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Ernest Nybørg
Lena Halberg
NEW YORK ‘01
Thriller
Edition AV
Zum Buch
2001 – Fassungslos starrt Hawk auf die brennenden Türme des World Trade Centers in New York. Im letzten Augenblick rettet er ein rätselhaftes Dokument aus dem Chaos, dann flüchtet er vor dem sicheren Tod.
Die Fersehreporterin Lena Halberg entdeckt einige Jahre später einen Hinweis auf getarnte Zahlungen der Waffenlobby an die Attentäter und die illegale Lieferung von Kriegsgerät in ein afrikanisches Krisengebiet. Lena vermutet, dass einer der größten Waffenproduzenten Amerikas hinter der Sache steckt. Bei den Recherchen in New York, Rom und Marseille, wo ein Killer der Afrikaner sein Unwesen treibt, gerät sie selbst ins Visier des gefährlichen War Lords und seines Bankers.
War der New Yorker Anschlag nur ein Teil eines unfassbaren Komplotts und ist Hawks Dokument der Schlüssel, um den Kriegstreibern endgültig das Handwerk zu legen?
Zum Autor
Ernest Nybørg studierte Musik und Literatur. Als Drehbuchautor schrieb er viele Jahre erfolgreich für Film und Fernsehen. Mit spannungsgeladenen Thrillern, die reale Geschehnisse als Hintergrund verarbeiten, erweiterte er seine schriftstellerische Tätigkeit auf das Gebiet der Kriminalliteratur. Hier erkennt man seine Leidenschaft für menschliche Abgründe und eine sichere Hand für das Genre.
New York ‘01 ist der zweite Teil der Lena Halberg Trilogie, über die Verflechtungen von Politik, Geheimdiensten und den Rüstungskonzernen. Der erste Teil, Paris ‘97, ist ebenfalls im Verlag Edition AV erschienen.
Nähere Infos unter www.ernestnyborg.com
Inhalt
Cover
Titel
Zum Buch/Zum Autor
Impressum
Zitat
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Epilog
Facts
Weitere Bücher
Cip-Titelaufnahme der deutschen Bibliothek:
Nybørg Ernest; Lena Halberg: New York ‘01
ISBN 978-3-86841-129-4
Die Spekulationen rund um den Anschlag auf das World Trade Center in New York liegen der Idee zu diesem Buch zugrunde. Trotzdem handelt es sich um ein rein fiktionales Werk, das keine tatsächliche geheime Verschwörung enthüllt. Sämtliche Figuren und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen oder Geschehnissen ist zufällig und nicht beabsichtigt.
1. Auflage
© 2016, Copyright by Verlag Edition AV, Lich/Hessen
© 2016, Copyright by Ernest Nybørg, Wien
Literar-Mechana Austria, Reg.: 2016/7174
Alle Rechte vorbehalten
Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet, das Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg (Fotokopie, Mikrokopie usw.) zu vervielfältigen oder in elektronische Systeme einzuspeichern, zu verarbeiten oder zu verbreiten.
Korrektorat: Dorothea Schuy, Rosemarie Fürst
Umschlag, Buchgestaltung, Satz: Ernst Kaufmann
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
Das Buch wurde vermittelt durch die Literaturagentur erzähl:perspektive, München (www.erzaehlperspektive.de)
Krieg ist nicht das Kaufen von Waffen,
sondern die Bereitschaft zu töten.
Prolog
Der Widerschein des Feuers ließ die Wolken über Warschau an diesem kalten Spätfrühlingstag wie blutgetränkte rote Fetzen über den Himmel ziehen. Dazwischen stiegen dunkle Rauchsäulen hoch und verbreiteten einen übel beißenden Geruch – ein Gemisch aus brennendem Holz, angesengten Kleidern und Leichengeruch.
Von allen Seiten das metallisch hackende Gebell von kurzen ungezielten Salven aus Maschinenpistolen, laut hallende Stiefelschritte, die auf Asphalt, Müll und Kinderhände traten. Immer wieder Schreie von verzweifelten Menschen, um eine letzte Gnade wimmernd, die ihnen niemand gewährte. Sie wurden entweder an Ort und Stelle erschossen oder von den Stiefelmännern mit den Totenköpfen auf der Kappe zu Lastern gebracht und abtransportiert. Manche von ihnen, die nicht mehr weiterkonnten oder zu langsam waren, stieß man seitlich gegen Hauswände, prügelte sie aus reiner Lust zu Krüppeln und ließ sie einfach liegen. Zehntausende wurden so zusammengetrieben, irrten suchend durch die dichtgedrängte Menge, um ihre Kinder oder Angehörige zu finden, die in diesem Albtraum aus Gewalt, Not und Aussichtslosigkeit verlorengegangen waren.
Zwei Stunden später würde der SS-Brigardeführer Stroop voll Stolz melden, dass das jüdische Ghetto nun endlich aufgelöst sei und mit der Sprengung der Warschauer Synagoge die tagelange Großaktion erfolgreich beendet wurde. Dazu berichtete er noch von sechsundfünfzigtausend nachweislich vernichteten Bewohnern und dem beispiellosen Kameradschaftsgeist seiner Männer.
Seit vielen Tagen säuberte er mit seinen Untergebenen Straßenzug um Straßenzug des Wohnbezirks von den unliebsamen Gestalten, die verzweifelt versuchten sich vor dem erbarmungslosen Zugriff zu verbergen. Er fand sie alle. Nun war endgültig Schluss, auch der letzte Widerstand, den dieses dreckige Pack in einem letzten Aufbäumen noch versucht hatte, war endgültig gebrochen.
Der schüchterne, zarte Szymon stand zitternd am Fenster im zweiten Stock eines Wohnhauses in der Ulica Dzielna und starrte auf die Straße unter ihm. Die Wohnung lag an der Ecke des Blocks, nur einen Steinwurf von der Synagoge entfernt. Er wusste nichts von dem zerstörten Gotteshaus, er wusste nicht, dass er einer minderen Rasse angehörte, er wusste nicht, was die Totenköpfe vor dem Haus wollten. Er war vor einer Woche drei Jahre alt geworden und seine Eltern schenkten ihm ein hölzernes, rotlackiertes Schaukelpferd, das der Vater aus einem alten Türflügel mühsam herausgeschnitten und mit erbettelter Farbe einigermaßen angestrichen hatte.
Das lag zersplittert im Vorzimmer, die Stiefelmänner hatten es zertreten, als sie in die Wohnung eindrangen. Vor Angst hatte sich Szymon von der Hand seiner Mutter losgerissen und war in sein Versteck hinter der alten Wandtäfelung unter der Fensterbank gekrochen. Seine Mutter, seinen Vater und seinen Bruder nahmen sie mit. Der Bruder, er war erst eineinhalb, weinte und versteckte seinen Kopf im Schultertuch der Mutter, die mit aufeinandergepressten Lippen in Richtung Fenster schaute. Sie wusste, dass Szymon sie durch den schmalen Spalt im Holz sehen konnte. Oft hatten sie hier Verstecken gespielt. Ihr Blick ließ ihn auch jetzt still in dem Schlupfwinkel verharren, so als wäre es das Spiel und er dürfe nicht gefunden werden. Als Vater sich umdrehte, um seine Aktentasche zu nehmen, schlugen ihm die Männer mehrmals auf den Kopf. Er verlor seine Brille und strauchelte über den abgetretenen Türstaffel, als sie ihn hinaus ins Treppenhaus stießen.
Als sich die Stimmen verloren und es in der Wohnung wieder still war, kroch Szymon unter der Verkleidung hervor. Er erschrak, denn in der Nische neben dem Fenster stand der Nachbar, ein älterer Mann aus der Wohnung darüber. Er hatte keine Arbeit, spielte aber wunderbar Klavier und half den anderen Parteien im Haus bei kleineren Reparaturen. Nun zog er Szymon an den Schultern in die Nische hinein, damit sie von unten hinter dem Fenster nicht zu sehen waren. Auch er bebte am ganzen Körper und zuckte bei jedem Geräusch zusammen, das aus dem Stiegenhaus in die Räume drang.
Unten kamen die Männer mit seinen Eltern aus dem Haus. Vater fasste einen am Arm und wollte etwas sagen. Da schrien sie ihn an, stießen ihn zu Boden, aber Vater rappelte sich wieder auf und brüllte zurück. Da nahm einer von ihnen seine Pistole und schoss Vater ins Gesicht. Mutter versagten die Beine und sie sank daneben nieder, so als wäre sie selbst getroffen worden. Da rissen sie die Stiefelmänner hoch und zerrten sie fort.
Szymon schrie vor Schmerz auf. Der Nachbar schlug ihm die Hand vor den Mund, damit nur ja kein Geräusch nach außen dränge. Der Dreijährige stand, sah seinen Vater sterben und schluchzte in die Hand des fremden Mannes.
Komm, deutete der Nachbar, als die Männer vor dem Haus weg waren, wir müssen fort. Er nahm Szymon bei der Hand und zog ihn fort von dem Schreckensbild. Vorsichtig, um möglichst kein Geräusch zu verursachen, gingen sie die Treppe hinunter. Sie drückten sich dabei eng an die Wand. Der Nachbar spähte immer zuerst um die Ecke in die langen Gänge hinein, ob auch niemand zu sehen sei, bevor sie zum nächsten Treppenabsatz huschten. Sehr gefährlich war es dann im Flur des Hauses, denn das Eingangstor stand weit offen – jemand hatte einen der Türflügel mit einem Holzstück verkeilt und der andere war aus den Angeln gerissen worden und lag in der Einfahrt. Draußen hetzten Menschen vorbei, die durften sie nicht sehen. Einige davon waren aus der Straße, die liefen nur vorbei, dann kamen wieder Stiefelmänner, die stehenblieben und in die Einfahrt schauten, ob das Haus auch ordnungsgemäß geräumt sei.
Irgendwann fasste sich der Nachbar ein Herz, hob Szymon hoch und rannte, ohne sich umzudrehen, nach hinten in den Hof. Sie kamen an Gerümpel vorbei und an einigen seltsam verdreht liegenden Körpern mit offenen Augen. Einen kannte Szymon – es war der kleine alte Mann vom ersten Stock. Er starrte sie stumm an, den ganzen Weg, bis Szymon im Arm des Nachbarn die kleine Tür an der hinteren Seite des Hofes erreichte. Der Nachbar trat dagegen, sie sprang auf und die beiden verschwanden dahinter. Schwer atmend blieb er stehen und ließ Szymon wieder hinunter auf den Boden. Vor ihnen lag eine Treppe, die in den Keller führte. Szymon hatte Angst vor dem dunklen Loch, in dem sich die Stufen verloren. Er fasste instinktiv nach der Hand des Mannes – sie war groß und fest. Langsam stiegen sie die Tritte hinunter, die feucht und glitschig waren, vorsichtig tastend, um nicht zu stolpern. Halbblinde Lampen warfen ein diffuses Licht gegen die Mauern. Sie erreichten einen muffigen Gang, der anscheinend endlos alle Häuser untereinander verband. Dort trafen sie einige andere Männer, die es aus den umliegenden Wohnblocks bis hierher geschafft hatten. Gemeinsam gingen sie ein Stück weiter, dann verschwanden die Männer wieder in verschiedene Richtungen.
Nach mehreren Abzweigungen, die meisten Gänge lagen im Stockdunklen, erreichten sie unbehelligt den Keller eines Hauses. Hier schob der Nachbar Szymon in einen kleinen Raum, in dem Licht von außen durch ein schmales Fenster unter der Decke fiel. Er zeigte auf eine Gartenbank, die an einer der Wände lehnte.
»Bleib hier«, flüsterte er, »ich komme bald wieder.«
Der Junge wollte ihn zurückhalten, die schützende Hand nicht hergeben, doch der Mann drückte ihn sanft auf die Bank und verschwand hinaus.
Szymon saß still in dem Halbdunkel des Kellerraumes. Langsam beruhigte er sich und nach einer Weile versiegten seine Tränen. Die Bilder der letzten Stunde sollte er jedoch behalten und sie würden ihn sein weiteres Leben begleiten.
Irgendwie roch es eigenartig in dem Raum. Muffig abgestanden, nach Staub und Holz, aber auch noch anders – seltsam süßlich. Der Kleine schaute sich um und entdeckte unter dem schmalen Fenster eine Stellage mit mehreren dunklen Brettern, auf denen flache Kisten aus Holz standen. Über den Rand der Kisten schaute etwas hervor, das wie rote Kugeln aussah. Szymon lauschte – in dem Keller und draußen vor dem Haus war es still. Angezogen von dem Duft und der Farbe stand er vorsichtig auf und ging hinüber zu dem Regal. Nun war es eindeutig, der Geruch kam von den roten Dingern. Szymon nahm eines von ihnen heraus. Es fühlte sich gut an, so wie rohe Kartoffeln, nur glatter. Der Duft stieg Szymon unmittelbar in die Nase. Hungrig und durstig wie er war, wischte den Staub von der Schale und biss hinein. Es schmeckte wie noch nichts in Szymons jungem Leben – säuerlich und süß zugleich, saftig und doch fest. Der Duft war nicht nur in seiner Nase, den konnte man sogar schmecken. Gierig aß er weiter.
»Sind gut, die Äpfel«, sagte der Nachbar hinter ihm.
Szymon fuhr herum und ließ die Frucht fallen. Er war so vertieft in seine neue Erfahrung gewesen, dass er das Kommen des Mannes überhört hatte. Der hob den Apfel auf und gab ihn Szymon wieder in die Hand.
»Du kannst ihn gerne essen. Der Keller gehört Freunden, guten Menschen, die sicher nichts dagegen haben.« Er nahm Szymon bei der freien Hand und sie gingen aus dem Keller hinaus auf die Straße.
Hier sah es ganz anders aus als zu Hause in der Dzielna. Alles wirkte sauberer und ruhiger. Doch die Menschen, die in der kleinen Gasse unterwegs waren, benahmen sich anders. Sie gingen rasch aneinander vorbei, schauten auf den Boden und grüßten einander nicht. In ihrer Sprachlosigkeit machten sie Szymon Angst.
»Ich bringe dich zu einer ganz lieben Frau und ihren beiden Kindern, damit sie sich um dich kümmert«, sagte der Nachbar im Gehen. »Ich habe gerade mit ihnen gesprochen, sie wohnen nur einen Block entfernt am Fluss und warten bereits.«
»Und du?«
»Ich kann leider nicht bleiben, ich muss fort, muss mich verstecken. Die Männer mit den Uniformen suchen mich.«
»Ich will mit dir gehen«, sagte Szymon verzagt.
»Das geht leider nicht«, antwortete der Mann, »und bei der Familie hast du es sicher viel besser.«
Szymon drückte sich im Gehen eng an den Nachbarn. Er verstand nicht, warum ihn der einzige Mensch, den er auf dieser Welt noch kannte, nun auch verließ.
»Du bist also der kleine Hawkinski«, sagte die junge hübsche Frau ein wenig später freundlich, »keine Angst, du kannst gerne bei mir und meinen beiden Töchtern bleiben.«
Szymon ahnte, dass dies nun seine neuen Leute waren und er die vertraute Familie für immer verloren hatte. Nicht nur seinen Vater, der vor seinen Augen im Dreck des Ghettos verblutet war, auch seine heißgeliebte Mutter und seinen Bruder sollte er nie wieder sehen.
Erst in vielen Jahren, als er nach dem Abschluss seines Studiums an einer amerikanischen Universität hierher zurückkehrte, würde er ihnen wieder begegnen – als Eintrag in einem Buch der Stiefelmänner.
*
Derselbe Simon Hawk, so nannte er sich, seit er in den Vereinigten Staaten lebte, stand nun ebenso fassungslos bei einer der großen dunklen Glasflächen in der fünfundzwanzigsten Etage im Block 7 des New Yorker World Trade Centers. Er blickte auf das Chaos draußen vor den Fenstern – schwarze Feuerfahnen, Staub, der den Himmel verdunkelte, verzweifelt herumirrende Menschen.
