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Das Judenauto
Franz Fühmann
Vierzehn Tage aus zwei Jahrzehnten

Inhalt
Das Judenauto
1929, Weltwirtschaftskrise
Gebete zum heiligen Michael
12. Februar 1934, Aufstand der Wiener Arbeiter
Die Verteidigung der Reichenberger Turnhalle
September 1938, vor der Münchener Konferenz
Die Berge herunter
Oktober 1938, Okkupation des Sudetenlandes
Ein Weltkrieg bricht aus
1. September 1939, Ausbruch des zweiten Weltkrieges
Katalaunische Schlacht
22. Juni 1941, Überfall auf die Sowjetunion
Entdeckungen auf der Landkarte
Dezember 1941, Schlacht vor Moskau
Jedem sein Stalingrad
Februar 1943, Schlacht vor Stalingrad
Muspilli
20. Juli 1944, Attentat auf Hitler
Pläne in der Brombeerhöhle
8. Mai 1945, Kapitulation der Hitlerwehrmacht
Gerüchte
Juli 1945, Potsdamer Konferenz
Regentag im Kaukasus
21. April 1946, Vereinigungsparteitag der KPD und SPD
Ein Tag wie jeder andere
10. Oktober 1946, Urteilsverkündung im Nürnberger Prozeß
Zum ersten Mal: Deutschland
7. Oktober 1949, Gründung der Deutschen Demokratischen Republik
Anhang: Auszug aus einem Interview, 1982
Das Judenauto
Wie tief hinab reicht das Erinnern? Ein warmes Grün, das ist in meinem Gedächtnis wohl das früheste Bild: das Grün eines Kachelofens, um dessen oberes Bord sich das Relief eines Zigeunerlagers gezogen haben soll, doch das weiß ich nur noch aus den Erzählungen meiner Mutter, keine Anstrengung des Hirns bringt mir dies Bild zurück. Das Grün aber habe ich behalten: ein warmes Weinflaschengrün mit stumpfem Glanz, und immer, wenn ich mir dieses Grün vor Augen führe, fühle ich mich leicht über den Dielen in Lüften schweben: Ich konnte, wie Mutter erzählte, die Zigeuner nur sehen, wenn Vater mich zweijährigen Knirps in die Höhe hob.
Dann folgt in meinem Gedächtnis etwas Weiches und Weißes, auf dem ich unendlich lange Zeit stillsitzen und dabei in ein sich auf- und abwärts krümmendes Schwarz starren mußte, und dann eine Höhle Holunder mit einer Bank und einem Mann drauf, der nach Abenteuern roch und mich auf seinem Knie reiten ließ und mir ein Stück wunderbar süßer Wurst in den Mund schob, die ich gierig kaute, und diese Erinnerung ist verbunden mit einem Schrei und einem Sturm, der plötzlich Mann und Laube von mir fortriß, um sie jählings ins Nichts zu wirbeln. Es war natürlich keine Sturmbö, es war der Arm der Mutter, der mich aus der grünen Höhle gerissen hatte, und auch der Schrei war der Schrei ihres Entsetzens gewesen: Der Mann, dessen Knie mich gewiegt hatte, war eine der Spottfiguren des Dorfs: ein heruntergekommener Großbauer, der, auf säbelkrummen Beinen einherschwankend, die Dörfer nach Brot und Schnaps zu durchbetteln pflegte, und der Geruch wilder Abenteuer war sein Atem von Brennspiritus und die Wurst ein Abfall der Roßschlächterei. Jedenfalls muß es herrlich gewesen sein, auf seinen Knien zu reiten: Es ist dies das erste Bild, das ich heute noch ganz deutlich vor mir sehe, und ich war damals drei Jahre alt.
Von da an folgen die Bilder dichter und dichter: die Berge, der Wald, der Brunnen, das Haus, der Bach und die Wiese; der Steinbruch, in dessen Grotten die Geister, die ich mir ausdachte, hausten; Kröte; Hornisse; der Käuzchenruf; die Vogelbeerenallee vor der grauen Fabrik; der Jahrmarkt mit seinem Duft von türkischem Honig und dem Drehorgelgeschrei der Schaubudenausrufer und schließlich die Schule mit ihrem kalkgetünchten, trotz der hohen Fenster stets düstren Korridor, durch den aus allen Klassenräumen heraus die Menschenangst wie ein Nebelschwaden kroch. Die Gesichter der Lehrer habe ich vergessen; ich sehe nur noch zwei verkniffne graue Augen über einer langgezognen messerscharfen Nase und einen von Ringen gekerbten Bambusstock, und auch die Gesichter der Mitschüler sind blaß und unscharf geworden bis auf ein braunäugiges Mädchengesicht mit schmalem, kaum geschwungnem Mund und kurzem hellem Haar über der hohen Stirn: Das Gesicht, vor dessen Augen man die seinen, zum ersten Mal durch eine rätselhafte Macht verwirrt, niedergeschlagen hat, man vergißt es nicht, auch wenn danach Bittres geschehen ist …
Eines Morgens, es war im Sommer 1931, und ich war damals neun Jahre alt, kam, wie immer wenige Minuten vor dem Läuten, das Klatschmaul der Klasse, die schwarzgezopfte, wie ein Froschteich plappernde Gudrun K. wieder einmal mit ihrem Schrei: »Ihr Leute, ihr Leute, habt ihr’s schon gehört!« in die Klasse gestürzt. Sie keuchte, da sie das schrie, und fuchtelte wild mit den Armen; ihr Atem flog, doch sie schrie dennoch: »Ihr Leute, ihr Leute!« und rang im Schreien schnaufend nach Luft. Die Mädchen stürzten ihr wie immer entgegen und umdrängten sie jäh wie ein Bienenschwarm seine Königin; wir Jungen jedoch achteten kaum auf ihr Getue, zu oft schon hatte das Klatschmaul etwas als Sensation ausgeschrien, was sich dann als Belanglosigkeit entpuppte. So ließen wir uns in unserm Tun nicht stören: Wir diskutierten gerade die neuesten Abenteuer unsres Idols Tom Shark, und Karli, unser Anführer, machte uns vor, wie man nach dessen Manier den gefährlichsten Wolfshund im Nu erledigt: ein fester Griff in den Rachen, dorthin, wo die Zähne am spitzesten stehn, den Oberkiefer festgehalten, den Unterkiefer hinuntergerissen, den Schädel im Wirbel gedreht und dem Tier einen Tritt in den Kehlkopf – da hörten wir aus dem Schwarm der Mädchen einen schrillen Schrei. »Iii, wie gräsig!« hatte eines der Mädchen geschrien, ein ganz spitzes quiekendes Iii des panischen Schrekkens; wir fuhren herum und sahen das Mädchen stehen, die Hand vor dem weit offenen Mund und in den Augen das blanke Entsetzen, und die Gruppe der Mädchen stand vor Schauder gekrümmt. »Und dann rührn sie das Blut mit Nullermehl an und backen draus Brot!« hörten wir Gudrun hastig berichten, und wir sahn, wie die Mädchen sich schüttelten. »Was erzählst du da für ’n Quatsch!« rief Karli laut. Die Mädchen hörten nicht. Zögernd traten wir zu ihnen. »Und das essen sie dann?« fragte eine mit heiserer Stimme. »Das essen sie dann zu ihrem Feiertag, da kommen sie zu Mitternacht alle zusammen und zünden Kerzen an, und dann sagen sie einen Zauber, und dann essen sie das!« bestätigte Gudrun mit keuchendem Eifer. Ihre Augen brannten. »Was für ein Zauber?« fragte Karli und lachte, aber das Lachen klang nicht echt. Plötzlich fühlte ich eine seltsame Angst. »So red schon!« schrie ich Gudrun an, und auch die anderen Jungen schrien, und wir drängten uns um die Mädchen, die Gudrun umdrängten, und Gudrun wiederholte, in hastigen, fast schreienden Sätzen, ihren Bericht: Ein Judenauto sei, so sprudelte sie heraus, in den Bergen aufgetaucht und fahre abends die wenig begangenen Wege ab, um Mädchen einzufangen und zu schlachten und aus ihrem Blut ein Zauberbrot zu backen; es sei ein gelbes, ganz gelbes Auto, so redete sie, und Mund und Augen waren vor Entsetzen verzerrt: ein gelbes, ganz gelbes Auto mit vier Juden drin, vier schwarzen mördrischen Juden mit langen Messern, und alle Messer seien blutig gewesen, und vom Trittbrett habe auch Blut getropft, das hätten die Leute deutlich gesehen, und vier Mädchen hätten sie bisher geschlachtet, zwei aus Witkowitz und zwei aus Böhmisch-Krumma; sie hätten sie an den Füßen aufgehängt und ihnen den Kopf abgeschnitten und das Blut in Pfannen auslaufen lassen, und wir lagen übereinandergedrängt, ein Klumpen Entsetzen, der kreischte und bebte, und Gudrun überschrie unser Grauen mit schriller Käuzchenstimme und beteuerte, obwohl niemand ihre Erzählung anzweifelte, gierig, das sei alles wirklich wahr, sie hätte das Judenauto ja selbst gesehen. Wenn sie gestern nach Böhmisch-Krumma gegangen wäre, um Heimarbeit auszutragen, hätte sie das Judenauto mit eigenen Augen sehn können: gelb, ganz gelb, und vom Trittbrett das tropfende Blut, und ich starrte Gudrun ins Gesicht, das rot war, und dachte bewundernd, daß sie ein tolles Glück gehabt habe, nicht abgeschlachtet worden zu sein, denn daß das Judenauto durch die Felder fuhr und Mädchen einfing, daran zweifelte ich keinen Augenblick.
