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Eugene H. Peterson
„Nimm und iss …“
Die Bibel als Lebensmittel
Aus dem Amerikanischen
übersetzt von Evelyn Sternad

Da ging ich zu dem Engel und bat ihn um das kleine Buch. Er antwortete mir: „Nimm das Büchlein, und iss es auf! Es schmeckt süß wie Honig, aber du wirst Magenschmerzen davon bekommen.“ So nahm ich das kleine Buch aus seiner Hand und aß es. Es schmeckte wirklich süß wie Honig; aber dann lag es mir schwer im Magen.
OFFENBARUNG 10,9
Zu diesem Buch
Sie ahnen etwas von der Kraft der Bibel, hätten aber gerne gewusst, was dieses Buch mit Ihrem Alltag zu tun hat?
Eugene H. Peterson fordert heraus, die Bibel auf eine andere Art zu lesen – so dass sie ein Text zum Leben und Wachsen wird, nicht nur um Wissen anzuhäufen oder Regeln zu befolgen. Dabei verleiht er der klugen Art eines bedächtigen Lesens, die sich im Laufe von Jahrhunderten entwickelt hat (Lectio Divina), eine neue Form für unsere Zeit.
„Nimm und iss dieses Buch“ lautet die Aufforderung, die Johannes im biblischen Buch der Offenbarung von einem Engel erhält.
Peterson macht Mut, dieses Buch „zu essen“, in sich aufzunehmen, es zu leben und nicht nur zu lesen – und zwar erfrischend unkonventionell! Denn er ist überzeugt: Gott lädt uns heute noch ein, sein Wort in uns aufzunehmen: „Nimm und iss …“
Über den Autor
Eugene H. Peterson, Jahrgang 1932, gründete 1962 eine presbyterianische Gemeinde in Maryland, USA, die er als Pastor 29 Jahre lang leitete. Von 1993 bis 1998 war er Professor für Spiritual Theology am renommierten Regent College in Vancouver, Kanada. 2002 erschien seine Bibelübersetzung The Message, an der er zehn Jahre gearbeitet hatte.
Gleich ob er die Bibel aus dem Hebräischen und Griechischen übersetzt oder geistliche Bücher schreibt, Eugene H. Peterson geht es dabei um ein Ziel: dass die Heilige Schrift in die Herzen und Hirne, Arme und Beine sowie die Münder der Menschen gelangt.
Peterson ist Autor von über 30 Büchern und erhielt mehrere Ehrendoktortitel. Seine Frau Jan und er haben drei Kinder und sechs Enkel. Heute leben Petersons im Ruhestand in Montana.
Auf Deutsch sind bisher die folgenden Bücher von Eugene H. Peterson erschienen:
•Der verlorene Hirte – Wie Gott geistliche Leiter aus der Wüste führt. Wuppertal 2000 (Originaltitel: Under the unpredictable plant)
•Die Seele geht zu Fuß – Glauben in einer beschleunigten Welt. Meditationen zu Psalmen. Gießen und Basel 2006 (Originaltitel: A long obedience in the same direction)
•Mit den Pferden laufen – Verlockung zu einem leidenschaftlichen Leben. Gießen und Basel 2003 (Originaltitel: Run with the horses)
•Wer den Himmel sucht, muss die Erde lieben – Gott im Alltag finden. Gießen und Basel 2002 (Originaltitel: Leap over a wall)
Impressum
Dieses Buch als E-Book:
ISBN 978-3-86256-746-1, Bestell-Nummer 590 045E
Dieses Buch in gedruckter Form:
ISBN 978-3-86256-045-5, Bestell-Nummer 590 045
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar
Die amerikanische Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel Eat This Book – A Conversation in the Art of Spiritual Reading bei Wm. B. Eerdmans Publishing Co., Michigan/USA
Author is represented by the literary agency of Alive Communications, Inc., 7680 Goddard Street, Suite 200, Colorado Springs, CO 80920, U.S.A. www.alivecom.com
Copyright © 2006 by Eugene H. Peterson
Chapter 1 of this volume is excerpted from The Best Christian Writing 2002, edited by John Wilson. © 2002 HarperCollins Publishers, Inc. Introduction © 2002 Eugene Peterson. Reprinted by permission
Translated into German by permission of Eugene H. Peterson
Bibelzitate, sofern nicht anders angegeben, wurden der Übersetzung Hoffnung für alle© entnommen © 1986, 1996, 2003 by International Bible Society®. Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Lektorat: Lukas Baumann Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbilder: Maglara, Liv Friis Larsen/Shutterstock.com Satz: Neufeld Media, Weißenburg in Bayern
© 2014 Neufeld Verlag Schwarzenfeld
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,
nur mit Genehmigung des Verlages
www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch
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Inhalt
Zu diesem Buch
Über den Autor
Impressum
Vorwort
1.„Die unerhörte Gewohnheit des geistlichen Lesens“
Iss dieses Buch
2.Die Heilige Gemeinschaft am Tisch mit der Heiligen Schrift
3.Die Heilige Schrift als Text: Gottes Offenbarung kennenlernen
Der offenbarende und offenbarte Gott
Die Dreieinigkeit: Es bleibt persönlich
Dem Text die Persönlichkeit nehmen
Die Ersatz-Dreieinigkeit
Hoshia
4.Die Heilige Schrift als Form: Jesus nacheifern
Die Erzählung
Der Satz
5.Die Heilige Schrift als Drehbuch: Wir übernehmen unsere Rolle im Geist
Die unbehagliche Bibel
Die unermessliche Welt der Bibel
Gehorsam
Die Bibel liturgisch lesen
Geistliches Leben virtuos
Lectio Divina
6.Caveat Lector
7.„Ohren hast du mir gegraben“
Lectio
Meditatio
Oratio
Contemplatio
Die Gemeinschaft der Übersetzer
8.„Die Sekretäre Gottes“
Übersetzung ins Aramäische
Übersetzung ins Griechische
Übersetzung ins Amerikanische
9.„The Message“
Oxyrhynchus und Ugarit
Verlust durch Übersetzung
Über den Verlag
Vorwort
An einem Samstag im Oktober holte meine Frau unseren 7-jährigen Enkel von der Holy Nativity Church ab. Hans hatte dort den Unterricht zur Vorbereitung auf seine Erstkommunion besucht. Sie stiegen ins Auto und machten sich auf den Weg zu einem Museum in der Nähe, wo gerade eine Ausstellung für Kinder zum Thema Edelsteine gezeigt wurde. Unterwegs hielten sie an, um in einem kleinen Park zu essen. Während sie auf der Bank saßen und ihre Brote verspeisten, plapperte Hans ohne Unterlass – so ging das bereits, seitdem sie das Kirchengebäude verlassen hatten.
Nachdem alles aufgegessen war – im Fall von Hans ein Brot mit Salat und Mayonnaise, von ihm selbst belegt („Ich versuche mich gesund zu ernähren, Oma“) –, rückte er etwas von seiner Großmutter ab, blickte in den Park hinaus, holte ein Neues Testament aus seinem Rucksack, das er gerade erst vom Gemeindepfarrer bekommen hatte, öffnete es, hielt es sich vor die Augen und fing an zu lesen. Dabei bewegten sich seine Augen in andächtiger, aber für ihn untypischer Stille über die Seiten. Nach einer langen Minute machte er das Buch zu und steckte es wieder in den Rucksack. „Okay, Oma. Ich bin fertig – auf ins Museum.“
Seine Großmutter war beeindruckt und belustigt zugleich, denn Hans kann noch nicht lesen. Er will lesen können. Seine Schwester kann lesen. Und sogar einige seiner Freunde können es, aber Hans kann nicht lesen. Er weiß auch, dass er nicht lesen kann. Und manchmal weist er uns sogar darauf hin: „Ich kann nicht lesen.“ Es scheint dann, als wollte er uns in aller Deutlichkeit sagen, was ihm entgeht.
Wie also „las“ er an diesem Herbstsamstag im Park sein Neues Testament?
Als meine Frau mir später diese Geschichte erzählte, war ich genau wie sie beeindruckt und belustigt zugleich. Aber einige Tage später war diese Geschichte in meiner Vorstellung zu einer Parabel geworden. Ich steckte damals mitten in der Arbeit an diesem Buch, einer intensiven Beschäftigung mit dem geistlichen Lesen, und es fiel mir schwer, mir meine zukünftigen Leser vorzustellen. Vor meinem inneren Auge verschwammen sie zu einer gesichtslosen Masse aus Bibellesern und Nicht-Bibel-Lesern, Bibellehrern und Bibelpredigern. Gibt es ein Hindernis, das uns allen im Weg steht, sobald wir unsere Bibeln in die Hand nehmen und sie öffnen? Ja, meiner Meinung nach schon. Hans hatte es mir gezeigt.
Als ich ungefähr so alt war wie Hans, bin ich ins Bibel-Lese-Geschäft eingestiegen. Zwanzig Jahre später wurde ich Pastor und Professor. Nun beschäftige ich mich seit mehr als fünfzig Jahren beruflich damit, den biblischen Text in die Köpfe und Herzen, Arme und Beine, Ohren und Münder von Männern und Frauen zu befördern. Und es fällt mir nicht leicht. Warum ist das nicht leicht?
Die Erklärung ist einfach. Wenn es um den biblischen Text geht, gibt es eine ganz besondere Herausforderung, nämlich sicherzustellen, dass er gelesen wird. Und zwar zu seinen eigenen Bedingungen: als göttliche Offenbarung. Oberflächlich betrachtet scheint das die einfachste Aufgabe der Welt zu sein. Nach fünf oder sechs Jahren Unterricht, der durch den finanziellen Beitrag von uns allen möglich wird, können die meisten von uns lesen, was in der Bibel steht. Besitzt man selbst keine Bibel und kann man sich auch keine leisten, dann hat man die Möglichkeit, sich in nahezu jedem Hotel des Landes eine zu stehlen. Dabei muss man nicht einmal mit einer Anklage rechnen. Wer wurde in diesem gerechten Land jemals wegen des Diebstahls einer Bibel festgenommen?
Doch scheinbar gibt es inmitten der geschäftigen Betriebsamkeit eines christlichen Lebens viele Aspekte, die vernachlässigt werden. Einer scheint davon aber ganz besonders betroffen zu sein, und er hat mit der Frage zu tun, wie die Bibel gelesen wird. Das heißt nicht, dass Christen keine Bibeln haben oder nicht darin lesen. Auch nicht, dass Christen bezweifeln, dass ihre Bibeln Gottes Wort sind. Was vielmehr zu kurz kommt, ist das prägende Bibellesen. Lesen, um zu leben.
Hans sitzt auf seiner Parkbank. Seine Augen bewegen sich über die Seiten seiner Bibel, er „liest“ und liest doch nicht, er ist ehrfürchtig und andächtig, doch er versteht nichts. Auf eine höchst liebevolle Art gibt er diesem Buch die Ehre, doch ohne das Bewusstsein, dass es irgendetwas zu tun hat mit dem Salat-Mayonnaise-Sandwich, das er gerade gegessen hat oder dem Museum, das er besuchen wird, oder der Gegenwart seiner Großmutter neben ihm. Hans „liest“ seine Bibel. Eine Parabel.
Eine Parabel darüber, wie die Bibel zu einem Objekt entpersönlicht wird, dem man die Ehre erweist; die Bibel, abgekoppelt von Ursache und Wirkung, von Mittagessen und Museum; die Bibel in einem Park, weit entfernt vom Alltag der Straße, ein Text auf einem Podest, abgeschirmt vom Lärm und Dieselgestank der 40-Tonner durch eine weitläufige, gepflegte Rasenfläche.
Es ist das Werk des Teufels, wenn er fortsetzt, was jetzt noch reizend und unschuldig an Hans ist. Hans bleibt dann sein Leben lang ein andächtiger, aber gleichgültiger Leser.
