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Koytek & Stein
Der
Posamentenhändler
Kriminalroman
Leykam
für Max und Paul
Von der einfachsten bis zur güldnen Schnür,
alles macht der Posamentier!
1
Achtundsiebzig Stufen sind achtundsiebzig Stufen – und selbst, wenn man die vier gleich nach der Eingangstür abzog, blieben noch vierundsiebzig.
Fröstelnd trat er vor die Tür auf den Gang, zog seine Jacke enger um die Schultern und wartete. Von draußen schlich die Novemberkälte wie ein unsichtbarer Nebel das Stiegenhaus herauf und kroch unbarmherzig in seine Knochen. Seit über einer Woche verbarg sich die Sonne schon hinter einem undurchdringlichen Wolkenschleier und drückte auf seine Stimmung. Gespannt horchte er auf den Klang der Schritte, die sich näherten und nun am kleinen ehemaligen Portierskämmerchen vorbei mussten, das an manchen Tagen einen ziemlich strengen Geruch bis in die hintersten Winkel des Stiegenhauses verströmte. Außerdem erlosch dort das Licht meist, bevor man die Treppen erreicht hatte. Dann blieb einem nichts anderes übrig, als sich mühsam bis zum nächsten Lichtschalter vorzutasten.
Im hallenden Stiegenhaus konnte man die Geräusche, die die Schuhe auf den Marmortreppen verursachten, gut hören. Leder rieb auf eingetretenem Straßensplitt. Absätze – sieben oder acht Zentimeter, schloss er. Leise zählte er die Schritte mit, die sich ihm Stufe für Stufe näherten. Ein Lufthauch wehte den Oberton einer eigenwilligen Duftnote zu ihm hoch, die das übliche Stiegenhausaroma überlagerte.
Seit Jahren schon schwelte im Haus ein Konflikt der Parteien über den Einbau eines Aufzugs, doch bisher hatte sich die Kontra-Fraktion bei jedem neuen Anlauf gegenüber der Pro-Gruppe knapp durchgesetzt, sogar von Energiesparen und Klimaschutz war die Rede gewesen, sodass sich seine Kundschaft nach wie vor die drei Stockwerke zu Fuß hinaufquälen musste. Ihm war dies allerdings nicht gänzlich unrecht. So konnte er leichter seinem heimlichen Vergnügen nachgehen.
Erwartungsvoll strich sein Zeigefinger die Fugen zwischen den abgenutzten Fliesen entlang und hielt bei einer ausgeschlagenen Ecke inne. Langsam löste er ein winziges Stückchen ab, legte es vorsichtig auf seine geöffnete Handfläche und schnippte es lautlos ins Stiegenhaus.
Dreiundzwanzig, vierundzwanzig ..., zählte er dann stumm mit. Der Griff nach dem aus Eiche gedrechselten Holzgeländer, eine kurze Verschnaufpause – der erste Stock war geschafft. Er schloss die Augen. Ungefähr dreißig, lange Haare, taillierter Mantel, fantasierte er. Nach den zwei kleinen Pausen zu urteilen eher unsportlich, Armreifen und Ringe an den Händen – zumindest glaubte er, ein schepperndes Geräusch beim Griff nach dem Geländer gehört zu haben. Eventuell ein paar Kilo zu viel.
Fünfunddreißig, sechsunddreißig ...
Rasch zog er sich wieder in seine Räumlichkeiten zurück und ließ die Tür leise ins Schloss gleiten. Als die Türklingel schellte, verharrte er einen Augenblick lang reglos, lauschte dem schnellen Atem auf der anderen Seite und öffnete erst dann. Höflich wich er aus und machte mit der Hand eine einladende Bewegung.
Bei einigen wenigen Details war er tatsächlich richtig gelegen, im Großen und Ganzen jedoch überraschte ihn die äußere Erscheinung der eintretenden Frau: Absätze, übergroße Armreifen, protzige goldene Ringe an den Fingern – das waren die Treffer. Brünette, mit einer Nuance ins Rot gehende auftoupierte Haare, frisch vom Friseur, rosa-grau gemustertes altmodisches Kostüm, die Handtasche perfekt darauf abgestimmt – das hatte er nicht erwartet. Die aufgebauschte Frisur erinnerte ihn ein wenig an eine Bärenfellmütze, wie sie britische Dudelsackpfeifer bei ihren Aufmärschen trugen. Das Gesicht war zudem beherrscht von einer riesigen, dunkel getönten Brille mit nicht zu knappem Goldrand, die die Gesichtszüge in den Schatten stellte.
„Guten Tag!“, brachte die Frau nach einer kleinen Atempause leicht schnaufend hervor. „Pfeifer ..., Sophie Pfeifer – der Aufzug ... wurde übrigens schon erfunden ...“, fügte sie mit leicht spöttischem Tonfall hinzu und streckte ihm gleichzeitig ihre makellos gepflegte Hand hin. Dabei drohte ihn der Duft des aufdringlichen Parfums wie eine Dampfwalze zu überrollen. Unauffällig versuchte er der Geruchsattacke Richtung Büro auszuweichen und entgegnete: „Conrad Orsini, womit kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Das ist eher eine äußerst ... delikate Angelegenheit.“ Wie um diesen Satz von sich wegzuschieben, öffnete Sophie Pfeifer den Verschluss ihrer Handtasche, holte ein an den Rändern rosarot verziertes Stofftaschentuch hervor und tupfte sich damit über die Stirn. Befriedigt stellte Orsini fest, dass er sich zumindest in punkto Sportlichkeit nicht geirrt hatte. Er zog die Augenbrauen hoch und wartete. Es war nicht ungewöhnlich, dass seine Klienten es schwierig fanden, zur Sache zu kommen. Sie hatten einen Sack voll Misstrauen und Verdächtigungen im Gepäck, noch dazu meist gegen die nächsten Verwandten oder Geschäftspartner. Und, was das Schwierigste zu sein schien, sie kannten ihn nicht, weshalb erst ein gewisses Vertrauen aufgebaut werden musste. Dass Sophie Pfeifer allerdings angeläutet hatte, ohne zuvor einen Termin zu vereinbaren – so viel Spontaneität hätte er ihr nicht zugetraut.
Durch den Vorraum, der seine Wohnung vom Büro abtrennte, bat er sie weiter, zog im Büro einen der beiden alten Lederstühle für sie heran und nahm ihr gegenüber Platz. Dabei entging ihm auch ihr verwunderter, fast herablassender Blick nicht. Abgesehen von den beiden Ledersesseln für Besucher, dem großen amerikanischen Schreibtisch mit einer Tischlampe aus den Sechziger-Jahren und einem Bakelit-Telefon, bevölkerte nämlich nur noch Orsinis absolutes Lieblingsstück, der mit Kuhfell überzogene Drehsessel, das Zimmer.
„Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Kaffee, Tee?“
„Nein, danke!“
Schweigen.
Regungslos wartete Orsini ab, denn er funktionierte nach seiner eigenen Uhr. Darüber hinaus nahm er nur Fälle an, die sein Interesse erregten. Zu diesem Zweck hatte er in seiner Schublade drei unterschiedliche Vertragsformulare vorbereitet. Formular B war für Bessergestellte, Formular N für Normalsterbliche – und dann gab es noch Formular U. U stand für uninteressant und die darin verlangten Preise waren so astronomisch hoch, dass jeder Klient sofort seine Sachen packte und das Büro verließ. Wenn er einen Auftrag nicht annehmen wollte, zog er sich auf diese Art aus der Affäre und musste durch den kleinen Trick auch nicht erklären warum.
Ein Räuspern durchbrach jäh seine Gedankengänge. Sophie Pfeifer nahm die Brille ab und sah ihm für einen Moment unverwandt ins Gesicht.
„Ein Glas Wasser vielleicht, bitte!“
Innerlich schmunzelte Orsini. Nach außen zeigte er nur seine abwartend interessierte Miene, griff nach der Karaffe und goss zwei Gläser voll. Ohne die überdimensionale, fast operettenhaft wirkende Brille war Sophie Pfeifer eine durchaus attraktive Frau. Mitte vierzig vielleicht. Auch wenn ihr Stil nicht gerade seinen Idealvorstellungen entsprach. Ohne die Brille sah man dunkle Ringe unter den Augen, die selbst die dickste Schminke nicht wegretouschieren konnte. Besonders gut hatte sie wohl nicht geschlafen. Genauso abrupt wie sie die Brille abgenommen hatte, setzte sie sie wieder auf.
„Sie wirken recht ordentlich oder ist die Auftragslage ...“, begann sie schnippisch und deutete mit einer fahrigen Handbewegung vom großen, fast leeren Tisch hinüber zu Orsini. „Haben Sie denn keinen Computer, keine Akten?“
„Doch“, entgegnete Orsini, „die Akten sind im Kopf und der Computer im Nebenzimmer, wenn Sie die Einrichtung meinen, ich kann Unordnung nicht ausstehen – stört mein Denkvermögen.“
„Aha“, unterbrach sie ihn dermaßen spitz, dass Orsini froh war, ihr nicht den Rest seiner Wohnung zeigen zu müssen.
„Ja, es ist so ...“, setzte sie erneut an. Es schien, als bereute sie es, Orsini aufgesucht zu haben. Ihr Blick blieb auf den fünf an die Wand genagelten Schallplatten hängen. „Ich habe auf Ihrer Homepage gelesen, dass Sie ... Also ich möchte, dass Sie für mich herausfinden, ob, ... ob jemand aus meiner Familie versucht, mich um mein Erbteil zu bringen!“
Orsini nahm im Geiste Formular U zur Hand und seufzte: „Ihr Erbteil.“
„Mein ... mein Vater ...“
„Ihr Vater?“
„Ja, vorige Woche, er ist ...“ Sophie Pfeifer begann, langsam an einem ihrer Ringe zu drehen. Ihr Tonfall war beinahe unterkühlt, als sie fortfuhr: „... er ist vorige Woche ermordet worden. In seinem Geschäft. Drogensüchtige. Angeblich Beschaffungskriminalität. Aber darum ... geht es mir nicht, das ist Aufgabe der Polizei.“
Mord? Orsini zögerte ... darum geht es nicht ... Ohne den ihm gegenüber sitzenden glitzernden Weihnachtsbaum aus den Augen zu lassen griff er instinktiv nach Formular B für Bessergestellte und fragte: „Sondern?“
„Es geht um meinen Bruder Karl. Ich vermute, dass er das Erbe an sich reißen will.“ Sie öffnete ihre Tasche und zog ein Kuvert hervor. „Er wohnt nach wie vor in der elterlichen Wohnung, jetzt natürlich nur mehr mit unserer Mutter, und das schon seit sechsundvierzig Jahren!“
Sechsundvierzig Jahre keine Miete, immer frisch gebügelte Hemden, täglich eine warme Mahlzeit – was ist daran falsch?, spöttelte Orsini heimlich.
Jetzt, wo sie sich offensichtlich dazu entschlossen hatte, zu erzählen, schoss es aufgebracht aus Sophie Pfeifer heraus: „Das hier habe ich auf seinem Schreibtisch gefunden. Es ist eine Ungeheuerlichkeit!“ Sie leerte das Glas Wasser in einem Zug und ließ es mit klirrenden Armreifen auf den Tisch sausen.
„Gefunden“ war eine nette Umschreibung für herumstöbern und suchen, überlegte Orsini. Umständlich zerrte sie an dem Kuvert, das sich ihr zu widersetzen schien, bis sie endlich ein zusammengefaltetes Blatt Papier in der Hand hatte. Mit spitzen Fingern schob sie es ihm hin. Von sich weg.
„Moment – könnten wir von vorn beginnen?“ Orsini entfaltete sorgsam das Schreiben. „Ihr Vater wurde letzte Woche ...?“
„Ja. Er ist schon 85 gewesen, aber soweit ich weiß, bei bester Gesundheit. Freitagabend. Er wollte gerade sein Geschäft verlassen, als es geschehen ist.“ Wieder drehte sie am goldenen Ring und zog ihn dann langsam bis zur Fingerkuppe vor und zurück, als hätte es den Gefühlsausbruch wenige Augenblicke zuvor nicht gegeben.
Orsini sah zum Fenster hinunter auf die schmutzige Straße. Es tröpfelte leicht. Am First des Hauses gegenüber bleckte eine mächtige Löwenfigur im trüben Abendlicht die Zähne. Beim Anblick der steinernen Mähne fiel ihm unwillkürlich Sophie Pfeifers Frisur ein: Das feine Haar war zu einem gleichzeitig luftigen und mit diversen Mitteln gefestigten Machwerk verarbeitet. Zuckerwatte. Ein Löwe, besser gesagt eine Löwin, verbarg sich hinter dieser künstlichen Mähne jedoch nicht.
Sophie Pfeifer war nach einer knappen halben Stunde unvermittelt aufgestanden, hatte rasch noch ihre Unterschrift unter den Vertrag gesetzt und eine penetrante Parfumwolke hinterlassen.
Nachdenklich überflog er die schlecht leserliche Kopie des Schreibens, das Sophie Pfeifer ihm gezeigt hatte. Sophies Bruder Karl: Im Kopf zog Orsini von dessen sechsundvierzig Jahren die Zeit der Kindheit ab, rechnete mal 365, multiplizierte mit den Kosten eines üblichen Hotelzimmers und staunte ob der Summe, die er sich erspart haben musste. Sophie Pfeifers Neid war durchaus verständlich.
Es handelte sich um ein normales Anbot einer Immobiliengesellschaft namens Immotreu für das elterliche Haus, in dem sich das Geschäft befand. Dort war auch der Mord geschehen. Als Adressat war der Ermordete, Heinrich Novak, angeführt. Der Straßenname war gerade noch zu entziffern, die Hausnummer jedoch nicht. Jemand – Sophie Pfeifer vermutete ihr Bruder – hatte handschriftlich Ziffern hinzugefügt mit dem Vermerk: „Bar, bei Vertragsunterzeichnung.“ Der handschriftliche Betrag war um ein Mehrfaches höher als das offizielle Anbot. Das hatte ihr Misstrauen erweckt.
Sie hat heimlich nach einem Testament ihres Vaters gesucht und dann zufällig das Anbot entdeckt, dachte Orsini, ging ins Nebenzimmer und schaltete seinen Computer ein. Jedenfalls deutete ihre Verlegenheit in diesem Punkt darauf hin ... ungeduldig war sie wohl auch ... Verständlicherweise, denn der Termin mit dem Notar der Familie war erst in knapp drei Wochen angesetzt.
Mann tot in Geschäft aufgefunden, überflog Orsini die Schlagzeile im Internet-Zeitungsarchiv vom 25. 10. Der 85-jährige Händler Heinrich Novak aus Wien Neubau wurde am Freitag, den 24. Oktober kurz vor 20.00 Uhr leblos auf dem Boden liegend in seinem Geschäft in der Zieglergasse 31a aufgefunden ... die Rekonstruktion des Unglückshergangs gestalte sich schwierig, erklärte die zuständige Polizeisprecherin ... vermutlich erdrosselt ... Obduktion sei abzuwarten ... mehrere Einvernahmen ...
Erfolglos suchte er nach aktuelleren Einträgen und klickte schließlich auf das Ausschaltsymbol. Für einen Augenblick empfand er seine Tätigkeit als unendlich mühsam, wenn er an die Möglichkeiten seines früheren Jobs dachte. Der Ventilator des Computers gab ein letztes Surren von sich, während Orsini wieder zum Gespräch von vorhin zurückfand.
Sophie Pfeifer selbst war geschieden und kinderlos. Zu ihren Eltern und den beiden Geschwistern hielt sie nur sehr losen Kontakt. Deswegen hatte sie auch von eventuellen Verkaufsplänen nichts gewusst und fühlte sich nun vor den Kopf gestoßen. Zudem hatte sie nach dem Begräbnis auch noch festgestellt, dass von den Kunstgegenständen in der elterlichen Wohnung einiges fehlte. Zur Rede gestellt hatte sie ihre Geschwister diesbezüglich aber nicht. Ein Satz hallte dazu in Orsinis Ohren wider: „In unserer Familie wurde die Sprachlosigkeit kultiviert.“
Morgen würde er sich um alles Weitere kümmern, beschloss er, denn er hatte noch einige dringlichere Aufgaben zu erledigen.
Wenig später bog er mit hochgestelltem Mantelkragen unter der goldenen Weltkugel des Palais des Beaux Arts in die Löwengasse. Wie immer schaute er kurz zu den Weltkugelträgerinnen hoch, denen das Regenwasser von den schwarzen Haaren über die ebenso schwarzen Arme auf die nackten Brüste tropfte, hob grüßend die Hand und marschierte mit zügigen Schritten voran.
Nur halblaut drangen die Geräusche an sein Ohr, ohne dass er sie wirklich registrierte, so versunken saß er gegen Abend auf der mit Kunstleder bezogenen, abgenutzten Sitzgarnitur im ebenso abgenutzten, kleinen Kaffeehaus. Wieder einmal. Er hoffte, auf Paula zu treffen. Einige Male hatten sie hier – im Jell, wie sie es abgekürzt nannten – nach der Arbeit gemeinsam Kaffee getrunken oder stundenlang geredet. Die Zeit war dabei weitergezogen.
Immer noch trug er den Geruch ihrer Haut in seiner Erinnerung mit sich, den Geschmack ihrer Lippen, ihre bedingungslosen, beinah ungestümen Umarmungen, ihre wilden Locken, die dabei sein Gesicht streiften und ihr neckisches Lachen, wenn es ihr gelungen war, ihn auf den Arm zu nehmen.
Vorbei. Das war Jahre her, vergessen konnte er Paula freilich nicht. Dass er mittlerweile zwei Stunden hier saß und auf den kümmerlichen verstaubten Gummibaum starrte, hob die Stimmung nicht sonderlich. Sogar der Kellner, der ihn zuvor schon zweimal gefragt hatte, ob er noch etwas wünsche, aber nur ein missmutiges „Nein!“ zu hören bekommen hatte, schien nun einen Bogen um seinen Tisch zu machen.
Abermals fiel sein Blick auf die Wanduhr, die sich kaum von der nikotingelben Stofftapete abhob, als die Eingangstür darunter aufging. Eine ältere Dame im abgetragenen Filzmantel, die Füße in flauschigen dunkelbraunen Hauspatschen, schob sich herein und schlurfte über den desolaten Parkettboden. Von ihrer Schulter baumelte eine blau blitzende Sporttasche. Zielstrebig steuerte sie den Tisch neben Orsini an, stellte die Sporttasche auf der Sitzbank ab und zog Filzmantel, Wollschal und Pelzhaube aus. Womöglich lag es an ihrem rosa-grauen verwaschenen Jäckchen, dass er erneut an seine Klientin, die Löwenmähnenfrau, denken musste, während sich die Dame ihm gegenüber in Zeitlupe niedersetzte und am Verschluss der blauen Tasche zu hantieren begann.
Dass es zwischen Sophie Pfeifer und ihrem Bruder nicht zum Besten stand, war nicht zu übersehen, aber auch bezüglich ihrer jüngeren Schwester Anna und ihrer Mutter Judith war kaum ein gutes Wort über die geschminkten Lippen gekommen. Bei der Erwähnung des ermordeten Vaters war sie erstaunlich kühl und wortkarg geblieben. Der Konflikt um die Erbschaft dürfte wie so oft als Lupe gedient und aus längst archivierten Streitereien einen massiven, scharfkantigen Berg an Problemen angehäuft haben.
Wieder ging in diesem Augenblick die Tür auf, – Paula?, ließ er sich kurz ablenken – doch es war nur ein junges verliebtes Paar, sodass Orsini bald wieder ins Grübeln verfiel. Die Dame am Nebentisch hatte inzwischen ein Kartendeck in ihrer pergamentenen Hand und legte erstaunlich geschickt die Karten vor sich auf den Tisch.
Patience? Orsini beobachtete neugierig, wie sie danach drei kleine silberne Dosen aus der Tasche holte und sie in einem Dreieck vor den Karten platzierte. Der Kellner kam wie gerufen und stellte ein Glas in die Mitte des Dosendreiecks. Ein doppelter Whisky, stellte Orsini erstaunt fest. Ohne die flink hin- und hereilenden Hände aus den Augen zu lassen, zogen seine Gedanken geradlinig weiter.
Was ihm Sophie Pfeifer noch erzählt hatte, war, dass die bis vor nicht allzu langer Zeit relativ heruntergekommene Gegend, in der sie ihre Kindheit verbracht hatte, seit Kurzem einen Aufschwung erlebte. Die Immobilienpreise waren gestiegen und auch ihre Familie dürfte Kontakt mit Bauspekulanten gehabt haben. Außer dem „gefundenen“ Papier hatte sie allerdings keine weiteren Hinweise dazu. Auf Orsinis Nachfrage, ob sie sicher sei, dass ihr Bruder Karl die mit Bleistift gekritzelten Zahlen dazugefügt habe, hatte sie geantwortet: „Nein, aber das Papier lag jedenfalls in seinem Zimmer. Karl war schon immer berechnend. Die Absicht dahinter ist doch klar – ich finde, das ist Beweis genug!“
Orsini war diesbezüglich nicht ganz so überzeugt, ging jedoch nicht näher darauf ein. Von der Hand zu weisen waren ihre Schlussfolgerungen natürlich nicht. Entweder hatte ihr Bruder sie und den Rest der Familie zu hintergehen versucht, um bar auf die Hand zu kassieren, oder aber er hatte in der ganzen Aufregung nach dem Mord an seinem Vater vergessen, den übrigen Familienmitgliedern von dem Anbot zu erzählen.
„Und keinen Kontakt mit dem Notar!“ Darauf hatte sie bestanden. „Er kennt die Familie und ich will unter keinen Umständen, dass mein Name irgendwie auftaucht. Meine Schwester würde einen Aufstand machen!“
„Dann wird’s aber schwierig“, hatte Orsini geantwortet.
„Na, da müssen S’ sich halt was einfallen lassen, sonst hätte ich Sie ja nicht engagieren brauchen!“
An dieser Stelle war er knapp daran gewesen, das Gespräch abzubrechen. Etwas hatte ihn jedoch davon abgehalten. Ein unbestimmtes Gefühl, von dem er gehofft hatte, es hinter sich gelassen zu haben, war in dem Moment in ihm wach geworden, als Sophie Pfeifer von Mord gesprochen hatte. Ein Instinkt, der ihn antrieb nachzuhaken. Das konnte so weit gehen, dass er die Kontrolle über sich selbst verlor und, von dem Drang nach Wahrheit besessen, alles um sich vernachlässigte. Bewusst hatte er um solche Fälle jahrelang einen Bogen gemacht. Doch die eintönigen Ermittlungen der letzten Zeit hatten ihn möglicherweise ausgehungert. Der Mord an Heinrich Novak schien geklärt, simple Kriminalität am unteren Rand der Gesellschaft. Dort fand sich nichts Mysteriöses. Und doch ...
