Читать книгу: «Jenseits des Spessarts»

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Günter Huth wurde 1949 in Würzburg geboren und lebt seitdem in seiner Geburtsstadt. Er kann sich nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben. Er ist Rechtspfleger (Fachjurist), verheiratet, drei Kinder. Seit 1975 schreibt er in erster Linie Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher aus dem Hunde- und Jagdbereich (ca. 65 Bücher). Außerdem hat er bisher Hunderte Kurzerzählungen veröffentlicht. In den letzten Jahren hat er sich vermehrt dem Genre Krimi zugewandt und in diesem Zusammenhang bereits einige Kriminalerzählungen veröffentlicht.

2003 kam ihm die Idee für einen Würzburger Regionalkrimi. „Der Schoppenfetzer“ war geboren. Diese Reihe hat sich mittlerweile als erfolgreiche Serie in Mainfranken und zwischenzeitlich auch im außerbayerischen „Ausland“ etabliert. 2013 ist der erste Band der Simon-Kerner-Reihe mit dem Titel Blutiger Spessart erschienen. Es folgte Das letzte Schwurgericht, anschließend Todwald – Der Spessart tötet leise – Die Spur des Wolfes – Im Spessart lauert der Tod und zuletzt Spessartblues – Zerbrochene Seelen. Der Autor ist Mitglied der Kriminalschriftstellervereinigung „Das Syndikat“. Seit 2013 widmet er sich beruflich ausschließlich dem Schreiben.

Die Handlung und die handelnden Personen dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.


Jenseits des Spessarts

Ein Simon Kerner Thriller


Prolog

Die Stimme

Als sich das Telefon im Arbeitszimmer kurz nach Mitternacht mit einem speziellen Klingelton meldete, zuckte der Angerufene leicht zusammen. Diese Tonfolge, die nur der Stimme vorbehalten war, hatte er schon lange nicht mehr gehört. Es war geraume Zeit verstrichen, seit sich die Stimme das letzte Mal gemeldet hatte. Damals kündigte sie den Angriff einer feindlichen Clique auf seine Familie an. Der Angriff erfolgte dann auch, sie konnten ihn aber erfolgreich abwehren. Dabei wurde aber ein männliches Familienmitglied getötet und mehrere schwer verletzt. Ein Preis, den man bereit sein musste, zu zahlen, weil er dem Ganzen diente. Seitdem hatte er sein Gebiet ausdehnen und seine Macht festigen können. Er würde der Stimme zwar niemals absolut vertrauen, aber er hatte die Person hinter der Stimme in der Hand. Freiwillige Loyalität war etwas Schönes, aber eine anfällige Pflanze, die durch Egoismus, Geldgier und Machtstreben leicht zerstört werden konnte. Er bevorzugte wirkungsvollen Druck, mit Angst als Basis. Der Angerufene verfügte über ein ganzes Repertoire dieser Druckmittel gegenüber verschiedenen Menschen, auch gegenüber der Person, die er nur Die Stimme nannte. Paranoid, wie sie war, rief sie immer mit einer technisch verfälschten Stimme an, so auch jetzt. Furcht vor Tod oder Leid war eines, aber nicht das wirkungsvollste Instrument, über das er verfügte. Er förderte die Person hinter der Stimme, ließ sie aufsteigen, so hoch, dass die Angst vor einem Absturz viel schwerer wog als die Furcht vor einer schnellen Kugel. Der Angerufene meldete sich: „Es freut mich, wieder einmal von dir zu hören“, erklärte er ohne Begrüßungsfloskeln. „Was gibt es?“

„Es braut sich politisch etwas zusammen“, erwiderte die Stimme ohne Einleitung. „Ihr habt es übertrieben. Insbesondere die Familie von Mustafa al-Asmani. Zu viele schwerwiegende Verstöße gegen das Strafgesetzbuch. Manche seiner jungen Männer glauben, sie könnten sich alles erlauben. Die jüngste Schießerei in einem Döner-Imbiss mit zwei Toten hat das Fass zum Überlaufen gebracht.“

„Daran waren wir nicht beteiligt“, gab der Angerufene zurück.

„Die Falken in der Regierung differenzieren da nicht. Die Nachrichten von Zwangsheiraten, die Übergriffe auf Polizeibeamte und dann ein Ehrenmord auf offener Straße. Ihr denkt, das geht immer weiter so. Ich fürchte, hier wird sich bald einiges ändern. Ich kann dir nur raten, deine Familie zu disziplinieren.“

Ehe der Angerufene noch etwas erwidern konnte, klickte es in der Leitung. Die Stimme hatte aufgelegt. Er lehnte sich auf dem bequemen Diwan zurück und blickte zum Fenster hinaus. In der Ferne sah er die beleuchtete Festung Marienberg. Die Stimme hatte recht. In der letzten Zeit waren die jungen Männer von beiden Spessart-Clans zu aufmüpfig geworden. Sie respektierten nur noch ihre eigenen Gesetze und Regeln. Im Prinzip waren sich die beiden Clan-Chefs im Großraum Spessart einig, die Finger vom Einflussbereich des jeweils anderen zu lassen. Er überlegte kurz, ob er dem gegnerischen al-Asmani-Clan eine Warnung zukommen lassen sollte, entschied sich dann aber dagegen.


Die sengende Sonne hatte zahlreiche Wasserlöcher im Addo Elephant National Park völlig ausgetrocknet. Die Wildtiere versammelten sich notgedrungen an den wenigen noch ergiebigen Wasserstellen. Die Not der Grasfresser bedeutete für die Beutegreifer eine Zeit des Überflusses. Leoparden, Löwen, Wildhunde und Hyänen konnten dort ohne große Anstrengung Beute machen. Sie mussten nur geduldig warten.

Simon Kerner saß im Büro der Rangerstation und schrieb Berichte für das Ministerium. Seit gut fünf Jahren lebte er jetzt mit seiner kleinen Familie in Afrika als Chef der Wildererbekämpfungstruppe im Addo Elephant National Park, Provinz Ostkap in Südafrika.

Vor einer Woche war ihnen der Schlag gegen eine Bande gelungen, die mit gewildertem Elfenbein schmuggelte. Sosehr ihn der Erfolg der Aktion freute, so sehr nervte ihn immer die anschließend notwendige Büroarbeit. Heute schweiften seine Gedanken immer wieder zu Clara ab. Seine Lebensgefährtin Theresa war am frühen Morgen mit der gemeinsamen Tochter bei einem wichtigen Termin im St.-Georges-Krankenhaus von Port Elizabeth. Clara, die mittlerweile vier Jahre alt und bisher glücklich und frei unter den Männern des Camps aufgewachsen war, zeigte seit einiger Zeit merkwürdige Symptome. Das immer sehr lebhafte Kind wirkte in den letzten beiden Wochen oft müde und abgeschlagen, ohne erkennbare Ursache. Hin und wieder blutete sie aus der Nase und sie klagte über Gliederschmerzen. Zuerst beruhigten sich die Eltern damit, dass Clara einfach zu viel herumtobte. Dann traten diese Zustände vermehrt auf, zudem war das bisher immer ausgeglichene Mädchen oft quengelig und wirkte dabei schwach und teilnahmslos. Da sie hier in der Wildnis relativ weit von jeglicher ärztlichen Versorgung entfernt lebten, entschieden sich Theresa und Simon, das Kind gründlich untersuchen zu lassen. Theresa war gestern zu diesem Zweck mit Clara ins Krankenhaus gefahren. Nun wartete er auf eine beruhigende Nachricht.

Kerner wurde aus seinen Gedanken gerissen, denn auf der Veranda des Bungalows hörte er das Trampeln von Stiefeln. Rex, Kerners Rhodesian Ridgeback, der, wie immer, wenn Kerner im Büro arbeitete, auf dem Fell einer Antilope vor seinem Schreibtisch lag, hob wachsam den Kopf. Da er keinen Warnton von sich gab, kannte der Rüde die Person, die es so eilig hatte. Schon klopfte es hart an die Tür und Richard, Angehöriger des Volkes der Zulu und Ranger der Nationalparkverwaltung, trat ein. Im Laufe der Jahre hatte er sich zu Kerners rechter Hand entwickelt. Er nickte Kerner knapp zu, dabei erklärte er sichtlich erregt: „Chief, ich habe gerade routinemäßig die Standorte der Sender kontrolliert. Bei Onna, der Nashornkuh, gibt es eine Auffälligkeit. Bisher war sie mit ihrem Kalb ziemlich standorttreu in der Umgebung des Wasserlochs 7 herumgezogen. Nach den Aufzeichnungen hat sie sich in den letzten Stunden kein Yard bewegt. Deshalb habe ich die Drohne hingeschickt.“

Kerner runzelte die Stirn. Im Auftrag der Reservatsverwaltung hatten sie mehrere Elefanten und Nashörner mit Sendern versehen, um die Tiere jederzeit auffinden zu können.

Die Rangerstation verfügte über eine leistungsfähige Drohne, mit deren Hilfe sie sehr wirkungsvoll bestimmte Gebiete des Reservats überprüfen konnten.

Der Ranger sah ihn aufgeregt an.

„Es tut mir leid, Chief. Wie es aussieht, wurde Onna getötet. Sie liegt regungslos in der Nähe des Wasserlochs 7, das Kalb steht bei ihr.“

Kerner schlug zornig mit der Hand auf den Schreibtisch. Rex sprang erschrocken auf und stellte die Ohren. Der Chief wusste, was diese Aussage bedeutete. Wilderer! Die Bande war mit Sicherheit schon über alle Berge.

„Diese verdammten Verbrecher!“, fluchte er, dabei erhob er sich. „Wir müssen sofort raus und zumindest das Kalb retten. Verständige die Männer, damit sie die Transportbox fertig machen. Du weißt, was zu tun ist!“

Richard nickte, dann drehte er sich um und eilte hinaus. Einen Augenblick später hallte seine Stimme über das Gelände.

Simon Kerner griff sich mit grimmiger Miene das Holster mit seinem Revolver vom Haken und schnallte es sich um. Anschließend öffnete er seinen Waffenschrank, entnahm ihm seine ständige Begleiterin im Busch, die Heckler & Koch, und zusätzlich das Narkosegewehr. Obwohl das Kalb für die Männer sicher noch nicht gefährlich war, war es alleine aufgrund seines Gewichts ohne Betäubung nicht zu handeln. Er griff sich den Koffer mit dem Betäubungsmittel.

Wenig später waren sechs Ranger mit dem Kleinlaster und der Transportbox unterwegs. Kerner fuhr mit dem Jeep voraus, Rex saß hechelnd neben einem der Männer auf der Rückbank. Er spürte die Anspannung seines Herrn und war entsprechend aufgeregt. Als sie sich dem Wasserloch näherten, verlangsamten sie das Tempo. Sie wollten das Kalb nicht erschrecken. Auf den umstehenden Bäumen versammelten sich bereits einige Geier, die die tote Nashornkuh als reichhaltige Nahrungsquelle ausgespäht hatten. Durch die Annäherung der Fahrzeuge wurden sie aufgescheucht, stiegen schwerfällig auf und begannen in großer Höhe Kreise zu ziehen. Die Männer machten die Motoren aus, blieben aber bei den Fahrzeugen, um das Kalb nicht zu beunruhigen.

Mit dem Fernglas konnte Kerner die tote Nashornkuh schnell ausmachen. Sie lag ungefähr hundert Meter von ihnen entfernt. Dicht bei ihr stand das Kalb. Es sicherte mit spielenden Ohren herüber. Da sich die Mutter aber nicht bewegte, verharrte es am Platz. Simon Kerner begutachtete es einen Moment. Nach seiner Einschätzung wog es wohl schon eine halbe Tonne. Er stieg aus und stellte den Koffer mit den Betäubungsutensilien auf den Sitz. Dann bereitete er die Spritze vor. Das Betäubungsgewehr arbeitete mit einer CO2-Kartusche als Treibmittel. Kerner lud es. Er würde nur einen Schuss zur Verfügung haben. Die Treffergenauigkeit des Gewehrs lag bei etwa fünfzig Metern. Um sicherzugehen, würde er so nahe wie möglich rangehen. Rex bekam den Befehl, im Jeep zu bleiben, dann winkte er seinen Männern zu. Sie sollten sich bereithalten, das Kalb zu verfolgen, denn die Wirkung des Narkosemittels trat nicht sofort ein. Langsam begann sich der Ranger auf das Kalb zuzubewegen. Aufmerksam beobachtete es jede seiner Bewegungen. Als er sich bis ungefähr auf die Leistungsgrenze des Gewehrs genähert hatte, machte es plötzlich ein paar Sprünge von der Mutter weg. Da sie sich nicht bewegte, wurde es unsicher und blieb wieder stehen. Im Zielfernrohr des Gewehrs war ein Entfernungsmesser eingebaut. Das Kalb war nur noch etwas mehr als vierzig Meter von ihm entfernt, als er stehen blieb, es anvisierte und den Schuss abgab. Es gab ein zischendes Geräusch, als sich das CO2 in die Druckkammer entlud. Der Pfeil drang in die Keule des Kalbes ein und das Betäubungsmittel wurde injiziert. Erschrocken rannte das Kalb los, verharrte dann aber wieder. Es sicherte zu seiner Mutter hin. Unschlüssig blieb es stehen. Nach ungefähr drei Minuten begann die Narkose einzusetzen. Langsam legte sich das Kalb nieder. Schließlich sank sein Kopf auf den Boden.

Simon Kerner gab seinen Männern ein Zeichen. Im Schritttempo kamen sie mit dem Lkw angefahren. Sie reichten ihm einen Lappen, den er über die Augen des Kalbes legte, damit sie nicht austrockneten. Jetzt musste es flott gehen! Sie stellten die Transportbox so vor den Kopf des betäubten Tieres, dass sie mit der Ladefläche des Lkws eine Linie bildete. Mit Hilfe der Seilwinde, die hinter dem Führerhaus des Lasters angebracht war, zogen sie das Kalb in die Transportbox und diese dann auf die Ladefläche. Nachdem das geschafft war, wischten sich die Männer den Schweiß von der Stirn. Die Betäubung sollte noch einige Zeit anhalten. Das Kalb kam jetzt zu einer Auffangstation für Tierwaisen, wo es eine reelle Überlebenschance haben würde.

Simon Kerner betrachtete die getötete Nashornkuh. Ein schlimmer Verlust, der bei der Bedrohung dieser Art nicht ausgeglichen werden konnte. Sie würde den Aasfressern der Steppe ein paar Tage reichlich Nahrung bieten.

Kerner setzte sich in seinen Jeep und wendete. Rex forderte sein Recht und erhielt ein paar Streicheleinheiten, in dem Augenblick piepte sein Funkgerät.

„Kerner, bitte kommen.“

„Simon“, meldete sich die Stimme Theresas, die er fast nicht erkannt hätte. „Clara und ich sind wieder im Camp. Dauert es noch lange, bis du wieder nach Hause kommst?“

Alarmiert drückte er auf den Sprechknopf. „Ich bin schon auf dem Rückweg.“ Er gab Gas und raste, eine weithin sichtbare Staubfahne hinter sich herziehend, über die Piste. Sein Gefühl ließ ihn Schlimmes erwarten.

Er brachte den Jeep vor seiner Wohnung zum Stehen und sprang aus dem Wagen. Mit Rex im Gefolge eilte er ins Haus. Kerner stellte die Gewehre in die Ecke, da war Theresa auch schon bei ihm und fiel ihm um den Hals. Ein lautes Schluchzen kam aus ihrem Mund. Er strich ihr beruhigend über den Rücken.

„Theresa, was ist denn los? Wo ist Clara?“

Es dauerte einen Moment, ehe sie wieder in der Lage war, sich verständlich auszudrücken. Sie löste sich von ihm.

