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Georg Ransmayr

Der arme Trillionär

Aufstieg und Untergang des

Inflationskönigs SIGMUND BOSEL



Der Handelssaal der Wiener Börse in den 1920er Jahren.

Für Jutta, Flora und Moritz sowie für meine Eltern

INHALT

Cover

Titel

Widmung

1 – EINLEITUNG samt einem Vorwort des Autors

2 – DIE TOCHTER EINES KÖNIGS

3 – DAS SPRUNGBRETT ZUM REICHTUM

4 – IM KLUB DER GLÜCKSRITTER

5 – DER BENJAMIN DER MILLIARDÄRE

6 – DAS NETZWERK DER MACHT

7 – CHRONIK EINES SKANDALS

8 – VON DEN FRAUEN UND VOM LIEBEN GELD

9 – KATZ UND MAUS

10 – DEM BARON ZU DIENSTEN

11 – DER MANN IM SCHATTEN

12 – STRAFSACHE SIGMUND BOSEL

13 – FLUCHTPUNKT PARIS

14 – DER NACHTZUG NACH BUDAPEST

15 – IN DER GEWALT DES MENSCHENJÄGERS

16 – DAS VERMÄCHTNIS DES TRILLIONÄRS

17 – EPILOG

Personenregister

Quellen- und Literaturverzeichnis

Danksagung

Impressum

1 – EINLEITUNG samt einem Vorwort des Autors

Im Februar 2012 bin ich zum ersten Mal in New York vor dem Hochhaus gestanden, in dem Julie Bauer-Marks ihre Wohnung hat. Der freundliche Portier, der im Lift für mich auf den Knopf drückt, sieht aus wie ein Flugkapitän. Auf dem Stoff seiner Uniform ist über der Brusttasche die Adresse des Gebäudes am Central Park aufgestickt. Wir fahren hinauf in den zehnten Stock. Ich bin gespannt, was mir die Tochter des legendären Sigmund Bosel erzählen wird.

Kurz darauf kommt mir am Gang eine humorvolle Dame mit einer rauchigen Stimme entgegen, die trotz ihrer 85 Jahre recht quirlig wirkt. Wir haben schnell ein herzliches Gesprächsklima, Frau Marks erkundigt sich, ob ich nicht vielleicht einen „weißen Spritzer“ möchte. Nach etlichen E-Mails und Telefonaten können wir in Ruhe die Dreharbeiten besprechen, die für den folgenden Tag angesetzt sind. Julie Marks hat sich bereit erklärt, in einer ORF-Dokumentation über ihren schillernden Vater mitzuwirken, der mit seinem sagenhaften Reichtum in den 1920er Jahren ganz Österreich elektrisiert hat.

Deutsch möchte Frau Marks nicht unbedingt reden, obwohl das feine Wienerisch, das ihr sporadisch über die Lippen kommt, perfekt ist. Während der Nazi-Zeit sei sie in der Emigration in London mit ihrem Bruder dazu übergegangen, Englisch zu sprechen. Beim Plaudern über das geplante Interview kommen bei der Bosel-Tochter spontane Erinnerungen an ihre Kindheit hoch. Julie holt die Briefe hervor, die ihr von ihrem geliebten Papa geblieben sind, und die Familienfotos, die sie am Telefon erwähnt hat. „Mein Vater war ein sehr fescher Kerl. Er hatte schwarze Haare und sehr dunkle Augen“, sagt sie, während sie die Aufnahmen ausbreitet. „Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich auf seinem Schoß gesessen bin.“

An drei aufeinanderfolgenden Tagen beschäftigen wir uns viel mit der Geschichte der Familie Bosel. Das lange Doku-Interview klappt bestens, Julie Marks ist eine gute Erzählerin. Sie überlässt mir zahlreiche alte Fotos und schenkt mir einen Roman, der von ihrem Vater handelt. Die Briefe borgt sie mir über Nacht, damit ich sie im Hotelzimmer einscannen kann. Frau Marks hat auch die Noten eines alten Wienerliedes hervorgeholt, das Fritz Imhoff einst über ihren Vater gesungen hat. Julie lässt durchblicken, dass sie sich einsam fühlt, seit ihr zweiter Ehemann, der Richter Jerome Marks, im Alter von 95 Jahren verstorben ist. Mehr als vier Jahrzehnte waren die beiden verheiratet gewesen. Und ihr erster Ehemann, Ernest R. Bauer? Er starb mit 45 Jahren an einem Herzinfarkt.

Mir tut es fast leid, dass wir so viel über Sigmund Bosel und seinen Tod reden, der das Leben seiner Tochter bis zu einem gewissen Grad noch immer überschattet. Julie Marks kann sich nicht erklären, warum ihr Vater 1938 kurz vor dem „Anschluss“ nochmals von Frankreich zurück nach Österreich gefahren ist: „The reason my father went back to Vienna is the biggest question I ever had in my life“.1

Dieses Buch erzählt die dramatische Geschichte eines Grenzgängers. Sigmund Bosel war ein Finanzakrobat, der mit seinen halsbrecherischen Geschäften niemanden kalt gelassen hat. Seine Laufbahn verlief abenteuerlich und tragisch, sein Leben war eine Mischung aus Krimi und Groschenroman. Die Anfänge seiner Karriere hören sich an wie ein Märchen über den Kapitalismus, in dem ein junger Glücksritter nach dem Ersten Weltkrieg binnen kurzer Zeit mehr Geld anhäufen konnte als andere Millionäre in einem ganzen Jahrhundert.

Wir schreiben das Jahr 1922. Das junge Österreich wird vom Inflationsfieber geschüttelt, Banknoten haben nur mehr den Wert von besserem Klopapier. Deshalb steht den großbürgerlichen Chefitäten in den Wiener Bankpalästen der Schweiß aber nicht auf der Stirn. Die Herren im Nadelstreif müssen mitansehen, wie der junge Finanzjongleur Sigmund Bosel mit seinem explosionsartig gewachsenen Vermögen die Reichen ziemlich alt aussehen lässt. Manche Bankdirektoren ahnen, was der schmächtige Senkrechtstarter aus kleinen Verhältnissen vorhat: Bosel will als Schreckgespenst der Wiener Hochfinanz die Branche aufmischen und ein zweiter Rothschild werden.2

Seine Firmenzentrale hatte Sigmund Bosel hinter dem Wiener Rathaus am Friedrich-Schmidt-Platz Nummer 5. In diesem Bürohaus geht der schillernde Kommerzialrat mit seinem Beraterstab damals ein und aus. 18 Automobile sollen für Bosel und seine Prokuristen in den besten Zeiten in der Garage bereitgestanden sein. Ein ehemaliger k. u. k. Rittmeister war damit beauftragt, die neumodernen Pferdestärken im Fuhrpark zu betreuen. Bosel lebt auf großem Fuß. Er ist ein Unternehmer mit einem veritablen Hofstaat.3 Obwohl Bosel mit seinem Bankhaus mächtig Eindruck machte, haben viele seinen Broterwerb für ein liederliches Gewerbe gehalten. Denn Bosel war ein Inflationsgewinnler, der mit eiskalten Geschäftsmethoden aus dem Sturm der Geldentwertung Kapital geschlagen hatte. Auf diese Weise wurde er die umstrittene Ikone einer New Economy von Spekulanten, die ganz Österreich in ihren Bann zog. Eine kleine Schicht von talentierten Aufsteigern machte der Bevölkerung vor, wie man der grassierenden Inflation ein Schnippchen schlagen und dabei astronomische Vermögenswerte anhäufen konnte. Für viele Menschen hatte sich ein historisches Zeitfenster aufgetan. Die Geldentwertung hatte abertausende Vermögen ausradiert und Elias Canetti zufolge vorübergehend soziale Unterschiede aufgehoben, „die wie für die Ewigkeit geschaffen schienen“.4

Auf sonderbare Weise hatte die Inflation scheinbar Chancengleichheit geschaffen. Reichwerden war eine Beschäftigung für jedermann geworden – vorausgesetzt, man hatte Talent und auch die nötige Portion Rücksichtslosigkeit. Sigmund Bosel brachte beides mit, und er hatte obendrein das Glück, dass er den Grundstein für seinen Reichtum schon im Ersten Weltkrieg legen konnte – als Lieferant vieler Flüchtlingslager. Der Publizist Karl Kraus spuckte deshalb Gift und Galle auf Bosel, weil der Emporkömmling seiner Meinung nach zu einer Sorte Mensch gehörte, die Kraus um nichts in der Welt leiden konnte: Kriegsgewinnler. Kraus hielt solche Leute für abscheuliche Siegertypen, die „durch das Blut anderer“ zu Geld gekommen waren.5

Dem frischgebackenen Wiener Bürgermeister Karl Seitz wäre 1923 so eine Kritik wohl nicht in den Sinn gekommen. Er und die Sozialdemokratische Partei mussten froh sein, dass der Milliardär aus dem Rathausviertel die SP-eigenen Hammerbrotwerke mit einer Finanzspritze gerettet hatte. Womit der Bürgermeister und der Turbo-Kapitalist fortan gemeinsam im Verwaltungsrat der Brotfabrik saßen. Mit solchen Husarenstücken versetzte Bosel die Öffentlichkeit in Staunen, weil er sich nicht in die Schablone des ruchlosen Profiteurs pressen ließ und eine soziale Ader bewies. „Er gab mit vollen Händen und musste nicht immer erst gebeten werden“, meinte das Berliner Tageblatt. Bosels Erfolg war zwar vielen nicht ganz geheuer, aber sein wundersamer Aufstieg vom kleinen Textilverkäufer zum überdimensionalen „Kronen-Trillionär“ sorgte für eine Sensation. 1923 war Bosel gemeinhin der reichste Österreicher, und als Präsident der Unionbank war er Nachbar der berühmten Rothschilds geworden.6


Humorvolle Dame mit rauchiger Stimme: Julie Marks, die Tochter Sigmund Bosels, erinnert sich an glückliche Kindheitsjahre im fernen Wien.

Weil Bosel als „bunter Hund“ aus der Wiener Bankiersriege hervorstach, ist er auch früh literarisch verewigt worden. Es hatte sich herumgesprochen, dass er sich trotz seiner gepflegten Umgangsformen in ein finanzielles Raubtier verwandeln konnte. Der Schriftsteller Felix Dörmann nahm in seinem Roman Jazz Bosel als Vorlage für seine Figur des Bankdirektors „Wiesel“, der es nicht nur auf Geldgeschäfte, sondern auch auf weibliche Beute abgesehen hat.7

War Bosel also ein Schürzenjäger mit anzüglichen Manieren? Wohl kaum: Der junge Aufsteiger soll ein charmanter Typ gewesen sein, der privat in festen Händen war. Nun ja, das zu behaupten, wäre nur die halbe Wahrheit. Sigmund Bosel ist nämlich über viele Jahre hin zwischen zwei attraktiven Frauen hin- und hergerissen gewesen. Zwischen der Mutter seiner Kinder und einer Nebenbuhlerin, die mit ihren resoluten Reizen dafür gesorgt haben soll, dass Bosel nie geheiratet hat. Inwieweit sich noch andere Damen für den steinreichen Junggesellen erwärmt haben, ist nicht verbürgt. In jedem Fall scheint es so gewesen zu sein, dass Bosel hinter dem Geld doch mehr her war als hinter den Frauen. Wobei dem Finanzabenteurer ein leicht gestörtes Verhältnis zu seinem Vermögen nachgesagt wurde. Ihm sei „nichts an dem Geld gelegen, das er auftürmte“, hieß es über Bosel, der persönlich so gar nicht wie ein Milliardär daherkam, sondern zum Beispiel mit einem altmodischen Schlapphut unterwegs war. Aus dem Rahmen fiel er damit nicht. Auch viele Adelige mit wuchtigen Stammbäumen stapften während der schlimmen Geldentwertung mit löchrigen Socken durch die Welt.8

Worauf war Bosel aber scharf, wenn es nicht der feine Zwirn und das süße Leben waren? Der öffentlichkeitsscheue Mann wurde als persönlich bescheidener Draufgänger beschrieben, der sich an waghalsigen Ideen berauschen konnte und von einzelnen Projekten nahezu hypnotisiert gewesen sei, wie die ihm nahestehende Boulevardzeitung Die Stunde schrieb: „Im Grund seines Herzens verachtete er das Geld, dem die anderen so nachjagen, und freute sich nur an der Macht, die an diesem Gelde hängt, und der Kombinationsfülle, die es erlaubt.“9

Manche Berichte waren hart an der Grenze zur Werbeeinschaltung – so, als wäre Bosel ein Meister der Selbststilisierung gewesen. Er habe „mit Geld gespielt wie Kinder mit Schnee“, meinte das Finanzblatt Die Börse, das ihm ebenfalls gut gesinnt war. „Der kleine Mann mit der mangelhaften Bildung, die er emsig sich zu stopfen bemühte“, habe herrschen und die öffentliche Meinung kontrollieren wollen.10 Haben wir es bei Sigmund Bosel mit einem Geld- und Machtmenschen zu tun, der innerlich mit dem Luxusleben auf Kriegsfuß gelebt hat?

Am Höhepunkt seines Erfolges rollte das offizielle Österreich für Bosel den Teppich aus. Es gab nämlich damals nur ganz wenige, die genug Kapital hatten, um die arme Republik aus der Lethargie zu holen. Weil Bosel an mehr als 210 (!) Aktiengesellschaften im In- und Ausland beteiligt war, galt er als Geldanlage-King.11 Wer konnte schließlich schon von sich behaupten, Bankier, Gutsbesitzer, Frauenfreund, Hotelier, Hundebesitzer, Immobilieninvestor, Industriekapitän, Mäzen, Ölbaron, Spekulant, Zeitungseigentümer und Nachtclub-Miteigentümer in einer Person zu sein? In Österreich konnte da bestenfalls der aus Triest stammende Finanzkapazunder Camillo Castiglioni mithalten. Nicht zuletzt deshalb sind Castiglioni und Bosel als Galionsfiguren der europäischen „Inflationsritterzeit“ in die Geschichte eingegangen.

Wer glaubt, dass Sigmund Bosel damit nur eine Figur aus der historischen Mottenkiste ist, täuscht sich. Der schräge Millionensassa hat Entwicklungen verkörpert, die für das moderne Wirtschaftsgeschehen und den Superreichtum unserer Tage typisch sind. Nicht selten sorgen ja die neuen Milliardäre von heute für eine Mischung aus Bewunderung und Argwohn, weil sie entweder als blutjunge Unternehmer auf die Forbes-Listen dieser Welt kommen oder ihr Geld im oligarchenhaften Dämmerlicht gescheffelt haben. Auf Sigmund Bosel trifft beides zu. Wie kein anderer hat er schon vor knapp hundert Jahren in einem wirren Konjunktur-Umfeld den „Traum vom schnellen Geld“ und vom „Aufstieg aus dem auch Nichts“ verkörpert.12

Eine bemerkenswerte Erscheinung war Bosel auch dadurch, dass er die Dauerkrise nach dem Ersten Weltkrieg als seine persönliche Jahrhundertchance begriffen hat und dabei die Coolness hatte, Geschäfte und Aufgaben zu übernehmen, die den Obrigkeiten zu heiß waren. Das war schon im Ersten Weltkrieg so. Die Zehntausenden Kriegsflüchtlinge, die ab Herbst 1914 aus den umkämpften Grenzgebieten ins Zentrum der Monarchie geströmt waren, mussten mit Bekleidung und Lebensmitteln versorgt werden. An manchen Tagen kamen in Wien 3.000 Flüchtlinge an.13

Bosel packte die Gelegenheit beim Schopf, um für viele Auffanglager auf österreichischem Boden der Hauptlieferant zu werden. Im Auftrag der Behörden betätigte er sich sogar als Schmuggler, um die notwendigen Versorgungsgegenstände aufzutreiben. Durch das Geschäft, das er im Schatten der Flüchtlingskrise machen konnte, wurde der gelernte Textilverkäufer noch zu Kaisers Zeiten ein Multimillionär.

Nach dem Krieg wurde Bosel dafür gerühmt, dass er die Erste Republik vor dem revolutionären Chaos gerettet hätte, weil er die Wiener Polizei zu Diskontpreisen mit Bekleidung und Lebensmitteln versorgt hatte. Während die Bevölkerung teilweise hungern musste, konnte Polizeichef Schober seine Ordnungshüter bei der Stange halten und mit der Exekutive als Hausmacht später leichter Bundeskanzler werden. Zitat Schober: „Ich bin meiner braven Wache zuliebe voll der dankbaren Gefühle für Bosels Wirken.“14

Die lobenden Worte waren ein Ausdruck dessen, dass der Privatbankier „hochmögende“ Fürsprecher hatte und in den Wandelgängen der Politik zeitweise bestens angeschrieben war. Im Bankenverband hatte Bosel dagegen mächtige Gegenspieler, die auf geschäftliche Außenseiter wie ihn allergisch reagierten. In der Öffentlichkeit wurde Bosel hochgejubelt, aber auch verflucht. Der „Inflationskönig“ war der Exponent einer Schicht von Glücksrittern, die durch ihren obszönen Reichtum inmitten der Nachkriegsnot viel Hass und Unmut auf sich gezogen hatte.15

Darüber hinaus ist Sigmund Bosel als Jude immer wieder mit antisemitischen Attacken konfrontiert gewesen. In NS-Zeitungen wurde er als „Aasgeier“ und „geldsaugender Vampier“ verteufelt, in linken Polemiken ist er als „verbrecherischer Kapitalist“ und „Schleichhändler“ gegeißelt worden. Bosel bekommt während seiner Karriere die offene und versteckte Judenfeindlichkeit der Zwischenkriegszeit zu spüren. Schon früh machen ihn die Nazis zu ihrem Feindbild. Wenn es ums Geschäft gegangen ist, hat Bosel allerdings eine erstaunlich dicke Haut bewiesen und sich in den 1930er Jahren auch mit erklärten Antisemiten abgegeben. Die dunkle Seite des Sigmund Bosel war sein kaltschnäuziger Umgang mit der Gefahr.16

Ende 1923 konnte Bosel bei seinen Geschäftspartnern noch wählerisch sein. Und die Regierung konnte es sich nicht leisten, den jüdischen Star-Investor zu vergraulen. Die konservativ-großdeutsche Koalition rümpfte zwar an sich über „Finanzjuden“ wie Sigmund Bosel die Nase. Aber der Ministerrat war rasch mit dem etwas impertinenten Vorhaben Bosels einverstanden, neben dem Bundeskanzleramt am Ballhausplatz einen neuen Bankpalast hochzuziehen. Das Prestigeprojekt wäre auch Wirklichkeit geworden, wenn den Hasardeur damals nicht das Glück verlassen hätte.

Im Frühjahr 1924 gehen geheime Fremdwährungsspekulationen schief, die Bosel im Auftrag der staatlichen Postsparkasse unternommen hat. Zwei Jahre später fliegt die Sache auf, das PSK-Fiasko wird der größte Wirtschaftsskandal der 1920er Jahre. Ab diesem Moment kämpft der ehemalige Trillionär, der in Wahrheit fast alles verloren hatte, als „Bettler“ gegen den Abstieg. Wie lange sich der gewitzte Finanzmann damals aus der Affäre ziehen konnte, ist erstaunlich. Zehn Jahre lang spielt Bosel gegenüber der Postsparkasse den verarmten Milliardär, um seine Spekulationsschulden nicht abstottern zu müssen.

Die Politik behandelt ihn pfleglich. Hatte man ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen? Oder besitzt Bosel damals belastendes Material? 1936 ist mit der Komödie Schluss, die Justiz macht gegen Bosel mobil. Man wirft ihm vor, dass er seine wahren Vermögensverhältnisse verschleiert hat. Weil jedoch der damalige PSK-Gouverneur und frühere Bundeskanzler Karl Buresch in die Sache verwickelt ist und Selbstmord begeht, hat die Regierung Schuschnigg eine Staatsaffäre am Hals, die unter den Teppich gekehrt werden muss.

Vergleicht man die Aufreger-Themen unserer Tage mit den Krisen und Finanzskandalen der Zwischenkriegszeit, hat man unweigerlich Déjà-vu-Erlebnisse. So wie heute haben auch damals viele Staaten enorme Budgetprobleme. Die Finanzmärkte geben das Tempo vor, die Aufsichtsbehörden hecheln hinterher. Das Spekulationsfieber der Nachkriegsjahre führt zu Spekulationsblasen, hohe Fremdwährungsrisiken werden aufgetürmt. Die etablierten Banken lügen sich mit ihren Wertansätzen im Donauraum in den Sack, einzelne Megakredite sorgen für ein hohes Klumpenrisiko. Als die faulen Bilanzen der Kreditinstitute aufplatzen, ist auch damals wie heute Bankenrettung angesagt: mit Kapitalspritzen, rettenden Fusionen und der Notverstaatlichung der zu dieser Zeit wichtigsten Bank im Land, der österreichischen Credit-Anstalt.

Zwei Mega-Skandale haben bleibende Erinnerungen an die ruinösen Turbulenzen hinterlassen: das PSK-Fiasko 1926 und das noch viel größere CA-Finanzfiasko 1931. In beide Wirtschaftskrimis ist Bosel verstrickt gewesen. Das PSK-Fiasko punziert ihn als Buhmann der österreichischen Wirtschaftsgeschichte, während er in der CA-Causa im Hintergrund agiert, um die Skandalpleite juristisch glattzubügeln. Beide Finanzbeben lassen sich rückblickend mit dem Begriff „Multi-Organversagen“ beschreiben, den in unseren Tagen die Griss-Untersuchungskommission für die Kärntner Skandalbank Hypo Alpe Adria geprägt hat. Auch das österreichische Parlament hat sich in den 1920er Jahren in diversen Ausschüssen mit Finanzskandalen herumschlagen müssen. Damals zeigte sich, dass die zuständigen Behörden und Politiker der staatlichen Postparkasse zu wenig auf die Finger geschaut haben. Solange es Gewinne gab, durften die PSK-Manager mit der Staatsgarantie im Rücken herumfuhrwerken. Als es Verluste gab, hat man den Kopf in den Sand gesteckt. Schlussendlich können die Postsparkasse und die Credit-Anstalt nur mit Staatshilfe überleben. Die Kosten der Rettungsaktionen hat man genauso wie in der Finanzkrise nach 2008 hauptsächlich den Steuerzahlern umgehängt.

Die großen Geldgeschäfte, mit denen sich Bosel Zutritt zur Hochfinanz verschafft hatte, haben auch seinen Abstieg eingeläutet. Der Finanzjongleur war verschrien als „der böse Geist der Postsparkasse“, der gestandene Politiker mit unlauteren Spekulationstipps „verhext“ habe.17 Das war aber bestenfalls die halbe Wahrheit. Bosel hat im PSK-Skandal als Sündenbock herhalten müssen, damit die Staatsbank andere Verlustbringer leichter kaschieren konnte. Sein größter Gegner, schrieb Bosel 1929, sei der christlich-soziale Finanzminister Viktor Kienböck gewesen, der ihn „mit unversöhnlichem Hass“ verfolgt habe.18 Es gibt tatsächlich Indizien dafür, dass Kienböck und der einstige Nationalbank-Präsident Richard Reisch Bosel über die Klinge springen haben lassen. Dieses Buch geht daher auch der Frage nach, ob für Sigmund Bosel hier nicht ein Stück historische Ehrenrettung angebracht ist.