Dem Teufel entgegenzuwirken heißt, meine ich, die Bibel angemessen und sorgfältig zu lesen. Und das bedeutet, dass wir sie gleichzeitig auch leben. Sie zu leben ist dabei nicht die Bedingung für das Lesen und auch nicht dessen Folge. Vielmehr leben wir die Bibel, während wir sie lesen, erleben die Wechselwirkung zwischen Leben und Lesen, Körpersprache und gesprochenem Wort, das Geben und Nehmen, welches das Lesen zum Leben und das Leben zum Lesen macht. Die Bibel lesen und das Wort leben lassen sich nicht voneinander trennen. Vielmehr ist das Lesen ein fester Bestandteil des Lebens. Das bedeutet, dass wir einem anderen ein Mitspracherecht einräumen bei allem, was wir sagen und tun. So einfach ist das. Und so schwer.
KAPITEL 1
„Die unerhörte Gewohnheit des geistlichen Lesens“
Vor vielen Jahren besaß ich einen Hund, der eine Vorliebe für große Knochen hatte. Zu seinem Glück lebten wir damals im bewaldeten Hügelvorland von Montana. Auf seinen Streifzügen durch den Wald fand er oft die Überreste von Weißwedelhirschen, die von Kojoten gerissen worden waren. Wenig später erschien er dann auf unserer Steinterrasse am Seeufer und zog seine Trophäe hinter sich her, für gewöhnlich ein Schenkel oder ein Rippenstück. Er war ein kleiner Hund und der Knochen war manchmal fast so lang wie er selbst. Jeder Hundebesitzer weiß, was jetzt kommt: Mit seiner Beute tänzelte er verspielt vor uns herum und wedelte mit dem Schwanz. Er war stolz auf seinen Fund und er bettelte um unsere Anerkennung. Und natürlich zeigten wir sie ihm: Wir überschütteten ihn mit Lob, sagten ihm, was er doch für ein guter Hund sei. Kurz darauf, nachdem er unseren Applaus ausgekostet hatte, zog er sich mit seinem Knochen an einen privateren Ort zurück, für gewöhnlich in den Schatten eines etwa 20 Meter entfernten, moosbewachsenen Steinbrockens. Dort bearbeitete er seinen Knochen. Der Knochen hatte keine soziale Bedeutung mehr für ihn. Nun widmete er sich ganz seinem privaten Vergnügen. Er nagte an dem Knochen, drehte ihn hin und her, leckte daran, jagte ihm Angst ein. Manchmal hörten wir ein leises Grollen und Knurren. Bei einer Katze würde man Schnurren sagen. Er hatte offensichtlich seinen Spaß und sah keinen Grund zur Eile. Nach ein paar vergnüglichen Stunden vergrub er den Knochen und buddelte ihn dann am nächsten Tag wieder aus. Ein durchschnittlicher Knochen hielt ungefähr eine Woche.
Das Vergnügen meines Hundes war auch mein Vergnügen. Ich freute mich an seinem spielerischen Ernst, seiner kindlichen Spontaneität, die geprägt war vom „Wichtig ist nur eins!“. Stellen Sie sich aber meine noch größere Freude vor, als ich eines Tages auf eine Stelle in Jesaja stieß, in der der Dichter-Prophet etwas beobachtete, das dem ähnelte, was ich an meinem Hund so mochte. Der einzige Unterschied ist, dass es bei Jesaja ein Löwe war und kein Hund: „Ein junger Löwe verteidigt knurrend seine Beute“ (Jes. 31,4). „Knurren“ ist das Wort, das meine Aufmerksamkeit erregte und mir diesen besonderen freudigen Kick versetzte. Was mein Hund da von sich gab, während er an seiner Errungenschaft nagte, sich daran freute und sie genoss, das tat Jesajas Löwe mit seiner Beute. Zum wahren Kern meiner Freude drang ich vor, als ich feststellte, dass das hebräische Wort, das hier als „knurren“ (hagah) übersetzt wird, normalerweise mit „nachdenken“ oder „sinnen“ übersetzt wird, so wie in Psalm 1, wo glücklich ist, „wer Freude hat am Gesetz des Herrn und darüber nachdenkt – Tag und Nacht“ (V. 2). Genauso in Psalm 63: „Wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich, wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach“ (V. 7; Luther 1984). Doch Jesaja verwendet dieses Wort, um einen Löwen zu beschreiben, der sich knurrend über seine Beute duckt, genauso wie mein Hund es mit seinem Knochen tat.
Hagah ist ein Wort, das unsere hebräischen Vorfahren häufig für das Lesen von Texten verwendeten, in denen es um die Seele geht. Allerdings ist „Nachdenken“ viel zu schwach, um die wahre Bedeutung wiederzugeben. „Nachdenken“ oder „meditieren“ scheinen das zu beschreiben, was man kniend in einer stillen Kapelle tut, während auf dem Altar eine Kerze brennt. Oder was meine Frau tut, wenn Sie in einem Rosengarten sitzt, die Bibel aufgeschlagen auf dem Schoß. Wenn allerdings Jesajas Löwe und mein Hund meditierten, dann nagten sie und schluckten, benutzten Zähne und Zunge, Magen und Darm: Jesajas Löwe meditiert über seiner Ziege (sofern es das war); mein Hund meditiert über seinem Knochen. Es gibt eine Art zu schreiben, die eine bestimmte Art des Lesens fordert: sanftes Schnurren, leises Knurren, während wir sie schmecken und genießen, erahnen und aufnehmen, die süßen, würzigen, verführerischen und die Seele stärkenden Wortbissen – „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“ (Ps. 34,9; Luther 1984). Nur wenige Seiten später verwendet Jesaja das gleiche Wort (hagah) für das Gurren einer Taube (38,14). Ein besonders aufmerksamer Leser dieses Textes erfasste genau den Geist hinter diesen Worten, als er sagte, dass hagah beschreibt, wie ein Mensch „sich in seine Religion verliert“.1 Genau so ging es meinem Hund mit seinem Knochen. Baron Friedrich von Hügel verglich diese Art des Lesens mit dem „langsamen, kaum wahrnehmbaren Zerschmelzen eines Bonbons im Mund.“2

Ich möchte diese Art des Lesens fördern. Meiner Meinung nach ist es die einzige Art zu lesen, die zu dem Text der Heiligen Schrift passt und genauso auch zu anderer Literatur, die dazu gedacht ist, unser Leben zu verändern und nicht nur unsere Gehirnzellen mit Futter zu versorgen. Ernsthafte und gute Literatur setzt genau dieses Lesen voraus – gedankenvoll und gemächlich, eine Tändelei mit Worten, nicht Informationenfraß in Höchstgeschwindigkeit. Für unsere kanonischen Schreiber, die sich darum mühten, Gottes Offenbarung in hebräische, aramäische und griechische Sätze zu verpacken – Mose und Jesaja, Hesekiel und Jeremia, Markus und Paulus, Lukas und Johannes, Matthäus und David, zusammen mit ihren zahlreichen bekannten und unbekannten Brüdern und Schwestern durch alle Jahrhunderte hindurch – ist sie unabdingbar. Diese Autoren wurden vom Heiligen Geist eingesetzt, um uns die Heilige Schrift zu übermitteln, um uns in Kontakt mit der Wirklichkeit zu bringen und uns zu befähigen, auf sie zu reagieren, sei sie sichtbar oder unsichtbar: Gottes Wirklichkeit, Gottes Gegenwart. Sie alle zeichnen sich aus durch ein tiefes Vertrauen in die „Macht der Worte“ (Coleridge), die uns in die Gegenwart Gottes bringen und unser Leben verändern können. Wenn wir die Nähe zu den Autoren der Heiligen Schrift suchen, dann lernen wir eine Art des Lesens und Schreibens kennen, die von großem Respekt geprägt ist – mehr noch als Respekt, ehrfürchtiger Verehrung – für die offenbarende und verändernde Macht der Worte. Die erste Seite des christlichen Lebenstextes, der Bibel, erzählt uns, dass der gesamte Kosmos und jede lebende Kreatur durch Worte ins Leben gerufen wurden. Johannes wählt den Begriff „Wort“, um ein für alle Mal zu beschreiben, was Jesus am stärksten auszeichnet, die Person im offenbarten und offenbarenden Mittelpunkt der Geschichte des Christentums. Gesprochene und geschriebene Sprache ist das Mittel der Wahl, um uns klar vor Augen zu führen, was ist, wer Gott ist und was er tut. Allerdings ist es eine ganz besondere Art von Sprache, die nicht aus Worten besteht, die unserem Leben fremd sind, sondern vielmehr aus solchen, wie sie auf Einkaufslisten stehen, in Gebrauchsanweisungen, in französischen Grammatiken und in Basketballregeln.
Diese manchmal provozierenden, manchmal indirekten Worte sind dazu gedacht, in uns einzudringen, auf unsere Seelen zu wirken, ein Leben zu formen, das sich deckt mit der Welt, die Gott geschaffen hat, mit der Rettung, die er ermöglicht hat und der Gemeinde, die er versammelt hat. Solche Literatur setzt eine bestimmte Art zu lesen voraus und baut darauf auf. Man könnte sagen, man liest sie wie ein Hund am Knochen.
Autoren anderer Glaubensrichtungen und auch solche, die nicht glauben – Atheisten, Agnostiker, säkulare Schriftsteller – haben natürlich genauso Zugang zu dieser Schreibtradition und ihnen kommt die Unterweisung in der Heiligkeit der Worte sehr zugute. Doch das Adjektiv „geistlich“ kennzeichnet den Sprachgebrauch der biblischen Schreiber, die das Ziel hatten, „die Gedanken Christi“ in ihre Leser zu legen. Das Adjektiv ist auch heute noch hilfreich, um die nachbiblischen Männer und Frauen zu beschreiben, die journalistische Texte, Kommentare, Studien und Betrachtungen, Geschichten und Gedichte für uns verfassen, während wir weiterhin unsere Vorstellungskraft der formenden Syntax und Wortwahl unserer biblischen Meister unterwerfen. Allerdings ist die Heilige Schrift der Quelltext, der entscheidende Zeichensatz, das Werk des Geistes und damit die Messlatte für wahres geistliches Leben.
Ich möchte betonen, dass geistliches Schreiben – Schreiben aus dem Geist – auch geistliches Lesen voraussetzt. Also eine Art zu lesen, die Worte als heilig anerkennt, als Grundsubstanz, aus denen sich das verzweigte Netz der Beziehungen zwischen Gott und den Menschen spinnt, zwischen allen sichtbaren und unsichtbaren Dingen.
Es gibt nur eine Art zu lesen, die unserer Heiligen Schrift gerecht wird, einem Buch, das auf die Macht der Worte vertraut, ihnen zutraut, in unser Leben einzudringen und Wahrheit, Schönheit und Güte zu schaffen, einem Buch, das Leser braucht, wie Rainer Maria Rilke sie beschreibt: „Er bleibt nicht immer über die Blätter gebeugt, er lehnt sich oft zurück, er schließt die Augen über einer wiedergelesenen Zeile, und ihr Sinn verteilt sich in seinem Blut“.3
Diese Art zu lesen haben unsere Vorfahren als Lectio Divina bezeichnet. Heute wird sie auch „geistliches Lesen“ genannt, Lektüre, die unsere Seele füllt, wie Essen unseren Magen, die unseren Blutkreislauf durchzieht und zu Heiligkeit, Liebe und Weisheit wird.

Im Jahr 1916 hielt der junge Schweizer Pfarrer Karl Barth im Nachbardorf Leutwil, wo sein Freund Eduard Thurneysen Pfarrer war, eine Ansprache. Barth war 30 Jahre alt, seit fünf Jahren Pfarrer in Safenwil und begann gerade erst die Bibel zu entdecken. Nur wenige Kilometer entfernt stand der Rest Europas in Flammen, ausgelöst durch einen Krieg, der vor Lügen und Blutvergießen strotzte und der, wie Karl Kraus es ausdrückte, „die letzten Tage der Menschheit“ markierte, „die nicht wieder rückgängig zu machende Beendigung dessen, was in der abendländischen Zivilisation human war“.4 Jedes folgende Jahrzehnt dieses Jahrhunderts lieferte weitere Details – politische, kulturelle und geistliche Offenbarungen – dass die Welt unaufhaltsam zu dem wird, was T. S. Eliot in seinem Gedicht „Das wüste Land“ bereits vorausgesehen hatte.