„Unser Kind hat Leukämie!“, kam es gepresst aus ihrem Mund. Simon Kerner hatte das Gefühl, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Mit weit aufgerissenen Augen sah er seine Lebensgefährtin an.

„Leukämie? Das ist doch Unsinn! Wie kann das sein? Da haben sich die Ärzte mit Sicherheit getäuscht!“ Er sah sich um. „Wo ist Clara?“, fragte er erneut.

Theresa hatte sich mittlerweile wieder etwas gefasst. „Nein, Simon, es ist kein Irrtum. Die Ärzte haben die Untersuchungen mehrfach gemacht, um eine Fehldiagnose auszuschließen.“ Sie ging zum Tisch und ließ sich nieder. „Die Fahrt hierher hat das Kind schon wieder total erschöpft. Sie liegt in ihrem Bett und schläft. Wir müssen zukünftig Anstrengungen möglichst vermeiden.“

Simon Kerner stand noch immer wie versteinert im Raum und starrte vor sich hin. „Wie kann so etwas sein?“, wiederholte er. „Sie war doch immer gesund …“

„Das habe ich die Ärzte auch gefragt“, entgegnete Theresa. Sie schenkte sich aus einer Karaffe auf dem Tisch ein Glas kalten Tee ein. „Sie konnten mir auch keine befriedigende Antwort geben. Solche Fälle gibt es ganz einfach.“

Langsam tastete sich Kerner ebenfalls zu einem Stuhl. „Aber das ist doch sicher heilbar?“

„Ich wurde umfassend aufgeklärt. Bei Kindern ist diese Krankheit sehr gefährlich, da die Zellerneuerung bei ihnen wesentlich schneller vonstattengeht als bei Erwachsenen. Wir dürfen keine Zeit verlieren, die Behandlung muss umgehend erfolgen!“

„Wie?“

„Zuerst kommt eine Chemotherapie. Damit kann man das Fortschreiten der Krankheit aufhalten. In der Zeit muss man dann einen geeigneten Spender für eine Knochenmarktransplantation finden.“ Sie atmete tief durch. „Die Heilungschancen liegen bei bis zu 80% … wenn wir wirklich schnell agieren!“

Kerner starrte schweigend vor sich hin. Sie sah ihn an und legte ihre Hand auf seine. „Simon, wir müssen zuversichtlich sein … für unser Kind …“

Er schüttelte den Kopf. „Wie soll das hier im Busch funktionieren? Sie braucht doch bestimmt ständige ärztliche Betreuung von Spezialisten. Ich bezweifle, dass das St.-Georges-Krankenhaus in Port Elizabeth das leisten kann. Hierfür benötigt man eine Einrichtung, die damit Erfahrung hat. Und bei all dem bräuchte sie ihre Eltern in der Nähe.“

„Simon, das klingt ja, als würdest du aufgeben wollen!“ Sie sah ihn entsetzt an.

Kerner sah sie verständnislos an. „Nicht eine Sekunde dürfen wir so etwas denken! Unser Kind benötigt die beste Behandlung, die es bekommen kann!“ Er ballte die Fäuste auf der Tischplatte. „Theresa, es gibt keine andere Lösung: Wir brechen hier unsere Zelte ab und gehen zurück nach Deutschland!“


Der Prozess wegen des Ehrenmordes an einer jungen Araberin, die sich weigerte, einen ihr von den Eltern zugeteilten Ehemann zu heiraten, war gerade zu Ende gegangen. Der Bruder des Opfers glaubte, die Ehre der Familie reinwaschen zu müssen, indem er seine Schwester erschoss.

Nach der Urteilsverkündung, 15 Jahre Freiheitsstrafe wegen Totschlags, begab sich Oberstaatsanwalt Dr. Haenisch in sein Dienstzimmer. Er bedauerte zwar, dass das Schwurgericht bei seiner Entscheidung nicht von Mord ausgegangen war, aber die Anklage war tatsächlich auf etwas tönernen Füßen gestanden und man hatte sie deshalb auf Totschlag reduziert. Es war heute sein letzter Prozess in seiner Eigenschaft als Oberstaatsanwalt gewesen. Übermorgen würde er aus der Hand des Ministerpräsidenten seine Ernennungsurkunde zum Staatssekretär im Innenministerium erhalten. Nach der letzten Landtagswahl hatte ihn der alte und jetzt wiedergewählte Innenminister überraschenderweise gefragt, ob er sich vorstellen könne, für dieses Amt zur Verfügung zu stehen. Ihm schwebe vor, ihn als erfahrenen Juristen bei der Bekämpfung der bandenmäßigen Schwerkriminalität einzusetzen, die sich in den letzten Jahren im Grenzbereich des hessischen und fränkischen Spessarts breitgemacht hatte. Er sollte, mit entsprechenden Vollmachten ausgestattet, der Hydra die Köpfe abschlagen. Nach einiger Bedenkzeit stimmte er zu.

Jetzt musste er nach Bamberg fahren, um aus den Händen der Generalstaatsanwältin Yasmin Römer seine Entlassungsurkunde entgegenzunehmen. Dr. Haenisch hängte seine schwarze Robe in den Schrank. Fast zärtlich fuhr er mit den Fingerspitzen über den samtigen Stoff. Sie hatte ihm viele Jahre treu gedient und nach außen die ihm mit dem Amt zugewachsene Autorität verkörpert.

Wenige Minuten später fuhr er seinen zweisitzigen Sportwagen aus der Tiefgarage des Strafjustizzentrums. Auf der A 7 benötigte er eine knappe Stunde, dann betätigte er die Sprechanlage an der beschrankten Hofeinfahrt des Oberlandesgerichts Bamberg, in dem auch die Generalstaatsanwaltschaft ihren Sitz hatte. Wenig später klopfte er am Vorzimmer der Generalstaatsanwaltschaft und trat ein.

„Grüß Gott, die Frau Generalstaatsanwältin erwartet mich.“

Der junge Beamte im Vorzimmer kannte ihn natürlich. „Grüß Gott, Herr Dr. Haenisch, ich gebe nur kurz Bescheid.“ Er klopfte an eine doppelte Verbindungstür, dann trat er ein. „Herr Dr. Haenisch ist da“, hörte er ihn sagen.

„Ach, schön, er soll doch bitte reinkommen“, hörte er die vertraute, leicht rauchige Stimme von Dr. Yasmin Römer, seit gut zwei Jahren Generalstaatsanwältin im Oberlandesgerichtsbezirk Bamberg. Als Frau in diesem Amt war sie ein Novum in Bayern. Der Beamte ließ den Besucher ein und fragte ihn im Vorübergehen: „Möchten Sie einen Kaffee?“

„Sehr gerne“, erwiderte er, dann wandte er sich der Frau zu, die sich hinter einem ausladenden Schreibtisch erhoben hatte und auf ihn zukam: „Frau Generalstaatsanwältin, vielen herzlichen Dank, dass Sie heute noch den Termin möglich gemacht haben.“

Sie hörten, wie die Tür von außen geschlossen wurde. Schlagartig veränderte sich ihr Verhalten.

„Christian, du solltest es nicht übertreiben.“ Sie ging auf ihn zu, stellte sich auf die Zehenspitzen ihrer Highheels und gab ihm einen Kuss auf den Mund.

„Yasmin, das muss sein. Schließlich erwartet dein Vorzimmerzerberus von mir als kleinem Oberstaatsanwalt, dass ich mich angemessen devot verhalte.“ Sie warf ihm eine Grimasse zu und stach ihm mit dem Zeigefinger spielerisch in den Bauch.

Als es an die Tür klopfte, machte er automatisch einen Schritt rückwärts. Der junge Mann brachte den Kaffee auf einem Tablett und stellte es auf einem mit Intarsien ausgelegten Beistelltisch ab. Zucker, Milch und kleine Gebäckstücke lagen dabei. Mit kurzem Gruß verschwand er wieder.

„Ein ganz schön knackiges Bürschchen hast du dir da vor die Tür gesetzt“, bemerkte Haenisch und grinste.

„Moment, den Jungen habe ich vor kurzem von der Personalverwaltung zugewiesen bekommen, weil seine Vorgängerin sich aus Karrieregründen versetzen ließ.“

Sie ging zum Tisch und schenkte ihrem Besucher Kaffee ein. „Das ist heute also dein offizieller Abschiedsbesuch“, stellte sie fest. „Du bekommst von mir deine Entlassungsurkunde – und das war’s dann …“ Sie klang plötzlich fast ein wenig wehmütig.

„Na ja, das ist halt der offizielle Gang der Dinge“, gab er zurück. „Aber das heißt ja nicht, dass wir uns nicht mehr sehen können. Bei der Aufgabe, die mich zukünftig erwartet, werde ich wohl nicht in München residieren.“

Sie gab zwei Stück Zucker in seinen Kaffee und rührte langsam für ihn um. Dabei sah sie ihn ernst an.

„Dir ist klar, welch gefährliche Aufgabe dir der Minister da angetragen hat?“

Er nahm einen Schluck Kaffee, dann erwiderte er: „Hinter diesem Auftrag steht ein komplexes Projekt, das dem Innenminister sehr am Herzen liegt. Die kriminellen Aktivitäten der arabischen Familienclans haben sich jetzt auch nach Bayern und Hessen verlagert. Vermutlich durch die Flüchtlingsströme der vergangenen Jahre, die teilweise unkontrolliert über die Grenze gekommen sind. Es sind zwei Familien, die in den letzten beiden Jahren vermehrt durch Gewalt aufgefallen sind. Sie verweigern die Anerkennung unseres Rechtssystems und glauben, eine Parallelgesellschaft aufbauen zu können.“ Er nahm sie wieder in den Arm. „Aber wem erzähle ich das. – Wie sieht es heute nach dem ganzen offiziellen Brimborium aus? Hast du heute Abend Zeit?“

Sie lächelte ihn an. „Selbstverständlich bin ich davon ausgegangen, dass du heute Nacht bei mir bleibst. Wer weiß, wann wir wieder einmal so eine Gelegenheit haben.“

Sie ging zum Schreibtisch und nahm eine mit weißblauen Rauten bedruckte Mappe in die Hand, auf der in der Mitte das farbige bayerische Staatswappen zu erkennen war.

„Ich schlage vor, wir bringen es hinter uns“, erklärte sie, wieder sachlich werdend.

Dr. Haenisch nickte und stellte seine Kaffeetasse ab.

Sie griff zum Telefon und sprach mit ihrem Vorzimmer. Wenig später klopfte es an die Verbindungstür und der junge Beamte öffnete, um den Präsidenten des Oberlandesgerichts anzukündigen. In dessen direktem Gefolge betraten einige Staatsanwälte und Richter das Dienstzimmer. Sie begrüßten sich gegenseitig, dann formierten sie sich um den Schreibtisch der Generalstaatsanwältin. Währenddessen öffnete im Hintergrund der Vorzimmerbeamte eine Flasche Sekt. Nachdem die Generalstaatsanwältin ein paar wohlgesetzte Sätze gesprochen hatte, überreichte sie Dr. Christian Haenisch seine Entlassungsurkunde als Oberstaatsanwalt und gratulierte ihm gleichzeitig zu seiner bevorstehenden Ernennung zum Staatssekretär. Haenisch dankte kurz, dann gab es Sekt und etwas Smalltalk, bis sich die Gäste nacheinander verabschiedeten. Nachdem alle gegangen waren, brachte die Generalstaatsanwältin Dr. Haenisch zu ihrer zweiten Tür, die ihr einen direkten Zugang zum Flur ermöglichte, ohne über das Vorzimmer gehen zu müssen. Sie legte ihre Hand auf die Türklinke und gab ihm einen weiteren Kuss.

„Wir sehen uns bei mir um achtzehn Uhr. Ich werde versuchen, rechtzeitig aus dem Haus zu kommen.“

Wieder alleine, blieb sie mitten im Zimmer stehen und sah nachdenklich durch eines der Fenster hinaus ins Grün eines Baumwipfels. Sie wurde von zwiespältigen Gefühlen erfüllt.

Die Generalstaatsanwältin lebte alleine in einem komfortablen, geräumigen Bungalow am Rande von Bamberg. Dr. Yasmin Römers erste Ehe wurde geschieden, ihr zweiter Ehemann verstarb schon nach drei Jahren an Krebs. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt erst sechsundvierzig Jahre alt war, beschloss sie zukünftig alleine zu bleiben und sich verstärkt der Karriere zu widmen, was ihr letztlich ja auch erfolgreich gelang. Ihren letzten Ehenamen behielt sie bei. Für die Karriere waren ausländisch klingende Namen nicht immer dienlich.

Sie lernte Christian Haenisch zufällig bei einem Urlaubsaufenthalt an der Nordsee, ein Jahr nach dem Tod ihres letzten Mannes, kennen. Haenisch hatte gerade eine Beziehung beendet und war ebenfalls frei. Als frisch gebackene Referentin des Justizministers lebte sie damals in München. Er arbeitete schon seit Jahren als Richter am Landgericht Aschaffenburg. Die beiden waren sich sofort sympathisch und landeten schließlich ein paar Tage später nach einem feuchtfröhlichen Tanzabend im Bett. Seitdem hatten sie sich, trotz der steilen Karriere von Yasmin, nicht mehr aus den Augen verloren. Obwohl sie später dann als Generalstaatsanwältin seine Vorgesetzte war, kamen sie gelegentlich, wenn es passte, zu unverbindlichen Treffen zusammen. – So wie heute Nacht.

Am nächsten Morgen, nach einem gemeinsamen Frühstück, verabschiedete sich Christian Haenisch herzlich von Yasmin Römer und ging zu seinem Auto, das einige Straßen weiter in einer ruhigen Nebenstraße parkte. Am Haus der Generalstaatsanwältin patrouillierten aus Sicherheitsgründen vermehrt Polizeistreifen, die ein Auge auf davor parkende Fahrzeuge warfen. Er wollte nicht, dass sein Kennzeichen im Protokoll einer Streife auftauchte. Yasmin Römer stand hinter den dichten Gardinen und beobachtete, wie er wegfuhr.

Als sie mitbekam, dass man Haenisch zum Staatssekretär im Innenministerium ernennen wollte, war sie zunächst betroffen. Das war ein gewaltiger Karrieresprung, mit dem er sie überholte. Gewiss, ihre Ernennung zur Generalstaatsanwältin konnte sie als großen persönlichen Erfolg verbuchen, der sie auch zutiefst befriedigte, allerdings sah sie sich noch nicht auf der obersten Sprosse der Karriereleiter. Sie konnte sich durchaus vorstellen, in einem nächsten Schritt in die bayerische Regierung berufen zu werden. Justizministerin Dr. Yasmin Römer klang sehr gut, wie sie fand. Das Problem war nur, dass ihr Haenisch jetzt kräftig Konkurrenz machte. Als Staatssekretär war er Teil der Regierung und vom Staatssekretär zum Minister war nur ein kleiner Sprung. Besonders dann, wenn er seine neue Aufgabe erfolgreich löste. Sie wandte sich vom Fenster ab. Es gab da noch ein paar gefährliche Punkte in ihrer Vita, die sie unbedingt bereinigen musste, weil sie ihre Karriereträume zerstören konnten.


Zwei Tage später:

Erster Kriminalhauptkommissar Eberhard Brunner, Leiter der Mordkommission in Würzburg, hatte gestern vom Vorzimmer des Polizeipräsidenten Arnold Häfner, einen Anruf bekommen, in dem er gebeten wurde, heute um zehn Uhr zu einer Dienstbesprechung zu erscheinen. Die Vorzimmerdame machte ihm deutlich, dass dies eine klare Dienstanweisung mit oberster Priorität war. Brunner hatte keinerlei Ahnung, was das bedeuten sollte.