Wer sich eingehend mit Sigmund Bosel beschäftigt, lernt eine Persönlichkeit mit charakterlichen Graustufen kennen. Dieser Mann war kein Heiliger, sondern das, was man umgangssprachlich einen Schlawiner nennt. Dort, wo der tüchtige Außenseiter durch Cleverness und Chuzpe frühzeitig Trends wittert und anderen Machtmenschen ein Schnippchen schlägt, ist man verleitet, ihm die Daumen zu drücken. Dort, wo er mit dem Gesetz in Konflikt gerät oder das Schicksal herausfordert, kann man über den Tausendsassa mit der Unschuldsmiene nur den Kopf schütteln. Und man wünscht sich als Beobachter an der Seitenoutlinie, der Finanzabenteurer hätte sich zu bestimmten Aktionen nicht hinreißen lassen. Aber Sigmund Bosel war eben ein Teufelskerl, der zeitlebens hoch gepokert hat und sich auch für verborgene Machenschaften einspannen ließ.

1931 übernimmt er nach der sündteuren Notverstaatlichung der Credit-Anstalt einen Geheimauftrag der Rothschild-Bankdynastie. Bosel zieht alle Register, damit die Justiz ihre Ermittlungen gegen den langjährigen CA-Mehrheitsaktionär Louis Rothschild aufgibt. Die Parteispenden, die Bosel dabei an einzelne Regierungspolitiker weiterreicht, bringen ihn 1934 in den Dunstkreis der Juli-Putsch-Verschwörer. Bosel hat alle Hände voll zu tun, um nach der Ermordung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß nicht zum Hochverräter gestempelt zu werden. Auch diese weitgehend unbekannte Affäre wird in diesem Buch beleuchtet.

Wer Sigmund Bosel über die Schulter schaut, erlebt beim Blick hinter die Kulissen der Ersten Republik so manche Überraschung. Übrig bleibt der Eindruck, dass Sigmund Bosel ein Mann der Geheimnisse war – und zwar in jeder Hinsicht. Angeblich hat er eine wertvolle Kollektion von pornographischen Antiquitäten besessen, die er an den ägyptischen König Farouk verkauft haben soll, über dessen Erotik-Sammlung bis heute gerätselt wird.19 Bosel soll außerdem der letzte Besitzer des berühmten Hortensia-Diadems gewesen sein, das Napoleon Bonaparte einst seiner Stieftochter Hortense de Beauharnais geschenkt hatte.20

Die besondere Tragik im Leben des Sigmund Bosel liegt darin, dass er nach seiner skandalträchtigen Laufbahn ein neues Leben im Ausland anfangen wollte. Im Februar 1938 war er in Paris bereits in Sicherheit vor den Nazis, die es viele Jahre davor schon auf ihn abgesehen hatten. Obwohl ihn Verwandte vor der Rückreise gewarnt haben, ist Sigmund Bosel zwei Wochen vor dem „Anschluss“ noch einmal nach Wien gefahren, um noch etwas zu erledigen. Dieser Entschluss war letztlich sein Todesurteil.21

Georg Ransmayr Wien, im Juni 2016

Anmerkungen

1

Interview mit Julie Marks, 17. 2. 2012.

2

Bosels Vorname ist in späteren Jahren oft mit einem langen „i“ geschrieben worden. Die ursprüngliche Schreibweise bestand aus einem Sigmund ohne „e“ wie bei Sigmund Freud.

3

Franz, Siegmund Bosel, 37 f.

4

Canetti, Masse und Macht, 206.

5

Wahl, Die Könige der Inflation, in: Joachim Riedl (Hrsg.), Wien, Stadt der Juden, 238 ff.; Kraus, Die Fackel Nr. 632 (1923), 150.

6

Berliner Tageblatt, 14. 11. 1926.

7

Dörmann, Jazz, 27 ff.; Schneider, Felix Dörmann, 345.

8

Interview mit Martha Genée, 14. 12. 2011; Franz, Siegmund Bosel, 12; Die Börse, 11. 11. 1926.

9

Habe, Eine Zeit bricht zusammen, 15; Die Stunde, 22. 7. 1923.

10

Die Börse, 11. 11. 1926.

11

BANB, 655/​1925 Bankhaus Bosel: Rekapitulation der Effektenstände.

12

Wahl, Könige der Inflation, 240.

13

Lewinson, Die Umschichtung der europäischen Vermögen, 251; Rauchensteiner, Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie, 841.

14

SchobA, (Karton) 95, Schober: „Wie ich Herrn Präsident Bosel kennenlernte“.

15

Scheffer, Bankwesen, 374; Hanisch, Der lange Schatten des Staates, 283.

16

Hoffmann, Der Fall Sigmund Bosel, 17 ff.; SchobA 95, „Brief an den Verwaltungsausschuss“, 15. 10. 1919; Interview mit Ursula Schwarz (DÖW), 24. 10. 2012; Wienbibliothek, Plakat P225767; Wahl, Kaffeehäuser zu Bankfilialen, in: Konrad/​Maderthaner, … der Rest ist Österreich, 66.

17

PA, Bericht Reisch im Unterausschuss für das PSK-Gesetz, 6. 11. 1926.

18

SchobA 95, SB an Johann Schober, 31. 12. 1929.

19

Frischauer, European Commuter, 96; Al Arabiya News, King Farouk: The Forgotten Memoirs, King Farouk’s Fabulous Wealth, http://english.alarabiya.net/​en/​special-reports/​king-farouk (17. 1. 2016).

20

Algemeen Handelsblad, 23. 4. 1937; Reichspost, 17. 4. 1937.

21

Dieses Buch basiert auf meinen Recherchen für die TV-Doku „Der Massenmörder und der Trillionär“, die im Rahmen der ORF-Sendereihe „kreuz & quer“ im April 2013 erstmals ausgestrahlt worden ist.

Im Mittelpunkt dieser filmischen Doppel-Biografie steht das schicksalshafte Aufeinandertreffen Bosels mit dem berüchtigten Nazi-Kriegsverbrecher Alois Brunner. Nach der Arbeit an dem Film entstand der Gedanke, die Fülle des gesammelten Materials durch weitere Nachforschungen zu ergänzen und die mitreißende Bosel-Saga mithilfe der zusätzlichen Erkenntnisse in ein Sachbuch zu verpacken.

2 – DIE TOCHTER EINES KÖNIGS

Sigmund Bosel ist ein Mann gewesen, der sein Wohnzimmer mit auf Reisen genommen hat. Für die Superreichen seiner Zeit war es selbstverständlich, dass eine Fahrt mit der Eisenbahn eine Fahrt im eigenen Luxuswaggon zu sein hatte. Was heutzutage der Privatjet ist, war vor und nach dem Ersten Weltkrieg der Salonwagen, der meist an gewöhnliche Zugsgarnituren hinten angehängt wurde. Manchmal bekam so ein Waggon aber auch weiter vorne in der Zugsgarnitur eine Sandwich-Position zugewiesen – wenn ein „hochwohlgeborener“ Kunde diesen Sonderwunsch bei der Eisenbahnverwaltung angemeldet hatte, um sicherzugehen, dass der Waggon nur ja nicht entlang der Strecke versehentlich abgehängt werden konnte.

Ein Salonwagen bestand im Regelfall aus einem üppig mit Holz und feinen Tapeten dekorierten Aufenthaltsraum, der mit Schreibmöbeln und Plüschsesseln bestückt war. Daneben gab es ein Schlafabteil, ein Waschkabinett und ein Spülklosett. Häufig war auch ein Extrazimmer für Diener oder Privatsekretäre eingebaut. Über die Einrichtungsdetails im Bosel‘schen Salonwagen weiß man, dass schwarze Klubfauteuils und zwei Tische mit Schreibmaschinen zum Mobiliar gehört haben. Überliefert ist auch, dass es „vornehm nach Leder gerochen“ habe.1

Auf Dienstreisen oder Vergnügungsfahrten versprach so ein Luxuswaggon den bestmöglichen Reisekomfort auf Schienen und den gebotenen Abstand zu neugierigen Normalsterblichen. Das eigene Hinterteil war besser gefedert, das edle Haupt ruhte auf einem richtigen Polster und das Ein- und Aussteigen vor salutierenden Stationsvorstehern war umnebelt von touristischer Theatralik.2


Den Kindern bleibt der Beruf des Vaters verborgen: Sigmund Bosel mit Julie und Alfons. Foto: Franz Thurman, 1929.

Abgeschaut hatte sich Bosel das Reisen mit dem Salonwagen von den großen Industriebossen der Monarchie, die diese Gewohnheit wiederum von den hochherrschaftlichen Mitgliedern der Adelshäuser abgekupfert hatten. Auch der Philosoph Ludwig Wittgenstein wollte das Privileg eines Salonwagens auf Reisen nicht missen, obwohl der exzentrische Industriellensohn ansonsten ein Aussteigerleben als armer Dorfschullehrer führte.3 Vilmos Kestranek, als Generaldirektor der Prager Eisenindustrie-Gesellschaft ein Freund von Wittgensteins Vater, hatte vor seiner Villa am Wolfgangsee sogar eine eigene Zugshaltestelle. Als Zeichen der besonderen Ehre durfte Kestranek überdies für die Fahrt von Bad Ischl nach St. Gilgen den blauen Salonwagen von Kaiser Franz Joseph benützen.4 Nach dem Untergang der Monarchie kam dieser Waggon auf den Markt. Der Inflationsritter Camillo Castiglioni packte die Gelegenheit beim Schopf und kaufte sich das elitäre Fortbewegungsmittel. Sigmund Bosel wollte in dieser Hinsicht seinem großen Rivalen Castiglioni um nichts nachstehen. Der Moment war günstig, auch in der Weimarer Republik standen geschichtsträchtige Waggons zum Verkauf. Bosel besorgte sich einen Wagen aus dem Hofzug des deutschen Kaisers – womit sich die Frage erledigt, warum Bosels Salonwagen goldverzierte Wände hatte.5

Der Salonwagen war freilich nicht die einzige Erwerbung, mit der Bosel in Deutschland aufhorchen ließ. Er kaufte sich hier auch mehrere Häuser und die Privatbank Fester & Co., bevor er 1923 in Berlin die Wochenzeitung Der Montag Morgen aus der Taufe hob. Wien war Sigmund Bosel zu klein geworden.6

Daheim in Österreich war der Senkrechtstarter ohnehin schon eine legendäre Figur. Alle Geschäfte, die der geheimnisumwitterte Jungspund in die Hand nahm, schienen von Erfolg gesegnet zu sein. Bosel hatte sich zum Leithammel und „Kurs-Orakel“ der Wiener Börse entwickelt. Wenn der neureiche Finanzmagnat bestimmte Wertpapiere kaufte, dann kauften andere sie auch. Geschickt spekulierte Bosel mit Aktien und Fremdwährungen, um aus der anfangs schleichenden und später galoppierenden Geldentwertung Kapital zu schlagen. Eine junge Generation von Geschäftsleuten, die kühn und respektlos war, schien der alten zu erklären, wie der Kapitalismus künftig funktionieren würde. In der „Naturgeschichte des Reichtums“ sei die Epoche der „Geldentwertungskünstler“ angebrochen, jubelten Finanzjournalisten. Der Traum vom schnellen Geld hatte ein jugendliches Gesicht – das von Sigmund Bosel, dem „neuen österreichischen Vanderbilt“.7

Wenn Julie Marks an ihren Vater und dessen märchenhafte Karriere denkt, dann fallen ihr spontan die schwarzen Anzüge ein, die aus der Erinnerung nicht wegzublenden sind. „Schon als ich klein war, hab‘ ich mir gedacht, dass mein Vater gut aussieht. Er trug bis auf wenige Ausnahmen immer schwarze Anzüge mit weißen Hemden. Sogar im Winter beim Schlittschuhlaufen. Das war bei ihm wie eine Uniform.“8

Die Villa auf der Millionärsmeile

Eine standesgemäße Bleibe hatte sich Sigmund Bosel schon gesucht, als er noch nicht der verwegene Spekulant war, der mit seinen Übernahmeplänen die mitteleuropäischen Finanzmärkte aufscheuchte. Bosel fand das Objekt seiner Begierde – eine prunkvolle Herrschaftsvilla – im Wiener Nobelbezirk Hietzing. Und zwar in der gleichermaßen stillen wie vornehmen Gloriettegasse nahe der Schlossmauer von Schönbrunn.

Auch Kaiser Franz Joseph hatte seinerzeit eine besondere Beziehung zur Gloriettegasse. Denn auf Nummer 9 hatte der Monarch in einer Eckhausvilla sein Liebesnest mit der um 23 Jahre jüngeren Schauspielerin Katharina Schratt. Wenn Franz Joseph aus Schönbrunn auf Besuch kam zur „Gnädigen Frau“, wie er in Briefen seinen „heiß geliebten Engel“ bisweilen titulierte, so konnte er durch eine kleine Seitenpforte in der Schlossmauer den Palastgarten diskret verlassen. Er musste dann nur mehr die (heutige) Maxingstraße überqueren und konnte nach ein paar hundert Schritten an Schratts Tür klopfen. War man in Hietzing ein Frühaufsteher, so konnte man gegen halb sieben Seiner Apostolischen Majestät über den Weg laufen.9

Die besagte Tür in der Gartenmauer dürfte der Monarch schon früher für seine sexuellen Eskapaden mit der Wienerin Anna Nahowski verwendet haben, die in der Nähe der Gloriettegasse wohnte. 1889 machte Franz Joseph mit Nahowski Schluss, um sich gänzlich Katharina Schratt zuzuwenden, die einige Jahre später die Villa in der Gloriettegasse – die sie bis dahin nur gemietet hatte – mit Franz Josephs Hilfe kaufen konnte. Dem Kaiser gab das Domizil die Möglichkeit, aus der „Gefangenschaft seiner verwitterten Erhabenheit auszubrechen“, wie es Frederic Morton formuliert hat.10

Eine illustre Wohnadresse war die Gloriettegasse vor dem Ersten Weltkrieg aber nicht nur wegen der kaiserlichen Herzdame. Auch der Seidenfabrikant August Schopp, der Industrielle Robert Primavesi und der Bankdirektor Theodor Ritter von Taussig, der Verwalter des kaiserlichen Familienfonds, hatten ihre Residenzen ein paar Häuser weiter. Die Gloriettegasse konnte man getrost eine Millionärsmeile nennen.11

Als 1919 in der Gasse die Villa mit der Hausnummer 17 zum Verkauf stand, wird Sigmund Bosel nicht lange gezögert haben. Denn das zweistöckige Anwesen hatte alles, was man sich nur wünschen konnte: ein schlossartiges Wohngebäude in bester Lage mit einem parkähnlichen Garten auf einem Gesamtareal mit über 13.000 Quadratmetern. Reizvoll war die feudale Residenz auch deswegen, weil sie mit illustren Vorbesitzern glänzen konnte. Der erste Eigentümer war der hannoveranische Bankier Israel Simon gewesen, der in Wien als Vizekonsul der Vereinigten Staaten auftrat und die Villa 1871 errichten hatte lassen. Sechs Jahre später zog ein anderer diplomatischer Würdenträger ein: Simon Zechany, Ritter von Racovizza. Er fungierte in Wien als Konsul für Griechenland, wie der Illustrierte Führer durch Wien und Umgebungen aus dem Jahr 1885 zu berichten wusste.12

1895 kam die Residenz in den Besitz des österreichischen Bankdirektors Julius Herz. Wie die gut erhaltenen und hübsch kolorierten Baupläne zeigen, die noch im Archiv der Wiener Baupolizei liegen, ließ Herz das imposante Gebäude 1897 erweitern. Seine Tochter Margarethe von Sonnenthal – die Schwiegertochter des berühmten Burgschauspielers Adolf von Sonnenthal, der auch mit Katharina Schratt auf der Bühne gestanden war – erbte das Anwesen im September 1914. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte es Therese Terry von Ortlieb, deren Ehemann einer der größten Holzindustriellen der Monarchie war. Laut Grundbuch hat Terry ihre Villa in der Gloriettegasse im Dezember 1919 an Sigmund Bosel verkauft. Bosel hatte damit ein wahrlich repräsentatives Domizil gefunden, um seine großbürgerlichen Ambitionen zu untermauern.13

Katharina Schratt und Sigmund Bosel dürften sich übrigens gekannt haben. Es ist zwar nicht überliefert, wann der zugezogene Multimillionär der berühmten Nachbarin vier Häuser weiter seine Aufwartung gemacht hat. 1922 war es aber jedenfalls so weit, dass die gute Frau Schratt wieder Geld gebraucht hat – so wie das früher öfters der Fall war, als Franz Joseph ihre Casino-Spielschulden in Monte Carlo begleichen musste. Was Katharina Schratt nun anzubieten hatte, waren zwei Schmuckstücke, die ihr der Kaiser einst geschenkt hatte und die sich Bosel ob seiner Schwäche für teure Preziosen nicht entgehen ließ.14

Leider ist kein einziges Fotos von der opulenten Einrichtung erhalten geblieben, mit der sich Sigmund Bosel umgeben hat. Weil Bosel jedoch 1926 riesige Steuerschulden aufgetürmt hatte und kurzzeitig sogar eine Pfändung im Raum stand, haben Gutachter den gesamten Hausrat damals genauestens katalogisiert. Die amtshandelnden Personen hatten nachher einiges zu erzählen – über den riesigen gelbweißen Teppich in der Eingangshalle, das pompöse Stiegenhaus mit den mannshohen chinesischen Vasen und die Salons, die mit Marmorbüsten römischer Kaiser, Standuhren in Versailles-Optik und üppigen Bronze-Lustern bestückt waren. Während der Inflationsjahre hatte Bosel zahlreiche Stilmöbel und Dekorationsgegenstände angeschafft, die vornehme Patrizierhaushalte verkaufen mussten, um finanziell über die Runden zu kommen. An den Wänden in der Gloriettegasse hingen flämische Gobelins, alte Meister, Bildteppiche mit Jagdszenen aus dem 17. Jahrhundert und persische Prunkteppiche.15

Die Nachteule auf dem Klappbett

Einiges deutet darauf hin, dass Sigmund Bosel seine Prunkvilla lange Zeit nur als Schlafquartier verwendet hat. Anfangs soll er in der Gloriettegasse sogar nur ein einziges Zimmer bewohnt haben. Bosel war statushungrig, aber im Alltag relativ bedürfnislos. Obwohl er sich so etwas wie einen kleinen Hofstaat leistete, schlief er oft tagelang mit einem Ohr neben dem Telefon auf einem Klappbett in seinem Bankhaus. Gelebt haben soll er nur von schwarzem Kaffee, Zigaretten und leicht verdaulichem Gemüse, das ihm ein Kammerdiener servierte.16

Seine Herkunft soll der spartanisch lebende Aufsteiger nie vergessen haben. „Bosel ist an sich ein milder, gütiger Mensch, der mit innerer Zärtlichkeit an seinen alten Freunden hängt, die … mit ihm noch dritter Klasse gefahren sind, ehe ihm die erste Klasse und der Salonwagen offenstanden.“ War der Millionensassa ein Emporkömmling mit Bodenhaftung oder hatten untertänige Journalisten hier etwas dick aufgetragen? Bosel konnte sich bei solchen Schilderungen alle Finger abschlecken. Er war zwar einer der berühmt-berüchtigten „Könige der Inflation“, die den Kapitalismus auf die Spitze getrieben hatten. Aber er war viel besser angeschrieben als andere Spekulanten. „Als Mensch sticht Bosel vorteilhaft von vielen seines Schlages ab. Er war nie zugeknöpft, ja teilweise gab er mit vollen Händen“, schrieb der gewerkschaftsnahe deutsche Wirtschaftsjournalist Paul Ufermann.“17

Interessierte Zeitungsleser konnten erfahren, dass Bosel ein ungeheuerliches Arbeitspensum absolvierte. Bis zwei Uhr früh sei er in seinem Bankhaus über den Abrechnungen gesessen. „Wer ihn sprechen wollte, musste zu ihm kommen, auch Frauen, die ihm die Sorgen von der Stirn wegstreicheln wollten“, wusste Die Börse zu berichten. „Der große Milliardär Bosel ist an den Freuden des Lebens vorbeigegangen.“18

Bosel war auch zu scheu und viel zu wortkarg, um sich auf rauschenden Banketten wohlzufühlen. Bei gesellschaftlichen Verpflichtungen ließ sich er sich häufig von einem früheren österreichischen Vatikan-Botschafter vertreten, der in seinen Diensten stand. Die Nachtclub-Szene dürfte Bosel jedoch gut gekannt haben – vor allem die Femina-Bar in der Wiener Innenstadt. In den „sündigen Jahren der Inflationszeit“, wie Hugo Bettauer in seinem Roman Der Kampf um Wien schreibt, war die Femina ein angesagtes Revuelokal. Die Figuren in Bettauers Roman landen – nachdem sie vergnügungssüchtig um die Häuser gezogen sind – bisweilen in der Femina. Wer dort mit wem turtelte oder geheimnisvoll mauschelte, blieb Bosel nicht verborgen. Er war ein „nachtaktives Arbeitstier“ mit vielen Informanten, und ab 1926 dürfte die Femina überhaupt zur Hälfte ihm gehört haben.19

Bei Tageslicht ließ sich Sigmund Bosel selten in der Öffentlichkeit blicken, weil die Gefahr von Attentaten aufgetaucht war. Der Wiener Polizeichef Schober ließ Bosel daher auf Schritt und Tritt bewachen. Sowohl vor dem Bankhaus Bosel am Friedrich-Schmidt-Platz als auch vor der Hietzinger Villa waren ständig Sicherheitsbeamte postiert. Auf allen Autofahrten saß ein Kripobeamter neben dem Chauffeur. Eine Ahnung davon, dass Bosel als jüdischer Milliardär gefährdet war, konnte man im Februar 1924 bekommen, als Zeitungen in Wien und Prag über einen Attentatsplan gegen ihn berichteten. Ein Beamter hatte der Polizei den Hinweis geliefert, wonach ein Arbeiter in einem Wiener Gasthaus gesagt hätte, er werde „Bosel erschießen“. Die Polizei nahm den Mann fest und fand in seiner Wohnung einen Armeerevolver mit 70 Patronen. Im Verhör soll der Arbeiter, der ein Nazi-Parteimitglied war, zugegeben haben, dass er einen Anschlag auf Bosel geplant hatte, weil dieser als Spekulant die wirtschaftliche Notlage verschuldet hätte.20

Ende 1924 bekam es Bosel auch mit einer Erpressungsserie samt Todesdrohungen zu tun. Den ersten Erpresserbrief erhielt er im Dezember 1924. Ein junger Mann verlangte, dass beim Portier eines Wiener Hotels 150 Millionen Kronen deponiert werden. Wie vom Erpresser verlangt, ging Bosel mit dem Inserat „Schreiber, Wien, XIII – Bewilligt“ in der Tageszeitung Die Stunde auf die Forderung ein. Die Kriminalpolizei observierte den Ort der Geldübergabe – das „Hotel zur Goldenen Birne“. Der Erpresser hatte jedoch einen Dienstmann geschickt, der das Kuvert abholte und damit zum Wiener Westbahnhof fuhr. Hier konnten die Polizisten den bewaffneten Erpresser bei der Geldübernahme überwältigen.21

Durch den Vorfall hatte Die Stunde, an der Bosel nebenbei bemerkt finanziell beteiligt war, eine heiße Story auf Lager: „Es ist das Schicksal reicher Leute, dass sie von Zeit zu Zeit von Erpressern oder politischen Narren mit Drohungen, die sich gegen ihr Leben und ihren Besitz richten, belästigt und in Schrecken versetzt werden. Eine der beliebtesten Persönlichkeiten bei diesen Verbrechern ist der Präsident der Unionbank, Sigmund Bosel“, so das Blatt. „Nach den Hakenkreuzlern, die es als eines der wichtigsten ihrer politischen Ziele betrachten, Herrn Bosel um die Ecke zu bringen“, habe diesmal ein 21-jähriger Mann aus gutem Hause die weitere Sicherheit des Finanzmannes an das geforderte Erpressungsgeld geknüpft.22

Dass Attentate gegen prominente Persönlichkeiten eine reale Gefahr waren, führt der Tod von Hugo Bettauer vor Augen. Bekannt geworden war der umstrittene Bestsellerautor durch seine sozialkritischen Fortsetzungsromane. Den Roman Der Kampf um Wien hatte Bettauer in der Tageszeitung Der Tag herausgebracht, die von Sigmund Bosel finanziert wurde. Der wahre Aufreger war aber Bettauers Erotik-Zeitschrift Er und Sie, mit der sich dieser für eine progressive Sexualmoral starkmachte. Obwohl man Bettauer in einem Pornografie-Prozess freisprach, wurde er von rechtsgerichteten Gegnern und Antisemiten als „Jugendverderber“ und „perverses Kloaken-Tier“ verteufelt. Nazi-Propagandaschriften riefen zu „radikaler Selbsthilfe und Lynchjustiz gegen den Volksschänder“ auf. Bettauer bekam Morddrohungen, Polizeischutz lehnte er jedoch ab.23

Der Anschlag passierte schließlich am 10. März 1925 in Bettauers Büro. Der junge NSDAP-Anhänger Otto Rothstock streckte den Autor mit fünf Revolverschüssen nieder. Zwei Wochen später starb Bettauer an seinen Verletzungen. Die Ermordung des Schriftstellers, der ein Aushängeschild seiner Zeitung war, dürfte Bosel darin bestärkt haben, dass Leibwächter ihre Berechtigung hatten. Auch der Verleger Imre Békessy, mit dem Bosel geschäftlich zu tun hatte, bekam Polizeischutz, nachdem man in den Räumlichkeiten der Nazi-Jugendorganisation eine „Todesliste“ gefunden hatte. Bosel hatte sich bereits Monate davor eine unauffällige Autonummer besorgt, damit sein Wagen nicht mehr wie eine Staatskarosse daherkam.24 Aus dieser Zeit stammt wohl auch das Gerücht, dass Bosel nie einen Fuß in den Garten seiner Villa gesetzt hätte. Irgendeine Erklärung musste es geben, warum der steinreiche Workaholic mit den dunklen Augen immer so blass war.