Die Gegend, in der das Geschäft des Ermordeten lag, kannte Orsini jedenfalls – sie war nicht weit vom Jell entfernt. Zusammen mit dem Viertel rund um Ulrichskirche und Spittelberg bildeten sie die noch in ihrer Ursprünglichkeit erhaltenen Kernzonen des Bezirkes Neubau. Vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis ins neue Jahrtausend hatte sich die Bevölkerungsanzahl halbiert. Die damals florierenden Handwerksbetriebe waren an die Peripherie abgewandert oder ganz ausgestorben. Wer brauchte heute noch Kupferschmiede, Metallgießer, Abzeichen- und Ordenhersteller? Auch die damals in der ganzen Monarchie bekannte Puppen- und Spielwarenfabrik Emil Pfeiffer und das dazugehörige Geschäft Pfeiffers Puppen Paradies waren schon lange verschwunden.
Unterdessen spielte die alte Dame mit der linken Hand eifrig weiter, kramte dabei mit der rechten in der Tasche und zog etwas in Butterpapier Gewickeltes heraus. Ohne den Blick vom Spiel zu nehmen, öffnete sie das Papier mit einer Hand, holte ein Wurstbrot hervor und biss ab. Die drei silbernen Dosen und den Whisky hatte sie noch nicht angerührt. Orsini rief den Kellner, um zu zahlen.
„Sagen Sie“, fragte er leise und machte eine Kopfbewegung zur alten Dame, während er dem Kellner einen Zehner in die Hand drückte.
„Ja bitte?“
„Was ...?“, flüsterte Orsini und deutete erneut auf die kartenspielende Dame.
„Ach so, die Frau Newerkla“, erwiderte der Kellner so laut, dass Orsini am liebsten versunken wäre, „kommt jeden Tag zum Spielen her. Spielt die schwierige Variante ... übrigens brauchn S’ net leise redn, die is nämlich derrisch, versteht kaum ein Wort.“ „Und die silbernen Dosen?“
„Wern S’ glei sehn“, entgegnete der Kellner und ging.
Ratlos blieb Orsini sitzen und wartete, während die Frau hochkonzentriert weiterspielte. Ärgerlich blickte er nach einer Weile auf die Uhr, stand auf, bewegte sich auf den Ausgang zu und hatte schon den Türgriff in der Hand, als plötzlich ein dünner Schrei ertönte. Er drehte sich um. Die Dame hatte eine der drei kleinen Dosen in der Hand und versuchte sie zu öffnen. Vier Kartenstapel lagen fein säuberlich geschlichtet vor ihr auf dem Tisch. Mit zitternden Fingern holte sie eine orange Tablette aus der kleinen Dose, steckte sie in den Mund und spülte sie zusammen mit dem Whisky hinunter. Kopfschüttelnd öffnete Orsini die Tür und sah nur noch, wie der Kellner mit einem neuen Glas in der Hand auf die alte Dame zusteuerte.
Kaum war er aus der quietschenden, altersschwachen Tür an die frische, feuchte Luft getreten, blickte er sich nochmals um, konnte aber auch in der beginnenden Dämmerung keine dem Kaffeehaus zustrebende Frau entdecken.
... your love was like the sun, I don’t remember no cold days …, ging ihm ein Song Taj Mahals nicht mehr aus dem Kopf, so sehr er auch versuchte, an etwas anderes zu denken ... a happy fool I would rather be ... Leise vor sich hin pfeifend machte er sich schließlich auf den Weg. Mit eingezogenem Kopf betrachtete er die Auslagen der Geschäfte und wusste selbst nicht, warum und wie er plötzlich in der Gegend angelangt war, in der Sophie Pfeifer ihre Kindheit verbracht hatte. Seine eigene Wohnung lag in der entgegengesetzten Richtung. Es regnete immer noch. Ohne genaues Ziel trottete er die Zieglergasse entlang. Vor einem besonders desolaten Schaufenster hielt er an. „Einbruch zwecklos“ stand auf einem kleinen Aufkleber in der unteren Ecke der Glasscheibe, der für eine Sicherheitsfirma werben sollte. Ein Zeitloch. Hinter der schmierigen gläsernen Barriere hingen Okuliermesser, Nagelscheren und „Spezialgeräte für den Liebling“ an einer abbröselnden Schaumgummipinnwand neben Wetzsteinen für Sensen und einem „Schärfmeister für die Hausfrau“. Die handgeschriebenen Preisschilder waren noch in Schilling angegeben.
Langsam marschierte er weiter. Mehrfach verstellten Baufahrzeuge Einfahrten und Gehwege. Betonierte Kranfundamente verengten die Straße zusätzlich. Einige Häuser waren bereits renoviert worden, bei manchen hatte man zumindest die Geschäftsfassade neu gestrichen. Insgesamt aber machte das Viertel einen bemitleidenswerten und heruntergekommenen Eindruck, der durch die Dunkelheit und das schlechte Wetter noch verstärkt wurde. Er schlängelte sich weiter durch provisorische Fußgängerumleitungen an Baustellen vorbei, die trotz der fortgeschrittenen Stunde noch keineswegs zur Ruhe gekommen waren. Regen tropfte auf ihn herab, aus den Baustellenausfahrten rann die Erde als Matsch auf die Straße und verteilte sich zu unregelmäßigen, großen Pfützen. In null Komma nichts waren seine Schuhe verdreckt, genauso wie die untere Hälfte seiner Hose. Fluchend suchte er Unterschlupf in einem der verfallenen Hauseingänge. Das Tor stand halb offen. Eine einsame Glühbirne hing an ihrem Draht herab und verströmte spärliches Licht. Zuerst nahm er nur den Geruch nach Erbrochenem und abgestandenem Alkohol wahr. Dann, nachdem seine Augen sich an die Finsternis gewöhnt hatten, bemerkte er zum Stiegenaufgang hin eine Gruppe auf dem feuchten Boden herumlungernder Männer, die von einer beachtlichen Ansammlung Alkoholika umgeben waren. Woher der stechende Geruch kam, wusste er nun.
„Magst an Schluck?“, fragte der einzige noch Stehende aus der Gruppe und reichte Orsini schwankend eine Tetrapackbox. Nur mit Mühe konnte er das Etikett lesen. Es versprach den feinsten Cuvée. Orsini zögerte. Der Mann hielt die Box mit Daumen und kleinem Finger, aber dazwischen standen – anstatt der drei übrigen Finger – nur mehr Stummel von der Handfläche ab. Orsini dachte an die oft eiskalten Nächte weit unter dem Gefrierpunkt. Hier waren die Bewerter für das weltweite Ranking um die lebenswerteste Stadt wohl nicht vorbeigekommen ... Stolz hatte der Bürgermeister erst unlängst mit Wiens vorderster Platzierung geprahlt.
Ablehnen war unmöglich, so nahm er also die angebotene Rotweinmischung, wartete auf einen Moment, da er nicht beobachtet wurde, und führte die Box zum Schein an die Lippen.
„Danke, schmeckt super!“ Orsini fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund, gab die Box zurück und wollte wieder zur Straße zurückkehren. Eine erstaunlich kraftvolle Hand legte sich ihm jedoch auf die Schulter und hielt ihn energisch zurück. Orsini zuckte zusammen. Automatisch werteten seine Sinne die Berührung als Angriff. Er duckte sich blitzschnell, drehte sich um hundertachtzig Grad und holte aus.
Als er aber in das lachende, zahnlose Gesicht des stehenden Obdachlosen blickte, konnte er die reflexhafte Angriffsbewegung gerade noch stoppen.
„Nervös, Masta? ... vur mir ... brauchst ka Angst habn ... i moch da scho nix.“ Erst jetzt bemerkte Orsini, dass dem Mann ein Bein fehlte und zwei Krücken ihm quasi als Barhocker dienten. Das war auch der Grund, warum er noch immer stehen konnte. Er sprach lallend und verschluckte manche Silben. Speichel troff aus seinen Mundwinkeln, und auf seiner Jacke hatte der verschüttete Rotwein jede Menge Flecken hinterlassen.
„I wollt nur schaun ..., obst für den Superwein ... a Marie, ... a Gerstl ... springa losst!“
Verlegen kramte Orsini in seiner Hosentasche nach der Geldbörse, holte einen Schein heraus und fragte, ob sie denn keine Unterkunft hätten.
„O ja! wir ... mia wohnan ... eh glei ums Eck, sogor gratis!“
„Gratis?“
„Klor gratis ... nur scheichn s’ uns jedn Tog ausse, damit ma do in da Gegend ... umadumstengan.“
„Wieso?“
„Des was i ned, und ...“
In diesem Moment drohte der Mann umzufallen. Orsini musste ihn stützen, um ihn danach wieder in die Senkrechte zu befördern.
„Dank da sche, wüst no a moi?“
Orsini lehnte das Angebot höflich ab, was sich aus seiner Sicht als Fehler erwies. Denn der Mann trank nun ansatzlos die Box in einem Schwung leer, rülpste unmenschlich laut und war danach nicht mehr ansprechbar.
„Wer schickt euch raus?“
Keine Reaktion. Mehrmals versuchte Orsini den Mann durch Rütteln am Arm quasi wiederzubeleben. Aber der Mund des Einbeinigen öffnete sich nur und statt Wörtern sonderte er erneut eine Ladung Speichel ab. Ein dünner durchsichtiger Faden zog sich nun vom Kinn abwärts bis zur Brust.
„Wer schickt euch raus!?“, schrie Orsini dem offensichtlich ins Delirium Abgleitenden ins Ohr. Statt des Einbeinigen regten sich jedoch nur die übrigen Umherliegenden. Einer davon erwischte Orsinis Hose und krallte sich an ihr fest. Sein Nachbar kroch auf den Ellenbogen näher und stieß dabei eine Flasche nach der anderen um. Der Inhalt verteilte sich langsam glucksend auf dem Boden. Orsini drehte sich auf einem Bein und schüttelte mit einer präzisen Bewegung den Betrunkenen ab. Hier wurde es allmählich ungemütlich. Kurz dachte er daran, dem Einbeinigen seine Visitenkarte in die Tasche zu stecken, verwarf den Gedanken aber gleich wieder.
Auf dem Gehsteig, oder dem was davon übrig geblieben war, stieg er als Erstes in eine tiefe, mit Schlamm gefüllte Wasserlacke. Lautstark fluchte er die menschenleere Straße hinab. Noch einige Zeit konnte man das rhythmische Geräusch, das ein mit Wasser gefüllter Schuh macht, verklingen hören. Was Orsini jedoch nicht mehr hören konnte, waren die Schritte eines Mannes, der alles aus einem dunklen Winkel des Innenhofes beobachtet hatte, jetzt auf die Gruppe Obdachloser zuschritt und dem Einbeinigen die Krücken wegdrosch, sodass dieser mit dem Gesicht hart auf dem Boden aufschlug.
2
Der gestrige Abend hatte seine Spuren hinterlassen. Kraftlos stand er auf, kochte Tee, schlurfte ins Badezimmer und betrachtete sich wie immer kurz und kritisch im Spiegel.
Ärgerlich zupfte er ein sich durchkämpfendes einzelnes graues Haar über dem Ohr aus und schimpfte verhalten. Weniger wegen des kurzen Schmerzes als wegen der Tatsache des unaufhaltsamen Alterns. Ansonsten zufrieden fuhr er sich mit den nassen Händen durchs zerzauste, aber noch immer volle, dunkle Haar und nahm danach einige homöopathische Kügelchen ein, obwohl er diese Art der Therapie wie alle anderen auch grundsätzlich für zwecklos hielt. Eine beginnende Verkühlung ließ sich ohnehin durch nichts und niemanden verhindern. Ärzte, Apotheker und Pharmafirmen sahen das nicht so und schwatzten einem alles auf, was gut und vor allem teuer war. Ein Interessenkonflikt. Allerdings, da er das Fläschchen nun schon besaß, wäre es eine Verschwendung gewesen, es nicht zu verwenden. Immerhin beinhaltete es mehrere Hundert solcher Kügelchen, dachte er und schlurfte zurück in die mit handbemalten Fliesen ausgelegte Küche.
Das „Tsing“ des herausspringenden Toasts war für Orsini das Zeichen, den Tag ernsthaft zu beginnen – die Uhrzeit war dabei eine Variable. Nachdem er die Zeitung überflogen hatte, zog er das Telefon näher an sich heran.
Kein Kontakt mit dem Notar, hatte Sophie Pfeifer beharrlich verlangt. Aber irgendwie musste man an Informationen kommen.
„Kanzlei Dr. Skrovisky und Partner Sie sprechen mit Petra Wagner was kann ich für Sie tun?“ Wie ein einziges auf ihn zudonnerndes Wort überrollte ihn die Ansage.
„Skrov...siky, spreche ich das richtig aus?“
„Nein, Skro-vis-ky,“ wiederholte die junge Stimme am anderen Ende belehrend.
„Entschuldigung, Conrad Orsini, ich rufe an wegen der Erbschaft der Familie Novak.“
„Ich kann und darf Ihnen bezüglich dieser Erbschaft weder telefonisch noch sonst wie Auskunft geben. Da müssen Sie sich direkt an Dr. Skrovisky wenden, er betreut die Familie Novak selbst, ist aber im Moment nicht im Büro“, kam es wie aus der Pistole geschossen und für Orsinis Aufnahmefähigkeit zu dieser frühen Stunde viel zu schnell retour.
„Ah ja.“
„Sie sind, wie ich vermute, ein Angehöriger.“
„Nicht direkt“, tappte Orsini in die Falle. Sofort wollte er die beiden Worte wieder in sich einsaugen und wusste zugleich doch, was folgen würde.
„Da Sie kein direkter Angehöriger sind, kann ich Ihnen leider keine weiteren Auskünfte geben.“ Pause, und: „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“
Achselzuckend legte Orsini den Hörer nieder. Es war nichts anderes zu erwarten gewesen, dachte er und blickte auf seine Armbanduhr. Zeit, sich auf den Weg zu machen.
Die Nacht hatte es durchgeregnet. Tief stehende Wolken drückten der Stadt einen gräulich trüben Stempel auf. Wie so oft um diese Jahreszeit erfasste Orsini ein unbestimmtes Gefühl der Rastlosigkeit. Nach dem Abbruch des Jurastudiums war er mehrere Jahre ziellos umhergestreunt und hatte von der Hand in den Mund gelebt. Das Bild einer verschlafenen Insel – rostige Klapptische mit duftendem Kaffee und salzige Meeresluft – drängte sich zwischen die tropfnassen Auslagen der Häuserzeilen.
Der Eindruck des Wohnviertels war bei Tag noch deprimierender. Ein Konglomerat aus verfallenden Häusern und Siebzigerjahre-Zweckbauten. Zweimal um die Ecke hingegen, in der belebten Mariahilfer Straße, gaben Teenager in ihren Freistunden das Taschengeld in coolen Shops aus. Hier aber konnte man vom Alles-ein-Euro-Laden über den chinesischen Supermarkt bis zum Massagesalon Tina und Erich – der ein spezielles „für dich“ Verwöhnservice anbot – hauptsächlich das finden, was einen stetig anhaltenden Abstieg bedeutete. Nur vereinzelt kämpften die einst angesehenen Gewerbebetriebe und skurrilen Fachgeschäfte trotzig ums Überleben.
Orsini kam an derselben Stelle vorbei, wo er sich am Abend zuvor den Schuh mit Wasser angefüllt hatte. Eigentlich wollte er nach den Obdachlosen suchen, was zurzeit jedoch kaum möglich war, da ein Betonmischwagen genau die Einfahrt verstellte. Rundum herrschte hektische Betriebsamkeit, und der Schmutz hatte sich durch den nächtlichen Regen nur noch mehr verteilt. Nur notdürftig war eine Klarsichthülle, in der ein Formular steckte, an ein faseriges Holzbrett genagelt. Niemand nahm von ihm Notiz, als er es hervorzog und sich die Namen zweier Immobilienfirmen mit dazugehörigen Adressen aufschrieb. Mit klammen Fingern steckte er den Stift in die Tasche.
Vor dem Nebenhaus, das auf beiden Seiten von Baustellen in die Zange genommen wurde, blieb Orsini stehen. Hier war Sophies Vater, Heinrich Novak, bis vor Kurzem noch ein- und ausgegangen. Ein alter Mann am Ende seines Lebensweges. Wegen eines bisschen Bargelds hatte man ihn um die letzten Jahre gebracht.
Angestrengt blickte er durch das schmutzige Glas auf fein säuberlich aufgereihte Quasten, Fransen und Schnüre in verblichenen Farben. Verstaubte Knöpfe und Reißverschlüsse lagen ordentlich auf einer Ablage. Orsini erkannte den gewissen, nicht mehr zeitgemäßen Stolz des Gewerbetreibenden auf Waren, die kaum mehr jemand brauchte. Der Raum dahinter, in dem die Leiche gelegen haben musste, war kaum zu sehen.
Von der einfachsten bis zur güldnen Schnür, alles macht der Posamentier, stand in matten silbernen Lettern auf einem Schild über der Tür. Reimt sich nicht ganz, dachte er im Weitergehen, wich einer tierischen Hinterlassenschaft aus und landete vor einer überdimensionalen Werbefläche. Die offiziellen Daten der Firmen waren in einer Ecke verschämt winzig angegeben. Der Slogan „Wir halten was wir versprechen – Immotreu“ hingegen knallte in auffälligem Rot quer über das Plakat.
Auf dieser Baustelle machte die Belegschaft gerade Pause. Orsini blickte in den hinteren Teil der Liegenschaft. Der Hof war angefüllt mit Bauwerkzeugen und Gerümpel aller Art: Mischmaschinen, eine Tischkreissäge, Teile von Gerüsten. Der Regen und der dadurch aufgeweichte Boden hatten eine Art Miniteich entstehen lassen – ideale Bedingungen fürs Schlammcatchen – Müllsäcke, Essensreste und leere Dose lagen in einer Ecke. Ein unangenehmer Geruch erfüllte wie bei der ersten Baustelle die Luft. In einem Baucontainer saßen Arbeiter, machten sich über ihre Verpflegung her und ließen den Bierkonsum nicht zu kurz kommen. Auf einem weiteren Container klebte ein Schild mit der Aufschrift Büro. Beide waren in demselben Knallrot gestrichen und wirkten wie eine irrtümlich abgestellte Skulptur inmitten der verzweigten, durch Zäune und niedere Mauern voneinander abgetrennten alten Hinterhöfe. Bewohner waren keine zu sehen. Einzig eine Katze trippelte vorsichtig über den betonierten Teil des Hofes und verschwand hinter einer Tonne. Orsini umrundete die Container, bemerkte eine weitere Baustelle an der gegenüberliegenden Seite und links darüber einen begonnenen Dachausbau. Rechts davon, hinter einem grasbewachsenen Hügel verstellte eine etwas höhere Mauer die Sicht.
Orsini schnappte sich einen herumliegenden Sessel, stellte sich auf das wackelige Ding und spähte über die Mauer. Nebenan lag ein gepflegter Garten, offensichtlich zur angrenzenden Pfarre gehörig. Säulen aus Granit, eine mit Moos bewachsene Statue und alte Rosenhecken. Es war eine kleine Idylle mitten in der Stadt.
Weniger idyllisch war hingegen der Mann, der lautstark gestikulierend auf ihn zukam.
„Heee! ... was machen Sie hier? Haben S’ die Schilder ned gsehn!? Eintritt verboten!“ Er zog das „o“ in die Länge, als müsste er einem Debilen das Alphabet erklären. „Das ist eine Baustelle, verschwinden Sie, aber rasch, sonst gibt’s eine Anzeige!!“
„Wegen Hausfriedensbruch, oder was?“ Betont langsam stieg Orsini vom Stuhl.
Den Mann brachte das nur noch mehr in Rage. „Arschloch“, zischte er und trat gegen den Stuhl. Kurz bevor das Gespräch zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung eskalierte, stürzte aber ein Mann mit gelbem Schutzhelm auf dem Kopf aus dem zweiten Container.
„Hans, geh sofort an die Arbeit! Den Herrn hier übernehme ich, ich weiß wie man mit solchen Leuten umgeht!“, befahl er. Hochgewachsen und hager, richtiggehend ausgemergelt baute er sich vor Orsini auf. Unter dem übergroßen, gelben Helm setzte sich dieser Eindruck fort. Dünne, tiefe Falten durchzogen das Gesicht und eine spitze Adlernase verlieh dem Blick etwas Scharfes.
Ing. E. Baswal, konnte Orsini auf einer kleinen, am Revers der Arbeitskleidung angebrachten Metallplankette lesen, natürlich in der gleichen Farbe wie der auf den Containern und den Werbetafeln.
„Corporate idendity“, verkniff Orsini es sich nicht, sein knöchriges Gegenüber zu provozieren, indem er auf das kleine Schild deutete. „Ingenieur E. Baswal, den Namen muss ich mir merken, falls ...“
„Ich fordere Sie hiermit auf, diese amtlich registrierte Baustelle sofort zu verlassen und mit sofort meine ich jetzt! Ansonsten ...“ Der Ingenieur unterbrach den Satz, um sein Handy aus der Tasche zu holen. Anstatt die Polizei zu rufen, trat er allerdings schmallippig lächelnd näher und schoss ein Foto von Orsini.
„Hobbyfotograf, hm ...? Ich versteh nicht, wieso ihr hier alle so nervös seid – ich wollt mir eigentlich nur den hübschen Hof anschauen.“ Übertrieben gemächlich begab Orsini sich auf den Rückzug und schlenderte Richtung Ausgang. Im Vorübergehen besichtigte er noch ausgiebig einen Sandhaufen und eine Mischmaschine. Beiläufig provozierte er weiter: „Sind hier vielleicht illegale Arbeiter beschäftigt?“
Eisiges Schweigen. Die steilen Falten über der Nase des Ingenieurs vertieften sich noch um einige Millimeter, bis er schließlich zwischen geschlossenen Zähnen hervorstieß: „Das nächste Mal pfeif ich den Hans nicht mehr zurück!“ und Orsini stehen ließ.
„Wiederschauen, Inge Baswal!“, rief Orsini ihm nach, als er an dem Container mit den Arbeitern vorbeiging. Noch von der Straße konnte er daraufhin aus dem Container schallendes Lachen hören, das jedoch nach einem herrischen Kommando abrupt aufhörte.
Im einstöckigen Gründerzeithaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich ein Geschäft mit der Aufschrift „Werkzeuge und Waren aller Art“. Daneben eines, das Polier- und Schleifmittel anbot. Verachtet mir die Meister nicht und ehret ihre Kunst, stand auf einem grauen Karton, der an die Scheibe geklebt war. Jemand hatte einen Stein in die Auslage geworfen, das Glas war sternförmig zerborsten und mit schwarzem Klebeband nur behelfsmäßig geflickt. Der Stein lag immer noch da – allein.
