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Eva Reichl
Mühlviertler Blut
Kriminalroman

Zum Buch
Blut und Aberglaube Der Liebenauer Priester wird im ortseigenen Gotteshaus tot auf dem Altar gefunden. An seinem Hals befinden sich zwei Einstichmale. Boden, Altar und Soutane sind mit Blut besudelt. Als Chefinspektor Oskar Stern zum Tatort gerufen wird, hat sich die Kunde über einen Vampirmörder in Liebenau längst verbreitet. Beinahe zeitgleich wird in Linz ein Weinhändler ermordet. Die Taten tragen dieselbe Handschrift, doch die Kriminalbeamten können keine Verbindung zwischen den beiden Mordfällen erkennen. Erst als die Ermittler im Mund des Linzer Opfers und im Magen des Liebenauer Toten Verszeilen finden, ist klar, dass es einen Zusammenhang geben muss. Auf der Suche nach dem Täter stoßen Stern und seine junge Kollegin, Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht, auf Vampirjäger, Knoblauchzöpfe, Schweinsbraten, Kalbslederschuhe, Beziehungsprobleme und einen vermeintlichen Werwolf im Tannermoor. Mit Knoblauch und Weihwasser bewaffnet, macht sich Oskar Stern daran, dem Vampirmörder das Handwerk zu legen.
Eva Reichl wurde in Kirchdorf an der Krems in Oberösterreich geboren und lebt mit ihrer Familie am Rande des Mühlviertels, wo auch ihre Krimi-Serie beheimatet ist. Zu ihrem Hauptberuf Controllerin bietet das Schreiben einen wunderbaren Ausgleich. Neben Kriminalromanen veröffentlicht Eva Reichl auch Kinderbücher.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
5. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Ernest/fotolia.com
ISBN 978-3-8392-5656-5
1. Kapitel
»Liebenau? Noch nie etwas davon gehört.« Etwas unwillig saß Chefinspektor Oskar Stern auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch seines Vorgesetzten am Landeskriminalamt in Linz. Heute begann die Fußballweltmeisterschaft. Da wollte er nicht weg! Er hatte sich schon auf einen gemütlichen Fernsehabend daheim in seiner Wohnung in der Herrenstraße gefreut. Und jetzt? Jetzt teilte ihm sein Chef mit, dass sie einen neuen Fall hatten. »Liebenau«, wiederholte er konsterniert. »Wo liegt das überhaupt?« Er bemühte sich auch gar nicht erst, seinen Unwillen zu verbergen. Ein unauffälliger Blick auf seine Armbanduhr ließ ihn wissen, dass es bereits früher Nachmittag und das fehlende Mittagessen wahrscheinlich mit ein Grund war, warum er so schlechte Laune versprühte. Seine Speiseröhre krochen Laute empor, die dem Brummen eines Bären ähnelten. Reflexartig zog er seinen fülligen Bauch ein, was an den Geräuschen jedoch nichts änderte.
»Liebenau ist eine Marktgemeinde im Bezirk Freistadt, nicht einmal 70 Kilometer von Linz entfernt, und hat im Moment wahrscheinlich mehr Fernsehgeräte als Einwohner«, antwortete Bormann in Hinblick auf die beginnende Fußballweltmeisterschaft. Scheinbar hoffte er, den Chefinspektor mit derartigen Aussichten etwas milder stimmen zu können.
Stern kramte in seinem Gehirn nach Erinnerungen. Er hatte das bestimmte Gefühl, als wenn er über dieses Liebenau schon einmal etwas gelesen hätte, dass es ein beschauliches Erholungsdorf sei oder Ähnliches. Na toll!
»Dort gibt es doch sicher nicht einmal Strom. Wie soll dann ein Fernseher funktionieren?«, nörgelte er weiter. Erinnerungen an einen Urlaub, der bereits mehrere Jahre zurücklag, wurden schlagartig wachgerufen. Damals hatte er mit seiner nunmehr geschiedenen Frau Franziska einen Urlaub auf einer steirischen Almhütte verbracht. Einer Almhütte ohne Strom und jeglichen Luxus für Menschen, die genau das wollten. Wie hätte er wissen sollen, dass er so etwas nicht wollte? Eine Woche lang ohne Strom zu sein hatte anfangs geklungen wie ein Abenteuer, ein Hindernisparcours, eine Herausforderung. Und obwohl er Herausforderungen dieser Art hasste, hatte er sich Franziska zuliebe auf eben diese eingelassen. Hätte er damals schon gewusst, dass dem Urlaub eine Scheidung folgte, wäre er zum Nordpol gefahren und hätte dem Weihnachtsmann beim Stricken der Norweger-Pullis geholfen.
»Sie werden überrascht sein, Stern, was die in Liebenau alles haben«, riss der Leiter des Landeskriminalamtes den Chefinspektor aus dessen Erinnerungen, stand auf und setzte sich vor ihm auf die Schreibtischkante. »Kolanski und Mirscher sind im Krankenstand. Kolanski wegen seines gebrochenen Beines, und Mirscher hat einen Magen-Darm-Infekt. Bis die beiden wieder fit sind, haben Sie den Fall längst aufgeklärt. Und sonst hab ich niemanden, den ich schicken kann. Aber ich habe Ihnen und Grünbrecht bereits im besten Gasthaus des Ortes ein Zimmer reservieren lassen.«
Stern brummte, was so viel hieß, dass Bormann ihn kreuzweise konnte. Dass die beiden Kollegen Mirscher und Kolanski zur selben Zeit ausfielen, war schon Pech. Er stemmte sich aus dem Stuhl und trottete wie einer, der zum Schafott geführt wurde, zur Tür.
»Ach, Stern …«, rief der Dienststellenleiter ihm hinterher.
»Ja?« Der Chefinspektor wandte sich noch einmal um.
»Vergessen Sie nicht, auch etwas Warmes einzupacken. Die Nächte im Mühlviertel können sogar im Juni noch rau sein.« Bormann grinste verhalten.
Stern murmelte etwas Unverständliches. Dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.
Eineinhalb Stunden später fuhren er und Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht in Sterns grauem Audi A6 auf der S10 in Richtung Freistadt, oder besser gesagt: sie krochen in Richtung der als Kultur- und Braustadt bekannten Mühlviertler Provinzmetropole. Sterns Fahrgeschwindigkeit glich nach Grünbrechts Dünken einer Schnecke beim Mittagsschlaf. Sie selbst liebte es, ein wenig rasanter durchs Leben zu fahren.
»Wenn Sie nicht ein bisschen aufs Gas steigen, fängt die Leiche noch an zu verwesen, bevor wir dort sind«, stichelte sie schon nach zehn Minuten Fahrzeit.
»Wieso haben Sie es denn so eilig?«, fragte Stern. Beim Autofahren gab es nichts, was ihn aus der Ruhe brachte. Außer Dominik Weber, dem Gerichtsmediziner, der aus jeder Fahrt zu einem Tatort ein Wettrennen veranstaltete. Aber selbst das war Stern heute egal. Er wollte die Fahrt ins Mühlviertel zumindest genießen, wenn er sie schon nicht hatte verhindern können.
»Von Eile kann ja wohl kaum die Rede sein«, antwortete Grünbrecht und blickte sehnsüchtig auf die Wagen, die links an ihnen vorüberzogen. Stern gewann den Eindruck, als wenn sie sogar in den Beifahrersitz sänke, um nicht von einem der vorbeirasenden Lenker erkannt zu werden.
»Dafür kommen wir sicher an unserem Ziel an«, rechtfertigte er sein Tempo und dachte, dass diese jungen Dinger es doch immer so eilig hatten. Mara Grünbrecht war gerade mal 36 Jahre alt. In diesem Alter war man noch ungestüm und wild, und das war auch gut so. Er hingegen war 59 und hatte die Sturm-und-Drang-Zeit längst hinter sich. »Und so schnell fängt eine Leiche nun auch wieder nicht zu verwesen an.«
Recht viel hatte der Dienststellenleiter Stern wegen des provinziellen Mordes nicht gesagt, außer, dass die Spurensicherung bereits zum Tatort unterwegs sei und er sich sputen müsse. Natürlich kannte auch der Dienststellenleiter Sterns Fahrweise, aber der eigentliche Grund, warum er ihn gedrängt hatte, war der hiesige Bestatter, der die Leiche so schnell wie möglich vor den Augen der Neugierigen verschwinden lassen wollte. Irgendetwas von mysteriös und diabolisch hatte er noch gemeint, dann aber gesagt, Stern solle sich am besten selber ein Bild machen.
In Freistadt fuhren sie von der S10 ab und nahmen die Böhmerwald Straße Richtung Sandl. Nach einer Dreiviertelstunde verließen sie die selbige in Schönberg nahe der Grenze zu Niederösterreich und bogen einem Schild folgend auf eine schmale Seitenstraße ab. »Liebenau, 9 Kilometer«, stand auf dem Wegweiser. Die Harrachstaler Bezirksstraße führte die Inspektoren durchs hügelige Mühlviertel. Sattgrün und sanft breiteten sich Wiesen, Felder und jede Menge Wald neben der Straße aus. Stern war von dem Anblick fasziniert, und seine Laune besserte sich von Kilometer zu Kilometer, den sie zurücklegten. Auch wenn er Linz mit allem, was dazugehörte, liebte, die Linzer Landstraße mit ihren unzähligen Geschäften, die Altstadt und ihre Lokalitäten, so wirkte der Anblick der hügeligen Landschaft auf eine bestimmte Art befreiend auf ihn.
»Kaum zu glauben, dass es bei uns so schön ist und alle immer nur im Süden Urlaub machen wollen«, kam auch Grünbrecht zu dem gleichen Ergebnis.
»Ich mach keinen Urlaub im Süden«, erwiderte Stern.
»Sie machen überhaupt keinen Urlaub, Chef. Weder im Süden noch im Norden und schon gar nicht im Westen oder im Osten.«
»Ich hab bald nur noch Urlaub, Grünbrecht.«
»Das nennt man Ruhestand, Chef.«
»Ist doch irgendwie dasselbe.«
»Spüre ich da etwa so etwas Ähnliches wie eine vorzeitige Altersdepression?«, fragte die Gruppeninspektorin.
Stern verdrehte die Augen. »Altersdepression? Wo haben Sie das denn her?«
»Ich meine ja nur«, verteidigte sich Grünbrecht, da sie keinen fundierten Beweis für ihre Behauptung vorweisen konnte. Aber gelesen hatte sie mal etwas darüber.
Stern, dem das Gespräch über seine Altersdepression unangenehm war – ob er nun eine hatte oder nicht –, sah endlich ein Ortsschild in Sichtweite rücken. Er blinzelte und kniff die Augen zusammen, um lesen zu können, was darauf geschrieben stand. Das war auch so eine Sache. Mit zunehmendem Alter wurde seine Sehkraft schwächer. In die Ferne und in der Nähe. Er würde sich eine Brille zulegen müssen. Wahrscheinlich, wenn er im Ruhestand war. Auf gar keinen Fall früher.
»Wir sind da«, offenbarte Grünbrecht ihrem Vorgesetzten. Jetzt war klar, was auf dem Schild stand, also brauchte er gar keine Brille.
»Liebenau«, brummte er zur Bestätigung. Seiner und Grünbrechts.
Rechts am Ortsbeginn stand ein Dreiseithof, der die Ankömmlinge willkommen zu heißen schien. Gerade wurden Rinder auf einen Viehtransporter verladen, und Stern bekam sofort Appetit auf einen saftigen Rinderbraten samt Kartoffeln und Semmelknödel. So ein deftiges Mahl wäre für ihn eine kleine Entschädigung für die Reise hierher ins hügelige Nirgendwo. Es war ja längst Nachmittag, und Stern hatte seit dem Frühstück nur eine Leberkässemmel gegessen. Wie es aussah, würde es aber noch eine Weile dauern, bis er etwas zwischen die Zähne bekam, denn da war ja noch die Leiche. Die stand zwischen ihm und einer deftigen Mahlzeit. Und Grünbrecht, die, ihrer Figur nach zu urteilen, keine Zeit mit Essen vergeudete. Wahrscheinlich aß sie pro Tag nicht mehr als ein paar Salatblätter und eine Tomate.
Stern kramte in der Mittelkonsole nach einer Packung Pfefferminzbonbons und sah gerade noch aus den Augenwinkeln, wie eine schwarze Katze von links aus der Wiese gelaufen kam, die Straße querte und unter dem Wagen verschwand. Erschrocken blickte er in den Rückspiegel.
»Hab ich sie erwischt?«
»Nein«, antwortete Grünbrecht sichtlich gelangweilt. »Dafür fahren Sie nicht schnell genug. Ich hab gesehen, wie die Katze auf der rechten Seite in die Wiese gesprungen ist und sich dort gemütlich ins Gras gelegt hat.«
Erleichtert atmete Stern auf. Nach altem Volksglauben brachte es Unglück, eine schwarze Katze zu überfahren, und auch wenn Stern nicht abergläubisch war, wollte er das Schicksal nicht herausfordern. Er drosselte die Geschwindigkeit auf Tempo 30 und verzichtete auf Blaulicht und Folgetonhorn. Das Opfer war ohnehin längst tot, der Leichenfund lag mehrere Stunden zurück. Da war keine Eile mehr geboten. Leichen liefen nicht weg.
Mit der linken Hand öffnete er den Bonbonbehälter und steckte sich drei der kleinen, weißen Dinger in den Mund. Dann hielt er die Packung Grünbrecht hin.
»Wollen Sie auch?«
»Nein, danke«, lehnte die Gruppeninspektorin ab.
Liebenau erinnerte Stern an eine Geisterstadt. Niemand überquerte die Straße, keiner putzte halsbrecherisch die Fenster, und es fehlten die Kinder, die Bälle über die Fahrbahn schossen, um anschließend anstatt ihres eigenen Lebens jenes des Balls vor dem heranrasenden Wagen zu retten. Der Ort war wie leergefegt. Kein gutes Zeichen, dachte Stern. Die schwarze Katze fiel ihm wieder ein.
»Sind Sie sicher, dass wir hier richtig sind?«, fragte nun auch Grünbrecht.
»Ich bin sicher«, brummte Stern, wenngleich er einen Anruf im Landeskriminalamt für einen Augenblick in Erwägung zog. Doch als sie den Ortsplatz von Liebenau erreichten, wusste er, warum sie zuvor niemanden gesehen hatten. Alles, was gehen oder sich auf andere Weise fortbewegen konnte, hatte sich vor der spätbarocken Kirche versammelt. Das Ganze hätte eine Erntedankprozession sein können, oder eine große Hochzeit, wie sie am Land üblich war und zu der man Gott und die Welt einlud. Dennoch wusste Stern, dass das Erscheinen der Menge und das Belagern des Platzes vorm und der Zugänge zum Gotteshaus einen ganz anderen Grund hatten. Einen weitaus weniger fröhlichen. Hinter einer Menschentraube erspähte er den Kleinbus der Spurensicherung und fragte sich, ob der Gerichtsmediziner auch schon da war? Webers Wagen war aber nirgendwo zu sehen, kein Wunder, bei dem hier stattfindenden Volksfest.
»Halleluja! Was ist denn hier los?«, stieß Grünbrecht aus.
»Nichts zieht die Menschen mehr an als ein Todesopfer.« Es war Stern anzusehen, was er davon hielt.
Im Schritttempo ließ er den Audi durch die Menge rollen. Die wich nur ungern zur Seite und tat ihren Unmut sogleich lautstark kund. Schließlich könnte man etwas verpassen, war man sich einig, während sich dieser Wichtigtuer mit Linzer Autonummer ganz nach vorne auf den besten Platz schob. Einer der Schaulustigen hieb sogar mit der Faust auf die Motorhaube von Sterns Wagen, was diesen das Fenster herunterlassen und ein deftiges Schimpfwort abfeuern ließ. Das wiederum brachte die Menge zum Brodeln. Jener Mann, der den tätlichen Angriff auf Sterns Wagen vollzogen hatte, griff durch das geöffnete Fenster und packte Stern am Hemd. Der zückte seinen Dienstausweis und hielt ihn dem Mann direkt vor die Nase.
»Landeskriminalamt Oberösterreich, Chefinspektor Oskar Stern«, sagte er ruhig, weil er die Stimmung nicht noch weiter anheizen wollte.
»Es … es tut mir leid«, stotterte der Mann und machte sofort einen Rückzieher. Die Menge teilte sich wie eine mit der Axt gespaltene Melone und ließ Stern und Grünbrecht bis zum Absperrband vor der Kirche vorfahren. Dort stellte Stern den Motor ab. Ein Polizist, der wie eine Bulldogge vor dem Kirchenportal diese vor Schaulustigen gerade noch zu verteidigen versucht hatte, kam schwitzend auf sie zu gerannt.
»He! Da können S’ aber nicht stehen bleiben!«, rief er.
Grünbrecht reckte den Kopf aus dem Fenster und fragte: »Sehen Sie eine andere Parkmöglichkeit?« Dabei wies sie auf die Menschen, die den Platz vor der Kirche bevölkerten wie bei einem Open-Air-Konzert und nach vorne drängten, als gäbe es in dem Gotteshaus den Messwein gratis. Ungeachtet des Protestes des ländlichen Kollegen stieg Stern aus dem Wagen. Grünbrecht tat es ihm gleich.
