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Esmé Lammers
Lang lebe die Königin!
Aus dem Niederländischen von Beate und Arnica Esterl
Mit Illustrationen von Annemarie van Haeringen

Verlag Freies Geistesleben
Für die kleine Geena
Max Euwe, meinem Großvater, gewidmet
Bei folgenden Menschen will ich mich bedanken für ihre Inspiration, ihre Ratschläge und ihre Unterstützung: Hans Böhm, Caroline Euwe, Laurens Geels, Maarten van der Gugten, Liesbeth ten Houten, Jacolien Kingmans, Riana Scheepers und Elsemijn Teulings.
Diese Geschichte handelt von einem Mädchen namens Sara und von einer Königin. Nicht von einer normalen Königin wie die Königinnen in Holland oder England, sondern von einer Schachkönigin. Vielleicht glaubst du, dass eine solche Königin schrecklich langweilig oder streng ist, aber du wirst bald sehen, dass sie lieb ist und weise und dass ihre Augen immer lachen.
Die Geschichte fängt an, als Sara gerade acht Jahre alt geworden ist. Sie will in der Schule nicht lernen, vor allem, weil sie immer schlechte Noten bekommt. Und sie hat noch nie von der Schachkönigin gehört. Sie weiß also auch nicht, dass diese Königin ihre beste Freundin werden wird und dass sie zusammen Schach spielen lernen werden und dass sie sogar ihren Vater …
Nein, das werde ich jetzt nicht verraten, ich werde der Reihe nach erzählen. Es fing alles damit an, dass Sara einen Aufsatz über ihren Vater schreiben sollte.
1
Vielleicht merkt der Lehrer nicht, dass der Aufsatz gar nicht von meinem Vater handelt, dachte Sara. Sie hoffte jedenfalls, er werde nicht danach fragen. Denn sonst würde Mariette, das Mädchen in der Bank vor ihr, sich sofort umdrehen und anfangen zu fragen:
«Wo wohnt denn dein Vater? Warum wohnt er nicht bei euch? Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?»
Sara wusste dann nie, was sie antworten sollte.
Die Kinder glaubten, dass sie es nicht hörte, aber Sara merkte schon, wie sie die Köpfe zusammensteckten und tuschelten:
«Sara hat keinen Vater.»
«Saras Vater will nicht bei ihr wohnen.»
Weil sie von ihrem Vater so gut wie nichts wusste, hatte Sara einen Aufsatz über ihren Großvater geschrieben.
Seit drei Jahren lebte sie mit ihrer Mutter bei ihm in dem großen Haus. Kurz vorher war ihre Großmutter gestorben, und der Großvater war traurig und einsam und kümmerte sich kaum noch um sich selbst. Da meinte Saras Mutter, dass es auch für Sara netter wäre, nicht immer allein zu sein, wenn sie selbst zur Arbeit ging. Und so zogen sie in das große Haus.
Sara hatte versucht, einen guten Aufsatz zu schreiben. Sie erzählte, dass «er» früher als Kapitän zur See gefahren war, jetzt aber immer zu Hause blieb (weil er pensioniert worden war, aber das schrieb sie lieber nicht dazu), und dass «er» das ganze Haus mit Kisten, Figuren und Schifffahrtsgeräten voll gepackt hatte, damit es noch ein wenig so aussah, als ob er auf einem Schiff wohnte. Sie schrieb auch, dass «er» fast den ganzen Tag in seinem Arbeitszimmer saß und an einem Stammbaum arbeitete. Sie erklärte sogar, dass ein Stammbaum eine lange Liste mit den Namen der Familienmitglieder ist. Alle standen sie darauf: Sara, ihre Mutter und darüber Saras Großvater und Großmutter und darüber deren Vater und Mutter und Geschwister.
An einigen Stellen des Stammbaums stand ein Fragezeichen, und das bedeutete, dass «er» nicht wusste, wie die Leute hießen. Wo der Name von Saras Vater hätte stehen sollen, war auch ein Fragezeichen. Das hatte sie aber lieber nicht in dem Aufsatz geschrieben. Nirgends hatte sie in dem Aufsatz gelogen. Sie hatte immer nur «er» geschrieben und niemals «mein Vater».
Die Aufsätze der anderen Kinder trugen den Titel: «Mein Vater». Über Saras Aufsatz stand: «Wer ist er?»
«Dein Vater wird sich freuen, Mariette!», sagte der Lehrer freundlich und gab Mariette ihren Aufsatz zurück. Rechts oben stand eine große Eins. Mariette schaute sich voller Stolz um. Der Lehrer kam zu Sara. Als Erstes sah sie, dass der ganze Aufsatz mit roten Korrekturen voll gekritzelt war. Darüber sprang ihr eine Vier förmlich in die Augen. Sara nahm das Blatt und wollte es gleich wegstecken, aber der Lehrer blieb stehen.
«Handelt der Aufsatz von deinem Großvater, Sara?», fragte er.
Er hatte es also gemerkt. Sara nickte.
«Ist das der Großvater, der sagt, dass du manche Dinge gar nicht zu wissen brauchst, weil du sie nachschlagen kannst?»
Sara spürte, wie die Kinder sie anstarrten.
«Es ist eine gute Geschichte, Sara. Nur schade, dass du so viele Schreibfehler gemacht hast, nicht wahr?» Der Lehrer schaute sie ernst an. Sara beugte sich über den Aufsatz, und der Lehrer ging weiter.
«Zeig mal her!» Mariette hatte sich tatsächlich schon wieder umgedreht.
Zögernd schob Sara das Blatt zu ihr hin.
«Mensch, so viele Fehler! Ich würde nie wagen, meinem Vater so was zu zeigen», sagte Mariette. Plötzlich sah sie Sara scharf an. «Aber du hast doch gar keinen Vater!», schrillte ihre Stimme durch die Klasse.
Sara riss ihr den Aufsatz aus den Händen.
«Klar habe ich einen Vater!»
«Ach ja, und wo ist er denn?»
«In Südafrika.»
«In Südafrika? Das kann doch gar nicht sein, dort sind alle Menschen schwarz.» Mariette drehte sich zu ihrer Nachbarin. «Siehst du, sie lügt wie gedruckt.»
Sara biss sich auf die Lippen. Tränen schossen ihr in die Augen.
Sara hatte nicht gelogen, als sie sagte, dass ihr Vater in Südafrika lebte. Das hatte ihre Mutter ihr selbst erzählt. Aber die Mutter sprach nur ganz selten darüber. Sara hatte schon öfter nach ihrem Vater gefragt, aber meistens wimmelte ihre Mutter sie ab. Nur das eine Mal, als Sara gesagt hatte, dass ihr Vater dann wohl tot sei, war ihre Mutter sehr erschrocken und hatte ihr versichert, dass er nicht tot war, sondern in Südafrika lebte.
Sara wusste gar nicht, wo Südafrika lag. Sie fragte ihren Großvater, und er zeigte es ihr auf dem großen Globus, der in seinem Arbeitszimmer stand. Eins war klar: Südafrika war weit weg!
Sara fürchtete, dass ihre Mutter böse würde, wenn sie weiter fragte, und deshalb hatte sie sich am nächsten Tag selbst auf die Suche gemacht.
Im Schlafzimmer ihrer Mutter stand eine große Überseekiste, und die hatte sie heimlich aufgeschlossen. Kunterbunt lagen die Sachen darin verstreut. Ein geblümtes Kleid, eine alte Handtasche, ein Schminkköfferchen, Briefe und Fotos. Die Fotos zeigten ihre Mutter als Stewardess und mit Freundinnen auf einer sonnigen Terrasse, und auf einem Bild war sie noch ganz jung und stand an der Reling auf Großvaters Schiff.
In einem dünnen, knisternden Umschlag voll mit verwischten Stempeln hatte sie noch ein Foto entdeckt. Es zeigte die Mutter neben einem Mann, den Sara nicht kannte. Sie standen vor einem großen Brett mit weißen und schwarzen Feldern. Auf dem Brett waren Figuren aufgeklebt. Sara konnte ein Pferd erkennen und einen Turm und Soldaten und auch eine kleine Krone.
