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Impressum
Strandspaziergang
Ein Sommer, eine Liebe, ein Krieg
Autor: Hajo Goodewind
Copyright: alle Rechte für Texte und Bilder liegen beim Autor
Covergestaltung: der Autor
Verlag: HJG-Verlag
ISBN: 978-3-9810590-9-0
Handelnde Personen
Karl – der Erzähler
Elisabeth – Lieschen- die Ehefrau
Herr Schlägisch – der Ortspolizist
Otto – der Postbote
Lotte – die Geliebte
Heinrich Tretkow – Gutsbesitzer von Trempen
Leutnant Heinz Bochmann – Vorgesetzter
Unteroffizier Paul Wagner
Anton Wrobel – Soldat
Wilhelm Sode – Soldat
Werner und Paul – Soldaten
Gustaf – der Gefreite
Feldwebel Langemann – Stabsmitarbeiter
Hauptmann Fischer und Oberstleutnant Schröder – Stabsoffiziere in Angerburg
Kapitän Peters – Zivilkapitän
Korvettenkapitän Zahn – ehemaliger U-Bootkapitän
Meine Geschichte
An meinem vierzehnten Geburtstag machte ich mit meinem Großvater einen Spaziergang am Strand. Bis zu diesem Tag hatte ich es nie verstanden, warum er uns hier am Meer noch nie besucht hatte. Schließlich lebte ich schon seit zwei Jahren mit meinen Eltern hier. In Saßnitz, die Stadt mit seiner unverkennbaren Kreideküste und dem steinigem Strand. Wenn ich an den Felsen hoch sah, war nichts weiter als weißes Felsgestein und Bäume zu sehen. Die Bäume waren alle mit dem Wind gewachsen. Jeder Stein am Strand hatte eine andere Form, manche ähnelten sogar einem Gesicht mit ihrer schwarz weißen Färbung. Der eigentümliche Geruch des Meeres, mit seiner Mischung aus angeschwemmten Holz, Algen und Fisch hängt mir heute noch in der Nase.
Wenn ich oben auf den Felsen stand und auf das Meer blickte, sah ich Anfangs eine hellblaue Färbung die, umso weiter der Blick schweifte, immer dunkler wurde. Gerne sah ich der Fähre zu, wie sie majestätisch vorüber fuhr. Es war die Fährverbindung zwischen Deutschland und Schweden.
Und dann waren da noch die kleinen Fischkutter, die zum fischen hinaus fuhren, oder voll beladen wieder den Hafen ansteuerten. Aus der Entfernung sahen sie alle klein und grau aus, doch von meinen Erkundungsgängen im Hafen wusste ich, dass sie zwar klein waren, aber nicht alle grau. Manche hatten einen roten Anstrich, manche einen grünen. Eines hatten sie jedoch alle gemeinsam, eine Unmenge von Netzen an Deck liegen. Mir schien es damals so, als würde an Deck ein heilloses Durcheinander herrschen, dem war natürlich nicht so. Alles hatte seine Ordnung.
Ich sah den Fischern gern beim Netze flicken zu. Sie taten es immer noch so, wie ihre Väter und Großväter es getan hatten. Ab und an bekam ich auch einmal einen Fisch geschenkt. Meistens war es ein Aal, aus dem meine Mutter dann ein köstliches Essen zauberte.
Von der Mole aus konnte ich auf ein Haus sehen, welches über dem Hafen auf einer kleinen Anhöhe stand. Ein rotes Klinkerhaus mit einem geheimnisvoll wirkenden runden Turm. Es war wunderschön, doch hatte es eine Unmenge von Antennen auf dem Dach. Einer meiner größten Wünsche damals war es gewesen, das Haus einmal von nahen zu sehen. Doch wenn ich die Straße vom Hafen in die Stadt hinauf lief, ging es nur an einer riesigen Mauer vorbei, die absolut keinen Blick auf das Haus zuließ. Es schien von Dornenhecken und windschiefen Bäumen verschlungen zu sein. Nur vom Hafen aus war der Blick frei.
Mein Großvater war zu diesem Zeitpunkt ein stattlicher Mann Anfang siebzig und gesunheitlich fehlte ihm nichts. Ich kannte ihn nur im Anzug mit einem weißem Hemd und Krawatte. Heute trug er noch einen dicken Wollmantel mit dem passenden Hut, den er bei stärkeren Windböen festhalten musste. An den Kleidungsstücken war die Zeit nicht spurlos vorbei gegangen. Und wie bei den meisten älteren Leuten die ich kannte vergaß Großvater schon mal das eine oder andere, doch seine Geschichten, die er erzählte, blieben immer die gleichen.
Es war Anfang 1944, als ich einen Brief zugestellt bekam. Ich hatte eine Schneiderei in einer Kleinstadt in Thüringen. Die Schneiderei lief ganz gut und ich konnte mich nicht beklagen. Besonders einträglich war das Geschäft zu dieser Zeit, wenn ich die Möglichkeit hatte Uniformen zu schneidern. Es gab ja sowieso kaum noch anderen Stoff. Viele der ortsansässigen Offiziere, Polizisten und auch Feuerwehrleute ließen sich Maßuniformen anfertigen.
Da war zum Beispiel die Paradeuniform zu dieser Zeit im Ankleideschrank von mir hing. Sie war für den Polizeimeister Otto Schlägisch. Er wollte sie am 20. April dieses Jahres zum Führergeburtstag tragen. An diesem Abend gab der Bürgermeister einen Empfang
im Rathaus und Schlägisch war zusammen mit seiner Frau eingeladen. Übrigens zum ersten Mal. Seine Frau, die dicke Irmgard, wie sie in unserem Viertel hieß, führte eine Gruppe von Mädchen beim Bund Deutscher Mädchen, kurz BDM. Ihr Auftreten war auch stets wie dies einer Lehrerin. Streng nach hinten gekämmte Haare, die geflochtenen Zöpfe am Hinterkopf kreisförmig nach oben gesteckt und immer hochgeschlossene Kleider.
Ein eiskalter Wind blies um die Ecken seines Viertels, als sich Schlägisch auf dem Weg zum Schneider machte. Es war Ende Januar, der Schnee knirschte unter den dicken Stiefeln, die immer auf Hochglanz poliert waren. Der Kragen seines Uniformmantels war hochgeschlagen und die Mütze tief in die Stirn gezogen. So stemmte er sich gegen den Wind. Seine Gedanken waren schon bei dem großen Ereignis im April.
„Heil Hitler“, sagte er als er meinen Laden betrat.
Ich erwiderte: „Guten Morgen, nah wie geht´s … und der Frau Gemahlin?“
Schlägisch ging gar nicht weiter darauf ein.
„Ist meine Uniform schon fertig?“
„Nein, wir probieren sie doch heute das erste Mal an.“
„Schon gut, schon gut“, erwiderte Schlägisch.
Komisch sah er aus, der Schlägisch, in einem Stück Stoff, mit den ganzen weiten Heftnähten. Doch Schlägisch betrachtete sich in dem großen Spiegel und sah sich wahrscheinlich schon in seiner Maßgeschneiderten Uniform, die sein ganzer Stolz werden sollte, vorm Rathaus. Ich musste ihn aber immer wieder in seinen Gedanken unterbrechen, in dem ich an der einen Ecke zupfte dann an der anderen Ecke, die Ärmel neu absteckte, na ja halt alles das machte was ein Schneider so alles machen musste. Aber Schlägisch stand weiter vor dem großen Ankleidespiegel und schwelgte in seinen Gedanken. Nach dem nun alles abgesteckt, geheftet und umgeschlagen war, zog er die Jacke wieder vorsichtig aus und ich brachte sie in die Werkstatt. „Der Schlägisch kommt übermorgen wieder, setz dich also gleich daran, “ sagte ich zu dem Gesellen.
Nach dem ich wieder im Laden war und Schlägisch geschniegelt und gebügelt vor mir stand, ging ich hinter den Ladentisch, öffnete eine Schublade und holte eine Flasche Schnaps mit zwei Gläsern hervor.
„Auch einen?“
„Jawohl“, entgegnete Schlägisch.
„Zum Wohl!“
„Heil Hitler,… und auf meine neue Uniform“, erwidert er und goss den Schnaps in einem Zug herunter, ohne
auch nur einen Winkel seines Gesichts zu verziehen. Ich nippte nur an dem Glas, weil ich wusste, dass ich keinen Schnaps vertrage.
Mit einem heftigen knall landete Schlägischs Glas auf dem Ladentisch. Ich schenkte ihm noch einmal nach.
„Das ist aber wirklich der Letzte für heute, ich muss noch einen Bericht schreiben.“
„Was musst du? In unserer Gegend ist es doch ruhig, hier passiert doch nichts.“
„Ach,… so einen Bericht für den Gauleiter.“
„Für den Gauleiter?“ fragte ich forschend nach.
