Читать книгу: «Der Traum vom kühnen Leben»

Der junge Yves ist aus der südfranzösischen Provinz zum Studium nach Paris gekommen. Aus Angst, sich zu verlieren, nimmt er stets dieselbe Metro und dieselben Straßen, jeden Tag geht er mit seinen Büchern ins Café an der Ecke, wo er lernen, aber wo er vor allem ein bekannter Unbekannter bleiben kann. Eines Sonntags trifft er dort auf Evelyne, eine Klavierlehrerin Anfang dreißig, die mit ihrem Sohn, dem dreizehnjährigen Jérôme, seinen Tisch besetzt. Fortan drehen sich seine Gedanken um diese unnahbare, widerspruchsvolle Frau, eine Liebesgeschichte beginnt. Als Evelyne wegen einer Anstellung in die Banlieue zieht, wohnen sie bald zu dritt in dieser möblierten Wohnung mit dem Klavierzimmer und den tausend Schallplatten – bis Evelyne eines Tages verschwindet und die beiden ihrem Schicksal überlässt.
Elena Costas Roman, in dem die französische Presse eine Nähe zu Patrick Modiano erkennt, zeichnet die Erinnerungen von Yves und Jérôme mit einem Abstand von dreißig Jahren nach. Zwischen den zwei Stimmen wechselnd nähert er sich in einer stillen, präzisen Sprache den Themen der Einsamkeit, des Verlassen- und des Erwachsenwerdens sowie der tröstenden Kraft von Musik, während indirekt das Porträt einer Frau entsteht, die kompromisslos nach Freiheit sucht.
Elena Costa
Der Traum vom kühnen Leben
Roman
Aus dem Französischen von Lis Künzli

Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des Institut Français.
Die Übersetzung wurde von Pro Helvetia gefördert.

Die Übersetzerin und der Verlag bedanken sich dafür.
Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.
Die Originalausgabe ist 2020 unter dem Titel La vie audacieuse bei den Editions Gallimard erschienen.
© 2020 Editions Gallimard, Paris
© 2021 Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich (für die deutschsprachige Ausgabe)
www.rotpunktverlag.ch
www.editionblau.ch
Lektorat: Daniela Koch
Umschlag: Grand Bassin vor dem Palais du Luxembourg, Paris.
Foto: Chris Lawrence/Alamy
eISBN: 978-3-85869-931-2
1. Auflage 2021
Für meine Eltern
Inhalt
Jugend
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Reife
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kindheit
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
JUGEND
1
Ich habe Evelyne im November 1987 zum ersten Mal gesehen, da war ich achtzehn. Kurz zuvor war ich bei meinen Eltern in Antibes ausgezogen, um in Paris Jura zu studieren. Evelyne und ich sind nur wenige Monate zusammen gewesen, aber es kommt mir vor, als hätte unsere Beziehung viel länger gedauert. Sie gehört zu den Frauen, die weiter auf ein Leben einwirken, nachdem sie einen verlassen haben. Es ist rund dreißig Jahre her, dass sie verschwunden ist, doch es scheint mir, als säßen wir noch immer in diesem Café ein paar Schritte von der Rue Saint-Antoine und lernten uns gerade kennen. Ich kann mich noch an jede Einzelheit von damals erinnern, das Einzige, was die Zeit mir genommen hat, ist das Gefühl, noch derselbe zu sein. Die Jahre sind vergangen, und inzwischen habe ich Mühe, mich in den Gesichtszügen dieses jungen Manns wiederzuerkennen, der ihr gegenübersitzt. Er erinnert mich an einen Freund, den ich vor langer Zeit gekannt habe und der jedes Mal mein Mitleid erweckt, wenn ich an seine Qualen denke. Inzwischen bin ich so alt wie sein Vater, ein Vater, der seinen Sohn vor einer unglücklichen Begegnung schützen möchte. Dieses geheime Leben, das ich in meinem Innern noch immer mit Evelyne weiterführe, ist mir stets umfassender erschienen als die fünf Monate, die wir beide miteinander geteilt haben. Ich höre noch immer unser Lachen in dem Café, das Stimmengewirr, und gleich darauf beschleicht mich ein Gefühl des Unbehagens, da mir wieder einfällt, wie mein Leben danach ins Schlingern geriet. Dann habe ich den Eindruck, in einem Albtraum zu sein, aus dem ich nicht erwachen kann, und das Lachen wird mir so unheimlich wie ein Gelächter, das durch die Nacht hallt. Am Anfang befand ich mich in Paris oft in einer Art Dämmerzustand, bevor ich Evelyne kannte. Ich war nicht bei mir selbst, ich hatte keinerlei Kontakte geknüpft und rutschte jeden Tag tiefer in die Einsamkeit. Ich wusste nicht, dass ich bald aufwachen und zu leben beginnen würde.
Ich verbrachte damals viel Zeit in einem Café an der Rue du Petit-Musc. Ich hielt es vor Einbruch der Dunkelheit nicht zu Hause aus und hatte in dem Bistro bei mir um die Ecke, das ich gegen sechs Uhr abends aufsuchte, eine Zuflucht gefunden. Es war Herbst und regnete fast ununterbrochen. Ich setzte mich stets in den hinteren Teil neben den Flipperkasten. Ich nahm meine Lehrbücher aus der ledernen Umhängetasche und verteilte sie auf dem Tisch, weniger, um zu lernen, als um meine Verlegenheit zu überspielen. Ich war es noch nicht gewohnt, allein ins Café zu gehen, und fühlte mich unsicher. Wenn ich mich nicht mehr konzentrieren konnte, mehrmals hintereinander denselben Abschnitt las, ohne den Sinn zu erfassen, schob ich eine Münze in den Flipper. Das Blinken hinter der Scheibe, die banale Melodie, vermischt mit der Automatenstimme, die Englisch sprach, verschafften mir das Gefühl, an einem modernen Ort zu sein, der in Kontrast stand zu der Atmosphäre, die von den dunkelroten Lederbänken, dem Mahagoni-Mobiliar und den Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden ausging. Zwei imposante Porträts eines Manns und einer Frau im Halbprofil waren so platziert, dass sie sich einander zuwandten. Die Frau musste um die dreißig sein, er um einiges älter. Sie hatte ein anmutiges Gesicht und schien von dem Mann mit den dunklen, streng nach hinten gekämmten Haaren gleichzeitig eingeschüchtert und bezaubert zu sein. Später habe ich von einem der Stammgäste gehört, es seien die Eltern des Besitzers. Die anderen Bilderrahmen waren bunt durcheinander über die Wände verteilt: Aufnahmen aus dem Viertel und Klassenfotos, auf denen kleine Knaben in Uniform auf einer Bank saßen und mit traurigem Blick ins Objektiv starrten. Bestimmt stammten diese Bilder ebenfalls aus den privaten Beständen des Wirts, so als würde er uns bei sich zu Hause in seinem Wohnzimmer empfangen. Irgendwann machte mich das Geratter des Flippers verrückt, und ich spickte die Kugel ins Leere, um die Partie zu Ende zu bringen. In dieser Phase meines Lebens kam es mir vor, als würde ich immer demselben Weg folgen und wie die Kugel durch ein schwarzes Loch fallen. Jeden Tag erwachte ich mit neuem Elan, bis mich dieselben Hindernisse wieder an diesen Platz im dämmerigen Licht des Cafés trieben.
Ich wohnte damals in der Rue de la Cerisaie, einer Querstraße zur Rue du Petit-Musc, an deren Ecke das Bistro war. Ich hatte Anfang Juli, gleich nachdem ich von der Assas-Universität die Zulassung für das erste Jahr erhalten hatte, eine Einzimmerwohnung gemietet. Am letzten Samstag im August brachte mich mein Vater mit meinen Sachen von Antibes nach Paris. Am nächsten Morgen fuhr er wieder zurück. Ich begleitete ihn bis zur Haustür, es muss kurz vor sieben gewesen sein, die Luft war noch frisch und die Temperatur angenehm kühl. Ich wartete eine Weile, bevor ich wieder ins Zimmer hinaufging, in dem sich zwischen den Koffern und Umzugskartons noch die ganze Sommerhitze staute. Ich starrte auf die Straßenecke, an der das Auto abgebogen war, um das Bild meines Vaters, der mir durch das halb offene Fenster zugewinkt hatte, noch einen Augenblick in mir festzuhalten. Ich fand es aufregend dazustehen, mit diesem neuen Leben vor mir, doch während sich die Gegenwart meines Vaters verflüchtigte, wurde ich auf einmal von der Stille überwältigt. Ich war unfähig, sie wegzudrängen, ich hatte den Eindruck, nicht mehr zu existieren, oder nur noch in Gestalt dieses dunklen Flecks auf dem Boden. Die gleiche Empfindung hatte ich bereits, als ich kam, um Wohnungen zu besichtigen, und zum ersten Mal mit der Anonymität einer Großstadt konfrontiert war.
Ich hatte damals bei einer Cousine meines Vaters im vierzehnten Arrondissement übernachtet und war zwei Tage später mit dem Nachtzug nach Antibes zurückgefahren. Ich kenne mich in Paris nicht gut aus, gestand ich ihr am Abend meiner Ankunft, und hätte Angst, nicht pünktlich zu den Terminen zu erscheinen, die ich telefonisch mit den Vermietern vereinbart hatte. Am nächsten Morgen wurde ich um elf Uhr von einer Frau erwartet, die in der Rue de Courcelles wohnte, sie vermietete eine Dienstmädchenkammer unter dem Dach. Die Cousine hatte mich beruhigt: Die Pariser würden sich am Metroplan orientieren, und wenn ich mich verlaufe, müsse ich nur eine Bahn nehmen und an der nächsten Station wieder aussteigen, und schon würde ich mich wieder zurechtfinden. Sie selbst wohnte mit ihrem Mann bei der Metrostation Edgar-Quinet.
Es war ein besonders heißer Tag, und anders als am Meer blies der Wind hier nicht stark genug, um die Luft etwas aufzufrischen. Als ich mich, wie ich dachte, in der Nummer 79 der Rue de Courcelles vorstellte, kicherte die Frau, die mir öffnete: Nein, sagte sie, sie sei nicht diese Madame Bouveret, die ich suche, sie habe keine Wohnung zu vermieten. Ich sehe ihre Bluse und ihren karierten, eng an der Taille anliegenden Rock noch immer vor mir. Sie wünschte mir viel Glück und beeilte sich, die Tür wieder zu schließen, für den Fall, dass ich mich nicht abwimmeln lassen wollte. Aber ich hatte mich nicht geirrt, ich zog den Zettel hervor, auf dem ich die Adresse und den Termin notiert hatte. Es war wirklich die Nummer 79, im dritten Stock. Als ich die Treppe hinunterging, überlegte ich mir, ob sich die Wohnung vielleicht in einem anderen Gebäudeteil befand, doch im Erdgeschoss gab es keine Tür zum Hof. Es gab auch keine Nummer 79 a. Ich ging mehrmals den Gehsteig rauf und runter und überprüfte die Nummern. In der prallen Sonne legte sich unter meinen Kleidern der warme Schweiß auf meine Haut. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Häuserfassaden aufeinander zubewegten, dass die Straße sich faltete wie ein Blatt Papier, um mich in einen Abgrund zu ziehen, in dem die Hitze immer brütender würde. Es fiel mir nicht ein, einen Passanten zu fragen, so absurd kam mir das Ganze vor. Gab es diese Adresse überhaupt? Vielleicht hatte ich sie am Telefon falsch verstanden. Ich dachte an den Rat der Cousine und lief Richtung Metrostation Courcelles, wo ich eine Stunde zuvor ausgestiegen war. Am Mittag war ich im Marais zur Besichtigung einer Einzimmerwohnung verabredet.