Ich hatte zwar noch keinen Juden gesehen, aber ich hatte aus den Gesprächen der Erwachsenen schon viel über sie erfahren: Sie hatten alle eine krumme Nase und schwarzes Haar und waren schuld an allem Schlechten in der Welt: Sie zogen den ehrlichen Leuten mit gemeinen Tricks das Geld aus der Tasche und hatten die Krise gemacht, die meines Vaters Drogenhandlung abzuwürgen drohte; sie ließen den Bauern das Vieh und das Korn wegholen und kauften von überallher Getreide zusammen, gossen Brennspiritus drüber und schütteten es dann ins Meer, damit die Deutschen verhungern sollten, denn sie haßten uns Deutsche über alle Maßen und wollten uns alle vernichten – warum sollten sie dann nicht in einem gelben Auto auf den Feldwegen lauern, um deutsche Mädchen zu fangen und abzuschlachten? Nein, ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß das Judenauto existierte, und auch die Worte des Lehrers, der unterdessen die Klasse betreten und die Nachricht vom Judenauto, die alle Münder ihm zugeschrien, für wenig glaubwürdig erklärt hatte, änderten an meinem Glauben nichts. Ich glaubte an das Judenauto; ich sah es gelb, ganz gelb zwischen Kornfeld und Kornfeld fahren, vier schwarze Juden mit langen, spitzigen Messern, und plötzlich sah ich das Auto halten und zwei der Juden zum Kornfeld springen, an dessen Rand ein braunäugiges Mädchen saß und einen Kranz blauer Kornraden flocht, und die Juden, Messer zwischen den Zähnen, packten das Mädchen und schleppten es zum Auto, und das Mädchen schrie und ich hörte ihren Schrei und ich war selig, denn es war mein Name, den sie schrie. Laut und verzweifelt schrie sie meinen Namen; ich suchte nach meinem Colt, doch ich fand ihn nicht, und so stürzte ich mit bloßen Händen aus meinem Geheimgang, hinaus und sprang die Juden an. Den ersten Juden schmetterte ich mit einem Schlag gegen das Kinn zu Boden; dem zweiten Juden, der das Mädchen schon hochgehoben hatte, um es in den Wagen zu wälzen, schlug ich mit der Handkante ins Genick, so daß auch er zusammensank; der Jude am Steuer gab Gas, und der Wagen schoß auf mich zu, doch darauf war ich natürlich gefaßt gewesen und schnellte zur Seite; das Auto schoß vorbei, ich sprang auf sein Heck, zertrümmerte mit einem Faustschlag die Wagendecke, drehte dem Juden auf dem Beifahrersitz das Messer aus der zustoßenden Hand, warf ihn aus dem Wagen, überwältigte den Juden am Steuer, bremste, sprang ab und sah im Gras vorm Kornfeld ohnmächtig das Mädchen liegen und ich sah ihr Gesicht, das vor mir reglos im Gras lag, und plötzlich sah ich nur ihr Gesicht: braune Augen, ein schmaler, kaum geschwungner Mund und kurzes, helles Haar über der hohen Stirn, und ich sah Wangen und Augen und Lippen und Stirn und Haar, und mir war, als sei dies Gesicht immer verhüllt gewesen und ich sähe es das erste Mal nackt. Scheu befing mich; ich wollte wegsehn und konnte es doch nicht und beugte mich über das Mädchen, das reglos im Gras lag, und berührte, ein Hauch, mit meiner Hand ihre Wange und mir wurde flammend heiß, und plötzlich brannte meine Hand: ein jäher Schmerz; mein Name dröhnte in mein Ohr; ich fuhr auf und der Lehrer hieb mir ein zweites Mal das Lineal über den Handrücken. »Zwei Stunden Nachsitzen«, schnaubte er, »ich werd dir das Schlafen im Unterricht schon austreiben!« Die Klasse lachte. Der Lehrer schlug ein drittes Mal zu; die Hand schwoll auf, doch ich biß die Zähne zusammen: Zwei Bänke vor mir saß das Mädchen, dessen Gesicht ich im Gras gesehn hatte, und ich dachte, daß sie jetzt als einzige nicht über mich lachen würde. »Im Unterricht schlafen – glaubt der Kerl, die Bank sei ein Bett!« Der Lehrer hatte das als Witzwort gesprochen, und die Klasse brüllte vor Lachen. Ich wußte, daß sie niemals über mich lachen würde. »Ruhe«, schrie der Lehrer. Das Lachen verebbte. Die Striemen auf meiner Hand wurden blau.
Nach dem Nachsitzen traute ich mich nicht nach Hause; ich grübelte, da ich langsam die Dorfstraße hinaufging, nach einer glaubwürdigen Ausrede und kam schließlich auf den Gedanken, zu Haus zu erzählen, ich hätte dem Judenauto nachgeforscht, und so bog ich, um nicht von der Hauptstraße, sondern von den Feldern aus nach Haus zu kommen, von der Straße ab und ging einen Feldweg hinauf, den Bergen zu: Kornfelder rechts und Wiesen links, und Korn und Gras wogten mir übers Haupt. Ich dachte nicht mehr ans Nachsitzen und nicht mehr an das Judenauto; ich sah das Gesicht des Mädchens in den Wellen der Gräser und im Korn sah ich ihr helles Haar. Die Wiesen dufteten sinnverwirrend, das pralle Fleisch der Glockenblumen schwang blau in der Höh meiner Brust; der Thymian sandte wilde Wellen betäubenden Duftes; Wespenschwärme brausten bös, und der Mohn neben den blauen Raden glühte, ein sengendes Gift, in hitzigstem Rot. Die Wespen schwirrten wild um mein Gesicht; die Sonne dünstete; die Grillen schrien mir eine irre Botschaft zu, große Vögel schossen jäh aus dem Korn auf; der Mohn neben den Raden lohte drohend, und ich war verwirrt; ich war bisher arglos in der Natur gestanden wie eins ihrer Geschöpfe, eine Libelle oder ein wandernder Halm, doch nun war mir, als ob sie mich von sich stieße und ein Riß aufbräche zwischen meiner Umwelt und mir. Ich war nicht mehr Erde und nicht mehr Gras und Baum und Tier; die Grillen schrien, und ich mußte dran denken, daß sie beim Zirpen die Flügel aneinanderrieben, und plötzlich kam mir das schamlos vor, und plötzlich war alles verändert und wie zum ersten Mal gesehn: Die Kornähren klirrten im Wind, das Gras schmiegte sich weich aneinander, der Mohn glühte, ein Mund, tausend Münder der Erde, der Thymian brodelte bitteren Dunst, und ich fühlte meinen Leib wie etwas Fremdes, wie etwas, das nicht Ich war; ich zitterte und fuhr mit den Fingernägeln über die Haut meiner Brust und zerrte an ihr; ich wollte schreien und konnte doch nur stöhnen; ich wußte nicht mehr, was mir geschah, da kam, Korn und Gras zur Seite drängend, ein braunes Auto langsam den Feldweg herunter.
Da ich es wahrnahm, schrak ich zusammen, als sei ich bei einem Verbrechen ertappt worden; ich riß die Hände von meiner Brust, und das Blut schoß mir jäh in den Kopf. Mühsam sammelte ich meine Gedanken. Ein Auto; wie kommt ein Auto hierher? dachte ich stammelnd, da begriff ich plötzlich: Das Judenauto! Ein Schauer überrann mich; ich stand gelähmt. Im ersten Augenblick hatte ich zu sehn vermeint, daß das Auto braun war; nun, da ich, entsetzt und von einer schaurigen Neugier gestachelt, ein zweites Mal hinblickte, sah ich, daß es mehr gelb als braun war, eigentlich gelb, ganz gelb, ein grellgelber Ton, und hatte ich anfangs nur drei Personen drin gesehen, so hatte ich mich sicher getäuscht, oder vielleicht hatte sich einer geduckt, sicher hatte sich einer geduckt, es waren ihrer vier im Wagen und einer hatte sich geduckt, um mich anzuspringen, und da fühlte ich Todesangst. Es war Todesangst; das Herz schlug nicht mehr; ich hatte sein Schlagen nie wahrgenommen, doch jetzt, da es nicht mehr schlug, fühlte ich es: ein toter Schmerz im Fleisch, eine leere Stelle, die, sich verkrampfend, mein Leben aussog. Ich stand gelähmt und starrte auf das Auto und das Auto kam langsam den Feldweg herunter, ein gelbes Auto, ganz gelb, und es kam auf mich zu und da, als habe jemand einen Mechanismus in Gang gesetzt, schlug mein Herz plötzlich wieder, und nun schlug es rasend schnell, und rasend überschlugen sich meine Gedanken: schreien, davonlaufen, im Korn verstecken, ins Gras springen, doch da fiel mir in der letzten Sekunde noch ein, daß ich keinen Verdacht erregen durfte und daß ich nicht merken lassen durfte, daß ich wußte, daß es das Judenauto war, und so ging ich, von Grauen geschüttelt, mäßigen Schritts den Feldweg hinunter, mäßigen Schritts vor dem Auto, das Schritt fuhr, und mir troff der Schweiß von der Stirn und ich fror zugleich, und so ging ich fast eine Stunde, obwohl es zum Dorf nur ein paar Schritte warn. Meine Knie zitterten; ich dachte schon, daß ich umfallen würde, da hörte ich, wie einen Peitschenschlag knallend, eine Stimme aus dem Wagen: ein Anruf vielleicht oder ein Befehl, und da wurde mir schwarz vor den Augen; ich spürte nur noch, wie meine Beine liefen und mich mit sich nahmen; ich sah und hörte nichts mehr und lief und schrie, und erst als ich mitten auf der Dorfstraße stand, zwischen Häusern und unter Menschen, wagte ich keuchend, mich umzuschaun, und da sah ich, daß das Judenauto spurlos verschwunden war.