„Ja, ja….“ , mehr wollte er wohl nicht sagen. Ich merkte aber, dass es ihm äußerst unangenehm war, darüber zu sprechen.
In diesem Augenblick öffnete sich die Ladentür, mit dem typischen Klingelzeichen, was ja jeder kennt, wenn er heut zu tage einen kleinen Laden betritt. Es war der Postbote. Ich blickte hinter dem Ladentisch hoch.
„Adolf, was verschafft mir die Ehre?“ fragte ich ihn in einem etwas scherzhaftem Ton.
„Hast wohl den Briefkasten nicht gefunden?“
So abwegig war die Frage gar nicht, denn Adolf war auch ein Mensch, der kein Schnäpschen ablehnen konnte. So kam es auch schon einmal vor, wenn er so morgens von Haus zu Haus ging, sich hier und da einen zu genehmigen. Mit einem Blick der nichts Gutes verheißen konnte sah er Karl an.
„Nein Karl,… ich habe hier ein Einschreiben für dich.“
„Ein Einschreiben… für mich?“
Wer könnte mir ein Einschreiben schicken? dachte ich bei mir.
Meine rechte Schläfe begann zu pochen, was sie immer tat, wenn ich aufgeregt war.
Inzwischen hatte Schlägisch seinen zweiten Schnaps geleert und schickte sich an zu gehen. Er war zwar neugierig, doch er merkte an Karl seiner Reaktion, dass es wohl besser war zu gehen. Es konnte keine gute Nachricht sein und als Seelentröster eignete er sich wahrlich nicht. Er kehrte Karl den Rücken zu, rief noch sein Heil Hitler in den Raum und verschwand.
Mit zittriger Hand nahm Karl den entgegen und quittierte Adolf den Empfang, der sich sogleich aus dem Staub machte. Adolf hatte eine Ahnung was in dem Brief stand, solche Briefe hatte er während des Krieges schon zu Hunderten verteilt.
Es war Karl sein Marschbefehl.
Karl konnte gar nicht zu Ende lesen, so zitterte er jetzt am ganzen Körper. Er… an die Front. Bis jetzt war er doch Uk gestellt. Unabkömmlich. War er nicht mehr unabkömmlich? Er hatte doch ein kriegswichtiges Geschäft. Warum nähte er denn Tag für Tag nur Uniformen? Um sich bei den zuständigen Leuten unentbehrlich zu machen. Bis jetzt hatte es ja auch funktioniert. Klar hatte er bemerkt, dass die misten Männer aus seiner Umgebung schon an der Front waren, doch er hatte sich sicher gefühlt. Umso größer war sein Entsetzen jetzt. Karl leerte sein halbvolles Schnapsglas jetzt in einem Zug, doch seine Kehle blieb trocken. Nächste Woche Montag hatte er sich zu melden. Treffpunkt Bahnhof. Karl goss sich noch einen Schnaps ein und leerte das Glas in einem Zug.
Er sollte nach…, nein er konnte es nicht glauben, was er da las. An die Ostfront.
„Karl, was hast du denn“, fragte Lieschen.
Lieschen, die eigentlich Elisabeth hieß, sah Karl an.
Wie versteinert stand er da. In einer Hand das Schnapsglas in der anderen Hand hielt er den Brief. Er blickte sie an, aber in Wirklichkeit schaute er durch sie hindurch.
„Karl“, wiederholte sie „Kaarl!“
Er zuckte zusammen, als er sie bewusst wahrnahm. Etwas Trauriges legte sich in seine Augen. Das letzte Mal, als er mich so ansah, waren wir zur Beerdigung meiner Mutter, dachte Lieschen bei sich.
Sie ging auf ihn zu, legte ihre Hand um meinen Hals und kraulte meine Nackenhärchen.
„Karl, was hast du?“
Ohne ein Wort hielt ich ihr den Brief hin.
So einen Brief hatte sie doch schon einmal gesehen, dies war aber schon einige Zeit her. Genau, bei ihrem Bruder, doch der hatte ihn damals mit Freudentränen in Empfang genommen. Warum ist Karl dann so am Boden zerstört? dachte sie.
Tränen schossen ihr in die Augen, als sie die Überschrift las. Marschbefehl! Vor ihren Augen sah sie sofort die letzten Bilder der Wochenschau, die sie gesehen hatte. Von den gefallenen deutschen Soldaten, die für Volk, Führer und Vaterland ihr Leben gelassen hatten.
„Am Montag“, stammelte Karl.
„Am Montag schon, das sind ja nur noch sechs Tage.“
„Ja“, sagte Karl, goss sich einen Schnaps ein, der mit einem Schluck weg war.
Ihr Blick heftete sich wieder auf den Brief. Das letzte an das sie sich erinnerte war das Wort Ostfront. Dann fiel sie in Ohnmacht. Als Lieschen, auf dem Bett liegend wieder zu sich kam, blickte sie in Karl seine geröteten Augen. Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie. So einen Kuss habe ich schon lange nicht mehr bekommen.
„Sei nicht traurig,“ versuchte er sie zu trösten, „das schaffe ich schon. Und du wirst sehen, bald bin ich wieder zu Hause. Der Krieg kann ja nicht ewig dauern. Er ist sicher bald zu Ende. Das sagen sie doch alle. Dann bin ich wieder bei di, mein Liebling.“
Karl küsste sie wieder und Lieschen schlang ihre Arme so fest um seinen Hals, dass er kaum noch Luft bekam.
„Lieschen ich komme wieder, das verspreche ich dir!“
Sie erwiderte nichts darauf, stattdessen drückte sie ihn noch fester an sich. Dann gab sie ihm noch einen Kuss, sprang mit einem Satz aus dem Bett, ordnete ihre Kleider und sagte: „In fünfzehn Minuten wird gegessen, schließlich musst du noch etwas auf die Rippen bekommen, ehe du fort musst.“
In solchen Augenblicken erinnerte ihn Lieschen immer en seine Mutter. Natürlich hatte ich ihr das nie gesagt und ich würde es auch jetzt nicht tun. Lieschen ließ sich nichts anmerken, aber innerlich kämpfte sie mit ihren Tränen. Ihr lieber Karl an die Front.
Wieder und wieder sah sie die Wochenschaubilder vor sich, doch jetzt hatten die Toten und Verletzten ein Gesicht. Das Gesicht von Karl.
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Karl und Lieschen hatten ihre Liebe zueinander wieder neu entdeckt. Jedes Mal, wenn sie sich begegneten küssten sie sich. Bis vor ein paar Tagen wäre dies noch undenkbar gewesen. Auch wenn es für den Betrachter nur flüchtige Küsse waren, für sie beiden waren es die schönsten und innigsten, die sie sich seit langer Zeit gegeben hatten. Hauptbeschäftigung für Elisabeth war in diesen Tagen, alle möglichen Lebensmittel für Karl zu beschaffen. Schließlich sollte er nicht Hunger leiden, auch wenn sie sich darüber bewusst war, dass es nur für die ersten Tage reichen würde. Karl war die meiste Zeit damit beschäftigt Abschied zu feiern, mit Freunden, Bekannten und den Gesellen. Für Karl war Feiern jedoch der falsche Ausdruck. Eigentlich nervte es ihn mehr und mehr, doch alle anderen die er kannte, feierten ihren Abschied wenn sie in den Krieg mussten und da wollte und konnte er auch nicht hinten anstehen. Doch bei seinen feiern wollte keine rechte Stimmung aufkommen, zu traurig und deprimiert war er. Lieschen gegenüber gab er das aber nicht zu.
Es war Sonntagabend geworden.
Morgen früh würde es losgehen. Er lag neben Lieschen im Bett. Für wie lange würden sie so nicht mehr im Bett liegen können. Sein Blick war starr ins dunkel des Schlafzimmers gerichtet. Was kommt da auf mich zu? Werde ich gesund wieder kommen? Oder komme ich als Krüppel wieder, oder vielleicht überhaupt nicht mehr? Die ganze Nacht über quälten ihn solche und ähnliche Gedanken. Kein Auge machte er zu.
Als er gegen vier Uhr aufstand merkte es Lieschen nicht gleich, irgendwann war sie dann wohl doch eingeschlafen, denn sie hatte genau bemerkt was mit Karl los war. Als er aus dem Bad in die Küche kam, stand Lieschen da und brühte für ihn eine Tasse Bohnenkaffee auf. Wo sie den nur wieder her hat, dachte er, seit Monaten gab es nur Muckefuck. Sie saßen sich schweigend gegenüber am Frühstückstisch. Es war so still, dass sie die große Wohnzimmeruhr ticken hörten.
„Jetzt muss ich aber los“, sagte Karl.
„Mmh“, seufzte Lieschen.
