Читать книгу: «Solange ich schreibe, lebe ich!»

Die Autorin

Hanan Al Obaidat, geboren 1974 in Bahrain, ist Lehrerin im Saarland für die Fächer Englisch und Evangelische Religion.
Hanan Al Obaidat
Für meine Mutter Brigitte und meinen Onkel Chris Ich danke herzlichst Holger Fritz, Anita Hassey, Uwe Henrichs, Christel Modrow, Andreas und Dorothee Schiffer sowie Werner und Andrea Heigermoser, die mich beim Schreiben ermutigend und helfend begleitet haben.
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Umschlagabbildung: Al Obaidat
1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-041014-5
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-041015-2
epub: ISBN 978-3-17-041016-9
Zusatzmaterial online:
https://dl.kohlhammer.de/978-3-17-041014-5
Inhalt
1 Prolog
2 I. Die Liebe
3 Zugeständnisse
4 Sehnsucht
5 Heiratspläne
6 Die Rolle von Mann und Frau
7 Über die Moral
8 II. Der Krieg im Osten
9 Station 1: Porchow, Russland (17.12.1941–11.12.1943)
10 Station 2: Rückzug nach Rossitten, Lettland (12.12.1943–13.2.1944)
11 Station 3: An der Hauptkampflinie Nordwest von Cholm (14.2.–17.8.1944)
12 Station 4: Versetzung zur Infanterie und Rückzug nach Riga (18.8.–8.10.1944)
13 Station 5: Auf der Insel Oesel (9.10.–27.11.1944)
14 Station 6: Im Kurlandkessel (9.12.1944–7.5.1945)
15 Station 7: Kapitulation und Gefangenschaft (8.5.1945–28.8.1946)
16 III. Mönch – Soldat – Familienvater
17 Der Mönch
18 Der Soldat
19 Der Familienvater
20 Abschließende Gedanken
21 Anhang
22 Glossar
23 Alfons’ Lebenslauf
24 Liste der Filme, die Alfons gesehen hat
25 Karten
26 Abbildungsnachweis
Prolog
Es war im Herbst 1998 und ich war gerade dabei, das Haus meiner unlängst verstorbenen Großmutter, Wilhelmine Stopp, in St. Ingbert zu entrümpeln, als mir ein alter Koffer in die Hände fiel. Da er sich in einem tadellosen Zustand befand, stellte ich ihn kurzerhand auf die Straße, auf dass er einen neuen Besitzer finden möchte. Am folgenden Tag – ich war wieder im Keller bei der Arbeit – klingelte ein Mann an der Tür. Er hielt den alten Koffer in der Hand und erklärte, in dem Koffer befänden sich viele Briefe. Möglicherweise seien diese aus Versehen im Koffer verblieben und sollten nicht weggeworfen werden. Beim näheren Hinsehen entpuppte sich der Inhalt als ein wahrer Schatz: die Korrespondenz meines Großvaters mit meiner Großmutter während des zweiten Weltkrieges. Und so nahm der Mann den alten Koffer wieder mit und überließ mir die Briefe. In den folgenden Wochen vermochte ich 630 Briefe zu identifizieren und brachte sie in eine chronologische Reihenfolge.1
Die Briefe datieren in die Zeit von Dezember 1941 bis März 1945. Mein Großvater, Alfons Stopp, war Soldat in Russland und schrieb regelmäßig Briefe an seine Frau Wilhelmine, kurz Helmi. Seine Briefe sind erhalten, nicht jedoch die Antwortschreiben meiner Großmutter. Offenbar waren diese Briefe Helmi so wichtig, dass sie sie aufbewahrt hatte, freilich jedoch ohne dies jemals zu erwähnen. In einer Schublade einer ihrer Schränke fand ich noch weitere Briefe, die ihr wohl besonders am Herzen gelegen hatten. Dunkel erinnere ich mich, dass sie zu konkreten Anlässen, wie z. B. Alfons’ Todestag oder zu seinem Geburtstag, diese Briefe aus der Schublade herausnahm, aufmerksam las und wieder still zurücklegte. Wenn ich aber meine Großmutter darauf ansprach, erhielt ich stets nur kurze, ausweichende Antworten: »Die sind von meinem Mann … Er ist früh gestorben … Er hat mich sehr geliebt.« Immerhin erzählte sie mir, dass mein Großvater »verrückt auf Kinder war« und sehr viele haben wollte. Sie waren in diesem Punkt nicht (immer) einer Meinung. Zudem erfuhr ich, dass er ein ungemein intelligenter Mensch gewesen sei. Das war alles und mehr hatte sie mir nicht preisgegeben.
Meine Großmutter war eine zurückhaltende und schweigsame Frau. Sie gab vielfach knappe, manchmal sogar verletzende Antworten. Emotionale Nähe ertrug sie nur bedingt und reagierte darauf meist abweisend. Und dennoch war sie eine fürsorgliche Mutter und Großmutter. Erst nach der Lektüre der Briefe habe ich begriffen, dass sie emotional zerbrochen und durch die einschneidenden Ereignisse während und nach dem Zweiten Weltkrieg überfordert, ja traumatisiert war. Ich habe einen tiefen Schmerz erkannt, der von Erlebnissen herrührte, die sie nie überwunden hatte. Nach dem frühen Tod meines Großvaters litt sie offenbar an Depressionen, beging zwei Selbstmordversuche. Sie wirkte oft lethargisch und erschöpft. Ihre Tätigkeiten beschränkten sich in dieser Zeit auf Fernsehen, Lesen und Stricken. Nachdem auch sie verstorben war, habe ich meine Oma Helmi genau so in Erinnerung behalten, sie gewissermaßen auf dieses Bild reduziert.
Als mir die Briefe durch so glückliche Umstände in die Hände fielen, begann ich jedoch zu recherchieren und habe so gelernt, dass viele Menschen über ihre traumatischen Erlebnisse im Zuge eines Krieges schweigen. Genauso beschreibt etwa eine Frau aus St. Ingbert im Saarland, Ruth Schier, in ihrem Kriegstagebuch, dass ihr Mann nach seiner Heimkehr aus dem Krieg, nichts von den Ereignissen und Erlebnissen erzählen oder hören wollte. Ihre Momentaufnahmen der letzten Kriegsmonate sind beispielhaft für die Gedanken und Gefühle vieler Frauen in dieser Zeit und haben mir sehr geholfen, meine Großmutter und ihr Verhalten besser zu verstehen.2 Die Reaktion meiner Großmutter war also nicht ungewöhnlich für die traumatisierte Kriegsgeneration. Selbst für die ungewöhnliche Geschichte der wiederaufgefundenen Briefe meines Großvaters findet sich Vergleichbares. So berichtet etwa Eva-Marie Scherer aus Püttlingen, dass sie gleichfalls einen Koffer mit Briefen von ihrem im Kriege verstorbenen Vater gefunden hat, deren Existenz ihre Mutter 62 Jahre lang verschwiegen hatte.3
Von meinem Onkel Christoph hatte ich erfahren, dass Alfons vor dem Krieg Kapuziner-Mönch werden wollte. Und so drängte sich bei der Lektüre der Briefe immer wieder die Frage auf, wie er seinen Glauben mit der Nazi-Ideologie vereinbaren konnte. Im Übrigen ist dies eine Frage, die ich auch seinen Zeitgenossen insgesamt stellen möchte.
Meine Mutter erzählte mir, dass mein Großvater ein strenger Vater war. Sonntags ging die gesamte Familie zur Kirche – zum Unmut vor allem der Kinder vor dem Frühstück. Der obligatorische Spaziergang am Sonntagnachmittag war bei den Kindern gleichfalls unbeliebt. Verwandte und Nachbar:innen erzählten mir jedoch unisono, dass mein Großvater ungeachtet seiner rigiden Regeln allseits beliebt gewesen sei. Zudem habe er keinerlei handwerkliches Geschick besessen. Noch in meiner Kindheit hingen gerahmte Fotos von ihm in der Küche und im Wohnzimmer meiner Großmutter, die mich nachhaltig beeindruckt haben. Auch mir erschien er auf den Fotografien mit seinem durchdringenden Blick streng und sogar etwas unheimlich. Obwohl er an unserer Küchenwand gleichsam präsent war, blieb er der eigenen Familie »fremd«. Sowohl mein Onkel als auch meine Mutter entdeckten beim Lesen des Manuskripts dieses Buches ganz neue Seiten ihres Vaters, die erst durch die Briefe sichtbar wurden.