Die Kinderstube in der Luxuswelt

Leben kam in den parkähnlichen Garten erst viele Jahre später durch die Bosel-Kinder Julie und Alfons, die sich – als sie schon größer waren – auf dem Gelände austoben konnten und vor allem die Kegelbahn hinterm Haus geliebt haben. „Wir sind uns manchmal wie Gäste vorgekommen, weil wir uns auf unseren Streifzügen durch das Anwesen ‚ordentlich‘ benehmen mussten“, schmunzelt Frau Marks. Warum das? Die Nachbarschaft sollte nicht allzu viel davon mitbekommen, dass Julie und ihr Bruder die unehelichen Kinder des Hausherrn waren. Bis 1937 waren die beiden Sprösslinge daher nur fallweise am Wochenende in der Gloriettegasse zu Besuch. Gewohnt haben die Kinder im Wiener Nobelbezirk Döbling, wo sie mit ihrer Mutter Ilona Schulz in einer Villa in der Silbergasse aufgewachsen sind. Behütet und eingepackt in erzieherische Zuckerwatte.

In der Silbergasse gibt es damals eine Köchin, zwei Stubenmädchen und einen Hausbesorger. Auch eine Anstandsdame schwirrt durch den Haushalt. Auf winzigen alten Fotos sieht man, wie die Gouvernante die kleinen Bosel-Sprösslinge bei einem Schaukelpferd bemuttert. „In der Silbergasse war es fantastisch“, erinnert sich Julie Marks. „Im Garten gab es in einer Hütte sogar ein Ringelspiel. Und mit meinem Bruder habe ich mich sehr gut verstanden. Wir beide sind in Wien auch nie in eine Schule gegangen.“ Die Kinder werden von einem Hauslehrer namens Eduard Landskron unterrichtet. Der pensionierte Schuldirektor stellt Julie und Alfons damals Zeugnisse wie in einer richtigen Schule aus, die er fein säuberlich mit Tinte schreibt.25

Den Kindern blieb verborgen, was der Vater während der Woche beruflich macht und warum er an vielen Abenden nicht zu Hause ist. Donnerstags durften die Bosel-Kinder den Papa jedoch in seinem eleganten Bürohaus in der Kramergasse besuchen. Nachher gab es mit der Mama öfters einen Abstecher in den Prater. Der Donnerstag war der Höhepunkt der Woche, an diesem Tag ist immer Kirtagsstimmung aufgekommen. „Wenn wir mit dem Auto in der Stadt herumgefahren sind und zu einer Kreuzung gekommen sind, dann haben die Polizisten immer beim Vorbeifahren salutiert“, erzählt Frau Marks. „Mein Bruder und ich waren sehr beeindruckt, und wir haben auch salutiert.“ Julie muss kurz kichern. „Das war wirklich spaßig. Die Beamten haben sogar dann salutiert, wenn nur mein Bruder und ich im Auto gesessen sind.“26

Von Berufs wegen kannten die Verkehrspolizisten damals die wichtigsten Autonummern der Stadt. Als Freund und Gönner der Exekutive war Bosel jedem Sicherheitsmann ein Begriff. Die Polizei hielt Bosel deshalb auch dann noch in Ehren, als es finanziell mit ihm bergab ging, was Bosel geschickt zu übertünchen wusste. Frau Marks kann sich noch gut an einen Fackelzug in der Ära Dollfuß erinnern, bei dem die Familie Bosel Ehrenplätze auf der VIP-Tribüne hatte.

Beim Plaudern mit Frau Marks wird mir plötzlich klar, dass sie seit 1950 nicht mehr in Österreich gewesen ist. Nach ihrer Rückkehr aus London, wo sie die Nazizeit überlebt hat, habe sie Wien nicht ausstehen können, sagt sie mir. Tief in ihr drinnen sind die Häuser in der Silbergasse und der Gloriettegasse aber lebendig geblieben. Julie zeigt mir auch alte Urlaubsbilder, auf denen sie Seite an Seite mit ihrem Vater und ihrem Bruder knöcheltief im Meer steht. Sigmund Bosel trägt auf dem Foto ein dunkles Badekleid, das in den 1930er Jahren für Männer nach wie vor gängig war und in diversen Seebädern noch Vorschrift gewesen ist. „Wir waren mit unseren Eltern auch auf Reisen. Wir waren in Venedig und in Viareggio in Italien am Strand. Es war absolut phantastisch, ich kam mir vor wie eine kleine Prinzessin.“27

Anmerkungen

1

Habe, Ich stelle mich, 102.

2

„Allerhöchste Eisenbahn“, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, www.monumente-online.de.

3

ZEIT Online, 20. 9. 1991.

4

Herz-Kestranek/​Arnbom, … also hab‘ ich nur mich selbst!, 11.

5

Stiefel, Camillo Castiglioni, 325 f., Erman, Bei Kempinski, 107 f.; Habe, Ich stelle mich, 102.

6

SchobA (Karton) 95, SB an Schober, 31. 12. 1922; Ufermann, Könige der Inflation, 83; WStLA, Vr 2562/​37 3/​226C, Einvernahme SB, 30. 9. 1936.

7

Wiener Wochenausgabe, 25. 2. 1950; Die Stunde, 21. 7. 1923; Neues Wiener Journal, 12. 11. 1922.

8

Interview mit Julie Marks, 17. 2. 2012.

9

Unterreiner, Die Habsburger, 92 ff.; Markus, Katharina Schratt, 74 ff. und 114 ff.; Kurier, 22. 2. 2015.

10

Anna Nahowskis Tochter Helene, die spätere Frau des Komponisten Alban Berg, soll eine uneheliche Tochter von Kaiser Franz Joseph gewesen sein. Vgl. Markus, Katharina Schratt, 78 f.; Kurier, 22. 2. 2015; Morgenstern, Alban Berg und seine Idole, 76; Wohlfahrt, The Emperor close up and personal, in: Vocelka/​Mutschlechner, Franz Joseph 1830 – 1916, 74; Morton, Wetterleuchten 1913/​1914, 79 f.

11

Sandgruber, Traumzeit für Millionäre, 306 ff.

12

Grundbuch Hietzing, EL 809, ZL 78, Umschreibeband S. 89; AEF, Schiedsinstanz für Naturalrestitution, 724/​2010, 9 - 42; Bermann, Illustrirter (sic!) Führer durch Wien und Umgebungen, S. X.

13

Zwischen 1915 und 1918 gehört die Villa Richard von Ortlieb.

14

WStLA, Vr 2562/​37 3/​226C Einvernahme SB, 1. 10. 1936; Markus, Die zweite Frau des Kaisers, 186 ff.

15

HAPSK, M 28/​3, Pfändungsprotokoll, 2. 11. 1926; Wiener Zeitung, 10. 7. 1938. // Die Schätzgutachter kamen 1926 auf die stolze Summe von 155.000 Schilling. Um den Wert der Einrichtung hätte man für sich genommen in Hietzing schon eine Villa mit Garten bekommen.

16

Franz, 14 und 37 f.; Habe, Eine Zeit bricht zusammen, 14 f.; Frischauer, Twilight in Vienna, 198.

17

Die Stunde, 22. 7. 1923; Ufermann, 83.

18

Die Börse, 11. 11. 1926.

19

Interview mit der US-Historikerin Gertrude Schneider. Ihr Vater Pinkas Hirschhorn erwarb in den 1920er Jahren durch seine Bekanntschaft mit Sigmund Bosel eine 2%ige Beteiligung an der Femina. Die Anteilsscheine warfen Zinsen ab, die von einer Bankfiliale in der Wiener Thaliastraße periodisch ausgezahlt wurden. Die jüdische Familie Hirschhorn hatte dadurch nach dem „Anschluss“ noch drei Jahre lang ein kleines finanzielles Zubrot. 1941 wurde die Femina-Bar von den Nazis geschlossen. Siehe zur Femina auch Frischauer, European Commuter, 116.

20

Die Stunde, 14. 2. 1924; Prager Tagblatt, 14. 2. 1924; Neuigkeits-Welt-Blatt, 14. 2. 1924.

21

SchobA, „Bewilligt“, Erpresserbrief vom 18. 12. 1924; Die Stunde, 7. 4. 1925.

22

Die Stunde, 11. 1. 1925.

23

Bettauer, Der Kampf um Wien, Nachwort von Murray G. Hall (2012); Hall, Der Fall Bettauer, 78; Pauley, Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus, 147 ff.; taz, 30. 1. 2013.

24

Neue Freie Presse, 26. 3. 1925, Habe, Ich stelle mich, 111; Franz, Siegmund Bosel, 14 u. 27.

25

WStLA, Vr 2562/​37 3/​226C, „Prüfungszeugnis von Eduard Landskron für Julchen Bosel, III. Klasse“.

26

Interview mit Julie Marks, 17. 2. 2012, Gespräch mit Julie Marks, 25. 3. 2016.

27

Interview mit Julie Marks, 17. 2. 2012.

3 – DAS SPRUNGBRETT ZUM REICHTUM

„My father was definitely a self-made man“, sagt Julie Marks. An ihrem Tonfall hört man, dass sie noch immer ungemein stolz ist auf die Lebensleistung ihres Vaters. Für Frau Marks ist es das erste Interview, das sie einem österreichischen Journalisten gibt. Am Abend davor hat sie mir beim Vorgespräch eine kleine Zigarettendose gezeigt, in der die Buchstaben „SB“ eingelassen sind. Neben einigen Briefen und alten Fotos ist die braune Holzschachtel das einzige Erinnerungsstück an den Vater. Ja, der Papa habe ziemlich viel geraucht, diese Gewohnheit sei ihr von ihm geblieben, meint Julie mit einem scherzhaften Augenzwinkern. Wie es überhaupt ganz schön hart gewesen sein müsse, dass er als starker Raucher aus religiösen Gründen jeden Freitagabend und den ganzen Samstag über keine Zigaretten angerührt hat.

Von der Fifth Avenue kommt ein hupendes Brummen herauf ins Wohnzimmer. Dennis, der Tontechniker, presst mit beiden Händen die Kopfhörer an die Ohren. Unten auf der Straße ist die Müllabfuhr vorgefahren. Ärgerlich, wo doch Julie beim Erzählen gerade so richtig in Fahrt war und angefangen hat, von ihrer Mutter zu berichten. Und davon, wie sich die Eltern kennengelernt haben dürften. Ein Blick des Tontechnikers sagt mir, dass wir das Interview leider unterbrechen müssen. Julie merkt, dass wir Tonprobleme haben, doch sie redet noch eine Weile weiter. Bis sie auf einmal „Yeah, I can hear it“ sagt und aufsteht, um sich eine von ihren dünnen langen Damenzigaretten zu holen.

Immer wieder hätten sie das in New York, meint Scott, der Kameramann, dass bei Fernseh-Interviews der Straßenlärm von draußen akustisch durchkommt. Ich gehe vom Wohnzimmer hinaus auf den Balkon. Der Blick hinunter auf den Central Park und hinüber zur Skyline der Upper Westside von Manhattan ist großartig. Das Wetter ist mild, der Park liegt in einem zarten Winterlicht. Die Müllabfuhr hat sich mittlerweile einige Blocks nach vorne gearbeitet. Während der Drehpause hat Julie langsam ihre Zigarette geraucht. „I can have a look in the mirror and put a little more lipstick on, if you want“, sagt sie vor einem kurzen Abstecher ins Badezimmer. Dann können wir weitermachen.

Die alte Dame sitzt für unsere Aufnahmen vor einer Kommode, über der ein großes Gemälde hängt, auf dem ein Herr mit gezwirbeltem Schnurrbart und dem Habitus eines altösterreichischen Industriekapitäns in die Ferne blickt. „He was a good-looking guy, wasn’t he, our grandpa!“, sagt Julie Marks freudig, während sie für eine Nahaufnahme zu ihrem Großvater Leopold hinaufschaut. Bosel senior posiert in eleganter Kleidung, mit dunkler Plastron-Krawatte und einem weißen Hemd mit Vatermörderkragen. Die linke Hand hält er lässig am Hosenbund. Das Bildnis seines Vaters hat Sigmund Bosel einst für viel Geld beim berühmten Porträt-Maler John Quincy Adams bestellt. Dieser hat Leopold Bosel, der ein schlecht verdienender Handelsvertreter war, nobel in Szene gesetzt. Wollte Bosel seinen eigenen Lebensentwurf dadurch stylen, dass Quincy Adams dem armen Vater nachträglich eine großbürgerliche Statur überstülpte?

Einen anderen Reim kann man sich auf das wunderschöne Gemälde eigentlich nicht machen. Wenn man sich Bosels märchenhaften Aufstieg vor Augen hält, ist es verständlich, dass der „Trillionär“ seinen familiären Hintergrund in ein eleganteres Licht tauchen wollte. Mit diesem Bemühen war Bosel auch nicht allein. Er und andere Aufsteiger buhlten um die Aufnahme in die Wiener High Society, die neureiche Parvenüs lange auf Respektabstand gehalten hat. Der Presse blieb dieses Schauspiel nicht verborgen: „Die jungen Reichen, die … mit gut gespielter Grandezza ihre Visitenkarten in der ganzen Welt abgeben, haben sich den alten Reichen in ihren Sitten und Gebräuchen so genähert, dass ihre Vergangenheit beinahe so entschwindet wie die Landschaft dem Eisenbahncoupé.“1

Bosel mag zwar innerlich mit dem Luxus auf Kriegsfuß gelebt haben. Nach außen hin hat er aber sehr wohl den Lebensstil imitiert, den der Geldadel vor dem Ersten Weltkrieg gepflogen hatte. 1923 gab es über sein Auftreten auch nichts mehr zu lachen. Als Großaktionär der Unionbank hatte er sich das Tor zu einem richtigen Bankpalast aufgestoßen. Nun war er in der Lage, nach Lust und Laune durch die Etagen eines Gebäudes zu streifen, in dem die Klinken der gepolsterten Türen in Schulterhöhe angebracht waren und jeder Kreditnehmer das Gefühl haben musste, für ewig ein Bittsteller zu bleiben. Dass die alteingesessenen Generaldirektoren über das Tempo pikiert waren, mit dem junge Emporkömmlinge wie er ans Werk gingen, hat Bosel kalt gelassen. Ihn trieb der Ehrgeiz, im Zeitraffer ein zweiter Rothschild zu werden. „Am Anfang seiner Laufbahn hat mein Vater nichts gehabt“, betont Julie Marks. „Auch mein Großvater hat ursprünglich nichts besessen. Ich finde es großartig, dass mein Vater so viel Geld verdienen konnte und so reich geworden ist.“2

Nicht mal ein Jahrzehnt hat Sigmund Bosel gebraucht, um es vom kleinen Textilunternehmer im Schicksalsjahr 1914 zum überlebensgroßen Banker des Jahres 1923 zu schaffen. Von Null auf Hundert in nur neun Jahren. Eigentlich eine amerikanische Tellerwäscher-Karriere, nur halt in Bosels Fall auf Wienerisch. Der Papa sei eben brillant gewesen, meint Frau Marks, und wirklich clever.

Ein Lehrbub macht Karriere

Eine gute Figur hatte Bosel schon als Lehrling gemacht, im Wiener Textilwaren-Geschäft „König & Goldner“. Hier beginnt der junge Sigmund 1908 mit 15 sein Berufsleben – nach fünf Jahren Volksschule, drei Jahren Bürgerschule und einem Jahr Handelsschule. Ein guter Schüler soll Bosel nicht gewesen sein. Doch die Inhaber der Firma sind begeistert, wie der neue Mitarbeiter an seine Aufgaben herangeht. Firmenchef Philipp Goldner wird später dem Wiener Tagblatt erzählen, dass Bosel ein Mitarbeiter war, wie man ihn sich nur wünschen konnte, ein „Praktikant par excellence – brav, anständig, fix, fleißig und vif“. Bosels Abteilungsleiter Michael Rosenbaum wird rückblickend sagen, dass der Super-Lehrling ein junger Mann mit „unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit“ gewesen sei. Bosel erweist sich bei „König & Goldner“ bald als Verkaufskanone.3 Auf Wunsch übernimmt der junge Sigmund auch die Zustellung von Wäschepaketen an so mache Hofratswitwe. Nebenbei erledigt er als dienstbeflissener Handlungsgehilfe für treue Kunden die eine oder andere Besorgung. Zu diesen Botengängen gibt es eine Anekdote, die fast zu gut ist, um wahr zu sein. Demnach hat sich Bosel von zusammengesparten Trinkgeldern eine Aktie gekauft, und zwar eine der Unionbank – jener Großbank, in der er am Höhepunkt seiner Karriere im Chefsessel thronen sollte.4

Im Frühjahr 1914 macht sich Sigmund Bosel selbständig. Mit seinem Arbeitskollegen Rosenbaum, der viel auf ihn hält, gründet er im Mai eine Firma für Wäschewaren, die im Handelsregister als „Pfaidlergewerbe“ eingetragen wird – dem damaligen Begriff für Kleidergeschäfte, die typischerweise Schürzen, Blusen und Hemden führen durften. Bosel ist tüchtig und zielstrebig, er will es in der Textilbranche weiter bringen als sein Vater Leopold, der als „armer Hausierer“ die Familie anfangs nur mit Müh‘ und Not ernähren konnte.5

Nach Wien gekommen war die Familie Bosel ursprünglich um das Jahr 1850 herum aus der Gegend um die südböhmische Stadt Znaim. Die k. u. k. Metropole erlebt damals einen Zuwanderboom, der durch die Industrialisierung und die Hoffnung auf bessere Arbeitsplätze ausgelöst worden ist. So wie die Familie Bosel zieht es auch viele andere jüdische Familien aus der Provinz in die Kaiserstadt. Manche von ihnen haben den Wiener Textilhandel bis in die Zwischenkriegszeit hinein geprägt.6

Bosels Mutter hieß mit Mädchennamen Nossig. Sie war mit ihren Eltern aus Lemberg in Galizien nach Wien übersiedelt, wo die beiden Zuwandererfamilien im selben Zinshaus landen. Leopold Bosel und Julie Nossig wachsen als Nachbarskinder auf und werden ein Liebespaar. Die beiden bekommen sechs Kinder: Max, Elsa, Sigmund, Olga, Robert und Alfred, wobei der älteste Sohn Max noch vor der Heirat geboren wird. Der kleine Sigmund erblickt das Licht der Welt als Nummer drei der Kinderschar am 10. Jänner 1893. Sein Zuhause ist ein rechtschaffenes kleinbürgerliches Elternhaus in Wien-Brigittenau, in dem das Geld kaum reicht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich Bosel mit unermüdlichem Arbeitseifer hinaufarbeiten will.7

Bosel und Rosenbaum haben als Firmengründer eine interne Arbeitsteilung: Rosenbaum kümmert sich um die Finanzen, Bosel um den Verkauf. Vor allem die Damen-Kundschaft wird von ihm glänzend bedient.8 Obwohl Bosel ein begnadeter Verkäufer war, wäre ihm durch den Handel mit Leinen und anderen Stoffen aber keine außergewöhnliche Laufbahn geglückt. Denn der Textilsektor ist im Fin-de-Siècle-Wien alles andere als ein Wachstumsmarkt. Kleiderfabrikanten wie die Familiendynastie Mandl und andere haben ihre Marktanteile nach der Jahrhundertwende längst abgesteckt. Kaufhausmillionäre wie August Herzmansky oder Alfred Gerngroß und die vielen exklusiven Modesalons der Stadt können auf eine Fülle von Zulieferfirmen zurückgreifen. In den traditionellen Branchen ist die Luft für Neueinsteiger bereits dünn gewesen. Zum Reichwerden in der Ringstraßengesellschaft war Bosel zu spät auf die Welt gekommen.9

Sigmund Bosel ist 21 Jahre alt und gerade erst zwei Monate lang Unternehmer, als Ende Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht. Hunderttausende bekommen ihren Einrückungsbefehl, und viele wollen vor lauter Kriegsbegeisterung schnell weg von ihrem Arbeitsplatz an die Front, um nur ja nichts vom mannhaften „Abenteuerausflug“ ins Feindesland zu versäumen. Nach den blutigen Verlusten bei den Sommerschlachten im Osten schlägt die anfängliche Kriegseuphorie der Bevölkerung jedoch bald um. Die Wirtschaft der Donaumonarchie muss auf einen langen und zermürbenden Krieg umgestellt werden. Die Militärmaschinerie beginnt, gewaltige Mengen an Lebensmitteln, Rohstoffen und Versorgungsgütern zu verschlingen.10

Für die Firmengründer Bosel und Rosenbaum ist der Kriegsausbruch kein guter Start. Im Geschäft bleiben kann Bosel nur dann, wenn er nicht eingezogen wird. Während sein Partner Rosenbaum 1915 einrücken muss, wird Bosel von der zuständigen Stellungskommission „aus gesundheitlichen Gründen“ für untauglich erklärt. Angeblich sollen auch „einflussreiche Damen“ dabei mitgeholfen haben, dass dem schmächtigen, aber charmanten Jungunternehmer der Militärdienst erspart geblieben ist.11

Diese Weggabelung des Schicksals hat in späteren Berichten über Bosels Aufstieg vom „allerkleinsten Ladenbesitzer zum Mitbeherrscher Österreichs“ eine wichtige Rolle gespielt. Viele haben sich gefragt, wie es Bosel nur angestellt hat, dass er ohne seinen Kompagnon bei der Versorgung von Kriegsflüchtlingen in großem Stil Kasse machen konnte. Die einen rühmten sein kaufmännisches Genie, während die anderen seinen Erfolg als das Produkt glücklicher Verbindungen abgetan haben.