»Sind Sie schwerhörig?«, fauchte der Polizist. »Da können S’ nicht stehen bleiben, hab ich gesagt!« Er stellte sich Stern in den Weg, der gerade über das Absperrband hatte steigen wollen, und versuchte, ihn mit Körpereinsatz aufzuhalten. Trotz der Kühle an diesem Tag schwitzte der Kollege, und Stern war sich sicher, dass er einem nervlichen Zusammenbruch nahe war. Wahrscheinlich war es sein erster Mord, dachte der Chefinspektor und erinnerte sich, als er seine erste Leiche zu Gesicht bekommen hatte. Eine Wasserleiche war das damals gewesen. Die hatte mehrere Wochen im Pichlingersee mit einem Gewicht an den Füßen im Wasser gelegen und war von einem Hobbytaucher entdeckt worden. Das war kein schöner Anblick gewesen! Sofort verspürte Stern einen säuerlichen Geschmack im Mund. Er trat zurück an die Tür seines Audis, öffnete sie, sodass der ländliche Kollege sich bereits als Sieger wähnte und zurück zur Kirchenpforte eilte, fischte die Pfefferminzbonbons aus der Ablage in der Mittelkonsole und steckte sich gleich fünf davon in den Mund. Dann schlug er die Tür eine Spur zu heftig zu, was den Polizisten auf seinem Weg zur Kirche innehalten ließ, drückte auf die Fernbedienung in seiner Hand, was ein orangefarbenes Blinken am Audi auslöste und diesen absperrte.
»Hey …« Der Polizeibeamte kam mit hochrotem Kopf zurück und deutete auf den Wagen. Wahrscheinlich wollte er seine Forderung, dass Stern woanders parken solle, wiederholen, doch der Chefinspektor ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. Er zog den Dienstausweis aus seiner Tasche und sagte: »Chefinspektor Oskar Stern. Das ist meine Kollegin Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht. Wir sind vom Landeskriminalamt in Linz und übernehmen ab jetzt diesen Fall.« Wenn Stern mit einer unterwürfigen Reaktion gerechnet hatte, hatte er sich geirrt.
»Na endlich!«, schwenkte der Polizist von zuvor ungehalten auf jetzt erleichtert und ließ nichts von einer hierarchischen Dienstbeflissenheit erkennen. Viel eher klang sein nächster Satz wie ein Vorwurf. »Ich hab schon gedacht, dass die Leiche zu stinken anfängt, bevor sich die Kripo hier blicken lässt.«
Stern war verblüfft. So etwas Ähnliches hatte er heute schon mal gehört, und zwar von Grünbrecht.
»Na, so schnell geht das nun auch wieder nicht«, relativierte er den Tadel seines ländlichen Kollegen und warf Grünbrecht einen prüfenden Blick zu. Die Gruppeninspektorin trug ihre schulterlangen braunen Locken zu einem Zopf gebunden. Nur hin und wieder standen ein paar widerspenstige Haarsträhnen von ihrem Kopf ab und kräuselten sich in alle Richtungen. Als er merkte, dass sie verhalten grinste, steckte er den Dienstausweis ein, seufzte und sah sich um. Unverkennbar waren sie gleich im Zentrum des Geschehens gelandet. Der Platz vor der Kirche war der Mittelpunkt des hiesigen Lebens. Irgendwo im Ort musste dann der Brücklwirt sein. Dort würden er und Grünbrecht später Quartier beziehen und etwas Anständiges essen, hoffte er. Zuerst galt es aber, nach der Leiche zu sehen. Er wandte sich der Menschenansammlung zu und wusste, wohin er gehen musste, auch ohne dass ihm jemand den Weg wies. Aber dieser jemand ließ es sich nicht nehmen.
»Revierinspektor Josef Plattlbauer«, stellte der sich vor und fügte an: »Da lang, Herr Chefinspektor und Frau Gruppeninspektorin.« Plattlbauer deutete auf den Eingang der Kirche und redete weiter, während er für die Beamten der Kripo das Absperrband nach unten drückte. »Liebenau fällt in meinen Zuständigkeitsbereich. Ich stamme von hier, wohne auch da, aber arbeiten tue ich in Weitersfelden. Das liegt zehn Kilometer von hier entfernt. Liebenau selbst hat keine Polizeidienststelle mehr, die hat man vor Jahren wegen Sparmaßnahmen geschlossen, deshalb tun die Menschen hier, was sie wollen. Sehen Sie sich das Ganze nur mal an! Wie soll ich bei so einem Fall alleine zurechtkommen?« Plattlbauer schnaubte. Ob vor Entrüstung oder weil er überfordert war, konnte Stern nicht sagen. »Gott sei Dank sind Ihre Kollegen von der Spurensicherung schon da! Die waren ein bisschen schneller als Sie und haben mir geholfen, den Tatort abzuriegeln, dass die ganzen Rindviecher da nicht hineintrampeln und alle Spuren vernichten. Weil wollen täten die schon, wissen S’!« Der Revierinspektor deutete in Richtung der neugierigen Menschen. Er wirkte heilfroh, die sensationslüsterne Menge nun nicht mehr allein unter Kontrolle halten zu müssen. Endlich hatte er Verstärkung an seiner Seite, noch dazu einen Chefinspektor und eine Gruppeninspektorin vom Landeskriminalamt Oberösterreich in Linz. Die hiesige Bevölkerung hatte sich zuvor nämlich die ganze Zeit über keinen Deut darum geschert, was er zu sagen hatte. Das würde sich jetzt aber gravierend ändern!
»Ist das Ihr erster Mord?«, fragte Stern.
»Ja, mein erster«, wiederholte Plattlbauer. Freudig erregt, wie Stern vorkam. Na gut, der erste Mord war immer etwas Besonderes, dachte er dann, also wollte er ein wenig nachsichtig mit dem Kollegen sein.
»Dann lassen Sie uns ans Werk schreiten«, sagte er und ging auf das Portal der Kirche zu. Die neugierigen Blicke der Liebenauer folgten ihm. Sie schienen sich zu fragen, was denn so Entsetzliches in ihrem Gotteshaus geschehen war, dass die Kripo aus Linz anrücken musste. Denn natürlich wusste man, dass jemand dahingeschieden war. So etwas ließ sich in so einem kleinen Ort nicht verheimlichen. Liebenau zählte gerade mal an die 1.600 Einwohner, je nachdem, wie viel gerade geboren und gestorben wurde. Aber wer das Zeitliche gesegnet hatte, und vor allem, warum er es getan hatte, wollte man halt auch erfahren.
»Um wen handelt es sich bei dem Toten?«, fragte Stern den Revierinspektor.
»Um den Pfarrer«, antwortete Plattlbauer diensteifrig.
»Den Pfarrer?« Grünbrecht blieb stehen und starrte den ländlichen Kollegen an. Mit allem hatte sie gerechnet, aber nicht damit, dass sie gleich die Leiche eines Priesters sehen würden.
»Äh … ja, der Pfarrer«, wiederholte Plattlbauer.
»Was kann ein Pfarrer denn schon angestellt haben, dass er Opfer eines Gewaltverbrechens wird?« Es war Grünbrecht anzusehen, dass ihr die Vorstellung, im Fall eines ermordeten Mannes Gottes zu ermitteln, nicht sonderlich behagte.
»Ein Pfarrer ist auch nur ein Mensch, Grünbrecht. Und alle Menschen sündigen. Die einen mehr, die anderen weniger«, erwiderte Stern und übertrat achtlos die Kirchenpforte, während Plattlbauer und Grünbrecht ihre Finger im Weihwasserbecken versenkten und sich bekreuzigten. Ein Blick nach vorne in den Altarraum ließ Stern jedoch wünschen, er hätte es ihnen gleichgetan. Ein Kreuzzeichen war hier mehr als angebracht. Jedoch helfen würde es auch nichts mehr.
»Um Gottes willen!« Dieser Ausruf sprang dem Chefinspektor wie ein Ziegenbock über die Lippen.
»Ich glaube kaum, dass das etwas mit dem Willen Gottes zu tun hat«, sagte Grünbrecht voller Abscheu.
Stern pflichtete ihr stumm bei, während sie das Kirchenschiff durchquerten und näher zum Altarraum vorrückten. Vor dem neuromanischen Hochaltar mit erhöhter Mitte im Rundbogenstil lag auf dem Tisch des Herrn eine Leiche – nach der Aussage des Revierinspektors der hiesige Pfarrer. Stern hatte schon allerlei gesehen, auch auf die brutalste Weise dahingemetzelte Menschen, die oftmals zerstückelt worden waren oder die unterschiedlichsten Verwesungsgrade aufwiesen. Aber eine derartige Inszenierung eines Leichnams war ihm, seit er bei der Kriminalpolizei beschäftigt war, nur selten untergekommen.
Der Mörder hatte den Pfarrer von den Füßen an bis zum Hals mit einem Seil eingewickelt. Stern schoss der Vergleich mit der Beute einer Spinne durch den Kopf, die ihre Opfer mit ihrem seidenen Faden umwickelte und auf diese Weise für später aufbewahrte. Ein absurder Vergleich zwar, der auch aus einem Film wie »Spiderman« oder »Die Mumie« stammen könnte, musste Stern zugeben, dennoch war auch der Pfarrer durch diese Darstellung zu jemandes Beute erklärt worden. Das Priestergewand hatte man der Leiche unter dem Seil um den Leib gewickelt, so als wäre der Mörder bemüht gewesen, den Priester nicht kompromittierend für die Augen Fremder zurückzulassen. Die Augen weit aufgerissen und ebenso den Mund, starrte der Tote ins Leere, dorthin, wo nur noch der Teufel und sein Gefolge zugegen waren. Eingetrocknetes Blut überdeckte Hals und Gesicht. Der Kollar, ansonsten strahlend weiß, war braun und fleckig. Im schwarzen Gewand des Priesters konnte Stern das Blut auf den ersten Blick hin nicht ausmachen, aber er war sich sicher, dass die Spurensicherung eine Menge fände. Die Beine des Priesters hingen auf der rechten Seite des Altars hinunter. Am Boden des Altarraums breitete sich unter dem Haupt eine große Blutlache aus, als hätte man den Priester hier abgelegt, um ihn ausbluten zu lassen. Ein Spritzmuster rund um den Altar ließ den Chefinspektor wissen, dass ihm die Verletzungen am Hals, die wahrscheinlich zum Tod geführt hatten, hier zugefügt worden waren, und die Fesselung dazu gedient hatte, dass sich das Opfer nicht hatte wehren können. Der Fundort war demnach auch der Tatort. Aber das mussten Weber und die Spurensicherung noch bestätigen.
»Schrecklich, nicht wahr?« Revierinspektor Plattlbauer riss den Chefinspektor aus dessen stillen Bestandsaufnahme.
»Das können Sie laut sagen.« Der, der dies von sich gab, war Dominik Weber, der Gerichtsmediziner, der eben durch das Kirchenschiff auf den Altarraum zusteuerte.
»Grüß dich, Weber«, sagte Stern erfreut, dass er und Grünbrecht vor dem Gerichtsmediziner am Tatort eingelangt waren.
»Grüß dich, Stern. Hast dich auch hierher in die Abgeschiedenheit getraut?« Dominik Weber wusste um Sterns Abneigung dem Ländlichen gegenüber Bescheid. Der Chefinspektor war ein richtiger Stadtmensch. Einer, dem die Betonbauten einer Stadt wie Linz gerade hoch genug waren. Einer, der die Aussicht lieber vom Linzer Power Tower genoss als von einem Berg. Mord und Totschlag waren nachgewiesen in den Städten viel höher als auf dem Land, demnach war er in Linz viel besser aufgehoben, war Sterns Meinung. Ein Blick auf die auf dem Altar liegende Leiche ließ ihn jedoch wissen, dass die Ländler gerade dabei waren, in dieser Statistik aufzuholen.
»Musste ja wohl sein«, brummte er und betrachtete die Wundmale am Hals der Leiche. Zwei Einstichlöcher. Kaum zu sehen, wäre nicht die ganze Sauerei rundum. »Weißt du schon, wann er gestorben ist?«
»Ich bin doch gerade erst gekommen, Stern!«, sagte Weber entrüstet, nahm ein Thermometer und ein Skalpell aus seiner Tasche und rammte ersteres durch einen kleinen Schnitt dem Opfer an jener Stelle in den Rumpf, wo Stern die Leber vermutete.
Im Kirchenschiff war ein Hüsteln zu hören. Revierinspektor Plattlbauer hatte sich abgewandt und blickte nun in Richtung der Brüstungsorgel, in deren Mitte die Figur der heiligen Cäcilia angebracht war. An seiner Haltung war zu erkennen, dass ihm die Behandlung der Leiche durch den Gerichtsmediziner nicht sonderlich gut bekam.
Weber zog das Thermometer aus der Leiche und besah sich das Ergebnis.
»Und? Wann ist er ermordet worden?« Sterns Ungeduld war allen bestens bekannt und auch, dass er und Weber des Öfteren Meinungsverschiedenheiten hatten.
»So gegen Mitternacht, würde ich meinen. Genaueres kann ich dir erst …«
»… nach der Obduktion sagen, ich weiß.« Stern brachte Webers Satz mit einem Schuss Zynismus zu Ende.
»Musst dich halt ein wenig gedulden. Hier ist es doch schön, in Liebenau. Kannst dich ein wenig entspannen oder wandern gehen im Tannermoor«, schlug der Gerichtsmediziner grinsend vor.
»Grünbrecht will so schnell wie möglich von hier weg«, sagte Stern und redete weiter, bevor seine junge Kollegin dagegen protestieren konnte. »Übrigens, was ist das hier?« Er deutete mit dem Finger auf die zwei Einstichwunden am Hals des Opfers.
»Sieht wie Bissmale eines Vampirs aus.«
Weber, Stern und Grünbrecht fuhren herum. Sie starrten den hinter ihnen stehenden Revierinspektor überrascht an. Der hatte bislang alles wortlos mitverfolgt, bis auf die kleine Übelkeitsattacke, als der Gerichtsmediziner dem Opfer das Thermometer in die Leber geschoben hatte.
»Bitte was?«, hakte Grünbrecht nach.
»Ein Vampir!«, wiederholte Plattlbauer. »Ganz klar. Das sieht man doch.«
»So ein Schwachsinn! Sie schauen wohl zu viel fern, Plattlbauer.« Stern schüttelte ob der abstrusen Behauptung des Revierinspektors den Kopf.
»Oh, das glaube ich nicht«, erwiderte der Angesprochene eingeschnappt, machte am Absatz kehrt und setzte sich in die vorderste Bank im Kirchenschiff, wo sonntags die Kirchenbesucher fromm die Hände falteten. Er aber verschränkte schmollend die Arme vor der Brust und stierte auf die Kripobeamten, die neben der verschnürten Leiche standen und ihr auf den Hals starrten, als stünden dort die Antworten auf all ihre Fragen.
Die Aussage des Revierinspektors ignorierend unterhielten sich Stern, Grünbrecht und Weber über eine weitaus realistischere Todesursache. »Diese Male könnten von allem Möglichen verursacht worden sein, das circa zwei bis fünf Millimeter dick ist. Nagel, Stricknadel, halt alles, was in etwa diese Stärke aufweist. Die Schwellung zeigt, dass er noch gelebt hat, als man ihm in den Hals gestochen hat. Das umliegende Gewebe hat sofort reagiert. Während der erste Einstich für die Todesursache nicht relevant ist, hat der Täter mit dem zweiten Stich genau die Halsschlagader getroffen. Deshalb die ganze Sauerei hier.« Weber deutete auf den blutbesudelten Boden und den Altar, der durch das Blut wie ein abstraktes Kunstwerk eines österreichischen Künstlers aussah. »Es muss gespritzt haben. Der Mörder hat sicher ebenso eine Menge Blut abbekommen. Wenn das Herz noch pumpt und jemand diese Schleuse hier öffnet …« Weber wies auf den Hals des Opfers, um zu verdeutlichen, wovon er sprach, als im Kirchenschiff ein Würgen und Poltern zu vernehmen war. Der Gerichtsmediziner hielt inne und wandte sich um. Stern und Grünbrecht taten es ihm gleich. Die Inspektoren sahen gerade noch, wie sich Plattlbauer in der vordersten Sitzbankreihe übergab. Die Kriminalbeamten tauschten vielsagende Blicke aus.
»Sein erster Mord«, klärte Stern den Gerichtsmediziner auf und ging die zwei Stufen vom Altarraum hinab ins Kirchenschiff zu den Sitzbänken. Dort wartete er, bis der Revierinspektor zum Vorschein kam, sich mit dem Ärmel über den Mund wischte und ihn anschaute, als müsste er sich erneut übergeben. Die Farbe seines Gesichts unterschied sich nicht mehr von dem Weiß der gekalkten Kirchenwände.
»Na, geht’s wieder?« Stern stellte sich vor Plattlbauer und verdeckte ihm mit seinem fülligen Körper die Sicht auf den ausgebluteten Pfarrer.
Der Revierinspektor nickte, zögernd, wie Stern vorkam, und vermied es, an ihm vorbeizuschauen. »Das ist nur, weil der so grausig dahergeredet hat«, versuchte er zu erklären.
»Am besten, Sie sorgen vor der Kirche für Ruhe und Ordnung. Hier brauchen wir Sie nicht. Die Kollegen der Spurensicherung machen das schon, aber draußen, da werden Sie dringend benötigt.« Stern klopfte dem Revierinspektor auf die Schulter. Der wirkte erleichtert und schob seinen Hintern die hölzerne Kirchenbank hinaus. Nicht zu schnell, damit sein Magen nicht noch einmal rebellierte. »Und Plattlbauer …« Stern wollte dem Revierinspektor etwas mit auf den Weg geben. Der blieb stehen und wandte sich langsam um. »Das mit den Vampiren will ich nicht noch einmal von Ihnen hören, verstehen Sie? Da werden die Leute hysterisch, wenn wir so etwas behaupten. Ich verlass mich da auf Sie!« Wie ein Hund, der eben Prügel bezogen hatte, verließ der Revierinspektor die Kirche.
