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UNSERE
ALPEN

Ein einzigartiges Paradies und

wie wir es erhalten können

Felix Neureuther

Bernd Ritschel · Michael Ruhland

Inhalt

Wo alles begann

Die Berg-Geschichte der Familie Neureuther

Die Gebrüder Schlagintweit

Aufgewachsen in den Bergen

Die Lebensader

Quell und Ursprung – das Elixier Wasser

»Ästhetischer und ökologischer«, Professor Peter Rutschmann, Wasserbau-Experte, erklärt die Weltneuheit Schachtkraftwerk in Großweil

»Der große Gewinner ist der Tourismus«, Oberalpmeister Franz Kögel sichert die Zukunft der Alpwirtschaft im Allgäu durch Pumpstationen, die das Wasser zum Vieh bringen

Die Giganten

Gletscher und ihr Vermächtnis

»Lernen aus der Vergangenheit für die Zukunft«, Geograf Dr. Florian Haas misst mit hochmodernen Methoden das wahre Ausmaß des Gletscherschwunds

»Wir wollen keinen Hokuspokus machen«, Glaziologe Felix Keller leitet ein Beschneiungs-Projekt am Schweizer Morteratschgletscher

Das große Treiben

Der Artenreichtum der Alpen

»Die wahren Könige der Lüfte«, Biologin Franziska Lörcher und Biologe Toni Wegscheider wildern Bartgeier in Melchsee-Frutt, Schweiz, und im Nationalpark Berchtesgaden aus

»Die Dekade der Douglasie«, Dr. Thomas Wohlgemuth von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft kümmert sich um die Bäume der Zukunft

Der Wandel

Wie sich die Bergnatur verändert

»Als gäbe es kein Morgen«, Klimaforscher Dr. Hannes Vogelmann spricht über die Folgen der Erderwärmung für die Alpen und die Verantwortung der Gesellschaft

»Das System kippt«, Geophysiker Kay Helfricht und Geomorphologe Dr. Markus Keuschnig untersuchen am Kitzsteinhorn, was passiert, wenn Gletscher und Permafrost tauen

Der Winter der Zukunft

Eine Perspektive

»Raus aus der Spirale«, Christoph Walder, Bereichsleiter Naturschutz des WWF Österreich, sinniert darüber, ob nachhaltiges Skifahren möglich ist

»Als Hüttenwirt weiß man alles«, Familie Hang leitet die Blaueishütte im Hochkaltermassiv in der dritten Generation und spricht darüber, ob es eine vierte werden kann

Jeder kann und muss etwas tun

Herzenstouren

»Königsstand und Kramer«

»Partenkirchner Dreitorspitze«

»Matterhorn«

»Cima-Brenta-Runde«

»Steinberg«

»Wank«

Impressum



Der Monte Generoso im Tessin ist ein seit 1890 per Zahnradbahn erschlossener Berg. Doch nur ein paar hundert Meter von der Bergstation entfernt, kehrt wieder Ruhe ein. Es ist ein phänomenaler Aussichtsgipfel, hier mit Blick auf den Comer See.


Noch wenige Schritte zum Gipfel: Felix ist nur noch wenige Meter vom Zugspitzgipfel entfernt. Im Winter ist man dort auch mal ganz alleine. Unten im Tal liegt der Eibsee.

Wo alles begann
Die Berg-Geschichte der Familie Neureuther


»Mein Platz des Friedens«

Felix Neureuthers Karriere als Skirennläufer hat mehr als 20 Jahre lang gedauert. Sie war gekennzeichnet durch große Erfolge, herbe Rückschläge und viele Comebacks. Jetzt will der zweifache Familienvater Verantwortung für die Berge übernehmen und die Gesellschaft für ihren Schutz sensibilisieren. Wohl auch, weil die Berge und das Bergsteigen fester Bestandteil der Familien-Tradition sind. Eine Annäherung.

Wenn man so will, dann hat Miriam Neureuther ihren Mann Felix eingenordet. Oder, anders ausgedrückt: Sie hat der zuvor zwischen den Magnetfeldern seines jungen Lebens wild ausschlagenden Kompassnadel eine Richtung gegeben. Miriam lebt Nachhaltigkeit, so gut es als Mutter zweier Kinder eben möglich ist. Sie verzichtet auf Plastik, meidet generell Verpackungen, kauft Bio-Produkte und steigt nicht gerne ins Auto. Schaut, dass sie unnötige Fahrten vermeidet. Dass sie ihren ökologischen Fußabdruck gegenüber früher kleiner macht. Und ihren Kindern und der gesamten Familie ein Vorbild ist.

Akrobat im Skizirkus

Felix denkt Nachhaltigkeit jetzt immer öfter. Weil er seit Langem fühlt, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann. Immer öfter handelt er auch danach und lässt sich, gerade von Miriam, dabei leiten. Beide kommen aus dem Leistungssport, einem, der landläufig oft »alpiner Skizirkus« genannt wird. Zirkus trifft die Sache ganz gut, denn der Rennbetrieb ist eine über die Kontinente wandernde Manege mit vielen klar verteilten Rollen doch nur wenigen, die im Rampenlicht stehen. Das wechselt für gewöhnlich Jahr für Jahr, manche Artisten halten sich über eine gewisse Zeit, bis sie irgendwann so oft vom Hochseil heruntergefallen sind, dass es einfach nicht mehr geht. Felix hielt sich lange in diesem Zirkus, bisweilen hieß es, dass er seine Kunststücke nicht mehr in höchster Qualität vollbringen können würde. Doch er zeigte sie wieder und wieder, manchmal mit zusammengebissenen Zähnen, wenn er wieder einmal eine Verletzung hatte, die noch nicht ausgeheilt war. Zum Beispiel nach einem Autounfall im Februar 2014, der bei der Fahrt zum Flughafen München passierte und bei dem er sich ein Schleudertrauma zuzog, die Bänder im Nacken zerrte und zwei Rippen prellte. Er flog trotzdem zur Winter-Olympiade nach Sotschi, flachste über sein Missgeschick, trainierte mit Halskrause, startete im Slalom (ausgeschieden) und wurde 8. im Riesenslalom. Ein Kraftakt, aber auch ein Kunststück.