Dann hatte sie sich den Mann genau angeschaut. Er hatte den Arm um Mutters Schultern gelegt und blickte ernst drein, als müsse er eine schwierige Aufgabe lösen. Ihre Mutter sah gar nicht ernst aus, sie lächelte vielmehr ganz fröhlich. Sara wünschte sich, der unbekannte Mann auf dem Foto wäre ihr Vater.
Sara schaute auf die kleine Uhr, die im Klassenzimmer über der Tür hing. Fast zwölf Uhr. Endlich fort, fort aus der Klasse! Sie malte das Bild von den Vögeln auf dem Schulhof schnell fertig. Das war das Einzige, was sie an diesem Vormittag getan hatte. Was sie nach der Schule anfangen sollte, wusste sie noch nicht. Ihre Mutter arbeitete im Friseursalon, und ihr Großvater war mit seinem Stammbaum beschäftigt. Aber draußen war es immer noch besser als in der Klasse, draußen fragte keiner, wie viel zwölf mal drei ist.
Sie schob das Heft in ihre Schultasche. Der Lehrer klatschte in die Hände, und alle Kinder standen auf, Sara auch.
«Sara, bleib bitte noch kurz da.» Schwer klang seine Stimme zwischen den lärmenden Kinderstimmen.
Sara hoffte, dass sie sich verhört hatte, und lief an den Tischen entlang zur Tür. Aber die Hand des Lehrers hielt sie zurück. «Sara, ich muss mit dir reden.»
Der Schulhof war jetzt voller Kinder, die Fußball spielten oder umherrannten. Ihre Stimmen ertönten aus der Ferne.
In dem leeren Klassenzimmer setzte der Lehrer sich ihr gegenüber.
«Du schreibst immer wieder schlechte Noten, Sara.»
Sara wusste schon lange, dass sie schlechte Noten hatte. Nur nicht im Zeichnen, da bekam sie eine Zwei! Der Lehrer lächelte ein wenig und sagte, dass ihr das nicht viel nützen würde. Wenn sie so weitermachte, müsste sie sitzen bleiben. «Ich glaube nicht, dass deine Mutter sich darüber freuen wird.»
Nein! Darüber würde ihre Mutter sich bestimmt nicht freuen!
Der Lehrer reichte ihr einen Umschlag.
«Hier ist ein Brief für deine Mutter. Ich habe ihr geschrieben, dass du ein paar zusätzliche Aufgaben machen musst, sonst kann ich dich nicht versetzen.»
Sara verstaute den Brief in ihrer Schultasche und stand auf. Wie sollte sie denn bessere Noten schreiben?
Jetzt machte der Lehrer ein strenges Gesicht.
«Du denkst: Lass den Lehrer nur reden, ich tue nur, wozu ich selbst Lust habe. Aber das geht so nicht länger, Sara. Das wirst du doch verstehen.»
Nein, Sara verstand das nicht. Die meinten alle, sie wolle absichtlich nicht lernen. Aber das stimmte nicht. Sie hätte so gerne gute Noten …
Sara rannte aus der Klasse. Der Lehrer versuchte noch, sie aufzuhalten, aber sie war zu schnell.
Schon seit Anfang des Schuljahres war es ihm schwer gefallen, mit ihr zu reden. Er hatte zum Beispiel einmal nach ihrem Vater gefragt, aber aus der rätselhaften Antwort konnte er nur entnehmen, dass der Vater nicht bei der Familie wohnte. Das war an sich nicht so ungewöhnlich, so war es auch bei anderen geschiedenen Eltern. Und dennoch … Andere Väter kamen manchmal zu einem Elternabend oder einem Schulfest, und sogar Väter, die im Ausland wohnten, besuchten ihn irgendwann. Aber Saras Vater hatte er noch nie gesehen. Seltsam!
Als Sara über den Schulhof lief, waren die meisten Kinder nach Hause gegangen, nur ein paar Jungen spielten Fußball. Die Vögel, die während der Schulstunden die Samen aus den Ritzen zwischen den Steinplatten herauspickten, saßen hoch oben in den Bäumen.
Das Dorf, in dem Sara lebte, war klein. Man konnte sich kaum verirren. Nach fünf Minuten kam man bestimmt an eine Stelle, wo man schon einmal war. Am Dorfplatz, wo auch die Kirche stand, lagen einige Läden. Dort hatte Saras Mutter vor drei Jahren einen Friseursalon gekauft. Der Laden war fast immer voll, und deshalb musste sie viel arbeiten. Sie kam meistens erst spät abends nach Hause und verließ morgens als Erste das Haus. Sara sah ihre Mutter fast nur beim Abendessen.
Sie dachte sich ein Spiel aus: Wenn sie auf den Rand einer Steinplatte trat, musste sie nach Hause, blieb sie aber in der Mitte, dann durfte sie zu ihrer Mutter in den Friseurladen. Wenn mehr als fünfzig Platten in der Straße waren, die sie entlanglief, dann würden wenig Kunden im Friseurladen sein und ihre Mutter würde Zeit für sie haben. Sie würde sogar eine Tasse Tee bekommen und einen Keks. Sara wusste, dass es im Laden köstliche Kekse gab, Spritzgebäck, das auf der Zunge zerging, so dass es schmeckte, als ob man hundert Kekse auf einmal aß. Zu Hause gab es auch Kekse, aber die waren hart und trocken, weil ihr Großvater sonst die ganze Keksdose auf einmal leer aß.
Nur wenn sie wirklich nirgends den Rand der Platten berührte, durfte sie zu ihrer Mutter.
Sie bog um die Ecke. Ein Glück, sie hatte auf dem Gehweg fünfundachtzig Platten gezählt. Ihre Mutter würde Zeit haben.
Sara hatte langes dunkelblondes Haar, und in der Frühlingssonne glänzte es wie Gold. Es tanzte auf ihrem Rücken, während sie von einer Platte zur nächsten hüpfte. Sie musste gut aufpassen, denn die Straße war voller Menschen, die sie aus dem Gleichgewicht bringen konnten.
Geschickt wich sie den Leuten aus und erreichte das Ende der Straße, ohne auch nur einmal auf den Rand einer Platte zu treten. Fast hatte sie den Friseurladen erreicht. Nur noch diese Straße entlang und dann auf die andere Seite und dann um die nächste Ecke.
Sara machte immer größere Schritte, sie schmeckte die Kekse schon …
Da! Sie konnte nicht weiter. Vor ihr auf dem Gehweg standen große Umzugskartons. Sie schaute, ob sie die Straße überqueren könnte, aber drüben war kein Gehweg. Also dann vorsichtig an den Kisten vorbei. Gar nicht so einfach!
Die Umzugskisten standen vor einem Laden. Der Laden war noch leer, nur im Schaufenster hing ein Schild, auf dem VERKAUFT stand. Am Straßenrand stand ein Auto mit einer großen Ladefläche, auf der eine Menge Schachteln, Möbel und Spielsachen gestapelt waren. Jemand stöberte darin herum.
Sara betrachtete ein hölzernes Schaukelpferd, das aus dem Autofenster ragte. Sie ging näher heran. Da erschrak sie, denn ein Junge kam hinter dem Auto hervor. Er war blond und etwa so alt wie sie. Er trug eine karierte Mütze und eine Brille und wankte unter der Last einer viel zu großen Schachtel auf den Laden zu. Dann verlor er das Gleichgewicht und taumelte.
«Pa-haps! Pa-pa!»
Sara schaute in den Laden. Alles blieb still.
Der Junge schwankte noch mehr. Sara wollte zu ihm hinrennen, aber sie sollte doch nicht auf die Ränder …
Die Schachtel fing an zu rutschen und stieß dem Jungen die Brille von der Nase. Die Brille flog durch die Luft und schlug auf das Straßenpflaster. Sara vergaß, was sie sich vorgenommen hatte, und rannte auf ihn zu, quer über mehrere Plattenränder.
