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Inhalt
1 Cover
2 Titelei
3 Fährschiff
4 Ein Tag vor dem Unwetter
5 Hotel
6 Der Tag des Unwetters
7 Hotel
8 Der Tag des Unwetters
9 Hotel
10 Erster Tag nach dem Unwetter
11 Hallig
12 Drei Tage vor dem Unwetter
13 Hallig
14 Erster Tag nach dem Unwetter
15 Hotel
16 Erster Tag nach dem Unwetter
17 Fährschiff
18 Sechs Tage vor dem Unwetter
19 Hotel
20 Erster Tag nach dem Unwetter
21 Fährschiff
22 Zwei Wochen vor dem Unwetter
23 Hotel
24 Erster Tag nach dem Unwetter
25 Fährschiff
26 Drei Tage vor dem Unwetter
27 Hotel
28 Erster Tag nach dem Unwetter
29 Minigolfplatz
30 Erster Tag nach dem Unwetter
31 Kirche
32 Erster Tag nach dem Unwetter
33 Kirche
34 Erster Tag nach dem Unwetter
35 Hallig
36 Erster Tag nach dem Unwetter
37 Hotel
38 Der Tag des Unwetters
39 Hotel
40 Erster Tag nach dem Unwetter
41 Minigolfplatz
42 Der Tag des Unwetters
43 Hotel
44 Erster Tag nach dem Unwetter
45 Hotel
46 Der Tag des Unwetters
47 Hotel
48 Zweiter Tag nach dem Unwetter
49 Hotel
50 Der Tag des Unwetters
51 Hallig
52 Der Tag des Unwetters
53 Angestelltenhaus
54 Zweiter Tag nach dem Unwetter
55 Hallig
56 Der Tag des Unwetters
57 Hotel
58 Zweiter Tag nach dem Unwetter
59 Hallig
60 Der Tag des Unwetters
61 Hotel
62 Zweiter Tag nach dem Unwetter
63 Hotel
64 Zweiter Tag nach dem Unwetter
65 Hallig
66 Zweiter Tag nach dem Unwetter
67 Generatorhaus
68 Zweiter Tag nach dem Unwetter
69 Das Ende
70 Zweiter Tag nach dem Unwetter
71 Kurzes Nachwort
72 Anhang
73 Danksagung
Günter Wendt
Die letzte Fähre ging um fünf
Ein Krimi von den Halligen

Halligen-Krimi
Wendt, Günter : Die letzte Fähre ging um fünf. Ein Krimi von den Halligen. Hamburg, edition krimi 2021
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-946734-89-5
Das Original ist 2017 im Ahead and Amazing Verlag erschienen.
Dieses Buch ist auch als eBook erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.
ePub-eBook: 978-3-946734-97-0
Satz: 3w+p GmbH, Rimpar
Lektorat: Dr. Katrin Schäfer und Kristina Jelinski
Umschlaggestaltung: © Annelie Lamers, Hamburg
Umschlagmotiv: www.pixabay.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
Die edition krimi ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,
Hermannstal 119k, 22119 Hamburg und Mitglied der Verlags-WG:
www.bedey-thoms-verlag.de
© edition krimi, Hamburg 2021
Alle Rechte vorbehalten.
https://www.edition-krimi.de Gedruckt in Deutschland
Fährschiff
Ein Tag vor dem Unwetter
17:00 Uhr
Das kleine Fährschiff Strandkrabbe pflügte durch die Wellen des Wattenmeeres mit Kurs auf Grienoog. Der Kapitän Hauke Ehlers, gleichzeitig Chef der Reederei Carstens, war guter Dinge. Er scherzte mit einem der Offiziere, als er die Geschwindigkeit erhöhte, sodass die Gischt am Bug meterhoch spritzte.
Herrliches Wetter! Sonne, 24 Grad, und Wind mit Stärke 4 bis 5 von vorne.
Besorgt blickte sein Gesprächspartner durch die Frontscheibe auf den Bugbereich, wo sich Urlauber juchzend vor dem Wasser in Sicherheit brachten. Der Wind war nicht das Problem. Auch nicht die Wellen. Er machte sich eher Sorgen um die Passagiere, die im Innenraum saßen und nicht wussten, ob sie sterben oder sich übergeben sollten.
„Käpt’n, ... sollten wir nicht etwas langsamer ...?“
„Ach was. Papperlapapp! Das hält mein Mädchen aus!“, unterbrach ihn Ehlers. Mit seinen knapp 80 Jahren ließ er es sich nicht nehmen, eigenhändig die Strandkrabbe jeden Tag von Husum nach Amrum zu steuern. Das war seine Welt. Hier kannte er sich aus. Auf See musste man nur die Geräte im Auge behalten. Sonst gab es nichts zu tun. Und Gas geben natürlich. Volle Kraft voraus! Früher gab es nur einen Kompass, das Radar und eine Karte. Heute leistete der Autopilot die meiste Arbeit. Nur das Ab- und Anlegen musste manuell gesteuert werden.
Manchmal fragte er sich, ob das Schiff nicht alleine dorthin fahren könnte. Ferngesteuert über Satellit oder per Software. War aber verboten. Irgendwann in ferner Zukunft würde es das sicher geben. Dass immer noch Menschen auf Schiffen benötigt wurden, fand er allerdings ganz in Ordnung. Er schüttelte innerlich den Kopf. Eine Seefahrt wäre dann nicht mehr lustig. Sie wäre todlangweilig. Würde er nicht durch das Wattenmeer mit überhöhter Geschwindigkeit preschen, wäre der Spaß vorbei. Bei der Wasserschutzpolizei war er bekannt dafür und hatte auch bereits mehrere Strafen einkassiert. Seine Mitarbeiter bekamen jedes Mal eine ungesunde Gesichtsfarbe, wenn sie hörten, dass „der Alte“ wieder auf der Brücke stand. Das bedeutete unter Umständen zerbrochenes Geschirr, kotzende Gäste und den einen oder anderen blauen Fleck eines Passagiers, der zu viel Bier getrunken hatte.
Das Schiff hüpfte auf den Wellen, donnerte auf das Wasser, tauchte tief ein und weiter ging der Wellenritt. Ehlers wusste genau, was er von seiner Krabbe verlangen konnte. Das hatte er im Urin. Bauchgefühl und so. Erfahrung.
„Grienoog“, gab er lakonisch von sich, bevor die anderen die Hallig mit ihren Ferngläsern entdeckt hatten. Darüber wunderte sich inzwischen niemand seiner Mitarbeiter. In den 70er-Jahren, als Ehlers seine Schiffe zu steuern begann, wurden immer hektisch die Gläser an die Augen gepresst. Nee, der konnte doch nicht! Konnte er! Heute hatten sie sich daran gewöhnt, dass zehn Minuten vor Ankunft der Chef behauptete, dass da vorne diese oder jene Hallig oder Insel liegen würde. So auch dieses Mal.
Krachend kam Leben in die Lautsprecher. Ein Mitarbeiter der Reederei machte die Passagiere darauf aufmerksam, dass sie das erste Ziel in Kürze erreichen würden. Die Durchsage beendete er mit den obligatorischen Hinweisen für das bevorstehende Anlegemanöver.
Ein müder Mann in einer schwarzen Lederjacke saß auf dem Oberdeck. Nicht mehr ganz jung, aber nicht unsportlich. An den Schläfen graue Haare, im Gesicht einen Dreitagebart. Im Nacken baumelte ein Zopf. Seine Beine steckten in ausgewaschenen Jeans, die Füße in blauen Sneakers. Neben ihm ein großer Lederkoffer, der schon bessere Tage gesehen hatte, und zwei gelbe Umhängetaschen aus LKW-Plane, auf dem das Logo einer Spedition zu erkennen war.
Das Schiff vollführte die letzten Manöver, als die Gangway auch schon auf die Holzbohlen des Anlegers geknallt wurde. Mit einem Ächzen erhob sich der Mann, richtete seine Jacke, griff sich den Koffer, hängte sich die Taschen um und blinzelte in die Sonne.
Er zog eine lädierte Zigarette hervor und steckte sie sich in den Mund.
„Herr Kollerup!“, knarzten die Bordlautsprecher empört mit einer Prise Vorwurf, „Wir wären dann da.“
Der Angesprochene richtete seinen Blick zur Schiffsbrücke und winkte dem ungeduldigen Offizier, bevor er als einziger Passagier die Fähre verließ. Hinter ihm wurde rasselnd die Gangway eingeholt und die Strandkrabbe schoss weiter Richtung Amrum.
Hauptkommissar Kollerup, Leiter der Husumer Mordkommission, ließ seinen Koffer fallen und zündete sich die Zigarette an. Mit ausgebreiteten Armen und halbgeschlossenen Augen stand er im Wind, mit leicht flatterndem Zopf und ausgebreiteten Armen. Eine Hallig wie aus einem Film. Sattgrünes Gras mit den Sprenkeln des Halligflieders.
Ganz in der Nähe ragte ein weißleuchtender Haubarg auf einer Warft auf. Mehrere mit Reet gedeckte Häuser standen auf anderen Warften. Außer direkt am Hotel gab es keine Bäume. Niedrige Sträucher und Büsche, gebeugt vom stetigen Wind, beherrschten die karge Landschaft. Über allem spannte sich ein tiefblauer wolkenloser Himmel, über den Schwalben hin- und herflitzten. Scheiße, ging es ihm durch den Kopf, ist das geil hier! Er setzte sich auf eine Bank, die am Anleger stand, rauchte seine Zigarette. Und diese Ruhe!
Dass er Urlaub bitter nötig hatte, spürte er erst jetzt. Zu Hause in der Husumer Mordkommission gab es zurzeit nichts zu tun. Das bisschen Arbeit würde sein Kollege Larsson schon schaffen. Außerdem war dieser Urlaub für ihn kostenlos. Alles inklusive. Er hatte in einem Preisrätsel des Husumer Tageblattes den ersten Preis gewonnen. Eigentlich mit Partner. Da er seit Jahren keine feste Partnerin hatte und niemanden sonst mitnehmen wollte, griff er zu, als man ihm sagte, dass er dann eben drei Wochen bleiben durfte. Das, was er hier sah, übertraf sämtliche Erwartungen. An eine kleine, muffig riechende Pension hatte er gedacht, als er in der Beschreibung des ersten Preises las, dass das Hotel Deichvogt auf der Hallig Grienoog liegen solle.
Er trat die Zigarette aus und schlurfte zum Hotel. Mit jedem Schritt fiel die Müdigkeit von ihm ab.
Als er die Warft erreicht hatte – sie war doch weiter weg vom Anleger, als es den Anschein hatte –, war er total verschwitzt. Und sie war höher, als er dachte. Eine Treppe führte zum Eingangsbereich, die ihn an den Song Stairway to heaven erinnerte. Gottlob kam ihm ein Angestellter entgegen, der ihn mit den Worten begrüßte: „Moin. Schon da? Sie hätten den Beeper am Anleger benutzen sollen, dann wäre ich mit dem E-Mobil gekommen.“
„Beeper?“, fragte Kollerup.
„Ja, mit ihrem Smartphone können sie per App, die Sie bei der Buchung bekommen hatten ...“ Er verstummte, als der Kommissar ihm seinen Klapp-Knochen zeigte. „Ach ..., so was gibt’s noch?“ Ungläubiges Staunen.
„Ich hab’ mein Diensthandy zu Hause gelassen.“ Kolle zuckte mit den Schultern, als der Angestellte sich den Koffer schnappte und die Stufen hochpreschte. Minuten später fand sich ein schnaufender Polizist dann ebenfalls im Foyer ein. Eine hübsche junge Frau begrüßte ihn lächelnd.
„Moin, Herr Kollerup! Ich bin Nele. Willkommen im Deichvogt!“
„Moin.“ Das fängt ja gut an, freute sich Kollerup und füllte die Formulare aus.
Hotel
Der Tag des Unwetters
10:00 Uhr
Der erste Morgen im Deichvogt begrüßte Kollerup mit einem sonnigen und Hitze versprechenden Tag. Sein Zimmer lag Richtung Westen und er war froh, dass er nicht das Zimmer gegenüber genommen hatte. Da knallt jetzt voll die Sonne rein, dachte er und wünschte dem dortigen Bewohner alles Gute. Andere hatten es noch schlechter getroffen. Die südlich gelegenen Zimmer waren sicher unerträglich. Aber dank der Klimaanlage ließ es sich vielleicht dennoch aushalten. Mit einem Seufzer stand er auf und hätte sich beinahe seinen Kopf an einem der Dachbalken gestoßen. Rustikales Zimmer. Modern und luftig gebaut, aber rustikal. Er öffnete das Fenster in der Gaube und sog die frische Nordseeluft ein. Er machte eine angedeutete Kniebeuge und steckte sich die erste Zigarette des Tages zwischen die Lippen. Ließ es aber dabei bewenden. Wer weiß, was die sich alles hier ausgedacht hatten. Vermutlich gibt es hier versteckte Sprinkleranlagen mit eingebauter Kamera und die Tür wird vom Chef persönlich mit der Axt eingeschlagen, um das vermeintliche Brandopfer zu retten. Er beugte sich aus dem Fenster und rauchte hastig.