Vor dem Gebäude der Nummer 23 der Rue de la Cerisaie stand ein etwa vierzigjähriger Mann, der mich erwartete. Ich war so erleichtert, als ich auf ihn zuging, dass ich sofort beschloss, die Wohnung zu nehmen. Es war nichts weiter als ein ziemlich dunkles Zimmer im obersten Stock, doch die Holzbalken zu beiden Seiten des Fensters verliehen dem Raum einen gewissen Charme. Wir unterschrieben den Vertrag im Café an der nächsten Straßenecke bei einer Citronnade. Die Wohnung gehörte seinen Eltern, und er hatte während seines Medizinstudiums selbst darin gewohnt. Ich weiß nicht warum, aber die Vorstellung, dass er darin gelebt hatte, beruhigte mich, als würde dieser Umstand das Zimmer, das ich eben besichtigt hatte, etwas weniger trist machen. Um die Bastille herum würden viele Studenten wohnen, sagte er, und es werde mir in dem Arrondissement bestimmt gefallen. Das Leben in Paris war wenig aufregend, viel eintöniger, als ich mir das im Sommer vorgestellt hatte. Die Stadt beschränkte sich für mich auf die paar Straßen, die ich entlanglief, bevor ich in den Metro-Korridor hinabtauchte. Sämtliche Häuser glichen einander, und es gab überhaupt keine Orientierungspunkte. Paris war ein riesiger Wald, den ich zu betreten scheute, als könnte ich mich darin verlaufen, an einer Straßenkreuzung verloren gehen. Am Morgen ging ich über den Boulevard Henri-IV zur Place de la Bastille, dort nahm ich die Metro, die mich, nach dem Umsteigen in Châtelet, zur Station Luxembourg brachte, nicht weit von der Universität. Das war der einzige Weg, den ich kannte. Nach dem Unterricht, gegen vier Uhr nachmittags, ging ich erst nach Hause, danach ins Café, um zu lernen. Ich entfernte mich nie weit von meiner Wohnung, so als wäre die Stadt von einem Netz unsichtbarer Grenzen durchzogen, die ich nicht überschreiten konnte, ohne dass mich ein Unbehagen überkam. Am Ausgang der Metro wurde ich manchmal vom Regen überrascht, der dieses Gefühl des Verlorenseins, wie man es im Ausland hat, noch verstärkte. Die Straßennamen hören sich alle gleich an, und jeden Tag folgt man demselben Weg vom Hotel zum Strand. Damals wäre ich unfähig gewesen, den Boulevard Saint-Germain auf einem Plan auszumachen, ihn zur Avenue de l’Opéra in Bezug zu setzen. Ich war nie dorthin gegangen, sodass mir noch immer das Paris der alten Schwarz-Weiß-Postkarten mit den berühmten Monumenten, die mir mein Großvater jedes Jahr zum Geburtstag schickte, intakt im Gedächtnis blieb. Die übrige Stadt war imaginär für mich, aufgrund ihrer Größe schier unfassbar, so als wäre sie rund um diese Postkartenbilder herum gewachsen, die ich bei meinen Eltern in Antibes im Laufe der Jahre nach und nach an die Wand meines Zimmers pinnte.
Ende der neunziger Jahre wurde ich mir meiner damaligen Gedankenlosigkeit bewusst, als ich einmal den Boulevard de Courcelles entlanglief und mich plötzlich in der Rue de Courcelles wiederfand, die eine Querstraße dazu ist. Ich begriff, dass ich zehn Jahre zuvor, in jenem Juli 1987, die Straße mit dem Boulevard verwechselt hatte.
Zu Beginn des Semesters hatte ich mich von den kleinen Studentengruppen, die sich zu bilden anfingen, ferngehalten. Da war ein junger Mann, mit dem ich einen Vortrag in Verfassungsrecht vorbereitet hatte und der mir mehrmals vorschlug, mit ihm in ein Café in der Rue Soufflot zu gehen, wo sich die meisten Studenten nach den Vorlesungen trafen. Er war ziemlich mager, einen Meter neunzig groß und hatte blonde Haare. Er besuchte seine Eltern, die in Bordeaux lebten, nur selten und musste eine natürliche Nähe zu mir empfunden haben, da ich wie er aus der Provinz kam. Ich schlug seine Einladung jedes Mal aus unter dem Vorwand, mit dem Lernen im Rückstand zu sein. Die Assas-Universität war sehr selektiv, und viele Studenten vom ersten Jahr schafften den Sprung ins zweite nicht. Ich zog es vor, in mein Viertel zurückzukehren, zu den anonymen Gästen im Café an der Rue du Petit-Musc. Ich brauchte diese Abschottung, um zu diesem Teil meiner selbst Zugang zu finden, den ich zu entdekken begonnen hatte und von dem ich nur, wenn ich allein war, einen Blick erhaschte. Ich war immer noch dieser wohlerzogene, bedeutungslose Junge, der vor allem nach Paris gekommen war, um Bekanntschaft mit sich selbst zu schließen. Ich bin dem großen Blonden weiterhin vor dem Hörsaal oder auf der Straße begegnet, irgendwann in Begleitung eines Mädchens und eines Jungen, die sich etwas abseitshielten. Ich hörte ihn auflachen und ärgerte mich genauso über ihn, wie es mich ärgerte, dass ich ihm Beachtung schenkte. Er lächelte herablassend und wandte sich dann den anderen zu; er erinnerte mich an den Jungen, der ich gewesen war, als ich noch in Antibes lebte. Manchmal wechselte ich die Straßenseite, um ihn nicht grüßen zu müssen, und während ich mich entfernte, meinte ich durch das Stimmengewirr Gelächter zu hören, und mein Herz schlug schneller. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte den Eindruck, er wisse Bescheid über meinen verpassten Termin in der Rue de Courcelles, als hätte er mich auf dem Gehsteig vor der Nummer 79 hin und her laufen sehen.
Wenn ich von der Universität kam, machte ich stets einen Umweg über die Rue du Petit-Musc. Die Straße war im Gegensatz zum Boulevard Henri-IV nicht sehr belebt und erinnerte mich an die Stille der Provinz. Oft schloss ich die Augen und stellte mir vor, ich wäre in Antibes, bei meinen Eltern. Es lag derselbe Frieden in der Luft, eine gewisse Leichtigkeit, und ich fühlte mich auf einmal ein kleines bisschen besser. Die verblichenen Vorhänge hinter der Scheibe des Cafés und die Fotos an den Wänden, die man von außen sehen konnte, gaben mir das Gefühl, weit weg von Paris zu sein. Das Bistro bildete eine Art Enklave, es wurden dort nur Kleinigkeiten serviert, sodass es von der Hektik der Brasserien auf den Boulevards verschont blieb, die mittags und abends von hungrigen Touristen überschwemmt wurden.
Am Eingang des Cafés hing eine Tafel mit Kleinanzeigen, Aushängen von Kunstgalerien oder Werbung für die Läden des Viertels an der Wand. Der Durchzug vom Kommen und Gehen der Kunden sorgte dafür, dass sich immer wieder eine verwehte Visitenkarte unter ein Tischbein festklemmte, geschwärzt von den Spuren der Schuhe und an den Rändern eingerissen. Oft ließ ein schwarzer Rand den Text hervorstechen, sodass ich ihn unwillkürlich las, und statt die Karte an die Theke zurückzubringen, schob ich sie in meine Lehrbücher. Ich brauchte damals ganz einfach irgendwelche Namen, an die ich mich halten konnte, um mich nicht ganz so allein zu fühlen. Diejenigen, die in gutem Zustand waren, benutzte ich als Lesezeichen und, wenn sie dick genug waren, als Lineal, um die Stellen zu unterstreichen, die ich mir einprägen musste. Dabei nahm ich verschwommen das Großgedruckte wahr. Von Zeit zu Zeit unterbrach ich meine Arbeit, um die Karte zu lesen, wartete ein paar Sekunden, bis mein Blick wieder klar wurde, und sah mir dann alles genau an, den Text, die Schrift. Und wenn ich später meine Lehrbücher wieder aufschlug, stieß ich auf die alten Karten aus Bristolpapier, die ich Anfang des Semesters gesammelt hatte und die zwischen den Seiten geblieben waren.
Bei Françoise
Stilvolle Bettwäsche
45, Boulevard Morland
Segelboot 10 Meter zu verkaufen
Modell Jeanneau Love Love (Diesel)
Zu besichtigen Port de l’Arsenal
Bei der Hafenmeisterei nach René fragen
Galerie Myriam Herzog
Vernissage
Donnerstag, 24. September 1987 um 18.30 Uhr
20, Place des Vosges
Ich sah die Anzeigen durch, so wie man einen alten Terminkalender überfliegt, ohne wirklich zu wissen, ob die Ereignisse etwas mit einem zu tun gehabt haben, fragte mich, ob viele Leute an der Vernissage gewesen waren, ob René sein Schiff inzwischen verkauft hatte. Ich hatte so lange an diese Menschen gedacht, dass sie wie Bekannte geworden waren. Ich hatte das Gefühl, selbst an der Vernissage teilgenommen zu haben und im Laufe des Abends, eine Champagnerschale in der Hand, Myriam Herzog begegnet zu sein.
Damals klammerte ich mich in Gedanken, um mich zu beruhigen, auch an Leute, die meinen Weg kreuzten. Das hatte in gewisser Weise mit den Visitenkarten begonnen, die ich im Café aufsammelte, und mit den Männern an der Theke, die ich von meinem Tisch aus gerührt beobachtete. In der Metro reichte es, dass eine alte Frau auf dem Sitz gegenüber lächelte, und ich redete mir ein, ich sei ihr Enkel und wir wären, mit wissendem Blick, an denselben Ort unterwegs. Ich betrachtete ihre Gesichtszüge, suchte in der Art, wie sie die Handtasche auf dem Schoß an sich drückte, wie ihr Oberkörper und ihre Arme im ruckelnden Wagen zitterten, nach einer vertrauten Gestalt, die ich in der Kindheit gekannt hatte. Ich versuchte das Bild meiner Großmutter zu verscheuchen, um für das der alten Frau Platz zu schaffen, dann stieg sie an ihrer Station aus, und ihr Gesicht wurde genauso durchsichtig wie das jeder anderen Unbekannten. Ich wäre nicht in der Lage gewesen, sie auf der Straße wiederzuerkennen. Wenn ich neben einer attraktiven Frau saß, stellte ich mir vor, wir seien verliebt. Ich unterdrückte die Lust, ihr meinen Arm um die Schulter zu legen, um sie zu küssen, ihren Schenkel zu streicheln, und meine Aufregung schien mir, so in mir zurückgehalten, nur umso intensiver. Damit schaffte ich mir für einen Augenblick einen Anker in dieser Stadt, in der ich keine Familie hatte, keinen Freund, wo mir mit Ausnahme dieser stillen Präsenz, die ich erfand, alles feindlich gesinnt war. So gelang es mir, mich für die Dauer der Fahrt zu trösten, und wenn ich wieder zu mir kam, kehrte auch die Einsamkeit zurück, noch stärker und noch quälender als zuvor.
Inzwischen war November geworden, und es war bereits dunkel, wenn ich im Café an der Rue du Petit-Musc ankam. In meiner Nische, die die Gespräche dämpfte, lernte ich am selben Tisch wie gewöhnlich für meine Jahresabschlussprüfungen. Trotz der drei Wandlampen über meiner Bank war es die düsterste Ecke, sodass der Platz stets frei blieb. Ich schob die beiden Zweiertische zusammen und verstreute den Inhalt meiner Umhängetasche darauf. Mit der Zeit ließ ich mich nicht mehr stören vom Hin und Her der anderen Gäste zwischen dem vorderen Raum und der Toilette im rechten Winkel zum Flipperkasten. Im Spiegel neben dem Eingang beobachtete ich die Männer, die mit aufgestütztem Ellbogen an der Theke hingen. Ich erkannte sie an der Breite ihrer Schultern, an den Motiven auf ihren Jacken. Sie erinnerten mich an die Gemälde von Edward Hopper, auf denen jeder in seiner eigenen Einsamkeit versunken ist. Aber ich hatte das Gefühl, außerhalb des Bilderrahmens zu sein wegen meines Platzes im hinteren Teil und der Visitenkarten in meinen Büchern, die mir die Gewissheit gaben, ein kleines bisschen über diesen angetrunkenen Männern zu stehen.
Eines späten Sonntagnachmittags saßen Evelyne und ihr Sohn am Tisch neben dem Flipper, an dem ein rotes Fahrrad lehnte. Ich hatte sie noch nie gesehen. Ich zögerte einen Moment, bevor ich mich auf die Bank setzte, ich hätte auch zu Hause lernen können, aber sie hatte ihren Kaffee bereits ausgetrunken. Evelyne las in einer Zeitschrift und hob nicht einmal den Blick in meine Richtung, als ich neben ihr Platz nahm. Auf dem Tisch lagen ein Lottoschein und vier oder fünf Rubbellose. Die Bedienung brachte mir einen Kaffee, ohne dass ich ihn bestellen musste, ich nahm immer dasselbe. Abwartend öffnete ich schon mal ein Lehrbuch, solange ich meine übrigen Sachen nicht auspacken konnte. Der Junge, der etwa zwölf oder dreizehn war, flipperte, und das Geratter störte meine Konzentration. Er sah seiner Mutter sehr ähnlich, sie hatten beide dieselbe ungezwungene Art. Er musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um die Bahn der Metallkugel verfolgen zu können, seine Technik bestand darin, schnell hintereinander auf die Knöpfe zu drücken, aber nach ein paar Sekunden ließ er nach, und seine Bewegungen ermüdeten. Das war meist der Moment, da er das Spiel verlor. Von Zeit zu Zeit warf Evelyne ihm einen teilnahmslosen Blick zu und kehrte dann wieder zu ihrer Lektüre zurück. Die lange, dünne Zigarette, die sie in Nähe der Lippen hielt, den Ellbogen auf dem Tisch, trug noch zu ihrer Nonchalance bei. Zwei, drei Mal unterbrach der Junge das Spiel und setzte sich neben sie ans andere Ende der Bank. Sobald sie anfing, seine Stirn zu streicheln oder ihn zu küssen, kehrte er zum Flipperkasten zurück. Ich hatte meine Eltern in den letzten drei Monaten nur ein einziges Mal gesehen, und ich konnte mich in dem Augenblick an keinen einzigen Sonntagsspaziergang erinnern, den ich in diesem Alter mit meiner Mutter unternommen hatte, so als wäre meine Kindheit mit ihrer Abwesenheit ausgelöscht worden. Evelyne und ich saßen so nah beieinander, dass es aussehen musste, als seien wir zusammen ins Café gekommen. Ich konnte ein entfernter Cousin oder ein angeheirateter Neffe sein, was auch erklärt hätte, warum sie mir nichts zu sagen hatte. Rührte dieser Eindruck, Evelyne zu kennen, daher, dass ich mich von ihr angezogen fühlte? Oder eher von diesem starken Einsamkeitsgefühl? Sie hatte blonde, leicht gewellte Haare, deren Strähnen an den Wurzeln dunkler waren.