Nach Betreten des geräumigen Dienstzimmers sah er sich zu seinem Erstaunen drei Personen gegenüber, von denen ihm nur zwei bekannt waren. Er gab dem Polizeipräsidenten die Hand, dann begrüßte er Oberstaatsanwalt Dr. Haenisch, mit dem er häufig dienstlich zu tun hatte. Der dritte Mann wurde ihm von Präsident Häfner kurz vorgestellt: „Kriminaldirektor Seebach, Landeskriminalamt München.“ Nachdem er auch ihm die Hand geschüttelt hatte, setzte er sich auf den Stuhl am Besprechungstisch, den ihm der Polizeipräsident anbot. Der kam auch gleich zur Sache:

„Lieber Brunner, Sie wundern sich wahrscheinlich über die Zusammensetzung dieser Besprechungsrunde. Zunächst möchte ich Ihnen mitteilen, dass Herr Dr. Haenisch nicht mehr Oberstaatsanwalt ist, sondern ihm ein Amt als Staatssekretär im Innenministerium übertragen wurde.“

Brunner zog die Augenbrauen in die Höhe und nickte Dr. Haenisch zu. „Gratuliere.“

„Danke“, gab dieser kurz zurück, denn der Präsident fuhr schon fort.

„Dr. Haenisch hat die wichtige Aufgabe der Bekämpfung der Bandenkriminalität im Milieu der Familienclans als Schwerpunkt seiner Tätigkeit erhalten. Bekanntermaßen haben sich diese Banden wie ein Krebsgeschwür immer stärker in den Main-Spessart-Bereich hineingefressen. Daraufhin hat Kriminaldirektor Seebach die Anordnung erhalten, umgehend eine Sonderkommission zusammenzustellen, die Herrn Dr. Haenisch direkt unterstellt wird.“

Der Präsident atmete kurz durch, dann fuhr er ohne Umschweife fort: „Sie, Herr Brunner, werden zum Leiter dieser Sonderkommission ernannt.“ Er hob die Hand, weil Brunner Luft für eine Erwiderung schöpfte. „Bevor Sie fragen, die Mordkommission in Würzburg übernimmt kommissarisch Kriminalhauptkommissar Kauswitz. Er ist Ihr Vertreter und leistet gute Arbeit. Sollte sich Ihre Aufgabe in der Soko eines Tages erledigt haben, können Sie also problemlos wieder zurückkehren.“

Der Polizeipräsident sah Brunner prüfend an. „Ich weiß, wir haben Sie damit überfallen. Aber wir denken, das ist eine Aufgabe ganz nach Ihrem Herzen. Sie bzw. die Soko werden natürlich technisch und personell entsprechend ausgestattet, so dass Sie erfolgreich sein werden.“

Der LKA-Mann, der die ganze Zeit geschwiegen, stattdessen aber Brunner eingehend gemustert hatte, hob kurz die Hand.

„Wir haben vom Innenministerium die Aufforderung bekommen, möglichst schnell eine schlagkräftige Truppe zusammenzustellen. Der Herr Staatssekretär kennt Sie aus seiner Zeit als Oberstaatsanwalt. Sie haben dienstlich ja häufig zusammengearbeitet. Sie sind sein absoluter Wunschkandidat.“

Dr. Haenisch nickte bestätigend.

Langsam fand Brunner wieder zu seiner Sprache zurück. „Wow, das ist alles ziemlich überraschend.“ Mehr brachte er im Moment nicht heraus. Er fühlte sich ein wenig überfahren. „Kann ich da noch einmal drüber schlafen?“

Der LKA-Mann brachte ein trockenes, humorloses Lachen zustande. „Lieber Brunner, Sie mögen zwar der Wunschkandidat des Herrn Dr. Haenisch sein, das heißt aber nicht, dass hier ein Wunschkonzert stattfindet. Wir haben uns Ihre Personalakten genau angesehen. Sie sind absolut qualifiziert, außerdem sind Sie familiär ungebunden. Nach unseren Vorstellungen werden Sie Ihren Dienst in erster Linie in einer Unterkunft ableisten, in der auch die gesamte Soko untergebracht sein wird. Man hat uns zu diesem Zweck ein aufgelassenes Forsthaus in der Nähe von Lohr am Main angeboten. Es wird gerade umgebaut und technisch fit gemacht.“ Er lehnte sich zurück, dabei sah er auf ein Blatt Papier, auf dem er sich Notizen gemacht hatte.

„Zur personellen Zusammensetzung: Wir werden nur bestens ausgebildete Beamtinnen und Beamte in die Sonderkommission berufen, die dort modernste Technik zur Verfügung haben werden. Die Soko wird, neben dem Leiter, aus drei Frauen und zehn Männern bestehen, wobei mindestens zwei Mitglieder über zufriedenstellende Kenntnisse der arabischen Sprache verfügen müssen. Die Gruppe wird mit einem leistungsfähigen Fuhrpark ausgerüstet, zu dem auch zwei gepanzerte Fahrzeuge gehören werden, denn wir rechnen natürlich mit Widerstand. Fünf Mitglieder der Gruppe werden von einem Sondereinsatzkommando abgeordnet. Das sind Spezialisten im Nahkampf und mit Scharfschützenausbildung. Damit hätten wir dann eine äußerst leistungsfähige Truppe, die den schweren Kampf gegen den Kraken der organisierten Kriminalität wirksam aufnehmen kann. Der Dienst wird nach einem bestimmten Einsatzplan abgeleistet, wonach neben dem Leiter und seiner Vertreterin, einer Oberkommissarin aus dem Bereich des SEK Nord, immer zehn Kräfte gleichzeitig in der Zentrale der Soko anwesend sein müssen. Alle, die im Dienst sind, arbeiten und schlafen in den Räumlichkeiten des Forsthauses. Wir haben bei der Zusammenstellung der Soko darauf geachtet, keine verheirateten Mitglieder abzuordnen, um soziale Konflikte in der Gruppe zu vermeiden. Die Aufgabe der Soko besteht zudem auch im Personenschutz für Dr. Haenisch, in Ermittlungen im Milieu, der Führung von V-Männern und der Lancierung von Falschmeldungen. Wir wollen ständig Sand ins Getriebe der Banden streuen. Die Soko verfügt über einen direkten Draht zur Einsatzzentrale und ist mittels Funk untereinander verbunden.“ Der Kriminaldirektor sah Brunner erwartungsvoll an. „Nun, was halten Sie davon?“

Ehe Brunner noch etwas sagen konnte, ergriff Dr. Haenisch das Wort. „Herr Brunner, es ist mir klar, dass das eine große Herausforderung ist, aber ich muss Sie bitten, sich bis morgen zehn Uhr zu entscheiden. Wir stehen unter enormem Zeitdruck.“ Er griff in seine Jackentasche. „Hier meine Visitenkarte. Da steht zwar noch Oberstaatsanwalt drauf, aber meine private Handynummer stimmt noch.“

Die drei Herren erhoben sich, für Brunner das Zeichen, dass die Besprechung beendet war. Nach Verlassen des Präsidiums, stand er wie betäubt auf der Straße. Ihm schwirrte der Kopf. Er sollte mit Hilfe einer Sonderkommission die Bandenkriminalität zweier arabischer Clans im weiteren Umfeld Frankens bekämpfen. Das war vielleicht ein Hammer! Langsam schlenderte er durch die Zellerau in Richtung Stadtmitte. Am Marktplatz setzte er sich in das Straßencafé einer Bäckerei. Er musste in Ruhe nachdenken.

Sehr schnell wurden allerdings seine beruflichen Überlegungen von der Erinnerung an das Telefonat verdrängt, das er gestern Abend mit seinem Freund Simon Kerner geführt hatte. Der Zeitunterschied zwischen hier und Südafrika betrug nur eine Stunde und fiel daher kaum ins Gewicht. Die Hiobsbotschaft, die Kerner ihm anvertraute, hatte ihm fast den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Mitteilung von der schweren Erkrankung der kleinen Clara schockte ihn tief.

„Ich habe mir überlegt, wieder als Anwalt zu arbeiten“, hatte Kerner in gedrückter Stimmung erklärt. „Ich habe mich erkundigt, eine Zulassung dürfte unschwer möglich sein. Als selbständiger Rechtsanwalt kann ich mir meine Zeit einigermaßen einteilen und für Clara und Theresa da sein.“

Es war ein Drama, irgendwie wurde sein Freund Simon von Schicksalsschlägen verfolgt. Lange sah es so aus, als hätte er in Afrika Ruhe gefunden. … und jetzt das! Die Entscheidung, wieder nach Deutschland zurückzukehren und die Behandlung des Mädchens in der Universitätskinderklinik in Würzburg durchführen zu lassen, fand er absolut richtig. Kerner hatte ihn gebeten, sich nach einer geeigneten Wohnung für die Familie umzusehen, möglichst in Kliniknähe. Gerne hatte Brunner seine Hilfe zugesagt. Diese schlimme Nachricht wirbelte die kleine Familie richtig durcheinander. Brunner war vor einigen Monaten dort für ein paar Wochen zu Besuch gewesen und hatte gesehen, wie glücklich sie waren.


Brunner trank seinen Kaffee aus und brachte das Geschirr in die Bäckerei zurück. Das Angebot des Staatssekretärs war wirklich sehr verlockend. Auch bei ihm waren immer wieder schwere Straftaten dieser Gangs auf dem Schreibtisch gelandet. Diese Banden schreckten auch nicht vor Mord und Totschlag zurück. Obwohl in der letzten Zeit immer wieder ungeklärte Todesfälle in diesem Milieu auftraten, konnte die Mordkommission bisher keinen der Fälle der Staatsanwaltschaft vorlegen, um darauf eine fundierte Anklage zu erstellen. Die Verbrecher besaßen hervorragende Anwälte und immer wieder mussten Verfahren zähneknirschend eingestellt werden.

Eberhard Brunner betrat sein Büro und ließ sich hinter dem Schreibtisch in seinen Bürostuhl fallen. Er musste umgehend mit Kauswitz, seinem Vertreter, sprechen, bevor der Polizeipräsident ihn anrief. Die Tatsache, dass Kauswitz die Leitung der Mordkommission nach Brunners Abordnung nur kommissarisch übernehmen sollte, musste er ihm persönlich beibringen. Mit Sicherheit würde Kauswitz darüber enttäuscht sein, Brunners Nachfolge nicht sofort und endgültig übernehmen zu können. Immerhin wäre damit auch ein Karrieresprung verbunden. Eberhard Brunner erhob sich tief durchatmend. Ein schwerer Gang. Er verließ sein Dienstzimmer und klopfte an die Tür seines Vertreters auf der anderen Seite des Flurs. Nach der Aufforderung einzutreten, streckte Brunner seinen Kopf durch die Tür.

„Ludwig, hast du einen Moment Zeit für mich?“

Ludwig Kauswitz sah von den Akten hoch, die er gerade studierte. „Klar, was gibt es?“

Brunner setzte sich auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches, dann begann er zu sprechen.

Kauswitz hörte ihm aufmerksam zu, ohne ihn zu unterbrechen. Je mehr sich die Ausführungen Brunners jedoch dem kritischen Punkt seiner Vertretung näherten, desto ernster wurde die Miene seines Kollegen. Als Brunner verstummte, trat im Raum zunächst einmal Stille ein.

„Ich war von dem Angebot ebenfalls total überrascht“, ergänzte Brunner. „Keine Ahnung, warum der Polizeipräsident diese kommissarische Lösung für die Mordkommission haben möchte.“

Kauswitz drehte sich auf seinem Stuhl zur Seite und warf einen Blick zum Fenster hinaus. Schließlich wandte er sich Brunner zu. Seine Miene war schwer zu durchschauen.

„Da kann ich dir nur gratulieren. Das ist sicher ein heißer Job. Du hast ja schon immer mal geäußert, du würdest gegen etwas mehr Action nichts einzuwenden haben. Ich werde dich auf jeden Fall vertreten … so gut ich das kann.“ Brunner spürte die Enttäuschung, die in seinen Worten mitschwang.

„Du wirst das genauso gut machen wie ich“, stellte er fest, „da bin ich sicher. Warte mal ab. Ich habe keine Vorstellung, wie lange mein Einsatz bei dieser Soko dauert. Ich rechne mit Jahren. Irgendwann wird man dann diese Interimslösung bei der Mordkommission beenden müssen. Dann bist du an der Reihe.“

Ludwig Kauswitz nickte langsam. „Schauen wir mal … Jetzt steig du erst mal diesen Clans anständig auf die Zehen. Ich hoffe, dass durch diese Soko die ungeklärten Todesfälle etwas weniger werden.“

Brunner nickte. „Wir werden in Zukunft sicher eng zusammenarbeiten.“ Er erhob sich und klopfte Kauswitz aufmunternd auf die Schulter, dann verließ er das Büro seines Kollegen.

Kaum hatte Brunner die Tür von draußen geschlossen, ballte Kauswitz die Faust und stieß einen verhaltenen Fluch aus. Selbstverständlich hatte er sich Hoffnungen gemacht, einmal Brunners Nachfolger als Leiter der Mordkommission zu werden. Wie es jetzt aussah, hatte man ihn auf dem Verschiebebahnhof der Beförderungen auf einem Abstellgleis geparkt. Da konnte man ihm nichts vormachen: Man erwartete von ihm, dass er für Brunner den Stuhl warmhielt, bis dieser irgendwann seinen Job glorreich erledigt hatte und zurückkam. Er klappte die Akte, an der er gerade arbeitete, zu. Jetzt musste er erst einmal an die frische Luft. Er warf noch einen kurzen routinemäßigen Blick auf seinen Terminkalender. „Dienstwaffe zur Inspektion“, stand da in Rot. Da konnte er den Spaziergang gleich mit der Ablieferung seiner Pistole bei den Waffentechnikern im Haus verbinden. Er holte sie aus dem Schreibtischkasten heraus und steckte sie in sein Gürtelholster. In Abständen mussten die Dienstwaffen zur technischen Überprüfung. Sie wurden gereinigt und verschlissene Teile wurden ersetzt. Im Ernstfall musste er sich auf die Schusswaffe verlassen können.

Der Kollege in der Waffentechnik nahm die Pistole entgegen. „Entladen und gesichert“, erklärte Kauswitz knapp.

„Danke“, erwiderte der Beamte kurz, entnahm das Magazin und öffnete den Verschluss.

„Ich sagte doch, entladen und gesichert“, mokierte sich Kauswitz schlecht gelaunt.

„Ludwig, reg dich nicht auf. Ich behandle jede Waffe, die ich in die Hände bekomme, so, als wäre sie geladen. Du machst dir keine Vorstellungen, was ich hier schon alles erlebt habe.“ Er trug die Waffennummer in eine Kladde ein und bestätigte per Unterschrift den Empfang. Anschließend unterschrieb Kauswitz.

„Gut, dann bekommst du jetzt deine Ersatzwaffe. Identisches Modell. Munition hast du noch?“

Kauswitz nickte.

„Na, dann hier bitte noch eine Unterschrift für den Empfang.

„Was für ein Papierkrieg“, murmelte der Kriminalbeamte. Auf der Liste entdeckte er einige Linien weiter oben die Unterschrift von Brunner. „Ah, der Kollege hat auch schon abgeliefert. Vorbildlich wie immer“, stellte er leicht ironisch fest.

Der Techniker musste grinsen. „Na ja, so pauschal möchte ich das jetzt nicht bestätigen“, stellte er fest. „Sie war ziemlich verdreckt und der Lauf voller alter Pulverrückstände. Höchste Zeit, dass die mal gründlich gereinigt wird.“

Kauswitz zuckte mit den Schultern. „Tja, der Kollege ist ehrgeizig und verbringt einige Zeit auf dem Schießstand. Er will wohl beim nächsten Kollegenturnier den Pokal ergattern.“

Ludwig Kauswitz steckte die Pistole ungeladen in das Holster und verließ mit einem kurzen Gruß die Waffenkammer.