Orsini beschloss, den Werkzeugen und Waren aller Art einen Besuch abzustatten. In der bis auf den letzten Quadratzentimeter angefüllten Auslage hatte es Orsini das ihm besonders praktisch erscheinende „Traveller-Set“ bestehend aus Taschenlampe, Rasierer und Ventilator in einem angetan. Gerade als er eintreten wollte, näherte sich eine alte Dame mit einem ebenso betagten Hund und steuerte auf das Geschäft zu. Orsini schätzte sie auf mindestens achtzig. Die Leine hatte sich um das Hinterbein des Tieres gewickelt, deshalb humpelte er auf nur drei Beinen dahin. Direkt vor dem Eingang hielt die Dame also an, entwirrte mit zittrigen Händen umständlich das Lederband und richtete sich mit einem Griff aufs Kreuz ächzend auf.
Die Witwe Bolte mit ihrem Spitz, dachte Orsini, kam ihr rasch zuvor und hielt ihr galant die Tür auf. Drinnen zeigte das daraufhin hell erklingende „Ding Dong“ allerdings keine Wirkung. Der kleine Lautsprecher oberhalb der Eingangstür hatte sich erfolglos abgemüht. Niemand erschien. Und auch nachdem die Tür krachend zugefallen war, regte sich nichts.
„Findet man nicht oft, dass jemand noch solche Manieren hat“, nützte die Witwe Bolte die Warterei und griff sich beinahe kokett an die violettstichig gefärbten Haare.
„Aber das ist doch eine Selbstverständlichkeit,“ entgegnete Orsini, wohl wissend, dass sie recht hatte.
„Nein wirklich, das erlebt man in meinem Alter nicht mehr sehr oft, früher ...“
„Wohnen Sie denn hier?“, fragte Orsini möglichst beiläufig.
„Ja, leider ... in meinem Alter und mit meiner Pension sind keine großen Sprünge mehr möglich. Wenn ich nämlich könnt, wie ich wollt, wär ich ja schon längst weg aus der Gegend! ... Früher hat’s hier ganz anders ausgschaut, müssen S’ wissen.“
„Ahja, wie denn?“, bereute Orsini augenblicklich die Frage und stellte sich auf eine lange Antwort ein.
„Wie ...“, zog sie das Wort in die Länge und hob gleichzeitig die linke Augenbraue. „Na, nicht so heruntergekommen wie jetzt. Das war früher eine ehrenwerte Gegend! Aber jetzt ... verfalln, zugsperrt oder“, ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern „in ausländischer Hand. Schaun Sie sich um, nur mehr herumlungerndes Gsindel und der ganze Dreck! Junger Mann, wissen Sie überhaupt wie man die Gegend früher gnannt hat?“
„Nein.“
„Brillantengrund!“
„Brillantengrund“, wiederholte er und begann gleichzeitig nachzudenken, warum er den Namen kannte.
„Genau, Brillanten- oder Diamantengrund. Aber nicht weil irgendwelche Steine da gfunden worden sind, sondern weil die ansässigen Stoff- und Seidenfabrikanten so reich warn. Ganze Straßenzüge habn denen da ghört. Und von unserm Bezirk aus haben s’ die ganze Monarchie beliefert. Bis in den letzten Winkel.“
„Jetzt gibt’s aber keine mehr“, wandte Orsini ein.
„Nein schon lang nimmer, die Fabriken sind ja schon seit der Jahrhundertwende weg und der letzte größere Handwerksbetrieb, der hat zugsperrt ... warten S’ ... das muss gwesn sein ... na! ... Na wie dieses ... dieses Lied da aufkommen is und die Gegend in Verruf bracht hat.“
„Ja, mein Vater war ein Hausherr und ein Seidenfabrikant ...“, sprach Orsini ihr die ihm bekannte Textzeile vor, um ihr behilflich zu sein. Unwirsch wurde er von der alten Dame, die er nun nach näherer Betrachtung auf zumindest neunzig schätzte, unterbrochen.
„Nicht das, das andre, das mit dem grauslichen Text ... dass mir das nicht einfällt! Herrgottsakra! Vergesslich wird man langsam.“
„Viellei...“, wollte Orsini behilflich sein.
„Nix vielleicht!“, summte sie mit geschlossenen Augen vor sich hin. „Unterbrechn S’ mich net, ich hab’s glei ... die alte ... genau ... das mit der Engelmacherin.“
„Ach so, Sie meinen ,die alte Engelmacherin vom Diamantengrund’ von Bronner und Qualtin...!“
„Haaallo!!“, rief die alte Dame unvermittelt mit empörter Stimme nach hinten ins Geschäft und unterbrach Orsini.
„Das muss so Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger gewesen sein“, fuhr Orsini fort und hatte sofort die eingängige Melodie dazu im Kopf. Textlich kam er zwar nicht über die erste Zeile hinaus, konnte sich aber noch an den makabren Inhalt – illegale Schwangerschaftsabbrüche – erinnern.
„Grauslich, nicht wahr? Auf jeden Fall“, fuhr sie nach einem Seufzer fort, „hat um die Zeit herum der Abstieg begonnen, und ich hoff, es geht nicht noch tiefer. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo ich mit meinem Hund hingehen soll. Ist übrigens ein Spitz, ganz a seltene Rasse. Nur mehr am Kinderspielplatz ist es noch einigermaßen sauber und der Oskar braucht einfach seinen täglichen Auslauf.“
Aus den hinteren Räumlichkeiten waren auf einmal Geräusche zu vernehmen. Dann sich nähernde Schritte eines offenbar aus dem Schlaf gerissenen Verkäufers mit einem mürrischen Ausdruck im und einem Abdruck auf dem Gesicht. Er war mittelgroß und etwa Mitte fünfzig. Seine blässliche Gesichtsfarbe und der verschlissene Arbeitsmantel hatten sich über die Jahre offensichtlich dem im Geschäft vorherrschenden Farbton angepasst.
„Grüß Gott, was kann ich für Sie tun?“, fragte er mürrisch. Mit einem für sie wohl zu leisem „Schon wieder!“ wandte er sich der Dame zu.
Während sie nun zu einer langwierigen Erläuterung ihres Anliegens ansetzte, fischte der Verkäufer einen kleinen schwarzen Kamm aus der Brusttasche und fuhr sich langsam durchs strähnige Haar. Es war mit Duftwasser eingelassen, registrierte Orsini und machte einen Schritt zurück. Endlich war die Dame mit ihren Ausführungen zu Ende, was den Verkäufer zu einem hörbar tiefen Ausatmen bewog. Genervt packte er drei Schrauben in einen kleinen Papiersack, verlangte einen in Orsinis Augen völlig überhöhten Preis und überreichte ihn der Kundin mit den Worten: „Bis bald, Gnädigste!“
Mit einem Nicken wandte er sich Orsini zu, der gerade überlegte, welches Werkzeug er kaufen sollte.
„Treue Kundin“, meinte Orsini, nachdem die Witwe Bolte samt Spitz verschwunden war.
„Ja, aber hoffentlich nimmer lang“, bemerkte der Verkäufer trocken, dass es Orsini beinah die Sprache verschlug.
„Ich ... äh ... bräuchte eine ... eine ... Kombizange bitte.“
„Klein, mittel, groß, Billigware oder Qualitätsprodukt,“ kam es monoton zurück.
„Normal günstig halt, aber doch Qualität.“
„Möcht jeder haben, gibt’s aber nicht.“
„Dann eher Qualität, wenn’s nicht zu teuer ist ... und könnt ich sie mal sehen?“
„Kommen S’ mit, der Herr.“
„Sagen Sie, ... wird hier in dieser Straße schon lange so viel gebaut und renoviert?“
„Wieso ... ja, warum wolln S’ das wissen?“
„Na ja, ... weil ich mich für eine Wohnung interessiere“, log Orsini. „Die Preise sind hier wahrscheinlich noch nicht so hoch wie in anderen Gegenden, wissen Sie zufällig, was hier für eine mittelgroße Wohnung verlangt wird?“
„Über Preise kann ich Ihnen nichts sagen, aber dass hier z’viel und z’lang gebaut wird, das kann ich Ihnen schon sagen.“ Ein nervöses Zucken hatte sich seines linken Augenlids bemächtigt.
„Aha.“
„Ja, und da steckt Absicht dahinter. Umso länger baut wird, umso mehr Alteingsessne gehn weg, unfreiwillig. Die Häuser, die da renoviert werdn, ghören doch nur einer Handvoll Firmen, die machn sich die Preise untereinander aus, wenn S’ mich fragen. Die haben ja sowieso schon fast alles an sich grissn. Wie’s uns geht, ist denen doch völlig wurscht. Hauptsach, die Marie im Geldbörsl stimmt“, machte er ein Zeichen mit den Fingern. „Die rote oder die blaue?“
„Wie bitte, ... ach so, Sie meinen die Zangen. Ich glaub ich nehm die rote, wenn Sie mir die empfehlen.“
„Würd ich auch nehmen, ist nämlich nicht aus Fernost.“
„Sagen Sie, diese Immobilienfirmen, Immotrade oder Immotreu oder wie heißt die nochmal ...“
„Immotreu ... sind die Ärgsten“, begann der Verkäufer mit erhobener Stimme zu schimpfen. „Die! Die lassn den ganzen Dreck absichtlich liegn! Ich sag Ihna was, ... der Baulärm, der Gstank von die LKWs und der Dreck, des halt niemand länger aus, schon gar net, wenn a Familie Kinder hat! Das gibt ihnen den Rest. Ham ja kan Platz zum Spieln. Und jetzt gibt’s natürlich auch noch Krieg unter die Bewohner.“ Erregt zog er die Augenbrauen eng zusammen und fixierte Orsini, das Lid zuckte dabei immer heftiger.
„Krieg?“
„Klar, Krieg! Auf dem winzign Spielplatz vurn, da trifft sich jetzt alles. Und, wenn ich sag alles, dann mein i alles. Ist außerdem zugschissn von die liebn Hunderl.“ Mit Präzision imitierte er die Witwe und ihren Spitz.
„Das kann ich mir vorstellen“, kam Orsini überraschend doch wieder zu Wort. „Und wird hier auch eingebrochen?“
„Davon könn ma a Lied singn, aber bei uns gibt’s ja net mehr wirklich viel z holn. Macht neunzehn Euro neunzig ... Vor einer Wochn zirka, hat’s sogar an Mord gebn.“
„Einen Mord?“
„Angeblich Raubmord ..., Sie fragn aber ganz schön viel – Sie san doch net etwa von der Presse und horchn mich aus?“
„Nein, nein, ich bin nicht von der Presse, aber wenn ich diese Geschichten von Ihnen so höre, werde ich mir doch eine andere Wohngegend suchen müssen.“ Um den Mann abzulenken, legte Orsini ihm die zwanzig Euro auf den Tresen, sagte: „Wer wurde denn ermordet?“
„Na, der alte Posamentenhändler“, antwortete der Verkäufer in abfälligem Tonfall.
„Wer macht so was?“
„Angeblich obdachloses Gsindl.“
„Warum angeblich?“
„Weil ... na ja, ich will ja nix Schlechtes sagen, aber wenn S’ den Alten kannt hättn und dem seine Familie ...“
„Stimmt schon“, erwiderte Orsini, nahm die Kombizange und fuhr möglichst beiläufig fort, „was ist denn mit der Familie?“
Ein lautes „Ding Dong“ unterbrach jedoch Orsinis Bemühungen, von dem Verkäufer mehr zu erfahren. Die Witwe Bolte hatte dem Anschein nach etwas vergessen. Ohne eine Antwort abzuwarten ergriff Orsini die Flucht.
„Bitte net scho wieder“, hörte er noch die verzweifelte Stimme des Verkäufers.
3
Abgesehen von weiteren Namen von Baufirmen war die Ausbeute an Informationen nach den beiden nächsten Geschäften gleich null, brachte dafür materielle Gewinne in Form eines Geschirrtuchsets und einer Akkutaschenlampe, deren antiquierte Form ihm sogar gefiel.
Orsini war vor einer ungewöhnlichen steinernen Gruppe angelangt. Die Statue über ihm zeigte nur mehr mit dem Stummel des Zeigefingers in die Höhe. Sie war Teil eines Ensembles: Vater, Mutter, Kinder – ... der Alte und dem seine Familie ..., hallten die Worte des Verkäufers in ihm wider. Eine heile Familie, die nichts anderes zu tun hatte, als um das Erbe zu streiten – zu Stein erstarrte, abbröckelnde Sprachlosigkeit?
Wenig später betrat er ein Spielzeugeisenbahngeschäft direkt in der Zieglergasse. Schon die Auslage ließ jedes – somit auch Orsinis – Bubenherz höher schlagen. Zumindest, wenn man von der verstaubten und mit vergilbten Bildern aus Alpentälern und anderen Gegenden drapierten Auslage absah.
„Guten Tag der Herr, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“ Ein älterer Mann mit erstaunlich dichtem grauem Haar saß hinter einem der Tische und hielt eine alte filigrane Dampflok in den Händen, die er sorgsam abstaubte. Mit der entsprechenden Kappe hätte er durchaus als Bahnhofsvorstand durchgehen können.
„Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich hier das Richtige finde ..., ich suche nämlich ein Geschenk ... für ... meinen Neffen“, erwiderte Orsini. „Aber ... können Sie mir zuerst sagen, warum hier alles so verdreckt ist?“
„Darüber ... da will ich am liebsten gar nicht reden, der Zustand ist katastrophal, genauso wie der Geschäftsgang! Hier ist nichts mehr wie früher und sogar einen Mord hatten wir ... und das hier in unsrer Gasse!“
„Wer wurde denn ermordet?“, fragte Orsini, die gespielte Ahnungslosigkeit perfektionierend.
„Man könnt fast sagen mein Nachbar. Liegt nur ein Haus zwischen unsern Geschäften. Der alte Heinrich war noch ein richtiger Herr, konnt keiner Fliege was zuleide tun und wird dann im eignen Geschäft ermordet!“
„Kannten Sie ihn denn?“
„Ja natürlich ..., aber eigentlich nur vom Vorbeigehen und Grüßen. Manchmal haben wir uns beim Friseur gsehn und miteinander gredet. Der Herr Novak war ja sehr eitel für sein Alter und ist sehr oft beim Patschinsky, das ist der Friseur, gwesen. Aus welcher Richtung sind S’ denn zu mir kommen, wenn ich fragen darf?“
„Von der Mariahilfer Straße.“
„Na dann sind S’ ja direkt an seinem Geschäft vorbei kommen. Ist ja noch immer von der Polizei abgsperrt und von der Familie war seitdem auch noch keiner drinn“, bemerkte der Eisenbahnhändler. Vorsichtig drehte er dabei die Lokomotive um und inspizierte nun das Räderwerk.
„Sie meinen das Geschäft mit den vielen Bändern und Knöpfen?“
„Ja, ja ... das Posamentengeschäft ... das hat ihm ghört und dort ist er auch umbracht wordn.“
„Im Geschäft?“
„Ja.“
„Hat die Polizei eigentlich schon jemand festgenommen?“
„Das weiß ich nicht genau, aber wenn S’ mich fragn, kommen sowieso nur diese Drogensüchtigen in Frage. Machn ja schon seit Monaten das Viertel unsicher. Ghörn alle arretiert. Aber die Polizei kümmert sich einfach nicht um unser Grätzel!“ Ärgerlich schmiss der Alte den Putzlappen in eine Holzkiste auf dem Boden.
„Drogensüchtige?“
„Ja natürlich, Drogensüchtige, Obdachlose und arbeitsscheues Gsindl halt, irgendwer von denen wird’s schon gwesen sein!“
„Wieso sind Sie da so sicher?“
„Wieso ich mir da sicher bin, ha! Fragen S’ halt den Patschinsky oder irgendwen andren, die werdn Ihnen das Gleiche sagn.“
„Und diese Süchtigen und Obdachlosen, haben die schon immer hier gewoh ... gehaust?“
„Wo denken S’ hin!? Früher war das eine anständige Gegend, nur ehrbare Leut habn hier gwohnt!“ Die Stimme des Eisenbahnhändlers schraubte sich vor Erregung allmählich in die Höhe, kleine rote Flecken übersäten seinen Hals.
„Aber jetzt scheint es ja wieder bergauf zu gehen, wenn man sich die Bautätigkeit so ansieht ...“
„Ja, aber nur für die, die’s sich leistn können. Wir ... wir habn da nichts davon, außer natürlich den Lärm und den Dreck. Wie die zu baun begonnen haben, hat’s ja erst so richtig angfangen mit den Drogen und den anderen kriminellen Dingen. Außerdem sind da am Bau illegale Arbeiter beschäftigt – davon bin ich überzeugt.“
„Weshalb?“
„Na, weil ich sie jeden Tag seh, und von da sind die bestimmt nicht! Aber der Patschinsky hat da mal was beobachtet, den können S’ ja fragen, sein Geschäft ist ja gleich da drüben, wenn S’ mir nicht glauben!“, steigerte sich der Eisenbahnhändler weiter in eine kurzatmige Rage.
„Natürlich glaube ich Ihnen“, versuchte Orsini ihn zu besänftigen.
„So, bei dem Gerede hab ich ganz vergessn, was Sie eigentlich kaufen wolltn, aber Sie müssen schon verstehn, ein Mord kommt halt nicht alle Tage vor.“
Orsini war klar, dass er der einzige Kunde des heutigen Tages war und brachte es nicht übers Herz, sich von dem alten Mann zu verabschieden, ohne etwas mitzunehmen. „Bitte packen Sie mir die Lokomotive ein, die Sie grade in der Hand haben, die ist wirklich wunderschön und wird meinem ... Neffen sicher gefallen.“
„Da bin ich mir sogar sicher, das ist nämlich eine Tenderlok mit Fahrtrichtungsumschalter, einer Antriebsachse, Hartreifen und Kupplungshaken“, sagte der Alte mit dem Stolz des Wissenden in der Stimme.
„Ah, ja – interessant“, erwiderte Orsini, der keinen Schimmer von Eisenbahnen hatte.
„Die wurden früher zum Rangieren und für Zubringerdienste verwendet. Sie waren schnell, wendig und verbrauchten nur wenig Energie.“
Orsini schaute dem Mann zu, wie er das kleine Geschenk sorgfältig verpackte.
„Wenn ich so überleg ...“, hielt er plötzlich bei seiner Tätigkeit inne und schaute Orsini an, „... hätt’s mich genauso erwischen können.“
„Hm ...“, murmelte Orsini unbestimmt und sah Angst in den Augen des Mannes.
„Ich glaub ... das war kein schneller Tod.“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Na ja, die Beamten warn dreimal bei mir ... und was ich so von denen ghört hab ...“
„Möglich“, antwortete Orsini unbestimmt.
„Und irgendwas war seltsam.“
„Seltsam?“
„Ja, das hab ich so rausghört“, antwortete der Alte, bückte sich und holte ein Papiersäckchen hervor.
„Was ich Sie aber noch als Letztes fragen wollte“, wechselte Orsini nochmals das Thema, „hat denn eigentlich niemand hier aus der Gegend etwas gegen diese Zustände unternommen?“
„Doch, was glauben Sie denn! Von Pontius zu Pilatus sind wir glaufen, hat aber alles nichts gnützt – die haben fleißig und ungestört weitergebaut. Wenn S’ mich fragen, ist das von oben abgsegnet.“ Der Alte hielt ihm das mit zauberhaft filigranen Abbildungen kleiner Lokomotiven bedruckte Sackerl hin. Orsini konnte den Stolz in seinen leuchtenden Augen erkennen, den Stolz auf sein kleines Geschäft und seine Tätigkeit. „Kostet eigentlich fünfundsechzig, aber ich geb sie Ihnen um sechzig, weil wir so nett geplaudert haben.“
Orsini fühlte sich nach diesem Satz einerseits etwas verlegen, da er den Mann ja eigentlich ausgehorcht hatte. Andererseits hatten sie ja wirklich geplaudert und er hatte dem Mann auch noch die vermutlich einzige Einnahme des Tages gebracht. Sechzig Euro waren als kleine Sühne dafür angebracht.
„Auf Wiedersehen, Sie werden sehen, Ihr Neffe wird viel Spaß dran haben!“
Vor dem Friseurgeschäft blieb Orsini kurz stehen. Tatsächlich empfand er eine Art Zuneigung für seinen fiktiven Neffen, dem er das nette Spielzeug gekauft hatte. Während er die Fortschritte in der Erbschaftsangelegenheit durchging, betrachtete er den winzigen, mit einem violetten Mosaik verkleideten Eingangsbereich.
Auf der Habenseite schien auf: Die Liste mit den Adressen der Immobilienfirmen sowie die Bestätigung der Geschäftsleute, dass die Preise für Immobilien tatsächlich gestiegen waren. Sophie Pfeifers Verdacht hatte sich zunächst also erhärtet. Andererseits war das bis jetzt nur Hörensagen und hatte womöglich auch mit dem latenten Neid auf die Besitzenden zu tun. Keine Auskunft beim Notar und ein Streit mit einem scharfzüngigen Ingenieur standen allerdings auf der Negativseite. Die rote Kombizange, das Geschirrtuchset und die Akkutaschenlampe würde er vermutlich auf die Spesenliste setzen, weshalb die Zuordnung nicht ganz klar war. Die kleine Lokomotive ...
An der Frontseite des Friseurladens hing über dem nach hinten versetzten Eingang ein Kabel aus der Mauer, umrahmt von verrosteten Schrauben. Dass Werbung ein Teil des Geschäftes war, hatte sich bis hierher noch nicht herumgesprochen. Nichts, außer einem abgenutzten Türgriff in Form einer Schere deutete auf einen Friseurladen hin. Orsini wollte den Scherengriff gerade in die Hand nehmen, als er das auf einen Zettel gekritzelte „Bin in zehn Minuten zurück“ las.
„Bin auch in zehn Minuten zurück“, antwortete er laut und verschwand um die Ecke. Dort hatte er den Zwillingsbruder des Friseurgeschäftes entdeckt, ein ebenso winziges Café. Eine Art dreirädriges Motorrad in verblassendem Grün parkte davor. Der Lack des Gefährts war an den Ecken schon so weit abgeschliffen, dass blankes Metall zum Vorschein kam. Hinter dem breiten Traktorsitz für den Fahrer der eigenartigen Konstruktion stapelten sich auf einer kleinen Ladefläche Ölkanister, Holzbündel und grobe Jutesäcke mit Kohle. In Orsinis Wohngegend hatten diese Händler schon vor Jahren ihre Geschäfte aufgegeben, weil kaum jemand mehr mit diesen Brennstoffen heizte.