Während in den Nachbarstaaten Deutschland und Frankreich das Morden und Lügen seinen Höhepunkt erreichte, entdeckte dieser junge Pfarrer in der neutralen Schweiz die Bibel, als hätte er sie nie zuvor gelesen. Er entdeckte ein absolut einzigartiges Buch, etwas, das es vorher noch nie gegeben hatte. Die Seele und der Körper Europas und schließlich der ganzen Welt standen unter Beschuss. Auf jedem Kontinent lauschten Millionen Menschen den Frontberichten und den Reden der Staatsoberhäupter. Zur gleichen Zeit schrieb Barth in seinem kleinen abgeschiedenen Dorf auf, was er entdeckt hatte: die Wahrheit stiftende, Gott bezeugende, Kultur herausfordernde Wirklichkeit in diesem Buch, der Bibel. Ein paar Jahre später veröffentlichte er seine Entdeckungen in seinem Kommentar „Der Römerbrief“. Diesem Buch folgten weitere, die in den folgenden Jahren viele Christen davon überzeugen sollten, dass die Bibel ein echteres, stimmigeres Bild von dem zeichnet, was in ihrer scheinbar einstürzenden Welt passiert, als es ihnen die Politiker und Journalisten darstellten. Zur gleichen Zeit beschloss Barth, die Fähigkeit der Christen wiederzubeleben, das Buch empfänglich zu lesen, ganz wie es seinem ursprünglichen verändernden Charakter entsprach. Barth holte die Bibel aus der akademischen Mottenkiste, in der sie für so viele so lange gelegen hatte. Er verdeutlichte, wie lebendig sie ist und wie sehr sie sich von anderen Büchern unterscheidet, die man „benutzen“ kann – zerlegen und analysieren, um sie dann für jedweden Zweck einzusetzen. Er zeigte deutlich und überzeugend, dass diese „andere“ Art des Schreibens (offenbarend und vertraut anstatt informativ und unpersönlich) auch anders gelesen werden muss (empfänglich und gemächlich anstatt reserviert und effizient). Er verwies auch immer wieder auf Autoren, die sich diesen Schreibstil angeeignet hatten, auch jetzt noch im biblischen Stil schrieben und damit uns als Leser dazu herausfordern, unser Leben zu ändern, wie beispielsweise Dostojewski. Der Russe übernahm in seinen Romanen von der Genesis die radikale Umkehr der menschlichen Urteilsgewohnheiten und gestaltete seine Charaktere gemäß des göttlichen „dennoch“ und nicht des göttlichen „deshalb“.
Barth veröffentlichte später seine Leutwiler Ansprache unter dem Titel „Die neue Welt in der Bibel.“5 In einer Zeit und Kultur, in der die Bibel von Generationen von Totengräber-Theologen einbalsamiert und begraben worden war, bestand er leidenschaftlich und unnachgiebig darauf: „Das Mädchen ist nicht tot, es schläft nur“; nahm sie bei der Hand und sagte „Steh auf“. Über die nächsten fünfzig Jahre offenbarte Barth die unglaubliche Lebenskraft und Energie, die aus den Sätzen und Geschichten der Bibel strömt und er zeigte uns, wie man sie liest.

Barth besteht darauf, dass wir dieses Buch und die von ihm geprägten nachfolgenden Schriften nicht lesen, um herauszufinden, wie wir Gott in unser Leben bekommen und um ihn dazu zu bringen, Teil unseres Lebens zu sein. Nein. Wir schlagen dieses Buch auf und stellen fest, dass es uns auf jeder Seite überrumpelt und überrascht und uns in seine Realität hineinnimmt, uns hinzieht zur Gemeinschaft mit Gott, zu seinen Bedingungen.
Er hat dies mit einem berühmten Bild verdeutlicht. Ich benutze den Kern seiner Anekdote und gestalte ihn mit meinen eigenen Details und mit der Hilfe von Walker Percy6 aus. Stellen Sie sich eine Gruppe von Männern und Frauen in einem großen Lagerhaus vor. Alle wurden in diesem Lagerhaus geboren, sind darin aufgewachsen und alles, was sie zum Leben benötigen, finden sie dort. Dieses Gebäude hat zwar keine Ausgänge, dafür aber Fenster. Doch die Fenster sind dick mit Staub überzogen, sie werden nie gereinigt und darum macht sich niemand die Mühe hinauszusehen. Wieso auch? Sie kennen nur das Lagerhaus, und dort gibt es alles, was sie brauchen. Doch eines Tages zieht ein Kind eine Trittleiter zu einem der Fenster, kratzt den Dreck weg und schaut hinaus. Es sieht Menschen auf der Straße gehen. Es ruft seine Freunde herbei. Sie drängeln sich um das Fenster – sie hatten ja keine Ahnung, dass es außerhalb dieses Lagerhauses eine ganze Welt gibt. Und dann sehen sie auf der Straße jemanden, der nach oben schaut und hinaufzeigt. Bald hat sich eine kleine Gruppe gebildet, die hinaufschaut und aufgeregt durcheinanderredet. Die Kinder schauen nach oben, doch alles, was sie sehen, ist das Dach ihres Lagerhauses. Schließlich wird es ihnen langweilig, diesen verrückten Leuten auf der Straße zuzusehen, die ständig nach oben ins Leere zeigen und darüber ganz aufgeregt werden. Weshalb sollte man ohne Grund stehen bleiben, ins Leere deuten und sich wegen nichts verrückt machen?
Die Leute auf der Straße hatten allerdings ein Flugzeug (oder Wildgänse oder einen riesigen Berg Kumuluswolken) gesehen. Die Leute auf der Straße sehen nach oben und sehen den Himmel und alles, was dort unterwegs ist. Die Lagerhaus-Menschen haben keinen Himmel über sich, nur ein Dach.
Was würde allerdings passieren, wenn plötzlich eines der Kinder eine Tür in die Wand des Lagerhauses bricht, seine Freunde dazu überredet mitzukommen und die Gruppe draußen den riesigen Himmel über ihren Köpfen entdeckt, den großartigen Horizont in der Ferne? Genau das passiert, wenn wir die Bibel öffnen, meint Barth. Wir betreten die völlig unbekannte Welt Gottes, eine Welt voller Schöpfungskraft und Erlösung, die sich über und neben uns endlos ausbreitet. Das Leben im Lagerhaus hat uns darauf nicht vorbereitet.
Die Erwachsenen im Lagerhaus spotten über die Geschichten, die die Kinder von draußen mitbringen. Schließlich haben sie die Kontrolle über das Leben im Lagerhaus, nicht über die Welt da draußen. Und sie wollen, dass es so bleibt.

Paulus war für Barth dieses kleine Kind, das als erstes den Schmutz von der Scheibe kratzte, eine Tür aufbrach und ihn dazu überredete, mit nach draußen zu kommen, in die große „fremdartige“ Welt, von der uns die biblischen Schreiber Zeugnis geben. Unter Anleitung dieser Schreiber, zuerst war es nur Paulus, doch bald schon die ganze Fakultät des Heiligen Geistes, wurde Barth zu einem christlichen Leser. Er las Worte, um sich vom Wort formen zu lassen. Erst dann wurde er ein christlicher Schriftsteller. Barth veröffentlichte seine Darstellung der Ereignisse später in „Das Wort Gottes und die Theologie“. Der Romanautor John Updike sagte über dieses Buch, es habe ihm „so etwas wie eine Philosophie, auf deren Grundlage ich leben und arbeiten konnte“ gegeben, „und insofern [hat es] mein Leben verändert“. Bei der Überreichung der Campion Medaille im Jahr 1997 gab Updike den christlichen Glauben, wie ihn Barth in seiner Wiederentdeckung der Bibel offenbarte, als Grund dafür an, dass er als Schriftsteller erkannt hatte: „… dass die Wahrheit heilig ist und das Verkünden der Wahrheit eine edle und nützliche Tätigkeit, dass die Wirklichkeit um uns herum geschaffen und würdig ist, gefeiert zu werden, dass Männer und Frauen radikal unvollkommen und radikal wertvoll sind.“7

Die ersten Metaphern über das Schreiben und Lesen, die wirklich mein Interesse weckten, kamen von Kafka: „Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? … Ein Buch muss wie die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“8 Zu dieser Zeit war ich Pastor und setzte mich deshalb beruflich damit auseinander, Menschen zum Bibellesen zu motivieren. Es erschreckte mich, dass sie die Bibel nicht anders lasen als den Sportteil oder einen Comic oder die Kleinanzeigen. Ich wollte die Menschen aufwecken und sie verändern. Ich wollte, dass sie die Bibel als einen Faustschlag sahen, einen Eispickel. Im Rückblick muss ich eingestehen, dass meine Strategie in erster Linie darin bestand, manchmal etwas lauter zu werden. Ich erkannte nicht, wie gewalttätig diese Metaphern waren. Ich wollte einfach etwas anstoßen. Doch dann brachte mich eine Frage von Wendell Berry zum Stutzen: „Bist du endlich fertig damit, alle umzubringen, die keinen Frieden wollten?“9 Mir wurde klar, dass die Gewalt, die diese Metaphern unterstellten, nicht wirklich meinem Vorhaben dienlich waren, nämlich Christen anzuleiten, die Heilige Schrift als Nahrung für ihre Seelen wahrzunehmen. Zwangsernährung ist vermutlich nicht der beste Weg, um die Einzigartigkeit des Bibellesens, des geistlichen Lesens, zu vermitteln.
Schließlich stellte ich fest, dass das eindringlichste biblische Bild für das Lesen das von Johannes ist, der ein Buch isst:
Dann ging zu dem Engel und bat ihn um das kleine Buch. Er antwortete mir: „Nimm das Büchlein, und iss es auf! Es schmeckt süß wie Honig, aber du wirst Magenschmerzen davon bekommen.“ So nahm ich das kleine Buch aus seiner Hand und aß es. Es schmeckte wirklich süß wie Honig; aber dann lag es mir schwer im Magen (Offb 10,9–10).
Vor ihm hatten schon Jeremia und Hesekiel Bücher gegessen – scheinbar gute Nahrung für all jene, denen es wichtig ist, einen Text richtig zu verstehen.
Damit erregt man allemal so viel Aufsehen wie mit Kafka, doch als Bild ist es weitaus besser. Johannes, dieser endlos faszinierende frühkirchliche Apostel, Pastor und Schriftsteller, geht zu dem Engel und sagt: „Gib mir das Buch.“ Der Engel gibt es ihm: „Da hast du es. Iss es auf, iss das Buch auf.“ Johannes tut es. Er isst das Buch – er liest es nicht nur – es gelangte in seine Nervenzellen, seine Reflexe, seine Einbildungskraft. Er hatte die Heilige Schrift gegessen. Das Buch wurde Teil seiner Anbetung und seiner Gebete, seiner Vorstellungen und seines Schreibens. Das Buch, das er gegessen hatte, wurde zu dem Buch, das er verfasste, das erste große Gedicht in der christlichen Tradition und das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung.