Brutaler Betrieb

Eines war der Ski-Zirkus nie: nachhaltig. Heute in Val d’Isere, morgen in Sotschi, zwei Tage später in Furano (Japan). Von den Sommer-Trainingslagern in den Anden und an den hohen Gletschern der Alpen in Zermatt oder Saas-Fee gar nicht zu sprechen. Ein Tross, der ständig um die Welt zieht, dessen tiefere, bisweilen unmenschlichen Gesetze der Zuschauer am Bildschirm nicht mitbekommt. Es sei denn, er hat einen dokumentarischen Film wie »Die Streif« gesehen. Ein sich immer schneller drehender Betrieb, dessen Zentrifugalkräfte den einen sportlichen Hoffnungsträger und die andere hochtalentierte Nachwuchsläuferin aus der Bahn werfen, bevor er oder sie sich selbst oder die Trainer/in und Manager/in ihm/ihr ein Denkmal setzen können. Brutaler Betrieb, könnte man sagen, und ab und an bekommt der Zuschauer bei einem fulminanten Sturz im Rennen mit, was für die Skifahrerinnen und -fahrer auf dem Spiel steht. Ihre Gesundheit, ihre Zukunft, ihre Selbstbestimmung.


Im Angesicht des Höchsten: Miriam und Felix haben bei ihrer Tour auf den Kramer einen schönen Aussichtspunkt zur Zugspitze erreicht. Der Juliläumsgrat vom Zugspitzgipfel zur Alpspitze zeichnet sich als zackige Linie ab.

Vom Slalom-Profi zum Alpenschützer

All das hat Felix Neureuther geprägt, er hat es durchdacht und nach dem Ende seiner Profi-Karriere im August 2019 – Auslöser war, wie könnte es anders sein, eine Verletzung – ein distanzierteres Verhältnis zum Zirkus aufgebaut. »Alles immer größer, immer mehr, mehr, mehr – das kann es nicht sein«, sagt er. Dabei habe er nie bereut, den Weg zur Profikarriere eingeschlagen zu haben. Trotz aller Rückschläge, Verletzungen und Frustrationen. Und trotz 15 Operationen. »Das Ganze war ein Glücksfall für mich. Ich konnte tun, woran ich am meisten Lust hatte: Skifahren.« Und heute? Heute fährt er immer noch »saugerne« Ski, jüngst auch schon mit Töchterchen Matilda, bald vier Jahre alt. Doch er ist nachdenklicher geworden, blickt immer wieder mal aus der Vogelperspektive auf den Ski-Zirkus und versucht, die Zusammenhänge zu durchdringen. 25 Jahre lang habe er im Sommer auf Gletschern trainiert, habe ihr Abschmelzen beobachten können. Habe gesehen, wie an ihnen herumgewerkelt wurde. »Es wurde hier noch was reingebaut und dort noch was erweitert. Das war grenzwertig«, sagt er im Rückblick.


»Das ist meine Heimat, ich kenne hier jeden Zentimeter«, sagt Felix auf dem Gipfel des Kramer und schaut hinunter auf Garmisch-Partenkirchen. Solche Momente geben ihm Kraft, »das tut einfach nur gut«.

Verantwortung für die Zukunft

Profitgier, Erschließungswahn, Klimakrise – alles hängt mit allem zusammen. Es sind die Berge, die Alpen, die Felix schützen will. In denen er sich zu Hause fühlt, die im Kraft geben. »Wenn wir Urlaub am Meer machen, bin ich hinterher nicht erholt. Wenn ich auf einen Berg gehe, dann ist das anders«, erzählt er beim Anstieg auf den Kramer, Hausberg in seiner Heimat Garmisch-Partenkirchen. Wie er die Berge fühlt? Er muss nicht lange überlegen. »Sie sind mein Platz des Friedens.« Und gerade weil er so eine starke emotionale Bindung zu den Bergen hat, ihre Schönheit und Erhabenheit direkt vor der Haustüre immer wieder erleben kann, möchte er zum Schutz etwas beitragen. Für sich, seine Familie und die Allgemeinheit. »Ich möchte gerne dazu beitragen, dass die künftigen Generationen auch noch das erleben können, was ich erleben durfte«, sagt er. Das ist der tiefere Grund für seinen Weg zu mehr Verantwortung für die Natur, zu mehr Nachhaltigkeit im Alltag, zu seinem Engagement für mehr Bewusstsein über die Zusammenhänge in der Umwelt. Deshalb auch dieses Buch.

Ideallinie oder Horrorfahrt

Die Stimmung im Hause Neureuther in Garmisch-Partenkirchen ist an diesem Vormittag des 9. Januar 2021 gedrückt. Dabei hat draußen gerade ein herrlicher, fast frühlingshafter Tag begonnen. Gestern hat es einen Skifahrer »zerlegt«, wie Christian Neureuther, Vater von Felix und sechsfacher Weltcup-Sieger im Slalom, erzählt. Schwer verletzt beim Rennen in Adelboden-Lenk im Berner Oberland. Vor sieben Jahren hatte Felix hier einen grandiosen Sieg im Riesenslalom des Ski-Weltcups eingefahren.