Aber es war schon zu spät, die Schachtel fiel mit einem dumpfen Knall auf das Pflaster. Und mit diesem Knall verschwand der köstliche Geschmack von butterweichen Keksen aus ihrem Mund.
Der Vater des Jungen hatte den Knall auch gehört und rannte herbei. Er sah die beiden Kinder auf dem Gehweg sitzen und betreten auf die Spielsachen blicken, die aus der Schachtel gefallen waren. Besorgt hockte er sich neben seinen Sohn.
«Victor, wie geht es dir? Ist dir schwindelig?»
Victor schüttelte den Kopf. Sara gab ihm seine Brille zurück, und er sah sie aufmerksam an, ohne zu merken, dass sie verlegen wurde.
Sie schaute auf den Boden. Vor ihr auf dem Pflaster lagen wunderschöne kleine Figuren. So schöne hatte sie noch nie gesehen. Vorsichtig hob sie eine auf und sah sie sich genauer an. Es war eine Frau mit lockigen Haaren und einem Krönchen. Sie trug ein langes, weißes Kleid mit goldenen Biesen. Eine Königin!, dachte Sara.
Victor sammelte die Figuren ein und fing an, sie zu zählen. Jetzt sah Sara, dass auch ein Pferd dabei war und ein Turm und Soldaten, die alle genauso hübsch waren. Noch einmal schaute sie sich die Königin an. Noch nie hatte sie ein solch hübsches und liebes Gesicht gesehen. Oder doch? Ja, so sah ihre Mutter auf dem Foto mit dem unbekannten Mann aus.
Und dann geschah etwas Seltsames, etwas ganz Seltsames. Die Königin wurde lebendig und lächelte ihr zu.
Sara traute ihren Augen nicht. Sie zwinkerte ein paar Mal, aber noch immer sah sie es: Die Königin reckte sich und blinzelte ihr zu. Sara wurde warm ums Herz vor Freude.
Victors Vater kam wieder aus dem Laden, und Sara erschrak. Sie hatte völlig vergessen, dass sie draußen auf dem Pflaster saß.
«Willst du hier anfangen, Schach zu spielen?», fragte er.
«Nein, aber ich muss doch nachschauen, ob alle da sind.» Victor stellte die Figuren auf ein quadratisches Holzbrett mit weißen und schwarzen Feldern.
Sara schaute zu. Schach spielen?
«Der weiße König fehlt», sagte Victor. Es waren die ersten Worte, die er an Sara richtete, aber er sprach mit ihr, als hätten sie den ganzen Nachmittag zusammen gespielt.
Sara sah sich suchend um und entdeckte etwas Weißes unter dem Auto. Es war der weiße König, ein großer, kräftiger Mann mit einem kurzen Bärtchen und einem langen Mantel mit roten Streifen und schwarzen Punkten. Auch er trug eine Krone auf dem Kopf. Der König sah bei weitem nicht so fröhlich aus wie seine Frau, fand sie.
Als ob Victor ihre Gedanken gelesen hätte, sagte er: «Der König sieht so böse aus, weil er sich langweilt.»
Sara lächelte und stellte den König zu den anderen.
«Wollen wir spielen?», fragte Victor den König, als wäre es ganz normal, eine Figur so etwas zu fragen. Plötzlich schaute er auf. «Kannst du Schach spielen?», fragte er Sara.
Ich? Schach spielen? Nein, ich kann nicht Schach spielen. Ich kann nichts, dachte sie verzweifelt. Sie schüttelte den Kopf.
«Schade», sagte Victor enttäuscht. «Es ist ein tolles Spiel, das kannst du mir glauben!»
Sara stand auf. Sie wollte nach Hause. Victor wusste ja nicht, dass sie in der Schule immer nur schlechte Noten bekam.
An der Straßenecke drehte sie sich noch einmal um und sah, wie Victor die Schachfiguren in ein Samtetui legte. Sein Vater stand in der Ladentür und schaute ihr nach. Sara drehte sich rasch um und lief davon, um die Ecke und dann den Deich hinauf.
Sie rannte, bis sie zu Hause war.
2
Das große, gelb getünchte Haus, in dem Sara mit ihrer Mutter und ihrem Großvater wohnte, hatte früher als Einziges am Deich gestanden. Später waren dann auf beiden Seiten einige Häuser dazugekommen. Hinter dem Haus war ein kleiner Spielplatz mit einer Schaukel, die aber so schrecklich quietschte, dass Sara sich fast nie draufsetzte.
Ihr Großvater arbeitete jeden Morgen in dem großen Garten, außer wenn es eiskalt war oder stark regnete. Dann arbeitet die Natur für mich, sagte er. Im Garten blühten viele Rosen, weil er die am meisten liebte, knallrote und milchweiße Rosen. Auch ein Apfelbaum stand dort, der grässlich saure Äpfel trug. Einmal hatte Saras Mutter einen Apfelkuchen mit den Äpfeln gebacken, aber der schmeckte so widerlich, dass sogar der Großvater nach einigen Bissen streikte, obwohl er sonst alles aß, weil er wusste, was es hieß, hungern zu müssen.
Im Haus war es still, man hörte nur das Ticken der großen Wanduhr. Die breiten, hölzernen Treppenstufen knarrten, wenn man darauf trat, aber das war noch nichts gegen das Krachen der Dielen auf dem oberen Flur.
Auf halbem Wege blieb Sara auf der Treppe stehen und betrachtete die lebensgroßen, dunklen afrikanischen Statuen, die ihr Großvater oben am Geländer aufgestellt hatte. Oft versteckte sie sich vor den stieren Augen der Figuren, aber heute achtete sie nicht darauf. Sie dachte an die Schachkönigin.
Schach spielen … Wenn das ein Spiel war, vielleicht war es dann nicht so schwer, und sogar sie könnte es lernen. Das Gänschenspiel und Mensch-ärgere-dich-nicht hatte sie schließlich auch gelernt.
Auf Zehenspitzen schlich Sara zu der Rumpelkammer, damit ihr Großvater, der unten in seinem Zimmer an dem Stammbaum arbeitete, sie nicht hörte. Er achtete zwar sowieso nicht auf sie, aber sie machte sich öfters einen Sport daraus, leise zu gehen.
Sie durchstöberte die ganze Rumpelkammer, den Schrank, die Schachteln, alte Koffer und Blechdosen. Es lagen viele Spiele dort, manche waren kaputt oder nicht mehr vollständig, aber ein Schachspiel war nicht dabei.
Sie hörte ihren Großvater in der Küche und ging nach unten.
«Opa, haben wir ein Schachspiel?», fragte sie.
Erstaunt blickte ihr Großvater auf. «Ein Schachspiel?»
Sara nickte.
Großvater setzte sich an den Tisch und öffnete erwartungsvoll die Keksdose. Sie war bis zum Rand gefüllt … mit trockenen, harten Keksen. Enttäuscht nahm er einen. Er grübelte über das Schachspiel nach und sah Sara mit gerunzelter Stirn an, wie immer, wenn er meinte, dass sie etwas Schwieriges gefragt hatte.
«Ich weiß es nicht, Sara. Deine Mutter mag das Spiel nicht mehr. Früher konnte sie sehr gut Schach spielen, aber das war plötzlich vorbei. Sie wollte kein Schachbrett mehr sehen.»
Ihre Mutter, die spielte? Sara hatte noch nie gesehen, dass ihre Mutter spielte. Großvater schenkte den Tee ein, und Sara nahm einen Keks. Sie hoffte, dass er noch mehr erzählen würde.
«Ist in der Dachkammer kein Schachspiel?», fragte er schließlich.
Sara schüttelte den Kopf; sie hatte ja gerade nachgeschaut. Die Falten auf Großvaters Stirn wurden noch tiefer, aber er sagte nichts.
«Warum möchte Mama nicht mehr Schach spielen, Opa?»
Plötzlich lächelte er. «Na ja, die Frauen, nicht wahr? Manchmal sind sie seltsame Wesen.»
Diese Antwort gefiel Sara gar nicht. Sie wollte wissen, warum ihre Mutter nicht mehr Schach spielte. «Ich bin auch eine Frau, Opa», sagte sie empört.