Und so taucht in den schillernden Erzählungen über seine Anfänge als Flüchtlingslagerlieferant eine holde Fee auf, die Bosel die Hand zum Millionärsleben reicht. Und zwar in der Person einer hübschen Offiziersgattin, die als Tochter eines ehemaligen Sektionschefs beste Beziehungen zu diversen Entscheidungsträgern gehabt hätte, wie in der linken Boulevard-Zeitung Der Abend zu lesen war. „Das Milchgesicht Bosel, zitternd vor Aufregung, da er hier den Schlüssel zum Sesam wittert, setzt ihr mit allen Mitteln der Schauspielerei, mit Versprechungen, flehentlichen Bitten zu, sie möge sich seiner annehmen … und gibt es ihr mündlich und schriftlich, dass er den Gewinn aus allen Geschäften, die er ihrer Fürsprache verdankt, redlich mit ihr teilen werde.“12

Nachdem Der Abend an Bosel nie ein gutes Haar gelassen hat, überrascht es nicht, dass er der Zeitung zufolge seine Geschäftspartnerin später „mit einem Butterbrot abgespeist“ haben soll. Einer anderen Version nach hätte Bosel instinktiv erkannt, dass sich durch die Flüchtlingswellen im Windschatten der missglückten Feldzüge geschäftliche Chancen auftun könnten. Demnach soll er 1914 durch frühzeitige Hamsterkäufe ein Warenlager angelegt haben, mit dem er später bei der Belieferung von Flüchtlingslagern auftrumpfen konnte.13

Tatsache ist: Die Flüchtlingslager auf österreichischem Boden sind deshalb entstanden, weil der Krieg große Menschenmassen in Bewegung gesetzt hatte. Anfangs handelte es sich um die Bewohner der Grenzgebiete zu Serbien und Russland. Ganz Landstriche wurden evakuiert, um die gefährdete Zivilbevölkerung vor den Kampfhandlungen in Sicherheit zu bringen. Die Kriegsplaner wollten die Truppen auch ungestört und unbeobachtet bewegen können. Zehntausende Untertanen des Kaisers wurden zwangsweise umgesiedelt. Im August 1914 kam es deshalb in Galizien und in der Bukowina zu einer ersten Völkerwanderung in das Innere der Monarchie, wie der Historiker Manfried Rauchensteiner in seinem Standardwerk über den Ersten Weltkrieg schreibt.14

Wenige Wochen nach Kriegsbeginn musste die k. u. k. Armee schwere Niederlagen gegen russische Truppen einstecken. Es kam der Befehl zum Rückzug, der eine gewaltige Flüchtlingslawine ins Hinterland der österreichischen Reichshälfte auslöste. Im November 1914 gab es in Wien bereits 140.000 Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina. Weil die beiden Gebiete zur österreichischen Reichshälfte gehörten, musste Österreich weit mehr Flüchtlinge aufnehmen als Ungarn, wo man sich mit allen Mitteln der Kunst gegen die k. u. k. Landsleute gewehrt hat. Die österreichischen Behörden sind deshalb vor der Herausforderung gestanden, dass hunderttausende Menschen entweder nach Böhmen, nach Mähren oder ins Innere Österreichs gelenkt werden mussten. Somit hat sich das Innenministerium in Wien darum kümmern müssen, dass die vielen mittellosen Flüchtlinge möglichst rasch in österreichischen Auffanglagern untergebracht werden. Aufgebaut wurden diese Lager meist von Kriegsgefangenen und von Privatfirmen. Ortsansässige Handwerker sind dadurch zu Aufträgen gekommen. Mit der Errichtung der Lager war es aber nicht getan. Die Menschen in den Barackensiedlungen mussten laufend mit Nahrung versorgt werden. Sie haben auch Taschengeld bekommen und sie wurden mit Bekleidung, Schuhwerk und Decken ausgerüstet.15

Der Mann, der alles liefern kann

So wie viele andere Geschäftsleute versucht auch Sigmund Bosel, ab dem Herbst 1914 bei den verschiedenen Flüchtlingslagern Lieferaufträge aufzureißen. Ende Dezember müssen in der österreichischen Reichshälfte schon mehr als 290.000 Flüchtlinge und Zwangsevakuierte versorgt werden, Anfang Jänner 1915 sind es schon über 320.000. Die Aufteilung der Flüchtlingsmassen führt zu heftigen Konflikten zwischen dem Ministerium und den lokalen Behörden, die sich häufig gegen die „Ostflüchtlinge“ wehren. Die größten Aufnahmelager entstehen in Niederösterreich, wo die Heimatlosen abhängig von ihrer Volksgruppenzugehörigkeit, ihrer Sprache und ihrer Religion in unterschiedlichen Orten untergebracht werden.16

Während die Flüchtlingslawine für die Behörden eine enorme logistische Herausforderung war, entstand für umtriebige Lieferanten wie Sigmund Bosel vor der Haustür ein riesiger Absatzmarkt. „Unter all den Lieferanten, die sich bemühten, Lieferungen in den benötigten Bedarfsartikeln zu erlangen, glückte es hauptsächlich Sigmund Bosel, ins Geschäft zu kommen. Er bekam anfangs kleinere Aufträge, die er zur vollsten Zufriedenheit seiner behördlichen Auftraggeber erledigte“, wie es in der Schilderung von Karl Franz heißt. „Das Vertrauen zu ihm hob sich. Immer mehr und mehr kam er ins Geschäft, immer größere Aufträge wurden ihm zugeteilt.“ Bosel erwirbt den Ruf, ein Tausendsassa zu sein, der einfach alles beschaffen und liefern kann.17

Der damalige niederösterreichische Statthalter Oktavian Regner Freiherr von Bleyleben und sein Landesamtsdirektor Bruno Graf Castell-Rüdenhausen werden auf den tüchtigen Lieferanten aufmerksam. Bosel handelt ein Vergütungsschema aus, das ihm von den Einkäufen im Auftrag der Behörden eine entsprechende Provision garantiert: sechs Prozent von jeder Rechnungssumme als Honorar und 9 Prozent als Aufwandsersatz. Hat eine Rechnung 100 Kronen ausgemacht, sind somit 15 Kronen in Bosels Kassen geflossen. Da er im Auftrag der niederösterreichischen Statthalterei riesige Liefermengen organisiert, wird die ganze Sache ein Bombengeschäft.

Damit die Bediensteten in der niederösterreichischen Statthalterei keine allzu langen Zähne bekommen, sorgt Bosel dafür, dass auch sie an seinen Beschaffungsaktionen mitnaschen können. Er richtet einen Lebensmittellagerbetrieb ein, in dem die Beamten günstig einkaufen können, und er beliefert die Statthalterei mit Bekleidung, damit es den dortigen Beamten an nichts fehlt.18

Als Kaufmann in Kriegszeiten gehört Bosel auch zu jenen, die Geld fürs Vaterland hergeben und Kriegsanleihen zeichnen. Wer solche Anleihen gekauft hat, konnte Patriotismus demonstrieren und seine Kaisertreue finanziell unter Beweis stellen. Bei den entsprechenden Erhebungen musste das Kriegsministerium allerdings erkennen, dass die Hälfte der Großlieferanten nicht in Kriegspapiere investiert hatte. Auch überraschend viele Hocharistokraten drückten sich davor, die Kriegsführung mit ihrem persönlichen Vermögen zu unterstützen. Die Firma Bosel & Rosenbaum hat sich nichts nachsagen lassen. Bosel beteiligte sich im April 1916 mit 50.000 Kronen an der 4. Kriegsanleihe. Für einen Lieferanten von seinem Kaliber war das allerdings nicht wirklich viel. Zuversicht in den militärischen Sieg hat er damit nicht dokumentiert.19

Im November 1916 wird Bosel wird von der „Bekleidungsstelle für Kriegsflüchtlinge“ im k. k. Innenministerium mit einer patriotischen Shoppingtour beauftragt.20 Bosel soll in Ungarn Bekleidung und Stoffe zusammenkaufen und diese Waren nach Österreich bringen, wo Textilien bereits Mangelware sind. Das Einkaufsbudget kann sich sehen lassen: Bosel darf für den Spezialauftrag Goldmünzen im Wert von 500.000 Kronen ausgeben. Die Mission ist allerdings heikel. Ungarn hatte damals bereits ein Ausfuhrverbot für Textilien nach Österreich verhängt. Die hiesigen Behörden sehen darüber jedoch geflissentlich hinweg, Bosel geht mit der stillschweigenden Rückendeckung aus Wien ans Werk. „Er löste die schier unmöglich scheinende Aufgabe in wahrhaft genialer Weise. Er erschien in Budapest und in den umliegenden Provinzstädten und kaufte in solchen Massen ein, dass die Verkäufer an seinem Verstand zweifelten. Bosel wusste besser als sie, dass der Krieg von langer Dauer sein und die Preise enorme Steigerungen erfahren würden.“21

Wie hat Sigmund Bosel die Textilien aber nach Wien gebracht? Er deklarierte die Kleidungstücke und die Wäsche als Übersiedelungsgüter und schmuggelte die Textilien auf der Donau flussaufwärts in die Hauptstadt. Dieses Husarenstück ist vermutlich ganz nach dem Geschmack seiner Auftraggeber gewesen. Denn die österreichische Seite war der Meinung, dass sich Ungarn nicht ausreichend an der Flüchtlingsversorgung beteiligen würde. Bosels Aktion hat zwischen den Behörden der beiden Reichsteile auch für Reibereien gesorgt, wie das Prager Tagblatt im Oktober 1918 in einem Artikel vermerkt. „Es dürfte noch erinnerlich sein, dass … die ungarische Regierung erheblich jammerte, als die Firma Bosel & Rosenbaum kleidergefüllte Möbelwagen in Zillen donauaufwärts schleppen ließ.“22

Den Beamten in Wien imponiert die Kaltschnäuzigkeit, mit der Bosel den Spezialauftrag ausgeführt hat. „Von diesem Augenblick an gab es für ihn keine Hindernisse mehr. Überall hin hatte er Zutritt, überall Freunde und Protektoren“, schreibt Karl Franz. „Offen gestanden, hat er sich seinen Erfolg verdient.“ Bosel hat keine Gewissensbisse damit, dass er es im stillschweigenden Einverständnis mit den Behörden gesetzlich nicht so genau nimmt. „Aber eben deshalb ist der anstellige junge Mann ja so beliebt bei den hohen Amtsstellen, weil er ohne viel Aufhebens auf sein Konto nimmt, was sie selbst nicht riskieren.“23

In der Öffentlichkeit will die Obrigkeit freilich mit Bosel nicht viel am Hut haben. Der Staat durfte nicht in den Geruch von Gesetzesübertretungen kommen. Folglich arbeiten die Behörden im Jänner 1917 mit Tiefstapelei und einer medialen Vernebelungstaktik: „Die Behauptung, dass die Wiener Firma Bosel und Rosenbaum General-Lieferantin der k. k. niederösterreichischen Statthalterei für Einrichtung und Versorgung der niederösterreichischen Flüchtlingslager war, entspricht nicht den Tatsachen.“24

In der Wiener Zeitung konnte man sogar lesen, dass Bosel im Jänner 1917 per Runderlass eine Strafe aufgebrummt bekommen hatte. Weil er verbotenerweise 5000 Meter Flanellstoff einkaufte, wurde er zu fünf Wochen Arrest verurteilt, und zwar pikanterweise von der niederösterreichischen Statthalterei, die in Wahrheit große Stücke auf ihren eigenen Haus- und Hoflieferanten hält! Es gibt allerdings keine Hinweise, dass Bosel auch nur einen einzigen Tag hinter Gittern verbracht hat. Wäre das der Fall gewesen, so hätten Bosels Gegner den Gefängnisaufenthalt später mit Sicherheit publizistisch ausgeschlachtet.25

1917 gehen Bosel und sein Partner Rosenbaum bereits getrennte Wege. Bosel macht den längst fälligen Schritt vom Textilkaufmann zum Gemischtwaren-Großhändler. Im Mai gibt er seine Tätigkeit für das Innenministerium auf, im Juni wird die neue Firma mit dem Namen „S. Bosel“ im Handelsregister eingetragen. Als „Schmuggler von Kaisers Gnaden“ hat er ein Anerkennungsschreiben der niederösterreichischen Statthalterei in der Tasche, in dem seine Verdienste gewürdigt werden, per Dekret vom 17. Mai 1917 – für seine „loyale und … ehrende Haltung im Interesse der staatlichen Flüchtlingsfürsorge“.26

Mit dem Erfolg waren freilich auch die Neider nicht weit. Bosel wird von Konkurrenten angeschwärzt, bei der Staatsanwaltschaft trudeln Anzeigen ein. Bosel soll damals sogar mit seiner Verhaftung gerechnet haben. Man hat ihm vorgeworfen – und diese Anschuldigung gab es auch noch Jahre später –, dass er sich durch gefälschte Rechnungen, fingierte Liefermengen und einen illegalen Handel mit Kleidervorräten finanziell bereichert hätte. 1926 ist Bosel deswegen sogar verklagt worden, von Lotte Seidmann, der Gattin des ehemaligen Oberbuchhalters der niederösterreichischen Statthalterei. Sie gab an, Sigmund Bosel habe ihren Ehemann Max unter Drohungen gezwungen, während des Krieges die Geschäftsbücher zu fälschen. Dadurch sei ihr Mann letztlich in der Psychiatrie gelandet, behauptete Frau Seidmann, die von Bosel eine lebenslängliche Rente und den Ersatz der Behandlungskosten forderte, die für ihren Gatten im Wiener Sanatorium „Baumgartnerhöhe“ angefallen waren.27

Am Tag der zweiten Verhandlung konnte Seidmanns Rechtsanwalt die angekündigten Belastungszeugen allerdings nicht aufbieten. Außerdem ließ sich der bekannte Psychiatrieprofessor Julius Wagner-Jauregg, der über den Zustand des Patienten Auskunft geben hätte sollen, wegen einer beruflichen Verpflichtung entschuldigen.

Als dann auch noch der Gerichtspsychiater zu dem Schluss kam, dass Bosel – selbst wenn er den Buchhalter wirklich psychisch unter Druck gesetzt hätte – unmöglich der Auslöser für Seidmanns Irresein gewesen sein konnte, brach die Klage inhaltlich zusammen. Der Richter handelte daraufhin eine salomonische Lösung aus: Geld von Bosel aus Mitleid für Lotte Seidmann, wenn diese ihre Vorwürfe gegen Bosel fallen lässt. Als Seidmann zögerte, redete ihr der Richter gut zu: „Sie sind eine arme, bedürftige Frau, es ist besser, Sie ziehen die Klage zurück und nehmen von Bosel das Geld, das er Ihnen als Almosen freiwillig gibt.“ Schlussendlich nahm Lotte Seidmann ihre Klage weinend zurück und Bosel war durch den Fall Seidmann nicht länger angepatzt.28

Eine weiße Weste hat Bosel auch 1918 behalten, als die kaiserlichen Justizbehörden der niederösterreichischen Statthalterei wegen mutmaßlicher Verdachtsmomente gegen Bosel auf den Zahn fühlen. Böse Zungen behaupten etwa, dass die Schuhe, die er während des Krieges lieferte, nur Pappendeckelsohlen gehabt hätten. Nach einer Überprüfung der Geschäftsunterlagen werden die Voruntersuchungen aber bald wieder eingestellt. Auch die Kriegswirtschaftliche Kommission findet keine Anhaltspunkte für schmutzige Geschäftspraktiken oder unredliche Abrechnungen: „Gegen Herrn Bosel sind wohl eine Menge Anschuldigungen erhoben worden, konkreter Art aber keine. Jede Anzeige sei zum Gegenstande der Untersuchung gemacht worden. Die Erhebungen haben aber zu dem Abschluss geführt, dass die Tätigkeit des Genannten eine verdienstliche war.“29 Bis heute liest man da und dort, dass Sigmund Bosel einer der größten österreichischen Heereslieferanten gewesen sei. Handfeste Belege gibt es dafür keine. Es kann allerdings gut sein, dass Bosel neben seinen Flüchtlingslager-Lieferungen auch Bekleidungsartikel für Soldaten herbeigeschafft hat – und zwar Rucksäcke und sogenannte „Stiefelfetzen“, die anstelle von Strümpfen oder Socken in der kämpfenden Truppe gängig waren. Diese Stiefelfetzen waren leicht waschbare Stofflappen, mit denen sich die Soldaten die Füße eingewickelt haben, bevor sie in die Stiefel geschlüpft sind.30

Angeblich hat Bosel sogar Kasernenkantinen mit Lebensmitteln und Getränken versorgt. Bosel „beschränkte sich … keineswegs auf Lieferungen, die in seine ursprüngliche Branche fielen, sondern lieferte schlechthin alles“, wusste der Bankfachmann Egon Scheffer zu berichten. „Den Gegenwert ließ er sich damals schon, mitten im Kriege, auf auswärtige Konti namentlich bei Schweizer Banken gutschreiben.“31

Dass Sigmund Bosel seine gesamten Gewinne in die Schweiz gebracht haben soll, hört sich übertrieben an. Denn er hat schon während des Krieges angefangen, in Wien Immobilien und Wertpapiere zu kaufen. Es ist aber durchaus möglich, dass er einen Teil seiner Profite in Schweizer Franken angehäuft hat, die später wegen der Inflation in Österreich Gold wert waren. Wie viel Sigmund Bosel durch seine Flüchtlingslager-Geschäfte verdient hat, lässt sich nicht mehr sagen. Einen Anhaltspunkt haben wir jedoch: Bosel hat sich 1926 vor einem Parlamentsausschuss damit gebrüstet, dass er im letzten Kriegsjahr knapp 12 Millionen Kronen an Steuern gezahlt habe. Zieht man die damals geltenden Steuersätze in Betracht, lässt sich Bosels Einkommen zu Kriegszeiten grob geschätzt auf mehr als 100 Millionen Kronen veranschlagen. Sigmund Bosel ist mit Sicherheit bereits zu Kaisers Zeiten ein Multimillionär gewesen. Der Erste Weltkrieg und die damit verbundene Flüchtlingskrise waren sein Sprungbrett zum Reichtum.32

Ein voller Bauch macht keine Revolution

Im Juni 1918 bäumt sich die schwer angezählte Monarchie an der italienischen Front ein letztes Mal militärisch auf. Doch die Offensive scheitert. Ab diesem Moment geht es mit der Kampfmoral der Armee bergab, die Wirtschaft hat für den Nachschub keine Kraft mehr. Das Habsburgerreich hat den Untergang vor Augen.33

In Wien und anderen Großstädten ist die Versorgung der Bevölkerung schon seit Monaten katastrophal. Weil es zu wenig Brotgetreide gibt, wird das fehlende Mehl aus Kastanien oder Bohnen gewonnen und mit Sägespänen gestreckt. Die kriegsbedingte Misere ist längst ideologisch aufgeladen. Schuld an der Teuerung seien die „Kapitalisten“, wettert die Arbeiter-Zeitung, weil diese durch Heereslieferungen, gehortete Warenvorräte und Importgeschäfte während des Krieges Wuchergewinne eingefahren hätten. „Hätte uns jemand vor drei Jahren gesagt, was wir heute für Fleisch oder für Gemüse, für ein Gewand oder für ein Paar Schuhe bezahlen werden, hätten wir ihn für einen Wahnsinnigen gehalten.“34

Hohe Preise und verdorbene Lebensmittel sind immer wieder der Zündfunke für Hungerkrawalle und Streiks. Während der Schwarzmarkt blüht, erleben die hungrigen Städter eine böse Überraschung. Mitte Juni 1918 wird in Wien die Brotration von einem Tag auf den anderen um die Hälfte gekürzt. Um die ohnehin karge Ration von 200 Gramm Fleisch pro Woche zu ergattern, haben sich die Menschen bereits nächtelang anstellen müssen. Mehr als ein Ei pro Woche war sowieso nicht mehr drinnen. Und nun soll es nur mehr halb so viel Brot geben wie bisher? Die Bevölkerung kocht vor Wut auf die Obrigkeit.35

Während sich eine explosive und teils revolutionäre Stimmung breitmacht, kommt es im Juni 1918 in der Wiener Polizeidirektion zu einem Sesselrücken. Kaiser Karl bestellt Johann Schober zum neuen Befehlshaber über die Exekutive in der Hauptstadt. Der gelernte Jurist aus Perg in Oberösterreich soll als kaisertreuer Ordnungsmacher notfalls hart durchgreifen. Seit sich die Bevölkerung aber für Lebensmittel stundenlang anstellen muss, hat auch die Exekutive ein Problem. Sie kann nicht durchgehen lassen, dass Polizisten einerseits die Lebensmittelausgabe überwachen sollen und andererseits selbst vor Geschäften Schlange stehen müssen. Schober will daher vom Innenministerium die Erlaubnis für einen eigenen Polizeiversorgungsbetrieb. In seinem Antrag lässt der junge Polizeichef keinen Zweifel an seiner Lagebeurteilung: Polizisten mit einem leeren Magen sind ein Sicherheitsrisiko, weil sie bei Straßenschlachten gegen streikende Arbeiter, Plünderer oder Unruhestifter und in emotional aufreibenden Einsätzen gegen aufgebrachte Hausfrauen versagen könnten. Nur wenn die Polizei rundum bestens versorgt sei, könne die Exekutive „ihren aufreibenden Dienst weiter voll und ganz versehen, mögen auch noch so schwere Zeiten kommen“.36

Was Schober jedoch fehlt, ist ein Mann, der den gewünschten Lebensmittellager-Betrieb auf die Beine stellen kann. Schober erkundigt sich beim niederösterreichischen Statthalter Bleyleben, der ihm prompt Sigmund Bosel ans Herz legt. Schober beauftragt daraufhin seinen Vertrauensmann Franz Brandl, Bosels Hintergrund zu überprüfen. Als Brandl grünes Licht gibt, bekommt Bosel in der Polizeidirektion einen Termin. Es dauert nicht lange, und Johann Schober ist überzeugt, dass er mit dem jungen Geschäftsmann einen guten Griff gemacht hat: „Bosel hat tatsächlich binnen weniger Wochen eine für die damaligen Verhältnisse unerwartete Versorgung der Polizeiorgane mit aus dem Auslande herbeigeschafften Lebensmitteln in die Wege geleitet.“ Auch beim Startkapital für den Polizeiversorgungsbetrieb fackelt Bosel nicht lange. Er nimmt kurzerhand einen Kredit bei der Verkehrsbank auf, für den er persönlich bürgt. Dadurch kann der Lebensmittellagerbetrieb gleich im Juli 1918 gegründet werden.37


zum Reichtum: Selfmademan Sigmund Bosel. Foto: Max Fenichel, 1926.