Es war nach sechs, als sie sich ein Glas Rotwein bestellte. Sie hatte eine hohe, für eine Frau um die dreißig etwas kindliche Stimme. Sie schien auf jemanden oder auf eine bestimmte Uhrzeit zu warten, um zu einer Verabredung zu gehen. Obwohl ich mit dem Lernen im Rückstand war, wollte ich nicht nach Hause. Ich fühlte mich gut neben ihr, trotz ihrer selbstgefälligen Art. Ich dachte mir, der mit dieser Unbekannten verbrachte Augenblick könnte mir später als Ausgangspunkt zu einem meiner Ausflüge dienen, um mit ihr zu entfliehen, wenn ich wieder allein wäre. Und in dieser Lücke, die sich auftat, nahm die Beziehung, die ich mir mit Evelyne einbildete, die Form erst vager Erinnerungen an, die immer präziser wurden, je länger ich sie beobachtete. Es war, als gäbe es weder Vergangenheit noch Gegenwart, nur dieses erträumte Leben, dessen Versatzstücke ich in die Wirklichkeit einsetzte, bis schließlich alles eins wurde.
Sie trug einen Lederrock und dazu einen knallroten, zur Farbe ihrer Lippen passenden Pullover. Ich beugte mich über mein Buch und tat, als würde ich lernen, schrieb Anmerkungen an den Rand oder unterstrich Sätze, ohne sie gelesen zu haben. Ich legte meine linke Hand über die Augen, damit Evelyne meinen beharrlichen Blick nicht bemerkte. Ich sah, wie ihre Pumps ihre Waden und Knöchel zur Geltung brachten, verweilte auf der Falte in der Mitte der Schenkel, ließ die Augen zur Form ihrer Brüste wandern und stellte mir vor, wie ich am Morgen meine Hand unter ihren Pullover geschoben hatte, um sie zu streicheln. Ihr Rock verkürzte sich jedes Mal, wenn sie ihre Beine übereinanderschlug oder wieder nebeneinanderstellte. Mehrmals streifte mein Arm den ihren, aber da sie nicht ans Ende der Bank rutschte und nichts sagte, schwieg ich ebenfalls und machte keine Anstalten, mich zu entschuldigen.
Ihr Sohn setzte sich ihr gegenüber auf den Stuhl, um seine Limonade zu trinken. Er hatte mehrere Partien hintereinander gespielt und die beiden letzten Kugeln energielos weggespickt ohne den Versuch, sie zurückzuhalten, hatte ihre Bahn mit den Augen verfolgt, bis sie hinter dem Glas eine nach der anderen verschwunden waren.
»Und?«, fragte er, während er mit dem Strohhalm in seinem Glas rührte, »gehen wir?«
»Gleich, Jérôme, ich habe noch nicht ausgetrunken«, antwortete sie mechanisch.
Sie las in ihrer Zeitschrift und blätterte plötzlich mit einer zackigen Bewegung die Seite um, die nicht zu ihrer vorherigen Lethargie passte.
»Mach doch noch ein Spiel, ich glaube, ich habe noch Münzen.«
Der Junge stöberte in der Handtasche und kehrte zögernd zum Flipper zurück. Er kauerte sich neben das Fahrrad. Ich hörte, wie sich die Kette um die Pedale ins Leere drehte, dann ein metallisches Geräusch, als ließe er ein Geldstück über die Speichen gleiten, erst ganz langsam und dann abwechselnd mit Beschleunigungen, die wohl seinem Geisteszustand entsprachen, einer Mischung aus Wut und Langeweile.
Als er wieder aufstand, stieß er mit dem Kopf gegen die Tischplatte, und das Weinglas fiel um. Seine Augen waren rot und geschwollen, aber er weinte nicht. Ich streckte Evelyne ein Taschentuch hin, der Wein war auf ihre Strumpfhose gespritzt. Die Zeitschrift war voller roter Schlieren. Ich weiß nicht mehr, ob es Elle oder Marie-Claire war, ich erinnere mich nur, dass auf der Titelseite in Großbuchstaben stand: »Wie man einen untreuen Mann zurückerobert«.
Evelyne war aufgestanden, um sich abzuwischen, und streifte dann den Mantel über, während sie Jérôme ein Zeichen gab, sich anzuziehen. An der Klappe einer Manteltasche las ich den Namen eines großen Couturiers. Als der Kellner kam, um die Glasscherben aufzulesen, drehte sie sich zu ihrem Sohn um:
»Jérôme, du bist wirklich un-ver-bess-er-lich!«, sagte sie laut zu ihm, indem sie jede Silbe absetzte.
Es kam mir vor, als spielte sie nur, als sei alles unecht, wegen des unterdrückten Schluchzers, mit dem sie es sagte.
Der Wein hatte auf meinem Mantel, der auf der Bank lag, einen Flecken hinterlassen, und sie beharrte darauf, ihn auf ihre Kosten in die Reinigung zu bringen. »Ich werde mir eh einen neuen kaufen«, sagte ich zu ihr, ich hatte keine Lust, dass sie bemerkte, wie abgenutzt er war: Am Verschluss fehlten zwei Knöpfe, und das Futter war zerrissen. Aber sie gab nicht nach, und nachdem sie mir auf einem abgestempelten Metroticket ihre Telefonnummer notiert hatte, ging sie mit meinem gefalteten Mantel über dem Arm davon. Sie hatte vergessen, sich für das Taschentuch zu bedanken.
Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Paris fühlte ich mich nicht mehr ganz so einsam, als ich mein Zimmer betrat. Es genügte, ihre Telefonnummer auf dem Metroticket zu lesen.
2
Drei oder vier Tage nach unserer Begegnung sah ich Evelyne wieder. Ich hatte sie angerufen, um meinen Mantel zurückzubekommen, und wir verabredeten uns für den späten Nachmittag im Café an der Rue du Petit-Musc. Ich ging nach den Vorlesungen erst nach Hause und streifte mir ein hellblaues Hemd über, das besser zu ihrem Stil passte. Danach machte ich einen Umweg, um Zigaretten zu kaufen, und da sah ich sie an der Ecke zur Rue Saint-Antoine. Evelyne hielt ungefähr auf der Höhe ihrer Schulter einen Kleiderbügel in der linken Hand. Sie trug eine Stoffhose und einen beigefarbenen Regenmantel. Es war ungewöhnlich warm für die Jahreszeit trotz des Winds, der die weiße Hülle aufbauschte. Es sah aus, als würde sie mir ein Signal, einen Notruf aussenden, wie eine weiße Flagge, die am Horizont flatterte. Ich folgte ihr langsam aus einiger Entfernung, bis sie das Café betrat, ohne dass ich wagte, sie anzusprechen, sie hatte mir, als ich sie zum ersten Mal sah, nicht gesagt, wie sie hieß, und auch am Telefon nicht. Als ich sie so beobachtete, fiel mir auf, dass das Café sich in einem einstöckigen Haus befand, was eher an eine kleine Provinzstadt denken ließ.
Ich trat ein und ging auf Evelyne zu, sie hatte sich im großen Raum mit dem Rücken zur Wand hingesetzt, unter die Porträts des Mannes und der Frau aus den fünfziger Jahren. Mein Mantel lag ausgebreitet neben ihr auf der Bank. Ich hatte das Gefühl, ich sei noch nie in diesem Café gewesen, so anders war die Atmosphäre hier als in dieser Ecke, wo der Flipperkasten fast den ganzen Raum einnahm. Obwohl es draußen bereits dunkel war, war es hier heller, und das Geschirrklappern hinter dem Ausschank, die Gespräche ringsum vermittelten mir nicht das übliche Gefühl der Einsamkeit. Als ich sie begrüßte, antwortete sie kaum; sie beeilte sich zu sagen, der Flecken sei rausgegangen.
Evelyne bestellte ein Glas Rotwein und rief dem Kellner mit einem zwinkernden Seitenblick auf mich zu:
»Ich hoffe, heute wird er es nicht verschütten!«
Sie schien nicht sehr oft hierherzukommen, denn der Kellner zog ein schiefes Gesicht, als hätte er die Anspielung auf das Missgeschick ein paar Tage zuvor nicht verstanden.
»Für mich dasselbe«, sagte ich.
Der Kellner hatte auf dem Hals, hinter dem Ohr, eine blaue Tätowierung, ein leicht gebogenes Kreuz, das sich jedes Mal wellte, wenn er sich an einen Kunden wandte, um die Bestellung aufzunehmen.
Ich war überrascht, dass Evelyne etwas Zeit mit mir verbringen wollte. Sie hatte mich das letzte Mal ignoriert, in ihrer Zeitschrift gelesen, und als sie darauf beharrte, sich um die Reinigung zu kümmern, war ihr Ton herablassend. Ich war mir nicht sicher gewesen, ob sie zu dem Treffen erscheinen würde, sie hätte den Mantel auch an der Theke abgeben und nie wieder herkommen können.
Ich hatte viel an sie gedacht seit unserer Begegnung im Café, aber da ich ihren Namen nicht kannte, war sie mir nur verschwommen im Gedächtnis geblieben, etwas unwirklich, wie die Leute auf den Visitenkarten. Ich hatte das Metroticket mit ihrer Telefonnummer in das durchsichtige Fach meines Portemonnaies geschoben, und wenn ich es öffnete, überprüfte ich, ob Evelynes Nummer wirklich draufstand, um mich zu vergewissern, dass ich nicht geträumt hatte. Ich konnte die Nummer schließlich auswendig, als wäre sie ein unsichtbarer Faden, den ich aufgreifen konnte, um in Gedanken mit ihr in Verbindung zu treten. Nach unserer ersten Begegnung hatte ich mehrmals geglaubt, sie im Viertel zu sehen. Evelyne war so präsent in mir, dass ich ihr Gesicht auf unbekannte Frauen projizierte, die ich auf der Straße sah, bis ich merkte, dass ich mich getäuscht hatte. Ich hatte sogar geglaubt, sie in einem Film zu sehen, der im Fernsehen lief. Die Schauspielerin hatte einen kleinen Auftritt, eine junge Frau, die an einer Ampel abgesetzt wird und den Fahrer durch die halb offene Scheibe lässig fragt: »Hast du vielleicht einen Hunderter für mich?« Es dauerte nur einen kurzen Moment, ich war nicht sicher, ob sie es war. Vielleicht war es Aurore Clément, von der sie mir später irgendwann erzählte, dass sie oft mit ihr verwechselt wurde. Evelyne hatte mehrmals Autogramme gegeben in ihrem Namen. Obwohl sie gegen das Lachen ankämpfte, musste sie sich konzentrieren, um bei der Widmung nicht ihren eigenen Namen zu schreiben.
Evelyne sprach in heiterem Ton, und ich dachte, dass sie genauso einsam war wie ich, dass sie jemanden brauchte, an dem sie sich festklammern konnte. Sie sprach von dem letzten Film, den sie im Kino gesehen hatte, und erzählte mir dann von einer Reise, auf der sie in der Mailänder Scala ein Sinfoniekonzert mit Musik von Respighi besucht hatte. Es war das erste Mal, dass ich den Namen dieses Komponisten hörte, und ich wagte nicht zu fragen, ob er noch lebte. Vor zwei Jahren hatte sie ein Schuljahr lang eine Stellvertretung in Cannes gemacht und die freie Zeit genutzt, um die Côte d’Azur entlang und durch Norditalien zu reisen. Sie liebte diese Gegend. Ich konnte kaum meine Sätze beenden, hatte sie schon das Thema gewechselt, und manchmal ließ sie zwischen uns lange Pausen entstehen. Dann hatte ich das Gefühl, ihr noch besser zuzuhören, so als hätten wir schweigend am meisten miteinander zu teilen, als sagte sie mir so, was sie nicht in Worte fassen konnte. Ich betrachtete sie, während sie das Gespräch anführte. Evelyne hatte blaue Augen, und ihre leicht abstehenden Ohren waren hinter den offenen Haaren versteckt. Wenn sie nicht lächelte, gaben ihr die Mimikfalten um die Mundwinkel einen ernsten und traurigen Ausdruck.