Aber ihr Großvater verstand sie nicht. Er zwickte sie in die Nase. «Das weiß ich. Und wenn ich später groß bin, heirate ich dich.»
Er stand auf, schnappte sich noch einen Keks und verließ die Küche.
Saras Großvater zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Er liebte seine Enkelin sehr und hielt sie für gescheit, ungeheuer gescheit, denn es entging ihr nichts, und sie hatte viel Phantasie. Aber sie konnte auch lästige Fragen stellen und gab sich nicht leicht mit einer Antwort zufrieden. Er merkte wohl, dass sie mehr über ihren Vater wissen wollte, aber er wusste ja selbst nichts. Einige Male hatte er Susan, Saras Mutter, vorsichtig danach gefragt, aber sie hatte geantwortet, dass ihn das nichts angehe.
Er war froh, dass sie bei ihm wohnte, und wollte sie nicht vergraulen, deshalb sagte er lieber nichts. Aber die Frage, weshalb niemand wissen durfte, wer Saras Vater war, beschäftigte ihn mehr, als er zeigen wollte.
Sara fing an, die Königin zu zeichnen. Das sollte die schönste Zeichnung werden, die sie jemals gemacht hatte, und sie nahm sich vor, sie ihrer Mutter zu schenken. Eben wollte sie die kleine Krone zeichnen, als ihr einfiel, dass sie eine solche Krone schon mal gesehen hatte, auch auf einem Brett mit schwarzen und weißen Feldern …
Sie rannte die Treppe hinauf, ging in das Zimmer ihrer Mutter, fischte den Schlüssel aus einer Vase auf dem Schrank, schloss die Überseekiste auf und holte den knisternden Briefumschlag mit dem Foto heraus. Das Brett auf dem Foto sah ganz anders aus als Victors Brett, aber nur, weil es viel größer war und wie eine Schultafel hinter ihrer Mutter und dem Mann aufgebaut stand. Sara erkannte das Pferd wieder und den Turm und das Krönchen der Königin. Jetzt wusste sie: Ihre Mutter und der unbekannte Mann standen vor einem Schachbrett.
An diesem Abend kam Saras Mutter müde nach Hause. Sara zeigte ihr die Zeichnung mit der Schachkönigin, aber die Mutter warf nur einen flüchtigen Blick darauf und sagte, Sara solle das Bild Großvater schenken, der werde sich bestimmt darüber freuen.
Sara hoffte, dass es nicht stimmte, was der Großvater ihr erzählt hatte, und sagte zögernd: «Mam, ich habe heute ein wunderschönes Schachspiel gesehen.»
«O ja?», sagte die Mutter kurz und drehte sich zur Spüle um. «Du weißt, dass ich heute Abend nicht zu Hause bin, Sara?»
Sara war enttäuscht. Sie wollte erzählen, wie schön sie das Schachspiel gefunden hatte.
«Wo gehst du denn hin?», fragte sie mürrisch.
«Ich habe doch Gesangsunterricht, wie jeden Mittwoch.» Ihre Mutter räumte die Einkäufe in den Schrank. Als sie sah, dass Sara bedrückt auf die Zeichnung starrte, legte sie einen Arm um ihre Schulter und gab ihr einen Kuss, aber Sara wich ihr aus.
«Komm, kannst du noch das Lied, das ich dir beigebracht habe?»
Sara nickte. Sie sangen es oft zusammen. Sara fand, dass ihre Mutter sehr gut singen konnte.
Die Mutter fing an und tanzte nach dem Takt durch die Küche. Sara sang mit und klatschte in die Hände.
An den Brief des Lehrers dachte sie schon lange nicht mehr. Sie hatte auch nicht gemerkt, dass er ihr aus der Jackentasche gefallen war. Aber ihr Großvater, der durch den Flur ging, um die Zeitung zu holen, entdeckte ihn sofort.
Großvater kam mit dem Brief in die Küche. Sara erkannte den Umschlag gleich und schwieg, auch ihre Mutter hörte auf zu singen. Sie wischte sich die Hände am Küchentuch ab und nahm den Brief. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie ihn geöffnet hatte. Aber dann war klar, dass ihr ganz und gar nicht gefiel, was sie las.
Sara rannte aus der Küche, stürmte die Treppe hinauf und wäre am liebsten noch weiter gelaufen, aber sie kam nur bis in ihr Zimmer. Sie ließ sich aufs Bett fallen und kroch unter die Decke.
Sie hörte, wie jemand die Treppe heraufstieg und ins Zimmer kam.
«Warum hast du mir nicht erzählt, dass du Probleme in der Schule hast?», fragte ihre Mutter und setzte sich auf den Rand des Bettes.
Sara verkroch sich noch tiefer.
«Was ist mit dir los?» Jetzt klang die Stimme ihrer Mutter ärgerlich.
Sara antwortete nicht. Sie wollte alles wissen von dem Schachspiel und von dem Mann auf dem Foto. War das ihr Vater, und wollte die Mutter deshalb nicht mehr Schach spielen? Aber sie wagte nicht zu fragen. Ihre Mutter war sowieso schon böse. Schließlich erzählte sie, immer noch unter der Decke, dass Mariette nicht glaubte, dass ihr Vater in Südafrika wohnte.
«Das ist ihre Sache», antwortete ihre Mutter spitz.
Sara kroch hervor.
«Stimmt es denn?»
«Natürlich stimmt es! Hör zu, Sara, es gibt viele Kinder, die nur eine Mutter haben. Und du hast dazu noch einen Großvater.»
«Aber mein Papa ist doch nicht tot?»
«Nein, aber du bist noch zu jung, um alles zu wissen.» Sie sah Saras unglückliches Gesicht. «Ich verspreche dir, dass ich dir alles erzählen werde, nur jetzt noch nicht.»
«Wann denn?» Sara schöpfte neue Hoffnung: vielleicht schon nächste Woche?
«Wenn du älter bist», sagte ihre Mutter entschlossen.
«Wenn ich neun bin?»
Aber die Mutter hörte nicht mehr zu. Sie faltete den Brief des Lehrers wieder auseinander. «Mal sehen. Du musst Erdkunde nachholen und Rechnen.»
Sara wollte nicht über Schularbeiten reden. Sie schaute auf das bunte Armband am Handgelenk ihrer Mutter. Es stammte aus Südafrika, hatte Opa gesagt.
«Hast du das Armband von ihm bekommen?», fragte sie vorsichtig.
Ihre Mutter steckte den Brief weg und stand auf. «Sara, hör auf, bitte!»
«Du trägst es doch immer, nicht?»
Sara wusste, dass die Mutter das Armbändchen oft betrachtete und damit spielte. Einmal hatte sie es abgelegt, als sie die Küche frisch gestrichen hatte. Als sie es dann wieder anlegen wollte, war es verschwunden. Alle Küchenmöbel waren vom Platz gerückt worden, sogar Großvater, der sich sonst um nichts kümmerte, hatte beim Suchen geholfen. Schließlich hatte Sara es unter dem Kühlschrank gefunden. Ihre Mutter hatte sie umarmt und immer wieder gesagt, wie tüchtig sie sei, schrecklich tüchtig, und dann hatte sie den ganzen Abend immer wieder nachgefühlt, ob das Armbändchen noch an ihrem Handgelenk war.
«Ja, ich trage es immer», sagte die Mutter und fasste Sara an der Hand.
«Erzähl doch noch mal von damals. Als du es verloren hattest», bat Sara, obwohl sie genau wusste, dass das Gespräch vorbei war.
«Ein anderes Mal.» Ihre Mutter zog sie hoch. «Komm, wir essen jetzt. Weißt du was? Ich gehe heute Abend nicht in den Gesangsunterricht. Ich helfe dir bei den Hausaufgaben. Dann bleibst du nicht sitzen. Du willst doch nicht dumm bleiben?»
«O doch!», sagte Sara. Alles war besser als lernen müssen.