Der Organisationsjob für die Polizei ist für Bosel jedoch kein Honiglecken. Er muss die Auflage akzeptieren, dass er „als kommerzieller Direktor des Lebensmittellagerbetriebes der Polizeidirektion ehrenamtlich und unentgeltlich fungieren soll“. Der befristete Posten hat sogar noch einen Haken. Schober verlangt, dass Bosel keinerlei Privatgeschäfte macht, solange er Leiter des Versorgungsdepots ist. „Ich wollte dadurch vorbeugen, dass dieses Ehrenamt irgendwie für private Geschäftszwecke missbraucht werde oder dass auch nur die Vermutung entstehen könnte, es gäbe eine Verquickung zwischen den Lebensmittellieferungen für die Polizei und Geschäften irgendwelcher Art.“ In der Praxis dürfte es dennoch eine gewisse Verfilzung zwischen Bosels eigenen Geschäften und dem Polizeiwohlfahrtsbetrieb gegeben haben, wie der Historiker Rainer Hubert meint.38

Vermutlich hat Bosel sehr wohl neben seiner „ehrenamtlichen“ Tätigkeit auf eigene Rechnung weitergearbeitet. In einem Brief an den „hochwohlgeborenen und hochverehrten Herrn Präsidenten“ weist Bosel sogar selbst darauf hin, dass er der Polizei mit Leinen und anderen Waren aus seinen eigenen Beständen ausgeholfen hat.39

Was hat sich Bosel aber davon versprochen, dass er der Exekutive seine Arbeitskraft so großzügig zur Verfügung stellt? Der aufstrebende Geschäftsmann ringt nach seinen Husarenstücken um gesellschaftliches Prestige. Mithilfe seiner Polizeitätigkeit will er sich die Meriten für einen Titel verdienen. Er sei reich genug, tönt Bosel, um sich das Ehrenamt und die damit verbundene geschäftliche Untätigkeit leisten zu können. Schober wird später sagen, dass es Bosel darum gegangen sei, „sich in der Kaufmannschaft eine entsprechende soziale Stellung zu verschaffen“.40

Die Gegenleistung, die Bosel 1918 dafür haben will, dass er für den morschen Staat den Wohltäter spielt, ist der Ehrentitel eines Kaiserlichen Rates. Insgeheim wird Bosel sicher auf einen Adelstitel gespitzt haben. Im Umgang mit der Staatsgewalt gibt er sich aber untertänig und genügsam. Schober hält den Titelwunsch für „äußerst bescheiden“ und fühlt wegen der Ernennung bei Innenminister Gayer vor. Der meint jedoch, dass der 25-jährige Bosel für die Auszeichnung „Kaiserlicher Rat“ noch zu jung sei. Die betroffenen Dienststellen raufen sich auf einen Kompromiss zusammen: Bosel soll ungeachtet seines Alters „Kaiserlicher Rat“ werden, wenn er seine Aufgabe als „Versorgungsdirektor“ der Polizei zwei Jahre tadellos erledigt.

Der Freund und Helfer des Polizeipräsidenten

Im Sommer 1918 macht sich Sigmund Bosel ans Werk. Er muss im Kompetenz-Dschungel der Kriegswirtschaft Lebensmittel und Textilien zusammenkaufen und den verschiedensten Abgabestellen spezielle Zuteilungen für die Exekutive abtrotzen. Um der Polizei Kosten zu ersparen, stellt Bosel sein Büro in der Heinrichsgasse samt Personal und zwei „Fernsprecher-Anschlüssen“ unentgeltlich zur Verfügung. Anfangs verwendet Bosel für die Geschäftskorrespondenz im Namen der Polizei sogar noch sein eigenes Briefpaper. Erst im Herbst 1918 wird dem „Lebensmittellagerbetrieb der kaiserlich-königlichen Polizei-Direktion Wien“ eigenes Schreibmaschinenpapier zur Verfügung gestellt.

Als Organisationsgenie ist Bosel ganz in seinem Element. Über alle möglichen Kanäle treibt er große Vorratsmengen auf, die er vor allem aus Ungarn nach Wien dirigiert. In verschiedenen Stadtbezirken entstehen insgesamt 13 Filialen der Polizei-Versorgungseinrichtung. Bosel deckt auf sechs Monate hinaus den Lebensmittelbedarf von 20.000 Personen. „Wiewohl diese Mengen im regulären Handel nicht zu beschaffen waren“, wie Schober vermerkt.41 Das heißt im Umkehrschluss, dass Bosel für die Polizei am Schwarzmarkt eingekauft hat.

Bald karren Bosels Leute nicht mehr nur Lebensmittel heran, sondern auch Bekleidung, Schuhe und Haushaltsgeräte, die in einem improvisierten Warenhaus angeboten werden. Bosel schafft auch eine Brennholz-Zerkleinerungsanlage an, damit die Beamten für ihr Zuhause billiges Heizmaterial bekommen und die Bezirkspolizeikommissariate und Wachstuben Holz für ihre Kanonenöfen haben. Für verderbliche Lebensmittel wird ein Kühlhaus eingerichtet, zwei Gemeinschaftsküchen liefern regelmäßige Mittagsmahlzeiten für über 2000 Personen. Polizisten im Außendienst werden mittels fliegender Küchen verköstigt. Die Polizei kann sich alle Finger abschlecken, dass Sigmund Bosel ihr Freund und Helfer geworden ist. Die enge Zusammenarbeit geht anderen Kaufleuten, die gerne selbst ins Geschäft gekommen wären, gegen den Strich. Wieder wird Bosel vernadert, die Anzeigen gehen aber ins Leere. Polizeichef Schober lobt seinen kommerziellen Direktor über den grünen Klee. „Sicher ist, dass er, wie die Kontrolle durch den ihm beigegebenen äußerst misstrauischen Ausschuss bewiesen hat, bei der Polizei nicht nur nichts verdient hat, sondern sicher auch eigenes Geld zugesetzt hat.“42

Bosel kauft Gemüse, Heringe und Rosinen genauso wie Wollstoffe und Innereien zur Wursterzeugung. Alles nicht per Kilo, sondern waggonweise. „Das Lebensmittelmagazin und die Bekleidungsstelle Herrn Bosels leisteten ganz Hervorragendes“, so Schober. „Die Wache hatte gute auskömmliche Kost, ich selbst überzeugte mich wiederholt in Kommissariaten von der Güte des gebotenen Rindfleisches, warme Mäntel und gute Schuhe wurden von der Bekleidungsstelle zu denkbar mäßigen Preisen zur Verfügung gestellt, auch die Beamtenschaft der Polizeidirektion Wien konnte diese entsetzliche Zeit nur durch diese Hilfe durchhalten.“43 In den letzten Tage der Monarchie und den Anfangstagen der Ersten Republik bestimmt Bosel, welche Rationen an Bohnen, Fleisch oder Fett die Polizisten in den Wochen des Umbruchs kaufen und ihre Frauen daheim verkochen können. Für Weihnachten 1918 waren als Draufgabe Sonderrationen an Nüssen, Pflaumen und Rindfleisch erhältlich. Bosel und Schober haben gewusst, dass der Sicherheitsapparat bei Laune gehalten werden muss, wenn der Kaltstart in die Demokratie ohne Chaos über die Bühne gehen soll.

Die Polizeibeamten rechnen es ihrem Chef auch hoch an, dass sie günstig einkaufen können und von der Not ringsum verschont bleiben. Schober hat gleichzeitig den erforderlichen Machtinstinkt, um sich als Garant der öffentlichen Ordnung in Szene zu setzen. Im Dezember 1918 wird Schober für die gesamte öffentliche Sicherheit zuständig, damit untersteht ihm auch die Exekutive in den Bundesländern. Schober mausert sich zu einer Führerfigur im Sicherheitsapparat. „Er verbesserte die materiellen Verhältnisse seiner Polizisten … und deutete gleichzeitig seinen Präsidenten-Posten in eine Vaterrolle um, wodurch er psychologisch effektvoll seine Leute beeinflussen konnte“, schreibt Rainer Hubert in seiner Schober-Biografie.44

Ein Glanzpunkt der Inszenierung ist die erste Weihnachtsfeier nach der Kriegsniederlage, die der 44 Jahre alte Polizeichef mit seinem Monokel auf der Nase in der Wiener Marokkaner-Kaserne organisiert. Die Exekutive präsentiert sich als eine Sippe rechtschaffener Staatsdienerfamilien, in der sich der oberste Kommandeur sogar ums Christkind kümmert. Weil die Versorgung der Beamtenschaft mit Bosels tatkräftiger Hilfe klappt, werden dem Polizeichef Macherqualitäten zugeschrieben. Und Sigmund Bosel? Er war für Schober nicht nur ein wichtiger Steigbügelhalter, sondern auch eine Art „Troubleshooter“, der in heiklen Angelegenheiten die Lage sondieren und dem Polizeichef diskret den Boden bereiten konnte.

Das kommt Schober zugute, als sich 1919 die Stimmung in der Polizei politisch aufheizt. Die im November 1918 ausgerufene Republik „Deutsch-Österreich“ durchlebt eine revolutionäre Nachkriegskrise, in der viele Berufsgruppen sozialpolitische Reformen verlangen. Im Sicherheitsapparat kommt die Meinung auf, dass Beamte nicht länger unpolitische Ordnungshüter sein sollen, sondern durchaus das Recht hätten, sich parteipolitisch zu betätigen. Frei nach der Devise, dass mit dem unsäglichen Kadavergehorsam gegenüber sakrosankten Autoritäten Schluss sein muss. Und zwar auch in der Exekutive.

Einer, der quasi „basisdemokratische“ Mitsprache im Sicherheitsapparat verlangt, ist der Polizist und spätere Politiker Hans Schabes. Der damalige Revierinspektor will die Kollegenschaft sozialdemokratisch organisieren und den Polizeibetrieb umkrempeln. Schabes und Genossen wollen auch mitreden, wenn es um Postenbesetzungen geht. Sie verlangen, dass missliebige Vorgesetzte durch ein Misstrauensvotum in einschlägigen Dienstversammlungen abgesetzt werden können. Für Schober ist der Gedanke unerträglich, dass die Schlagkraft der Polizei gelähmt und er als quasi „apolitischer“ Präsident von „politisierten“ Polizisten zu einer Marionette degradiert werden könnte. Aus dem Konflikt wird ein Fall für Sigmund Bosel, der sich damals und auch später als Vermittler zwischen Schober und Schabes einklinkt. Franz Brandl, der Schober-Vertrauensmann im Polizeipräsidium, hat Bosels Mission später etwas kryptisch wie folgt beschrieben: „In privaten Unterhaltungen hat er Schabes und etlichen seiner Gefolgsleute die Giftzähne gezogen.“45

Obwohl ihm die Polizeigranden dankbar die Stange halten, wird es für Sigmund Bosel Anfang 1919 ungemütlich. Dass er zum Wohl der Polizei mit seiner Einkaufsmacht den Markt durcheinandergewirbelt hat, während Teile der Bevölkerung hungern, nehmen manche Bosel ziemlich übel. Die linksradikale Zeitung Der Abend nennt ihn einen „sattsam bekannten Schleichhändler“ und „Preistreiber“. Verärgert schreibt der junge Geschäftsmann im Februar 1919 Schober einen Brief, in dem er verlangt, dass er durch eine öffentliche Stellungnahme der Polizeidirektion rehabilitiert wird.46

Im März 1919 wird es Bosel schließlich zu bunt. Er bietet dem Verwaltungsratsausschuss seinen Rücktritt an. Die versammelten Behörden-Vertreter wollen den kommerziellen Leiter jedoch nicht gehen lassen. Bosel wird wegen seiner „uneigennützigen und geradezu aufopferungswilligen Tätigkeit“ gelobt und gegen Angriffe von außen verteidigt.47 Doch die Kritik will nicht verstummen. Linke Gruppierungen aus dem Beamtenapparat haben sich auf Bosel eingeschossen. Kapitalismuskritik vermischt sich mit linkem Antisemitismus. Der in Wien geborene Geschäftsmann wird in einer als „Denkschrift“ titulierten Beschwerde als „verbrecherischer Kapitalist und Ausbeuter“ diffamiert, der als Kriegsflüchtling (!) nach Wien gekommen sei und den die Behörden schon längst des Landes verweisen hätten sollen. Bosel wird zwar zugestanden, dass er „aufgeweckt, intelligent und anerkennenswert geschäftstüchtig“ sei. Er habe jedoch mit „ausländischen jüdischen Zwischenhändlern“ und anderem „Lumpengesindel“ die „Unerfahrenheit der gemütlichen Wiener“ betrügerisch ausgenützt.

Der „Beweis“ für Bosels krumme Machenschaften: Von den 58 Eiern, die der Beschwerdeführer – ein Familienvater – seit dem Bestehen des Polizei-Lebensmittellagers bekommen hätte, wären 12 Stück schlecht gewesen. „Es geht doch nicht an, dass wir noch im tiefen Frieden das Opfer einer wohl gut organisierten, großkapitalistischen, gewissenlosen Volksräuberbande“ werden, poltert der Urheber der Anschuldigungen, bevor er sich zur Bemerkung versteigt, dass für die erwähnte Räuberbande „die Todesstrafe zweifellos zu früh aufgehoben worden sei“. Zum Schluss gipfelt die Beschwerde in der „untertänigen Bitte“ an den hochwohlgeborenen Polizeichef Schober, Bosel als Leiter des Lebensmittel-Lagerbetriebes seines Amtes zu entheben, widrigenfalls man nach einer Frist von acht Tagen durch einen offenen Brief an die Arbeiter-Zeitung die lokalen „Arbeiterräte“ und die Staatsanwaltschaft einschalten werde.48

Gut informiert waren die Bosel-Gegner in der Exekutive wahrlich nicht. Denn als sie im Oktober 1919 gegen Bosel mobil machen, ist der angefeindete Direktor gar nicht mehr für den Lebensmittel-Diskontladen der Polizei tätig gewesen. Bosel hatte seine Tätigkeit dort schon im Frühjahr 1919 an den Nagel gehängt. Schober zufolge sei Bosel eines Tages vorbeigekommen, um ihm zu erklären, dass er wieder Geld verdienen müsse. Nur ehrenamtlich für die Polizei tätig zu sein, ohne Privatgeschäfte machen zu dürfen, sei finanziell nicht länger drinnen. „Schweren Herzens“ habe er Bosel „die Entlassung aus dem Ehrenamt geben müssen“, so Schober über die monatelange Zusammenarbeit.49

Der mächtige Polizeichef wird sich in späteren Jahren bei Sigmund Bosel erkenntlich zeigen und für ihn den politischen Schutzengel spielen. Bosel revanchiert sich, indem er die Polizei weiterhin gönnerhaft unterstützt. So kommt Schober über das Kriegsende hinaus zu einer loyalen Hausmacht, die eine wichtige Machtbasis für seine Politikerkarriere wird. Der Polizeipräsident und der spätere Bankpräsident werden in der Öffentlichkeit immer betonen, dass ihr Verhältnis rein „amtlich“ und bloß geschäftlicher Natur gewesen sei. Alle, die Schobers Terminkalender kannten, haben aber gewusst, dass die beiden Männer eine persönliche Seilschaft begründet hatten. Denn an fast jedem ersten Dienstag im Monat hat Bosel nach seinem Abgang bei der Wiener Polizei bei Schober auf einen Plausch vorbeigeschaut. Und das war auch dann noch so, als Schober schon Bundeskanzler war.

Anmerkungen

1

Die Börse, 6. 12. 1923.

2

Die Börse, 11. 11. 1926; Julie Marks in der TV-Doku „Der Massenmörder und der Trillionär“ (ORF, 2013).

3

Hoffmann, Der Fall Sigmund Bosel, 9 ff.

4

Berliner Tageblatt, 11. 11. 1926; Franz, Siegmund Bosel, 5 f.

5

WStLA, Handelsregister, „Bosel & Rosenbaum“, Sign. 2.3.3.B76. 29. 231; Hoffmann, 10; Franz, 4.

6

Österreichische Industriegeschichte GmbH (Hrsg.): Österreichische Handelsgeschichte, 169.

7

Hoffmann, 8 f.; Max Bosel, der Erstgeborene, ist bereits 1908 im Alter von 21 Jahren gestorben.

8

Neues Wiener Tagblatt, 19. 1. 1927.

9

Sandgruber, Traumzeit für Millionäre, 55 ff.

10

Rauchensteiner, Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie, 204 ff.

11

Tagblatt, 7. 7. 1937; Hoffmann, 11.

12

Der Abend, 9. 11. 1923.

13

Franz, 6 f. – Hinter dem Namen „Karl Franz“ stand der Journalist Bruno Frei, der auch für die Zeitung Der Abend tätig war und 1926 unter seinem Pseudonym eine frühe Biografie über Bosel herausgebracht hat.

14

Rauchensteiner, 836 ff.

15

Prager Tagblatt, 18. 10. 1918.

16

Rauchensteiner, 842 f.

17

Franz, 7.

18

SchobA, Zeugenvernehmung Schober, Vr XXXI 4844/​23, 25. 10. 1923; Berger, Zur Situation des öst. Bürgertums nach dem 1. WKR, in: Konrad/​Maderthaner (Hrsg.), … der Rest ist Österreich, Bd. 2, 78.

19

Rauchensteiner, 588 ff.; Wiener Zeitung, 22. 4. 1916.

20

ÖStA – AdR, HBbBuT BMfHuV Präs, Auszeichnungsanträge, Bosel, 2664/​1920: Schreiben der Polizeidirektion Wien an das Staatsamt für Handel und Gewerbe, Industrie und Bauten, 21. 6. 1920.

21

Wiener Zeitung, 28. 1. 1917; Franz, 8.

22

Rauchensteiner, 845 f.; Prager Tagblatt, 18. 10. 1918.

23

Franz, 8; Lewinson, Die Umschichtung der europäischen Vermögen, 251.

24

Wiener Zeitung, 28. 1. 1917.

25

Wiener Zeitung, 16. 3. 1917.

26

Amtsblatt zur Wiener Zeitung, 4. 7. 1917; Tagblatt, 7. 7. 1937, Die Presse, 5. 1. 2014; ÖStA – AdR, HBbBuT BMfHuV Präs, Auszeichnungsanträge, Bosel 2664/​1920, 21. 6. 1920.

27

Frei, 8; Der Abend, 1. 2. 1926.

28

Der Abend, 12. 4. 1926.

29

Wiener Zeitung, 11. 9. 1918.

30

Ufermann, Könige der Inflation, 77.

31

Scheffer, Bankwesen, 354.

32

WStLA, Vr 2562/​37 3/​226C Einvernahme Bosel, 5. 7. 1926; Reichspost, 19. 12. 1926.

33

Rauchensteiner, 995 ff.

34

Arbeiter-Zeitung, 6. 6. 1918.

35

Arbeiter-Zeitung, 17. 6. 1918; Reiter, Gustav Harpner, 503.

36

SchobA 95, Schober: „An das Präsidium des k. k. Ministeriums des Inneren“.

37

ÖStA, AdR, HBbBuT BMfHuV Präs, Auszeichnungsanträge, Bosel, 2664/​1920, 21. 6. 1920; SchobA 95, LG Wien Vr XXXI 4844/​23, Zeugenaussage Schober, 25. 10. 1923.

38

Hubert, Schober, 65.

39

SchobA 95, Schober: „Wie ich … Bosel kennenlernte“, SB an Schober, 27. 2. 1919.

40

ÖStA AdR, HBbBuT BMfHuV Präs, Auszeichnungsanträge, Bosel, 2664/​1920, 21. 6. 1920.

41

Ebenda.

42

SchobA 95, Zeugenaussage Schober, 25. 10. 1923, LG Wien, Geschäftszahl Vr XXXI 4844/​23.

43

SchobA 95, Schober: „Wie ich Herrn Präsident Siegmund Bosel kennenlernte“.

44

Hubert, 61.

45

Ebenda, 65 ff; Brandl, Kaiser, Politiker und Menschen, 284; SchobA 95, SB an Schober, 18. 12. 1922.

46

SchobA 95, SB an Schober, 28. 2. 1919.

47

SchobA 95, Sitzungsprotokoll vom 3. 3. 1919.

48

SchobA 95, Brief an den Verwaltungsausschuss, 15. 10. 1919.

49

SchobA 95, Schober: „Wie ich Herrn Präsident Siegmund Bosel kennenlernte“.

4 – IM KLUB DER GLÜCKSRITTER

Die Stadt, in der Sigmund Bosel sein Vermögen aus dem Krieg in den Frieden hinübergerettet hatte, war 1919 nur mehr ein Abklatsch ihrer alten Größe. Wien hatte als Metropole einer Großmacht abgedankt. Die Stadt war nun das überdimensionierte Zentrum einer kleinen Alpenrepublik, die in einer kolossalen Identitätskrise steckte. Der Bestseller-Autor Hans Habe, der auch Sigmund Bosel persönlich kannte, hat den Knacks im rot-weiß-roten Selbstwertgefühl später so umrissen: Österreich sei „eine Operette mit tragischem Ausgang“ gewesen.1 Als am 12. November 1918 in Wien die Republik ausgerufen wurde, nannte sich der frischgeborene Staat „Deutsch-Österreich“. Gedacht war er als Zwischenstufe bis zum Anschluss an das neue demokratische Deutschland. Doch der Friedensvertrag von Saint-Germain erlaubte der Ersten Republik keinen Zusammenschluss mit der Weimarer Republik. Die Nachkriegsösterreicher mussten also die Suppe alleine auslöffeln, die ihnen der ach so gute alte Kaiser durch seine gemeingefährliche Bereitschaft für den „großen“ Krieg eingebrockt hatte.

Das Ende der Monarchie war für die Bevölkerung ein Wechselbad der Gefühle. Für die einen war es ein Untergang, für die anderen ein Umbruch, durch den mit der lästigen Bevormundung durch die Aristokratie endlich Schluss war. Doch dem Staat, den keiner in der Form wollte, wie er Wirklichkeit geworden war, fehlte es an Energie und Selbstsicherheit. Viele Bewohner konnten sich nicht vorstellen, dass ihr neues Staatsgebilde überlebensfähig war. Österreich war ein Armenhaus mit abertausenden Kriegswitwen, Waisenkindern und verkrüppelten Heimkehrern, in dem noch dazu die Spanische Grippe wütete. Die Kriegsgeneration war verbittert, das Bürgertum wirkte orientierungslos, die Arbeiterschaft sehnte sich nach einer sozialen Revolution. Am allermeisten wurde die Katerstimmung im Land aber von der katastrophalen Geldentwertung getragen. Sie war eine gewaltige Vermögensumverteilung und erzeugte einen enormen Politfrust.

