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Inhaltsverzeichnis
Feuerkuss und Flammenseele
Buch 1
Feuerküsse
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Buch 2
Flammenseele
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Epilog
Über die Autorin
Danksagung
Veröffentlichungen
Homepage
Feuerkuss und Flammenseele
Eileen Raven Scott

Für Steffi, die Lierds Geschichte damals betagelesen
und einer Figur aus dem Buch sogar das Leben gerettet hat.
© Eileen Raven Scott 2014
Machandel Verlag Haselünne
Charlotte Erpenbeck
Ergänzte Neuauflage 2020
Cover-Designerin: Ch.Erpenbeck
mit Material von
lady-luck und chaslKS / shutterstock.com
Innen-Illustrationen: ebenfalls shutterstock.com
ISBN 978-3-95959-272-7
Feuerkuss und Flammenseele
Buch 1
Feuerküsse
Kapitel 1
Das Feuer lachte und flüsterte süße Worte. Aruni setzte sich auf den Kaminsims und streckte ihre Hand nach den Flammen aus. Augenblicklich leuchteten sie auf und schmiegten sich an ihre Haut. Langsam wich die Herbstkälte aus ihren Knochen. Schnurrend ringelte sich Ash auf ihrem warmen Schoß zusammen. „Ach, Ash, wie sehr ich es leid bin, anders zu sein. Immer diese Maskerade.“
Missmutig sah sie zu ihrer Sammlung von Handschuhen, Hüten, Haartüchern und Spangen, die auf der Kommode am Fenster lagen. Ash rieb ihren Kopf gegen Arunis Hand. Aruni kraulte ihre Ohren, setzte sie dann aber sacht neben sich ab und ging zum Fenster. Nachdenklich strich sie sich über ihre kurzen Hörner. Mit einem letzten Blick in die Nacht zog sie die Vorhänge zu. Neugierige Blicke von Passanten konnte sie jetzt wirklich nicht gebrauchen. Sie drehte die Heizung noch ein wenig höher. Für Ihren Geschmack war die Temperatur zwar immer noch zu niedrig, aber mehr als knappe 45 Grad schaffte die Anlage einfach nicht.
Blazer, Bluse und schwarze Jeans landeten in einem unordentlichen Haufen auf dem alten Samtsessel in der Ecke des Schlafzimmers. Dann begann Aruni mit finsterem Blick die schwarze Bandage abzuwickeln, unter der sie ihre rotschuppig glänzende Körpermitte und ihren nachtschwarzen Schweif verbarg. Kurz sah sie in die Flamme der Kerze auf ihrem Nachttisch, blies sie dann aus und krabbelte unter die Bettdecke.
Die kleine Katze leckte ihr Fell sauber, dann sprang sie mühelos vom Kamin und lief lautlos zu Arunis Bett. Mit einem eleganten Satz landete sie auf der weichen Decke und ringelte sich dort zusammen.
„Mein Flämmchen, wenn ich dich nicht hätte“, sagte Aruni leise. „Schlaf schön.“
Entgeistert fuhr Aruni hoch. Neben ihr fauchte Ash fast so laut wie sie. Wer zum Teufel klingelte mitten in der Nacht an ihrer Tür? Aruni sprang aus dem Bett, riss hastig die Bettdecke mit sich und stolperte fluchend zur Tür. Jetzt hämmerte der nächtliche Störenfried ungeduldig an das Holz.
Um diese Zeit konnte das nur einer sein - und der bedeutete Ärger. Ein Blick durch den Spion bestätigte ihren Verdacht. Erneut stieß sie ein leises Knurren aus. Ash sprang auf das Bücherregal gegenüber der Tür und machte sich neben einer Blumenvase ganz klein.
Aruni zog die Bettdecke fester um sich und öffnete die Tür einen Spalt breit.
„Mach endlich richtig auf, Aruni. Was soll das denn jetzt?“, herrschte Lierd sie an. „Bist du plötzlich schüchtern geworden, hier unter den Menschen?“ Er drängelte sich an ihr vorbei in die Wohnung und sah aus seiner imposanten Höhe von zwei Metern zwanzig auf sie herab.
„Na, was ist, störe ich?“ fragte er.
„Überhaupt nicht. Schon gar nicht um diese Zeit.“ Aruni schnaubte. "Was willst du, Lierd? Es ist Nacht.“
„Ja, genau. Es ist die Nacht vor Halloween, in der du eigentlich an der Zeremonie teilnehmen solltest. Du könntest ein paar Menschenopfer mitbringen. Du sitzt doch hier direkt an der Quelle.“ Er leckte sich über die Lippen.
Ein Husten ertönte, Aruni und Lierd sahen zum Bücherregal. Die Katze würgte einen Fellball hoch. Er landete lautlos auf dem Teppich.
Lierd sah sie an. „Siehst du? Ihr gefällt es hier auch nicht. Wie lange willst du denn noch hier bleiben?“
Erneut schnaubte Aruni wütend und verschränkte die Arme. „Es gefällt ihr hier gut. Und mir auch. Wenn du mich nur wieder überreden willst, mitzukommen, kannst du sofort wieder gehen.“
Anstatt zu antworten, lachte Lierd. Er machte zwei Schritte auf Aruni zu und baute sich vor ihr auf wie ein Kater, der sein Revier verteidigt. „Willst du mir drohen?“
Leicht glühten Arunis Hörner auf, aber dann zuckte sie nur mit den Achseln und trat einen Schritt zurück.
Lierd grinste und ging an ihr vorbei. Dabei stieß er sie mit der Schulter an, sodass fast ihre Bettdecke heruntergerutscht wäre. Er ging zum Feuer und ließ sich breitbeinig in einen der Ledersessel fallen.
Aruni zögerte. Dann entschied sie sich für die Bank am Fenster. In sicherer Entfernung setzte sie sich und beobachtete ihren ungebetenen Gast.
„Warum trägst du eigentlich eine Bettdecke?“, fragte Lierd schließlich, nachdem er eine Weile in die Flammen gestarrt hatte. „Ist das eine neue Menschenmode?“
Der sanfte Ton beunruhigte Aruni noch mehr. Seine Augen funkelten seltsam. Führte Lierd etwas im Schilde? Aber nein, es war bestimmt nur das Feuer.
„Ich habe geschlafen“, sagte sie kleinlaut.
„Du hast geschlafen?“ Lierd klang ehrlich erstaunt. „Du musst schlafen? Das wusste ich nicht. Wieso wusste ich das nicht? Seit wann?“
„Hier oben ist es anders. Meine menschliche Seite kommt auf der Oberfläche mehr zum Vorschein. Aber ich habe auch unten geschlafen. Heimlich. Wenn du mich einen Moment entschuldigen würdest“, murmelte sie und ging rückwärts ins Badezimmer. Sie ärgerte sich darüber, dass Lierd diese Schwäche herausgefunden hatte. Im Schlaf war sie wehrlos. Wenn das unten die Runde machte, wer wusste schon, wer das ausnutzen würde. Und auf Lierd war kein Verlass.
Aruni lehnte sich an die geschlossene Tür und schnappte sich ihren Bademantel. In der Ecke neben der Badewanne lagen noch ihre violette Jogginghose, eine blaue und eine rote Socke. Leider keine Unterwäsche, aber Hauptsache, er starrte nicht auf ihre nackte Haut. Schnell schlüpfte sie in den weichen Stoff und strich ihre Haare zurück. Dann holte sie tief Luft und öffnete die Tür wieder.
Lierd saß nicht mehr im Sessel. Nervös schoss ihr Blick von einer Ecke des Raums in die andere. Ein Geräusch kam aus der Küche. Leise schlich sie bis zum Türrahmen und sah genau auf die mächtigen Muskelstränge seines Rückens. Lierd stand vor dem offenen Kühlschrank. Wahrscheinlich suchte er nicht vorhandenes Bier. Er hatte sein Hemd ausgezogen. Menschenkleidung hatte er schon immer gehasst.
„Du brauchst nicht zu schleichen, ich weiß genau, wo du bist.“
Im nächsten Augenblick stand er so dicht vor ihr, dass sie ihn förmlich riechen konnte. Über dem gewohnt rauchigen Geruch lag ein Hauch von Parfüm. Es war ein weiblicher Duft, blumig und tödlich. Jenna. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
„Ja, ich war bei Jenna“, sagte er und zog die Schultern zurück. „Du brauchst gar nicht so an mir zu schnüffeln.“ Seine Hände steckten tief in den Taschen seiner schwarzen Jeans. Lierd zog die Lippen ein Stück zurück und entblößte seine perfekten weißen Eckzähne. Ein leises Knurren ließ sie in seine Augen blicken. Darin loderte sein eigenes Feuer. Wild und unbezähmbar. „Aruni ...“, fauchte Lierd. „Sieh mich nicht so an. Ich weiß, was du denkst, und du liegst falsch.“
Sie löste ihren Blick und drehte den Kopf zur Seite. Schritt für Schritt ging sie rückwärts, bis sie an die Küchenwand stieß. Lierd blieb stehen, wo er war und lehnte sich an den kleinen Klapptisch, der in der Mitte der Küche stand. Es knirschte vernehmlich. Lierd riss die Augen auf und fiel wie ein gefällter Baum nach hinten, als der Tisch nachgab. Die Tischplatte brach in der Mitte durch und Lierd landete zwischen den großen Splittern auf den Küchenfliesen. Er stieß einen saftigen Fluch aus. In einer geschmeidigen Bewegung richtete er sich wieder auf und sah halb mitleidig auf den Berg aus Sperrholz und Plastik.
„Ich kaufe dir morgen einen neuen Tisch. Leg dich wieder schlafen“, sagte er und verließ die Küche. Die Haustür fiel laut ins Schloss. Aruni ließ den angehaltenen Atem ausströmen.
Kapitel 2
Ilvio schwamm ärgerlich von den anderen weg. Es war alles so sinnlos. Tanzen, tanzen, tanzen, singen, singen, singen. Mehr taten sie nicht. Aber zu dieser Musik wollte er nicht mehr tanzen, und er wollte auch nicht singen. Er wollte die Welt sehen. Etwas, was keiner der anderen verstand. Ilvio schwamm zum Ufer und richtete sich auf. Und bald würden sie ihm dafür auch danken. Er würde ihnen neue Musik bringen. Dann würde es besser werden. Für eine Weile. Und wenn auch das langweilig geworden wäre, würde er eben erneut losziehen.
Am Strand spürte er die ungewohnte Härte des feuchten Sandes unter den Schwimmhäuten seiner Zehen und seufzte. Mit großen Schritten lief er am Wasserrand entlang. Er rieb sich die Brust. Seine Lungen schmerzten, er hatte sie schon ein paar Monate nicht mehr benutzt. Am Ende des Sandstrandes sah er sich um. Vor ihm lagen die Klippen und darauf ein grüner Rand aus Gras und Bäumen. Hinter ihm lag das dunkle, unendliche Meer. Seine Heimat.
Entschlossen ging er bis an die steile Felswand, lief ein Stückchen daran entlang und fand schließlich den schmalen Pfad, der holprig und schief zwischen den Felsen landwärts führte.
Ilvio ging ohne zu zögern den Pfad entlang. Auf einmal öffneten sich die Felsen, und er stand oben am Klippenrand, hoch über seiner Welt. Als die Sonne aufging und das Meer glitzern ließ, flog ein Schwarm Seemöwen laut kreischend über seinen Kopf hinweg. Ilvio warf den Kopf zurück und lachte. Er ließ sich auf das Gras fallen und sah einfach in den Himmel, folgte den Wolken mit seinen Blicken und staunte über all die Farben, die durch den Himmel wanderten. Zuerst dunkles Blau, dann ein roter Schimmer wie von Seesternen, und dann hatte der Himmel eine so strahlend blaue Farbe, wie er sie noch nie gesehen hatte. Zumindest kam es ihm so vor. Die unendliche Weite und die klare Luft nahmen ihm den Atem.