Alles, was er glaubte seit langem verdrängt zu haben, schwappte vehement an die Oberfläche seines Bewusstseins. Er hatte keine geordneten Erinnerungen an die Geschehnisse im Warschauer Ghetto vor fast sechzig Jahren – dazu waren die Eindrücke zu chaotisch und er noch zu jung gewesen –, gefühlsmäßig erkannte er jedoch die Gleichheit der Bilder. Ein wenig zitterte er auch, denn die Angst kehrte zurück. Wieder waren Stiefelmänner am Werk, das spürte er deutlich.
Hawk kam nur durch Zufall am Morgen dieses 11. Septembers 2001 in das New Yorker Bürohaus. Er lebte in Washington, wo er bereits lange Jahre für das Weiße Haus als historischer Berater arbeitete. Für ihn als scharfen Beobachter von politischen Vorgängen war es eine perfekte Position, die seinem Interesse an der Welt sehr entgegenkam. Ein so unauffälliger Job im Hintergrund des Geschehens, bemerkte er oft scherzhaft, dass man unbemerkt blieb und auch einige Regierungswechsel überleben konnte. Aufgrund seiner Nähe zu den Kreisen der Mächtigen baten ihn öfter Journalisten im Bekanntenkreis oder Freunde von der Universität, an der er gelegentlich Vorträge über Geschichte hielt, um Unterstützung bei ihren Recherchen zu aktuellen Geschehnissen. Hawk half gerne, so wie er auch stets seine Beziehungen bis in die höchsten politischen Kreise pflegte. Manchmal versuchte er auch selbst Dingen auf den Grund zu gehen, wenn er vermutete, dass mehr hinter einer Sache steckte. Das befriedigte seine angeborene Neugierde und schien ihm außerdem eine gerechte Art zu sein, ein wenig Wissen umzuverteilen.
Aus diesem Grund war er auch gestern von Washington an die Ostküste geflogen. Als Opernfan benützte er die Gelegenheit eine Vorstellung in der Met zu besuchen und kam heute pünktlich zu Dienstbeginn um acht Uhr früh ins New York Office des US-Departments of Defense, um sich mit einem langjährigen Bekannten zu treffen. Für das Verteidigungsministerium war das Büro im World Trade Center die Nahtstelle zum Katastrophenstab der Stadt New York und zu den hiesigen Repräsentanten der CIA und des Secret Service. Sie alle hatten ihre Büros hier in dem Nebengebäude der Twin Towers, genauso wie die Steuerbehörde und die Börsenaufsicht.
»Guten Morgen, herzliche Gratulation«, begrüßte er Major Piet Palmer, den er seit der Operation Wüstensturm, dem amerikanischen Eingreifen zur Befreiung Kuwaits, kannte. Damals kümmerte sich Hawk für das Weiße Haus um die Presseanliegen der befreundeten Koalitionstruppen und Palmer bekam als junger Offizier sein erstes Kommando. Die Feuertaufe im Feld – ein Muss für den Sohn eines Commanders der US-Navy. Es sollte sein einziger Einsatz mit Feindberührung bleiben, den er als verwöhnter Absolvent der elitären Militärakademie von West Point nur widerwillig absolvierte. Er hasste nichts so sehr wie verschwitzte Tarnkleidung und den derben Umgangston der Mannschaft. Lieber trug er seine Galauniform, traf schöne Frauen oder plauderte mit Gleichgesinnten bei einem Glas Champagner über klassische Musik. Das war auch der Punkt, wo sich seine Interessen mit denen Hawks überschnitten. So verschieden sie in ihren Ansichten und von ihrer Herkunft waren, sie teilten die gleiche Vorliebe für gepflegte Umgangsformen und italienische Opern – vor allem wenn James Levine sie an der Met dirigierte.
Nun war Palmer endlich die Karriereleiter hinaufgefallen und gerade dabei seinen Vater in Rang und Einkommen zu überholen. Er hatte für das Ministerium die administrative Leitung des New Yorker Büros übernommen. Für den auch politisch längst etablierten Offizier war dies der erste Schritt zu einer entsprechenden Position im Pentagon. Es war nur mehr eine Frage der Zeit, wann er im leitenden Stab landen würde.
Palmer bedankte sich für die Gratulation und bot Hawk Platz auf einem der bequemen Lederstühle am gemütlichen Besprechungstisch an. Im Übrigen war das Büro militärisch zweckmäßig eingerichtet. An den Wänden hingen verschiedene Ernennungen Palmers, eine Medaille für Verdienste im Einsatz auf dunkelblauem Samt und zwei große Fotos von der Truppe in schmalen Silberrahmen. Hinter seinem ausladenden Schreibtisch fand man die übliche Einsatzkarte, flankiert von den Flaggen der USA und seiner Einheit in der US-Army.
Die beiden plauderten eine Weile, tranken Kaffee, den die Ordonanz auf einen knappen Wink hin brachte. Hawk probierte höflichkeitshalber von den angebotenen staubtrockenen Keksen.
»Ich habe da noch eine kleine Bitte für einen Dozenten unserer Universität«, lenkte er nach einer Weile das Gespräch auf den eigentlichen Grund seines Besuches. »Er arbeitet an einer Studie über die Kommunikation der Geheimdienste.«
»Und?«
»Es gab da vor kurzem in den täglichen Informationen des CIA an den Präsidenten am 6. August ein Memo, in dem das Weiße Haus vor der Gefahr eines Anschlags gegen die USA gewarnt wird.«
»Aber das hast du doch sicher bei euch aufliegen«, sagte Palmer vorsichtig. Er wusste nicht, worauf Hawk hinauswollte.
»Ja, aber eben nur das Memo selbst und für die Studie wäre es interessant, die Originaltexte zu kennen, also die ursprünglichen Nachrichten, die zu diesem Memo geführt haben. Damit wäre zu erkennen, wie sich Informationen im Zuge der Weitergabe verändern.«
Palmer schüttelte den Kopf, stand auf und ging zur Glaswand, durch die man die Twin Towers und die südliche Spitze Manhattans sah.
»Professoren, Journalisten … Es ist wirklich unglaublich, wer alles an unserer Arbeit interessiert ist! In den wenigen Wochen der Leitung dieses Büros hier hatte ich derart viele Anfragen zu solchen Dingen, damit könnte man ein einträgliches Geschäft machen.« Er lachte kurz auf, drehte sich dann zum Fenster und schaute hinunter auf den Hudson River.
Hawk fand die Bemerkung etwas befremdlich und für einen hochrangigen Offizier äußerst unpassend.
»Aber Spaß beiseite«, fuhr Palmer rasch und wieder in sachlichem Ton fort, »ich würde dir selbstverständlich gerne behilflich sein, aber die Memos gehen direkt von der CIA ins Büro des Präsidenten, da habe ich auch nicht mehr Informationen als das Weiße Haus. Ich hoffe, du verstehst das?«
»Aber natürlich! Nur bisher war es doch üblich, dass ihr vom Verteidigungsministerium die heiklen Unterlagen im Original bekommt, wenn es um nationale Sicherheitsfragen geht«, sagte Hawk beiläufig. »Hat sich das Prozedere in diesem Punkt etwa geändert …?«
Palmer war das Gespräch mit einem Mal unangenehm. Hawk kannte die Abläufe genau, ihn konnte man nicht so einfach abspeisen wie einen der Journalisten. Er überlegte nach einer passenden Antwort, um sich aus der Situation herauszuwinden. Im gleichen Augenblick huschte ein Schatten über den Himmel und Sekunden später explodierte ein Feuerball am Nordturm der Twin Towers. Palmer prallte von der Glaswand zurück und auch Hawk sprang auf.
»Das gibt’s doch nicht«, entfuhr es Palmer, »ein Flugzeug. Der Pilot muss ein vollkommener Idiot sein.«
Die Druckwelle der Kerosin-Explosion traf auch Block 7 in den oberen Stockwerken mit ziemlicher Wucht. Sogar hier im fünfundzwanzigsten gab es noch ein Geräusch, als würden hunderte Fäuste von außen gegen die Scheiben hämmern. Irgendwo splitterte Glas.
Palmer war sofort sicher, das könne nur ein bedauerliches Unglück sein. Hawk konnte in dem Moment überhaupt nichts sagen. Er spürte aber sofort, dass er soeben ein direkter Augenzeuge von etwas Ungeheuerlichem wurde.
Sie standen minutenlang regungslos beim Fenster und schauten auf den brennenden Turm. Unten begannen die Menschen zu laufen und schrille Sirenen von Löschfahrzeugen näherten sich.
Palmer ging zu einem seiner Aktenschränke, nahm eine Flasche Whisky heraus und schenkte zwei Gläser ein.
»Auf den Schrecken«, sagte er und konnte ein leichtes Zittern der Hände nicht unterdrücken.
»Wahnsinn«, stammelte nun auch Hawk und nahm eines der Gläser mit einer mechanischen Geste. Er ließ sich langsam wieder in den Ledersessel sinken, ohne jedoch zu trinken oder den Blick von der Szenerie abzuwenden.
Da traf es den zweiten Turm.
Kurz danach begann die Evakuierung der Gebäude, auch die von Block 7. Palmer hatte versucht einige Anrufe zu machen, um den Stab im Pentagon zu verständigen und Weisungen für eventuelle weitere Schritte zu erhalten, aber die Telefone waren heillos überlastet. Sogar die direkte Leitung zum Armeekommando funktionierte nicht.
Auch Hawk probierte seine Dienststelle im Weißen Haus zu erreichen, mit dem gleichen negativen Ergebnis. So blieb ihnen keine Wahl, sie mussten dem Sicherheitsdienst, der in solchen Fällen die oberste Instanz war, Folge leisten. Das Haus sollte innerhalb kurzer Zeit leergeräumt sein, angeblich um allen Eventualitäten vorzubeugen.
Als alle das Haus verließen, ging Hawk noch auf die Toilette, um sich kurz von dem Schrecken zu erholen. Es war der private Waschraum Palmers gleich neben dessen Büro. Dort schlüpfte Hawk aus dem Sakko, lehnte sich gegen die kühlen Fliesen und wusch sich das Gesicht. Der Trubel machte ihm mehr zu schaffen, als er sich eingestehen wollte. Er wusste sofort, dass es keine Unfälle waren, die sich gerade vor seinen Augen abgespielt hatten.
Wie immer in solchen Momenten, überkam ihn ein beklemmendes Gefühl der Ohnmacht und er spürte, das war der Anfang von etwas mit ungeheurer Dimension.
Nach mehreren Minuten – Hawk hatte sich wieder einigermaßen gefangen – kam er aus dem Waschraum zurück in Palmers Büro. Es war leer, nur am Boden lagen einige in der Eile heruntergefallene Zettel. Anscheinend war Palmer schon nach unten gegangen und die Sicherheitskräfte hatten Hawk im entstehenden Tumult des raschen Aufbruchs übersehen. Die normalen Waschräume waren bestimmt kontrolliert worden, aber niemand dachte an einen Besucher auf der Toilette des Dienststellenleiters, nachdem dieser sein Büro verlassen hatte.
Hawk setzte sich einen Augenblick und genoss die Ruhe nach der Aufregung, nur unterbrochen vom Läuten eines Telefons, das auf einem der Schreibtische im angrenzenden Raum ansprang. Draußen vor den Fenstern brannten die beiden Türme und stießen schwarze Rauchfahnen gegen den Morgenhimmel.
Das CIA-Memo fiel Hawk wieder ein, weswegen er von Washington herübergekommen war. Die Informationen interessierten ihn persönlich, denn, was er Palmer nicht gesagt hatte, er selbst war der Dozent, der die Studie an der Universität betreute. Das Memo betraf verdächtige Aktivitäten von Terroristen. Es wurden darin mögliche Vorbereitungen von Flugzeugentführungen und gefährdete Bundesgebäude in New York erwähnt. Sollte das, was sich draußen vor seinen Augen abspielte, damit in Verbindung stehen?
Sofort begann es in Hawks Kopf fieberhaft zu arbeiten. Er blickte nach oben an die Decke, die kleinen roten Lichter an den Sicherheitskameras waren aus. Die unmittelbare Überwachung der Innenräume war also abgeschaltet oder funktionierte nicht mehr. Das hieß, überlegte er, dass die gesamte Anlage auf Notbetrieb lief. Dabei wurden einzelne Hausteile mit Feuerschutztüren abgesichert, die Zugänge zu den einzelnen Büros hingegen öffneten sich, damit im Falle eines Brandes niemand eingeschlossen wurde. Er konnte sich also in den Räumen relativ frei bewegen und wenn das fragliche Memo die Sicherheit von Regierungsgebäuden in New York betraf, musste Palmer die Unterlagen hier haben.
Die militärische Ordnung kam Hawks spontaner Suche entgegen. Alle Schriftstücke waren in einem eigenen Archivraum neben Palmers Arbeitszimmer feinsäuberlich in Ordnern abgelegt und eindeutig beschriftet. In der oberen Reihe des Regals standen die Boxen mit der Aufschrift: CIA Presidential Daily Brief. Darüber prangten die üblichen roten Stempel mit top secret – da waren sie also, die gesammelten Meldungen. Unter dem Datum 6. August fand sich auch der Bericht, den Hawk suchte.
Er nahm das Papier heraus und überflog das Memo. Zunächst etwas enttäuscht, denn die Meldung kannte er. Dann entdeckte Hawk am unteren Rand den Code für die Erhebungen, die zu der Warnung geführt hatten. Das war es, was er suchte, diese Unterlagen sahen sie im Weißen Haus nie. Tatsächlich fand er sie auch im Ordner daneben abgelegt. Hawk blätterte die Dokumente durch, aber es war nichts Ungewöhnliches darunter, nur die üblichen Meldungen mit den Kommentaren der Analysten. Da blieb er an der Kopie von einem Telex hängen, das abgefangen und der Erhebung zugeordnet worden war. Die Sendedaten waren geschwärzt, lediglich die Statuszeile ließ erkennen, dass der Empfänger in Deutschland saß. Auch der Text war in Deutsch abgefasst, das Hawk durch seine Studien zum zweiten Weltkrieg einigermaßen beherrschte. Er las die wenigen Zeilen:
IM ZUGE DES VORHABENS IST GEPLANT,
AUCH UNSERE SACHE MIT DEM OBJEKT
SIEBEN ZU ERLEDIGEN.
WIR BENÖTIGEN DAHER DRINGEND DEN
ZEITPUNKT DER AKTION. ZAHLUNG WIE
VEREINBART ÜBER GENERAL BOB BAMERI.
Darunter gab es die Notiz von dem Analysten, der die Meldung bearbeitet hatte, dass es weder einen General Bob Bameri noch einen weiteren Hinweis auf irgendein Objekt mit der Nummer sieben gäbe. Deshalb war das Papier bei der Erstellung des Memos ans Weiße Haus als unerheblich eingestuft worden.
Auch Hawk kannte niemand, der so hieß, hatte aber sofort das Gefühl, dass er einen Schlüssel zu den Vorgängen, die er gerade erlebte, in Händen hielt. Und war mit dem Objekt sieben das Gebäude des World Trade Centers gemeint, indem er sich gerade befand?
Er nahm das Telex aus dem Ordner, vielleicht ergaben sich später einmal Fakten, die zu dessen Erklärung beitrugen. Er überlegte, es zu kopieren, denn mitnehmen wollte er es nicht, das würde Palmer später bemerken. Am besten wäre es, eine Kopie davon gleich weiterzusenden. Hier nebenan auf der fünfundzwanzigsten Etage war die Außenstelle der CIA. Dort besaß man eine eigene Telefonverbindung über Satellit, die von der normalen Versorgung unabhängig war. Das wusste Hawk, da in Kriegsfällen über diese Kanäle auch die Nachrichtenübermittlung des Weißen Hauses lief. Die Verbindung war auch absolut zuverlässig gegen Abhörversuche und benutzte spezielle Verschlüsselungscodes, die sogar die eigene NSA austricksten.