Traumatisiert von der Inflation, verloren viele Menschen den Blick darauf, dass es während der rot-schwarzen Koalition von 1918 bis 1920 wichtige sozialpolitische Errungenschaften gab – wie das Allgemeine Wahlrecht auch für Frauen, das Arbeitslosengeld oder den Acht-Stunden-Arbeitstag. Im Tollhaus der Inflation ging der staatsbürgerlich-emanzipatorische Wert dieser Reformen unter, wie der Schriftsteller Hugo Bettauer 1922 in seinem Roman Der Kampf um Wien beklagt hat: „Die Bürger waren nie so frei, wussten aber nichts Rechtes damit anzufangen, und sehnten sich zurück nach der Monarchie mit ihren Orden und Titeln.“2

Um eine republikanische Ersatzbefriedigung für die althergebrachte Titelsucht zu schaffen, haben auch die Würdenträger der Ersten Republik munter Ehrungen verteilt. Was der inflationär vergebene Hofratstitel für die Beamtenschaft war, sollte in der Welt der Wirtschaftstreibenden der „Kommerzialrat“ werden. Diesen Titel hatte es so wie den „Hofrat“ in der Monarchie auch schon gegeben. Als Anerkennung für kommerzielle Leistungen hatte man den prestigeträchtigen „Kommerzialrat“ zu Kaisers Zeiten allerdings nicht vergeben. Ihn bekamen nur Mitglieder einer berufsständischen Kommission, die mit der Export-Statistik zu tun hatte. War die Funktionsperiode um, war die Auszeichnung wieder weg. Außer der Kaiser „geruhte“, den Titel in speziellen Fällen auf Lebenszeit zu verlängern. Nach Kriegsende hing die Kommerzialratswürde eine Zeit lang in der Luft. Die erwähnte Kommission gab es zwar weiterhin, aber die Republik hatte Wichtigeres zu tun, als dieses Gremium zu erneuern.3

Im Juni 1920 flattert dann im Handelsministerium, genauer gesagt, im damaligen „Österreichischen Staatsamt für Handel und Gewerbe, Industrie und Bauten“ ein Antrag der Wiener Polizei auf den Tisch. Sigmund Bosel möge doch für seine Verdienste mit dem Kommerzialratstitel belohnt werden, heißt es darin. Die mitgelieferte Begründung kommt von Polizeipräsident Schober höchstpersönlich: „Ich erlaube mir, die Aufmerksamkeit auf die verdienstvolle Betätigung zu lenken, welche Sigmund Bosel als kommerzieller Leiter des Lebensmittellagerbetriebes der Polizeidirektion in Wien im Interesse der mir unterstehenden Behörde, wie auch unmittelbar im Interesse der Republik Österreich entfaltet hat und bitte, für ihn eine Auszeichnung zu erwirken.“4

Den Beamten fällt auf, dass für den jungen Kaufmann parteipolitische Schwergewichte intervenieren. Allen voran der Hausherr und amtierende Ressortchef, der Sozialdemokrat Wilhelm Ellenbogen. Auch Matthias Eldersch, der sozialdemokratische „Staatssekretär für Inneres“, unterstützt den Antrag. Und zwar „wärmstens“, wie Eldersch in einem Begleitbrief meint.5 Befürwortet wird die Angelegenheit gleichfalls vom christlichsozialen Spitzenpolitiker Eduard Heinl. „Nachdrücklichst“, wie Heinl wissen lässt. Sigmund Bosel hat gewichtige Fürsprecher aus der roten und schwarzen „Reichshälfte“, die sich für einen Kommerzialratstitel ins Zeug legen.

Die großkoalitionäre Politikerphalanx holt sich vom Beamtenapparat jedoch eine Abfuhr. Die Republik könne funktionsgebundene Kommerzialratstitel nicht freihändig verleihen, erklärt das Präsidialbüro. Die beiläufige Anregung der Politiker, Bosel doch in die neu zu gründende Statistik-Kommission zu entsenden, damit er „auf diesem Weg des Kommerzialratstitels teilhaftig“ werde, blocken die zuständigen Stellen bockig ab. Man brauche kein extra bestelltes Mitglied und schon gar keinen 27-Jährigen mit Protektion. Die Beamten bekommen den politischen Willen aber recht bald zu spüren. Im November 1920 wird Bosel zum Mitglied des Beirates für Handelsstatistik ernannt. Damit darf er während der Dauer seiner Mitgliedschaft den Titel „Kommerzialrat“ führen.6

Einige Monate später bekommt Bosel den heiß ersehnten Titel ein zweites Mal verliehen, diesmal aber auf Lebenszeit. Die Republik hat auf Empfehlung des Handelsministeriums, in dem mittlerweile Eduard Heinl das Kommando führt, den „Kommerzialrat“ neu eingeführt, und zwar explizit für Wirtschaftstreibende, die sich besondere Verdienste erworben haben. Im März 1921 verlautbart die Präsidentschaftskanzlei, wer zur Riege der Auserwählten gehört. Bosel steht ganz oben auf der Liste, er ist der erste und mit Abstand jüngste Kommerzialrat der Ersten Republik.7

Hätte die Monarchie überlebt, wäre Bosel wie vereinbart mit dem Titel „Kaiserlicher Rat“ belohnt worden. Früher oder später hätte man ihn dann wohl auch in den Adelsstand erhoben. Nachdem Adelstitel bereits vor dem Ersten Weltkrieg käuflich zu haben waren, hätte der junge Bosel für eine Nobilitierung sicher freudig in die Tasche gegriffen.8 Nach dem Krieg waren solche Gedankenspielereien jedoch Schnee von gestern. Das Parlament hatte den Adel per Gesetz abgeschafft. Damit war die gesellschaftliche Zugehörigkeit nun mehr denn je eine Frage des Geldes.

Das Gespenst der Nachkriegsinflation

Doch mit dem Geld war das in der Ersten Republik so eine Sache. Viele Menschen hatten den Glauben ans Geld komplett verloren. Stefan Zweig schrieb über das Jahr 1919 in seinem Roman Rausch der Verwandlung: „Ein ganzer Winter von Banknoten und Nullen schneit vom Himmel. Hundertausende, Millionen, aber jede Flocke, jeder Tausender schmilzt dir in der Hand.“9

Es gab Tage, an denen die Preise stündlich in die Höhe kletterten und verzweifelte Konsumenten die Geschäfte stürmten. Hausfrauen investierten ihr Geld auf Teufel komm‘ raus in unverderbliche Erzeugnisse wie Kaffee oder Kristallzucker. Und das bei immer monströser anmutenden Preisen. Anfang 1914 hatte ein Kilo Kristallzucker noch weniger als eine Krone gekostet. Im Jänner 1921 waren es schon 96 Kronen, im Oktober 1923 absurde 12.400 Kronen pro Kilo. Durch die horrende Inflation ist den Menschen damals das Geld buchstäblich zwischen den Fingern zerronnen. Wien war „bevölkert von notleidenden Millionären“, die sich nichts mehr leisten konnten.10

Die Geldentwertung war freilich schon mit der Mobilmachung im August 1914 losgetreten worden. Stolz und blindwütig war die Monarchie in einen Waffengang gestolpert, für den sie weder militärisch noch finanziell vorgesorgt hatte. Als sich der schnelle Sieg als eine grauenhafte Illusion erwiesen hatte und die Kriegskosten explodierten, brachte das Kaiserreich eine Reihe von Kriegsanleihen unters Volk. Mit dem Geld, das dadurch hereinkam, konnte die Finanzverwaltung immerhin 60 Prozent der Kriegskosten bis 1918 decken. Die restlichen 40 Prozent „bezahlte“ der Staat, indem er sich immer größere Kredite bei der k. u. k. Notenbank genehmigte, die für die notwendige Geldschwemme sorgte. Für das viele Papiergeld gab es im Lauf des Krieges aber immer weniger zu kaufen. Für die verbliebenen Waren und Lebensmittel sind die Preise daher in den Himmel geschossen. Im November 1918 musste man für einen typischen Einkaufskorb 16-mal so viel zahlen wie im Juli 1914.11

Nach der kriegsbedingten Inflation wurde Österreich Ende 1918 von einer Nachkriegsinflation erfasst, die sich an den Versorgungsengpässen in vielen Bereichen der Wirtschaft entzündete. Ab September 1919 verschärften sich die Preissteigerungen, weil der Friedensvertrag von Saint-Germain für Österreich herbe Enttäuschungen brachte. Die Teuerung fing an zu galoppieren, bevor sie im Herbst 1921 komplett ausuferte und den Staat bis Oktober 1922 durch einen hyperinflationären Würgegriff beinahe in den Ruin trieb. Darüber hinaus war der Wechselkurs der österreichischen Krone nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie in den Keller gerasselt. Dadurch explodierten die Importpreise für Kohle, Rohstoffe und Lebensmittel, was die Inflation zusätzlich anheizte. Die Erste Republik kam budgetär nur über die Runden, indem sie auf Teufel komm‘ raus das benötigte Geld ungeniert drucken ließ. Oder wie der Kaffeehaus-Literat Anton Kuh ironisch gemeint hat: „Der Staat lebte nur noch vom Banknotenfälschen.“12

Der Glaube ans Geld wurde vom Glauben ans Glück abgelöst. Um den erlösenden Tipp für die Flucht aus dem Alltag zu erheischen, boomte das Geschäft mit der Hellseherei. Aus der „Alles ist hin“-Stimmung wurde die „Alles oder nichts“-Stimmung, die zu einer Spielleidenschaft führte, die breite Schichten wie eine Epidemie erfasste.13

Der Mittelstand war auch demoralisiert genug, um leichtlebigen Verdrängungsmechanismen zu verfallen. Viele hatten ihre Ersparnisse in festverzinslichen Kriegsanleihen angelegt, die wertlos geworden waren. Vor allem die Beamten und ehemaligen Offiziere konnten von ihrem früheren Leben nur mehr träumen. Viele mussten den Familienschmuck ins Pfandhaus tragen. Andere halfen sich damit, dass Untermieter aufgenommen oder private Spielsalons mit Bewirtung aufgezogen wurden oder – Ehefrauen und Töchter der Prostitution nachgingen, um das karge Haushaltsbudget aufzubessern. Nicht umsonst wird in den „Inflationsromanen“ der Zwischenkriegszeit häufig die Armutsgefährdung thematisiert, die viele Frauen schichtenübergreifend dazu gezwungen habe, sich zu verkaufen.14

Aber auch dort, wo die Finanznöte nicht so dramatische Auswirkungen hatten, war der Mittelstand von Abstiegsängsten geplagt. Einfache Industriearbeiter kamen nämlich mit ihren Löhnen, die periodisch an die Geldentwertung angepasst wurden, immer näher an das Einkommensniveau der bürgerlichen Mittelschichten heran. Schwer angeknackst war das Selbstwertgefühl des Beamtenbürgertums durch das Erscheinen wirtschaftskundiger Newcomer mit kleinbürgerlichem Hintergrund. Ihr Erfolg ließ standesbewusste Inflationsverlierer als Versager dastehen. Die wirren Nachkriegsjahre waren eben eine Zeit, in der sich talentierte Aufsteiger und erfolgshungrige Zuwanderer durchschlängeln und hinaufarbeiten konnten.15

Man darf auch nicht glauben, dass die Geldentwertung damals ganz Österreich in ein ruinöses Flimmerlicht tauchte und überall nur Jammerstimmung geherrscht hat. Im Gegenteil: 1921 gab es eine kurze Hochkonjunktur mit Vollbeschäftigung. Die Baubranche erlebte durch den Siegeszug der E-Wirtschaft einen Aufschwung. In bestimmten Branchen konnten innovationsfreudige Firmen dem üblen Wirtschaftsklima durchaus Paroli bieten.16

Die Tricks der Inflationsgewinnler

Die Inflation, die ganz Wien elektrisiert hat, war für Sigmund Bosel keine Tragödie. Der junge Kommerzialrat kann sich 1920 glücklich schätzen, dass er zu Kriegszeiten seine Gewinne teilweise ins Ausland transferiert hat. Während die inländischen Sparguthaben durch die Geldentwertung ausradiert werden, hat Bosel Fremdwährungen in der Hinterhand. Damit entwickelt der Millionär, der sich inflationsbedingt schnell zum Milliardär mausert, eine gewaltige Kaufkraft.

Überhaupt sind damals all jene fein heraus gewesen, denen der Wunderglaube gefehlt hat, dass die Monarchie den Krieg gewinnt und überlebt. Manche haben schon vor 1918 ihr Vermögen in die Schweiz und andere neutrale Staaten verfrachtet. Als im Frühjahr 1919 die Angst umgeht, dass mit dem ungarischen Kommunisten Béla Kun der Funke der Revolution auf Wien überspringt, nimmt die Kapitalflucht aus Österreich enorme Dimensionen an. Der Wert der „Krone“ stürzt in den Keller. In Wien und anderswo wollen auf einmal alle ihre Kronen-Banknoten loswerden, so als würden die Scheine einen schädlichen Virus übertragen. Der ständige Währungsverfall wird zu einer Begleiterscheinung der Inflation.17

Der ökonomische Hausverstand sagt damals, dass man durchs Schuldenmachen reich werden kann. Indem man vorzugsweise auf Pump Wertpapiere oder Wertsachen kauft und sich mit den Kreditraten Zeit lässt. Bis 1922 ist dieses Geschäftsprinzip mit etwas Glück und Nervenstärke deppensicher gewesen. Man hat nur jemanden finden müssen, der einem Geld borgt. Denn wegen der horrenden Inflation rechnet sich praktisch jede Investition. Während die ausgeborgte Darlehenssumme gleich bleibt, steigen die erzielbaren Erlöse wie das Amen im Gebet. Damit wird jede Kredit-Rückzahlung ein Kinderspiel. Der 1999 verstorbene Börsen-Guru André Kostolany hat das Wesen der Nachkriegsinflation daher so umrissen: „Die Inflation ist die Hölle der Gläubiger und das Paradies der Schuldner.“18

Zu den Tricks der Inflationsgewinnler gehört auch eine andere Methode – nämlich Rechnungen, die auf einen fixen Kronen-Betrag lauten, so spät wie möglich zu begleichen. Einkäufer mit einer laxen Zahlungsmoral haben mit dieser Masche de facto Zusatzrabatte einstreichen können. Irgendwann hat wohl auch Sigmund Bosel damit angefangen, seine Zahlungsfristen zu strecken. Gleichzeitig nimmt sich der Finanzjongleur bei seinen Hausbanken in großem Stil Kredite, mit denen er neben Aktien und Schmuck auch Immobilien und Firmenübernahmen finanziert. „Bosel verstand am frühesten von allen die Melodie der Zeit, die einfach wie ein Gassenhauer war: Kronen schuldig bleiben und Sachwerte auftürmen. Da er diese Parole am zügigsten aufgriff, galt er eben als genial.“19


In den Geschäften der Luxuswarenhersteller und Schmuckhändler sind die neureichen Inflationsgewinnler gerne gesehen.

Sigmund Bosel ist damals nicht mehr der Bittsteller von einst, der die Hinterstiegen hinaufeilt, um devot in Empfangszimmern vorzusprechen. Der schmächtige Mann mit der lässigen Haltung und den scheuen, dunklen Augen beschäftigt mittlerweile selbst einen Empfangsdiener, der Geschäftspartner anmeldet oder unliebsame Kunden hinauskomplimentiert. Mit Hilfe der Verkehrsbank, die zu den führenden Wiener Finanzhäusern gehört, und dem Buchhalter Karl Rosenberg hat Bosel auch seine Buchführung in Ordnung gebracht, die lange Zeit recht salopp geführt wurde.20 So etwas kann sich der angehende Finanzkrösus nicht mehr leisten. Er ist im Big Business angekommen.

Bosel spürt jedoch, dass er für seinen Expansionsdrang mehr Knowhow und Kontakte braucht. Der nimmermüde Geschäftsmann wirbt daher von staatlichen Einrichtungen wie der Volksbekleidungsstelle oder der Devisenzentrale Mitarbeiter ab. Diese Leute versprechen sich im Windschatten des Aufsteigers höhere Gehälter als im karg entlohnten Staatsdienst. Neben dem Diplomaten Richard Oppenheimer-Marnholm holt Bosel auch zwei Sektionschefs in seinen wachsenden „Hofstaat“. Einer der beiden Herren wird der Majordomus für alle Diener, Referenten und Sekretäre in der Bosel’schen Firmenkanzlei. Der andere Sektionschef wird als Spezialberater und Deutschlehrer eingestellt. Er soll Bosel, der Hemmungen hat, in einem größeren Kreis vor anderen zu sprechen, den rhetorischen Schliff verpassen.21

Seinen wichtigsten Vertrauensmann hat Bosel bereits 1917 kennengelernt. Es ist dies der Anwalt Wolfgang Dawid, den es als Kriegsflüchtling aus der ukrainischen Stadt Czernowitz nach Wien verschlagen hat. Dawid wird Bosels engster Rechtsberater, sein Generalbevollmächtigter in Firmen und Aufsichtsräten sowie sein Mittelsmann bei heiklen Verhandlungen. Dass sein Kumpan mit dem christlich-sozialen Handelsminister Eduard Heinl befreundet ist, hat Bosel bei der Erlangung des Kommerzialratstitels geholfen. Zwei Jahrzehnte lang werden Bosel und Dawid beruflich durch dick und dünn gehen.22

Nach seinem Rückzug aus den Versorgungsbetrieben der Polizei baut Bosel still und leise seine Geschäfte aus. Mitte 1919 tritt der Kronen-Milliardär erneut als Unternehmensgründer in Erscheinung. Die Firma, die er bis dahin hatte, war noch der Gemischtwaren-Großhandel aus Kriegszeiten. Nun macht Bosel ein richtiges Handelshaus auf – mit dem vielsagenden Namen „Omnia“. Geschäftszweck des Unternehmens sind Import-Export-Geschäfte aller Art mit Waren quer durch den Gemüsegarten. Geschäftsführer und Mitgesellschafter ist der Wiener Karl Landeis, der viele Jahre später im Leben von Bosels Freundin Ilona Schulz noch eine wichtige Rolle spielen wird.

Bosel bringt mit der Omnia einträgliche Deals im staatsnahen Bereich zustande, indem er bei der Verwertung übrig gebliebener Armeebestände mitmischt und gehortete Textilien verkauft. Als das erste Geschäftsjahr vorbei ist, steigt Bosel von der Verkehrsbank auf die Länderbank als Kreditgeber um, bevor sein Handelshaus in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wird. Kritische Beobachter sagen später, dass Bosel nicht als „Schieber“ gelten wollte und sich daher hinter der Omnia versteckt hätte.23

Über das Handelsunternehmen, das sich am Friedrich-Schmidt-Platz Nummer 5 unweit vom Wiener Rathaus einquartiert, dringt nur wenig nach außen. Länderbank-Generaldirektor Markus Rotter und der christlich-soziale Minister Heinrich Mataja mischen im Hintergrund mit. Gehandelt wird nicht nur mit Textilien, sondern auch mit Nahrungsmitteln, Kohle und Naphtalin. Dieser Stoff wird damals zur Herstellung von Treibstoffzusätzen und Mottenkugeln verwendet.24

Zu einer unheimlichen Geldmaschine entwickelt sich die Omnia aber durch ihre Tabakimporte. Ende 1921 sichert sich Bosel Lieferverträge mit der staatlichen österreichischen Tabakregie, dem Vorläuferunternehmen der Austria Tabak. Es geht um die Einfuhr von 2.000 Tonnen bulgarischem Rohtabak. Zur Relation: Österreich verbraucht damals in etwa 14.000 Tonnen Rohtabak pro Jahr. Die Omnia fädelt einen großangelegten Vertrag ein, wodurch andere Tabakhändler das Nachsehen haben. Österreich wird für Bulgarien der wichtigste Tabak-Abnehmer. Bosel bekommt dafür 1923 einen bulgarischen Orden verliehen – das Komturkreuz mit dem Stern.25

Die Affäre um das „Hortensia-Diadem“

Schon früh reichen die wirtschaftlichen Verbindungen der Omnia weit über die Staatsgrenzen hinaus. Bei einem Deal mit spanischen Geschäftspartnern verstrickt sich Bosel in einen Kriminalfall um ein mysteriöses Schmuckstück. Diese Affäre wird ihn schwer in Bedrängnis bringen und 17 Jahre später sogar ein Fall für den Staatsanwalt sein. Die Rede ist vom geheimnisvollen „Hortensia-Diadem“, das 1920 unter merkwürdigen Umständen im Wiener Auktionshaus „Dorotheum“ versteigert worden ist.

Das Hortensia-Diadem war ein legendäres Schmuckstück, das der französische Kaiser Napoleon Bonaparte in einer Pariser Juwelierwerkstätte als Hochzeitsgeschenk für seine Stieftochter Hortense de Beauharnais anfertigen ließ. Hortense war die Tochter des auf der Guillotine hingerichteten französischen Revolutionsgenerals Alexandre de Beauharnais. Dieser hatte sich schon relativ früh von seiner Frau Joséphine getrennt, die 1796 in zweiter Ehe Napoleon heiratete und acht Jahre später neben ihrem Mann in Paris zur Kaiserin gekrönt wurde. Auch nach seiner Scheidung von Joséphine hatte Napoleon viel für seine Stieftochter übrig. Hortense heiratete Bonapartes Bruder Ludwig und wurde so von 1806 bis 1810 Königin von Holland. Damit erlangte das Hortensia-Diadem in Holland Kronjuwelen-Status.26

Nachdem Hortense 1837 in der Schweiz gestorben war, kam das berühmte Diadem in den Besitz der italienischen Linie des Hauses Habsburg-Lothringen. Das prächtige Geschmeide bestand aus 300 Karat schweren Brillanten, die in Goldblätter und Hortensia-Blumen eingefasst waren. Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte das Diadem Erzherzog Leopold Salvator von Österreich-Toskana, der mit der spanischen Prinzessin Blanca de Borbón verheiratet war.

1919 verlagert Leopold Salvator seinen Wohnsitz nach Barcelona. Weil das Hortensia-Diadem bei einem Hauslehrer in Österreich versteckt war, damit es nicht von der Republik konfisziert werden konnte, sollte es der ehemalige Marineoffizier Josef Korwin unbemerkt nach Spanien holen. Korwin und ein Geschäftspartner kommen dabei auf die Idee, sich den Familienschmuck zur Finanzierung von Export-Import-Geschäften mit Sigmund Bosels Omnia „auszuborgen“. Das Diadem wird für einen Kredit im Wiener Dorotheum verpfändet, die Omnia bekommt den Pfandschein in die Hand.27 Als der Schwindel auffliegt, schrillen bei den rechtmäßigen Eigentümern des Diadems in Spanien die Alarmglocken. Der Familienschmuck liegt schutzlos in einem Pfandleihhaus in Österreich. Nun zählt jeder Tag. Leopold Salvators Sohn Rainer schaltet Polizeipräsident Schober ein und macht ihm klar, dass sich das Diadem unrechtmäßigerweise im Dorotheum befindet. Schober sorgt dafür, dass das Schmuckstück gesperrt wird und nicht versteigert werden darf. In der Zwischenzeit versucht die Adelsfamilie, das nötige Geld zusammenzukratzen, um das Diadem auszulösen. Als der damalige Dorotheum-Direktor Hallama aber auf Sommerurlaub geht, wird das Diadem am 7. Juli 1920 „unabsichtlich“ in eine Versteigerung eingebracht und günstig einem Unbekannten zugewiesen. Die Polizei leitet Ermittlungen ein, die zur Vermutung führen, dass Bosel das Schmuckstück über einen Strohmann ersteigert hat. Den Beweis dafür findet man aber nicht, die Affäre verschwindet in der Versenkung. Das Hortensia-Diadem bleibt wie vom Erdboden verschluckt.