Der erste sogenannte Corona-Lockdown im Jahr 2020 sorgte schließlich dafür, dass ich die nötige Zeit fand, gleichsam eine Reise in die Vergangenheit zu machen, indem ich die Briefe systematisch las. Was ich dabei entdeckte, war ein Stück Zeitgeschichte, heruntergebrochen auf das Leben zweier junger Menschen, die trotz der Ausnahmesituation des Weltkriegs sich um ein normales Familienleben bemühten und ihre gemeinsame Zukunft planten. Für mich war die Lektüre überraschend und spannend. Plötzlich sah ich meine Großmutter aus einer gänzlich neuen Perspektive. Durch die Augen meines Großvaters erschien mir meine Großmutter plötzlich aktiv, lebensfroh, modern, intelligent, fleißig – eine tolle, attraktive Frau. Mir fielen ihre schönen, schlanken Beine auf den Fotos auf, die offenbar auch den Großvater bezaubert hatten und die er in den Briefen wiederholt erwähnte. Mir wurde klar, dass Helmi erst durch den Krieg und seinen Folgen zur traumatisierten und depressiven Frau geworden war. In das Erstaunen mischte sich natürlich auch Bedauern, diese Seiten von Helmi nie erlebt und gekannt zu haben.
Meinen Großvater habe ich ja erst durch die Briefe ›kennengelernt‹. In den Briefen finden sich lebhafte Beschreibungen seines Alltags als Soldat, seine Gedanken zu den Kriegsereignissen, seine für mich altmodisch klingenden Vorstellungen von Familie und Ehe, das (aus heutiger Sicht) unerhörte Rollenbild der Frau, seine Kinderwünsche und immer wieder unzählige Liebesschwüre. Nicht zuletzt erfuhr ich aber auch von seiner Einstellung zu Gott, zum Glauben und zur Religion sowie der Politik. Jeder Brief war wie ein Puzzleteil, das mir ein weiteres Detail von ihm offenbarte. Nachdem ich alle Briefe gelesen hatte, war vor meinem inneren Auge ein zum Teil detailliertes Bild von ihm entstanden. Es zeigte mir einen gebildeten, feinsinnigen und wortgewandten Mann mit einem ausgesprochenen Sinn für Literatur, Poesie und Sprachen. Er war von der Lehre der katholischen Kirche grundgeprägt, was sich in vielen Lebensbereichen und Handlungen zeit seines Lebens niederschlug. Mein Großvater war kein oberflächlicher Mensch, suchte nach dem Sinn im Leben. Sein Glück hoffte er schließlich in der Liebe und in der Gründung einer Familie zu finden. Alfons hatte stets eine eigene Meinung, die er mit Nachdruck vertrat, und konnte in manchen Dingen überheblich und auch stur sein. Auch bei meinem Großvater bedauere ich es sehr, ihn nie kennengelernt zu haben.
Die Briefe haben es mir immerhin ermöglicht, meine Großeltern von einer anderen Seite kennenzulernen. Aber diese Briefe können noch viel mehr, denn meine Großeltern stehen meines Erachtens in vielen Dingen stellvertretend für eine ganze Generation. Eine Generation, die den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg zu verantworten hat. Unzählige Male habe ich mich gefragt, wie dieses unsägliche Leid geschehen konnte, wie Menschen das zulassen und begehen konnten. Die Briefe meines Großvaters bieten uns – davon bin ich überzeugt – einen einzigartigen Blick in die Vergangenheit, bringen uns die Gedanken und Gefühle einer Generation von Menschen näher, die uns sonst fremd und unbegreiflich bleiben. Durch die Augen von Alfons werden die Ereignisse nicht weniger schrecklich – im Gegenteil. Aber aus der Sicht eines einzelnen Mannes rückt das Unbegreifliche plötzlich ganz nahe heran, man befindet sich gewissermaßen mitten drin. Vielleicht können wir so die verstörenden historischen Ereignisse, hinter denen ja immer auch einfache Menschen stehen, besser begreifen. Vielleicht lernen wir diese Generation durch die Briefe etwas besser kennen, so wie ich meine Großeltern besser kennengelernt habe.
Aus den vielen, vielen Briefen habe ich eine Auswahl an Passagen getroffen, von denen ich annehme, dass sie die Leser:innen interessieren. Die Auszüge habe ich wiederum mit möglichst kurzen Einführungen und Kommentaren versehen, denn eigentlich sollen die Briefe möglichst für sich sprechen. Zudem bin ich keine Historikerin; meine Kommentare erheben somit keinen wissenschaftlichen Anspruch und dienen lediglich dazu, die Briefauszügen in einen groben historischen Kontext zu stellen. Nur so lässt sich die Wechselwirkung zwischen historischen Großereignissen und individueller Entwicklung der Protagonisten erkennen. Die Briefausschnitte habe ich zu drei großen Themenkomplexen zusammengestellt.
Der erste Abschnitt ist der Liebe meiner Großeltern gewidmet: die Anfänge der Korrespondenz, die Zugeständnisse der beiden Verliebten, ihre Sehnsüchte und Heiratspläne. Zudem geben die Briefausschnitte Einblicke in die für uns vielfach altmodischen Vorstellungen Alfons’ über die Rolle der Frau und Moral.
Im zweiten Abschnitt werden die verschiedenen Stationen beleuchtet, die Alfons im Krieg durchlief. Seine Aufgaben, Tätigkeiten, aber auch seine Haltung und Gedanken zum Krieg kommen hier zum Ausdruck.
Im dritten Abschnitt gehe ich auf Alfons zentralen Widerspruch ein, der in meinen Augen die gesamte Generation betrifft. Um es in einer Frage zusammenzufassen: Wie konnte ein gläubiger Christ und angehender Mönch nationalsozialistischen Zielen dienen?
»Solange ich schreibe, lebe ich!« Diese Worte schrieb Alfons an Helmi am 15. Februar 1945. Zu diesem Zeitpunkt war die Hoffnung auf einen militärischen Sieg bei den allermeisten Deutschen bereits seit langem erloschen. Sowohl in der Heimat als auch an den Fronten herrschte daher große Ungewissheit über die Zukunft. Helmi und Alfons waren zu dieser Zeit beide ans Bett gefesselt: Alfons befand sich nach einer Blinddarmoperation im Lazarett, während seine Einheit in der fürchterlichen Kurlandschlacht von russischen Truppen eingekesselt war. Und Helmi weilte in Erwartung ihres ersten Kindes in der Klinik.
Es ist dies ein nur allzu treffender Schlusssatz in einem seiner letzten Briefe, in dem sowohl der Ernst seiner persönlichen Lage, die allgemeine Aussichtslosigkeit der deutschen Truppen in Lettland und die Ungewissheit der Zukunft insgesamt anklingt. Und doch kommt auch sein ungebrochener Lebensmut zum Ausdruck. Dieser Optimismus speist sich zu dieser Zeit aus zwei Quellen: seinem Glauben an Gott und seiner Liebe zu Helmi und ihrem ersten Kind. Das Zitat soll daher auch dem Buch seinen Titel geben.
Alfons Stopp wurde am 26. Februar 1917 in Blieskastel im Saarland geboren. Er wuchs im ländlich-idyllischen Bliesgaudörfchen Ballweiler auf. Sein Vater, Nicolaus Stopp, war Grubenarbeiter. Alfons hatte vier Geschwister: Lina, Louise, Robert und Arnold. Lina war wohl die Schwester, mit der er sich am besten verstand und das einzige der Geschwister, die ich als Kind mit meiner Großmutter häufiger besuchte. Louise war die »egoistische«, »launenhafte« und »aufschneiderische« Schwester, mit der er ständig aneinandergeriet. Zum »schüchternen« und »fürsorglichen« Arnold hatte er eine innige Beziehung und regelmäßigen Kontakt, nicht jedoch zu Robert, der wie schon mein Urgroßvater ein introvertierter Mensch war.
Alfons besuchte das Gymnasium in Zweibrücken, anschließend machte er in Burghausen 1938 das Abitur, das Baccalauréat. Nach dem Abitur trat er dem Kapuzinerorden in Laufen bei. Im April 1938 wurde er sechs Monate lang für den Reichsarbeitsdienst rekrutiert. Im Oktober 1938 kehrte er zum Kapuzinerorden zurück und begann mit dem Studium der Theologie an der theologischen Fakultät in Eichstätt. Am 12. Dezember 1939 trat Alfons in die Wehrmacht ein. Alle drei Brüder dienten schließlich an der Ostfront.
Wilhelmine Hurth wurde am 30. Juli 1922 in Blieskastel geboren und war ein Nachbarskind der Familie Stopp. Ihr Vater, Wilhelm Hurth, war ebenfalls Grubenarbeiter und starb an Lungenkrebs als Helmi und ihre jüngere Schwester Rosel noch klein waren. Im Jahr 1937 begann Helmi ihre Ausbildung als Kontoristin einer pharmazeutischen Firma in Karlsruhe. Die Firma zog später in den beliebten Ferien- und Kurort Oberstdorf in Bayern. Dort lebte meine Großmutter zur Zeit der Korrespondenz mit Alfons, genoss für einige Zeit neben ihrer Arbeit das Skilaufen, die Cafés und die Kinoabende.

Abb. 1: Alfons als junger Mann.

Abb. 2: Helmi als junge Frau.