Sollte auch der CIA bereits evakuiert sein, wäre das die Gelegenheit, das Dokument von dort per Fax wegzuschicken, dann läge es gleich direkt auf seinem Computer in Washington.
Hawk verließ Palmers Büro und ging über den langen Gang, wo kein Mensch mehr zu sehen war, zur Dependance der CIA. Er lauschte an der Tür – drinnen war alles still. Gleich neben dem Eingang befand sich ein grauer Metallzylinder, auf dessen Vorderseite eine Überwachungskamera, ein Zahlenfeld zur Eingabe des Zugangscodes und eine große Taste waren. Kamera und Zahlenfeld waren tot, nur auf der Taste blinkte ein rotes Streifensymbol rhythmisch auf. Hawk drückt darauf und die dicke Schiebetür aus Sicherheitsglas fuhr zur Seite.
Er spähte vorsichtig auf die Überwachungskamera, die den Eingang überwachte, aber auch diese lief nicht. Gleich im vorderen Bereich war der zentrale Kommunikationsraum – die Geräte liefen noch. Hawk wählte seine eigene Nummer in Washington. Die Verbindung klappte ohne Verzögerung. Drei Minuten später war das Dokument als Fax durch und er verließ ungesehen das CIA-Büro.
Nachdem die Papiere in Palmers Archivraum wieder eingeordnet waren, sah er auf die Uhr. Es war gleich zehn, die Suche und die Aktion beim CIA hatten doch über eine halbe Stunde gedauert. Es war also Zeit auf die Straße zu kommen. Falls er Palmer unten noch treffen sollte, würde er sagen, er habe sich in dem Wirbel verlaufen.
Eigentlich schade, dachte er und ließ den Blick über die Ordnerreihen gleiten, denn hier gäbe es noch so vieles, was er sich gerne angesehen hätte.
Im gleichen Augenblick spürte Hawk ein gewaltiges Zittern, das durch das Bauwerk lief. Er dachte zuerst an ein Erdbeben, als er sich aber umdrehte traute er seinen Augen nicht. In einer unheimlichen Wolke aus Schutt und Staub fiel einer der beiden Türme der Twin Towers wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Das Beben der gewaltigen Bewegung dieses Zusammenbruchs wurde begleitet von einem plötzlichen Rauschen, wie ein Wasserfall, der in Kaskaden eine Felswand hinunterstürzt.
Hawk taumelte förmlich zu der Fensterwand und konnte den Blick lange Minuten nicht von dem Geschehen wenden. Es war genau wie damals, vor vielen Jahren in Warschau – das Feuer, der dunkle Himmel, die Angst der Menschen.
Erst nach einer Weile ließen ihn die Gedanken los und er kehrte abrupt in die Gegenwart zurück. Hinaus, dachte er, hinaus aus diesem Gebäude. Vergessen war seine Neugierde, in Palmers Dokumenten zu stöbern. Er wollte nur mehr weg von hier.
Er verließ das Büro und lief den Gang entlang zur Treppe. Der Lift war abgestellt und man sollte bei einer Krise niemals Aufzüge benutzen. Inständig hoffte er, dass die einzelnen Etagen keinen Brandschutz hätten, der jedes Stockwerk nach der Evakuierung mit feuerhemmenden Toren hermetisch abriegelte. Er drückte auf den Öffnungsmechanismus und atmete auf – die Tür zum Treppenhaus sprang auf. Während er hinunterlief überlegte er, dass es vorerst das Beste wäre in die Katastrophenzentrale der Stadt zu gehen, diese lag nur zwei Stockwerke tiefer. Dort sollte noch alles funktionieren und es gab das Office for Emergency Management, was nichts anderes war, als ein Bunkerraum, der Sicherheit bot. Auch die neuesten Informationen über das Geschehen würde man dort erhalten.
»Hallo?« Seine Stimme hallte durch die Zimmer des Krisenstabes, als Hawk vom Korridor aus hineinrief.
Stille.
Die Räume waren leer, verlassen wie das übrige Haus.
»Das gibt’s doch nicht …«, murmelte Hawk betroffen.
Hier war die Einsatzzentrale für Katastrophen und Notfälle der Stadt New York – und sie war geschlossen? Wo waren die Ansprechpersonen, wohin konnten sich die Leute jetzt noch wenden? Draußen geschah eine Tragödie, das World Trade Center begrub tausende Menschen unter seinen Trümmern und hier war niemand, um Hilfe zu schicken oder Einsatzkräfte zu koordinieren.
»Wann hat es das je gegeben«, stammelte Hawk, »dass eine Notfallzentrale bei einem Notfall als erstes geschlossen wird?«
Irgendwas war hier im Gange. In großer Hast lief er zurück zur Treppe und weiter hinunter. Im sechzehnten Stockwerk glaubte er Stimmen zu hören, dachte zuerst an einen Irrtum und ging weiter. Zwei Etagen darunter bemerkte er es wieder, diesmal ganz deutlich – da redete jemand. Hawk konnte nicht verstehen was gesprochen wurde, nur dass die Antworten über ein Funkgerät kamen. Er stieß die Tür zum Korridor auf. Die Stimmen kamen von den Liften her. Sollte jemand eingeschlossen sein?
Hawk bog um die Ecke und sah, dass beide Lifttüren offen standen und mit einer Metallstange verspreizt waren. Seltsam, dachte er und ging vorsichtig näher.
»Wie lange werdet ihr da noch brauchen?« kam es gerade aus dem Funkgerät.
»Etwa zehn Minuten, dann sind wir fertig und kümmern uns dann um den dreizehnten Stock«, antwortete eine männliche Stimme im Liftschacht. »Wie schaut es mit der Evakuierung aus?«
»Ist okay«, kam es zurück, »das Hochhaus ist oben komplett leer, ihr habt also Ruhe.«
»Und unten im Tiefgeschoß?«
»Da sind noch einige Leute aus den Firmen. Da fangen wir erst an, sobald alle weg sind. Bis dahin müssten dann auch die Wagen mit dem Material da sein.«
Hawk kam das ziemlich seltsam vor und er wollte in den Liftschacht hinuntersehen, wer hier arbeitete.
»Was zum Teufel machen Sie hier?«, sagte eine unfreundliche Stimme im gleichen Augenblick.
Hawk fuhr herum. Hinter ihm stand ein kleiner, kräftiger Mann mit rotblonden, längeren Haaren in einem grauen Overall mit silbernen Streifen auf den Schulterklappen und einem Emblem in Form eines Wappens auf der Brusttasche. Dazu trug er ein dunkelrotes Barett mit einem Abzeichen. Hawk erinnerte sich später, dass die Sachen neu und ungetragen aussahen und auf ihn nicht wie eine Arbeitsuniform, sondern eher wie ein Kostüm wirkten.
»Das müsste ich Sie fragen!«, konterte er deshalb geistesgegenwärtig. »Ich bin ein Mitarbeiter der Regierung! Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«
»Wir sind vom externen Sicherheitsdienst, der für dieses Objekt und dessen Evakuierung zuständig ist. Hier zählt im Ausnahmefall nur was wir sagen. Also machen Sie, dass Sie rauskommen!«
Er nahm eine drohende Haltung ein und wies mit der Hand zum Treppenhaus.
»Wenn Sie mich einschüchtern wollen, sind Sie an den Falschen geraten«, sagte Hawk nun ebenfalls scharf und richtete sich in voller Größe auf. »Ich möchte wissen, was Sie hier tun und wer für die Arbeiten zuständig ist.«
Bevor der Rotblonde noch etwas erwidern konnte, stieg der Mann, der im Lift gearbeitet und die Diskussion mitgehört hatte, aus dem Schacht. Er trug die gleiche graue Uniform, war mindestens so groß wie Hawk, aber um vieles kräftiger.
»Das hat alles seine Ordnung. Wir sichern hier die Liftanlagen des Hauses«, sagte er mit aggressivem Unterton, »also verschwinden Sie!«
Hawk sah, dass er gegen die beiden nichts ausrichten konnte. Er drehte sich mit einem Achselzucken um und ging zurück zur Treppe. Sollten die doch machen was sie wollten, dachte er, in dem leeren Haus können sie zumindest keinen Schaden anrichten.
Als Hawk auf der untersten Etage in die große Main Lobby hinauslief, sah er, dass auch hier bereits alles leergeräumt war. Die Halle lag im Halbdunkel, nur das Notlicht brannte und warf ein blaugrünes unwirkliches Licht auf die Szenerie. Erst jetzt bemerkte Hawk, dass eine Sirene unablässig durch das ganze Haus tönte, deren Ton bis in sein Gehirn pulsierte. Der Boden war voll Schutt und hinter der langen Empfangstheke, wo sich sonst zwanzig Clerks um die Anliegen der Besucher kümmerten, stand nur einer von jenen in der grauen Uniform und hantierte an einem Schaltkasten herum. Hawk fiel der Mann überhaupt nur auf, weil er sich wegen des Staubs eine knallgelbe, durchsichtige Einkaufstüte über den Kopf gestülpt hatte, deren fröhliche Farbe unpassend wirkte.
Am Fuße der langen Doppelrolltreppen versuchten zwei Sanitäter einen blutüberströmten Mann auf eine Trage zu heben, der eine klaffende Wunde über Hals und Brust hatte. Er war von dem herabfallenden Lichtkasten getroffen worden, der zerstört daneben am Boden lag. Der Mann wimmerte leise als sie ihn anhoben.
Die großen Glastüren des Gebäudes, die in der Eingangshalle drei Etagen hoch waren, standen weit offen – einige waren zersplittert, die meisten dagegen intakt. Überhaupt wirkte das Bauwerk ziemlich unversehrt und Hawk wunderte sich, warum man befohlen hatte, es zu evakuieren. Es wäre besser gewesen, es für Schutzsuchende offen zu lassen. Vor einem der Eingänge rollte scheppernd ein halber, zersprungener Behälter eines Trinkwasserspenders. Hawk, der sich im Laufen umschaute, ob jemand Hilfe benötige, stolperte darüber und konnte sich nur im letzten Augenblick an einem Pfeiler abfangen.
Endlich auf der Straße angelangt, versuchte er zwischen den Menschen, die ziellos durcheinanderliefen oder durch die Druckwelle verletzt am Rand lagen, Palmer zu finden – vergeblich.
Auch hier vor dem Haus war alles übersät mit kleinen und größeren Betonbrocken. Viele Dächer der parkenden Fahrzeuge waren dadurch zerbeult oder eingedrückt, dazwischen Glasscherben und Staub – überall Staub. Er deckte die Dinge so gleichmäßig mit einer hellen Schicht ab, dass man meinen konnte, es wäre frisch gefallener Schnee. In der Luft schwebte Rauch so dicht, dass der Himmel nur eine dunkelgraue Suppe war und die oberen Stockwerke der umstehenden Häuser wie im Nebel verschwanden. Von irgendwoher fielen unablässig Bündel von Papier herunter: Aktenblätter, Briefe, Rechnungen, Computerausdrucke. Hawk kam es vor, als würde ein riesiger Papierkorb über ihm ausgeleert. Ein bunter Zettel flatterte direkt vor sein Gesicht – es war eine Ansichtskarte. Er wischte sie mit einer beiläufigen Geste weg und sah dabei kurz in die Augen einer jungen Frau, die in einem rosa Bikini an irgendeinem Strand dem Fotografen zuwinkte.
Er lief weiter, wollte in Richtung der Twin Towers, um falls möglich zu helfen; ständig begleitet vom Dröhnen der Einsatzhubschrauber, die über dem Platz kreisten. Zwei brennende Fahrzeuge standen verlassen mitten in einem Seitenweg, eines davon ein Schulbus. Entlang der Straße versorgten Rettungskräfte die Verletzten. Bei einigen hatten sie aufgegeben, sie lagen tot daneben, manche waren nicht einmal zugedeckt. Hawk musste immer wieder blutigen Schuhen oder Taschen ausweichen, die verstreut am Gehsteig lagen.
Zwei Männer von der WTC-Security kamen ihm entgegen, sie trugen dicke blaue Schutzkleidung und hatten schwarze Kunststoffhelme am Kopf. Einer rief Hawk zu, er möge schleunigst umdrehen und zum nächsten Straßenzug hinter die Anlage gehen, dort wäre Schutz und hier könne man nichts mehr tun. Hawk verstand nicht warum, sah aber ein, dass er ohne Schutzkleidung wenig ausrichten würde. Er drehte also um und lief in die Gegenrichtung, dabei wunderte er sich, dass die beiden ebenfalls vom Geschehen wegliefen, statt dort das Gelände zu sichern.
An der Ecke taumelte eine ältere Frau auf die Fahrbahn, ihr Gesicht war durch den Schmutz weiß und ihr ganzer Körper wie mit Puder überzogen. Sie wirkte auf Hawk wie einer der bemalten Eingeborenen in Fotobänden aus Neuguinea. Sie stützte sich auf die parkenden Fahrzeuge und schrie markerschütternd, nur übertönt von einer durchdringenden Sirene, die sich von hinten näherte. Die beiden Securitys rannten achtlos an ihr vorbei. Instinktiv fasste Hawk die Alte am Arm und riss sie zwischen zwei parkende Autos. Keinen Augenblick zu früh, denn ein Löschfahrzeug der Feuerwehr raste um die Kurve, dicht an ihnen vorbei und zog eine dunkle Wand aus aufgewühltem Dreck hinter sich her. Hawk wollte der Frau aufhelfen, sie aber stieß ihn von sich und schrie weiter, schrie unablässig einen Namen. Er konnte nichts für sie machen, anscheinend hörte sie ihn nicht einmal, so sehr war sie in ihrem Schmerz gefangen.
Hawk schleppte sich vor zur Nebenstraße. Das Atmen fiel schwer, so verdreckt war die Luft. Er presste ein Taschentuch vor sein Gesicht, damit ging es etwas besser. Dann lief er weiter an die Seite des Glasturms in die nächste Straße, die etwas Schutz bot. Er lehnte sich kurz an die Wand, um Kräfte zu sammeln.
Eine Wand, die den Tag nicht überleben würde. Denn oben schlugen bereits Flammen aus den geborstenen Fensterflächen und wenige Stunden später, kurz nach fünf Uhr nachmittags, würde auch Block 7, das elegante, schwarz verglaste Hochhaus auf der Anlage des World Trade Centers in sich zusammenbrechen. Die wirklichen Umstände, die dazu führten, sollten nie restlos geklärt werden. Es begrub nicht nur das Archiv Palmers mit den CIA-Memos unter sich, sondern auch die Unterlagen der Steuerbehörde und der amerikanischen Börsenaufsicht.
Und dann würde der Präsident vor die Fernsehkameras treten und die Welt auffordern, sich am Kampf gegen den Terror zu beteiligen, denn wer jetzt nicht an der Seite Amerikas stand, war ein Feind.
Doch das wusste Hawk alles noch nicht, als er völlig erschöpft einige Blocks weiter an der Kreuzung von Chambers und Church stehenblieb und zurück auf das Trümmerfeld schaute. Er wusste nur, er hatte so etwas schon gesehen, in Warschau, in Vietnam, in Kuwait – so sah Krieg aus.
Heute
1
Die Abendbeleuchtung auf der Wiener Ringstraße brannte bereits, obwohl der Himmel noch hell war. Das Zwielicht gab den Prunkbauten entlang der breiten Allee ein besonderes Flair. Hier wechselten alte Palais aus der Kaiserzeit, berühmte Museen und weitläufige Parks mit Bronzestatuen einander ab – so als wäre die Zeit stehengeblieben.