Karl ging wortlos an die Garderobe, zog seinen dicken Wintermantel an, legte den Schal um den Hals und setzte seine Pelzmütze auf. Lieschen saß immer noch am Küchentisch. Beide waren keine Abschiedsmenschen. Karl kam zurück in die Küche, beugte sich zu ihr runter und küsste sie zärtlich auf die Wange und hauchte ihr ein „Machs gut“ ins Ohr. Irgendetwas hinderte ihn daran Auf wieder sehen zu sagen.
„Bis bald mein Liebling,“ erwiderte Lieschen.
Er drehte sich um und verließ die Küche. Seine Beine waren schwer wie Blei. Nur mühsam schaffte er die Treppe runter. Karl biss die Zähne zusammen und trat hinaus in den Schnee. Es war ein eiskalter Morgen. Neuschnee war gefallen und nicht eine Spur war zu sehen im Schnee. Alles sah zufrieden und ruhig aus, als würde es keinen Krieg geben. Je näher er dem Bahnhofsvorplatz kam, umso unwohler fühlte er sich. Der platz war voller Menschen. Männer, Frauen und Kinder waren gekommen, nur er war alleine. Plötzlich wünschte er sich Elisabeth wäre doch mitgekommen. Die Luft war eisig kalt und gefüllt von dem Atem der Menschen. Auf einmal kam Bewegung in die Masse. Aus einem Nebengebäude des Bahnhofes kamen mehrere Offiziere. Sie setzten sich an die für sie aufgestellten Tische. Zur gleichen Zeit kletterten zwei Offiziere auf die Ladefläche eines Lasters. Einer der beiden hatte ein Megafon in der Hand. Ich stand etwas abseits der Masse, die Kälte stieg langsam an mir hoch und meine Gedanken waren bei Lieschen. Es folgten einige Worte des jungen Offiziers, da er aber ziemlich schnell sprach und das Megafon in die andere Richtung hielt, verstand ich kaum etwas.
Um mich herum wurden immer mehr Tränen vergossen. Es war der Abschiedsschmerz der die Frauen und Kinder so weinen ließ. Nacheinander wurden nun die Namen der Männer aufgerufen, die sich in langen Reihen um die Schreibstiche stellten. Auch ich war jetzt an der Reihe. Bei genauerem hinsehen erkannte ich hinter dem Schreibtisch einen jungen Unteroffizier, der offenbar wirklich nur in der Schreibstube zu Hause war, denn die Kälte machte ihm arg zu schaffen. Er hauchte alle paar Sekunden seinen warmen Atem, in die mit Halbhandschuhen bedeckten Hände. Name, Vorname und Geburtsdatum, das waren die kurzen und knappen Fragen der Unteroffiziere. Nun musste ich mich in die Reihe der Männer einordnen. Jetzt standen auf der einen Seite die Männer und auf der anderen Seite die Frauen und Kinder und dazwischen nur die Schreibtische. Auch bei vielen Männern lösten sich jetzt die Tränen. Wir formierten uns unter Anleitung der Unteroffiziere zu einem Marschblock und dann ging es durch die Bahnhofshalle auf den Bahnsteig. Jetzt geht es also in den Krieg, dachte ich. Der Bahnsteig war voller Dampf, der vom Zug her kam. Bei diesen eisigen Temperaturen hing er besonders schwer in der Luft. Im Moment bestand der Zug erst aus vier Waggons, wahrscheinlich wurden später in anderen Städten noch Waggons angekuppelt. Alle Männer auf dem Bahnsteig versuchten sich in die Waggons hinein zu pressen. Da passen wir nie alle rein, dachte ich. Doch irgendwie schafften es doch alle. Rechts und links befanden sich harte Holzbänke und die Scheiben waren von Eisblumen übersäht. Einige Männer versuchten mit Hilfe ihrer Jackenärmel, die Scheiben eisfrei zu bekommen. Als alle die Wagen bestiegen hatten, durften auch die Angehörigen auf den Bahnsteig. Die Männer um mich herum schrien liebevolle Abschiedsworte und winkten, alle waren sie den Tränen nah. Ich stand mitten im Gang, was sollte ich auch am Fenster. Von Lieschen hatte ich mich zu Hause verabschiedet.
Es ging ein harter Ruck durch den Zug. Jeder der sich nicht irgendwo festgehalten hatte, fiel auf seinen Nachbarn. Das Jammern und Weinen der Frauen und Kinder, auf dem Bahnsteig wurde jetzt so laut, dass ich es hören konnte. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung und ich suchte nun doch eine Gelegenheit noch einen Blick aus dem Fenster zu werfen, warum wusste ich nicht genau. Ich traute meinen Augen nicht! Da stand Elisabeth auf dem Bahnsteig. Sie hüpfte von einem Fuß auf den anderen, um über die Köpfe der anderen hinweg sehen zu können. Plötzlich schossen mir die Tränen in die Augen und ich versuchte mich bemerkbar zu machen. Für einen Augenblick trafen sich dann auch noch unsere Blicke, jedenfalls hatte ich das Gefühl. Der Zug setzte sich jedoch unaufhaltsam in Bewegung. Mit gleichen und rhythmischen Geräuschen ging es in eine ungewisse Zukunft.
Mittlerweile war es der 01.März `44 und wir kamen auf dem Gut Trempen an. Hinter uns lagen eineinhalb Monate körperliche Strapazen. Waffenkunde, körperliche Ertüchtigung und militärischer Drill, das waren Worte die wir alle nicht mehr hören konnten.
Die letzten Kilometer zu unserem neuen Standort kamen wir nur langsam voran. Obwohl es ein recht sonniger Märztag war, sahen wir die Sonne recht selten, da immer wieder Panzer, Laster und Ordonnanzmotorräder an uns vorbei donnerten und eine Unmenge Staub aufwirbelten. Wir bogen auf eine, von alten Eichen gesäumte Allee ein. Hinter den alten Bäumen, die jetzt noch keine Blätter trugen, schlossen sich weite Koppeln an, auf denen einige Pferde zu sehen waren. Wir fuhren auf ein recht schmuckloses Haus zu, dessen rote Ziegelsteine in der Sonne leuchteten. Rings um die vielen Fenster rankte sich wilder Wein nach oben. Vor der Haustür befand sich ein riesiges Rosenbeet. Die Pflanzen waren alle fein säuberlich abgedeckt.
„Absitzen!“, befahl uns unser Leutnant, als wir endlich zum stehen kamen und unterbrach damit meine Gedanken. Hier sollte es nun bald Krieg geben. Wir sprangen von der Ladefläche unseres Lasters und außer der riesigen Staubwolke die weiter hinten über der Straße hing erinnerte nichts an Krieg. Leutnant Bochmann hatte uns erklärt, dass dies unser Lager für die nächsten Wochen und Monate sein werde. Unsere Gruppe sollte hier in östlicher Richtung Gräben und Unterstände auf einer Länge von dreißig Kilometern errichten. Außerdem sollten Spähtrupps das umliegende Gelände auskundschaften.
Außer ein paar Hühnern und Gänsen regte sich nichts auf dem Hof. Auch die Katze, die auf einem der Fenstersimse lag, nahm von unserem Ankommen keine besondere Notiz. Mit festem Schritt ging Leutnant Bochmann auf die Haustür zu. Die drei Stufen bis zur Haustür, nahm er in einem Satz. Gerade in dem Augenblick, als Bochmann die Hand zum Anklopfen erhob, öffnete sich diese. Ein hochgewachsener älterer Herr öffnete die Tür und trat Bochmann entgegen. Leutnant Bochmann hob seine rechte Hand zackig an den Mützenrand.
„Leutnant Bochmann, Heinz Bochmann.“
„Heinrich Tretkow,“ erwiderte eine noch recht jung wirkende Stimme.