Am nächsten Morgen erledigte Eberhard Brunner drei Anrufe. Jeder der drei Protagonisten des letzten Tages nahm seine positive Entscheidung wohlwollend zur Kenntnis. Anschließend suchte er seinen Stellvertreter in seinem Büro auf, um ihm die Nachricht über seine Zusage persönlich mitzuteilen. Für Kauswitz kam diese Entscheidung nicht überraschend.

„Ludwig, wir werden mit Sicherheit gut zusammenarbeiten“, versicherte Brunner seinem Kollegen.

„Ab wann ist diese Änderung in Kraft?“, wollte Kauswitz wissen.

„Wir haben jetzt Donnerstag“, erwiderte Brunner, „ich denke ab Montag. Ich muss jetzt gleich rüber ins Präsidium, weil einige organisatorische Dinge zu erledigen sind. Wenn’s nach dem Landeskriminalamt ginge, hätten wir schon gestern anfangen sollen. So schnell geht’s natürlich nicht. Die Technik ist einzurichten und dann müssen wir zusehen, dass wir entsprechend qualifiziertes Personal zusammenbekommen. Da gibt es noch einiges zu tun.“

„Na dann“, erwiderte Kauswitz bemüht freundlich, „Hals und Beinbruch!“ Er drückte Brunner die Hand, dann ging er in sein Büro zurück. Brunner hatte ihm angeboten, während seiner Abwesenheit sein Dienstzimmer zu benutzen, da es etwas geräumiger war. Aber Kauswitz hatte dankend abgelehnt.

Brunner verabschiedete sich von seinen Kolleginnen und Kollegen in der Abteilung, dann verließ er das Haus. Unter dem Arm trug er einen kleinen Karton, in dem einige persönliche Dinge untergebracht waren.


Die Stimme:

Die Person schaltete das Gerät ein, mit dem sie ihre Stimme am Telefon verfälschte. Nun würde keiner mehr feststellen, ob der Anrufer weiblich oder männlich war. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, da man nie wusste, wer mithörte.

Es war deutlich nach Mitternacht; obwohl die Nummer anonymisiert war, wusste der Angerufene, um wen es sich handelt.

„Ich nehme an, du hast wichtige Nachrichten für mich“, erklärte der Angerufene. „Es freut mich, dass du nicht vergessen hast, was ich alles für dich getan habe.“

„Wie könnte ich das vergessen!“, erklärte die Stimme. „Bisher gab es keinen Anlass, das Risiko einer Entdeckung einzugehen. Das wäre in unserer beider Interesse nicht wünschenswert. Wie du weißt, steht für mich wesentlich mehr auf dem Spiel als für dich.“ Obwohl die Stimme verfremdet war, konnte man eine gewisse Verärgerung heraushören.

„Gut, gut, ich wollte dich nur dran erinnern. Sprich, was gibt es?“

„Der Freistaat macht Ernst. Ihr habt euch zu lange zu sicher gefühlt. Der Innenminister wird einen Staatssekretär ernennen, dessen primäre Aufgabe darin besteht, die beiden Clanfamilien politisch zu bekämpfen. Darüber hinaus wird eine Sonderkommission Spessart eingerichtet, die in enger Zusammenarbeit mit dem Staatssekretär, gewissermaßen als dessen polizeilicher Arm, fungiert.“

„Interessant, aber die haben schon des Öfteren versucht uns ans Bein zu pinkeln und immer fehlte es ihnen vor Gericht an Beweisen …“

Die Stimme unterbrach ihn. „Das ist diesmal etwas anderes. Dieser Staatssekretär Dr. Haenisch und der Erste Kriminalhauptkommissar Brunner, der die Leitung der Soko übernimmt, sind beides scharfe Hunde, die auch vor grenzwertigen Aktionen nicht zurückschrecken.“ Es trat eine Pause ein, in der die Worte ihre Wirkung entfalteten.

„Du kannst mir sicher sagen, wo diese Männer wohnen“, wollte der Angerufene wissen.

„Nicht aus dem Handgelenk, da muss ich erst etwas recherchieren. Ich würde mit irgendwelchen Aktionen noch warten. Erst mal zusehen, wie sich die Sache entwickelt. Nicht gleich schlafende Hunde wecken! Aber wachsam sein!“ Nach einer weiteren Kunstpause fuhr die Stimme fort: „Ich hoffe, es sind alle kritischen Urkunden und Beweise so sicher verwahrt, dass sie bei einer Hausdurchsuchung nicht in falsche Hände geraten. Sie nehmen bei derartigen Aktionen auch alle Computer und Datenträger mit … du weißt, was ich meine …“

„Keine Sorge, auf den Rechnern befinden sich nur saubere Daten. Da können sich die Herrschaften die Zähne dran ausbeißen. Außerdem haben wir ausgezeichnete Anwälte, die dann für das viele Geld, das sie kassieren, auch etwas Nutzbringendes zustande bringen werden.“

„Ich wollte das nur noch einmal gesagt haben“, erklärte die Stimme leise.

„Das ist in Ordnung. Im Gegenzug verlasse ich mich darauf, dass du mich regelmäßig informierst.“

Die Leitung wurde unterbrochen.


Sechs Tage später:

Der Learjet kam kurz nach elf Uhr in dem für Privatflugzeuge reservierten Teil des Flughafens Frankfurt/Main zum Stillstand. Die Triebwerksgeräusche reduzierten sich auf ein tiefes Brummen, bis sie ganz verstummten. Eine Stewardess ließ die Kabinentür nach außen aufschwingen, bis sie sanft am Flugzeugrumpf anschlug und sich automatisch arretierte. Dann drückte sie auf einen Knopf und die Klappe mit den integrierten Stufen sank hydraulisch gebremst auf das Rollfeld hinab.

Simon Kerner betrat das erste Mal seit Jahren wieder deutschen Boden. Obwohl die Außentemperatur fast dreißig Grad betrug, fröstelte ihn ein wenig, er war von der Rangerstation Temperaturen um die vierzig Grad gewöhnt.

Der Abschied dort war heftig gewesen. Sofort nach Erhalt der Diagnose und der getroffenen Entscheidung, Clara in Deutschland behandeln zu lassen, war Kerner losgefahren, um mit dem zuständigen Mann der Bezirksregierung zu sprechen. Der fiel aus allen Wolken, als Kerner ihm seine Pläne eröffnete. Der Mann stellte aber schnell seine Versuche ein, Kerner zu bewegen, sein Kind in Südafrika behandeln zu lassen, als er die Entschlossenheit des Chiefrangers erkannte. Kerner empfahl ihm, seinem Stellvertreter Richard die Leitung der Rangerstation zu übertragen, was dann auch geschah. In den nächsten Tagen war die Übersiedlung zu organisieren. Seine Männer waren über die Ereignisse tieftraurig, Clara war der Liebling der Rangerstation. Zu hören, dass sie schwer krank war, ließ die Stimmung der rauen Männer auf einen Tiefpunkt sinken.

Sehr überrascht war Kerner, als er an einem Abend einen Anruf erhielt. Am Telefon war Jeremia McArthur, ein afrikanischer Musiker, der in Deutschland viel Geld mit seinen Platten verdiente. McArthur war ein Mensch, dem die Natur seiner Heimat sehr am Herzen lag und der den Wildschutz im Nationalpark mit beträchtlichen Summen unterstützte.

„Hallo Mr. Kerner“, begann Jeremia McArthur, ich habe erfahren, dass Ihre Tochter schwer krank ist und Sie deshalb zurück nach Deutschland wollen. Das Schicksal Ihrer Tochter Clara bedauere ich sehr. Sosehr mich der Verlust schmerzt, den der Nationalpark durch Ihren Weggang zu tragen hat, möchte ich gerne alles tun, damit Clara möglichst schnell in kompetente ärztliche Hände kommt. Ich verfüge über einen Learjet, den ich Ihnen gerne für die Reise zur Verfügung stellen möchte. Eine schnelle Behandlung, so habe ich mir sagen lassen, erhöht die Chance auf eine Heilung dieser Krankheit enorm. Das Flugzeug steht im Augenblick in Pretoria. Besprechen Sie das mit Ihrer Familie. Ihre Zustimmung erwarte ich bis morgen Vormittag.“

Theresas Gesicht überzog ein Hoffnungsschimmer.

„Simon, das ist ein Wink des Schicksals. Durch dieses Angebot gewinnen wir mindestens zwei Tage. Bitte ruf ihn an und sag ja!“

Am nächsten Morgen rief Kerner McArthur an und nahm das Angebot dankend an. Bittere Tränen gab es, als Kerner seiner Familie mitteilen musste, dass man Rex nicht mitnehmen konnte. Theoretisch gab es zwar die Möglichkeit, aber es war nicht möglich, in der kurzen Zeit bis zur Abreise alle Formalitäten für den Rüden zu erledigen. Nachdem Rex aber auch Richard, seinen Nachfolger, als Bezugsperson anerkannte, beschloss er, den Rüden bei ihm zu lassen. Der Hund war an ein freies Leben im Camp und im Busch gewohnt und würde in einer Wohnung in der Stadt verkümmern. Am Tag der Abreise unternahm Richard mit Rex eine längere Kontrollfahrt durch den Busch. Etwas, was er schon häufiger praktiziert hatte und wobei Rex immer freudig mitgegangen war. Als Richard den Rüden diesmal aufforderte in den Jeep zu springen, verweigerte er den Gehorsam und hielt sich dicht an Kerner. Erst als Simon Kerner ihm streng befahl einzusteigen, fügte er sich. Den Blick, den der Rüde ihm zuwarf, als der Jeep vom Hof fuhr, würde Kerner nie vergessen. Wahrscheinlich war das eine Trennung auf Dauer. Clara hatten sie gesagt, Rex würde bald nachkommen. Womit sich das Mädchen nach vielen Tränen trösten ließ.

Simon Kerners Blick ging suchend in Richtung Flughafenterminal. Sie hatten einen Krankentransport vom Flughafen zur Uniklinik in Würzburg organisiert. Zu ihrer Freude erfuhren sie, dass bei kleineren Kindern die Mutter mit im Krankenzimmer übernachten durfte. Dieses Angebot wollten sie natürlich annehmen, zumal sie ja noch keine Wohnung hatten. Clara würde so vom ersten Tag an eine kompetente ärztliche Rundumversorgung bekommen und war nicht dem Stress der Trennung von ihrer Mutter ausgesetzt. Damit war auch das Problem der Wohnungssuche nicht mehr ganz so brandeilig. Eberhard Brunner bot Kerner an, so lange in seiner Wohnung zu leben, bis er etwas Geeignetes gefunden hatte. Durch die Aufstellung der Soko und die damit verbundenen organisatorischen Anstrengungen würde Brunner sowieso häufig unterwegs sein. Brunner hatte es sich aber nicht nehmen lassen, den Freund und sein Gepäck vom Flughafen abzuholen.

Da entdeckte Kerner, vom Terminal kommend, einen Transporter heranfahren. Das Zeichen des Roten Kreuzes war schon von der Ferne aus zu erkennen.

Der geräumig Rettungswagen hielt neben dem Flugzeug und zwei Rettungsassistenten stiegen aus. Sie stellten sich kurz vor, dann fragte der Ältere: „Es soll um den Transport eines kleinen, an Leukämie erkrankten Mädchens gehen. Wie ist ihr Gesundheitszustand? Ist sie ansprechbar?“ Er warf einen Blick zur Flugzeugluke.

Kerner erläuterte ihm den Gesundheitszustand seiner Tochter. „Sie ist häufig matt und schläft viel. Sie hat auch den Flug weitgehend verschlafen.“

„Okay“, stellte er fest. „Dann wollen wir sie mal holen.“ Er gab seinem Kollegen einen Wink. Der ging zum Heck des Wagens und öffnete die Doppeltür. Gemeinsam zogen die beiden Männer eine fahrbare Liege heraus, die sie aufklappten. In dem Augenblick erschien Theresa oben in der Luke und sah auf Kerner herab.

„Sie ist wach“, erklärte sie halblaut.

Simon Kerner legte dem älteren der beiden Sanitäter seine Hand auf den Arm. „Warten Sie. Wenn Sie damit einverstanden sind, werde ich Clara selbst aus dem Flugzeug heraustragen. Der Flug und die ganzen Erlebnisse der letzten Zeit haben sie ziemlich angegriffen.“

„Das geht selbstverständlich in Ordnung.“

„Gut, dann gehe ich jetzt rein und hole sie. Meine Frau wird ja bei Clara mitfahren?“

„Selbstverständlich“, erwiderte der jüngere der beiden. Kerner sprang die paar Stufen zum Flieger hinauf.

Clara lag bleich auf dem umgeklappten Sitz. Theresa saß dicht bei ihr und strich ihr mit der Hand über die Stirn. Clara hatte wieder deutlich fühlbar erhöhte Temperatur.

„Schatz, wir sind schon in Deutschland gelandet“, erklärte sie ihrer Tochter, die gerade ausgiebig gähnte. „Du hast fast den ganzen Flug verschlafen. Wie geht es dir?“

„Wo ist Daddy?“, wollte sie wissen.“

„Hier bin ich“, sagte Kerner und trat einen Schritt nach vorne. „Draußen wartet schon ein Wagen, der Mama und dich nach Würzburg bringt. Komm, mein Schatz, ich nehme dich auf den Arm und trage dich raus.“

„Müssen wir lange mit dem Auto fahren? Werden wir da auch Tiere sehen?“

Simon Kerner musste etwas schmunzeln. „Nein, Clara, größere Tiere werden wir hier nicht sehen. Vielleicht ein paar Vögel. Die Fahrt dauert höchstens eine gute Stunde, dann sind wir da.“ Obwohl sich Clara sicher das Zeitmaß Stunde nicht wirklich vorstellen konnte, gab sie sich zufrieden und ließ sich von ihrem Vater auf den Arm nehmen. Im Vorbeigehen winkte das Mädchen den beiden Piloten und der Stewardess zu, die im vorderen Teil der Kabine standen und zurückwinkten. Kerner und Theresa bedankten sich bei der Crew, dann traten sie auf die Treppe des Fliegers hinaus.

Als Kerner die erste Stufe betrat, sah er blinkendes Blaulicht, das sich vom Terminal her näherte. Wenig später kam mit Schwung ein schwarzer SUV neben dem Rettungswagen zum Stehen. Der Motor und das Blaulicht erloschen, dann wurde die Fahrertür aufgerissen und Eberhard Brunner sprang heraus. Kerner war mittlerweile freudig die restlichen Stufen hinuntergestiegen.

Mit dem Kind auf dem Arm wandte er sich Brunner zu. „Hallo, lieber Freund, ich grüße dich! Schön, dass du kommen konntest!“ Er warf einen Blick auf den SUV. „Aber warum denn nicht gleich mit Sirene …?“

Der grinste und erwiderte: „Da haben so ein paar Sonntagsfahrer gemeint, sie müssten mir im Weg herumzuckeln. Ein bisschen Heulton und schon waren sie wach!“ Er lachte. „Wenn man schon die Möglichkeit hat … Nicht ganz legal, aber wer viel fragt, bekommt viele Antworten …“

Die beiden klopften sich gegenseitig zur Begrüßung auf die Schulter. Es war jetzt fast drei Jahre her, dass Brunner in einem Urlaub Kerner im Nationalpark besucht hatte. Dann betrachtete er Clara, die ihn mit großen Augen musterte.

„Hallo Clara, du bist aber groß geworden. Ich bin der Onkel Eberhard …, aber du wirst dich nicht mehr an mich erinnern. Da warst du noch ganz klein.“ Dann nahm er Theresa herzlich in den Arm.