Es schien ein schöner Sommertag zu werden. Sein Zimmer lag in Richtung Westen und er hatte nur den stahlblauen Himmel und das spiegelglatte Wasser vor sich. Eine leichte Brise, kaum zu spüren, trieb träge den Geruch von Salz, Sommerblumen und Gras zu ihm. Fast schämte er sich, diese Luft mit Tabakrauch zu entweihen. Es war so still, dass er das Wummern der Maschine eines Küstenmotorschiffs spüren konnte, das zu einem Ziel irgendwo an der Nordseeküste unterwegs war.
Mit der Kippe in der Hand hoffte er, dass das Reetdach schwer entflammbar war. An der Dachrinne unter dem Fenster drückte er die Glut aus und schnippte den Rest fort. Wo sie landete, konnte er nicht sehen, weil die Flugbahn unterhalb der Dachkante endete. Vermutlich in einem der Blumenbeete, die rund um den Haubarg angelegt waren. Ihm war es egal.
Nach zehn Minuten in der exklusiven Schnick-Schnack-Dusche hatte er endlich herausgefunden, wie er nass werden konnte. Aha, hier drücken, da ziehen und dann ... nein. Also dort ziehen und dort drehen ... eiskaltes Wasser ließ ihn nach Luft schnappen. Aber nicht von oben, sondern aus der Wand! Hey! Die Dusche ist kaputt! Er schlug auf einen roten Knopf und seine Beine wurden von einem knallharten heißen Strahl massiert.
Völlig erschöpft, mit Restseife in den Haaren, hatte er sich nach einer halben Stunde notdürftig duschtechnisch gereinigt. Während an der Decke ein Ventilator sich Mühe gab, die feuchte Luft abzusaugen, tastete er im Nebel nach seinem Handtuch. Er erwischte erst einen Waschlappen, dann ein kleines Handtuch. Der Spiegel war sehr groß, aber so stark beschlagen, dass man nichts in ihm erkennen konnte. Vergeblich versuchte er, ihn mit einem Handtuch soweit trocken zu reiben, dass er sich halbwegs sehen konnte.
Exakt nach 90 Minuten stand ein frischer Kollerup vor dem Frühstücksbuffet.
Es tummelten sich nur wenige Gäste in dem nach außen offenen Restaurantbereich. Draußen auf der Veranda standen mehrere Tische, an denen bereits Gäste saßen. Er hasste diesen „Used Look“, der sich in vielen Hotels an der Westküste wie ein Virus verbreitete. Hellgrau-weiße Möbel, mehrmals abgeschliffen und mehrmals halbherzig gestrichen. Sah aus wie das Ergebnis einer scheinbaren jahrzehntelangen Benutzung. Oder war es eher „Country House Style“? „Shabby“ war es sicher, entschied er. Wie diese abgerissenen Jeans, die man für viel Geld kaufen konnte. Er sah sich an, was dieser Kasten zu bieten hatte. Alles, was man nicht braucht. Sogar die unsäglichen Sausages gab es, und natürlich Bacon! Wer isst morgens verbrannten Schinken? Er schüttelte sich innerlich, als er sah, wie ein Gast sich Rührei auf den Teller schaufelte. Einen Berg Rührei. Morgen geht die Welt unter oder Schlimmeres. Darum heute noch mal richtig reingehauen!
So saß Kollerup dann mit vier anständigen Brötchen und Marmelade an einem Tisch. Genau abgemessene Butter, die für acht Hälften ausreichend war, und eine Kanne Kaffee waren strategisch vor ihm verteilt. Zur Feier des Morgens hatte er zwei Scheiben Käse noch dazugelegt. Mit Marmelade ein Gedicht! Genüsslich schlürfte er den Kaffee.
Scheiße! Darauf hätte man ihn vorbereiten können! Der übliche „Einen-Aufs-Maul-Guten-Morgen-Kaffee“. Härteste Dröhnung, nachträglich mit dem Schweißbrenner geröstet. Er hob eine Hand und orderte „anständigen Filterkaffee und nicht dieses Teerzeugs“.
Nach dem Frühstück schlenderte er durch das Hotel. An der Bar des Hotels vorbei, die sinnigerweise Hafenbar hieß, zum Fitnessraum, den er links liegenließ. Ein klitzekleiner Andenkenladen, eher ein Verschlag, vollgepackt mit „Souvenirs der Nordsee“. Angebliche „Nordseesteine“ lagen dort, die er schon in der Schweiz als „Original Bachsteine“ gesehen hatte. Ansichtskarten und anderer Tinnef, den die gutbetuchten Gäste mit nach Hause nehmen konnten, vervollständigten das zu erwartende Angebot. Daran schloss sich ein Fahrradverleih an. Fand er übertrieben. E-Bikes auf einer Hallig! Aber es fanden sich immer Deppen, die für zehn Minuten Radfahren zehn Euro bezahlen. Das war es auch schon im Erdgeschoss, wenn man von der Küche und den Gebäudeteilen absah, die man zum Betrieb eines Hotels benötigte. Auf dem Flur, der das kleine Foyer mit dem Hinterausgang verband, schlenderte Kollerup zum südlichen Ausgang hinaus. Hinter einem aufwändig aufgespülten Strand: das Wattenmeer.
Etwas verloren standen hier zehn Strandkörbe herum. Es war erst kurz vor Mittag, aber schon ziemlich heiß. Die noch nicht aufgeklappten Sonnenschirme, stilisierte Palmen mit Plastikblättern, hingen schlapp herunter. Er hatte Ähnliches schon auf Postkarten gesehen. Austauschbares Ambiente. Mallorca, Ägäis, Mittelmeer oder Pazifik. Der Eingang zum Strand säumte ein mit krakeliger Schrift beschriebenes Schild. „Chill-Kröten-Zone“, stand lustigerweise darauf. Eine Bartheke, die ebenfalls aus einem der Südseeserien zu stammen schien, stand verwaist ohne Barkeeper neben dem Eingang. Aus versteckten Lautsprechern tröpfelte lässige Fahrstuhlmusik oder „Lounge“, wie es heute hieß. Stairway to heaven ... grauenhaft mit einem Piano verkitscht. Nicht seine Welt, entschied Kollerup.
So schlenderte er eine Stunde auf der Hallig herum. Am Anleger vorbei, der jetzt bei Niedrigwasser öde aussah, an einer Schafweide entlang. Er hätte Wasser mitnehmen sollen, ächzte er innerlich. Nicht auszuhalten, diese Hitze! In der Zeitung, die im Foyer auslag, sagte der Wetterbericht für heute nur eine laue Brise voraus und Temperaturen von maximal 30 Grad. Zu heiß für diese Gegend. Draußen auf dem Fahrwasser zwischen den anderen Halligen und Inseln sah man weiße Punkte, die in der Hitze wie eine Fata Morgana waberten. Die Fähren zum Festland und zu den Inseln. Man hatte den Eindruck, auf einer vergessenen Pazifikinsel zu stehen. Unbeachtet und unentdeckt von der Restwelt. Mit der Lederjacke über dem Arm erklomm er einen kleinen Hügel und sah sich um.
Das Hotel, ein Wohnhaus für die Angestellten sowie eine kleine Hütte, auch auf einer kleinen Warft gelegen, die er für den Schafstall hielt. Abseits befand sich eine alte Kirche, von der anscheinend der Turm abgebrochen war, daneben ein Minigolfplatz mit Häuschen. Das war die kleine, grüne Halligwelt.
Der Name passt, dachte er. Grienoog.
Vor der Hütte stand eine Staffelei mit einem Bild darauf. Halbfertig. Eine Industrielandschaft. Er sah sich um. Wer kommt auf die Idee, in dieser Landschaft ein ödes, durch qualmende Schornsteine verschandeltes Land zu sehen? Er beugte sich vor und betrachtete ein Detail. Ein totes Schaf, darüber ein Geier. Oder eine Krähe. Das lag vermutlich in der Interpretation des Betrachters. Schwalbe, entschied Kollerup, der wenigstens einen Hauch von schöner Welt haben wollte.
„Onne!“
Kollerup fuhr herum. „Hä?“
Ein bärtiger, etwas zu klein geratener Mann stand in der Tür der Hütte. Er grinste über beide Ohren. Kurze Hose, kurze Beine und ein schmuddeliges Unterhemd. In der Hand eine Flasche Bier.
„Onne, mein Name. Und wie wirst du gerufen?“ Der bärtige Zwerg streckte ihm eine farbverschmierte Hand entgegen.
„Äh. Kolle.“ Kollerup schüttelte die ihm angebotene Pranke.
„Wie der Sexpapst der 70er-Jahre?“
„Eigentlich Kollerup. Aber man ruft mich Kolle.“
„Moin, Kolle. Ich bin Onne.“ Onne deutete mit der Flasche zum Hotel. „Gast?“
„Jo.“
„Geld?“
„Nö. Gewinn.“
„Preisausschreiben?“
„Jo.“
„Bier?“
„Kalt?“
„Jo.“
„Jo.“
Der Mann rödelte klirrend in der Hütte herum und kam mit einer eiskalten Flasche zurück.
„Prost!“
„Prost!“
Die dann folgende Stille wurde nur von gluckernden Schlucken und einem blökenden Schaf unterbrochen.
„Kalle macht wieder Stress.“ Kolle sah ihn fragend an. Onne deutete mit der Flasche auf die Schafe. „Der Dicke da.“ Ein deutlich übergewichtiges Schaf mit dunkelbraunem, fast schwarzem Fell. Angriffslustig stand es vor einem Artgenossen und schnaubte. Dann trabte es los und knallte seinen Schädel auf den des Kontrahenten. Wie bei kollidierenden Kokosnusshälften gab es einen hohlen Knall.
„Kalle!“, rief Onne.
Der Gerufene sah kurz herüber, schüttelte seinen Kopf und schien zu sagen: „Der Typ hat mich aggressiv angesehen!“
„Hau ab, sonst ziehe ich dir deine Hammelbeine lang!“
„Möööhö!“, antwortete Kalle. Dann trottet er empört wiederkäuend zum Wassertrog und ertränkte seine Sorgen schlürfend im Trinkwasser.
„Deine Schafe?“, fragte Kolle.
„Nö. Ich pass bloß auf, dass die sich nicht gegenseitig die Köppe einhauen. Dafür darf ich hier wohnen.“
„Machst’n da?“
„Malen.“
„Das da?“
„Ja. Auch. Willste was sehen?“
„Och, ...“
„Warte.“
Er kam mit mehreren Bildern, jedes so groß wie er selbst, aus seiner Hütte gewankt. Er warf sie ins Gras und Kolle war erschüttert. Braun und Schwarz war die dominierende Farbe. Ein bisschen Grün und ein bisschen Orange. Düstere Bilder, die scheinbar alle diese Hallig als Motiv hatten. Thema schien „Zerstörung durch Industrie“ zu sein. Schwarze Windräder, von denen Blut tropfte, tote Schafe. Krähen, Geier oder Schwalben rissen an den Kadavern herum. Ein Werk hatte ein Bohrgerüst als zentrales Thema, aus dem eine braune Soße in den Himmel schoss. Direkt in das Gesicht einer fahlweißen Sonne.
„Nett“, sagte Kolle knapp.
„Jo, nett, nä?“ Traurig sah sich Onne seine Kunstwerke an. „Diese ganze Scheiße steht uns bald bevor. Neues Bier?“
„Nee, lass mal. Noch zu früh.“
„Komm mal rein“, forderte ihn Onne auf.
Die Hütte war innen ziemlich groß und ziemlich unordentlich. Aber modern eingerichtet. Erstaunlich sauber. Während draußen die ehemals rote Farbe abblätterte und das Dach aus Teerpappe schon bemoost war, war es hier sauber und frisch gestrichen. Das Laminat auf dem Boden wie nagelneu. Eine Kochecke, ein Bett, ein Tisch, auf dem Besteck und Geschirr des Hotels lagen, daneben ein Stuhl. An einer Wand gab es einen Flachbildschirm. In einer Ecke rauschte eine Klimaanlage und arbeitete gegen die aufkommende Hitze an. „Ist sonst nachts nicht auszuhalten“, gab Onne grinsend von sich, als er Kollerups erstauntes Gesicht sah.
Die Wände waren mit den Bildern tapeziert, die Onne vermutlich in den letzten Wochen gemalt hatte. Aber anders als die, die er draußen gesehen hatte. Sonnenuntergänge in einer nordfriesischen Landschaft. Wattige Wölkchen schwebten schwerelos über Salzwiesen, auf denen der Strandflieder blühte. Nette Häuser an Sandklippenrändern, unter denen fröhliche Menschen am Strand Ball spielten. Sofort wurde es ein wenig heller in dem etwa 30 Quadratmeter großen Innenraum. Man roch förmlich das Meer, mit dem Duft der Salzwiese im Sommer vermischt.
Onne, der sich wegen seiner Kleinwüchsigkeit sehr aufrecht bewegen konnte, während Kolle etwas gebückt dastand, machte sich am Kühlschrank zu schaffen und genehmigte sich das zweite Bier des Tages. Er rülpste verhalten und entschuldigte sich für die Unordnung. „Mein Zimmermädchen war noch nicht da“, meinte er lakonisch und meinte es auch scheinbar genauso. Unaufgefordert erklärte er, dass er hier kostenlos wohnen dürfe, weil er auf die Schafe aufpasse, die Staffage des Hotels waren. „Das wollen die Leute.“ Verächtlich spuckte er das Wort „Leute“ aus. „Schafe, Wind und Meer.“ Dabei schielte er auf Kollerup.