„Ich habe den Befehl, mich mit meinen Männern hier einzuquartieren. Es gehört zu unseren Aufgaben von hier aus Spähtrupps in die Gegend auszuschicken und feindliche Bewegungen zu melden. Aber sie sind ja sicherlich schon informiert worden. Heil Hitler!“ Nach diesen Worten übergab er Tretkow ein Schriftstück, welches er sehr genau zu lesen schien. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte beim lesen zusehends. Wortlos ging er an Bochmann vorbei und kam auf uns zu. Wir standen in einer losen Runde um den Laster herum und fast jeder von uns rauchte eine Zigarette. Tretkow ging einmal um uns herum, musterte uns mit ein einem bösen Blick und zischte uns entgegen: „Rauchen ist im Stallgebäude verboten!“ und wies gleichzeitig mit der rechten Hand auf ein weiteres rotes Backsteingebäude, welches sich dem Gutshaus anschloss. Kein Guten Tag oder ähnliches sagte er zu uns und ich wusste hier waren wir nicht willkommen. Tretkow wendete sich wieder von uns ab und ging wieder auf Bochmann zu, der in der Zwischenzeit die Stufen wieder herunter gekommen war. „Ihre Leute können über dem Stall schlafen. Aber wehe ich erwische einen beim rauchen! Sie können bei uns im Haus das Gästezimmer nutzen Leutnant. Wie war doch gleich ihr Name?“
„Leutnant Heinz Bochmann.“
„Sagen sie mir Bescheid, wenn ihre Leute alles verstaut haben, damit ich ihnen dann ihr Zimmer zeigen kann.“
Bochmann erhob seinen rechten Arm und sagte mit lauter Stimme: „Heil Hitler!“
Tretkow schüttelte nur mit dem Kopf und ließ Bochmann wortlos stehen. Die Sonne begann schon unterzugehen, als wir endlich mit dem entladen fertig waren. Waffen, Munition und unsere persönlichen Sachen hatten wir über eine uralte Holztreppe in unsere neue Unterkunft gebracht. Dort oben befanden sich zwei größere und ein kleinerer Raum. In dem kleineren Raum wurden Waffen und Munition verstaut. Die zwei größeren Räume wurden von uns als Schlafräume genutzt. In der eingerichteten Waffenkammer stellte sich noch unser Unteroffizier Paul Wagner sein Feldbett auf. Zwanzig Mann zählte unsere kleine Einheit. Alles Soldaten und Gefreite. Jeder richtete sich seinen Schlafplatz so gut wie möglich her. Wir füllten unsere Strohsäcke und legten unsere Decken darüber. Ich hatte mir zum Glück einen Schlafplatz unter einer Fensteröffnung herrichten können. Ich sah hinaus und soweit das Auge reichte sah ich nichts anderes als Felder, Wiesen und Pferdekoppeln.
In der Zwischenzeit war es dunkel geworden und nach einem kargen Abendessen, welches aus einer harten Scheibe Brot und einer kleinen Dose Dörrfleisch bestand, legte ich mich, wie die meisten anderen auch, auf meinen Strohsack. Der Mond schickte sein Licht zu uns ins Zimmer. Er tauchte es in ein helles, blasses Licht. Anton, Wilhelm, Werner und Paul saßen beim Schein einer einzelnen Glühlampe um einen alten Holztisch herum und spielten Karten. Die vier taten da immer, wenn sie nichts zu tun hatten. Ich schaute durch die Luke in die Sterne. Irgendwie sah es so aus, als gäbe es hier viel mehr Sterne, als zu Hause. Meine Gedanken waren jetzt bei Elisabeth. Wie es ihr wohl jetzt ging? Seit ich mit Lieschen verheiratet war, waren wir noch nie so lange voneinander getrennt gewesen. Mit diesen Gedanken schlief ich ein.
Die nächsten Wochen verliefen recht eintönig, die einzige Abwechslung die sich bot, war mit Unteroffizier Wagner zweimal die Woche nach Angerapp zu fahren und Proviant zu holen, denn zu dieser Zeit klappte die Versorgung in unserer Gegend noch gut. Da wir noch keine detaillierten Befehle erhalten hatten, kümmerten wir uns in der Zwischenzeit um unsere Ausrüstung. Wenn ich Zeit hatte versuchte ich, mit einigen anderen zusammen, mich auf dem Gut nützlich zu machen. Wir reparierten Zäune, ersetzten kaputte Pfähle durch neue und behoben sogar Schäden auf den Dächern der anderen zwei Nebengebäude. Ab und zu melkten wir auch mal die Kühe oder trieben die Pferde auf die Koppel. Für mich waren dies alles recht ungewöhnliche Arbeiten, doch ich gewöhnte mich rasch daran. Andere wiederum verbrachten die Zeit mit Briefe schreiben und diskutieren. Und dann waren da ja noch unsere vier Kartenspieler.
Viel Kontakt hatten wir einfachen Lanzer nicht zu Tretkow, auch würdigte er unsere Hilfe auf dem Gut in der ersten Zeit überhaupt nicht. Wer Tretkow nicht genau beobachtete bemerkte kaum, dass sein Blick von Tag zu Tag freundlicher wurde. Umso mehr die Sonne täglich höher stieg, umso freundlicher wurde er.
An einem wunderschönen Sommermorgen kam Tretkow zu uns ins Nebengebäude. Schweren Schrittes stieg er die Treppe zu uns hoch.
„Herr Wagner!“, rief er die Treppe hoch.
Wagner fiel vor Schreck fast von seinem Hocker, so erschrocken war er.
„Können sie mal kommen?“
„Jawohl, ich komme sofort,“ erwiderte er.
Wagner knöpfte sich seine Jacke zu, setzte seine
Mütze auf und stieg etwas verunsichert die knorrige Treppe runter. Sie gingen beide vor die Tür, so dass wir nicht verstehen konnten, was die beiden zusammen zu bereden hatten. Sie hatten noch nie mehr als zwei Worte miteinander gewechselt.
„Ich habe mit ihrem Leutnant gesprochen,“ Wagner erschrak.
„Ist etwas vorgefallen? Hat einer von denen etwas angestellt?“
„Nein, nein.“
„Ich habe mit ihrem Leutnant gesprochen, weil ich Hilfe brauche. Es sind keine Arbeitskräfte da und ich brauche Hilfe beim bestellen der Felder.“ Wagner war erleichtert.
„Ihr Leutnant hat zugestimmt, wenn sie das bitte ihren Männern erklären würden.“
Wagner war überhaupt nicht begeistert bei dem Gedanken an körperliche Arbeit, denn die war er nämlich noch weniger gewöhnt als wir.
„Ja, natürlich“, sagte er trotzdem höflich.
„Wenn die Arbeit beendet ist gibt es für alle ein Festessen“, mit diesen Worten drehte sich Tretkow um und verschwand wieder. So waren wir fast die ganze Woche mit der Aussaat beschäftigt. Auch mit dem Wetter hatten wir in dieser Woche Glück, die Sonne schien den ganzen Tag vom hellblauen Himmel. Für uns war die Arbeit eine willkommene Abwechslung, die meiste zeit konnten wir mit freiem Oberkörper arbeiten. Bei aufkommender Dunkelheit verließen wir dann die Felder, um dann nach einem ausgiebigen Abendessen todmüde auf unsere Strohsäcke zu fallen. An dem Tag, als auch das letzte Feld bestellt war, brannte ein riesiges Lagerfeuer auf dem Hof, bei unserer Rückkehr. An einer Drehkurbel über dem Feuer hing ein ganzes Schwein, welches durch Tretkow gedreht wurde.
„Das ist für eure Hilfe“, schrie er uns entgegen.
„Und das da ebenfalls“, mit einer Hand wies er in eine dunkle Ecke in der ein Weinfass stand. Soviel Dankbarkeit hatten wir alle nicht erwartet. Wir saßen die ganze Nacht hindurch, an dem riesigen, knisternden Feuer. An diesem Abend haben wir uns alle mal wieder richtig satt gegessen. So etwas Gutes hatten wir schon seit Monaten nicht mehr bekommen. Natürlich trankenwir auch alle kräftig von dem Wein. Wagner schien der Wein am besten zu schmecken, denn jedes Mal wenn er auf den Misthaufen ging, um zu… schwankte er immer ein bisschen mehr. Als er das letzte Mal vom Misthaufen kam war das Gelächter groß. Wagner war von oben bis unten mit Dreck beklebt und stank fürchterlich. Da er die Treppe zu seiner Unterkunft nicht mehr schaffte, schlief er seinen Rausch im Stall aus. Aber wir hatten auch unsere Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht. Für ein paar Stunden vergaßen wir alle, wo wir eigentlich waren, nämlich im Krieg.
Die Sonne schien heute schon seit dem frühen Morgen. Es war mittlerweile schon Mai und ich war mit meinen Kameraden gerade mal wieder beim Waffen reinigen, welches wir in Anbetracht des schönen Wetters ins Frei verlegt hatten, als sich plötzlich die Tür des Gutshauses öffnete. Heinrich von Tretkow schob einen Rollstuhl vor sich her auf die Veranda, in dem eine sehr gebrechliche und blasse Frau saß. Weder Tretkow noch unser Leutnant hatten bisher etwas über sie erzählt. Wir starrten alle ziemlich erstaunt zur Veranda, doch die Frau schien uns nicht wahr zu nehmen. Ein eiskalter, starrer Blick schaute durch uns hindurch. Tretkow bemerkte unsere erstaunten Blicke, gab der Frau einen Kuss auf die Wange, ließ den Rollstuhl auf der Veranda stehen und kam zu uns herüber.
„Das ist meine Frau, Magda von Tretkow.“
„Warum haben wir sie noch nie gesehen?“
„Magda verlässt höchst selten ihr Zimmer. Sie ist krank,“ bekamen wir zur Antwort.
„Ja,…aber wir sind doch schon seit März hier und jetzt ist es Mai,“ fragte Wagner.
„Sie hat ihr Zimmer seit Oktober des letzten Jahres nicht mehr verlassen. Unsere Tochter ist bei ihrer Geburt gestorben, das hat sie nicht überwunden.“
Tretkow wies mit dem Finger auf die andere Seite des Gutshauses, wo in einiger Entfernung ein Lindenbaum stand, der jetzt in voller Blüte war.