In seiner Kindheit hatte es vis-à-vis eine solche Kohlenhandlung gegeben. Oft genug hatte er den Kohlenhändlern als Bub fasziniert zugesehen. Vor allem der vom Tragen schwerer Lasten gekrümmte Rücken und die dreckige Kleidung hatten ihn beeindruckt. Außerdem waren Gesicht und Hände der dunklen Gesellen immer mit einer schwarzen Rußschicht bedeckt gewesen, was die Männer unheimlich, beinahe dämonisch wirken ließ.
Einen Vorfall in seiner unmittelbaren Umgebung würde er nie vergessen: In einer klirrend kalten Adventnacht hatte sich einer der Kohlenhändler über den steilen Stufen, die vom Gehsteig in seinen Keller führten, erhängt.
Am nächsten Tag blickte daher die erste Kundin in ein kohlrabenschwarzes Gesicht, aus dem nur die weißen Augen blutunterlaufen hervorquollen, wie sie später schaudernd jedem erzählte. Heimlich, hinter dem Vorhang seines Kinderzimmers verborgen, hatte Orsini den Abtransport des Toten beobachtet. Zwei Männer schleppten den erstarrten Leichnam mit Mühe die engen Stufen hoch, blieben dabei aber an einem Stapel Brennholz hängen und kamen nicht vom Fleck. Eigentlich wollte er wegsehen, doch ein innerer Drang zwang ihn hinzustarren. Mit Gewalt bogen die beiden die Glieder des Kohlenhändlers zurecht, dass es bis über die Straße krachte, und marschierten dann mit ihrem makabren Gut direkt unter dem Fenster der Orsinis zum Leichenwagen. So rasch wie möglich schloss er das Fenster und zog den Vorhang zu, doch das Geräusch der brechenden Knochen hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt.
Kaum war er in das Café eingetreten, sah Orsini auch schon einen kohlrabenschwarzen Rücken. Eine Pullmannmütze saß auf dem dazugehörigen Kopf. Dass in dem kleinen Raum sogar eine Bar Platz hatte, war von außen nicht zu vermuten. Neben dem Kohlenhändler waren noch zwei Barhocker frei. Orsini nahm Platz und wollte gerade bestellen, als er unterbrochen wurde.
„Tschuldigung ... da sitzt eigentlich mei Kollege, der hat nur grad a ... dringende Sitzung“, sagte der Mann mit der Mütze. Aus dem rußgeschwärzten Gesicht blinkte es Orsini entgegen. Mehrere Goldzähne schlossen die vorderen Zahnlücken. Weiter hinten warteten ausgebuddelte Löcher auf die modernen Schatzgräber in ihren Hightech-Ambulatorien.
„Dann setze ich mich da drüben hin, kein Problem.“
„Danke, der Herr, er wird glei kuman ... es is nur, damit’s ka Gwirks gibt!“
„Und wie geht’s Gschäft?“, nützte Orsini die Gelegenheit, ein Gespräch zu beginnen.
„Na, wie soll’s scho gehn? Be ... schi ... ssen, und des zur bestn Jahreszeit und bei der Kältn!“
In diesem Moment kam der zweite mit Ruß verschmierte Geselle aus der Toilette und setzte sich zwischen Orsini und seinen Kollegen. Hünenhaft wie ein Silberrücken drängte er Orsini zur Seite. Der Geruch, den er verbreitete, konnte sich durchaus mit dem der afrikanischen Berggorillas messen. Ebenso wie sein Kollege trug er einen zerschlissenen Pullover. An den Ellbogen klafften zudem zwei große Löcher. Die menschliche Mauer, die nun entstanden war, verhinderte die Fortführung des Gesprächs. Also bestellte Orsini erst einmal entgegen seiner Gewohnheiten einen schwarzen Tee mit viel Zitrone.
Überraschenderweise beugte sich jetzt der Mann mit der Pullmannmütze nach vor, verharrte in der unnatürlichen Stellung, um Orsini zu sehen und sprach: „Wissen S’ ... normal is da Herbst die Zeit, wo die Leut Heizvorräte anlegn ... stimmt’s Hermann?“
„Stimmt“, sagte der angesprochene Hüne leise, fand es jedoch nicht nötig sich so zu drehen, dass Orsini und der Mützenmann einander besser sehen konnten.
„Ist’s zu warm für die Jahreszeit?“, fragte Orsini unschuldig.
„Z’warm, ... hast des ghört Hermann? Des is guat! ... z’warm! Geld haben s’ kans mehr d’ Leut ... scho gor ned in der Gegend ... und die, die eins habn, die stelln doch alle auf Gas um. Stimmt’s Hermann?“
Gemächlich ergriff der Silberrücken eine auf der Bar liegende Zigarettenpackung, fischte mit seinen riesigen Fingern erstaunlich flink eine Zigarette heraus, steckte sie mit einem Zündholz an und brummte ein tiefes „Stimmt.“
„Und stelln Sie sich Ihna vor, jetzt haben s’ uns sogar no an von unsre bestn Kundn umbracht, wie solln wir da überleben?“
Hellhörig geworden griff Orsini den Faden auf. „Wie, einer Ihrer Kunden ist umgebracht worden?“
„Ja, der alte Novak, der letzte Posamentenhändler im ganzn Bezirk, wenn ned der ganzen Stadt, eine Wochn ist des her ... höchstens, stimmt’s Hermann?“
Der fast vollständig in eine Rauchwolke gehüllte Silberrücken hielt diese Frage allerdings keiner Antwort für würdig und schwieg.
„Und haben Sie eine Ahnung, warum ... und wer ... oder hat die Polizei schon wen verhaftet?“
Immer noch in einer unnatürlichen Stellung verharrend zündete sich der kettenrauchende Kohlenhändler erneut eine Zigarette an und versuchte mit den Händen den Rauch von sich wegzutreiben. Der Kellner stellte den Tee vor Orsini auf den Tisch und sagte: „Mit extra viel Zitrone. Und übrigens, die Polizei, die können S’ vergessn! Glauben S’, die interessiern sich für unser Grätzl und für an alten Händler ohne Geld? Bei uns is vor einem Monat ein Fenster eingschmissn wordn. Von die Herrn Beamtn hat keiner auch nur ein Ohrwaschl grührt, nicht einmal aufgnommen haben s’ den Vorfall!“
„Da hat der René völlig recht, ... die schaun do nur, dass irgendwem die Schuld in die Schuach schiebn, in dem Fall sind’s halt a paar Kiffer, damit a Ruah is“, meldete sich nun wieder der Mützenmann zu Wort, inhalierte tief und fuhr fort: „Kann scho sein, dass des die Süchtler warn, aber warum is dann nix gstohln wordn? ... Und außerdem, was soll der scho ghabt habn, was man stehln könnt ... oder Hermann?“
„Stimmt“, gab der Gorilla zwischen zwei tiefen Lungenzügen zurück.
„Und, haben Sie einen Verdacht?“
„Einen Verdacht ... natürlich habn wir an Verdacht, aber den ... den sprechen wir nicht aus, schon gar ned hier herinnen in einem öffentlichen Lokal – René zahln bitte!“
„Würd ich auch nicht“, sagte Orsini, „kann leicht sein, dass man dann eine üble Nachrede hat.“
„Stimmt“, sagte der Silberrücken, dämpfte seine Zigarette aus, trank den letzten Schluck Kaffee und ging zur Tür. Der Mützenmann gab dem Kellner einen Schein in die Hand und wartete rauchend auf sein Retourgeld. „Mit der üblen Nachred haben S’ völlig recht, aber ans sag i Ihnen scho“, – der Kellner gab ihm in dem Moment das Retourgeld – „die Baufirmen, die hättn scho an Grund ghabt ... und mit der Familie, da stimmt auch nicht alles – aber i sag nix.“ Mit diesen Worten folgte er seinem Kollegen.
„Ich zahl dann auch gleich!“ Orsini hielt dem Kellner das Geld hin. Während der noch nach dem passenden Kleingeld kramte, war ein lautes Knattern zu hören.
Zweitakter, dachte Orsini und verließ das Lokal. Draußen konnte er noch die Rauchschwaden und den Gestank wahrnehmen, den das Gefährt verursacht hatte. Der seltsame Wagen bog gerade um die Ecke Richtung Westbahnhof ab. Hinten auf der Ladefläche saß der riesige Silberrücken und vorne auf dem Kutschbock der Mützenmann. Eine blaue Rauchwolke stieg auf und das harte Knattern übertönte sogar den Verkehrslärm.
Der Teufel und sein Gehilfe, dachte Orsini, fehlt nur noch der Funkenflug und dass einer von den beiden einbeinig wäre.
Wie um ihn von den dämonischen Gedanken abzubringen, begann sich ein Vibrieren in seinem Kopf breitzumachen, hartnäckig und regelmäßig. Es dauerte einen unangenehm langen Moment, bis ihm klar wurde, dass es lediglich das metallische Dröhnen der Kirchenglocken war. Der monumentale Fassadenturm der Schottenfeldkirche beherrschte das ganze Viertel wie ein Wahrzeichen. Ein allein wegen seiner schieren Größe beeindruckendes Symbol der Ruhe und Gelassenheit oder aber der nun schon verblassenden Macht – das war Ansichtssache.
Im Inneren der Kirche roch es nach Weihrauch. Nur mehr gedämpft drang der Verkehrslärm an sein Ohr. Barockklassizismus, Altartische aus Rotmarmor, von einer aufgelassenen Friedhofskapelle hierher transportiert, las er von einem neben dem Eingang aufgehängten Blatt. Großer, geräumiger Kirchenbau, der von jedem Platz aus eine optimale Sicht zum Hochaltar ermöglichen soll, erfuhr Orsini noch. Schon die Kirchenfürsten von damals wussten, wie man sich Aufmerksamkeit sicherte, nach dem Prinzip sehen und gesehen werden.
Sein Blick schweifte über das Gewölbe zum linken Seitenaltar und blieb dann an einer Marienstatue mit Kind im Arm hängen. Das Haupt der Mutter Gottes umgab ein Heiligenschein aus kleinen leuchtenden Glühbirnen. Davor kniete eine Frau in dunklem Mantel. Auf dem Kopf trug sie ein gelbes Tuch. Der rechte Seitenaltar zeigt den gekreuzigten Jesus, las er weiter. Davon war aber nichts zu sehen, da der rechte Teil des Innenraums mit Plastikplanen verhängt war. Auf einem Gerüst standen zwei Restauratoren und unterhielten sich. Dann nahmen sie Hammer und Meißel zur Hand und begannen, die heilige Ruhe zu stören. Die kniende Frau erhob sich mühsam, warf Geld in einen Behälter und zündete eine Kerze an.
Der handgeschriebene Zettel hing nicht mehr an der Tür. Also trat Orsini in das nun beleuchtete Friseurlokal. Es war so winzig, dass er praktisch mit dem Türgriff in der Hand stehen bleiben musste. Der Friseur schnitt gerade auf einem der zwei vorhandenen Sessel einem Kunden die Haare. Wegen der durchgehend verspiegelten linken Seite wirkte der Raum um einiges größer und ein hochgewachsener Philodendron beherrschte das ansonsten schmucklose Geschäftsinnere. Einzig über der verspiegelten Wand stand in geschwungener altmodischer Schrift Friseursalon Patschinsky. Das Wort Salon fand Orsini eine leichte Übertreibung. Der elegante Schriftzug, die alten Stühle mit der verspiegelten Wand und die riesige Pflanze in der Ecke ergaben aber durchaus ein harmonisches Ganzes. Verglichen mit den uniformen Einrichtungen moderner Friseursalons war dieses Geschäft ein Kleinod. Zwar ein vergessenes – was Raumempfinden und Formsprache anlangte, konnte es dennoch jeden Vergleich mit Designerläden von heute aufnehmen. Ein Kind seiner Zeit, wie auch die Person des Friseurs.
„Grüß Gott, ich würde mir gerne die Haare schneiden lassen. Wie lang würde es dauern, bis ich drankomm?“
Mit der Schere in der Hand deutete der Friseur auf den freien Stuhl neben sich. „Nehmen S’ gleich Platz, wenn’s genehm ist!“
Es roch nach altmodischem Haarwasser. Birkensaft – Orsini konnte sich noch gut an den Geruch erinnern, den sein Großvater verströmt hatte, wenn er auszugehen pflegte und sich deswegen in Schale warf. Er setzte sich auf den angebotenen Platz und sah dem Friseur zu, wie er seinem Kunden die letzten Haarreste aus dem Nacken pinselte und ihn danach mit einer geschickten Bewegung auf seinem Stuhl Richtung Ausgang drehte. Als der Kunde bezahlt hatte, hielt der Friseur elegant die Türe auf und verabschiedete sich.
Auf der schmalen Anrichte lagen die verschiedensten Gerätschaften. Kämme und große Haarklammern aus Horn, Rasiermesser und diverse Scheren. Das einzige Zugeständnis an die Moderne schien eine elektrische Haarschneidemaschine zu sein. Nicht einmal ein Radio, stellte Orsini erleichtert fest.
„Sie sind doch Herr Patschinsky, wenn ich fragen darf?“
„Ja, warum, sollte ich Sie kennen?“
Der kleine rundliche Mann musste auf die siebzig zugehen, schätzte Orsini, war dafür aber erstaunlich flink. Behände verstaute er ein benütztes Lavoir und räumte dann noch einige Utensilien weg.
„Nein, ich glaube nicht, dass Sie mich kennen ... es ist nur … ich war gerade im Geschäft gegenüber, hab dort eine Lokomotive für meinen Neffen gekauft und anschließend nach einem Friseur gefragt. Der nette Herr hat mich an Sie verwiesen und gesagt, dass Sie der beste in der Gegend wären“, versuchte Orsini eine Annäherung.
„Ah, ... der Schiemer und seine Eisenbahnen.“ Der Friseur kehrte die Haare auf dem Boden zusammen und schob sich die Brille zurecht. „So, und was kann ich jetzt für Sie tun?“
„Ein komplettes Service und alles um ein bis zwei Zentimeter kürzer bitte.“
„Also fassonieren, darf ich Ihnen die Haare vorher waschen?“
„Heute lieber nicht, ich bin nämlich verkühlt.“
„Da haben Sie recht, vor allem bei dem Wetter wäre das nicht ratsam.“
Der Friseur legte Orsini eine Halskrause um, breitete dann die Schürze über ihm aus und begann zu schneiden.
Halskrausen, die nicht kratzen, damit könnte man noch reich werden, dachte Orsini noch, bevor er auf sein eigentliches Thema zu sprechen kam.
„Der Herr Schie... wie war noch gleich sein Name?“
„Schiemer.“
„Der Herr Schiemer hat mir erzählt, dass es hier vor Kurzem einen Mord gegeben hat?“
„Ja, hat es.“
„Haben Sie denn keine Angst?“
„Nein.“
„Das muss ja in derselben Gasse geschehen sein, oder?“
„Ja.“
„Und macht man sich da keine Gedanken?“
„Doch.“
Seit der Friseur begonnen hatte, Orsinis Haare zu schneiden, schien er gänzlich in seine Arbeit vertieft zu sein. Die wenigen grauen Haare waren ihm ins Gesicht gerutscht und auch die Brille hatte sich bis zur Nasenspitze vorgearbeitet, bemerkte Orsini, der ihn durch den Spiegel beobachtete.
„Und wie gehn die Geschäfte?“, versuchte er es nach ein paar Minuten wieder.
„Schlecht, leider.“
„Gehört Ihnen das Geschäft oder sind Sie nur Mieter?“
„Nur Mieter.“
Am Friseur schien Orsini seinen Meister gefunden zu haben. Wortkarg und konzentriert werkte er an den Haaren herum. Umso mehr überraschend kam die nächste Frage.
„Effilierschere?“
„Wie bitte?“
„Effilierschere, wolln S’ das Haar etwas strähniger?“
„Ah, ... ja bitte, warum nicht.“
„Die Ohren frei?“
„Ja, und den Ansatz gerade bitte.“
Eifrig schnipselte Patschinsky am Haaransatz.
„Und, haben Sie das Geschäft schon lange?“, nahm Orsini einen letzen Anlauf.
„Einunddreißig Jahre genau.“
„Da müssen Sie den Ermordeten ja gekannt haben ...“
Schwungvoll zog der Friseur nun das altmodische Rasiermesser über einen an der Wand aufgehängten Lederriemen, prüfte kurz die Schneide und begann, den Nacken zu rasieren. Orsini hasste diesen Teil der Prozedur und hatte einfach Angst vor der scharfen Klinge, ließ sie aber trotzdem über sich ergehen. Doch der Friseur war ein Meister seines Faches. Zuvor hatte er die zu rasierenden Stellen leicht befeuchtet und nun zog er mit sicheren, jahrzehntelang geübten Bewegungen die Klinge über Orsinis Haut. Danach wischte er mit einem Handtuch den Nacken trocken. Zuletzt holte er noch einen großen, weichen Dachshaarpinsel aus einer Schublade und entfernte die letzten Haarreste.
„So, fertig! Wenn Sie sich noch im Spiegel betrachten möchten ...“
Orsini gab sich geschlagen, aus dem Mann war nichts herauszuholen, daher sagte er nur: „Passt, danke, sehr schön.“
Kaum hatte er aber die Schere auf den Tisch gelegt, begann der Friseur plötzlich zu reden.
„Natürlich habe ich den Ermordeten gekannt, war sogar einer meiner besten Kunden“, sagte er mit trauriger Stimme und fuhr dann fort: „Angeblich stranguliert ... mit einer Schnur, kein schöner Tod, dauert lang bis ...“, er brach den Satz ab. „Der Heinrich ... ist doch jede Woche zu mir gekommen, für sein Alter war er ganz schön ... eitel, könnte man sagen. Bei ihm musste ich immer besonders aufpassen.“
„Wieso?“
„Na weil ich einen korrekteren Menschen wie ihn mein Lebtag nicht getroffen hab. Wenn da beim Schnitt was nicht ganz akkurat war, jeden kleinen Fehler hat der sofort gemerkt, trotz seiner nicht mehr allzu guten Augen! Aber sonst war er ein netter, höflicher Mensch, hat immer nur gearbeitet. Sein Geschäft – eigentlich das Posamentengeschäft überhaupt, das ging ja schon lange nicht mehr gut ... vielleicht war es das, was ihn zuletzt verändert hat.“
„Verändert?“
„Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll ... mag sein, dass es auch nur das Alter war. Er hat, wenn ich ihm in letzter Zeit die Haare geschnitten hab, nicht mehr so aufgepasst wie früher. War irgendwie abwesend, mit den Gedanken woanders, wenn Sie verstehen ...
Aber wozu erzähl ich Ihnen das alles? Sie haben sicher Wichtigeres zu tun.“
„Nein nein, machen Sie sich keine Gedanken, ich hab heut meinen freien Tag und mich interessieren Geschichten anderer Leute immer. Wie viel bin ich eigentlich schuldig?“
„Macht achtzehn Euro.“
Orsini holte seine Geldbörse aus der Hosentasche und gab ihm zwanzig. „Stimmt so.“
„Danke sehr, vielen Dank!“, antwortete der Friseur überschwänglich.
„Aber wieso man einen alten Mann einfach so ermordet, das kann ich nicht verstehen. Der Herr, der aus dem Eisenbahngeschäft ...“
„Der Herr Schiemer.“
„Ah ja, Schiemer, der hat mir erzählt, dass es heißt, Drogensüchtige hätten ihn umgebracht.“
„Mag sein, lungern auf jeden Fall genug herum. Ich weiß nur, dass der Heinrich Schwierigkeiten mit den Baufirmen hatte. So was Ähnliches hat er zumindest einmal erwähnt. Die wollten wahrscheinlich, dass er sein Geschäft aufgibt und verkauft, dann könnten sie nämlich den ganzen Komplex auf einmal sanieren.“
„Glauben Sie, dass man ihn unter Druck gesetzt hat?“
„Kann sein ...“ Mitten im Satz wandte sich der Friseur zur Tür, hielt sie einer eintretenden Kundschaft auf und meinte: „Wie immer auf die Minute!“
Grüßend verließ Orsini also das Geschäft, schaute im Vorbeigehen kurz in den Spiegel und war sehr zufrieden mit dem, was er darin sah. Sogar seine B-Seite hatte der Friseur so zurechtgetrimmt, dass die leichte Asymmetrie seiner beiden Ohren nur mehr zu erahnen war.
4
Vermutlich hatte das Posamentengeschäft einen Ausgang zum Hof, überlegte Orsini und trat zur Gegensprechanlage bei der Haustür. Jemand hatte offensichtlich mit einem schweren Gegenstand darauf eingedroschen, die Namensschildchen waren zerstört und die ganze Anlage hing in schiefem Winkel an einem dünnen Kabel herunter. Die Eingangstür selbst war mit einem großen, provisorisch wirkenden Vorhängeschloss versperrt. Offensichtlich war das normale Schloss ebenfalls defekt. Orsini besaß zwar einen Postschlüssel, den er immer bei sich trug, für ein Vorhängeschloss dieser Art, passte er aber nicht. Vergebens rüttelte er an der Tür und marschierte dann zur Einfahrt nebenan, die er tags zuvor schon inspiziert hatte. Doch es war noch zu früh, um von dort unbeachtet in die anderen Innenhöfe zu gelangen.
Zwei Arbeiter in Freizeitstimmung schlenderten an ihm vorbei. Er folgte ihnen, blieb neben der Kirche stehen und beobachtete, wie sie über die Kreuzung gingen und geradeaus weiterzogen. Illegale Beschäftige? Für einen Moment gewann der barbusige, höchst unchristlich präsentierte Inhalt einer Auslage den Wettstreit um sein Interesse. Als seine Augen wieder nach den beiden Arbeitern suchten, waren sie verschwunden. Dafür registrierte Orsini eine Frau, die ihn vorwurfsvoll anstarrte. Augenblicklich richtete er sich auf und studierte eindringlich das Magazin für Gartenkultur ein Fach darüber. Besonders die „heißen Wintertipps für Kübelpflanzen“ hatten es ihm angetan.
Die Auslage mit den Magazinen gehörte zur Trafik, eines der drei schmalen, wie an die Kirchenmauer angeklebten Häuschen. Das Tabakgeschäft war eingeklemmt zwischen einem Blumenkiosk und einem Würstelstand. Durch die gläserne Tür sah er zwei vollschlanke Kundinnen, die das winzige Kabäuschen praktisch ausfüllten und somit für Orsini keinen Platz zum Eintreten übrig ließen. Augenscheinlich unterhielten sich die beiden mit der Besitzerin, die er zwar gedämpft hören, nicht aber sehen konnte, prächtig. Doch gerade, als er beschloss, sich trotzdem in die Enge hineinzuquetschen, öffnete sich die Glastür und eine der Damen verabschiedete sich laut lachend. Orsini hielt ihr erleichtert die Tür auf.
„Ein echter Gent, ham S’ des gsehn? Ein Kavalier der alten Schule“, lobte die Trafikantin Orsini.