Sieg oder Sturz. Die zwei S-Wörter liegen beim Profi-Skifahren, zumal im Slalom, näher zusammen als in anderen Sportarten. Oft entscheiden Hundertstelsekunden, ob es die Ideallinie oder eine Horrorfahrt wird. »Verletzungen von Rennfahrern gehen uns allen sehr nahe«, sagt Christian. Für ihn fast ein Fluch. Im Jahr 1994 stürzt die zweifache Weltmeisterin Ulrike Maier bei der Kandahar-Abfahrt in Garmisch und kollidiert mit einer Zeitmessvorrichtung. Es bricht ihr das Genick. Sie ist sofort tot. Christian war damals Stadionsprecher. »Danach habe ich damit aufgehört.« Rosi Mittermaier, Mutter von Felix und selbst doppelte Ski-Olympia-Siegerin, serviert gerade den Kaffee. »Uli hat sich nicht mehr gerührt. Wir konnten das alle nicht fassen«, sagt sie.

Flucht auf den Kramer

Fuhr Felix in Garmisch Rennen, dann kam Vater Christian nicht ins Stadion. »Ich war zu nervös und wollte auch dem Buben sein Metier alleine geben.« Stattdessen ging er den Kramer rauf, den Hausberg der Neureuthers. Hausberg ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn der Kramer, knapp 2000 Meter hoch, beginnt unmittelbar hinter dem Haus. Die Flucht half allerdings nicht viel, denn der Wind trug die Rufe des Stadion-Sprechers die Bergflanken hoch. »Beim Runtergehen, ab 13 Uhr lief der 2. Durchgang, habe ich mir die Ohren zugehalten«, erzählt Christian Neureuther. Zu Hause rief ihn dann der Bayerische Rundfunk an, um zum 2. Platz zu gratulieren und ein Statement einzuholen. »Ich wusste noch gar nichts und hatte mir auch die Ergebnislisten im Internet nicht angeschaut.«

Inzwischen ist Felix durch die Terrassentür hereingeschneit, sein Haus liegt direkt hinter dem seiner Eltern. Er hat einen Zipfelbob unter dem Arm, denn ein bisschen Spaß muss sein. Sein Vater merkt an, dass es oben ziemlich vereist sei, vielleicht nichts für den Bob. »Des ist grad recht, dann geht was«, findet Felix. Für ihn ist der Kramer Teil seiner Jugend, wobei das nicht ganz stimmt. »Der Königsstand war immer unser Berg. Da waren wir ständig oben«, berichtet er (siehe Herzenstour S. 16). Es ist streng genommen kein eigener Berg, sondern nur eine vorgelagerte Schulter des Kramer-Massivs. Doch die Aussicht auf Karwendel und Wetterstein ist phänomenal. Felix hat sogar mit ein paar Freunden eine Bank gebaut und oben hingestellt.

Fataler Freudensprung

Der Königsstand, so könnte man auch sagen, ist sein Schicksalsberg. Denn dort hatte er sein erstes Berg-Date mit Miriam Gössner. Bald acht Jahre ist das her. Beide kannten sich aus dem Garmischer Skiclub. Miriam fuhr zu Beginn ihrer Karriere ebenfalls alpin, war sogar mal bayerische Schülermeisterin im Slalom. Dann schlug sie sich im Alter von 14 Jahren an einer Slalomstange mehrere Zähne aus und brach sich das Jochbein. Weil es zu gefährlich gewesen wäre, alpin zu trainieren, probierte sie es mit Langlaufen und landete schließlich beim Biathlon. Mit ziemlichem Erfolg: Sieben Weltcupsiege, acht Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. 2019 beendete sie ihre Karriere, wie auch Felix. Er brachte es auf drei WM-Medaillen im Slalom, Team-WM-Gold und insgesamt 13 Weltcupsiege.

Nun ist auch Miriam startbereit, mit großem Rucksack und Hund Buddy, einem Australian Sheperd. Rosi wird sich heute um die Kinder kümmern. Der Kramer, also das erste Teilstück, erlaubt Miriam ab und an kleine Fluchten vom Alltag. Sie läuft dann mit Buddy eine gute Stunde hoch, powert sich ein wenig aus, dreht um und trabt zurück. Heute aber soll es ganz raufgehen auf den Kramergipfel. Wie das Date war am Königsstand? Miriam muss lachen. »Felix hat einen Sprung gemacht und sich dabei zwei Bänder angerissen«, erinnert sie sich. Das Jungenhafte mochte sie immer schon an ihm. Seine Spontaneität, die Begeisterung fürs Ungewöhnliche, sein Draufgängertum. Alles Normale langweile ihn eher. Frage sie ihn, ob er mit laufen komme, habe er dazu keine Lust. »Als ich letztens aber mit Stirnlampe nachts den Berg rauf bin, konnte ich ihn kaum bremsen«, erzählt sie.

»Ich mag nicht das machen, was alle machen, sondern nur das, was wenige machen«, erklärt Felix kurze Zeit später. Zu viel Betrieb am Berg ist ihm ein Gräuel. Wie eigentlich alles, was ihn zu sehr einengt. Deshalb kann er sich auch nicht vorstellen, jetzt nach dem Ende seiner Profi-Karriere ein Studium zu beginnen oder eine Ausbildung. Die Schule hat Felix nicht in bester Erinnerung. »Ich war so froh, als es vorbei war.«


HERZENSTOUR

»KÖNIGSSTAND UND KRAMER«


»Das war immer unser Berg. Meine Spezln und ich haben oben ein Bankerl aufgestellt, weil’s da so schön ist. Zwei Freunde wohnen immer noch in der Frühlingstraße, also gleich in der Nähe. Der Königsstand war auch der Beginn der Beziehung zwischen Miri und mir. Es war das erste Date am Berg, im Oktober 2013. Beim Aufstieg wusste sie, dass der Typ nicht ganz verkehrt ist. Oben bin ich dann in die Luft gehüpft und so blöd aufgekommen, dass ich mir zwei Bänder im Sprunggelenk gerissen hab. Das war kurz vor der Skisaison, und natürlich konnte ich keinem sagen, wo das passiert war. Ich hab das Training dann trotzdem durchgezogen.«

Die Tour startet am Pflegersee bei Garmisch-Partenkirchen und führt über den Maurersteig (nicht markiert) bis zum Gipfel, der eigentlich kein echter Gipfel ist, sondern eine vorgelagerte Schulter des Kramermassivs. Die Aussicht ist dennoch wahrhaft königlich, der Steig führt durch wilde Natur und quert einige steile Hänge.