Zum Glück schlief ihre Mutter ein, als sie sich hingelegt hatte, um Saras Rechenaufgaben nachzusehen. Sara saß am Tisch und sollte eigentlich Erdkunde lernen, stattdessen fing sie an, ein Schachbrett zu zeichnen, ein schönes großes Schachbrett mit sauber quadratisch gezogenen schwarzen und weißen Feldern.
3
Am nächsten Tag zeichnete Sara in der Schule das Schachbrett fertig. Sie malte das Schwarz noch schwärzer, die Linien noch klarer, und sie radierte aus den weißen Feldern alles weg, was nicht hineingehörte.
Der Lehrer hatte schnell gemerkt, dass Sara ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Die Provinz Groningen war für sie immer noch ein Rätsel. Vielleicht hat sie Rechnen geübt, dachte er und fragte: «Sara, wie viel ist sieben mal neun?»
Sara zuckte zusammen. Zum Glück öffnete sich in diesem Augenblick die Tür des Klassenzimmers, und der Schulleiter trat mit einem neuen Jungen ein. Sie erkannte den Jungen sofort, schon weil er dieselbe Mütze trug. Das war der Junge, den sie gestern bei dem Spielwarenladen gesehen hatte. Es war der Junge mit dem Schachspiel.
«So, Kinder, dies ist Victor. Er kommt zu euch in die Klasse», sagte der Schulleiter. Er wechselte einen Blick mit dem Lehrer und verließ den Raum wieder.
Der Lehrer legte eine Hand auf Victors Schulter und sagte: «Guten Tag, Victor, schön, dass du zu uns kommst. Such dir nur schnell einen Platz, wir rechnen gerade.»
Victor schaute sich in der Klasse um und entdeckte Sara. Vergnügt ging er auf sie zu und setzte sich auf den Stuhl neben sie. Sara wagte nicht, ihn anzusehen, so froh war sie.
Der Lehrer klatschte in die Hände. «Also, Sara, glaub nicht, dass du schon fertig bist. Sag mir, wie viel ist sieben mal neun?»
Sara wusste es nicht, wirklich nicht. Sie duckte sich noch tiefer und starrte in ihr Rechenbuch. Nie mehr wollte sie aufblicken, nie mehr. Sie hörte, wie der Lehrer näher kam. «Nun, ich warte. Diese Aufgaben habe ich euch gestern noch erklärt.»
Sara wagte auch nicht, die Antwort zu raten, was sie sonst manchmal versuchte. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Mariette sich meldete. So ein Glück! Aber der Lehrer blieb neben ihrem Tisch stehen. Die Zahlen im Buch tanzten vor ihren Augen.
Endlich nickte der Lehrer Mariette zu.
«Dreiundsechzig», sagte Mariette mit ihrer klaren Stimme. Mariette wusste immer alles. Mariette war die Beste in der Klasse. Und sie? Sie war strohdumm, die Dümmste in der Klasse. Das würde auch Victor jetzt begriffen haben.
Der Lehrer schrieb etwas an die Tafel. Saras Blick wanderte hinaus zu den Vögeln auf dem Schulhof. Sie sah Bertje, den kleinsten Spatz, der überall hinterher hüpfte und immer zu spät kam, wenn es etwas Leckeres zu picken gab. Er flatterte ans Fenster und setzte sich zu ihr auf die Fensterbank.
«Macht jetzt die zehnte bis fünfzehnte Aufgabe», sagte der Lehrer und kam an ihren Tisch. «Du kannst diesmal bei Sara hineinschauen, Victor.» Der Lehrer schob das Rechenbuch in die Mitte des Tisches. Victor öffnete sein Heft, nahm den Füller aus dem Mäppchen, warf einen Blick in das Rechenbuch und begann ohne zu zögern, die Antworten der Reihe nach aufzuschreiben.
Sara versuchte es gar nicht erst. Sie zeichnete weiter, aber sie merkte, dass Victor aufgehört hatte zu schreiben und sie ansah. Nein, sie konnte nicht rechnen. Na und? Sie drückte den Bleistift tiefer in das Papier. Jetzt verdarb sie auch noch die schöne Zeichnung vom Schachbrett. Als sie wieder aufblickte, sah sie, dass Victors Augen noch immer auf sie gerichtet waren. Plötzlich schob er ihr sein Heft hin. Sie konnte die Antworten, die er säuberlich untereinander aufgeschrieben hatte, gut lesen. Erstaunt sah sie ihn an. Er sah gar nicht aus, als ob er sie strohdumm fände, sondern als hoffte er, dass sie lesen konnte, was er aufgeschrieben hatte.
Jetzt zögerte Sara nicht länger. Nach einem schnellen Blick auf den Lehrer, der zum Glück in die andere Richtung schaute, schrieb sie rasch und sauber die Ergebnisse von Victor ab. Nachher wollte sie die Zeichnung von dem Schachbrett aus dem Heft herausreißen, dann sah ihre Arbeit genau so aus wie die Hefte der anderen Kinder. Sie merkte nicht, dass der Lehrer sich umgedreht und alles gesehen hatte.
Bald darauf waren alle mit den Aufgaben fertig, und der Lehrer ließ sie die Ergebnisse vorlesen.
Sara kam auch an die Reihe. Zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie die richtige Antwort. Sie fand das selbst so komisch, dass sie nur ganz leise sprach.
«Was sagst du, Sara? Ich kann dich nicht verstehen.»
«Zweiunddreißig», wiederholte sie etwas selbstsicherer.
Der Lehrer nickte: «Gut, sehr gut, Sara.»
Die anderen drehten sich erstaunt um. Meinte er etwa Sara?
Der Lehrer wandte sich jetzt an Victor. «Mir scheint es besser, wenn du dich dort hinsetzt», sagte er plötzlich und zeigte auf einen Tisch vorne in der Klasse.
Victor verstand rein gar nichts. «Aber ich möchte doch neben Sara sitzen!»
Die Kinder fingen an zu kichern.
«Und ich möchte, dass du dich dorthin setzt», sagte der Lehrer bestimmt. Er wollte Sara keine Strafarbeit geben, aber wenn Victor weiterhin neben ihr säße, würde sie vielleicht überhaupt nichts mehr tun.
Victor fand es sonderbar.
«Victor ist in Sara verknallt, Victor ist in Sara verknallt!», tuschelten die Kinder, als er langsam zu dem anderen Tisch ging.
Zum Glück ließ der Lehrer Sara den Rest der Stunde in Ruhe, und sie konnte ungestört die Vögel auf dem Schulhof beobachten. Aber sie fand es nicht so lustig wie sonst.
Sara holte ihre Jacke von der Garderobe. Sie wollte gerade hinausrennen, als der Lehrer sie zurückrief.
«Hast du deiner Mutter den Brief gegeben, Sara?»
Sie nickte.
«Und warum hattest du die Aufgaben trotzdem wieder nicht gemacht?»
«Meine Mutter ist eingeschlafen», antwortete sie.
«Ach so. Na, weißt du, was? Sag deiner Mutter, dass ich dir selbst Nachhilfeunterricht geben will, wenn sie keine Zeit dazu hat.»
Nachhilfe beim Lehrer! Noch länger in der Klasse sitzen, noch mehr Fragen beantworten. Wenn sie Nachhilfe vom Lehrer bekäme, würde sie davonlaufen und nie wiederkommen!
Sara nickte und wusste gleich, dass sie es ihrer Mutter nie ausrichten würde. Sie drehte sich um.
Weiter vorne im Flur stand Victor, er hatte seine Jacke schon angezogen. Ob er auf sie wartete? Bestimmt nicht.
Sara ging ohne aufzuschauen an ihm vorbei. Aber er kam hinter ihr her und blieb dann neben ihr. Sara freute sich.
Zusammen gingen sie durch das Dorf, und Sara zeigte Victor, wo man das beste Brot kaufen konnte, wo die Entenmutter mit ihren Küken die Straße überquerte, wo sie mal die Birne in einer Straßenlaterne kaputt geschmissen hatte und wie man quer durch die Hausgärten zur Schule rennen konnte, wenn man zu spät dran war. Victor, der meistens etwas blass aussah, bekam rote Backen vor Aufregung.