Stern wandte sich seinen Kollegen und dem Opfer zu. Er musste zugeben, es war tatsächlich kein schöner Anblick, dazu noch die ausführlichen Schilderungen Webers – und der Albtraum eines jeden Menschen war fertig.
»Na, Weber, haben Sie noch etwas für uns?«, fragte Grünbrecht. Sie hielt Block und Stift für etwaige Notizen bereit.
»Dass der Pfarrer verblutet ist, brauche ich euch wohl nicht zu sagen. Die Menge des Blutes, die ihr hier seht, spricht für sich. Die Tatzeit – da wiederhole ich mich – ist so um Mitternacht, also die beste Stunde für Vampire.« Weber grinste.
»Fängst du auch noch damit an!«, fuhr Stern ihn an. Er hielt nämlich schlichtweg gar nichts von diesem Vampirhokuspokus. »Sonst noch was? Aber bitte etwas, das wir brauchen können.«
»Derweilen nicht«, antwortete Weber amüsiert, weil er mit seinem Kommentar über die beste Stunde für Vampire Stern auf die Palme gebracht hatte. Über dieses Ergebnis zufrieden, steckte er seine Gerätschaften zurück in die Tasche und schritt in Richtung Kirchenpforte davon. »Wenn ihr mit ihm fertig seid, schickt ihn mir bitte in die Gerichtsmedizin!« Mit diesen Worten an die Spurensicherer verließ Weber das Gotteshaus.
»Warum macht jemand so etwas ausgerechnet mit einem Pfarrer?«, fragte Grünbrecht, die Arme mit dem Notizblock verschränkt und den Blick auf den Leichnam gerichtet.
»Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht beantworten, Grünbrecht. Der Mensch ist von Natur aus böse, das müssten Sie als Inspektorin eigentlich am besten wissen. Und wenn jemand in den eigenen Augen einen Grund zum Töten hat, dann ist es ihm wahrscheinlich egal, ob das Opfer eine Soutane trägt.«
»Ein Eifersuchtsdrama können wir aber ausschließen.«
»Sagen Sie das nicht, Grünbrecht. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Aber fragen Sie bei der Spurensicherung nach, ob die die Tatwaffe gefunden haben. So etwas Ähnliches, wie Weber es beschrieben hat, also Stricknadeln, Nägel oder dergleichen.«
»Hab ich schon. Während Sie mit Weber geredet haben.«
»Natürlich haben Sie das.« Stern wusste um die Dienstbeflissenheit seiner jungen Kollegin Bescheid. »Und? Spannen Sie mich nicht auf die Folter.«
»Sie sagen, dass sie noch nichts gefunden haben, was als Tatwaffe infrage kommt.«
»Gibt es Überwachungskameras?«
»Das hier ist eine Kirche, Chef!« Grünbrecht klang entrüstet und war sich sicher, dass eine Antwort aufgrund dessen, dass sie in einem Gotteshaus standen, überflüssig war.
»Gibt es draußen vor der Kirche vielleicht Kameras? Möglicherweise sehen wir ja, wie der Priester und der Mörder die Kirche betreten haben und nur der Mörder sie verlassen hat.« Stern wusste schon, während er sprach, dass sich sein Wunsch nicht erfüllen würde. Überwachungskameras passten genauso wenig zu einer Kirche wie Pommes frites und Burger zu einer Diät.
»Es würde mich wundern, wenn es in Liebenau auch nur eine einzige Überwachungskamera gibt«, antwortete Grünbrecht. »Ich kann mal nachfragen, aber zu viele Hoffnungen würde ich mir nicht machen.«
Der Chefinspektor brummte als Antwort. Er hatte das volle Ausmaß der Tragödie erkannt. Das hier war kein Fall, den man schnell im Vorbeigehen löste, weil die Fakten ohnehin klar am Tisch lagen und der Täter allen bestens bekannt war. Die Aufklärung dieses Falls nahm bestimmt mehrere Tage in Anspruch, wenn nicht sogar Wochen. Schließlich hatte sich der Täter die Mühe gemacht, den Leichnam theatergerecht zu inszenieren. Da hatte er sicher ebenso genügend Zeit dafür aufgewendet, alle Spuren zu beseitigen. Jetzt wusste Stern, warum der Dienststellenleiter etwas von mysteriös und diabolisch dahergeredet hatte.
»Na, dann«, sagte er und wandte sich von dem Toten ab.
»Dann jagen wir also einen Vampir«, sagte Grünbrecht lapidar, ohne zu ahnen, dass sie sich damit Sterns Unmut zuzog.
»Das ist doch lächerlich!«, fuhr der sie gleich an. Doch lächerlich hin oder her: Sie beide saßen solange in Liebenau fest, bis sie den Mörder überführt hatten. Wie lange das dauern würde, wusste Stern nicht. Er wusste auch nicht, ob es überhaupt einen Vernehmungsraum gab. Außerdem brauchten sie jemanden, der sie in das örtliche Geschehen einweihte, der ihnen verriet, wer es mit wem trieb und wer mit wem Streit hatte. Dinge, die nur ein Liebenauer wissen konnte – Plattlbauer! Der hatte doch eingangs erwähnt, dass er aus Liebenau stamme, demnach alles über die hiesige Bevölkerung wissen müsste oder zumindest in Erfahrung bringen konnte. Städtern, wie Stern und Grünbrecht es waren, würden die Menschen hier nichts erzählen, zumindest nichts, was sie ihnen nicht eigenhändig aus der Nase zogen. Stern hoffte nur, dass die schaurigen Schilderungen Webers keine langfristigen Schäden im Nervengerüst des Revierinspektors hinterlassen hatten.
»Wo zum Kuckuck steckt eigentlich Plattlbauer?«, fragte er Grünbrecht, als er in die leere erste Bankreihe blickte.
»Sie haben ihn doch selber nach draußen geschickt, nachdem er alles vollgekotzt hat«, erinnerte Grünbrecht ihn an den unschönen Abgang des Kollegen.
»Ja, Sie haben recht.«
»Ich habe immer recht«, sagte Grünbrecht selbstbewusst.
Der Chefinspektor wandte sich daraufhin seiner Kollegin zu. »Grünbrecht, wenn Sie das glauben, sind Sie ein Grünschnabel.« Das Wortspiel mit Grünbrechts Namen gefiel ihm und zauberte ein Lächeln in sein Gesicht. Dann wandte er sich ab und verließ die Kirche. Hier waren sie mit ihrer Arbeit fertig. Er deutete den Kollegen der Spurensicherung, dass Kirche und Pfarrer nun gänzlich ihnen gehörten.
Am Kirchenplatz war indessen Volksfeststimmung eingekehrt. Für Revierinspektor Plattlbauer war der zuvor erlittene Exkurs in die Anatomie des Menschen im Augenblick wohl das geringste seiner Probleme. Er war vollends damit beschäftigt, die ständig über die Absperrung tretenden Schaulustigen einzufangen, sie zu verwarnen und auf ihre Plätze zurück zu verfrachten. Er schwitzte, und seine Gesichtsfarbe hatte sich von dem innerkirchlichen Weiß in ein schweißtreibendes Rot gewandelt.
Hier am Land war tatsächlich alles anders, dachte Stern. Die Leute hatten keinerlei Respekt vor einer Uniform, weil deren Träger einer aus ihren Reihen war, mit dem man sich duzte und abends ein Bier trinken ging. Aber er war keiner von ihnen.
»Alles herhören!«, brüllte er, sich seiner Autorität als Chefinspektor der Linzer Kriminalpolizei sicher fühlend.
Niemand reagierte. Nicht ein Einziger nahm Notiz von ihm. Der Lärmpegel stieg sogar weiter an, als wollte man sein Geschrei übertönen. Da steckte Plattlbauer die Finger in den Mund und stieß wie beim Anpfiff des am Abend stattfindenden Eröffnungsspiels der Fußballweltmeisterschaft einen schrillen Pfiff aus. Das ließ ein Raunen wie eine La Ola durch die Menge schwellen, die schlussendlich doch verstummte. Erwartungsvoll richteten sich unzählige Augenpaare auf Stern, der ihnen scheinbar etwas zu sagen hatte. Hoffentlich etwas Spektakuläres über den Todesfall.
»Mein Name ist Oskar Stern. Ich bin Chefinspektor am Landeskriminalamt in Linz. Wie Sie wissen, hat man Ihren Pfarrer tot in der Kirche aufgefunden. Er ist ermordet worden. Wir werden unser Bestes tun, um den Täter so rasch wie möglich zu finden. Wer sachdienliche Hinweise hat, möge sich bitte bei mir melden. Wir werden …« Weiter kam Stern nicht. In einem aufwallenden Getöse aus Rufen und Geschrei gingen seine letzten Worte völlig unter. Plötzlich hatte jeder etwas zur Aufklärung des Falls beizutragen. Die Menschen schrien durcheinander und wussten Dinge, die mit dem Fall zu tun hatten – oder auch nicht. Stern war nicht in der Lage, wichtige Informationen von unwichtigen zu trennen. Er verstand lediglich Wortfetzen und konnte nicht herausfiltern, wer nun als Zeuge vernommen werden sollte und wer bloß Tratsch verbreitete. Na, das kann ja heiter werden, dachte er und verfluchte den Mörder, der sich ausgerechnet das tiefste Mühlviertel zum Töten ausgesucht hatte.
»Wir brauchen einen Vernehmungsraum! Wo können wir uns einquartieren, Plattlbauer?«, fauchte er missgelaunt.
»Bestimmt im Pfarramt«, fiel dem Revierinspektor auf Anhieb ein. »Ich bin mir sicher, dass der Pfarrer nichts mehr dagegen hat.« Plattlbauer grinste und suchte im Gesicht des Chefinspektors nach einer Reaktion, die unweigerlich diesem Scherz folgen müsste, doch die blieb aus. Schlimmer noch! Stern zog missbilligend die Augenbrauen hoch, machte am Absatz kehrt und verschwand in der schwatzenden Menge. Jedoch tauchte er von dort nach nur wenigen Augenblicken wieder auf, bahnte sich mittels Ellbogentechnik den Weg zurück und fragte: »Wo ist das Pfarramt?«
»Dort lang!« Plattlbauer deutete in die entgegengesetzte Richtung.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, marschierte der Chefinspektor an Plattlbauer und Grünbrecht vorbei, alles und jeden verfluchend, und ohne zu bemerken, dass ihm eine Schlange Auskunftswilliger wie bei einer Bierzeltpolonaise folgte.
2. Kapitel
Vor dem Pfarramt holten Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht und Revierinspektor Josef Plattlbauer den Chefinspektor endlich ein. Plattlbauer öffnete die Tür und hielt sie für die Kriminalbeamten auf. Stern schritt wortlos an ihm vorüber, doch Grünbrecht bedankte sich bei ihm mit einem Lächeln, worauf Plattlbauers Gesichtszüge sich freudig erhellten. Um davon abzulenken, wies er die Liebenauer, die ihnen bis hierher gefolgt waren, um eine Aussage zu machen, an, sie mögen doch bitte draußen warten, bis man sie riefe, und schob anschließend aus einer Abstellkammer einen Tisch und zwei Stühle in den Pfarrsaal. Das alles platzierte er in der Mitte im vorderen Bereich und sagte, als er sein Werk begutachtete: »Das muss als Provisorium für die Vernehmungen reichen.« Dabei schielte er zu Grünbrecht hinüber, deren dunkelbraune Locken im Nacken wie junge Kitze hin und her hüpften. Als ihre haselnussbraunen Augen sich mit den seinen trafen, wandte er den Blick ab und rückte noch einmal die Stühle zurecht, was aber völlig überflüssig war.
»Gut, Plattlbauer. Jetzt bringen Sie mir Papier und einen Stift, denn ein Aufnahmegerät wird es ja wohl nicht geben …«, unterbrach Stern, ohne es mitzubekommen, das Balzverhalten des ländlichen Kollegen, und setzte sich an den Tisch.
»Nein, aber auf der Dienststelle in Weitersfelden haben wir eines. Soll ich es herbringen lassen?«
»Ja, machen Sie das! Und dann bitten Sie einen nach dem anderen zu uns herein«, wies Stern ihn weiter an.
Während Plattlbauer der Anweisung Folge leistete, lehnte sich Grünbrecht hinter ihrem Chef nahe dem Fenster an die Wand und murmelte, als die erste Zeugin eintrat: »Jetzt bin ich aber gespannt.«
»Mein Name ist Herta Bachmeier. Ich bin … ich war die Pfarrersköchin«, stellte sich die etwa 1,50 Meter große Frau den Kriminalbeamten vor, die allein durch ihre Erscheinung Sterns Bild von bei der Kirche beschäftigten Personen gehörig durcheinanderwirbelte. Ihre kurzen, rot gefärbten Haare standen wirr vom Kopf ab und bildeten einen starken Kontrast zu ihrem blassen Teint. Ihr grell pink geschminkter Mund biss sich mit dem Orange ihres T-Shirts. Der Rest steckte in einem Jeansrock und rosa geblümten Leggings. Über dem Ganzen trug die Pfarrersköchin eine rote ärmellose Weste mit schwarzen Fransen am Saum. Der Chefinspektor hatte bislang gedacht, Pfarrersköchinnen wären graue alte Jungfern, gekleidet in schwarzen Röcken und beigen Blusen. Dass er mit diesem Vorurteil gewaltig irrte, zeugte die vor ihm sitzende, ungefähr 35 Lenze zählende Frau, die alles andere als langweilig zu sein schien. Zumindest nicht, was ihre Kleidung anbelangte.
»Frau Bachmeier, können Sie sich vorstellen, warum der Pfarrer, also Ihr Chef, ermordet worden ist?«, fragte Stern bemüht, sein Erstaunen wegen des schillernden Aussehens seines Gegenübers nicht durchscheinen zu lassen.
»Nicht im Geringsten. Der Pfarrer ist …« Die Frau brach ab und räusperte sich. »Er war ein herzensguter Mensch. Er hat keiner Fliege etwas zuleide getan, in seinem ganzen Leben nicht. So ein lieber Mensch, wissen S’? Wenn alle so wären, wie unser Herr Pfarrer es g’wesen ist, dann wäre die Welt eine viel bessere. Und glauben S’ mir, die hat das auch dringend nötig bei dem, was man so alles im Fernsehen sieht!« Herta Bachmeier schüttelte den Kopf.
»Ja, ja, das Fernsehen. Man soll aber nicht alles glauben, was man im Fernsehen sieht, Frau … äh.«
»Bachmeier. Herta Bachmeier.«
»Ja, Frau Bachmeier. Kommen wir zurück zum Pfarrer: Hat er Feinde gehabt?«, versuchte Stern, etwas für den Fall Relevantes aus der Frau herauszubekommen, und fand, dass die Farbkombination Rosa mit Orange und Rot sogar seinen für Mode äußerst unausgeprägten Sinn störte.
»Nein, Herr Inspektor, er hat gewiss keine Feinde gehabt. Ich hab Ihnen doch schon gesagt, dass er ein ganz lieber Mann gewesen ist. So einer hat keine Feinde.«
Für Stern war die Sache klar: Entweder wollte die Frau nichts Schlechtes über ihren toten Chef sagen, oder sie empfand den Dahingeschiedenen als tatsächlich so, wie sie behauptete. Um sich ein Urteil über den Priester bilden zu können, war es aber zu früh. Schließlich standen sie noch ganz am Anfang mit ihren Vernehmungen.
»Gibt es sonst etwas, das Sie uns über den Pfarrer erzählen möchten?«, mischte sich Grünbrecht ein. Die dick mit Kajal umrandeten Augen der Pfarrersköchin wanderten in ihre Richtung und blieben an ihr haften.
»Ich hatte da so ein Gefühl …«, begann sie zu erzählen und tippte sich dabei auf die Brust. Schon allein, wie sie es sagte, verkrampfte sich Sterns Magen. Er hasste Gefühle in Mordfällen, er brauchte Fakten, Fakten und nochmals Fakten.
»Ein Gefühl?«, wiederholte er argwöhnisch.
»Ja, als hätte ich es gespürt, dass etwas Schlimmes passieren wird.«
»Spüren Sie so etwas denn öfter?«, hakte Grünbrecht nach, worauf ihr Stern einen finsteren Blick zuwarf. Die Gruppeninspektorin wusste, was ihr Chef von Äußerungen über Gefühle hielt, und wollte schneller sein als er, bevor er die Vernehmung abbräche und die Zeugin hinausschicken konnte.
»Nun ja …« Die Frau suchte offenbar nach den richtigen Worten. »Ach, vergessen Sie’s!«, sagte sie dann und stand auf.
»Aber bleiben Sie doch …«
»Danke, Frau Bachmeier«, fiel Stern Grünbrecht ins Wort. »Und wenn Sie rausgehen, schicken Sie uns bitte den Nächsten herein.« Stern war erleichtert, dass ihm die Gefühlsduselei der Frau erspart blieb.
»Also ich hätte schon gern gewusst, was sie uns zu sagen versucht hat«, meinte Grünbrecht, als die Frau den Pfarrsaal verlassen hatte.
»Sie haben doch gehört, dass sie selber gesagt hat, dass wir es vergessen sollen. Sie wollte halt nicht mehr darüber reden, warum auch immer.«
»Weil Sie gleich so abwehrend reagiert haben«, warf Grünbrecht ihrem Chef vor.