Die Beziehung meiner beiden Großeltern begann zunächst mit einer losen Korrespondenz unter Jugendfreunden Ende 1941. Bei einem Heimaturlaub verliebten sich Alfons und Helmi ineinander – das war der Grundstein ihrer gemeinsamen Geschichte. Und so fing alles an …
1 Das gesamte Briefcorpus wird von der Autorin bei Bedarf der Wissenschaft zur Verfügung gestellt. Anfragen bitte an den Verlag.
2 Ertle, Heidemarie (Hrsg.): »Gestern war ein sehr schwerer Tag für uns hier in St. Ingbert.« Das Kriegstagebuch von Ruth Schier (St. Ingbert 2020).
3 Elss-Seringhaus, Cathrin: »Ein toter Vater wird zum späten Glück seiner Tochter.« In: Saarbrücker Zeitung vom 29.1.2021, S. B 4.
I. Die Liebe
Ein Mann aus dem Kloster zum Kommiß gekommen
Der sich nun eine Frau genommen
Sie habe schlanke Beine und trage kurze Röcke
Sie sei jung und zart,
habe es ihm infolge dieser Eigenschaften angetan
Aus einer Weihnachtsfeierrede, 24.12.1943

Abb. 3 u. 4: Alfons als Mönch und als Soldat (letzteres vom 30.1.1940).
Dieses Gedicht über Alfons wurde von einem Kollegen vor seiner Einheit anlässlich der Weihnachtsfeier 1943 als Teil des Programmes vorgetragen und zeichnet seinen ungewöhnlichen Lebensweg vom angehenden Mönch zum Soldaten und Ehemann nach. Alfons’ klerikale Vergangenheit erweckte bei seinen Kameraden offensichtlich Neugier und Interesse. Sie zollten ihm Respekt, manche machten sich aber natürlich auch lustig, nicht zuletzt, da er Helmi offenbar jeden Tag Briefe schrieb. Fast allen Menschen gegenüber, die er neu kennenlernte, verschwieg er zunächst seine Vergangenheit als Mönch, wohl aus Angst in ein bestimmtes, ihm unerwünschtes Licht gerückt zu werden. Vor allem auch, um nicht als unerfahren gegenüber Frauen zu wirken. Denn das beliebteste Thema unter den Landsern waren die Frauen.
Seinen Kollegen berichtete er immer wieder über Helmi, wie stolz er auf ihr Aussehen war, über ihren Charakter, ihre Berufstätigkeit, ihren Fleiß, ihre Liebenswürdigkeit. Er nannte sie in den Briefen »Hummel«, weil sie stets brummend und furchtlos ihre Meinung vertrete. Weiterhin hat er sie als offen, gemütstief, mit viel Wissen (Brief vom 31.3.1943), aber auch als schnippisch, energisch, herausfordernd, hingebungsvoll und reserviert (Brief vom 27.10.1943) beschrieben. Sie könne kochen, flicken, waschen, stopfen, Ordnung halten, sei selbstständig und geistig gewandt (Brief vom 3.11.1943). Sie liebe ihre Unabhängigkeit von den Verwandten (Brief vom 17.1.1944) sowie das Weite (Brief vom 30.7.1943). Helmi sei eine Frau von Charakter (Brief vom 3.10.1942). Ihre klugen Augen und ihre schönen Beine auf den Fotos hielten ihn gebannt. Außerdem liebe sie die Kunst, das Theater (Brief vom 14.1.1942). In ihrem Beruf sei sie »schmissig« (Brief vom 14.1.1942).

Abb. 5: Helmi im März 1943.
Alfons charakterisierte sich selbst als jemanden, der die Tiefe liebe (Brief vom 25.10.1942) und das Hohe suche (Brief vom 20.11.1942). Er strebe nach höherer Wahrheit (Brief vom 8.7.1943). Er wolle kein »totes Vermögen« (Brief vom 27.4.1943), glaube nicht an Macht und Reichtum, sondern an Glück und Geborgenheit in sich selbst (Brief vom 1.10.1943); er sagte von sich, er sei ein Verächter der Materie, solange sie nicht dem Ideellen diene (Brief vom 9.11.1943). Er möchte in einer Stadt leben, weil dies seinen geistigen und seelischen Bedürfnissen entspreche (Brief vom 31.10.1943) und er Menschen hasse, die für geistige Sachen nichts übrighätten (Brief vom 26.4.1944). Er verstehe es, zu gehorchen (Brief vom 20.11.1942), denke universell, nehme Rücksicht, könne aber auch brutal sein, wenn das Recht mit Füßen getreten werde. Er sei beliebt, weil er zur rechten Zeit entscheiden könne (Brief vom 15.4.1943). Und vor allem sei er gläubig (Brief vom 30.7.1943).
Anfangs sind die Briefe gespickt mit lateinischen, griechischen und französischen Sprüchen und Zitaten. Eitel und überheblich erteilte er Helmi den Rat, beim Lesen der Briefe ein Lexikon zur Hand zu nehmen (Brief vom 12.8.1942). Er ließ ihr sogar tatsächlich eine französische Grammatik schicken (Brief vom 10.2.1943) und forderte sie auf, Französisch zu lernen.
Die Briefe aus dieser Zeit sind schwärmerisch und bildhaft geschrieben, setzen aber in der Tat eine Menge an Hintergrundwissen voraus. Als Leser:in gewinnt man den Eindruck, Alfons verfüge über ein übergroßes Selbstbewusstsein mit einem Hang zur Überheblichkeit, z. B. wenn er auf dem Weg zur Hauptkampflinie (HKL) nachts im kalten LKW robusten Berliner Landsern zwei Stunden lang einen Vortrag über die gesundheitlichen Gefahren des Rauchens und des Alkoholkonsums hielt.
15. April 1943
[…] Ich habe, wenn ich mich selbst lobe, meinen Geschwistern voraus, dass ich universal denke und nicht umweltbedingt. Ich weiss auf alles Rücksicht zu nehmen, so weit es irgendwie geht, aber ich kann auch energisch sein bis zur Brutalität, wenn das Recht mit Füssen getreten wird, oder gegen Menschen, die den Frieden mit aller Gewalt zu stören suchen. Ich bin innerlich selbst gefestigt und kann auf mich selbst vertrauen und bin deshalb auch – wie ich hoffe – berechtigt, meine Frau zu führen und auf den Händen zu tragen, wenn es sein muss und zu verteidigen bis zum letzten. Du wirst von mir überall als die Idealperson proklamiert, ob Du es bist oder nicht, nur weil solche Taktik allein Vorurteile und etwaige Fehlerbezichtigungen zu interminieren imstande ist. Man darf den Leuten die Mäuler nicht aufreissen, sondern muss sie oft beschwichtigen um des Friedens willen. Die Dümmsten sind ja doch immer die Frechsten. Wenn du willst, Helmi, wollen wir mit Verwandten gar nichts gemein haben. Mir ist das sehr recht. Ich will Dich nur allein besitzen. Du wirst sehen, dass Du nicht wild zu werden brauchst, weil ich mich durch Geschwister oder Eltern beeinflussen liesse, sondern ich werde selbst wild, wenn sie mich nur beeinflussen wollen. Du kennst meinen Widerspruchsgeist noch nicht. […] Diese Alleswisser haben in allem Erfahrung und wenn es darauf ankommt, stelle ich sie alle in den Schatten. […] Sie sagen auch den Leuten immer die Meinung, wenn Du sie reden hörst. Wenn Du aber selbst Zeuge ihrer Debatten bist, sind sie Allerweltsjasager. O, Helmi, ich bin mir meiner Sache so sicher, dass ich gar keine Bange habe, Du könntest nur einmal mit mir unzufrieden sein. Ich kenne die Menschen, wenn ich ihnen auch nicht immer die Wahrheit sage. Bei meinen Kameraden bin ich sehr beliebt, weil ich zur rechten Zeit entscheiden kann. Sonst bin ich sehr taktvoll und übersehe gerne Fehler, um die grosse Linie zu bewahren. […]
Alfons und Helmi wuchsen in Ballweiler auf und waren Nachbarn. Bei den ältesten erhaltenen Briefen ab Dezember 1941 handelt es sich noch um eine lose Korrespondenz zwischen alten Jugendfreunden, obwohl er schon recht früh äußert, dass er sich ein intimeres Verhältnis mit Helmi wünscht. Helmi ist jedoch bereits vergeben. Trotzdem schreiben sich beide weiter. Alfons berichtet von einem magischen Moment im September 1942. In diesem Urlaub kamen sich die beiden offenbar näher und er gesteht ihr auf dem Rückweg zur Front seine Liebe.