Natürlich erzählte ich am nächsten Morgen in der Klasse, daß mich das Judenauto stundenlang gejagt und fast erreicht habe und daß ich nur durch ganz tolles Hakenschlagen entkommen sei, und ich schilderte das Judenauto: gelb, ganz gelb, und mit vier Juden besetzt, die blutige Messer geschwungen hatten, und ich log nicht, ich hatte alles ja selbst erlebt. Die Klasse lauschte atemlos; sie hatte mich umdrängt und sah mich bewundernd und auch neidvoll an; ich war ihr Held und hätte jetzt an Karlis Stelle ihr Anführer werden können, doch das wollte ich gar nicht, ich wollte nur einen Blick und wagte doch nicht, ihn zu suchen. Dann kam der Lehrer; wir schrien ihm die ungeheure Nachricht ins Gesicht; fiebernd schilderte ich meine Erlebnisse, und der Lehrer fragte nach Ort und Zeit und Umständen, und ich konnte alles genauestens angeben, da waren keine Mogeleien und Widersprüche, da gab es nichts als unwiderlegliche Tatsachen: das gelbe, ganz gelbe Auto, die vier schwarzen Insassen, die Messer, das Blut am Trittbrett, der Feldweg, der Befehl, mich zu fangen, die Flucht, die Verfolgung, und die Klasse lauschte atemlos, da hob das Mädchen mit dem kurzen, hellen Haar die Hand, und nun wagte ich, ihr ins Gesicht zu sehen, und sie wandte sich halb in ihrer Bank um und sah mich an und lächelte, und mein Herz schwamm fort. Das war die Seligkeit; ich hörte die Grillen schreien und sah den Mohn glühn und roch den Thymianduft, doch nun verwirrte mich das alles nicht mehr, die Welt war wieder heil und ich war ein Held, dem Judenauto entronnen, und das Mädchen sah mich an und lächelte und sagte mit ihrer ruhigen, fast bedächtigen Stimme, daß gestern ihr Onkel mit zwei Freunden zu Besuch gekommen sei; sie seien im Auto gekommen, sagte sie langsam, und das Wort »Auto« fuhr mir wie ein Pfeil ins Hirn; in einem braunen Auto seien sie gekommen, sagte sie, und sie sagte auf die hastige Frage des Lehrers, sie seien zur gleichen Zeit, da ich das Judenauto gesehn haben wollte, den gleichen Feldweg hinabgefahren, und ihr Onkel habe einen Jungen, der am Wiesenrand gestanden habe, nach dem Weg gefragt, und der Junge sei schreiend davongelaufen, und sie strich die Zunge über ihre dünnen Lippen und sagte, ganz langsam, der Junge am Weg habe genau solche grünen Lederhosen getragen wie ich, und dabei sah sie mich freundlich lächelnd an und alle, so fühlte ich, sahen mich an und ich fühlte ihre Blicke bös wie Wespen schwirren, Wespenschwärme über Thymianbüschen, und das Mädchen lächelte mit jener ruhigen Grausamkeit, deren nur Kinder fähig sind, und als dann eine Stimme aus mir herausbrüllte, die blöde Gans spinne ja, es sei das Judenauto gewesen: gelb, ganz gelb und vier schwarze Juden drin mit blutigen Messern, da hörte ich wie aus einer anderen Welt durch mein Brüllen ihre ruhige Stimme sagen, sie habe mich ja selbst vor dem Auto davonlaufen sehen. Sie sagte es ganz ruhig, und ich hörte, wie mein Brüllen jählings abbrach; ich schloß die Augen, es war Totenstille, da plötzlich hörte ich ein Lachen, ein spitzes, kicherndes Mädchenlachen wie Grillengezirp schrill, und dann toste eine brüllende Woge Gelächter durch den Raum und spülte mich fort. Ich stürzte aus der Klasse hinaus und rannte aufs Klosett und schloß hinter mir zu; Tränen schossen mir aus den Augen, ich stand eine Weile betäubt im beizenden Chlorgeruch und hatte keine Gedanken und starrte die schwarzgeteerte, stinkende Wand an und plötzlich wußte ich: Sie waren dran schuld! Sie waren dran schuld, sie, nur sie: Sie hatten alles Schlechte gemacht, was es auf der Welt gibt, sie hatten meinem Vater das Geschäft ruiniert, sie hatten die Krise gemacht und den Weizen ins Meer geschüttet, sie zogen mit ihren gemeinen Tricks den ehrlichen Leuten das Geld aus der Tasche, und auch mit mir hatten sie einen ihrer hundsgemeinen Tricks gemacht, um mich vor der Klasse zu blamieren: Sie waren schuld an allem; sie, kein andrer, nur sie! Ich knirschte mit den Zähnen: Sie waren schuld! Heulend sprach ich ihren Namen aus; ich schlug die Fäuste vor die Augen und stand im schwarzgeteerten, chlordünstenden Knabenklosett und schrie ihren Namen: »Juden!« schrie ich und wieder: »Juden!«, und wie das nur klang: »Juden, Judenl«, und ich stand heulend in der Klosettzelle und schrie Juden Juden Juden Juden, und dann erbrach ich mich. Juden. Sie waren schuld. Juden. Ich würgte und ballte die Fäuste. Juden. Juden Juden Juden Juden. Sie waren dran schuld. Ich haßte sie.
Gebete zum heiligen Michael
Zwei Jahre später hatte ich diese Szene schon längst wieder vergessen. Ich hatte die fünf Klassen der Volksschule meines Heimatortes absolviert und war nun, zehn Jahre alt, frischgebackener Zögling im Jesuiteninternat Kalksburg bei Wien, einer Kaderschule des mittel- und südosteuropäischen Katholizismus, zu der mir ein Gönner meines Vaters, ein Graf H., selbst ehemals Kalksburger Zögling, den Zugang, den für Söhne bürgerlicher Herkunft zu finden nicht eben leicht war, geöffnet hatte. Es war Mitte September 1932 gewesen, als ich mit meinem Vater im Zug dahin gefahren war; zögernd hatte ich das riesenhafte, einer straßenlosen weißen Stadt gleichende Konviktgebäude betreten und war dann in einem wohl kilometerlangen, von hohen Fenstern erhellten Korridor gestanden, in dem, fern, schwarzgekuttete Mönche mit kaum mehr wahrnehmbaren Schritten dahinwandelten. Der Korridor war, wie mir schien, wohl tausendmal länger als der Korridor meiner Heimatschule, der doch schon so lang war, daß man sich drin verloren vorkam, und er war hoch wie die Halle einer Kirche, seine Wände waren bis in Kopfhöhe mit braunem Holz getäfelt, und über dem braunen Holz, zwischen Fenster und Fenster und Tür und Tür, hingen Gemälde von Heiligen und Schlachten. Im Korridor herrschte Grabesstille; lautlos, wie auf Schienen, glitten die Mönche dahin. Zögernd traten wir ein; unsere Schritte hallten; wir gingen auf den Zehenspitzen. Eine lederbeschlagne Tür tat sich auf, und ein Mönch trat heraus; mein Vater näherte sich ihm mit einer tiefen Verbeugung, die der Mönch mit einem leichten Neigen des Hauptes erwiderte; die beiden Männer flüsterten miteinander, dann nahm mich der Schwarzgekuttete, ein hagerer Mann mit gekrümmtem Rücken, bei der Hand und führte mich eine Treppe hinauf, und plötzlich stand ich dann in einem Saal, der wie ein Klassenzimmer aussah, nur daß die Fenster viel höher und die Tafel viel größer und die Bänke viel bauschiger als in meiner alten Schule waren, und in dem Klassensaal stand ein hochgewachsener blonder Mönch mit einer mächtigen Hornbrille, und der Mann, der uns geführt hatte, sagte, das sei Pater Kornelius Schmid, der mir nun die Aufnahmeprüfung abnehmen werde, und ich solle keine Angst haben und schön ruhig dabei bleiben, und dann ging mein Vater mit dem Mönch hinaus und ich stand allein in dem großen Raum und Pater Kornelius Schmid nahm die Brille ab und putzte sie und sagte: »Na, dann wollen wir mal sehn, was für Kräuterl in deinem Kopferl wachsen, mein Freunderl«, und er knuffte mich in die Seite und blinzelte und plötzlich machte die Sache Spaß. Ich stand an der Tafel und rechnete und schrieb und nannte Namen von Königen und Daten von Schlachten; der Pater fragte schneller und schneller und ich schleuderte mein Wissen aus dem Gedächtnis, es war ein gewaltiger Spaß, und ich war gerade im schönsten Eifer, als der blonde Pater lachte und sagte, es sei schon gut. Ich sagte unwillkürlich: »Schade!« und seufzte dabei, und Pater Schmid lachte; dann war mein Vater wieder da, und er lachte und weinte zugleich und drückte mich an die Brust, und dann gingen wir in einen Kontorsaal, in dem zwei alte Geistliche saßen, und mein Vater unterschrieb einen Aktenbogen, und dann zählte er viele große Geldscheine auf den Tisch, eine ganze Brieftasche voll Geld, und ich war stolz, weil Kalksburg so wahnsinnig teuer und vornehm war.