Sie gingen in den Friseurladen, und Sara fragte ihre Mutter, ob sie bei Victor spielen durfte.
«Ja, geh nur mit, aber komm pünktlich nach Hause. Du musst noch Hausaufgaben machen.»
Bäh, Hausaufgaben, dachte Sara.
Die meisten Umzugskisten waren ausgepackt, und der Laden von Victors Vater war voll gestellt mit Spielsachen. Alles stand kreuz und quer, nur das Schaufenster war schon fertig gestaltet. Sara sah das schöne Schachspiel im Schaufenster stehen. Daneben lag ein Preisschild, auf dem 75,00 hfl stand. Sara verstand nichts von Geld, aber sie fand, fünfundsiebzig Gulden waren nicht viel.
Victor sah das Schachspiel auch, aber er dachte wohl an andere Sachen. Er hatte Sara gerade erzählt, dass seine Mutter gestorben war, als er noch ein Baby war. Er wusste gar nicht, wie sie in Wirklichkeit ausgesehen hatte, er kannte sie nur von Bildern.
«Ich kenne meinen Vater auch nur von einem Foto», wollte Sara sagen, aber sie unterließ es, denn ihr Vater war nicht tot, und sie wusste außerdem nicht, ob der Mann neben ihrer Mutter auf dem Foto wirklich ihr Vater war.
Victor hatte plötzlich eine blendende Idee. «Soll ich dir bei den Aufgaben helfen?»
Jetzt? Das war wohl das Letzte, wozu Sara Lust hatte. «Nein, ich kann es ja doch nicht.»
«Natürlich kannst du.» Er wollte es ihr so gerne zeigen.
«Ich habe aber keine Lust», sagte Sara ehrlich.
Aber Victor meinte, dass Rechnen ihm Spaß mache.
Wie kann Rechnen denn bloß Spaß machen?, fragte sich Sara.
Aber Victor ließ nicht locker. «Es ist doch lustig, wenn du etwas ausrechnen kannst.»
«Was denn?» Sara begriff nicht, was daran so lustig sein sollte.
«Na, wie lang du schon lebst und wie lang du schon zur Schule gehst.»
Wer kam denn auf die Idee auszurechnen, wie lang man schon zur Schule ging! «Du musst doch immer zur Schule gehen», sagte sie lachend.
Aber Victor schüttelte energisch den Kopf. «Ich nicht, weißt du, ich bin nur selten zur Schule gegangen.»
Sara sah ihn forschend an. Wie konnte es sein, dass er nur selten in der Schule gewesen war? Er war doch so klug.
Er steckte die Hände in die Taschen. «Ich bin krank gewesen.»
Sara nickte verständnisvoll, wagte aber nicht zu fragen, was er denn gehabt hatte.
Da erschien Victors Vater in der Tür und fragte, ob sie Tee trinken wollten.
4
Victors Vater schenkte Sara einen großen Becher Tee ein, und sie durfte so viele Kekse essen, wie sie wollte. Als sie den ersten Becher ausgetrunken hatte, bekam sie gleich noch mal Tee, und sie nahm sich auch noch einen Keks.
Victor klagte über Kopfweh, und sein Vater gab ihm eine kleine rosa Tablette. Sara sah, wie er sie geübt herunterschluckte. Sie konnte sich nicht entsinnen, je eine Tablette bekommen zu haben, aber sie war ja auch nicht schwer krank gewesen.
Jetzt setzte Victors Vater sich zu ihnen. Er trug dieselben Kleider wie gestern und meinte, die seien so bequem, warum sollte er denn dann andere anziehen. Ein bisschen schmutzig sei doch nicht schlimm, wenn sie nur nicht müffelten. Er fragte, ob denn der Lehrer nett sei und ob Victor einen guten Platz in der Klasse bekommen habe und ob er alles verstehen könne. Victor erzählte, dass er neben Sara hatte sitzen wollen, aber der Lehrer es nicht erlaubt hatte.
«Durftest du nicht neben Sara sitzen? Warum denn das nicht?»
«Das wissen wir nicht», antworteten die Kinder wie aus einem Mund.
«Und der Lehrer wollte es auch nicht erklären?»
Die Kinder schüttelten den Kopf.
«Na, was ist denn das für ein Blödsinn?» Victors Vater schien das alles sehr seltsam zu finden.
Es gefiel Sara, dass Victors Vater den Lehrer nicht verstand. Sonst verstanden immer alle den Lehrer, sogar ihre Mutter, nur sie selbst nicht. Mit einem Mal fühlte sie sich nicht mehr so allein.
Victor wollte Sara so gerne bei den Hausaufgaben helfen, und schließlich gab sie nach und holte ihr Rechenbuch aus der Schultasche. Während sein Vater weiter im Laden aufräumte, fing Victor an, ihr eine Aufgabe zu erklären. «Hörst du mir zu?»
«Ja … Ja.» Aber sie hörte gar nicht zu. In dem Laden gab es so viel zu bestaunen! Dort standen seltsame Autos und verrostete Eisenbahnen, und manchen Tieren fehlte ein Ohr oder ein Auge. Trotzdem fand Sara die Tiere schön.
«Zweimal dreizehn ist …»
Sara sah Victor an, und der wurde jetzt ungeduldig.
«Sechsundzwanzig. Sechsundzwanzig minus fünf ist …»
Sie hatte gar keine Lust. «Ich frage meine Mutter, ob sie mir hilft», sagte sie.
«Aber du weißt es doch, oder?»
«Nein, ich weiß es nicht!» Sara wurde böse. Jetzt glaubte Victor auch schon, dass sie nur so tat, als wüsste sie es nicht. Sie schlug das Rechenbuch zu.
Victor erschrak, er wollte ihr doch helfen.
Sein Vater drehte sich um. «Ihr könntet doch etwas tun, was Sara gefällt?»
«Aber Sara will ja gar nichts», sagte Victor bekümmert.
«Auch nicht Fahrrad fahren oder zeichnen oder ein Spiel spielen?»
Sara wollte ihre Jacke schon anziehen, aber jetzt blieb sie stehen. Ja, sie wollte gerne spielen, vor allem …
Aber nein, das durfte sie bestimmt nicht.
Victor sah seinen Vater an. «Aber du begreifst es nicht. Sie ist schlecht in der Schule, und vielleicht wird sie nicht versetzt!»
Nun sah auch Sara Victors Vater an. Nein, natürlich wusste er das nicht. Sie selbst wusste es genau, aber sie wollte trotzdem nicht rechnen.
«Und glaubst du, dass du ihr hilfst, wenn du ihr etwas beibringen willst, was sie nicht mag? Ich habe dir doch nie etwas beigebracht, was du nicht gerne getan hast.»
«Ich rechne gerne», sagte Victor betreten.
«Das war auch nicht von Anfang an so.»
Victor dachte nach, und dann erinnerte er sich, wie sein Vater ihm das Rechnen beigebracht hatte. «Soll ich dir zeigen, wie mein Vater am Anfang mit mir gerechnet hat?»
Nein … Dazu hatte Sara nun wirklich keine Lust. Sie zog ihre Jacke an.
Victor warf seinem Vater einen Blick zu, der zu sagen schien: Siehst du wohl? Aber der Vater schlug vor: «Weißt du was, Sara, du darfst selbst sagen, was du lernen möchtest. Du darfst dir alles wünschen.»
Wirklich alles? Sara hielt den Atem an und drehte sich zum Schaufenster um. Die Sonne schien herein, und das Schachspiel glänzte so schön wie noch nie.
«Möchtest du Schach spielen?», fragte Victors Vater überrascht.
Sara nickte zögernd. «Aber das ist viel zu schwer, oder?»
Victors Vater lachte. «O nein, das ist gar nicht schwer. Du wirst es bestimmt lustig finden.»
«Paps, darf ich das schöne Spiel holen?» Victor strahlte. Endlich mal jemand, mit dem er Schach spielen konnte außer mit seinem Vater.