Als sie erfuhr, dass ich im ersten Jahr Jura studierte, zeigte sie sich überrascht, dass ich so jung war.
»Witzig. Ich war mir sicher, Sie würden Klassenarbeiten korrigieren, als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe. In Ihrem Alter kommt einem das Leben noch unendlich vor, und mit fünfunddreißig scheint es bereits so kurz. Man hat den Eindruck, etwas verpasst, nicht die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben.«
Und dann fügte sie hinzu, indem sie als Zeichen des Vorwurfs leicht das Kinn anhob:
»Sie werden den Frauen noch viel Kummer bereiten. So sind die Anwälte!«
»Wenn das so ist«, sagte ich, »werde ich bei den Jahresprüfungen bestimmt durchfallen.«
Und wir mussten beide lachen. Ich war genauso überrascht wie sie über meine Kühnheit; vielleicht hatte sie sich in diesem Moment nur über mich lustig gemacht. Sie hatte ein derbes, ansteckendes Lachen, das im Gegensatz stand zu ihrer sehr femininen Art, sich aufrecht zu halten, mit gereckter Brust, und zur Sorgfalt, die sie auf ihr Äußeres legte.
Evelyne kümmerte sich nicht um die Leute im Café, die uns beobachten könnten. Beim Eintreten hatte ich nur die Stammgäste an der Theke bemerkt. Sie schaukelte ihren Fuß unter dem Tisch, sodass ihr Anhänger regelmäßig an den Knopf ihrer Bluse schlug. Ich bekam Lust, die Halskette zwischen ihren Brüsten zu packen, damit dieses unangenehme Hin und Her aufhörte, ich stellte mir vor, dass sie sich zu mir beugte und ich die Strähne von ihrer Wange strich, um sie zu küssen. Sie gefiel mir, sie war anders als die Mädchen, mit denen ich in Antibes zusammen gewesen war. Es ging von ihr eine Kraft und gleichzeitig eine große Zerbrechlichkeit aus. Für Momente ging sie mir auf die Nerven, sie hatte dieses lässige, etwas unechte Gehabe, das mir schon beim ersten Mal aufgefallen war, so als versuchte sie ihre Bedrücktheit zu überspielen. Doch die Zerbrechlichkeit, gegen die sie ankämpfte, kam im Laufe des Gesprächs nach und nach wieder zum Vorschein. Evelyne wurde weniger redselig, sanfter, und strich mit dem Ende der verglimmenden Zigarette über den Rand des Aschenbechers, um meinem Blick auszuweichen. Ich hätte gerne ihre Hand genommen, damit sie mit dieser Manie aufhörte. Es schien mir, dass Evelyne sich in ihre Gedanken flüchtete, dass sie, während sie mit ihrer Zigarette spielte, identische Kreise in sich selbst zeichnete, die kleiner und kleiner wurden, und sich darin einschloss. Wenn ich sie zum Lachen brachte, hörte sie auf, mich auf Distanz zu halten, und ich wollte, dass sie noch mehr, noch heftiger lachte. Während ich sie beobachtete, spürte ich noch immer das gewohnte lastende Gefühl auf der Brust, aber es war nun nicht mehr so feindselig, wir mussten es nur mit unserem Lachen übertönen.
»Ich bin erst vor Kurzem nach Paris gezogen, ich wohne in einer kleinen Wohnung gleich hier um die Ecke«, sagte ich, indem ich mit der Hand Richtung Rue de la Cerisaie zeigte. »Die Straße ist ruhig, gut zum Arbeiten.«
Ich wagte sie nicht zu fragen, ob sie im selben Viertel wohnte. Ich hoffte, dass Evelyne mir ihre Adresse verriet, für den Fall, dass sie mir nicht vorschlagen sollte, uns wiederzusehen. Trotz meiner Angst, mich zu verirren, sah ich mich bereits durch die Straßen ihres Viertels streifen, um sie zufällig zu treffen und dabei einen Termin in der Gegend vorzutäuschen. Ich hatte Lust, mich auf ihre Suche zu begeben, so wie ich für die Suche nach mir selbst nach Paris gekommen war. Ganz sicher würde dieses Unbehagen verfliegen, wenn ich mit der Gewissheit, sie bald wiederzusehen, durch die Stadt gehen könnte.
»Sie wirken sehr seriös auf mich, scheinen jemand zu sein, der sich Gedanken um seine Zukunft macht«, sagte Evelyne zu mir.
»Ich habe nichts anderes zu tun, als zu studieren, und außerdem kenne ich niemanden hier, abgesehen von einer alten Cousine. Ganz allein ist es nicht so einfach, sich zu amüsieren, meinen Sie nicht?«
War es die leichte Beschwipstheit, die mich dazu brachte, so ungezwungen mit ihr zu sprechen, oder die Aufgeregtheit, die bei mir die Gegenwart einer solch verführerischen Frau auslöste? Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, ich könnte ihr gefallen, und die Situation war so seltsam, dass ich selbst überrascht war über meine Unerschrockenheit, so als wäre ich in einem Traum und keines meiner Worte könnte nach dem Erwachen gegen mich verwendet werden.
»Wenn ich Sie richtig verstanden habe, arbeiten Sie so viel, weil Sie noch keine Freunde gefunden haben? Und Sie haben neben Ihrem Studium noch keine Ablenkungen gefunden, die Ihnen lohnenswert erscheinen, das meinen Sie?«, fragte sie, während ich mein Feuerzeug ihrem Gesicht näherte, um ihre Zigarette anzuzünden.
»Genau. Seit ich in Paris wohne, habe ich den Eindruck, dass das ganze Leben so abläuft. Und dass wir alle ohne Kühnheit leben.«
Sie nickte, und wir schwiegen eine Weile, zwangen uns zu einem Lächeln, als ein amerikanisches Paar sich an den Nebentisch setzte. Sie waren um die zwanzig und trugen beide ein Jeanshemd. Der Mann hatte einen Stadtplan vor sich ausgebreitet, den er mit seinem Stift bekritzelte, er markierte die Orte, die sie besichtigt hatten, mit einem Kreuz. Der Kellner kam, um ihre Bestellung aufzunehmen: zwei Cola und eine Portion Pommes frites für zwei.
»Sprechen Sie gut Englisch?«, fragte mich Evelyne.
»Nicht wirklich. Ich komme aus Antibes und brauche es nur im Sommer, wenn die Touristen an die Côte d’Azur kommen und nach dem Weg fragen.«
Als die Amerikanerin die Hand ihres Verlobten streichelte, holte mich meine Schüchternheit wieder ein, und das Gefühl der Trunkenheit, das mich bisher getragen hatte, war wie verflogen. Ich spürte ein gewisses Unbehagen neben diesem Paar, das seine Intimität zur Schau stellte, während Evelyne und ich uns kaum kannten. Bin ich mit ihr zu weit gegangen, wenn ich nicht einmal fähig war, anders als in Gedanken, ihre Hand zu nehmen? Sie studierten den Plan, der Mann führte die Spitze des Kugelschreibers über die Wege, die sie wohl gegangen waren, indem er wie bei einem Malbuch achtgab, nicht über den Rand zu geraten. Evelyne und ich konnten unseren Lachanfall kaum unterdrücken, als wir den Akzent hörten, mit dem sie die Straßennamen aussprachen, so als befänden sie sich in einem imaginären Paris.
Der junge Mann unterbrach uns mit der Bitte, sie zu fotografieren. Er streckte mir mit verschwörerischer Miene die Kamera entgegen, er dachte wohl, wir seien ein Liebespaar im selben Alter wie sie. Jetzt, da Evelyne nicht mit ihrem Sohn zusammen war, kam sie mir wie eine Studentin vor, leicht und unbekümmert. Sie musste sehr jung Mutter geworden sein, und vielleicht machte es ihr deshalb Spaß, mit einem Achtzehnjährigen zusammen zu sein, so als könnte sie in falscher Reihenfolge leben und wieder zu einer Studentin im ersten Jahr werden. Ich stellte mich in die Mitte des Raums, um den besten Winkel zu finden. Die Amerikaner hielten sich um die Schultern, der Pommes-Teller, den der Kellner auf den Pariser Stadtplan gestellt hatte, war aufgegessen. Durch das Objektiv beobachtete ich Evelyne zu ihrer Rechten. Sie war im Profil und betrachtete die Bilder an der Wand, während sie mit ihrem Anhänger spielte, was das Bild etwas leer aussehen ließ, ohne Vordergrund, vor allem weil der Arm des jungen Mannes abgeschnitten war. Doch statt das Objektiv auf das Paar zu richten, drückte ich auf den Auslöser im Gedanken, dass auf diese Weise eine Spur von dem Augenblick, den ich mit Evelyne teilte, auf dem Film dieses Fotoapparats erhalten bleiben würde.
Als sie fünf Minuten später das Café verließen, winkten sie uns hinter der Scheibe herzlich zu. Sie würden in zwei Tagen, hatten sie uns in einem holperigen Französisch erklärt, nach Denver, Colorado, zurückkehren.
Evelyne beugte sich zu mir vor und drückte mir einen Kuss auf die Wange, um gleich wieder in den schäkernden Ton unseres Gesprächs zu verfallen. Dann imitierte sie den strengen Ton, mit dem die junge Frau sich an ihren Verlobten gerichtet hatte:
»It’s simple, honey. Here we are at the Rjuu du Petite-Mjusc«, sagte sie und zeigte mit dem Finger auf den Tisch.
Ich brach in Lachen aus, während sie wegen des Blitzlichts des Fotoapparats noch immer die Augen zukniff.
Ich weiß nicht, warum Evelyne mir so gefallen hat, ich hätte sie genauso gut nicht ausstehen können. Sie war nicht natürlich und versuchte sich als jemand anders auszugeben. Diejenige, die ich liebte, war die entspannte junge Studentin, die in dem Café schallend loslachte, ich fühlte mich aber auch von dieser Frau mit der eleganten Erscheinung angezogen. Wahrscheinlich fehlte es ihr, wenn sie so viel Mühe auf ihr Äußeres verwendete, an Selbstvertrauen. Manche Aspekte ihrer Persönlichkeit, die in mir jeder anderen gegenüber Antipathie ausgelöst hätten, zogen mich bei ihr an: ihre frivole Art, ihre Vorliebe für Luxuskleider, ihr leicht mondäner Tonfall, in dem sie die Sätze betonte, und der italienische Akzent, mit dem sie die Titel von Respighis Werken aussprach, die sie in Mailand gehört hatte. Noch nie war ich mit einer solch starken Präsenz konfrontiert gewesen, bestimmt, weil Evelyne älter war als ich. Ich war in dem Café euphorisch wie nach einer Anästhesie, die mich vergessen ließ, dass ich mir selbst überlassen war. Und während ich mich weigerte, mich unter die anderen Erstsemester zu mischen, und in der Einsamkeit jene Verbindung suchte, die mich mir selbst näherbrachte, wünschte ich mir jetzt im Gegenteil, mit ihr zusammenzubleiben, die Gewissheit zu haben, sie am nächsten Tag wiederzusehen. Ich hing an ihren Lippen in dem Bedürfnis, sie kennenzulernen, wollte sie aber auch über das erfassen, was sie durchscheinen ließ, wenn sie nicht sprach. Zeitweise kam es mir vor, als hätte ich selbst die Sätze gesagt, die sie äußerte, so sehr versuchte ich, Teil ihres Lebens zu werden.
Evelyne war Klavierlehrerin und sollte bald eine Stelle in einem Gymnasium im Vallée de la Bièvre antreten, wo ihr eine Dienstwohnung zur Verfügung stand. Es machte ihr Angst, Paris mit der Banlieue zu tauschen. Sie lebte von einer Stellvertretung zur anderen, die das Rektorat ihr anbot, und dazwischen gab sie Privatstunden bei den Schülern zu Hause und spielte ganze Nachmittage lang Klavier. Sie gab mir ihre Visitenkarte, auf der dieselbe Telefonnummer stand wie auf dem Metroticket:
Mme Evelyne Arnaudin
Klavierlehrerin
Diplomiert am Conservatoire Lausanne
42 56 20 78
Ich untersuchte die Karte, aber auch auf der Rückseite stand ihre Adresse nicht.
»Du kannst sie behalten, wenn du willst.«
Es war das erste Mal, dass sie mich duzte.
»Aber«, sagte ich, »du hast gar keinen Schweizer Akzent.«
Ich hatte erst gezögert, bevor ich sie ebenfalls duzte, wegen unseres Altersunterschieds.
»Na und, du doch auch nicht, du hast doch auch keinen südfranzösischen Akzent. Ich habe es hingeschrieben, damit es seriöser wirkt. Ich habe meine Klavierausbildung am Conservatoire von Besançon gemacht, wo ich aufgewachsen bin.«
»Ehrlich gesagt dachte ich, du seist aus Paris.«
»Wirklich? Wie kommst du denn darauf«, fragte sie mich mit einem falschen Ton der Entrüstung.