Königsstand (1453 m)

Ammergauer Alpen

600 Hm rauf

2,5-3 Std.

mittel


Miriam legt mit Buddy ein ordentliches Tempo vor, Felix folgt, dahinter der Reporter, der Fotograf und sein Assistent. Der Weg lässt sich gut gehen, die Sonne hat in den letzten Tagen die Südhänge vom Schnee freigeleckt. Anfang Januar denkt man eigentlich an eine Skitour. Aber selbst nordseitig wäre zu wenig Schnee. Ausnahme oder inzwischen die Regel? Auch das beschäftigt Felix immer mehr.

Es ist nichts los am Berg, ganz nach Felix’ Geschmack. »In meinem Leben als Ski-Profi war’s so laut, umso mehr genieße ich die Ruhemomente am Berg«, sagt er. »Die geben mir Kraft und Energie.« Dass er das nicht so einfach hinsagt, merkt man zwei Stunden später am Gipfel. Es sind ein paar Wolken aufgezogen, die Sonne steht schon tief, die Szenerie bekommt etwas Dramatisches. Felix schaut runter auf Garmisch-Partenkirchen und ist ganz beseelt vom Augenblick. »Es ist einfach unglaublich, mit wie vielen Emotionen das hier verbunden ist. Ich war als Kind hier oben, jetzt bin ich mit meiner Frau da und unten warten unsere Kinder«, sagt er. Deutschlands vermutlich bekanntester, aber sicher beliebtester (Ex-)Skifahrer steht zwar oft und meist auch ganz gerne im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Er ist aber zuallererst: ein Familienmensch. »Das Wohl der Kinder steht über allem«, betont er, und auch diesen Satz zweifelt man nicht an, wenn man Felix ein wenig kennengelernt hat. Für die Kinder würde er sogar seine Heimat verlassen und mit der Familie in die (halbe) Heimat von Miriam gehen, nach Norwegen also. »Wenn ich das Gefühl haben sollte, dass unsere Kinder hier kein normales Leben haben dürfen, dann gehen wir nach Norwegen.« Punkt.

Den Bergen treu bleiben

Felix steht am Gipfel und die düsteren Gedanken sind wie weggeblasen. »Das ist meine Heimat, hier kenne ich jeden Zentimeter. Ich war überall oben und bin überall runtergefahren«, erzählt er. Für ihn steht fest: Den Bergen will er treu bleiben. Es muss nicht zwingend das Wettersteingebirge sein, Norwegen ist ja auch bergig. Ein Gesetz ist für Felix jedenfalls ehern: »Wenn Du Freude an den Bergen hast, bekommt dein Leben einen Sinn.«

Den Bergen treu bleiben, das heißt für Felix auch, die Geschichte seiner Vorfahren als Auftrag zu begreifen. Denn was ihm sein Vater schon früh erzählte, ist erst jetzt so richtig in Felix’ Bewusstsein angekommen: Er ist in direkter Linie mit den Gebrüdern Schlagintweit verwandt, die Mitte des 19. Jahrhunderts als Naturforscher Geschichte geschrieben haben. Hermann, Adolph und Robert Schlagintweit waren die ersten Geografen und Geologen, die Gletscher in den Alpen und später im Himalaya vermessen und sogar ihre Fließgeschwindigkeit bestimmt haben. Der »Urvater« der Schlagintweits, der Münchner Augenarzt Josef August Schlagintweit (1791–1854), zeugte insgesamt 13 Kinder, die von drei Frauen stammten – die erste und die zweite Ehefrau starben früh. Der aus der dritten Ehe stammende Max August (1849–1935) heiratete Lina Sedlmayr, sie gebar fünf Kinder, darunter Clothilde Yolande, die später einen Karl Neureuther ehelichte und Christian Neureuthers Großmutter ist. »Ich hatte lange nicht realisiert, wie nahe wir an solchen Leistungen dran sind«, sagt Felix Neureuther.

Respekt vor den Schlagintweits

Ein paar Wochen nach der Tour auf den Kramer treffen sich Vater Christian und Sohn Felix zur Ahnenforschung im Alpinen Museum in München. Sie sind gespannt auf den Termin mit der Expertin für die Gebrüder Schlagintweit, Stephanie Kleidt. Ehrfürchtig blättern sie im 1850 erschienenen »Atlas zu den neuen Untersuchungen über die physicalische Geographie und die Geologie der Alpen«. Darin finden sich Lithografien über Alpengletscher, die die Brüder Robert, Hermann und Adolph vermessen haben. »Da wird man gleich ganz andächtig«, sagt Felix. Und wer ihn beim Betrachten der »Geologischen Karte der Zugspitze und des Wettersteins« von Adolph Schlagintweit aus dem Jahr 1855 beobachtet, spürt diese Andacht sofort. »Schau mal, da ist Gerold«, ruft Christian Neureuther erfreut, »da liegt unser Haus, da bin ich geboren«. Tief beugt sich Felix über das in drei Farben kolorierte Werk – die Schlagintweit-Brüder ließen ihre Aquarelle, Zeichnungen und Skizzen damals von Landschaftsmalern als Auftragsarbeiten fertigstellen und von den besten Lithografen drucken – und entdeckt Kranzberg, Garmisch und Partenkirchen. »Wahnsinn«, entfährt es ihm. Und Papa Christian merkt an: »Da ist noch kein Bindestrich zwischen den Ortsnamen.« Felix steigt sofort mit ein. »Der Bindestrich ist noch heute für viele Einheimische das schlimmste, was es gibt«, in Anspielung auf die von vielen Ortsansässigen wenig geliebte Zwangsvereinigung der beiden Ortsteile auf massiven Druck der NSDAP im Jahr 1935.