Lena und Niels saßen im Freien unter blühenden Kastanienbäumen vor einem der vielen Straßenkaffees in der Nähe des berühmten Burgtheaters und löffelten Eiskaffee mit einer süßen Haube aus Schlagsahne. Der Abend dieses späten Maitages war angenehm warm und Lena genoss nach den Ereignissen der letzten Wochen die Ruhe und die Wärme der untergehenden Sonne auf ihrer Stirn. Sie hatte den Kopf auf die hohe Sessellehne gelehnt und schien eingenickt zu sein. Tatsächlich aber sah sie Niels hinter ihrer verspiegelten Sonnenbrille von der Seite an.
Sie hätte nie gedacht, dass man sich in einen Menschen, den man eine Ewigkeit als Freund kannte, noch so verlieben konnte. Immerhin war Niels derjenige gewesen, bei dem sie sich in den letzten Jahren die Probleme mit diversen Liebhabern von der Seele geredet hatte und der ihr daraufhin einen verständnisvollen Rat gab. Dann packten sie ihre beiden Motorräder und tobten über die englischen Küstenstraßen; eine Leidenschaft die Lena nur mit Niels richtig ausleben konnte. Die engen Kurven fraßen den Frust der beiden förmlich in den Asphalt hinein – ihren, weil eine Beziehung wieder einmal nicht klappte und seinen, weil er keine mit ihr hatte.
Das änderte sich vor einer Woche schlagartig. Niels war der einzige, der sich damals Sorgen um Lena machte, also war er auf seine Suzuki gesprungen, die Strecke von London in einem Zug durchgefahren und überraschend in Italien aufgetaucht.
Als sich die Aufregungen rund um die Verhaftung des korrupten Senators Prow gelegt hatten, beschlossen Niels und Lena, sich eine Auszeit zu gönnen und Lena wollte schon immer einmal nach Wien. Also packten sie alles auf seine Maschine und fuhren her. Es war ohnehin nur für ein paar Tage, da Niels wegen der Recherche an einer Story für den Guardian bald wieder nach London zurück musste.
Auf der Fahrt nach Wien wusste sie dann, dass sie von nun an mit ihm zusammen sein wollte und während er das Motorrad in der Einfahrt des kleinen Hotels unterstellte, nahm sie bei der Rezeption ein Doppelzimmer.
Jetzt saß er neben ihr, als wäre das schon ewig so gewesen, schlürfte vom Eiskaffee und blätterte den Packen an Zeitungen durch, den er mittags am Bahnhof besorgt hatte. Zwischendurch musterte er sie öfters mit einem Seitenblick, dabei murmelte undeutlich etwas wie: »Da bin ich ja mit einer richtigen Berühmtheit …«
Lena musste lachen. Sie richtete sich auf und schob die Brille ins Haar.
»Also zeig her, sonst platz ich noch vor Neugierde …«
Sie nahm Niels das Magazin aus der Hand und blätterte zu dem Artikel, über dem sich ein Bild von ihr befand – ein wirklich schlechtes, wie Lena fand. Daneben stand fettgedruckt die Headline: GEHEIMER WAFFENDEAL AUFGEDECKT!
»Wo die nur solche Fotos her haben?«, meinte sie kopfschüttelnd und las.
Die bekannte Journalistin Lena Halberg deckte letzte Woche die illegale Lieferung eines schon seit langem verbotenen Kampfstoffes nach Kolumbien auf.
Verwickelt in die Affäre ist unter anderem US-Senator Prow, der auch als Lobbyist für den Rüstungskonzern des Industriellen Arthur Bronsteen tätig ist. Senator Prow hat sich zu dem Korruptionsverdacht und den gegen ihn erhobenen Anschuldigungen bekannt und bereits ein erstes Geständnis abgelegt.
Arthur Bronsteen verwehrte sich in einer Reaktion der Presse gegenüber entschieden gegen Gerüchte, die sein Unternehmen oder seine Stiftung mit den Geschäften des Senators in Verbindung bringen. Er verwies auch ausdrücklich darauf, dass sein hauseigenes Medium ‘Eagle News’ den Fall im Sinne einer politischen Transparenz an die Öffentlichkeit gebracht hat. Er endete mit einem Dank an die Mitarbeiterin für ihren Einsatz im Kampf gegen Korruption.
Ein Zusammenhang mit dem Unfalltod eines amerikanischen Diplomaten in Südtirol konnte bislang nicht ….
»Eines amerikanischen Diplomaten, dass ich nicht lache, eine höfliche Umschreibung für einen Killer der CIA. Und der große Bronsteen putzt sich natürlich ab. Er, der Wohltäter der Gesellschaft, dankt mir sogar dafür. Das ist ein starkes Stück.« Lena ließ verärgert, aber doch auch stolz über die Anerkennung, das Magazin sinken. »Aber es war klar, dass sie das meiste unter den Tisch kehren. Da war nichts anderes zu erwarten.«
»Und, kannst du damit abschließen?« Niels sah Lena fragend an.
»So halb und halb – immerhin hat es mit Prow einen der wichtigen Drahtzieher erwischt. Besser würde ich mich fühlen, wenn sie alle dafür büßen müssten.« Sie trank den Kaffee aus und holte mit dem Löffel die letzten Reste Vanilleeis aus dem Glasbecher. »Deshalb …«
»Deshalb?«
»Deshalb geht mir Prows Überweisung im Auftrag Bronsteens nicht aus dem Kopf.«
»Sag bloß, du hast den Ausdruck mitgenommen!«
»Klar, was denkst du denn?«
Lena griff in ihre Tasche nach dem Kontoauszug, den sie im Zuge der letzten Recherchen gegen Prow von dessen Computer herunterladen konnte. Darauf befand sich eine unscheinbare Überweisung an ein Hilfsprojekt für Kleinbauern in Kolumbien, das Bronsteen mit großer Geste über seine Stiftung finanzierte, nachdem er vorher – gemeinsam mit der CIA und unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Drogenkartelle – das Land ins Chaos gestürzt hatte.
Die Gelder an die Bauernkooperative in der Nähe von Bogotá liefen offiziell über Prows Büro. In der Liste der Zahlungen fand Lena aber auch einen handschriftlichen Vermerk von ihm. Dort stand: Überweisung für Eißendorf.
»Ich weiß, was du vermutest«, nickte Niels, »Eißendorf ist der Vorort von Hamburg, wo ein Terrorist der Anschläge vom elften September gewohnt hat. Glaubst du, dass Bronsteen so verrückt ist, ein derartiges Attentat zu finanzieren …?«
»Bei Bronsteen kann ich mir alles vorstellen!« fuhr Lena dazwischen.
»Und dabei so dumm ist, einen mittelmäßigen Politiker und Lobbyisten wie Prow in die Sache einzubinden?«
Lena starrte vor sich hin – Niels’ Argument war nicht von der Hand zu weisen. Bronsteen war hochintelligent und wenn er etwas in dieser Dimension geplant haben sollte, schien es unwahrscheinlich, dass jemand wie Prow eingeweiht war.
»Hör auf zu grübeln, wir müssen uns umziehen gehen, wenn wir rechtzeitig in der Oper sein wollen«, sagte Niels und zog Lena hoch, um sie auf andere Gedanken zu bringen.
Das Taxi hielt vor der Wiener Oper. Niels trug ein schwarzes langes Sakko, eine dezente Nadelstreifhose und dazu ein dunkles Halstuch. Für ihn ganz ungewohnt, denn normalerweise liebte er seine legeren Lederjacken. Lena überlegte, ob sie ihn je so elegant gesehen hatte. Aber auch Niels konnte seine Augen nicht von Lena lassen. Mit ihren blonden Strähnchen in den kurzen Haaren und dem neuen dunkelblauen Kleid mit dem tiefen Ausschnitt, das sie an allen Stellen perfekt ausfüllte, sah sie einfach hinreißend aus. Da sie nur mit ihren Rucksäcken und ohne Garderobe nach Wien gekommen waren, gingen sie am Vortag ausgiebig in der Kärntnerstraße, der mondänen Wiener Einkaufsmeile, shoppen und Lena war danach noch beim Frisör.
Sie kamen gerade rechtzeitig zu der Vorstellung, für die Niels Karten besorgt und Lena damit überrascht hatte. Man spielte Boris Godunow von Mussorgski nach einem Drama von Puschkin. Ein bedeutendes Stück über die Verlockungen der Macht und die Ohnmacht des Volkes, in der ein Betrüger die Armut des Volkes nutzt, um sich mit falschen Versprechungen die Gunst der Menge zu erschleichen. Niels meinte scherzhaft, der Stoff würde auch auf heutige Politiker gut passen.
Obwohl seine Mutter italienische Großeltern hatte, machte sich Niels weniger aus Opern, überhaupt aus russischen, die vier Stunden dauerten. Doch Lena liebte diese Musik und für sie nahm er das gerne in Kauf. Außerdem sollte man die Gelegenheit nutzen, wenn man in Wien war und eines der berühmtesten Opernhäuser der Welt besuchen konnte.
Zu seiner eigenen Überraschung verging die Zeit recht schnell und er ertappte sich dabei, die Musik mitreißend zu empfinden. Vor allem die großen Chöre, überlegte er, wären ein perfekter Sound in den Kopfhörern am Motorrad bei vollem Speed auf einer schnurgeraden Straße.
Für einen stilvollen Ausklang nach der Vorstellung hatte ihnen der Taxifahrer eine kleine entzückende Sektbar ganz in der Nähe der Oper empfohlen. So wanderten sie dann die wenigen Schritte durch die Innenstadt zu Fuß zu dem Lokal.
Niels legte Lena sein Sakko über die Schultern, da es für das zarte Kleid doch noch ein wenig zu frisch war. Er freute sich über den gelungenen Abend und betrachtete im Vorbeigehen die beleuchteten Auslagen entlang des Weges. Lena hingegen war wieder in ihre Überlegungen verstrickt. Als sie schließlich im Wintergarten der Bar saßen, platzte sie damit heraus.
»Du hattest recht, dass es in dem Stück so läuft wie in der Politik. Manchmal dauert es lange bis die Wahrheit ans Licht kommt. Aber der alte Zar hat auch geglaubt, er kann seinem Schicksal entkommen und nicht mit dessen Hartnäckigkeit gerechnet.«
»Da hat das Schicksal was von dir«, nickte Niels heiter und bestellte zwei Glas Champagner.
»Mir geht das nicht aus dem Kopf. Es wird immer einen geben, der die Leute täuscht, um sie für seine Zwecke auszunutzen«, fuhr sie fort, ohne auf seine Bemerkung einzugehen, »und vielleicht bin ich da wie der Narr in der Oper, der als einziger spürt, was nicht stimmt. Verstehst du das?«
»Ja, leider. Du wirst der Sache mit der Überweisung nachgehen und dich wieder mit diesen Leuten anlegen.«
»Ich kann einfach nicht aufgeben«, sagte sie leise.
Eine Weile schauten sie still in die Sektgläser. Niels wäre wohler gewesen, sie von dem Thema abzubringen. Nur er kannte Lena und wusste, dass es zwecklos war. Deshalb war sie Journalistin geworden, deshalb war sie erfolgreich und deshalb liebte er sie schließlich auch.
»Okay, ich stehe hinter dir, wenn du mich brauchst, das weißt du. Aber wie willst du es anstellen? Zu Bronsteen gehen und sagen: Dürfte ich Sie noch fragen, ob Sie das World Trade Center zerstört haben?«, versuchte er die Stimmung wieder etwas aufzulockern.
»Die Frage gefällt mir gut«, konterte Lena nun schmunzelnd, »aber ich geh damit nicht zu Bronsteen …«
»Sondern?« Niels schluckte, da er ahnte was kommen würde.
»Sondern zu Prow!«
»Ich hab es befürchtet. Nur der sitzt noch beim FBI, das wird nicht einfach sein, denn Reporter haben da keinen Zutritt.«
»Außer sie haben dich zum Freund!«
»Also gut, ich versuche es …«
Niels wusste, worauf Lena anspielte. Sammy, einer seiner besten und ältesten Kumpel, arbeitete als leitender Beamter bei der National Security Branch des FBI im Hauptquartier in Washington. Wenn es einer schaffte, für Lena eine Besuchserlaubnis zu erwirken, dann er.
»Das ginge«, sagte Sam dann auch sofort, nachdem ihn Niels um Mitternacht – in Washington war es erst beginnender Abend – privat erreichte. »Immerhin hat sie uns die Beweise für die Festnahme geliefert, da kann ich das sicher arrangieren. Allerdings muss das unter uns bleiben und veröffentlichen darf sie darüber nichts.«
»Nein, das will sie auch gar nicht, es geht lediglich um einige Fragen, die sie selbst noch hätte, um mit der Sache abschließen zu können.« Niels hielt die Hand aufs Handy, nickte in Richtung Lena, die vor dem Zimmer am Balkongeländer lehnte, und formte mit den Lippen: »Geht okay.«
»Sie muss sich aber beeilen«, kam es von der anderen Seite des Atlantiks durchs Telefon, »wir sind mit der Befragung fertig und der Senator wird demnächst zur CIA verlegt.«
»Zur CIA? Wieso das denn?«
»Die haben anscheinend noch eine Rechnung mit ihm offen. Er kommt zu einem Spezialteam nach Charleston zum Verhör wegen Weitergabe von staatlich sensiblen Daten.«
»Soll heißen?«
»Terror, Landesverrat, das ganz Programm …«
»Wird eng für ihn, nicht?«
»Kann sein. Also zwei Tage haben wir ihn noch hier, für länger kann ich nicht garantieren.«
»In Ordnung, wir schauen gleich morgen wegen eines Fluges und ich sag dir dann kurz Bescheid.«
Das Hotel lag etwas abseits der City in einer ruhigen Gegend an den sanften Hängen eines Weinberges. Wenn man auf den Platz vor dem Haus hinuntersah, fühlte man sich nicht wie in einer Großstadt, vielmehr glaubte man sich in ein Dorf versetzt – rundum einstöckige Winzerhäuser und in der Mitte eine Grünfläche mit Bänken und Brunnen. Hier pflegte man die Randbezirke mit dem nostalgischen Flair, auch wenn hinter den alten Fassaden moderne Einfamilienhäuser lagen. Als Niels und Lena nach Wien hineinfuhren, kamen sie an dem Hotel zufällig vorbei und entschieden sofort hierzubleiben.
Niels war schon früh auf und ging eine Runde joggen. Er liebte es in der ersten Sonne des Tages durch Straßen zu laufen, die erst langsam erwachten, und sog deren eigene Stimmung in sich auf: Lichter löschen langsam aus, Straßenkehrer fegen die vergangene Nacht von den Gehsteigen und Chauffeure stehen neben ihren Bussen und rauchen eine letzte Zigarette vor dem Dienst. Alle Städte haben das, bevor das urbane Leben wieder von ihnen Besitz nimmt und den Tag mit hektischem Treiben füllt.
In diesen Momenten konnte Niels frei und ungestört denken, ging im Geiste seine Recherchen durch oder plante die nächsten Schritte von Dingen, die ihn gerade beschäftigten. Heute waren seine Gedanken nur bei Lena – bei der letzten Nacht. Auch aus diesem Grund hätte er sich wohler gefühlt, wenn sie mit ihm zurück nach London gefahren wäre.
Während er seine Runden durch die Vorstadt zog, nahm Lena eine ausgiebige Dusche, um munter zu werden. Schlafen konnte sie nicht mehr – zu neu war ihre Beziehung, zu groß die Sehnsucht nach körperlicher Nähe, auf die sie beide so lange gewartet hatten. Mehrmals versuchten sie, sich ruhig aneinanderzuschmiegen und einzuschlafen, aber jedes Mal siegte am Ende die Lust. Sogar jetzt unter der Dusche spürte sie ihn noch in ihr und wäre sofort für eine Fortsetzung bereit gewesen.
Eine Stunde später trafen sie sich auf der Terrasse hinter dem Haus, wo für das Frühstück gedeckt war.