Seine Gedanken begannen zu wandern, zusammen mit den Wolken. Wohin sie wohl zogen? Noch nie war er allein an Land gegangen. Sonst kam immer seine Tante mit. Aber sie teilte nicht seine Meinung, dass sich etwas ändern musste.
Eine melodische Stimme riss ihn aus seinen Tagträumen.
„Oh? Besuch?“ Ein leises Lachen ertönte.
Ilvio schirmte seine Augen gegen die Sonne ab und drehte den Kopf. Audrey! Eine der wenigen Menschen, die von den Meereselfen wussten. Wobei Audrey streng genommen kein Mensch mehr war, sondern ein Geist. Natürlich, sie wohnte immer noch an diesem Küstenabschnitt, das letzte Mal hatte er sie allerdings auf der anderen Seite der Küstenstadt gesehen.
„Schön, dich wiederzusehen, Ilvio“, sagte Audrey und setzte sich ihm gegenüber in das Gras. Sie nickte zum Meer. „Ein berührender Anblick, nicht wahr? Möglicherweise ist es dieser Anblick, der mich an diese Welt fesselt.“ Sie richtete den Blick zum Horizont. Ilvio schmunzelte, sie und er wussten genau, dass es nicht nur am Sonnenaufgang lag, dass Audrey immer noch hier war, obwohl sie längst gestorben war. Sie hatte sich einfach entschieden zu bleiben, genau wie ihre Eltern, die den Geisterhügel hinter der Küstenstadt bewohnten.
Mit einiger Belustigung begriff er plötzlich, wieso sie ihn nicht ansah. Er war nackt, bis auf die paar Seealgen, die er sich um seine Lenden geschnürt hatte.
„Bleibst du länger?“, fragte Audrey. „Ich könnte dir eine Hose beschaffen, und vielleicht ein Hemd.“
„Das wäre wunderbar“, sagte Ilvio. „Ich möchte nach London. Du hast mir doch schon oft von der Hauptstadt erzählt. Gibt es dort gute Musik?“
Audrey lachte. „Aber ja! Was suchst du genau?“
„Das werde ich erst sicher wissen, wenn ich es höre“, überlegte Ilvio. „Bei uns ist alles so eintönig geworden. Wir brauchen etwas Neues.“
„In London wirst du es bestimmt finden. Es gibt dort andauernd Konzerte, Partys, Musikgeschäfte, alles Mögliche. Komm mit, ich habe alles in den Hügeln gehortet, was du brauchst.“
Kapitel 3
Ein schrilles Klingeln riss Aruni aus dem Schlaf. Müde rieb sie sich die Augen und starrte auf ihren Wecker. Dann streckte sie den Arm aus, um das nervtötende Klingeln auszuschalten. „Mist, schon Zeit zum Aufstehen“, sagte sie zu Ash, schlug die Decke zurück und quälte sich aus dem Bett.
Nach einer heißen Dusche sah die Welt deutlich freundlicher aus. Das Wasser war natürlich weniger heiß als Feuer, für ihre menschliche Haut so aber auch viel angenehmer. Aruni machte Ash Frühstück und aß selbst ein paar Bissen von dem Curry, das sie am Vortag gekocht hatte.
Vor dem Spiegel zog sie sich an und türmte ihre Haare zu zwei kleinen Knoten, die sie um ihre Hörner schlang. Darum wickelte sie zwei schwarze Satinbänder. Als sie fertig war, verzog sie den Mund. Nicht direkt schön, aber zumindest einigermaßen unauffällig und praktisch. Sie sah sich nach ihrer Katze um.
„Bis später, Ash. Ich hoffe, Lierd wird dich nicht stören, aber ich weiß, dass er dich eigentlich mag.“
Ash miaute verneinend und Aruni musste lächeln. „Doch, bestimmt. Ich muss los. Mach keine Dummheiten!“ Sie streichelte Ash über den Rücken und verließ ihre kleine Wohnung.
Die Luft war kühl und die Sonne noch nicht aufgegangen. „Abscheulicher Herbst“, dachte sie im Stillen. Zu kalt und eindeutig zu nass. Wehmütig erinnerte sie sich an die heißen Sommertage. Sie zog ihren Mantel enger um sich und schlenderte die Straße entlang. Die Geschäfte waren alle noch geschlossen. Kaum jemand war unterwegs. Ein Mann im dunklen Trägerhemd mit knallroten Haaren, die wirr in alle Richtungen standen, torkelte vor ihr gegen eine Laterne und hielt sich daran fest, als ob er mit ihr tanzen wollte. Doch nach ein paar wiegenden Schritten, klammerte er sich nur noch fest und wankte gefährlich.
Schon aus zehn Schritten Entfernung roch sie den Alkohol in seinem Atem. Er hatte trotz des kühlen Wetters nackte Arme und als sie näher kam, schaute sie auf die Tätowierungen auf seiner Haut. Bei einer rot gehörnten Teufelin in Stöckelschuhen, Korsage und Strapsen musste Aruni grinsen. Das leibhaftige Abbild von Flame. Aber Flame kam nie in die Menschenwelt. Genaugenommen kam fast niemand von ihrer Familie in die Menschenwelt, seitdem ihre Mutter einmal diesen „Fehlgriff“, wie sie es nannte, mit Arunis Vater gehabt hatte.
Aruni stieß mit dem Fuß gegen etwas. Es schepperte, eine leere Cola-Dose flog in hohem Bogen durch die Luft und traf den Mann an der Wade. Der Tätowierte drehte sich zu ihr um und fluchte.
„Entschuldigung“, rief Aruni und lächelte versöhnlich. Er starrte sie einen Augenblick an, dann verschwamm sein Blick wieder und er torkelte in die andere Richtung davon. Aruni seufzte und überquerte die Straße. Die Passage war noch verschlossen, also ging sie außen herum, an der Mauer zum Kanal entlang und an den bunten Häusern vorbei. Petunia war schon dabei, ihren Stand aufzubauen. Bunte Wimpel hingen an einer Leine. Darunter stapelte sie gerade allerhand Anhänger, Taschen mit Spiegeleinsätzen und ein paar Bücher über Engel und Hexenkräuter. Als sie Aruni sah, winkte sie.
Aruni blieb stehen und rief: „Bist du heute Abend auch auf der Party?“
„Na klar!“, gab Petunia zurück.
„Dann sehen wir uns dort!“ Aruni hob ihre Hand zum Abschied und ging weiter.
Gegenüber im Cyberdog dröhnte schon laut die Musik. Im dunklen Inneren konnte Aruni die schmale Verkäuferin sehen, die sich wie ein Roboter auf Ecstasy bewegte. Alles wie gewohnt.
Ein Geruch nach Plastik und Staub schlug Aruni entgegen, als sie den Laden betrat, in dem sie arbeitete. Sie machte die Tür weit auf und ging an den Ständern mit Bekleidung in den Farben Schwarz, Weiß und Rot vorbei. Am Wandkalender riss sie das Blatt von gestern ab und zog eine Grimasse. Heute war der 31. Oktober und damit Halloween. Das bedeutete Ärger. Irgendwo unter ihren Füßen in den höllischen Katakomben ihrer Familie würde die Hauptzeremonie stattfinden, und sie hatte überhaupt kein Verständnis zu erwarten für ihr Fernbleiben. Bestimmt würde Lierd auch heute noch einmal vorbeischauen, um einen weiteren Versuch zu machen, sie zur Teilnahme zu überreden.
Wenn ihre Familie nicht gewesen wäre, hätte sie Halloween richtig genießen können. Eigentlich mochte sie diesen Tag, noch schrägere Gestalten als sonst verirrten sich in ihren Laden, zusammen mit Horden von Touristen. Und auf den Straßen würde jede dunkle Kreatur aus London zu sehen sein, sobald die Sonne untergegangen war. Kreaturen aus der Unterwelt und solche, die gerne welche sein würden. Denn unter die verkleideten Menschen mischten sich jedes Jahr munter Vampire, Dämonen von anderen Stämmen und sogar Geister und Phantome, die jedoch für die meisten Menschen unsichtbar sein dürften.
Jemand kam herein, Aruni drehte sich um. Ein hagerer Typ mit ziemlich weißer Haut, schwarzer Lederkluft, langem wehenden Mantel und rot gefärbtem spitzem Kinnbart betrat den Laden. Die Spitzen seiner künstlichen Hörner schimmerten wie Silber. Seit Neustem beobachtete Aruni unter ihren Kunden den Trend, sich solche künstlichen Hörner unter die Haut pflanzen zu lassen. Dieser hier hatte zwischen Tribal-Tattoos auf seiner Kopfhaut gleich einen ganzen Kreis von verschieden großen Metallhörnern. Unweigerlich musste sie lächeln. Wenn der wüsste!
Er ging langsam an den Röcken und Lederwesten entlang. Aruni wartete und ließ ihn nicht aus den Augen. Nach einer Viertelstunde Herumschlendern griff er sich ein schwarzes Trägerhemd mit Nieten von der Wand, ging zur Kasse und knallte es Aruni auf den Tisch.
„Tach“, sagte er. Seine Stimme klang viel zu sympathisch für seine Aufmachung.
„Das ist alles?“, fragte Aruni mit zusammengekniffenen Augen.
Er wurde nicht einmal rot, als er nickte.
Sie sah ihn von oben bis unten an. Er starrte zurück. Aruni seufzte und ging um den Verkaufstresen herum. Gezielt fischte sie eine Packung fluoreszierender Schnürsenkel für hohe Stiefel, ein paar fingerlose Lederhandschuhe und einen zusammengerollten Ledergürtel mit Silberschnalle aus seinen Manteltaschen und legte alles auf den Tresen.
„Das möchtest du also nicht kaufen? Gut, dann lege ich es gleich zurück. Was für ein Glück, dass heute Halloween ist, da drücke ich ein Auge zu, aber ich fürchte, du hast Hausverbot, mein Freund.“ Sie schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln und tippte den Preis für das Trägerhemd in die Kasse. „Neun Pfund und neunundneunzig Pence, bitte“, sagte sie zu dem Typ, dem immer noch der Mund offen stand.
„Das sind meine Sachen, was fällt dir ein?“, ereiferte er sich und begann die Sachen wieder einzustecken. Aber so einfach würde er nicht davon kommen.
Aruni hielt seine Hand fest. „So? Und warum ist da ein Preisschild von uns drauf?“ Sie hielt ihm einen Handschuh mit Preisschild unter die Nase. „Soll ich dich doch anzeigen?“, fragte sie leise.
Hastig griff er nach den Sachen und rannte los. Aber Aruni war schneller. Sie sprang über den Tresen und riss ihn an seinem Mantel zu Boden. Als sie einen Stiefel auf seine Brust setzte, keuchte er auf und sah sie mit riesigen Augen an. Aruni zog ihre Videothek-Mitgliedskarte aus der Tasche und hielt sie hoch. „London Police. Du bist festgenommen.“ Sein Gesichtsausdruck war preislos dämlich. Aruni konnte sich ein kurzes Auflachen nicht verkneifen. „Kleiner Scherz. Du legst jetzt die Sachen zurück auf den Tresen und verziehst dich aus meinem Laden. Oder du bezahlst.“
Aruni konnte ein Grinsen kaum unterdrücken, als der Typ tatsächlich anfing zu heulen. „Verdammt, du tust mir weh!“, zeterte er. „Lass mich los! Du weißt nicht, wen du vor dir hast!“
„Einen kleinen Dieb“, brummte Aruni und half ihm hoch. Sie streckte die Hand aus. „Die Sachen oder das Geld dafür.“
Widerwillig legte er den Gürtel, die Handschuhe und die Schnürsenkel in ihre Hand. „Schlampe“, zischte er und spuckte auf den Boden.