Dann fuhren wir mit einer Taxe nach Wien; es war das erste Mal, daß ich in einem richtigen Auto fuhr, und ich erinnere mich, daß es herrlich nach Benzin stank, ich wurde ganz schwindlig im Kopf, so herrlich stank es, und ich saß neben dem Fahrer und schaute hinaus in das Hügelland, das grün vorbeiflog, und ich war John Dillinger, der Gangsterkönig, der wieder einmal aus dem Zuchthaus entsprungen war und nun zu seiner Bande eilte, hinter sich die Polizei, die wie rasend aus ihren Pistolen schoß, doch Dillingers Wagen war der schnellste und das Glas seiner Fenster war kugelfest. Dann hielt der Wagen und Vater zahlte, und dann saßen wir in einem Märchensaal aus Gold und Kristall, das in allen Farben des Regenbogens spielte; ein Kellner, auf dessen schwarzem Frack kein einziger Flecken war, präsentierte mir, sich verneigend, auf dem ausgestreckten Arm eine Silberplatte, in deren sechsunddreißig Mulden sechsunddreißig köstliche Bissen lagen: Sardinen und Lachs und Sardellen und rosa Fleischkringlein und Tütchen aus Schinken, mit hauchdünnen Scheibchen von Gurken verziert und mit Kräutern umlegt, die ich nicht einmal dem Namen nach kannte, und auf einem runden Stückchen gerösteten Brots waren schwarze Eilein von Fischen gehäuft, und mein Vater sagte, das solle ich essen, das sei echter russischer Kaviar. Der Kellner hielt die riesige Platte ruhig auf dem gestreckten Arm und sagte: »Belieben S’ nur anzuschaffen, junger Herr!«; ich schaute schüchtern auf einen Sardinenrücken, an den ein Scheibchen Zitronenfleisch zärtlich sich schmiegte, und mein Vater lachte und füllte meinen Teller mit zwölf der köstlichen Bissen und leerte selbst dann zwölf Mulden aus. Ich erschrak, was mochte das kosten, doch mein Vater sagte, das sei das Ohrdöfer, die Vorspeisenplatte, die berühmte Ohrdöferplatte des berühmten Hotels Sacher, in dem wir nun speisten, und er sagte, es sei ganz egal, ob man ein Ohrdöfer nehme oder die ganze Platte, das koste alles dasselbe Geld, das eben sei das erstklassig Vornehme daran. Ich fragte, warum wir uns den Rest nicht einpackten und mitnähmen, aber Vater sagte, das sei gar nicht vornehm, das könnten wir zu Haus im Gasthaus Zum Rübezahl machen, aber doch nicht hier im Hotel Sacher in Wien, wo Grafen, Fürsten und Minister speisten, die Creme der Gesellschaft, und ich sah mich verstohlen um und sah plaudernde Herren im Smoking und Damen in seidenen Kleidern mit blitzenden Ringen und Spangen und Ketten, und eine gar trug einen Goldreif in der hohen Frisur, und ich nahm mich zusammen, um Vater nicht zu blamieren, und gab höllisch acht, daß mir kein Bissen von der Gabel rutschte. Der Kaviar schmeckte mir gar nicht, er war ölig und salzig, aber ich aß ihn hinunter, weil er das Vornehmste war, und mein Vater sagte, es sei ja hier sündhaft teuer, das stimme schon, doch heute sei ihm für mich das Beste grad gut genug. Dabei legte er einen Arm um meine Schulter und sagte, ich hätte die Prüfung mit Auszeichnung bestanden, summa cum laude, mit höchstem Lob, so eine Begabung sei noch nicht dagewesen, habe Pater Schmid gesagt, und dann tranken wir Gespritzten und in den Gläsern brach sich das Licht der Lüster und die Geigen sangen leise ihr himmlisches Lied. Ich war vollkommen glücklich; ich saß wie berauscht zwischen Gold und Kristall, und mein Vater sagte, ich könne mir gar nicht vorstellen, was es bedeute, ein Kalksburger Zögling geworden zu sein: die Tür, die zur großen Welt führe, hätte ich mit der bestandenen Prüfung durchschritten, und er zählte mir auf, was ich alles werden könnte, wenn ich Kalksburg absolviert hätte: Bürgermeister, Gesandter, Professor, Regierungsrat, Abgeordneter, Staatssekretär, ja so gar Minister, Vertrauter im Kreise der Exzellenzen, Auserwählter unter Auserwählten, und ich sah Gold und Kristall und Silberterrinen und dachte, daß ich mir als erstes Visitenkarten drucken lassen würde, wenn ich ein berühmter Mann wäre, denn Graf H. hatte auch Visitenkarten, goldgepreßte, mit einer Krone darauf und dem Grafentitel, und die ließ er immer durchs Dienstmädchen zu meinem Vater bringen, wenn er uns besuchte, und das schien mir das Feinste und Vornehmste von der ganzen Welt. Die Kalksburger wären eine verschworene Gemeinschaft, in der einer den andern stütze und voranbrächte, sagte mein Vater, und der Kellner mit dem Frack ohne Flecken legte mir eine Scheibe goldbraun gebratenen Mastochsenfleisches auf den Teller und wünschte mit gedämpfter Stimme einen gesegneten Appetit; da ging eine seltsame Veränderung vor.
Bislang war alles so wunderbar leise gewesen, nun wurde es plötzlich laut, Lärm brach polternd ins Plaudern der Gäste und ins Singen der Geigen, der goldene Raum hallte wider von Schritten und Rufen, im Takt scholl Geschrei, ein heiseres Schrein. Ich schrak zusammen; Messer und Gabel klirrten aufs Porzellan, doch die Gäste rings plauderten, als ob nichts geschähe, und der Kellner beugte sich lächelnd zu mir nieder und sagte, ich möge nicht erschrecken, das sein nur die Hallodris, die schlamperten, die würden wieder mal demonstrieren. »Ekelhaftes Gesindel«, sagte mein Vater unwillig, und der Takt der Stimme draußen schlug plötzlich um in einen Aufschrei der Wut, und dann hörte ich scharfe Kommandos und Trappen und Krachen; ich fuhr herum und sah entsetzt, daß sie mitten im Saal standen, mitten im Gold und Kristall standen drei mit verzerrten Gesichtern und stoppligem Kinn und geballten Fäusten, die sie drohend schwangen, und ich starrte in den bronzeumrahmten Spiegel gegenüber dem Fenster und begriff sofort, daß das die Kommune war. Ich hatte die Kommune noch nie gesehen, bei uns daheim gab es keine Kommune, da gab es nur brave, ehrliche Arbeiter, die grüßten, wie es sich gehörte, wenn sie meinem Vater begegneten, und die zur Seite traten, wenn er oder einer seines Standes an ihnen vorüberging! Die Fäuste fuhren hoch; ich dachte an die Arbeiter im Pharmaziebetrieb meines Vaters: an den Vojtek-Anton und den Heller-Fritzl und die Maschke-Anna und die andern sechs: undenkbar, daß sie die Fäuste ballten und auf der Straße schrien und aufbegehrten wie diese da, der Abschaum, die Kommune, die man an den Füßen aufhängen sollte, wie mein Vater immer sagte, wenn er beim Mittagessen uns die politische Lage erläuterte, und ich dachte empört, warum die das überhaupt dürften, dies Fäusteballen und Schrein, und warum die Polizei, die jetzt endlich auftauchte, nicht alle einsperrte, und dann plötzlich war alles wieder vorbei, es war wieder still, die Gespräche rauschten leise wie immer, die Frau mit dem goldenen Reif im Haar lächelte einem Herrn zu, und im bronzeumrahmten Glas gegenüber dem Fenster lag ruhig die Straße im milden Licht. Mein Vater stieß mich an: Ich solle essen, sagte er, der Rostbraten auf dem Teller würde kalt. Ich aß, doch es schmeckte mir nicht mehr recht, und ich lauschte, da ich aß, ob die Schreie nicht wiederkämen, und dann tat es mir plötzlich leid, daß ich versäumt hatte, auf die Straße oder wenigstens ans Fenster zu treten und Aug in Aug mit der Kommune zu stehen, und ich sagte mechanisch die Worte, die mein Vater immer an den Schluß seiner Mittagsbetrachtung zu setzen pflegte: »Der Führer wird ja bald Ordnung schaffen im Reich!« Ich dachte, daß mein Vater mir beipflichten würde, aber der trat mir auf den Fuß und zischte, ich solle in Kalksburg ja nicht von Hitler sprechen, man sei hier für Doll-fuß, und außerdem, so sagte mein Vater, würde der Führer wohl nicht durchkommen im Reich, und als ich verwundert fragte: »Warum?«, sagte mein Vater, das hänge mit den Wahlen zusammen und das verstünde ich noch nicht, das würde ich erst später verstehen. Dann stießen wir ein zweites und ein drittes Mal auf eine glückliche Zukunft und auf Kalksburg und auf mein Studium an, und ich dachte dabei trotzig, daß der Führer eines Tages doch siegen werde.
Doch an den Tag, an dem der Führer dann siegte, erinnere ich mich überhaupt nicht mehr. Ich hatte andre Sorgen; es machte mir große Müh, mich in die spartanische Disziplin des Klosterlebens zu fügen, in den immer gleichen Takt jener grauen Tage, die mit der heiligen Messe begannen und mit der Abendandacht endeten und deren unerbittlich genau eingeteilte Stunden zumeist, mit Ausnahme der Schulpausen, der Mahlzeiten und zweier Spielstunden, schweigend zugebracht werden mußten. Schweigend, in Doppelreihen und den Kopf, wie es Vorschrift war, gesenkt, so daß der Blick demütig an die Fersen des Vordermanns, der seinerseits wieder auf die Fersen seines Vordermanns sah, sich heftete, schritten wir durch die endlosen Korridore zur Kapelle und zum Studiensaal und zum Klassenzimmer, schweigend knieten wir auf der Fußraste der Kirchbank, schweigend saßen wir über Bücher und Hefte gebeugt, und schweigend mußten wir die Strafen entgegennehmen: die Haselrohrhiebe der Patres Professoren und die Kopfnüsse und Nackenschläge des Paters Präfekten, unsres Aufsehers außerhalb der Unterrichtszeit, und so waren im gleichen Takt die Tage seit meiner Aufnahme grau hingeronnen, und nur ein Tag steht heller in meinem Gedächtnis: der 15. Januar 1933, mein elfter Geburtstag. Es durfte uns zum Geburts- und Namenstag nämlich ein Fünf-Kilo-Paket mit Lebensmitteln gesandt werden, das wir zwar nicht ausgehändigt bekamen, aber dessen Inhalt der Küchenpräfekt in vierzehn Tagesportionen aufteilte, die dem glücklichen Empfänger zum Frühstück auf seinen Platz an der gemeinsamen Tafel gelegt wurden, eine hochwillkommene Ergänzung des immer gleichen Frühstücksgedecks, das aus Malzkaffee, einer Semmel und einem Löffel Marmelade bestand. Am Abend des Vortags, als um acht Uhr das Licht unsres Schlafsaals, in dem wir in kleinen, vorn durch einen Vorhang verhängten Holzkabinen lagen, gelöscht wurde, hatte ich schon sehnsüchtig an den gefüllten Teller gedacht, der, hoffentlich, morgen neben meiner Kaffeetasse stehen würde, und ich hatte schnell zum heiligen Aloysius, dem Schutzpatron des Konvikts, gebetet, daß sich das Paket auch ja nicht verspäte; mein erster Gedanke um fünf Uhr morgens, als die Glocke des Paters Präfekten uns gellend weckte, war nicht, wie empfohlen, ein Stoßgebet zur Heiligen Mutter Gottes, sondern eine sündhafte Vorfreude auf Sardinen und Keks, und sogar bei der heiligen Messe ertappte ich mich bei lüsternen Gedanken an Leckeres. Dann schritten wir, schweigend, den Kopf gesenkt und den Blick auf die Fersen des Vordermannes gerichtet, den endlosen Gang zum Studienraum hinüber und absolvierten dort schweigend unser einstündiges Morgenstudium, dann, nach dem Klingel-signal, erhoben wir uns und formten uns wieder zu Doppelreihen und schritten, schweigend und mit gesenktem Kopf, den endlosen Gang zurück und die Treppe zum Speisesaal hinunter, und da schlug ich, der Vorschrift zum Trotz, die Augen hoch, und da, wahrhaftig, prangte an meinem Platz ein gefüllter Teller. Ich erkannte ein Stück Rosinenstollen und eine Büchse Sardinen und einen Schokoladenriegel und Obst und einen – wie immer geöffneten – Brief. Dann stand ich schweigend vor den Herrlichkeiten und hatte die Hände gefaltet und betete das Tischgebet, das der diensthabende Pater Präfekt uns vorsprach, und dann endlich wurde das Zeichen zum Hinsetzen gegeben und, da keiner im Gang den Kopf gehoben und keiner dem andern etwas zugeflüstert hatte, auch das Zeichen zur Sprecherlaubnis. Die Stimmen schwirrten jäh auf wie ein Spatzenschwarm, der vom Baum braust; die Teller meiner Tischnachbarn streckten sich meinen Schätzen entgegen und ich teilte Sardinen und Kekse und Äpfel aus, nur der Schiller Friedrich, der Tscheche, der links neben mir saß, bekam nichts, er hatte mir ja auch nichts von seinem Paket abgegeben. Diese Frühstücksfreuden währten zwei volle Wochen, das weiß ich genau, dann wurden die Tage wieder öd wie immer, und einer jener öden Tage muß auch der Tag gewesen sein, da im fernen Reich Adolf Hitler die Macht ergriff, um die Kommune auszurotten, doch ich erinnere mich daran nicht mehr. Ich weiß nur, daß wir von Hitler im Kloster nicht sprechen durften und daß es einmal eine ungeheure Untersuchung gab, weil an einer Tafel ein Hakenkreuz gemalt war, und daß eine Gruppe von Quintanern dann ausgeschlossen wurde, und ich weiß, daß ich diese Quintaner bewunderte.