Für meinen Großvater war es die erste Erfahrung mit einer Frau, das erste Verliebtsein. Die Briefe von September 1942 bis Juni 1943 sind dementsprechend voller sentimentaler Gefühlsäußerungen, naiven Vorstellungen über das Zusammensein und Gedanken an eine Heirat. Das letzte Thema war freilich knifflig, denn eigentlich erwarteten sowohl seine Eltern als auch der Orden, dass er nach dem Krieg in seinen alten Beruf als Mönch zurückkehren werde. Nachdem ihm und Helmi jedoch klar geworden war, dass sie ein Paar sein wollten, entschied er sich für seinen neuen Lebensweg und legte seine Zukunftswünsche seinen Eltern vorsichtig dar. Überraschenderweise erhielt er deren Zustimmung offenbar recht problemlos. Ab November 1942 kreisten folglich seine Gedanken nur noch um Verlobung sowie Heirat und im März 1943 beschloss er, Helmi kurzerhand im nächsten Urlaub im Juni zu heiraten. Helmi zögerte zunächst noch etwas, willigte jedoch schließlich ein, wohl aufgrund seines kontinuierlichen Drängens und seiner kühnen Argumente über die Vorzüge der Ehe.
Nach der Hochzeit wurden die Briefe ernster und auch kürzer. Alfons wurde in dieser Zeit mehrmals versetzt. In den Briefen ist zudem seine ständige Angst vor dem Tod selbst heute noch gut greifbar. Der Einsatz als Sanitäter an der Hauptkampflinie war in der Tat wahnsinnig gefährlich. Ungeschützt ständig zwischen den Frontlinien zu agieren, permanent mit den schlimmsten Leiden und den schlimmsten Ausgeburten des Krieges konfrontiert zu sein – seine Angst war mehr als berechtigt. Helmi war ihm in dieser Situation offenbar eine wichtige Stütze und wohl auch die größte Motivation, weiterzuleben.
Zugeständnisse
16. April 1942
[…] Nun habe ich den Vorsatz geschafft, Dir auch ausserplanmässige Briefe zu schreiben. So oft Du auch schreibst, so selten erachte ich Deine Post, weil ich nie genug bekomme. Es ist nun bald Wirklichkeit geworden, dass ich Tag und Nacht an Dich denken muss. Ist dies nicht ein krankhafter Zustand? Oder ist es vielmehr das natürliche Bedürfnis eines Menschen, der in den Bann der Liebe geraten ist. Ich weiß es nicht, sind es Deine Augen, Deine rosigen Wangen, ich weiss es nicht! […]
21. August 1942
[…] Wenn ich es offen gestehe, liebste Helmi, liebe ich Dich von innigstem Herzen. Möchtest Du mir nicht meine Liebe erwidern? Bei Tag und bei Nacht bin ich bei Dir, ganz ernst u. ehrlich. Und, wenn Du schreibst, daß bei Dir etwas Interessantes vorgefallen ist, so glaube ich in der Hoffnung nicht irre gehen zu müssen, daß wir beide doch letzten Endes zusammenfinden werden, oder meinst Du etwas anderes. Soviel kannst Du mir, Teuerste, doch sicherlich mitteilen. Helmi, ich liebe Dich u. ich möchte mich verzehren aus lauter Liebe zu Dir. Über unser Zukunftsbild plaudern wir dann im Urlaub. […]
25. August 1942
[…] Eigentlich habe ich heute nichts Neues mitzuteilen; aber nachdem ich fast die ganze Nacht schlaflos gewesen bin und immer wieder an Dich denken musste, widme ich Dir heute wieder ein paar Zeilen. Ich weiss, dass wir uns am besten verstehen. Oder ist es nicht so? O, ich möchte Dich jeden Tag umarmen und meine Lippen auf Deinen Mund pressen. Ich empfinde eine derart heftige Sehnsucht nach Dir, dass ich alles andere vergesse und dass mir die Arbeit oft keine Freude mehr macht, weil ich durch sie von Dir immer noch getrennt bin. Wie herrlich wäre es, wenn wir gegenseitig unsere Gefühle und Gedanken austauschen könnten und das Glück miteinander erjagen könnten, so oft sich die Gelegenheit dazu bieten würde! Am liebsten würde ich mich ganz verzehren in Liebe zu Dir. Was mich so anzieht ist Deine immerwährende Heiterkeit und gute Laune sowie Deine ständige Bereitschaft zur Freudenspende. Aus all Deinen Schreiben nehme ich diese Deine Züge wahr. Ich glaube, dass es gar nicht lange bedürfte, bis wir uns beide in den Armen liegen würden vor gegenseitigem Verlangen. Oder bist Du anderer Meinung, liebste Helmi? […]


Abb. 6 a/b: Brief vom 25. August 1942.
Sehnsucht
In Hoffen und Bangen habe ich dich gesucht,
Tränen der Liebe habe ich vergossen,
Tag und Nacht hab ich nicht geruht,
Bis ich endlich deine Liebe hab genossen.
Gedicht von Alfons
Seit seinem letzten Heimaturlaub im September 1942 waren Helmi und Alfons offiziell ein Paar. Offenbar lernten sie sich vor allem durch ihre Briefe immer näher kennen, tauschten sich über politische, philosophische und alltägliche Themen aus. Natürlich gab es manchmal Missverständnisse oder sogar Streit, doch es überwogen Liebe und Sehnsucht.

Abb. 7: Fotografie der beiden frisch Verliebten.
Es scheint, dass Alfons Helmi mit allen Mitteln beeindrucken wollte: Mit einem poetischen, schwärmerischen Stil suchte er, seine Eloquenz und Belesenheit zu demonstrieren. Interessanterweise verfasste er die ersten Briefe an Helmi mit der Schreibmaschine, die späteren jedoch handschriftlich. Er folgte damit Helmis Wunsch, die ihn darum bat, da sie auf sein Schriftbild neugierig war.
Ganz augenscheinlich war er in dieser Phase (noch) in der glücklichen Lage, mehrseitige Briefe schreiben zu können, weil er nicht direkt an der Front war. Dies wird sich später ändern. Die Länge der Briefe war geradezu eine Art Wettbewerb: Er drängte sie, möglichst viele Seiten zu schreiben, und zeigte sich einmal über einen »nur« sechsseitigen Brief enttäuscht. Helmi schien das Ganze wiederum nicht so ernst zu nehmen. Jedenfalls schrieb sie zum Bedauern von Alfons nicht täglich. Er gab jedoch nicht auf, sondern ›glänzte‹ darüber hinaus auch noch mit seinen Fähigkeiten in Stenografie und Sütterlin.
4. Oktober 1942
[…] Du hast heute auch frei und wahrscheinlich sehnst du Dich nach meiner Anwesenheit. Wie sollte es auch anders sein, da wir beide uns doch so lieb haben. Im einzelnen lasse ich oft die schlaflosen Nachtstunden mit ihren beglückenden Erinnerungen an meinem Geiste vorüberziehen und geniesse sie wenigstens ideell nocheinmal. Sie haben mit ihren Eindrücken so tief in mein Innerstes eingegriffen, dass ich trotz aller moralischen Einwände, z. B. der Kirche, ausrufen möchte: Wie kann denn Küssen Sünde sein?! Keine Reue habe ich bis jetzt noch empfunden, im Gegenteil. Ich betrachte ja alles Schöne und Beglückende als eine Gabe Gottes, der alles geschaffen hat und den Menschen, die Krone der Schöpfung, an seiner Schönheit und Güte teilnehmen lässt. Und in Dir erblicke ich dasjenige Geschöpf, dessen Liebe und Zugetanheit speziell mir gelten soll. Sind das nicht herrliche Gedanken! Ich meinerseits empfand bei jeder Berührung deines Körpers und bei jedem dieser Berührung folgenden Reizreflexe eine solche Wonne, dass ich mich als der Glücklichste fühlte und pries. Vor allem zuckt es noch jetzt in mir, wenn ich an Deine liebevolle Hingabe denke und die Zärtlichkeit, mit welcher Du mich umfangen hast. […] Heute am Sonntag, wo man mehr Zeit hat zum Überlegen und Erwägen, ist die Sehnsucht nach Deinem Herzen in mir besonders lebendig. Fesseln könnte ich Dich, drücken möchte ich Dich, an mich bannen wollte ich Dich. Du ahnst es nicht, wie weit ich denke von der Liebe, wie sehr ich sie hochschätze und für wie befruchtend ich sie halte für das ganze menschliche Leben. […]
6. Oktober 1942
[…] O, Ich Glücklicher, ins Unglück momentan verbannt! Heute sehe ich Dich wieder, wie Du arbeitest, wie Du kochst, wie du mich unzählige Male fragst, ob es mir schmeckt, wie Du nach dem Essen anlehnungsbedürftig wirst, wie Dir die Arbeit nebensächlich erscheint, wie Du heiß küßest, wie Du fast ohnmächtig geworden Dich von Deinem Liebsten auf das Bett tragen läßt, wie Du exstatisch nach der Vereinigung drängst und in den siebten Himmel gerückt erscheinst bei dem Moment, wo die Wirklichkeit zum Traume wird, so Ewigkeit und Gegenwart sich berühren und Du zum Augenblick zu sagen geneigt bist: »Verweile doch, Du bist so schön!«4 Wahrhaftig – das ist Liebe, das ist Innigkeit, das ist das einzig Unaussprechliche auf dieser Erde. Helmi, Du mein goldiger Engel! […] Meine einzige Hoffnung bist Du, meine Treuste – mein Halt in der sturmgepeitschten Zeit. […] In der Liebe kann ich leider nicht so humorvoll sein, sondern ich lebe sie am liebsten in Ehrfurcht und Gravitas. Abgrundtief wie sie ist, kann ich sie ersteigen, himmelhoch wie sie sein kann, möchte ich sie erklimmen. Sie ist ja an Enthüllungen so reich. Ihre Reflexe und Dynamik sind so vielseitig und packend, daß sie einem Menschen, solange er atmet, im Banne zu halten vermag. Und Du bist der Jungbrunnen meiner Liebe, mein Kleinod, das tausend Schönheiten verbirgt, meine Perle, so kostbar, daß sie mit Geld gar nicht zu bezahlen ist. In Dich hinein möchte ich schlüpfen – kann aber nicht – ergießen möchte ich mich in Dich – darf aber noch nicht. Aber es kommt der Zeitpunkt, wo tausend Sehnsüchte Befriedigung finden werden, wo die Hoffnung übergeht in selige Wirklichkeit, wo Liebe allein Liebe bleibt. Freue Dich auf den nächsten Urlaub! […]
20. Oktober 1942
Kleine Maus!