„So“, sagte Aruni wütend. Sie zog an seinem Mantel und drückte ihm einen Teil davon in die Hand. „Aufwischen“, sagte sie.
„Ja, genau“, konterte er und zeigte ihr einen Vogel. Wie eine Kobra schnellte ihre Hand vor und griff sein Handgelenk. Mit nur einem Bruchteil ihrer Kraft drückte sie den Dieb mühelos nach unten auf den Boden, wedelte mit seiner Hand und dem Stück seines Mantels über den feuchten Fleck und sagte: „Danke. Geht doch. Und jetzt verzieh dich.“
Fluchend zog er seinen Mantel zurecht und stolperte aus dem Laden. Aruni seufzte. Dann strich sie ihre Hose glatt und ging zur Tür. Sie stand eine Weile mit verschränkten Armen dort und sah ihm hinterher. Ein Mal drehte er sich tatsächlich um, als ob er daran dachte, es noch einmal zu versuchen. Aber dann verschwand er wenige Schritte später in einem Laden, der Doc Martens Stiefel in allen Farben des Regenbogens führte.
Aruni ging wieder rein und zückte ihr Handy. „Alan, ein Dieb ist gerade bei dir rein. Wollte hier auch was klauen. Schwarzer Mantel, silberne Hörner, tätowierte Kopfhaut, Ziegenbärtchen. Klar, bis später.“ Sie legte das Handy weg und ließ sich auf den Barhocker sinken, der hinter dem Tresen stand.
Kapitel 4
Ilvios Kopf summte von all den Stimmen am Bahnhof. Nur gut, dass Audrey alles für ihn organisiert hatte. Für einen Geist dachte und agierte sie wirklich noch sehr materiell. Kein Wunder, war sie doch fähig, ihren Geistkörper vorübergehend in so feste Substanz zu formen, dass man sie für einen lebendigen Menschen halten konnte. Audrey hatte ihm sogar ein Telefon gegeben. Damit er Hilfe rufen konnte, wenn er alleine in London nicht klarkam, hatte sie gesagt. Und sie hatte ihm jede Menge erzählt, was auf ihn zukam. Wie man sich in der Stadt fortbewegen konnte und worauf er achten sollte. Er stieg ein und suchte sich einen Platz. Noch eine Weile winkte er Audrey und sah zu, wie sie auf dem Bahnsteig immer kleiner und kleiner wurde.
Als er sie nicht mehr sehen konnte, schaute er sich im Wagen um. Eine junge Frau mit einem kleinen Jungen saß ihm gegenüber. Sie las ihm ein Buch vor und er war völlig in der Geschichte gefangen. Ilvio musste lächeln. Durch sein weißblondes Haar und sein zartes Aussehen hatte der Kleine fast Ähnlichkeit mit einem Meereself. Die Frau sah auf und nickte Ilvio freundlich zu. Eilig nickte Ilvio zurück und sah dann geflissentlich aus dem Fenster. Soviel wusste er schon, die Menschen mochten es nicht besonders, wenn Fremde ihre Kinder allzu auffällig musterten. Draußen rauschten Bäume und Felder vorbei, Schafe und Kühe. Endlose Hecken und der Himmel.
Das Meer konnte er nicht mehr sehen. Ein seltsames Gefühl überkam ihn. Eine Leere in seinem Herzen. Aber er schüttelte den Kopf und ballte seine Hand zu einer Faust. Er würde es schaffen. Mit neuer Musik würde er zurückkehren und es würde ihm besser gehen.
Die ersten Häuser Londons tauchten auf. Ilvio staunte, wie riesig sie hier waren. Ganz anders als in der kleinen verträumten Küstenstadt Lyme Regis. Unzählige Fenster glitzerten in der Sonne. Dahinter sah er spitze Kirchtürme, bunt besprühte Mauern und dicht befahrene Straßen. So viele Autos und rote Busse. Der Zug wurde langsamer und fuhr in eine riesige Halle mit Glasdach, gestützt von weißen Metallstreben.
Viele Menschen warteten dort geduldig auf ihre Bahn. Einige lasen Zeitung, andere unterhielten sich lachend und wieder andere telefonierten. Ilvio vergewisserte sich, dass er das Telefon von Audrey noch hatte, und suchte den Ausgang.
Lautes Stimmengewirr empfing ihn und ein seltsamer Geruch, den Ilvio nicht kannte. Er sah sich um. Eine Reihe von Glastüren schienen ins Freie zu führen. Ilvio steuerte auf die nächstliegende zu.
Draußen schien die Sonne. Ein kühler Wind wehte. Jemand neben ihm pfiff laut. Ein schwarzes Auto hielt an und der Mann stieg ein. Auf dem Dach leuchtete ein gelbes Licht auf. Andere dieser Autos kamen und sammelten Leute ein, manche waren schwarz, andere gelb oder ganz bunt. Das mussten Taxis sein, dachte Ilvio.
Er ging lieber zu Fuß. Er wusste ohnehin nicht, wo er hinwollte. Riesige Gebäude aus hellem Stein ragten neben der Straße empor. Autos hupten und brausten an ihm vorbei. Ilvio atmete tief durch und musste prompt husten. Stadtluft war eindeutig nicht mit Meeresluft zu vergleichen. Er drehte sich in alle Richtungen und erkannte eine Brücke.
Ilvio folgte ein paar Fußgängern und stand nach einigen Minuten am Ufer eines dreckig-braunen Flusses. Ilvio schauderte. In die Brühe würde er nicht mal eintauchen wollen, wenn jemand ihn mit vorgehaltener Waffe dazu zwang. Er schirmte die Sonne mit der Hand ab, sodass sie ihm nicht in die Augen schien, und überlegte, was Audrey gesagt hatte. Die London Underground solle er nehmen, wenn er längere Strecken fahren wollte. Wollte er das? Möglicherweise.
Er zählte das Geld in seiner Tasche und fand bald ein Gebäude, an dem das Underground-Zeichen angebracht war. Dort kaufte er sich einen Drei-Tage-Pass, nachdem er auf seinen Notizzettel gesehen hatte. Audrey hatte ihm glücklicherweise alles notiert und wieder war er seiner Tante unendlich dankbar für ihr Interesse an der Menschenwelt und dass sie die Geduld besessen hatte, ihm die Menschenschrift beizubringen.
Ilvio beobachtete die Leute um sich herum. Die anderen nachahmend, steckte er die Karte in einen schmalen Schlitz vor ein paar schwarzen Drehkreuzen. Das Drehkreuz gab nach und Ilvio tauchte mit einer steilen Rolltreppe in die Tiefe.
An der Wand hingen in immer gleichen Abständen Plakate mit den unterschiedlichsten Bildern und Texten. Ein Plakat erregte seine Aufmerksamkeit, darauf war ein Foto von einer Meerjungfrau, am Arm eine weiße Gestalt mit einem Umhang und eine Art Teufel. Sie schlenderten Arm in Arm über eine nächtliche Straße. Im Hintergrund sah er runde orange Laternen mit Gesichtern.
Dort wo solche Wesen waren, passte er sicher auch gut hin.
„Camden Town, Open Air Halloween-Party“, las er laut vor und nickte. Er sah auf seinen Notizzettel. Genau. Auf Parties gab es Musik. Schnell schrieb er sich die Worte „Camden Town“ auf. Am Fuß der Rolltreppe drehte er sich um und trat ein wenig zur Seite. Eine junge Frau in einem hautengen dunkelblauen Kleid kam geradewegs auf ihn zu. Sie sah ihn einen Moment an und Ilvio ergriff sofort die Gelegenheit.
„Wissen Sie, wie ich nach Camden Town komme? Ich bin nicht von hier.“
Sie stutzte, dann lächelte sie.
„Nehmen Sie die Victoria Line, die blaue, Richtung Seven Sisters bis Euston. Da müssen sie umsteigen in die Northern Line, eine schwarze. Richtung Edgware, ich glaube, High Barnet geht auch. Und dann kommen sie automatisch an Camden Town vorbei.“
„Die Bahnen haben Farben?“, fragte Ilvio, während er sich hektisch Notizen machte.
Die Frau lachte. „Oh, Sie sind wirklich nicht von hier. Die Lines haben verschiedene Farben. An den Wänden sind farbige Fliesen als Streifen und auf den Wegweisern sind die Farben auch. Ganz einfach. Kein Ding. Das schaffen Sie schon!“ Sie sah ihn einen Moment an.
„Kommen Sie mit, ich muss auch die Victoria Line nehmen. Ich zeige Ihnen wenigstens den ersten Zug.“
Ilvio ging dankbar mit. Sie kamen durch einen gefliesten Tunnel auf eine Plattform. Hier schien es nicht weiterzugehen. Eine Art unterirdischer Bahnhof also. Die Frau deutete auf ein Schild mit leuchtender Schrift.
„Noch drei Minuten, dann kommt die richtige Bahn.“
Als ein niedriger Zug mit knallroten Türen kam, folgte Ilvio der Frau ins Innere. Er verlor sie schnell aus den Augen zwischen all den Menschen, aber er würde es schon schaffen. Eng gedrängt zwischen einem dicken Mann im Trenchcoat und einem gepiercten Mädchen blieb er stehen und hielt sich an einer Stange fest, als die Bahn ruckelnd anfuhr.
Kapitel 5
Aruni sah sich im Geschäftsraum um. Es war kein Kunde da. Ein paar junge Frauen gingen am Laden vorbei und zeigten kichernd auf einige der Kleidungsstücke im Fenster. Touristinnen. Aruni schüttelte den Kopf, winkte aber freundlich. Gleich war Feierabend. Party-Zeit. Lange hatte sie überlegt, ob sie sich trauen sollte, ihre echten Hörner heute Abend zu zeigen. Auf der Halloween-Party würde sie nicht auffallen. Ja, heute würde sie es wagen. Sich endlich einmal nicht verstecken. Aber zuerst würde sie ein wenig die Ständer abstauben. Mit den letzten Kunden kam die Dunkelheit. Endlich, geschafft. Ihre Schicht war zu Ende. Zeit, sich schick zu machen.
Aruni schloss die Tür und hängte ein „Bin gleich zurück“-Schild an die Fensterscheibe. Als Kostüm wählte sie eine knappe, rot-schwarze Korsage und einen kurzen, schwarzen Rock. Dazu passten ihre Stiefel perfekt. Sie schminkte sich vor dem Spiegel in der Umkleidekabine Smokey Eyes und feuerrote Lippen. Langsam löste sie die Satinbänder und ließ ihre dicken schwarzen Haare in langen Wellen über die Schultern hängen. Dann legte sie das Geld für ihr Kostüm in die Kasse und begutachtete sich nochmal im Spiegel. Sie zog eine Grimasse und zeigte ihre schwarz lackierten Krallen. Darüber musste sie lachen. Oh ja, das wirkte teuflisch. Nicht einmal ihre Mutter hätte daran etwas auszusetzen gehabt.
Als Aruni aus der Kabine trat, kam Lilly, ihre Ablösung für den Abend. „Du bist ja schon verkleidet! Mann, du siehst heiß aus!“ Sie drückte ihr einen Kuss auf jede Wange und sah sich Aruni noch einmal an. „Mensch, irre. Die Hörner sehen total echt aus. Wo hast du die nur wieder her? Hier, ich hab dir dein Abendessen mitgebracht.“
Arunis Kollegin trippelte in ihrem bodenlangen schwarzen Kleid à la Morticia Adams zum Tresen, legte ihre Tasche ab und reichte Aruni eine Papiertüte mit einem rosa-weißen Logo.
Aruni schnupperte und riss die Tüte auf. „Oh, Lilly! Meine Lieblingsdonuts mit Karamellfüllung und Schokoladenglasur! Du bist ein Schatz!“ Mit geschlossenen Augen biss sie in das süße Gebäck. „Himmlisch...“, gurrte sie. Lilly lachte. „Und das aus dem Mund einer Teufelin.“
Aruni vergaß weiter zu kauen und sah Lilly erschrocken an, aber die beschäftigte sich schon wieder mit dem Kassenbuch. Ach ja, das Kostüm. Sie entspannte sich wieder und kaute weiter.