„Dort liegt sie begraben, unsere Tochter.“
Unbehagen stieg in mir auf und betreten sah ich zu Boden. Mir war es unangenehm an den Tod zu denken, denn wie nahe wir hier alle dem Tod waren, vermochte zu diesem Zeitpunkt keiner von uns sagen.
Bis zur Mittagszeit blieb Frau Tretkow regungslos auf der Veranda sitzen. Von uns traute sich keiner mehr sie anzusehen. Irgendwie wäre es uns peinlich gewesen. Plötzlich war sie verschwunden, Tretkow hatte sie sicherlich ins Haus geholt. Irgendwie war mir an diesem Tag nicht nach Mittagessen und ich ging hinauf in unsere Schlafkammer und legte mich auf meinen Strohsack. Auch als Wagner Freiwillige suchte, um mit ihm nach Angerrapp zu fahren, tat ich so, als würde ich ihn nicht hören. Auch wenn ich sonst gerne mitfuhr, aber nach dieser Begegnung war mir nicht nach Gesellschaft.
Ich dachte an zu Hause, an Lieschen, was sie wohl jetzt gerade machen würde, kurz nach dem Mittag.
Zu dieser Zeit saß Elisabeth, mit noch fünf anderen Frauen, hinter einer der sechs Nähmaschinen in der Werkstatt. Alle waren aus der näheren Umgebung und nähten eine Uniform nach der anderen. Zu dieser Zeit gab es keine aufwendigen Anproben mehr, wie zu Karl seiner Zeit, die Uniformen wurden wie am Fließband hergestellt, in drei verschiedenen Größen. Der Auftrag wurde zwar schlecht bezahlt, doch es reichte gerade zum Überleben. Viel schlimmer war der Druck der Kommandantur, wenn der nicht gewesen wäre, hätte Lieschen nicht für ein paar Groschen am Tag geschuftet, doch sie musste. Jeden Tag kam ein Mann der Kommandantur und kontrollierte die Arbeit. Andere Kundschaft kam nicht mehr, um sich etwas schneidern zu lassen. Die Menschen hatten für so einen Luxus kein Geld mehr. Im Februar `44 fielen die ersten Bomben auf die Stadt. Das erste Mal seit Kriegsausbruch gab es in der Stadt Tote zu beklagen, obwohl die Bomben nur Randgebiete der Stadt trafen. Die einzigen Männer die sich noch in der Stadt aufhielten, waren ein paar Parteibonzen, wenige Soldaten und Greise, die die Wehrmacht nicht mehr brauchen konnte. Alle anderen waren an den Fronten des deutschen Reiches verteilt. Der Volkssturm der kleinen Stadt war gerade damit beschäftigt Verteidigungsgräben und Panzersperren rund um die Stadt zu errichten.
Nach zwei Tagen kam Unteroffizier Wagner aus Angerrapp zurück. Der Laster war mit Proviant für die ganze nächste Woche beladen und auch die für uns so wichtige Feldpost hatte er mitgebracht. Doch Wagner machte einen eigenartigen Eindruck, als er aus dem Führerhaus stieg, irgendwie nervös und aufgewühlt. Auch sein Gesichtsausdruck war nicht wie sonst, eigentlich lächelte er immer. Irgendetwas musste in Angerrapp geschehen sein. Die zwei die mit ihm mit waren begannen den Proviant auszuladen und zu verstauen. Wir halfen alle dabei, denn wir wollten unsere Post. Die Postverteilung war Wagner seine Aufgabe und das durfte kein anderer tun. An den anderen Tagen hatte er die Post gleich vom Wagen aus verteilt, heute jedoch ging er sofort Richtung Gutshaus und klopfte an die Tür. Als niemand öffnete, trat er ohne Aufforderung ein. Das hatte er während unseres gesamten Aufenthaltes hier noch nie gemacht. Es war ihm, wie auch uns, strengstens verboten das Haus ohne Aufforderung zu betreten.
„Leutnant Bochmann,“ rief er ins Haus, wobei er aber in der Tür stehen blieb. Bochmann trat aus seinem Zimmer und schrie Wagner an: „Was erlauben sie sich Unteroffizier Wagner? Ich hatte doch befohlen…“ Weiter kam er nicht, denn Wagner unterbrach ihn mit dem Wort: „Stellungsbau!“
„Was?“
„Kommen sie rein Wagner,“ sagte Bochmann kurz und die beiden verschwanden in Bochmanns Zimmer. Da aber Bochmanns Fenster geöffnet war, konnten wir die beiden hören.
„Was ist los, Wagner?“
„Also Herr Leutnant, ich habe in Gespräch zwischen Hauptmann Fischer und Oberstleutnant Schröder beim Stab mitgehört.“
„Gelauscht?“
„Zufällig, ganz zufällig,“ erwiderte Wagner.
„Und… rücken sie raus mit der Sprache. Was haben sie gehört?“
„Die Russen bereiten wohl langfristig einen Angriff vor und alle hier stationierten Truppen müssen unverzüglich mit dem Stellungsbau beginnen.“
„Davon habe ich aber noch nichts gehört.“
„Der Befehl ist auch erst heute Morgen gekommen, direkt aus Berlin.“
„Ich danke ihnen Wagner, sie können jetzt gehen.“
Er knallte die Hacken zusammen und schrie in seinem Befehlston: „Heil Hitler!“, drehte sich um und verließ das Gutshaus. Bochmann lief mit großen Schritten in seinem Zimmer auf und ab. Es dauerte nicht lange, da hörten wir wie bei Bochmann das Telefon klingelte. Eilig schritt er zu seinem Schreibtisch, nahm den Hörer ab und rief so laut, dass wir es draußen hörten: „Leutnant Bochmann, Heeresgru…,“ damit brach er ab.
„Jawohl…, jawohl! Jawohl Herr Oberstleutnant. Heil Hitler!“ Das war das einzige was Bochmann während des gesamten Gespräches sagte. Er knallte den Hörer auf die Gabel, anscheinend war er sehr wütend. Es herrschte jetzt absolute Stille. Nach ungefähr einer halben Stunde betrat Bochmann die Veranda und seine Stimme hallte über den ganzen Hof.
„Unteroffizier Wagner! In einer halben Stunde alles antreten!“
„Jawohl Herr Leutnant!“
Wagner wandte sich uns zu: „Ihr habt es gehört, in einer halben Stunde alles antreten! Uniformen in Ordnung bringen, Stiefel putzen, Koppel richten und so weiter!“
Mir war nicht wohl bei der Sache. Sollte es jetzt losgehen, dachte ich bei mir. Eigentlich waren wir ja deswegen hier, um Krieg zu führen. Die Ereignisse der letzten Wochen, hatten damit nichts zu tun gehabt. Nach kurzer Zeit kommandierte uns Wagner vor die Veranda.
„Alles in Doppelreihe antreten! Stillgestanden!“
Er schritt unsere Reihen ab. Bei fast jedem hatte er etwas auszusetzen.
„Koppel richten, Stiefel putzen, Mütze richtig aufsetzen, Kragenbinde wechseln. Alles in drei Minuten fertig. Marsch, Marsch!“
Eine gewisse Hektik brach unter uns aus. So hatte Wagner nur in den ersten drei Wochen mit uns gesprochen. Hier auf dem Gut hatte er noch nie so einen Ton angeschlagen.
„Alles antreten“, schrie er schon wieder über den Hof.
Wieder schritt er unsere Reihen ab, doch die Mängel die er fand, waren gering und konnten an Ort und Stelle abgestellt werden. Sichtlich zufrieden reihte er sich dann, rechts von uns in die erste Reihe ein. Leutnant Bochmann ließ noch auf sich warten. Es verging bestimmt noch eine viertel Stunde ehe Bochmann erschien. Er betrat die Veranda und stellte sich aufrecht hin, die Arme stützte er auf das Geländer.
„Soldaten, es gibt neue Befehle. Es wird vermutet, dass der Russe sich formiert und langfristig einen Großangriff plant. Aus diesem Grund hat die Heeresgruppe Mitte befohlen, dass alle zur Verfügung stehenden Kräfte des Heeres zum Stellungsbau herangezogen werden. Wo wir genau zu schanzen haben, wird uns noch mitgeteilt. Das Schanzgerät wird noch in dieser Woche in Angerrapp eintreffen, wo wir es unverzüglich abholen werden und mit dem Stellungsbau an uns zugewiesener Stelle beginnen werden. Weiterhin…, wurde die Bewachung der Unterkünfte von deutschen Soldaten angeordnet. Rund um die Uhr! Es ist mit feindlichen Partisaneneinsätzen zu rechnen. Unteroffizier Wagner! Teilen sie die Leute so ein, dass immer zwei Soldaten im sechs Stunden Rhythmus auf Wache stehen. Mit voller Bewaffnung und scharfer Munition.“
„Jawohl Herr Leutnant!“
„Das war es fürs erste. Sowie ich etwas Näheres erfahre werde ich sie sofort davon in Kenntnis setzen. Der Wachdienst beginnt sofort! Unteroffizier Wagner, lassen sie wegtreten.“
„Jawohl Herr Leutnant! Heil Hitler!“
Bochmann verschwand wieder im Haus und Wagner postierte sich vor uns auf.