»Ich hab gerade gebucht«, sagte Lena und füllte den Teller mit Köstlichkeiten vom reichhaltigen Buffet. Nach langen Nächten mit Sex brauchte sie Unmengen zu essen um ihre Kräfte aufzufüllen.
»Und für wann?« Niels war nach dem Joggen noch ungeduscht und steckte in seiner Short. Gähnend ging er vor dem Buffet hin und her, nahm aber dann nur Kaffee und eine kleine Schüssel Erdbeeren mit Sahne. Er schüttelte den Kopf und grinste, als er Lenas Teller sah. »War ich tatsächlich so gut?«
Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und lachte laut auf. Früher war sie gelegentlich nach nächtlichen Streifzügen bei ihm aufgetaucht und die Menge, die sie aus seinem Kühlschrank entleerte, war der Gradmesser für die Qualität des Erlebten gewesen.
»Ich fliege morgen um sieben nach New York und dann zwei Stunden später weiter nach Washington. Durch die Zeitdifferenz bin ich aber bereits am frühen Nachmittag dort und schaff es bis vier zum FBI.«
»Und du bist sicher, dass du das wirklich willst? Du könntest es noch absagen.«
»Ich bin sicher, dass ich keine Ruhe fände, wenn ich dem nicht nachgehen würde. Vielleicht liegst du richtig und es steckt nichts dahinter oder es ist bedeutungslos, dann …«
»Dann?«
»Dann verspreche ich dir«, hob Lena die rechte Hand wie zum Schwur, »dass ich Bronsteen für alle Zeiten vergesse und mich nur mehr einfachen Society-Reportagen widme und London nie wieder verlasse.«
»Lügnerin!«, kicherte Niels.
Wie schnell Abschiedstage auch vergehen, dieser war der kürzeste. Sie saßen über eine Stunde beim Frühstück, gingen die mögliche Taktik für Lenas Treffen mit Prow durch, danach fuhren sie in die Innenstadt. Lena wollte Jeans, eine Umhängtasche für ihr Notebook und einen kleinen Koffer kaufen, um die Sachen für den Flug zu verstauen. Ihren Rucksack würde Niels mit nach London nehmen.
Davor schrieb sie noch eine Kündigungsmail an die Redaktion der Eagle News in London, denn eines stand fest, bei einem Medienunternehmen, das zu Bronsteens Konzern gehörte, wollte sie nicht mehr arbeiten.
Den Nachmittag und Abend verbrachten sie im Bett, um sich alles, was sie in den kommenden Tagen – der ersten Trennung ihrer neuen Beziehung – vermissen würden, schon im Voraus zu geben.
Am nächsten Morgen im Taxi, auf der Fahrt zum Flughafen, drückte sie sich fest an Niels, als würde sie ihn nie wieder loslassen wollen. Dafür nahm Niels sich vor, Lena so lange zu küssen, bis das Flugzeug ohne sie abhob.
Sie kamen durch den beginnenden Frühverkehr jedoch sehr knapp vor Abflug an und so war es dann nur ein kurzes Ciao und Lena rannte zum Gate. Niels ging zu einem der Cafés auf der Aussichtsterrasse und wartete bis die Maschine abhob.
Zurück im Hotel packte er die Rucksäcke, schnallte sie auf seine Maschine und machte sich auf die lange Heimreise. Lena würde bedeutend früher in Washington sein, als er zurück in England. Gute elf Stunden waren es über Brüssel nach Calais und dann mit dem Zug durch den Tunnel nochmals drei Stunden bis London, die würde er dann wenigstens für etwas Schlaf benützen können.
Auf der Fahrt beschäftigte ihn bereits sein neuer Auftrag, den er durch Lenas spontane Abreise nun einige Tage früher in Angriff nehmen konnte. Der Guardian, eine der seriösen englischen Zeitungen, plante einen Schwerpunkt mit Artikeln über die politische Neuordnung und die neuen Machthaber in Afrika. Der Redakteur, für den Niels schon einige Male gearbeitet hatte, wollte ihn auch diesmal wieder dabeihaben.
2
Es war nicht nur die Temperatur von fast vierzig Grad, die der Gesellschaft auf der überdachten Terrasse des Nobelhotels Ledger Plaza zu schaffen machte, sondern noch mehr die extreme Luftfeuchtigkeit, die am frühen Nachmittag in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, herrschte.
Den Besuchern der Regierung und den Journalisten klebte die Kleidung am Körper und sogar den anwesenden einheimischen Militärs lief der Schweiß in Bächen in die Krägen der Uniformen. Manche von ihnen fluchten darüber, dass die Pressekonferenz nicht im Theatersaal des Hotels stattfand, der den etwa zweihundert Gästen bequem Platz geboten hätte und klimatisiert war.
Bronsteen stand noch in seiner angenehm kühlen Suite, hatte das Sakko des hellgrauen Leinenanzugs ausgezogen, wischte sich mit einem feuchten Tuch die Stirn und sah durch den schmalen Spalt zwischen Gardinen und Fenster hinunter auf die Gesellschaft. Er schmunzelte ob der Versuche der Damen, sich mit den Einladungskarten kühle Luft zuzufächeln, und über die steinernen Mienen der Generäle, in ihren dunklen Uniformen, den großen rotbraunen Tellerkappen und den billigen Blechorden an der Brust. Auf ihn wirkten sie wie Figuren eines Karnevalsumzugs.
Er zog seine dunkelgrüne Seidenkrawatte zurecht und beschloss, sie noch etwas warten zu lassen. Ein emotionales Machtspiel, das er sich im Laufe seiner Karriere zunutze gemacht hatte – wer auf ihn wartete, war automatisch in einer schwächeren Position, das festigte die eigene Stellung. Das schien ihm gerade für die heutige Pressekonferenz von Bedeutung, denn in den nächsten Minuten ging es für ihn persönlich um viel und bei den rücksichtslosen Kräften, die in dem Land herrschten, war das Eis recht dünn, auf das er sich gerade begab.
Nach dem gewaltsamen Machtwechsel durch die Rebellenallianz rund um den Führer Djotodia, der sich selbst zum Staatschef ausrief, versank das Land für kurze Zeit im totalen Chaos. Aufgrund der internationalen Empörung über den Staatsstreich und dem massiven Druck von außen, setzte sich Djotodia aber bald nach Benin ab, was den Weg für Wahlen freigab. Was blieb, waren die bewaffneten Rebellengruppen, von denen jede versuchte ihre eigene Suppe zu kochen, und die gewaltige Bestechlichkeit von Verwaltung und Militär auf Kosten einer immer weiter verarmenden Bevölkerung.
Aus der Ferne beobachtete Bronsteen die Vorgänge seit dem Zeitpunkt, an dem der blutige Putsch, der achthunderttausend Menschen in die Flucht trieb, seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er erkannte die ungeahnten Möglichkeiten, die sich hier für einen Rüstungsbetrieb boten, denn zwei Dinge hatten alle rivalisierenden Gruppen gemeinsam: Sie brauchten Unmengen von Waffen und saßen auf bedeutenden Uranlagerstätten, dem begehrten Rohstoff der Nuklearindustrie. Diese Kombination war ideal für ein vielversprechendes Tauschgeschäft.
Die möglichen Partner dafür zu finden war in einem derart korrupten Land eine leichte Übung. Die Schwierigkeit war, unbemerkt im Land agieren zu können, um an die entscheidenden Leute heranzukommen, ohne dass die internationalen Behörden Verdacht schöpften.
Ein erster Schritt in die passende Richtung ergab sich, als die Vereinten Nationen zur Sicherung des erreichten Waffenstillstands in der heiklen Region die Stationierung von UN-Blauhelmen durchsetzten.
Der entscheidende Durchbruch kam dann mit der Meldung, dass in diesem Zusammenhang mehrere Rebellengruppen, darunter acht der führenden Clans, die Freilassung tausender Kindersoldaten zugesagt hätten. Diese mit Gewalt rekrutierten Kinder – eingesetzt als Kämpfer, Spione und Sexsklaven – fand man überall in Afrika und die Menschen in der Zentralafrikanischen Republik litten darunter besonders. Im Weiteren hieß es in dem Artikel, dass es noch keinen konkreten Fahrplan für die Wiedereingliederung der Kinder und für deren Umerziehung gäbe, da an allen Ecken die Mittel dafür fehlten.
Das war der Angelhaken für Bronsteen – Geld. Die nächsten Aktionen waren die Bereitstellung eines Sonderbudgets für humanitäre Hilfe aus seiner privaten Stiftung und ein Anruf bei einem langjährigen Parteifreund, einem Kommissär im Sozialrat der Vereinten Nationen, zuständig für das Kinderhilfswerk.
Es fehlte nur noch der gelungene Abschluss seiner Bemühungen die Tür in dieses Land aufzustoßen, um die Dinge ins Laufen zu bringen. Das war diese große Pressekonferenz vor der versammelten Führungselite des Landes, die meisten davon gierig auf seine Kontakte und die Chance auf fette Provisionen für die eigene Tasche. Und der Auftritt war makellos für Bronsteens Image: Förderer eines UNICEF-Projekts für Kindersoldaten. Ein perfekter Deckmantel, unter dem man mit den wichtigen Drahtziehern des Landes auch alle anderen Dinge erledigen konnte.
Gemessenen Schritts und mit einem knappen Kopfnicken in Richtung der Wartenden ging Bronsteen zum Rednerpult. Fünfzehn Minuten hatte er sie in der prallen Sonne sitzen lassen. Nun war er der einzige mit guter Laune und ohne dunkle Schweißflecke am Sakko.
Seine langjährige Vertraute Sarah, die Leiterin der Forschungsabteilung des Rüstungskonzerns, saß in der ersten Reihe. Die schlanke, weltgewandte Rotblonde war Bronsteens Protegé, seit er sie nach ihrer Promotion direkt von Yale in den Konzern geholt hatte. Durch rücksichtslosen Einsatz ihrer Intelligenz und ihrer Attraktivität stieg sie binnen kurzem zu seiner engen Vertrauten auf, die in die Winkelzüge eingeweiht war. Sie zog dezent den Applaus an und alle Besucher fielen ein.
»Meine Herrschaften! Liebe Freunde, danke!«, sagte Bronsteen noch während er zum Podium hochstieg und hob die Hand als Dank für den Beifall. »Ich bin nicht hier, um mich feiern zu lassen, sondern stehe in aller Demut vor den Problemen, um einen kleinen Beitrag zu leisten, die Situation für die Jugend dieses Landes zu verbessern. Ich tue das in enger Abstimmung mit dem Kinderhilfswerk UNICEF und danke den Vereinten Nationen, mir die Möglichkeit zu geben, hier helfend mitzuwirken. Meine Stiftung stellt sich ab heute ohne Einschränkung in den Dienst der Sache. Wir haben daher fünf Millionen US-Dollar als Ersthilfe für ihr Land bereitgestellt, um die Wiedereingliederung der Kinder in Gang zu bringen. Es wird gewiss nicht einfach, aber wir haben die Zuversicht auf unserer Seite!«
Allgemeiner Beifall – diesmal spontan. Bronsteens mitreißende Art zu sprechen und die genannte Summe wirkten auf die Gesellschaft auch ohne Unterstützung.
Sarah gefiel fast alles an diesem smarten Einzelgänger mit den perfekten Umgangsformen, vor allem aber bewunderte sie seinen Mut und seinen Weitblick in geschäftlichen Dingen. Auch der heutige Tag war wieder ein Beweis dafür, wie zielsicher und mit welch perfektem Timing er Menschen manipulierte.
Fünf Millionen für Kinder, dachte sie, und dafür Schürfrechte für Uran und Aufträge für Waffenlieferungen an die Herrn in den Uniformen im Publikum. Aber so war Bronsteen, mit einer Hand gab er den Leuten etwas und mit der anderen nahm er ihnen ein Vielfaches davon wieder ab. Eine Eigenschaft, die ihn reich und zu einem der weltweit bedeutendsten Rüstungsproduzenten gemacht hatte.
»Ich stehe hier«, fuhr Bronsteen wie immer ohne Notizen sprechend fort, »als einer der weiß, was Krieg bedeutet, der weiß, was Angst bedeutet, der weiß, was es bedeutet, sich im eigenen Land bedroht zu fühlen. Und ich bin mir meiner Verantwortung für diese Welt sehr wohl bewusst. Denn unser Konzern versteht sich nun schon in der dritten Generation als Beitrag zur Sicherheit, um sich im Falle eines Angriffs verteidigen zu können, und leistet damit seinen Teil für den Erhalt des Friedens, den wir uns alle so sehr wünschen.«
Er lehnte sich vor aufs Pult und senkte seine Stimme. »Nun werden Sie auch verstehen, warum mich gerade die Situation dieser Kinder so betroffen macht. Sie sind die Ärmsten in diesem wunderbaren Land – ahnungslos, getäuscht und schamlos für fremde Zwecke missbraucht. Aber, meine verehrten Freunde, sind unsere Kinder nicht das, worauf wir unsere Zukunft bauen und unser eigentlicher Reichtum? Verdienen sie nicht, dass wir alles tun, damit sie ein geordnetes Leben in Freiheit haben?«
Es war still geworden. Einige Frauen der Politiker zerdrückten eine Träne – zumindest taten sie so.
»Das Leben dieser Kinder wird sich zum Besseren ändern, denn wir werden in ihre Zukunft investieren«, kam Bronsteen nun zur Botschaft für die versammelte Presse, damit sie morgen darüber auch in seinem Sinne berichten würden. »In wenigen Tagen reist die erste Gruppe nach Frankreich, wo die gleiche Sprache eine Integration erleichtert, in ein eigens dafür errichtetes Camp. Hier, betreut von den weltweit besten Pädagogen, wo sie ein neues Selbstverständnis erlernen und menschliche Wärme spüren dürfen. Ich mache das nicht als humanitäre Marotte, sondern weil wir alle, wir Erwachsenen, die wir nicht in Frieden miteinander auskommen können, das Leben dieser Kinder in eine Hölle verwandelt haben. Und es ist unsere verdammte – verzeihen Sie mir das emotionale Wort – unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, diesen jungen Menschen ihr Leben zurückzugeben. Wir lassen sie in dieser schweren Zeit nicht alleine!«
Die Besucher erhoben sich von den Sitzen und applaudierten – die Militärs, um zu zeigen, dass auch sie gegen Kinder als Soldaten waren, die Politiker, weil die Presse anwesend war und die Journalisten, weil sie eine tolle Headline für die morgige Ausgabe hatte.
Sogar General Ndogar, der neben Sarah saß und der Rede mit steinernem Gesicht gefolgt war, stand auf und nickte beifällig.
Sarah war begeistert, wie jedes Mal wenn sie Bronsteen reden hörte. Niemand sonst konnte Dinge auf eine derart überzeugende Art sagen. Sie ging rasch voraus in den gemieteten Sitzungssaal des Hotels, um nochmals zu kontrollieren, ob alles für das folgende Gespräch mit Ndogar vorbereitet war. Sie hoffte, dass auch Ducca rechtzeitig zur Sitzung eintreffen würde, die nach dem kurzen Presse-Cocktail auf der Terrasse stattfand. Zum Unterschied von anderen Geschäftsleuten liebte Bronsteen Gespräche mit Journalisten. Er spielte eloquent mit ihnen und nutzte die Möglichkeit Informationen in die richtigen Kanäle zu verteilen.
Die Maschine aus Rom landete planmäßig in Bangui am M’Poko International Airport. Cesare Ducca sah auf die Uhr – es war kurz nach halb drei, Bronsteen würde gerade seine Rede halten. Als er ins Freie trat, legte sich die Hitze wie ein feuchtwarmes Tuch über alles. Sie nahm den Passagieren aus dem klimatisierten Airbus A321 beinahe die Luft zum Atmen.