Austin Farrer, Dozent an der Universität Oxford, sprach in einer seiner Bampton-Vorlesungen von der „unerhörten Gewohnheit des geistlichen Lesens“,10 mit der gewöhnliche Menschen schon immer an diesen Seelen-verändernden Text herangegangen waren. Unerhört deshalb, weil wir unser ganzes Leben in den Leseprozess einbringen und nicht nur die Synapsen unseres Gehirns. Unerhört deshalb, weil wir so erfindungsreich sind, wenn es darum geht, das Risiko des Glaubens an Gott zu umgehen. Unerhört deshalb, weil wir unser „spirituelles“ Halbwissen unermüdlich dazu einsetzen, uns selbst zu Gott zu machen. Unerhört deshalb, weil wir zwar gelernt haben, die Wörter auf den Seiten zu lesen und zu verstehen, doch erkennen müssen, dass wir trotzdem noch ganz am Anfang stehen. Unerhört deshalb, weil wir als ganzer Mensch gefordert sind, mit unseren Muskeln und Bändern, unseren Augen und Ohren, unserem Gehorsam und unserer Anbetung, unserer Einbildungskraft und unserem Gebet. Unsere Vorfahren stellten diese „unerhörte Gewohnheit“ (sie nannten es Lectio Divina)11 in das Zentrum des Lehrplans der Schule des Heiligen Geistes, der anspruchsvollsten aller Schulen. Jesus gründete sie, als er zu seinen Jüngern sagte: „Wenn aber der Geist der Wahrheit kommt, hilft er euch dabei, die Wahrheit vollständig zu erfassen … alles, was er euch zeigt, kommt von mir“ (Joh 16,13–15; auch 14,16; 15,26; 16,7–8). Alles, was gemäß dieses Lehrplans verfasst wurde und wird, setzt folgende Art zu lesen voraus: teilhabendes Lesen, bei dem wir die Worte aufnehmen, sodass sie Teil unseres Lebens werden, bei dem die Rhythmen und Bilder zu unseren Gebeten werden, zu gehorsamem Handeln, gelebter Liebe.
Worte, die mit dem Bild des Essens zu uns gesprochen oder geschrieben werden, Worte, die wir unbelastet zu uns nehmen, schmecken, kauen, genießen, schlucken und verdauen, haben eine andere Wirkung auf uns als Worte, die von außen auf uns einwirken, sei es in Form von Propaganda oder Information. Propaganda zwingt uns die Meinung anderer auf, manipuliert uns zu einer Handlung oder einem Glauben. Insoweit wir das zulassen, werden wir kleiner, werden wir zur Puppe eines sprechenden und schreibenden Puppenspielers. Eine Puppe hat weder eine Würde noch eine Seele. Information macht Worte zu Waren, die wir ganz nach Wunsch verwenden können. Die Worte werden ihrem moralischen Ursprung und dem Bereich der persönlichen Beziehungen entzogen und werden zu Werkzeugen oder Waffen. Eine derartige Nutzbarmachung der Sprache macht sowohl Sprecher als auch Zuhörer zu Waren.
Lesen zu können ist ein großes Geschenk, wenn die Worte einen Platz in unserer Seele finden – wenn sie gegessen werden, an ihnen genagt wird, sie geruhsam und freudig aufgenommen werden. Die Worte von lang verstorbenen oder durch Entfernung und/oder Jahre von uns getrennten Männern und Frauen erheben sich von den Seiten und kommen frisch und geradewegs in unser Leben und vermitteln Wahrheit, Schönheit und Güte; Worte, die Gottes Geist dazu verwendet, um unseren Seelen frisches Leben einzuhauchen. Unser Zugang zur Wirklichkeit vertieft sich über Jahrhunderte und Kontinente hinweg. Allerdings birgt solches Lesen auch subtile Gefahren. Leidenschaftliche Worte, die Männer oder Frauen mit großer Begeisterung gesprochen haben, sterben, sobald sie zu Papier gebracht werden, einen langsamen Tod und werden von lieblosen Augen zerlegt. Ungebändigte Worte, entstanden aus entsetzlichem Leiden, können als Museumsstück enden, gehäutet und ausgestopft, aufgehängt und beschriftet. Jedes Lesen birgt die Gefahr, dass Worte zu Propaganda verdreht oder auf Information reduziert werden und nur mehr Werkzeuge und Daten sind. Wir bringen die lebendige Stimme zum Schweigen und reduzieren Worte auf das, was angenehm und gewinnbringend ist. Ein Psalmist spottet über seine Zeitgenossen, die den lebendigen, sprechenden und hörenden Gott auf einen goldenen oder silbernen Waren-Gott reduzierten, der ihnen zu Nutzen war:
Die solche Götzen machen, sind ihnen gleich, alle, die auf sie hoffen! (Ps 115,8)
Diese Warnung gilt auch für uns heute, wenn wir täglich mit der unglaublichen Explosion der Informationstechnologien und Werbetechniken konfrontiert werden. Wir müssen diese Worte retten.
1A. Negoită, „
hāgāh, 3. Meditation im A.T.“, in: G. Johannes Botterweck/Helmer Ringgren (Hrsg.): Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Bd. II, W. Kohlhammer, Stuttgart 1977, Sp. 345.
2Baron Friedrich von Hügel, Selected Letters, E. P. Dutton, New York 1927, S. 229.
3Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Reclam, Stuttgart 1997 (Erstauflage 1910).
4„Die letzten Tage…“: So das gleichnamige Werk von Karl Kraus. Zitat: Steiner, George: Grammatik der Schöpfung, Hanser, München/Wien 2001, S. 276 (Originalausgabe: Steiner, George: Grammars of Creation, Yale University Press, New Haven 2001, S. 222).
5In: Barth, Karl: Das Wort Gottes und die Theologie. Gesammelte Vorträge, Chr. Kaiser Verlag, München 1925.
6Siehe: Walker Percy, The Message in the Bottle, Farrar, Straus and Giroux, New York 1975, S. 119–149.
7In: Updike, John: Updike und ich. Essays, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002, S. 536 u. 553 (Originalausgabe: John Updike, More Matter, Alfred A. Knopf, New York 1999, S. 843, 851).
8Franz Kafka an Oskar Pollak, 27. Januar 1904, in: Kafka, Franz: Briefe 1902 – 1924, S. Fischer, 1998, S. 27f.
9Berry, Wendell: Collected Poems 1957 – 1982, North Point, San Francisco 1985, S. 121.
10Austin Farrer, The Glass of Vision, Dacre, Westminster 1948, S. 36.
11Worum es bei diesem „Unerhörten“ tatsächlich geht, wird in Teil II, Lectio Divina genauer erläutert.
I
Iss dieses Buch
„Ich selbst bin das Brot, das euch dieses Leben gibt! Eure Vorfahren haben in der Wüste das Manna, das Brot vom Himmel, gegessen und sind doch alle gestorben. Aber hier ist das wahre Brot, das vom Himmel kommt. Wer davon isst, wird nicht sterben.“
JOHANNES 6,48–50
„Viel zu wissen und nichts zu schmecken – wozu soll das gut sein?“
BONAVENTURA
KAPITEL 2
Die Heilige Gemeinschaft am Tisch mit der Heiligen Schrift
Der biblische Text ist die Grundlage für das geistliche Leben eines Christen. Dieses geistliche Leben ist vollkommen im biblischen Text verwurzelt und durch ihn geprägt. Wir schaffen uns nicht unser persönliches geistliches Leben aus einer zufälligen Ansammlung von Lieblingstexten, kombiniert mit unseren persönlichen Lebensumständen. Wir werden vom Heiligen Geist in Übereinstimmung mit dem Text der Heiligen Schrift geformt. Gott beauftragt uns nicht damit, unsere eigene persönliche Spiritualität zu schaffen. Wir wachsen in Übereinstimmung mit dem offenbarten Wort, das uns durch den Geist eingepflanzt wird.
Die einzigartige Position der Heiligen Schrift als der prägende Text für Christen wurde immer wieder in Frage gestellt. Durch alle Jahrhunderte hindurch haben Menschen sich für andere Wege entschieden, auf denen sie sich Richtung und Führung für ihr Leben als Christ erhofften. Doch die Kirchengemeinschaft hat diese Wege immer wieder abgelehnt und hält an der Bibel fest, der Bibel als verbindliche Grundlage.
Beispielsweise lehnen wir es ab, wenn Menschen sich in schwärmerische Ekstasen hineinsteigern, um dadurch Verbindung zu Gott aufzunehmen. Extreme Gefühlszustände sind sehr anziehend, besonders für Heranwachsende. Sie bieten eine aufregende Unmittelbarkeit. Es fühlt sich so, na ja, so authentisch, so lebendig an. Dieser Seelenzustand läuft mittlerweile unter den Sammelbegriff „Enthusiasmus“ und hat schon viele erfasst, sie auf Irrwege der Selbsterfüllung und in ausweglose Abhängigkeit geführt. Unsere klügsten Gelehrten warnen uns nach wie vor vor ihnen.12 Wir sagen „Nein“ zu moralischen Herkulestaten, mit denen wir unser göttliches Potenzial abrufen und zur Schau stellen. Heldenhafte Herausforderungen, besonders der moralischen Art, pumpen Adrenalin in unseren Blutkreislauf und befreien uns vom alltäglichen Klein-Klein, das uns im Sumpf des Gewöhnlichen gefangen hält. Wir sagen „Nein“ dazu, sich in eine Berghöhle zurückzuziehen und sich von allen Gedanken, Gefühlen und Wünschen zu befreien, bis nichts mehr übrig ist, was uns den direkten Zugang zur Wirklichkeit verstellt. Das hat so etwas Reines, Einfaches, Ordentliches. Der Zen Koan ersetzt den biblischen Text.
Allerdings ist der beliebteste „Text“ in Amerika im Augenblick der des unabhängigen Ich. Vor Kurzem erzählte mir ein Freund von einem Bekannten, der sein Leben lang die Bibel gelesen hatte und eines Tages feststellte, dass sein Leben sich nicht so entwickelte, wie es ihm die Bibel seiner Ansicht nach vorausgesagt hatte. Er entschloss sich dann sofort dazu, „seinem Leben die Autorität zu übergeben und nicht der Bibel.“ Der Großteil unserer Kultur, sowohl der säkulare als auch der religiöse Teil, unterstützt die Entscheidung dieses Mannes. Es ist charakteristisch für die aufkeimende, vielfältige Spiritualität von heute, das souveräne Ich als Lebenstext zu etablieren. Die Ergebnisse machen allerdings wenig Mut: Das plötzlich so große Interesse an spirituellen Dingen zu Beginn dieses Jahrtausends scheint kein größeres Engagement für Gerechtigkeit und treue Liebe zu produzieren, was ja zwei der sichtbareren Begleiterscheinungen eines guten, geheiligten Christenlebens sind. Tatsächlich sind wir an einem Punkt angekommen, wo „Spiritualität“ eher das Bild eines Möchtegern-Gurus für Transzendenz heraufbeschwört als das von einem Leben in Strenge, großer Freude, Güte und Gerechtigkeit – was genau die Art von Leben ist, mit dem der Begriff ursprünglich verknüpft war.
Christen kommen nicht darum herum, sich der Beliebtheit dieser selbstherrlichen Spiritualitäten bewusst zu werden, manchmal sogar von dem einen oder anderen spirituellen Feuerwerk beeindruckt zu sein, hin und wieder sogar ein erstauntes „Oh“ und „Ah“ nicht unterdrücken zu können. Doch bei genauerer Betrachtung ist es nicht empfehlenswert, ihnen nachzurennen. Ganz im Gegensatz zu diesen eigennützigen und glamourösen Spiritualitäten, ist die unsere ein Fußmarsch. Wir sind wortwörtlich Fußgänger: Wir setzen einen Fuß vor den anderen, während wir Jesus folgen. Und um zu erfahren, wer er ist, wohin er geht und wie wir seinen Schritten folgen können, greifen wir zu einem Buch, dem Buch und lesen es.