Sonst weiß ich vom Jahr 1933 nicht viel; unvergeßlich hingegen wird mir ein Tag aus dem Jahr danach bleiben, ein Februartag mit dicken Eiskrusten auf den Bäumen und harschem Schnee auf den segnenden Händen der Muttergottesstatue im Park. Es war der Nachmittag des Faschingsmontags; am Tag zuvor hatten wir im Schülertheater Raimunds »Bauer als Millionär« gesehen und gerührt Wurzels Preislied der Zufriedenheit angehört und freuten uns nun, morgen ins Kino nach Rodaun gehen zu können, wo wir den Tonfilm »Der Herzog von Reichstadt« sehen sollten, als, es war um die dritte Mittagsstunde und wir hatten gerade Spielpause, plötzlich das Licht ausging und der Spielsaal im Halbdunkel lag. Ich war ärgerlich, daß das Licht ausgegangen war, denn ich spielte gerade Tischtennis und verfehlte einen sicheren Ball; dann aber freute ich mich mit den andern ob des günstigen Zeichens, denn in einer Viertelstunde sollte das dreistündige Nachmittagsstudium beginnen, das, wenn es kein Licht gab, wohl ausfallen mußte. Ich entsinne mich, daß wir wetteten, ob das Licht bis zum Beginn des Studiums wieder brennen würde; ich wettete dagegen und mein Freund, der Graf Staffperg, ein schmaler, zarter Junge, dafür; ich weiß noch, daß ich gewann: Das Licht blieb aus, es war schummrig im Raum, und dann rief jemand im Gang nach dem Pater Präfekten. Der Pater Präfekt, ein kleiner Mann mit verkniffnem Gesicht, stieg von seinem kanzelartigen Pult und ging hinaus. Nach einer kleinen Weile kam er mit einer brennenden Kerze in der Hand zurück und sagte, wir sollten uns setzen, er würde uns aus einem lustigen Buch vorlesen. Dergleichen war noch nie geschehen, und da er das sagte, zitterte, so schien mir wenigstens, seine Stimme, die doch sonst so zischend scharf klang, und plötzlich wurde ich unruhig und die andern auch. War etwas geschehen? Warum brannte das Licht noch nicht? Vorigen Winter war das Licht auch einmal ausgeblieben, doch da war der Schaden in wenigen Minuten behoben gewesen, und nun brannte schon über eine Stunde kein Licht! Der Pater Präfekt las die Geschichte vom Kai aus der Kiste; ich hörte kaum zu, doch ich merkte, daß der Pater Präfekt sich mehrmals verlas. Dann hörte ich plötzlich ein seltsames Knallen, es klang wie Stöße eines trockenen Hustens, und dann schrie auf einmal der kleine Liechtenberg auf: »Sie schießen!«, und dann sprangen wir auf, und plötzlich schrie alles durcheinander, und dann wurde die Tür aufgerissen und der Pater Präfekt von der Nachbarklasse kam hereingestürzt und fragte, ob wir es auch schon gehört hätten, und dann waren es mehrere Hustenstöße, die sich überkreuzten, und plötzlich wirbelten wir alle im Gang durcheinander. Es war unvorstellbar, doch wir schrien durch den Gang, wo doch kein Wort fallen durfte, und es hieß, die Roten hätten das E-Werk besetzt und in Liesing und Hitzing und Mödling würde geschossen, und dann hieß es, Wien brenne, die Roten hätten Wien in Brand gesteckt und marschierten nun auf Kalksburg zu! Dann knieten wir alle in der Kapelle vor dem Bild der Unbefleckten Jungfrau Maria, und der Pater Generalpräfekt kniete vor dem Altar und las das Gebet zum heiligen Erzengel Michael, dem Kämpfer mit dem flammenden Schwert: »Glorreicher Fürst der himmlischen Heerscharen«, so hörten wir, »heiliger Erzengel Michael, beschütze uns in dem Kampfe und dem furchtbaren Streit, den wir gegen die bösen Geister zu bestehen haben, komme zu Hilfe den Menschen, die Gott unsterblich nach seinem Bild und Gleichnis gestaltete, schlage heute mit dem Heere der heiligen Engel die Schlachten, wie du ehedem gegen Luzifer und die abtrünnigen Engel gekämpft hast, für die es keine Stätte mehr gab im Himmel!« Er psalmodierte die heiligen Worte, und das Wort Himmel sang er beinah, und die gedehnten Silben hallten im riesigen Raum, in dem das rote Licht der Ampeln sich verlor. Die Statuen der Heiligen in den Altarnischen rings hoben ihre wachsbleichen Hände, und goldene Gewänder fielen in Falten an ihnen nieder. »Auf denn, o unbesieg-tester Fürst, eile dem Volke Gottes zu Hilfe gegen das Anstürmen der verworfenen Geister«, sang der Pater Generalpräfekt, und ferne tackte ein Maschinengewehr. Dann sprach der Pater Generalpräfekt die Litanei zur Unbefleckten Empfängnis vor, und in höchster Not schrien wir auf Knien das »Bitte für uns« zum Himmel:
»Du Königin aller Engel und Heiligen,
bitte für uns;
du Schrecken und Besiegerin der bösen Geister,
bitte für uns!«,
und ich sah im verfließenden Schein des Öllichts die milden Züge der Heiligen, die ich so oft während der Messe geschaut: die hohe weiße Stirn und das braune Haar und der weiche Mund mit den schmalen, kaum geschwungenen Lippen, und ich sah den rötlichen Schein ihr Gesicht überwallen und flehte: Bitte, o bitte für uns!, und draußen, näher, hämmerte das Maschinengewehr. Dann drängten wir uns in den Schlafsaal, auf den Kabinenwänden standen Kerzen, der Pater Präfekt empfahl uns, noch einmal vor dem Einschlafen ein Stoßgebet zur Heiligen Jungfrau oder zum heiligen Erzengel Michael zu richten, dann wurden die Lichter gelöscht, ich kroch unter die Bettdecke und dachte schauernd an alles, was ich von der Kommune wußte: Sie waren Verbrecher und wollten nicht arbeiten und wollten den ehrlichen Menschen alles wegnehmen weil sie zu faul waren und sie plünderten und mordeten und raubten was sie nur konnten und schrien im Takt und ballten die Fäuste und sie waren mitten in dem herrlichen Saal von Gold und Kristall gestanden und hatten die Fäuste geballt und im Takt geschrien und nun hatten sie Wien in Brand gesteckt und marschierten auf Kalksburg zu, und ich dachte, daß ich als Märtyrer der Jungfrau sterben würde. Nein, ich würde die Heilige Madonna nicht verleugnen, ich würde dem Mob entgegengehn, das Bild meiner Königin im Herzen und das Kreuz des Heilands in Händen, und draußen, näher, hämmerte das Maschinengewehr.