Mit Miriam und Hund Buddy auf den Hausberg: Der Kramer oder auch Kramerspitz (1985 m) beginnt unmittelbar hinter dem Grundstück der Neureuthers. Weil wenig Schnee lag, fand die Tour Anfang Januar mit Bergstiefel und Grödel statt.

Das Aquarell im Gang

Das Vermächtnis der schaffensfrohen und von einem unbändigen Forscherdrang beseelten Gebrüder Schlagintweit ruht in der Bayerischen Staatsbibliothek und in Teilen im Alpinen Museum in München. Doch ein Original eines Aquarells hängt im Hause der Neureuthers im Gang. Es stammt von Hermann Schlagintweit und ist auf der Rückseite handschriftlich mit »Aussicht vom Morgen-Pass nach Süden« (1856) bezeichnet. Das wertvolle Bild hat allerdings eine tragische Geschichte: Felix‘ Großvater, Dr. Gottfried Neureuther, wollte es seinem Enkel Felix am 5. Juli 1998 zur Firmung schenken, er hatte es »trotz Treppenverbot wegen seines hohen Alters«, wie ebenfalls auf der Rückseite auf einer Notiz vermerkt, vom oberen Stockwerk heruntergeholt und auf seinen Schreibtisch gelegt. Doch wenige Stunden später erlitt er einen Schlaganfall, danach wurde er ins Krankenhaus eingeliefert und verstarb zwei Wochen später, ohne das Bild noch persönlich an Felix übergeben zu können.

»Die Gebrüder Schlagintweit«

Gletscher haben die Wissenschaft auch früher schon fasziniert. Mit die ersten Forscher, die sie gezeichnet und vermessen haben, waren die Gebrüder Schlagintweit. Sie kartierten Mitte des 19. Jahrhunderts auch die Pasterze am Großglockner (»Der Pasterzengletscher«, 1847–1852, Aquarell über Bleistift von Hermann oder Adolph Schlagintweit).

Die Brüder Adolph und Hermann Schlagintweit in den Alpen um 1850

Wenn man bedenkt, wie mühsam vor mehr als 150 Jahren das Reisen in den Alpen war und mit welch einfachen Messmethoden gearbeitet wurde, dann ist Hermann Schlagintweits Karte »Die primären Gletscher des Alpengebietes«, 1846–1852, ein großes Werk.

Mit Bleistift und Block: Hermann, Adolph und Robert, drei von fünf Söhnen des Münchner Augenarztes Joseph Schlagintweit (1792–1854), fühlten sich ganz der Wissenschaft verpflichtet. Sie forschten zunächst in den Alpen, später mit Alexander von Humboldts Unterstützung im Himalaya und Karakorum.

Oben ist erneut die Pasterze abgebildet (»Die Senkung der Pasterze gegen den See am grünen Tor«, 1847–1852, siehe auch S. 10/11 im Buch), unten »Der große Oetzthalgletscher«, 1847–1852, beide von Hermann oder Adolph Schlagintweit.

Für die Wissenschaftler heute sind alte Karten oder Fotografien, die die Ausdehnung von Gletschern zeigen, wichtige Quellen. So kann der Rückgang über die Jahre besser dokumentiert werden (siehe S. 76 ff.). Die Karte oben stammt von Hermann oder Adolph Schlagintweit und zeigt den Gletscher am Similaun in den Ötztaler Alpen 1847–1852.

Das Aquarell rechts ist mit »Übersicht des Venter-Tales« betitelt und stammt aus dem gleichen Zeitraum. Das besagte Tal liegt ebenfalls in den Ötztaler Alpen, Vent ist heute ein »Bergsteigerdorf«. Das Label vergibt der Alpenverein an Orte, die sich dem traditionellen Bergsteigen verschreiben und auf große Infrastrukturprojekte wie Seilbahnen, Hotels und Eventarenen verzichten.

Mächtige Gletscherströme fließen talwärts: Die ursprüngliche Zeichnung, auf der diese Farblithografie beruht, hat Adolph Schlagintweit am 23.8.1851 angefertigt. Sie trägt den ausführlichen Titel »Ansicht des Monte-Rosa und Gorner Gletschers. Aufgenommen von der Roten Kumme am Riffelberg bei 2808 Metern.«

Vogelperspektive ganz ohne Hubschrauber oder Drohne: Die Farblithografie links zeigt »Die Gletschergruppen des Oetzthales« und wurde im Jahr 1850 entweder von Hermann oder von Adolph Schlagintweit angefertigt. Man kann posthum nur staunen, mit welcher Akribie die Brüder gearbeitet haben und welcher Forscherdrang sie antrieb.


Abendstimmung am Kramer: der Blick in die Ammergauer Alpen mit Hoher Ziegspitz (links) und Friederspitz. Berge und Bergsteigen haben eine lange Tradition in den Familien Neureuther und Mittermaier.