„Kommst du nachher auch? Am Camden Lock steigt eine riesige Open Air Party heute. Petunia ist bestimmt schon ganz wild aufs Tanzen. Sie hat sich letztens schon die Karten gelegt und meinte heute würde sie den Mann fürs Leben kennenlernen. Einen Tänzer“, erzählte sie zwischen zwei Bissen und verdrehte die Augen ein wenig.
„Ja, vielleicht. Ich ruf dich an“, sagte Lilly und wandte sich zwei Touristen zu, die gerade den Laden betreten hatten. Die Sache mit Petunia hatte sie anscheinend gar nicht gehört. Aruni zuckte mit den Schultern.
„Gut, ich bin dann mal weg, Lilly. Bis nachher!“ Aruni leckte sich die Finger ab und verließ den Laden.
Noch den süßen Geschmack im Mund genießend, schlenderte sie die Straße entlang in Richtung Lärm und Licht und Raucheffekte. Männer und Frauen, die heute aussahen wie Geister, Zombies, untote Schulmädchen, rosa Bunnies und spitzhütige Zauberer, schrammten an ihr vorbei. Ein Mann in einem Skelettanzug warf Aruni einen lüsternen Blick zu und legte ihr dann im Vorbeigehen einen Arm um die Schulter. Er flirtete: „Na, du süßer Teufelsbraten! Willst du mich nicht mal in die Hölle einladen?“
Aruni lachte und sagte: „Nein, tut mir leid. Ich hatte heute nicht vor, dorthin zurückzukehren.“
Er ließ von ihr ab und gesellte sich wieder zu seinen laut grölenden Kumpels. Aruni zog ihr Korsett zurecht und überquerte die Straße. Laute Musik und Gelächter wehten zu ihr herüber. Sie mischte sich unter die Leute und kaufte sich ein Bier. Daran nippend, bahnte sie sich einen Weg durch die vielen Kostümierten. Ein Dämon lief an ihr vorbei. Ob es ein echter war? Sie kannte ihn jedenfalls nicht. Aruni drehte sich nach ihm um und stieß mit dem Rücken gegen jemanden. „Oh, Verzeihung“, sagte sie schnell.
„Da gibt es nichts zu verzeihen“, sagte eine sonore Stimme. „Eine so schöne Frau darf mich jederzeit gerne wieder anrempeln.“
Was für ein Sound! Diese Stimme ging ihr durch und durch. Ob der Typ wohl genauso feurig war wie seine Stimme? Aruni drehte sich langsam um und sah direkt in zwei tiefblaue Augen. Sie ließ ihren Blick schnell über seinen Körper huschen. Wow, er hatte eine richtige Traumfigur. Schmale Taille, muskulöser Oberkörper, blaues Hemd, blaue Jeans und – barfuß. Verwundert musterte Aruni seine Füße.
„Entschuldigung“, sagte er nach einer Weile, nachdem sie nicht antwortete. Er hatte einen merkwürdigen Akzent, der Aruni sofort gefiel. Er hatte so etwas Vertrautes an sich. Und was für eine Stimme … tief wie ein Vulkan und mindestens genauso glühend.
„Woher kommst du?“, fragte sie.
„Von der Küste“, sagte er. „Ich heiße Ilvio.“
„Aruni, sehr erfreut.“
Ilvio starrte auf Arunis Hörner.
Die Musik schwoll plötzlich an. Aruni spürte den Beat bis in die Schwanzspitze, die leider immer noch fest an ihren Körper gedrückt war.
„Du bist ja gar nicht verkleidet, Ilvio“, schrie Aruni über den Lärm hinweg. „Oder gehst du als Filmstar? Oder Model?“
Sie lachte, spürte aber wie ihre Wangen rot wurden.
Ilvio senkte seinen Blick und sah nun in Arunis Augen. „Ich bin erst heute in der Stadt angekommen. Ich wusste nichts von dieser Feier“, erklärte er.
„Was? Aber Halloween gibt es doch in ganz England. Heute wird überall gefeiert, vermutlich fast überall auf der Welt! Unter welchem Stein lebst du denn?“
Sie lächelte und bot ihm ihre Bierflasche an. Dieser Kerl war wirklich eine Wucht. So lange war es her, dass sie einen Dämon gehabt hatte. An Menschen hatte sie sich bisher noch nicht herangetraut. Ob sie nicht vielleicht heute eine Ausnahme machen und diesen Typen mit nach Hause nehmen konnte? Immerhin war Halloween. Möglicherweise würde er alles an ihr für ein Kostüm halten. Nein, vermutlich nicht. Ihren Schweif würde er wahrscheinlich nicht als Kostüm durchgehen lassen. Besonders nicht, wenn der sich bewegte. Ach, und dann war da ja natürlich noch ihre rot-schwarze Haut um ihre Körpermitte. Sehr ärgerlich, dass sie nicht wie die Vampire die Fähigkeit besaß, Menschen in Trance zu versetzen. Schade ... wirklich sehr schade.
Aber flirten konnte sie ja den ganzen Abend, und wenn er mitkam, kam er eben mit. Dann würde sie ihm zur Not mit der Hölle drohen, davor fürchteten sich die Menschen schließlich immer noch.
Aruni fühlte sich großartig. Die Musik wummerte durch ihre Adern und ließ ihre Füße von ganz alleine tanzen. Sie begann einen kleinen, rockigen Walzer, nahm seine Hand und legte sie auf ihre Schulter. Dann riss sie ihn einfach mit. Sie spürte, wie er sich steif machte, doch nach ein paar Schritten schmiegte er sich in den Rhythmus und tanzte wie tausend Funken. Aruni jauchzte und ließ sich drehen und genoss einfach das Gefühl von Ilvios Hand an ihrer Taille. Ihr Herz klopfte laut, als ihre Blicke sich trafen und aneinander hängen blieben.
„Wo sind eigentlich deine Schuhe? Hast du keine kalten Füße? Oder sind sie bei unserem heißen Tanz in Flammen aufgegangen?“ Sie lachte erneut und sah ein fröhliches Funkeln in seinen Augen.
Vermutlich war es genau das, das und der Alkohol und die Musik, die durch Arunis Blutbahn rauschten. Als Ilvio langsamer wurde, stellte sie sich auf ihre Zehenspitzen und küsste ihn stürmisch mitten auf den Mund. Seine Muskeln spannten sich unter ihren Händen an. Er hielt inne, aber nur, um sie im nächsten Moment näher an seinen Körper zu ziehen und seine Zunge nun mit der ihren tanzen zu lassen.
Aruni stöhnte leise und spürte nur noch seine streichelnden Hände auf ihrem Rücken. Irgendwer jubelte und pfiff, dann wurde Aruni angerempelt und gerade noch von Ilvio aufgefangen, bevor sie gegen ein anderes Pärchen krachte. Ilvio fauchte denjenigen an, der sie beinahe zu Fall gebracht hätte, aber der schien es gar nicht zu hören und torkelte weiter. Arunis Blut loderte noch immer und sie spürte einen Hunger wie lange nicht.
„Ilvio“, flüsterte sie in sein Ohr. „Ich weiß, wir kennen uns noch nicht lange. Aber kommst du mit zu mir? Ich kann für nichts garantieren, außer dass ich gleich verbrenne vor Lust.“ Sie kicherte und strich über Ilvios Hemd. Durch den Stoff spürte sie ein waschechtes Sixpack und grinste glücklich. So musste ein Mann gebaut sein!
Ilvio nickte und legte einen Arm um sie. „Jetzt gleich?“, fragte er mit einer verführerisch rauchigen Stimme.
Aruni nickte nur und zog Ilvio mit sich durch die Menschenmenge. Auf der Straße rannte sie los. Ilvio hielt lachend mit ihr Schritt.
Wenig später hielt sie vor der rot gestrichenen Haustür an und zupfte das Lederband mit dem Hausschlüssel aus ihrem Ausschnitt. Sie schloss auf und zog Ilvio mit sich in den kühlen Flur. Dieses Mal war er schneller und presste Aruni gegen die Wand. Sie lehnte mit dem Rücken ans Treppengeländer. Alles an ihr glühte schon von Ilvios Küssen.
Verführerisch schlang sie ein Bein um seine Hüften und drückte mit ihrem Stiefel gegen seinen Po. Dieser Mann bestand überall aus Muskeln. Aruni seufzte in seinen Mund. Ein wohliger Schauer durchlief sie, als seine Hand unter ihren Rock glitt. Ach du schwarze Höllenbrut! Was, wenn er ihren Schweif entdeckte? Erst einmal nach oben locken. Sie nahm seine wandernde Hand in ihre, zog ihn die Treppe hinauf und schloss eilig ihre Tür auf. Ilvio knabberte an ihrem Nacken und ließ seine Hände über ihren Bauch wandern.
Sie fielen beinahe durch die Haustür. Aruni konnte sie gerade noch mit dem Fuß zutreten, bevor sie strauchelten und auf dem Teppich im Wohnzimmer landeten.
Aruni dachte nicht mehr an ihren Schweif, und sie dachte auch nicht an ihre Hörner. Sie dachte nur an Ilvio und daran, wie sehr sie ihn wollte. Er war der heißeste Typ, den sie seit langem gesehen hatte. Und er machte sie tausendmal mehr an als jeder Dämon in der Hölle.
Sie drängte sich näher an ihn. Durch den dünnen Stoff seiner Hose spürte sie, wie sehr er ihre Berührungen genoss. Grinsend küsste sie ihn weiter, hielt mit einer Hand seinen Nacken fest und öffnete mit der anderen Hand den Knopf an seiner Hose. Er stöhnte ihren Namen.
Aruni wurde rasend, riss ihm die Hose herunter und warf Ilvio auf den Rücken. Sie knabberte sich einen Weg von seiner Brust nach unten. Über das blaue Glühen seiner Haut wunderte sie sich nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann hatte etwas anderes ihre volle Aufmerksamkeit. Schon hatte er sie auf ihren Rücken geworfen und ihre Korsage entschnürt. Sie merkte kaum noch, dass ihr Stringtanga ihre Beine hinunter wanderte. Im nächsten Augenblick stöhnten sie und Ilvio gleichzeitig auf.
Kapitel 6
Als die Sonne aufging, drehte sich Aruni unter ihrer Bettdecke um und kroch instinktiv zu der Wärme neben ihr. Ein muskulöser, schwerer Arm zog sie näher. Aruni blinzelte mit einem Auge. Ilvio lächelte, ohne die Augen zu öffnen. Er summte im Halbschlaf eine wunderschöne Melodie. Aruni berührte seinen Mund.
„Guten Morgen, du kleiner Teufel“, raunte er und küsste sie auf die Nasenspitze. Seine Gesichtszüge waren entspannt und glücklich, die blonden Locken wild zerzaust. Sie fuhr mit einer Hand an seinem Gesicht entlang.
„Was ist das für eine Melodie?“
„Hmm?“ Ilvio drehte sich auf den Rücken. Er hatte die Augen noch immer geschlossen. „Ach das. Ein Lieblingslied meiner Tante.“
Arunis Hand glitt unter die Bettdecke und erforschte seine Brust. Dann tastete sie tiefer und tiefer und wurde rot, als er ihr entgegen kam. Sie lächelte über sich selbst. In dem Augenblick entfuhr ihm ein kleines Stöhnen, und vor ihren Augen drang ein bläulicher Schimmer unter der Bettdecke hervor.
Aruni schlug die Decke zurück und starrte ihren Liebhaber an. Auf seiner Brust, seinem Bauch, seinem ganzen Körper, überall auf seiner Haut leuchteten blaue Linien. Sie sahen aus wie Schriftzeichen oder Wellen oder beides zusammen. Aruni zog die Decke etwas näher an sich heran.