„Ihr habt gehört was der Leutnant gesagt hat. Anton und Wilhelm, ihr übernehmt die erste Wache. Werner und Paul, ihr übernehmt die nächste. Alles weitere später! Wegtreten!“
Keiner sagte ein Wort. Das erste Mal, seit dem wir hier waren stieg Angst in mir hoch. Angst vor dem sterben. Den anderen schien es genauso zu gehen. Es war schon ein ungewöhnliches Bild, als ich Anton und Wilhelm mit dem Stahlhelm auf dem Kopf und mit geladener Waffe um das Gutshaus gehen sah. Das passte überhaupt nicht zu dieser friedlichen Landschaft. Wenn Tretkow an den Wachen vorbeiging schüttelte er nur verständnislos den Kopf. Er hielt die ganze Sache für übertrieben.
In der nächsten Woche fuhr ich mit vier anderen Kameraden und Wagner nah Angerrapp, um wie befohlen das Schanzgerät abzuholen. Wir fuhren mit unserem Laster die Allee nach Angerrapp entlang. Ich saß ganz rechts im Führerhaus, als ich plötzlich im Rückspiegel eine riesige Staubwolke entdeckte, die auf uns zukam. In dem Moment überholte uns ein Kübelwagen. Wild mit den Händen winkend versuchte uns der Fahrer zum anhalten zu bringen. Wagner steuerte den Laster an den Straßenrand und der Kübelwagen hielt genau in der Höhe unseres Führerhauses. Ein aufgeregt wirkender Leutnant stellte sich aufrecht hin, so dass sein Kopf ins Führerhaus ragte. Er schrie uns zu: „Mann, machen sie die Straße frei, oder wollen sie unbedingt überrollt werden?“
„Wieso überrollt?“, fragte Wagner nach.
„Fragen sie nicht so lang, lenken sie ihren Laster an den Rand, hinter ihnen kommt eine Kolonne Panzer. Wir sind auf dem Weg zur Front und wollen den Russen mal ein wenig einheizen.“
Wagner legte so schnell es eben ging bei dem alten Laster den Gang ein und steuerte den nächsten Feldweg an. Kaum waren wir zum stehen gekommen, donnerte der Kübelwagen an uns vorbei. Ich lehnte mich aus dem Fenster und sah wie eine ungeheure Wolke aus Dreck und Staub auf uns zukam. Sie kam immer näher, einen Panzer konnte ich aber nicht erkennen, nur der Lärm, der wurde immer unerträglicher.
„Die armen Schweine,“ brummelte Wagner mehr zu sich selbst, doch ich hatte ihn verstanden. So eine Gefühlsregung hätte ich ihm nicht zugetraut. Es verging bestimmt eine Stunde ehe alle Panzer und Begleitfahrzeuge an uns vorbei waren. Noch fast eine weitere Stunde mussten wir ausharren, ehe sich die Staubwolke so einigermaßen verzogen hatte.
In Angerrapp erwartete uns keiner mehr. Schließlich hatten wir über zwei Stunden Verspätung. Das Stabsgebäude war verschlossen und kein einziger deutscher Soldat war zu sehen. Auf der Poststelle erkundigte sich Wagner, nach den Leuten vom Stab. Er erfuhr, dass der gesamte Stab am Morgen nach Angerburg verlegt worden sei. Unteroffizier Wagner war sich unschlüssig was er tun sollte. Angerburg lag noch einmal vierzig Kilometer südlich von Angerrapp. Er entschloss sich, dass Risiko einzugehen und ohne Bochmann Meldung zu machen, den Weg nach Angerburg anzutreten.
Die Straße nach Angerburg war wie fast alle Straßen hier, mit einem holprigen Kopfsteinpflaster ausgestattet. Gesäumt wurde die Straße auch hier wieder von sehr alten, riesigen Bäumen. Diese Allee verlief parallel zu einem Fluss und jetzt im Mai standen die die Bäume in ihrer vollen Blüte. Bald hätte ich angefangen zu träumen, doch die vorhin an uns vorbei gezogenen Panzer hielten mich davon ab und erinnerten mich daran aus welchem Grund wir hier waren. Nämlich um Krieg zu führen. Angerburg erreichten wir am frühen Abend, wir hatten knapp vier Stunden gebraucht. Unser Laster war ja mit Baujahr `38 auch nicht mehr der Jüngste und hatte schon einige tausend Kilometer hinter sich gebracht. Angerburg war schon eine größere Stadt, zu mindest die Größte die ich hier in Ostpreußen bisher gesehen habe. Auf unserer Suche nach dem neuen Stabsgebäude musste Wagner den Laster durch verwinkelte Straßen und Gassen steuern. An einigen Stellen musste er sogar vor- und zurücksetzen ehe er um die Kurve kam. Nach gut einer viertel Stunde hatten wir das neue Stabsgebäude gefunden.
„Ihr bleibt im Wagen“, herrschte er uns an, ihn schien die Fahrt ganz schön angestrengt zu haben, denn er wirkte sehr gereizt. Er sprang vom Laster und ging festen Schrittes auf das Stabsgebäude zu. Er erreichte die Tür und wollte in dem Augenblick gerade klopfen, als sich die Tür öffnete und ihm eine junge Frau entgegen trat. Sie war vielleicht Anfang zwanzig, hatte lange blonde Haare, die sie offen trug. Auch ich sah sie vom Laster aus. Irgendwie schien ihr die Begegnung mit Wagner unangenehm zu sein, denn sie würdigte ihn keines Blickes und verschwand so schnell sie konnte auf der Straße. So eine hübsche Frau hatte ich zuvor noch nicht gesehen. Ihr Gesicht sprühte nur so vor Lebensfreude. Sie trug ein knielanges, oben eng anlegendes geblümtes Sommerkleid und in der Hand trug sie eine Strickjacke. Ehe sie auf der Straße aus meinen Blicken verschwand, warf sie sich mit einer eigentümlichen Bewegung, wie sie nur Frauen beherrschen, ihre Strickjacke über die Schultern. Ihr eng anliegendes Kleid spannte sich über ihre kleine, jugendlich wirkende Brust, während sich das Kleid um ihre Knie herum im Rhythmus ihrer Schritte bewegte. Es war das bezauberndste Wesen was ich je gesehen hatte. Ganz in Gedanken versunken, öffnete ich die Tür des Führerhauses und stieg aus. Da stand ich nun auf der staubigen Straße, vor irgend so einem Stabsgebäude mitten in Ostpreußen und das süßeste Geschöpf auf Erden lief vor mir die Straße entlang. Bevor sie ihre Richtung änderte und in eine andere Straße einbog, drehte sie ihren Kopf noch einmal in meine Richtung und sah mir direkt in die Augen. Das war für mich nicht nur so ein Blick, das war genau der Blick und er traf mich direkt ins Herz. Ich fühlte ein stechen im Herz und ein kribbeln im Bauch. Ich wollte ihr noch etwas zurufen, doch ich brachte keinen Laut über meine Lippen. Schließlich war sie aus meinen Blicken verschwunden. Ich stand da, wie vom Blitz getroffen und konnte mich nicht von der Stelle rühren, bis mir jemand mit ungeheurer Wucht auf die Schulter klopfte. Mit einem Ruck drehte ich mich um und ich sah Wagner in die Augen. Er hatte mich wohl die ganze Zeit über beobachtet.
„Hat dich der Blitz getroffen, oder warum stehst du hier wie angewurzelt und gaffst der jungen Frau hinterher?“
„Aber…,“ ich brachte keinen Ton heraus.
„Lass mal gut sein Karl, die siehst du nie wieder. Außerdem ist sie sowieso viel zu jung für dich,“ und Wagner lachte laut los. Ich blickte ihm fest in die Augen und sein Lachen verstummte langsam. Wortlos ging ich an ihm vorbei und ließ mich hinter dem Laster auf den staubigen Boden sinken. In diesem Augenblick wusste ich, dass diese Frau etwas Besonderes war. Ob ich sie wohl jemals wieder sehen würde? Weiter kam ich nicht in meinen Gedanken, denn vom Stabsgebäude her schrie jemand: „Was ist denn da los? Wer sind sie und was wollen sie hier?“
Wagner machte seine Meldung und teilte dem Hauptmann mit, dass wir hier waren, um das Schanzgerät für unsere Einheit zu holen.