„Och, ich kann darauf verzichten.“
„Kommste denn her?“
„Husum.“
„Aha. Ich bin aus Schobüll.“
„Ist doch auch Husum.“
„Schobüll bleibt Schobüll.“ Onne spielte dabei auf die vor einigen Jahren erfolgte Zusammenlegung der Gemeinde Schobüll mit der Stadt Husum an. War nicht sehr beliebt bei einigen Ureinwohnern aus Schobüll. Jetzt wühlte er in einem Schrank herum und zeigte Kollerup ein Foto. Großes Haus, schöner Garten und weites Land. Schobüll an der Wasserkante. Kein Deich.
„Das war mal meines.“
„Jetzt nicht mehr?“
„Zwangsenteignet.“
„Warum?“
„Oberirdische Stromtrasse von Nordstrand und Pellworm. Irgendwie muss der Strom ja ans Festland.“
„Dann haste ja aber Geld dafür bekommen.“
„Nur einen Bruchteil, was es wert ist. Aber ich will nicht klagen. Bleibt immer noch genug übrig.“
„Frau und Kinder?“
„Ja, in Hamburg wohnen die Herrschaften jetzt.“
„Geschieden?“
„So schnell, wie du nur furzen kannst“, bestätigte Onne. „Kaum war das Geld auf dem Konto, waren die weg.“
„Wo wohnst du außerhalb der Saison?“
„Bist du bei der Polizei oder warum fragst du so viel?“
„Ja, bin ich. Aber das geht mich ja nichts an.“ Kollerup deutete auf die Bilder an den Wänden und sagte: „Nette Bilder.“
„Polizist. So ...“
„Ja, äh. Ich muss dann auch mal wieder.“ Kolle war es peinlich, in das alte Muster gefallen zu sein. Er hatte Urlaub, verdammt noch mal.
„Was genau machst du da bei der Polizei?“
„Mord und Totschlag. Aber nun muss ich wirklich.“ Er wollte sich zur Tür wenden.
„Warte mal!“ Onnes Freundlichkeit war verschwunden. Seine Gesichtszüge verhärteten sich.
„Ja?“ Kolle sah ihn an und wusste schon, was nun kam. Unsicher blickte Onne zur Tür und lugte kurz durch die Fenster. „Du musst mir helfen.“ Weiter kam er nicht.
Eine Stimme rief seinen Namen. „Onne? Sind Sie da?“ Scheinbar das Zimmermädchen. Der verdrehte die Augen und rief eine Antwort. „Wir reden morgen darüber“, flüsterte er. „Es ist dringend!“
„Ah! Svenja! Moin!“, begrüßte er überschwänglich die junge Frau. Herein kam eine kleine, rothaarige, junge Frau, die sich ebenfalls beim Betreten der Hütte kaum bücken musste. Adrett mit weißer Hose und einem Shirt des Hotels bekleidet. Sie lächelte breit und rief ein lautes „Moin zusammen!“. Während sie das gebrauchte Geschirr abräumte und in das Elektrofahrzeug verfrachtete, steckte sich Kollerup eine Zigarette hinter der Hütte im Schatten an und hörte durch ein geöffnetes Fenster, wie Onne mit ihr scherzte. Dann wurde das Bett gemacht und die kleine Nasszelle mit Toilette gereinigt. Als sie fertig war, surrte sie mit ihrem Elektrofahrzeug von dannen.
„Hey, Onne!“, rief Kollerup. Onne kam um die Ecke, mit Pinsel und Farbpalette bewaffnet. „Muss jetzt malen“, gab der kurz angebunden zum Besten. Gemeinsam ging Kolle mit ihm zur Staffelei. Wieder ein braun-schwarzes Untergangsbild. Dieses Mal lag ein Toter an einem Haus, das verdammt viel Ähnlichkeit mit dem Hotel hatte.
„Was wolltest du mir eigentlich sagen?“
„Nicht so wichtig.“
„Das klang aber eben anders.“
„Morgen.“
„Na gut. Musst du wissen. Ich bin dann mal drüben, mir die Kirche ansehen.“
„Gibt nich’ viel zu sehen. Is’n Schafstall jetzt.“
„Ach ja? Na denn ...“
„Gibt ja nich’ viel hier.“
„Schon mal deine Bilder irgendwo ausgestellt?“
„Ja.“
„Wo?“
„Och, New York und so.“
„Echt?“ Kolle konnte nicht glauben, dass solche Bilder reißenden Absatz fanden. Aber Kunst ist eben Kunst, dachte er sich.
„Ja. Mit denen hier aber nicht.“
„Welche denn?“
„War früher mal.“
„Was haste denn früher gemalt“?
„Abstrakte Bilder. Gefühle in Formen und Farben.“
„Aha.“
Da er den Eindruck hatte, dass er jetzt stören würde, verabschiedete er sich von Onne. Der stand völlig vertieft mit krauser Stirn vor der Leinwand und wirbelte wie irre mit einem Pinsel herum.
Da es inzwischen schon nach zwölf Uhr war – Kolle hatte nicht bemerkt, wie schnell die Zeit verflog –, ging er zum Hotel zurück. Mal sehen, ob es außer Muscheln und Fisch auch was Essbares gibt, grübelte er. Auf dem Asphaltweg rauschte ihm ein E-Bike fast in die Hacken.
„Ey! Kampfradler!“, rief er hinterher. Aber der Fahrer war schon um die Hotelwarft herum. Das darf ja wohl nicht wahr sein! Aber was ärgerte er sich eigentlich? Er hatte Urlaub.
Im Restaurantbereich gab es nur drei Gäste. Er achtete nicht weiter darauf und setzte sich an einen Tisch am Eingang zur Terrasse. Nee. Lieber draußen. Er stand auf und setzte sich unter einen Sonnenschirm. Ein leises Lüftchen regte sich und verstärkte noch das Gefühl, im Strahl eines Föhns zu sitzen. Drinnen war es kühler, weil die Klimaanlage auf Hochtouren lief, aber da er Raucher war, musste er sich der Hitze im Schatten aussetzen. So saß er und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Der Onne war schon seltsam. Während er über das bizarre Treffen mit dem malenden Freizeitschafhirten sinnierte, dudelte im Hintergrund irgendein privater Radiosender. „Die ältesten und seltensten gespielten Titel der 70er-Jahre“, säuselte der Sprecher. Love is like oxygen von Sweet lief gerade. Selten? Kolle schüttelte den Kopf. Leider nur die Singleversion. Er blickte sich um. Jemand schien auf dem Tisch, an dem er saß, seinen Tablet-PC vergessen zu haben. Auf den anderen Tischen lag auch jeweils einer. Komisch. Er nahm sich das flache, an eine alte Kreidetafel erinnernde Teil der modernen Gesellschaft. Kaum hatte er ihn vor sich, erwachte das Display zum Leben.
„GUTEN TAG!“, brüllte ihn der Text an. Darunter dann: „Wenn Sie bestellen möchten, drücken Sie jetzt BESTELLEN“, wurde er aufgefordert. Er drückte auf BESTELLEN. Sofort erschien ein neuer Text: „Möchten Sie etwas essen oder trinken? Oder essen UND trinken? Oder dürfen wir Ihnen das Menü für heute Abend empfehlen? Dann drücken Sie den entsprechenden Button.“ Darunter gab es mehrere Möglichkeiten. Er drückte auf ESSEN UND TRINKEN. Eine kurze Liste der zur Mittagszeit angebotenen Speisen erschien. LUNCH stand darüber. Und daneben eine Liste mit Erfrischungen. Lunch? Er seufzte. Gute alte Zeiten! Mittags gab es was Anständiges! Aber er wollte nicht auffallen. Er hatte ja Urlaub! Alles inklusive. Er entschied sich für eine „Sandhexe vom Thunfisch“ und Salat „Schafskälte mit Grünzeugs“. Dazu eine Apfelschorle. Das kalte Bier von Onne lag ihm im schwer im Magen. Dann musste er seine Zimmernummer eingeben und den zehnstelligen Code seiner elektronischen Zimmerkarte eingeben. Zum Abschluss kam die Meldung, dass seine Bestellung bearbeitet werden würde. Er spielte noch ein wenig mit dem Gerät herum und sah sich das Menü für den Abend an. Überwiegend Fisch, Rotbarsch und Kabeljau in zehn verschiedenen Variationen. Als Fleisch gab es nur Rind. Angeblich „Salzwiesenrind“. Kolle lachte über diesen Scherz. Allerdings in acht Variationen. Gut, dann ist der Abend gerettet, freute er sich. Als Dessert gab es Fruchteis oder Panna Cotta. Auch in verschiedenen Varianten. Getränke, wie üblich in jedem Hotel, in großer Auswahl. Die Biersorte war ihm unbekannt, aber na ja, verdursten würde er nicht. Als er genug herumgespielt hatte, kamen sein Essen und das Getränk. Scheinbar hatte der Besitzer sämtliche Schönheitsköniginnen der Westküste Schleswig-Holsteins unter Vertrag. Seine Bestellung wurde von einer echten nordischen Schönheit serviert. Blonder Pagenschnitt, Sommersprossen und eine Figur, nicht zu sexy und nicht zu dürr. Dazu noch braune Augen. Leider war sie zu schnell wieder verschwunden. Kommt Zeit, kommt Rat, grinste Kolle und widmete sich seinem „Lunch“. Zu seiner Zeit sagte man „Imbiss“ oder, wenn es unbedingt ein Anglizismus sein musste, auch schon mal „Snack“. Aber wann war „seine Zeit“? Eher so 70er-Jahre, als das Leben aufregend war. Gut, heute war es auch noch aufregend. Aber es fehlte diese zitternde, innere Unruhe. Er mampfte am Sandwich herum, das zu seiner Zeit „belegtes Brot“ hieß. Das gerade aus den versteckten Lautsprechern wispernde Sweet Home Alabama wurde von einer Durchsage unterbrochen:
„Wir unterbrechen unser Programm für eine aktuelle Unwetterwarnung. An der Westküste kommt es heute Abend und in der Nacht zu Starkregen, heftigen Gewittern mit Orkanböen. Auch Tornados und gefährliche Windhosen sind möglich. Erwartet werden die ersten Ausläufer eines Sturmtiefs gegen 20 Uhr. Das Unwetter hat bereits auf der britischen Insel große Schäden angerichtet. Ein unerwarteter Tornado an der Ostküste hat mehrere Kraftwerke lahmgelegt. Mindestens zehn Ortschaften waren stundenlang von der Stromversorgung abgeschnitten. Wir melden uns wieder, wenn es Neues über das zu erwartende Unwetter gibt.“
Kolle sah zur Nordsee hinaus. Er fand, dass zu viel Panik gemacht wurde, wenn ein Gewitter im Anzug war. Einige Tagesgäste kamen vom Strand. Scheinbar wollten sie wieder zum Festland. Quengelnde Kinder mit genervten Müttern.
„Nein! Du hast gehört, was der Mann im Radio gesagt hat. Und wenn es losgeht, will ich zu Hause sein!“
„Aber Mama, ...!“
Kolle verdrehte die Augen. War er eigentlich auch so gewesen? Aber Mama! Ein Protest, der nichts bringt. Die Bedienung kam und räumte ab. Anschließend brachte sie ein Schild an der Verandatür an. „Heute Abend bleibt die Veranda geschlossen. Danke für Ihr Verständnis.“ Kolle war es egal. Er sah auf seine Uhr. Siestazeit. Als er an der Bar vorbeikam, lief dort der Fernseher. Katastrophenmeldungen aus dem Vereinigten Königreich. Er fand, dass das nun ziemlich übertrieben war. Aufgeregte Reporter standen vor rauchenden Resten einer Umspannstation und berichteten mit gespielt pathetischen Floskeln über die Schäden und die mögliche Zahl der eventuell verletzten Menschen. Ob es Tote gäbe, wurde der Korrespondent vor Ort vom Moderator gefragt, und man sah es dem Journalisten im Studio an, dass er gar nicht froh war, dass diese Frage mit einem Schulterzucken beantwortet wurde. Scheinbar waren nur Orte an der Ostküste betroffen. Da das Umspannwerk einen Teil des Stroms der Offshore-Windräder aufnahm, um ihn ins Land zu transportieren, war die Stromversorgung für drei Stunden abgebrochen. Die Anlagen in der Nordsee mussten vom Netz genommen werden, um nicht durch Überspannung den Schaden zu vergrößern. Dann wurde umgeschaltet auf überschwemmte Gebiete der Marschgebiete, die hier ohne Deiche offen der Nordsee gegenüberlagen. Kollerup schauderte bei dem Gedanken, so ganz ohne Deich zu leben. Gut, die Leute im Husumer Stadtteil Schobüll kannten das. Aber irgendwie fühlte er sich ohne Deich völlig schutzlos.
Kollerup legte sich angezogen auf das frisch gemachte Bett. Trotz der jetzt sengenden Sonne war es angenehm temperiert im Raum. Ob der Haubarg sturmsicher war? Ja sicher, beruhigte er sich selbst. Schließlich stand der mehrere Jahrhunderte, ohne Schaden zu nehmen. Auch die Warft war mit ihrer Höhe von knapp zehn Metern außerhalb jeglichen Wasserstandes der höchsten Sturmfluten. Mit den Gedanken an einen Haubarg, der auf dem Wasser treibend in der Ferne entschwebte, während die Welt unterging, dämmerte er langsam in den Schlaf.