Ilvio schlug die Augen auf und musterte sie. „Was ist?“, fragte er. Aber noch während er fragte, schien ihm klar zu werden, was los war. „Hör zu, Aruni. Du musst keine Angst haben. Ich tu dir nichts. Ich bin nicht krank oder so, weißt du. Ich bin nur kein normaler Mann.“
„Du bist ein Meereself.“
Die Art, wie sie das Wort beinahe ausspuckte, tat ihr im nächsten Moment wieder leid. Er war also ein Meereself. Na und? Und wenn er ein Waldelf oder ein Vampir gewesen wäre, was sollte es sie kümmern?
Ilvio stützte einen Ellenbogen auf. „Und du? Du bist doch auch keine Menschenfrau, oder?“ Er sah zuerst auf ihre Hörner, dann auf die rote glatte Haut, die direkt unter ihren Brüsten begann.
„Nein, du hast Recht. Es tut mir leid. Ich wusste doch nicht ...“ Sie brach ab. „Stört es dich nicht?“, fragte sie dann.
„Was? Dass ich ein Meereself bin? Wieso sollte es? Daran kann ich nichts ändern, auch wenn ich mich sehr freue, endlich mal andere Wesen kennenzulernen.“ Er tauchte seine Hand unter die Decke und suchte eine Weile, bis er mit ihrer Schwanzspitze wieder hervorkam. Aruni sah auf seine Hand, deren Fingernägel blau schimmerten, und wickelte ihren Schweif um seinen Unterarm. „Gefällt er dir?“, fragte sie verwirrt.
„Jeder Teil von dir ist sexy“, murmelte er und küsste ihre Schwanzspitze. Er küsste seinen Weg an ihrem Schwanz entlang unter die Decke. Aruni ließ sich auf die Matratze fallen und seufzte. Ilvio tauchte wieder auf.
„Aruni?“
„Ja?“
„Du bist wunderschön und das verführerischste Wesen, was ich je kennengelernt habe.“ Er grinste.
Nach diesem Kompliment erlaubte Aruni ihm alles, was er mit ihr machen wollte. Und sie bereute nicht eine Sekunde davon.
Vor der Haustür polterte etwas. Aruni saß augenblicklich aufrecht im Bett und zog die Decke bis unter ihr Kinn. „Verdammt“, flüsterte sie und sah sich hektisch nach einem Versteck für Ilvio um. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Und dann stand Lierd bereits in der Wohnung. Aruni starrte ihn erschrocken an.
Er stellte den Tisch ab und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Ash erschien fauchend vor ihm, und er zauberte doch tatsächlich einen kleinen Fisch aus seiner Hosentasche. Ash fing den Fisch wie eine Weltmeisterin. Lierd rieb seine Hand an ihrem Fell sauber und sah dann auf.
Sein Blick war schwer zu deuten. Wütend war er auf jeden Fall. Enttäuscht vielleicht auch. Aber auch noch etwas anderes. Aruni schluckte.
„Du hast dir einen Menschen gekrallt? Aruni! Bist du wahnsinnig geworden?“
Ilvio schnaubte und Aruni nahm eben noch wahr, dass seine Haut erneut zu leuchten begann. Bei Erregung jedweder Art, dachte sie und griff nach seiner Hand. Ilvio zog sie weg. Aruni sah ihn erschrocken an.
„Ilvio, darf ich vorstellen? Das ist mein Bruder.“
„Halbbruder“, knurrte Lierd und ging drohend einige Schritte auf Arunis Bett zu.
„Woher hast du eigentlich einen Schlüssel?“, fragte Aruni, als sie wieder klar denken konnte.
„Den habe ich nachmachen lassen, und wie du siehst, war es eine gute Entscheidung.“
„Auch wenn du ihr Bruder bist, geht es dich überhaupt nichts an, wer bei ihr ist“, sagte Ilvio. Er nahm Arunis Hand und gab ihr einen Kuss auf die Finger. Dabei sah er Lierd unverwandt an.
Lierds Hörner begannen zu glühen. Seine Blicke brannten kleine Löcher in die Bettdecke.
„Es geht mich sehr wohl etwas an.“ Lierd stutzte. Das Leuchten. Mittlerweile hätte nur ein Blinder es noch übersehen können. „Ach, was haben wir denn da?“ Er ging bis an das Fußende und zog die Bettdecke ein Stück herunter. „Einen Elf? Einen Meereself? Das hätte ich nicht von dir gedacht. Aruni, wenn es schon kein Dämon ist, dann wenigstens jemand mit etwas mehr Feuer in den Adern.“ Er lachte bitter über seinen seltsamen Witz.
Ash sprang auf das Bett und rollte sich zwischen Ilvio und Aruni zusammen. Mit roten Wangen klaubte Aruni das Laken vom Boden, welches sie offenbar aus dem Bett gestrampelt hatte, und schlang es um ihren Körper. Sie drückte Ilvios Hand und kletterte aus dem Bett.
„Du gehst jetzt besser“, fauchte sie ihren Halbbruder an.
„Oh ja, ich gehe. Aber du“, er deutete mit einer gefährlich spitzen Kralle auf Ilvio, „du bist weg, wenn ich wiederkomme. Morgen Abend. Und nun zu dir.“ Er legte seine Kralle an Arunis Brust. „Du wirst dem Clan Rechenschaft ablegen. Das kann ich nicht für mich behalten.“ Er drehte sich um.
„Lierd. Das kannst du nicht machen. Verdammt, ich bestimme, wer in mein Bett darf! Nicht du.“ Sie biss sich auf die Lippe, als sie Lierds funkelnden Blick sah.
„Meine kleine Schwester“, säuselte er. Dann wurde sein Ton wieder hart. „Wir können die Arten nicht vermischen. Wie sollen deine Kinder aussehen? Du müsstest doch wissen, wie es ist, nur halb in jede Welt zu gehören.“
Aruni zuckte zusammen. Ilvio trat neben sie. Seine nackte Haut glühte wie eine Neonreklame, als er seinen Arm um Arunis Schulter legte. „Wie kannst du es wagen?“, knurrte er leise. „Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter. Jeder hat das Recht zu lieben, wen er will. Deinem Clan“, Ilvio spuckte das Wort in Lierds Gesicht, „kannst du höchstens mitteilen, dass Aruni glücklich ist. Alles Weitere spielt sich nur zwischen ihr und mir ab.“
Lierd ließ seinen Blick in aller Ruhe über Ilvios leuchtenden Körper gleiten. Als er auf Höhe der Gürtellinie angekommen war, kniff er die Lippen zusammen. Dann sah er Ilvio wieder ins Gesicht. „Ich berichte, was ich will. Wir sehen uns. Hoffentlich. Nicht. Mehr.“
Lierd knallte die Tür hinter sich ins Schloss. Aruni ließ die Schultern hängen. „Das war der netteste Teil meiner Familie“, sagte sie kleinlaut. „Die anderen reden nie so lange.“
„Komm“, sagte Ilvio leise. Nach einem kurzen prüfenden Blick führte er Aruni wieder zum Bett. „Setz' dich. Kann ich dir irgendwas bringen?“ Er ging in Richtung Küche.
„Whiskey“, murmelte Aruni.
Kapitel 7
„Wo wohnst du eigentlich?“, fragte Aruni und biss ein Stück von ihrer Pizza ab.
„In Dorset. Es gibt dort eine Höhlenstadt im Meer.“ Ilvio nahm sich noch ein Stück.
„Oh. Das hört sich schön an. Meine Familie wohnt auch in Höhlen. Allerdings sehr modern und unterirdisch. Meist unterhalb der U-Bahnnetze von Großstädten. Oder in stillgelegten Vulkanen. Dann weniger modern.“ Aruni kaute und schüttelte sich bei dem Gedanken an die dunklen Höhlen, in die nie Tageslicht drang.
Ash kam an und schnurrte um Ilvios Beine. Er streichelte sie und gab ihr einen Shrimp von seiner Pizza. Das Schnurren wurde noch lauter. Ilvio und Aruni mussten lachen. Ash streckte sich und legte ihre Vorderpfoten auf Ilvios Bein, während sie überdeutlich Interesse an dem Pizzateller bekundete.
„Ash, gleich hat Ilvio nur noch eine Margherita. Aber du darfst noch einen von mir haben“, sagte Aruni und warf ihrer Katze den letzten Shrimp zu.
Sie spürte bereits in jeder Faser ihres Körpers, wie die Sonne unterging. Nervös sah sie zur Uhr und zupfte ihren Kimono zurecht.
Genau in dem Moment platzte schon wieder Lierd durch ihre Wohnungstür. Einen Moment hielt er inne und starrte durch die offene Tür in die Küche, dann war er mit wenigen Schritten bei Aruni. „Ihr hättet mir besser gehorcht“, rief er, packte sie unsanft am Arm und riss sie von ihrem Stuhl.
Ilvio sprang auf und warf sich auf Lierd. Der schob ihn mit einer fast achtlosen Handbewegung zur Seite. Etwas fauchte heiß auf, und dann loderten Flammen um Ilvios Kopf. Ilvio prallte rückwärts gegen die Küchenzeile. Lierd warf ihm einen von seinen wütenden Blicken zu. Aruni kreischte auf und wollte zu Ilvio hinrennen. Ash sprang auf den Küchentisch und fauchte.
„Lierd! Lass mich los, er brennt!“, schrie Aruni ihrem Halbbruder ins Gesicht. „Was fällt dir ein, deine Feuerkraft gegen ihn einzusetzen?“
Lierd lachte nur. „Soll er brennen. Er muss doch erfahren, wie heiß es in deiner Gegenwart sein kann!“
Aruni schluchzte. Ilvio rannte zur Spüle und hielt seinen Kopf unter den Wasserhahn. Es zischte und die Flammen erloschen.
„Ciao, Herr des Meeres. Ich muss deine Freundin mal eben entführen!“, rief Lierd und zog Aruni mit sich aus der Wohnung. „Sorry, ich meinte deine Ex. Ab jetzt.“ Die Tür knallte ins Schloss. Lierd drehte den Schlüssel um und brach ihn ab. „Soll er doch die Fische rufen...“, spottete er und zog Aruni mit sich.
Kapitel 8
„Lass mich los, verdammt. Lierd, du bist doch mein Bruder! Das kannst du nicht machen!“, zeterte Aruni und schlug nach ihm.
Aber als sie ihren Halbbruder genauer ansah, wurde sie blass. Er war gefährlich nah daran, auszuflippen. Oder, besser gesagt, zu explodieren. Mit einer letzten halbherzigen Abwehrbewegung gab Aruni nach. Da blieb Lierd stehen. Er zog sie vor sich und starrte ihr in die Augen.
„Du hast die Regeln verletzt. Du hast mir nicht gehorcht. Du kannst nicht erwarten, dass ich dir das durchgehen lasse.“ Die rote Farbe in seinen Augen war erloschen, Enttäuschung überwog jetzt die Wut. Sie waren schwarz wie Ruß. Aruni schluckte.
Dann räusperte sie sich. „Hör mal, Lierd. Diese ganze Gehorchen-Sache ist doch so was von antiquiert! Kein Mensch würde so etwas erwarten.“
„Wir sind keine Menschen. Wir sind Dämonen. Für dich gelten unsere Gesetze.“ Mit diesen Worten schien Lierd das Gespräch für beendet zu halten. Er zog sie wieder hinter sich her. Aruni stolperte und fluchte. Als sie in den stillgelegten U-Bahn-Schacht und schließlich ins Abwassersystem kamen, ergab sie sich endgültig in ihr Schicksal und trottete brav neben Lierd her. Es machte einfach keinen Sinn, ihm mit Argumenten zu kommen. Nicht in diesem Zustand, und nicht zu diesem Zeitpunkt. Sie würde mit ihrer Mutter reden.