»Einfach so … Die Pariserinnen sind hübscher als die aus der Provinz.«
»Hör zu, weißt du, was jemanden aus der Provinz von einem Pariser unterscheidet?«, fragte sie und gab die Antwort gleich selbst: »Ein Pariser schaut dich auf der Straße an, ohne dich zu sehen, so als hätte er dich schon vergessen, bevor er dich kennengelernt hat.«
Evelyne war nicht diese Frau bürgerlicher Abstammung, deren Gehabe sie angenommen hatte. Als ich sie über ihre Kindheit sprechen hörte, glaubte ich einen Augenblick, sie habe sich um meinen Mantel gekümmert, um mit mir zu reden, um alles rauszulassen, was sie in sich verborgen hielt, und dass ich sie nie mehr wiedersehen würde.
»Wenn du Schüler suchst, kann ich dem Wirt deine Karte geben, damit er sie hinter der Theke aushängt. Weißt du, ich komme jeden Tag zur gleichen Zeit hierher, sobald es dunkel wird.«
Sie schwieg einen Augenblick. Als ich spürte, dass sie von mir wegdriftete, sah ich vor mir, wie sie auf einem Gemälde von Edward Hopper abends allein an diesem Tisch sitzt, über ihr Glas Wein gebeugt, und im Versuch, sie da herauszuholen, sie ihrem Schweigen zu entreißen, fragte ich ganz laut:
»Und Jérôme? Wie geht es ihm?«
»Er lebt bei seinem Vater, ich sehe ihn nur selten. Es ist besser so.«
Seit sie in Cannes war, habe sich ihre Beziehung noch weiter gelockert.
»Er ist ein schwieriger Junge«, fügte sie in gleichgültigem Ton hinzu, als wäre sie es gewohnt, diesen vorgefertigten Satz jedem Beliebigen zu wiederholen.
Es schien ihr für einen Moment gutzutun, schlecht über ihn zu reden. Dann wechselte sie erneut das Thema. Ihr Blick war leer, Evelyne war wieder zu einer gut gekleideten Frau geworden mit diesem etwas ernsten Ausdruck, den die Frauen aus bürgerlichem Haus oft aufsetzen. Der Gedanke streifte mich kurz, sie habe sich verkleidet: Sie war einfach nur ein Mädchen in meinem Alter, dem man die Jugend gestohlen hatte, und das es, genau wie ich, nicht schaffte, so unbekümmert zu sein wie die anderen Studenten.
3
Drei Tage nach unserem Treffen rief ich Evelyne von einer Telefonzelle aus an. Ich war nicht sicher, dass sie zu Hause war. Es musste ungefähr vier Uhr nachmittags sein, und meistens gab sie um diese Zeit bei ihren Schülern Klavierstunden. Vielleicht sollte ich mein Schicksal einfach dem Zufall überlassen? Wenn das Telefon ins Leere klingelte, würde ich nicht mehr versuchen, sie wiederzusehen.
Wir waren vor dem Café etwas überstürzt auseinandergegangen. Evelyne wollte nicht, dass ich sie zur Metrostation begleitete. Sie habe es eilig, hatte sie kurz angebunden gesagt. Ich ging nach Hause und hielt die weiße Hülle auf Schulterhöhe, um mich davon abzuhalten, ihr mit dem Blick zu folgen und auf dem Gehsteig hinterherzurennen. Am liebsten hätte ich den Reißverschluss aufgemacht und mein Gesicht hineingedrückt, um darin zu verschwinden. Sie hatte mich nicht geküsst zum Abschied. Ich bereute es, dass ich sie nach Jérôme gefragt hatte, denn fünf Minuten später brach Evelyne unser Gespräch ab und ging zur Theke, um die Getränke zu bezahlen, unter dem Vorwand, sie sei in der Nähe der Madeleine verabredet. Bestimmt schämte sie sich, mir zu gestehen, dass ihr Sohn nicht bei ihr lebte. Ich hatte nichts dazu gesagt, konnte jedoch meine Überraschung und den Gedanken schlecht verbergen, der mich spontan überkam, sie sei eine schlechte Mutter. Hatte sie ihren Sohn denn nicht ein ganzes Schuljahr lang alleingelassen, um in Cannes zu leben?
Ich spürte die Einsamkeit noch immer, doch seit unserer Begegnung im Café hatte die Leere das Gesicht von Evelyne. Wenn es verwischte, versuchte ich mich an das Foto zu erinnern, das ich von ihr neben dem amerikanischen Pärchen gemacht hatte, und sie tauchte wieder vor mir auf. Einen Augenblick lang saß sie dann auf der Bank und spielte mit ihrer Halskette, während sie die Fotos an den Wänden betrachtete, und das Stimmengewirr eines Cafés füllte meine Ohren. Evelyne war ein Schatten, den die Sonne entstehen und gleich wieder verblassen ließ, bis er sich ganz aufgelöst hatte, aber es schien mir, ich könnte danach genau an der Stelle, wo das Licht ihn hingelegt hatte, noch immer seinen Abdruck, seine intakten Umrisse sehen.
»Hallo. Guten Tag, hier ist Yves.«
»Hallo … Wer ist am Apparat?«, fragte sie in einem strengen Lehrerton.
Ich hörte das Klavier im Hintergrund, falsche Noten, die mich hinderten, sie deutlich zu verstehen.
»Yves, vom Café an der Rue du Petit-Musc. Ich würde Sie … dich gern wiedersehen …«, sagte ich mit gepresster Stimme.
»Ich bin in einer halben Stunde fertig, ruf mich dann noch einmal an«, sagte sie und legte auf.
Ich war froh, dass Evelyne mich nicht vergessen hatte, und fragte mich, ob sie auch an mich gedacht hatte. Doch als ich dreißig Minuten später wieder anrief, nahm niemand ab. Was sollte sie auch an einem Achtzehnjährigen finden. Ich probierte es noch ein zweites Mal und überließ die Kabine dann einem Mann, der draußen wartete. Es war kühler geworden, und er hatte seinen Rücken an die Tür gedrückt, bestimmt um sich vor dem Nieselregen zu schützen, der eingesetzt hatte. Er stampfte mit den Füßen, um sich aufzuwärmen, was die Tür zum Klappern brachte. Bevor ich hinausging, klopfte ich an die Scheibe, um ihm nicht wehzutun. Die massige Statur des Mannes hatte einen Schatten in die Kabine geworfen, während ich telefonierte, und dieser Schatten begleitete mich auf der Straße weiter. Aber es war nur der Himmel, der noch grauer geworden war.
Zu Hause hängte ich den Mantel an einen Kleiderbügel und packte ihn in die weiße Hülle, auf der die Adresse der Reinigung stand, Rue de Birague 3, im vierten Arrondissement, daneben der Vermerk »de luxe«. Ich weiß nicht warum, aber ich war mir sicher, dass Evelyne in dem Viertel leben musste, in der Nähe ihres Sohnes, und dass sie auf dem Nachhauseweg an dieser Reinigung vorbeikam. Am Tag nach unserem Treffen hatte ich die Rue de Birague auf einem Plan gesucht, es ist eine Querstraße zur Rue Saint-Antoine. Die Vorderfront und die Auslage des Ladens waren in derselben Farbe gehalten wie die Hüllen, mit denen sie die Kleider schützten. Ich lief weiter die Straße hinunter, die zu einem kleinen Park führte, ohne dass ich die Place des Vosges erkannte. Dieselbe rote Backsteinfassade, dasselbe steile Schieferdach wiederholten sich auf allen vier Seiten des Platzes, und die Arkaden ließen mich an einen langen Tunnel denken, an dessen Ende ich in einen Abgrund fallen würde. Eine Touristengruppe fotografierte den Platz, und ich hätte um sie herumgehen müssen, um die Gegend weiter zu erkunden. Wegen dieser Angst, mich zu verlaufen, und angesichts der Menge Menschen machte ich wieder kehrt. Wenn ich mich von meiner Wohnung entfernte, hatte ich oft das Gefühl eines Taumels, eine Straße hinunterzugleiten, die leicht abschüssig war wie der Grund eines Schwimmbeckens, in dem man nach und nach den Boden unter den Füßen verliert.
Ich versuchte nicht mehr, sie zu erreichen. Ich hatte Angst, bei meinen Jahresprüfungen durchzufallen, wenn ich mich weiter mit dieser Frau traf, und so führte ich, geborgen in meiner Einsamkeit, das Leben, das ich mir mit Evelyne erträumte, einfach, indem ich an sie dachte. Abends stellte ich mir vor, sie sei bei mir im Zimmer: Evelyne, wie sie auf dem Rand meines Schreibtischs sitzt, in einem meiner Universitätsbücher blättert und ihr Bein durch die Luft schaukeln lässt. Die Szene schien so real, dass ich nicht mehr wusste, ob ich sie wirklich erlebt hatte oder ob es ein Bild war, das ich mir einzuprägen versuchte. Sie erklärte mir lachend, sie verstehe nichts von Verwaltungsrecht, und legte das Buch mit amüsierter Miene auf den Schreibtisch zurück. Ihr Ton war nicht lehrerhaft, sondern eher der einer Studentin in meinem Alter. Ich rief mir das Timbre ihrer hohen Stimme ins Gedächtnis, an der ich mich festklammern konnte und die in mir weitersprach, die mir antwortete, auch wenn ich nichts sagte. Es schien, als würde ich mich an eine Vergangenheit erinnern, die wir nicht erlebt hatten, und diese Vergangenheit füllte sich im Laufe der Tage immer mehr an. Es gefiel mir, mich ganz von Evelynes Gegenwart durchdringen zu lassen, und am Morgen vertiefte ich mich in meine Bücher, um sie wieder zu verdrängen. Im Café hörte ich noch immer ihr Lachen durch den Raum hallen, dann versuchte ich, sie zu vergessen, um die Leere wiederzufinden, nackt und gesichtslos. Es war, als würde ich jedes Mal einen Alarmknopf betätigen, um mich mit Gewalt einem Traum zu entreißen.
Mein Studium an der Assas war nur ein Vorwand gewesen, um nach Paris zu kommen, wo ich von unvergesslichen Begegnungen träumte. Aber auch wenn die Einsamkeit mich ins Bistro bei mir um die Ecke trieb, so hielt ich mich weiterhin abseits. Mein Unbehagen, meine ständige Angst ließen mich auf Distanz zu meinen Kommilitonen bleiben. Im Hörsaal belauschte ich die Gespräche des großen Blonden aus Bordeaux, er unterhielt sich mit seinen Freunden darüber, in welchen Vierteln der Hauptstadt, die ich nur dem Namen nach kannte, es abends Partys gab. Sie führten mir ihre Leichtigkeit vor Augen, während mich ein schweres Gewicht bei den Leuten dieser Kneipe zurückhielt. Ich hatte in Paris keinen einzigen Kontakt geknüpft, und ich hatte das Gefühl, meine Jugend zu verpassen. Sollte ich bei den Prüfungen durchfallen, würde ich zu meinen Eltern nach Antibes zurückkehren, und niemand würde sich an diesen jungen Mann erinnern, der sich immer an denselben Platz setzte, außer vielleicht ein, zwei Tage lang der Kellner mit dem blauen Tattoo im Nacken. Oft fiel mir der Satz meines Vaters ein: Das Leben ist ein Hindernislauf, und man muss Hürde für Hürde überwinden, um nicht zu fallen. Und die Semesterprüfungen waren die erste Hürde, die sich mir in den Weg stellte. Ich war ein Provinzler, der nach Paris kam, um all das hinter sich zu lassen, was er seit jeher gekannt hatte, die alten Schwarz-Weiß-Postkarten über dem Bett, den Hund, der jedes Mal hinter dem Eingangstor bellte, wenn jemand klingelte, die gerade Linie des Meers am Horizont, und ich wollte, sobald mir die Stadt einmal nicht mehr so viel Angst machen würde, herausfinden, wer ich wirklich war, über meine Kindheit hinaus.