Jemand hämmerte an seine Tür. Was zur Hölle sollte das! Es war der Chef des Hotels. Sah aus, wie gerade vom Golfplatz gekommen. Cremefarbene Kleidung.
„Moin. Wollte nur nachfragen, ob alles zu Ihrer Zufriedenheit ist.“
„Ja. Ist es.“
„Mit dem Zimmer zufrieden?“
„Ja, bin ich.“
„Ich wollte Sie auch fragen, ob Sie heute Abend im Restaurant essen möchten.“
„Ja, wie ... ja klar.“
„Na ja, es ist so, dass einige Gäste ihr Zimmer storniert haben, und da wollte ich fragen, ob der Koch sich auf spezielle Sachen vorbereiten muss.“
„Ja, wie ... spezielle Sachen ...?“
„Wissen Sie, bei fünf bis sechs Gästen rechnet sich ein reduziertes Angebot eher als bei einem voll belegten Haus.“
„Ach, Sie meinen wegen der Unwetterwarnung? Ach was! Ich bin Husumer und so ein Lüftchen erschüttert mich nicht. Da seien Sie mal beruhigt. Ich bleibe. Und was das Essen angeht, bin ich mit Bratkartoffeln und Fleisch vollauf zufrieden.“
Der Mann schien sichtlich erleichtert zu sein. Er entschuldigte sich und klopfte auch schon an der Zimmertür eines anderen Zimmers.
Storniert haben einige Gäste. Interessant. Er stand am Fenster und bemerkte, dass es schon später Nachmittag war. Vier Uhr durch. Er bediente sich jetzt aus der Minibar. Ein Bier nach Vier. Was Onne und seine Schafe bei dem Wetter wohl machen würden? Ach ja. Die alte Kapelle. Er stellte die leere Bierflasche auf die Minibar, schlüpfte in seine Sneakers und ging hinunter.
An der Rezeption gab es ein Durcheinander, weil mehrere Gäste auschecken wollten, andere wollten unbedingt wissen, wie das Wetter morgen werden würde und ob die Hallig auch sturmflutsicher sei. Die junge Frau hinter der Theke behielt den Überblick und versicherte den Gästen, dass das Unwetter keine Sturmflut auf der Hallig verursachen würde. Eher an der Küste, wo sich das Wasser stauen könne. Auch die Windrichtung mache es sehr unwahrscheinlich, dass es zu Landunter kommen würde. Einige Wellen würden sicher die Salzwiesen erreichen, aber das wäre nun wirklich alles völlig normal und harmlos. Außerdem würde zur Zeit des prognostizierten Sturmes Niedrigwasser herrschen.
Hinter der Rezeption gab es eine Tür zu einem Büro, die jetzt offenstand, und er sah eine Dame mittleren Alters aufgeregt telefonieren. Einiges konnte er verstehen, weil das Telefonat sehr laut geführt wurde. Scheinbar ging es um eine geplante Wattwanderung, die morgen stattfinden sollte. Mehrmals versuchte die Frau ihren Gesprächspartner zu beruhigen. „Ja nun, dafür kann ich ja nichts, wenn einige Gäste abreisen! Das Wetter habe ich nicht zu verantworten!“
Kolle verließ dieses Irrenhaus und war erstaunt, wie heiß es draußen war. Vom drohenden Unwetter war nichts zu bemerken. Strahlend blauer Himmel. Mit einer brennenden Zigarette schlurfte er zum Rundweg, der um die Hallig führte. Wegen des ablaufenden Wassers, das nach seiner Meinung heute besonders ausgeprägt war, roch das Watt in der brütenden Sonne extrem nach Schlick und Salz. Links sah er in der Ferne die Schafe grasen, dahinter die alte Kapelle. Ein kleiner Punkt wieselte herum und begann die Schafe auf die Warft der Kapelle zu treiben. Kein leichtes Unterfangen. Er musste grinsen, als er Onne zwischen den Schafen sah.
Am Anleger machte gerade die Strandkrabbe fest. Eine Gruppe Touristen konnte es kaum erwarten, die letzte Fähre des Tages zum Festland zu nehmen. Es sah aus wie eine Flucht vor einer ganz schlimmen Katastrophe, fand Kolle. Tiere besitzen einen sechsten Sinn für nahende Unwetter, sinnierte er. Vielleicht haben einige Menschen diesen Fluchtinstinkt behalten und andere eben nicht. Just in dem Moment zog ein Schwarm Möwen vorbei und verschwand in Richtung Festland.
Kaum hatte die Fähre um Punkt 17 Uhr abgelegt, kam ein kleines Boot mit Außenbordmotor angetuckert. Ein Mann, ungewöhnlich für das Wetter in Cordhose und gesteppter Weste gekleidet, fand Kolle, stieg aus. Sorgfältig vertäute der Mann seine Nussschale. Dann bemerkte er Kollerup auf der Hotelhallig. Eine Sekunde lang stand der Typ nur so da und sah herüber. Kolle winkte nur mal so zum Spaß. Keine Reaktion. Der Mann nahm seinen Rucksack und kam zum Hotel. Kollerup nahm an, dass das vermutlich der Wattführer war und sich nun persönlich beschweren wollte. Er war der Meinung, dass das nicht sein Problem sei und wendete sich zum Strand.
Auf den Liegen räkelten sich einige Gäste herum und schlürften aus Gläsern bunte Getränke, während Reggae leise dahinplätscherte. Er erkannte den Titel Whole Lotta Love von Led Zeppelin. Nein! Als Reggae! Er setzte sich an die Südseebar-Imitation und schnippte nach dem Kellner.
„Sagen Sie mal ... wer sucht eigentlich die Musik aus?“
„Ich verstehe nicht?“, grinste der Keeper.
„Diesen Musiksirup da im Hintergrund, meine ich.“
„Ach, Sie meinen die Loungemusik!“
„Ja, genau. Diese trübe Suppe, Musik genannt.“
„Das macht irgend so ein Typ im Internet.“
„Wie Internet?“
„Das kommt aus dem Internet.“
„Die Musik?“
„Ja, Internetradio.“
Internet! Hat den niemand mehr eigene CDs? An LPs wagte er erst gar nicht zu denken. Oder wenigstens einen MP3-Player? Kolle sah die Musikbranche den Bach runtergehen. Aus Trotz bestellte er einen „Swimmingpool“. Eigentlich wollte er fragen, was der Barkeeper denn heute empfehlen könne, aber wenn die Musik aus dem Internet kam und von irgendeinem anonymen Menschen ausgesucht wurde, wollte er erst gar nicht daran denken, welche Getränke das Internet bei dem Wetter empfehlen würde.
Er schlürfte lange an dem Cocktail, der eigentlich ein Longdrink war. Anschließend verwickelte er den Mann hinter der Theke in ein Gespräch über Swimmingpools und die Farbe der Bikinis der Frauen, die in einem Swimmingpool schwimmen. Und dann kamen sie zum Thema Klimawandel und heiße Sommer. Der Typ hinter der Theke, er hieß Maik, war der Meinung, dass das nur gut für den Tourismus sei. Kolle war da anderer Meinung. Denn globaler Klimawandel würde nicht bedeuten, dass es hier schlagartig dauerhaft wärmer werden würde. Er verwies auf die Unwetterwarnung, dass heute Abend ein Unwetter auf die Westküste treffen solle.
„Ach. Unwetter! Was die als Unwetter bezeichnen, ist doch nicht zu vergleichen mit einem Herbststurm Stärke 12. Und selbst das“, der Barkeeper wies auf den Haubarg, „macht diesem alten Kasten nichts aus. Alte, gute Wertarbeit. Absolut sturmsicher und sturmflutsicher. Allerdings“, er sah zum Hotel hoch, „müssen wir den Strand vermutlich nach dem Sturm neu aufspülen lassen.“
Kolle fand, dass das das geringere Problem war. Er dachte an die Schafe und Onne. Er fragte Maik danach.
„Och, der kommt dann heute Abend zu uns, wenn es zu dolle wird“, winkte er ab. „Aber ansonsten ist seine Hütte auch sicher und hoch genug für ein Sommerhochwasser. Genauso sicher wie die Schafe in der alten Kapelle.“
Hinter ihm wurde es nun laut. Jemand beschwerte sich über irgendwas, und er hörte: „Scheißegal, was passieren würde! Ich lasse mich nicht so abschieben! Das haben SIE zu verantworten!“
Dann eine weibliche Stimme: „Was kann ICH dafür, wenn es ein Unwetter gibt!“
„Ach, es geht doch nicht um das Wetter! Es geht darum, dass SIE dem Frerk Carstens MEINE Tour gegeben hatten! MEINE!“ Die Stimme des Mannes kippte ins Hysterische. „DAS wird ein Nachspiel haben! NACHSPIEL!“
Nachspiel? Wird denn hier auch Fußball gespielt? Kolle amüsierte sich. Es gibt einen Minigolfplatz, aber einen Fußballplatz habe ich hier auf der Hallig noch nicht gesehen. Vielleicht ein juristisches Nachspiel, wer weiß das schon?
Maik verdrehte die Augen und flüsterte vertraulich über die Theke: „Das ist Kai, der Wattführer. Der ist sauer, weil die Chefin eine andere Tour mit einem anderen Wattführer gebucht hatte. Aber das fällt ja nun flach.“ Kolle sah auf die Uhr. Sechs Uhr durch. Holla, wie die Zeit vergeht! Er gab Maik seine Zimmernummer und ging hoch zum Duschen.
Für den ersten Tag seines Urlaubes gar nicht mal so schlecht, fand er. Eine interessante Bekanntschaft gemacht und ansonsten hatte er absolut nichts mit Mord und Totschlag zu tun gehabt. Manchmal dachte er, dass die Menschheit verrückt geworden war. Die Fälle, mit denen er zu tun hatte, ließen ihn oft am Verstand der Menschen zweifeln. Nicht weil einige zu leicht zu lösen waren, denn es gab ja auch harte Nüsse, die er zu knacken hatte, sondern weil seit Bestehen der Menschheit die Motive immer dieselben waren. Rache, Habsucht, Eifersucht, Neid und so weiter.
Vorsichtig stieg er in die Duschkabine und ganz sachte zog er an den Hebeln und drehte nur an den Wasserhähnen, die für das Wasser von oben zuständig waren. Irgendwann gibt es sprachgesteuerte Duschen, wie in den Science-Fiction Filmen, dachte er. „Wasser von oben, 23 Grad!“, rief er probeweise. Er fiel fast durch die Glastür der Kabine, als eine weibliche Stimme antwortete: „Wenn Sie jetzt noch freundlich ‚Bitte‘ sagen, kommt das Wasser.“
„Was ist das denn!?“
„Ich bin die automatische Duscheinstellung Betty.“
„Bitte, ich hätte gerne warmes Wasser von oben.“
„Gerne. Wie viel Grad?“
„23.“
„Das Zauberwort?“
„Bitte?“
„Im ganzen Satz.“
„Bitte, ich hätte gerne 23 Grad warmes Wasser von oben.“
„Mit welchem Druck?“
„Welchen kannst du mir anbieten?“
„Hart, Mittel und Weichei.“
„Weichei?“
„Ja, für Warmduscher und Dünnbrettbohrer.“
„Mittel.“ Er bemerkte sofort seinen Fehler und fügte ein „Bitte“ hinzu.
„Gerne. Wenn Sie fertig sind, beenden Sie den Duschvorgang mit ‚Stopp‘. Ich wünsche Ihnen angenehmes Duschen.“
„Danke sehr.“
„Bitte sehr.“
Nach dem Duschen, aufdringliche Düfte der hoteleigenen Hygieneartikel verströmend, bewunderte er die schwarze Wand, die sich von Westen heranschob und die Sonne verschluckte. Schlagartig wurde es deutlich dunkler. Er liebte Unwetter. Da merkt man doch erst, dass man lebt, sagte er immer, wenn sich jemand über schlechtes Wetter beschwert. Stundenlang konnte er am Fenster sitzen und wenn möglich draußen die Atmosphäre genießen, die ein nahendes Gewitter verströmte. Die Luft schien jedes Mal elektrisch geladen zu sein und die Wolkenformationen mit ihren gelb-schwarzen Fetzen, die als Vorhut das Unwetters ankündigten, waren wie das Intro zu einem bombastischen Konzert. Thunderstruck von ACDC war die Musik, die ihm bei diesen Gelegenheiten einfiel. So war es auch dieses Mal, als die Wand sich am Himmel hochschob. Und es war drückend schwül dabei. Er schloss bedauernd das Fenster und ging nach unten in den Restaurantbereich.
Nele, die junge hübsche Dame, die er von der Rezeption kannte, führte ihn zu seinem Tisch. Der Raum war mit Kerzen beleuchtet, und leise Musik plätscherte aus versteckten Lautsprechern. Er schien der Erste zu sein. Während er seine Bestellung aufgab, persönlich und Auge in Auge mit einem Menschen, füllten sich die Tische mit den Gästen. Aber das interessierte ihn nicht, wer wo und warum saß. Durch die Verandatür konnte man das Naturschauspiel im zweiten Akt bewundern. Er schien der Einzige zu sein, der es genoss. Alle anderen schienen sich kopfschüttelnd über die Gefährlichkeit und die möglichen tödlichen Folgen zu grämen. Kolle schnaubte verächtlich. Memmen!