Ducca ging direkt in die Halle, er hatte für die zwei Tage Aufenthalt nur Handgepäck, und schaute suchend in die Runde. Hinten, in der letzten Reihe der Wartenden, entdeckte er einen jungen baumlangen Schwarzen in einer grauen Hoteluniform, der ein Schild mit der Aufschrift Dussa hochhielt. Damit war wohl er gemeint.
Am Parkplatz deutete der Hotelboy auf einen alten, verbeulten Peugeot 504. Ducca, der es gewohnt war in standesgemäßen Fahrzeugen chauffiert zu werden, blieb beinahe entsetzt vor dem Fahrzeug stehen. Sein Fahrer hob beide Arme mit einer hilflosen Geste und entschuldigte sich mehrmals. Wegen der vielen hohen Gäste bei der Pressekonferenz waren weder Limousinen noch Fahrer frei gewesen, so wurde er, der Rezeptionist des Hotels, mit seinem Privatauto geschickt, um den Bankier abzuholen. Er sagte das nicht gerade freundlich, wahrscheinlich war sein Dienst lange zu Ende und die Abholung störte die Pläne für den weiteren Tag.
Das Hotel lag nur sechs Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, trotzdem wurde die Fahrt im dichten Verkehr auf den heißen Kunstledersitzen des alten 504er zur Qual. Wegen des schwülen Klimas kurbelten sie alle Fenster hinunter, um durch den Fahrtwind etwas Abkühlung zu schaffen. Das zog aber auch den Gestank der unzähligen Mopeds ins Innere, die sich, bläulich qualmenden Rauch verbreitend, von allen Seiten an der Autokolonne vorbeiquetschten. Überhaupt schien hier jegliche Verkehrsregelung außer Kraft genommen und von einem anhaltenden Hupkonzert ersetzt zu sein.
Ducca schnaufte, riss sich die Krawatte herunter und öffnete sein Hemd. In Rom war es am Morgen sehr kühl gewesen, so trug er zum Sakko ein Hemd mit langen Ärmeln und darunter noch ein Rippshirt. Er war zum ersten Mal in Zentralafrika und er hasste es bereits. Er legte die Hand aus dem Fenster. Das blanke Metall außen am Fahrzeug war jedoch so heiß, dass er sich den Unterarm verbrannte.
»Cazzo!«, zischte er zornig. »Verdammte Scheiße! Ich wäre besser zu Hause geblieben.«
Der blasse, untersetzte Mitfünfziger mit sorgsam gepflegter, grauer Fönfrisur und den dunklen buschigen Augenbrauen, schwitzte auch bei geringer Anstrengung stark und hasste jegliche Hitze. Am wohlsten fühlte er sich in luftigen Armani-Anzügen hinter seinem Schreibtisch im klimatisierten Büro. Er war Mitbesitzer der römischen Banco Merini, eine kleine Privatbank, die er, gemeinsam mit einer Villa am Stadtrand Roms und einem Penthouse im Zentrum mit Blick auf die Engelsburg, von seinem Vater geerbt hatte. Schon Sergio, Duccas Vater, spezialisierte sich auf die exklusive Betreuung von nur wenigen betuchten Kunden aus der Industrie. Als die Bank dann nach der Übernahme durch Cesare kurzfristig in die roten Zahlen rutschte, griff ihm Bronsteen unter die Arme. Seitdem hatte die Bank einen neuen Mehrheitseigentümer und nur noch einen einzigen Kunden. Für viele Geschäfte, die Bronsteen neben dem Konzern laufen ließ, war die kleine römische Familienbank eine exzellente Lösung. Ducca störte zwar die Abhängigkeit, doch durch die heiklen Aufträge konnte er jetzt ohne Risiko am ganz großen Kuchen mitnaschen.
Immer wieder sah er zwischendurch auf die Uhr und trieb den Fahrer an, der den quälend langsamen Verkehr scheinbar stoisch zur Kenntnis nahm.
»Ankommen gleich«, sagte er dazu mit schwerem französischem Akzent und zuckte mit den Achseln.
»Madonna«, zerquetschte Ducca zwischen den Zähnen, »wie lange kann man für sechs Kilometer brauchen.« Obwohl er selbst in dieser Verkehrshölle keinen Meter mit seinem Maserati fahren würde.
Verglichen mit den edlen Megahotels in Dubai, Hongkong oder der Schweiz, gehört das Ledger Plaza sicher nicht zu den Besten der Welt, aber für die Verhältnisse in Bangui ist es einsamer Luxus. Marmorhallen, Swimmingpool und eine überdachte Auffahrt für die Anreisenden sucht man bei anderen Hotels hier vergebens. Es wirkt nur ein wenig deplatziert in einer – gemessen an den Weltmetropolen – unterentwickelten Stadt und in einem Land, das durch den jahrelangen Konflikt zum Großteil zerstört ist. Ein wenig erinnerte Ducca der weiße Kasten mit den hohen Glasfenstern im Erdgeschoss an Las Vegas. Ein Eindruck, den die vielen Limousinen von Bronsteens Gästen in der Auffahrt noch verstärkten. Der Zorn stieg in Ducca hoch – ausgerechnet er als Bankier musste mit einem alten zerbeulten Peugeot vor so einem Haus ankommen.
Zu seiner Beruhigung nahm niemand Notiz von ihm und das große Entrée war fast leer. Gebaut als Atrium hielten hohe Steinsäulen eine halbrunde Glaskuppel, durch die Licht in die Halle flutete. Darunter standen weiße Amphoren mit bunten Blumengestecken. Ducca ging vorsichtig über den spiegelglatten Marmorboden im grau-weißen Schachbrettmuster zur Rezeption, deren Theke aus dunklem Holz fast die ganze gegenüberliegende Wand einnahm.
Nach dem Check-in blieben noch genau zehn Minuten bis zum vereinbarten Meeting, sehr knapp für eine Dusche und frische Kleidung. Deshalb winkte er Sarah, die ihm in der Lobby entgegenkam, nur kurz zu, nahm sich aber keine Zeit für eine Begrüßung, sondern lief hinter dem Boy her zum Zimmer.
3
»Cesare Ducca, mein Bankier. Sarah, meine Entwicklungschefin, kennen sie ja«, stellte Bronsteen die beiden General Ndogar vor, als sie in den Room Kotangou kamen, so der klingende Name für den kleinen Sitzungssaal, den sie für das Meeting reserviert hatten. Wie üblich standen mehrere schwere Ledersessel mit gepolsterten Armlehnen rund um den Konferenztisch. Die dunklen Wandtäfelungen und das indirekte Licht verbreitete eine gediegene Atmosphäre, nur der Teppichboden mit dem braunen Kreismuster wirkte billig.
Der General nickte kurz, gab allerdings keinem die Hand. Er deutete auf die beiden Männer, die hinter ihm standen.
»Minister Tounambani vom Bergbauministerium, Mérou mein persönlicher Sicherheitsberater.«
Bronsteen deutete auf die Stühle und man setzte sich. Nur Ndogars Sicherheitschef machte zwei Schritte zurück und blieb neben der Tür stehen. Sarah wunderte sich über ihn, denn er wirkte überhaupt nicht wie die üblichen Securitys. Er war schlank und sportlich, hatte ein schmales Gesicht mit einer feinen Narbe vom linken Auge bis hinunter zum Hemdkragen und längeres, vorne leicht schütteres Haar. Vor allem aber: Mérou war weiß.
Ndogar lehnte sich zurück und machte eine große Geste.
»Unser Land ist voll von Rebellen, versprengten Splittergruppen und organisierten Aufständischen – eine schwer zu kontrollierende Situation. Unsere Truppe ist klein und schlecht ausgerüstet«, er sprach Englisch ohne jeden Akzent, »ein Drittel davon sind überhaupt nur Gendarmen, die wir nach Erfordernis eingliedern. Deshalb sind wir, unabhängig was Sie in humanitärer Absicht für unsere Kinder vorhaben, interessiert an Ihrem Zusatzangebot, was die Modernisierung unserer Streitkräfte betrifft.«
Bronsteen schmunzelte kurz und nickte Ndogar zu. Besser hätte ich es auch nicht formulieren können, dachte er dabei.
Ndogar hob sich von den anderen Militärs des Landes ab. Er wirkte gebildet und redegewandt und trug auf seiner Uniform keine bunten Orden, sondern nur die goldenen Rangabzeichen. Der junge schwarze Zweimetermann mit Glatzkopf gehörte zweifellos zur Elite des Landes und war von einem mächtigen Clan gefördert worden. Sie schickten ihn nach Paris, um ein Studium der Rechte zu absolvieren, bevor er in die Armee eintrat, wo er gleich als höherer Offizier begann. Der erkaufte Rang war nicht billig, machte sich für den Clan aber schon nach kurzer Zeit bezahlt, denn Ndogar schützte seine Leute während des Bürgerkriegs mit einer beachtlichen Privatarmee.
Er selbst wurde bei den Kämpfen schwer verletzt und nach der Vertreibung des Rebellenregimes direkt als General der Bodentruppen eingesetzt. Nun saß er an der Quelle der Macht und laut Bronsteens Informationen war er – durch Geschäfte in der Grauzone zwischen staatlicher Erfordernis und einem ausgeprägten Verlangen nach hohen Schmiergeldern – in den letzten Jahren zu einem wohlhabenden Mann aufgestiegen.
»Es wäre daher freundlich«, unterbrach Ndogar Bronsteens Gedanken, »wenn Sie Ihre Offerte etwas präzisieren würden.«
»Vor allem die Finanzierungsmöglichkeiten, die sie mir angedeutet haben«, warf Tounambani ein, was ihm einen abschätzigen Blick von Ndogar eintrug. Der Politiker wich dem Blick aus und begann in seiner Aktentasche zu kramen – er stand also eindeutig eine Stufe unter dem Militär.
»Nun, General, es wäre eine spannende Aufgabe für mein Unternehmen, Ihnen bei der Neuausstattung Ihrer Armee in waffentechnischer Hinsicht unter die Arme zu greifen«, sagte Bronsteen. »Die Details sind für Sie vorbereitet.«
Er deutete auf Sarah, die für jeden der Anwesenden eine Mappe mit Aufstellungen und Fotografien ausgedruckt hatte und nun in der Runde verteilte. Dabei handelte es sich um Rüstungsgerät für Bodentruppen aus ehemaligen Beständen der Warschauer-Pakt-Staaten, das im südlichen Ural lagerte. Im Wesentlichen standen dort zweihundert Jagdpanzer, ein Dutzend Kampfhubschrauber mit Raketenbestückung, bewegliche Artillerie und an die hunderttausend Landminen. Einen Großteil der Gerätschaften hatte Bronsteens Vater seinerzeit an Moskau geliefert. Nun war über den Mittelsmann eines russischen Oligarchen der Rückkauf angeboten worden.
»… gesamt wäre der Preis vierhundert Millionen Dollar, dafür bekämen Sie normalerweise nicht einmal die Helikopter«, beendete Bronsteen seine Erklärungen zu der Aufstellung. »Außerdem bestünde im Normalfall auch das Problem einer Lieferung in ein Krisengebiet.«
»Für Sie kein Problem?«, wollte Tounambani wissen.
»Nein, wir haben da als Bank sehr gute Beziehungen in die Länder Südamerikas«, warf Ducca ein, »dort ist man wesentlich ungezwungener in der Abwicklung derartiger Aufträge, unsere Partner sind da sehr diskret.«
»Und das Finanzierungsmodell?«
»Ist ganz einfach ein Barter-Deal, ein einfacher Tauschhandel, also ganz afrikanisch.« Der gezwungene Scherz kam nicht an. Ndogar zog nur verständnislos eine Augenbraue hoch. Ducca beeilte sich sachlich fortzufahren. »Die Banco Merini gewährt Ihnen am Papier ein Darlehen über die vierhundert Millionen für den Waffenkauf und wir erhalten dafür einen gleichwertigen Anteil an den Uran-Schürfrechten. Unsere Gewinne aus dem Weiterverkauf dieser Rechte, abzüglich der üblichen Unkosten, sind dann die Rückzahlung des Kredites. Somit genügt für die Finanzierung Ihre Unterschrift.«
»Und wie wäre der Rücklauf?«, erkundigte sich Ndogar ungeduldig, da ihm die Details der Finanzierung nicht interessierten, das war die Angelegenheit von Politikern.
»Fünf Prozent auf ein neutrales Nummernkonto in der Schweiz oder wo Sie sonst möchten. Die Provision ist zahlbar nach erfolgtem Beginn des Uranabbaus.«
»Nach Beginn des Abbaus?«, wurde Ndogar hellhörig. »Wäre da nicht im Voraus eine gewisse Summe …«
»Das machen wir nicht einmal beim Präsidenten der Vereinigten Staaten«, unterbrach ihn Bronsteen sofort mit einem feinen Lächeln. »Wenn das ein Problem ist, dann sollten wir die Waffenlieferung auf Eis legen und uns nur auf das Projekt mit den Kindern konzentrieren.«
Ndogar fixierte Bronsteen mit einem harten Blick, der diesen jedoch mit seinem verbindlichen Lächeln auf den Lippen standhielt. Die Stimmung war eisig geworden. Ducca stand aber dennoch der Schweiß auf der Stirn.
Das einzige Geräusch in der momentanen Stille war ein verlegenes Räuspern von Tounambani, der auf einen positiven Ausgang hoffte, immerhin würde er die Hälfte des Schmiergeldes kassieren. Die Verträge für das Uran waren mit Ducca schon vorweg besprochen und von Tounambani ausgestellt worden.
Ndogar schob mit einer forschen Bewegung den Stuhl zurück und stand auf.
»Fünf Prozent in der Schweiz sind ausgezeichnet«, sagte er und streckte Bronsteen die Hand hin.
»Ich weiß, General«, antwortete dieser.
Nach der Besprechung verließ Ndogar, begleitet von seinem Sicherheitsberater Mérou, der ihm wie ein Schatten folgte, das Hotel, Tounambani ging alleine Richtung Hotelbar und Sarah ging auf ihr Zimmer. Sie war froh aus den Klamotten und unter kaltes Wasser zu kommen. Bronsteen gab Ducca einen Wink, er möchte noch bleiben.
»Ausgezeichnet Cesare«, meinte er, als sie alleine waren, »und Tounambani hat die Verträge für uns ausgestellt?«
»Ja, die Vorgespräche mit ihm liefen problemlos und er hat mir die Entwürfe nach Rom gemailt«, antwortete Ducca und goss sich ein Glas Eiswasser ein. »Es war nur noch offen, ob wir hier ohne viel Aufsehen agieren können, was jetzt mit dem UNICEF-Projekt kein Problem ist, und ob Ndogar der Sache zustimmt.«
»Was auch kein Problem war«, grinste Bronsteen und legte die Füße gemütlich auf den Nebenstuhl. »Immerhin winken sehr viele Millionen, wenn das Geschäft einmal läuft. Da war die langfristige Gier dann doch größer …«
Ducca stand auf, ging um den Tisch und nahm eine der Mappen mit den Details.
»Che bello«, sagte er, »die eigenen Lieferungen von den Russen billig zurückzukaufen und den Afrikanern nochmals zu verhökern.«
»Na billig sind sie nicht. Raskonow will zweihundertfünfzig dafür, der ist wahnsinnig. Der muss erst jemanden finden, der ihm den Schrott abkauft. Die Panzer sind dreißig Jahre alt, den Deal hat noch mein Vater abgeschlossen. In den Achtzigerjahren! Deshalb fährst du Ende nächster Woche zu der Besichtigung und den Verhandlungen nach Meschgorje. Mehr wie hundertachtzig zahlen wir nicht dafür.«
»Für den Termin hab ich Julio …«, versuchte Ducca das noch abzuwenden.