Ich will der weit verbreiteten Praxis entgegenwirken, eigene Erfahrungen als Maßstab für unser Leben zu nehmen und nicht die Heilige Schrift. Ich möchte die Bibel, die in unseren zeitgenössischen Vorstellungen durch ihre glamourösen Konkurrenten so rüde an den Rand gedrängt wurde, wieder ins Zentrum zurückholen, als den Lebenstext für ein tiefes und gutes Leben als Christ. Ich möchte aufdecken, wie die Autorität der Bibel durch die Autorität des Ich ersetzt wurde, und dem entgegentreten. Ich will persönliche Erfahrungen unter die Autorität der Bibel stellen und nicht über sie. Ich möchte uns die Bibel als den Text vor Augen führen, nach dessen Anleitung wir leben, diesen Text, der in so scharfem Kontrast steht zur bunten Mischung aus religiöser Psychologie, Selbstentfaltung, mystischen Experimenten und frommem Dilettantismus, die mittlerweile vieles charakterisieren, was sich unter dem Schirm der „Spiritualität“ sammelt.
Es besteht heutzutage großes Interesse an der Seele. In der Kirche zeigt sich dieses Interesse in einer Wiederbelebung von Dingen wie geistlicher Theologie, geistlicher Leiterschaft, geistlicher Führung und geistlicher Entwicklung. Allerdings geht dies nicht Hand in Hand mit einem wiederbelebten Interesse an der Heiligen Schrift. Für geistliche Theologie, geistliche Leiterschaft, geistliche Führung und geistliche Entwicklung müssen wir dem Werk des Heiligen Geistes Raum geben in unseren persönlichen und geschäftlichen, öffentlichen und politischen Lebensbereichen. Doch jene, die sich für dieses Werk interessieren, sind häufig, man kann fast sagen normalerweise, nicht an der Heiligen Schrift interessiert, dem Buch, das uns vom Heiligen Geist gegeben wurde. Es ist dringend nötig, dass das Interesse an unserer Seele Hand in Hand geht mit einem Interesse an der Bibel – und genauso gilt: beide, Bibel und Seele, sind das Haupteinsatzgebiet des Heiligen Geistes. Ein Interesse an der Seele ohne Interesse an der Bibel entzieht uns den Grundtext, der diese Seele formt. Genauso ist es umgekehrt: ein Interesse an der Bibel ohne Interesse an der Seele entzieht uns das Material, mit dem wir am Text arbeiten können.
Im Großen und Ganzen akzeptieren Christen die Position, dass die Bibel der maßgebende Text ist, durch den Gott sich uns offenbart. Ich will das hier auch nicht in Frage stellen. Unsere Theologen und Bibelgelehrten haben dies umfassend erforscht und dargelegt. Meine Aufgabe ist es, die andere Seite der Medaille ins Bewusstsein und ins Zentrum zu rücken: dass uns dieser Bibeltext, indem er uns Gott offenbart, mit in die Offenbarung hineinnimmt und uns als Teilnehmer willkommen heißt. Ich will deutlich machen, dass die Bibel, die ganze Bibel, lebbar ist; sie ist der Text, mit dem wir unser Leben leben. Sie offenbart eine von Gott geschaffene, von Gott angeordnete, von Gott gesegnete Welt, in der wir uns zu Hause und unversehrt fühlen können.
Ich möchte mit dem Bild beginnen: Iss dieses Buch. Ich will dieses Bild zurückholen, zusammen mit allen seinen Auswirkungen auf die Gemeinschaft der Christen, in der ich lebe. Ich will diesem Gebot zu einem Platz in der Vorstellungskraft der christlichen Generation verhelfen, von der ich ein Teil bin. Inmitten der großen biblischen Gebote, die sich in der christlichen Wahrnehmung im Vordergrund tummeln, soll es einen Ehrenplatz erhalten. Die meisten von uns tragen eine Handvoll von Geboten mit sich herum, die uns auf Kurs halten: „Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen … Liebe deinen Nächsten … Ehre Vater und Mutter … Tut Buße und glaubt … Ehrt den Sabbat … Fürchte dich nicht … Seid reichlich dankbar … Betet ohne Unterlass … Folgt mir nach … Gehet hin in alle Welt … Nehmt euer Kreuz auf euch …“ Fügen Sie noch das folgende Ihrem Repertoire hinzu: Iss dieses Buch. Nicht bloß „Lies deine Bibel“, sondern Iss dieses Buch.

Christen zehren von der Bibel. Die Heilige Schrift ernährt die heilige Gemeinschaft genauso, wie Nahrung unseren Körper ernährt. Christen erlernen, studieren oder verwenden die Bibel nicht nur. Wir verleiben sie uns ein, wir nehmen sie mit in unser Leben hinein. Sie wird verarbeitet zu Liebestaten, Bechern voll kühlen Wassers, Aussendungen in die Welt, Heilung, Evangelisation und Gerechtigkeit im Namen Jesu. Sie wird zu Händen, die sich in Anbetung des Vaters erheben, Füßen, die gemeinsam mit dem Sohn gewaschen werden.
Diese bildhafte Aufforderung kommt zu uns mit Rückendeckung durch Johannes, den Theologen (in der King James Bibel „der Gottbegnadete“).
Da ging ich zu dem Engel und bat ihn um das kleine Buch. Er antwortete mir: „Nimm das Büchlein, und iss es auf! Es schmeckt süß wie Honig, aber du wirst Magenschmerzen davon bekommen.“ So nahm ich das kleine Buch aus seiner Hand und aß es. Es schmeckte wirklich süß wie Honig; aber dann lag es mir schwer im Magen“ (Offb 10:9–10).
Rüttelt uns das wach? Johannes ist eine beeindruckende Figur. Er war Pastor einer Gruppe an den Rand gedrängter, politisch und wirtschaftlich machtloser Christen. Sie lebten in einer Gesellschaft, in der ihr Entschluss, Christus nachzufolgen, sie zu Staatsverbrechern machte. Es war seine Aufgabe, sie auf ihrem Weg zu bestärken, ihnen zu helfen, ein geisterfülltes Leben zu leben und begeisterte Jünger zu bleiben, ihre Hoffnung aufrecht zu erhalten im Angesicht riesiger Widerstände – mit dem lebenden, sprechenden und handelnden Jesus als Zentrum ihres äußeren und inneren Lebens. Er gab sich nicht mit bloßem Überleben zufrieden, indem er ihnen eine Schiffsplanke zuwarf, an die sie sich während des Sturms klammern konnten. Er wollte, dass sie leben, wirklich leben – alle überleben. Das ist es, was Propheten, Pastoren und Schriftsteller tun und es ist nie einfach. Es ist heute nicht leichter, als es damals für Johannes war.
Es passierte im Verlauf der fantastischen Dichtung der Apokalypse, für die Johannes so bekannt ist – diese ungestüm wilde und feierliche Vision, die er auf der Gefängnisinsel Patmos während seiner Anbetung an einem Sonntagmorgen hatte. Er näherte sich gerade dem Mittelteil einer Reihe von visionären Botschaften, als er einen riesigen Engel sah, der mit einem Fuß im Ozean stand und mit dem anderen auf dem Festland und ein Buch in seiner Hand hielt. Von dieser riesigen, Land und Meer überspannenden Kanzel aus, predigte der Engel aus dem Buch. Die Predigt war explosiv, donnernd. Diese Predigt konnte niemand verschlafen! Johannes begann aufzuschreiben, was er hörte – er hatte noch nie eine solche Predigt gehört – doch dann wurde ihm gesagt, er solle aufhören. Eine Stimme befahl ihm, das Buch von diesem riesigen Engel entgegenzunehmen, diesem Gottesboten, der aus seiner weltumspannenden Kanzel predigte. Und das tat er. Er ging auf den Engel zu und sagte: „Gib mir das Buch“. Der Engel gab es ihm, sagte aber dann: „Da hast du es; iss es. Iss dieses Buch auf. Mach dir nicht nur Notizen von meiner Predigt. Iss das Buch auf.“ Und John tat genau das. Er steckte Stift und Block weg und nahm Messer und Gabel zur Hand. Er aß das Buch.
Die Bildhaftigkeit ist, wie alle Bilder in der Offenbarung des Johannes, komplex, eine Verschmelzung von Bildern ausgehend von Mose und den Propheten bis hin zu Jesus. Diese Vision vom predigenden Engel ist angefüllt mit dem Widerhall des Vertrauten. Doch was unmittelbar und offensichtlich auffällt, ist, dass der mächtige Engel aus der Bibel predigt, der Heiligen Schrift. Das Buch, das Johannes aß, war die Bibel oder der Teil, der damals bereits aufgeschrieben war. Das Wort „Buch“ (griechisch biblion, was bei uns zu „Bibel“ wurde), macht deutlich, dass die Botschaft Gottes an uns Bedeutung hat, Handlung und Absicht. Ein Buch schreiben bedeutet Wörter auf sinnvolle Weise anzuordnen. Diese Worte haben einen Sinn. Unser Weg zu Gott basiert nicht auf Vermutungen: Gott offenbart sich. Diese Worte der Bibel offenbaren das Wort, das Himmel und Erde geschaffen hat; sie offenbaren das Wort, das Mensch wurde, Jesus, zu unserer Erlösung. Gottes Wort wurde für uns aufgeschrieben, weitergegeben und übersetzt, sodass wir Teil der Handlung werden. Wir halten diese Bibel in Händen und lesen sie, damit wir die erschaffenden und rettenden Worte hören können, auf sie reagieren können und direkt teilhaben am Prozess der Erschaffung und Erlösung.
Das Buch zu essen bedeutet, dass hier das Lesen nicht nur eine objektive Handlung ist, nicht nur ein Erkennen von Wörtern und deren Bedeutung. Ein Buch zu essen steht im Widerspruch zu dem, wie die meisten von uns Lesen gelernt haben – eine distanzierte Objektivität entwickeln und dadurch wissenschaftliche oder theologische Wahrheiten erhalten und zu diesem Zweck so weit als möglich jede persönliche Anteilnahme vermeiden, die die Aussage des Textes verdrehen könnte. Doch niemand von uns liest zu Beginn wirklich so. Ich habe eine Enkelin, die im Moment Bücher isst. Wenn ich ihrem Bruder ein Buch vorlese, dann nimmt sie sich ein anderes vom Stapel und kaut darauf herum. Sie versucht, das Buch in sich hineinzubekommen und zwar auf dem schnellsten ihr bekannten Weg, nicht durch die Ohren, sondern durch den Mund. Sie macht nicht wirklich einen Unterschied zwischen Ohr und Mund – jede Körperöffnung ist ihr willkommen, um das Buch hineinzukriegen. Bald wird sie aber zur Schule gehen und sie wird lernen, dass dies nicht der richtige Weg ist. Man wird ihr beibringen, mithilfe des Buches Fragen zu beantworten. Sie wird lernen Bücher zu lesen, um dann Prüfungen zu bestehen, und sobald sie bestanden hat, das Buch ins Regal zu stellen und ein neues zu kaufen.
So, wie Johannes zum Lesen angeleitet wird, bestehen wir nicht bloß Prüfungen. Ein Buch essen bedeutet alles aufnehmen, es zum Teil des Gewebes unseres Lebens zu machen. Leser werden zu dem, was sie lesen. Sofern die Heilige Schrift etwas anderes beinhaltet als triviales Gerede über Gott, dann müssen wir sie verinnerlichen. Die meisten von uns haben eine Meinung über Gott, mit der wir für gewöhnlich nicht hinter dem Berg halten. Doch nur weil eine Unterhaltung (oder Predigt oder Vorlesung) das Wort „Gott“ beinhaltet, heißt das noch lange nicht, dass sie auch wahr ist. Der Engel weist Johannes nicht an, Informationen über Gott weiterzugeben. Er befiehlt ihm, das Wort Gottes aufzunehmen, sodass es sich ganz natürlich in seiner Syntax entfaltet, ganz so wie Nahrung, die wir essen, unbewusst in unsere Nerven und Muskeln eingeht und so zu Sprache und Bewegung wird.
Worte – gesprochen und gehört, geschrieben und gelesen – sollen in uns etwas bewirken, Gesundheit und Vollkommenheit, Lebensfreude und Heiligkeit, Weisheit und Hoffnung. Ja, iss dieses Buch.