Dann schlief ich ein, und als ich wieder erwachte, dröhnte der dunkle Morgen; es hallte dumpf, die Fenster klirrten; ich fuhr aus dem Bett, da hörte ich die Stimme des Paters Präfekten, der rief, die Heilige Mutter Gottes habe unser Flehen erhört, die Roten müßten zurückweichen, Mödling sei schon befreit und die heldenhaft kämpfende Heimwehr schösse mit Artillerie die roten Viertel in Klumpen. Der Morgen hallte dumpf, die Fenster klirrten; ich wusch mich und zog mich an und wartete dann in meiner Kabine auf das Glockenzeichen, das uns auffordern würde, uns schweigend in Zweierreihen aufzustellen, um zur Kapelle zu marschieren. Ich fieberte vor Ungeduld; auf dem Bord überm Bett lag ein Kalender, aber ich wollte jetzt nicht lesen. Ich fieberte vor Ungeduld und dachte sogar daran, mein Bett zu machen, doch dann ließ ich es sein, denn man hatte uns eingeschärft, das sei Arbeit der Hausdiener, das brauchten wir nicht zu tun. Ich biß mir auf die Zunge, ich wollte gar zu gern den Hans Staffperg, der die Nebenkabine bewohnte, fragen, ob er mit mir auch ein Märtyrer werden wolle, aber ich durfte meine Kabine vor dem Zeichen nicht verlassen, und erst recht nicht durfte ich sprechen, erst beim Frühstück durften wir, wenn alles geklappt hatte, das erste Mal am Tage sprechen, und die drei Stunden bis dahin erschienen mir endlos lang. Der Morgen hallte, die Kerzen auf den Kabinen flackerten, die Handglocke gellte, wir schlugen die Vorhänge zurück und traten aus unsren Kabinen und stellten uns in Zweierreihen auf, gesenkten Haupts, wie es Vorschrift war, dann schritten wir langsam, den Blick auf die Fersen des Vordermanns geheftet, den endlosen Gang zur Kapelle hinunter, die Morgenandacht zu verrichten, und ich sah die Fersen meines Vordermanns, immer die Fersen und den endlosen Gang, durch den wir vieldutzendmal am Tage so schritten, und ich dachte plötzlich mit Erschrecken, daß ich noch sieben Jahre so gehen sollte, den Kopf gesenkt, und plötzlich wurde mir die Brust eng und ich sah auf, da traf mich der Faustschlag des Paters Präfekten im Genick. Es war ein schwacher Schlag und ein flüchtiger Schmerz, der Pater Präfekt hatte nicht mit voller Kraft zugeschlagen; ich senkte wieder den Kopf und sah den endlosen Korridor und plötzlich rauschte eine wilde rote Welle durch mein Blut. Die Schläfen hämmerten; ich preßte die Nägel in die Ballen meiner Hände, und ich wußte jäh etwas, was ich schon lange gewußt hatte, schon vom ersten Tag an, da ich sie gesehen: Ja, dachte ich, sie sollten kommen, die Roten sollten kommen, mit Messern und Äxten und Feuerbränden sollten sie kommen und alles hier umhaun, alles, alles, das Kloster, die Mauern, die Gänge, die Kapelle, die Statuen, die Altäre, alles, alles, und alles sollten sie abschlachten, die Patres, die Diener, die Zöglinge, alles, die Bilder aufschlitzen, Aloysius und Maria und Michael, alles, und die Messer in Wänste unter den Kutten sollten sie rennen und den Pfaffen die Gurgel abschneiden, das sollten sie, ja, und Feuer sollten sie legen, rotes, großes fressendes Feuer, das das alles zerstörte, und wenn sie mir selber den Hals abschnitten, was war schon dabei, wenn hier nur kein Stein auf dem andern blieb! Ich wußte, daß das, was ich da dachte, eine Todsünde war, vielleicht sogar die Sünde wider den Heiligen Geist, die nicht vergeben werden kann, aber auch das war mir egal, dann würde ich eben in die Hölle kommen, was kümmerte das mich! Während der Messe wurde mir kalt und Frost schüttelte mich und dann bekam ich Fieber, der Pater Präfekt führte mich in den Krankentrakt, und dann lag ich im Bett und phantasierte und träumte von Feuern und Madonnen und bocksbeinigen Teufeln, denen Schweiß vom Bauch troff, und nachts dann wachte ich auf und war ganz naß und dachte, daß ich jetzt wohl sterben müßte. Am nächsten Morgen schrieb ich Pater Kornelius, der mein Beichtvater geworden war, einen Zettel und bat ihn, mir die Beichte abzunehmen, und dann beichtete ich ihm in der wachstuchverhangenen Zelle meine sündhaften Gedanken der Rebellion, und Pater Kornelius fragte mich lange aus, ob ich mit anderen Zöglingen darüber gesprochen hätte oder ob auch ein anderer der Ansicht wäre, die Kommune sollte kommen, und ich schüttelte den Kopf und sagte, ich allein nur trüge die Schuld. Dann legte mir Pater Kornelius als Buße auf, einen Monat lang jeden Morgen den heiligen Aloysius um die Gnade der Demut, die mir mangle, zu bitten, dann schlug er das Kreuz über mich und sprach mich frei. Ich tat, genesen, wie er geboten und versuchte zwei Jahre lang, die Gnade der Demut zu erwerben, dann kletterte ich eines Abends über die Parkmauer und floh nach Hause und dachte, daß ich niemals wieder ins Kloster zurückgehen würde, mochte mein Vater auch toben und schrein. Mein Vater aber tobte nicht, ja er schimpfte mich nicht einmal aus; er drückte mich an sich und gestand mir, daß er sich schon manchmal Gedanken über meine Zukunft gemacht habe und daß er mich Ende dieses Jahres sowieso aus dem Konvikt genommen hätte, denn die Weltgeschichte habe, so sagte er, und seine Augen strahlten, ehernen Schritts zu marschieren begonnen, und es sei ganz klar, daß nicht der reaktionäre Klerus die Zukunft für sich haben werde, sondern das Deutschland Adolf Hitlers, zu dem eines Tags auch das Sudetengebiet gehören werde. Ich fiel ihm in die Arme und konnte vor Freude nicht reden, und am nächsten Tag dann trat ich in den Deutschen Turnverein, die Jugendorganisation der Sudetenfaschisten, ein; meine früheren Schulkameraden beglückwünschten mich, daß ich nicht mehr ins Kloster zu gehen brauchte, und als ich die graue Kluft des Turnvereins am Leib trug, atmete ich auf und wußte erlöst, daß nun die Welt für immer im richtigen Lot war!
Die Verteidigung der Reichenberger Turnhalle
Die Turnhalle in Reichenberg, der etwa vierzig Kilometer von meinem Heimatort gelegenen einstigen Hauptstadt des Sudetenfaschismus, wo ich nach meinem Abgang aus Kalksburg nun das Reform-Realgymnasium besuchte, lebt in meiner Erinnerung als ein olivschwarzer Klotz am Rand einer steil steigenden schmalen Straße, und ihre Verteidigung muß sich um den 15. September 1938 herum zugetragen haben, zu einer Zeit, da wir im Deutschlandsender dreimal täglich die grauenvollsten Meldungen über den Blutterror des tschechisch-jüdisch-marxistischen Mordgesindels an der friedlichen sudetendeutschen Bevölkerung zugleich mit der Versicherung des Führers vernahmen, daß eine Großmacht wie das Deutsche Reich nicht länger mehr gewillt sei, untätig die Leiden der deutschen Brüder und Schwestern, die jenseits der Grenzen einem Untermenschenvolk wehrlos ausgeliefert seien, mit anzusehen, und daß die sudetendeutsche Frage gelöst werden müsse, so oder so. In Reichenberg zwar war kein Deutscher bislang auch nur verletzt worden, und auch aus meinem Heimatstädtchen hatte ich nichts dergleichen vernommen, hingegen war dort das tschechische Grenzwachhaus überfallen und in Brand gesteckt worden, allein in allen anderen sudetendeutschen Städten sollten, wie wir hörten, schon die schrecklichsten Greuel an Deutschen stattgefunden und die tollsten Kämpfe getobt haben, und als dann eines Morgens am Reichenberger Markt Straßensperren aus Stacheldraht standen und bewaffnete Polizisten patrouillierten und mein Riegenführer Karli mir keuchend zuschrie, die Tschechen wollten die Turnhalle angreifen, da wußte ich, daß es nun auch in Reichenberg losgehen werde und daß die Stunde der Bewährung für mich gekommen sei.
Ich war dazu bereit. Vor einem Monat erst hatte ich dem Führer selbst ins Angesicht gesehen und ihm dabei ewige Treue geschworen: Ich hatte mit Tausenden Kameraden des Turnvereins am Großdeutschen Turn- und Sportfest 1938 in Breslau teilgenommen; in Achterreihen waren wir ins Stadion eingezogen und hatten im Sprechchor »Wir wollen heim ins Reich« gerufen, die neue Losung, die für uns Inbegriff allen Seins und Sehnens geworden war, und rings auf den Rängen die Menschen hatten uns zugejubelt und geklatscht und getrampelt und Hände und Tücher und Fahnen geschwungen und Lieder gesungen und alles war wie ein Traum gewesen, ein wehender jubelnder brausender Traum, aber es war ja auch in Deutschland gewesen, im Reich deutscher Freiheit und deutschen Glücks! So waren wir die Bahn des Stadions hinuntergezogen, und ich hatte verstohlen um mich gespäht, ob ich den Führer nicht sähe, der doch sicher irgendwo hier stehn müsse in der jubelnden Masse, doch ich hatte nur die Stadionbahn und drüber die brausenden Ränge gesehn, ohne die Gesichter unterscheiden zu können, rechts und links der Bahn war eine Mauer SS gestanden und wir waren die ganze Länge der Bahn hinuntermarschiert und ich war traurig gewesen, den Führer übersehen zu haben, da waren wir plötzlich in eine Kurve eingebogen, eine Gegenkolonne war zu der unsern gestoßen, ein Marsch war aufgeschmettert und hatte unsern Chor überdröhnt, und da war auf der Tribüne der Führer gestanden, ganz nah vor uns im gleißenden Scheinwerferlicht, ganz nah und groß und allein, ein Gott der Geschichte, und er hatte die Hand über uns erhoben und sein Blick war unsre Reihen entlanggeglitten und ich hatte geglaubt, mein Herz würde stillstehen, wenn der Führer mich ansehn würde, und da hatte ich jäh gewußt, daß mein Leben dem Führer geweiht war für immerdar.
Dann waren wir in dem Auto, das Vater voriges Jahr erworben hatte, wieder über die Grenze zurückgefahren; der tschechische Grenzer hatte unsern Koffer durchsucht, und dann hatte es einen langen Streit zwischen ihm und meinem Vater gegeben, denn der Grenzer hatte zwischen der Unterwäsche im Koffer zehn Päckchen Zigaretten gefunden und gesagt, daß wir sie verzollen müßten, und mein Vater hatte geschrien, es sei eine Unverschämtheit, daß man als Deutscher in diesem Land nicht einmal mehr deutsche Zigaretten rauchen dürfe, ohne daß die Prager Juden daran verdienten, und dann hatte der Grenzer die Zigarettenpäckchen einfach weggenommen und aufgebrochen und in eine Grube geworfen, wo schon ein Haufen aufgebrochener deutscher Zigarettenpäckchen lag, und ich hatte vor Wut gebebt, wehrlos vor diesem Raub stehen zu müssen, und hatte die Fäuste geballt und gedacht, daß die Stunde der Freiheit bald schlagen müsse. Drei Wochen später war dann durch den Deutschlandsender die Nachricht gekommen, der Führer habe eine Million Reservisten zu den Waffen gerufen, und kurz darauf hatte ich eine heftige Auseinandersetzung mit meinem Vater gehabt, der mich mit meiner Mutter und Schwester für die kritische Zeit zu Wiener Geschäftsleuten bringen wollte. Ich hatte mich aufs heftigste geweigert, jetzt wegzugehn; jetzt würden historische Tage kommen, hatte ich gesagt, und ich wollte sie miterleben und kämpfen, wenn es not sein würde; mein Vater hatte schließlich nachgegeben, und so war ich wieder nach Reichenberg gefahren, und eines Septembermorgens dann, in der Früh eines grauen, nebligen Tages, hatte mein Freund Karli an das Fenster meiner ebenerdig gelegenen Studentenbude bei Frau Waclawek in der Gablonzer Straße gepocht und mir keuchend zugeschrien, ich solle schnell zur Turnhalle kommen, es sei Alarmstufe zwei, die Tschechen griffen heute die Turnhalle an! Dann war er weitergelaufen, um die anderen zu verständigen, und ich hatte mich auf den Weg zur Turnhalle gemacht und lief nun die Gablonzer Straße hinunter. Es war ein kalter Morgen, und ich dachte, daß nun also die Stunde der Bewährung gekommen war.