„Ich hätte mir gerne ein Treffen unter anderen Vorzeichen gewünscht.“ Sie nickte und hatte Mühe, die Tränen zu unterdrücken.

Der ältere Rettungsassistent näherte sich und räusperte leise. „Ich denke, wir sollten langsam los. Wir werden schon im Krankenhaus erwartet.“

„Aber selbstverständlich, Sie haben recht“, gab Kerner zurück. „Wissen Sie, wir haben uns nur schon lange nicht mehr gesehen …“

Kerner gab Clara einen Kuss, dann hob er sie auf die Liege, wo sie in sitzender Position in den Wagen geschoben wurde. Einer der Männer sicherte sie mit zwei Gurten. Theresa verabschiedete sich von Kerner ebenfalls mit einem Kuss, dann stieg sie ein und setzte sich auf den Sessel neben ihrer Tochter. Das Letzte, was Kerner von seinen beiden Frauen sah, waren zwei winkende Hände. Einen Moment später rollte der Rettungswagen vom Rollfeld.

Kerner und Brunner luden die Gepäckstücke in den Kofferraum und auf die Rückbank des SUV, dann fuhren auch sie los.

„Was ist mit dem Zoll?“, wollte Kerner wissen.

„Kein Problem, ich habe das geregelt. Mit einem Dienstausweis des Landeskriminalamts kommt man ganz gut durch. Du bist im Augenblick ein hoher Polizeibeamter aus Südafrika, der zu einer Konferenz nach Bayern kommt.“ Wenig später passierten sie eine Kontrollstelle, die, wie Brunner erläuterte, üblicherweise von Beamten der Bundespolizei benutzt wurde, die auf dem Flughafen Dienst taten. Nachdem Brunner seinen Dienstausweis vorgezeigt hatte, wurde er durchgewunken. Zehn Minuten später waren sie auf der Autobahn A 3 in Richtung Würzburg.

„Ich denke, ich verzichte jetzt mal auf Sonderrechte, damit wir uns in Ruhe unterhalten können“, eröffnete Brunner das Gespräch. „Jetzt sag mal, wie geht es der Kleinen? Das ging in den letzten Tagen ja alles ratzfatz. Wie kann es sein, dass ein so kleines Mädchen aus heiterem Himmel Blutkrebs bekommt? Als ich das hörte, hat es mich regelrecht umgehauen!“

Simon Kerner schaute aus dem Fenster, wo die zwischenzeitlich für ihn ungewohnte Landschaft vorüberzog.

„Wenn ich, respektive die Ärzte, das wüssten, wären wir um einiges schlauer. Das kann unterschiedliche Ursachen haben: genetische Disposition, Einfluss von Strahlen, Viren, Schwächung des Immunsystems und, und, und. Such dir was aus. Endgültig kann dir niemand sagen, woher Claras Leukämie kommt. Fakt ist, der Krebs ist nachgewiesen, ist ziemlich aggressiv und muss schleunigst behandelt werden. Das erschien uns in Afrika zu riskant. Würzburg hat ja diesbezüglich einen ausgezeichneten Ruf. Insbesondere bei derart jungen Kindern wie Clara.“

„Ihr habt da aber auch gewaltig was aufgegeben“, stellte Brunner fest.

Kerner drehte sich dem Freund zu. „Eberhard, wenn dein Kind lebensbedrohlich erkrankt, wirst du alles menschenmögliche unternehmen, um ihm zu helfen. Da ist es völlig egal, ob deine Existenz über den Jordan geht oder nicht.“

„Völlig klar“, gab Brunner zurück. „Ich meinte ja nur … Immerhin bist ja damals nach Afrika gegangen, weil du hier durch den Tod von Steffi den Halt verloren hattest und dort eine neue Existenz aufbauen wolltest. Was willst du jetzt machen? du musst doch deine Familie ernähren und die Behandlung von Clara dürfte ziemlich viel Geld verschlingen.“

Bei Erwähnung seiner ehemaligen Partnerin, die so tragisch ums Leben gekommen war, schwieg Kerner einen Moment gedankenverloren, dann riss er sich zusammen und fuhr fort: „Das ist jetzt erst mal sekundär. Wir haben einiges angespart. Im Busch kannst du ja nicht viel Geld ausgeben.“ Er atmete tief durch. „In den Staatsdienst kann ich natürlich nicht mehr zurückkehren. Aber ich habe mir überlegt, bei der Rechtsanwaltskammer in Bamberg einen Antrag auf Zulassung als Rechtsanwalt im Bereich Würzburg, Main-Spessart und des Oberlandesgerichts Bamberg zu stellen. Bei meinen Qualifikationen dürfte das eigentlich kein großes Problem sein. Ich könnte mir vorstellen, dass sich der eine oder andere noch an mich erinnert. – Aber jetzt muss erst einmal alles unternommen werden, um Clara zu helfen. Wahrscheinlich wird es darauf hinauslaufen, dass wir einen Rückenmarkspender benötigen. Aber das ist wie die sprichwörtliche Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.“

„Wie geht es euch dabei? Ich kann mir vorstellen, dass es sehr quälend ist, wenn das eigene Kind von einer derart lebensbedrohenden Krankheit befallen wird.“

„Ja, das nimmt uns beide sehr mit! Ich möchte für die beiden da sein, bin aber jetzt erst mal gezwungen, mich um die Organisation unseres Lebens zu kümmern. Ich bin dir wirklich sehr dankbar, dass ich bei dir für einige Zeit wohnen kann.“

„Wie du bereits sagtest, sind Clara und Theresa im Augenblick in der Klinik gut aufgehoben. Wenn du bei mir wohnst, hast du den Rücken frei und kannst eine geeignete Wohnung suchen. Ich habe dir ja schon gesagt, dass diese Soko ihren Dienstsitz im Main-Spessart-Bereich haben wird. Da wird es sicher die Notwendigkeit schneller Einsätze geben. Da muss ich vor Ort sein und deshalb ist an tägliches Pendeln nicht zu denken.“ Er stellte das Gebläse eine Stufe niedriger. „Bevor du denkst, ich würde die Wohnung nur wegen dir behalten, kann ich dich beruhigen. Ich hätte sie auf jeden Fall behalten. Wie Wohnungssituation in Würzburg ist extrem schwierig. Ich bin froh, wenn sie bewohnt ist und nicht ständig leer steht. Deine ganzen Möbel etc. kannst du einlagern, bis du eine feste Bleibe gefunden hast.“

Sie fuhren eine Strecke wortlos dahin, weil der Verkehr Brunners Aufmerksamkeit beanspruchte. Plötzlich schob sich der Verkehr, trotz der Dreispurigkeit der Autobahn, zusammen und verdichtete sich.

„So ein Mist“, schimpfte Brunner. Seine Hand bewegte sich in Richtung Schalter des Sondersignals.

„Lass es gut sein“, bat Kerner. „Vielleicht dauert es nicht lange.“ Er setzte sich bequemer hin. „Deine Erzählungen über dein neues Aufgabengebiet sind etwas diffus. Was soll diese Soko bezwecken? An diesem Dienstwagen kann ich schon ersehen, dass du dich jetzt in einer höheren Liga bewegst.“

„Das ist eine Polizeiaktion, die politisch von ganz oben angeordnet wurde und natürlich weitgehend geheim ist. Wir haben im Spessart, in den Grenzgebieten zu Hessen und in Teilen Frankens ziemlichen Ärger mit zwei arabischen Clans, die sich dort wie ein Krebsgeschwür eingenistet und breitgemacht haben. Sie handeln mit allen möglichen Waren und Gütern und zahlen mit ihren legalen Geschäften auch Steuern. Das Problem ist, dass viele dieser Menschen keinerlei Interesse haben, unseren Staat anzuerkennen. Sie machen ihre eigenen Gesetze, die sich überwiegend an die Scharia halten. Die Frauen werden oftmals unterdrückt und es wird auch die Zwangsehe praktiziert. Nicht hier in Deutschland, dazu sind sie zu schlau. Die Familien lassen die Mädchen entführen und die Hochzeit findet dann in Syrien, dem Irak oder einem anderen arabischen Land statt. Es gibt natürlich auch Mädchen, die sich dieser Praxis widersetzen. Vielleicht weil sie einen deutschen Mann oder einen anderen Nichtmuslim kennengelernt haben. Diese Frauen sind in ständiger Gefahr, vom eigenen Vater oder einem Bruder oder einem Cousin zur Rettung der Familienehre ermordet zu werden.

Vor kurzem hatten wir einen Prozess vor dem Schwurgericht in Würzburg. Ein junger Moslem hatte seine Schwester erschossen, weil sie sich in einen Deutschen verliebt hatte und sich weigerte einen entfernten Verwandten, der ihr von der Familie zugedacht war, zu heiraten. Fünfzehn Jahre wegen Totschlags hat die Kammer ihm aufgebrummt.“ Brunner gab Gas, weil sich die Schlange jetzt zügiger weiterschob, dabei fuhr er fort: „Der Oberstaatsanwalt, der dieses Verfahren angeklagt hatte, ein Dr. Christian Haenisch, wurde jetzt vom Ministerpräsidenten zum Staatssekretär im Innenministerium ernannt. Spezialauftrag: Unter Federführung des Landeskriminalamtes Bekämpfung der illegalen Machenschaften der beiden Clans hier in Bayern. Zerschlagung der illegalen Untergrundstrukturen der beiden Familienclans, Schutz von verfolgten Frauen und letztlich Beweisbeschaffung zur gerichtlichen Verfolgung dieser Straftaten. Federführend durch meine Soko!“

Simon Kerner stieß bewundernd die Luft aus. „Da hat sich Bayern aber was vorgenommen!“

„Das kannst du laut sagen!“

Brunner gab mehr Gas, weil sich der Stau langsam auflöste, ohne dass ersichtlich wurde, warum er sich eigentlich gebildet hatte.

„Dir ist schon klar, das ist eine verdammt gefährliche Sisyphusarbeit!“, äußerte Kerner seine Einschätzung. „Warum hast du dir das angetan? War es dir bei der Mordkommission zu langweilig?“

„Dr. Haenisch hat mit mir in zahlreichen Strafverfahren zusammengearbeitet. Er wollte mich ausdrücklich für diesen Job haben.“

Kerner schwieg.

„Wir bekommen für die Soko jede personelle und technische Unterstützung, die wir benötigen. Da werden wirklich Nägel mit Köpfen gemacht. Der Staatssekretär wird auch nicht in München residieren. Er wird irgendwo im Spessart, im Zentrum der Bandentätigkeit, ein geeignetes Haus beziehen. Wir sind auch für seinen persönlichen Schutz zuständig. Du kannst dir ja vorstellen, wir stechen da in ein böses Hornissennest.“

Das blaue Wegweiserschild zeigte noch zwanzig Kilometer bis zur Abfahrt Würzburg – Heidingsfeld. Die restliche Strecke legten sie schweigend zurück.

Brunner fuhr zuerst bei sich zuhause vorbei, um Kerner die Möglichkeit zu geben, sein Gepäck unterzubringen und sich kurz frisch zu machen. Währenddessen räumte er selbst einige Sachen in einen Koffer zusammen, damit er sich an der neuen Dienststelle umziehen konnte. Als Kerner aus der Dusche kam, zeigte Brunner ihm seinen Kleiderschrank.

„Ich habe dir, soweit es ging, Platz gemacht.“ Er wies auf einen kleinen Tresor, der in den Schrank eingebaut war. „Der ist für meine Dienstwaffe, wenn ich nach Feierabend zuhause bin. Aber …“, er drückte in die Tastatur eine Zahlenkombination ein und die gepanzerte Tür schwang auf, „… hier verwahre ich auch meine private Zweitwaffe.“ Er griff in den Tresor und brachte einen Revolver zum Vorschein, der in einem Corduraholster steckte. „Für alle Fälle. In meinem Beruf weiß man ja nie …“ Er zog den kurzläufigen Revolver heraus und klappte die Trommel auf. „Er ist immer geladen. Munition liegt auch dabei.“ Er deutete auf eine Munitionsschachtel. „Ich werde ihn nicht mitnehmen, sondern hierlassen.“ Er legte die Waffe wieder zurück. „Falls du mal Bedarf hast … Die Kombination ist simpel.“ Er nannte ihm die Zahlenreihe.

„Besser nicht, das wäre illegal“, gab Kerner zurück. „Ich habe gerade andere Sorgen.“

Wenig später händigte Brunner seinem Freund einen Schlüssel für seine Wohnung aus, dann fuhr er ihn zur Universitätskinderklinik. Er bat Kerner, Theresa und Clara liebe Grüße auszurichten, dann verabschiedete er sich. In den nächsten Tagen würde er wohl nicht nach Hause kommen.


Die Stimme

Der Anruf mit dem speziellen Klingelton kam wieder kurz nach Mitternacht. Der Angerufene nahm das Gespräch an, wohl wissend, wer sich am anderen Ende der Leitung befand.

„Ja“, meldete er sich knapp. „Ich habe deinen Anruf schon seit geraumer Zeit erwartet.“ Seine Stimme klang streng.

Wegen der Verfremdung waren ihr keine Emotionen anzumerken.

„Du weißt, dass ich mit diesen Informationen Kopf und Kragen riskiere. Außerdem sind die aktuellen Entwicklungen noch nicht hundertprozentig abgeschlossen.“

Er nahm den Einwand zur Kenntnis, ging aber nicht weiter darauf ein. „Sprich!“

„Ihr solltet Folgendes wissen: Es muss dem Landeskriminalamt schon vor längerer Zeit gelungen sein, einen Spitzel undercover in die Familie von Mustafa al-Asmani einzuschleusen. Jedenfalls haben sie Informationen über einen Teil bestimmter Geschäfte dieser Familie. Ich vermute, dass sie das auch bei euch versuchen werden – oder vielleicht schon getan haben. Diese Information ist streng geheim, davon weiß nur ein kleiner Kreis in der Führungsspitze, da diese Menschen ihr Leben riskieren. Ich bin sicher, dabei handelt es sich um Männer mit Migrationshintergrund, da sie ja weder durch Aussehen noch durch Sprache auffallen dürfen.“

„Bis jetzt haben wir bei uns keinerlei Aktivitäten eines Spitzels festgestellt. Alle unsere Geschäfte sind reibungslos über die Bühne gegangen. Nie wurde ein Deal gestört oder verhindert.“

„Sie haben jetzt diese Soko eingerichtet. Dahinter steckt ein massiver politischer Wille, sonst hätten sie nicht ihre Aktivitäten auf die Ebene eines Staatssekretärs gehoben. Vermutlich warten sie auf den großen Coup, um zuzuschlagen. Sie werden sicher ihre Undercover-Leute nicht wegen einer Kleinigkeit verbrennen.“

„Gut, wir sind gewarnt“, gab der Angerufene zurück, „und werden die Augen offenhalten.“

„Ihr solltet aber jetzt nicht anfangen alle Familienmitglieder misstrauisch zu beobachten. Wenn sie merken, dass ihr gewarnt wurdet, werden sie die eingeschleuste Person sofort zurückziehen. Ach, noch etwas. Meine Quellen sind für mich nicht mehr so leicht zugänglich, ohne mich verdächtig zu machen. Es kann sein, dass der Informationsfluss ein wenig ins Stocken gerät. Es wäre daher sinnvoll, sich auch von anderer Seite Informationen zu beschaffen.“

Die Antwort ließ ein paar Sekunden auf sich warten. Dann kam sie mit aller Bestimmtheit. „Du strengst dich ganz einfach weiterhin an. Sie werden versuchen, unsere Geschäfte zu stören, das müssen wir unterbinden. Ich wiederhole mich: Vergiss nicht, was du uns zu verdanken hast!“

Er wartete keine Antwort ab, sondern legte auf. Nachdenklich betrachtete er die Muster der beiden wertvollen Wandgobelins, die das Zimmer zierten. Schließlich trank er sein Glas Tee leer und stand auf, um sich ins Bett zu legen. Die Tatsache, jemand in vorderster Spitze der Verbrechensbekämpfung zu haben, war nicht mit Gold aufzuwiegen. Dieser Mensch würde loyal bleiben, solange er wusste, dass er wirksame Druckmittel in einem Bankschließfach liegen hatte. Wann diese Schuld beglichen war, entschied er. Er wusste natürlich, dass diese Person der Familie keine echte Loyalität entgegenbrachte. Andere hätten es wahrscheinlich das Ergebnis von Erpressung genannt. Auf solche Leute konnte man sich allerdings oftmals besser verlassen als auf Familienbande. Er zuckte mit den Schultern, löschte das Licht und verließ den Raum. Er lag noch lange wach. Mittlerweile verdienten sie ihr Geld auch mit legalen Geschäften. Nicht immer, aber immer häufiger. Eine Störung auf diesem Weg zur Seriosität konnten sie absolut nicht gebrauchen. Man musste vorsichtig sein. Trotzdem war ein warnender Fingerzeig in Richtung dieser neuen Polizeitruppe angezeigt. Es war sicher nicht schwierig, herauszufinden, wo dieser Staatssekretär und der Leiter dieser Sonderkommission wohnten.