Sein erster Gang, Eisbergsalat mit Fenchel, begann von einem Gewitterblitz begleitet. Der zweite Gang wurde von prasselndem Hagel an den Verandatüren beklatscht. Stimmt, der Applaus ist berechtigt, dachte er. Selbst er als Hobbykoch hätte es nicht besser machen können. Der erste Biss vom Steak wurde mit einem rollenden Donner kommentiert, der so lange dauerte, bis Kollerup das zerkaute Rindfleisch schluckte. Sein Bier wurde gebracht und der erste Schluck hatte eine Sturmböe im Gefolge, die die Bar draußen umwarf. Hach! Herrlich! Kollerup genoss die Vorstellung. Während die Mitarbeiter gelassen durch aufgeregt debattierende Gäste schreitend die Bestellungen aufnahmen oder Menüs servierten, ging es draußen jetzt zur Sache. Im Dämmerlicht über der Nordsee, kurz grell erhellt von Blitzen, sah man dichte Regenschauer hinwegziehen. Er sah auf seine Uhr. Verdammt! Das musste er sich abgewöhnen, immer auf die Uhr zu sehen. Urlaub, Kolle! Es war jetzt 21 Uhr. Die Zeit hatte hier auf der Hallig scheinbar ihre eigenen Gesetze. Er rülpste verhalten und dann gingen das Licht und die Musik aus. Kolle war der Meinung, dass das kleine Bäuerchen ja nun nicht diese Aufregung wert sei.
Eine Dame gab ein quietschendes Geräusch von sich und ein Glas zersprang mit einem Klirren auf dem Boden.
„Ruhe bewahren, meine Damen und Herren! Die Generatoren werden sofort anspringen!“, rief eine männliche Stimme irgendwo aus dem Dunkel. Und schon wurde es wieder hell. Ein weiterer Blitz zuckte vor den Fenstern und eine bleiche männliche Gestalt erschien an der Verandatür, die mit blutigen Händen dicke rote Schlieren hinterlassend, an der Glasfläche langsam zu Boden rutschte. Dann wurde es zum zweiten Mal schwarz im Raum. Ein weiterer Blitz zuckte, der die auf der Veranda liegende Gestalt kurz beleuchtete. Seine Intuition sagte ihm, dass dieser Mensch tot war. Ein doppelter Donner, der die Gläser auf den Tischen klirren ließ, beendete diese Szene.
Hotel
Der Tag des Unwetters
21:00 Uhr
Wenn es vorher ein chaotisches Durcheinander gegeben hat, wurde es jetzt gefährlich. Tische wurden umgestoßen, panische Menschen riefen durcheinander, Kindergeschrei, scheppernde Gläser. Kolle tat, was das Beste in so einem Fall war: Er blieb sitzen.
Jemand stieß ihn an und er musste sich am Tisch festhalten. Dann zückte er sein Handy, klappe es auf und hielt es in die Höhe. Dieser Lichtschein genügte ihm, um gefahrlos auf einen Tisch zu steigen. Oben angekommen steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff derart laut, dass es ganz sicher auch auf Föhr zu hören war. In Bruchteilen von Sekunden war es mucksmäuschenstill. „Jeder bleibt jetzt, wo er ist! Hier ist die Polizei! Kann mich der Chef dieses Hotels hören?“
„Ja ...“, kam es zögerlich aus der Richtung, wo Kollerup die Bar vermutete.
„Was ist mit Taschenlampen?“
„Haben wir!“
„Haben Sie eine dabei?“
„Nein. An der Rezeption liegen welche.“
„Hat jemand ein Smartphone?“
Plötzlich glommen vereinzelt mehrere bleiche Lichter im Raum. Man konnte wieder etwas erkennen. Kolle fand, dass es aber noch heller ging.
„Was ist mit den Tablets? Das Display von den Dingern gibt mehr Licht. Schalten Sie ihre Telefone aus. Schonen Sie Ihre Akkus!“
Kurz wurde es wieder dunkel und dann erhellten Tablets mehrere Personen an der Bar.
„Kommen Sie mit zwei von diesen Dingern hierher“, befahl Kollerup. Die fahlen Lichter der mobilen Geräte wankten zu ihm herüber. „Jemand verletzt?“, fragte er laut in die Runde.
„Ich hab’ mir mein Knie gestoßen“, beschwerte sich jemand kleinlaut.
„Sonst nichts?“ Knie gestoßen! Die Welt geht unter, dachte Kolle.
„Dem Kind geht es gut?“, wollte er jetzt wissen.
Eine Mutter meldete sich: „Nichts passiert. Alles gut.“
„Niemand verlässt den Raum.“ Er fügte ein „bitte“ hinzu, weil er ja durch die sprechende Dusche etwas gelernt hatte. „Sobald wir die Lage geklärt haben, dürfen Sie auf Ihre Zimmer. Aber hier ist es momentan am sichersten.“
Draußen hörte man den Sturm ums Haus pfeifen und die Wassermassen aus den Regenwolken auf das Haus und auf die Fenster prasseln.
„Kolle!“, schallte es von Eingang her. Onne!
„Onne!“ Kolle freute sich, den Knirps zu sehen.
„Den Schafen geht es gut!“, rief der Schafhüter.
„Was ist los, Onne? Weißt du mehr?“
„Ein Blitz muss im Generatorhaus eingeschlagen sein.“
„Wir müssen sehen, ob wir den da draußen noch retten können, Onne“. Kolle deutete in Richtung Veranda.
Zwei Angestellte kamen jetzt mit Taschenlampen. Kolle nahm eine, zwei weitere gab er an Onne und an den Hotelchef weiter.
„Folgendes: Ihre Leute bleiben hier bei den Gästen. Jemand sollte sich um die Verletzten kümmern und kleinere Blessuren versorgen. Kaffee oder Tee wären jetzt nicht schlecht.“ Allgemeines Murmeln erhob sich. Stühle und Tische wurden wieder auf ihre Plätze gestellt. Das Küchenpersonal machte sich in der Küche zu schaffen und irgendwie kam wieder Normalität auf.
Da der Eingang und somit das Foyer im Windschatten lagen, ließ Kolle es darauf ankommen und öffnete vorsichtig die Tür. Er wusste, dass auf der Leeseite eines Hauses im Sturm der Sog nicht zu vernachlässigen war. Die meisten Dachschäden durch sich lösende Dachziegel entstanden auf der windabgewandten Seite. Der Sog war vergleichbar mit dem Effekt, der oberhalb einer Tragfläche dafür sorgte, dass ein Flugzeug Auftrieb bekam. Die Hölle war eine nachtschwarze Regenwand.
„Äh“, Onne zögerte.
„Was?“, Kolle sah ihn an.
„Ich hoffe, dass du nicht wasserscheu bist. Du bist ruckzuck durch bis auf die Haut“, sagte Onne mit unschuldigem Augenaufschlag.
„Bin ich aus Zucker?“, fragte Kollerup.
„Ich meine ja nur.“ Damit war die Sache erledigt.
Nach zwei Minuten wünschte Kolle sich eine Regenjacke. Aber bei dem Sturm war es egal, ob man sich mit einer Regenjacke draußen aufhielt oder nicht, weil der Sturm, der jetzt zum Orkan geworden war, den Regen waagerecht vor sich hertrieb. Breitbeinig wie echte Seemänner auf einem stampfenden und rollenden Schiff, stramm gegen den Orkan, wankten sie zur Veranda. Stockfinster war es, nur die zitternden Lichtbalken der beiden Taschenlampen wiesen ihnen den Weg. Sie hätten genauso in einem schwarzen Windkanal sein können. Kolle ahnte es bereits, bevor sie um die nächste Ecke schlichen. Instinktiv riss er Onne zu Boden. Etwas Großes flog mit flappendem Geräusch über sie hinweg.
„Das war knapp!“, brüllte Onne in Kolles Ohr. Auf Händen und Füßen krabbelten sie zur Veranda. Dort lag der Tote. Oder zumindest ging Kolle davon aus, dass der Mann tot war.
Gesicht nach oben. Augen und Mund offen. Kein Puls, kein Atem. Seitdem der Mann an der Verandatür zusammengebrochen war, waren mindestens 15 Minuten vergangen. Die Farbe der Haut, der fehlende Puls und Kolles Intuition sprachen für seine Vermutung. Er sah zum Verandafenster und deutete den Zusehern im Restaurant mit einem Schulterzucken an, dass da nichts mehr zu machen sei.
„Rein mit ihm!“, nickte er Onne zu, und beide hoben den schweren, schlaffen Körper an.
Ein Blitz zuckte aus dem abziehenden Unwetter, und der Orkan ließ ein wenig nach. Aber immer noch blies er so heftig, dass sie beide sich lieber vorsichtig bewegten, als von fliegenden Gegenständen erschlagen zu wurden. Es war egal, sie waren jetzt eh so nass, als ob sie mit Kleidung geduscht hätten. Langsam wurde es Kolle auch zu kühl. Der Temperatursturz musste mindestens zehn Grad betragen, so kam es ihm jedenfalls vor. Als sie zur windabgewandten Seite kamen, wurde es schlagartig still. Ein Hurrikan, fragte sich Kolle. Er sah zum Himmel. Aus einem riesigen Loch im Himmel blinkten Sterne. Triefend nass patschten Kolle und Onne ins Haus und trugen den Toten durch das Restaurant.
„Wir haben nicht viel Zeit!“, rief er in die Runde. „Wo ist der Kühlraum?“
„Da lang! Hinter der Küche.“ Das Gesicht des Chefs wurde jetzt bleich wie Schnee. „Das ist ja der Wolters!“, rief er.
„Wer ist Wolters?“ Kollerup sah ihn scharf an.
„Unser Wattführer!“
„Ex-Wattführer, meinen Sie.“
„Ja. Er sollte heute eine Wattwanderung machen. Fiel ja aus.“
„Was hat er dann hier noch zu suchen gehabt?“
„Er hatte sich bei meiner Frau beschwert, und dann war es zu spät, um gefahrlos zurück durch das Watt zu laufen. Für solche Fälle haben wir ein Zimmer im Angestelltenhaus. Dort kann man dann übernachten.“
„Egal. Ab in den Kühlraum mit ihm!“
Zu dritt trugen sie die Leiche in den Kühlraum und legten sie auf einen Tisch.
„Machen wir, dass wir hier rauskommen!“ Kollerup war total durchgefroren. Onne hatte in der Zeit die Fragen der Anwesenden beantwortet. Ein Hurrikan! Kannte man eigentlich nur aus dem Fernsehen. Aber hier? An der Nordsee? Wasserhosen, ja, die kannte man, oder die in der letzten Zeit auftretenden Tornados, die auf dem Meer riesige Wassermassen in große Höhen sogen. Aber vielleicht war es ja nur ein Orkan. So genau kann man das bei den heutigen Wetterkapriolen ja nie sagen.
„Haben wir ein Netz, Onne?“
„Kolle, du willst jetzt Fische fangen?“
„Nein. Kein Netz“, kam ihm der Hotelchef zuvor.
„Scheiße.“ Kolle dachte nach.
Kollerup wandte sich an den Hotelchef. „Gibt es in diesem Haus Satellitenverbindung?“
„Das hängt am Stromnetz und ist nicht autonom. Wer rechnet denn auch mit so einem Blitz, der alles lahmlegt?“ Fast schien es, als fühlte sich der Chef verantwortlich für den Blackout. „Das Einzige, was wir noch haben, ist das Gas für die Küche.“
„Ich brauche eine Liste der Gäste.“ Kolle betete im Stillen, dass es eine solche Liste gab. Aber als er das Gesicht des Chefs sah, sank seine Zuversicht.
„Aber Nele kann Ihnen sagen, wer eingecheckt hat. Warten Sie.“ Er wandte sich zum Restaurant und rief: „Nele! Komm mal bitte.“ Die schlanke nordische Schönheit mit dem blonden Pagenschnitt kam.
„Ja?“ Große braune Augen sahen ihren Chef an.
„Sag mal bitte dem Herrn Kommissar, wer alles eingecheckt hat.“
Und sie begann ohne Zögern, alle Gäste aufzuzählen.
„Moment, Moment!“, lachte Kolle und bat Onne, die Namen zu notieren. Der bekam ein Tablet und einen Stift, mit dem man auf dem Display schreiben konnte. Dauerte eine Sekunde, bis Onne die App aufgerufen hatte und bereit war.
„So“, Kolle sah Nele an. Als sie fertig war, bekam sie bewundernde Blicke.
„Eidetisches Gedächtnis“, hauchte der Chef des Hotels ergriffen. „Nele ist Gold wert.“
„Das ist sicher hilfreich in Ihrem Beruf“, sagte Kolle trocken. Die Angesprochene schien das kaltzulassen.
„Ist aber auch manchmal ein Fluch. Man vergisst so schnell nichts“, sagte sie und etwas schien sie plötzlich traurig zu stimmen.
Insgesamt gab es zehn Zimmer im Hotel. Oben sechs und unten vier. Im Obergeschoss waren vier belegt, unten zwei. Dann bedankte er sich bei Nele und dem Chef.