Als ich eines Nachmittags das Lernen unterbrach, um Zigaretten zu kaufen, und am Collège des Francs-Bourgeois an der Rue Saint-Antoine, Ecke Rue du Petit-Musc, vorbeikam, erblickte ich Evelynes Sohn. Er hielt das rote Fahrrad am Lenker, das am Flipper gestanden hatte. Statt die Straße zu überqueren, um dem Gedränge nach Schulschluss auszuweichen mit dem Geschrei der Schüler und den Müttern, die in ihren Autos in der zweiten Reihe hupten, ging ich auf dieser Seite des Gehsteigs weiter. Ich hatte plötzlich den Eindruck, wieder ein Kind zu sein und vor meiner Schule in Antibes zu stehen. Eigenartigerweise fühlte ich mich fragiler als damals, als wären die Jahre umsonst verstrichen: Nicht nur war ich kein bisschen reifer geworden, ich hatte darüber hinaus die Unbekümmertheit verloren, die Kindern eigen ist. Jérôme war in Begleitung einer schwarzhaarigen Frau um die vierzig, die den Arm um seine Schulter gelegt hatte. Sie trug einen Nerzmantel und hielt einen dunkelbraunen Rucksack an einem seiner roten Träger. Es musste die neue Frau seines Vaters sein, denn sie hatte dasselbe Auftreten wie Evelyne, nur noch bürgerlicher. Die Frau sah mich mit abwesendem, leerem Blick an. Ich sagte Jérôme Guten Tag, aber niemand achtete auf mich. Ich fühlte ein Unwohlsein aufkommen und lehnte mich neben dem Schuleingang ans Geländer. Ich beobachtete die Kinder auf der Straße: Sahen sie mich, wie ich sie sah? Stellte mein Körper für die Schüler, die mich mit der Schulter anrempelten, wirklich ein Hindernis dar? Und dann diese bohrende Frage, die mich jedes Mal mit dem Gefühl überfiel, ich würde in der nächsten Sekunde das Gleichgewicht verlieren und in Ohnmacht fallen: Existierte ich überhaupt?
Schließlich beruhigte ich mich. Die Menge der Schüler hatte sich zerstreut, und ich erinnerte mich daran, dass ich eigentlich Zigaretten kaufen wollte. Langsam ging ich weiter, was mir guttat. Was mir fehlte, dachte ich auf dem Weg, war eine gehörige Dosis Mut, um meinen Ängsten die Stirn zu bieten, dann wäre das Leben angenehmer. Die Universität war nach den Prüfungen zwischen Weihnachten und Neujahr geschlossen, und meine Eltern hatten mit mir eine Reise nach Sardinien geplant. Doch es wäre besser für mich, ich würde Paris erkunden, jeden Tag dieser Ferienwoche nutzen, um ein neues Arrondissement kennenzulernen, damit mir die Stadt vertrauter wurde. Ich bräuchte mir nur einen detaillierten Plan von den Straßen und Vierteln zu beschaffen, ich wollte Montmartre, die Butte-aux-Cailles, Saint-Germaindes-Prés, das Quartier Latin entdecken, die Orte, an denen sich die anderen Studenten trafen, wie Saint-Michel oder das Odéon, die für mich nur Metrostationen waren, und warum nicht in den Vorortszug steigen und Versailles besichtigen. Danach würde ich mich leichter fühlen, ohne dieses Gewicht auf den Schultern.
Am Abend rief ich aus einer Telefonzelle meine Mutter an. Ich hätte keine Zeit für die Sardinien-Reise, sagte ich, ich hätte viel zu tun für das zweite Semester, und ich weiß noch, dass ich mit bewegter, zitternder Stimme auflegte. Beim einzigen Mal, da ich meine Eltern besuchte, seit ich in Paris lebte, hatte ich den Eindruck zu ersticken und war augenblicklich in die Gewohnheiten zurückgefallen, die ich ein paar Wochen zuvor hinter mir gelassen hatte. Nach meiner Rückkehr fühlte ich mich noch fragiler, noch einsamer als zuvor. Mein kurzer Aufenthalt in der stattlichen Villa meiner Eltern hatte meine Einzimmerwohnung düster gemacht, und die Holzbalken zu beiden Seiten des Fensters vermochten das Ambiente auch nicht aufzuheitern. Das nur mit einem Bett und einem Schreibtisch ausgestattete Zimmer kam mir plötzlich karg vor und enger als in meiner Erinnerung. Ein Gefühl der Traurigkeit hing in der Luft; ich hatte es mit der Zeit vergessen.
Nach den Prüfungen fiel ich erneut in ein Loch. Die Vorlesungen gingen erst im Januar weiter, und ich hatte den Mut wieder verloren, Paris zu durchstreifen. Ich spürte eine große Müdigkeit und ließ die Tage einfach an mir vorbeiziehen, ohne wirkliche Beschäftigung, so als wollte ich mich mit Evelynes Gesicht, das sich nach und nach entfernte, in diese Leere einschließen, um sie ein letztes Mal zu betrachten. Ich wusste noch nicht, dass wir einander im Laufe dieser Ferienwoche im Viertel über den Weg laufen und mehrere Monate lang zusammen sein würden. Bald sollte Evelyne mir meine Jugend nehmen, so wie man ihr die ihre genommen hatte.
Ich habe mir lange ausgemalt, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Ich würde die Wohnung in der Nummer 79 der Rue de Courcelles in dem kalten, schmucklosen Botschafts- und Büroviertel mieten und mein Leben noch einmal von vorne anfangen. Ich hätte Evelyne nie getroffen, mich vielleicht mit meinen Kommilitonen angefreundet. Doch es ist besser, nicht daran zu denken, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn Jérôme im Bistro dieses Weinglas nicht umgestoßen und ich Evelyne in den Weihnachtsferien nicht wiedergesehen hätte.
Ich habe keine Ahnung, was aus ihr geworden ist in den letzten dreißig Jahren, in denen ich sie nicht mehr gesehen habe. Ob sie immer noch an der Côte d’Azur wohnt? Sie muss inzwischen fünfundsechzig sein, ihr Gesicht durch die starke Sonnenexposition von tiefen Falten gezeichnet. Wahrscheinlich würde ich sie auf der Straße gar nicht mehr wiedererkennen. Trotz ihrer Abwesenheit schien es mir die ganzen Jahre über, ihr Schicksal sei im Verborgenen noch immer mit meinem verstrickt, so wie zwei im Unglück vereinte Wesen fähig sind, egal, wie groß die Distanz ist, wie viel Zeit vergeht, eine viel intimere und ausschließlichere Beziehung aufrechtzuerhalten, als wenn sie sich weiterhin sehen würden.
Jeden Nachmittag ging ich ins Café an der Rue du Petit-Musc. Ich musste erst mehrere dieser langweiligen, untätigen Tage über mich ergehen lassen, bevor sich unsere Wege wieder kreuzten. Ich arbeitete für die Universität vor, indem ich den Stoff für das zweite Semester durchging. Ich dachte an Evelyne und schämte mich, gescheitert zu sein bei meinem doch so simplen Vorhaben, Paris zu erkunden, und wieder brauchte ich es, mich an ihr festzuklammern. Wenn die Bank frei war, setzte ich mich in den großen Raum, an den Platz, an dem sie bei unserer ersten Verabredung auf mich gewartet hatte. Die Porträts des Manns und der Frau, die auf das Geschehen herunterblickten, beruhigten mich, die SchwarzWeiß-Fotos prägten den Raum, gaben ihm etwas Zeitloses. Jedes Mal, wenn die Bistrotür aufgestoßen wurde, hob ich den Kopf in der Hoffnung, es sei Evelyne und sie würde sich zu mir an den Tisch setzen. Manchmal hielt ich hinter der Scheibe nach ihr Ausschau und stellte mir vor, wie sie mit der weißen Hülle von der Reinigung über der Schulter hereinkäme, und alles würde wieder von vorn beginnen, mit dem amerikanischen Pärchen, das mich bitten würde, ein Foto zu machen. Einmal, noch vor Beginn der Weihnachtsferien, hatte ich mir überlegt, bei Schulschluss auf Jérôme zu warten. Vielleicht holte Evelyne ihn manchmal ab, aber dann fielen mir ihre Worte ein: Sie sah ihn nur sehr selten. Nach ihrer Trennung mehrere Jahre zuvor hatte ihr Mann das alleinige Sorgerecht für Jérôme erhalten. Vor dem Gymnasium hatte es ausgesehen, als wäre er der dunkelhaarigen Frau im Pelzmantel mit dem leeren Blick näher als seiner Mutter.
Am 24. Dezember, einem Donnerstag, machte das Café an der Rue du Petit-Musc gegen fünf Uhr nachmittags zu. Bis ich meine Sachen zusammengepackt hatte, hatte der Wirt das Licht bereits ausgemacht. Er hängte ein Schild an die Glastür, und ich beeilte mich, zu ihm auf die Straße zu kommen. Er drückte mir die Hand und wünschte mir frohe Festtage, und bevor er ging, fragte er mich mit einer sanften Stimme, die mich an die eines Arztes erinnerte, nach meinem Namen. Ich fürchtete mich davor, allein zurückzubleiben, so als würde ich gleich in Ohnmacht fallen, wenn er weg wäre. Ich wäre gerne noch länger mit ihm zusammengeblieben, wahrscheinlich, weil er mich geduzt hatte, mir mit Wohlwollen begegnet war, und ich wünschte mir, er würde mich von meinem Unbehagen befreien. Ich dachte kurz, er sei drauf und dran, mich einzuladen, den Heiligabend bei ihm zu verbringen. Er sah tatsächlich seinem Vater ähnlich, dem dunkelhaarigen Mann, dessen Porträt an der Wand hing. Ob seine Eltern noch lebten, wollte ich ihn fragen, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen, doch er wünschte mir fröhliche Weihnachten und drehte sich um. Ich blieb vor dem Café stehen, um ein wenig die Zeit verstreichen zu lassen, und sah dem Wirt nach, der die Straße hinunterging Richtung der Seine-Quais. Das Café werde erst am Montag, dem vierten Januar, wieder öffnen, stand auf dem Schild, und darunter »Bis nächstes Jahr«, gefolgt von drei Punkten.
Ich ging in die Rue Saint-Antoine und rief aus einer Telefonzelle meine Mutter an. Nein, ich sei nicht allein heute Abend, sagte ich ihr, während ich mich zwang, beruhigend zu klingen, ein Kommilitone habe mir vorgeschlagen, den Abend mit ihm bei seiner Familie zu verbringen. Ich stellte mir diesen jungen Mann als den großen Blonden aus Bordeaux vor, der mich kaum noch grüßte, wenn wir uns im Hörsaal sahen. Ja, versicherte ich ihr, ich würde meinem Freund eine Schachtel Pralinen und seiner Mutter einen Strauß Blumen mitbringen. Einige Sekunden später legte ich auf, ich hatte nicht die Kraft, sie noch weiter anzulügen. Sie könne verstehen, dass ich nicht zu spät zur Feier erscheinen wolle, hatte sie mir geantwortet, sie werde meinen Vater von mir grüßen. Ich hatte ganz vergessen, ihnen eine gute Reise zu wünschen: Am nächsten Tag bestiegen sie das Schiff nach Italien.
Ich hatte keine Lust, in mein Zimmer zurückzukehren, obwohl die Straßen ausgestorben waren und in mir dasselbe Gefühl der Verlassenheit auslösten, das ich zu Hause hatte. Ich hatte noch etwas Kleingeld und rief Evelyne an. Ich hatte nicht vor, mit ihr zu sprechen, falls sie abnehmen sollte, ich wollte nur ihre Stimme hören, bis sie sich über das Schweigen ärgerte und auflegte. Der Anschluss war nicht mehr erreichbar. Evelyne hatte von einer Stellvertretung in einem Gymnasium in der Banlieue gesprochen: Vielleicht war sie während der Ferien umgezogen, um bei Schulbeginn im Januar mit dem Unterrichten anzufangen? Ich spürte gleichzeitig Erleichterung und einen Stich im Herz: Mit Ausnahme von Paris, seinen vier oder fünf berühmten Vierteln, würde ich nie neue Horizonte entdecken, dachte ich plötzlich.
4
An den folgenden Nachmittagen ging ich in den Bar-tabac-PMU des Mousquetaires an der Rue Saint-Antoine. Dort sah ich, etwas verloren an der Theke, mehrere Gäste aus der Bar an der Rue du Petit-Musc wieder. Ich setzte mich an einen Tisch neben der Kasse hinter der Glastür, wo es nur das regelmäßige Vorbeifahren der Autos zu sehen gab. Trotz des Durchzugs saß ich lieber hier als im hinteren Teil, wo die Atmosphäre noch trister war und die angeschlagenen Fliesen auf dem Boden und die weiß verputzten Wände den trostlosen Charakter weiter verstärkten. Männer spielten Billard, während sie sich gegenseitig in die Arme pufften. Statt das Café fröhlicher zu machen, trug ihre Ruppigkeit noch zu meinem Unbehagen bei. Hätte ich in ihrer Nähe gesessen, hätte ich Angst gehabt, einen Stock mitten in die Brust zu bekommen oder, während ich in meinen Skripten und Lehrbüchern blätterte, ihr Gespött über mich hören zu müssen.