Bergsteiger und Bergwachtler

Der Wunsch und Wille, die Menschheit durch Forschung voranzubringen, hatte zeitlebens auch Felix‘ Großvater umgetrieben. Im Zweiten Weltkrieg als Stabsarzt tätig, fungierte der Facharzt für Innere Medizin später neben seiner Chefarzttätigkeit auch als Landesarzt der Bayrischen Bergwacht. »Er war ein grandioser Bergsteiger und Bergwachtler«, erinnert sich Christian Neureuther an seinen Vater Gottfried. Am wohlsten fühlte er sich bei seinen ›Bergwachtlern‹, wenn er die Gitarre auspackte und singen und musizieren konnte. Den ›Goggi‹ haben sie dafür geliebt, erzählt Christian. Seine fröhliche Lebenseinstellung und der positive Umgang mit Menschen hat ihm im Russlandkrieg wahrscheinlich das Leben gerettet. Weil er so gut musizieren und singen konnte, nahm ihn sein Feldwebel bei dessen Versetzung mit nach Südtirol, wo er überlebte. Alle anderen der Kompanie kamen um.

Schale und Kern

Sein Forschertrieb brachte Gottfried Neureuther 1959 sogar auf eine wissenschaftliche Expedition in den Himalaya ins Karakorum. Sein wissenschaftliches Spezialgebiet war die allgemeine Unterkühlung, ein Phänomen, das bei Bergungen aus Gletscherspalten oder Lawinen auftritt oder bei Unfallopfern, die längere Zeit Regen und Wind ausgesetzt waren. Immer wieder kam es vor, dass solche Gerettete nach der eigentlichen Rettung falsch behandelt wurden und später in der Hütte oder unten im Tal unter den Augen der Retter dennoch verstarben – man nannte das, eher hilflos, den »Bergungstod«. »In einer heizbaren Hüttenküche kann man eher Leben erhalten als nach einem schnellen stundenlangen Abtransport ins Tal«, schrieb der Arzt 1968 in der Broschüre »Erste Hilfe im Gebirge«, die der Österreichische Alpenverein für seine Jugendgruppen herausgab.

Die Liebe zum Schnee

Gottfried Neureuther hatte herausgefunden, dass sich ein unterkühlter Körper damit behilft, die Kerntemperatur im Inneren hoch zu halten, um somit die lebenswichtigen Organe wie das Herz zu schützen, während die die Temperatur in der Außenschale also in den Beinen und Armen geopfert wurde. Haut, Fettgewebe, Muskulatur, Arme und Beine werden dann weiß und kalt, während Herz, Lunge, Bauchorgane und Gehirn möglichst lange funktionsfähig erhalten werden. Findet man einen Bewusstlosen im unterkühlten Zustand, dessen Atmung und Herzschlag nur noch schwach spürbar sind, dann müsse man seine »Schale« möglichst schnell erwärmen, sonst würde sich das warme Kernblut mit dem kalten Schalenblut vermischen, und die allgemeine Bluttemperatur so herabsinken, dass die Organe nicht mehr funktionieren können. Nur in ein paar Decken einhüllen, wäre der falsche Weg. »Wenn das Kernblut in die Schale kommt, muss das Blut dort schon so warm sein, dass kein Temperatur-Abfall des Kernblutes mehr eintritt«, erklärte Neureuther in seinem Aufsatz. Man müsse also möglichst schnell von allen Seiten Wärme an den Körper heranbringen. »Das geht am besten im heißen Bad.« Oder in einem Waschzuber.


» Alles immer größer, immer mehr, mehr, mehr – das kann es nicht sein.

Wenn beides nicht vorhanden ist, so riet der Arzt, dann müsse man das Unfallopfer mit feuchten, heißen Tücher, Wärmflaschen, »Bierflaschen mit heißem Wasser« – kurz: mit allem, was an Ort und Stelle aufzutreiben ist, wieder ›aufheizen‹. Bei örtlichen Erfrierungen dagegen, beispielsweise an Fingern und Zehen, erklärt Gottfried Neureuther im weiteren Verlauf seiner Handreichung, müsse man es dagegen genau anders herum machen: »Die Wiedererwärmung muss ganz langsam vor sich gehen.« Sonst riskiere man, dass die geschädigten Gliedmaßen ganz abstürben.

Wenn man so will, dann ist das Haus Neureuther regelrecht angefüllt mit Bergsteigergeschichte und -geschichten. Rosi Mittermaier ist auf der Winklmoosalm aufgewachsen und hat es von dort aus einfachen Verhältnissen zur Doppel-Olympiasiegerin 1976 geschafft. Dieser Erfolg war Rosi nie wichtig. Ein normales und harmonische Familienleben war ihre eigentliche Lebensvorstellung. »Es ist vieles eine Frage der Erziehung. Ich habe mein Skimaterial von meiner älteren Schwester übernommen oder auf ein paar Ski vom Christkind gewartet«, sagt sie. Als Kind gab es neue Ski immer erst zu Weihnachten. Die Skiindustrie hätte den Buben mit mit Skiausrüstung überschüttet, doch wie soll man dann eine Wertschätzung für sein Material entwickeln.

Die Liebe zum Schnee aber, die lebten sowohl die Mittermaiers als auch die Neureuthers in einer sehr speziellen Weise. Für Rosi ist Schneeschaufeln das größte Vergnügen und Opa Mittermaier baute bis ins hohe Alter riesige Schneeburgen. Eine Tradition, die Felix nun auch bei seinen Kindern weiterführt. Bei allem stand immer die Freude im Vordergrund, die Leichtigkeit. Da passt ganz gut eine Anekdote aus Christians Leben. Zur 60. Geburtstagsfeier seines Vaters ließ er sich eine Gletscherlandschaft auf Rollen aus Pappmache bauen. Darin versteckte sich ein nacktes Model, von dem nur Arme und Beine zu sehen waren. Nun wurde das Mädel nach der Methode von Dr. Neureuther „aufgetaut und trat dann nackt aus dem Gletscher vor die Geburtstagsgesellschaft. Alle haben sich riesig gefreut, selbst die Frau vom ›Goggi‹ und die älteren Tanten.