„Jetzt noch?“ Der Hauptmann zückte seine Taschenuhr, ließ den Deckel aufspringen und schrie: „Zwanzig Uhr? Jetzt ist die Ausgabestelle nicht mehr besetzt. Kommen sie morgen früh wieder!“
Aber wo sollen wir denn übernachten?“ fragte Wagner zögerlich.
„Wenden sie sich an Feldwebel Langemann, den finden sie im Nebengebäude. Heil Hitler!“ Mit einem lauten Knall schloss sich die Tür des Stabsgebäudes.
„Ihr wartet hier“, schnauzte Wagner uns entgegen und ging Richtung Nebengebäude. Als er wieder zurückkam, sagte er: „Man hat uns ein Quartier, ungefähr zehn Minuten von hier zugewiesen. Den Laster lassen wir bis morgen früh hier stehen. Leutnant Bochmann habe ich auch verständigt, dass wir frühestens morgen kommen.
Schweigend machten wir uns auf den Weg, unbewusst musste ich wieder an sie denken. Ich ertappte mich dabei, wie meine Augen suchend von einer Straßenseite zur anderen wanderten.
Am nächsten Morgen gegen sieben gingen wir zum Stab. Feldwebel Langemann übergab uns das Schanzgerät, welches in Wirklichkeit nur aus Spaten, Schaufeln und Spitzhacken bestand. Wir verluden alles auf unseren Laster und machten uns auf den Weg zurück nach Trempen. Auf dem Rückweg dachte ich wieder an sie. Ich sah sie wieder vor mir, wie sie ihre Strickjacke geschickt über ihre Schultern warf und diesen Blick, der mich wie ein Blitz getroffen hatte.
„He,… nicht träumen, wir sind da.“
Wagner riss mich aus meinen Träumen. Der Laster kam zum stehen, wir luden die ganzen Gerätschaften ab und verstauten sie in einem kleinem Schuppen neben dem Stallgebäude.
Eigentlich wäre ich in der kommenden Nacht mit Wache dran gewesen, doch Wagner änderte den plan noch einmal, so war ich erst übermorgen an der Reihe. Am nächsten Morgen war pünktlich sechs Uhr Morgenappell. Außer den beiden die Wache hatten, mussten alle daran teilnehmen. An dem morgen wurden wir in Gruppen eingeteilt. Wir bekamen genaue Orts-
und Lagebeschreibungen und mussten uns anschließend auf den Weg machen. Jeden Tag mussten wir jetzt schanzen was das Zeug hielt. Zumindest hatte sich Leutnant Bochmann so ausgedrückt. Bis Ende Juli musste der Abschnitt fertig sein. Er verlief von Trempen aus in südliche Richtung, in einer fast geraden Linie auf Angerburg zu. Wir waren immer zu fünft unterwegs. Wir kamen ganz gut voran, der Boden war noch nicht so ausgetrocknet und hart, obwohl schon seit zwei Wochen kein Regen mehr gefallen war. Wir hoben ungefähr ein Meter tiefe Gräben aus, sie sollten uns, als auch eventuell sich zurückziehende Truppen, als Verteidigungslinie dienen. Obwohl Bochmann immer sagte, dass es keine sich zurückziehenden Truppen geben würde, waren wir uns da nicht so sicher. Nach den ersten Stunden konnten meine Hände kaum noch den Schaufelstiel festhalten, es bildeten sich im Laufe kürzester Zeit immer mehr Blasen an ihnen. Dann begannen sie eine nach der anderen aufzuplatzen. Mine Hände brannten höllisch, aber den anderen erging es auch nicht viel anders, keiner wagte jedoch zu jammern. In immer kürzer werdenden Abständen meldeten sich auch andere Körperteile mit Schmerzen. Gerade als wir uns eine kurze Verschnaufpause gönnten, kam Bochmann mit seinem Motorrad angefahren.
„Ihr sollt schanzen und nicht die ganze Zeit mit Pausen vertrödeln,“ schnauzte er uns an. Wortlos hielten wir ihm unsere Hände entgegen, die wirklich erbärmlich aussahen. Doch das interessierte Bochmann nicht.
„Befehl ist Befehl,“ meinte er nur und trieb uns weiter an. Als wir gegen zwanzig Uhr auf dem Gut ankamen, waren wir zu nichts mehr fähig. Jetzt nur noch eine kleine Katzenwäsche und dann schlafen. Ich nahm gerade noch den ersten Schnarchton meines Nachbarn war, um sofort selbst tief und fest einzuschlafen. Die Blasen an den Händen schlossen sich über Nacht, um am nächsten Tag wieder aufzuplatzen. So ging es weiter Tag für Tag, Woche für Woche. Die Sonne stieg täglich höher und höher. Nach den ersten Sonnenbränden auf unseren Oberkörpern, wurden diese dann tief braun. Es wurde immer unerträglicher in den Gräben, kein Lüftchen wehte darin und der Schweiß lief uns in Strömen herunter. Am Morgen hatte uns Wagner einen Wasserwagen gebracht, dessen Nass für Erfrischung sorgen sollte, doch im Laufe des Tages wurde das Wasser immer wärmer und zur Mittagszeit war es nur noch eine ungenießbare Brühe. Es wurde auch von Tag zu Tag schwieriger zu graben, da die Erde immer mehr austrocknete. An einigen Stellen in den Gräben hoben wir noch Erdlöcher aus, die zum Schutz vor Regen und Schnee dienen sollten. Diese bekamen noch einen notdürftig zusammengenagelten Deckel, der ungefähr in der Mitte ein Entlüftungsloch besaß.
Tatsächlich schafften wir es bis Ende Juli unseren Abschnitt fertig zu stellen. Wir hatten uns ungefähr auf einer Länge von zwanzig Kilometern, wie die Maulwürfe durch die Erde gewühlt. Vorbei an Bächen, Wäldern und Feldern. Bochmann konnte die Fertigstellung pünktlich dem Stab melden. Er ließ es sich nicht nehmen dies persönlich zu tun. Am nächsten Morgen machte er sich zusammen mit Wagner und mir Richtung Angerburg auf. Wir sollten zuerst das Schanzgerät in Ordnung bringen und anschließend Waffen reinigen. Dem Gefreiten Wrobel wurde das Kommando für diesen Tag übertragen. Gut zwei Stunden brauchten wir bis Angerburg, da wir diesmal nicht den Laster nahmen, sondern das Motorrad mit Beiwagen. Unterwegs überholten wir zwei Pferdefuhrwerke, auf denen Jungen der Hitlerjugend saßen, die sicherlich als Erntehelfer eingesetzt werden sollten. Mit einer großen Staubwolke brachte Wagner das Motorrad vorm Stabsgebäude zum stehen.
„Gegen sechzehn Uhr holen sie mich wieder hier ab, in der Zwischenzeit kümmern sie sich um Benzin und machen ausfindig, ob und wo sich hier ein Lazarett befindet. Nur für den fall, dass wir mal ärztliche Hilfe benötigen.“ Mit diesen Worten verschwand Bochmann im Stabsgebäude. Wagner setzte seinen Stahlhelm ab und sein Käppi auf, dabei sagte er zu mir: „Ich werde mich mal bei Feldwebel Langemann ein bisschen umhören. Du wartest hier auf mich.“ Ich hatte großen Durst von der staubigen Fahrt bekommen. Etwas abseits stand ein Brunnen und sein Wasser war köstlich kühl und erfrischend. Ich ließ mich am Brunnenrand nieder. Fast genau an dieser Stelle hatte ich schon einmal warten müssen. Und das Bild der blonden, jungen Frau holte mich wieder ein. Eigentlich hatte ich sie schon fast vergessen bei der ganzen Plackerei der letzten Wochen. Ich sah sie vor mir, wie sie leichten Schrittes die Stufen der Kommandantur herunter kam. Meine Blicke
schweiften sehnsüchtig über den Platz, doch außer ein paar älteren Frauen mit ihren Kopftüchern, die alle irgendwelche Körbe trugen und einem alten Mann auf einer Bank, war niemand zu sehen. Der alte Mann saß unter einem riesigem Lindenbaum. Er hatte dichtes weißes Haar und seinen Kopf stütze er auf einen knorrigen alten Stock. Irgendwie hatte der Alte eine magische Anziehungskraft auf mich. Gemächlichen Schrittes ging ich auf ihn zu. Misstrauisch blickte ich ab und zu nach dem Motorrad und vor allem zur Tür der Kommandantur in der Wagner verschwunden war. Doch die Tür blieb geschlossen und das Motorrad stand auch noch. Ich setzte mich neben den Alten, der ohne eine Regung sitzen blieb und keinen Ton von sich gab.
„Guten Tag mein Herr,“ sagte ich leise zu ihm.
„Kann ich ihnen helfen?“ fragte ich etwas lauter.
Nein!“ brummte er.