Es kam mir vor, als würden sich die wenigen Ferientage einen ganzen Monat lang hinziehen, und ich begann der Italienreise mit meinen Eltern nachzutrauern. Einer der Stammgäste, ein alter Mann, der sich an den Nebentisch gesetzt hatte und mit einem Monokel die Zeitung las, fragte die Wirtin in theatralischem Ton, als sie ihm den Kaffee brachte: »Sind Sie glücklich, Madame?« Sie war um die fünfzig und trug über ihrem Pullover eine Angoraweste, wohl, um sich vor dem Durchzug zu schützen. Sie zuckte die Achseln: »Man schlägt sich durch, Monsieur Dubreuil, man schlägt sich durch.« Von ihrer tiefen, vom Zigarettenrauch, der das ganze Café erfüllte, kratzig gewordenen Stimme ging eine große Kraft aus. Vielleicht hatte er eine andere Antwort erhofft oder vergessen, dass er sie schon am Tag zuvor gefragt hatte, denn er wiederholte die Frage jedes Mal im selben affektierten Ton. Ich hatte stets das Gefühl, er richte sich an mich, weil er danach um sich blickte, als suchte er die Bestätigung durch ein Publikum. Seine Frage kapselte mich noch mehr in meiner Einsamkeit ein, sie erinnerte mich an die kurzen Momente mit Evelyne, die sich von der Leere abhoben, in der die Seminare an der Universität und die im Café an der Rue du Petit-Musc mit Lernen verbrachten Stunden auf die immer selbe Weise aufeinanderfolgten. Seit den Ferien war meine Langeweile so groß, dass mir schien, mein Leben sei stehen geblieben. Ich hatte das Gefühl, mich in einer eintönigen, endlos langen Gegenwart zu bewegen, und einzig die Vergangenheit, die ich mir mit Evelyne ausmalte, war hell. Ich füllte diese Leere mit Erinnerungen aus, die im Laufe der Tage zunehmend sinnlicher wurden, so als würden wir einander immer näher kommen. Dabei war ich unfähig, den Gedanken zu verdrängen, dass das alles nur erfunden war, und je mehr ich vor der Wirklichkeit flüchtete, umso elender fühlte ich mich.
Evelyne entglitt mir in diesem Wahn immer mehr. Wir hatten uns nur zweimal gesehen, und ich hatte inzwischen Mühe, mich an ihr Gesicht, an den Klang ihrer Stimme zu erinnern. Einzig ihr Lachen und die Farbe ihrer Haare waren intakt erhalten geblieben. Meine Einbildungskraft genügte nicht, sie derart in mir wachzurufen, wie sie mir bei unserer Begegnung erschienen war, und ich konnte nicht verhindern, dass sich dieser so starke Eindruck, den sie bei mir hinterlassen hatte, immer weiter verflüchtigte. Bald wäre Evelyne genauso durchsichtig wie die unbekannten Frauen in der Metro, für die ich eine Zuneigung verspürte, von der kurz darauf nur noch Gleichgültigkeit übrig blieb. Jeden Tag las ich vor dem Café an der Rue du Petit-Musc das Schild an der Eingangstür, das den Kunden frohe Festtage wünschte. Ich hatte Weihnachten allein verbracht, und es kam mir vor, als lebte ich außerhalb der Welt, als hätten die Kalenderdaten nichts mit mir zu tun.
Ich fand ein wenig Trost im Hund der Wirtsleute, einem alten, hinkenden Labrador mit braunem Fell, der sich an meine Beine schmiegte. Das Café war vom Kommen und Gehen der Kunden bestimmt, die Zigaretten kauften und Lotto spielten, und der Touristen, die minutenlang die Ständer mit den Ansichtskarten herumdrehten. Auf einer von ihnen erkannte ich die roten Backsteinfassaden am Rand des öffentlichen Parks am Ende der Rue de Birague, dessen karge Bäume man vom Café aus sah, wenn der Nebel sich auflöste. Ganz unten stand in kursiver Schrift, dass es sich um die Place des Vosges handelte. Ich pinnte diese Ansichtskarte an meine Wohnungstür in Erinnerung an die Schwarz-Weiß-Bilder von Paris, die mein Zimmer in Antibes geschmückt hatten.
Ich hatte zwei, drei Lehrbücher dabei, konnte mich jedoch im Café nur mit Mühe konzentrieren wegen des Publikumsverkehrs und der Männer, die so laut sprachen. Ich unterbrach meine Arbeit und beobachtete die Leute auf der Straße oder blätterte im Wettmagazin Paris Turf, das auf dem Tisch herumlag. Ich las die »Geheimtipps der Profis«, die Namen der Pferde. Eines Tages setzte ich auf das Pferd Don Romantique und suchte im Ausgang des Rennens nach einem Zeichen, nach einer Antwort auf die Frage, ob ich Evelyne wiedersehen würde. Das Pferd ging als zweitletztes durchs Ziel, und an jenem Tag kehrte ich früher nach Hause zurück, fest entschlossen, die weiße Kleiderhülle in meinem Schrank loszuwerden. Wieder fiel mir der Satz meines Vaters ein. Ich war der Reiter, der ein Rennen verloren hatte, und er ermahnte mich, ein Hindernis nach dem anderen zu nehmen. Der Hund folgte mir ein Stück auf der Rue Saint-Antoine und kehrte dann wieder ins Café zurück, die Pfote musste ihn geschmerzt haben, und ich fragte mich einen Augenblick, wer von uns beiden sich eigentlich an wen hängte.
Die Gespräche an der Kasse beschränkten sich auf das strikte Minimum, kaum dass die simplen Höflichkeiten wie Guten Tag, Danke oder Auf Wiedersehen getauscht wurden. Manchmal ließ mich ein liebenswürdiges, schüchternes Stimmchen aufhorchen, das um eine Schachtel Streichhölzer, ein Päckchen Zigaretten bat und das ich zwei oder drei Tage später erneut hörte. Ich spürte darin eine Fragilität, die mich in den ersten Sekunden gefangen nahm und die sie von den anderen Kunden unterschied, so als kämen diese Menschen einzig hierher, um mit der Wirtin über die Kälte zu sprechen, die draußen herrschte, über die Tage, die viel zu kurz waren, und so lange wie möglich in ihrer Nähe zu bleiben. Die Einsamkeit schnürte ihnen die Kehle zu, und ihren Lippen entwich nur eine dünne Stimme. Ich hatte das Gefühl, ihren Geisteszustand zu erfassen, ihr Inneres, in dem ich meine eigenen Qualen wiederfand. Warteten sie darauf, dass der Mann mit dem Monokel sie ebenfalls fragte, ob sie glücklich seien, um sich dann an seinen Tisch zu setzen und mit ihm Bekanntschaft zu schließen? Um mich zu beschäftigen, führte ich ein Register über ihr Erscheinen im Tabakladen. Ich sah ihr Profil oder ihre Silhouette erst, wenn sie das Café verließen und sich auf der Straße entfernten. Es war einfacher, mir ihre Stimmen, die besonderen Melodien in Erinnerung zu rufen, wenn ich ihre Gesichtszüge nicht kannte. Danach klangen sie in mir weiter als leise Musik, so als würden sie, indem sie sich miteinander vermischten, meiner inneren Stimme so nah wie möglich kommen, sofern diese überhaupt eine akustische Gestalt hatte. Ich hielt in meinem Heft jedes besondere Kennzeichen fest und fügte in Klammern das Datum ihres Erscheinens im Laden hinzu:
Junge Frau, ungefähr fünfundzwanzig, Hustenanfall, langer grauer Mantel, Lucky Strike Blue (Freitag, 25. Dezember, Samstag, 26. Dezember, Sonntag, 27. Dezember).
Siebzigjähriger Mann, groß, Glatze, Marlboro (Samstag, 26. Dezember, Montag, 28. Dezember). Michel P.
Beim zweiten Mal war dem Mann ein Briefumschlag aus der Tasche gefallen, und ich hatte beim Aufheben nur die Zeit gehabt, seinen Vornamen zu lesen. Er hatte sich mit liebenswerter, sanfter Stimme bedankt und war hinausgestürzt. Hatte ihn dieser Brief unglücklich gemacht?
Frau zwischen vierzig und fünfzig, an Krücken, Lottoschein (Mittwoch, 30. Dezember).
Teenager, groß und mager, Zigarillos Davidoff »für seinen Vater« (Montag, 28. Dezember, Dienstag, 29. Dezember, Mittwoch, 30. Dezember).
Ich hatte »für seinen Vater« nachträglich zwischen Gänsefüßchen gesetzt, ich war nicht sicher, ob nicht seine Freunde an der Straßenecke auf ihn warteten, um sich das Päckchen mit ihm zu teilen, was auch erklären könnte, warum er sich so emphatisch an die Wirtin wandte. Er kaufte jedes Mal eine Fünferpackung. Aber ich spürte hinter der Lüge einen Kummer heraus, der ihm die Kehle zupresste und dessen Gründe mir unbekannt waren.
Am Mittwoch, den 30. Dezember, hustete die junge Frau nicht mehr, ich hörte, wie sie die Wirtin selbstsicher und mit einer vollen Stimme ansprach. Diesmal stand sie nicht lange an der Kasse. Sie war von einem gleichaltrigen Jungen begleitet, der sie auf der Straße an der Hand nahm. Sie musste hübsch sein, ihre Silhouette war dünn, und ihre kastanienbraunen Haare reichten ihr bis zur Hüfte. Nachdem ich sie im Café lachen gehört hatte, strich ich durch, was ich über sie geschrieben hatte. Und sehr schnell fand ich eine andere Person, mit brüchiger, klagender Stimme, an der ich mich festhalten konnte.

Es war kurz vor sechs, als mich ein leises Geräusch, gefolgt von einem immer schneller werdenden Trommeln aus meinen Gedanken riss. Auf der Höhe meines Gesichts klopfte jemand mit dem Handrücken an die Fensterscheibe des Cafés. Es war Evelyne. Sie winkte mir zu. Ihren Sohn hatte ich nicht sofort bemerkt, er stand etwas abseits und trug eine Brille, die die Züge seines Gesichts weicher machte. Sie stieß die Tür zum Café auf und rief mir frohgelaunt zu:
»Na, Yves, den Kopf immer in den Büchern?«
Jérôme sagte nichts, als ich ihn ebenfalls begrüßte. Im Café liefen seine Brillengläser an, er legte sie auf den Tisch und kauerte sich dann nieder, um den Labrador zu streicheln, dessen Schnauze meine Schuhe berührte. Jérôme erinnerte mich an den selbstsicheren Jungen, der ich in seinem Alter gewesen war. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, hatte ich den Eindruck, meine Vergangenheit steige an die Oberfläche, um mir vor Augen zu führen, wie verletzlich mich das Leben gemacht hatte, statt mich abzuhärten. Und mir schien, er würde später dem großen Blonden aus Bordeaux gleichen.
»Ist das dein Hund?«, fragte er.
»Nein, er gehört dem Wirt, er wärmt mir nur die Füße«, antwortete ich und zwang mich zu einem Lächeln.
Ich hatte damit gerechnet, dass Evelyne sich ein Päckchen Zigaretten, eine Süßigkeit für ihren Sohn kaufen und sich wieder verabschieden würde. Sie schien sich nicht an meinen Anruf einen Monat zuvor zu erinnern. Vielleicht hatte das Klavier meine Stimme am Telefon übertönt, als ich meinen Namen sagte, und sie hielt mich für jemand anderen.
»Ich nehme an, du hast schon etwas vor heute Abend?«
Da fiel mir ein, dass der einunddreißigste Dezember war. Dabei hatte ich schon seit einer Stunde auf der Straße Leute mit Paketen, Weinkisten oder Champagnerflaschen auf dem Arm vorbeilaufen sehen. Aber ich war wie von der Gegenwart ausgeschlossen, ich gehörte in diese zähe Zeit im Hintergrund, die sich seit Beginn der Ferien ständig identisch wiederholte.
»Ja«, sagte ich zögernd, »ein Freund von der Universität gibt eine Party.«
Evelyne schien sich nicht daran zu erinnern, was ich ihr im Café gestanden hatte: dass ich abgesehen von einer alten Cousine in Paris niemanden kenne. Sie war an dem Tag so nervös gewesen, dass sie mir nicht zugehört hatte.
»Hast du trotzdem Zeit, etwas mit mir zu trinken?«, fragte sie mit schüchterner Stimme, als fürchtete sie meine Antwort.
»Doch, ja. Ich bin sowieso nicht sicher, ob ich zu dieser Party gehe, sie ist am anderen Ende von Paris.«
Evelyne war Silvester allein, und ich hatte keine Ahnung, warum sie den Abend mit einem Jungen in meinem Alter verbringen wollte. War das wieder diese Jugend, die sie in kleinen Häppchen nachholte?
Sie müsse erst Jérôme nach Hause bringen und werde in etwa zehn Minuten wieder im Café sein, sagte sie. Es war Donnerstag, und am Wochenende fahre sein Vater mit ihm für die Ferien in die Normandie. Ich verkniff es mir, ihnen auf der Straße nachzuschauen. Ich suchte mit der Hand unter dem Tisch nach dem Hund, aber er war nicht mehr da. Er musste sich von Jérôme belästigt gefühlt haben. Hatte Evelyne gar nichts gekauft im Tabakladen, war sie einzig hereingekommen, um mich zu sehen? Würde sie zurückkommen, wie sie es versprochen hatte? Ich hatte das Gefühl, nichts Handfestes mehr zu haben, an dem ich mich festhalten konnte, abgesehen von der runden Brille mit dem hellgrünen Gestell, die Jérôme auf dem Tisch liegen gelassen hatte und deren Bügel ich während des Wartens nervös auf- und zuklappte.