Aber zunächst einmal hatte sie ausreichend damit zu tun, den Ratten und dem Unrat auszuweichen, der sich in den alten Rohren verfangen hatte.
„Du hättest mir wenigstens Zeit geben können, mich anzuziehen. Schuhe und so“, fauchte sie ihn an. Aber er hörte nicht hin.
Barfuß tappte Aruni durch das trübe Wasser in dem mannshohen Abwasserkanal. Dann kam die Abzweigung. Aruni knotete den Gürtel ihres Kimonos enger zusammen. Sobald sie fertig war, griff Lierd wieder nach ihrem Arm und stieß sie vor sich auf die Öffnung im Boden zu.
Kapitel 9
Ilvio hämmerte gegen die Tür, doch der Türknauf ließ sich nicht bewegen, und die Tür gab keinen Millimeter nach. Jemand rief: „Ruhe!“
Ilvio überlegte fieberhaft. Die Tür fiel aus. Was blieb ihm dann? Richtig, die Fenster. Schnell rannte er zu einem Fenster und riss die Gardinen auf. Der Mond versteckte sich hinter den Wolken. Nur eine flackernde Straßenlaterne erhellte die Straße. Regentropfen prasselten an die Scheibe und rannen am Glas hinunter. Ilvio rüttelte am Fenstergriff. Er war scheinbar etwas verrostet, gab aber nach einigen endlos scheinenden Sekunden doch endlich nach.
Ilvio riss das Fenster auf. Sofort blies ein kalter Wind herein. Der Regen durchnässte in Sekundenschnelle sein Hemd und seine Haare. Er beugte sich hinaus. Der Boden sah verdammt weit weg aus. Es gab nichts da unten, was seinen Fall bremsen würde. Die Regenrinne war viel zu weit weg, die konnte er nicht erreichen, und selbst wenn, hätte sie sein Gewicht vermutlich nicht tragen können. Wut über Arunis Halbbruder brannte in seinem Inneren. Seine Haut leuchtete verräterisch durch den nassen Stoff seines Hemdes. Aber es war niemand auf der Straße, der sich daran stören konnte. Und leider auch niemand, der ihm helfen konnte oder eine Leiter hatte. Vielleicht hing Arunis Leben davon ab, wie schnell er hier weg kam und sie fand. Würde ihr Bruder sie töten? Verdammt, er wusste es nicht. Er wusste nichts über Dämonen. Und selbst, wenn der Bruder es nicht tat, wer wusste, was die Regeln der Dämonen ansonsten vorsahen für solche wie Aruni. Wäre sie eine Verräterin? Ilvio fluchte.
Erneut sah er sich im Zimmer um. Eine Strickleiter aus Bettlaken? Eins lag auf dem Bett. Ilvio rannte zu einem Schrank und suchte nach weiteren Bettlaken. Er fand genau ein Weiteres. Zwei waren etwas zu wenig für eine Leiter. Er fluchte. „Verdammt, verdammt, verdammt.“
„Davon wird es auch nicht besser, Herr der Meere“, tadelte eine eindeutig weibliche Stimme hinter ihm.
Ilvio wirbelte herum.
An der Wand stand eine schlanke, dunkelhäutige Frau. Sie trug einen langen, schwarzen Mantel und war barfuß.
„Wer bist du?“, fragte Ilvio, als er sich von seinem ersten Schreck erholt hatte.
„Wir kennen uns bereits, Ilvio. Ich bin Ash.“ Die Frau kam ein paar Schritte auf ihn zu und trat in das diffuse Licht der Straßenlampen, das durchs Fenster hereinfiel. Ihr Gang war merkwürdig tänzelnd und lautlos.
„Ash?“, fragte er verblüfft und sah sie sich genauer an. An ihren Augen blieb sein Blick hängen. Ihre Pupillen waren schmal und die Iris goldgelb. „Moment, heißt nicht Arunis Katze so?“
Die Frau lachte leise. Es klang fast wie ein Schnurren. „Ihre Katze, ja. Miau.“
Das Miauen klang verdammt echt.
„Jetzt begreif' ich gar nichts mehr. Du bist Ihre Katze?“ Ilvio ließ sich gegen das Fensterbrett sinken und starrte sie an.
„Katze oder Frau. Aber nein, es muss nicht immer ein ‚oder‘ sein. Ich bin beides. Katze und Frau.“ Sie stand nun ganz dicht vor ihm und starrte ihm in die Augen.
Ilvio blinzelte zuerst. „Wahnsinn“, sagte er.
Ash schnurrte leise. „Aber jetzt sollten wir vielleicht etwas tun, oder nicht?“
Ilvio nickte, drehte sich um und sah erneut aus dem Fenster. Die Straße lag ziemlich tief unten. „Meinst du, ich könnte...“, begann er. Im gleichen Moment sprang ein schwarzer Schatten an ihm vorbei aufs Fensterbrett, um dann geschmeidig auf der Straße zu landen.
„Hast du dich verletzt?“, rief Ilvio zu ihr runter. Die Katzenfrau, die jetzt wieder aussah wie eine gewöhnliche Katze, machte eine Bewegung mit dem Kopf, die aussah wie ein Kopfschütteln. Dann lief sie dicht an der Hauswand entlang und verschwand hinter der Ecke. Ilvio sah ihr nach und kletterte nun selbst auf das Fensterbrett. Ob er das auch schaffen würde? Unverletzt unten ankommen? Er atmete tief durch und versuchte die Entfernung zum Boden zu schätzen. Es war ja nur ein Stockwerk, so schlimm konnte es wohl nicht sein. Da hörte er ein Kratzen an der Tür. Ilvio horchte. Das Geräusch wiederholte sich. Ja, eindeutig ein Kratzen.
„Ash?“, fragte er halblaut.
Ein Miauen antwortete ihm. Dann hörte er ein Knirschen und Klicken und sah, wie sich der Türknauf drehte. Und dann stand Ash in der Tür, schwarz wie der Ruß in Arunis Kamin. Ein geheimnisvolles Lächeln lag auf ihren Lippen, als sie ihn zu sich winkte.
Ilvio hob im Vorbeigehen seine Jacke auf und war im Nu bei der Katzenfrau. „Weißt du denn, wo wir Aruni finden können?“, fragte er.
„Miau, ich denke schon“, antwortete Ash.
Ilvio folgte ihr auf die Straße. Hektische Regentropfen glommen gelb und weiß im Licht der Straßenlaternen, bevor sie auf den Asphalt klatschten. „Komm, ich bin kein großer Freund von Regen“, sagte Ash, setzte sich eine große, bauschige Kapuze auf und zog Ilvio an seinem Ärmel die Straße hinunter in Richtung U-Bahn. Regentropfen glitzerten blau, rot und weiß in ihrem Gesicht, als sie sich dem Underground-Zeichen von Camden Town näherten. Eine steile Rolltreppe führte in den Untergrund. An den weiß gekachelten Wänden hingen in kurzen Abständen mehrere A3-große Rahmen mit Werbeplakaten. Große Fotos von funkelnden Diamantencolliers, Schwarz-Weiß-Aufnahmen von der Tower Bridge, Zigarettenwerbung und Ankündigungen von Musicals. Das Bild vom Cats-Musical verfolgte ihn eine Weile, intensiv starrende gelbe Katzenaugen auf einem schwarzen Plakat. Sie sahen fast genauso aus wie die Augen von Ash.
Ash glitt von der Rolltreppe und folgte dem niedrigen, röhrenartigen Gang nach links. Ilvio erfasste ein Gefühl von Beklemmung, das nicht einmal das helle Licht und die weißen Wände ändern konnten. Er war die Weite des Meeres gewohnt. Aber ihm blieb keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Er musste sich beeilen, um Ash nicht aus den Augen zu verlieren.
Auf dem Bahnsteig standen einige Menschen, ein paar unterhielten sich. Niemand beachtete Ilvio und Ash. An der Wand saß ein alter Mann zusammengesunken auf einem der Metallstühle. Er hatte die Füße hochgelegt und schnarchte lautstark. Ein scharfer Dunst aus Alkohol und Urin umgab ihn. In dem Moment, als Ilvio vorbei ging, riss er die Augen auf und starrte ihn an. Doch im nächsten Moment schlief er schon wieder.
Ash überquerte die dicke gelbe Linie auf dem Boden und ignorierte die Warnung „Mind the Gap“. Sie sprang behände über den Rand der Plattform und lief ein paar Schritte auf den dunklen Tunnel zu. Zögernd folgte ihr Ilvio. Er drehte sich erneut um nach den anderen Leuten, aber immer noch beobachtete sie niemand. Unter der überhängenden Plattform duckte sich Ash und wurde wieder zur Katze. „Hey“, flüsterte er, als die Katze in einem niedrigen Loch verschwand. Da passte er nicht durch. Er kniete sich auf den kalt-feuchten Boden und sah ihr hinterher. Es roch ein bisschen nach Algen, aber nach solchen, die schon eine Weile am Strand herumlagen. Und was nun?
Kapitel 10
Aruni bedauerte zutiefst, dass sie nicht, wie ihre Mutter, schwarze harte Fußsohlen wie ein Höllenhund hatte. Sie zupfte ihren Kimono zurecht und stellte genervt fest, dass die Feuchtigkeit ihn an einigen Stellen durchsichtig gemacht hatte. Sie wusste selbst nicht genau, warum sie einfach nicht wollte, dass Lierd sah, wie viel Menschenhaut sie besaß. Es ging ihn schlichtweg nichts an. Sie dachte an Ilvio. Auch er ging Lierd überhaupt nichts an. Lierd ging mittlerweile vor ihr. Arunis Magen fühlte sich an wie eine kleine harte Kugel. Wut und Enttäuschung würgten sie. Sie blieb stehen. Lierd ging sicheren Schrittes weiter. Seine schweren Bikerstiefel ließen das flache Wasser zu beiden Seiten aufspritzen und verscheuchten hier und da eine Ratte oder eine Maus, die laut piepsend floh.
Am Ende des Ganges vor ihnen schimmerte es rot und dünne Rauchschwaden umspielten Arunis Sinne. Sie sehnte sich nach der Wärme. Ihre Füße waren ganz taub vor Kälte. Schon jetzt konnte sie die dumpfen Töne der Band hören. In den Katakomben spielte immer irgendeine Band. Aruni konnte die tanzenden Leiber schon beinahe vor sich sehen. Völlig entrückt von der Musik. Sie seufzte. Das Tanzen war eigentlich fast das einzige gewesen, was ihr hier unten gefallen hatte.
Lierd blieb stehen und drehte sich um. Er knurrte leise, als er drohend ein paar Schritte zurückging.
„Ich gehe nicht weiter“, sagte Aruni bestimmt. „Ich mag zu dieser Familie gehören, aber dafür kann ich nichts und ich werde mich auch nicht euren Regeln beugen. Ich bin ein halber Mensch. Papa wohnt da oben.“ Sie deutete an die Decke. Ilvio erwähnte sie lieber nicht.
„Dein Papa ist tot.“ Lierd stand so nah vor ihr, dass sie einen leichten Hauch von Anis in seinem Atem wahrnahm.
„Was?“ Arunis Stimme war nur ein leises Flüstern.
„Mutter hat ihn getötet.“
„Das ist nicht wahr...“ Aruni brach ab. Ihre Augen brannten plötzlich.
„Du hast ihn doch eine Weile nicht gesehen, oder?“, fragte Lierd mit kalter Stimme.