Ich sagte bereits an früherer Stelle, dass Johannes nicht der erste biblische Prophet war, der ein Buch aß, als wäre es ein Marmeladenbrot. Sechshundert Jahre zuvor überreichte man Hesekiel ein Buch und befahl ihm, es zu essen (Hes 2,8–3,3). Hesekiels Zeitgenosse Jeremia aß ebenfalls Gottes Offenbarung, seine Version der Heiligen Schrift (Jer 15,16). Hesekiel und Jeremia lebten, genauso wie Johannes, zu einer Zeit, in der der Druck groß war, einem ganz anderen Text zu folgen als dem von Gott in seiner Heiligen Schrift offenbarten. Diese spezielle Bibel-Diät fand bei allen Dreien ihren Niederschlag in Sätzen von maximaler Kraft, Bildern voll flammender Klarheit und einem prophetischen Leben voll mutigem Leiden. Wenn wir in Gefahr sind (was wir selbstverständlich sind), dem allgemeinen Trend nachzugeben und die Heilige Schrift beiseitezulegen und sie durch den Text unserer eigenen Erfahrung zu ersetzen – unsere Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle – dann sollten uns diese drei raubeinigen Propheten – Johannes, Hesekiel, Jeremia –, die verantwortlich waren für die geistliche Erneuerung von Gottes Volk während seiner schlimmsten Zeit (Babylonisches Exil und Verfolgung durch die Römer) verbindliche Wegweisung durch unser alltägliches Leben sein und uns von dem überzeugen, was ihnen ein ureigenes Bedürfnis war: Ja, iss dieses Buch.
Christen haben eine beträchtliche Menge an Energie, Intelligenz und Gebet investiert, um zu lernen, wie man dieses Buch isst, und zwar genau so wie Johannes auf Patmos, Jeremia in Jerusalem und Hesekiel in Babylon.13 Wir müssen all das nicht in- und auswendig kennen, um am Tisch Platz zu nehmen. Allerdings hilft es, wenigstens ein wenig davon zu kennen, besonders weil dieses Buch für so viele unserer Zeitgenossen nur eine Vorspeise ist. Der Befehl des starken Engels ist auch eine Einladung. Komm zu Tisch und iss dieses Buch, denn jedes Wort in diesem Buch soll in unseren Seelen und Körpern etwas bewirken, Gesundheit und Vollkommenheit, Lebensfreude und Heiligkeit, Weisheit und Hoffnung.
12Siehe: Knox, Ronald A., Christliches Schwärmertum. Ein Beitrag zur Religionsgeschichte, Jakob Hegner, Köln/Olten 1957 (Originalausgabe: Ronald Knox, Enthusiasm, Collins Liturgical Publishing, London 1950).
13James Houston schreibt über diese „Energie, Intelligenz und Gebet“ in Elmer Dyck (Hrsg.): The Act of Bible Reading, InterVarsity, Downers Grove, Ill. 1996, S. 148–73.
KAPITEL 3
Die Heilige Schrift als Text: Gottes Offenbarung kennenlernen
Unser Leben, also alles, was wir erfahren – was wir brauchen, wollen und fühlen – ist wichtig für die Entfaltung des Lebens Christi in uns. Schließlich ist es unser Leben, das geformt werden soll. Doch es setzt seine Entwicklung nicht selbst in Gang. Neben vielen anderen Dingen bedeutet geistlich leben auch, uns selbst ernst zu nehmen. Es bedeutet, sich gegen den gesellschaftlichen Trend zu stellen, der uns unablässig auf unseren Status als Erzeuger und Leistende reduziert, so dass wir hinter den Siegeln unserer Abschlüsse und Gehälter nicht mehr als Mensch wahrgenommen werden. Wir sind doch so viel mehr als die Summe unserer Nützlichkeit und unseres guten Rufes, aller Orte, die wir besucht haben und der Menschen, die wir kennen. Es gibt ein einzigartiges, nicht kopierbares ewiges Ich, geschaffen im Ebenbild Gottes. Ein energisches Beharren auf der persönlichen Würde ist die Grundlage für geistliches Leben.
In gewisser Weise können wir uns gar nicht zu ernst nehmen. Wir sind „wunderbar und einzigartig gemacht“ (Ps. 139,14). Doch schnell können wir ein zu enges Maß an uns anlegen, denn wir sind viel mehr als unsere Gene und Hormone, unsere Gefühle und Ziele, unsere Arbeit und unsere Ideale. Da ist Gott. Das meiste, wenn nicht sogar alles, was uns ausmacht, hat mit Gott zu tun. Sobald wir versuchen, uns aus uns selbst heraus zu verstehen und zu entwickeln, lassen wir einen Großteil unseres Wesens außer Acht.
Deshalb besteht die Gemeinschaft der Christen seit jeher darauf, dass die Heilige Schrift, die offenbart, wie Gott sich uns nähert, notwendig und grundlegend für unsere Formung als Menschen ist. Während wir dieses Buch lesen, wird uns deutlich: Was wir brauchen ist nicht so sehr Information über Gott und uns selbst, sondern die Formung unseres Charakters hin zu unserem wahren Wesen.
Die tiefste Eigenschaft der Sprache ist es zu formen, weniger zu informieren. Wenn Sprache persönlich wird, und in ihrer Bestform ist sie das, dann offenbart sie; und Offenbarung ist immer auch Weiterentwicklung, Gestaltung – wir wissen nicht mehr, wir werden mehr. Die wahren Sprachkünstler, Dichter und Liebende, Kinder und Heilige, benutzen Worte, um etwas zu schaffen – Nähe, Charakter, Schönheit, Güte, Wahrheit.
Der offenbarende und offenbarte Gott
Beginnen wir am Anfang. Wir nennen dieses Buch „Offenbarung“. Gott offenbart sich und sein Verhalten uns gegenüber. Er erzählt uns nicht etwas, er zeigt sich selbst. Bücher haben Autoren. Wie auch immer wir uns die Inspiration vorstellen, die christliche Kirche geht davon aus, dass Gott auf die eine oder andere Weise für dieses Buch zuständig ist und zwar offenbarend, nicht nur informativ. Die Autorität der Bibel ergibt sich direkt aus der Autorschaft Gottes. Anders ausgedrückt handelt es sich hier nicht um eine unpersönliche Autorität, eine Ansammlung von Fakten oder Wahrheiten. Es ist keine papierene Autorität, wie wir sie in Gesetzestexten in unseren Rechtsbibliotheken finden oder die faktische Autorität eines Mathematikbuches. Dies ist eine Offenbarung, von einer Person offenbart – wir erhalten Einblick, wir erfahren von Angesicht zu Angesicht, was es heißt, unser Leben als Mann oder Frau zu leben, die wir im Ebenbild Gottes geschaffen sind.
Die frühen Christen bekamen eine gebrauchsfertige Bibel, das, was wir heute das Alte Testament nennen, die Thora und die Propheten und weitere Schriften, die für die Hebräer maßgebend waren. Für die erste Generation waren diese hebräischen Schriftrollen die christliche Bibel. Doch dann zirkulierten die Schriften von Paulus und anderen Leitern der frühen christlichen Kirche. Außerdem wurden die Geschichten über Jesus niedergeschrieben, die Inhalt für die gute Nachricht, das Evangelium lieferten, das mit viel Freude und Nachdruck gepredigt und gelehrt wurde. Man erkannte, dass diese Schriften eine Fortsetzung der Heiligen Schrift waren, die jene Christen ja in Ehren hielten, an die sie glaubten, aus der sie predigten und lehrten. Nach und nach wurde ihnen klar, dass beides zusammenpasste, dass es eine gemeinsame Autorschaft gab zwischen den hebräischen Schriften, die schon so lange Teil ihrer Tradition waren, und diesem neuen Evangelium sowie den Briefen der Gott lobenden und bezeugenden Christen. Es dauerte eine Weile, bis diese Erkenntnis sich etabliert hatte. Es passierte nicht von heute auf morgen. Schließlich musste man sich erst an die Vorstellung gewöhnen, dass ein dünnes Buch, geschrieben von Markus, zusammengefasst wurde mit dem gewaltigen, fünf Bände umfassenden Wort Gottes, das Mose zugeschrieben wurde. Es war ziemlich viel verlangt, die Briefe von Paulus an neu gegründete und unerfahrene Gruppen neu bekehrter Christen in eine Reihe mit den seit Jahrhunderten bewährten Psalmen und dem Ehrfurcht gebietenden Jesaja zu stellen. Auch wenn Paulus‘ Briefe brillant geschrieben waren, schien es nicht sehr wahrscheinlich, dass dies eintreten würde. Und doch passierte es. Die heilige Gemeinschaft fasste diese beiden Teile schließlich zusammen. Es entstanden die zwei „Testamente“, aus denen ein Buch wurde, unsere Heilige Schrift. Innerhalb von ungefähr einhundert Jahren besaßen die frühen Christen im Grunde die gleiche Heilige Schrift, wie wir sie heute haben.
Nicht alle waren damit einverstanden, was da gemacht wurde: Das Ergebnis blieb nicht unangefochten. Es gab Gruppen, die mit den alten hebräischen Schriftrollen nichts zu tun haben wollten. Sie wandten ein, dass der Gott, der sich in diesen alten Büchern zeigte, nicht im Entferntesten etwas mit dem Gott zu tun hatte, den Jesus offenbart hatte und von dem er gepredigt hatte. Dann gab es Splittergruppen (unterschiedlich gnostisch geprägt), die sich ins andere Extrem verstiegen – sie wollten alles einschließen, was innerhalb der großen Gruppe erbaulicher Texte gut schien, was offenbar exklusive Einsichten vermittelte. „Exklusive“ und „erbauliche“ geistliche Impulse waren damals so beliebt wie heute. Doch Schritt für Schritt entlarvte die Gemeinschaft der Christen alles Törichte und Sensationelle und wagte es, ihren Konsens als Gottes Wort zu bezeichnen.
Die Dreieinigkeit: Es bleibt persönlich
Um ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie man diesen Text liest, ist es ist für uns heute ausgesprochen wichtig zu erkennen, wie diese beiden Texte zusammengesetzt wurden. Man fing mit den Schriften an, die für Gottes Volk Israel die normative Basis darstellten. Bald erhielt man diese neuen Evangelien und Briefe, die innerhalb der neu entstehenden christlichen Gemeinschaften geschrieben wurden. Man musste die Kontinuität erklären, die man in diesen sehr unterschiedlichen Büchern festgestellt hatte.
Während man sich darüber austauschte, wurde deutlich, dass innerhalb der Unterschiede und Vielfältigkeit eine einzige Stimme zu hören war, und dass diese Stimme zu einer Person gehörte: die Stimme Gottes, der sich selbst offenbart. Diese personale, offenbarende Eigenschaft wurde in dem zusammengefasst, was wir heute die Dreieinigkeit nennen. Dreieinigkeit ist ein gedankliches Konzept, das es uns ermöglicht, die Einheit hinter der Verschiedenheit der Offenbarung zu erkennen. Hier ist nicht der Raum, um ausführlich auf die Dreieinigkeit einzugehen. Was ich sagen will ist, dass unsere Vorfahren dieses Konzept „Dreieinigkeit“ entwarfen, während sie die gleiche Bibel lasen, die wir heute lesen und sie damit inmitten all der Stimmen eine einzige, persönliche Stimme hörbar machten.
Im vierten und fünften Jahrhundert konzentrierten sich die besten Denker der Kirche schließlich darauf, diese Bibel zu lesen und dadurch zu verstehen, auf welche Weise Gott seine Souveränität persönlich und einzigartig unter uns ausübt. Ihre Formulierung der Dreieinigkeit ist ein geniales Werk, das groß und detailliert genug ist, um alles einzuschließen, was Gott ist, was er getan hat, tut und tun wird. Gleichzeitig zeigt es, dass wir alle, egal wer wir sind, was wir tun oder wo wir herkommen, eingeschlossen sind. Sie arbeiteten mit viel Einsatz und lange daran. Es gab Konzile, Bücher wurden geschrieben, man diskutierte, predigte, man beeinflusste und ja, man stritt auch. Es war wichtig, hier keinen Fehler zu machen und das wussten sie. Sie wussten, dass sie diese Arbeit nicht gelehrten Theologen in ihren Bibliotheken überlassen durften – hier ging es um Dinge, die den Alltag der Menschen betrafen. Es ging darum, richtig zu leben, nicht nur richtig zu denken, und darum in dieser Bibel alles persönlich und lebbar zu erhalten.