Wie glücklich bin ich doch, weil ich Dich besitze! Du verstehst mich wie sonst kein Mensch. Nie würde ich sonst jemand meine Not, meine inneren Anliegen, meine Herzensbedürfnisse mitteilen; dazu wäre ich viel zu selbstbewußt und männlich. Du aber darfst jede Regung spüren, jeden Gedanken erfahren, jede Willensäußerung wahrnehmen und es ist mir, als ob du der Wald seiest, in den ich hineinrufe u. daß tausendfach das Echo widerhallt. Wie eine Kerze sich verzehrt um Licht und Wärme zu spenden für ihre Umgebung, so könnte auch ich mich autolysieren, um nur Dir allein ewiger Kerzenschein u. ewige Wärme zu sein. […]
Wenn müde meine Augenlieder sinken,
wenn klamm die Hand den Federkeil nur hält,
Wenns Herz in Liebe möcht ertrinken,
dann, Zeit, rück vor! – bevor der Traum entfällt!
Gedicht von Alfons
7. November 1942
[…] O, Du meine Braut, Du meine aus tiefster Seele Geliebte. Wann darf ich wieder in Deine Augen blicken, wann Dich umarmen, wann Dich küssen, wann ganz Dein sein u. glücklich? Ja, ich liebe Dich, wie heftig ein Mann nur immer lieben kann. Glaube an meine Liebe, glaube an meine Treue u. wenn der Kampf noch Jahre dauern sollte. Und im kommenden Urlaub feiern wir Verlobung. Herzchen mit allem bin ich zufrieden, was du mir schenkst. […]

Abb. 8: … aus einem Weihnachtspaket.
1. Januar 1943
[…] Du, heute bin ich auch ganz Dein. Wie glücklich wären wir beide an diesem Tage! Du bist mein Stirb und meine Werde.5 Für die Zeit meiner möglichen Wiederkehr wirst Du mir ein wohlbewahrtes, sammelndes Erholen sein. Mit Hall und Schall werde ich unter das Tor fahren, das da Liebe heisst. Und meine Frau wird mir entgegeneilen und mich mit seligen Liebesäusserungen bedenken. Ein Ausgleich wird Zeichen und Bild gewinnen. Von der gemeisterten Form Deiner Zärtlichkeit werde ich nur erbaut sein. Eine drängende Dämonie der inneren Urgewalt wird dann heiss und inbrünstig überschäumen und Deine beherrschte Art, die dennoch voll leidenschaftlicher Züge ist, aber gebunden in Bewegung, zur Harmonie entschlossen, freundlich und ernst zugleich, wird mich zu dienender Ehrfurcht zwingen. Sie wird ein Zauberbann der kommenden Triebe sein. Dass kein übles Geschick die Hoffnung unterhöhle! Gross und eindrucksvoll stehst Du vor meinem geistigen Auge, wie von der bildnerischen Gewalt eines Bramante, Raffael, Peruzzi und des riesenhaften Bionarroti [sic!]6 in klassische Form gegossen, als eine, als meine erste Eva. Werden wir würdig solcher Gedanken! Du hast an mich das Rheingold verraten, entschlossen und begierig, es mit mir zu teilen. Dass uns die Rheintöchter doch nicht zürnen!7 Heute bin ich entschlossen, mit Dir den Hain der Venus zu beschreiten und gefahrlos mich ihr in die Arme zu werfen. Den moralisierenden Widersacher möchte ich an Shakespeares Wort erinnern und er soll es autokritisch bedenken: »Und so bekleid’ ich meine nackte Bosheit mit alten Fetzen aus der Schrift gestohlen und schein’ ein Heiliger, wo ich ein Teufel bin!«8 Da hast mich auf Neuland geführt, das nur dem sich erschliesst, der bereit ist, es zu geniessen. Dort wohnet in ernsten Waldungen, auf schütteren Feldern und sommerlichen Triften das Glück, das zwar eine wortkarge Sprache führt, aber reich ist an Gefühlen und Gedanken, die mein Innerstes bis zur restlosen Hingabe bewegen. Dort sind Träume Wirklichkeit und liegen sich, für den nüchtern gestimmten Menschen sonst unbegreiflich, die extremsten Kontraste in geniesserischem Wohlbehagen in den Armen. Aus diesem Land der Liebe ist der Krieg verbannt und Waffen sind dort unbekannte Götter. – Herzchen! Willst Du im Land der Liebe mit mir weilen? […]
14. Januar 1943
[…] Noch nie in meinem Leben war ich so glücklich als jetzt, wo ich Liebespost schreiben darf. Deine Allgewalt ist so mächtig, dass mich nicht tausend Pferde zu meinem alten Beruf zurückführen könnten. Und ich glaube ausserdem, dass es der Wille des Schöpfers ist, der ja die Herzen kennt, dass ich Dich liebe. Ich bin ja auch bereit und Du erst recht, ihm Kinder zu schenken und mich zu freuen an dem Geheimnis, das er in den Schoss seiner Kreaturen gelegt hat. – Dein heute eingelaufener Brief erfüllt mich wieder dermassen mit Freude und Glück, dass ich unsere Trennung nur sehr bedauern kann. Wenn ich lese, wie unendlich sich meine Braut über einen Brief von mir freut oder sogar über drei, von denen Dein Schreiben spricht, so ist mir dies eine Genugtuung so, als wenn man mich heute mit der höchsten Ehre auszeichnen würde. Na, endlich sind meine Weihnachtsbriefe in deine goldigen Hände gelangt! Wie tief Du sie empfindest und erlebst! Am meisten aber freut mich das schöne Wort, dass ich ein ganz lieber Mann bin. Im Herzen, liebe Helmi, denke ich in der Tat so innig, so ehrfurchtvoll und so voller Liebe an Dich, dass ich Dir es in Worten gar nicht auszudrücken vermag. […] Dann fahren wir also im Urlaub mal nach St. Ingbert, nicht wahr? Mensch, wird das schön, wenn wir dort bei Deiner Mutter noch sein können und mit ihr ins Café gehen und es uns so angenehm machen wie möglich! – Dass Du in meinen Briefen auf alles Rücksicht nehmen musst, habe ich Dir keineswegs zur Pflicht gemacht. Es ist ganz klar, dass man nicht auf jede Einzelheit eingehen kann. Jedoch tut es mir immer weh im Herzen, wenn es dem Ende Deiner Zeilen zugeht; am liebsten würde ich ellenlange Zeilen lesen. Selbst der heutige Brief war mir noch zu kurz mit seinen 6 Seiten! […] Mit den 8 Tagen Bravsein ist es mir ernst, Hummel! Ich bin nur mal gespannt, wer zuerst anfängt, nicht mehr brav bleiben zu können. Mir entlockt es jetzt schon Liebesseufzer! Freilich habe ich Dich durchschaut ! Eine sehr erfreuliche Conzession ist die, dass Du zugibst, dass ich Dich doch richtig behandele. Wie mir das schmeichelt! Ich konnte an das Gegenteil auch nie glauben! Dass Männer sich nicht so sehr gedulden können, wie z. B. beim Abwarten von Geschenken und Briefen, ist ihnen nicht als Untugend anzurechnen, weil sie ein viel stürmischeres Naturell haben. Aber Frauen pflegen nicht selten auch stürmisch zu sein im Erbrechen von Siegeln! […] Sonst hatte ich wenig zu tun. […] Neuigkeiten weiss ich leider keine. Bloss hänge ich an Dir, wie ein Baby an seiner Mutter. – Du, und wann hast du Geburtstag, ich habe für Daten ein sehr untreues Gedächtnis? Oder sagst du mir das nicht? Schenken kann ich Dir ausser mir selbst doch nichts. Oder hast Du trotzdem Hoffnungen, Hummelchen? Geh, lass Dich doch ganz innig küssen! Manchmal möchte mein Blut meine Pulse sprengen und mich zu Ungewohntem, nie Gewagtem drängen. Dann bin ich ungebärdig wie ein Fohlen, dem man noch nicht die Freiheit ganz gestohlen und such Gestaltung voller Kraft u. Wucht, denn alles Blühen will im Grund – die Frucht. An Dir hör ich die Ströme tiefen Lebens rauschen! […]