Berg-Gen in der Familie

Vielleicht liegt ein Berg-Gen in der Familie Neureuther. »Warum heiratet Felix die Miriam, warum ich die Rosi«, sagt Christian und weist darauf hin, dass auch Miriam Neureuther einen Bergführer als Vater hat und eine Mutter, die leidenschaftlich klettert. Vielleicht ist dieses Gen auch der Grund für die Neuausrichtung bei Felix. Die Beschäftigung mit den Menschen und Inhalten dieses Buches hat ihn aber an eine eine neue Weggabelung gebracht.

Die Kompassnadel, sie richtet sich neu aus.

»Aufgewachsen in den Bergen«


Früh übt sich: Felix als Baby in der Margeritenwiese (oben rechts). Erste Skiversuche mit 2 Jahren oben auf dem Eckbauer (links) – mit dabei sind Schwester Ameli und Mutter Rosi (unten).


Faszination Schnee und Eis: Familienausflug auf den Monte Bondone bei Trient – Felix ist 3 Jahre alt (links). Solche Rieseneiszapfen haben Felix schon als Kind begeistert (oben rechts). Als kleiner Bub war er lieber im Tiefschnee unterwegs, als auf der Piste (unten links). Vater und Sohn im Glück (unten rechts).


Tierliebe: Felix mit seinem ersten Hund vor dem Karwendel (oben). Gemeinsam auf dem Kreuzjoch über Garmisch-Partenkirchen – Felix‘ Hunde müssen gute Bergsteiger sein (unten links). Mit dem jungen Buddy in der Kreuzeckbahn (unten rechts).

Gumpenspaß: Schon als kleiner Bub war Felix ein begeisterter Gumpen-Bader. Hier mit Mutter Rosi und Schwester Ameli im Bergbach hinterm Haus.


Bergausflüge: Mit dem Mountainbike durch die Finz zum Krottenkopf (links). Familienausflug auf die 2633 Meter hohe Leutascher Dreitorspitze (rechts).

Die Lebensader
Quell und Ursprung – das Elixier Wasser


Nah am Wasser gebaut: Die Winnebachseehütte in den Stubaier Alpen liegt auf 2362 Metern Höhe. Baden im gleichnamigen See ist nur etwas für Abgehärtete.

Alles fließt

Die Alpen sind ein wasserreiches Gebirge. Das ist ein Segen für ihre Bewohner und Anrainer, immer wieder aber auch ein Fluch. Vor allem Hochwasser versetzen die Alpenstaaten regelmäßig in Furcht und Schrecken. Der Mensch versucht sich zu schützen.

»Wasser, Steine, Holz. Mehr brauchst du nicht.« Felix Neureuther sagt diesen Satz nach einem 40-minutigen Aufstieg von Farchant zu den Wasserfällen der Kuhflucht. Es ist eine kleine Wanderung in seine Vergangenheit. »Wir haben hier unsere Grenzen ausgelotet. Darüber darf man heute nicht groß nachdenken.« Mit Grenzen meint Felix zum Beispiel Sprünge von Felsen in die Gumpen der Kuhflucht. 13 Meter tief ist sei das runtergegangen. Einer aus der Clique habe sich dabei mal beide Fersen gebrochen. Die Landung in der Gumpe war halt nicht perfekt. Der heute 37-Jährige sucht ein wenig, bis er die Stelle gefunden hat. Schon der Weg zum Absprungfelsen ist abenteuerlich. Der Blick runter in die Kuhflucht zeigt einen rauschenden Bach mit einzelnen Gumpen, aber keine, die auch nur annähernd nach einem machbaren Sprung aussieht. »Das war alles vor dem schrecklichen Hochwasser 1999. Danach ging das nicht mehr, da lagen zu viele Äste und Baumstämme drinnen«, erzählt Felix nüchtern. Ein weiteres Überbleibsel des sogenannten Pfingsthochwassers sieht man später: Eine verbogene Eisengeländer von der Dicke einer Eisenbahnschiene, im vorderen Drittel geknickt wie ein Strohhalm. Sie liegt zwischen großen Felsbrocken im Bachbett. Am frisch sanierten Wanderweg steht ein Schild, das darauf hinweist, dass es sich um den Rest der Brücke weiter oben an den Wasserfällen handelt. Keine hundert Meter weiter werden Wanderer aufgefordert, schnell weiterzugehen. Hier hat ein Seitenbach Teile des Hanges nach unten rutschen lassen. Nur eine neue Erosionsrinne, aber man weiß ja nie.

Spektakulär-schöne Szenerie

»Wir waren immer in der Kuhflucht. Das war unser Spielplatz«, erzählt der frühere Skirennprofi. Deiche bauen, Lager errichten, in Gumpen hupfen. In der Früh sei er mit Freunden losgeradelt von Garmisch nach Farchant, »irgendwann sind wir wieder zurück«. Den Eltern habe man »natürlich nichts gesagt«, Handy hatte auch noch keiner. »Die Burschen von früher sind heute noch meine Freunde. Sowas schweißt zusammen.«

Die Kuhflucht-Wasserfälle, die in mehreren Stufen circa 270 Höhenmeter nach unten rauschen, gehören zu den höchsten in Deutschland. Das Wasser stammt vom etwa 1600 Meter hohen Plateau des Estergebirges zwischen Krottenkopf (2086 m) und Simetsberg (1840 m), versickert dort sofort im Kalkboden und sprudelt ein paar Hundert Höhenmeter weiter unten aus mehreren Karstquellen. Die Szenerie ist nicht nur spektakulär-schön, sondern auch vom Bayerischen Landesamt für Umwelt als ein »sehr bedeutendes« Geotop ausgewiesen, gibt also Einblicke in die Erdgeschichte. Plattenkalk, ehemals am Boden eines urzeitlichen Meeres als Sediment ruhend, aufgefaltet vor mehr als 30 Millionen Jahren im Tertiär.