Die große Stunde der Schnäppchenjäger

Die Omnia ist für Sigmund Bosel während der Inflationszeit nicht nur ein Gewinnbringer, sondern eine sprudelnde Devisenquelle. Das ausländische Geld verschafft ihm eine immer größere Hebelwirkung bei Krediten, mit denen er in verschiedenen Wiener Stadtteilen Zinshäuser in guten Lagen erwirbt. Bosel hat auch Übernahmegelüste am österreichischen Kaufhaus-Sektor. Man kann sich gut vorstellen, dass er innerlich darauf brennt, sich eines der großen Modehäuser einzuverleiben, zu denen er einst als unbedeutender Wäschehändler neidvoll aufgeblickt hat. Die Traditionsfirmen, die er aufkaufen will, sind das Modehaus Zwieback und das Warenhaus Gerngroß, das vor dem Ersten Weltkrieg der größte Shoppingtempel der Monarchie gewesen war. Beim ersten Übernahmeversuch zeigen ihm Gerngroß und Zwieback noch die kalte Schulter, ein paar Jahre später wird Bosel einer der Gerngroß-Haupteigentümer.28

Die Wiener müssen indes mitansehen, wie sich ihre inflationsgeplagte Stadt ab 1920 zu einem Einkaufsparadies für reich gewordene Inländer und zahlungskräftige Ausländer entwickelt. Sogar arbeitslose Briten fahren scharenweise nach Wien und Salzburg, weil sie hier in den feinen Hotels mit ihrem Arbeitslosengeld fürstlich absteigen können. Wer damals als Tourist oder Spekulant nach Österreich kommt, erlebt schnell, „dass man ja in diesem armseligen Wien umsonst leben kann“.29

Durch den lächerlichen Umrechnungskurs der Krone gibt es auch Immobilien und Luxuswaren zum Diskontpreis. Hellmut Andics hat den Räumungsverkauf in den verarmten bürgerlichen Haushalten so beschrieben: „Man musste leben, musste essen – wozu noch Biedermeierkommoden, wozu noch echte Perser, wenn der Suppentopf leer war! Wahre Hyänen der Not überschwemmten Wien. Der große Ausverkauf lockte Interessenten aus aller Welt nach Österreich. Die Aufkäufer durchstreiften die Stadtpaläste der Aristokraten ebenso wie die Fünfzimmerwohnungen der pensionierten Hofräte.“30

Wien wird zu einem Durchhaus für Geschäfte zwischen Glanz und Elend. Viele geißeln den moralischen Verfall der Nachkriegsgesellschaft und mokieren sich wie Hugo Bettauer über den Geltungsdrang protziger Erfolgsmenschen am Pferderennplatz. „Schöne Frauen in Hülle und Fülle, rassig und schlank die jungen Weiber aus den uralten Familien, schön auch oft genug die Frauen und Töchter der Parvenus, die mit wienerischer Geschmeidigkeit rasch die Manieren der wirklich vornehmen Welt annahmen und kraft ihres Reichtums demnächst ihr rotes Blut mit dem blauen der enttitelten, depossedierten Hocharistokraten von 1918 mischen.“31

Wirklich gern gesehen sind die Neureichen nur in den Geschäften der Maßschneider, Luxuswarenhersteller und Schmuckhändler, die mithilfe der betuchten Kundschaft anstandslos durch die Krise kommen. Ansonsten stehen die Emporkömmlinge unter Pauschalverdacht, wie das der Komponist Ernst Krenek in seiner Autobiografie anklingen lässt. „Viele ehemals reiche oder wohlhabende Leute verarmten, oder stürzten gar ins Elend, und eine neue Schicht von Profitjägern und Gaunern wurde nach oben geschwemmt.“32

Die Bevölkerung war freilich mitverantwortlich für die Situation, die allseits verflucht worden ist. Wo immer möglich, haben die Österreicher ihr Geld in ausländische Banknoten umgewechselt. Die Währungskrise machte aus kreuzbraven Bürgern notgedrungen „Valuten-Hamsterer“. Viele Kleinanleger wurden so zu Mini-Spekulanten, die Fremdwährungen gehortet haben, um sie später bei erhöhten Kursen wieder abzustoßen. Was viele Otto-Normalverbraucher damals im Kleinen tun, machen die Banken und Spekulanten in großem Stil. Die Finanzbranche versucht, vom Niedergang der österreichischen Krone zu profitieren.33

Wie hat man aber damit Geld verdienen können, wenn so viele das gleiche Ziel hatten? Die Antwort ist, dass es beim Wechselkursverfall der Krone mehrfach Ansätze zu einer Trendumkehr gegeben hat. Und zwar immer dann, wenn eine ausländische Finanzhilfe durch den Völkerbund oder die Siegermächte greifbar schien.34

Weil aber letztlich bis Herbst 1922 nichts daraus wird, können die Wiener Geldhäuser lange Zeit Spekulationsgewinne einstreifen. Die Bankenkenner Egon Scheffer und Paul Ufermann berichten, dass auch Sigmund Bosel auf den Niedergang der Krone gesetzt hat. „Während die gemütlichen ‚Weaner‘ traurig bei einer Tasse schlechten Tees hockten und der guten Zeit gedachten, handelte Bosel Devisen gegen österreichische Kronen.“35

Bosel ist damit im Fahrwasser der Wiener Großbanken unterwegs, die nicht nur selbst spekulieren, sondern munter Kredite für Währungsspekulationen hergeben. Zwischen 1920 und 1922 sind solche Devisengeschäfte ganz legal möglich gewesen. Schluss mit den Spekulationen gegen die Krone ist erst im Juli 1922. Die Regierung errichtet die staatliche Devisenzentrale. Die Republik reglementiert damit den Devisenhandel aufs Neue und nimmt den Baisse-Spekulanten die Luft aus den Segeln – was aber viel zu spät war, wie kritische Beobachter gemeint haben.

Emporkömmlinge am gesellschaftlichen Firmament

Im Vergleich zu den anderen Inflationsgrößen seiner Zeit ist Sigmund Bosel eher ein Spätzünder gewesen. Anfänglich steht Bosel komplett im Schatten von Camillo Castiglioni, der sich schon im Ersten Weltkrieg als Auto-, Flugzeug- und Motorenhersteller einen Namen gemacht hat. Derweil Bosel noch ein kleiner Kaufmann ist, macht der Industrielle Castiglioni als k. u. k. Kriegsgerätelieferant bereits das große Geschäft. Die Firmen des Technikpioniers fertigen mehrere tausend Flugzeuge für den Luftkampf der kaiserlichen Doppeldecker-Maschinen. Als der Krieg zu Ende geht, ist Castiglioni ein schwerreicher Mann. Noch reicher wird er dadurch, dass er auch beim Abverkauf der Rüstungsgüter nach Kriegsende mitmischt. Nachdem Castiglioni die k. u. k. Armee zuerst aufgerüstet hat, verdient er nun an ihrer Demontage. Schnell schlägt sich der aus Triest stammende Castiglioni auf die Seite der Sieger. Der umstrittene Industrie-Tycoon wird italienischer Staatsbürger und kann sich als Geldgeber der Regierung von Benito Mussolini später in Österreich auch krumme Geschäfte erlauben, weil die heimischen Behörden gegenüber dem Mussolini-Protegé an auffälliger Beißhemmung leiden.36

Während Sigmund Bosel seine Engagements noch ganz im Stillen anhäuft, ist Castiglioni ein wirtschaftlicher Trendsetter. Auch Bosel eifert ihm mit zeitlicher Verzögerung nach. Castiglioni war schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Kommerzialrat. Bosel bekommt den Titel erst 1921. Beide hatten ein Faible für Bahnfahrten im Salonwagen. Den imperialen Eisenbahnwaggon von Kaiser Franz Joseph schnappt sich aber Castiglioni. Dieser setzt auch früher zu einem aufsehenerregenden Immobiliencoup an: Bereits im Sommer 1918 kauft Castiglioni vom 83-jährigen Eugen von Miller zu Aichholz ein feudales Palais inklusive einer riesigen Kunstsammlung. Bosel bezieht seine schlossartige Villa erst 1920. Man sieht: Beim Anhäufen der für Inflationskönige typischen Insignien war Bosel ein Nachzügler. Dennoch hat es nicht lange gedauert, bis Bosel in einem Atemzug mit Castiglioni genannt wurde und davon die Rede war, dass neben den beiden Ausnahmeerscheinungen alle übrigen neureichen Finanzjongleure verblassen würden.37

Eine gemeinsame Anekdote über Bosel und Castiglioni unterstreicht ihre Ausnahmestellung im Klub der Glücksritter. Das heitere Lexikon der Österreicher führt dazu folgende Begebenheit an: „Castiglioni spazierte einmal mit dem Bankier Sigmund Bosel über die Wiener Ringstraße. In der Nähe der Staatsoper packte ein junger Mann Bosels Aktenkoffer und eilte mit schnellem Schritt davon. Bosel wollte ihm nachlaufen, doch Castiglioni hielt ihn zurück: ‚Was wollen Sie?‘, sagte er. ‚Wir haben doch alle einmal klein angefangen.‘“38

Auch mit der Gründung seiner Privatbank ist Sigmund Bosel kein Vorreiter gewesen. Bevor er im April 1922 das „Bankhaus S. Bosel“ mit 27 Mitarbeitern aufmacht, sind in Wien schon hunderte Geldinstitute wie Schwammerln aus dem Boden geschossen. Zum Devisenhandel an der Wiener Börse waren im September 1921 bereits 360 Banken zugelassen. Bosel ist nur einer von vielen, die in der Finanzbranche Fuß fassen wollen. Das Bankhaus Bosel schlägt seine Zelte im Rathausviertel auf, und zwar in genau dem Haus, wo bereits die „Handelsgesellschaft Omnia“ ihre Büros hat. Bosel gründet seine Privatbank deshalb, weil er einen professionellen Apparat zur Verwaltung seines Vermögens braucht und große Aktiengesellschaften unter seine Kontrolle bringen möchte. Nachdem er die Gewinne aus seinen Devisengeschäften und den Handelsaktivitäten der Omnia schon seit geraumer Zeit in Aktien gesteckt und sein Wertpapier-Portfolio auf Pump erweitert hat, zieht es Sigmund Bosel an die Börse. Wahrscheinlich rechnet er damit, dass früher oder später eine Sanierung der Währung kommen wird und die Aktienkurse erwachen werden. Diesen Zug will Bosel nicht verpassen.39

1922 ist aber nicht nur das Jahr, in dem Bosel seine Privatbank gründet. Es ist auch das Jahr, in dem Hugo Bettauer seinen erfolgreichsten Roman schreibt und Sigmund Bosel dabei literarisch verewigt. Stadt ohne Juden heißt das Buch, das zwei Jahre später auch als Film in die Kinos kommt. Bettauer nennt sein Werk einen „Zukunftsroman“, in dem er sich den alltäglichen Antisemitismus seiner Zeit vorknöpft. Eine Satire soll vor Augen führen, wie dumm und abstrus die Judenfeindlichkeit ist, für die viele damals anfällig sind. Dazu konzipiert Bettauer eine Handlung, die später bisweilen als visionäre Vorahnung der Judenverfolgung nach dem „Anschluss“ gedeutet worden ist: Das inflationsgeplagte Österreich beschließt, unter Führung des fiktiven Bundeskanzlers Schwertfeger, dass alle Juden Österreich verlassen müssen. Der anfängliche Jubel verfliegt jedoch bald, weil Wirtschaft und Kultur den Bach hinuntergehen. Ohne seine Juden schlittert Wien noch tiefer in die Krise. Schließlich kapieren auch die einfachen Menschen auf der Straße, dass die Vertreibung einer wichtigen Bevölkerungsgruppe ein Schuss ins Knie gewesen ist. Die judenfeindliche Hetze des aufkommenden Nazitums wird als realitätsferne Propaganda demaskiert.40

Um diesen Gedanken zu veranschaulichen, bringt Bettauer in seinem Roman unvermutet den Namen Bosel ins Spiel. Ein Beleg dafür, dass Sigmund Bosel 1922 bereits derart bekannt gewesen sein muss, dass ihn Bettauer selbstredend in den Text einbaut: „Elend, Teuerung, Arbeitslosigkeit wuchsen, und die Führer waren in Verlegenheit, weil sie nicht wussten, wem sie die Schuld daran geben sollten … Früher hatten die Hakenkreuzler mit ihren Plakaten Aufsehen erregt, die Massen aufgehetzt. Bosel und andere jüdische Plutokraten waren als Beherrscher Österreichs, als Blutsauger und Volksbedrücker ausgerufen worden. Nun aber lebte Bosel in London, und die Plakate der Hakenkreuzler waren so inhaltslos geworden, dass sie niemand mehr las.“41

Schlussendlich werden die Juden wieder nach Wien heimgeholt, und das Happy End zwischen der Katholikentochter Lotte Linder und dem von ihr getrennten Juden Leo Strakosch, die neuerlich ein Liebespaar sein dürfen, symbolisiert das wiedergefundene friedliche Zusammenleben.

Auffällig ist, dass Bettauer als Sohn eines jüdischen Börsenmaklers für Bosel nur den Begriff „Plutokrat“ übrig hatte. Damit verwendet der sozialdemokratisch eingestellte Bettauer einen ideologischen Kampfbegriff: Plutokraten gelten als demokratiepolitisch gefährliche Turbo-Kapitalisten.42 Es besteht kein Zweifel: Sigmund Bosel hat durch seinen märchenhaften Reichtum polarisiert.

Der Glücksritter als Feindbild

Der junge Bosel lebt in einer Zeit, in der auf den Erfolg nicht der Applaus folgt, sondern zuerst der Verdacht. Der schnelle Reichtum der Inflationsgewinnler hat einen schalen Beigeschmack. Viele Normalbürger glauben nicht, dass es bei so einer Vermögensexplosion mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Für besonderen Argwohn sorgt es, wenn Finanzleute mit ihrem Reichtum, den viele nur für zusammengerafft halten, angeben.

Jemand, der sich dabei den Zorn der Öffentlichkeit zugezogen hat, war Joseph Schumpeter. Der Mann, der heutzutage als großer österreichischer Ökonom gilt, ist nach dem Ersten Weltkrieg zuerst Finanzminister und dann Spekulant gewesen. Als sich Schumpeter als Präsident der Biedermann Bank ein Schloss samt Reitstall zulegt und als Playboy im offenen Fiaker mit zwei Prostituierten durch die Stadt fährt, ist die Wiener Gesellschaft entsetzt über das Großmannsgehabe des katholischen Ex-Politikers, dem man eine Mitschuld an der Inflationsmisere zuschreibt – und der mit der Biedermann Bank auch 1924 pleitegeht. Die bloße Existenz enormer Vermögen ist von der finanziell ausgepowerten Mittelschicht damals als Affront empfunden worden. Der Historiker Felix Butschek meint dazu: „Die Profiteure der Inflation frönten eines luxuriösen Lebensstils, der angesichts der bedrückenden Lebensverhältnisse der Bevölkerungsmehrheit besonders provokant wirken musste. In Figuren wie Camillo Castiglioni und Sigmund Bosel fand diese Atmosphäre geradezu symbolhaften Ausdruck.“43

Manche haben den jüdischen Aufsteigern in der Finanzbranche später unterstellt, dass sie den vorhandenen Antisemitismus durch ihr Auftreten zusätzlich angestachelt hätten. „Viele dieser Neureichen verfielen in den Fehler der Parvenüs aller Zeiten“, meinte Richard Coudenhove-Kalergi in seiner bekannten Antisemitismus-Studie, „ihren neugewonnen Reichtum geschmacklos zur Schau zu stellen“, wodurch die Bevölkerung eine falsche Vorstellung von den wahren Einkommensverhältnissen der jüdischen Bevölkerung gewonnen hätte.44 Otto Bauer wiederum äußerte sich abfällig über die „neue Bourgeoisie“ der Inflationsgewinnler, „die zum großen Teil aus landfremden, kulturell tiefstehenden Elementen“ zusammengesetzt war, die ihren Erfolg ihrer „geschäftlichen Findigkeit und ihrer moralischen Skrupellosigkeit“ verdankt hätten. „Der kulturlose Luxus der an der Not bereicherten neuen Bourgeoisie erbitterte die Volksmasse. Eine Welle des Antisemitismus ergoss sich über das Land.“45 Vom Neid auf die Reichen und Neureichen war es nur ein kleiner Schritt zum Neid auf die reichen Juden. Die zeitgenössische Debatte offenbart auch den schmalen Grat, den es zwischen der Kritik an den Allüren so mancher Glücksritter und der Verunglimpfung von Geschäftsleuten aufgrund ihrer jüdischen Herkunft gegeben hat. Alle Parteien haben damals antijüdische Ressentiments bedient, auch die Sozialdemokraten, die reiche „jüdische Kapitalisten“ aufs Korn genommen und gegen „Schieber“ und „Schleichhändler“ gewettert haben. Weil Bosel einer der reichsten Österreicher war und dabei sein Judentum nie verhehlt hat, war er ein häufiger Bezugspunkt im antisemitisch gefärbten Polithader. Man hat ihn als hochgekommenen Schieber anfeinden können, als kapitalistischen Ausbeuter, als Frontmann der „Finanzjuden“ und später auch als „Skandalbankier“. Ein Mann wie Sigmund Bosel ist für Antisemiten ein willkommenes Feindbild gewesen.46


Im April 1922 eröffnet Sigmund Bosel mit 27 Mitarbeitern sein Bankhaus am Friedrich-Schmidt-Platz.

Im Jänner 1924 ist es für jedermann ersichtlich gewesen, dass nun die Nazis Bosel als ihr Hassobjekt auserkoren hatten. Zwischen großen Hakenkreuzen hat man auf Plakaten den Namen Bosel als Schlagwort der „kapitalistischen Versklavung“ Österreichs angeprangert: „Bosel kauft alles. Ein neuer Kulturkampf entbrennt. Arier! Christen! Besinnt euch und kommt zu den acht Abwehrversammlungen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei.“ Stattgefunden haben diese abendlichen Veranstaltungen in verschiedenen Wiener Stadtbezirken. Die NSDAP war damals noch eine Partei, die ihre Anhänger in einschlägigen Gasthäusern und Hinterzimmern mobilisiert hat. Die Teilnehmer mussten ein kleines Eintrittsgeld zahlen, und am Plakat ist der obligate Satz gestanden: „Juden ist der Eintritt verboten!“47

Sigmund Bosel ist am Höhepunkt seiner Karriere mit 31 Jahren in einem außergewöhnlichen Spannungsfeld gestanden. Der jüdische Glücksritter wird angefeindet von Antisemiten, von Antikapitalisten sowie darüber hinaus noch von Moralisten wie Karl Kraus, der aufgrund seiner Antipathie gegen Weltkriegsprofiteure Bosel und Castiglioni als „Kronen-Mörder“ attackiert hat – in Anspielung darauf, dass beide auf den Niedergang der Landeswährung gesetzt haben.

Im Oktober 1923 bringt Kraus in seiner Zeitschrift Die Fackel eine Polemik mit der Überschrift „Metaphysik der Haifische“. Sie entspringt der Überzeugung, dass sich das politisch korrumpierte Österreich gegen die Allmacht von neureichen Kriegsgewinnlern nicht mehr zu wehren wisse und kapituliert habe. Infolgedessen werden Bosel und Castiglioni, „deren Genie darin besteht, reicher zu sein als man noch vor einer Stunde geglaubt hat, von allen jenen, denen eine solche Begabung fehlt, aber erstrebenswert erscheint, als Titanen verehrt […].“48

Der „Zauber“ der beiden Männer, schreibt Kraus, sei sogar größer als der von Hugo Stinnes, dem legendären deutschen Industrietycoon, der Anfang der 1920er Jahre ein gigantisches weltweites Firmen-Imperium kontrollierte. Diesen Vergleich kann Kraus nicht ernst gemeint haben, denn an Stinnes kommt damals niemand heran. Der Jahrhundert-Unternehmer ist der Chef von über 1500 Firmen-Beteiligungen im In- und Ausland gewesen, unter denen Bergwerke, Erzgruben, Fabriken, E-Werke von Deutschland bis Kuba, Ölgesellschaften, Eisenbahnen und sogar Kokosplantagen in Neuguinea hervorstechen.49 Nachdem aber Castiglioni mit Stinnes bei BMW gemeinsame Sache gemacht hat und Bosel im August 1923 mit Stinnes über Möglichkeiten der Zusammenarbeit verhandelt, bekommt die Öffentlichkeit das Gefühl, dass die Austro-Glücksritter international mitspielen.

Die drei Inflationskapazunder entfalten auch eine ähnliche Außenwirkung. Stinnes sei „umweht“ gewesen von einer „Aura des Geheimnisvollen und Unergründlichen“, schreibt der Historiker Gerald Feldman in seiner großen Stinnes-Biografie. Bei Sigmund Bosel war es nicht viel anders. Ihm ist nachgesagt worden, dass er Menschen in seinen Bann ziehen und auch durch „aufsässige Unterwürfigkeit“ beeinflussen konnte. Dass der echte Stinnes wenig Wert auf seine Garderobe gelegt hat und sich angeblich geistesgegenwärtig in ein menschliches Kraftfeld verwandeln konnte, erinnert an Porträts, die über Sigmund Bosel geschrieben worden sind. Auch ihm, dem „Panther im Schaffell“, wurde eine „geniale Spürnase“ zugeschrieben, die „immer die richtigen Dinge bei den richtigen Menschen wittert“. Wenig überraschend ist Bosel daher bisweilen als der „österreichische Stinnes“ bezeichnet worden.50

Es lässt sich freilich nicht jeder vom unorthodoxen Managementstil der Selfmade-Milliardäre beeindrucken, die mit scheinbar genialer Schaffenskraft ihrer Zeit den Stempel aufgedrückt haben. Alle „Kometen des Geldes“, wie der deutsche Journalist Paul Elbogen die großen Spekulanten genannt hat, seien letztlich in gleicher Weise dem Geld verfallen gewesen. „Sie schillern in oft rätselhaft gleichartigen Farben“ und auch „ihre Balance am Rande des Abgrundes ist sonderbar ähnlich. Und dennoch ist jedes einzelne Dasein dieser Bewunderten voll einer abenteuerlichen Romantik, deren Ursachen oft nicht in der Persönlichkeit, sondern in der durch das Geld bedingten Macht allein verborgen sind.“ Schon Machiavelli hat den Herrschenden von Florenz das Rezept vorgekaut, das zum Nimbus überdimensionaler Erfolgsmenschen führt: Die Kraft der Macht liegt im Geheimnis.51

Anmerkungen

1

Habe, Ich stelle mich, 60.

2

Bettauer, Der Kampf um Wien, 201.

3

Sandgruber, Ökonomie und Politik, 360 f.; Meixner, Aspekte zur Mentalität eines öst. Unternehmertums im 19. und frühen 20. Jhdt., http://www.iv-wien.at/​iv-all/​dokumente/​518.html (2. 2. 2015).

4

ÖStA, AdR HBbBuT BMfHuV Präs, Auszeichnungsanträge Bosel, 2664/​1920, Brief d. Wr. Polizei, 21. 6. 1920.

5

ÖStA, Auszeichnungsanträge Bosel, 2664/​1920: Schreiben Matthias Eldersch, 27. 6. 1920. Von 1918 bis 1920 hießen Minister vorübergehend „Staatssekretäre“.

6

ÖStA, Auszeichnungsanträge Bosel, 2664/​1920, St.A.f.Hu.G., I.u.B. an die Polizeidirektion, 7. 11. 1920.

7

ÖStA, Auszeichnungsanträge Bosel, 2664/​1921: Präsidentschaftskanzlei an Handelsministerium, 7. 3. 1921.

8

Sandgruber, Traumzeit für Millionäre, 177 f.; Franz, Bosel, 8.

9

Zweig, Rausch der Verwandlung, 31.

10

Walré de Bordes, The Austrian Crown, 163 u. 240; Matis, „Notleidende Millionäre bevölkerten damals Österreich“, in: Konrad/​Maderthaner (Hrsg.), … der Rest ist Österreich, 34 f.

11

Weber, Zusammenbruch, Inflation und Hyperinflation, in: Konrad/​Maderthaner, 8.

12

Matis, „Notleidende Millionäre bevölkerten damals Österreich“, in: Konrad/​Maderthaner, 44; Sandgruber, Ökonomie und Politik, 354; www.zitate.eu/​autor/​8560/​anton-kuh.

13

Zollinger, Geschichte des Glücksspiels, 260 ff.; Zollinger, Banquiers und Pointeurs, 223 ff.

14

Andics, Der Staat, den keiner wollte, 120; Weber, Hauptprobleme der … Entwicklung Österreichs in der Zwischenkriegszeit, in: Kadrnoska (Hrsg.), Aufbruch und Untergang, 602 ff.; Rabl, Hugo Bettauers Wien, 44 ff.

15

Stekl, Bürgertumsforschung und Familiengeschichte, in: Stekl (Hrsg.), Bürgerliche Familien, 19; Scheffer, Bankwesen, 354 ff.