Er war ein Junge mit kastanienbraunen Haaren und vollen Wangen, die ihm trotz des harten Blicks eine kindliche Sanftheit verliehen. Jérôme hatte bestimmt keine Angst, allein durch das Viertel zu streifen, das er besser kennen musste als ich. Er hatte diese Unbekümmertheit gegenüber anderen, auf die Evelyne mich bei den Parisern aufmerksam gemacht hatte, und gleichzeitig diese Sicherheit, mit der sich, dem Anschein nach, die Söhne aus guter Familie durchs Leben bewegen. Ich war ebenfalls ein Sohn aus guter Familie, aber seit ich in Paris war, glich ich eher einem verlorenen, melancholischen jungen Mann. Als ich bei meinen Eltern in Antibes auszog, ließ ich dort einen ambitionierten Studenten zurück, seines Erfolgs gewiss, dem es an Fantasie fehlte. In dieser Einsamkeit war ich ich selbst geworden: ein fragiler, verträumter Junge, leicht beeindruckbar, und in Gesellschaft vermochte keine Fassade mein Innenleben zu verbergen.
Als ich Evelyne auf den Bar-Tabac zukommen sah, war meine Emotion viel stärker, unerwarteter als die in meiner Imagination: In das Glück, das ich empfand, mischte sich die Angst, sie könnte mich plötzlich verlassen. Bevor sie sich mir gegenüber hinsetzte, faltete sie ihren Schal und legte ihn über die Lehne ihres Stuhls. Ihr dunkelbrauner Ledermantel reichte ihr bis knapp über die Knie. Sie stand im Durchzug neben der Eingangstür, und es war jetzt, wo es dunkel geworden war, noch kälter als zuvor.
»Eigentlich mag ich die Atmosphäre der einfachen Cafés, aber hier ist es ein bisschen traurig, findest du nicht?«
Sie sprach mit einer sanften Stimme, die beruhigend auf mich wirkte.
»Ja, im Viertel hat alles zu«, sagte ich, während ich mit dem Finger auf Jérômes Brille auf dem Tisch zeigte.
Sie steckte sie kommentarlos in ihre Manteltasche. Es schien mir, sie freue sich, sie an diesem Ort wiederzufinden und wie einen Talisman an sich zu nehmen.
»Es ist schön, in Paris zu sein, selbst wenn keine Menschenseele auf der Straße ist«, sagte sie.
Evelyne wohnte inzwischen in der Banlieue, in der Dienstwohnung, die ihr vom Gymnasium zur Verfügung gestellt wurde, in dem sie ab Januar unterrichten würde. Die Schule lag auf einer Anhöhe über einer ländlichen Kleinstadt. Sie hatte ihre Pariser Wohnung zu Beginn der Schulferien geräumt, eine kleine Zweizimmerwohnung in der Nähe der Metrostation Passy. Vom Wohnzimmerfenster aus konnte man die Spitze des Eiffelturms sehen, aber was ihr am meisten fehlte, seit sie auf dem Land lebte, waren die Geräusche der Hochbahn und der Autos, der Geruch der Seine und der Wasserstaub, der ihr Gesicht besprühte, wenn sie bei schlechtem Wetter durch die Avenue du Président-Kennedy lief.
»Weißt du was, ich habe den Eiffelturm noch nie gesehen«, sagte ich mit einem leichten Grinsen. »Außer auf Fotos.«
Ich dachte an eine der schwarz-weißen Ansichtskarten von meinem Großvater, auf der der breitbeinige Turm die Stadt mit einem vertikalen Strich in zwei Teile schnitt und den Gebäuden um den Champ-de-Mars die Dimension von Puppenhäusern verlieh.
»Ich war auch noch nie oben. Ich bin nicht schwindelfrei«, antwortete sie und erwiderte mein Lächeln.
Sie schien aufrichtig: Sie spielte nicht mehr wie das letzte Mal im Café die etwas frivole Studentin, und auch nicht die Bürgerliche aus den schicken Vierteln.
Evelyne fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, gleich jetzt mit ihr auf den Eiffelturm zu gehen. Jérôme sei schon mit der Schule dort gewesen, und außerdem würde sie, um sich der »Höhenangst« zu stellen, lieber mit mir hinaufgehen. Wir würden uns gemeinsam mit den anderen Touristen, die mit ihren Rucksäcken und den Stadtplänen in der Hand vor der Kasse warteten, in die Schlange stellen. Jetzt, wo sie außerhalb von Paris wohnte, war sie wieder zu dieser jungen Frau aus Besançon geworden, die gerade in der Hauptstadt gelandet war, und sie fand die Vorstellung lustig, so zu tun, als könnte alles noch einmal von vorne anfangen. Ihrer Ansicht nach gehörte Paris diesen Provinzlern, die sich auch Jahre nach ihrer Ankunft noch immer für das Panorama begeistern konnten.
»Einverstanden«, sagte ich. Ich könne sie verstehen, ich hätte auch keine Lust, allein hochzusteigen.
Evelyne hoffte, dass ich trotzdem noch zu der Party meines Freunds gehen konnte. Und sie fügte lachend hinzu:
»Ich werde dich vor neun freilassen, versprochen.«
Ich antwortete nicht.
»Mir war Paris nachts immer am liebsten.«
»Mir auch«, sagte ich. »Man fühlt sich etwas weniger verloren, und leichter, wenn um einen herum alles erlischt.« Wir verließen das Café, ohne auszutrinken, und stiegen in die Gänge der Metro hinab. Evelyne kannte den Weg auswendig, sie musste ihn jedes Mal nehmen, wenn sie Jérôme abholte. Ich folgte ihr, ohne auf die Richtung oder den Namen der Station zu achten, an der wir in die Hochbahn wechselten.
Beim Aussteigen erblickte ich ihn, aber Evelyne ging so schnell, dass ich nicht stehen bleiben konnte, um das gigantische Bauwerk zu betrachten, dessen erdrückende Ausmaße und Proportionen auf einer Ansichtskarte nur schlecht wiedergegeben wurden. Ich blieb ihr dicht auf den Fersen, versuchte gar nicht erst, mir den Namen der Straßen zu merken, fragte mich nicht, wie ich wieder nach Hause kam, so sehr fürchtete ich, sie könnte mich abhängen. Es war sehr viel los an jenem Abend, und ich war gezwungen, mich wie sie mit kleinen Schritten im Zickzack durch die Touristengruppen hindurchzuschlängeln, um mich auf ihrer Höhe zu halten. Evelyne erinnerte mich an diese Leute, die einen auf der Straße anrempelten und sich nicht umdrehten, um sich zu entschuldigen. Es wundere mich, rief ich ihr zu, während ich sie an der Schulter fasste, dass sie mit ihren hohen Absätzen so schnell laufen könne. Sie entschuldigte sich, sie fühle sich von der Menge bedrängt, aber sie versprach mir, langsamer zu gehen. Wir waren fast da, und die meisten Passanten waren Richtung Quais gezogen. Sonst könnten wir vielleicht die Schuhe tauschen, scherzte sie, damit ich schneller vorankäme.
Die Straßen rund um den Champ-de-Mars waren breit, tief, und die stattliche Architektur der Gebäude, der Efeu an den Fassaden sorgten für eine gedämpfte, strenge Atmosphäre. Zu dieser Stunde waren nur wenige Wohnungen erleuchtet. Laut Evelyne wurden ganze Etagen von diplomatischen Korps als Zweitunterkünfte genutzt. Das Fehlen von Blumen auf den Balkonen, die nackten Fenster erweckten den Eindruck, dass zahlreiche Wohnungen leer waren, wodurch die Straßen finster wirkten. Die Reflexe auf den Scheiben verlängerten die Dunkelheit und machten sie noch tiefer. In der Ferne tauchte der Park auf, die trockene, graue Erde, die im Winter an die Stelle des grünen Rasens getreten war. Für Schnee war es um diese Jahreszeit nicht kalt genug. Hier waren kaum noch Leute unterwegs, mit Ausnahme von ein, zwei Schwarzhändlern, die sich regelmäßig durch das Klimpern ihrer Schlüsselanhänger in Form von Eiffeltürmen bemerkbar machten und die in dieselbe Richtung liefen wie wir. Plötzlich hatte ich den Eindruck, Paris verlassen zu haben und auf dem Land zu sein. Es reichte, die Augen zu schließen und sich vom Geklimper der Schlüsselanhänger einwiegen zu lassen, das ich mit den Glocken einer Schafherde vertauschte. Aber die Angst war noch immer da, nicht mehr die Angst, mich zu verirren, sondern die Vorahnung, ich steuere auf eine Sackgasse zu. Das Geräusch der Schlüsselanhänger erinnerte mich an das unerbittliche Ticktack einer Uhr: Die Stunden mit Evelyne waren gezählt, und bald würde sie wieder verschwinden. Ich hatte das Gefühl, mich in einem Traum zu befinden, in dem mir alles offenbart wurde, was ich ihretwegen durchmachen würde: unser Leben in einem Gymnasium im Umland von Paris, ihre fluchtartige Abreise nach Nizza und die vier Monate, die wir, Jérôme und ich, zusammen verbrachten und auf sie warteten. Aber vielleicht spürte ich an dem Abend auch nichts anderes als die Angst vor dem Unbekannten, die mich, wie mir heute scheint, die Ereignisse ahnen ließen, die auf meine Begegnung mit Evelyne folgen sollten.
»Wusstest du eigentlich, dass ursprünglich vorgesehen war, den Eiffelturm nach der Weltausstellung von 1889 wieder abzureißen?«, fragte sie.
Und wie am Morgen beim Aufwachen vergaß ich den Traum sofort wieder. Es blieb einzig das Vorgefühl, dass mein Leben sich nach und nach auf den Weg reduzierte, den ich mit Evelyne gemeinsam gehen würde, ohne mir genau erklären zu können, woher dieser Eindruck rührte, den ich dabei hatte: Es ist zu spät und es gibt kein Zurück mehr. War das dieses kühne Leben, das nun begann? Ein Leben, von dem man nicht weiß, was am nächsten Tag geschehen wird?
Auf dem Platz vor dem Eiffelturm stellten Evelyne und ich uns in die Schlange vor dem südlichen Pfeiler. Wir hatten Glück, ihrer Ansicht nach war es noch früh, und die meisten Besucher kamen erst nach dem Abendessen, gegen elf, in der Hoffnung, den Jahreswechsel auf einer der drei Plattformen zu erleben. Allmählich begann Evelyne ein Gefühl von Schwindel zu spüren, sie sagte mit ihrer hohen Mädchenstimme: »Ich fühle mich ganz klein, fast erdrückt«, und zog die Lederhandschuhe aus, um sich eine Zigarette anzuzünden. Sie schien auf etwas anderes anzuspielen als auf ihre Höhenangst, denn sie wandte danach rasch den Blick ab, als wäre ihr in dem Augenblick der versteckte Sinn ihres Satzes bewusst geworden. Ich hatte Lust, sie in die Arme zu nehmen, aber vor allem, um meine eigene Angst zu beruhigen. Um uns abzulenken, amüsierten wir uns damit, die fremden Sprachen zu erraten, die wir um uns herum hörten. Das erinnere mich, sagte ich ihr, an die Autofahrten als Kind, auf denen ich die beiden letzten Zahlen auf den Nummernschildern zu identifizieren und den Departements auf der Michelin-Karte zuzuordnen versuchte, die ich auf meinen Knien ausgebreitet hatte. Die Schlange bestand fast ausschließlich aus Amerikanern und Japanern. Nach einer Viertelstunde waren wir praktisch beim Eingang des südlichen Pfeilers angekommen. Evelyne kaufte die beiden Tickets, und wir mussten lachen, als der Mann am Schalter sie zu ihrem ausgezeichneten Französisch beglückwünschte. Er hatte sie für eine Ausländerin gehalten. Evelyne bedankte sich und erklärte mit spitzbübischer Miene, sie sei für eine Woche Ferien in Paris. Sie lebe in San Francisco und habe vor sehr langer Zeit Französisch gelernt.
Wieder warteten wir, um in den Aufzug zum ersten Stock zu gelangen. Evelyne drückte sich an meine Schulter, sie fürchtete, dass der junge Mann in der roten Livree, der den Aufzug betätigte, uns trennen könnte. Seine Arbeit bestand darin, dafür zu sorgen, dass die größtmögliche Anzahl Personen, die die Kabine fassen konnte, einstieg, damit die Zirkulation der Besucher so flüssig wie möglich verlief. Er schob eine weinrote Kordel mit vergoldetem Endstück vor und zurück, um die Schlange der Wartenden vor den Aufzügen entweder aufzuhalten oder vorwärtszudirigieren.
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