1. März 1943
[…] Deine Bilder sind das einzige, was ich an Luxusartikeln mitzunehmen gedenke, wenn ich mein Gepäck einmal erleichtern muß, um evtl. Schulter an Schulter mit der aktiven Truppe zu marschieren. Vorerst weiß ich ja noch nichts. Aber man kann nie wissen. Junge Leute sind vorne gesuchte Artikel. Wir aber bleiben uns nach wie vor treu. Ich fühle mich heute ganz anders, d. h. viel mehr verantwortlich für Dich als früher, als etwa vor 1 Jahr noch. Du bist ein Stück von mir, Du bist im besten Sinne meine »gute Kameradin« geworden, die mit mir durchs Leben geht, bis in den Tod, wenn es sein muß. Ich liebe Dich allen Ernstes mit jeder Faser meines Herzens, und wenn ich nach vorne müßte, dann ermutige mich, dann schreibe mir immer so lieb wie bisher und hoffe auch so stark auf ein frohes Wiedersehn. Es täte mir einerseits leid für dich, andererseits sehe ich die Notwendigkeit ein. […]
15. März 1943
[…] Im allgemeinen geht es mir noch gut. Dadurch, daß ich Dich besitze, fällt mir auch das Schwere leicht. Schön wäre es nur, wenn ich im Frühling einmal bei Dir sein könnte. Ich denke an die herrlichen sternklaren Nächte, an den Duft der Blumen, an die lachende Sonne, die warmen Winde, an die grünenden Fluren u. Wälder, an die glitzernden Bergzipfel der Alpenwelt u. so noch anderes. Wie könnte man doch berauscht sein von all dieser Schönheit u. wie glücklich könnten zwei Herzen sein, die so den Frieden und die Eintracht lieben wie gerade wir beide! Meine ganz liebe Frau! Weinen könnte ich oft bei solchen Gedanken u. doch bin ich wieder so kindlich froh u. stolz. Seit Du mein bist, fühle ich mich wie am Anfang eines neuen Lebens, wo mir alles noch so neu vorkommt u. so schön wie am ersten Tag, wo ich das Bewußtsein erlangte. Geht es Dir nicht auch so? Hummelchen, vergegenwärtige Dir diese Dinge immer wieder u. geh mit offenen Augen durch Gottes Natur! Du wirst zu einer Freude und Dankbarkeit gestimmt, die Du früher vermutlich nicht gekannt hast! […]
Heiratspläne
Mit seinem Entschluss, nicht wieder ins Kloster zurückzukehren, sondern Helmi zu heiraten, glaubte Alfons, dem Herrgott nicht zu missfallen (Brief vom 5.3.1943). Er dachte aber auch an die dinglichen Vorteile, die eine Heirat mit sich bringen würde, z. B. eine höhere Besoldung, 18 Reichsmark (= RM) Zulage für Wohngeld, sowie 20 RM Zulage für ein Kind.
Alfons wollte Helmi so schnell wie möglich heiraten und drängte sie, die erforderlichen Dokumente umgehend zu besorgen. Nachdem der Plan einmal gefasst war, verfolgte er dieses Anliegen in jedem seiner Briefe mit Nachdruck, denn er wollte bereits im nächsten Heimaturlaub die Hochzeit feiern. Zu den benötigten Dokumenten zählten z. B. eine Eheunbedenklichkeitsbescheinigung, der Nachweis eines Bluttests auf Krankheitserreger, Helmis Geburtsurkunde, eine Urkunde, die ihre arische Abstammung nachweisen sollte, und Helmis Familiennachweis mit Angaben der Namen und Berufe der Familienangehörigen. Die Dokumente dienten dem Nachweis, dass hier eine Heirat »mit gleichem Blut« und »wertvollen Vorfahren« stattfand.9

Abb. 9: Das stolze Hochzeitspaar.
Außerdem belehrte er Helmi, dass vor der Hochzeit Brautunterricht und Generalbeichte unverzichtbar seien. Im Brief vom 15. April 1943 schreibt er:
»Doch nun bin ich müde, wenn auch liebesbedürftig. Ich schliesse und erinnere Dich nochmals an die Papiere. »Sofort!« Mache mir ja keine Streiche, sonst bin ich der Lackierte!«
Abgesehen von derlei belastenden Vorarbeiten herrschte jedoch eine positive Aufregung. Die folgenden Briefe belegen die Vorfreude des Paares über die bevorstehende Hochzeit sowie ihren Gedankenaustausch über die Vorschriften der katholischen Kirche zu Eheleben und Geschlechtsverkehr. In diesem Punkt waren die beiden übrigens unterschiedlicher Meinung, auch zum Thema Nachwuchs.
Helmi wollte noch keine Kinder haben und daher Kondome verwenden. Sie war wahrscheinlich der Ansicht, während des Krieges sollte man keinen Nachwuchs bekommen, sondern auf bessere Zeiten warten. Dies spiegelt einmal mehr den Ernst der Lage in der Heimat. Helmis Argumente in dieser Frage scheinen mir rational begründet und gut nachvollziehbar. Zudem positioniert sie sich wie auch andere Frauen in jener Zeit. So schrieb etwa Ruth Schier in ihrem Tagebuch, wie dankbar sie sei, unter solchen Umständen nicht auch noch die Verantwortung für ein Kind zu haben. Ihre Familie lebte teilweise im kalten, feuchten Keller und war ständig von Fliegerangriffen bedroht. Die Lebensverhältnisse während des Krieges waren unvorstellbar hart und die Menschen verunsichert, da die auch die Zukunft gänzlich ungewiss war. Und so schrieb Schier folgende Überlegung in ihr Tagebuch:
»Das Leben hier ist so schwer geworden, dass ich sehr froh bin, nur für mich allein die Verantwortung zu haben. Wie arm sind die kleinen Kinder, so nervös und oftmals auch erkrankt. Scharlach und Masern sind ausgebrochen.«10
Meine Großmutter schätzte ihre eigene Situation offensichtlich ähnlich wie Ruth Schier ein.
Alfons dagegen wünschte sich sofort Kinder. Kinder seien die Erfüllung sowohl einer Ehe als auch der Ehepartner und erst die Ehe mache einen Mann »ganz«. Alfons folgte hier weitgehend der Lehre der katholischen Kirche. Die ungünstigen Umstände und ähnlich ›praktische‹ Überlegungen scheinen ihn nicht interessiert zu haben. Auch hinsichtlich des patriarchalen Vorrangs des Ehegatten folgte er der katholischen Lehre. Heute mutet sein ›Herrschaftsanspruch‹ nach der Heirat äußerst befremdlich an. Wenn Alfons in einem Brief »Gott die Ehre« dafür gibt, dass Helmi ihm »geschenkt« worden sei, scheint mir dies auch vor allem ein weiterer, beredter Ausdruck dafür zu sein, wie sehr er in der Kirche verwurzelt war.

Abb. 10: Porträt von Helmi als junge Frau.
