierten Daten verarbeiteten und weiterleiteten, sondern alles, was durch die Drähte floss: Sniffer. Damit konnten die Eindringlinge alles abhören, was über das weitverzweigte Netz von Europol ausgetauscht wurde.

»Die Typen interessieren sich offenbar für das IS, besonders PD-27«, fuhr er weiter. »Ich konnte ihre Spur bis auf einen Proxyserver in der Ukraine verfolgen. Dort ist leider Schluss, da das Netz zu früh heruntergefahren worden ist.«

Diese Spitze musste sein. Schließlich war es nichts als die Wahrheit. Wer auch immer das Kappen aller Verbindungen veranlasst hatte, war dafür verantwortlich, dass der Angriff nun nicht weiter zurückverfolgt werden konnte. Er musste es den Kollegen im Rechenzentrum überlassen, alle Komponenten des Clusters und des Netzwerks gründlich zu prüfen. Mehr konnte er im Augenblick nicht tun.

Die Glückshormone bauten sich schnell wieder ab. Er verfiel in nachdenkliches Schweigen, ein Phänomen, das seine Kollegen völlig unzutreffend schon mal als Totenstarre bezeichneten. Sein Hirn arbeitete umso intensiver. Er ließ alle Beobachtungen der letzten Stunden noch einmal wie einen Film vor seinem geistigen Auge ablaufen. Dazu brauchte er keinen Computer. Seine Neuronen und Synapsen zeichneten alles präzise auf, jederzeit abrufbar. War ihm etwas aufgefallen, das er als unwichtig verdrängt hatte? Die gesammelten Daten enthielten eine Menge E-Mail-Adressen, die das Analyseprogramm zuverlässig in unverdächtige, unbekannte und Krüppel einteilte. Krüppel waren Adressen mit auffälligen Namen oder Server-Bezeichnungen, Adressen, die oft unvollständig, verkrüppelt anmuteten. Wie zum Beispiel ›cu@salamis‹. Die seltsame Zeichenkette tauchte regelmäßig in den Daten auf, die über die gehackten ›NICs‹ geroutet worden waren. Zufall? Jahrelange Erfahrung machte ihn misstrauisch.

Er verharrte im Zustand vollkommener Bewegungslosigkeit, bis der schöne Peter sich mit einem fröhlichen Ausruf von der Neuen verabschiedete:

»See you!«

Er fand sich besonders unwiderstehlich, wenn er englische oder besser: amerikanische Brocken in seiner Konversation fallen ließ, widerlich. Peter war noch nicht an der Tür, als Uwe schlagartig aus der Starre erwachte.

»Ich Vollidiot!«, rief er laut.

Die Neue ließ vor Schreck die Teetasse fallen, was ihn jetzt nicht weiter störte. Warum hatte er nicht sofort geschaltet? Es war so offensichtlich: ›cu@salamis‹ war keine E-Mail-Adresse. Es handelte sich um eine versteckte und doch offensichtliche Botschaft. ›cu‹ stand für die amerikanische Unsitte, Wörter durch einzelne Buchstaben oder Ziffern zu ersetzen, die ähnlich oder gleich klangen, wie etwa 4, englisch four, für die Präposition for. Oder eben ›cu‹ für Englisch »See you« – »Wir sehen uns«.

›cu@salamis‹ bedeutete also »See you at Salamis«. Obwohl er keine Ahnung hatte, was Salamis bedeutete, empfand er die Botschaft als klare Drohung, eine hämische Drohung der Hacker, nichts weniger. Nach kurzer Internetsuche gab er den Versuch auf, die Botschaft auf diesem Weg verstehen zu wollen. Vielleicht war Salamis ein Code bei Europol, der nicht bis in die Niederungen der IT in Wiesbaden durchgesickert war. Er nahm das Handy und benutzte die Rückruffunktion, um den Zopf in Berlin anzurufen.

»Salamis?«, fragte die Kommissarin erstaunt, nachdem er den Zusammenhang erklärt hatte. »Sagt mir im Moment nichts. Geben Sie mir ein paar Minuten. Ich rufe zurück.«

Die paar Minuten entpuppten sich als eine geschlagene halbe Stunde. Ihre Stimme klang, als staunte sie selbst über ihre Antwort.

»Es gibt keinen solchen Geheimcode, soweit wir überblicken können«, begann sie. »Salamis ist eine Insel in der Ägäis nahe Athen, aber das wissen Sie sicher schon. Unsere Spezialisten glauben jedoch nicht, dass die Insel selbst gemeint ist. Falls der Text tatsächlich eine Botschaft darstellt, könnte er im Sinne einer Metapher auf die Seeschlacht bei Salamis hindeuten.«

»Eine Seeschlacht als Metapher – ich verstehe nicht.«

»Da sind Sie nicht allein, Uwe«, lachte sie. »Ich erkläre es so, wie ich es verstehe. 480 vor Christus hatten die Perser unter Xerxes bereits Athen erobert und die Griechen bei den Thermopylen geschlagen. Sie waren auf dem besten Weg, ganz Griechenland zu unterwerfen und damit eine Basis für die Ausdehnung des Reichs nach Europa zu etablieren. An diese groben Züge der Geschichte kann ich mich aus der Zeit am Gymnasium erinnern, ungern zwar, aber immerhin.«

480 vor Christus – er fragte sich, wo die Lektion hinführen würde.