„Nein, aber deswegen muss er doch nicht tot sein. Mutter würde das nie tun. Sie hat ihn geliebt.“
„Genau damit hat sie ihn umgebracht. Was glaubst du eigentlich, wer wir sind? Wir sind Dämonen, meine liebe Schwester. Wir. Du auch. Zumindest zu einem Teil.“ Lierd musterte seine Schwester. „Wenigstens hast du Hörner.“
Aruni kannte diesen Blick. Sie ging einen halben Schritt zurück. Dann noch einen und noch einen. Lierd lachte laut auf. In dem Moment drehte sich Aruni um und rannte los. Das Abwasser spritzte ihr fast bis ins Gesicht. Sie erreichte die Weggabelung nach oben und zog sich die ersten Stufen hoch, bis sie eine Hand an ihrem Knöchel spürte.
Aruni verlor den Halt, stürzte und spürte einen scharfen Schmerz in ihren Händen, als sie an dem glitschigen Stein hinab rutschten. Sie knallte der Länge nach in das brackige Wasser. Fluchend trat sie nach Lierd und versuchte mit den Händen an der Wand Halt zu finden. Aber Lierd ließ nicht los. Er zerrte sie an ihrem Knöchel über den Boden und griff nach ihren Handgelenken. Aruni verpasste ihm einen tiefen Kratzer, sie hatte kurz das Gefühl, seinen Knochen mit ihren Krallen zu streifen, und musste würgen. Lierd war natürlich stärker. Er bekam beide Handgelenke zu fassen und hielt sie mit einer Hand umklammert. Den anderen Arm schob er grob um ihre Knie. Dann warf er sich Aruni über die Schulter.
Ohne auf ihr Gezeter zu achten, hielt er auf das Ende des Tunnels zu. Sie traten in einen riesigen Saal. Die Flammen im Feuergraben loderten auf. Die schwarzen Wände wimmelten im Schattenspiel vor geisterhaften bösen Fratzen. Zwei Dämoninnen räkelten sich verführerisch in den Flammen zu Füßen eines nackten Dämons, dessen gebogene Hörner im Flammenschein aufleuchteten. Auch alles andere an ihm schien aufzulodern, während er die beiden Frauen beobachtete. Aruni kniff die Augen zusammen. Sie wollte all das nicht sehen. Sie wollte hier weg.
Die Frauen stöhnten laut. Eine der beiden rief nach Lierd. Flame. Und die andere Dämonin war doch … Jenna. Ausgerechnet. Lierd knurrte, Aruni wusste, dass es ihn große Mühe kostete, nicht Flames Ruf zu folgen.
Flame hat Hörner wie eine Ziege, dachte Aruni und schämte sich sofort für diesen Gedanken. Flame hatte ihr schließlich nichts getan. Zumindest nicht heute.
Jemand in der Dreiergruppe schrie lustvoll auf. Aruni wollte nicht wissen, wer es war, und kniff die Augen fester zusammen. Die Schreie und das Stöhnen wurden leiser. Nur noch Lierds Schritte hallten laut in ihren Ohren. Aruni schnupperte. Es roch schon weniger nach Rauch. Ihr wurde bereits wieder kalt. Sie gingen durch eine Tür.
„Du stinkst“, bemerkte Lierd, als er sie auf ein hartes Polster fallen ließ. „Vielleicht solltest du dich erst säubern, bevor dich jemand so sieht.“
Tränen brannten in Arunis Augen. „Wie kannst du nur?“
Sie klammerte sich an Lierds Arm, aber er schüttelte sie ab und ging hinaus. Die schwere Eisentür fiel hinter ihm ins Schloss. Jetzt war es dunkel. Richtig dunkel. Aruni konzentrierte sich und ließ ihre Hörner sanft leuchten. Sie war in ihrem Kinderzimmer, aus dem sie erst vor zwei Jahren ausgezogen war. Gegen den Willen ihrer Dämonenfamilie. Vor allem gegen den Willen ihrer Mutter. Die dann plötzlich ihre Meinung geändert hatte. Bitter dachte Aruni an die Worte ihrer Mutter. „Dann geh. Aber ich warne dich, wenn du da oben einen Mann kennenlernst, kommst du sofort zurück. Wenn nicht, holen wir dich! Du wirst nicht den gleichen Fehler machen wie ich. Du wirst dich nur mit Dämonen paaren.“
An einer Wand saß sogar noch der Teddybär, den ihr Vater ihr geschenkt hatte. Auf dem kleinen Felsen neben ihrem Schlafplatz lag unter einer Staubschicht ein Stapel Bücher. Menschenbücher. Ebenfalls Geschenke ihres Vaters. Niemand hatte es gewagt, sie ihr wegzunehmen. Das hätte ihre Mutter nicht zugelassen. Warum hatte Aruni sie damals nicht mitgenommen? Nein, sie hatte alles so lassen wollen, wie es war. Wollte nichts in das neue Leben mitnehmen. Nur ein einziges Buch hatte sie nicht hier lassen können. Ein Notizbuch ihres Vaters, in welches er Gedichte für sie geschrieben hatte. Das Buch lag jetzt einige Kilometer über ihrem Kopf in ihrer Londoner Wohnung. Aruni seufzte.
Sie sollte sich wirklich waschen. Nicht für die anderen, sondern für sich. An der einen Wand waren vier Türen, die zu einer Art Kleiderschrank gehörten. Im zweiten Segment war der Zugang zu ihrer Badehöhle. Aruni stand auf, löste den Gürtel ihres Kimonos und ging zum Schrank. Auch hinter dieser Tür hatte sich nichts verändert. Nichts hatte sich verändert. Doch auch hier lag eine dünne Staubschicht auf der Duschwanne, dem Steinregal mit den Handtüchern und dem Fußboden. Aruni musste niesen.
Sie ließ dampfendes Wasser ins Waschbecken laufen und warf ihren Kimono hinein. Er stank erbärmlich nach Abwasser, sie musste viel Seife und viel Wasser nehmen, bis sie den Geruch einigermaßen ausgewaschen hatte. Dann hängte sie ihn über die heißen Rohre, die an der Wand entlang liefen. Sie selbst stieg in die Dusche und schloss die Kristalltür hinter sich. Das heiße Wasser spülte den Dreck weg, aber den Kummer nicht. Irgendwo über ihr, an der Oberfläche, war Ilvio. Hoffentlich war er nicht schwer verletzt. Und hoffentlich würde er ihr nicht folgen. Die Dämonen würden ihn in Stücke reißen. Was, wenn sie ihn nie wiedersehen würde? Arunis Augen brannten. Ihre Tränen mischten sich mit dem Wasser, das aus der Brause über ihren Körper rann. Sie schlang die Arme um ihre Brust und ließ sich an der glatten Wand nach unten sinken. Das Wasser prasselte hart auf ihren Kopf. Aruni legte die Stirn auf ihre Knie und weinte still in sich hinein. Dämonen weinten nicht, dachte sie bitter. Aber ich bin kein Dämon.
Kapitel 11
Unmittelbar neben sich hörte Ilvio plötzlich eine Stimme. Er fuhr herum. „Suchst du mich?“, fragte Ash.
Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen. „Ja, verdammt. Kannst du vorher auch mal was sagen? Du bist wohl nicht sehr gesprächig, wie?“
Ash brachte es irgendwie fertig, gleichzeitig zu schnurren und zu reden: „Komm, da vorne ist ein Eingang, durch den auch du passen wirst.“
Ilvio folgte Ashs Stimme. Der Boden war feucht unter Ilvios Fußsohlen. Ash glitt neben ihm durch die beinahe vollständige Dunkelheit, fast geräuschlos und ohne je irgendwo anzustoßen. Nur Ilvio unterdrückte alle paar Schritte ein Fluchen, weil er gegen etwas gestoßen war.
„Woher kennst du den Weg? Warst du schon mal hier unten?“, fragte er flüsternd.
„Ja, natürlich. Ich habe bei Aruni gelebt, ihr Vater hat mich ihr zu ihrem fünfzehnten Geburtstag geschenkt.“
„Und woher kamst du?“, fragte Ilvio weiter.
Ash schwieg eine Weile. „Weißt du, Katzen wie ich, oder besser gesagt, wir Wandler, bleiben meistens gerne alleine. Aber ich mag die Menschen und noch mehr mag ich Wesen der Unterwelt. Als Arunis Mutter in der Stadt auftauchte, hat sie mich unbeabsichtigt zu Jack geführt. Sie war nicht lange dort, ein Wochenende, danach bin ich ihm zugelaufen, wenn du so willst. Ich liebe es, gebrochene Herzen zu flicken.“
„Wo ist Arunis Vater jetzt? Weiß er von den Dämonen?“
„Na, das wird ihm wohl kaum entgangen sein. Malenka hat Hörner und eine Dämonenhaut. Mehr noch als Aruni.“
„Wer ist Malenka?“
„Arunis Mutter. Malenka, die Dunkle. Du kannst dich übrigens schon mal drauf gefasst machen, dass wir gleich in der Hölle landen. Ich bin gespannt, ob du sie dir so vorgestellt hast.“ Ash lachte leise und blieb stehen.
„Wir müssen da runter, soll ich vorgehen?“ Sie deutete auf eine Stelle im Boden vor ihnen, die Ilvio nur mit Mühe erkennen konnte. Aber darunter schimmerte es leicht rötlich.
„Du hast nicht zufällig ein Licht für mich?“, fragte er hoffnungsvoll.
„Leider nein. Aber gleich wird es heller. Halt dich gut fest und taste dich langsam voran. Es ist sehr steil und ein gutes Stück Höhe. Wir müssen klettern.“ Mit diesen Worten verschwand Ash in dem Loch.
Ilvio atmete geräuschvoll aus und ließ sich auf Hände und Knie herab. Was würde ihn unten erwarten? Er würde mit allem fertig werden können, solange er dadurch Aruni zurückholen konnte. Er beeilte sich und kletterte Ash hinterher. Als seine Füße keine weitere Stufe ertasten konnten, streckte er die Hände aus und stieß auf einer Seite an Stein, mit der linken Hand an etwas Warmes. Schnell zog er die Hand zurück.
„Das bin nur ich“, flüsterte Ash. Er spürte eine Berührung an der Hand. Sie nahm seine Hand und führte ihn. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, die sich auch schon in die Ecken zurückzog. Ein Licht am Ende des Tunnels schimmerte rot und flackerte wütend in den Gang hinein. Ash legte ihre Hand auf Ilvios Arm und bedeutete ihm, leise zu sein. Beim Näherkommen hörten sie Zischen und Prasseln. Ein Feuer, dachte Ilvio. Dann erklangen Schreie. Ilvios Nackenhaare stellten sich auf. „Oh Gott, foltern sie da gerade jemanden?“
Aber im nächsten Moment erklang ein einzelner Schrei und es blieb kein Zweifel daran, dass diejenige, die schrie, keine Schmerzen hatte. Gleichzeitig hörten sie einen Mann stöhnen. Ashs Augen leuchteten in der Dunkelheit auf, als sie zu Ilvio sah. „Hört sich an, als wäre jemand abgelenkt“, flüsterte sie. „Komm.“
Sie schoben sich an den Rand der Öffnung und spähten in den Raum. Entlang der Wände züngelten Flammen empor. Zur einen Seite des Eingangs erkannte Ilvio im Feuer drei Gestalten mit dunkelroter, schwarzer und fast goldener Haut. Und Hörnern. Der Mann lag auf dem Boden und hatte die Augen geschlossen. Die Frauen waren über ihn gebeugt. Ilvio schluckte. Er war nicht schüchtern, aber seine eigenen Leute waren eindeutig zurückhaltender.
Überall in den Wänden hinter den Flammen waren weitere Tunneleingänge. Ash deutete zu einem Tunnel genau gegenüber. Aber wie sollten sie unbemerkt an den drei Dämonen vorbeikommen? Ilvio drehte sich nach Ash um, aber sie war nicht mehr da. Verwirrt blickte er zurück in den Gang, rief leise ihren Namen und sah dann wieder in den Raum hinein. Da lief eine kleine, schwarze Katze ganz dicht an den Flammen entlang, und keiner der drei Dämonen bemerkte sie.