„Ich geh dann jetzt auch“, meinte die zweite Dame. Es blieb Orsini nichts anderes übrig, als die Tür – von innen nun eher linkisch – abermals zu öffnen, um die breite Dame durch die schmale Tür hinauszulassen.
„Sie wärn ein erstklassiger Türsteher und die Frauenherzen würden Ihnen auch noch zufliegn, aber Sie sind sicher schon verheiratet, oder?“
„Noch nicht“, entgegnete Orsini verlegen und hatte erst jetzt Zeit, einen Blick auf die Trafikantin zu werfen. Eine Erscheinung erster Klasse bot sich ihm, aufgedonnert war noch untertrieben: üppige dauergewellte, blondierte Haare, üppige rote Lippen, üppiges Make-up und üppige Figur, verpackt in ein nicht zu üppiges Kostüm. Alles in allem war ihr ein Hang zu Erotik und Barock nicht abzusprechen.
„Sie ... Sie sind nicht aus der Gegend?“, schaute sie Orsini fragend an. „Zumindest kann ich mich nicht erinnern, Sie hier schon einmal gsehn zu haben? Ich kann mich natürlich auch täuschen. Passiert mir zwar selten ...“
„Nein nein, Sie täuschen sich nicht, ich bin nur zufällig hier.“
„Sind Sie gar von der Polizei? Weil da warn in letzter Zeit immer wieder welche bei mir und haben sich Zigarettn gholt. Wie ein Polizist schaun S’ mir zwar eigentlich nicht aus, eher wie ein Anwalt vielleicht ...“
„Wieso Polizei, ist eingebrochen worden bei Ihnen?“, gelang es Orsini schnell einen Satz in die kleine entstandene Lücke zu zwängen.
„Einbrochn ... nein, wo denkn S’ denn hin! Die warn natürlich alle wegn dem Mord da. Schaun Sie denn in keine Zeitung? Allerdings, es passiert ja so viel, man derlest ja gar net alles.“
„Eigentlich lese ich schon ...“
„Der alte Herr Novak, mit einer Schnur stranguliert, müssn S’ Ihnen vorstelln! Und der alte Podlatschek hat ihn gfundn, grad wie er am Abend in die Kirchn gehn wollt. Ein schöner Anblick war des bestimmt net, des können S’ mir glauben! Ich wär auf der Stell ohnmächtig wordn und hätt mich direkt neben den Herrn Novak glegt ...“
Orsini versuchte kurz, sich dieses Bild vor Augen zu führen, wurde aber schon wieder unterbrochen.
„Und was des für die Familie heißt, gar nicht auszudenkn! Gut – den zwei Töchtern wird’s egal sein. Obwohl, wenn’s der eigne Vater ist?“
„Wieso glauben Sie, dass es den Töchtern egal ist?“
„Man sagt ja nix ... aber’s wird halt mal was gebn habn ... in der Familie. Ich weiß nur so viel, dass die zwei schon ganz jung auszogen sind von z’haus und sich schon seit Jahren nicht mehr haben blickn lassn. Undankbar is des schon, oder? Frag mich nur, ob die überhaupt beim Begräbnis warn? Der Herr Novak hat doch das Gschäft praktisch ganz allein gführt – sein Sohn, den kann man ja nicht direkt als Hilfe bezeichnen. Allerdings, um die Mutter hat er sich schon immer kümmert, des muss ma ihm lassen. Weil allein machn kann die nix mehr.
Ah, ... Grüß Gott der Herr, ein Packerl Zebra Export wie immer!“
Ein Mann hatte die Tür geöffnet und den Wasserfall an Worten aufgehalten. Kurz. Denn die Trafikantin gab ihm nur rasch eine Schachtel Zigaretten und war sogleich wieder in ihrem Element. „Zahln tun Sie ... aha, ... asso ... aha nächste Woche, ... is recht. Auf Wiederschaun ... Stelln S’ Ihnen vor, jetzt ist Monatsanfang und der hat jetzt scho ka Geld mehr! Wie das nur mit dem weitergehn soll? Aber wo war ich eigentlich stehn bliebn?! Wolln Sie eigentlich auch was kaufen? Vor lauter Redn hab ich das glatt vergessen.“
„Ich ... ich nehm dann ... auch eine Packung von diesen Export Zigaretten und zahle dann gleich, aber reden Sie trotzdem ruhig weiter“, erwiderte Orsini leicht genervt, gab ihr das Geld und dachte an Flucht.
„Na ja, leicht hat’s der Herr Novak wirklich net ghabt. Das Gschäft is schlecht gangen. Wer kauft heut noch Posamenten, frag ich Sie? Die Frau krank und mit einem Hang zur ... Bigotterie, wenn S’ verstehn was ich mein. Auf der andern Seite ... ein Pedant war der schon. Oft war er ja nicht bei mir herinnen, aber die paar Mal – Trinkgeld hat der keins daglassn, auch früher nicht, wie’s Gschäft noch gangen ist. Der hat sich ja jeden Groschen, jetzt heißt’s ja Zent, rausgebn lassen. Ein wirklicher Groscherlzähler halt. Einem Toten soll man zwar nix nachsagn, aber das mit der Genauigkeit und dem Sparen, des hat sogar der Vladimir gsagt ...“
„Vladimir?“, fragte Orsini erschöpft, aber auch neugierig, vor allem deswegen, weil er an den berühmten Vampir denken musste.
„Ja, der Vladimir, dem sein Gschäft, er handelt mit Altwaren und Kunst, geht ja auch scho lang nimmer gut. Und der Vladimir, des war immerhin dem Herrn Novak sein einziger Freund, schon seit ewig. Aber der lasst sich selbst heut nicht jedn Zent und Euro rausgebn, obwohl er’s brauchen würd. Des wär übrigens auch noch so ein Thema, der Euro und die EU und das Ganze, aber da werdn wir zwei bis morgen nicht fertig.“
„Scheint ja eine gefährliche Gegend zu s...“, setzte Orsini an, seine Redegeschwindigkeit war jedoch zu langsam.
„Ja, da haben S’ recht und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer! Bitte, über mein Gschäft kann ich das zwar nicht sagen. Weil“, senkte sie die Stimme, „gsoffn, graucht und na sie wissen schon was, wird immer. Aber den meisten in der Gegend geht’s wirklich net gut. Lebn ja nur mehr alte Leut da, oder die, die sich’s halt nicht leistn können wegzuziehn!“
Die Tür ging auf. Zwei Jugendliche in schwarzer Tracht und mit unzähligen Piercings und Ketten am Körper traten ein, was Orsini für einen Fluchtversuch nützte, sich aber trotzdem höflich verabschiedete. „Auf Wiedersehen, sollte ich wieder mal in der Gegend sein, ...“
„Ja, bis zum nächsten Mal, Wiederschaun.“
Bestand Orsinis Kunst normalerweise darin, die Leute zum Sprechen zu bringen, lag der Fall bei der Trafikantin gänzlich anders. Die Kunst hätte vielmehr darin bestanden, diesen lebenden Wortschwall aufzustauen und zu kanalisieren. Kopfschüttelnd musste Orsini sein Versagen auf ganzer Linie eingestehen. Wie benommen sah er sich nach einem Ort um, wo er eine Erholungspause einlegen konnte. Die Trafiktür wurde in dem Augenblick wieder geöffnet und die Jugendlichen verließen das Geschäft. Wieder schwappten Sätze aus dem Türrahmen und ergossen sich auf das Trottoir.
Das kleine Café, in dem er mit den beiden Kohlenhändlern gesprochen hatte, lag praktisch genau gegenüber. Nachdem er in der kleinen Nische beim einzigen Fenster Platz genommen hatte, kam auch schon der Kellner auf ihn zu. Es war derselbe, der ihn schon vor etwa einer Stunde bedient hatte.
„Tee mit viel Zitrone?“
„Nein, mit sehr viel Rum, den brauch ich jetzt.“
„So richtig gsund schaun Sie aber nicht aus!“
„... und, gibt’s vielleicht was zu essen?“
„Ein kleines Gulasch, Frankfurter oder einen Toast könnt ich Ihnen anbieten.“
„Ich nehm ... geben Sie mir das Gulasch, aber mit zwei Semmeln bitte.“
„Tee mit sehr viel Rum und ein kleines Gulasch mit zwei Semmeln, kommt sofort der Herr!“
Orsini blickte durch das kleine Fenster auf die Straße. Dass es mit der Gegend bergab und mit den Immobilienfirmen bergauf ging, war an sich noch kein krimineller Tatbestand, überlegte er. Selbst wenn der mit Bleistift eingefügte Betrag auf dem Anbot tatsächlich der Kaufpreis für Heinrich Novaks Haus war, bewies das noch gar nichts. Warum hatte der Alte dann nicht einfach verkauft, zumal die Geschäftslage ja alles andere als rosig zu sein schien? Das Haus war alt und renovierungsbedürftig, mit dem Betrag hätte sich der Händler einen schönen Lebensabend machen können. Das Einzige, was Orsini dazu einfiel, war Alterssturheit. Oder hatte Heinrich Novak verkaufen wollen, vielleicht sogar Gespräche geführt? Und sein Sohn Karl – welche Rolle spielte er, verschwieg er etwas? Orsinis Neugier richtete sich immer stärker auf die finanziellen Verhältnisse des Alten. Sophie Pfeifer war diesbezüglich erstaunlich uninformiert. Sie hatte ihm den Namen der Bank genannt, die früher Novaks Geld verwaltet hatte, jedoch hinzugefügt: „Ein alter Pedant wie er wechselt zwar nicht so schnell das Institut! Aber sicher bin ich nicht, ich hatte ja schon seit Langem keinen Kontakt zu ihm, vielleicht hat er irgendwo bessere Konditionen bekommen. In Geldangelegenheiten war er, na ja, mehr als knausrig, um nicht zu sagen geizig!“
Die Heftigkeit, mit der sie die letzten Worte betont hatte, hatte Orsini überrascht. Auch das Wort Pedant, bezogen auf den Alten, hatte er heute erneut gehört. Fünfundachtzig Jahre, hatte Sophie Pfeifer gesagt. Das hieß, zwischen zwei Weltkriegen geboren, Kindheit und Jugend während des Zweiten, schlimmstenfalls gerade noch an die Front geschickt. Wer wusste schon, was Heinrich Novak erlebt hatte ... Dem einzigen Freund, dem Altwarenhändler, würde er auf jeden Fall einen Besuch abstatten, unter Umständen hatte ja auch er Bekanntschaft mit Immobilienhaien gemacht oder zumindest mit dem Ermordeten darüber gesprochen.
„So, das kleine Gulasch mit zwei Semmeln, der Herr, und darf´s noch was zu trinken sein? Ein Tee noch?“, wurde Orsini plötzlich aus seinen Gedanken gerissen.
„Tee? Nein, bringen Sie mir bitte ein Bier, das passt besser zum Gulasch.“
„Ein großes Bier, kommt sofort!“
Das Gulasch schmeckte vorzüglich. Köchelt wahrscheinlich schon seit Tagen dahin, wie es sich gehört. Zufrieden sah Orsini um sich. Bis jetzt hielt sich außer dem Kellner und Orsini selbst nur ein stiller Zecher im Lokal auf. Der Mann hatte seinen Blick stur ins Glas gerichtet und die glasigen Augen verrieten seinen jetzigen, wahrscheinlich aber dauerhaften Zustand. Ruckartig ging die Tür auf, eine Gruppe Handwerker trat lautstark diskutierend ein und störte die Ruhe. Die Männer in ihren grauen Overalls verteilten sich an der Bar, wo Orsini vor Kurzem noch mit den beiden Kohlenhändlern gestanden war. Er schaute auf seine Uhr: knapp nach fünf. Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Hinter Orsini wurde es zunehmend lauter und der nächste Trupp betrat das Lokal. Der Kellner kam mit dem Aufnehmen der Bestellungen kaum nach und übersah deshalb auch Orsinis verzweifelte Handzeichen. Wieder öffnete jemand die Tür und binnen Kurzem war das Lokal angefüllt bis zum letzten Platz.
Das kleine Kaffeehaus schien der Afterwork-Treffpunkt des gesamten Viertels zu sein. Sauerstoff war jetzt Mangelware, denn ausnahmslos alle rauchten. Die geringe Kubatur des Raumes konnte den Rauch und die Ausdünstungen der Männer nicht aufnehmen und die geschlossene Tür verhinderte eine Zirkulation der Luft. Stickig war eine harmlose Umschreibung für die plötzlich herrschende Atmosphäre. Die Männer schien das nicht im Geringsten zu stören. In Orsinis Hals jedoch kratzte die Luft wie ein harter Scheuerlappen die Schleimhäute wund, bis er schließlich aus seiner Innentasche das Fläschchen mit den homöopathischen Kugeln holte und eine viel zu große Anzahl auf die Zunge rieseln ließ. Mit dem letzten Schluck Bier spülte er zusätzlich noch eine Grippetablette hinunter, knallte einen viel zu großen Geldschein auf den Tresen und verließ fluchtartig das Café.
Die kühle frische Luft tat gut, und auf den Baustellen war es nun tatsächlich ruhiger – keine Arbeiter, keine Bewohner und erstaunlicherweise: keine Obdachlosen. Nur die einsame Glühbirne verströmte wie schon vor zwei Tagen ihr düsteres Licht. Kurzentschlossen marschierte er unter der Glühbirne durch. Im Durchgang stank es immer noch erbärmlich nach abgestandenem Alkohol und Erbrochenem. Der Geruch von kaltem Schweiß auf ungewaschener Haut hing trotz der Kälte in der Luft. Verständlich, dass, wer konnte, diese Gegend verließ. Seitlich lagerte neben einer Mischmaschine und einem Stapel Ziegeln diverses Baumaterial. Im Vorübergehen schnappte er sich ein Stück Draht. Man konnte nie wissen ... Eine windschiefe Tür führte direkt in den Hof, provisorisch mit einem rostigen Nagel verschlossen. Der Nagel war schnell umgebogen, die Tür leise angehoben und zur Seite geschoben. Gerade so viel, dass Orsini durchschlüpfen konnte. Der mit Granitsteinen gepflasterte Hof lag nun im Halbdunkel vor ihm. Das wenige Licht, das aus den Fenstern fiel, reichte Orsini aus, um zu erkennen, dass eine kleine Mauer an das Haus anschloss. Behutsam schlich er am Gebäude entlang, bis er die Mauer erreichte. Auf Zehenspitzen stehend konnte er in den Nachbarhof blicken. Eine Reihe Sträucher und ein Baum – wie er in der Dunkelheit nur vermuten konnte – verhinderten allerdings die direkte Sicht auf die Rückseite des Posamentenladens. Weiter drüben trennte eine zweite, niedrigere Mauer wiederum den Innenhof des Hauses mit der Posamentenhandlung vom nächsten, in dem die beiden knallroten Baucontainer standen.
Aus einem der beiden Container fiel Licht. Inge muss Überstunden machen, dachte Orsini schadenfroh, eilte einige Schritte weiter zu einem in die Mauer eingelassenen, steinernen Waschbecken und prüfte die Stabilität. Er musste vorsichtig sein. Ein tastender Schritt auf den Rand des Beckens, ein Satz auf die Mauer, dann noch ein Sprung zur Erde und schon war er in Nachbars Garten gelandet.
Allerdings in einem dornigen Rosenstrauch, weshalb sich sofort der linke Unterschenkel durch ein leichtes Brennen bemerkbar machte. Ignorieren. Achtsam, um keine Geräusche zu verursachen, schlich er an dem kurzen Mauerstück entlang. Nur aus einem Fenster im oberen Stock drang schwaches Licht. Nach einigen Schritten hatte er den Schatten des Baumes erreicht, der ihn vor etwaigen Blicken schützte. Von dort konnte er im Dunklen an der Hinterseite des Posamentenladens Umrisse einer Tür ausmachen sowie ein vergittertes Fenster, das vollkommen mit Efeu überwuchert war. Die Tür war entgegen seiner Annahme aus Metall und wirkte stabil, das Schloss hingegen noch aus Großvaters Zeiten. Behutsam versuchte er, den Türgriff hinunterzudrücken. Die Tür gab keinen Zentimeter nach. Orsini holte sein Minitool aus der Hosentasche, knipste die kleine Taschenlampe an und besah sich das Schloss genauer. Er bog den Draht ein wenig zurecht und schob ihn dann vorsichtig ins Schloss, suchte nach einem Widerstand und ... Ein durchdringendes Geräusch durchschnitt plötzlich wie eine Säge die Stille – das Quietschen einer ungeölten Tür? Mehrere Stimmen unterhielten sich. Mit einem Satz war er hinter dem Baum im Schatten verschwunden und wartete. Kam das Gespräch aus dem Nachbarhof? Das Licht im Container wurde abgeschaltet, jemand sperrte eine Tür zu. Gesprächsfetzen, Klirren von Schlüsseln. Orsini drückte sich gegen den Baumstamm, hörte Gelächter und Schritte, die nach und nach leiser wurden, schließlich ganz verebbten.
Erleichtert atmete er auf. Jetzt herrschte wieder Ruhe, nur das ewige Rauschen der Stadt war zu hören. Noch einmal versuchte er, das Schloss mit dem Draht zu öffnen, doch das rostige Ding wiedersetzte sich ihm hartnäckig. „Scheiße“, entfuhr es ihm. Er würde mit besserer Ausrüstung zurückkehren müssen. Unhörbar lachten ihn die schwere Metalltür und das massive Fenstergitter aus. Schließlich gab er sich geschlagen, durchquerte erneut den Garten und kletterte über die Mauer. Die Luft war rein und so ging er wie er gekommen war. Verschloss die Tür mit dem Nagel und schritt unter der Glühbirne hindurch auf die Straße. Resümee der ganzen Aktion: Ein verdreckter Mantel, eine leicht blutende Wunde und – wie er gerade feststellte – wieder einmal versaute Schuhe.
Missmutig öffnete er die klapprige Tür und trat ins Jell. Er kannte die meist um diese Zeit diensthabende Kellnerin und hob grüßend die Hand.
„Ein großes Bier und einen Aschenbecher“, überging er alle Warnungen, die sein Gehirn aussandte.
„Sie schaun heute aber nicht gut aus“, versuchte die Kellnerin mitfühlend zu sein.
Mitgefühl konnte Orsini allerdings genau jetzt nicht brauchen, außerdem hatte er den fast identen Satz heute schon einmal gehört, weshalb er mürrisch zurückgiftete: „Studieren jetzt schon alle Kellner Medizin?“
Dann holte er die Zigaretten aus seiner Tasche, trommelte damit rhythmisch auf dem Tisch herum und setzte ärgerlich noch eins drauf: „Haben Sie wenigstens Feuer?“
„Natürlich, sofort ... und ein großes Bier.“
Nervös fingerte er eine Zigarette aus der Packung und wartete auf die Kellnerin, die ihm eine Streichholzschachtel brachte und den Aschenbecher vor ihn auf den Tisch knallte. Wie lange hatte er keine mehr geraucht? Der erste Zug fühlte sich gut an, trotz der Halsschmerzen. Wortlos stellte die Kellnerin das Getränk auf die Marmorplatte. Orsini trank die Hälfte davon und rauchte die Zigarette fertig. Wartete, trank und rauchte die nächste Zigarette. Wartete, leerte das erste Bierglas und bestellte ein neues. Sein Gehirn meldete sich daraufhin nicht mehr, sondern schaltete umgehend auf Standby.
Im gut gefüllten Lokal saßen mehrere meist junge Leute beisammen und unterhielten sich. Orsini schien das Lachen der anderen Menschen aufzusaugen und in Negativstimmung umzupolen. Hatte er vorhin noch bei jedem neu eintretenden Gast kurz aufgesehen, war sein Blick nun – wie der des stillen Zechers im kleinen Café – nur mehr auf sein Glas fixiert. Da er die Warnungen seines Gehirns ignoriert hatte, musste der Körper diese Funktion übernehmen. Beim Bestellen des vierten Bieres war es soweit und sein Magen fing an zu revoltieren. Die Mixtur aus Medikament, Alkohol und Nikotin brachte das Fass zum Überlaufen. Orsini sprang auf und rannte. Im letzten Augenblick erreichte er die Toilette, wo ihm sofort der Inhalt seines Magens hochkam. Ein kleines Gulasch.
Kalter Schweiß auf der Stirn, Schwindelgefühl und Darmkrämpfe taten ein Übriges.
Fünfzehn Minuten später lehnte er immer noch blass und zittrig, aber zumindest aufrecht am Spülbecken. Ein Schluck Wasser, um die Suppe im Magen zu verdünnen, kühles Wasser ins Gesicht. Der Weg zur Gaststube kam ihm endlos vor. Mit weichen Knien quälte er sich an den Tischen mit den plaudernden Jugendlichen vorbei, die belustigt aufsahen.
Nur nicht ins Lokal spei..., dachte er, sonst kann ich mich hier nie wieder blicken lassen! Unter Aufbietung aller Kräfte gelang es ihm schließlich, die Rechnung zu begleichen. Die Kellnerin bemerkte Orsinis Zustand, schwieg jedoch und hielt ihm die Tür auf.
5
Posamenten, vom französischen „passement“, Fransen, Kordeln, Quasten, Zierknöpfe, als Zierde für Möbel und Raumausstattung, wurden früher auch häufig für Uniformen verwendet ... Orsini überflog verschiedene Internetseiten und fand seinen Eindruck bestätigt, dass der Handel mit Posamenten die Blütezeit längst überschritten hatte. Gerade eine Handvoll Firmen gab es noch, die Dinge wie Litzen, Tressen oder Pompons erzeugten.
Mit einem starken Kaffee hatte Orsini die Kopfschmerzen vertrieben und sich den Grundbuchsauszug von Heinrich Novaks Haus besorgt. Nun besah er sich die Homepage von Dr. Skrovisky und seinen Partnern. Unter dem Logo waren die Klappennummern der Notare angegeben. So hoffte Orsini, die schnellsprechende Sekretärin zu umschiffen. Er ging das Gespräch zuvor im Kopf durch. Ihm war klar, dass er nur eine Chance bei dem Anwalt hatte. Würde er bei diesem Erstkontakt aus irgendwelchen Gründen scheitern, wäre das eine Informationsquelle weniger. Angespannt begann er die Nummer einzutippen. Gleich darauf hörte er das Freizeichen und der Hörer am anderen Ende wurde abgenommen.
„Kanzlei Dr. Skrovisky und Partner Sie sprechen mit Petra Wagner. Was kann ich für sie tun?“
Verdammte Sch…, dachte Orsini, sagte aber: „Entschuldigung, muss mich verwählt haben“, und legte überrumpelt sofort wieder auf.
Nach einem Schluck Tee wählte er erneut die Nummer und die Klappe, wurde verbunden und, kurz nachdem das Freizeichen erklang, hob jemand ab.