Jahrhunderthochwasser

Felix Neureuthers Spielplatz der Jugend, inzwischen längst kein Geheimtipp mehr, sondern eine (zum Glück noch nicht überlaufene) Touristenattraktion, ist einerseits ein Sinnbild für die Reichhaltigkeit der Natur im ganzen Alpenraum. Das Wasser als Lebenselixier ist andererseits immer wieder auch Naturgewalt und Unheilsbringer. An den Pfingsttagen 1999 wurde nicht nur Felix’ Gumpe zerstört auch einer der großen Touristenattraktionen, die ›Blaue Gumpe‹ im Reinthal, existiert nicht mehr. Niederschläge von bis zu 180 Liter pro Quadratmeter ließen kleine Bäche zu reißenden Flüssen werden und Flüsse wie Isar, Loisach, Ammer, Wertach, Lech, Iller, Vils, Inn und in der Folge die Donau zu Strömen, die über die Ufer traten. An vielen dieser Flüsse, so auch an der Loisach (in welche die Kuhflucht mündet), wurden die hundertjährlichen Scheitel deutlich überschritten. Heißt: Die Menschen wurden Zeugen beziehungsweise Leidtragende eines Hochwassers, das statistisch gesehen zwar nur einmal in 100 Jahren auftritt, aber neben einigen Toten eine gewaltige Zerstörung anrichtete. Die Stadt Sonthofen im Oberallgäu war an diesem 22. Mai 1999 zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten, in Bad Hindelang maß man gar Niederschlagsmenge mit einer Wahrscheinlichkeit von 250 Jahren. Die Millionenstadt München, in ihrer mehr als 850-jährigen Geschichte immer wieder von verheerenden Hochwassern heimgesucht, hatte ebenso Glück wie die gut 100 Jahre jüngere ehemalige Flößerstadt Bad Tölz. Der Sylvensteinspeicher, ein Stausee bei der kleinen Ortschaft Fall in der Gemeinde Lenggries, erbaut in den Jahren 1954 bis 1959, war gerade modernisiert und der Damm um drei Meter erhöht worden. Sonst wären nicht nur die Keller des Isar-anrainers Deutsches Museums vollgelaufen, es hätten wohl auch Bewohner von tief gelegenen Stadtteilen wie dem Lehel, der Au oder des Gärtnerplatzviertels nasse Füße bekommen. Von den Schäden eines teilweise unter Wasser gesetzten U-Bahn-Netzes ganz zu schweigen.


Die Freiheit über den Wolken ist nicht allein dem Fliegenden vorbehalten. Wer in den Bergen unterwegs ist, erlebt solche Momente wie hier auf dem Nebelhorn im Allgäu immer wieder mal.


Vollkommenheit ganz ohne menschliches Zutun: Die Kuhfluchtfälle im Estergebirge zählen zu den größten Wasserfällen Deutschlands. Felix kennt sie seit seiner Kindheit und besucht den magischen Ort immer wieder gerne.


Immer faszinierend: Wenn Wasser über Geländekanten stürzt und dann in Millionen Wassertropfen zerstäubt, dann ist das wie hier in den Chiemgauer Alpen in der Nähe von Sachrang auf jeden Fall einen Besuch wert.

Speichersee für mehr Wasser

Ironie des Ganzen: Der lange umstrittene Bau des Speichersees am Sylvenstein, für den der Ort Fall geopfert und versenkt wurde, hatte als primären Zweck gar nicht den Hochwasserschutz. Er sollte der Isar, die hier aufgestaut wird, wieder einen einigermaßen konstanten Wasserspiegel zurückgeben. Denn der Mensch hatte diesem ehemals wilden Fluss (Isar = Die Reißende) über Jahrzehnte buchstäblich das Wasser abgegraben. 1924 ging das Walchenseekraftwerk in Betrieb, die Idee dazu hatte der Bauingenieur Oskar von Miller bereits im Jahr 1897. Er wollte die bayerischen Eisenbahnen elektrifizieren und für die Stromproduktion die 200 Meter Höhenunterschied zwischen Walchen- und Kochelsee nutzen. Es war die Gründerzeit, alles schien möglich, die Technik entwickelte sich rasant. Auch wenn diese Pionierleistung erst nach dem Ersten Weltkrieg in die Tat umgesetzt wurde, war es für Oskar von Miller eine Genugtuung. Er fungierte von 1918 bis 1924 als Projektleiter des seinerzeit größten Speicherseekraftwerks der Welt. Zeitweise waren bis zu 2100 Arbeiter in der riesigen Baustelle beschäftigt, darunter viele Soldaten, die aus den Kriegsgebieten heimkehrten und froh um Arbeit waren. Mit etwa 125 Megawatt Leistung ist das Walchenseekraftwerk und sein unter Denkmalschutz stehendes Wasserschloss am Kochelsee noch heute eines der potentesten in ganz Deutschland.

Dass das Wasser der Isar entzogen wurde, interessierte damals den Staat nicht. Man baute zwischen Mittenwald und Krün ein Stauwehr und lenkte das Isarwasser unterirdisch zum Walchensee, denn die natürlichen Zuflüsse zum Walchensee reichten bei Weitem nicht aus. Doch damit nicht genug: Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Energiemangel in Deutschland groß, neue Kraftwerke durften erst einmal nicht gebaut werden. Also zwackte man dem noch jungen Wildfluss Isar einen seiner Hauptzuflüsse ab, den Rißbach. Hier bohrten Arbeiter einen 3,3 Kilometer langen Stollen zum Walchensee, auf dass mehr Wasser mehr Strom erzeuge.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
05 ноября 2024
Объем:
253 стр. 173 иллюстрации
ISBN:
9783866908291
Правообладатель:
Bookwire
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