»Du fährst nach Russland, Cesare, nicht dein Consigliere, haben wir uns da verstanden?« Bronsteen nahm die Füße vom Stuhl und stand auf. »Du musst den Preis um siebzig Millionen drücken, das sind auch deine siebzig Millionen und das ist nicht der Job eines Anwalts.«
»Okay, okay!« Ducca hob beschwichtigend die Hand. »Ich fahre ja.«
Alles Idioten, dachte Bronsteen, wie kann man überhaupt auf so eine Idee kommen. Nur weil er lieber zu Hause Maserati fährt, als bei den Russen nach dem Rechten zu sehen, will er einen Angestellten schicken.
»Ich bin im Fitness-Center«, brummte er verärgert und ging grußlos hinaus.
»Dio, mio!« fauchte Ducca, nachdem die Tür wieder zugefallen war. »Erst Afrika, dann Russland, langsam fühle ich mich zu alt für so einen Scheiß.«
Er leerte den Rest des Eiswassers hinunter. Dann griff er zum Telefon und bestellte ein Chateaubriand, medium rare, mit gebratenen grünen Bohnen, Kräuterbutter und Kresse, von der Steakkarte aufs Zimmer. Dazu eine Flasche Rotwein – südafrikanischen Pinotage, den die Küche dazu empfahl. Er würde duschen und den positiven Abschluss des Vertrages mit einem ausgiebigen Essen feiern. Hunger hatte er ausreichend, denn er war seit dem Frühstück unterwegs und der Snack im Flugzeug war mager gewesen.
Langsam leerte sich nun auch die Terrasse des Hauses, als Bronsteen zu seiner Suite ging um sich frisch zu machen. Verschiedene Gruppen saßen noch plaudernd im Schatten der großen Sonnenschirme, hauptsächlich die Frauen der Politiker. Sie nutzen das Treffen für einen ausgiebigen Smalltalk über Mode und die neuesten Faceliftings der afrikanischen Society.
Die Journalisten und Redakteure der Zeitungen hatten sich ins improvisierte Pressefoyer zurückgezogen, schrieben ihre Artikel oder luden die Fotos des Events auf die Websites ihrer Agenturen. Nur einer saß schwer angetrunken im Vorraum und grinste blöd in sein Handy, auf dem er offensichtlich versuchte eine SMS zu tippen.
Vor dem Hotel war ein Tumult zu hören. Bronsteen verhielt den Schritt vor einer Fensterwand. Draußen, zwischen der Umzäunungsmauer und dem Eingang, drängte sich eine Gruppe von Aktivisten. Sie hatten Sprüche wie: Keine Kinder für Waffenschieber, Wir haben genug vom Krieg oder Ami go home auf Papptafeln gemalt und auf lange Holzlatten genagelt. Die hielten sie schimpfend hoch und drohten mit den Fäusten in Richtung Hotel. Die kleine Menge bestand fast nur aus Frauen mit Kindern, darunter auch Weiße.
Manche Leute sind eben gegen alles, sogar wenn man als Wohltäter ins Land kommt, die demonstrieren immer, dachte Bronsteen. Insgeheim verfluchte er das Internet. Früher sprachen sich Besuche erst herum, wenn die Zeitungen am nächsten Tag darüber berichteten. Jetzt, mit der globalen Vernetzung, standen diese penetranten Aufrührer, die versuchten jeglichen Fortschritt zu blockieren, bereits am Flugfeld, wenn man ankam. Wahrscheinlich waren es auch diesmal seine Intimfeinde, die er unter dem Begriff Grüne zusammenfasste.
Zwei graue Armee-Hummer bogen in die Einfahrt und hielten in einer Staubfahne rechts und links von den Demonstranten. Mehrere Soldaten sprangen heraus und begannen mit Schlagstöcken wahllos auf die Gruppe einzudreschen. Die Frauen ließen die Tafeln fallen und flüchteten zum Tor zur Straße.
Eine der weißen Frauen stolperte über eine schmiedeeiserne Einfassung, die eine Grünfläche vom Beton trennte, und fiel der Länge nach aufs Gesicht. Mühsam rappelte sie sich auf. Der Soldat, der neben ihr stehengeblieben war, schlug ihr weit ausholend mit dem Knüppel auf den Hinterkopf. Sie rannte taumelnd weiter, während Blut aus ihrem hellen Haar zu rinnen begann.
Es dauerte keine fünf Minuten und die Auffahrt des Hotels war geräumt. Der Auflauf war vorbei. Ein Hotelboy kam dienstbeflissen, sammelte die Papptafeln ein und säuberte die Grünflächen.
»Das sollten unsere Unruhestifter einmal sehen«, murmelte Bronsteen und ging weiter durch den Flur zur Suite, »dann wüssten sie, wie human wir sie in den Staaten behandeln.«
Es war gegen Abend, als Tounambani vor dem vereinbarten privaten Treffen mit Bronsteen in die Bar Ambassadeur des Hotels kam. Obwohl das Licht angenehm gedämpft brannte, war sie nicht besonders gemütlich. Die großen dunklen Holzsäulen, die einen indirekt beleuchteten Himmel trugen, strahlten einen protzigen Charme aus. Und auch die durchgehenden Sitzbänke an den Wänden rundum wirkten nicht sehr einladend.
Tounambani sah sich um, dann winkte er dem Kellner und bestellte einen Whisky sauer, den er direkt ins angrenzende Billardzimmer bringen ließ, das er für das Treffen reserviert hatte. Er legte darauf Wert, bei einer Verabredung von Dingen abseits der regulären Angelegenheiten, ohne unliebsame Zuhörer zu sein. Die Vorsicht war ihm angeboren. Tounambanis Eltern stammten ursprünglich aus Zaire, dort war auch er noch geboren worden. Sein Vater, ein einfacher Lehrer, flüchtete bei Beginn der verheerenden Bürgerkriege und über mehrere Umwege landete die Familie schließlich in Bangui. Niemand hätte vermutet, dass aus dem kleinen Einwanderer einmal ein bekannter Politiker des Landes werden würde.
Alles, wovon er geträumt hatte – eine Position mit Einfluss und den Zugang zur privilegierten Schicht – erfüllte sich mit seiner Ernennung zum Minister. Dem kleinen, unscheinbaren und nicht sehr klugen Kind gelang es als Erwachsener, nachdem er eine politische Laufbahn als passend für sich entdeckt hatte, diese Eigenschaften zu seiner Stärke zu wandeln. Er begriff, dass man rascher auf eine entscheidende Position kam, wenn andere dachten, man wäre leicht zu beeinflussen. Mit einer ungeheuren Bauernschläue und großem Opportunismus manövrierte er sich geschickt nach oben. Binnen weniger Jahre baute er mit einigen treu Ergebenen eine brauchbare Seilschaft auf, die man zu fürchten begann. Wer sich nicht im akzeptierten Kreis bewegte, wurde gnadenlos verfolgt – entweder denunziert oder gleich eliminiert.
Bei der Vertreibung der Rebellen stärkte Tounambani gerade noch rechtzeitig die Seite Ndogars, der sich dafür revanchierte und ihn als Leiter des Ministeriums für Bergbau und Energiegewinnung vorschlug. Von den anderen wagte es niemand, dem Rat des neuen starken Mannes der Armee zu widersprechen. Ndogar erkaufte sich mit dem Schachzug ein komplettes politisches Netzwerk zur eigenen Absicherung.
Das Ministerium war klug ausgewählt, denn Tounambani erhielt damit die Kontrolle über alle wesentlichen Rohstoffe und Bodenschätze. Mit Hilfe von Ndogars Milizen waren die beiden ein gefährliches Gespann und machten inzwischen ein kleines Vermögen mit Diamantenschieberei und undurchsichtigen Landvergaben an windige ausländische Investoren. Der Deal mit Bronsteen und die Neuordnung der Schürfrechte an den Uranvorkommen, bislang exklusiv in den Händen eines staatlichen französischen Konzerns, war die vorläufige Krönung ihrer Aktivitäten, da ein finanzieller Rücklauf in zweistelligen Millionenbeträgen zu erwarten war. Die möglichen Gewinne aus korrupten Unternehmungen erreichten ein bis dahin ungeahntes Ausmaß.
»Guten Abend, Herr Minister«, sagte Bronsteen.
Tounambani, der mit seinem Whiskyglas in der Hand auf einem der Marmortische an der Seitenwand lehnte, war so in Gedanken gewesen, dass er kurz zusammenzuckte.
»Guten Abend.«
Bronsteen nickte kurz und schob dann einen Stuhl aus hellgrauem Samt zur Seite, der ihm den Weg zur Glasvitrine mit den Billard Queues verstellte. Bronsteen war ein Liebhaber des Spiels und hatte auch einen eigenen Tisch in seiner Residenz in Baltimore. In technischer Hinsicht konnte er es locker mit Profis aufnehmen und liebte das Spiel über die Bande, eine besonders schwierige Variante des Billards. Er öffnete den Schrank, fuhr prüfend über die Schäfte und wählte dann einen Karambol Queue aus marmoriertem Ahorn mit heller Spitze und Einlagen aus Ebenholz, den er prüfend in der Hand wog.
»So muss sich fremdgehen anfühlen, denke ich«, schmunzelte er, der selbst eine Sammlung erlesener handgefertigter Queues besaß, wovon manche mehrere tausend Dollar gekostet hatten, »aber ich bin zum Glück weder verheiratet noch anderweitig liiert.«
»Ah, ich dachte Madame Sarah …«
»Sie ist meine Entwicklungschefin und ich pflege keine intimen Verhältnisse mit Angestellten«, beendete Bronsteen die Fragen nach seinem Privatleben knapp.
Er bestellte einen doppelten Espresso. Bei dienstlichen Anlässen und Gesprächen behielt er gerne einen klaren Kopf und trank nie Alkohol. Überdies lockte ihn das Spiel als Entspannung nach dem vollen Tag. Er war nach elf Stunden Flug im Privatjet erst mittags aus Baltimore gekommen und genoss die ruhige konzentrierte Atmosphäre des abgegrenzten Lichts über dem grünen Tisch.
»Spielen Sie eine Partie mit?«, fragte er in Richtung Tounambani, während er die Kugeln auf den Anstoß legte.
»Ich sehe Ihnen lieber zu«, beeilte sich dieser zu sagen, denn er hatte noch nie im Leben so einen Holzstock in der Hand gehabt und fand es auch sinnlos damit eine Kugel anzustoßen, um zwei andere zu treffen. Er hatte auch nicht angenommen, dass Bronsteen das Spiel beherrsche, sondern den Ort nur gewählt, weil er als einziger Gesellschaftsraum die Möglichkeit bot, die Tür zu schließen und unbeobachtet zu sein.
Bronsteen stieß an und trieb mit den ersten Spielzügen die Kugeln an der Bande entlang.
»Es kommt darauf an, nicht über die Bewegung nachzudenken, sie geschieht von selbst, wenn man bereit ist.« Er fixiert Tounambani über den Queue gebeugt und führte den Stoß aus ohne hinzusehen. Sanft über eine Seitenbande gespielt lief die Kugel über den Tisch und touchierte dann mit einem leisen Ton die beiden anderen. »Der Punkt der Berührung steht fest bevor der Lauf beginnt. Haben Sie sich je mit Zen beschäftigt?«
Tounambani schüttelte den Kopf, ohne wirklich zu wissen was Bronsteen meinte. Eigentlich war er hier um die Details wegen des Kinderprojekts zu besprechen. Er sah auf die Uhr.
Bronsteen war scheinbar vollkommen in das Spiel versunken, in Wahrheit jedoch ließ er Tounambani nur ein wenig zappeln. Er spielte ohne Eile noch eine Runde um den Tisch, dann stellte er den Queue ab und ging zu Tounambani hinüber.
»Aber warum wir hier sind«, sagte er knapp. »Sie erhalten wie angekündigt die fünf Millionen Dollar als offiziellen Betrag für das Projekt und wickeln es als Vertrauensmann in unserem Sinne ab.«
Tounambani nickte heftig. Er war dankbar, dass es nun zur Sache ging.
»Fünfhunderttausend sind für das Freikaufen der ersten fünfzig Kindersoldaten«, fuhr Bronsteen fort, »Zehntausend pro Kind, das muss reichen, mehr zahlen wir den Rebellen nicht, und fünfhunderttausend sind für Ihre persönlichen Aufwendungen. Für die restlichen vier Millionen, bekomme ich die vereinbarte Ware.«
»Verstanden, alles wie ich es schon mit Senator Prow abgemacht habe. Schade, dass er heute nicht hier sein kann.«
»Vom Senator musste ich mich leider trennen, der arbeitet nicht mehr für mich«, sagte Bronsteen knapp und senkte die Stimme. »Nach außen hin darf von unserer Vereinbarung nichts durchdringen, sonst zerreißt uns die Presse.«
»Das wird es nicht, keinesfalls. Es bleibt unter uns!«, versicherte Tounambani schnell, um nachdrücklich fortzufahren. »Auch Sie, bitte, kein Wort zu General Ndogar, er bekommt seine Ausrüstung für die Armee, das ist sein Hauptinteresse. Alles andere ist allein unsere Sache!«
Bronsteen nickte. Wusste ich’s doch, dachte er dabei, es ist zu verlockend und du teilst dein Schmiergeld nicht.
»Leben Sie wohl, Herr Minister, einen angenehmen Abend noch«, sagte er und wendete sich dem Billardtisch zu.
Nachdem Tounambani die Tür hinter sich geschlossen hatte und rührte Bronsteen Zucker in seinen kalten Kaffee.
»Die Krähen hacken sich doch gegenseitig die Augen aus«, murmelte er amüsiert. »Aber sie fürchten sich davor, dabei überrascht zu werden.«
Er nahm den Queue wieder auf.
4
Der Gang mit den glatten Betonwänden sah unwirklich aus. Starke Neoröhren an der Decke warfen ihr blaugrünliches Licht durch milchige Kunststoffscheiben auf die grauen Wände, die glänzten, als wären sie mit Ölfarbe gestrichen. Der Boden dürfte erst aufgewaschen worden sein, denn an den Rändern standen noch feuchte Pfützen und es roch penetrant nach Desinfektionsmittel. Vorne an den Abzweigungen des Flurs, wo es rechts und links zu den wenigen Zellen ging, verendete gerade eine der Leuchtstoffbalken und flackerte unregelmäßig.
Der Bereich der vorübergehenden Verwahrung von Personen für die Dauer der Befragung war mit einer Gitterwand abgetrennt, auf deren Schiebetür ein Schild mit der Aufschrift detention fascilities prangte. Sobald das FBI mit der Untersuchung fertig war, wurde man freigelassen, wenn sich der Verdacht als unbegründet herausstellte. Konnte man seine Unschuld nicht beweisen, kam man bis zur Verhandlung in ein reguläres Gefängnis.
Senator Prow schlurfte müde hinter zwei FBI-Männern den Gang hinunter. Wieder war er die halbe Nacht verhört worden. Die drei Beamten, die abwechselnd die Verhöre leiteten, und die beiden Psychologen, die seine Antworten auf die Fragen in mehreren Listen protokollierten, wechselten einander ab. Sie arbeiteten mit Schlafentzug, Prow kannte das aus seiner Zeit als Soldat im Krieg. Dort hatten sie die gleiche Methode angewandt, nur das lag lange zurück und damals stand er auf der Seite der Gewinner. Sogar den Silver Star, die Auszeichnung für besondere Tapferkeit hatte man ihm verliehen, aber das interessierte nun niemanden mehr.
Als die Stahltür der Zelle hinter ihm geschlossen wurde, war er froh endlich alleine zu sein. Er setzte sich auf die Pritsche und strich sein schütteres graues Haar nach hinten. Es war unbequem hier, denn bei den Verhören im FBI bekam man keine extra Kleidung und der Straßenanzug war untauglich zum Schlafen. Auch die Hose rutschte fortwährend, denn die Schnürsenkel und den Gürtel nahmen sie dir ab, wegen möglicher Suizidgefahr. Lächerlich, sah er etwa aus wie ein Selbstmörder?