»Hab ich doch gar nicht! Aber wahrscheinlich hat die gute Frau selber erkannt, dass ihre Aussage für die Aufklärung des Falls nicht relevant ist. Wenn sie über Gefühle reden will, soll sie zu einem Psychiater gehen. Wir haben einen Mord aufzuklären.«
Die Tür ging auf und der nächste Zeuge marschierte herein, streckte dem Chefinspektor die Hand entgegen und tippte sich an Grünbrecht gewandt als Gruß an den Hut. Er trug eine Lederhose, ein rot-weiß kariertes Hemd und brachte mindestens 30 Kilo zu viel auf die Waage, die meisten davon vorne an seinem Bauch. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – war er eine stattliche Erscheinung. Selbstbewusst setzte er sich auf den Stuhl, der unter seinem Gewicht ächzte, was jeder im Raum aber ignorierte.
»Ihr Name?«, fragte Stern.
»Siegfried Bauer.«
»Herr Bauer, was können Sie uns über den Pfarrer sagen?«
»Ja mei, recht viel net«, antwortete der Mann und steckte beide Daumen in den Bund der Lederhose. Die Hände ruhten dabei auf seinem Bauch wie bei einer Schwangeren.
»Aber Sie sind doch extra hergekommen, um auszusagen?« Stern war verwirrt.
»Ja, schon.« Der Mann hingegen war die Ruhe selbst. Sein Blick wanderte zwischen Stern und Grünbrecht hin und her, und es schien, als wartete er auf etwas.
»Und … was bedeutet dann dieses recht viel nicht?« Nun begann dieses Aus-der-Nase-Ziehen, wenn es denn überhaupt etwas aus der Nase zu ziehen gab. Außerdem knurrte Sterns Magen. Die Geduld des Chefinspektors wurde hart auf die Probe gestellt.
»Ja mei, er war halt unser Pfarrer«, sagte der Zeuge gelassen.
»Aber wissen Sie auch, warum er sterben hat müssen, Ihr Herr Pfarrer? Haben Sie irgendeinen Hinweis für uns?«
»Ja mei, keine Ahnung. Dafür seid’s doch ihr da, oder? Das ist ganz klar Aufgabe der Polizei!«
Stern stieß hörbar die Luft aus. Er musste sich zusammenreißen, um dem vor ihm sitzenden Mann nicht gehörig die Meinung zu sagen. Er befürchtete jedoch, dass der erst die Vorhut war und draußen vor der Tür noch viel Schlimmeres auf ihn wartete.
»Und warum sind Sie dann zur Vernehmung gekommen?«, fragte nun Grünbrecht, da sie spürte, dass Stern einen Augenblick benötigte, um sich zu sammeln.
»Ja, mei. Ich wollt mir das halt mal so ansehen, wie ihr das so macht. Sonst kennt man das ja nur aus dem Fernsehen, von den vielen Krimis. Und das mal live zu sehen, ist halt doch ganz etwas anderes.«
»Danke, der Nächste bitte!«, komplimentierte Stern den Mann hinaus. Siegfried Bauer erhob sich, straffte seine Lederhose mit einem gezielten Griff unter die Hosenträger und schlurfte aus dem Pfarrsaal. Stern starrte ihm verärgert hinterher und einer kleinen, alten Frau mit grünem Kopftuch entgegen.
»Rosa Hintersteiner«, stellte die sich vor.
»Sehr schön, Frau Hintersteiner. Was können Sie uns über den Pfarrer alles erzählen?«
»Pst!«, machte die Frau.
Stern war verblüfft. Schon wieder. »Was meinen Sie mit Pst?«, fragte er.
Die Frau lockte ihn mit ihrem knöchrigen Zeigefinger näher zu kommen wie einst die Hexe aus Hänsel und Gretel. Stern beschlich ein mulmiges Gefühl. Er fürchtete zwar nicht, in einen Käfig gesperrt zu werden, schließlich war er derjenige, der andere wegsperrte, aber das Verhalten der Frau war dennoch ein wenig unheimlich. Er beugte sich nach vorne, um zu verstehen, was die Frau gleich sagen würde, und auch Grünbrecht trat näher an den Tisch heran.
»Ich kann doch nicht in Gegenwart unseres Herrn schlecht über unseren Herrn Pfarrer reden«, flüsterte die Frau nahe Sterns Ohr. Anschließend deutete sie hinter Stern und Grünbrechts Rücken, wo an der Wand ein Kruzifix hing.
»Aber … aber das ist doch nur …« Der Chefinspektor brach ab, überlegte kurz und änderte die Taktik. »Sollen wir es abnehmen?«
Die Frau nickte, sagte aber kein Wort.
Grünbrecht ging zur Wand, nahm das Kreuz ab und legte es in die Kammer seitwärts des Pfarrsaals. Bestimmt kamen sie so schneller an ihr Ziel, dachte Stern und auch, dass es keinen Sinn machte, über Dinge wie Aberglaube zu diskutieren. Anschließend war die Frau tatsächlich bereit zu reden, und Stern und Grünbrecht waren überrascht, was sie zu hören bekamen.
»Also, der Herr Pfarrer ist ein ganz Schlimmer!«, begann Rosa Hintersteiner zu berichten. »Der hält sich selber nicht an die Zehn Gebote, obwohl predigen tut er sie jeden Sonntag, und das ganz eindringlich! Zehn Ave-Maria hab ich jedes Mal beten müssen, wenn ich zu ihm beichten gegangen bin. Und selber? Pah!« Die Frau verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die verdeutlichte, was sie von dem Priester hielt.
»Von welchem der Zehn Gebote reden wir denn hier, Frau Hintersteiner?«, fragte Stern neugierig. Endlich schienen sie auf eine Spur gestoßen zu sein.
»Von allen, Herr Hauptkommissar! Von allen!«
»Chefinspektor«, korrigierte Stern die aufgebrachte Rosa Hintersteiner. »Kommissare gibt es nur in Deutschland. In Österreich sagen wir Inspektoren.«
»Das ist mir wurscht, Herr Hauptkommissar. Ich nenne Sie, wie S’ wollen, meinetwillen auch Inspektor. Viel wichtiger ist, dass Sie endlich etwas gegen den Pfarrer unternehmen. Verhaften S’ ihn! Das ist nämlich ganz ein Schlimmer, wissen S’!«
Stern zog die Augenbrauen hoch und überlegte, ob er die Frau tatsächlich richtig verstanden hatte. Sie verlangte doch allen Ernstes, dass er einen Toten verhaften solle!
»Aber der Pfarrer ist doch tot«, erwiderte er, während seine Verwirrung den Höhepunkt erreichte und jene der alten Frau sich in erkennbare Erleichterung verwandelte.
»Tot ist er, sagen S’? Na dann ist’s ja gut. Jetzt hat er sich vor unserem Herrn zu verantworten.« Rosa Hintersteiner stand auf und wandte sich zum Gehen.
»Warten Sie! Was hat er denn so Schlimmes angestellt, der Herr Pfarrer, dass wir ihn hätten verhaften müssen?«, fragte Stern rasch.
»Über Tote soll man nicht schlecht reden, Wissen S’ denn gar nichts?«, erwiderte die alte Dame und sah den Chefinspektor tadelnd an. Der war zu überrascht, als dass er darauf etwas hätte sagen können. Etwas Ordentliches und kein Fluchen. Bis er sich allerdings wieder gefangen hatte, war Rosa Hintersteiner zur Tür hinaus.
»Was war das denn eben?«, fragte Grünbrecht.
Stern schüttelte den Kopf. »Wenn das so weitergeht, können Sie mich am Ende der Vernehmungen in ein Irrenhaus bringen.«
»Dann sind wir mal gespannt, wer als Nächstes kommt.« Die Gruppeninspektorin holte einen Stuhl aus der Abstellkammer und setzte sich damit neben ihren Chef. Anscheinend dachte sie, dass er seelischen Beistand benötigte. Na gut, das tat er auch. Irgendwie. Er wusste nur noch nicht, ob seine Kollegin die Richtige dafür war.
Der nächste Auskunftswillige war der örtliche Bäcker. Er überraschte die Kriminalbeamten nicht nur mit mitgebrachten frischen Semmeln, welche er ihnen zu Beginn feierlich überreichte und deren Duft Stern sofort in die Nase kroch, dass sich der Speichel in seinem Mund nur so ansammelte, sondern auch mit einem Gerücht: »Man hört ja, dass ein Vampir der Täter g’wesen sein soll.«
»Ein Vampir?«, wiederholte Grünbrecht eine Spur zu laut und lachte, um zu verdeutlichen, wie absurd das war.
»Ja, wegen der Bissmale am Hals.« Der Bäcker deutete mit der Hand auf seinen eigenen Hals, wo er die Wundmale vermutete, und Stern wünschte den geschwätzigen Revierinspektor sonst wohin.
»Von wem haben Sie das denn, das mit den Bissmalen?«, fragte er dennoch und legte die Semmel schweren Herzens auf den Tisch. Er würde sie später essen, jetzt musste er erst mal das mit den Vampiren, und dass Plattlbauer es überall herumerzählte, verdauen. Dann überlegte er, ob er das Kreuz, das Grünbrecht vorhin abgenommen hatte, zurück an die Wand hängen sollte. Sozusagen als Abwehr gegen Vampire und das abergläubische Volk.
»Der Plattlbauer hat es mir erzählt. Er hat die Leich ja g’sehen, wie sie da auf dem Altar g’legen ist«, bestätigte der Bäcker Sterns Vermutung. Er seufzte und nahm sich vor, sich den Revierinspektor gehörig zur Brust zu nehmen. Der konnte doch nicht einfach durch die Gegend laufen und Details vom Fall ausplaudern!
»Jetzt hören Sie mal, wir wissen noch nicht, womit der Pfarrer ermordet worden ist. Aber eines wissen wir genau, nämlich, dass es keine Vampire gibt, weder hier in Liebenau noch sonst wo. Außer Sie meinen jene, die sich neue Steuern einfallen lassen und damit den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Das sind die echten Blutsauger, um die sollten Sie sich Gedanken machen, wenn Sie das nächste Mal zur Wahlurne pilgern.« Mit diesen Worten entließ Stern den Bäcker, nicht aber ohne sich vorher noch einmal für die frischen Semmeln zu bedanken.
Die Schlange der Redewilligen vor dem Pfarrhaus riss nicht ab. Liebenau schien ein gesprächiger Ort zu sein. Bis kurz vor 23:00 Uhr saßen Stern und Grünbrecht im provisorischen Vernehmungsraum im Pfarrsaal und hörten sich an, was die Liebenauer über ihren toten Pfarrer zu erzählen bereit waren. Resümierend konnte sich Stern kein zufriedenstellendes Urteil über den Priester bilden. Weder war er besonders beliebt gewesen, noch hatte man ihn gehasst. Er war kein Engel gewesen, aber auch keine Ausgeburt des Teufels. Ein Mensch mit Fehlern halt, so wie jeder andere auch, nur eben im Priestergewand. Also hatte Stern nichts außer der Gewissheit, dass die Küche beim Brücklwirt bestimmt schon geschlossen hatte und sein Magen vorsorglich zu revolutionieren begann. Die Semmeln des Bäckers hatten er und Grünbrecht bereits vor Stunden verzehrt.
Als die Kirchenuhr elfmal schlug, stieß Stern die Tür in die Gaststube des Brücklwirts auf. Rauch quoll ihnen entgegen, so dick, dass Stern im ersten Moment dachte, er müsste die Feuerwehr alarmieren. Von rauchfreien Zonen, wie sie in der Stadt längst üblich waren, hatte man in Liebenau wohl noch nie etwas gehört. Kurz kam es ihm in den Sinn, die Kollegen der Gewerbebehörde zu informieren, wollte aber, wenn sie doch etwas zu essen bekämen, über diesen Verstoß hinwegsehen. Außerdem hing an der Wand ein großer Flachbildfernseher. Bestimmt hatten die Fußballbegeisterten das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft angesehen. Nun aber war es vorbei, und es liefen Nachrichten, die niemanden zu interessieren schienen. Der Ton war sogar so weit zurückgedreht, dass man nur die sich bewegenden Münder der Sprecher sah und Lippen lesen können müsste, um zu verstehen, was sie sagten.
»Na, der Herr Hauptkommissar und seine Kollegin«, begrüßte ihn die Wirtin, als wären er und Grünbrecht tagtäglich hier. Die Frau hatte ausladende Hüften und in ein Dirndl eingequetschte Brüste, die aus ihrer Bluse zu springen drohten. Sie stand hinter dem Tresen und zapfte mehrere Halbe.
»Chefinspektor«, korrigierte Stern zum wiederholten Mal. Diese ganzen deutschen Krimi-Fernsehserien waren schuld daran, dass alle ihn mit Kommissar ansprachen.
»Na, wenn S’ meinen«, sagte die Wirtin gelassen. Die Liebenauer schienen sich für korrekte Berufsbezeichnungen nicht zu interessieren. Kommissar oder Inspektor? Was machte das schon für einen Unterschied, dachten sie bestimmt, Hauptsache, er fand den Mörder ihres Pfarrers. Die Wirtin nahm zwei Schlüssel vom Haken und überreichte einen Stern. Den anderen hielt sie Grünbrecht hin. »Ihre Zimmer!« Anschließend stellte sie eine frisch gezapfte Halbe vor Stern am Tresen ab und fragte Grünbrecht: »Wollen S’ ein Glaserl Veltliner haben?«
»Ich hab doch noch gar nichts bestellt«, wies Stern die Frau auf diesen Umstand hin und deutete auf das Glas vor ihm, gefüllt mit goldgelbem Weizen. Anscheinend konnte die Frau bis in seine Seele blicken, dachte er.
»Sie beide sehen aber aus, als könnten S’ das jetzt gebrauchen. Geht aufs Haus. Übrigens, ich bin die Miezi Brückl. Haben S’ denn kein Gepäck?«
»Oskar Stern, und das ist meine Kollegin …« Der Chefinspektor deutete auf Grünbrecht, die sich selber vorstellte und der Wirtin die Hand reichte.
»Mara Grünbrecht.«
»Das Gepäck ist noch im Wagen. Wir wollten zuerst mal sehen, ob Sie überhaupt zwei Zimmer für uns haben.«
»Aber natürlich«, verkündete die Wirtin. Ihre Augen blitzten vergnügt, und Stern fragte sich, wie man um diese Uhrzeit bloß so gute Laune versprühen konnte. »Einer Ihrer Kollegen aus Linz hat das schon arrangiert, als wir noch gar nicht g’wusst haben, was überhaupt los ist.« Die Brücklwirtin füllte ein Glas mit Veltliner und stellte es vor Grünbrecht auf den Tresen.
»Oh, nein danke! Wenn ich den jetzt trinke, dann …« Grünbrecht machte eine Handbewegung, die verdeutlichte, dass sie auf leeren Magen keinen Alkohol vertrug.
Stern hingegen griff nach dem Bier, das verführerisch golden im Schein der Barbeleuchtung leuchtete. Er nahm einen Schluck und blickte sich in der Gaststube um. Hier war es eigentlich ganz gemütlich, vom Zigarettenqualm mal abgesehen. Am Stammtisch saß eine Runde hiesigen Urgesteins. Stern prostete den Männern zu, da die ihn und Grünbrecht von ihren Plätzen aus wie bei einer bäuerlichen Tierbeschau das Vieh musterten.
»Wollen S’ was essen? Einen Schweinsbraten hätt ich noch!«, fragte die Wirtin. »Rein in die Mikrowelle, und schon ist er dampfend heiß.«
»Nein danke, um diese Zeit nicht mehr«, wehrte Grünbrecht ab und sagte zu ihrem Chef. »Wenn Sie jetzt etwas essen, legt sich jedes Gramm doppelt an.«
Stern hatte ein paar Kilos zu viel um die Hüften, das wusste er. Aber dass Grünbrecht ihm gleich das Essen verbot, ging nun doch zu weit. Natürlich hatte sie recht, obwohl so ein Schweinsbraten sehr verlockend war, musste er zugeben und sich zusammenreißen, um nicht doch noch schwach zu werden. Das Gebrumme in seinem Magen war dabei nicht sonderlich hilfreich, dieser Versuchung zu widerstehen.
»Ich geh jetzt ins Bett«, verkündete Grünbrecht.
»Ja, machen Sie nur.« Stern nahm einen kräftigen Schluck, der auch den Magen füllte, so hoffte er.
»Ich brauche die Autoschlüssel, um das Gepäck zu holen.« Grünbrecht hielt Stern die offene Hand hin. Der suchte in seinen Taschen nach dem Schlüssel und überreichte ihn ihr.
»Ich stelle Ihr Gepäck vor die Tür der Gaststube«, sagte Grünbrecht.
»Ist gut. Ich trinke rasch mein Bier aus.« Stern deutete auf das Glas, das vor ihm stand, und überlegte immer noch, ob er nicht doch das Angebot wegen des Schweinsbratens annehmen sollte.
»Gute Nacht, Chef!« Grünbrecht wandte sich ab und verließ die Gaststube.
»Gute Nacht«, brummte Stern und nahm einen weiteren Schluck. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er so durstig war. Langsam beruhigte sich sein Magen. Scheinbar war der froh, zu dieser späten Stunde überhaupt noch etwas zu kriegen. Mit dem Handrücken wischte er den Schaum über seiner Oberlippe weg.
»Haben S’ schon was rausg’funden?«, rief einer der Männer vom Stammtisch zu Stern herüber. Ein langer, grau melierter Bart und eine grüne Jacke ließen den Mann aussehen wie einen Förster aus einem Heimatfilm.