„Kanzlei Dr. Skrovisky und Partner. Sie sprechen mit Petra Wag...“, ertönte die Orsini wohlbekannte Stimme.
„Ich weiß“, sagte er schroff, „verbinden Sie mich mit Dr. Skrovisky.“
„Wen darf ich melden?“
„... Rsini“, sprach er seinen Namen absichtlich undeutlich aus.
„Herr ... Sini, habe ich das richtig ausgesprochen?“
„Ja“, erwiderte Orsini genervt.
„Und in welcher Angelegenheit, darf ich sie melden Herr ... Asini?“
„Die Erbschaft Novak betreffend“, antwortete er leise.
„Ach, haben Sie denn geheiratet?“
„Wieso geheiratet?“
„Na, weil Sie dann ein Angehöriger wären und ich Ihnen, wie ich schon einmal erklärt habe, Auskunft geben könnte, Herr Orsini.“
Eine Pause war entstanden. Orsini räusperte sich.
„Sind Sie eigentlich heiser?“
„Nein“, erwiderte Orsini und wollte sich am liebsten in Luft auflösen.
„Kann ich sonst noch irgendetwas für Sie tun?“
„Ah, ... nein.“
„Dann wünsche ich Ihnen noch eine gute Besserung und einen wunderschönen guten Tag.“
Die drei letzten Worte hatte sie in erhöhter Tonlage gesprochen, was Orsini innerlich kochen ließ. Äußerlich ruhig legte er den Hörer auf die Gabel, griff nach der Teetasse und genehmigte sich noch einen Schluck. Gemächlich schob er das Telefon von sich. Im Aufstehen trank er den Rest des Tees, holte aus und schleuderte die Tasse auf den Küchenboden. Sie schlug auf, zerbrach in unzählige Teile und hinterließ ein Loch in der Bodenfliese.
Einen Moment lang verharrte er, bis er wieder ruhig wurde. Locker bleiben, um Energie zu sparen und nur dann, wenn es notwendig sein sollte, schnell und konzentriert zuschlagen. Natürlich war eine unschuldige Teetasse kaum ein ebenbürtiger Gegner ...
Orsini holte Besen und Schaufel aus dem Vorraum, versuchte sich vorzustellen, wie die schnellsprechende Kanzleidame wohl aussah – verbissene Tussi mit langen aufgeklebten Fingernägeln, die beim Tippen über die Tastatur klapperten –, kehrte die Scherben zusammen und schwor sich: Liebe Petra Wagner, auch du kommst noch in meine Gasse!
Glas, Beton und grelle Farben – wenn das hier wirklich die Hausbank des alten Posamentenhändlers war, musste er sich wie auf einem fremden Planeten vorgekommen sein. Eine hüfthohe Betonwand diente als Schalter und zugleich auch als Barriere. Dahinter befand sich eine Art Großraumbüro. Jeder Tisch war in einer eigenen Farbe gehalten, dazwischen ein paar Pflanzen.
Wie meist war zuerst Anstellen angesagt. Früher hätte ich das dem Mayerhofer überlassen, dachte er ungeduldig, während er sich eher über sich selbst wunderte, dass ihm ausgerechnet jetzt, Jahre später, Vorteile bewusst wurden, die er damals im Polizeidienst kaum geschätzt hatte.
Auf dem Boden vor ihm waren Fußabdrücke und davor ein Balken aufgemalt. Bis hierher und nicht weiter! Absichtlich stellte er sich davor, was ihm prompt schiefe Blicke einbrachte. Endlich kam er an die Reihe. „Ich bräuchte Auskunft in einer Finanzangelegenheit.“
„Sie Sind Kunde bei uns?“
„Noch nicht, aber …“
„Kein Problem. Zuerst füllen Sie bitte dieses Formular aus.“
„Ist es nicht möglich, mit einem Berater zu sprechen, bevor …“
„Zurzeit ist das schwierig, … aber Moment, Sie müssen in die blaue Zone und ja ... ich sehe gerade, dass sich Herr Mitterbauer verabschiedet. Der dunkelblaue Tisch, er wird Sie beraten.“
Der gleich daneben wäre mir lieber gewesen, dachte Orsini. Die junge Frau mit den langen, dunkelbraunen Haaren am grünen Schreibtisch unterhielt sich aber gerade mit einem anderen Kunden.
„Mitterbauer, Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“ Mit diesen Worten sprang der junge Mann auf und streckte Orsini seine makellos gepflegte Hand entgegen. Antrainiertes reflexhaftes Verhalten angesichts eines potenziellen Kunden, analysierte Orsini. Groß, blond, mittelteurer Anzug, überdimensionale rosarote Krawatte und ein ebensolcher, dem vorherrschenden Modediktat unterworfener bombastischer Krawattenknoten. Frisch rasiert, zwischen fünfundzwanzig und dreißig, schätzte Orsini und mit einer ausgesprochen unsympathischen Ausstrahlung. Typ: Abschluss und Prämie kassieren. Wird wohl nicht lange hier sitzen, sondern bald nach oben wandern. Allerdings ... Orsinis Blick blieb erstaunt am Revers des makellosen Anzugs hängen. Herr Mitterbauer hatte doch keine so weiße Weste.
„Wollen Sie ein Konto eröffnen, Herr …“
„Orsini ... Nein, nichts dergleichen. Ich wollte nur fragen, ob ein Herr Heinrich Novak, Geschäftsmann, fünfundachtzig, bei Ihnen Kunde ist?“
Der junge Angestellte tippte den Namen in seinen Computer, schaute Orsini an und sagte: „Ist wohl vor Kurzem verstorben, mein aufrichtiges Beileid, andererseits natürlich ein schönes Alter. Sie sind wohl ein Angehöriger ... zeichnungsberechtigt?“
„Nicht direkt, ich bin von seiner Tochter beauftragt worden …“
War der Bankangestellte vorhin noch geschäftsmäßig höflich, so veränderte sich sein Verhalten jetzt grundlegend. „Also, wenn Sie kein Angehöriger sind ...“
„Ich brauche auch nur ...“
„Dann kann ich Ihnen natürlich keine Auskunft über die Finanzangelegenheiten des Verstorbenen geben.“ Damit stand der junge Mann abrupt auf. „Sie entschuldigen mich, ich habe jetzt meine Mittagspause.“ Er reichte Orsini nicht einmal mehr die Hand und verschwand Richtung Treppe in den oberen Stock.
Die junge Frau vom Nebentisch hatte die Szene bemerkt. Sie erhob sich, um sich von ihrem Kunden zu verabschieden und trat zu Orsini an den Tisch. Mit einer Handbewegung warf sie ihre langen Haare energischen nach hinten. „Was ist denn mit unserem allseits beliebten Herrn Mitterbauer passiert? So habe ich ihn ja noch nie gesehen, vor allem nicht, wenn es ums Geldverdienen geht“, sagte sie in verschwörerischem Ton und setzte sich. Ihre Ellbogen waren auf die Armlehnen gestützt und ihre Finger ineinander verschränkt, sodass sich ein annähernd gleichseitiges Dreieck gebildet hatte. Mit dem Kinn fuhr sie langsam die Fingergelenke entlang. Heller Teint, kein Make-up, nur der Hauch eines dunklen Lippenstiftes. Sie sah ihn einen Augenblick abwägend an und warf dann einen Blick auf den Computerbildschirm.
„Scheine nicht sein Typ zu sein“, erwiderte Orsini lakonisch.
„Gott sei Dank!“, antwortete die Bankbeamtin schmunzelnd. „Kann vielleicht ich Ihnen helfen oder haben Sie genug von unserer Bank und ihren netten, zuvorkommenden Mitarbeitern?“
„Von Mitarbeitern dieses Schlages schon, wie das mit den Mitarbeiterinnen ist, kann ich im Moment nicht sagen, aber fragen Sie mich doch in fünf Minuten noch einmal, Frau …?“
„Zechner“, erwiderte sie mit einem Lächeln. „Was war denn der Grund für Ihre ... na ja, Auseinandersetzung. Ich sehe auf dem Bildschirm die Daten für das Konto eines Herrn ... Heinrich Novak. Dem Alter entnehme ich aber, dass das nicht Sie sein können, oder?“ Das letzte Wort hatte sie absichtlich betont.
Orsini beschloss ehrlich zu sein und erklärte ihr, dass er im Auftrag der Tochter des Verstorbenen ermittle.
„Ihnen ist schon klar, dass Herr Mitterbauer in dieser Hinsicht richtig gehandelt hat und auch ich Ihnen eigentlich darüber zum Schweigen verpflichtet bin ..., aber er hat die Seite mit den Kontoauszügen offen gelassen ...“
Orsini hatte die beiden Worte eigentlich und aber registriert. „Natürlich ist mir das klar. Es ist nur so, dass sich der Notar erst in drei Wochen der Angelegenheit widmen kann und meine Klientin beunruhigt ist. Sie möchte hauptsächlich wissen, ob das Konto gedeckt ist, beziehungsweise ob Schulden ...“
Die Bankbeamtin nickte. „Gedeckt schon, aber gerade so ...“
„Und eine größere Summe?“ Orsini dachte an das Verkaufsanbot für das Haus des Posamentenhändlers.
Sie sah nun mit einem besorgten Blick hinter Orsini und gab ihm dabei ein stilles Nein-Zeichen. „Hören Sie, ich kann jetzt nicht mehr länger, Herr Mitterbauer kommt zurück“, flüsterte sie.
„Danke, Sie haben mir sehr geholfen!“, erwiderte Orsini, erhob sich und wandte sich Herrn Mitterbauer zu, der gerade die letzten Stufen der Treppe herunterkam.
Er hatte Orsini mit seiner Kollegin an seinem Tisch sitzen gesehen und war jetzt noch aufgeregter als zuvor. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ...“, fuhr er Orsini aufgebracht an. Orsini tippte mit seinem Zeigefinger auf das Revers seines Gegenübers und unterbrach ihn routiniert: „Ganz ruhig, junger Mann! Kokser wie dich erkenn ich schon auf Entfernung, vor allem wenn sie so blöd sind und Spuren auf dem Anzug hinterlassen!“ Orsini zog seinen Finger zurück, hielt ihn sich vor die Nase, schniefte laut, während er den jungen Mann fixierte und verließ dann die Bank.
Draußen sah Orsini sich um und betrat ein kleines Stehcafé. Dort bestellte er einen kleinen Braunen, trank den Kaffee aus, zahlte und ging retour in die Bank.
Der wieder an seinem Tisch sitzende Herr Mitterbauer trug immer noch eine gewisse Blässe im Gesicht. Als er Orsini auf sich zukommen sah, zuckte er zusammen. Erschrocken nestelte er an seinem Krawattenknopf herum und atmete erleichtert auf, als Orsini an seinem Tisch vorbeiging. Die nette Angestellte hatte einen neuen Kunden und sah überrascht auf. Sie erhob sich, entschuldigte sich bei ihrem Gegenüber für die Störung und wandte sich an Orsini: „Ich kann jetzt leider nichts mehr für Sie tun ...“
„Es ist nur“, begann er verlegen, „darf ich Sie zum Essen einladen? Und ich verspreche hiermit feierlich, Sie nicht weiter auszufragen!“
„Das … das kommt jetzt doch … überraschend!“
„Ich weiß, und ich entschuldige mich auch sofort dafür.“
„Aber, na ja, Dienstag nächste Woche ginge“, meinte sie etwas unsicher und sah zu ihrem Tisch. Dort machte sich der wartende Kunde bemerkbar, indem er den Sessel knarrend hin und her schob.
„Kennen Sie das italienische Restaurant in der Piaristengasse?“
„Nein, aber ...“
„Ist nicht zu übersehen, neunzehn Uhr – und wenn Sie es sich anders überlegen, können Sie mich ja anrufen. Ich gebe Ihnen meine Visitenkarte“, antwortete Orsini und zog ein Kärtchen aus der Innentasche seines Mantels.
„Nur eines noch“, erwiderte die Bankangestellte, steckte ihm verstohlen ebenfalls ein Kärtchen zu und schaute Orsini dabei fragend an, „was haben Sie eigentlich mit unserem Herrn Mitterbauer gemacht – er wirkt so … so ruhig?“
„Der Herr Mitterbauer“, tat Orsini überrascht, „hat sich vermutlich bei jemandem angesteckt, die Nase ... oder vielleicht hat er auch nur die falschen Medikamente eingenommen – also dann bis Dienstag“, verabschiedete er sich schnell und verließ endgültig die Filiale.
6
Orsini blickte auf seine Uhr und schüttelte sie mit der typisch drehenden Bewegung, um dem alten Automatikgetriebe wieder neue Energie zuzuführen. So wie er es immer tat. Es war kurz nach Mitternacht. Unschlüssig stand er an der Ecke zur Weißgerber Lände, ganz in der Nähe seiner Wohnung und war wie meist um diese Zeit hellwach.
Die Straße hatte ihren Namen von den früheren Handwerksbetrieben, die sich in der Kaiserzeit hier angesiedelt hatten. Als dann mit enormem menschlichen Verschleiß die Jahr für Jahr flutende Donau in harmlosere Bahnen gelenkt wurde und Wien einen hochmodernen Kanal erhielt, war es im Wiener Großbürgertum en vogue gewesen, an der Lände ein eigenes Haus zu errichten. Repräsentativ, mit hohen Innenräumen, an der Fassade verspielte Figuren und ganz oben der Familienname in großen Lettern. Das Mezzanin war gerade erfunden und der erste Stock dabei nach oben versetzt worden. Somit konnten die Besitzer gleichzeitig in der Beletage wohnen und doch mit der tollen Aussicht vom Balkon prahlen.
Dass der technische Erfindergeist über hundert Jahre später eine breite Ausfallstraße in Richtung Flughafen und Raffinerie erzwingen würde, hatten sie nicht ahnen können. Heute stank es zumeist nach Abgasen, lüften konnten die Hausbewohner nur in den Innenhof, und zum Schlafen brauchte man starke Nerven. Besonders an der Ecke zum Hundertwasserhaus herrschten tagsüber chaotische Zustände. Dann parkten die Touristenbusse in der zweiten Reihe und verstopften den Verkehr zusätzlich.
Orsini sah einem Taxi nach, das sich gerade lässig über die geltende Geschwindigkeitsbeschränkung hinwegsetzte, überquerte das breite grau-schwarze Asphaltband und marschierte flott über die Rotundenbrücke – einer letzten Erinnerung an die Weltausstellung 1873 und an den gleichnamigen gigantischen Kuppelbau, der knapp sechzig Jahre später einem verheerenden Großbrand zum Opfer gefallen war. Danach setzte er bei Rot über die Kreuzung, trottete die mit Kastanienbäumen gesäumte Straße entlang und musste an die hübsche Bankbeamtin denken. Lautes Gelächter lenkte seine Aufmerksamkeit jedoch auf die andere Straßenseite. Zwei Betrunkene lehnten an dem um diese Zeit schon zugesperrten Würstelstand, hatten Bierdosen vor sich stehen und grölten in die Nacht. Orsini fröstelte bei dem Anblick, beachtete sie jedoch nicht weiter und bog nach rechts auf die Hauptallee ab. Auch um diese Zeit waren – was ihn immer verwunderte – noch Menschen unterwegs und das sogar, um Sport zu treiben. Meistens schnaufend vor Erschöpfung. Sport soll ja angeblich gesund sein. Ein kleiner, dicklicher Mann hatte sich in Zeitlupe an Orsini vorbeigequält und trottete nun wie ein alter Dackel vor ihm her. Knallgelbe, allerneueste Funktionskleidung und dann so langsam! Orsini konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und beschleunigte seinen Schritt, um zu ihm aufzuschließen.
Dienstag um neunzehn Uhr, hatte er mit der Bankbeamtin vereinbart. Sie jedoch weiter auszufragen, kam nicht in Frage. Also musste er eine andere, ebenso hübsche Quelle bezüglich Heinrich Novaks Konto anzapfen. Orsini spürte trotz seines nun erhöhten Tempos und der damit verbundenen körperlichen Anstrengung die feuchte Kälte in den Gliedern. Er begann am Rücken zu schwitzen und musste an die Obdachlosen denken. Das Tempo behielt er bei.
Wo sie wohl heute die Nacht verbrachten?
„Sie scheichn uns jedn Tog ausse, damit ma do in da Gegend umadumstengan“, hatte der Einbeinige erzählt. Konnte man das angesichts seines Zustandes überhaupt ernst nehmen? Wenn ja, wer konnte ein Interesse daran haben, diese Leute in der Kälte herumstehen zu lassen? „Die von der Immotreu sind die Ärgsten, die lassn den ganzen Dreck absichtlich liegn ... so schaffn sie’s, dass sogar die hartnäckigstn Bewohner ausziehn“, hatte der verschlafene Verkäufer der Waren aller Art gesagt. Dass die Baufirmen versucht hatten, die Leute zum Verkauf zu bewegen, schien naheliegend. Vorerst höflich, dann eben mit Nachdruck. Lärm, Schmutz, Staub und Vandalenakte bildeten dabei wohl nur den Grundakkord. Kein Zweifel, in dem Viertel schwelte ein Brand, der durch den Mord an dem Alten neue Nahrung bekommen hatte.
Ein Uhr. Orsini überholte langsam, aber zielstrebig den knallgelben Funktionskleidungsträger, der sich lange gewehrt hatte und hörte danach noch einige Zeit das schnelle, dann jedoch stetig leiser werdende Schnaufen hinter sich. Rasch zog er am kleinen runden Haus der Lust vorbei, bog halblinks ab und war endlich ganz allein. Dass der knallgelbe Kugelblitz sich hierher verirrte, war unwahrscheinlich, Orsini blickte prüfend nach hinten, lehnte sich an einen Baum und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
Das Wasser des lang gezogenen ehemaligen Donauarms lag umsäumt von Wald ruhig und verlassen da. Die mächtigen Aubäume bildeten mit ihren Kronen ein Gewölbe fast wie das einer gotischen Kathedrale und verschluckten auch im November beinah jegliches Licht. Nach Einbruch der Dunkelheit kam deswegen keiner mehr hierher, nicht einmal Jogger. Orsini war das jedoch völlig egal. Rasch schritt er den weichen, jedes Geräusch schluckenden Weg entlang. Ein einsamer Wanderer inmitten der Großstadt.
Der alte Posamentenhändler?, machte Orsini ein gedankliches Fragezeichen. Als akkurat, sehr korrekt, höflich, aber in letzter Zeit irgendwie verändert, hatte ihn der Friseur Patschinsky beschrieben. Die Wertung der Trafikantin fiel da schon nicht mehr ganz so schmeichelhaft aus: Einen Pedanten, der nicht einmal Trinkgeld gab, hatte sie ihn genannt. Vermutlich übertrieb sie dabei, wie auch bei ihrem Aussehen. Orsinis Gedanken glitten kurz zu ihrer Figur und ihrer erotischen Ausstrahlung ab – er musste sich eingestehen, dass sie auch ihn nicht ganz kalt gelassen hatte. Der Friseur, bekam er sich jedoch gleich wieder in den Griff – der Friseur hatte Schwierigkeiten Heinrich Novaks mit den Baufirmen erwähnt.
Wäre natürlich lukrativer, den ganzen Block zu sanieren, überlegte Orsini. Aber selbst wenn irgendjemand die Drogensüchtigen zum Mord angestiftet hatte – was würde das demjenigen bringen? Erneut kehrten seine kreisenden Gedanken zur Trafikantin zurück. Diesmal ohne erotische Hintergedanken. Die familiären Verhältnisse bei den Novaks dürften nicht die besten gewesen sein, hatten sie und auch der Händler im Waren-aller-Art-Geschäft erwähnt.
Inzwischen hatte Orsini das Ende des länglichen, Mauthnerwasser genannten Donauarms erreicht und marschierte heimwärts. Als er an der kleinen, schlichten Wallfahrtskirche mitten im dichten Gehölz vorbeikam, hielt er an. Er mochte den Ort, der so etwas wie zeitlose Ruhe ausstrahlte. In der wärmeren Jahreszeit war das Kirchlein ein beliebter Ort für Hochzeiten. Rund um eine gemauerte Grotte waren Laternen aufgestellt, deren kleine Flammen aufgeregt flackerten und ihr unruhiges Licht ins Innere auf die klaffende Wunde des toten Gottessohns warfen. Wie des Öfteren verharrte Orsini eine Weile davor.
Heinrichs Frau, Judith, hatte die Trafikantin als bigott und den gemeinsamen Sohn Karl als keine Hilfe beschrieben. Was immer das heißen mochte. Karl war ja – nach Ansicht seiner älteren Schwester – der Drahtzieher hinter dem vermeintlichen Betrug. Möglich. Aber wie an ihn und seine Mutter herankommen?
Tief in sich versunken schlug er einen schmalen, von Sträuchern gesäumten Pfad ein. Nach einer Weile gelangte er wieder auf die Hauptallee, wechselte die Straßenseite und ging denselben Weg, den er gekommen war, zurück. Die beiden Betrunkenen lehnten noch immer an derselben Stelle vor dem Würstelstand. Die leeren Bierdosen hatten sich vermehrt und statt Grölen war nur mehr ein Lallen zu hören. Einer der beiden fühlte sich offenbar so wohl, dass er sich seiner Oberbekleidung entledigt hatte und nur mehr ein T-Shirt trug.
7
Beim Theater für den kleinen Mann, dem Volkstheater, stieg Orsini aus der U-Bahn, um das letzte Stück zu Fuß zu gehen. Von hier ging es leicht bergauf. Die Anhöhe war ursprünglich landwirtschaftlich genutzt worden und gehörte einst zum Wiener Bürgerspital, weshalb sie auch Spitalberg und danach, im Volksmund, Spittelberg genannt wurde. Die damals billigen Gründe zogen zuwandernde Slowaken und Kroaten aus den Kronländern an und so wurde die Gegend bald auch „Krowotendörfel“ genannt. Seinen „besonderen“ Ruf erhielt der kleine Hügel aber erst unter Kaiser Joseph II. Denn fast jedes Haus hatte die sogenannte Schankberechtigung, was nichts anderes bedeutete, als dass in den Hinterzimmern die Prostitution blühte. Im Unterschied zur feinen Innenstadt gingen hier nicht die „Grabennymphen“, sondern die sogenannten „Bierhäuslmenscher“ ihrem Gewerbe nach. Eine Immaculata-Figur, die Statue der unbefleckten Empfängnis, gab es aber hier genauso wie im feineren ersten Bezirk.
Eines der verrufensten Lokale jener Zeit war der Gasthof „Zum weißen Löwen“. Selbst der Kaiser soll eines schönen Tages, nachdem er die berühmt-berüchtigte „Sonnenfels-Waberl“ beglückt hatte, aus dem Lokal geflogen sein. Noch heute erinnert eine Inschrift im Gewölbe des Flurs an diese Begebenheit.