Ihr Ergebnis lässt sich wie folgt zusammenfassen: Beim Lesen der Bibel stellen wir fest, dass Gott eine dauerhafte und schlüssige Identität besitzt: Gott ist eins. Gott offenbart sich auf verschiedene Art und Weise und auf den ersten Blick scheint das nicht zusammenzupassen. Es sind drei Arten ersichtlich, auf die Gott am Werk ist und sich offenbart: der Vater (die gesamte Schöpfung steht hier im Vordergrund), der Sohn (hier geht es um das Chaos der Welt, in das Jesus Christus einbricht und um sein Erlösungswerk) und der Geist (wir erleben, wie unser Leben in Gottes Leben hineingezogen wird). Es ist immer der gleiche Gott, doch die „Person“ oder das „Gesicht“ oder die „Stimme“ ändern sich, je nachdem, auf welchem Weg wir die Offenbarung erhalten.14
Erstaunlich ist aber: Jeder Aspekt der Offenbarung, jede ihrer Ausprägungen ist personal – der Kern des Wesens Gottes ist Beziehung – und deshalb ist alles, was gesagt wird, alles, was offenbart wird, alles, was empfangen wird auch personal und steht in Beziehung. Es gibt nichts unpersönliches, nichts, was einfach nur funktional wäre. Alles, vom Anfang bis zum Ende und alles dazwischen, ist personal. Gott ist von Natur aus und umfassend personal.
Die logische Konsequenz ist, dass ich als Person auch persönlich an der Offenbarung beteiligt bin. Jedes Wort, das ich höre, alles, was ich mir im Verlauf dieser Geschichte vorstelle, nimmt mich in eine Beziehung hinein, zieht mich mit in die Teilnahme, hat Bedeutung für meine innerste Identität, hat Auswirkungen darauf, wer ich bin und was ich tue.
Was ich damit betonen will ist, dass das trinitarische Denken sich über einen Zeitraum von zwei- oder dreihundert Jahren entwickelte, während der unsere Mütter und Väter diese beiden Testamente geduldig, betend, überlegt lasen und dabei nach und nach erkannten, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind. Während sie die Sätze von Jesaja und Paulus, Moses und Markus, David und Johannes lasen und hörten, bemerkten sie, dass sie genau jene Stimme hörten, die sie das Wort Gottes nannten. Und während sie hörten und zuhörten, hörten sie auch, dass sie selbst angesprochen wurden – angesprochen als Personen mit Würde, Sinn und Freiheit, Personen, die fähig sind zu glauben, zu lieben und zu gehorchen.
Das Verständnis, dass die Bibel einen Autor hat, definiert es als personal – in den Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist. Weil es personal ist, ist es auch beziehungsrelevant, was bedeutete, dass für jedes Lesen/Hören der Heiligen Schrift auch personales, in Beziehung stehendes, teilhabendes Lesen/Hören nötig ist. Zugleich kam man zu der Erkenntnis, dass diese Heilige Schrift, in der Gott alles offenbarte, was Gott ist, auch alles einschloss, was uns ausmacht: Auf beiden Seiten, bei Autor und Leser, geht es um die ganze Person und um persönliche Teilnahme.
Möglicherweise ist dies der wichtigste Aspekt, den es zu erfassen gilt, wenn wir die Heilige Schrift lesen, studieren, ihr glauben: diesen mächtigen, lebendigen, sich selbst offenbarenden Gott, wie wir ihn in Vater, Sohn und Heiligem Geist erleben, der uns persönlich anspricht, egal in welcher Situation wir uns befinden, wie alt wir sind, wie es uns geht – ich, du, wir. Christliches Lesen ist teilnehmendes Lesen. Wir nehmen die Worte auf, sodass sie in unser Leben eingehen, dass Rhythmus und Bilder Teil unseres Gebets werden, zu Taten des Gehorsams, zu einem Lebensstil der Liebe.
Wir dürfen nicht für einen Moment annehmen, dass die Dreieinigkeit etwas ist, dass sich Theologen ausgedacht haben, um eine Erklärung für abgehobene Mysterien zu finden, die nichts mit dem täglichen Leben von Menschen wie uns zu tun haben, die Kinder großziehen und ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Nein, es ist das Ergebnis der Arbeit von Christen wie uns (vielleicht waren ein paar von ihnen etwas schlauer als wir!), die lernten und sich gegenseitig lehrten, wie man die Bibel so umfassend und aufmerksam und personal und erwidernd liest, wie es ihnen möglich war. Sie wollten so lesen, dass ihr Leben mit dem Text übereinstimmte. Sie waren davon überzeugt, dass dieser Text die beste Quelle für ein gutes Leben heute und in Ewigkeit ist. Sie wollten alles und sie wollten keinen Fehler machen.
Dem Text die Persönlichkeit nehmen
Allerdings liest nicht jeder die Bibel auf diese Weise und viele wollen es auch gar nicht. Viele finden Sie aus anderen Gründen interessant oder haben andere Verwendung für sie. Die Bibel hat sich über die Jahrhunderte als Autorität etabliert und man betrachtet sie auf vielerlei Weise als nützlich oder interessant oder hilfreich und sieht sie nicht notwendigerweise als Text, der uns in die Offenbarung Gottes hineinnimmt.
Es gibt beispielsweise schon immer eine große Zahl von Menschen, die von den intellektuellen Herausforderungen der Bibel fasziniert ist. Wer über einen neugierigen Geist verfügt und die Herausforderung sucht, der kann fast nichts Besseres tun, als Bibelgelehrter zu werden. Gehen Sie in eine theologische Bibliothek und wandern Sie durch die Gänge mit säuberlich katalogisierten Büchern, die über die Bibel und ihre verschiedenen Teile geschrieben wurden, und Sie werden erstaunt sein. Nehmen Sie irgendeines der Bücher heraus und sie werden mit großer Sicherheit das Ergebnis eines großartigen Geistes in Händen halten, der diese Sätze auf der Suche nach Wahrheit durchstöbert hat und mit höchst beeindruckenden und interessanten Ergebnissen aufwarten kann. Sprache, Geschichte, Kultur, Ideen, Geografie, Dichtung – suchen Sie sich ein Gebiet aus, die Bibel liefert es Ihnen. Ein Mensch kann sein ganzes Leben mit der Bibel verbringen – sie lesen, studieren, lehren und darüber schreiben – und nie zum Ende kommen.
Dann gibt es wiederum andere, die mit eher praktischen Absichten zur Bibel kommen. Sie wollen ein gutes Leben führen und wünschen sich das auch für ihre Kinder und Nachbarn. Sie wissen, dass die Bibel vernünftige Ratschläge bereithält und eine zuverlässige Richtung vorgibt, um in der Welt voranzukommen, was im Allgemeinen ja bedeutet, gesund, reich und weise zu werden. Die Bibel steht in dem Ruf, einen guten Kurs für persönliches und soziales Verhalten vorzugeben, und genau davon wollen diese Menschen profitieren. Generell ist man der Ansicht: Menschen sind ein störrischer Haufen, der dazu tendiert, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Diese Bibel bewahrt uns vor Fallstricken und leitet uns auf einem geraden, schmalen Weg.
Und dann gibt es natürlich noch die große Zahl von Menschen, die die Bibel zu ihrer sogenannten Inspiration lesen. Es gibt so viele schöne und tröstliche Passagen in der Bibel. Wenn wir einsam sind oder trauern oder auf der Suche nach Worten sind, die uns dem alltäglichen Stumpfsinn entreißen, was gibt es Besseres als die Bibel? Die bewegenden Geschichten von Elia, der großartige Rhythmus der Psalmen, der kunstvolle Donner in Jesajas Predigten, die charmanten Parabeln von Jesus, die geladene Energie in der Lehre von Paulus. Wenn es dir um andächtige, behagliche Bibellektüre geht, dann musst du dir nur den passenden Abschnitt heraussuchen – es gibt in der Bibel große Passagen, die dich entweder einschläfern oder die ganze Nacht wachhalten. Allerdings gibt es in den meisten christlichen Buchläden kleine Spickzettel, die dir genau vorgeben, welche Abschnitte der Bibel du lesen musst, wenn du Trost suchst oder Beistand – oder was auch immer du im Augenblick gerade brauchst.
Ich will über keine dieser Gruppen von Bibellesern ein zu hartes Urteil fällen, insbesondere weil ich selbst viel Zeit in jeder dieser Gruppen zugebracht habe, aber ich will auf die augenfällige Tatsache hinweisen, dass, egal in welcher Gruppe du dich befindest, du die Bibel für deine eigenen Zwecke verwendest und dazu musst du unter Umständen keine Beziehung eingehen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man offen und ehrlich an die Bibel herangeht, sich auf ihre intellektuellen Herausforderungen oder ihre moralische Führung einlässt oder die geistliche Ermutigung, die man erhält, und sich nicht einen Moment mit dem sich selbst offenbarenden Gott auseinandersetzt, der einen Plan für mich hat.
Oder um es in den Worten zu sagen, mit denen wir begonnen haben: Man kann die Bibel aus vielen verschiedenen Blickwinkeln lesen und aus mancherlei Gründen, ohne sich mit Gott, wie er sich selbst offenbart hat, auseinanderzusetzen, ohne sich unter die Autorität des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu stellen, der in allem, was wir sind und tun, lebendig und gegenwärtig ist.
Um es deutlich auszudrücken: Nicht jeder, der sich für die Bibel interessiert oder sich sogar dafür begeistert, will auch wirklich etwas mit Gott zu tun haben.
Doch es ist Gott, um den es in diesem Buch geht. In seinem letzten Buch schrieb C. S. Lewis von zwei Arten des Lesens: das Lesen, bei dem wir das Buch für unsere eigenen Zwecke verwenden und das Lesen, bei dem wir die Absicht des Schriftstellers aufnehmen. Das erste führt nur zu schlechtem Lesen. Das zweite hat das Potenzial zu gutem Lesen:
Wenn wir es „aufnehmen“, bemühen wir unsere Sinne und unsere Vorstellungskraft und verschiedene andere Kräfte entsprechend einem vom Künstler erdachten Muster. Wenn wir es „gebrauchen“, behandeln wir es als Hilfe für unsere eigenen Betätigungen. … „Gebrauchen“ ist dem „Aufnehmen“ unterlegen, weil die Kunst, wenn sie gebraucht, statt aufgenommen wird, unser Leben nur erleichtert, aufhellt, entspannt oder beschönigt, aber nicht bereichert.“15
Aus diesem Grund ist es bei der Annäherung an dieses Buch, die Bibel, so wichtig, dass wir erkennen, was die Kirche als Dreieinigkeit formuliert hat. Wir lesen, um Anteil zu haben an der Offenbarung Gottes, der so nachdrücklich personal ist. Wir lesen die Bibel so, wie sie auf uns zukommt, und nicht, wie wir auf sie zukommen. Wir unterwerfen uns den unterschiedlichen und sich ergänzenden Handlungen Gottes des Vaters, Gottes des Sohnes und Gottes des Heiligen Geistes. Wir empfangen diese Worte, um jetzt und für alle Ewigkeit zur Ehre Gottes gestaltet zu werden.