9. April 1943
[…] Mir geht es ähnlich wie Dir, ich habe bereits Heiratstemperaturen. Du glaubst es nicht, wie ganz ich eingenommen bin von diesem Gedanken und wie total ich deshalb in der Erreichung dieses Zieles. Ich habe mich mit Gruber und Freund und noch einigen Kameraden schon darüber ausgesprochen und sie sind alle der Meinung, dass ich viel besser fahre, wenn ich mich in den Hafen der Ehe einschiffe. Alle finanziellen Vorteile habe ich erwogen und sie überwiegen bei weitem die Nachteile; dennoch aber ist ja dieses Problem nicht das wichtigste, sondern nur eine Voraussetzung zu dem ideellen Wert, den uns die Verehelichung bringt. So wird also im nächsten Urlaub geheiratet. […]
17. April 1943
[…] Ich hoffe, dass meine Briefe keinen Zweifel darüber gelassen haben, dass wir unter allen Umständen heiraten werden. Und wenn ich daran denke, wird mir ganz idyllisch innerlich zumute. Dann reissen alle Stricke und brechen alle Schranken, dann möchte ich zu Dir hineilen und glücklich sein, und mich des Lebens freun. Du Hummelchen, merkst Du nicht, wie lieb ich das sage. […] Du Hummelchen, gestern abend habe ich mit Freund ganz intim über die Ehe geredet und gefragt, was ich nicht wusste, d. h. was erlaubt und nicht erlaubt ist in der Ehe. Was meinst Du? Alles ist erlaubt, nur keine Verhütungsmittel, keine persönliche Befriedigung und kein zu frühes Abbrechen des Aktes, sondern man muss immer die Absicht haben, oder wenigstens die Toleranzbereitschaft, alles so zu nehmen, wie es kommt. Dann sind deine C. überflüssig!!! Du, jetzt muss ich direkt schadenfreudig lachen über Dich, weil Du dann enttäuscht bist, wie? Wir packen die Geschichte ganz schlau, Du wirst sehen! Kinder will ich ja sogar! Ich möchte doch gar nicht ins Feld zurückfahren, ohne dass Du einen Kleinen oder ein Kleines unter dem Herzen hast. Dann hast Du wenigstens von mir auch etwas, an das Du denken kannst, ja das Du immer bei Dir hast. Dann siehst Du mich gleichsam immer vor Dir. Du, das wird die grösste Stunde für mich! Für dich auch? Ich darf gar nicht daran denken, sonst wird mir ganz zappelig ums Herz. Und Du bist das Menschenkind welches mir diese Freude gibt und dem ich sie gebe! O, wie schön ist doch die Ehe! […]
25. April 1943
[…] Sagen möchte ich dir heute auf alle Fälle, daß ich so glücklich noch gar nie war wie heute! Hoch wie der Himmel u. tief wie das Meer ist meine Liebe zu dir! Und ich muß immer wieder meinem Gott die Ehre geben, daß er mir Dich so gnädig geschenkt hat. […] Du erfüllst mich nach ihm ganz. Bin ich nicht der liebste Mann? Ohnmächtig würdest Du u. hilflos an meiner Brust sinken, würdest Du die Tiefe meiner Liebe greifbar verspüren. Mächtig und kraftvoll sie u. freigebig bis zur Selbstaufopferung. Mehr kann ich nicht! Ich weiß aber, weil ich es verspüre, daß Dein Herz in nicht geringer Liebe pocht u. Du mich so glücklich machen willst, wie es ein Menschenkind in Deiner Reife nur fertig bringt. […]
Die Rolle von Mann und Frau
Alfons Vorstellungen darüber, wie eine Frau fühlt, wie sie ihre Aufgaben als Ehefrau und ihre Stellung in der Gesellschaft ausfüllt, waren vor allem von der katholischen Kirche geprägt und entsprachen den allgemeinen Vorstellungen der damaligen Zeit. Sie wirken für uns freilich vielfach befremdlich, übergriffig und egomanisch. So war Alfons etwa der festen Auffassung, dass der Mann alleiniger Herr im Haus sei und seine Frau sich ihm grundsätzlich unterordnen müsse. Es sei die wichtigste Aufgabe der Frau, dem Mann zu dienen und ihn zu unterhalten. Sie solle sodann Pfunde ansetzen, denn dies sei für den glücklichen Verlauf einer Schwangerschaft wichtig. Außerdem galt das in dieser Zeit und Gesellschaft als ein sichtbares Zeichen dafür, dass eine Frau in der Ehe glücklich sei. Er hatte klare Vorstellungen über die Eigenschaften einer »richtigen Frau« und glaubte die Frauenpsyche zu kennen.
Ob oder inwieweit Helmi seine Meinungen teilte, können wir leider nicht wissen, da er sich in seinen Briefen hierzu nicht direkt äußerte. Immerhin beschreibt er sie als eine »feurige« Natur mit einer starken eigenen Meinung, wobei seine Erfahrungen zumindest auch auf ihrem Briefwechsel fußen dürften. Und so gehe ich davon aus, dass sie wohl in ihren Antworten auf seine Briefe auch »feurig« und »stark« ihre Meinung vertreten haben wird.
Aber sie gab seinen Wünschen doch auch nach – etwa hinsichtlich seiner Gewichtsvorstellung. Denn sie schickte ihm von sich Bilder, welche eine Gewichtszunahme dokumentierten und über die er sich sehr freute.
Es steht uns zwar nicht zu, diese überholte Sichtweise zu verurteilen, denn auch unser Verhalten wird mit großer zeitlicher Distanz und objektiver Sicht gewiss in vielen Aspekten fragwürdig erscheinen. Dennoch habe ich mich beim Lesen dieser Passagen immer wieder bei dem Wunsch ertappt: »Oma, lass dir das nicht gefallen!«
19. Oktober 1942
[…] Du schilderst in Deinem Schreiben Dein zukünftiges Familienleben. Aber ich versichere Dir, daß es ganz anders wird als Du es Dir heute vorstellst, wenn ich Dein Mann werde. Sonntags, da geht’s zuerst in die Kirche u. zwar ohne Frühstück – lache nicht!! Anschließend folgt letzteres. Dann suchen wir nach Möglichkeit und Laune die Natur auf. Erst dann kann die Muse beginnen. Du wirst bald gewahr werden, wenn Du ganz mir gehörst, daß ein Leben mit Schwung und Rhythmus viel schöner und gesünder ist als eines in Lässigkeit u. Trägheit u. noch dazu ohne Ideale. Auf Sport lege ich viel Wert; ich selbst rage auch beim Militär durch meine Sportsliebe unter den Kameraden hervor. Ich sehe schon, daß ich an Dir noch meißeln muß. Nehme es mir aber bitte nicht übel; Du kennst mich doch – einen Moralisten möchte ich denn doch nicht abgeben. Vielmehr werde ich Dich mit sanfter Gewalt zu dem erziehen, wofür ich schwärme. Schließlich muß der Mann doch die Oberhand behalten. Dies muß der Frau zur rechten Zeit gesagt werden – ich sage es Dir jetzt, wo Du dieses Thema angeschnitten hast. […]
14. November 1942
[…] Das Alleinbestimmungsrecht für die Anzahl unserer zukünftigen Kinder behalte ich als Mann mir vor, ebenso die Improvisation, getrennt zu schlafen. Wer wem folgt und Zimmer wechselt, bestimme ich, verstanden? […]
18. November 1942
[…] Hoffentlich bekommen wir auch einmal gesunde Kinder! Ich würde Dir raten, jetzt schon alles zu tun und zu unterlassen, was der Gesundheit unserer Familie nützlich und schädlich sein kann. Verbohre Dich nicht zu sehr in Arbeit und Bücher, geniesse die frische Luft und härte Dich ab! Vernünftiger Sport kann nicht schaden. […]
19. November 1942
[…] Also hinsichtlich Päckchen könnt Ihr, Du und Deine Mutter es halten, wie Ihr wollt, mir ist alles recht. Frauen sollen schließlich ihren Haushalt versehen und tun, was sie für gut finden, Männer machen dafür Geschichte u. beherrschen das öffentliche Leben. […]
22. November 1942
[…] Deinem Alfons geht es immer noch gut. Heute ist er allerdings sehr abgespannt und möchte jetzt den Trost seiner Hummel geniessen. So muss es doch sein; dass der Mann durch seine Frau nach angestrengter Arbeit eine Ablenkung erfährt. Drum möchte ich gar keine Frau heiraten aus dem gleichen Fach und mit geistiger Überlegenheit. Doch entschuldige, in anderer Hinsicht bist Du mir wieder weit überlegen! […]
10. Dezember 1942
[…] Nachdem ich in meiner Jugend so streng gehalten war und weiss, was eine Frau oft ausstehen muss, wenn ihr Mann unerträglich wird, habe ich mir zum Prinzip gemacht, nie mit meiner Frau zu schelten, sondern sie mit sanfter Gewalt an mich zu ziehen, falls sie aus der Rolle zu fallen droht. Ich finde es geradezu jovial, wenn ein Mann seine Frau beschimpft oder gar schlägt. Das heisst nun aber nicht, Helmi, dass der See immer ruht. »Dass die Wogen sich senken und heben, das ist ja eben des Meeres leben!«11 Aber sei versichert, alle Handel machen wir im Bett aus! Ausserdem bin ich kein vollkommener Mann, der auf den Rat seiner Frau verzichten müsste. Du hast ein paar Untugenden an mir schon festgestellt, wie ich merke, ich sag nur nicht, welche. […] Helmi, Du lebst unter lauter Quälgeistern, wie ich merke. Hältst Du denn das aus? Mensch, bei solchen hysterischen Frauenzimmern würdemir manchmal schon auch der Geduldfaden reissen. Und falls meine Hummel Neigung zu Hysterie hatte, würde ich ihr von vornherein raten, mir nie so etwas zu zeigen. Ich liebe immer die Kraft und die Freude. Zerfahrenheit ist immer ein Symptom des Nichtswissens oder Nichtkönnens, verbunden mit einem gewissen Grad von Schwachsinn oder Intelligenzmangel. Wie schön ist doch ein wenigstens nach aussen hin beherrschter Charakter! […]



Abb. 11 a–c: Dreiseitiger Brief vom 4. Januar 1943 – überschrieben mit: »Goldige, süsse Frau!«
4. Januar 1943
Goldige, süsse Frau!