Zehn Tage später:

Simon Kerner las mit zufriedener Miene das Schreiben, das er sich an Brunners Adresse schicken ließ. Vor knapp zwei Wochen hatte er den Antrag gestellt, heute gegen Mittag wurde er bereits vom Postboten eingeworfen.

„Gratuliere, Herr Rechtsanwalt Dr. Simon Kerner“, stellte er im Selbstgespräch für sich fest. „Jetzt benötigt der Herr Rechtsanwalt ein Büro und dann vor allen Dingen Klienten.“

Mittlerweile hatte sich Kerner einen dunkelgrünen Jeep Wrangler zugelegt, um wieder mobil zu sein. In einem früheren Leben, bevor er nach Südafrika ausgewandert war, fuhr er immer einen Land Rover Defender. Nachdem aber seine damalige Lebensgefährtin in seinem Wagen auf dramatische Weise zu Tode gekommen war, lehnte er diese Marke aus emotionalen Gründen ab. Obwohl er im Augenblick natürlich kein Geländefahrzeug benötigte, hatte er sich in Afrika derart an diesen Fahrzeugtypus gewöhnt, dass er sich auch hier einen Jeep gekauft hatte.

Im Augenblick stand er mit einer Anwaltskanzlei in Karlstadt in Verhandlung, deren Inhaber aus Altersgründen aufhören wollte. Er hoffte, dass sein Ruf als Jurist in Main-Spessart noch nicht vergessen war. Von daher hoffte er, die Mandanten des ausscheidenden Anwalts übernehmen zu können und neue hinzuzugewinnen. Er machte von der Zulassung ein Foto und schickte es mittels seines Mobiltelefons an den Kanzleiinhaber. Große Erläuterungen musste er dazu nicht schreiben. Die Botschaft war selbsterklärend. Er steckte das Handy wieder ein, das er zwei Tage nach ihrer Ankunft in zweifacher Ausführung kaufte, eines für Theresa und eines für sich. Zunächst würden sie die Geräte als Prepaidhandys benutzen. Für Vertragsangelegenheiten hatte er jetzt nicht die Zeit.

Theresa würde sich freuen, wenn sie gleich erfuhr, dass sie wieder die Möglichkeit hatten, sich eine Existenz zu schaffen. Simon Kerner verließ die Wohnung seines Freundes und stieg ins Auto. Sein täglicher Besuch bei seiner Tochter lag an. Zuvor wollte er eine Kleinigkeit einkaufen, um Clara und Theresa eine Freude zu machen. Er kam an einer Buchhandlung vorbei und nahm für Theresa etwas Lesestoff mit. Wenig später fuhr er durch die Schranke an der Einfahrt zum Universitätsklinikum in der Josef-Schneider-Straße. Die Kinderkrebsstation lag nur ein paar Meter entfernt. Es dauerte etwas, bis er einen Parkplatz gefunden hatte. Da die Besuchsmöglichkeiten für Eltern ganztägig gegeben waren, konnte er direkt zu Claras Zimmer durchgehen. Er machte sich in einem dafür vorgesehenen Bereich steril, dann klopfte er leise an und trat ein. Mutter und Kind belegten im Augenblick ein gemeinsames Zimmer. Sein erster Blick ging zu seiner Tochter, die in ihrem Bett am Fenster lag. Sie schlief. Theresa, die neben dem Bett saß, legte die Zeitschrift, in der sie geblättert hatte, zur Seite und kam ihm entgegen. Sie umarmten sich kurz, dann fragte Kerner: „Wie geht es ihr heute?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Die Chemotherapie schlaucht sie schon gewaltig. Sie hat kaum Appetit. Sie schläft viel. Der Professor meint, das würde ihr helfen Kraft zu schöpfen. Wenn man ihm Glauben schenken kann, verträgt sie die Chemo ganz gut und es sei schon gelungen, das Wachstum der Krebszellen etwas zu bremsen.“

„Das ist ja schon mal eine gute Nachricht!“ Kerner musterte den Infusionsbeutel, der an einem Ständer neben dem Bett hing und über einen Schlauch eine Flüssigkeit in ihre Venen tropfte.

„Ist das …?“

Theresa verstand ihn, ohne dass er es aussprach.

„Nein, das ist keine Chemikalie. Es handelt sich um eine Lösung, die ihre Kräfte unterstützen soll.“

„Hast du schon etwas vom Typisierungsergebnis gehört?“ Da Clara mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne einen Knochenmarkspender nicht auskommen würde, hatten sich Mutter und Vater sofort nach der Ankunft in der Klinik auf ihre Eignung als Spender untersuchen lassen. Außerdem lief eine Anfrage bei der zentralen Datenbank für Knochenmarkspender.

„Nein, leider noch nicht. Es würde im Augenblick auch noch nicht gehen, da ihr Immunsystem erst völlig heruntergefahren werden muss, damit es eine Spende nicht abstößt.“

Simon Kerner setzte sich auf einen anderen Stuhl. Gemeinsam betrachteten sie ihr Kind, das in seinen jungen Jahren schon einen Kampf ausfechten musste, den oft ein Erwachsener nicht bestand.

„Wenn du mal gerne an die frische Luft gehen möchtest, dann geh nur. Ich bin ja jetzt da.“ Er nickte Theresa auffordernd zu. Sie zögerte einen Moment, dann meinte sie: „Nicht weit von hier ist ein großer Supermarkt. Ich könnte wirklich ein paar Dinge brauchen, Hygieneartikel und so. Außerdem geht mir langsam die Wäsche aus. Das Krankenhaus wäscht mir meine Sachen gegen eine Gebühr dankenswerterweise mit, wenn ich sie entsprechend markiere.“

„Geh nur, wie gesagt, ich bin da.“

Man konnte Theresa anmerken, wie schwer es ihr fiel, sich vom Krankenbett ihrer Tochter zu entfernen. Kerner stand auf und nahm sie in den Arm. Schließlich ging sie leise zur Tür und schlich sich hinaus. Kerner setzte sich auf das zweite Bett im Zimmer, das Theresa benutzte. Er zog seine Schuhe aus und lehnte sich bequem zurück. Auf der Seite liegend versank er in der Betrachtung seines Kindes, das mit blassem Gesicht in den Kissen lag. In Gedanken sah er sie lebenslustig, laut lachend über den Hof der Rangerstation toben. Rex, verspielt wie ein Welpe, immer um sie herum. Die Ranger waren ihr alle verfallen gewesen und ließen sich von ihr herumkommandieren. Während er so sinnierte, sank ihm der Kopf auf das Kissen und er fiel in einen flachen Schlummer.

Er schreckte hoch, als es an die Tür klopfte. Er richtete sich auf. Dr. Herbert Jansen, der Oberarzt, kam herein. Er warf Clara einen aufmerksamen Blick zu. Das Kind war nicht aufgewacht.

„Guten Tag, Herr Kerner, entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie aufgeweckt habe, aber ich wollte Ihnen die positive Nachricht gleich persönlich überbringen …“

Simon Kerner sah ihn aufmerksam an. Jegliche Müdigkeit war verflogen.

„Ihre Frau ist …?“ Der Arzt sah Kerner fragend an.

„Sie ist nur mal kurz an die frische Luft“, erklärte er, „sie muss jeden Moment zurückkommen.“ Er hatte noch nicht ausgesprochen, als die Tür aufging und Theresa leise eintrat. Als sie Dr. Jansen sah, erschrak sie. Sie versuchte die Mienen der beiden Männer zu lesen. Ein besorgter Blick ging zu ihrem Kind.

„Ist etwas mit Clara?“, fragte sie, während sie ihre Einkaufstüte in der Ecke auf dem Boden abstellte.

„Nein“, gab Kerner zurück, „aber Dr. Jansen wollte uns gerade eine Nachricht überbringen.“

„Ja“, klinkte sich der Arzt ein, „wir haben soeben die Laborergebnisse der Typisierung bekommen.“ Er legte eine kleine Kunstpause ein, dann sah er Theresa direkt an und lächelte: „Ich kann Ihnen gratulieren, Frau Schönbrunn, Sie als Mutter sind mit Ihrer Tochter kompatibel und kommen daher als Spenderin in Frage!“

Für einen Augenblick herrschte in dem Krankenzimmer völlige Ruhe, die nur von dem leisen Piepsen des Infusionsapparats unterbrochen wurde. Theresa und Simon waren derartig geschockt, dass es ihnen die Sprache verschlagen hatte.

„… und da gibt es keinen Irrtum?“, wollte Theresa wissen, die ihr Glück nicht fassen konnte. Sie griff nach der Hand Simons und drückte sie mit voller Kraft.

„Nein, das Ergebnis ist definitiv positiv“, versicherte der Arzt. Er sah Simon Kerner an. „Bei Ihnen ist es leider negativ.“ Er hob bedauernd die Schultern. „Aber wir haben jetzt eine reelle Chance, Clara helfen zu können. Glauben Sie mir, so schnell einen Spender zu finden, ist wirklich nicht die Regel, eher die seltene Ausnahme.“

Als sich Theresa und Simon in die Arme nahmen, lächelte er leise und verließ das Krankenzimmer. Solche glücklichen Momente waren in seinem Beruf leider nicht die Tagesordnung.

Als sich die beiden eine Minute später wieder voneinander lösten, waren beide tränenüberströmt.

„Warum weint Ihr?“, kam die leise Stimme von Clara. Sie war offenbar aufgewacht. Sie hatte in den letzten Wochen viele Tränen ihrer Mutter erlebt, auch wenn diese sich sehr bemühte, sich nichts anmerken zu lassen.

Theresa setzte sich zu ihr ans Bett, strahlte sie an und nahm sie in die Arme. „Mein Schatz, wir haben gerade eine ganz wunderbare Nachricht von Dr. Jansen bekommen. – Stell dir vor, ich komme für dich als Knochenmarkspenderin in Frage!“

Clara sah ihre Mutter mit großen Augen an. Mittlerweile waren ihr trotz ihrem Kindsein viele Details ihrer Krankheit bekannt und sie wusste, dass das, was da in ihrem Körper wütete, eine gefährliche Krankheit war.

„Werde ich dann wieder gesund?“

„Ja, du wirst wieder gesund!“, erwiderte Kerner im Brustton der Überzeugung. Es machte keinen Sinn, das Kind mit den vielen Unwägbarkeiten, die noch auf dem Weg zu ihrer Genesung warteten, zu belasten.

Kerner blieb noch eine Stunde, dann eilte er zu seinem Wagen und machte sich auf den Heimweg zu Brunners Wohnung. Er musste jetzt einige Telefonate erledigen und dann anschließend ein paar Wohnungen ansehen, um ihre Existenz hier in der Heimat auf sichere Füße zu stellen. Er wollte seinem Freund nicht länger als unbedingt notwendig zur Last fallen. Innerlich war er sehr froh!


Zwei Tage später

Simon Kerner war fast den ganzen Tag in Würzburg unterwegs gewesen und hatte sich Wohnungen angesehen. Jetzt kam er gerade vom Krankenhaus. Er hatte Theresa einige Sushi-Leckerbissen mitgebracht, um das Krankenhausessen etwas aufzupeppen. Bei allem Stress war es ihm wichtig, Zeit mit seiner Familie zu verbringen und Clara zu zeigen, dass ihr Papa für sie da war. Da es ihr aufgrund der durchzuführenden Chemotherapie in Abständen immer wieder schlecht wurde, war das Kind sehr anhänglich, brauchte Streicheleinheiten und wollte immerzu kuscheln.

Kerner kaufte sich am Krankenhauskiosk eine Tageszeitung, dann fuhr er zu Eberhard Brunners Wohnung. Wie erwartet war der Freund nicht da. Kerner ging zum Kühlschrank und warf einen Blick hinein. Er seufzte. Der Bestand hatte sich gegenüber der letzten Inhaltskontrolle nicht geändert. Wie sollte er auch, nachdem er nicht zum Einkaufen gekommen war. Lediglich ein paar Flaschen Bier dominierten die Fächer. Kurz entschlossen entschied sich Kerner, ein paar Straßen weiter einen Dönergrill aufzusuchen. Er hatte den Laden vor kurzem gesehen, als er mit seinem Wagen durch die Straßen gefahren war. In seiner derzeitigen Situation war Fastfood praktisch nicht zu vermeiden. Er schnappte sich den Hausschlüssel, dann verließ er die Wohnung. Die paar Schritte ging er zu Fuß.

Simon Kerner war in Gedanken so sehr mit der Krankheit seiner Tochter beschäftigt, dass ihm das doppelte Augenpaar, das ihn beim Verlassen des Hauses aus einem vor dem Gebäude parkenden Fahrzeug verfolgte, nicht auffiel. Beide Männer starrten auf ein Foto, das offenbar mit einem Teleobjektiv aufgenommen worden war. Es zeigte Simon Kerner, wie er gerade die Kinderkrebsstation verließ. Omar, der Ältere, deutete darauf.