»Wer will das wissen?«, fragte Stern eine Spur zu provokant, packte dennoch seine Halbe und ging zu dem Stammtisch hinüber. Er konnte sich nicht erinnern, einen der hier sitzenden Männer im Pfarrsaal bei den Vernehmungen gesehen zu haben. Dabei wusste Stern, dass der Tratsch im Wirtshaus ausführlicher lief als jener auf der Straße. Da gab es ausnahmsweise keinen Unterschied zwischen Stadt und Land. Das war überall gleich.
»Der Hartmeier Georg will das wiss’n«, kam es postwendend zurück.
»Nun, Hartmeier Georg, ich weiß genug, um mir ein Bild über den Pfarrer zu machen«, log Stern. »Wer ihn gemocht hat und wer nicht, wer was von ihm gehalten und wer ihn verteufelt hat. Wie steht es da mit Ihnen?« Stern blieb vor der Stammtischrunde stehen und blickte die Männer der Reihe nach an.
»Mit mir? Ich hab ihn gar nicht richtig g’kannt«, sagte Hartmeier und grinste.
»Sie müss’n wissen, Herr Chefinspektor, dass sich der Hartmeier kein einziges Mal in der Kirche hat blicken lassen«, erklärte ein anderer aus der geselligen Runde. »Nicht einmal beim Begräbnis seiner Mutter ist er dort g’wesen, und das will was heißen!« Der Mann hob sein Glas und prostete zuerst dem Hartmeier Georg und dann dem Chefinspektor zu. Die anderen taten es ihm gleich. Daraufhin setzte Stille ein, da alle aus ihren Gläsern tranken.
»Und warum nicht, wenn ich fragen darf?«, hakte Stern nach, als alle ihre Biergläser auf den Tisch gestellt hatten.
»Das erzähl ich Ihnen, wenn Sie sich zu uns setzen«, schlug Hartmeier vor. »Einen Chefinspektor von der Kripo hab’n wir schließlich nicht alle Tage bei uns.«
Die Männer rückten zusammen und machten für den Chefinspektor Platz. Der schob seinen Hintern auf die Bank und wartete auf die Fortsetzung der Hartmeier-Kirchengeschichte.
»Das ganze heilige Zeug ist nix für mich. Aber ich glaub, der Pfarrer ist trotzdem kein schlechter Kerl g’wesen.« Hartmeier war plötzlich ernst geworden. Die anderen Männer nickten zustimmend.
»Und er hat gar nicht so übel Karten g’spielt!«, meinte ein anderer.
»Ja, er hat auch ganz schön was vertragen, sag ich Ihnen. Schnaps, meine ich.« Wieder nickten alle.
»Wer könnte Ihrer Meinung nach einen Grund gehabt haben, den Pfarrer zu ermorden?«, wollte Stern wissen. Wie es aussah, erfuhr er von dieser gesprächigen Runde in fünf Minuten mehr als vom restlichen Dorf die halbe Nacht über, und das auch noch mit einem Glas Bier in der Hand. Doch auf seine zuletzt gestellte Frage antworteten die Männer mit ratlosem Blick.
»Wenn Sie so frag’n: keiner«, behauptete Hartmeier. »Unser Pfarrer hat die Frömmigkeit ja regelrecht im Blut g’habt. So einen ermordet man nicht, nur weil einem grad danach ist. Da muss was ganz Schlimmes vorgefall’n sein.«
»Was könnte das denn gewesen sein?«, bohrte Stern nach.
»Um was geht es denn immer? Um Geld, oder?« Der Mann, der dies sagte, schlug mit der Faust auf den Tisch.
»Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«
»Der Biermann Karl«, antwortete der Faustschläger und erklärte, dass sich sein Bruder eben von seiner Frau hatte scheiden lassen und dabei nicht nur Haus, sondern auch jeden Cent verloren hatte. Eine Blutsaugerin sei seine Schwägerin gewesen, meinte er, genauso wie der Mörder des Pfarrers, der dem armen Gottesmann laut dem Bericht des Revierinspektors jeden einzelnen Tropfen Blut ausgesaugt hatte. Und sein Bruder hätte wegen der ganzen Schweinerei wieder bei null anfangen müssen, oder bei weniger als null, wobei die Stammtischrunde sich nicht ganz einig war, wo die Skala dafür anzusetzen war. Daraufhin genehmigte sich der Biermann Karl mehrere kräftige Züge des herben Gebräus, als wären es sein Haus und sein Geld gewesen, das bei der Scheidung flöten gegangen war. Als er das Glas geleert hatte, winkte er die Wirtin herbei, um nachzutanken.
»Aber so ein Pfarrer hat doch gar kein Geld«, mutmaßte ein anderer. »Also kann es nicht ums Geld gegangen sein.«
»Vielleicht ist er ja wegen einer Frau um’bracht worden?«, stellte ein anderer diese These in den Raum. Daraufhin brach schallendes Gelächter aus. »Was? Habt ihr noch nie was davon g’hört, dass auch Priester nur Männer sind und ihre Liebschaften pflegen? Ist doch nicht einmal so selten!«
»Aber doch nicht unser Pfarrer«, entgegnete Hartmeier entschieden.
»Warum denn nicht? Stille Wässer sind bekanntlich tief, sicher auch so ein Weihwasser wie der Pfarrer.«
Daraufhin herrschte für einen Augenblick Schweigen. Die Biertischrunde schien sich die Möglichkeit, dass ihr Pfarrer eine Geliebte gehabt haben könnte, durch den Kopf gehen zu lassen. Man las ja viel in den Zeitungen, dass die Kirchenleute gar nicht so fromm waren, wie sie behaupteten, und dass einige von ihnen ein aufregenderes Sexleben führten als so mancher brave Familienvater. Aber der Liebenauer Pfarrer?
»Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen«, beendete Biermann seine Überlegungen und begoss diese Erkenntnis mit einem kräftigen Schluck aus seinem Glas. Danach wischte er mit dem Ärmel über seinen Mund und erhob sich mit den Worten: »Für heut’ hab ich genug!« Er legte einen 20-Euro-Schein auf den Tisch und verließ das Gasthaus.
»Wenn es nicht ums Geld geht und auch nicht um die Liebe, dann geht es um Macht«, ließ Hartmeier aufhorchen.
»Wie meinen Sie das? Welche Macht soll ein Pfarrer denn haben?« Stern wartete gespannt auf die Antwort des Hartmeiers.
»Unterschätzen S’ das nicht, Herr Chefinspektor. So ein Pfarrer kennt alle Sünden von den Leuten. Schließlich rennen auch alle zu ihm beichten wie die Viecher zum Futtertrog. Da ist sicher das eine oder andere dabei, aus dem man Kapital schlagen könnte. Natürlich nur, wenn man das auch will! Aber funktionieren täte das schon, da bin ich mir ganz sicher.«
»Spielen Sie auf etwas Bestimmtes an?« Stern hoffte, endlich auf einen konkreten Hinweis zu stoßen. Dieses an den Haaren herbeigezogene Verdächtigen des Nachbarn, weil der einem nicht zum Gesicht stand und man ihm endlich eins auswischen konnte, oder das von Rache geprägte Denunzieren der Nachbarin, weil die am Sonntagvormittag lieber in die Rostbar pilgerte als in die Kirche, hatte er sich schon den ganzen Nachmittag über anhören müssen. Davon hatte er genug.
»Nein, nichts Bestimmtes. Ich sitze ja nicht im Beichtstuhl auf dem Schoß vom Pfarrer.« Georg Hartmeier grinste. »Aber interessant wär’s schon. Da würden wir gern ein Mäuschen sein wollen, gell?«
»Also nichts Bestimmtes«, wiederholte Stern enttäuscht.
»Fragen S’ doch mal die Herta, die Pfarrersköchin«, schlug Hartmeier noch immer grinsend vor.
»Die Herta Bachmeier? Etwa die mit den roten Haaren?«
»Ja, genau die meine ich. Die Frau ist ein Unikat.«
»Wohl eher ein Ungeheuer!«, schrie einer der Männer grölend heraus.
»Mit der hab ich schon gesprochen.« Stern erinnerte sich genau an das Gespräch, welches ihm aber auch nicht weitergeholfen hatte.
»Und? Was hat sie g’sagt, die Herta?«
»Dass der Pfarrer ein lieber Mensch gewesen ist und sie keine Ahnung hat, wer ihm das angetan haben könnte.«
»Sonst nix?« Hartmeier blieb hartnäckig.
»Nein, sonst nichts.«
»Da müssen S’ aber noch mal ran, Herr Chefinspektor. Die Herta Bachmeier weiß alles, was es in Liebenau zu wissen gibt, auch, welche Unterwäsche Sie gerade tragen.« Da waren sich die Männer ausnahmsweise mal einig und nickten zustimmend.
»Na, dann werde ich das morgen noch mal tun«, sagte Stern, bedankte sich für den Tipp mit der Pfarrersköchin, trank sein Bier aus und verabschiedete sich von der geselligen Runde. Es war ein langer Tag gewesen, und er war hundemüde.
Grünbrecht hatte seine Reisetasche vor der Tür der Gaststube abgestellt. Er hatte nur wenige Sachen eingepackt, da er ja gehofft hatte, dass sie in ein paar Tagen den Fall aufgeklärt hätten. Wenn er sich da nur mal nicht täuschte! Die Liebenauer schienen zwar ein geselliges Völkchen zu sein, aber wenn es um einen aus ihren Reihen ging, hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel.
Stern nahm die Reisetasche und machte sich damit auf die Suche nach seinem Zimmer. Die Treppe hinauf und dann links, hatte die Wirtin gesagt und auch, dass er und Grünbrecht die schönsten Gästezimmer bekommen hätten. Zwischen den Zeilen glaubte Stern herausgehört zu haben, dass das Gasthaus nicht voll belegt war, da das im Ort befindliche Hotel dem Brücklwirt gehörig Konkurrenz machte und immer wieder Gäste wegschnappte. Gerade im Sommer kamen viele Touristen nach Liebenau, um in einer völlig intakten Natur zu wandern und die Ruhe und die gute Luft zu genießen. Das Ortszentrum war das höchstgelegene in ganz Oberösterreich, und mit seinen 76 Quadratkilometern war Liebenau die größte Gemeinde im Mühlviertel. Doch der wahre Anziehungsmagnet für die Menschen stellte das Tannermoor dar, welches zu den größten Latschenhochmooren Österreichs zählte und mit einem Reichtum an seltenen Pflanzen und Tieren aufwarten konnte. Das alles hatte Stern aus den Zeugenaussagen im Pfarrsaal erfahren, nur nicht, wer den Priester ermordet haben könnte.
Vor der Tür mit der Nummer Sieben angelangt steckte er den Schlüssel ins Schloss, drückte die Klinke nach unten und betrat das Zimmer. Möbel aus hellem Holz empfingen ihn sowie ein mindestens 43 Zoll großer Flachbildfernseher. Da hatte der Dienststellenleiter ausnahmsweise einmal recht gehabt, als er Stern prophezeit hatte, dass es ihm in Liebenau nicht an Fernsehgeräten mangeln würde. Den Boden zierte ein roter Teppich, und ebenso farbige Vorhänge säumten seitwärts das Fenster, das einen Blick hinaus auf Liebenau gewährte. Das Zimmer strahlte Gemütlichkeit aus, fand Stern, und wäre nicht der Mord an dem Pfarrer, so könnte er sich hier durchaus wohlfühlen. Er warf rasch einen Blick in das Badezimmer, welches weiß gefliest war und ziemlich neu aussah. Dicke rote Handtücher lagen in einem schmalen Regal, und ein frischer Duft drang aus einem unter dem Spiegel stehenden Potpourri aus getrockneten Obstschalen und Blütenblättern.
Stern stellte die Reisetasche neben dem Bett ab. Indem er mit dem jeweils anderen Fuß auf seine Fersen stieg, schlüpfte er aus den Schuhen und ließ sich rücklings in das Bett fallen. Die Decke raschelte und würde es ihm schwermachen einzuschlafen. Am Nachttisch lag eine Bibel. Dieser ungewollte Fingerzeig auf den Mord am Pfarrer entlockte Stern einen tiefen Seufzer. Am Kopfpolster war mittig eine Schokoladenpraline platziert, ein gern gesehener Willkommensgruß, gerade heute, wo Sterns Magen lediglich mit Bier gefüllt war und er noch immer Hunger verspürte. Er nahm die Schokolade und löste sie aus dem Papier. Dann steckte er sie in den Mund und ließ sie auf der Zunge zergehen. Grünbrechts Aussage, dass sich zu dieser Zeit jedes Gramm, das man verzehrte, doppelt um die Hüften anlegte, fiel ihm wieder ein. Aber wie viel wog schon so eine Praline? Zwei Gramm. Oder waren es fünf? Bestimmt war ihr Gewicht kaum der Rede wert.
Nachdem die süße Verführung Sterns Gaumen passiert und die Speiseröhre hinuntergerutscht war, kreisten seine Gedanken wieder um den Mord. Es quälte ihn, dass sie noch keine handfesten Hinweise hatten. Es schien, als säßen er und Grünbrecht für längere Zeit in Liebenau fest, wenn nicht etwas Unvorhersehbares geschah. Dass dieses Unvorhersehbare längst geschehen war, wusste er natürlich nicht.
3. Kapitel
Am nächsten Morgen saßen Stern und Grünbrecht in der Gaststube des Brücklwirts und frühstückten. Während Stern drei Semmeln mit Butter und Marmelade auf seinen Teller lud, pickte Grünbrecht, wie erwartet, ein paar Körner aus einer Müslischüssel. Der Chefinspektor hatte schlecht geschlafen. Ihm hatte der Straßenlärm, der ihn in seiner Wohnung in der Linzer Herrenstraße jede Nacht sanft in den Schlaf lullte, gefehlt. Hier war es in der Nacht mucksmäuschenstill. Kein einziger Laut war zu hören gewesen, außer dem Knistern des Bettzeugs. Nun saß er übelgelaunt am Frühstückstisch, woran auch die zweite Tasse Kaffee nichts ändern konnte, während Grünbrecht heiter an ihrem Kräutertee nippte. In solchen Situationen spürte er, dass der Zahn des Alterns an ihm nagte und er nicht mehr ganz so fit und belastbar war wie früher.
»Wir müssen noch mal mit der Pfarrersköchin reden«, sagte er mit vollem Mund.
»Mit dieser Herta Bachmeier?« Grünbrecht blickte kurz von ihrem Haferflockengemisch auf.
Stern nickte, ließ aber keine weitere Erklärung folgen.
»Wollen Sie jetzt doch wissen, welche Gefühle sie gehabt hat, die sie uns eventuell hätte erzählen wollen«, stichelte Grünbrecht und nahm einen weiteren Schluck von ihrem Tee.
»Die Männer von der Stammtischrunde haben gestern gemeint, dass sie alles wüsste, was es in Liebenau zu wissen gibt«, erklärte Stern seine Absichten, ohne auf die Anspielung von Grünbrecht wegen der Gefühle der Pfarrersköchin einzugehen. »Das impliziert auch Fakten rund um den Tod des Pfarrers.«
»Sie haben sich also mit der hiesigen Stammtischrunde angefreundet«, schlussfolgerte Grünbrecht.
»Angefreundet ist zu viel gesagt, aber man kann ja nie wissen, für was das gut ist, wenn man Kontakte in der Bevölkerung knüpft.« Stern biss in die Semmel, die dick mit Butter und Marmelade bestrichen war, und genoss die Süße des Aufstriches. Das üppige Frühstück entschädigte ihn für den schlechten Schlaf.
»Dann holen wir die Bachmeier halt noch einmal zur Vernehmung her.« Grünbrecht trank den Rest ihres Tees aus und stellte die Tasse zurück auf den Tisch. Dann zog sie ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer des Revierinspektors.
»Plattlbauer!«, meldete der sich nach dem ersten Läuten.
»Guten Morgen, Herr Kollege, hier ist Mara Grünbrecht. Bitte bringen Sie uns doch die Pfarrersköchin zur Vernehmung ins Pfarramt, sagen wir in zehn Minuten?«
Stern bekam große Augen. Eine Semmel lag noch unberührt auf seinem Teller, und er beabsichtigte, sie auf jeden Fall zu verspeisen. Was wusste er schon, wann er das nächste Mal etwas zu essen bekäme? Aber ob er das in der kurzen Zeit schaffte und dann schon im Pfarramt anwesend war, wenn die Bachmeier eintraf, konnte er nicht sagen.
»Gut, dann bis nachher.« Die Gruppeninspektorin beendete das Telefonat und sah Stern an.
»Was?«, fragte er. Ihm war zwar Grünbrechts durchdringender Blick aufgefallen, dennoch wollte er sein Frühstück nicht halb aufgegessen zurücklassen.
»Wir müssen gehen«, erinnerte Grünbrecht ihn an das eben geführte Telefonat mit dem Revierinspektor.
»Ich bin auch gleich fertig.« Stern schob die letzten Reste der zweiten Semmel in seinen Mund.
»Wir haben keine Zeit mehr, Chef. Plattlbauer bringt die Pfarrersköchin in zehn Minuten ins Pfarramt. Außerdem haben Sie eh schon zwei von denen verdrückt.« Grünbrecht deutete auf das letzte verbliebene Gebäck auf Sterns Teller. In ihrer Stimme lag Tadel. Sie stand vom Tisch auf und blieb daneben stehen. Hastig schnitt Stern die Semmel in der Mitte auf, klatschte Butter und Marmelade hinein, trank nebenbei seinen Kaffee aus und legte dann das Oberteil des Gebäcks auf das Unterteil. Wenn dieser Fall in Liebenau noch länger dauerte und er mit Grünbrecht hier zusammen festsaß, würde er bald ein paar Kilos weniger auf den Rippen haben, dachte er wehmütig, wenngleich das seiner Figur nicht schaden würde. Er griff nach der Semmel und verzehrte sie auf dem Weg ins Pfarrhaus.