Orsini ging an all dem vorbei und stand kurz darauf vor einem Geschäft. „Vladimir Tandler, Altwaren und Kunstgegenstände“, prangte in goldenen Lettern auf schwarzem Grund auf einer verglasten Tafel über dem Geschäftseingang. Das Gold blätterte an manchen Stellen ab und die Farbe zeigte Risse. Die Auslagenscheiben waren im unteren Drittel vom Kondenswasser angelaufen. Seitlich an den Schaufensterwänden hingen alte Ölbilder in kunstvoll verzierten Rahmen. Die Ablage darunter war angefüllt mit allen möglichen und unmöglichen Gegenständen, die ein Sammlerherz zumindest neugierig machten. Neugierig auf das Innere – das war ja auch der Zweck. Nicht ganz so herausgeputzt wie ähnliche Geschäfte in besseren Lagen, auf jeden Fall aber standesbewusst.
Orsini öffnete die verglaste Eingangstür, trat ein und sah sich um. Nur Sekunden später wurde ein roter Vorhang beiseitegeschoben und ein kleiner, drahtiger, alter Mann kam aus dem Nebenraum, nahm einen dicken Zigarrenstummel aus dem Mundwinkel und sagte: „Grüß Gott, kann ich Ihnen helfen?“
Orsini erwiderte den Gruß, studierte mit gespieltem Interesse ausführlich eines der Bilder und suchte nach einem Einstieg.
„Sie haben aber einen passenden Namen!“, meinte er endlich.
„Wieso?“
„Sind Sie denn nicht Herr Tandler?“, fragte Orsini, „Na ja, Tandler ... und Altwarentandler.“
„Das ist mir noch gar nicht aufgefallen, Sie sind der Erste, der das bemerkt hat“, entgegnete der Altwarenhändler lapidar. Nachdem er Orsinis peinlich betretenen Gesichtsausdruck eine Weile genossen hatte, fuhr er fort: „Pardon, jetzt schauen Sie nicht gleich so betroffen, was glauben Sie, wie oft ich das schon gehört habe? Da überlegt man sich halt verschiedene Antworten.“ Er lächelte verschmitzt in seinen spitzen grauen Bart. „Darf ich Sie nach dem ausgestandenen Schrecken wenigstens auf einen Kaffee einladen? Er steht noch hinten auf der Platte, Sie können sich ja einstweilen im Geschäft umsehen.“
Orsini fühlte sich von dem Alten durchschaut. Jahrzehntelange Erfahrung mit unterschiedlichsten Käufern strahlte aus seinen Augen, denen man kaum mehr etwas vormachen konnte. Runde, verbogene Nickelbrillen, ein leicht verschlissener Anzug, graue, aber immer noch lockige Haare und ein rostrotes, ungebügeltes Hemd mit Flecken darauf. Die gesamte Erscheinung spiegelte in etwa den Inhalt des Geschäftes wider.
„Ein Kaffee wäre nicht schlecht, wenn Ihnen das nicht zu viel Umstände bereitet.“
„Was denn für Umstände?“ Der Altwarenhändler zog sich wieder in den Nebenraum zurück. „Sie trinken doch türkischen?“
„Ja natürlich, gerne sogar“, bekräftigte Orsini. „Ausgefallene Sachen haben Sie da.“
„Mit Zucker?“
„Ja, aber wenig bitte.“
Der Händler kam mit einem fein ziselierten Tablett zurück und stellte es auf einen alten, runden, marmornen Kaffeehaustisch. Er setzte sich und forderte Orsini mit einer Handbewegung auf: „Holen Sie sich irgendeinen Stuhl, das Jahrhundert dürfen Sie sich aussuchen!“
Orsini entschied sich für einen kunstvoll geschwungenen Bugholzsessel mit gepolsterten Armlehnen. „Gute Wahl, solides Stück, wurde ab 1859 gebaut. Der Rahmen – aus massiver Buche. Unter Dampf gebogen und dann in Form gebracht. Ein Original, wurde hier in unserer Stadt produziert. Eigentlich eine Okkasion.“ Mit einem wissenden Lächeln betrachtete der Alte den Sessel und fuhr dann verärgert fort: „Leider hat irgendein stupider Mensch an den Armlehnen diese grässlichen Auflagepolster angebracht. Was sage ich angebracht! Dieser Banause hat durch das Holz gebohrt und sie von unten verschraubt. Das muss man sich einmal vorstellen!“ Feine Äderchen zeichneten sich an seiner Schläfe ab. „Mit billigen Schrauben aus dem Baumarkt noch dazu. Ein Sakrileg ist so was! Dieser Kretin gehört – nein, ich will’s gar nicht aussprechen.“ Zwei kleine, zornige Augen hinter Gläsern starrten Orsini für einen winzigen Moment an. Der Altwarenhändler hatte sich aber sofort wieder unter Kontrolle und fuhr sich durch die gewellten Haare. Dann nahm er mit ruhiger Hand seine Schale vom Tablett und trank vorsichtig einen Schluck. „Ist Gott sei Dank ein Meisterwerk, das bringt auch der größte Pfuscher nicht um.“
„Zudem sitzt man auch recht komfortabel“, antwortete Orsini, um die Situation wieder zu entspannen, „und das ist doch eigentlich das Wichtigste, oder?“
„Nicht immer, ich glaube, Sie können Ihren Kaffee jetzt trinken, er sollte kühl genug sein.“
„Haben Sie ihn denn auch dreimal aufgekocht?“, trieb Orsini ihr Geplänkel spitzbübisch weiter.
„Alles andere wäre ja ein Affront dem Kaffee gegenüber“, entgegnete der Händler und hob gleichzeitig die linke Augenbraue.
Warum fragt er eigentlich nicht, was ich hier will? Scheint ihm völlig egal zu sein.
„Die Baustelle vor Ihrem Haus, beeinträchtigt die das Geschäft eigentlich sehr? Oder haben Sie sowieso nur Stammkunden, denen das nichts ausmacht?“, fragte Orsini nach einer längeren, fast peinlichen Pause.
„Es beeinträchtigt hauptsächlich mich. Erstens meine Gesundheit, durch den vielen Staub, und glauben Sie mir, junger Mann, es geht mit der Zeit aufs Gemüt.“
„Konnte ich bis jetzt aber nicht feststellen.“
„Schaun Sie sich nur um, alles verstaubt! Jeden Tag könnte man mit dem Putzen von vorne anfangen. Die reinste Sekkatur von diesen ... diesen Künettengrabern. Die gehören alle unter Kuratel gestellt, diese Bagage! Und der Dreck vor dem Laden! Vom Geschäftsentgang will ich gar nicht reden, wenn ich meine Stammkunden nicht hätte ... Pardon, dass ich mich so ... echauffiere, aber diese ...“
„Haben Sie denn schon überlegt zu verkaufen?“
„Sie meinen, weil die Immobilienfirmen hier alles akquirieren? Ob ich schon Angebote bekommen habe? Die Pestilenz soll sie holen! Nicht nur eines – wissen Sie, was die aus meinem Geschäft machen würden?“
„Nein, was denn?“
„Eine Garage, ... eine große Garage! Können Sie sich das vorstellen? Aus meinem schönen Geschäft eine Garage für diese neureichen Finanzhasardeure, die dann im Dachgeschoß oder was weiß ich wo wohnen. Womöglich noch mit einer dieser hässlichen Badewannen obenauf ... Wie heißen diese Luftblasen absondernden Abscheulichkeiten noch?“
„Whirlpools?“, entgegnete Orsini unsicher.
„Genau Wörlpuuls“, dehnte der Altwarenhändler das Wort verächtlich. „Alleine der Name stößt einem unangenehm auf.“
„Aber wenn der Preis stimmt, könnte Ihnen das doch egal sein“, legte Orsini nach.
„Ist es aber nicht“, erwiderte der Händler aufgebracht.
„Haben Sie denn schon verhandelt?“
„Natürlich habe ich mit Ihnen geredet, oder verhandelt, wie Sie das auch nennen wollen.“
Also doch Garage, sofern der Preis stimmt – wie immer also, stellte Orsini fest.
„Allerdings mit denen ... mit denen gibt es kein Verhandeln, die diktieren den Preis, und wenn einem der nicht passt, probieren sie es anders.“
„Was meinen Sie mit probieren sie es anders?“
„Unrat vor der Tür, eine eingeschlagene Fensterscheibe oder ein Wasserrohrbruch – das sind die Pastellfarben auf ihrer Palette. Danach kommen die kräftigen Töne. Einschüchterungsversuche mit Rechtsanwälten, Drohungen und zuletzt auch körperliche Gewalt.“
„Das heißt, Sie ...“
„Junger Mann, kennen Sie das Sprichwort mit dem alten Baum?“
„Natürlich.“
„Dann verstehen Sie ja. Die Zeiten haben sich eben geändert, das muss man akzeptieren. Ich möchte auch keineswegs in den vielstimmigen Chor der Früher-war-alles-besser-Sänger einstimmen. Aber von hier weg ...“ Mit einem Blick auf Orsini trank er danach zuerst einen Schluck, steckte dann den Zigarrenstummel wieder in den Mund und zündete ihn an. Seine Hände zitterten dabei leicht. „Sogar einen Mord an einem Geschäftsmann hat es hier kürzlich gegeben.“
„Einen Mord?“
Der Altwarenhändler stieß ein Rauchwolke aus, ließ dadurch eine Pause entstehen und verlieh der nachfolgenden Frage somit mehr Gewicht.
„Ja“, er sah Orsini direkt in die Augen, „deswegen sind Sie doch hergekommen, oder?“
Orsini hatte das ungute Gefühl, vorgeführt zu werden. Er durchschaut mich wie seine gläserne Eingangstür ... Aber noch bevor Orsini etwas erwidern konnte, fuhr der Händler fort und wieder hatte er das gleiche schlaue Lächeln auf den Lippen, wie schon zuvor. „Sie brauchen keine Angst zu haben, ich nehme Ihnen Ihren Kaffee schon nicht weg, nur weil Sie für eine Zeitung arbeiten! Welche ist mir übrigens völlig egal. Obwohl – Qualitätszeitung wäre mir schon lieber.“ Er nestelte umständlich an seinem Anzug herum und trank einen Schluck aus der winzigen Tasse. Offensichtlich genoss er diesen Moment der Überlegenheit. „Wirklich, Sie können ruhig sitzen bleiben, ich konversiere gerne mit Journalisten. Außerdem sind Sie nicht der Erste aus dieser – verzeihen Sie den Ausdruck – Meute, und die Polizei war auch schon bei mir.“
Die gläserne Eingangstür hatte zumindest einen Fleck ..., war Orsini erleichtert, dass der alte Händler zumindest nicht alles über ihn erraten hatte, und versuchte einen Schuss aus der Hüfte: „Ich habe gehört, Sie waren der einzige Freund des ermordeten Heinrich Novak, stimmt das?“
„Von wem haben Sie das?“
„Hört man eben so.“
„Kann’s mir schon denken, egal, aber ja, es stimmt wahrscheinlich auch. In unserem ... meinem Alter, verringern sich die Freunde leider auf natürliche Weise, bis man dann irgendwann plötzlich sein einziger Freund ist.“ Nachdenklich schaute der Händler an Orsini vorbei auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne, zog an der Zigarre und blieb danach still.
„Das heißt, Sie und der Verstorbene waren ungefähr ... gleich alt?“
Ein Moment verstrich, bis sich der alte Händler wieder gefangen hatte. „Ja fast, er war um ein Jahr älter, ist 1924 geboren.“
„Kannten Sie einander schon lange?“
„Lange ..., lassen Sie mich überlegen.“ Es entstand eine kurze Pause. „Eigentlich erst seit ich mein Geschäft hier eröffnet habe.“
„Wann war das?“
„In den Sechzigern, einundsechzig, um genau zu sein.“
„Kannten, ich meine kennen Sie auch seine Familie?“
„Natürlich, die wohnen ja gleich um die Ecke, gegenüber der Kirche, und ich war eine Zeit lang wie ein Onkel zu den Kindern. Als die zwei Töchter ausgezogen sind, ist das dann langsam abgeflaut. Seit Heinrich nicht mehr ist, lebt nur noch Karl mit seiner Mutter in der Wohnung. Judith, das ist Heinrichs Frau“, erklärte er weiter, „geht es ja schon seit Jahren nicht gut. Wenn ihr Sohn nicht wäre, müsste sie sicher in ein Sanatorium, so schlecht steht es um sie“, fügte er noch gedankenverloren an.
Seit Heinrich nicht mehr ist – so vermied er wohl das Wort gestorben oder tot. Verständlich in seinem Alter, dachte Orsini, um dann zu sagen: „Aber um Sie mache ich mir keine Sorgen, Sie sehen höchstens aus wie siebzig und scheinen mir bei bester Gesundheit zu sein.“
„Gesund – gesund war Heinrich auch. Und dann das! Wer ist zu so etwas fähig, einen alten Mann und dann noch dazu, auf so grauenhafte Weise?“
„Die Polizei hat doch schon Verdächtige, oder?“
„Die Polizei, lesen Sie eigentlich Zeitung?“
Nicht schon wieder, dachte Orsini verzweifelt.
„Pardon, in Ihrem Fall würd ich verstehen, wenn Sie es nicht tun. Allerdings sehen Sie doch sicher fern?“
„Ja, gelegentlich“, antwortete Orsini, der nicht wusste worauf der Händler hinauswollte.
„Wenn Sie das also gelegentlich tun, dann müssten Sie bemerkt haben, dass es ein brutaleres Verbrechen gegeben hat. Drei Tote und jung dazu, glauben Sie wirklich, dass sich da jemand um einen alten Mann kümmert, der stranguliert wurde? Ein paar Süchtige als Verdächtige sind schnell zur Hand und der Fall ist nach ein, zwei Tagen nicht mehr in den Medien.“
„Da haben Sie nicht gänzlich unrecht, aber Sie haben eben von zwei Töchtern gesprochen …“
„Ja, Sophie und Anna. Sophie ist die ältere von den beiden“, murmelte der Händler vor sich hin, wie um sein eigenes Gedächtnis zu überprüfen, „ich habe alle zwei seit Jahren nicht mehr gesehen. Erst wieder vorige Woche bei der Beerdigung. Beide gleich hübsch wie die Mutter früher …“
„Gab es einen Grund, warum die beiden Töchter von zuhause ausgezogen sind?“
„Das Übliche eben ...“ Orsini registrierte ein leichtes Zögern. „Sie müssen wissen, Heinrich ..., Heinrich war eben ein Pedant. Er konnte nicht anders, vielleicht hing das mit seinem Geschäft zusammen. Darum hat er wahrscheinlich seine Erziehungsmethoden ... zu eng ausgelegt. Hören Sie, ich will nicht unhöflich sein“, schien der Alte plötzlich aus den Gedanken gerissen, „ich habe noch einiges zu erledigen. Sie können sich aber noch gerne weiter umsehen, wenn Sie wollen.“ Während er diesen Satz sagte, stand er auf und gab somit Orsini ein unmissverständliches Zeichen. Wie schon zuvor entstand eine für Orsini unangenehme Pause. Verlegen trank er den letzten Schluck aus der Tasse, erhob sich und brachte den Bugholzsessel an seinen Platz zurück. Der Altwarenhändler war unterdessen mit dem Tablett in den Nebenraum marschiert, ohne Orsini noch einmal anzusehen und wollte gerade den Vorhang hinter sich schließen.
„Wieso haben Sie eigentlich gewusst, dass ich nichts kaufen werde?“, fragte Orsini herausfordernd. Der alte Händler hielt den Vorhang in der Hand, schien zu überlegen und blickte in die Ferne und antwortete: „Es war die Art, wie Sie die Gegenstände betrachtet haben.“ Er zog den Vorhang zu und ließ einen verdutzten Orsini zurück.
Draußen stand Orsini grübelnd vor einer der beiden Auslagen und fixierte ein kunstvoll bemaltes, mehrteiliges Porzellanservice. In Gedanken saß er jedoch immer noch im Geschäft und versuchte das Gespräch und vor allem den Händler zu analysieren. Aber sosehr Orsini auch die filigran gemalten Figuren auf dem Service anstarrte, sie gaben keine Antwort, was Herrn Tandler mit dem außergewöhnlichen Vornamen Vladimir anlangte.
8
Schon auf dem Weg von der U-Bahn bis zum Altwarengeschäft hatte er vergeblich nach einer der hässlichen grauen Boxen Ausschau gehalten.
Muss mir wohl doch ein Handy zulegen, brütete er ärgerlich vor sich hin, während er in die Westbahnstraße abbog. Zwei Gassen weiter fand er eine Telefonzelle. Der Zustand, in dem sich das Innere befand, war jedoch so, dass Orsini nicht eintreten, geschweige denn den Hörer berühren wollte. Wieder ein Argument für ein kleines tragbares Telefon, dachte er zerknirscht und marschierte kopfschüttelnd weiter. Am Europaplatz blieb er stehen und starrte auf das ausgehölte Skelett des Bahnhofsgebäudes. Insgesamt sechs Kräne drehten hoch über den Köpfen der Menschen ihre Arme. Darunter werkten zahllose Arbeiter auf der Großbaustelle.
Knapp vor Kriegsende war das alte, noch aus der Zeit Kaiserin Elisabeths stammende Bahnhofsgebäude abgebrannt. Zu Beginn der Fünfzigerjahre hatte man die Bahnhofshalle neu errichtet. Seitdem allerdings war die eindrucksvolle Konstruktion vernachlässigt worden – was aber auch einen Teil des Charmes ausgemacht hatte, den der Kopfbahnhof bis ins neue Jahrtausend verteidigt hatte. Nun aber sollte er einen Großteil seiner Funktionen an den zukünftigen Zentralbahnhof abtreten und stattdessen eine ultramoderne Shoppingmeile erhalten.
Das Café Westend kam ihm in den Sinn. Früher war das große Café gegenüber vom Bahnhof einer seiner Lieblingsorte gewesen, um Leute zu beobachten und dabei zu grübeln. Der nahe Bahnhof und die Einkaufsstraße sorgten für ein ständiges Kommen und Gehen. Die hohen Räume mit dem schweren Stuck und die vielen reizvollen Fensternischen luden zum Verweilen ein. Sogar die nicht historischen Kristallluster fügten sich harmonisch ins Ambiente. Auch wenn das Fischgrätparkett schon einigermaßen abgetreten war und aus der einen oder anderen Sitzbank das Innenleben zum Vorschein kam: Die Atmosphäre war unvergleichlich. Vor allem am späten Nachmittag, wenn die kraftloser werdende Sonne alles in ein die Farben vertiefendes Licht tauchte. Wenn er sich recht erinnerte, gab es dort eins dieser altertümlichen Kabäuschen mit Telefon. Außerdem schmeckte der Kaffee besser als anderswo und die Auswahl an Tageszeitungen ...
Erleichtert stellte er fest, dass sich seit seinem letzten Besuch nicht allzu viel verändert hatte. Zufrieden bestellte er eine Melange, überflog kurz die Zeitungen und war sich bewusst, dass er etwas hinausschob, was nicht länger hinauszuschieben war. Er brauchte Informationen – detaillierte Informationen über die Verbindlichkeiten des Posamentenhändlers, und er wusste nur eine Möglichkeit, wie er diese bekommen konnte, wenn überhaupt. Diese Möglichkeit hatte auch einen Namen: Alexandra.
Alexandra arbeitete in einer Bank und war schon vor Langem ins mittlere Management aufgestiegen. Orsini kannte sie noch aus Studienzeiten. Eigentlich aus den Zeiten zwischen den Studien. Ein kurzer Flirt, mehr war nicht daraus geworden. Zu unterschiedlich waren ihre Interessen. Vor einiger Zeit hatte er ihr in einer schwierigen Situation mit einem Stalker geholfen. Seitdem hatte sich eine lose Zusammenarbeit zwischen ihnen entwickelt. Er holte sein Notizbuch aus der Manteltasche und begab sich in die enge, mit Holz verkleidete Telefonzelle.
„Alexandra Trampusch.“
„Conrad spricht.“
„Hallo Conrad!“
„Kannst du reden?“
„Moment, so jetzt, mach schnell, ich muss zu einer Besprechung.“
„Ich arbeite gerade an einem Fall ...“
„Machst du doch immer ...“
„Ja, aber dieser wird gerade ... kompliziert. Kurz gesagt, ich bräuchte Auskunft über ein Bankkonto, ein Geschäftskonto eigentlich.“
„Lautend auf?“
„Heinrich Novak, Geschäftsmann, schreibst du mit?“
„Was glaubst du, ich will nicht zu spät zur Besprechung kommen.“
„Also Heinrich Novak, Posamentenhändler.“
„Posa... was?“
„Posamenten, das sind Kordeln, Quasten und so Zeugs. Also, der Mann hat ein Geschäft und ist vor Kurzem ermordet worden.“
„Verstehe, das heißt, du brauchst von mir alle Kontodaten dieses ... Heinrich Novak?“
„Ja und von seinem Sohn Karl auch, falls er eines hat.“
„Auch noch! Das wird aber länger dauern, ist nämlich nicht ungefährlich für mich.“
„Ich weiß ..., aber da wäre noch ...“
„Sag schon!“
„Er hat das Konto nicht bei deiner Bank.“
„Nicht? Weißt du eigentlich, was du da von mir verlangst?“
„Ja ...“
„Wenn auch nur irgendjemand erfährt, worüber ich mit dir gerade rede, verliere ich sofort meinen Job. Ist dir das klar?“
„Ja, ... aber du machst es, oder?“
„Um welches Institut handelt es sich denn?“
Als Orsini ihr den Namen genannt hatte, hörte er nur noch ein leises „Scheiße“ und dann: „Conrad, ... das wird verdammt schwierig. Versprechen kann ich dir nichts!“
„Aber du wirst es versuchen?“
„Mehr aber schon nicht, und es kann dauern. Du hast hoffentlich mittlerweile wieder ein Handy, oder?“, fragte sie herausfordernd.
„Nein, im Moment nicht …“
„Und wie soll ich dich erreichen? Sag jetzt nicht zuhause!“
„Ich versprech dir, ich werd mir eines besorgen und schick dir dann die neue Nummer“, antwortete Orsini widerwillig, um sie nicht zu verstimmen.
„Das glaub ich erst, wenn’s soweit ist ... jedenfalls bin ich ein paar Tage weg. Vor nächstem Mittwoch brauchst du also nicht mit mir rechnen ...“
„Ist gut“, murmelte Orsini.
„Tschüss“, warf Alexandra ihm noch schnell hin und legte auf.
Orsini trat aus der engen Zelle, setzte sich wieder an seinen Tisch, bestellte einen Espresso und vergaß dabei ganz darauf, dass er noch ein zweites Telefonat führen musste. Nachdem der Espresso serviert wurde, kam es ihm jedoch wieder in den Sinn. Wahrscheinlich war es der livrierte Oberkellner mit den unpassenden Schuhen, der ihn daran erinnerte. Er trank aus, ging wieder zurück in die hölzerne Zelle und wählte. Besetzt. Orsini trat wieder aus dem Häuschen und wartete. Der Platz ermöglichte einen Blick auf einen Teil der belegten Tische und hinaus auf das grauschwarze Bahnhofsskelett.