Da saßen wir nun im Schatten des riesigen Baumes und schwiegen vor uns hin. Ich weiß gar nicht mehr wie viel Zeit vergangen war, als sich die Tür der Kommandantur öffnete und Wagner hinaus trat. Ich erhob mich sofort und wollte gerade den ersten Schritt tun, als der Alte seine Kopf hob und sagte: „Junge, flieh so lange noch Zeit ist. Es werden bald schreckliche Dinge hier passieren.“ Ich drehte mich um und sah den Alten an. Doch dieser hatte seinen kopf schon wieder auf seinen Stock gesengt.
„Woher wissen sie…?“ Was wollte er mir damit wohl sagen? Mit diesen Worten im Ohr ging ich auf Wagner zu, der schon ungeduldig wurde.
„Ist was“, fragte mich Wagner, als ich ihn erreichte.
„Nein, nein“, entgegnete ich ihm.
Jetzt besorgen wir erstmal Benzin und anschließend fahren wir ins Lazarett. Ich war immer noch etwas verstört von den Worten des Alten. Als wir an dem Baum vorbei fuhren, saß der Alte immer noch da.
Langsam verschwand er aus meinem Blickfeld. Benzin zu bekommen war zu dieser Zeit noch keine Schwierigkeit. Wir tankten also voll und fuhren zum Lazarett. Mit knatterndem Motor hielten wir vor dem großen Gebäude. Neben der Hakenkreuzfahne wehte die Rot- Kreuzflagge im Wind. Wie es schien war dies früher das Schulgebäude. Wagner verschwand hinter einer weiß getünchten Tür und ich sollte wie immer beim Motorrad warten. Da die Sonne jetzt schon hoch am wolkenlosen Himmel stand, suchte ich mir vor dem Haus ein schattiges Plätzchen. Ich hockte mich vor die Veranda, welche das ganze Haus umgab, unter einen Baum, lockerte meine Uniform und döste ein wenig vor mich hin. Mir kamen die Worte des Alten wieder in den Sinn, aber ich versuchte sie zu verdrängen, was sollte mir schon passieren. Bis jetzt war ja auch alles gut gegangen, wir hatten noch nicht einmal Feindkontakt. Nicht einen einzigen Russen hatten wir gesehen. Plötzlich hörte ich von der Veranda ein Geräusch, ich drehte mich um, weil ich dachte Wagner kommt schon wieder, doch es wurde ein Mann in einem Rollstuhl auf die Veranda geschoben. Er hatte keine Beine mehr und der Rest der davon noch übrig war steckte unter dickem Verbandsmull. Der linke Arm hing ebenfalls in einer Schlinge und war dick bandagiert. Da wo eigentlich das linke Auge sein sollte, war nur eine schwarze Augenklappe zu sehen. Ich sah den Mann an, erhob mich langsam und Plötzlich sprach der Mann mich an.
„Was haben sie Junge“, fragte er mich, „haben sie noch nie einen Verwundeten gesehen?“
„Nein“, stammelte ich und kam mir so elend vor, einfach so da zu stehen und ihn anzusehen. Aber ich hatte wirklich noch nie einen Verwundeten gesehen. Er schaute mir jetzt direkt in die Augen.
„Eine Miene! Eine verdammte russische Landmiene hat mich voll erwischt. Wenn ich doch nur noch meine Beine hätte, ich würde zurückgehen und so viele wie möglich von den verdammten Russen ins Jenseits schicken.“
Langsam ging ich um die Umzäunung der Veranda, betrat diese und näherte mich dem Mann, immer noch voller Entsetzen über seine Verwundungen. Ob mir so etwas auch passieren würde? Was würde Lieschen sagen, wenn ich so nach Hause käme? Nein lieber wäre ich tot, als so zu enden. Das waren meine Gedanken, als ich mich dem Verwundeten näherte.
„Wo…? Wo ist das passiert?“
„Ich war bei Wilkowischki stationiert. Mit vier anderen Kameraden war ich unterwegs, um die Gegend auszukundschaften, als sich plötzlich die Erde vor uns mit lautem Knall öffnete. Dann wurde mir schwarz vor Augen und einige Tage später bin ich dann hier und so, er zeigte mit seinem gesunden Arm auf seine Beine, erwacht. Das ganze ist jetzt fast zwei Monate her. Nächste Woche geht ein Verwundetentransport von Angerburg Richtung Deutschland, dann soll ich entlassen werden und nach Hause fahren. Für mich ist der Krieg zu Ende.“ Traurig senkte er seinen Kopf und ich hatte fast den Eindruck, er sei traurig nach Hause zu kommen.
Ich war bestürzt von seiner Erzählung und hockte mich neben den Rollstuhl auf den Boden. So saßen wir schweigend nebeneinander. Wie lange wir so nebeneinander saßen kann ich gar nicht mehr sagen. Mehr im Unterbewusstsein nahm ich war, das jemand aus dem Haus kam und die Veranda betrat.
„Ist ihnen nicht gut, sie sind ja ganz blass,“ fragte mich eine wohlklingende, jung wirkende, weibliche Stimme, als ich mich umdrehte. Ich sah der Frau in die Augen und erkannte sie wieder. Sie war das bezaubernde Wesen, welches ich vor einiger Zeit aus dem Stabsgebäude habe kommen sehen.
„Nein, nein…,“ stammelte ich.
„Ich war nur so in meine Gedanken vertieft,“ fügte ich noch während des Aufstehens hinzu. Da stand ich nun, neben der wohl aufregendsten Frau, die ich je gesehen hatte. Ihre blonden, langen Haare waren unter einer Schwesternhaube verschwunden und der weiße Kittel den sie trug, betonte ihre Figur noch. In dem Moment hatte ich den Eindruck, dass sie mich wieder erkannte.
„Wir haben uns schon einmal gesehen,“ sagte ich, „vor einigen Wochen, als ich vor der Kommandantur stand.“
„Ja ich weiß, ich habe sie gleich wieder erkannt.“
Wir standen nur wenige Zentimeter von einander entfernt und sahen uns in die Augen. Ich konnte ihren Atem spüren und ihren Duft wahrnehmen. Es war ein Gemisch aus Desinfektionsmittel und Äther. Einen schöneren Duft konnte ich mir damals gar nicht vorstellen. Sie schickte sich an, den Mann im Rollstuhl wieder ins Haus zu schieben.
„Darf ich ihnen helfen“, fragte ich sie.
„Gern“, und somit schob ich den Rollstuhl ins Haus. Sie ging vorne weg und öffnete die Türen. An das was mir der Mann vorhin erzählte dachte ich überhaupt nicht mehr, ich hatte nur noch Augen für sie. Den Rollstuhl schob ich in das von ihr angewiesene Krankenzimmer, in dem noch mehrere Verwundete lagen.
„Soll ich ihnen noch ins Bett helfen“, fragte ich den Mann,
der darauf antwortete: „Nein, nein ich möchte noch ein wenig hier sitzen bleiben und aus dem Fenster sehen.“
Ich drehte mich um und verließ das Krankenzimmer.
„Wie ist dein Name“, fragte sie mich, ich machte auf dem Absatz kehrt und sah ihr direkt in die Augen.
„Karl“, erwiderte ich.
„Ich heiße Lotte, wollen wir einen Tee zusammen trinken?“
„Ja gern, wenn du Zeit hast.“
Wortlos gingen wir beide in ein Zimmer, in dem nur ein Tisch mit vier Stühlen, ein Holzherd und ein Schrank standen. Auf dem Herd stand schon ein Kessel mit Wasser. Aus dem Schrank nahm sie zwei Tassen, füllte den Tee hinein und brühte ihn mit dem heißen Wasser auf. Bei der Hitze die draußen herrschte, wäre mir zwar ein kaltes Getränk lieber gewesen, aber ich war von ihr so fasziniert, ich hätte auch heißes Wasser getrunken und es hätte mir köstlich geschmeckt. Sie stellte mir die dampfende Tasse Tee hin und sagte: „Setz dich doch hin.“
Auch sie setzte sich an den Tisch, mir genau gegenüber.
„Wo kommst du her“, fragte ich sie.
Ich komme aus Kowno, dort habe ich auch schon im Lazarett gearbeitet. Mitte Juli sind wir mit dem gesamten Lazarett, hierher nach Angerburg verlegt worden.“
„Weil die Russen kamen“, fragte ich ungläubig.
„Ja, und es war auch gut so, denn soweit ich gehört habe, haben die Russen Kowno am 25.Juli eingenommen. Bestimmt müssen wir hier auch bald wieder weg.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen“, entgegnete ich ihr.
Sie zuckte leicht mit ihren schmalen Schultern.
„Und wo kommst du her?“
Als ich gerade antworten wollte, stieß jemand die Tür auf.
„Herr Stabsarzt, “ sagte Lotte erschrocken.
„Hier sind sie also, ich habe sie schon überall gesucht. Kommen sie schnell, sie müssen mir bei einer Operation assistieren.“
Бесплатный фрагмент закончился.