Im Nu hatte Sara ihre Jacke wieder ausgezogen. Gleich darauf hielt sie das Schachbrett in ihren Händen. Mit Victor zusammen trug sie es ganz behutsam zum Tisch. Die Königin schaukelte sanft hin und her, und Sara sah auch jetzt wieder, wie sie lächelte!

Victor holte das Buch «Lang lebe die Königin». Es war ein schönes Buch mit lustigen Bildern, und darin wurde die Geschichte von der weißen Königin erzählt.
Sara sah, dass die Königin sich streckte und sie freundlich anblickte.
Victor begann vorzulesen. Er gab sich große Mühe, es spannend zu machen.
Es waren einmal ein König und eine Königin, die lebten in einem großen Schloss auf einem hohen Berg, weit weg von hier.
Sie waren eigentlich immer glücklich gewesen, bis der König eines Tages anfing, sich zu langweilen, schrecklich zu langweilen. Er saß auf seinem Himmelbett und trug einen glänzenden Morgenrock und bunte Hausschuhe. Der Bommel an seiner Schlafmütze baumelte munter um seinen Kopf, während er missmutig in einem Buch blätterte. Dann warf er das Buch fort und sah sich um, ob er nicht etwas anderes anfangen könnte.

Victor schaute auf, um zu sehen, ob Sara auch zuhörte. Und wirklich hörte sie zu, sehr gut sogar. So gut hörte sie sonst nicht einmal zu, wenn ihr Großvater ihr eine spannende Geschichte vorlas.
Plötzlich meinte der König etwas zu hören. Jawohl, er hörte Schritte. Schnell löschte er das Licht und kroch unter die Decken. Die Schritte kamen immer näher. Er hörte es schon: da kam seine Frau, die Königin. Er kroch noch tiefer unter die Decken. Er wollte ihr zeigen, wie unglücklich er war. Zwischen den Leintüchern hindurch spähte er nach der Tür.
Die Königin betrat das Zimmer. Sie sah freundlich aus, wie immer, und leise ging sie zum Fenster. Als sie die Läden öffnete, flutete das warme Sonnenlicht ins Zimmer. Sofort sah alles viel fröhlicher aus.
«Ist es nicht ein schöner Tag, ein ganz herrlicher Tag?», sagte sie, und das Licht funkelte in ihren grünen Augen. Tief atmete sie die frische Luft ein.
Der König wurde böse. Sah sie denn nicht, wie erbärmlich es ihm ging? Laut sagte er: «Es ist ja immer soo wunderschön!»
Aber die Königin überhörte sein mürrisches Gebrumme. Sie schaute hinab in das Tal, wo die Menschen am Ufer des glänzenden Flusses saßen und angelten.
«Wollen wir heute einen schönen Spaziergang machen?», fragte sie.
«Ich will nicht spazieren gehen, ich habe schon alles gesehen.»
«Alles?»
«Ja, alles. Was ist denn das für ein König, der den ganzen Tag spazieren geht. Nirgends ist Krieg, nirgends herrscht Hungersnot. Alle sind glücklich, außer mir!»
Die Königin sah ihn an und setzte sich dann auf den Rand des Bettes. Sie konnte nichts dafür, sie musste immer ein bisschen lachen, wenn ihr Mann sich so anstellte.
Der König machte ein noch kläglicheres Gesicht. «Du verstehst mich nicht. Ich langweile mich!»

«Mein armer Schatz.»
«Wenn ich einen Krieg führen könnte …», schmollte er und sah seine Frau dabei erwartungsvoll an.
«Krieg!» Die Königin lachte nicht mehr, es lief ihr kalt den königlichen Rücken hinunter.
«Ja. Ich verstehe nicht, was du gegen einen Krieg hast. Länder erobern und …»
Der König hielt inne, denn jetzt sah die Königin sehr unglücklich aus. Wieder verschwand er wie ein verwöhntes Kind unter den Decken. «Ich langweile mich so, ganz furchtbar schrecklich sehr …»
Die Königin begriff, dass er es ernst meinte. Und sie wusste auch, wenn jetzt nicht schnell etwas geschah, würde der König einen Krieg anfangen.
Auf dem großen Schlosshof saß die Hofdame und stickte. Die Hofdame war die beste Freundin der Königin, schon seit der Zeit, als die Königin noch eine kleine Prinzessin war. Seit damals erzählte die Königin ihr alles, und das tat sie auch jetzt.
Krieg! Die Hofdame erschrak so, dass sie sich in den Finger stach. Sie mochte den Krieg genauso wenig wie die Königin. Vor allem, weil der König meistens verlor und dann furchtbar zornig wurde. Und so viele verwundete Soldaten, und überall die zerschossenen Mauern … Konnten sie denn nicht einfach das Gänschenspiel oder Mensch-ärgere-dich-nicht spielen? Das war doch so geruhsam.
Aber die Königin schüttelte den Kopf. Sie hatte keine Lust mehr auf Mensch-ärgere-dich-nicht.
«Na, weißt du nicht mehr, wie zufrieden der König war mit dem Würfel, der immer nur Sechser würfelte?» Die Hofdame entsann sich, dass der König es nicht einmal gemerkt hatte.
Tief in Gedanken ging die Königin auf und ab. Plötzlich blieb sie stehen. Sie hatte sich offensichtlich etwas ausgedacht. Die Hofdame ließ ihren Stickrahmen sinken.
«Wie wäre es, wenn wir uns selbst ein Spiel ausdenken würden?», sagte die Königin. «Ein schönes und interessantes Spiel, ein Spiel, das wir auch mögen und das nie langweilig wird. Ein Spiel speziell für den König.»
Die Hofdame konnte sich ein solches Spiel gar nicht vorstellen, aber die Königin schien ganz begeistert zu sein. Sie nickte ihr aufmunternd zu.

Sara freute sich. Sie wusste, welches Spiel die Königin meinte. «Schach!»
5
Während die Königin über die weißen und schwarzen Steinplatten des Schlosshofes hin und her ging und angestrengt nachdachte, stickte die Hofdame zufrieden und leise vor sich hin summend weiter. Ihre Königin dachte sich ein Spiel aus, ein spannendes Spiel, damit der König sich nie mehr langweilen musste. Dann hätte er gar keine Zeit mehr, Krieg zu führen.
Die Hofdame konnte sich nicht vorstellen, wie schwer es ist, sich ein Spiel auszudenken. Sonst hätte sie nicht so sorglos dagesessen und vor sich hin gesummt.
Ein Spiel für den König?, überlegte die Königin. Was würde er am liebsten tun? Ja, Krieg führen! Schon bei dem Wort lief es ihr wieder kalt über den Rücken.
Trotzdem brachte gerade dieser Gedanke sie auf eine neue Idee. Wie wäre es mit einem Kriegsspiel … Dann könnte der König so viel Krieg führen, wie er wollte, ohne dass jemand verwundet würde. Das war gut. Also müsste ein König im Spiel sein! Die Königin schaute sich um und sah den Lakaien, der am Tor Wache hielt.
Zwar sah der Lakai ihrem Mann gar nicht ähnlich – der war nämlich groß und kräftig und hatte ein kleines Bärtchen auf den runden Backen, während der Lakai dünn und lang war und hübsche Locken hatte, die bis auf seine Schultern herabfielen –, aber solange der König selbst nicht mitspielte (er durfte doch nicht wissen, dass sie sich ein Spiel ausdachte), konnte der Lakai seinen Platz einnehmen.
«Wärst du bitte so freundlich, hierher zu kommen?», fragte die Königin liebenswürdig.
Der Lakai schrak auf. Sprach die Königin mit ihm?
«Ich?»
«Ja, du. Kannst du mal den König spielen?»
Der Lakai traute seinen Ohren nicht. Er sollte den König spielen? Die Königin zeigte auf eine weiße Platte auf dem Schlosshof. «Stell dich bitte dahin.»
Der magere Lakai versuchte, den schweren Gang des Königs nachzuahmen. Das war gar nicht so einfach. Er stolzierte auf die Platte zu und stellte sich mitten drauf. «So, und was soll ich jetzt tun?»