Als sie durch Liebenau gingen, fiel ihm die Ruhe auf, die heute herrschte. Der Trubel vom Vortag hatte sich aufgelöst. Ein paar Liebenauer standen am Straßenrand und unterhielten sich, wahrscheinlich über den Mord an dem Pfarrer. Stern hatte nicht den Eindruck, dass sie anschließend gestresst weiterhetzen würden, wie es in der Stadt oftmals der Fall war, da man noch rasch dieses und jenes zu erledigen hatte. Die Menschen hier nahmen sich Zeit, um miteinander zu plaudern, auch wenn sie nur den neuesten Tratsch verbreiteten. Desgleichen rollten die Autos gemächlich durch den Ort, als käme niemand zu spät zur Arbeit. Keiner hupte, keine Reifen quietschten. Alle waren freundlich und grüßten einander. Nicht so wie in der Stadt, wo jeder den Kopf wie eine Galapagos-Schildkröte einzog, um vorzugaukeln, man hätte den jeweils anderen nicht gesehen. Manch einer wechselte sogar die Straßenseite, um sicherzugehen, dass auch der andere einen nicht bemerkte. Nicht aber so in Liebenau. Das hier war ein gemütlicher Ort, und die Liebenauer waren scheinbar gemütliche Leute.
»Kommen Sie nun?«, riss Grünbrecht Stern aus seinen Beobachtungen. Er war stehen geblieben, ohne dass es ihm aufgefallen war. Grünbrecht hingegen legte wie gewohnt die typische Umtriebigkeit eines Kriminalbeamten an den Tag, dachte er und ließ den Rest der Frühstückssemmel in seinem Mund verschwinden. Dann folgte er seiner Kollegin.
»Guten Morgen, Herr Chefinspektor!« Dieser freundliche Gruß wurde ihm von einem ihm unbekannten Mann mit Hut und Trachtenhemd mitten auf der Straße entgegengebracht. Auch das war am Land anders. In der Stadt käme niemand auf die Idee, einen völlig fremden Menschen, der einem auf der Linzer Landstraße, Linz’ größter Einkaufsmeile, zufällig über den Weg lief, zu grüßen.
Stern erwiderte den Gruß, was der Mann zum Anlass nahm, ihm auch noch seine von der Arbeit raue Hand entgegenzustrecken und zu fragen, ob es denn schon etwas Neues im Fall des ermordeten Priesters gäbe. Stern ließ sich seine Überraschung nicht anmerken.
»Nein, aber die Ermittlungen haben ja gerade erst begonnen«, antwortete er zurückhaltend. »Darf ich fragen, wer Sie sind?«
»Natürlich, entschuldigen Sie. Ich bin der Ecklbauer. Mir gehört eine Landwirtschaft in Liebenau, gleich dort hinten.« Der Mann deutete Richtung Süden.
»In welcher Beziehung standen Sie zum Pfarrer?«
»Ich bin in die Kirch g’angen, wenn S’ das meinen.«
»Näher kannten Sie den Pfarrer nicht?«
»Bei der Taufe unserer Kinder – da ist er natürlich auch dabei g’wesen.«
»Wann ist das gewesen?« Stern zog seinen Notizblock heraus, um die Fakten aufzuschreiben, die er erwartete, gleich zu hören.
»Vor zehn und zwölf Jahren.«
Stern starrte den Mann einen Augenblick an. »Ist das alles?«
Der Mann nickte. Stern steckte den Block unbeschrieben weg.
»Nach der Kirche am Sonntag, da hört man so einiges. Da reden die Leut miteinander. Fragen S’ mal den Fleischer! Der kann Ihnen vielleicht weiterhelfen.« Der Mann tippte sich zum Abschied an die Hutkrempe und schlenderte weiter.
»Der Fleischer … hm.« Stern zog seinen Notizblock erneut aus der Tasche und schrieb Fleischer darauf, damit dort zumindest irgendetwas stand. Und Ecklbauer schrieb er auch. Ein übrigens sonderbarer Mann, der ihn angesprochen hatte, um einen anderen Spieler auf dem Brett zu positionieren. Aber wahrscheinlich war auch das, wie das ganze andere Zeug, das die Liebenauer bis jetzt zu Protokoll gegeben hatten, für den Fall bedeutungslos.
Stern blickte dem Ecklbauer hinterher und ging dann weiter zum Pfarramt, wo Grünbrecht vor der Tür auf ihn wartete. Gemeinsam betraten sie den provisorischen Vernehmungsraum, wo Revierinspektor Plattlbauer hinter dem Schreibtisch Platz genommen hatte und aufsprang, als er die Kriminalbeamten eintreten sah. Vor dem Tisch auf einem Stuhl saß die Pfarrersköchin. Sie präsentierte sich heute in einem weiteren schrillen Outfit. Ihre Beine steckten in einer giftgrünen Hose, darüber schlapperte eine mindestens um drei Nummern zu große lilafarbene Weste. Darunter trug sie ein rotes T-Shirt mit einer schwarzen Katze auf der Brust. Die Frau passte so überhaupt nicht in diese ländliche Gegend, dachte Stern, und sie passte auch nicht in sein Bild einer Pfarrersköchin. In der Stadt, da fände sie schon ihresgleichen. Aber hier in Liebenau erregte sie bestimmt mehr Aufsehen, als so manchem lieb sein dürfte.
»Guten Morgen«, sagte der Chefinspektor und nahm auf dem Stuhl Platz, auf dem zuvor der Revierinspektor gesessen hatte. Die Sitzfläche war sogar noch warm, fiel ihm auf, und er warf dem ländlichen Kollegen einen maßregelnden Blick zu. Der stellte sich sogleich neben Grünbrecht, als wollte er salutieren, und verschränkte im Rücken die Hände.
»Frau Bachmeier«, begann Stern mit der Befragung. »Sie sind ja die Pfarrersköchin.«
»Ich war die Pfarrersköchin«, stellte Herta Bachmeier richtig. »Wie es aussieht, bin ich jetzt nur noch Köchin.« Ein gequältes Lächeln umrahmte ihre leuchtend rot geschminkten Lippen.
»Sie haben mir bei unserem ersten Treffen nicht alles gesagt«, kam Stern gleich zur Sache.
»Wahrscheinlich haben Sie mir nicht die richtigen Fragen gestellt«, konterte die Frau. Ihre stark mit schwarzem Kajal umrandeten Augen blickten Stern herausfordernd an. Anscheinend wirkte seine ansonsten bei Otto Normalverbraucher oftmals Angst einflößende Erscheinung bei ihr nicht. Stern nahm sich vor, diese Frau genauer zu durchleuchten. Hatte sie ihn bei ihrem ersten Zusammentreffen noch glauben lassen, dass sie die naive Köchin des Pfarrers wäre, so hatte die Stammtischrunde behauptet, dass sie alles wüsste, was es in Liebenau zu wissen gab. Demnach standen die Chancen gut, dass sie auch die Geheimnisse ihres Chefs kannte. Und unter diesem schrillen Outfit könnte ja durchaus eine Mörderin stecken, fand Stern, dem ohnehin alles von der Norm Abweichende suspekt war.
»Dann stelle ich heute hoffentlich die richtigen Fragen«, sagte er schroff.
»Was wollen S’ denn wissen?«, fragte die Bachmeier kokett. Sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
»Alles, was erwähnenswert ist. Aber vor allem, ob Ihnen jemand einfällt, der dem Pfarrer das angetan haben könnte.«
Herta Bachmeier blickte auf ihre knallrot lackierten Fingernägel und schien zu überlegen, was sie den Inspektoren anvertrauen wollte.
»Hören Sie, wir werden hier nicht eher rausgehen, bevor Sie nicht meine Fragen beantwortet haben«, stellte Stern klar. »Hatte der Pfarrer irgendwelche Feinde?«
»Also, wenn Sie mich fragen, sollten Sie im Wirtshaus nach dem Täter suchen.«
»Beim Brücklwirt?« Stern war über diese Antwort überrascht. Ein interessanter Schlagabtausch zwischen der Stammtischrunde und der Pfarrersköchin schien sich anzubahnen.
»Ja, beim Brücklwirt.«
»Warum?«
»Alle Mannsbilder gehen doch ins Wirtshaus, so auch der Pfarrer. Und seit einem halben Jahr ist er sogar mehr, als für ihn gut gewesen ist, dorthin gegangen, mindestens jeden zweiten Tag, manches Mal sogar jeden Tag.« Auf der Stirn der Pfarrersköchin bildeten sich missbilligende Falten.
»Was hat er dort gemacht? Hat er sich mit jemandem getroffen?«
Die Frau überlegte kurz, bevor sie antwortete: »Warum geht man denn in ein Wirtshaus? Natürlich, um sich mit jemandem zu treffen. Sich bloß ansaufen könnte man daheim auch.«
»Ich hab gemeint, ob der Pfarrer sich mit jemand Bestimmtem getroffen hat?«, führte Stern näher aus.
»Das weiß ich doch nicht! Ich hab ihn nicht g’fragt.«
»Aber gefallen hat es Ihnen auch nicht.«
»Ein Pfarrer, der ständig im Wirtshaus sitzt … Wem gefällt so etwas schon? Mir nicht, das können S’ mir glauben.«
»Und wie ist der Pfarrer so als Chef gewesen?«, mischte sich Grünbrecht in die Befragung ein. Sie hatte sich dezent im Hintergrund gehalten, wollte aber auch diese Seite der Pfarrer- und Pfarrersköchin-Beziehung durchleuchten.
»Ganz okay, würde ich meinen.«
»Und mit Ihrem … Erscheinungsbild …«, Stern deutete auf die bunten Klamotten der Frau, »hat er kein Problem gehabt?«
»Nein, das ist ihm egal gewesen. Für die Leute, die anders sind und anders denken, hat er schon immer ein offenes Ohr gehabt.« Die Frau strich eine Falte in ihrer Weste gerade und lächelte. Wahrscheinlich dachte sie an so manche Begebenheiten mit dem Pfarrer in dieser Angelegenheit.
»Sein offenes Ohr für solche Dinge hat ihm doch sicher ein paar Kritiker eingebracht.«
Das Lächeln aus dem Gesicht der Pfarrersköchin verschwand. »Davon weiß ich nichts. Mir gegenüber hat er nie etwas erwähnt, dass irgendjemandem das nicht gepasst hätte.«
»Hat der Pfarrer möglicherweise ein Alkoholproblem gehabt?«, fragte Grünbrecht.
»Ist doch irgendwie naheliegend, oder? Wenn einer plötzlich ständig ins Wirtshaus pilgert.« Die Pfarrersköchin redete nicht weiter, aber es war ihr anzusehen, was sie davon hielt.
In diesem Augenblick läutete Sterns Handy. Normalerweise schaltete er es während einer Vernehmung ab, aber hier in Liebenau hatte er nicht damit gerechnet, dass ihn überhaupt ein Anruf erreichen würde, wegen möglicherweise fehlender Handymasten.
»Entschuldigen Sie bitte«, sagte er und blickte auf das Handy. Dominik Weber, der Gerichtsmediziner. Da musste er rangehen. Er stand auf und wischte gleichzeitig über das Display.
»Grüß dich, Weber. Was gibt’s?« Er stellte sich ein wenig abseits, um ungestört telefonieren zu können.
»Grüß dich, Stern. Recht viel Neues gibt es nicht, aber der Pfarrer ist tatsächlich verblutet, so wie ich es dir schon gesagt habe, und zwar durch die Ruptur seiner Halsschlagader. Ein Einstich mit einem spitzen Gegenstand hat sie perforiert, sodass es eine Weile gedauert hat, bis es zum tödlichen Blutverlust gekommen ist. Die beiden Einstiche liegen circa dreieinhalb Zentimeter auseinander, aber nur einer hat die Schlagader erwischt. Der Mörder hat sein Opfer vorher betäubt und demnach ein leichtes Spiel gehabt. Außerdem hat dadurch das Herz weiterhin geschlagen, und das Blut wurde bis zum Exitus aus der Wunde gepumpt, deshalb auch die ganze Schweinerei am Tatort. Der Verlust von eineinhalb Litern Blut führt zu Durst- und Schwächegefühl, die Atmung beschleunigt sich, der Betroffene verspürt Angst. Ich kann nicht sagen, ob unser Opfer davon etwas mitbekommen hat, wir haben Ketamin in seinem Körper gefunden, und das nicht zu wenig. Mit zwei Litern Blutverlust fühlt man sich dann schon verwirrt, schwindelig und verliert schließlich das Bewusstsein. Wenn zu jener Zeit keine Hilfe kommt, erfolgt der Zusammenbruch des Blutkreislaufes.«
»Und die Tatwaffe?«
»Ein langer, spitzer Gegenstand wie eine dünne Stricknadel, ein Stichel, Schraubenzieher, eine Kanüle, etwas in der Art.«
»Stricknadeln und Schraubenzieher gibt es doch in jedem Haushalt. Das schränkt den Täterkreis nicht besonders ein.«
»Nein, da hast du recht. Aber es könnte auch ein Vampir gewesen sein.« Der Gerichtsmediziner lachte am anderen Ende der Leitung.
Stern verdrehte die Augen. »Danke dir trotzdem, Weber.« Dann legte er auf.
»Ich besitze keinen Schraubenzieher, nur Stricknadeln«, sagte Herta Bachmeier wie beiläufig. Sie hatte jedes Wort mitgehört, obwohl Stern während des Telefonats ein paar Schritte zur Seite getreten war. »Aber ich bin mir sicher, dass irgendwo im Pfarrhaus auch ein Schraubenzieher zu finden sein wird. Vielleicht sogar zwei.«
»Dann können wir Sie als Täterin leider nicht ausschließen«, antwortete Stern und wartete gespannt auf die Reaktion der Pfarrersköchin. Die hielt ihm die Hände entgegen und sagte: »Dann sperren S’ mich halt ein! Und Sie kommen gleich mit, weil S’ das Kreuz gestohlen haben.«
»Welches Kreuz?« Stern war verwirrt und sah zuerst die Bachmeier und dann Grünbrecht an. Die zuckte mit den Schultern. Und Plattlbauer hatte sowieso keine Ahnung, was gerade los war.
»Na, das einmal dort hinten an der Wand gehangen hat!« Herta Bachmeier deutete auf die Mauer hinter den Kripobeamten, wo ein heller Fleck in Form eines Kreuzes zu sehen war. Anscheinend hatte das Kreuz viele Jahre dort gehangen, ohne dass es jemand abgenommen hatte. Zumindest, bis sie hier aufgetaucht waren.
»Warum denken Sie, dass wir das Kreuz gestohlen haben?«, hakte Grünbrecht nach.
»Das hat mir die Hintersteinerin erzählt«, kicherte die Bachmeier. »Und Sie wissen schon, dass das unser Herr Jesus Christus ist, Sie Atheisten, Sie! Den kann man nicht einfach verschwinden lassen, nur weil er nicht mehr an der Wand hinter einem hängt. Der sieht dich überall, ganz egal, wo man selber steckt und wo man das Kruzifix hinlegt. Wissen S’ denn gar nichts? Wie wollen S’ dann bloß diesen schlimmen Mord aufklären?« Ratlos blickte Herta Bachmeier unter ihren stark getuschten Wimpern von Stern zu Grünbrecht. Beinahe sah es aus, als hätte sie Mitleid mit den Kripobeamten, die offenbar glaubten, wenn man das Kreuz von der Wand nahm, verschwände auch Jesus. »Wissen S’ was, ich helfe Ihnen!«
Wieder läutete Sterns Handy.
»Wie es aussieht, schaffen S’ das alleine ja sowieso nicht. Außerdem brauchen S’ eine Sekretärin, sonst bringen S’ außer ständig zu telefonieren und Kreuze abzunehmen gar nix zustande«, meckerte die Bachmeier, bevor Stern das Gespräch annehmen konnte. Er starrte auf den hellen Fleck an der Wand und hoffte, dass, wenn es einen Gott gab, ihn der von dieser Frau, die sich gerade zu einer Nervensäge entwickelte, befreien würde.
»Stern!«, brüllte er in das Handy, als träge der Anrufer die Schuld an seiner schlechten Laune.
»Bormann hier. Warum brüllen Sie denn so, Stern?« Der Dienststellenleiter dachte bestimmt, dass Stern noch immer sauer auf ihn war, weil er ihn ins tiefste Mühlviertel geschickt hatte. Jedoch hatte sich der Ärger des Chefinspektors beim Anblick der Leiche auf dem Altar in Luft aufgelöst, da er erkannt hatte, dass hier tatsächlich seine Anwesenheit vonnöten war. Grünbrecht hätte den Fall allein niemals übernehmen können, dafür war sie noch nicht lange genug beim LKA, und außerdem konnte er sich die Fußballspiele der Weltmeisterschaft auch später in der Mediathek des österreichischen Fernsehens ansehen.
»Ach, Sie sind es, Chef. Was gibt es denn?« Stern wusste nicht, ob er sich über den Anruf des Dienststellenleiters freuen sollte oder nicht. Einerseits musste er sich für ein paar Augenblicke nicht mit der Pfarrersköchin abgeben, das machte jetzt Grünbrecht, andererseits bedeutete es nichts Gutes, wenn Bormann persönlich anrief. Bestimmt erkundigte er sich nicht nach seinem Wohlbefinden. Stern sah erneut Unheil am Horizont heraufziehen.