„Ach ja, ...“, ihm fiel etwas ein. „Wer kümmert sich eigentlich um die Haustechnik?“
„Jan-Ole“, antwortete der Hotelchef. „Soll ich ihm sagen, dass er sich den Schaden mal ansehen soll?“
„Ja. Gute Idee!“ Kolle nickte zufrieden. „Wie ist es mit der Verbindung zum Festland?“, wollte er wissen.
„Das müssen wir sehen, wenn wir Strom haben. Das Festnetz ist jedenfalls tot. Und wann wir Strom vom Festland bekommen, wissen wir, wenn die Smartphones wieder über Satellit funktionieren.“ Der Hotelchef sah hinaus und meinte trocken: „Aber bei diesen dichten und hohen Wolken sieht es schlecht aus.“
„Hoffen und beten“, murmelte Kolle. „Schicken Sie jemand nach oben, der sich die oberen Stockwerke ansehen soll. Ich müsste mal duschen und etwas Trockenes anziehen. Und der da auch.“ Er deutete auf Onne, der jetzt in eine Decke gehüllt auf einem Stuhl saß und etwas Heißes trank. Der Chef gab einen Wink, und ein junger Bursche trabte los. Nach 15 Minuten kam er zurück.
„Alles klar oben. Fenster haben gehalten und das Dach scheint unbeschädigt zu sein. Das grenzt an ein Wunder, Chef.“ Der erwiderte nur: „Ist ja alles für viel Geld sturmsicher gemacht worden.“ Damit schien für ihn der Fall erledigt zu sein.
Kolle war es egal. Während draußen der Orkan wieder zunahm, freute er sich unter der Dusche, dass er noch warmes Wasser hatte. Allerdings ohne Kommentare der sprechenden Dusche Betty.
Als er nach seiner Kleidung im Schein der Taschenlampe suchte, gingen die Lichter wieder an. Nach einem Flackern erloschen sie wieder. Dann gab es wieder Strom. Kolle wartete etwas ab, bevor er seine Lampe ausschaltete. Als er nach zwei Minuten immer noch Licht hatte, atmete er auf.
Auf dem Flur traf er Onne, der gerade eines der nicht belegten Zimmer verließ. Die Hose, die man ihm gegeben hatte, war an den Beinen mehrmals umgeschlagen und das viel zu große Sweatshirt schlabberte an seinem Körper.
„Sag nichts!“, wies dieser Kolle mit einem Finger drohend zurecht.
„Ich sag ja nichts. Ich stelle mir vor, wie deine geliehene Unterhose aussehen mag.“
„Welche Unterhose?“, erwiderte Onne trocken.
Jetzt mussten beide lauthals lachen. An der Bar orderte er als Erstes zwei dreifache Whiskeys. Irischen wollte er jetzt haben. Ohne Eis und ohne Wasser.
Zum Hotelchef, der in der Küche stand, um mit dem Koch die Lebensmittellisten durchzugehen, sagte er: „Sie können die Gäste in ihre Zimmer schicken. Wir versuchen, eine Runde zu schlafen. Bei dem Wetter flüchtet niemand. Schließen Sie aber alle Türen sorgfältig ab. Und ihre Angestellten bleiben bitte auch im Haus. Niemand verlässt das schwankende Schiff.“
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Gibt es was Neues vom Techniker?“
Der Hotelchef schien erleichtert zu sein, als er sagte: „Ja. Er hat sich eben über sein Funkgerät gemeldet. Sieht übel aus, aber er meint, er könne es provisorisch richten.“
Als Kollerup und Onne in den tiefen Clubsesseln hingen, zündete Kolle sich zwei Zigaretten an. Mit Spezialtabak. Das hatte er sich verdient, fand Kolle, und bot Onne auch einen Joint an. Der zuckte nur einmal mit einer Augenbraue und nahm das Angebot an. Irgendwann saßen sie kichernd und trinkend – der Barkeeper war so nett gewesen, die Flasche auf die Theke zu stellen – in den bequemen Loungesesseln und lauschten leiser Fahrstuhlmusik. Es blieb nicht bei einem Joint. Stunden später dämmerten sie zu den Klängen von ACDCs Whole lotta Rosie, natürlich in einer kitschigen Piano-Lounge-Version, in einen leichten Schlaf.
„Gottlob hat Angus damals nicht Klavier gelernt, sondern Gitarre“, hauchte Onne noch.
Hotel
Erster Tag nach dem Unwetter
08:00 Uhr
Der nächste Morgen erwachte genauso wie unsere beiden Helden in der Bar: grau und vernebelt. Jemand hatte die Musik gewechselt.
„Soll wohl aufmunternd sein“, stöhnte Kollerup. Bei diesem Musiksirup kam er nicht auf Touren! Er schleppte sich zur Rezeption.
Per Klimmzug zog er sich am Tresen hoch und lallte mit schwerer Zunge: „’allo! Jeman’ da?“ Maik kam aus dem Büro.
„Moin, Herr Kommissar!“, begrüßte er Kollerup.
„Pschscht!“ Kolle zischte mit Zeigefinger am Mund: „Nich’ so laut!“
Entschuldigend hob Maik beide Hände und etwas leiser: „Was kann ich für Sie tun?“
„Sie könn’ mir sagen, wie ich normale Musik hören kann.“
„Normal?“
„Ja, normale Musik. Rockmusik, handgemacht. Normale, wie sie jeder normale Mensch hört.“
„Rock?“
„Ja.“
„Moment.“ Er ging ins Büro. „ACDC und so?“, rief er.
„Nicht heute Morgen! Irgendwas 60er-Jahre oder 70er-Jahre.“
„Pink Floyd?“
Kolle stöhnte erleichtert. „Ja!“
Sekunden später erklangen die ersten Noten von Shine on you crazy diamond.
„Sie haben mir das Leben gerettet, Maik!“
„Aus meiner Privatsammlung. Pink-Floyd-CD-Box.“
Zurück im Restaurant roch es nach Kaffee. Vorsichtigen Schrittes schlich Kollerup zur Anrichte, wo das Frühstück vorbereitet wurde, und schnüffelte an der Kaffeekanne. Hab’ ich es gewusst, triumphierte er innerlich. Letzte Dröhnung der schwärzesten Röstung. Onne schlürfte an einer Tasse und sog dieses Teerzeugs in sich hinein.
„Wenn ich auch so erschossen aussehe wie du, können wir locker in einem Zombiefilm mitspielen!“, begrüßte ihn sein neuer Freund.
„Ja, sicher, und das schwarze Zeugs schmieren wir uns ins Gesicht, das wird hammergruselig.“
Kolle wollte einen normalen Filterkaffee, den er bei Nele bestellte, die heute aussah, als ob sie auf einer Schönheitsfarm übernachtet hatte. Er setze sich. Kaum hatte er seinen Kaffee, kam Budnik, der Hotelchef.
„Guten Morgen, Herr Kommissar. Schlechte Nachrichten. Die Stromzufuhr vom Festland, das Festnetz und Satellitenverbindung sind unterbrochen.“
„Waren Sie schon draußen?“
„Ja. Der Anleger ist total zerstört. Da kann in den nächsten Tagen kein Schiff anlegen.“
„Das ist gut. Dann kann auch niemand flüchten“, freute sich Kolle.
„Ist eh gerade Hochwasser“, meinte Budnik. Kolle nickte und trank dankbar seinen normalen Kaffee.
„Aber“, der Hotelchef hob einen Finger, „wir haben Radioempfang!“
„Super!“
„Aber es sieht auf dem Festland nicht gut aus. Mehrere kleinere Schiffe, die an Land geworfen worden sein sollen, abgedeckte Häuser, entwurzelte Bäume. Gottlob keine Toten, allerdings mehrere hundert Menschen verletzt. THW und Bundeswehr räumen gerade auf. Vor morgen früh ist nicht mit einer Fähre zu rechnen. Die Inseln sind glimpflich davongekommen. Wie es auf den anderen Halligen aussieht, ist nicht bekannt.“
Kolle dachte nach. „Hubschrauber!“, rief er einem Einfall folgend.
„Alle im Einsatz, wie es heißt. In den Nachrichten und Sondersendungen wird berichtet, dass alle verfügbaren Helikopter in der Luft seien. An die Halligen und Inseln wird appelliert, noch einen Tag durchzuhalten.“
„So, heißt es das? Gut.“ Er sah auf seine Uhr. „Ich möchte gerne den Toten untersuchen. Meine dürftigen Kenntnisse müssen dieses Mal ausreichen. Ab elf Uhr werde ich erste Befragungen durchführen. Stellen Sie bitte sicher, dass sich Ihre Gäste dann zur Verfügung halten. Aber jetzt muss ich etwas essen.“
Nach dem Frühstück ging er mit Onne vor die Tür. Kühle Luft schlug ihm entgegen. Vom Wattenmeer war nicht viel zu sehen. Dichter Nebel begrenzte die Sicht auf höchstens 20 Meter.
„18 Grad“, sagte Onne mit einem Blick auf das Außenthermometer. Das, was sie sehen konnten, sah auf den ersten Blick nicht anders aus als sonst. Dann schlenderten sie den Rundweg entlang und mussten mehreren Baumresten ausweichen.
„Bäume!“, rief Kolle erstaunt.
„Ja. Vermutlich vom Festland oder von Hooge drüben. Weiß der Geier“, erwiderte Onne.
Vom Anleger war nichts übrig. Bestes Tropenholz und Eichenstämme, einfach weg. Dann wandten sie sich zur Kapelle. Onne war schon sehr nervös.
Als sie dort ankamen, drängelten schon die ersten Schafe ins Freie. Onne zählte schnell durch. Es waren genauso viele wie vorher. Exakt 200 Schafböcke. Der malende Schäfer atmete auf. Nur seine Hütte war nicht schadlos davongekommen. Das Dach fehlte. Außerdem waren sämtliche Fensterscheiben zerstört.
„Kann man wieder reparieren!“, rief Onne munter.
In der Hütte sah es aus wie nach einem Erdbeben. Nicht ein einziges Bild hing an den Wänden. Kolle war entsetzt! Das Werk eines Künstlers, weggewischt. Aber Onne schien guter Dinge zu sein. Ein Lied pfeifend, sah er sein ehemaliges Heim an. Er hob das eine oder andere hoch und sagte dabei: „Kann man alles reparieren.“ Dann ging er in die Ecke, in der die Nasszelle war. Sie gab es noch. Die Tür der Dusche war verschlossen. Mit einem theatralischen „Aha!“ riss Onne sie auf. Da lagen sie! Seine Bilder. Mit einer Plane sorgfältig festgezurrt. „Muss nachher alles ins Haus gebracht werden. Aber momentan liegen sie hier ganz gut.“ Onne verschloss die Tür der Dusche wieder sorgfältig und dann stolperten sie weiter.
„Sag mal, was denkst du über die letzte Nacht?“, fragte Kollerup.
Onne suchte im Schutt nach dem Kühlschrank. Er bemerkte, dass der Maler seine Frage nicht gehört hatte.
„Was machst du da!“
„Bier. Ich suche mein Bier.“
„Scheiß auf dein Bier! Da ist nichts mehr.“
„Doch. Muss.“
„Ist doch ganz normales Bier! Im Hotel gibt es die gleiche Sorte.“
„Nö.“
„Wie. Nö.“
„Im Hotel gibt es das nicht. Würde mich sehr wundern.“
„Da ist er! Hilf mal.“ Kolle stöhnte und half.
„Ha!“ Onne hielt triumphierend zwei braune Flaschen hoch. Sahen unscheinbar aus, fand Kolle. Gar nicht wie Bierflaschen, sondern eher wie alte Weinflaschen. Der Hals mit rotem Wachs versiegelt.
„Weißt du, was DAS ist?“ Onne fuchtelte damit vor Kolles Nase herum.
„Bier?“
„Ja, sicher! Aber welches?“
„Flens?“
„Ich bezweifele, dass die damit zu tun haben.“
„Du willst doch wohl nicht sagen, dass du das Bier unserer verfeindeten Nachbarn trinkst! Dithmarscher!“
„Ah! Nein!“ Onne freute sich wie Rumpelstilzchen.
„Also gut, ich gebe auf.“ Jetzt wollte Kolle es endlich wissen.
„Es ist das älteste Bier, das man hier in dieser Gegend haben kann.“ Onne liebte Rätsel. Jetzt stöberte er wieder herum und fand unter einem Holzstapel einigermaßen trockenes Zeitungspapier. Er wickelte die Flaschen sorgfältig ein und übergab eine davon Kollerup.
„Nicht fallenlassen“, ermahnte er ihn.
„Nicht trinken, wäre angebrachter jetzt“, grinste Kollerup.
Wortlos gingen sie zum Hotel. Kolle konnte warten. Wenn Onne so weit war, dann würde er ihm schon reinen Wein – oder passenderweise reines Bier – einschenken. Soweit sie es überblicken konnten, schienen die Wohnhäuser und das Hotel den Hurrikan fast schadlos überstanden zu haben.
Die Salzwiesen selber sahen natürlich nicht mehr so idyllisch aus wie vorher. Treibgut jeder Größe und Art lag herum. Sogar einige Wellblechdächer, vermutlich von einem Schuppen der Nachbarhallig. Ein großes Stück steckte wie ein abgestürztes Raumschiff schräg im Gras. Ansonsten alles das, was man nach einer Sturmflut üblicherweise immer vorfindet: Plastikflaschen, Kisten, Balken und Kanister. Und auch ein Kinderwagen, was Kolle zu denken gab. Er hoffte, dass die Mutter hoffentlich so schlau gewesen war, das Kind vorher in Sicherheit zu bringen.