«Vorläufig nichts», antwortete die Königin. Sie sah sich den Lakaien an, der kerzengerade auf der Platte stand. So, der wäre also der König. Aber eigentlich recht einsam, fand sie. Und dann fiel ihr plötzlich noch etwas ein, etwas Lustiges. Sie stellte sich neben den Lakaien, sah ihn schalkhaft an und sagte: «Weißt du was? Ich spiele auch mit!»
Der Lakai räusperte sich vernehmlich.
Erstaunt sah ihn die Königin an. War es ihm denn nicht recht?
«Verzeiht, aber Ihr steht auf der falschen Seite. Ihr solltet links vom König stehen», meinte der Lakai diskret.
«Ach so. Wie dumm von mir. Das hätte ich doch glatt vergessen», sagte die Königin munter und tauschte mit zierlichen Schritten die Plätze mit ihm. Es sah fast aus, als ob sie tanzten.

Jetzt wollte die Königin sich aber merken, wo sie zu stehen hatte, damit sie es nicht noch einmal falsch machte.
Sie schaute an sich herunter und sah, dass sie auf einer weißen Platte stand. Weiß! Das war einfach, denn es war die Farbe ihres Kleides. Sie betrachtete ihre Hände: Wenn der König auf der Seite ihrer Schreibhand, also rechts von ihr, stand und wenn sie auf der anderen Seite, also links, eine schwarze Platte sah, dann stand sie richtig.
Eigentlich war es ganz einfach!
Als sich herausstellte, dass die Königin bei dem Spiel mitmachte, ging alles sehr schnell. Denn nun wollte die Hofdame auch mitspielen, und weil sie das durfte, musste der Ratsherr des Königs ebenfalls dabei sein, sonst wäre es ja ungerecht gewesen.
Der Ratsherr betrat gereizt den Schlosshof, er hatte doch keine Zeit zum Spielen!
«Ach, wärt Ihr wohl so freundlich, Euch neben den König zu stellen?», bat die Königin.
Welchen König?, fragte sich der Ratsherr missmutig. Am liebsten hätte er sofort kehrtgemacht, aber seine Königin schaute ihn freundlich an, und da konnte er es ihr nur schwer ausschlagen.
Der Lakai, dem die Hofdame eine Art Pappkrone aufgesetzt hatte, winkte heftig mit seinem Taschentuch. «Ich bin der König!», jubelte er ausgelassen quer über den Platz.
Der Ratsherr seufzte. Mit Verrückten soll man nicht streiten.
Steif und aufrecht stellte er sich neben den Lakaien. «Das ist mir mal ein schönes Spiel!», sagte er etwas zu laut.
Die Hofdame schaute ihn giftig an. «Wir sind ja auch noch nicht fertig damit!»
Das kann man wohl sagen, dachte der Ratsherr, denn nun überlegte die Königin sich doch tatsächlich, ob sie nicht vielleicht die Pferde mitspielen lassen sollte!
Die Pferde! Diese schwerfälligen Biester, die nie mehr aufhörten zu reden, wenn sie einmal angefangen hatten, und alles zehnmal wiederholten! Nicht einmal anständig springen konnten sie. Er hatte im vorigen Krieg nicht wenig Probleme mit den dämlichen Tieren gehabt. Der Ratsherr wurde ganz wild, als er daran dachte.
Aber die Königin meinte, die Pferde könnten schließlich nichts dafür, und außerdem seien sie doch so anhänglich. Also wurden Karl und Kees – so hießen sie – herbeigerufen.
Und tatsächlich: Als die beiden hörten, dass ein neues Spiel ausgedacht werden sollte, erkundigten sie sich mindestens zehnmal, ob sie sich auch nicht verhört hätten.
«Ein Spiel? Hören wir richtig? Ein Spiel? Und wir dürfen mitmachen?»
Es war zum Verrücktwerden, fand der Ratsherr. Übrigens hatte er wahrhaftig anderes zu tun, denn der König hatte ihn am Morgen zu sich gerufen. In feierlichem Tonfall hatte er ihm mitgeteilt, dass bald ein Krieg geführt werden müsste. Und da der Ratsherr dann die Aufgabe hatte zu entscheiden, wie, wann und vor allem gegen wen Krieg geführt werden sollte, hatte er es jetzt schrecklich eilig.
Gerade, als er fand, jetzt sei es aber genug, kamen seine zwei Türme in den Hof gerollt. In jedem Turm schien ein Soldat zu sitzen, denn genau gleichzeitig erschienen zwei Köpfe über den Zinnen.
«Ratsherr, habt Ihr einen Moment Zeit für uns?», baten sie höflich. Ihr unterwürfiger Ton gefiel dem Ratsherrn ganz besonders. Er hatte sie nämlich selbst erfunden, diese Türme auf Rädern.
Mit der erforderlichen Lässigkeit sagte er: «Ich komme sofort!»
«Was ist das?», fragte die Königin neugierig.
«Eine kleine Erfindung von mir», sagte der Ratsherr stolz. «Ich dachte, es könnte praktisch sein, im nächsten Krieg Türme auf Rädern zu haben. Das eröffnet nämlich ungeahnte …»
Die Miene der Königin hellte sich auf. Noch bevor der Ratsherr sich über die ungeahnten Möglichkeiten verbreiten konnte, fiel sie ihm ins Wort.
«Sehr gut, Leute. Kommt nur her. Einer hier und einer da.» Sie wies den Türmen ihre Plätze zu, neben den Pferden, auf den Ecken der schwarz-weißen Fläche.

Dem Ratsherrn rutschte das Herz in die Hose. Wie sollte er ohne …? Er wollte etwas sagen, kam aber nicht dazu, denn zu seinem Entsetzen stürmten eben jetzt seine acht besten Soldaten herbei. Wenn die auch noch mitspielten, konnte er im nächsten Krieg niemanden mehr kämpfen lassen!
Die Soldaten stellten sich in einer Reihe vor die anderen hin.
«Und jetzt?» Der Ratsherr hoffte, dass das Spiel bald vorbei sei.
«Und jetzt wollen wir Krieg führen», sagte die Königin munter.
Krieg? Genau! Na ja, zum Glück war sie nicht ganz verrückt geworden. Der Ratsherr trat aus seiner Reihe. «Sehr gut, dann kann ich ja gehen!»
Aber die Königin hielt ihn zurück. «Nein, Ihr bleibt hier! Ihr müsst uns doch erklären, wie man Krieg führt!», sagte sie freundlich.
Der Ratsherr schaute sie misstrauisch an. War das ihr Ernst?
«Das wollt Ihr gar nicht wissen», sagte er.
«Doch, ich will es wissen.» Wieder blickte sie ihn unschuldig an.
«Gut. Zuerst braucht man einen Gegner.»
«Ach, natürlich. Wie konnte ich das vergessen! Wir werden das Königspaar aus dem Nachbarreich bitten», sagte sie eifrig.
«Den Nachbarkönig?» Diesen grässlichen König? Das konnte doch nicht wahr sein …
«Und seine Frau.» Die Königin freute sich sichtlich auf deren Kommen.
«Aber denen wollten der König und ich doch gerade den Krieg erklären …», stammelte der Ratsherr.
«Solch schlechtes Benehmen kommt gar nicht in Frage!», sagte die Königin entschlossen.
Da erhob der Ratsherr gegen seine sonstige Gewohnheit die Stimme.
«Ihr wisst, wie der König über sie denkt. Es sind schreckliche Leute, die glauben, das Leben sei spaßig.»
«Ach was!», antwortete die Königin herablassend. «Zufällig sind es nette Leute, die eben nicht die ganze Zeit an Krieg und ans Kämpfen denken.» Sie winkte ihre Hofdame herbei. «Bitte die Nachbarkönigin, so schnell wie möglich zu kommen», befahl sie ihr.
Der Ratsherr resignierte. Er hatte sein Möglichstes getan, und das würde er dem König auch berichten, wenn das Spiel vorgeführt wurde. Der König würde toben!


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