»Wir haben einen zweiten Mord«, ließ Bormann auch schon die Bombe platzen.
»Einen zweiten Mord?«, wiederholte Stern unwillkürlich. Grünbrecht und Herta Bachmeier verstummten. Beide spitzten die Ohren wie Deutsche Schäferhunde. Der Chefinspektor war sich dessen bewusst und verließ den Pfarrsaal. Grünbrecht eilte ihm hinterher. Auf dem Weg zur Tür fragte er: »Wo?«
»Hier in Linz, genauer gesagt im Bergschlösslpark.«
»Gut, wir kommen!«
»Und Stern!«
»Ja?«
»Der Tote ist ein angesehener Weinhändler aus Linz. Er versorgt viele namhafte Restaurants in der Hauptstadt, und hochgestellte Persönlichkeiten aus der hiesigen High Society kaufen bei ihm ihre Weine.«
Die unterschwellige Botschaft des Dienststellenleiters, den Fall diskret zu behandeln, war bei Stern angekommen. »Okay.«
»Da ist noch etwas.« Bormanns Stimme am anderen Ende der Leitung wurde leiser, kam Stern vor.
»Was?«, hakte er nach.
»Er ist auf ähnliche Weise ermordet worden wie der Pfarrer.«
»Wie der Pfarrer in Liebenau?«, wiederholte Stern ungläubig, da er sich nicht vorstellen konnte, wie ein Mord in der provinziellen Abgeschiedenheit mit einem in der Stadt zusammenhängen konnte.
»Natürlich der Pfarrer in Liebenau, Stern. So viele tote Priester haben wir im Augenblick nicht im Angebot.«
»Gibt es konkrete Hinweise, dass die Morde zusammenhängen?«, hakte Stern nach.
»Sie meinen, außer der Todesart? Noch zu früh, um das zu sagen. Aber möglich wäre es schon.«
»Gut, wir sind unterwegs.« Stern beendete das Telefonat und ging zurück in den Pfarrsaal. Er würde Grünbrecht später instruieren. Jetzt war Eile geboten. Wenn es um eine höhergestellte Persönlichkeit ging, kannte sein Chef kein Pardon. Da musste alles wie am Schnürchen laufen.
»Das mit der Sekretärin hab ich durchaus ernst gemeint, Herr Chefinspektor. Und ich … ich wäre jetzt ja frei. Eine Pfarrersköchin ist ohne einen Pfarrer wohl überflüssig. Und Sie sehen aus, als wenn Sie ein wenig Unterstützung brauchen könnten.« Die Stimme der Bachmeier war plötzlich ganz anders als vorhin, so nett und hilfsbereit, was natürlich Sterns Misstrauen weckte.
»Dann halten Sie die Ohren offen, solange wir weg sind. Wir müssen nämlich nach Linz«, sagte er dennoch.
»Noch eine Leiche. Ich hab ja mitgehört.«
Stern nickte. Zu leugnen hatte ohnedies keinen Sinn.
»Bevor S’ aber gehen, geben S’ mir unseren Herrn Jesus Christus zurück. Als gute Christin kann ich den ja wohl nicht in Ihren Händen lassen. Am Ende wird der auch noch in den Mordfall hineingezogen.« Die Pfarrersköchin zwinkerte Stern und Grünbrecht zu. Plattlbauer stand daneben und grinste.
»Dieser Mord geschah vor 2.000 Jahren. Den müssen wir nicht mehr aufklären«, konterte Stern nun seinerseits geschickt, was die Pfarrersköchin zwar respektvoll nicken, aber keinesfalls verstummen ließ.
»Den Mörder hat man zwar gekannt, aber hinter Gitter hat der nie müssen. So etwas soll uns in Liebenau nicht passieren.« Herta Bachmeier stand auf und raffte die Weste vor ihren Brüsten zusammen.
»Glauben Sie mir. Wir werden unser Bestes tun, damit genau das nicht geschieht. Wo waren Sie eigentlich in der Mordnacht?«, fragte Stern nach dem Alibi der Pfarrersköchin, was die jedoch nicht aus der Fassung brachte. Sie schien die Vernehmung sogar zu genießen, als dass sie dadurch Angst bekäme. Wahrscheinlich lag das daran, dass sonst nicht recht viel los war in Liebenau, und nur für den Pfarrer zu kochen und ihm den Haushalt zu führen war halt auch nicht sonderlich herausfordernd für eine Frau wie die Herta Bachmeier, dachte Stern.
»Ich? Na, wo ich immer bin: zu Hause auf meiner Couch. Alleine, wenn Sie es genau wissen wollen, weil die Liebenauer lauter Schlappschwänze sind. An mich traut sich keiner ran. Ich bräuchte einen feschen Städter, so wie Sie einer sind.« Herta Bachmeier klimperte mit ihren langen Wimpern, wandte sich ab und tänzelte Po wackelnd aus dem Pfarrsaal.
Grünbrecht sah Stern belustigt an. »Die flirtet mit Ihnen, Chef.«
»Ach was«, winkte Stern ab. »Für so etwas habe ich nichts übrig. Ich könnte ihr Vater sein.« Stern deutete zur Tür, durch die Herta Bachmeier eben entschwunden war. Doch das war nicht der wahre Grund, warum Stern nichts davon hören wollte, dass die Pfarrersköchin mit ihm geflirtet haben sollte. Sie erinnerte ihn durch ihren blassen Teint, die grelle Schminke und die bunten Klamotten doch sehr an eine Hexe. Vampire und Hexen in Liebenau! Er schüttelte ob dieses Gedankens amüsiert den Kopf und steckte seinen Notizblock ein, auf dem immer noch nicht viel geschrieben stand. Aber er war gespannt, welche Fabelwesen ihn in Linz erwarteten.
»Plattlbauer! Sie halten hier die Stellung!«
4. Kapitel
Die Kriminalbeamten rollten mit dem Audi die Mühlviertler Hügel hinauf und hinab, während Stern seine Kollegin über den neuen Mord in Linz in Kenntnis setzte. Erst als sie auf die S10 auffuhren, drückte Stern den Fuß ein wenig mehr auf das Gaspedal, sodass es nach Grünbrechts Dünken nicht mehr lächerlich aussah, wenn er das Blaulicht auf das Dach klemmte und es einschaltete. Zuvor hatte Grünbrecht es ihm untersagt mit der Begründung, dass sie sich schämen würde, wenn sie mit der Geschwindigkeit von Touristen, die zu recht die wunderbare Landschaft des hügeligen Mühlviertels bestaunten, mit Folgetonhorn und Blaulicht unterwegs wären.
»Und sonst hat Bormann nichts gesagt?«, hakte Grünbrecht nach, erleichtert, dass es nun schneller voranging.
»Nein, nur dass der Mord im Bergschlösslpark stattgefunden hat und das Opfer auf ähnliche Weise wie der Pfarrer in Liebenau getötet worden ist.«
»Haben wir es mit einem Serientäter zu tun?«
»Um das sagen zu können, ist es noch zu früh.«
Den Rest der Strecke fuhren die Beamten schweigend. Jeder hing seinen Gedanken nach. In der Landeshauptstadt nahm Stern die Abfahrt ins Zentrum und steuerte die Waldeggstraße entlang bis zur Abzweigung in die Ziegeleistraße. Als der Audi die sanfte Ansteigung erklomm, sah Stern rechts vor dem Park ein blaublinkendes Lichtermeer von Einsatzfahrzeugen. Polizei, Rettung und Feuerwehr. Sie alle waren gekommen, um dem Spektakel beizuwohnen.
Der Chefinspektor lenkte den Audi über den Randstein und hielt vor dem Absperrband an. Die uniformierten Kollegen hatten den Park bereits gesichert. Grünbrecht stieg aus und wartete vor dem Wagen auf ihn. Stern schob noch rasch zwei Pfefferminzbonbons in den Mund, klappte die Ablage der Mittelkonsole zu und folgte Grünbrecht.
»Da lang!«, sagte ein Uniformierter, der Stern sofort erkannt hatte. Nicht so wie in Liebenau, wo er sich jedem als Chefinspektor erst hatte ausweisen müssen.
Die Kriminalbeamten stiegen über das Absperrband hinweg und querten den Park, der rund drei Hektar groß war und seit etwa 300 Jahren existierte. Zuvor als private Gartenanlage angelegt, errichteten die Jesuiten im 18. Jahrhundert den ersten botanischen-ökonomischen Garten von Linz. Angeblich beinhaltete sein Baumbestand über 50 verschiedene Baumarten, an denen die Inspektoren jetzt aber vorüberschritten, ohne ihre Vielfalt bewusst wahrzunehmen. Hingegen bemerkte Stern die Gruppe Feuerwehrleute rechts am gekiesten Weg, die sich zuerst angeregt unterhielt, aber verstummte, als sie etwa auf gleicher Höhe angelangt waren. Stern fragte sich, wer sie wohl alarmiert hatte und vor allem, warum? Einen Brand hatte es offensichtlich nicht gegeben.
»Wussten Sie, dass das Bergschlössl im Jahr 1718 für den kaiserlichen Rat Johann Jakob Mäderer von Ehrenreichscron als dessen Residenz erbaut worden ist?«, überraschte Grünbrecht Stern mit ihrem Wissen über das Bergschlössl, das gerade vor ihnen zwischen hohen Parkbäumen in Sichtweite rückte.
»Nein, ich weiß nur, dass es jetzt ein Veranstaltungszentrum ist und man hier heiraten kann«, antwortete Stern mit Blick auf das barocke Gebäude. »Und man kann dort auch gut essen.«
»Aus dem wird heute leider nichts«, resümierte Grünbrecht, als sie eine Menschenansammlung weiter rechts in dem Park entdeckten und darauf zusteuerten. Kollegen der Spurensicherung waren damit beschäftigt, den Tatort zu untersuchen. Uniformierte Beamte durchkämmten jeden Quadratzentimeter des Parks nach etwaigen Spuren. Als Stern und Grünbrecht näherkamen, offenbarte sich ihnen der Grund des Großaufgebotes an Einsatzkräften. Dicht an dem mächtigen Stamm einer alten Esche stand ein Mann, den Kopf nach vorne gebeugt und mit hängenden Schultern. Aus der Entfernung könnte man meinen, er hätte sich nur mal angelehnt, um über das Leben zu sinnieren. Doch je näher die Kriminalbeamten traten, umso klarer wurde, dass der Mann diesen Platz nie mehr verlassen würde. Etwas hielt ihn fest, als verbände ihn mehr mit der Esche als bloß der Tod. Als stützte ihn der Baum, damit er nicht fiel. Jedoch waren weder Ketten noch Seile zu erkennen. Und auch sonst nichts, was den Mann in dieser aufrechten Position sicherte. Stern umrundete das seltsame Konstrukt aus Mensch und Baum, das wie eine moderne, jedoch befremdliche Installation wirkte.
»Wow!«, kommentierte Grünbrecht das Gesehene.
»Wie heißt der Tote?«, fragte Stern den neben der Leiche Dienst tuenden Polizisten. Gleichzeitig sah er sich nach Weber um, ob der Gerichtsmediziner schon da war. Als er ihn nirgendwo entdeckte, überlegte er, ob es denn möglich war, dass Weber schon wieder weg war? Na gut, die Fahrt von Liebenau nach Linz hatte gut eine Stunde gedauert. Möglich wäre es demnach. Na toll, wenn Weber seine Untersuchung tatsächlich schon abgeschlossen hatte, würde er Stern bis in alle Ewigkeiten damit aufziehen, dass er seine Arbeit an einem Tatort erledigt hatte, bevor er, Stern, überhaupt aufgekreuzt war. Der Chefinspektor seufzte und dachte, dass er Grünbrecht hätte fahren lassen sollen.
»Richard Köhlinger«, antwortete der Polizist mit einem Blick auf einen Zettel.
»Der Weinhändler.« Stern erinnerte sich an die Worte seines Vorgesetzten. »Der Linz mit den erlesensten Weinen versorgt.«
»Versorgt hat«, korrigierte Grünbrecht ihn und schrieb den Namen des Opfers auf ihren Notizblock.
Stern antwortete nicht. Er hatte eben entdeckt, was das Unmögliche möglich machte. Was den Toten neben dem Baum aussehen ließ, als schwebte er. Etwas Hölzernes ragte aus seiner Brust, versteckt in einer Hemdfalte. Der Mörder hatte sein Opfer also an den Baum gepfählt. Da aber kein Blut auf dem Hemd und auch nicht am Boden zu sehen war, nahm Stern an, dass der Täter den Pfahl erst durch die Brust seines Opfers gerammt hatte, als es bereits tot gewesen war. Und zu jenem Zweck, um es hier theatralisch zur Schau zu stellen.
Einem Instinkt folgend drehte Stern den Kopf des Opfers ein wenig zur Seite und entdeckte am Hals zwei Einstichmale wie beim Liebenauer Pfarrer. Jedoch gab es einen wesentlichen Unterschied. Während der Pfarrer an Ort und Stelle ausgeblutet war und das Blut sich über den Altar und den Boden ergossen hatte, waren sowohl die Wunden am Hals als auch jene in der Brust des Weinhändlers feinsäuberlich abgewischt worden. Stern glaubte sogar, dass dem Opfer nach der Tat ein frisches Hemd übergestreift worden sein musste, da das Kleidungsstück aussah, als käme es frisch vom Bügeltisch.
»Das hier ist nicht der Tatort. Hier hat man das Opfer lediglich publikumswirksam inszeniert. Sucht die Umgebung nach Blutspuren ab«, wies Stern die uniformierten Kollegen an. »Und noch etwas …« Stern stellte sich ganz dicht an einen Polizisten und fragte ihn mit gedämpfter Stimme: »Ist Weber schon hier gewesen?«
»Der ist unterwegs«, antwortete der Beamte, dem die Aufgabe zukam, die Leiche nicht aus den Augen zu lassen. In einem öffentlichen Park musste man besondere Vorsicht walten lassen, um Leichenfledderern keine Chance zu bieten, auch wenn der Tatort längst abgeriegelt war.
Stern war über diese Antwort mehr als zufrieden und wandte sich wieder der Leiche zu. Solange Weber nicht hier war, mussten sie selber ran.
»Denken Sie auch, dass diese Einstichmale die Todesursache sind?«, fragte Grünbrecht und deutete, nach vorne gebeugt und mit dem Gesicht nur wenige Zentimeter vom Hals des Opfers entfernt, auf die beiden Wundmale, die nicht größer waren als ein entzündeter Insektenstich.
»Der Pfahl hat ihn nicht getötet. Sonst wäre am Hemd rund um die Wunde zumindest ein wenig Blut zu sehen«, erwiderte Stern. Und zu den Kollegen der Spurensicherung sagte er: »Sucht nach etwas Langem, Dünnem, das diese Einstiche am Hals verursacht haben könnte.« Er erinnerte sich an die Worte des Gerichtsmediziners, als sie die Leiche des Pfarrers in Liebenau begutachtet hatten. »Kleine Schraubenzieher, dünne Stricknadeln, Sticheln. Irgendetwas in der Art. Vielleicht haben wir Glück, und der Täter hat die Tatwaffe achtlos ins Gebüsch geworfen.«
»Das könnte doch glatt aus meinem Mund stammen«, ertönte es hinter Sterns Rücken. Dominik Weber kam eben auf sie zu und streifte sich im Gehen ein Paar Plastikhandschuhe über. Den Koffer stellte er vor der Leiche ab und holte ein langes Thermometer heraus. »Wie ich dich kenne, willst du bestimmt gleich wissen, wann er gestorben ist.«
»Wo zum Henker hast du gesteckt?«, ließ Stern keinen Augenblick verstreichen, um dem Gerichtsmediziner dessen Schmach, dass er vor ihm am Tatort gewesen war – übrigens schon wieder – vor Augen zu führen. Dabei schmuggelte sich ein Schuss Schadenfreude in seine Stimme.
»Im Stau. Auf der A7. Genauer gesagt im Bindermichl-Tunnel, weil so ein Brummifahrer ein Auto zur Seite geschoben hat«, rechtfertigte sich Weber verärgert, wahrscheinlich, weil Stern ihn an den Unfall und den damit verbundenen Zeitverlust erinnert hatte. »Und du weißt ja, was dann los ist. Dann geht gar nichts mehr.« Er holte ein Skalpell aus dem Koffer und schnitt eine drei Zentimeter große Öffnung in den Rumpf. Dort schob er das Thermometer in die Leber der Leiche, als wäre sie schuld an seiner Verspätung.
Stern verdrehte die Augen. »Das ist die lausigste Ausrede, die ich je gehört habe. Ich bin von Liebenau hierhergefahren und war trotzdem schneller als du. Du weißt, was das heißt?«
»Dass Grünbrecht gefahren ist?«, witzelte Weber.
»Ah geh!« Nun war Stern es, der genervt abwinkte.
»Wenn ich mich nicht irre, ist das ein Weißdornpfahl«, wechselte Weber das Thema und deutete auf den Holzpfahl in der Brust des Opfers.
Stern sah ihn überrascht an. »Du kennst dich mit Holzarten aus?«
Weber lachte. »Nein! Aber Weißdorn ist dafür bekannt, dass man damit einen Vampir töten kann.«
»Du fängst schon wieder damit an!«, brauste Stern auf.