„Sag mal. Hörst du das?“ Er blieb stehen und lauschte.
„Nö. Ich höre nichts.“
„Das meine ich doch!“
„Diese Ruhe?“
„Ja!“
Kein Wind, keine Möwen, selbst das Wasser lag irgendwo im Nebel völlig lautlos da. Keine Signalhörner der Schiffe. Sogar das bei einer solchen ruhigen Wetterlage kaum wahrnehmbare Wummern der Schiffsmotoren fehlte. Es war totenstill.
Hallig
Drei Tage vor dem Unwetter
12:00 Uhr
Unerbittliche Hitze und eine Luftfeuchtigkeit, die sich mit der in tropischen Breiten messen konnte, schlug dem Rentnerpaar Sievertsen entgegen, als es die klimatisierte Passagierkabine der Fähre verließ und die Hallig betrat.
Etwas verloren standen sie am Anleger der Hallig und wussten zunächst nicht, wie sie sich verhalten sollten. Wollte das Hotel nicht einen Wagen schicken, um sie abzuholen? Ihr Gepäck – vier Koffer und zwei Taschen – hatte der freundliche Mitarbeiter der Fähre ihnen zum Steg gebracht. Ratlos sahen sie sich an.
„Wir könnten schon mal zwei Koffer zum Hotel bringen.“, schlug Kurt Sievertsen vor.
Heidi Sievertsen schien das absolut nicht recht zu sein. „Nein. Wir haben bezahlt“, erwiderte sie resolut und fügte hinzu: „Und die Gepäckbeförderung gehört zum Service!“
„Sieh mal!“ Kurt deutete zur Hotelwarft, die mit dem wuchtigen Bau des Haubargs die Hallig beherrschte. Strahlend weiß leuchteten die frisch gekalkten Wände vor einem blauen Sommerhimmel, der mit kleinen Wölkchen dekoriert jeden Ansichtskartenfotografen vor Freude hätte jubeln lassen. Ein kleines blaues Auto bewegte sich lautlos auf sie zu und schlängelte sich auf der gewundenen einspurigen Straße in Richtung Anleger. Ein junger Mann sprang mit einem „Moin!“ aus dem Elektrofahrzeug.
„Moin“, erwiderten Kurt und Heidi im Chor.
„Ich bin Knut, willkommen auf Grienoog!“
Mit einem kräftigen Händedruck begrüßte er die beiden und bat sie, im Wagen Platz zu nehmen. Als er das Gepäck verstaut hatte, glitten sie geräuschlos zum Hotel.
„Zum ersten Mal auf Grienoog?“ Lässig, eine Hand am Lenkrad, beugte Knut sich nach hinten.
„Jo“, erwiderte Kurt. Heidi litt unter der Hitze und sagte nichts.
„Dann werden Sie Ihren Aufenthalt sicher genießen.“ Ihr Fahrer deutete auf eine Kirche und sagte: „Das da hinten ist unsere Attraktion. Die Kapelle ist über 300 Jahre alt. Davor das nächste Highlight: unsere Schafe.“ Etwa 80 Schafe hechelten wiederkäuend auf einer großen Wiese vor der Kapelle, die wie jedes Haus hier auf einer Warft stand.
Etwas abseits stand eine kleine Hütte, vor der ein Zwerg im Unterhemd an einer Staffelei saß und eine Leinwand mit dunkler Farbe beschmierte.
„Onne“, erklärte der junge Mann. „Unser Hirte, Maler und die dritte Attraktion von Grienoog.“
Als sie die Auffahrt zum Eingang des Hotels hochfuhren, war es fast so, als ob sie flögen. Sanft kamen sie zum Stehen und Knut half ihnen beim Aussteigen.
Im Foyer wurden sie von einer friesischen Schönheit begrüßt: „Moin, ich bin Nele. Willkommen auf Grienoog! Wenn Sie bitte hier zur Rezeption entlangkommen würden? Knut kümmert sich um Ihr Gepäck.“
Als sie die Formalitäten erledigt hatten, bekam jeder einen Beeper ausgehändigt.
„Damit können Sie jederzeit das Elektrofahrzeug rufen, und Knut wird sie dann abholen.“
Kurt wollte zunächst ablehnen.
„Auf einer Hallig? Kann man doch bequem zu Fuß ...“, aber Heidi knuffte ihn in die Seite und nahm beide Beeper entgegen. Svenja, die Rezeptionistin, lächelte und erklärte ihnen das Übliche zu den Frühstückszeiten und den Annehmlichkeiten, die die Gäste hier genießen konnten: „Außerdem können Sie die E-Bikes nutzen. Für Hotelgäste kostenlos.“
Im Zimmer bestaunten sie die technischen Neuigkeiten der Sanitärtechnik. Eine sprechende Dusche! Daran, dass es keinen Wasserhahn im Waschbecken gab, mussten sie sich zunächst gewöhnen. Fotozellen steuerten die Wasserzufuhr und die Temperatur. Und die Toilette reinigte sich selbst. Im Schlafbereich gab es einen Fernseher, der sie mit Neuigkeiten der ganzen Welt versorgte, daneben ein Tablet, mit dem sie im Internet surfen oder ihre Tageszeitung online lesen konnten.
Bis zum Abendessen hatten sie noch reichlich Zeit die Hallig zu erkunden und so beschlossen sie, ausnahmsweise die E-Bikes auszuprobieren. Beide waren sie zwar nicht unsportlich, aber warum nicht, wenn es nichts kostete? In leichter sommerlicher Bekleidung schwangen sie sich auf die Räder und radelten auf dem Rundweg los. Auf den Wiesen blühten zu dieser Jahreszeit viele Blumen. Neben dem violetten Strandflieder, dessen Blühphase jetzt begann, sah der helle Wermut ganz entzückend aus, fand Heidi Sievertsen.
An der Schafweide hielten sie kurz an und sahen dem malenden Zwerg zu, der immer noch mit der Leinwand beschäftigt war. Als der sie bemerkte, sah er kurz rüber und winkte freundlich mit dem Pinsel.
„Moin!“, rief er ihnen zu.
Sie winkten zurück und fuhren zur Kapelle. Leider war der Zugang von einem niedrigen Zaun versperrt und nur mit Mühe konnten sie einen Blick ins Innere werfen. Von Weitem sah der Bau wesentlich größer aus, als er wirklich war. Die Kapelle war eher einem kleinen Häuschen ähnlich als einem ehemaligen Gotteshaus. Sie hatte zwar einen kleinen Glockenturm, um den Mauersegler halsbrecherisch ihre Kreise zogen, ansonsten wirkte das Gebäude schäbig. Das Dach des Schiffes war zugekotet, einige Fenster mit Holzlatten provisorisch vernagelt. Der Eingang an der Westseite, ein gähnendes Loch, dürftig mit einer Wellblecheinfassung vor den schlimmsten Wetterbedingungen geschützt. Einige Schafe standen am Zaun und sahen neugierig zu den beiden Menschen. Andere lagen im Schatten des Turmes hechelnd an einem Wassertrog.
Dann fuhren sie an einem extrem gut gepflegten Stückchen Rasen vorbei, in dessen Mitte ein großes H mit gelben Platten gelegt war. Ein Hubschrauberlandeplatz! Man hatte an alles gedacht auf der Hallig.
Ein großes Wohnhaus stand abseits des Platzes, wie jedes Haus auf den Halligen auf einer Warft. Dem Helikopterplatz schloss sich eine Minigolfanlage an, die eher Maximaße hatte. Neben dem Platz eine Hütte, die allerdings verschlossen war. Ein Schild über der Tür verriet ihnen, dass die Anlage zum Hotel gehören würde, und daneben waren die Öffnungszeiten zu lesen. Vormittags von 9 bis 14 Uhr und nachmittags von 15 bis 20 Uhr konnte man kleine Bälle in die Salzwiesen schleudern. Dann fuhren sie am Anleger vorbei und weiter den Rundweg zum Strand des Hotels entlang.
Der war allerdings auch erstaunlich groß. Er zog sich von der östlichen Seite der Hallig bis zur südlichen direkt unterhalb des Hotels. Mehrere Strandkörbe standen hier großzügig verteilt mit Blick auf das Wattenmeer. Holzwege, edelstes Tropenholz, verbanden die Warft mit der Strandbar, wo sie heute essen würden.
Die ganze Zeit, in der sie unterwegs waren, sprachen sie nur wenig. Außer einem „Sieh mal da!“ oder einem „Guck mal, ist das Amrum da hinten?“ redeten sie nichts weiter.
Kurt machte ab und zu Fotos mit seinem Smartphone und Heidi beschränkte sich darauf, ihm zu sagen, wovon ihr Mann Bilder machen sollte. Sie waren schließlich nicht zum Vergnügen hier, auch wenn ihr Aufenthalt heute etwas von Karibikurlaub hatte.
Im Zimmer zurück speicherten sie die Fotos auf ihrem Notebook und sahen sie sich noch einmal genau an. Als das der Kapelle auf dem Monitor erschien, waren sie sich wortlos einig. Dort sollte die Rache vollzogen werden. Die Kirche war ideal.
*
Beim Abendessen waren sie nicht alleine. Am Nebentisch saß eine Familie mit einem sehr braven Jungen, der völlig untypisch für Kinder seines Alters absolut stillsaß und sich mit seiner Mutter unterhielt. Frisch gekämmte Haare, eine Designerbrille für Kinder auf der Nase. Er trug ein Hawaiihemd, das noch die Legefalten aus dem Geschäft zeigte.
Armer Bursche, wie alt mag der sein? Fünf Jahre oder schon sechs, dachte Kurt Sievertsen.
Er sah seine Frau an, der offensichtlich dasselbe durch den Kopf ging, und lächelte. Da war ihre Tochter damals ganz anders gewesen. Kaum zu bändigen. Hatte immer eine Frage parat, die ein unendliches Interesse an der Welt gezeigt hatte.
Die Eltern des Jungen sahen so aus, als ob sie sich in dem modernen Ambiente des Hotels zu Hause fühlten. Kurts Welt war das nicht. Sie konnten es sich locker leisten, aber er fand, dass weniger besser wäre, wenn er an die 70er-Jahre zurückdachte. Kein Flachbildschirm in jedem Raum.
Im Foyer, an der Bar und auch hier an der Wand der Restaurantbar liefen die neuesten Nachrichten aus aller Welt. Früher war man im Urlaub, basta. Kein Fernseher, vielleicht das Radio leise im Hintergrund, und maximal die lokale Tageszeitung am Abend. Er hatte auch nichts gegen gebrauchte Möbel, wenn sie wirklich alt waren. Nur ging ihm dieses „Auf-Alt-Getrimmte“ auf die Nerven. Sie rochen und fühlten sich neu an, sahen aber aus wie aus Opas Gartenlaube. Hellgrau gestrichen. Betonung auf „gestrichen“, denn jedes Pinselhaar hatte im Used Look der Möbel seine weißgraue Spur hinterlassen. Dann hatte man es abgeschliffen und eine Nuance dunkler getüncht und das so oft, bis vier Schichten Farbe sichtbar waren. Dann lieber die alte verklebte Theke seiner alten Dorfkneipe mit den dunkelbraunen Holzstühlen, von denen immer einer gewackelt hat, ging es ihm wehmütig durch den Kopf.
Der etwa 40-jährige Mann redete mit seinem Smartphone. Satzfetzen waren zu hören.
„Ja ... Maybach hier. Wie, morgen geht nicht ... ach ... ja gut, dann nächsten Sonntag? ... Gut, noch vor der Wattführung ... ja, alles gut. Kein Problem. Bis dann, Herr Wolters.“
Als Maybach das Smartphone zur Seite legte, bestellte er mit einem Fingerschnippen die Bedienung zu sich. Kurt schnaubte verächtlich. Yuppiearsch. Er lächelte seine Frau an. Sie hatte auch den Namen gehört.
Eine schlanke Dame betrat das Restaurant. Sie schien die 50 überschritten zu haben, aber Kurt ahnte, dass sie in ihren jüngeren Zeiten der Schwarm aller Männer gewesen sein musste. Kurze graue Haare, brauner Teint. Unsicher sah sie sich um und setzte sich neben die offene Verandatür, mit Blick auf das Meer.
Kurts Frau schien in Gedanken weit weg zu sein. Er berührte ihre Hand und sie kam zurück in die Realität. Er beugte sich vor und flüsterte: „Bald ist es vorbei.“ Sie nickte und aß den Rest ihres Desserts.
„Na dann“, sagte er laut. Sie standen beide auf, verließen das Restaurant durch die Verandatür und schlenderten hinunter zum Strand. Ein wunderschöner Sonnenuntergang. Trotzdem war es immer noch schwülwarm und eine leichte Brise verschaffte ihnen kaum Abkühlung. Träge schwappten kleine Wellen an den künstlich aufgeschütteten Strand.
Sie bestellten sich an der Strandbar Longdrinks und setzten sich in einen der Strandkörbe. Eine Weile hingen sie ihren Gedanken nach. Dann zog Heidi Sievertsen ihre Kamera aus der Umhängetasche und sie sahen sich die Bilder an, die sie auf ihrer Halligrundfahrt gemacht hatten. Ja. Absolut. Die alte Kapelle war ideal. Dorthin würden sie ihn locken und dann bestrafen.