Ich war aufgeregt: Ich hatte noch nie in einem solchen Kampf gestanden; ein paar Schulraufereien und Geländespiele und die dummen Provokationen der Polizei, die ich mir wie jeder andre hatte leisten können, zählten ja nicht; nun aber sollte es ernst werden, ein richtiger Kampf mit richtigen Waffen, und ich fühlte mein Herz klopfen, und plötzlich mußte ich denken, was man wohl fühlen möge, wenn einem ein Messer durch die Rippen fuhr. Mein Schritt wurde zögernder; ich dachte jetzt nicht mehr an das Messer, ich sah es, es blitzte, und als ich kurz vor der Turnhalle bei Ferdl, einem ambulanten Wursthändler, vorbeikam, dachte ich sogar daran, mich still in eine Nebengasse zu verdrücken, doch dann schalt ich mich aus und lief schnell in die Halle hinein.
Zwei Posten vorm Tor, im Korridor Wachen; Parole: Deutschland; die Posten traten zur Seite, das Tor schlug hinter mir zu. Nun gab es kein Zurück mehr, und hier, unter den Kameraden, verwandelte sich meine Angst jäh in Gier, bald im Kampf zu stehn. Es war düster in der Halle: Die Fenster waren vom Boden bis zum Giebel mit Sandsäcken und Sprungmatten verbarrikadiert, und nur durch ein Oberfenster im flachen Dach fiel ein Streifen Lichts in den riesigen Raum. Ich sah mich nach einem Führer um, bei dem ich mich melden könnte, und an Führern, so sah ich, war kein Mangel; sie trugen Armbinden mit der Siegrune und eilten geschäftig hin und her, schickten Spähposten auf das flache Dach, stellten Gruppen, Züge und Kompanien zusammen und gaben Keulen und Eisenhanteln und andre Gymnastikgeräte als Waffen aus. Ich empfing eine Keule aus schwerem braunem Eichenholz, eine lange gezogne Keule mit griffigem Kopf und wuchtigem Rumpf: Ich sehe sie noch genau vor mir und weiß, daß ich sie zur Probe wirbelnd aus dem Handgelenk schwang. »Die haben auch Revolver!« flüsterte mein Nebenmann und deutete mit dem Kinn nach den Führern. »Stillgestanden!« schrie ein stämmiger Mann. Unsre Hacken knallten zusammen. Es wird ernst; jetzt wird es ernst, dachte ich und stand still und dachte, wie der Feind bald zur Türe hereinstürmen würde, der furchtbare Feind, der bolschewistische Mob: Er würde zur Türe hereinstürmen, und dann würde das Alarmkommando gellen und der Kampf beginnen, ein richtiger Kampf, kein Kriegsspiel mehr, ein richtiger Kampf für Deutschland, und ich wog die Keule in der Hand, und die Kameraden standen neben mir in Tuchfühlung. Der stämmige Mann sprach von unserer Treue zum Führer und vom Recht der Deutschen auf Selbstbestimmung, und dann rief er: »Sieg oder Tod!«, und wir riefen das im Sprechchor nach. Dann traten wir weg; die Kompanie, zu der ich gehörte, alles junge Burschen meines Alters, hatte die Anweisung bekommen, als Reserve in den Geräteraum zu gehen und dort auf Befehle zu warten. Wir gingen in den Geräteraum und setzten uns hin, die Waffen griffbereit neben uns; eine Weile herrschte ratloses Schweigen, dann sagte einer, daß die Roten nur kommen sollten, wir wollten es ihnen aber schon tüchtig zeigen, und dann überschrien wir einander, daß wir es ihnen aber schon tüchtig zeigen würden, wenn die Roten kämen, und einer schrie schrill, sie würden sich gar nicht getraun zu kommen, die Roten, und wir schrien, und dann begann einer einen Witz zu erzählen, und wir erzählten einander alle Zoten und Witze, die wir schon längst kannten, und wir lachten auch darüber, und das Lachen klang, wie das Schreien vorhin, über die Maßen laut. Dann waren alle Witze erzählt, und dann saßen wir wieder stumm da und warteten auf den Feind, doch der Feind kam nicht: wir saßen und warteten; der Feind kam nicht; die Gespräche zerbröckelten, aus dem Lachen wurde Gemurr. Die Zeit stand still; der Feind kam und kam nicht. An seiner Stelle kam etwas Entsetzliches: die Langeweile.
Wie spät es schon war, als die Langeweile kam, das weiß ich jetzt nicht mehr, doch glaube ich, daß seit meinem Eintreffen in der Turnhalle bis zum Einbruch der Langeweile nicht viel Zeit verstrichen war. Es war sicher noch früh am Tag, als die Langeweile in den düstren, kaum erhellten Geräteraum kam, und sie kam körperlich greifbar, ein muffiger, langsam dahinwallender Brodem, der uns umkroch und träg sich lagerte: Sie war kein psychisches, sie war ein rein physisches Produkt, von einem vielköpfigen Menschenhaufen abgesondert wie Schweiß oder verbrauchte Luft. Wir warteten, und dieses Warten brütete die Langeweile aus: Wir hatten den Auftrag zu warten, und so warteten wir, ohne etwas andres zu tun, und es wäre mir unvorstellbar gewesen, jetzt etwa ein Buch aus der Tasche zu nehmen und zu lesen oder ein Kreuzworträtsel zu raten oder mit einem Freund ein Gespräch über ein geistiges Thema zu beginnen oder zu dösen oder gar zu schlafen: All dies wäre mir irgendwie zersetzend vorgekommen, unernst und unheldisch, dem Pathos unsres Einsatzes nicht angemessen, und so wie ich mußten wohl die andern auch empfinden, denn alle saßen wir so und warteten, und die Langeweile wogte träg um uns her. Die Lider wurden mir schwer, und mein Kopf sackte vornüber; einen Augenblick lang nickte ich ein, dann riß ich mich, beschämt, wieder hoch, und da und dort fiel ein Kopf vornüber und fuhr wieder hoch, und so saßen wir und lauschten in wachsender Verzweiflung, ob nicht endlich der Alarmruf käme, der erlösende Alarmruf, der uns in den Kampf schleudern würde, doch der Alarmruf kam nicht. Verdösenden Augs stierten wir einander an. Es war düster im Raum, und die Luft war stickig. Der Feind kam nicht. Dann aber kam, langsam, doch mit wachsender Wucht, der Hunger.
Wir pflegten uns sonst immer in der großen Pause beim Schuldiener warme Würstel und Salzstangen zu kaufen, und so hatte kaum einer Brote bei sich, und die hatte er bald verzehrt. Uns andern knurrte der Magen. Schließlich machte sich der Kompanieführer auf den Weg zum Stab, um das Proviantproblem vorzutragen. Er kam bald wieder zurück und berichtete, die Kompanie solle einen Stoßtrupp aus Freiwilligen bilden, welcher sich bis zum Wurst-Ferdl am Ende der Straße durchzuschlagen, dort Krenwürstel, Semmeln und Bier einzukaufen und die Beute zur Turnhalle zurückzutransportieren habe. Die anderen Kompanien, so sagte der Kompanieführer und schritt dabei auf und ab, würden ähnliche Stoßtrupps ausschicken; diese Truppenbewegung müsse jedoch schnell vor sich gehn, um die Verteidigungskraft der Turnhallenbesatzung nicht zu lange zu schwächen; es sei sehr wohl möglich, sagte der Kompanieführer, daß der Feind die vorübergehende Schwächung, falls er sie erkenne, ausnützen würde, um die Turnhalle anzugreifen; die einzelnen Stoßtrupps sollten daher, um keinen Verdacht zu erregen, sich in größeren Abständen voneinander bewegen, auch dürften sie nicht erkennen lassen, daß sie einander kannten. Wir fragten, ob Waffen mitgenommen werden sollten, und der Kompanieführer verneinte: Waffen sollten nicht mitgenommen werden, sagte er, zum Schutz vor plötzlichen Angriffen der Roten seien jedoch zwei Sicherungsflügel zu bilden, die aber aus Tarngründen ebenfalls keine Waffen tragen sollten. »Wer meldet sich freiwillig?« fragte der Kompanieführer, und ich sprang auf und meldete mich ungestüm; viele sprangen gleich mir auf und meldeten sich, doch ich hatte Glück, ich stand in der Nähe des Kompanieführers und wurde dem rechten Sicherungsflügel des Stoßtrupps zugeteilt. Führer des Stoßtrupps und des ganzen Unternehmens war mein Freund Karli. Wir versammelten uns in der Halle, und Karli gab uns die letzten Instruktionen: Wir würden, um den Feind zu täuschen, nicht direkt zum Wurst-Ferdl hinunter, sondern zunächst die Straße in entgegengesetzter Richtung hinaufgehn, dann in eine Quergasse einbiegen, die Parallelstraße wieder hinuntergehn und schließlich durch eine Passage den Wagen Wurst-Ferdls erreichen, in unauffälligen Abständen hintereinander einkaufen und auf dem gleichen Weg zur Turnhalle zurückkehren. »Alles klar?« fragte Karli. Wir nickten. Wir gingen durch die Halle; Posten an der Tür, Wachen im Korridor, Posten am Tor, Knüppel und Eisenschlegel, Parole: Deutschland. Das Tor öffnete sich einen Spalt. Wir huschten hinaus. Das Licht des Mittags machte uns blinzeln. Vor uns lag, im Licht des Mittags, die Stadt, die wir seit Jahren kannten. Wir blinzelten. So hatten wir die Stadt noch nie gesehn.