Er öffnete erneut die Tür, nahm den altmodischen Hörer und wählte. So, zwischen Tür und Angel stehend, beobachtete er ein junges Pärchen mit riesigen Rucksäcken, das gerade vom Bahnhof kommend die Straße überquerte. Noch immer besetzt, ärgerte er sich und schaute wieder auf die zwei offensichtlich verliebten Ankömmlinge. Da die Sonne in ihrem Rücken stand, waren Details nicht erkennbar, nur die Konturen allein ergaben ein eigentümlich schönes, von einem hellen Strahlenkranz ausgefranstes Bild. Hand in Hand steuerten sie jetzt auf das Lokal zu. Zwar konnte er von seinem Platz aus nicht sehen, ob die beiden eingetreten waren, doch prägte sich ihm der Anblick ein. Unwillkürlich musste er an Paula denken. Gedankenverloren wählten seine Finger erneut und nach dem zweiten Klingeln wurde am anderen Ende der Leitung abgenommen.
„Hans, wer spricht?“, ertönte eine kräftige Stimme.
„Conrad Orsini ... Hallo Hans, lange nichts voneinander gehört. Wie geht’s?“
„Conrad?! … Das ist aber eine Überraschung! Mir geht’s gut, was gibt’s?“
„Sag, arbeitest du noch immer in der Bar im Etablissement?“
„Ja schon, warum?“
„Ich müsste mit dir reden.“
„Lässt sich machen, nur dass die Bar und überhaupt alles jetzt anders aussieht.“
„Was meinst du damit?“
„Das alte Etablissement ist leider Vergangenheit, aber mehr will ich dir gar nicht verraten.“
„Das heißt?“
„Dass ich die ganze Nacht Dienst hab, du also kommen kannst, wann du willst.“
„Na dann, bis später.“
Orsinis Laune stieg. Er kehrte auf seinen Lieblingsplatz zurück und ließ sich von einem der Kellner die Speisekarte bringen. Das Paar mit den Rucksäcken hatte offenbar ein anderes Ziel anvisiert. Was zurückblieb war das Konturenbild der beiden. Jetzt kam wieder der Kellner mit dem modischen Fauxpas der unpassenden Schuhe auf ihn zu, um die neuerliche Bestellung aufzunehmen. Auch Hans hatte hin und wieder ein Talent für solche Kombinationen: Hellbraune, abgetragene Schuhe zu makellosem schwarzem Anzug! Eine Todsünde, schüttelte Orsini den Kopf und orderte einen Tafelspitz mit einer Extraportion Semmelkren. Anschließend holte er sich verschiedene Zeitschriften und beobachtete die hin und her huschenden Kellner bei ihrer Arbeit, bis das Essen kam. Die Rösterdäpfel und der Cremespinat passten vorzüglich zum zarten Fleisch. Orsini aß langsam und genoss wie allzu selten. Die langsam hinter dem Bahnhof untergehende Sonne und die angenehme Atmosphäre gaben ihm keinen Anlass, das Lokal zu wechseln. Also bestellte er, nachdem er gegessen hatte, seinen dritten Kaffee und vergrub sich in die zuvor geholte Lektüre.
Das Kaffeehaus lag direkt an der Ecke Gürtel-Mariahilfer Straße und es blieb noch Zeit, um einiges zu erledigen. Seine Garderobe bedurfte einer Erneuerung und der ehemals markante, jetzt aber zur herkömmlichen Geschäftsfassade degradierte Stafa-Rundbau lag keine Gehminute weit entfernt. Gelassen, wie schon die vergangenen hundert Jahre hindurch, blickten sich die in die Fassade integrierten Skulpturen an, ohne es auch nur der Mühe wert zu finden, die vorbeihetzenden Käuferschichten in irgendwelche monetären Kategorien einzuteilen. Gut gelaunt betrat er den ehemaligen Mariahilfer Zentralpalast und wurde rasch fündig. Als er nach einiger Zeit wieder auf der Straße stand, war es bereits dunkel.
9
Betonierte Wanne mit flüssigem Inhalt, dachte Orsini und versuchte den niemals aufhörenden Verkehrslärm, der vom Schwedenplatz auf ihn herabdröhnte, aus seinem Bewusstsein zu filtern. Hochgewachsene Pappeln, ein anhaltendes Lichterspektakel, Schiffe, U-Bahn, Hunde, Ratten, Nachtleben und Geschäftigkeit. Eindrücke, die Orsini in sich aufsog und mit seinen Gedanken verwob, wie immer, wenn er zu Fuß unterwegs war.
Kurz nach zehn war er aufgebrochen, um Hans im „neuen Etablissement“ – wie er sich kryptisch ausgedrückt hatte – einen Besuch abzustatten.
Hans war früher Unteroffizier und Orsinis Vorgesetzter während seiner Zeit beim Militär gewesen. Ein Kurzschluss – anders war es nicht zu formulieren – hatte Orsini bewogen, eine Karriere als Offizier zu beginnen. Hans war einer seiner Ausbildner gewesen und es war in dieser Zeit so etwas wie Freundschaft zwischen den beiden entstanden. Orsini war es immer schleierhaft gewesen, wie der lebensfrohe, kontaktfreudige Hans es so lange in dieser hierarchischen Gesellschaft ausgehalten hatte, und er war deshalb auch nicht überrascht gewesen, als sie ungefähr zur selben Zeit aus dem Dienst geschieden waren. Orsini freiwillig, Hans unfreiwillig.
Der Zufall hatte sie wieder zusammengebracht und das gemeinsam Erlebte verband sie seitdem. Hans hatte Kontakte in alle und zu allen möglichen Kreisen der Gesellschaft. Schon in Orsinis Zeit als Kriminalbeamter hatte er dessen Hilfe einige Male in Anspruch genommen. Wie Hans an seine Informationen kam, wollte Orsini gar nicht so genau wissen. Eines wusste er allerdings mit ziemlicher Sicherheit: dass morgen mit Kopfschmerzen zu rechnen war.
Zu Beginn seiner Militärzeit hatte er nämlich zeitweise in der Unteroffiziersmesse aushelfen müssen. Dort wurde an sich schon enorm viel getrunken, der ungeschlagene Spitzenreiter war aber Hans. Orsini war jedes Mal aufs Neue erstaunt gewesen, welche Mengen Alkoholika Hans in sich hineinschüttete, ohne danach – so wie die meisten anderen – völlig wegzutreten. Hans schien auch nach den ärgsten Gelagen noch Herr der Lage zu sein.
Einmal war er allerdings nicht Herr der Lage und das genügte. Den höheren Dienstgraden schon länger ein Dorn im Auge, wurde er fristlos entlassen. Danach hielt er sich durch verschiedenste Arbeiten über Wasser und landete schließlich an der Quelle seines Problems, einer Bar in einem Etablissement.
Orsini stieg die wackeligen Trittbretter der Straßenbahn hinunter und ging das letzte Stück den Gürtel entlang. Das Etablissement – Orsini staunte nicht schlecht: Wo noch bei seinem letzten Besuch riesengroße rote Lettern und kitschige Schaukästen mit jungen Nacktheiten die Fassade gezierten hatten, war jetzt nichts.
Nicht nichts im eigentlichen Sinn, auch kein schwarzes Loch, vielmehr ein krisensicherer Arbeitsplatz für Fensterputzer: eine nach außen verspiegelte Glasfläche, die sich über die Länge der ganzen Fassade zog. Orsini trat ein. Aus dem ehemals verwinkelten, mit versteckten plüschbezogenen Nischen ausgestatteten Lokal war nun ein einziger riesiger Raum entstanden. Entkernt gewissermaßen, überlegte Orsini, was aber auch nicht ganz stimmte. Denn die neuen Inhaber hatten sogar die Haut, wenn nicht entfernt, dann zumindest erneuern lassen. Ein überdeutlicher optischer Bruch mit der Vergangenheit jedenfalls.
Halbvoll, höchstens. Auf einem Podest war ein DJ am Werk, der sich gerade musikalisch aufzuwärmen schien, was Lautstärke und Musikstil betraf. Wenigstens ansprechende Musik, fand Orsini und begab sich an die lange, mit rostigen Eisenplatten ausgestattete Theke, wo sofort ein junger, sonnengebräunter Mann in körperbetontem ärmellosem T-Shirt auf ihn zukam.
„Möchtest du etwas bestellen?“
Orsini war knapp davor, dem karottenbraunen übernetten Jüngling das Du-Wort wieder zu entziehen, beließ es aber nach einem tiefen Atemzug dabei. „Ja, ein Cola. Aber eigentlich bin ich hergekommen, um mit Hans zu sprechen, der arbeitet doch hier?“
„Hans ..., ja, der steht in der Küche und raucht gerade. Soll ich ihn holen?“, kam es mit hoher, sanfter Stimme retour.
„Das wäre nett von dir, aber lass ihn ruhig zu Ende rauchen, er hat sicher sehr viel zu tun, wie du ja bestimmt auch. Oder?“, säuselte Orsini und wiegte den Kopf.
Der sportliche Kellner verschwand hinter einer undurchsichtigen gläsernen Wand, einen Ausdruck des Erstaunens auf dem Gesicht.
„Conrad!! So geht das aber wirklich nicht“ Hans kam hinter dem gläsernen Verschlag hervor. Er schüttelte ihm überschwänglich die Hand und umarmte ihn über die Theke. Etwas kleiner als Orsini, kompakter Körperbau und wie immer – und von ihm selbst als letztes Überbleibsel seiner Vergangenheit bezeichnet – der kurze Bürstenhaarschnitt. Die Haare zwar mittlerweile grau, aber immer noch kräftig, standen wie die Borsten eines Igels vom Kopf ab. Zusammen mit der engen, schwarzen Kleidung, die alle Angestellten trugen, wirkte er jünger, als er tatsächlich war. „Mit mir trinkst auf jeden Fall was Ordentliches, net des braune ungsunde Gsöff, da ruinierst dir doch die Leber! Also was willst wirklich?“
„Sind bei euch alle so braun gebrannt und sportlich wie der Kollege?“, versuchte Orsini auszuweichen.
„Ist eine andere Generation“, lachte Hans, „aber sonst harmlos. Also Wodka, Whisky oder was Härteres?“
Orsini hatte naiverweise geglaubt, zumindest das erste Getränk alkoholfrei bestellen zu können. Hätte ich wenigstens auf mein Cola gewartet und erst dann nach ihm gefragt, ärgerte er sich. „Na wenn’s sein muss, ein kleines Bier.“
„Ein großes Bier, das ist ja schon ganz was andres und auch wesentlich gsünder.“
Orsini fügte sich seinem Schicksal und dachte kurz an den nächsten Morgen, wischte den Gedanken aber sofort beiseite. Er brauchte Informationen, da musste man Opfer bringen.
„Also Prost Conrad, auf unsre gemeinsame Vergangenheit.“
„Aber ..., du trinkst ja nur Sodawasser!“
„Na ja, nicht ganz“, erwiderte Hans leise, um dann mit normaler Lautstärke fortzufahren: „Ja, leider, die neuen Geschäftsinhaber, junge Leut, kein Verständnis. Absolutes Alkoholverbot für alle Bediensteten – kannst dir das vorstelln? Soll angeblich sehr gsund sein.“
„Und das schaffst du, ich mein meistens halt?“, kam Orsini aus dem Staunen nicht heraus.
„Wenn ich den Job behalten will, muss ich’s schaffen, sonst, ... Was sagst du eigentlich zu dem Schuppen?“, wechselte Hans abrupt das Thema.
Orsini hatte das kurze Zögern und die Änderung des Tonfalls in seiner Stimme bemerkt, ging jedoch nicht darauf ein. „Bisschen wie ein ... Seziersaal, oder? Scheint trotzdem gut zu gehen.“
„Seziersaal ist gut, muss ich mir merken. Da wird ja auch viel ausgräumt, wieder zugmacht und dann die Oberfläche poliert. Bin übrigens der einzige Überlebende.“
„Wie meinst du das?“
„Na vom alten Seziersaal, das restliche Personal halt. Alle weg ... bis auf mich. Schöne neue Welt – solangst noch jung bist!“
„Die Musik ist aber okay.“
„Na ja, mein Gschmack is es nicht, aber den jungen Leuten gfällt’s. Ist fast jeden Tag voll. Fängt eigentlich erst richtig um halb zwölf, zwölf an. Wirst schon sehn.“
Hoffentlich erwartet er nicht, dass ich solang dableibe und mit ihm trinke! „Prost Conrad, sag was brauchst eigentlich von mir? Moment – bin gleich wieder zurück.“
Das Lokal füllte sich wie auf ein vereinbartes Zeichen und der DJ schraubte kontinuierlich die Lautstärke in die Höhe.
Nach einer Weile tauchte Hans wieder auf. „So ... Prost. Nachschub gefällig?“
Orsini wollte abwehren, aber es war zwecklos.
„Und, gehst noch zum Training, fightest noch?“, deutete Hans einen Schwinger mit der Rechten an, während er mit der Linken nach einem frischen Glas griff.
„Manchmal, hab aber grade den Club gewechselt.“
„So, frisch gezapft! Wo waren wir stehn blieben?“
„Ich ermittle in einer Erbschaft und brauch deine Hilfe.“ Orsini musste jetzt immer lauter reden, um die Musik zu übertönen. Kurz erzählte er Hans von der Auftraggeberin.
„Ist aber ein Abstieg für dich, oder?“
„Nicht ganz, der Erblasser ist nämlich ermordet worden.“
„Aha – und von wem?“
„Die Polizei hat ein paar Drogensüchtige im Visier.“
„Versteh, und was sagst du dazu? Nein, lass mich raten! Nicht das Gleiche wie die Polizei, stimmt’s?“ Hans warf Orsini einen vielsagenden Blick zu und fuhr dann fort, ohne ihn antworten zu lassen: „Bei Mord helf ich dir gern, aber Erbschaft ist unter deinem Niveau. Also, schieß los!“
Zusätzlich zur lauten Musik war die Unterhaltung nicht ganz einfach zu führen, da Hans laufend Gläser füllte, Cocktails zubereitete und an der Bar zunehmend dichteres Gedränge herrschte. Ständig wurde ihr Gespräch unterbrochen, bis Hans wieder für einen Moment Zeit hatte. Orsini gab ihm einen Zettel mit dem Namen des Ermordeten, seiner Bankverbindung und der Anschrift des Geschäftslokals.
„Versuch was rauszufinden über den Mann ..., und vielleicht auch über seinen Sohn!“
„In welcher Richtung soll ich suchen?“
„Keine Ahnung.“
„Wird schwierig ohne Anhaltspunkt. Gib mir zumindest einen Deut mehr.“
„Könnte im Zusammenhang mit Bauspekulationen stehen – ist eine reine Vermutung. Warte, gib mir noch mal den Zettel, ich schreib dir den Namen einer Immobilienfirma auf. Und, was mir noch einfällt“, sagte Orsini, während er schrieb, „der Händler war schon im fünfundachtzigsten Lebensjahr. Ich weiß zwar nicht, ob das irgendeine Rolle spielt, aber ich denke, du solltest es einfach wissen.“
„Ist nicht wirklich viel“, antwortete Hans, der danach zum x-ten Mal hinter der Glasfront verschwand, gleich darauf mit einem Tablett Gläser zurückkehrte und begann, sie in Regale zu schlichten. „Noch was zu trinken?“
Orsini gab sich geschlagen und entschied sich für einen Longdrink.
„Wo ist sein Geschäft und die Wohnung, sagst du?“
„Im Siebten, Zieglergasse, bei der Westbahnstraße.“
„Kenn ich.“ Hans nahm noch einmal den Zettel in die Hand, las ihn durch und steckte ihn in seine Hosentasche. „Immotreu, … werd mich umhören, aber versprechen kann ich dir nichts. Schwarzarbeit, oder?“
„Nicht nur, vermutlich auch Einschüchterungsversuche, Drohungen, das Übliche. Sei vorsichtig – die scheinen höchst nervös zu sein.“
„Wie hängen die zusammen, ich mein, der alte Händler und die Firma?“
„Was ich so gehört hab, kaufen die in der Gegend alles auf. Dann bauen sie groß aus und cashen ab. Vielleicht ist er ihnen einfach im Weg gestanden.“
„Kann aber dauern, Conrad.“
„Nicht schon wieder.“
„Wie?“
„Nein nichts …, es ist nur, dass ich den Satz heut schon einmal gehört hab.“
Abermals verschwand Hans. Diesmal länger. Orsini wollte schon den solariumbraunen Kollegen fragen, als Hans wieder auftauchte. Beladen mit einem doppelstöckigen Tablett und verschwitzt bis zu den Ärmeln.
„Früher im Etablissement war’s gemütlicher“, bemerkte Orsini.
„Scheiße.“
Ein Glas war zu Boden gefallen und zersprungen.
„Kann ich dir helfen?“
„Nein, ist schon okay. Ist jeden Tag das Gleiche. Zuviel Gäste und zu wenig Personal, geht bis um vier Uhr so.“
„Na dann verabschiede ich mich mal …“
„Hey, kommt überhaupt nicht in Frage – ist ja noch viel zu früh! Wir haben doch noch gar nicht über …“
„Okay, okay, einen Cocktail nehm ich noch, dann ist Schluss, sonst komm ich noch zu spät zu meiner Verabredung“, log Orsini.
„Paula noch immer?“
„Schon lang nicht mehr. Hast du sie vielleicht irgendwann getroffen?“, wollte Orsini neugierig und schon einigermaßen beschwingt wissen.
„Ja einmal, gar nicht lange her. Tolle Frau.“
„Hast du mit ihr geredet?“
„Über dich?“
„Nein, allgemein.“
„Ich kenn sie doch kaum und außerdem hat sie’s eilig ghabt.“
„Eilig warum?“
„Du stellst Fragen. Wie soll ich wissen, warum sie’s eilig ghabt hat. Vermutlich wegen dem Kind.“
„Was für ein Kind?“
„Conrad, was ist los mit dir? Hat sie dir vielleicht doch mehr …?“
„Natürlich nicht, ich …“
„Natürlich nicht“, äffte Hans ihn nach, „für wie blöd hältst mich eigentlich?“
„Okay, vergiss es einfach“, reagierte Orsini eine Spur beleidigt.
„Schnapp nicht gleich ein! Sie hat ein Kind auf dem Arm getragen, wir haben uns gegrüßt. Sie hat gesagt, dass sie es eilig hat, weil sie in den Kindergarten muss und das war’s auch schon.“
„Glaubst du, es war ihr Kind?“
„So wie sie es im Arm gehalten hat – schon.“
„Gib mir noch einen. Nein! Lieber einen Doppelten.“
Unschlüssig stand Orsini gegenüber der Universität und fror. Letztlich hatten sie doch noch alte Erinnerungen aufleben lassen. Hans auf ungewöhnliche Weise stocknüchtern und Orsini in zunehmenden Maße betrunken. Irgendwie war es ihm gelungen zu entkommen, obwohl er schon kurz davor war, die Tanzfläche zu betreten. Das wäre mit Sicherheit der totale Absturz geworden ...
Hunger – eines der grundlegendsten Bedürfnisse. Schalter Hunger ein, essen, Schalter aus. So einfach war das. Nur nicht zu dieser Stunde. Orsini spazierte ziellos entlang der auch um diese Zeit noch stark befahrenen Ringstraße. Auf den Alleebäumen hingen nur noch vereinzelt runzelige Blätter. Eine kleine orange Reinigungsmaschine kam direkt auf Orsini zugefahren, was er aber nicht bemerkte. Gedankenverloren marschierte er weiter. Der Lenker der Miniaturausgabe hupte, wich aus, kurbelte danach das Fenster herunter und schrie ,Orsini hinterher: „Bsoffenes Orschloch! Bist geistesgstört oder was? Des nächste Mal walz i di nieda, ... du Schnapsleich!“
Orsini war so in Gedanken versunken, dass er den Zwischenfall kaum bemerkte und auch die Beschimpfung an ihm vorbeiwehte. Schwer angeschlagen kurvte er in Schlangenlinien am Parlament vorüber und bog unbewusst ab. Hans hatte unabsichtlich in einer Wunde geschürt. Paula mit Kind!?
Vorbei am Haus des Volkes überquerte er die viel befahrene „ehemalige Zweierlinie“, nachdem die Ampel bereits auf Rot gesprungen war. Ein Hupkonzert war die Folge. Wieder kurbelte jemand ein Fenster herunter und schrie Orsini mit Innbrunst, aber gnädigerweise geänderter Reihenfolge, ein herzliches „Orschloch, bsoffenes!“ zu.
Vielleicht ist es nicht ihr eigenes ... Er registrierte die aufgebrachten Autolenker kaum und starrte geradeaus. Ist sie mit jemand zusammen? Ich muss sie treffen. Aber wozu eigentlich? Sie hat ein Kind und ist bestimmt glücklich verheiratet ... In leichter Schlangenlinie marschierte er die Burggasse weiter stadtauswärts und bog ziellos links ab. Die frische Luft tat zwar dem Hals nicht gut, klärte aber den benebelten Verstand.
Paula, verheiratet? – Nein ...
Oder doch?
Ohne es zu bemerken war er in der Zieglergasse stehen geblieben, ausgerechnet vor dem steinernen Ensemble, das ihm schon früher aufgefallen war. Obwohl es einige Meter weiter auch einen Vater mit Kind gab, starrte er doch nur auf die Mutter mit Kind. War es möglich?
Wenig später landete er vor dem schon geschlossenen, aber noch beleuchteten Würstelstand neben der Kirche. Ein Mann mit Besen in der Hand reinigte gerade das Innere, bemerkte ihn jedoch nicht. Orsini nahm inzwischen das letzte, schon etwas derangierte Paar Würste auf der Grillplatte ins Visier. Dünn, rotbraun und verschrumpelt lag es einsam und verloren da. Orsini klopfte an die geschlossene Scheibe. Der müde Verkäufer hatte einen weiß-bräunlichen Stofflappen in der Hand, schob die Scheibe zurück und sagte: „Wir ham scho zu!“, schnappte mit der Linken die zwei Würste und putzte mit dem Stofflappen in seiner Rechten die ölig schimmernde Metallplatte.
„Geben Sie mir wenigsten die da!“ Orsini zeigte auf das verschrumpelte Paar Frankfurter in seiner Hand. Deren Erfinder, ein gewisser Johann Lahner aus Frankfurt, hatte nur unweit – nämlich in der Kaiserstraße – das Rezept zu diesem Welterfolg kreiert. Gegessen freilich hätte der dieses hässliche Paar nicht mehr.
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