Sie waren auf der Hallig, um den zur Rechenschaft zu ziehen, der für den Tod ihrer Tochter verantwortlich war.
Hallig
Erster Tag nach dem Unwetter
09:00 Uhr
Kolle und Onne standen noch lauschend eine Weile einfach nur da. Als es Onne zu langweilig wurde, stupste er Kolle an und forderte ihn auf, zum Hotel zu gehen. Der Husumer Kommissar war plötzlich sehr nachdenklich.
„Ich weiß nicht ...“, seufzte Kollerup und schüttelte seinen Kopf.
„Was weißt du nicht?“
„Na, denk mal darüber nach. Wir sind hier auf einem Stück Land, das irgendwann mal Teil des Festlandes war. Eine Hallig.“
„Ja, und?“ Onne sah seinen Freund an.
„Der Untergang vieler Orte und Dörfer war die Folge von immer höheren Sturmfluten. Hatte wohl was mit der Klimaerwärmung und ihren Folgen zu tun.“
„Na ja.“ Onne wackelte mit dem Kopf.
„Ja, wie?“
Onne hob einen Finger. „Nach der großen Eiszeit, als die Mammuts verschwunden waren, und die Menschen wieder vermehrt in den Norden zogen, wurde es ständig wärmer. Das kann nicht die Ursache eines von Menschen verursachten Klimawandels gewesen sein.“
„Ja, ich weiß.“ Kolle wusste auch, dass es ein ständiges Abkühlen und Erwärmen in den letzten Jahrhunderten gegeben hat.
„Aber, was ich sagen will ist, dass wir jetzt scheinbar wieder in einer Zeit der Erwärmung leben. Allerdings ist diese Erwärmung auf der ganzen Erde spürbar und sie geht schneller voran als die letzten Warmzeiten der Erdgeschichte. Der Orkan, der möglicherweise ein Hurrikan war, ist so ein Zeichen.“
Onne wiegte skeptisch seinen Kopf. „Mag ja sein, aber ob es ein Hurrikan war?“ Er zuckte mit den Schultern. „Sieh mal“, sagte er und blieb stehen. „Selbst wenn es so wäre, was willst du dagegen machen?“
„Nichts. Ich fand es eben nur bezeichnend, dass wir jetzt wieder in einer Zeit der Erwärmung mit steigenden Sturmfluten leben. Und wir befinden uns auf einem Zeitzeugen der Folgen eines steigenden Meeresspiegels.“ Er stampfte mit einem Fuß auf. „Diese Hallig.“
„Tja. Alles fließt.“ Onne war in dem Punkt pragmatischer. „Nichts bleibt wie es ist.“
„Apropos fließen ...“, Kolle hob eine in Zeitungspapier verpackte Bierflasche. „Ist das trinkbar?“
„Nichts bleibt wie es ist“, wiederholte Onne grinsend.
Im Hotel schritten sie zur Tat. Leichenschau. Und natürlich die Verdächtigen befragen. Es sah nicht so aus, dass bald vom Festland Hilfe kommen würde. Also musste Kollerup improvisieren. So gut er konnte. Vom Haustechniker Jan-Ole lieh er sich eine Digitalkamera mit Stativ, aus der Küche einen Karton mit Einweghandschuhen. Auf die obligatorischen Overalls musste er heute ausnahmsweise verzichten.
Zunächst ließ er den Toten aus der Kühlkammer in eines der unteren Zimmer bringen. Wolters war kein Leichtgewicht. Onne, Herr Maybach und er hatten ziemliche Mühe, die Leiche auf den improvisierten OP-Tisch zu hieven. Er verbat sich jegliche Störung, baute die Kamera auf und begann, den Toten oberflächlich zu begutachten.
„Todeszeitpunkt steht ja fest.“ Kollerup notierte sich die Zeit und sah dabei Onne an. Der zuckte nur mit den Schultern.
„Haben ja alle Gäste gesehen, dass er gestorben ist.“
„Genau, Onne“, bestätigte Kolle.
„Jetzt müssen wir den Toten vermutlich auf äußere Wunden untersuchen und so?“ Onne schien ganz aufgeregt zu sein. „Cool. Wie im Fernsehen.“
„Jepp.“
„Lupe?“
„Jepp!“
„Hier!“
In den nächsten Minuten war es so still im Zimmer, dass man die Schafe auf der Wiese blöken hören konnte. Onne nahm die Kamera in die Hand und begleitete Kolle, der die derzeitige Uhrzeit, wer anwesend war und wer untersucht wurde, bekanntgab.
„Ich beginne bei den Füßen. An den Schuhsohlen ...“, er schnupperte daran und fuhr fort: „Schafskot.“
„Bleibt auf dieser Hallig nicht aus“, murmelte Onne und zoomte die Sohle mit Kot heran.
„Kleidung.“ Kolle setzte seinen Rundgang um die Leiche fort.
„Leichte Sommerkleidung. Hose, leichtes Hemd. Unbeschädigt. Unterarme weisen Schürfwunden auf. Ante mortem.“
„Häh?“
Kollerup verdrehte seine Augen. „Weil die Schürfwunde verschorft ist. Nach dem Tod fließt kaum noch Blut.“
„Ah so. Ja, klar“, entschuldigte sich Onne kleinlaut.
„Weiter. Hose ist in Kniehöhe stark verschmutzt. Außerdem sind die Handflächen verletzt.“
„Auch ante?“
„Wie bitte?“
„Vor dem Tod, nach dem Tod oder Todesursache?“ Onne sah ihn grinsend an.
„Wenn du so weiterfragst, bekommst du gleich ein Ante-mortem-Veilchen.“ Kolle grinste zurück und schwenkte die Lupe bedrohlich. „Gesicht und Kopf, keine Verletzungen. Aber ...“, er kam jetzt zum Wesentlichen und Offensichtlichen, „am Hals eine etwa zehn Zentimeter lange Schnittwunde. Unregelmäßiger, gewellter Rand. In der Wunde steckt etwas.“
Während Onne intensiv die Wunde aufnahm, eilte Kollerup zur Tür, riss sie auf und stieß mit dem Techniker zusammen. „Eine Spitzzange, bitte. Schnell.“
Jan-Ole rannte los. Der Hotelchef sah ihn an. „Schon was entdeckt?“
„Nein.“ Kolle fiel etwas ein: „Ach ja, sagen Sie bitte allen, dass ich sie in einer Stunde befragen werde.“
„Selbstverständlich, Herr Kommissar!“
Jan-Ole kam mit einer Zange zurück. Kollerup schnappte sie sich und schloss die Tür. Vorsichtig zupfte er an der Wunde herum. Dann hielt er einen länglichen Gegenstand ins Objektiv.
„Hey. Nicht so schnell, sonst wird es unscharf!“ Onne zoomte etwas zurück, bis es auf dem Display scharf sichtbar war.
„Sieht aus wie ein Stück Wellblech. Etwa zehn Zentimeter lang. Und etwa vier Zentimeter breit“, dozierte Kolle. Er sah sich um und stellte fest, dass er keine Plastiktüten hatte. Er rief nach dem Hotelchef, der kurz darauf seinen Kopf ins Zimmer steckte.
„Plastiktüten brauche ich!“, schimpfte Kollerup, über sich selbst sauer. Keine Minute später hatte er einen Karton mit Zippertüten. Vorsichtig tütete er das Beweisstück ein. Alles unter dem scharfen Auge der Kamera.
Er hob einen Zeigefinger und zeigte auf die Tüte, dazu redete er wie ein Fernsehmoderator in die Linse hinein: „Also erstes vorläufiges Ergebnis: Kurz vor seinem Tod zog sich der zu der Zeit noch Lebende vermutlich bei einem Sturz Schürfwunden an Händen, Armen und Knien zu. In seinem Hals, auf der rechten Seite, eine Wunde, in der das eben gezeigte Stück Wellblech steckte. An der ansonsten sauberen Wunde keine Kruste mit getrocknetem Blut. Ich werde den Toten jetzt entkleiden.“
Fluchend ging er, von der Kamera verfolgt, zur Tür und bat den Hotelchef um einige Mülltüten. Nach und nach tütete er die Kleidungsstücke ein, nachdem er sie auf sichtbare Spuren untersucht hatte. Als der Tote nackt vor ihm lag, bat er Onne, die Kamera am Stativ zu befestigen. Gemeinsam drehten sie die Leiche auf den Bauch. Keine Totenflecken. Kollerup sprach laut, damit die Aufnahme deutlich genug war: „Der Körper zeigt keine Hinweise auf Hypostase. Das bedeutet, dass nicht genug oder kein Blut im Körper vorhanden war, das die typischen Flecken nach einem Tod hervorruft.“
Sie drehten den Körper wieder auf den Rücken. Jetzt wurde die Haut gründlich auf Verletzungen untersucht. Eine unangenehme Prozedur, da Kolle noch nie Leichen mochte, denen er auf Nasenlänge nahekommen musste. Er war schließlich Polizist und kein Mediziner oder Spurensicherer. Aber auch das hatte er irgendwann hinter sich. Als er der Meinung war, dass nichts weiter herauskommen würde, wickelte er die Leiche in Mülltüten und verklebte sie wie ein Paket. Kleidung, das Stück Wellblech und der Leichnam selber kamen wieder in die Kühlkammer. Die Speicherkarte kam ebenfalls in eine Tüte, die in Kollerups Hosentasche wanderte. Sicher ist sicher, dachte er. Dann hatte er Hunger.
Im Restaurantbereich wurden die Tische für das Mittagessen gedeckt. Der Hotelchef hatte beschlossen, dass alle an einem Tisch essen sollten. Schließlich war man gemeinsam hier eingeschlossen. Niemand hatte etwas dagegen.
Die Gäste waren in gedämpfter Stimmung. Nur der sechsjährige Malte, der Sohn der Maybachs, plapperte wie ein Wasserfall. Für ihn war alles ein riesiges Abenteuer. Selbst als gestern Nacht der Tote an ihm vorbeigetragen wurde, wirkte er eher aufgeregt als ängstlich.
Nur langsam kam ein zähes Gespräch unter den Gästen auf. Wie lange es wohl dauern würde, ihr Robinson-Dasein? Wie ging es ihren Angehörigen und Verwandten auf dem Festland? Wie groß waren die Schäden? Fragen kursierten und niemand hatte eine befriedigende Antwort. In den Nachrichten der Radiosender hieß es immer wieder, dass die Schäden erheblich waren, die Zahl der Verletzten wurde stündlich nach unten korrigiert. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, auf Überlandfahrten mit dem Auto zu verzichten. Die Stromversorgung war in fast allen Gemeinden wieder gesichert. Da der Katastrophenfall ausgerufen wurde, waren zurzeit mehr Rettungsfahrzeuge unterwegs als Privatfahrzeuge. Die Nachrichtensprecher wiederholten immer wieder den englischen Slogan aus dem Zweiten Weltkrieg: „Bleiben Sie ruhig und machen Sie weiter“.
Als die ersten Gäste scheinbar keinen Appetit mehr hatten, räusperte sich Kollerup vernehmlich und stand auf. Solche Aufmerksamkeit machte ihn verlegen und er wusste nicht so richtig, wo er anfangen sollte.
„Einige werden mich vermutlich noch nicht kennen. Mein Name ist Kollerup und ich bin Hauptkommissar bei der Husumer Mordkommission. Eigentlich wollte ich Urlaub machen, aber leider ist es dann doch anders gekommen.“ Kolle suchte nach den richtigen Worten. „Egal. Jedenfalls kennen Sie unsere Lage. Ein Mann ist vor unseren Augen gestorben. Meine Aufgabe ist es nun, die Todesursache herauszufinden, Spuren zu sichern und Zeugen zu vernehmen. Da Sie ja wissen, dass wir momentan auf uns gestellt sind, bitte ich Sie um Ihre Mithilfe.“
Kollerup beobachtete die Reaktionen der Gäste, während er sprach. „Ich werde also heute mit Ihnen ein Gespräch führen. Bitte versuchen Sie sich an den Tag und die Zeit vor dem Unwetter zu erinnern. Ist Ihnen etwas aufgefallen? Was kam Ihnen seltsam vor? Je mehr Sie mir erzählen, desto besser. Es ist auch egal, wie unwichtig es Ihnen erscheint.“ Er sah sich um. Nach einer Kunstpause fügte er hinzu: „Alles kann wichtig sein.“
Onne raunte ihm zu, dass er sehr stolz auf ihn sei. Aber er sollte den Leuten schon noch sagen, wie er weiter vorgehen wolle. Kollerup setzte sich und bestellte einen Kaffee. Bevor er seinen Fehler bemerkte, stand auch schon eine Tasse mit bestem Filterkaffee vor ihm. Dankbar lächelte er Nele an. Nach einem tiefen Schluck erhob er sich erneut.
„Leute! Eine Sache noch.“
Damit hatte nun niemand gerechnet und es war totenstill.
„Da wir inzwischen relativ ruhiges Wetter haben und ich durchaus verstehen kann, dass es Sie nach draußen zieht, muss ich dem üblichen Vorgehen folgen.“ Er nannte die Namen der Gäste und forderte sie auf, sich in der genannten Reihenfolge im Abstand von 30 Minuten im Büro an der Rezeption einzufinden.
Бесплатный фрагмент закончился.