Die Ersatz-Dreieinigkeit
Es gibt heutzutage eine neue Tendenz, die Bibel ohne Bezug zur Dreieinigkeit zu lesen. Dieser Trend hat sich zu einer Epidemie ausgebreitet und sollte sorgfältig beobachtet werden. Die beste Beschreibung dafür ist, meiner Meinung nach, Ersatz-Dreieinigkeit. Ganz im Gegensatz zum beziehungslosen Lesen des Textes, das wir gerade kennengelernt haben (intellektuell, praktisch, erbaulich), ist diese Art des Lesens höchst personal und auch sehr trinitarisch, steht aber trotzdem im völligen Widerspruch zu dem, was man erreicht, wenn man unter der Führung der Heiligen Dreieinigkeit liest.
Nähert man sich der Heiligen Schrift mit trinitarischen Gedanken und Gebeten, dann entwickeln wir eine Haltung und innere Einstellung, mit der wir uns der vollkommenen Formung durch Gott unterstellen, genau so, wie Gott sich vollkommen und personal in der Heiligen Schrift als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart. Die Alternative ist, dass wir unsere Formung selbst in die Hand nehmen. Der beliebteste Weg zu dieser Selbstgestaltung ist es heutzutage, das Ich in einer Art Dreieinigkeit zu sehen. Diese Art des Selbstverständnisses hat nichts mit dem intellektuellen Interesse an Ideen oder der Suche nach einem moralisch guten Leben oder dem Streben der Seele nach individuellem Trost zu tun. Vielmehr steht das göttliche Ich im Mittelpunkt, das über das eigene Ich waltet. Und dieses göttliche Ich wird als Heilige Dreieinigkeit verstanden.
Es funktioniert folgendermaßen. Zunächst ist es wichtig zu erkennen, dass bei der Gestaltung dieser neuen Dreieinigkeit, die das eigene Ich als den unangefochtenen Lebenstext definiert, die Bibel weder ignoriert noch ausgeschlossen wird; vielmehr nimmt sie einen Ehrenplatz ein. Allerdings wird die dreieinige Person Vater, Sohn und Heiliger Geist durch eine sehr individualisierte personale Dreieinigkeit, bestehend aus meinen Heiligen Wünschen, meinen Heiligen Bedürfnissen und meinen Heiligen Gefühlen, ersetzt.
Wir leben in einer Zeit, in der wir von der Wiege an lernen, uns für das zu entscheiden, was für uns das Beste ist. Wir durchlaufen ein paar Ausbildungsjahre, doch dann schickt man uns alleine los. Das Training beginnt schon sehr früh. Sobald wir einen Löffel halten können, dürfen wir uns zwischen einem halben Dutzend verschiedener Frühstücksflocken, von Cheerios bis Cornflakes, entscheiden. Unser Stil, unsere Neigungen, unser Geschmack werden laufend abgefragt. Schon früh entscheiden wir, was wir anziehen und wie wir uns die Haare schneiden lassen. Die Auswahl wird immer größer: welchen Fernsehsender schalten wir ein, welche Fächer wählen wir in der Schule, auf welche Universität gehen wir, welche Kurse besuchen wir, welches Auto in welcher Farbe kaufen wir, welcher Gemeinde schließen wir uns an. Wir lernen früh und werden im Laufe der Jahre immer wieder darin bestärkt, dass wir ein Mitspracherecht bei der Gestaltung unseres Lebens haben, innerhalb bestimmter Grenzen sogar das alleinige Sagen. Sofern die Gesellschaft dies ordentlich erledigt – und scheinbar ist sie bei den meisten von uns äußerst effektiv – dann werden wir zu Erwachsenen, die davon ausgehen, dass unsere Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle das göttliche Kontrollzentrum unseres Lebens darstellen.
Die neue Heilige Dreieinigkeit. Das unabhängige Ich drückt sich aus durch Heilige Bedürfnisse, Heilige Wünsche und Heilige Gefühle. Zeit und Verstand, die unsere Vorfahren darauf verwandten, die Souveränität zu verstehen, die sich in Vater, Sohn und Heiligem Geist offenbart, werden von unseren Zeitgenossen dazu eingesetzt, die Souveränität unserer Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle zu bestätigen und für gültig zu erklären.
Meine Bedürfnisse sind nicht verhandelbar. Meine so genannten, selbst definierten Rechte, sind die Basis meiner Identität. Mein Bedürfnis nach Erfüllung, nach Meinungsäußerung, nach Bestätigung, nach sexueller Befriedigung, nach Respekt, mein Bedürfnis zu tun, was ich mag – all das ist Grundlage für die zentrale Position des Ich und schützt mich vor der Bedeutungslosigkeit.
Meine Wünsche sind Ausdruck meines wachsenden herrscherlichen Empfindens. Ich lerne groß zu denken, weil ich groß bin, wichtig, entscheidend. Ich bin größer als das Leben selbst und deshalb benötige ich immer mehr Güter und Dienstleistungen, mehr Dinge und mehr Macht. Konsum und Eigentum sind die neuen Früchte des Geistes.
Meine Gefühle drücken aus, wer ich wirklich bin. Jede Sache oder Person, die mir ein Hochgefühl verschafft, Aufregung, Freude, Impulse, spirituelle Verbindungen, bestätigt meine Unabhängigkeit. Natürlich muss dafür ein Heer an Therapeuten, Reisebüros, technischen Geräten und Maschinen, Freizeitaktivitäten und Unterhaltungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Nur so können die Teufel der Langeweile, der Ungewissheit und der Unzufriedenheit vertrieben werden – allesamt Gefühle, die meine Selbstbestimmtheit untergraben oder infrage stellen.
Während der letzten zweihundert Jahre entstand eine riesige Literaturgattung, gelehrt und populärwissenschaftlich, die sich damit beschäftigt, die Heilige Dreieinigkeit der Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle, die das unabhängige Ich ausmachen, zu verstehen. Eine ungeheure Menge an Wissen wurde hier angehäuft. Unsere neue Kaste geistlicher Meister setzt sich zusammen aus Wissenschaftlern und Wirtschaftsspezialisten, Ärzten und Psychologen, Erziehern und Politikern, Schriftstellern und Künstlern. Sie sind genauso intelligent und leidenschaftlich wie unsere frühen Kirchentheologen und genauso religiös und ernsthaft bei der Sache, denn sie wissen, dass das Ergebnis ihrer Überlegungen enorme Auswirkungen darauf hat, wie Alltag gelebt wird. Die Studien, die sie durchführen und die Anleitungen, die sie für den Dienst an unserem Selbst-Gott geben, die Gottheit, die sich aus unseren Heiligen Bedürfnissen, Heiligen Wünschen und Heiligen Gefühlen zusammensetzt, werden mit guten Absichten durchgeführt und sind sehr überzeugend. Es ist schwer, sich nicht vom Zeugnis all dieser Experten überzeugen zu lassen. Unter ihrer Anleitung werde ich mir ziemlich sicher, dass ich der bestimmende Text für mein Leben bin.
Man könnte meinen, dass die Predigt von dieser neuen Dreieinigkeits-Religion keine große Gefahr für Menschen darstellt, die im Namen der Dreieinigkeit getauft sind, die regelmäßig und andächtig das Apostolische und Nizänische Glaubensbekenntnis sprechen, die Gebete mit der Anrufung „Unser Vater…“ einleiten, die täglich aus dem Bett steigen, um Jesus als ihrem Herrn und Retter nachzufolgen und immer wieder singen „Jesus, meine Zuversicht …“
Allerdings ist diese konkurrierende Souveränität in derart geistliche Sprache verpackt und wir sind so leicht von unserer eigenen geistlichen Souveränität zu überzeugen, dass sie tatsächlich unsere Aufmerksamkeit erregt. Die neuen geistlichen Meister versichern uns, dass all unsere geistlichen Bedürfnisse in dieser neuen Dreieinigkeit verwirklicht sind: unsere Suche nach Sinn und Transzendenz, unser Wunsch nach einem größeren Leben, unsere Ahnung von geistlicher Bedeutsamkeit – und, nicht zu vergessen – es gibt jede Menge Platz für Gott, ob viel oder wenig entscheidest du selbst. Die neue Dreieinigkeit schafft Gott oder die Bibel nicht ab. Sie stellt sie vielmehr in den Dienst unserer Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle. Das ist uns ganz recht, denn wir sind unser ganzes Leben darauf abgerichtet worden, alles und jeden genau so zu behandeln. So ist das nun mal. Das ist das Vorrecht der Unabhängigkeit.
Heute zeichnet sich erschreckend deutlich ab, dass der Kern der christlichen Gemeinschaft, nämlich die Souveränität Gottes, der sich in drei Personen offenbart, von nahezu allem angefochten und untergraben wird, was wir in der Schule lernen, was uns in den Medien präsentiert wird, was an sozialen, beruflichen und politischen Erwartungen an uns herangetragen wird, weil die Experten uns versichern, dass das Ich souverän ist. Diese Stimmen scheinen genau auf unserer Wellenlänge zu liegen. Wenn sie uns zeigen, wie wir unserem souveränen Ich zum Leben verhelfen, dann sind sie so bestimmend und maßgeschneidert, dass wir kaum bemerken, wie wir unsere Heilige Bibel eintauschen gegen diesen neuen Text, das Heilige Ich. Gehen wir denn nicht nach wie vor zum Bibelkreis und lesen wir nicht täglich die geforderten Verse und Kapitel? Während wir unaufhörlich dazu ermutigt werden, auf unsere Bedürfnisse, Träume und Vorlieben zu hören, merken wir kaum, wie wir uns von dem Glauben entfernen, den wir so lange bekannten.
Es ist eine große und heimtückische Gefahr, wenn wir das Ich als den bestimmenden Lebenstext einführen und gleichzeitig der Heiligen Schrift die Ehre erweisen, indem wir ihr einen besonderen Platz im Regal zuweisen. Niemand von uns ist gegen diese Gefahr immun.
Aus diesem Grund ist es so wichtig, den Befehl des starken Engels an Johannes wiederzubeleben. Wenn wir unserer Identität treu bleiben wollen, wenn wir einen Lebenstext wollen, der uns in die Nähe von Gottes Volk führt, der uns vertraut hält mit seinem wahren Wesen und seinem Handeln, dann müssen wir dieses Buch einfach essen.

Es ist grausam, aber wahr, dass wir trotz all unserer Kultiviertheit, all unseres Wissens und unserer Selbsterkenntnis nicht schlau genug sind, die Herrschaft über unser Leben zu erlangen. Der bemitleidenswerte Zustand vieler Menschen, die ihren eigenen Erfahrungshorizont als Lebenstext heranziehen, ist ein verheerender Beweis gegen die anmaßende Hervorhebung des souveränen Ich. Wir brauchen einen Text, der uns offenbart, was wir auch dann nicht wissen können, wenn wir das gesammelte Wissen sämtlicher Jahrhunderte zusammenfassen. Das Buch, die Bibel, offenbart uns den sich selbst offenbarenden Gott und damit gibt sie uns Einblick in den Zustand der Welt, den Zustand unseres Lebens und unseren eigenen Zustand. Wir müssen uns dort auskennen, wo wir leben. Wir müssen die Zusammenhänge kennenlernen, in diesem Land der Dreieinigkeit, in der von Gott geschaffenen Welt, in seiner Rettung und seinem Segen.
Gott ist nicht so, wie wir gemeinhin vermuten. Das meiste, was uns von Gott und seinem Handeln erzählt wird, sei es von unseren Freunden auf der Straße, oder was wir in der Zeitung über ihn lesen oder im Fernsehen sehen oder uns selbst ausdenken, ist schlicht und ergreifend falsch. Vielleicht ist es nicht vollkommen falsch, doch falsch genug, um unser Leben durcheinanderzubringen. Und dieses Buch ist, um es ganz genau zu sagen, Offenbarung; eine Offenbarung dessen, was wir selbst nie herausgefunden hätten.
Ist dieser Text nicht fest im entscheidenden Zentrum unseres gemeinschaftlichen und persönlichen Lebens angesiedelt, gehen wir unter. Wir versinken in einem Sumpf voller wohlmeinender, doch halbherziger Menschen, die gnadenlos in ihre Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle verstrickt sind.
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