So hatten wir die Stadt noch nie gesehn, und sie sah doch aus wie immer: Die Laubengänge mit den Gemüseständen, um die sich nun, zur Mittagszeit, nicht mehr der Schwarm der Hausfraun mit Taschen und Körben drängte; Kinder schleppten Bierkrüge aus dem Wirtshaus, Katzen sonnten sich im Rinnstein, der Bettler am Straßeneck sang seine Litanei, im Café die Männer umstanden die Billard und Tarockpartien, ein Tageshürchen schminkte sich die Lippen, Zeitungshändler schrien ihre Ware aus, die Glasscheiben des Bat’a-Geschäfts, hinter denen der elegante bürstenblonde Verkäufer auf und ab ging, glitzerten in der Sonne, Reklamen für Shell-Oil und Stollwerckbonbons schrien von der Fassade: Die Stadt lag im milden Licht des Mittags, der Nebel war verflogen, die Stadt sah aus wie immer, auch die Barrikade am Marktplatz änderte wenig an ihrem vertrauten Bild, und doch war sie nicht mehr die Stadt, die wir kannten: Sie war Feindgebiet, grau, in den Häusern Schießscharten und Heckenschützen dahinter, irgendwo lauernd der Feind, die Lauben gespenstisch, das Niemandsland! Wir huschten, Sicherungsflügel und Stoßtrupp, die Straße hinauf, und alles kam mir schemenhaft vor; wir waren im Krieg, wir waren im Einsatz, ich war kein Gymnasiast mehr, ich war zweiter Mann im rechten Sicherungsflügel des Proviantbeschaffungsstoßtrupps der Reservekompanie, und es wäre, hätte ich einen Revolver besessen, mein gutes Recht gewesen, jeden Feind abzuknallen, jeden Roten, jeden Bolschewiken wie dort den jungen Mann, der ein Extrablatt der Roten Fahne ausrief; wir waren im Kampf, und wir huschten, Schemen, durch die Straßen; es war ein läppisches Spiel, und das Schauerliche war, daß aus diesem läppischen Spiel jederzeit ein Mord herausschlagen konnte wie eine Kugel aus einer scharf geladenen Operettenpistole. Es war ein läppisches Spiel, das wir da trieben, eine Kinderei, und sie war doch mörderisch, und es war das Entsetzliche, daß wir beides nicht spürten: nicht das Läppische und auch das Mördrische nicht. Wir waren im Einsatz, wir handelten auf Befehl, wir stießen durchs Feindgebiet vor, und so gingen wir, das fünfköpfige Einkaufskommando in der Mitte, die dreiköpfigen Sicherungsflügel links und rechts, ganz unauffällig die Straße hinauf, bogen ohne besondere Vorkommnisse ab, drängten uns durch den Strom der Arbeiter, die, Deutsche wie Tschechen, von der Frühschicht kamen, die Parallelstraße wieder hinunter, durchquerten, Mann an Mann, die Passage und kauften in unauffälligem Abstand je zwanzig Paar Würstel mit Semmeln und Bier. »Habt ihr heut Übung, ihr seid’s schon die dritten, die nach Würsteln kommen?« fragte Wurst-Ferdl und strahlte uns an. Wir verzogen keine Miene. »Die andern, die gekommen sind, die sind nicht von uns«, sagte Karli, der Stoßtruppführer, geistesgegenwärtig. Die Straße herab kam der vierte Trupp. »Versteh schon!« sagte Wurst-Ferdl und zwinkerte mit den Augenlidern. Der vierte Stoßtrupp hatte den Stand erreicht. Wir kannten einander nicht. »Zwanzig Paar Würstel mit Semmeln und Bier«, sagte der Truppführer des vierten Stoßtrupps. Wurst-Ferdl grinste. Unser Stoßtrupp nahm Würstel, Semmeln und Bier und schritt mit undurchdringlicher Miene der Passage zu, durchquerte sie, ging, nun im Strom der Arbeiter, die Parallelstraße hinauf, bog ab, schritt die Hauptstraße hinunter, vorbei an den Buden am Markt und dem Café mit seinen Tarockspielern und Tageshürchen und der Reklame für Shell-Oil, und Karli, der Stoßtruppführer, pochte dreimal kurz und einmal lang mit der Faust gegen das Tor; das Tor tat sich einen Spalt breit auf; Doppelposten, Parole: Deutschland!, wir huschten hinein, Wachen im Korridor, Posten an der Tür, Knüppel und Keulen; die Halle; Düsternis, wir waren zurückgekehrt. Im Geräteraum setzte der Stoßtrupp die Krenwürstel ab, und Karli meldete dem Kompanieführer die Ausführung des Befehls. »Keine besonderen Vorkommnisse!« so schloß Karli seine Meldung. »Alles antreten zum Essenempfang!« befahl der Kompanieführer. Dann kauten wir. Und dann kam wieder die Langeweile.
Unmöglich, diesen Nachmittag zu beschreiben: den schlammig sich hinwälzenden Lauf der Stunden, von denen jede Minute eine Ewigkeit schien, die trüben Blasen der Obszönitäten, die in den Hirnen aufquollen und träg zerplatzten, das pfeifende Schnarchen des Geists, der sauerschale Bierdunst, die Öde der Freiübungen, die wir von Zeit zu Zeit in Gruppen vollzogen und die doch nur den Brodem der Langeweile aufwirbeln machten. Die Zeit rann wie stockender Talg; ihr Geschmack lag uns fad im Rachen. Kein Feind; die Wache patrouillierte nebenan auf dem Korridor, wir hörten ihre Schritte klappern und stöhnten in die verdöste Zeit und hörten die Schritte auf dem Korridor klappern, da brauste plötzlich ein Ruf vom Dach herunter wie ein Donnerhall: Der Dachposten schrie es dem Melder zu und der Melder der Korridorwache, und wir hörten die Korridorwache »Alarm!« schreien und griffen zu unsern Waffen und stürzten in die Halle.
Der stämmige Mann stand in der Halle und schrie: »Alarm!«, und wir rannten durcheinander und stellten uns in Reih und Glied, und kaum waren wir aufgestellt, da war es auch schon geschehn: An den Türposten vorbei und mit den Reihen der Korridorwachen in die Halle hinein kam ein tschechischer Polizeileutnant geschritten, ein kleiner drahtiger Mann, dem zwei ältere Polizisten folgten, und wir preßten die Fäuste um die Waffen und bebten vor Kampfeseifer und der stämmige Mann trat vor und ging, die Eisenhantel in Händen wägend, dem tschechischen Leutnant entgegen und der tschechische Leutnant führte die Hand zum Käppi und sagte: »Scheen gut’n Abend winsch ich den Härschaften«, und der stämmige Mann hob die Eisenhantel vor die Brust.
Ich zitterte.
»Was belieben die Härschaften da zu machen?« fragte der Leutnant. »Wir turnen«, sagte der stämmige Mann heiser. Ich fühlte das Blut in den Schläfen pochen; jetzt mußte der Befehl zum Sprung auf den Feind kommen! »Turnen iss sich gesund«, sagte der Leutnant und hob die linke Hand und strich mit der Rechten den Ärmelaufschlag zurück; »iss sich sehr gesund«, wiederholte er und schob den Ärmelaufschlag zurück und dabei sagte er lächelnd ein drittes Mal, daß Turnen sehr gesund sei, und fügte, auf die Armbanduhr sehend, hinzu, daß er die Herrschaften nicht habe stören wollen und schon wieder gehn werde; er wolle nur, und er hielt dem stämmigen Mann die Uhr vor die Augen, darauf aufmerksam machen, daß es schon Viertel nach sieben sei und um acht, nicht wahr, sei doch Polizeistunde, da doch der Belagerungszustand verhängt worden sei, und manche der Herrschaften dürften, so sagte er, vielleicht einen längeren Heimweg haben und sollten sich dann nicht so hetzen, und er schob den Ärmelaufschlag über die Uhr zurück, führte die Hand ans Käppi und wandte, im Umwenden sagend: »Gute Unterhaltung winsch ich den Härschaften noch«, sich um und ging, gemütlich, zur Tür hinaus, und die beiden Polizisten folgten ihm gemächlichen Schritts. Wir starrten einander an: Was sich soeben ereignet hatte, konnte nicht wahr gewesen sein, das war doch eine Sinnestäuschung gewesen, ein Spuk, ein Phantom; wir starrten einander entgeistert und ratlos an, und dann starrten wir auf unsre Führer, und was dann weiter geschah, weiß ich nicht mehr genau, ich weiß nur, daß alles dann sehr schnell ging und daß der stämmige Mann etwas wie »Auftrag erfüllt« und »Unser Tag kommt noch« und »Anschlag abgewehrt« gesagt hatte, und dann weiß ich, daß ich die Keule wegwarf und schnell nach Hause lief, denn ich hatte einen weiten Heimweg.
Am nächsten Morgen hörten wir dann vom Deutschlandsender einen Bericht über die neue entsetzliche Bluttat des tschechisch-jüdisch-marxistischen Mordgesindels: Eine Horde vertierter Polizeisoldaten habe, so hörten wir, die Reichenberger Turnhalle gestürmt, sei dort über harmlose gymnastiktreibende Schulkinder hergefallen und habe, jedem Selbstbestimmungsrecht der Völker hohnsprechend, aufs unmenschlichste unter den Jugendlichen, die sich heldenhaft verteidigten, gewütet; es habe Tote und zahlreiche Verletzte gegeben, meldete der Sender, Blut sei in Bächen über den Boden der Turnhalle geströmt; die Verzweiflungsschreie der Kinder hätten zum Himmel gehallt und sich mit dem gellenden Johlen des roten Mobs und den klaren Kommandostimmen der heldenhaften Verteidiger gemischt, und es sei für eine Großmacht wie das Deutsche Reich nicht mehr länger zu ertragen, diese Greueltaten an seinen Brüdern und Schwestern jenseits der Grenzen ruhig mit anzusehen. Ich hörte diesen Bericht, der mit dem Abspielen des Egerländer Marsches endete, zusammen mit Karli in meiner Studentenbude bei Frau Waclawek in der Gablonzer Straße; wir hörten diesen Bericht und wußten, daß jedes Wort erlogen war, und hörten ihm dennoch leuchtenden Auges, und es kam uns überhaupt nicht in den Sinn, daß das alles einfach erlogen war. »Mensch, der versteht sich auf Propaganda, der kleine Goebbels«, sagte Karli, mein Stoßtruppführer, und boxte mich in die Rippen, »so eine Propaganda war ja noch nie da, das ist wirklich grandios!«, und Karli sagte, kein anderes Land als das Reich könne so eine grandiose Propaganda aufziehen, und ich nickte. Er hatte ja recht.
Wenige Tage später beschlossen in München die Regierungschefs Englands, Frankreichs, Italiens und Deutschlands die Zerstückelung der Tschechoslowakei.
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