16

Sandgruber, Ökonomie und Politik, 357; Berger, Zur Situation des öster. Bürgertums, in: Konrad/​Maderthaner (Hrsg.), … der Rest ist Österreich, 75.

17

Walré de Bordes, The Austrian Crown, 19 ff.; Weber, Hauptprobleme, 593.

18

Kostolanys Börse-Seminar, gutzitiert.de.

19

Weber, Hauptprobleme, 605; Die Börse, 11. 11. 1926.

20

Scheffer, Bankwesen in Österreich, 354 f.

21

Franz, Bosel, 38; Die Börse, 17. 11. 1922.

22

Tagblatt, 7. 7. 1937; Franz, Bosel, 9; Die Börse, 15. 3. 1923.

23

Lewinsohn, Die Umschichtung der europäischen Vermögen, 252; Ufermann, Könige der Inflation, 78; ÖStA, AdR HBbBuT BMfHuV Präs Auszeichnungsanträge Bosel, 2664/​1920; Franz, Bosel, 10, 27.

24

WStLA, Vr 2562/​37 3/​226C, Einvernahme Wolfgang Dawid, 12. 2. 1937; Österreichische Industriegeschichte GmbH, Österr. Handelsgeschichte, 142, Hoffmann, Der Fall Sigmund Bosel, 34.

25

WStLA, Vr 2562/​37 3/​226C, Einvernahme SB, 5. 7. 1936 und 30. 9. 1936; Neue Freie Presse, 5. 6. 1923; Franz, Bosel, 12 f.; Hoffmann, 34; Neues Wiener Journal, 1. 1. 1924.

26

Algemeen Handelsblad, 23. 4. 1937; Reichspost, 11. 4. 1937.

27

Reichspost, 17. 4. 1937.

28

Hoffmann, Der Fall Sigmund Bosel, 30; Franz, 18, Sandgruber, Traumzeit für Millionäre, 57; Industriegeschichte GmbH, 174; Der Abend, 19. 11. 1924; HANB, Effektenstände Bosel, 655/​1925.

29

Walré de Bordes, Austrian Crown, 185; FAZ, 28. 6. 2005; Dörmann, Jazz, 96.

30

Andics, Der Staat, den keiner wollte, 120.

31

Bettauer, Hemmungslos, 25; Rabl, Hugo Bettauers Wien, 35.

32

Krenek, Im Atem der Zeit, 200.

33

Walré de Bordes, 191; Kahr, Die Österreichischen Banken zwischen 1913 und 1926, 30 ff.

34

Die Neue Wirtschaft, 4. 1. 1924; Walré de Bordes, 22 ff.; Ausch, Als die Banken fielen, 20 ff.

35

Ufermann, Könige der Inflation, 78; Scheffer, Bankwesen in Österreich, 356.

36

Stiefel, Camillo Castiglioni, 36; Schlüter, Der Haifisch, 60 ff.; Pollner, Camillo Castiglioni, 118 f.

37

Die Stunde, 22. 7. 1923.

38

Markus, Das heitere Lexikon der Österreicher, 69.

39

Hoffmann, 35; Sandgruber, Ökonomie u. Politik, 357; Hoffmann, 35; Franz, 18.

40

Hall, Abend f. Hugo Bettauer, www.murrayhall.com; Marx, Stadt ohne Juden, IASL Online; Kurier, 13. 5. 2011.

41

Bettauer, Die Stadt ohne Juden, 70.

42

Arbeiter-Zeitung, 8. 2. 1924 und 21. 12. 1923.

43

Sandgruber, Ökonomie u. Politik, 360; Butschek, CA-Krise 1931, in: Wirtschaft u. Gesellschaft, 2009/​1, 66.

44

Coudenhove-Kalergie, Der Judenhass von heute, 22 f.

45

Bauer, Die Österreichische Revolution, 219.

46

Pauley, Politischer Antisemitismus im Wien der Zwischenkriegszeit. In: Botz/​Oxaal/​Pollak/​Scholz (Hrsg.), Eine zerstörte Kultur, 248 f.; Wahl, Kaffeehäuser zu Bankfilialen, in: Konrad/​Maderthaner (Hrsg.), … der Rest ist Österreich, 60.

47

Wienbibliothek, Plakat (1924) „Bosel – in Deinem Lager ist Österreich“, P 225767.

48

Kraus, Die Fackel Nr. 632, 151 f.; Wahl, Kaffeehäuser zu Bankfilialen, 57.

49

Elbogen, Kometen des Geldes, 55 f.

50

Feldman, Stinnes, 777 f., Die Stunde, 22. 7. 1923, Die Börse, 11. 11. 1926, Die Stunde, 21. 8. 1924.

51

Elbogen, Kometen des Geldes, Einleitung; Machiavelli, The Prince, 76; Die Presse, 27. 11. 2014.

5 – DER BENJAMIN DER MILLIARDÄRE

Die verrückten Inflationsjahre nach dem Krieg fahren den Großstadtmenschen in die Knochen. Wer es sich irgendwie leisten kann, stürzt sich in den Unterhaltungstaumel, um den Alltag zu verdrängen. Die aufgestaute Lebenslust findet ihr Ventil im Nachtleben und in der Mode, wo Tabus gebrochen werden. Das „schöne Frauenbein“ wird entdeckt und in Seidenstrümpfen zur Schau gestellt. Mit den sexuellen Reizen wird nun offener gespielt. Die Röcke der Damen rutschen hinauf bis zum Knie, Kleider werden schulterfrei. Die Nachkriegserotik rückt bisher verborgene Körperzonen ins Blickfeld. Dem neuen Schönheitsideal entsprechen Frauen, die in losen Gewändern einen durchaus sportlichen Auftritt haben und im Pelzmantel zart und zerbrechlich wirken.1

Die „gute alte Zeit“ ist in Styling-Fragen überholt. Die emanzipierten It-Girls der Inflationsepoche kommen aus dem Frisurensalon mit einem Pagenschnitt heraus. Der Entertainer und Klavierhumorist Hermann Leopoldi verarbeitet diesen Trend zu einem Foxtrott: „Jede Gnädige, jede Ledige trägt den Bubi-Kopf so gern, weil’s bequem ist, angenehm und modern.“ Sigmund Bosel taucht abends gern im „Kabarett Leopoldi-Wiesenthal“ auf, wo auch andere Finanzgrößen ausspannen, wenn Leopoldi oder der spätere Filmstar Hans Moser auftreten. „Die Familie Rothschild“, heißt es in einer Leopoldi-Biografie, „kam mindestens einmal pro Woche, auch Bankpräsident Bosel, einer der reichsten Männer Wiens, war ständiger Gast in unserem Kabarett.“2

In Wien und Berlin boomen überdies Etablissements und Nachtlokale, in denen leichtgeschürzte Damen auftreten, die den damaligen Gepflogenheiten zufolge als „Nacktkünstlerinnen“ bezeichnet werden. Meistens erscheinen diese Revuegirls und Sängerinnen dann doch nicht „oben ohne“, sondern mit kleinen, schmuckartigen Verhüllungen. Damit wirken sie im Vergleich zu herkömmlichen Balletteusen aber so, als wären sie splitternackt, und verdrehen auf diese Weise vielen Nachtschwärmern den Kopf.

Als Kompensation für die wirtschaftliche Trübsal wird getanzt, dass sich die Bretter biegen. Ein – unter Moralaposteln verrufener – Modetanz der Inflationszeit ist der „Shimmy“. Bei diesem schnellen Wackeltanz schütteln Tänzer ohne strenge Haltungsvorgabe ihren Körper, während das Saxophon die Melodie vorgibt. Flotte Rhythmen drängen die Walzerseligkeit zurück. Die Musik der Stunde ist der Jazz, der zum „Soundtrack der Zwanziger Jahre“ wird.3

Bis 1923 macht die Gastronomie rauschende Geschäfte. In Wien tummeln sich viele Diplomaten, die die Einhaltung der Friedensbedingungen zu überwachen haben und ihre Posten im Preisparadies Österreich in vollen Zügen genießen. Die tausenden „kleinen Castiglionis“ – wie Hellmut Andics das Heer der Finanzabenteurer genannt hat – geben ihre Gewinne in Nachtlokalen, Bars und geheimen Spielsalons fleißig aus. Mit dem Siegeszug der Börse verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Nachtleben. Viele drehen in verschiedenen Zeitzonen am Glücksrad, in einschlägigen Lokalen werden Telefonzellen errichtet. Man hat das schnelle Geld im Kopf – und den Zusatzkick durch flüchtige Flirts. „Die Gäste warteten, nervös an ihren Zigarren kauend, auf Gespräche mit ihren Maklern in Zürich, London und Paris, während sich ihre Frauen in den Armen junger Gigolos und verarmter Aristokraten zur Jazzmusik wiegten. Man tanzte Shimmy und sang: und ist die eine Frau ‘ne Pleite, nimm‘ ‘ne zweite, nimm‘ ‘ne zweite.“4

Diese grellen Seiten tragen den frühen 1920er Jahren den Ruf einer hemmungslosen, anmaßenden Ära ein. Ein leuchtendes Beispiel dafür war, dass ein paar „Finanzgenies“ in wenigen Jahren all das nachholen wollten, „wozu die Großbürger des 19. Jahrhunderts Jahrzehnte, die Aristokraten der Feudalzeit Jahrhunderte gebraucht haben“.5

Beseelt von diesem Ehrgeiz wollen Sigmund Bosel und Camillo Castiglioni 1922 die Besitzverhältnisse in der österreichischen Hochfinanz aufmischen. Beide haben es auf die altehrwürdige Unionbank abgesehen. Die zwei Inflationszampanos wollen sich an die Spitze des Traditionshauses stellen und so ihren Aufstieg krönen.

Der Poker um die Unionbank

Im Präsidentenstuhl der Unionbank thront damals ein Mann, der fast ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke der Bank geprägt hatte: Eugen Minkus. Der mehr als 80-jährige Generaldirektor mit dem schlohweißen Bart und dem champagnerseligen Gesichtsausdruck ist gebieterisch und statusbewusst. Minkus ist der Doyen der Wiener Bankwelt, als Bosel und Castiglioni unabhängig voneinander einen Übernahmeangriff auf sein Institut ins Auge fassen.

Den beiden Finanzakrobaten ist nicht verborgen geblieben, dass sich die Unionbank auf dem absteigenden Ast befindet. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges war die Bank in der Rangliste der altösterreichischen Banken auf Platz sieben gelegen. Die Bank erwirtschaftete ihr Geld durch Kreditgeschäfte mit wichtigen Industriekonzernen und durch Infrastruktur-Anleihen für staatsnahe Projekte, angefangen von der Regulierung der Donau über die Wiener Stadtbahn, die ersten Strom- und Telefonnetze bis hin zur imperialistischen Erschließung Bosniens und der ersten k. u. k. Bankfiliale in Sarajewo.

Nach dem Untergang der Monarchie kommt die kapitalmäßig gut ausgestattete Unionbank aber so wie die anderen österreichischen Finanzhäuser unter Druck. Weil Minkus die Bank noch dazu mit „ängstlicher Vorsicht“ führt, kann sie das Geschäft, das etwa in Triest verloren gegangen ist, nicht kompensieren. Die hauseigenen Bankbeamten sind unzufrieden, wichtige Aktionäre murren. Zynische Beobachter halten die Bank für ein „verknöchertes“ Institut, das an „Arterienverkalkung leidet“.6


Sieht die Inflation als „eine Form der sozialen Revolution“: Zeitungsmacher Imre Békessy um 1925.

Solche Kommentare sind es, mit denen Die Börse eine Neuausrichtung der Unionbank fordert. Das auflagenstarke Finanzblatt gehört dem umstrittenen Herausgeber Imre Békessy. Der aus Budapest stammende Zeitungsmacher hasst das Wiener Establishment und steht auf der Seite der Neureichen. Békessy hat es zu seiner redaktionellen Linie gemacht, dass die Inflation zu einer Epoche stilisiert wird, in der wirtschaftliches Talent über soziale Herkunfttriumphiert–freinachdem Motto, dass tüchtige Zuwanerer und clevere Aufsteiger Beifall verdienen, wenn sie dem saturierten Großbürgertum beruflich einheizen. Békessys Sohn, der Journalist Hans Habe, wird die Moral seines Vaters später so umreißen: „Alle seine Freunde, die neuen Millionäre, waren von unten gekommen, und weil sie nun reich und angesehen waren, nahm er an, die Inflation sei wirklich eine Form der sozialen Revolution … Aber es war ein eigenartiger Sozialismus, der die ausgleichende Gerechtigkeit darin sah, ein Regiment von Geizhälsen durch ein Regiment von Bravados zu ersetzen.“7

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum Békessy den Inflationsgewinnlern die Treue hält. Die Geldgeber, die ihm 1919 das Startkapital für seine Finanzzeitung vorgestreckt haben, waren – erraten – Sigmund Bosel und Camillo Castiglioni. Wen wundert es daher, dass Die Börse den greisen Eugen Minkus alles andere als schmeichelhaft behandelt hat.8

Der honorige Bankboss, der 41 Dienstjahre gebraucht hat, um 1911 in den Chefsessel der Unionbank zu gelangen, hat jedoch eine dicke Haut. Denn Minkus war schon 1873 im Dienst, als die Monarchie von einem Börsencrash erschüttert wurde. Der junge Unionbank-Direktor verdient sich damals seine Sporen mit einem Rettungsfonds für pleitebedrohte Aktiengesellschaften, als es dem Finanzplatz Wien fast an den Kragen geht. So jemand lässt sich von kühnen Senkrechtstartern und publizistischen Breitseiten nicht so leicht beeindrucken.9

Abgesehen davon spürt Minkus sehr wohl, dass seine Bank auf Partnersuche gehen muss. Im April 1921 überlässt die Unionbank daher der zweitgrößten Wiener Bank – der Boden-Credit-Anstalt – ein großes Aktienpaket, damit ein Zusammenschluss in die Wege geleitet wird.10 Doch die gewünschte Bankenheirat geht nach einem Jahr wieder in die Brüche. Übrig bleibt der Eindruck, dass Minkus durch sein ungebrochenes Machtbewusstsein ein selbstherrlicher Investorenschreck ist.

Eine Großaktionärin der Unionbank, die deutsche Dresdner Bank, lässt sich nicht ins Boxhorn jagen. Nach der geplatzten Fusion bildet sie im Frühjahr 1922 eine Allianz mit Camillo Castiglioni, der mehrere ausländische Banken im Schlepptau hat und sein Geld aus einer anderen Bankbeteiligung in die Unionbank umschichten will. Im Mai 1922 ist es so weit: Castiglioni und die Dresdner Bank haben sich durch gemeinsame Aktienzukäufe die Kontrolle der Unionbank gesichert. Doch der 82-jährige Minkus denkt nicht an einen Abgang. Er will der Herr im Haus bleiben und branchenfremde Quereinsteiger wie Castiglioni auf Distanz halten.

Im Oktober 1922 klingeln in der Unionbank plötzlich mehrere Alarmglocken gleichzeitig. Minkus und das internationale Bankenkonsortium rund um Castiglioni müssen feststellen, dass auch Sigmund Bosel in den Ring gestiegen ist. Still und heimlich hat er über sein Bankhaus die Hälfte der Unionbank-Aktien zusammengekauft. Aus dem Duell Minkus gegen Castiglioni ist ein Dreikampf um die Unionbank geworden.

So ein Konflikt ist genau nach dem Geschmack des Verlegers Békessy, der den Übernahmepoker zu einer Schlacht zwischen dem alten und dem neuen Reichtum stilisiert. Seine Leserschaft erfährt, dass Minkus Sigmund Bosel für ein ungeduldiges und unartiges „Wunderkind“ hält und es den alten Bankier nervt, wenn ständig von der nötigen Modernisierung der Unionbank die Rede ist. „In solchen Zeiten verlässt man aber nicht die sicheren Pfade und schlägt neue Wege ein“, poltert Minkus. „Oder will vielleicht Herr Bosel, dass der Verwaltungsrat durchbrochene Seidenstrümpfe trägt?“11

Mit diesem Seitenhieb auf gemusterte Männerstutzen will Minkus sagen, dass Bosel als hochgekommener Textil-Verkäufer vom Bankgeschäft zu wenig Ahnung hat. Genüsslich walzen die Reporter die Auseinandersetzung publizistisch aus. Um die Übernahmegefahr zu entschärfen, zieht die umkämpfte Unionbank eine Kapitalerhöhung durch. Das dadurch entstehende Extrapaket an Aktien wird dem Castiglioni-Konsortium zugeschanzt, damit sich die Machtverteilung zum Nachteil Bosels verschiebt. Der lässt sich diesen faulen Trick aber nicht gefallen.12

Schon im Vorfeld der Auseinandersetzung hat Bosel seine „patriotische Trumpfkarte“ ausgespielt. Durch die Blume erinnert er daran, dass in anderen Großbanken ausländische Großaktionäre mitreden und Camillo Castiglioni auch kein Österreicher mehr sei. „Nichts drängt mich, nicht einmal die Nervosität und Ungeduld der gegenwärtigen Machthaber der Unionbank“, sagt Bosel. „Ich frage nur: Hat nur ein ausländischer Kapitalist das Recht, eine österreichische Bank zu beeinflussen und zu führen? Darf ich als Österreicher und Wiener nicht die Ambition haben, eine österreichische Bank in den Dienst österreichischer Schaffungsgedanken zu stellen?“13

Um nicht noch mehr Porzellan zu zerschlagen, verständigen sich die Verhandlungsgegner darauf, dass ein Vermittler eingeschaltet wird. Kurz vor Weihnachten 1922 hört man dann auf einmal, dass sich Bosel und Castiglioni arrangieren könnten und Eugen Minkus ehrenhalber Bankchef bleibt. Békessy ist enttäuscht und wirft den beiden Finanzjongleuren Feigheit vor, weil sie Minkus nicht gänzlich abmontieren wollen: „Für Herrn Bosel, den Benjamin der Milliardäre, ergibt sich zum ersten Mal die peinliche Notwendigkeit, seinen Erfolg durch eine persönliche Rücksichtslosigkeit zu bekräftigen.“14 Die angepeilte Machbalance zwischen Bosel und Castiglioni zerschlägt sich jedoch wieder, weil die Dresdner Bank ausschert. Die beiden Großinvestoren erkennen, dass in der Unionbank für zwei Alpha-Tiere, wie sie es sind, nicht genug Platz ist. Die Nervenschlacht um das Finanzhaus geht weiter.15

Die Wienerstadt im Wertpapiertaumel

Während Sigmund Bosel an seinem bis dahin größten Coup arbeitet, geht es der Hyperinflation an den Kragen. Die Regierung Seipel hat endlich das rettende Hilfspaket aus dem Ausland aufgestellt. Die Alliierten haben erkannt, dass Österreich aufgepäppelt werden muss, weil das Land sonst ganz Mitteleuropa gefährlich destabilisieren könnte. Die Republik erhält eine Finanzspritze von 650 Millionen Goldkronen. Und zwar über eine „Völkerbund-Anleihe“, die von mehreren ausländischen Regierungen garantiert wird und Österreich die horrende Last einer zehnprozentigen Verzinsung aufbürdet.16

Schon allein die Ankündigung der Anleihe genügt, um den Verfall der Krone zu stoppen. Der Inflationsspuk ist wie weggeblasen. Doch die „Genfer Sanierung“ hat ihren Preis. Die Regierung bekommt einen ausländischen Polit-Aufpasser zugeteilt. Der Holländer Alfred Zimmermann überwacht als Völkerbund-Kommissar, dass Österreich die verlangten Reformen und Sparauflagen einhält. Und die sind wahrlich hart: 80.000 österreichische Beamte müssen entlassen werden, jeder dritte Staatsdiener verliert seinen Job. Die bestehenden Steuern werden hinaufgeschraubt, obendrein wird die Umsatzsteuer eingeführt. Nach den fiebrigen Inflationsjahren steht die Wirtschaft nun unter einer eiskalten Dusche. Die Konjunktur erstarrt, die Arbeitslosigkeit explodiert. Österreich schlittert in eine Stabilisierungskrise.17

Die Kehrseite der Krise ist eine sagenhafte Kursrallye an der Wiener Börse. Weil die Kurse mit dem Tempo der Inflation nicht mitgehalten hatten, waren Aktien im Vergleich zu vielen Gebrauchsgütern spottbillig geblieben. Wegen der Gefahr einer österreichischen Staatspleite hatten viele Investoren keine Lust gehabt zuzugreifen. Diese Gefahr war mit der Genfer Sanierung aber nun abgewendet. Und siehe da, die österreichische Krone wird ab November 1922, gemessen am Dollar, plötzlich eine der stabilsten Währungen Europas, obwohl die Österreichische Nationalbank kaum Goldreserven hat.18

Damit winken an der Wiener Börse sensationelle Spekulationsgewinne ohne Währungsrisiko. Ausländische Anleger kaufen massenhaft österreichische Aktien und es strömt viel Kapital nach Österreich zurück, das im Ausland gebunkert war. Auch viele heimische Banken buttern Geld in die Börsenkonjunktur, nachdem sie seit Juli 1922 keine Devisengeschäfte mehr machen durften. Im Sog der Kronenstabilisierung verlagert sich der Spekulationsboom von den Fremdwährungen zu den Aktien. Zwischen September 1922 und Oktober 1923 steigen die Kurse um durchschnittlich 400 Prozent. Die Kaffeehäuser rund um die Wiener Börse werden von zockenden Kleinanlegern bevölkert. Das Spekulationsfieber erfasst weite Teile der Wiener Bevölkerung, die sich in den Mittagsstunden vor den Auslagen der Wechselstuben drängen.19

Wieder ist es der Schriftsteller Hugo Bettauer, der den Zeitgeist nach der Genfer Sanierung in einem seiner Inflationsromane einfängt – dem schon erwähnten Buch Der Kampf um Wien. Held der Geschichte ist der amerikanische Multi-Milliardär Ralph O‘Flanagan, der Ende 1922 nach Wien kommt, um in der Heimatstadt seiner Mutter nach förderungswürdigen Wiederaufbauprojekten Ausschau zu halten. Dabei verschlägt es den Dollar-Krösus auf eine politische und soziale Entdeckungsreise durch die „sterbende Märchenstadt“, bis er nach einer amourösen Odyssee mit den entsprechenden Herzensverwirrungen vier Monate später die tugendhafte Hilde Wehningen ehelicht und dem engstirnigen Wien Lebewohl sagt.

Anfang Dezember erscheint der Text von Der Kampf um Wien als täglicher Fortsetzungsroman in der neuen Boulevardzeitung Der Tag. Für Furore sorgt Bettauer, weil er in seine Romanhandlung tagespolitische Bezüge hineinmontiert und etliche reale Persönlichkeiten als namentlich verschlüsselte Figuren einbaut. Dadurch bekommen die Leser das Gefühl, dass ihre Lebenswelt mit der Handlung verschwimmt.20

Einmal mehr lässt Bettauer kein gutes Haar an den Spekulanten und Kriegsgewinnlern, die er als Mitverursacher der Wirtschaftsmisere hinstellt. Anders als im Buch Die Stadt ohne Juden wird der „Plutokrat“ Bosel in Der Kampf um Wien mit keiner Silbe erwähnt und auch nicht in verklausulierter Form eingebettet. Warum wohl? Die Zeitung, die Bettauers Roman fortsetzungsweise herausbringt, hat Sigmund Bosel gehört. Deshalb hat Bettauer vermutlich auf literarische Mätzchen über den Geldgeber verzichtet.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
448 стр. 48 иллюстраций
ISBN:
9783990404263
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