»Sieh ihn dir doch mal genauer an«, verlangte Weber vom Chefinspektor und deutete auf die beiden Wundmale am Hals des Toten. »Genau wie beim Pfarrer! Was, wenn wir es hier mit einem ganz speziellen Fall zu tun haben? Einem Irren, der denkt, dass er ein Vampir ist?«
»Aber ist es denn nicht eher so, dass man die Vampire mit so einem Weißdornpfahl tötet und nicht der Vampir sein Opfer? Ich sage dir, das hat überhaupt nichts mit Vampiren zu tun. Da macht sich einer lustig über uns«, schnaubte Stern, weil immer wieder diese abstruse Vampirsache auftauchte, und weil es Weber gefiel, ihn damit aufzuziehen.
»Oder der Täter will uns etwas sagen«, zeigte Weber diese Möglichkeit auf.
»Was denn? Dass es Vampire gibt? Du glaubst doch nicht etwa auch an solche Märchen?« Stern sah den Gerichtsmediziner erwartungsvoll an.
»Märchen sind etwas ganz anderes, Stern. Darin kommen Hexen und Feen vor«, erwiderte Weber. Bei der Erwähnung von Hexen musste Stern unweigerlich an Herta Bachmeier, die Pfarrersköchin aus Liebenau, denken. Ihre bunte Erscheinung erinnerte ihn doch sehr an diese Fabelwesen, mit denen man den Kindern aus den unterschiedlichsten Gründen Angst einjagen wollte.
»Das weiß ich schon«, brummte er, »aber ich glaube nicht, dass ich von dir eine Unterweisung in Sachen Literatur brauche, was alles in das Genre Märchen fällt und was nicht. Das ist aus meiner Sicht ohnehin mehr, als du dir vorstellen kannst. Da denk ich doch nur mal an so manche Zeugenaussage, die ich mir in meinem Leben schon habe anhören müssen. Da glaube ich eher an die Existenz deiner Hexen, Feen und Vampire, Weber, als an das, was Zeugen mir manchmal alles weismachen wollen.«
»Ich wollte halt darauf hinweisen, dass uns der Mörder mit der Zurschaustellung des Weinhändlers möglicherweise sagen will, dass er vielleicht ein Blutsauger gewesen ist. Ein Kotzbrocken. Ein Arschloch, auf gut oberösterreichisch«, stellte Weber diese weitere Variante in den Raum.
»Möglich wäre es«, überlegte Stern laut. »Hatte er denn Familie?«
»Eine Frau und einen erwachsenen Sohn«, las Grünbrecht von ihrem Notizblock ab. Diese Information hatte sie von einem der uniformierten Polizisten. »Aber nehmen wir mal an, dass es eine Familientragödie gewesen ist. Wieso sollten die auch den Liebenauer Pfarrer umgebracht haben?«
»Womit wir wieder beim Blutsauger wären«, zeigte Weber auf, dass seine These die wahrscheinlichere war.
»Die Sache hat trotzdem einen Haken«, rüttelte Stern kräftig an Webers Vermutung. »Denn wie passt unser Liebenauer Pfarrer da hinein? Ist der etwa auch ein Blutsauger gewesen? Der hat doch gar nicht die Möglichkeit als Geistlicher in der römisch-katholischen Kirche gehabt, als Blutsauger tätig zu sein. Oder hat er etwa den Opferstock geplündert?«
»Kirche und Geld schließen einander nicht aus«, brachte Weber als Argument vor. »Mancherorts gehen sie sogar Hand in Hand. Da hat es in Deutschland doch mal diesen Bischof gegeben, der gar nicht genug vom Reichtum hat kriegen können und sich eine Luxuswohnung um mehrere Millionen hat errichten lassen. Und denkt an das Mittelalter«, redete sich Weber in Fahrt. »Was die Kirche da an Geldern und Kunstwerken zusammengekarrt hat, ist nicht von schlechten Eltern, sag ich euch!« Mit ausgestrecktem Zeigefinger fuchtelte Weber dozierend in der Luft herum.
»Vielleicht stehen die Toten aber für etwas ganz anderes als den schnöden Mammon«, warf Grünbrecht ein.
»Ich sag’s ja: Vampire!« Weber grinste und zog das Thermometer aus der Leber der Leiche heraus. Noch immer schmunzelnd warf er einen prüfenden Blick auf die Anzeige.
»Keine Vampire!«, sagte Stern eindringlich.
»Was dann?«, fragte der Gerichtsmediziner provokant, und Grünbrecht verdrehte die Augen. Das ständige Hickhack zwischen ihrem Chef und Weber ging ihr langsam auf die Nerven.
»Wenn wir das herausgefunden haben, erfährst du es als Erster, Weber. Zuerst möchte ich von dir wissen, wann unser Toter das Zeitliche gesegnet hat?«, fragte Stern wieder auf die Leiche konzentriert.
»Ich würde sagen, sein Tod liegt mindestens 24 Stunden zurück. Wenn man berücksichtigt, dass es in der letzten Nacht ziemlich abgekühlt hat, vielleicht auch länger. Die Ausprägungen der Totenflecken sprechen dafür. Außerdem löst sich die Leichenstarre an vereinzelten Gliedmaßen.«
»Genauer geht es nicht?«
»Genaueres kann ich dir erst sagen, wenn ich die tatsächlichen Temperaturen, die wir in der vergangenen Nacht gehabt haben, kenne und ihn aufgeschnitten habe. Eines aber ist gewiss: Er ist keinesfalls hier gestorben. Dafür ist an diesem Ort zu wenig Blut. Und er wurde auf dieselbe Weise getötet wie der Pfarrer in Liebenau. Wahrscheinlich hat man ihn betäubt – das müssen wir erst aber noch nachweisen –, dann hat man ihn ausbluten lassen. Erst hernach wurde ihm dieser Dorn in die Brust gerammt, sozusagen als Zeichen einer Pfählung. Er muss gelegen haben, als das Blut aus seinem Körper geronnen ist. An seiner Kleidung ist nichts davon zu sehen.«
»Oder man hat ihm etwas Frisches angezogen«, stellte Grünbrecht diese Möglichkeit in den Raum.
»Auch das ist möglich. Aber wer macht das schon?«
»Jemand, der keine Spuren hinterlassen möchte«, sagte Stern. »Der Täter hat möglicherweise dazugelernt.«
»In der Kirche haben wir eine mordsmäßige Sauerei vorgefunden«, griff Weber Sterns Überlegungen auf. »Überall ist Blut gewesen. Auf dem Pfarrer, am Boden und sogar auf dem Altar. Ich bin mir sicher, dass der Mörder davon etwas abbekommen hat. Aber hier …«, Weber deutete auf die Kleidung des Opfers, »hier ist alles sauber! Ja, ich würde sagen, der Täter hat dazugelernt.«
Stern sah Weber von der Seite her an. Hatte der Gerichtsmediziner ihm eben tatsächlich zugestimmt? Das war ja mal ganz etwas Neues.
»Meint ihr, dass wir es mit einem Serienkiller zu tun haben?«, wiederholte Grünbrecht die Frage, die sie bei der Herfahrt ihrem Chef schon gestellt hatte. Währenddessen sah sie sich die Fingernägel des Opfers genau an, um nach möglichen Abwehrspuren zu suchen.
»Nach den Einstichwunden am Hals zu urteilen kann das leicht möglich sein«, sagte Stern aber dieses Mal.
»Seht euch das hier an!« Grünbrechts Aufmerksamkeit galt nun dem Mund des Opfers. Sie war vor dem Weinhändler in die Knie gesunken und starrte aus dieser Position auf dessen Haupt, welches schlaff nach unten hing. »Ich glaube, da steckt etwas drinnen.«
»Lassen Sie mich mal ran«, forderte der Gerichtsmediziner und drängte die Beamtin zur Seite. Mit einer Pinzette holte er besagtes Etwas aus der Mundhöhle der Leiche. Es war ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Mit seinen behandschuhten Händen faltete er es auseinander.
»Was steht drauf?«, verlangte Stern zu erfahren.
Weber las vor: »Der wahre Erbe der Sünde hüllt sich in den Mantel der undurchdringbaren Zeit.«
»Was zum Kuckuck soll das bedeuten?« Stern blickte fragend in die Runde.
»Keine Ahnung. Ich hab den Sinn von diesem Text nicht wirklich verstanden«, gab Grünbrecht zu.
»Ein Rätsel!«, rief Weber begeistert. »Der Mörder hat Humor.« Aus seinem Koffer holte er eine Plastiktüte, steckte den Zettel hinein und betrachtete ihn von allen Seiten.
»Beim Pfarrer in Liebenau haben wir keine solche Nachricht gefunden, oder?«, wollte Grünbrecht wissen.
»Offenbar ist der Täter da noch nicht so weit gewesen, um uns eine schriftliche Botschaft zu schicken«, schlussfolgerte Stern und nahm Weber die Plastiktüte aus der Hand. »Wie er auch noch nicht so weit gewesen ist, einen sauberen Mord zu begehen. Ich frage mich, was der mit all dem Blut macht, das er seinen Opfern abzapft?«
»Der ist krank, Chef«, war Grünbrecht sich sicher. »Wir sollten ein psychologisches Gutachten anfertigen lassen.«
»Was immer ihr macht, wenn ihr mit dem da fertig seid, schickt ihn mir bitte in die Gerichtsmedizin.« Weber deutete auf den gepfählten Leichnam, ließ seinen Koffer zuschnappen und verabschiedete sich.
»Machen wir, Weber. Pfiat dich!« Stern hob zum Abschied die Hand.
»Was sagen wir der Presse?«, fragte indessen Grünbrecht. Sie blickte Weber nach, wie er den Bergschlösslpark durchquerte und auf das blaublinkende Licht der Einsatzwagen zusteuerte. »Vor dem Park lauern überall Reporter und warten, dass wir ihnen sagen, was hier los ist.«
»Noch sagen wir denen gar nichts«, antwortete Stern. »Das soll Bormann übernehmen, ist schließlich sein Job. Wir müssen den Tatort finden. Am besten, wir durchsuchen die Weinhandlung vom … wie hieß er gleich noch mal?«
Mara Grünbrecht blickte auf ihren Notizblock, wo sie sich den Namen des Opfers vorsorglich notiert hatte, und las ab: »Richard Köhlinger.«
»Also, wir durchsuchen Köhlingers Weinhandlung, seine Wohnung, das Lager und was ihm sonst noch alles gehört hat. Ich will wissen, wo er gestorben ist, und zwar schnell.« Stern schob das eingetütete Stück Papier aus dem Mund des Opfers in seine Brusttasche.
»Und wer redet mit seiner Frau?« Grünbrecht sah wie beiläufig ihren Vorgesetzten an. Das Überbringen von Todesnachrichten wollte niemand übernehmen, denn das Leid der Hinterbliebenen fing im Gegensatz zu jenem der Toten genau erst zu diesem Zeitpunkt an.
Stern seufzte. »Das mache ich. Haben Sie die Adresse?«
»Nein, aber ich frage mal bei den Kollegen nach, die ihn identifiziert haben«, erwiderte Grünbrecht sichtlich erleichtert und ging zu den Polizeibeamten, die als Erste am Tatort gewesen waren.
Indessen nutzte der Chefinspektor die Gelegenheit, sich alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Was hatten sie alles: Einen ermordeten Pfarrer in Liebenau und einen toten Weinhändler mitten in Linz, beide auf ähnliche Weise dahingerafft, wenn man einmal davon absah, dass es in Liebenau eine Mordssauerei am Tatort gegeben hatte und hier der Fundort der Leiche erstens nicht der Tatort und zweitens dieser sauber war.
»Er wohnt in der Ziegeleistraße, nur ein paar Häuser weiter vorne. Es ist ein weißes Gebäude, welches erst vor ein paar Jahren renoviert worden ist«, meldete sich Grünbrecht zurück.
»In die Richtung?«, fragte Stern überrascht.
»Ja, die Kollegen sollen gleich die Wegstrecke bis zu seinem Haus absuchen. Vielleicht finden sie etwas, das auf den eigentlichen Tatort Rückschlüsse ziehen lässt«, kam Grünbrecht ihrem Chef zuvor.
»Machen Sie das«, erwiderte Stern zufrieden. Seine junge Kollegin wusste manchmal schon im Voraus, was er sagen wollte. Das gefiel ihm. Er war froh, dass er sie vor noch nicht allzu langer Zeit ins Landeskriminalamt nach Linz geholt hatte. Er wandte sich ab und machte sich auf den Weg zum Ausgang des Bergschlösslparks.
»Viel Glück, Chef!«, rief Grünbrecht ihm hinterher.
Stern hob die Hand, erwiderte aber nichts. Mit Glück hatte das alles nichts zu tun, dachte er, sondern vielmehr mit Erfahrung und Routine, aber das musste seine junge Kollegin erst noch lernen. Als er die Straße beinahe erreicht hatte, wusste er aber, was Grünbrecht vorhin gemeint hatte. Die Presse! Sie hatte längst Wind von den Morden bekommen und stand versammelt hinter dem Absperrband der Polizei ganz in der Nähe seines Wagens. Es würde ein Spießrutenlauf werden, ihnen zu entwischen, oder vielleicht war es gar unmöglich. Motivierte Männer und Frauen von sämtlichen österreichischen Zeitungen und TV-Sendern warteten darauf, etwas über den Ermittlungsstand zu erfahren, das sie anschließend in ihren Medien berichten konnten. Doch Stern redete nicht gern mit Reportern. Seiner Meinung nach war das die Aufgabe der Pressestelle des Landeskriminalamtes. Um aber aus dem Park zu gelangen, musste er an den mit Mikrofonen und Aufnahmegeräten bewaffneten Journalisten vorbei. Er bog vor den letzten mächtigen Parkbäumen nach rechts ab und querte die Wiese in der Hoffnung, auf diese Weise unentdeckt aus dem Park zu gelangen. Musste er halt zu Fuß zum Haus des Opfers gehen. Aber das war immerhin besser, als die Fragen der Presseleute zu beantworten.
Eine der Journalistinnen sah ihn jedoch mehrere Meter weiter vorne über das Absperrband steigen. Sie kam auf ihn zu gerannt und hielt ihm ein Aufnahmegerät unter die Nase.
»Chefinspektor Stern! Stimmt es, dass es sich hierbei um einen weiteren Vampirmord handelt?«, fragte Eleonore Winkler, die Chefreporterin der OÖ. News. Geschickt heftete sie sich an Sterns Fersen, denn er hatte sich abgewandt und eilte die Ziegeleistraße hinan.
»Stern! Stimmt es, dass der Pfarrer im Mühlviertel in seiner eigenen Kirche auf dem Altar ermordet worden ist?«, rief die Reporterin nun lauter, um Sterns Aufmerksamkeit zu erlangen. Die erhielt sie auch, aber nicht nur seine, sondern auch die der am Absperrband verbliebenen Kollegen. Die reagierten prompt auf ihre Aussage wegen des ungewöhnlichen Orts, an dem der Pfarrer ermordet worden war. Einige von ihnen machten sich eifrig Notizen, andere sprachen in ihre Aufnahmegeräte. Ein paar folgten ihnen die Ziegeleistraße hoch. Es hatte den Anschein, als hatte sich die Art des Todes des Liebenauer Pfarrers doch noch nicht überall herumgesprochen, was Stern nach der Auskunftsfreudigkeit des hiesigen Revierinspektors schon ein wenig wunderte. Aber nun war die Katze wohl endgültig aus dem Sack, und er sah sich genötigt, ein gewichtiges Wort zu sprechen.
»Frau Winkler, Sie müssten es doch eigentlich besser wissen. Ich gebe zu laufenden Ermittlungen keine Kommentare ab, das habe ich noch nie getan und werde heute auch nicht damit anfangen.« Stern war bemüht, die Frau anzulächeln, wenngleich es ein wenig gekünstelt wirkte.
»Chefinspektor Stern, Sie könnten doch nur eine klitzekleine Andeutung machen.« Die Stimme der Frau veränderte sich von zuvor fordernd in zuckersüß. Anscheinend hatte sie ihre Strategie, wie sie am besten zu Informationen gelangen konnte, geändert. Das wiederum empfand Stern als amüsant.
»Nein, Frau Winkler. Wenden Sie sich an die Presseabteilung des Landeskriminalamtes. Das gilt übrigens für alle.« Er drehte sich um und wollte weitergehen, als ihm die Journalistin etwas hinterherrief, das ihn innehalten ließ.
»Wenn Sie mir ein kurzes Interview geben, verrate ich Ihnen etwas über den Pfarrer von Liebenau.«
Diese Nachricht ließ Stern augenblicklich erstarren. Er drehte sich um und fragte: »Was haben Sie da eben gesagt?«
»Sie haben schon richtig gehört! Wenn Sie mir helfen, helfe ich Ihnen. Eine Hand wäscht die andere, so heißt es doch?« Nun war es an Eleonore Winkler zu lächeln, was Stern sofort an eine Spinne denken ließ, die nach vollzogenem Akt das Männchen verspeiste. Andererseits musste er eingestehen, dass die Reporterin in ihrem Job wirklich gut war. In nur kürzester Zeit hatte sie die Zusammenhänge zwischen dem Mord in Liebenau und jenem hier im Bergschlösslpark hergestellt. Er selbst wusste gerade mal wenige Stunden davon.
»Sie wissen schon, dass es verboten ist, den Polizeifunk abzuhören«, schoss er ins Blaue und traf damit voll ins Schwarze.
Winklers Haltung änderte sich kaum. »Sie kennen doch den Spruch: Brave Mädchen kommen in den Himmel und die bösen überall hin.«
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