„Karim, das ist dieser Kerner, der momentan bei Brunner, der Satan soll ihn holen, wohnt. Geh ihm hinterher. Er ist ohne Auto unterwegs, da wird er sich vermutlich nicht weit entfernen. Ruf mich rechtzeitig an, wenn er zurückkommt. Du wartest dann, bis er hineingeht, und hältst dich bereit. Die Wohnung liegt ja im Parterre. Wenn ich ihn vor der Knarre habe, mache ich dir die Verandatür auf, dann kommst du nach. Vergiss nicht die Maske überzuziehen!“

Karim wartete einen Moment, bis Kerner gute hundert Meter entfernt war, dann stieg er aus, rückte seine Basecap zurecht und folgte ihm. Der Mann hinter dem Steuer geduldete sich, bis beide um die nächste Straßenecke verschwunden waren, dann drückte er seine Zigarette im Aschenbecher aus und verließ ebenfalls das Fahrzeug. Er warf sich einen kleinen Rucksack über, dann versicherte er sich, dass die Seitenstraße unbelebt war. Sein Handy steckte in der Brusttasche seiner dunklen Lederjacke. Es war lautlos, nur auf Vibration gestellt. Nachdem er sich diskret Gummihandschuhe übergezogen hatte, entnahm er einer der vorderen Taschen des Rucksacks eine kleine technische Apparatur. Schnell näherte er sich der Haustür, die Kerner vor wenigen Minuten durchschritten hatte. Er führte mehrere Stifte des Geräts ins Schlüsselloch ein, dann drückte er einen Knopf. Es dauerte nicht länger, als wenn er mit einem Schlüssel geöffnet hätte. Mit wenigen Schritten war er an Brunners Wohnungstür. Auch diese Tür war binnen Sekunden geöffnet, zumal Kerner beim Weggehen nicht abgeschlossen hatte. Der Eindringling wusste, dass Eberhard Brunner zurzeit in seiner Dienststelle weilte, er also im Augenblick nicht mit einer Störung durch ihn rechnen musste. Langsam durchquerte er die Wohnung und sah sich um. Er hatte von Safar, seinem Clan-Boss und Cousin, den Auftrag, dem Leiter der Soko Spessart eine deutliche Botschaft zu hinterlassen. Sie lautete: „Lass die Finger von unserer Familie! Wir haben keinen Respekt vor dir und können jeden in deinem privaten Umfeld packen, wann immer wir wollen!“ Wer war besser als Überbringer dieser Botschaft geeignet als der Freund Brunners? Der Typ war offenbar wegen eines kranken Kindes in Würzburg. Er machte optisch nicht den Eindruck einer wehrhaften Person. Ein harmloser Paragrafenreiter, für Omar also ein Kinderspiel. Er beschloss, im Wohnzimmer auf Kerner zu warten. Von dort aus konnte er blitzschnell die Verandatür öffnen und Karim, seinen ältesten Sohn, einlassen. Er hatte ihn heute mitgenommen, weil er bei dieser einfachen Aufgabe etwas lernen konnte. Er setzte sich in einen Sessel und zog sich die Gesichtsmaske über. Mit einem Griff holte er den Revolver mit aufgeschraubtem Schalldämpfer aus dem Schulterholster und legte ihn sich in den Schoß. Er würde ihn sicher nicht benötigen, aber er würde bestimmt Eindruck hinterlassen. In diesem Augenblick vibrierte sein Telefon. Er warf einen Blick auf das Display.

„Er kommt!“, lautete die WhatsApp-Nachricht. Als Antwort schickte er einen Daumen hoch.

Fünf Minuten später betrat Simon Kerner wieder die Wohnung. Da er so großen Hunger verspürte, hatte er sich einen Döner-Teller mit frittierten Kartoffelchips genehmigt. Beim Weg durch den Flur in die Küche blieb er plötzlich stehen. Konnte es sein, dass es hier irgendwie schwach nach Rauch roch? Kerner schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich war es das Essen in seiner Tragetasche, das sehr intensiv roch. Er holte den Styroporbehälter aus der Plastiktüte und stellte ihn auf den Küchentisch. Ein Teller war überflüssig, den musste man nur spülen. Das Bier aus dem Kühlschrank war schön kalt und würde zu der kräftigen Mahlzeit passen. Simon Kerner holte aus einer Schublade Besteck, dann setzte er sich mit dem Rücken zur Tür an den Küchentisch und schob die erste Gabel in den Mund. Plötzlich hielt er inne. Seine über Jahre in der wilden Natur Afrikas geschärften Instinkte sagten ihm, dass hier etwas nicht stimmte! Aber statt herumzufahren und aufzuspringen, blieb er ganz ruhig sitzen und kaute weiter. Aus den Augenwinkeln heraus nahm er einen dunklen Schatten in der Türöffnung zum Wohnzimmer wahr.

„Ganz langsam aufstehen und die Hände hoch“, befahl eine sonore Männerstimme. „Wird’s bald!“

Kerner stand im Zeitlupentempo auf. Ohne groß nachzudenken, ließ er mit einer Hand das Küchenmesser im Ärmel seines Hemdes verschwinden, wo er es hinter dem Armband seiner Uhr festklemmte. Simon Kerner schoss Adrenalin ein und übergangslos kam er in den Kampfmodus. Vorsichtig blickte er hinter sich.

„Jetzt mach dir nicht gleich in die Hosen!“, erklärte der Maskierte, der Kerners langsame Bewegungen als Ausdruck seiner Furcht betrachtete. „Los, komm rüber ins Wohnzimmer!“

Ohne Kommentar folgte Kerner dem Mann, der rückwärts vor ihm herging, dabei musterte er seinen Revolver. Ein größeres Kaliber mit Schalldämpfer, wie er sehen konnte. Wie es aussah, war der Kerl ein Profi. Er gab sich keine Blöße, die Kerner hätte nutzen können.

„Stehen bleiben!“, verlangte er, dann ging er weiter rückwärts zur Verandatür und öffnete sie. Dabei ließ er Kerner keine Sekunde aus den Augen. Einen Augenblick später kam ein zweiter Mann herein, ebenfalls maskiert, gleichfalls mit einem schallgedämpften Revolver bewaffnet. Seinem Verhalten entnahm Kerner, dass er nicht so routiniert war wie sein Partner. Er zögerte verschiedentlich und sah seinen Kumpan fragend an, weil er offenbar nicht genau wusste, wie er sich verhalten sollte. Er bekam von seinem Anführer ein paar Anweisungen in arabischer Sprache, wie Kerner erkannte.

„Umdrehen, Hände auf den Rücken“, befahl er wieder auf Deutsch.

Offenbar sollte sein Kumpel ihm die Hände auf den Rücken fesseln, denn er zog einen Kabelbinder aus der Oberschenkeltasche seiner Hose. Um dieses Vorhaben zu realisieren, benötigte er allerdings beide Hände, was bedeutete, dass er seinen Revolver ablegen musste. Das war Kerners Chance, denn mit gefesselten Händen würde ein Gegenschlag schwierig werden.

Der Maskierte näherte sich Kerner von hinten. Es sprach für seine Unerfahrenheit, dass er dabei seinem Kollegen direkt in die Schussbahn trat. Der bemerkte dies auch sofort und schrie ihn auf Arabisch an. Dadurch war der Angerufene irritiert, zögerte und ließ seine Waffe etwas sinken. Die Chance für Simon Kerner. Er explodierte regelrecht! Herumwirbeln und die Waffenhand seines Gegners fassen war eine flüssige Bewegung. Kerner entriss ihm den Revolver. Dabei achtete er darauf, dass der Mann zwischen ihm und dem anderen Angreifer stand. Der war total geschockt und riss seinen Revolver in die Höhe. Die beiden Schüsse fielen fast gleichzeitig, so dass sie sich zu einem gemeinsamen Plopp vereinigten. Der Gegner, den Kerner als Schild benutzt hatte, zuckte zusammen und knickte mit einem heiseren Schrei nach vorne ein. Kerner war jetzt schutzlos. Sein Schuss hatte den anderen Mann nicht erkennbar getroffen. Er hatte keine Zeit zum Zielen gehabt. Sein Gegner registrierte, dass er statt Kerner seinen Kumpel getroffen hatte, und zögerte einen Moment.

„Waffe weg!“, brüllte Kerner.

Mit einem wütenden Schrei riss der Maskierte den Revolver wieder in die Höhe, um erneut zu schießen. Kerner blieb Zeit, die Waffe mit beiden Händen zu fassen. Er beugte sich leicht nach vorne und schoss. Sein Angreifer kam nicht mehr dazu, abzudrücken. Das Projektil aus Kerners Waffe traf ihn mitten in die Stirn. Tödlich getroffen brach er zusammen.

Ganz langsam richtete sich Kerner wieder auf und atmete hörbar aus. Das war knapp gewesen! Sofort beugte er sich über den Mann, der stöhnend vor ihm auf dem Boden lag. Auf der Brust seines Hemdes bildete sich auf der rechten Seite ein roter Fleck, der sich rasant vergrößerte. Obwohl sich Kerner vergewissert hatte, dass von dem anderen Gegner keine Gefahr mehr ausging, schob er dessen Revolver mit dem Fuß außer Reichweite. Er beugte sich über den Verwundeten und zog ihm die Maske vom Kopf. Jetzt konnte er sehen, wie jung sein Gegner war.

„Bleib ganz ruhig“, versuchte er auf ihn einzuwirken, während er zum Telefon griff und die Notrufzentrale anwählte. „Es ist gleich Hilfe unterwegs!“

Nachdem er den Notruf abgesetzt hatte, wählte er sofort die Nummer von Eberhard Brunner.

„Eberhard, ich wurde in deiner Wohnung angegriffen“, rief er ins Handy. „Einen der Kerle habe ich in Notwehr erschossen, der andere wurde von seinem eigenen Mann schwer verletzt. Was soll ich machen? Soll ich die Mordkommission verständigen? Das muss ja polizeilich aufgenommen werden.“

Brunner brauchte einen Augenblick, um die Nachricht zu verdauen, dann erwiderte er: „Das ist ja Wahnsinn! Bist du in Ordnung?“ Kerner beruhigte ihn. „Bleib einfach vor Ort“, fuhr Brunner dann fort, „ich werde alles Weitere veranlassen.“

Der Notarzt war zuerst da. Ihm folgte im kurzen Abstand ein Rettungswagen. Da Lebensgefahr bestand, wurde der überlebende Angreifer sofort in die Notaufnahme des Zentrums für Innere Medizin des Universitätsklinikums eingeliefert. Wenig später folgte die alarmierte Mordkommission unter KHK Kauswitz, in deren Gefolge die Spurensicherung und die Rechtsmedizin. Die Straße rund um die Wohnung Brunners war total verstopft, zwei Streifenwagenbesatzungen leiteten den Verkehr um.

Kauswitz saß mit Kerner in der Küche von Brunners Wohnung und führte die erste Vernehmung. Kerner war ihm kein Unbekannter. Kauswitz war damals bei den Ermittlungen um den Tod von Steffi, Kerners damaliger Lebensgefährtin, beteiligt gewesen. Kerner hatte die Dönerbox zur Seite geräumt. Während der Aussage von Kerner kam Brunner herein.

„Ist mit dir alles in Ordnung?“, wollte er besorgt wissen. Kerner beruhigte ihn. Nachdem er den gesamten Ablauf nochmals in allen Einzelheiten geschildert hatte, gab es für Brunner nur einen Schluss.

„Dieser Überfall galt mir. Davon bin ich überzeugt. Wenn vielleicht nicht direkt meiner Person, dann doch zumindest indirekt als Botschaft an mich.“ Er stand auf und sah durch die Tür ins Wohnzimmer hinaus. „Es ist dir klar, dass du in den nächsten Tagen hier nicht wohnen kannst, das ist ein Tatort und wird versiegelt werden, bis die Kollegen fertig sind.“

Simon Kerner sah Kauswitz an. „Wie lange wird die Wohnung nicht betretbar sein?“

„Ich denke, drei Tage, dann können wir sie wieder freigeben.“

„Dann gehst du so lange in ein Hotel“, erklärte Brunner. „Ich werde das organisieren.“

„Wir benötigen dann auch noch ein offizielles Protokoll“, stellte Kauswitz fest. „Es ist zwar offensichtlich, dass es sich hier um Notwehr handelt, trotzdem müssen wir eine Anzeige aufnehmen.“

Kerner nickte. Er war Jurist und das Prozedere war ihm bekannt.

*

Safar ibn Abdallah al-Hilabar lief außer sich vor Wut in seinem Arbeitszimmer auf und ab und tobte. Er hatte diese Aktion in der Sanderau angeordnet und war sich dabei sehr raffiniert vorgekommen. Eine deutliche Botschaft als Beginn eines Drohpotentials, das man bei Bedarf, Stück für Stück sich steigernd, abspielen konnte. Stattdessen jetzt dieses Desaster! Omar tot, sein Sohn schwer angeschossen. Einer der Sanitäter des Rettungswagens zeigte sich gegen ein kleines Honorar sehr redefreudig. Offenbar hatten sie diesen Kerner total unterschätzt. Oder seine beiden Sendboten hatten sich angestellt wie die letzten Anfänger. Omar war tot. Das war bedauerlich und würde zur gegebenen Zeit gerächt werden. Das Problem war Karim. Der Junge war zwar schwer verletzt, aber seine Mutter hatte die Auskunft erhalten, dass er die Operation wohl überleben würde. Es war ein Fehler gewesen, dass Omar ohne seine Zustimmung den Jungen zu dieser Aktion mitgenommen hatte. Er hatte seine Zweifel, ob Karim der trickreichen Vernehmung durch erfahrene Kriminalbeamte standhalten würde. Die Frage, wie viel Informationen Omar seinem Sohn weitergegeben hatte, war im Augenblick nicht zu beantworten. Safar pflegte derartige Probleme rational anzugehen. Für solche Probleme gab es Achmed. Achmed hatte längere Zeit für eine Spezialeinheit im Irak gekämpft und war mit allen Mitteln der Problembeseitigung vertraut. Safar hatte ihn aufgenommen, weil er trotz seines Saubermannimages, das er sich in den letzten Jahren angeeignet hatte, hin und wieder doch einen Mann fürs Schmutzige benötigte.


Der fensterlose Raum hatte ungefähr fünfundzwanzig Quadratmeter, war rechteckig und einschließlich Boden völlig weiß gekachelt. In der Mitte des Bodens konnte man einen versenkten Ablauf in einen Kanal erkennen. An der Decke hing eine Klimaanlage, die auch als Absaugeinrichtung fungieren konnte. An einer Längsseite stand ein durchgehender Metalltisch. Über dem Tisch verbreitete eine Reihe Neonröhren ein fast blendendes Licht.

Fast lautlos öffnete sich eine Tür an der einen Schmalseite und ein kräftiger Mann mittleren Alters mit kurzen schwarzen Haaren und Vollbart trat ein. Der Bärtige hatte einen stabilen Holzstuhl mit Lehne dabei, den er über den Gully in der Mitte stellte. Die Sitzgelegenheit war eine Spezialanfertigung, beste Schreinerarbeit. An den Armauflagen, den Beinen und der Lehne befanden sich stabile Gurte mit Metallschließen. Wie es aussah, hatte hier ein Elektrischer Stuhl Modell gestanden. Danach betrat er die Tiefgarage und klopfte an die Schiebetür eines Mercedes Sprinters, der gerade eben eingefahren war. Ein Typ mit Glatze und Piercings im Ohr öffnete.

„Kann’s losgehen?“, fragte er.

„Bringt ihn rein“, befahl der Bärtige.

Der Glatzkopf sprang aus dem Wagen und drehte sich zum Führerhaus um. Ein zweiter Mann, genauso kahlköpfig, packte dort einen dritten, der auf dem mittleren Sitz in sich zusammengesunken lag, vorne am Hemd und zerrte ihn unsanft in eine sitzende Position.

„Der Kerl ist noch total weggetreten“, stellte er fest.

„Ich hoffe, er kommt schnell zu sich“, äußerte der Bärtige, „sonst kann es Ärger geben.“

„Keine Sorge, ein paar aufmunternde Worte und er ist wieder topfit.“ Er lachte keckernd.

Die beiden packten den schlanken, dunkelhaarigen, etwa ein Meter achtzig großen Mann an den Armen und zerrten ihn aus dem Sprinter. Einer schlug die Schiebetür zu, dann nahmen sie den Mann zwischen sich und betraten den Gang in Richtung Kellerraum. Drinnen schleppten sie den betäubten Mann zu dem Stuhl.

„Zieht ihn aus!“, befahl der Bärtige. Ohne Zögern riss ihm der eine die Kleidung vom Leib, während ihn der andere festhielt.

„Anbinden!“

Die beiden Kahlköpfe setzten ihn jetzt richtig auf den Stuhl und führten den breiten Gurt über seine Brust, damit er nicht vom Sitz herunterrutschen konnte. Seine Hände gurteten sie an den Armlehnen fest, seine Unterschenkel an den Stuhlbeinen. Während der ganzen Prozedur hing ihm der Kopf haltlos auf die Brust, aus seinem Mund lief Speichel.

„Was jetzt?“, wollte einer der Glatzköpfe wissen.