»Die Perser schickten eine riesige Kriegsflotte durch die Ägäis nach Griechenland«, dozierte sie weiter. »Es sah schlecht aus für die Griechen, aber mit einer List gelang es ihnen, die schwerfälligen, großen Kriegsschiffe der Perser in die Meerenge bei Salamis zu locken, wo sie ihre Überlegenheit nicht ausspielen konnten. Viele persische Schiffe wurden von den wendigen, kleinen, griechischen Booten versenkt. Die Perser zogen sich vernichtend geschlagen aus Europa zurück.«

»Zum Glück«, murmelte er.

In seinem Kopf jagten sich die Gedanken. Binnen Sekunden erdachte er IT-Szenarien, die sich irgendwie mit der Schlacht bei Salamis vergleichen ließen, und verwarf sie wieder. Der Zopf störte die Gedankengänge nicht und wartete schweigend auf seine Reaktion. Die alte Geschichte ergab einfach keinen Sinn. Die Angreifer wurden vernichtend geschlagen. Das war vielleicht gut für das Abendland, aber weshalb sollten die Eindringlinge ihre eigene Niederlage ankündigen?

»Die Griechen sind die Hacker!«, platzten beide fast gleichzeitig heraus.

»So wird ein Schuh draus«, sagte Chris, die Kommissarin. »Ich habe die ganze Zeit falsch herum gedacht.«

Genau wie er selbst, dachte Uwe. Der Fehler war verständlich und doch kindisch. Er hatte automatisch angenommen, die Hacker müssten sich als Angreifer sehen wie die Perser in der Geschichte. Schließlich griffen sie Europol an, nicht umgekehrt.

»Falls etwas dran ist an dieser Salamis Metapher, müssen wir umdenken«, bekräftigte Chris.

»Einverstanden«, murmelte er, auf ihre Erklärung wartend.

»Gehen wir davon aus, dass sich die Hacker als die Griechen der Geschichte sehen. Sie verteidigen sich also gegen die an sich überlegene Kriegsmacht von Europol. Sie, oder wie ich vermute, ihre Auftraggeber, fühlen sich massiv bedroht und müssen sich verteidigen. Bedroht wovon?«

Diese Frage war aufgrund der spärlichen Fakten nicht zu beantworten, also schwieg er.

»Wenn wir wüssten, wovon sie sich bedroht fühlen, könnten wir uns besser schützen, nicht wahr?«

»Durchaus möglich«, räumte er ein. »Vielleicht sind aber die bisherigen Aktionen der Hacker nur eine List, um uns in eine Falle zu locken, wie bei Salamis.«

Er konnte sich nicht vorstellen, in welche Falle die Kollegen in Den Haag tappen würden. Nur eines wusste er: Sie steuerten mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Katastrophe zu.

Den Haag, Niederlande

Die Untätigkeit war unerträglich. Danny Willems hielt es nicht mehr aus auf dem Sofa vor der Glotze, in der ›Studio Sport‹ lief mit einem neuen Fifa-Skandal, der ihn noch weniger interessierte als die nackten Weiber auf andern Kanälen. Er eilte in die Küche, riss die Kühlschranktür auf, griff sich ein Grolsch, zögerte und legte es mit einem Seufzer zurück. Heute Nacht war Alkohol tabu. Was er brauchte, wäre das Briefchen mit dem weißen Pulver, aber das war leer. Wo zum Teufel blieb Jan? Er hatte schon einen Tag verloren, weil sein Bruder neuerdings vierundzwanzig Stunden am Tag im Rechenzentrum verbrachte. Die schienen seit einigen Tagen im Krisenmodus zu operieren, mit Jan als Leiter des Betriebs an vorderster Front. Es könnte ihn den Kopf kosten. In dieser Beziehung verstand der King keinen Spaß. Das wusste er, ohne ihn zu kennen. Irgendwann musste doch auch Superman Jan pennen und die Klamotten wechseln! Das Warten zermürbte, dabei brauchte er diese Nacht alle Sinne im Overdrive. Es war seine letzte Chance. Er würde sie nutzen – ohne Rücksicht auf Verluste.

Hundertmal war er versucht gewesen, Jan unter einem Vorwand aus dem verfluchten Rechenzentrum zu locken. Die Gründe, die ihm einfielen, muteten mit jedem Mal absurder an. Jan überlisten, das konnte er sich abschminken. Dazu brauchte es andere Kaliber als den kleinen Danny, musste er sich eingestehen. Andererseits hätte es schnell ein Ende mit dem kleinen Danny, wenn er diesen Auftrag zur Zufriedenheit des Kings erledigte – sonst auch. Ging es dem King gut, ging es ihm gut. Das war die einfache neue Weltformel. Ik krijg de pest!, dachte er mit einem tiefen Seufzer, als ihn die Vorstellung streifte, was Natalia und Ivana alles mit ihm anstellen würden.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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531 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783967526974
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