[…] Ehrlich gesagt, hat es mir immer gut gefallen im letzten Urlaub, dass Du immer sehr sauber warst. Von einer Frau muss man als Mann sowas auch immer erwarten können, meine ich. Wie freudig-ungeduldig Du am hl. Abend gewesen sein magst, kann ich mir leicht illustrieren. Du hast ja an allem eine kindliche Freude. Ich bedaure das Gegenteil an mir. Eine Frau muss aber schliesslich mit ihrer Wärme und guten Launen den leidgeprüften Mann immer hochreissen, sonst ist sie keine richtige Frau. […]
25. März 1943
[…] Dennoch hat nun das Schreiben einen ganz eigenartigen Reiz, weil das Heiratsthema so aktuell geworden ist. Ich habe in einem Brief an Deine Mutter gestern Deine Bedenken geäußert. Meine Ansicht neigt, wie gesagt, mehr zum Pro als zum Contra! Das kommt daher, weil ich mich mehr vom eigenen Triebe leiten lasse, mit dem aber in meinem Leben immer noch das Glück verbunden war, während Dich als Frau eine gewisse passive Aktivität, vielleicht auch noch ein bisschen Vernunft zur gegenteiligen Ansicht stimmt. Hab ich nicht recht? Ich kenne die Frauenpsyche u. rate Dir, mir die Entscheidung darüber zu lassen! […]
9. April 1943
[…] Wie eine Erlösung betrachte ich in Deinem Brief vom 3.4. das Zugeständnis, dass Du jeden Termin mir überlässt. […] Du kommst mir jetzt erst als richtige Frau vor, weil es doch für eine Frau nichts Schöneres gibt, als in entscheidenden Fragen Ja zu sagen zu dem, was der Mann in Rücksicht auf sie selbst zu unternehmen im Begriffe ist. […]
15. April 1943
[…] Und weisst Du, wie ich mir eine Frau vorstelle? So: Reserviert und doch bereit, klug und bescheiden, verlangend und zugleich abwehrend, von sich wegstossend und ganz herzlich anziehend, heiss und kalt zugleich. Erst in solchem Wechsel gedeiht der Reiz. Du hast vieles davon an Dir, ich weiss es. Du bist äusserlich sehr schön gebaut, vollkommene Harmonie sucht man aber überall anderswo vergebens. Ich hätte es Dir damals nicht angesehen, dass Du so kräftig und wiederstandsfähig wärest. Du bist ganz muckelig beieinander, wenn der Ausdruck gestattet ist. Du kannst ungeheuer feurig sein und mutig und dann wieder so innig, so selig-innig! Und küssen kannst du wie eine Meisterin. Am wohlsten habe ich mich immer gefühlt, wenn Du so langsam und erwartungsvoll zu mir gekrochen bist und mir verlockend in die Augen geschaut hast und dann mich an Dein liebes Herz gezogen hast, ganz fest. Du, das tut einem Manne wohl, der im Krieg steht und sonst jeden Trost abweisen muss. […]
27. April 1943
[…] Dass Du Dich nunmehr selbst so freust, erfüllt mich mit einer wahren Wonne. Gelt, Heiraten ist doch schön? Und soviel Tatkraft hast Du auf einmal! Schön! Wenn Du Dir auch noch nicht vorstellen kannst, dass es ernst werden soll, so bleibt es doch Tatsache der näheren Zukunft! Über das »Haupt« der Frau zu bestimmen, bleibt immer eine verdammte Pflicht des Mannes in solchen Angelegenheiten; aber ich habe es wenigstens mit der Rücksicht getan, dass ich Dich über jede Einzelheit orientierte und Deine Zustimmung conditionell einholte. Darum kannst Du mir auch nicht spöttischer Weise den Vorwurf machen, dass ich einfach brutalerweise über Dein »Haupt« bestimmt hätte. Du meintest es doch nur spöttisch, ja? […]
20. November 1943
[…] Ich freue mich deshalb immer wieder, liebste Frau, wenn ich aus deinem Munde stets aufs neue höre, daß du bei mir Schutz u. Hilfe suchst u. daß Du mir ganz und rückhaltslos Dich hingibst; dann erst merke ich so recht, daß ich Dein Mann und daß ich überhaupt Mann bin. […]
4. Januar 1945
[…] Es ist Sonntagabend. Ich sitze hier im Lazarett bei meinen Kameraden in Erwartung des Abendessens. Nachher wird Karten gespielt. Heute habe ich mich mit den Ausländern unterhalten über Frauen. Ich merkte dabei, daß die Frauen überall gleich sind; aber man kann nie auslernen. Eines fiel mir auf: Sämtliche Männer haben das Vertrauen in ihre Frauen verloren. Dies ist nun bei mir nicht der Fall. Ich glaube an deine Treue auch in Zeiten, wo Du untreu werden könntest. Und wenn nun mal unser Kind da ist, dann weiß ich, daß Du eine solche Liebe zu dem Kleinen hast, daß Du nie etwas anderes begehrst. Ich sehe Dich als glückliche Frau u. Mutter. […]
Über die Moral
Konfliktstoff für das Paar bot also vor allem die strenge religiöse Erziehung und Einstellung meines Großvaters, die durch seine Zeit im Orden wohl noch verschärft worden waren. Doch Helmi machte ihn offenbar auch auf Widersprüche in seinem Verhalten und seinen Ansichten aufmerksam. Wie z. B. das Thema des »außerehelichen Geschlechtsverkehrs«, das er entgegen der katholischen Lehre locker sah.
Interessant ist weiterhin seine Einstellung bezüglich des Bildes, das er in den Augen anderer abgeben würde – etwa im Falle einer vorehelichen Schwangerschaft Helmis. Er war offenbar bereit, es darauf ankommen zu lassen. Helmi war jedoch vollkommen gegen eine voreheliche Schwangerschaft. Offenbar war ihr die Meinung der Gesellschaft und ihr soziales »Standing« sehr wichtig. Das ist nur allzu verständlich, denn sie wäre von der Gesellschaft in weit höherem Maße geächtet worden als mein Großvater. Ob Alfons dieses Problem seiner angebeteten »Hummel« nicht wahrnahm oder einfach als unwichtig abtat, können wir seinen Schreiben nicht entnehmen. Jedenfalls setzte er sich auch in diesem Punkt einmal mehr anscheinend mühelos sowohl über die klaren religiösen Vorschriften als auch die gesellschaftlichen Konventionen hinweg, um seinen persönlichen Willen durchzusetzen.
Je nach persönlichem Standpunkt berief sich Alfons einmal auf die Religion, ein andermal verwarf er Regeln eben jener Religion eigenmächtig. Diese Diskrepanzen störten offenbar (nicht nur) Helmi.
24. November 1942
[…] Darf ich eine ganz kleine Kritik üben an meiner Hummel? Es wäre die, daß sie trotz religiösen Empfindens und taktvolle Hochschätzung aller Religiosität, doch ziemlich gleichgültig ist in der Ausübung. Dies bringe ich nicht fertig. Nimm mir meine Feststellung nicht übel! Du hast ja den besten Willen, von mir zu lernen, und dies genügt mir. […]
3. Januar 1943
[…] Helmi! Es ist doch nicht so schlimm, wenn die frühere Erziehung noch an mir haftet. […] Warum sollte ich sie mir abgewöhnen? Du weisst doch, wie frei ich sonst denke über diese Angelegenheit und wie unbeschwert von ihrer Moral ich im letzten Urlaub gehandelt habe. Aber das passt Dir scheinbar nicht ganz. Zum Totlachen ist das für mich. Die Frage allerdings, ob ich an meine Religion gedacht hätte, wo ich bei Dir war, ist zu intim – sie könnte genausogut in der Beichte an mich gerichtet werden – als dass ich sie beantworten könnte. Nur unendlich lachen muss ich jetzt. Verzeihe mir das, denn man soll doch nicht lachen, wenn die Frau verärgert ist! […] In die Enge würdest Du mich nie bringen, glaube mir! Dazu bin ich zu sehr Mann und weiss, wo ich die Frauen zu packen habe, um ihrer Herr zu werden und Selbstgeständnisse zu vermeiden. Ich will mich nicht rühmen, aber diese Art haben an mir auch schon Kameraden bewundert, allerdings nicht Frauen,


Abb. 12 a/b: Brief vom 3. Januar 1943.
sondern Kameraden gegenüber. Sie sagen immer: Dem Stopp kommt man doch nicht bei. Der hat so etwas, was einen direkt zwingt und er selbst ist bei aller Ruhe immer Sieger! […]
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