Eigentlich wollte Prow sich waschen und sein Hemd wechseln, aber dafür war er im Moment zu geschafft. Er ließ sich nach hinten sinken, starrte zur Decke und fluchte leise. Ein paar Blocks weiter, im Regierungsviertel am Regents Park, direkt hinter dem Capitol, lag sein wunderbares Büro mit dem dunklen Palisandertisch, von dem aus man die Schaltstellen Amerikas überblickte. Sehr nahe hatte er sich den Mächtigen dieser Welt gefühlt, wenn er mit einem Glas edlen Brandys dort gesessen war und Pläne schmiedete. Der kleine Provinzpolitiker aus Nashville schaffte es mit Bronsteens Geld bis auf einen Senatorensessel, wurde Mitglied des mächtigen Kontrollorgans für Verteidigung – des US Senat Committee for Armed Services – und Lobbyist für Bronsteens Rüstungskonzern.
Was war in diesen letzten Wochen nur mit ihm geschehen? Er fühlte sich stets unantastbar, so lange bis diese verdammte Journalistin in seinen Computer einbrach und die Files seiner Deals stahl. Die sollte man wegen Datendiebstahls und Verletzung der Intimsphäre eines US-Senators einlochen, nicht ihn, für den immer das Wohl Amerikas an oberster Stelle stand. Insgeheim verfluchte er sich, dass er die Unterlagen überhaupt aufgehoben hatte, aber er war eben Südstaatler bis in die Knochen und die gaben nichts her, was sie einmal besaßen. In Tennessee verkaufte man kein Haus, verborgte kein Auto und vernichtete keine Dokumente.
Die Unterlagen hatte er nur deshalb behalten, um für alle Fälle etwas gegen Bronsteen in der Hand zu haben. Doch nun drehte sich der große Boss nach dem Wind und kam fein aus der Sache heraus. Alles blieb am Senator hängen.
Senator, das war er doch in Wahrheit nicht mehr – bestenfalls Ex-Senator. Wie eine heiße Kartoffel ließ man ihn fallen, den Politiker, dessen unsaubere Geschäfte aufgefallen waren.
»Ja, verdammt«, murmelte er zornig, »es waren auch einige dreckige Dinge dabei, aber wen kümmerts, das macht jeder in so einer Position.«
Alles wäre anders, wenn Lisbeth noch an seiner Seite wäre und sie Bobby, seinen Sohn, noch hätten. Ungeachtet seiner unzähligen Affären war Lisbeth seine einzige Liebe gewesen – von dem Augenblick an, wo er sie in Tennessee kennenlernte. Sie war es, die seinen Aufstieg bis nach Washington begleitet hatte, sie schrieb seine Ansprachen, suchte die Anzüge aus und lud die richtigen Leute zum Abendessen ein. Und dann kam Bobby zur Welt, sie waren eine richtige Familie. Doch das Glück hielt nicht lange, denn als er anfing für Bronsteen zu arbeiten, trennte sich Lisbeth von ihm. Es war die Angst sie könnte in etwas hineingezogen werden oder ihr Sohn könnte durch Bronsteen Schaden nehmen, was dann einige Jahre später auch geschah. Nie würde Prow diesen Tag vergessen, als sie die Nachricht erhielten, dass Bobby gefallen war. Er war eingezogen worden, kämpfte in Afghanistan. Seine Truppe kam in ein Dorf, das die Terroristen vermint hatten; Bobby saß im ersten Jeep der hineinfuhr. Die Minen hatte Bronsteen den Talibans verkauft und Prow selbst war der Vermittler des Deals gewesen. Bobby war sofort tot, sie bekamen ihn nicht einmal zurück.
Es war Krieg, sagte sich Prow tausende Male. Es war weder seine Schuld noch seine Absicht gewesen, schließlich hatte er die Mine nicht hingelegt. Trotzdem verstand er Lisbeth, die seit diesem Tag nicht mehr mit ihm sprach.
Gequält warf er sich herum, warum fiel ihm all das ein? Waren die Verhöre noch nicht genug Belastung?
»Aufwachen!«
Er riss erschreckt die Augen auf und sah in ein Gesicht, das ihn anstarrte. Es war einer der FBI-Männer. Mühsam rappelte sich Prow auf, er musste über seinen Gedanken eingeschlafen sein und hatte keine Ahnung wieviel Zeit vergangen war.
»Es ist halb vier, Besuch ist da.«
»Halb vier, morgens …?«
»Nachmittag. Kommen Sie.«
»Wer ist denn da?«
Wortlos stemmte sich Prow von der Pritsche hoch. Er ging zum Waschbecken und ließ sich rasch Wasser über die Hände laufen und wusch sich das Gesicht. Dann nahm er sein zerknülltes Sakko und folgte dem Mann, der schon vor der Zellentür wartete.
Sie gingen hinauf in die Verhörräume. Im Gehen schlüpfte Prow in sein Sakko und strich es notdürftig glatt. Wahrscheinlich wartete wieder einer von Bronsteens Anwälten, um ihm noch weitere Schweinereien unterzujubeln, für die er den Kopf hinhalten sollte. Aber damit war Schluss, schwor er sich, keine Geständnisse mehr.
Die Zimmer für die Verhöre sahen alle gleich aus – hellgraue, schmucklose Wände, der übliche Spiegel, hinter dem jeder, der wollte, zuhören konnte und der festgeschraubte Tisch in der Mitte, über dem das Mikrophon für die Aufzeichnung von der Decke hing. Prow wurde auf den Stuhl gegenüber der Spiegelwand bugsiert, der ebenfalls verschraubt war, und erhielt Handschellen – eine Vorsichtsmaßnahme wenn Besucher zu Häftlingen kamen. Nur bei der Vernehmung mit den FBI-Spezialisten und bei Gesprächen mit dem eigenen Anwalt durfte man ohne Fesseln sitzen.
Lena war froh darüber, denn als sie den Raum betrat, starrte Prow sie ungläubig an und wäre ihr, nachdem sich sein Schock gelegt hatte, beinahe an die Gurgel gesprungen. Nur die Handschellen, die mit einer Stahlkette im Boden verankert waren, hielten ihn von dem Angriff ab.
»Du … du dreckige, du …«, zischte er dabei hasserfüllt. Seine Lippen wurden weiß, so kniff er den Mund zusammen. Mit den Händen ballte er Fäuste, die er impulsiv gegen sie hob, soweit die Kette dies zuließ.
Lena fuhr zuerst erschrocken zurück, dann richtete sie sich auf und ging zum Tisch.
Du machst mir keine Angst mehr, dachte sie, und beugte sich so nahe zu ihm vor, dass nur ein halber Meter zwischen ihr und seinem wütenden Gesicht waren. Sie würde sich nicht von ihm mitreißen lassen, sondern sachlich und höflich bleiben. Sie stellte ihre Aktentasche ab und setzte sich.
»Sie gestatten, dass ich mich setzte, Senator, wir haben einiges zu besprechen«, sagte sie, nachdem sie ihn ruhig gemustert hatte, ohne jegliche Aufregung in der Stimme und mit ausgesucht höflichem Tonfall.
Prow lehnte sich zurück auf seinen Stuhl. Langsam gewann er die Fassung wieder und sein Nacken entspannte sich.
»Wird nicht zu vermeiden sein, wie ich Sie kenne«, meinte er giftig. »Man müsste euch Journalisten alle aufhängen.«
»Seltsam, irgendwann einmal sagten Sie mir, Sie hätten ein großes Herz für uns. Das wäre auch besser, denn sonst werden Sie sich schwerlich Freunde bei der Presse machen, die Sie aber beim Prozess vielleicht bräuchten«, konterte Lena unverfroren.
»Der Prozess wird eine Farce«, bellte Prow, »das wissen Sie genauso gut wie ich. Alles, was ich gemacht habe, war nur im Auftrag und in Abstimmung mit Bronsteen, der sich herauswindet und an mir abputzt. Er würde hierher in diese Scheiße gehören, nicht ich!«
»Das ist wiederum eine Sache, wo ich Ihnen in dem Teil recht gebe, dass er auch hierher gehören würde«, sagte Lena und überlegte, »aber Sie wissen genug über diesen feinen Herrn, damit er die Scheiße zumindest mit Ihnen teilen müsste. Also bringen Sie es doch einfach ans Tageslicht.«
»Ich weiß gar nichts. Und wenn, würde ich es Ihnen nicht auf die Nase binden.«
»Ah, einer schwärzt den anderen nicht an. Der große Ehrenkodex der Gauner …«
»Sind Sie verrückt, wie reden Sie denn mit mir?« Prow fuhr hitzig auf und schrie sie hemmungslos an. »Was wollen Sie denn gegen einen Bronsteen ausrichten? Glauben Sie vielleicht, den kann man austricksen? Der schnippt einmal mit den Fingern und wir sind Geschichte. Der hat doch alle auf seiner Lohnliste, bis hinauf ins Weiße Haus!«
»Würden Sie das auch vor Gericht aussagen?«, fuhr Lena in Prows Ausbruch hinein.
»Ach hören Sie auf, Sie mit Ihrem Fanatismus alles aufdecken zu wollen.« Prow sank matt zurück. »Ich spiele da nicht mit, ich würde nämlich gerne überleben. Ich war so naiv in seinem Auftrag ein Geschäft abzuschließen. Dafür werde ich wahrscheinlich die nächsten vier Jahre im Gefängnis verbringen, aber danach habe ich meine Ruhe. Übrigens war das alles nicht gegen Amerika gerichtet, kein Mensch wäre hier zu Schaden gekommen.«
»Zählen Menschen woanders denn weniger für Sie?«
Prow versuchte einzulenken, sein unbeherrschter Ausbruch war ein Fehler gewesen. Er durfte sich von ihr nicht zu unbedachten Äußerungen hinreißen lassen.
»Meinen Sie etwa, die Arbeit im Dienste der Sicherheit eines Landes ist einfach?«, versuchte er daher einen staatsmännischen Ton anzuschlagen. »Für einen Senator der Vereinigten Staaten steht nur das Wohl des Vaterlandes im Vordergrund, das ist er den Bürgern schuldig. Sie haben ja keine Ahnung, was das für ein heikles Geschäft ist – man soll für Schutz und Frieden garantieren, aber die Gesetze erlauben nur einen engen Spielraum. Also muss man die Gefahr dort vernichten, wo sie entsteht, bevor das eigene Land betroffen ist. Da ist man ganz schnell im illegalen Bereich, wenn man einmal weiter ausholt!«
»Etwa so weit wie beim World Trade Center?« Lena hatte langsam gesprochen und jedes Wort betont.
Prow zuckte zurück. Was will sie denn damit, dachte er. Ohne Zweifel blufft sie und will mich aufs Glatteis führen, wie damals bei dem verfluchten Interview. Das wird ihr diesmal nicht gelingen.
»Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was Sie mit dieser Bemerkung meinen«, sagte er deshalb vorsichtig.
»Dann kann ich Ihre Vorstellung gerne auffrischen!« Lena sagte es so unverbindlich, als würde es um eine kleine Gefälligkeit gehen. Sie öffnete ihre Aktentasche und zog die Kopie des Kontoauszugs mit der Überweisung heraus. »Sie haben Geld an einen der Attentäter überwiesen. Ihr Konto, ihre Handschrift, sehen Sie?«
Das hatte er auch noch in seinem Computer gehabt? Prow erschrak zutiefst, denn er wusste genau, was das war und seit Jahren fürchtete er den Moment, wo jemand diese Sache ausgraben würde. Er musste sich mit Gewalt zwingen, nicht vor Zorn aufzuschreien.
»Was … was wollen Sie damit?«, stotterte er. »Das waren Zahlungen für die Bauern in Kolumbien, wirklich ein rein soziales Projekt.«
»Eigenartig, ich wusste gar nicht, dass man über Kolumbien nach Hamburg kommt, denn dorthin sind die Zahlungen offensichtlich weitergelaufen.«
»Die Überweisung sagt gar nichts«, wand sich Prow hilflos und Schweiß begann über seine Stirn zu laufen. »Die ging an eine Bank in Bogotá, die die Gelder verwaltet hat. Das ist viele Jahre her. Wer weiß schon, was die damit bezahlt haben.«
»Sie wissen es«, entfuhr es Lena hart. Jeden Sicherheitsabstand außer Acht lassen, sprang sie auf, beugte sich über den Tisch und funkelte ihn direkt an. »Sie selbst haben den Vermerk auf den Beleg geschrieben: Überweisung für Eißendorf! Das ist der Vorort von Hamburg, wo einer der Attentäter des Anschlags wohnte! Und Sie wissen auch, Herr Ex-Senator, dass so etwas nicht verjährt. Wenn das an Ihnen hängen bleibt, werden Sie nicht mit gemütlichen vier Jahren durchkommen. Dafür geht es auf den Elektrischen Stuhl!«
Prow spürte, dass er in einer Sackgasse gefangen war. Seine Hände begannen zu zittern und es war schwer sich zurückzuhalten, nicht verzweifelt loszuheulen. Irgendwie musste er diese Halberg umstimmen, auf seine Seite ziehen.
»Ich habe davon nichts gewusst«, sagte er tonlos und seine Stimme war fast nicht zu hören. »Ich habe nur die Überweisungen gemacht und erst später erfahren, wohin das Geld ging. Ich habe es nur auf die Überweisungsbelege geschrieben, um zu wissen, welche Beträge umgeleitet wurden.«
Lena hatte ihn, Prow begann zu reden. Scheiße, dachte sie, ich habe keinen Zeugen und mein Aufnahmegerät liegt draußen, das durfte ich zum Gespräch nicht mitnehmen.
»Haben Sie sich nie gefragt, wofür das Geld war?« Lena bemühte sich ruhig und objektiv zu klingen, um Prows Redefluss keinesfalls zu stören.
»Nein, ich habe mich gezwungen, nicht darüber nachdenken. Es ging aber, soviel ich mitbekam, nur um ein mögliches Datum, falls es einen Anschlag geben sollte. Es sind auch keine weiteren Informationen über mich gelaufen. Ich betone ausdrücklich: Ich hatte keine Kenntnis, um welches Vorhaben es ging und wo es stattfinden sollte!«
»Vorher vielleicht … Aber nach den Anschlägen?«
»Was sollte ich denn machen, ich hatte nichts in der Hand und weiß auch nicht, ob Bronsteen überhaupt etwas darüber erfuhr.«
»Wozu glauben Sie denn, wollte er es wissen?«
»Ich glaube gar nichts! Ich habe mit ihm nie darüber gesprochen und auch vermieden, dass jemand anderer das Thema anschneidet. Ich kann mir nur vorstellen, dass er Gerüchte aufgeschnappt hatte und sich in Sicherheit bringen wollte.«
»Das waren aber sehr konkrete Gerüchte, wenn er sogar die Bankverbindung der Attentäter kannte.«
»Ja, was könnte Bronsteen denn sonst damit zu tun haben?«
»Die Frage wäre eher, was Bronsteen nicht damit zu tun haben könnte.«
»Sie glauben, dass er …?« Prow schluckte hörbar.
»Zumindest sieht es für mich so aus.«
»Nein, nein! Das kann nicht sein … Schließlich sind wir Patrioten!« Prow brach förmlich zusammen. »Was werden Sie jetzt tun?«
»Ich werde die Staatsanwaltschaft darüber informieren, denn ich mache mich nicht mitschuldig, egal was da gelaufen ist«, sagte Lena trocken und packte ihre Tasche, »und Sie werden das, was Sie mir gerade erzählt haben, auch in der Verhandlung sagen müssen.«
Lena ging mit einem knappen Gruß hinaus, auf den Prow nicht reagierte. Er saß nur da und starrte vor sich hin.
»Ich weiß«, murmelte Prow erst als Lena weg war. Er wollte nicht auf den Elektrischen Stuhl, er würde dem Untersuchungsrichter vorschlagen, gegen Bronsteen auszupacken. Wenn er es schaffte Kronzeuge zu werden, konnte er Zeugenschutz beantragen.
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