„Wir wecken ihn auf!“, erwiderte der Bärtige. „So kann Mustafa al-Asmani jedenfalls nichts mit ihm anfangen.“ Er stellte sich vor den Gefangenen und gab ihm ein paar klatschende Ohrfeigen. Sein Kopf pendelte dabei haltlos hin und her und aus seinem Mund kam halblaut ein weinerlicher Ton, ansonsten veränderte sich nichts. Der Bärtige zuckte mit den Schultern. Das war ziemlich sinnlos.

Er trat an die andere Seitenwand und öffnete eine Klappe. Auch hier öffnete sich die Wand auf Knopfdruck, fuhr nach oben und gab eine Nische frei. Der Bärtige zog einen kleineren Tisch und verschiedene Gerätekonsolen heraus, von denen Stromkabel abgingen. Als die beiden Kahlköpfe die Utensilien sahen, wurden sie ganz unruhig. Der Bärtige bemerkte es und zeigte ein böses Lächeln.

„Macht euch nicht in die Hosen!“, bemerkte er bissig. „Das ist nicht für euch bestimmt. Ihr könnt euch verpissen! Bleibt aber telefonisch erreichbar, es kann sein, dass Ihr heute noch einen weiteren Transport durchführen müsst.“ Er warf dem Mann auf dem Stuhl einen bezeichnenden Blick zu. Das ließen sich die beiden nicht zweimal sagen.

Der Bärtige prüfte den Puls des Gefangenen. Er raste regelrecht. Seine medizinischen Kenntnisse sagten ihm, hier musste gegengesteuert werden, sonst bestand die Gefahr eines Herzinfarkts. Die beiden Kerle hatten dem Mann offenbar eine ziemlich hohe Dosis des Narkotikums verabreicht, um zu verhindern, dass er ihnen während der Fahrt Schwierigkeiten machte. Er öffnete einen Kühlschrank und entnahm ihm eine verschweißte Packung einer Einwegspritze. Er durchstieß mit der Nadel die Alumembran einer Medikamentenflasche und zog den Kolben der Spritze hoch, bis die Kammer zur Hälfte gefüllt war. Das müsste reichen, dachte er, dann trat er an die Seite des Gefangenen. Als er den Oberarm mit einem Desinfektionsmittel besprühte, musste er leise lachen. Der Mann würde sicher nicht mehr so lange leben, dass er von dem Einstich eine Infektion bekommen könnte. Er drückte den Kolben ganz herunter, dann zog er die Nadel heraus und wischte flüchtig mit dem Tupfer über die Einstichstelle. Die Wirkung setzte relativ schnell ein. Langsam richtete sich der Mann auf und hob den Kopf. Sein trüber Blick klärte sich und er musterte mit erstaunten Augen seine Umgebung. Aus seinem Mund kam ein heiseres Krächzen.

„Na, ausgeschlafen?“ Der Bärtige stelle sich direkt vor ihn, packte ihn an den Haaren und sah ihm direkt in die Augen. „Willkommen in der Hölle!“

Jetzt bemerkte der Gefangene, dass er nackt und gefesselt war, und begann panisch an den Gurten zu zerren. Der Bärtige ließ die Haare des Mannes los und gab ihm eine schallende Ohrfeige. „Lass das, sonst wird es sofort unerfreulich für dich!“ Er sprach dabei ganz ruhig, als würde er ein paar Sätze über die aktuelle Wetterlage äußern.

„Was ist …?“, lallte der Mann auf dem Stuhl. „Wo bin ich hier?“

„Das wirst du schon noch früh genug erfahren“, erklärte der Bärtige emotionslos. Er musterte den Gefangenen kurz. Es würde noch einen Moment dauern, bis er wieder voll da war. Ohne eine Erklärung abzugeben, verließ er den Raum und betrat die Tiefgarage. Sie war technisch so ausgestattet, dass man hier Funkempfang hatte. Die Zielnummer war als Kurzwahl auf seinem Handy eingespeichert. Es dauerte zwei Klingeltöne, ehe die Gegenstelle abnahm.

„Hier Jamal“, meldete er sich, „es ist alles vorbereitet.“

Die Antwort war knapp. Langsam schlenderte der Bärtige zurück. Auf dem Weg dahin holte er aus dem angrenzenden Kellerraum einen bequemen Campingstuhl. Der Gefangene saß mittlerweile mit klarem Blick auf dem Stuhl und sah Jamal ängstlich entgegen. Anscheinend begann er langsam seine Situation zu begreifen, wusste aber nicht, wo er war und mit wem er es zu tun hatte. Jamal stellte den Stuhl vor dem Mann auf. Dann machte er einige Schritt in den Raum hinein, so dass er hinter dem Gefangenen zu stehen kam. Jetzt konnte der ihn nicht mehr sehen. Eine stressige Situation, da er die Bedrohung hinter sich fühlte, aber nicht erkennen konnte, was sein Bewacher machte. Ständig drehte er den Kopf, aber Jamal stand im toten Winkel. Er begann zu zittern.

Wenig später öffnete sich die Tür und Mustafa al-Asmani betrat langsam den Raum. Als der Gefangene den Clan-Chef erkannte, erschrak er zutiefst. Mustafa al-Asmani fixierte den nackten Mann einige Zeit. Ohne Gemütsbewegung registrierte er jede Reaktion des Gefangenen. Schließlich trat er noch immer wortlos einige Schritte nach vorne und ließ sich in den Campingstuhl fallen.

„Du weißt, wer ich bin?“, fragte er auf Arabisch.

Der Gefangene nickte. „Ja, Ya Sayyid, Herr.“ Er antwortete automatisch in derselben Sprache.

„Du bist Fahdi, der Sohn meines verstorbenen Cousins aus dem Norden Syriens, wie man mir sagte.“

Der Gefangene nickte erneut.

„Gib eine respektvolle Antwort!“, kam Jamals Stimme scharf aus dem Hintergrund, garniert mit einem Schlag. Der Gefangene zuckte zusammen.

„Ja, Ya Sayyid.“, beeilte er sich zu antworten.

„Du bist 2015 mit dem großen Flüchtlingstreck nach Deutschland gekommen und wurdest von meinem ältesten Sohn Malik in seine Familie aufgenommen, da dein Vater und seine Familie von dem Henker in Damaskus getötet wurden.“

„Ja, Ya Sayyid.“

„Malik hat dir Essen, Kleidung und eine neue Familie gegeben. Er gab dir Arbeit und die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen, damit du auf eigenen Füßen stehen kannst. Du hast eine schöne Wohnung, ein teures Auto und viel Spaß mit Frauen, die man für Geld kaufen kann. Mein Sohn hat dich ins Vertrauen gezogen und mit dir über Geschäftsgeheimnisse gesprochen, was er nicht hätte tun sollen.“

„Ja, Ya Sayyid.“, antwortete er leise.

Al-Asmani sah ihn lange an, dann fuhr er fort: „Kannst du mir dann sagen, weshalb du dich dann von der al-Hilabar-Familie bezahlen lässt, um unsere Geschäfte zu verraten? Um uns, deinen Wohltätern, zu schaden?“

„Herr, das habe ich nicht getan! Ich schwöre bei Allah und sämtlichen Propheten, dass ich das nicht getan habe!“ Seine flehende Stimme überschlug sich.

Al-Asmani schüttelte bedauernd den Kopf. „Du solltest nicht solche frevelhaften Schwüre ausstoßen. Du bist ein Lügner und wirst in der tiefsten Hölle brennen. Du solltest deine Seele erleichtern und ein Geständnis ablegen. Jamal, mein Sohn, ist ein Spezialist auf dem Gebiet dieser Art der Befragung. Je schneller du redest, desto leichter wird dein Tod sein. Das solltest du bedenken. Ich will wissen, was du genau Safar verraten hast. Wir haben demnächst, wie du von Malik erfahren hast, ein großes Geschäft vor, das uns vor Safar al-Hilabar einen Vorsprung auf dem Markt geben wird. Wir müssen wissen, ob er uns durch deinen Verrat in die Quere kommen kann.“

Der Gefangene wand sich auf dem Stuhl. „Bitte, Herr, ich habe nichts verraten!“

Al-Asmani gab Jamal ein Zeichen. „Mein Sohn, du weißt, welche Fragen du ihm stellen musst. Ruf mich, wenn er sich zur Wahrheit entschlossen hat.“ Mit diesen Worten erhob er sich und verließ den Raum. Die Schreie des Gefangenen verfolgten ihn, bis sich die schalldichte Tür des Kellers hinter ihm schloss. Der ganze Raum war schalldicht. Aber das war eigentlich egal, hier in dem Haus befanden sich nur die Zentral-Büros des Firmenkonsortiums al-Asmani Enterprises und im obersten Stockwerk seine Wohnung. Hier lauschten keine fremden Ohren.

Jamal zog eines der Geräte, das auf Rollen lief, aus der Nische nach vorne. Es war mit einem Kabel ans Stromnetz angeschlossen. Es sah wie ein überdimensionales Batterieladegerät aus. Von ihm gingen zwei lange Kabel ab, die in einer roten Plus- und einer schwarzen Minusklemme endeten. Jamal arbeitete ganz gemächlich und achtete darauf, dass der Gefangene alle seine Handlungen gut beobachten konnte. Mit aufgerissenen Augen wimmerte er vor sich hin.

„Bitte, ich habe niemand verraten! Bitte, ich bin kein Verräter! “

Der Bärtige sah ihn nur emotionslos an. „Ich habe dir gesagt, du bist hier in der Hölle.“ Er schaltete das Gerät ein, auf dessen Oberseite sich eine Skala mit einem Drehrad befand, das offenbar zum Einstellen der Stärke der Stromstöße diente.

Jamal stellte sich breitbeinig vor den Gefangenen und beugte sich nach vorne, um die rote Klemme an seinem Ohrläppchen zu befestigen. Fahdi wich immer weiter nach hinten aus.

„Das nützt dir nichts“, brummte der Bärtige.

In diesem Augenblick schnellte Fahdis Kopf mit einem Schrei nach vorne und seine Stirn knallte Jamal mit voller Wucht gegen die Nase, die mit einem hörbaren Knacken brach. Jamal brüllte vor Schmerz. Seine Hände ließen das Kabel los und fuhren zu seinem Gesicht. Blutüberströmt taumelte er nach hinten.

Aus Fahdi, dem wimmernden Gefangenen, wurde von einem Augenblick auf den anderen eine explodierende Kampfmaschine. Vorhin, als er, Verzweiflung vortäuschend, den Kopf nach vorne sinken ließ, hatte er sich ausgerechnet, dass er mit den Zähnen den Gurt der rechten Hand würde lösen können. Das gelang ihm auch. Mit einer befreiten Hand, riss er blitzschnell den Brustgurt auf und löste die Schnalle an der anderen Hand. Die Fußgurte folgten. Er wusste, es kam auf Sekunden an. Jamal würde sich schnell erholen und angreifen. Zum Glück hatte er bei ihm keine Waffe festgestellt. Da griff der Bärtige auch schon mit blutüberströmtem Gesicht und einem tierischen Brüllen an. Sein Angriff wurde von Wut gesteuert und entbehrte jeglicher Kampftaktik. Fahdi war aufgesprungen und wartete, bis er in Reichweite seiner Hände war, dann stieß er seine Finger mit Wucht nach vorne, hinein in die Augen seines Gegners. Der Schwung des Angriffs riss Jamal trotz der Schmerzen in den Augen nach vorne. Erneut schlug Fahdi zu, diesmal gegen den Oberkörper Jamals, dessen Schwung nach vorne dadurch in eine Seitenbewegung umgelenkt wurde. Fahdi machte eine halbe Drehung und traf mit Wucht mit der Handkante die Halswirbelsäule. Als Jamal den Boden berührte, war er bereits tot. Das Blut aus seiner gebrochenen Nase suchte sich in einem dünnen Rinnsal den Weg in den Ablauf.

Der Kampf hatte nur Sekunden gedauert. Fahdi atmete tief durch, dann suchte er nach seinen Kleidern. Die beiden Kahlköpfigen hatten sie achtlos in eine Ecke geworfen. Schnell zog er sich an. Die ganze Prozedur der Gefangennahme, die Betäubung durch das Narkosemittel, das Theater, um als ängstlicher Gefangener zu wirken, und der finale Kampf hatten ihn doch ziemlich mitgenommen. Jetzt musste er zusehen, dass er hier heil herauskam. Er hatte keine Ahnung, wie die Leute von al-Asmani ihm auf die Schliche gekommen waren. Für eine Analyse war aber später Zeit. Hastig durchsuchte er die Taschen des Bärtigen. Wie erwartet fand er ein Mobiltelefon, das er einsteckte.

Er sah sich um. Hier in diesem Raum konnte er zwar keine Kamera entdecken, aber er war sich sicher, dass draußen die Tiefgarage überwacht wurde. Er musterte kurz die Gerätschaften in der Nische. Vielleicht konnte er notfalls irgendetwas als Waffe benutzen, obwohl er davon ausging, dass in der nächsten Zeit niemand den Raum betreten würde, weil der Clan-Chef ja auf ein Ergebnis durch Jamals Verhör wartete. Eine Art Brechstange schien ihm geeignet. Mit einem letzten Blick auf den toten Jamal verließ er das Labor.

Die Tiefgarage war menschenleer, es brannte nur eine Notbeleuchtung. Ein Blick zur Ausfahrt zeigte ihm, dass es draußen dunkel war. Durch die Betäubung hatte er sein Zeitgefühl völlig verloren. Als die beiden Kahlköpfe ihn überrumpelten, war es früher Nachmittag gewesen. Eilig verließ er seine Deckung. Sofort sprangen an der Decke Neonröhren an. Bewegungsmelder, dachte er, dann sprintete er los. Die Ausfahrt war durch ein Gitter verschlossen. Ein Stück davor hing ein Kabel von der Decke herab. Er zog hastig daran und das Gitter setzte sich zügig in Bewegung. Einen Augenblick später war es so weit offen, dass er sich darunter durchrollen konnte. Die Dunkelheit schützte ihn vor den Blicken vorbeifahrender Autofahrer. Jetzt konnte er sich orientieren. Das Gebäude befand sich, wie er wusste, in einem Industriegebiet am Rande von Aschaffenburg. Er war sich sicher, dass er während seiner Flucht von verschiedenen Überwachungskameras aufgenommen worden war. Das konnte er jetzt aber nicht ändern. Fahdi öffnete das Handy. Wie erwartet war es mit dem Fingerabdruck des Besitzers verschlüsselt. Wie bei allen Mobiltelefonen konnte man aber, ohne sich einzuloggen, einen Notruf über die 110 absetzen. Er wählte. Als sich die Einsatzzentrale meldete, gab er folgende Nachricht durch:

„Achtung! Dies ist ein Notruf der Priorität eins von einem Agenten im Außeneinsatz. Mein Deckname ist Fahdi. Verständigen Sie bitte umgehend das LKA München, Kriminaldirektor Seebach, dass ich enttarnt wurde. Ich fahre mit einem Taxi zur Autobahnraststätte Spessart, in Fahrtrichtung Würzburg. Er soll mich am dortigen Kinderspielplatz abholen lassen. – Ich wiederhole nochmals: Das ist ein Notruf und kein Fake.“

Er unterbrach das Gespräch. Mit einem Ruck öffnete er den Deckel des Handys, entfernte den Akku und die SIM-Karte. Das Telefon und den Akku ließ er in einen Gully fallen. Die SIM-Karte rieb er über eine raue Hauswand, dann warf er sie auf die Ladefläche eines vorbeifahrenden Lasters, der Erdaushub transportierte. Er war sich sicher, dass die al-Asmani-Familie über Möglichkeiten verfügte, die Handys ihrer Leute zu orten. Jetzt jedoch nicht mehr. Anschließend warf er das Brecheisen mit Schwung in ein Gebüsch.

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321 стр. 52 иллюстрации
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9783429064822
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Bookwire
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