Sie verschwand im Gang ganz rechts. Ilvio warf einen letzten Blick auf die liebestollen Gestalten und wagte ein paar Schritte in den riesigen Raum aus schwarzem Stein. Er lief geduckt und blieb nah an den Flammen. Fast hatte er den Gang erreicht, in dem Ash auf ihn wartete. Aber dann hörte er einen anderen Schrei. Dieser hier klang ganz anders als die Schreie der drei Dämonen. Es klang ängstlich.
Ilvio war sich ziemlich sicher, das er Aruni hörte. Der Schrei kam aus einem anderen Gang. Sie rief um Hilfe. Aus dem Augenwinkel sah Ilvio eine Bewegung hinter sich. Eine der beiden Frauen war durch die Flammen gesprungen und landete auf Händen und Füßen auf dem glatten Boden. Ihre Haut schimmerte dunkelrot und ihre Hörner waren so schwarz, dass sie alles Licht verschlangen. Ihre Augen blitzten wütend, als sie ihn sah. Sie rief den anderen beiden etwas zu. Der Mann erhob sich über die Flammen und starrte genau zu Ilvio.
Kapitel 12
Zitternd drückte sich Aruni in die hinterste Ecke der Dusche. Das Wasser tropfte aus ihrem Haar und von ihren Hörnern auf die schwarzen Bodenkacheln. Ein großer Schatten ragte drohend über ihr auf. Vor der Dusche stand ein Dämon, zwei Köpfe größer als Lierd, mit langen geschwungenen Hörnern wie aus poliertem schwarzen Marmor. Die Hörner waren beinahe so dick wie seine Oberarme – und die waren sehr muskulös. Er war nackt. Seine Blicke drangen in jede verborgene Stelle ihres Körpers. Aruni hatte keinen Zweifel, was er von ihr wollte. Sie würde sich keinen Millimeter aus dieser Dusche bewegen, und auf keinen Fall würde sie aufstehen. Sie zog Knie und Arme so eng wie möglich an ihren Körper und funkelte den fremden Dämon an.
„Was willst du?“, fauchte sie. „Das ist meine Badehöhle.“
Er sagte nichts, kam aber einen Schritt näher. Sein Blick war gierig.
„Gib mir bitte ein Handtuch und dann sei so gut und warte draußen. Oder könntest du meine Mutter holen? Ich muss mit ihr reden.“ Aruni versuchte freundlich zu klingen, aber ihr Magen krampfte sich schlagartig zusammen, als der Dämon – noch immer wortlos – die Duschtür aufriss. Er stand jetzt keine Armlänge vor ihr und sah auf sie hinab. Er knurrte leise und nachdrücklich. Dann reichte er Aruni eine Hand. Sie sah misstrauisch auf seine schwarzen Finger. Seine Krallen waren lang und spitz, seine Arme dicht behaart und sehr kräftig. Kämpfen könnte sie gegen diesen Dämon nicht.
Erneut knurrte er, und als Aruni seine Hand immer noch nicht nahm, griff er nach ihrem Arm und zog sie ohne Anstrengung nach oben. Sie spürte, wie ihre Fußspitzen vom Boden abhoben. Der Dämon hielt beide Handgelenke über ihrem Kopf fest und drückte sie an die kalte Wand. In aller Ruhe betrachtete er seine Beute.
Aruni begann zu zittern. Ihr Herz raste. Immerhin tat er ihr nicht weh. Arunis Verstand begann wieder zu arbeiten. „Hör zu“, sagte sie schmeichelnd. „Ich bin mir sicher, wir finden eine Lösung. Aber du wirst mich doch nicht zwingen wollen? Wir sollten uns erst mal kennenlernen. Ein schlechter Start ist nicht gut für eine Beziehung, das weißt du doch bestimmt.“ Ihre Stimme verlor sich.
Der schwarze Dämon ließ seinen Blick an ihrem Körper hinunter wandern. Eine Weile blieb er an ihren hellen Brüsten hängen, dann rutschte er über ihren straffen, rot-schwarz gefärbten Bauch und weiter hinunter, wo die menschliche Haut begann. Ohne Vorwarnung löste er eine Hand, schnappte mit seiner breiten Pranke zu und hielt jetzt Arunis beide Handgelenke in einer Hand fest. Seine freie Hand begann über ihren Körper zu wandern. Gegen ihren Willen erbebte sie unter seiner Berührung. Ihre dämonischen Triebe ließen sich nicht so leicht unterdrücken.
„Ähm, möchtest du mir nicht zuerst deinen Namen verraten? Ich bin Aruni. Wollen wir uns nicht setzen? Du könntest mir doch ein bisschen von dir erzählen.“
Sie hätte genauso gut mit der Wand reden können. Der fremde Dämon sagte wieder nichts. Er knurrte nur leise. Es klang fast wie ein kehliges Lachen. Aruni überlegte. Ob sie ihn außer Gefecht setzen könnte, indem sie ihm ihr Knie in die Weichteile rammte? Aber er war so groß, dass sie sich gar nicht sicher war, dass sie ihn an der richtigen Stelle treffen würde, und wenn sie es sich genau besah – von Weichteilen konnte man hier nicht sprechen.
Der Dämon streichelte weiter sanft an Arunis Seiten entlang, dann über den Bauch und schließlich über ihre Beine. Sie bekam eine Gänsehaut. Er knurrte erneut. Im nächsten Moment spürte sie seine Lippen. Unnachgiebig presste er seinen ganzen Körper an ihren. Seine Haut war heiß und glatt und er wand sich an ihr wie ein Drache. Trotzdem war sein Kuss zart. Seine plötzliche Berührung kam so überraschend, dass Aruni nach Luft schnappte. Schon begann er sie so leidenschaftlich zu küssen, dass Aruni all ihre Willenskraft aufwenden musste, um nicht darauf einzugehen.
Andererseits, vielleicht würde sie einfacher aus dieser Sache herauskommen, wenn sie ihn zurück küsste? Aruni zitterte noch immer. Er schien es nicht zu merken. Oder es spornte ihn an. Sein Kuss war unwiderstehlich, heiß und salzig und auch ein bisschen süß. Aber dann spürte Aruni seine Hand dort, wo sie sie nicht haben wollte. Und noch etwas anderes näherte sich langsam seinem Ziel. Sie schlang ihren Schweif schützend um ihre Beine und versuchte ihn wegzustoßen. Er wich keinen Zentimeter, nicht einmal, als sie ihre Beine anzog und mit ihren Füßen mit aller Macht gegen seine Oberschenkel drückte. Sie presste ihre Zehenkrallen tief in seine Muskeln und biss in seine Lippe.
Wütend löste er sich einen Moment von ihr und brüllte auf. Ein Blutstropfen rann über seine Lippe, er leckte ihn weg. Dann zeigte er ihr deutlich seine langen spitzen Eckzähne, als er sie anknurrte und zum ersten Mal zu ihr sprach: „Du wirst gehorchen!“ Dann griff er nach ihren Beinen und riss sie in die Höhe.
„Hilfe! Lierd!“, brüllte Aruni aus Leibeskräften, bevor der Dämon seine Lippen hart auf ihre presste.
Kapitel 13
Ilvio wurde von den beiden Dämoninnen aus dem Raum gezerrt. Sie hatten so viel Kraft, dass er es nicht schaffte, sie abzuschütteln. Der andere Dämon schien hinter ihm zu gehen, zumindest hörte Ilvio ihn die ganze Zeit in einer fremden Sprache hinter sich reden. Die beiden Dämoninnen lachten, aber es klang ganz und gar nicht nett. Ilvio bäumte sich auf. „Lasst mich los! Ich möchte mit Malenka sprechen.“ Zum Glück war ihm der Name wieder eingefallen.
Die Dämoninnen blieben stehen. Der Dämon trat vor ihn und verengte die Augen. In gebrochenem Englisch fragte er: „Malenka? Wer bist du?“
„Mein Name ist Ilvio. Ich kenne Malenkas Tochter. Bitte, könnt ihr mich zu ihr bringen?“, bat Ilvio mit fester Stimme.
„Du kennst Aruni?“, fragte die rothaarige Dämonin zu seiner Rechten, wobei sie das „R“ in Arunis Namen so lange rollte, dass er dachte, sie würde nie fertig damit. Zum Glück hatte er keine „Rs“ in seinem Namen.
Der große Dämon trat hinter sie und legte seine Pranken um ihre Mitte.
„Aruni?“, fragte er. „Ist sie denn wieder da?“
„Das hätte ich mir denken können“, flüsterte die andere Dämonin zischend. „Genau so sehr auf Abwegen, wie ihre Mutter es war.“ Sie sprach diesen letzten Satz sehr leise aus, aber Ilvio hatte ihn gehört.
„Du bist gar kein Mensch“, stellte die Rothaarige fest.
Die blonde Dämonin beäugte ihn ebenfalls. „Flame, du hast Recht. Was bist du?“, fragte sie dann an Ilvio gewandt. Ihre Stimme klang rauchig und sie sprach mit dem gleichen schweren Akzent wie die beiden anderen.
„Er ist ein Meereself“, erklang eine bekannte Stimme.
„Lierd.“ Ilvio presste den Namen durch zusammengebissene Zähne.
Lierd machte eine spöttische Verbeugung.
„Ihr kennt euch?“, fragte die blonde Dämonin.
„Ja“, sagte er nur. „Wir hatten bereits das Vergnügen.“
„Er will zu deiner Mutter. Warum?“, fragte sie.
Laut seufzend sah Lierd zu Ilvio. „Er will vermutlich um Gnade für Aruni bitten oder so was. Aber er braucht sich nichts einbilden. Als ob Aruni so einen Schwächling als Retter brauchen könnte. Aruni geht es gut. Hier geht es ihr besser als bei den Menschen. Hier gehört sie schließlich hin. Ich sollte ihn schleunigst wieder an der Oberfläche aussetzen. Möglichst in einer schön dunklen Gasse.“
Wütend starrte Ilvio Arunis Halbbruder an. „Ich gehe nicht ohne sie. Entweder ihr bringt mich jetzt zu Malenka oder direkt zu Aruni. Wenn ich gehen soll, will ich das von ihr selbst hören.“ Hätten die beiden Dämoninnen ihn nicht so hart an den Armen festgehalten, hätte er sie jetzt vor der Brust verschränkt. So hatte seine Forderung nicht ganz die richtige Optik.
„Du bist, glaube ich, nicht in der Position, hier Forderungen zu stellen“, bemerkte Lierd trocken.
Da bewegte sich etwas im Gang hinter Lierd. Eine pechschwarze Katze tauchte aus den Schatten auf und schmiegte sich an Lierds Bein. Erstaunt sah er nach unten. „Ach, wenn das mal nicht die kleine Ash ist. Suchst du dein Frauchen?“, fragte Lierd freundlich und bückte sich, um der Katze über den Rücken zu streicheln.
Ash miaute.
„Na dann komm mal mit“, sagte Lierd. Er hob sie auf und hielt sie in seinem Arm. Es sah schon fast so aus, als würde er das öfter tun. Ash ließ ihn gewähren und sah Ilvio einen Moment lang an. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Vermutlich behielt Ash ihre Katzengestalt, um einen Trumpf im Ärmel zu haben. Lierd würde sie also jetzt zu Aruni bringen, wenn er die Wahrheit sagte.
„Und was machen wir jetzt mit ihm?“, fragte die blonde Dämonin.
„Ach, Jenna. Mach mit ihm, was du willst, bis Fürst Luzius Zeit für ihn hat“, sagte Lierd und zwinkerte ihr über die Schulter hinweg zu. Dann ging er den Gang hinunter und verschwand aus Ilvios Blickfeld.
„Wieso du?“, fragte Flame aufgebracht. Ein gefährliches Funkeln lag in ihren Augen. „Und überhaupt, was würdest du denn mit ihm machen? Er ist schließlich kein Dämon! Ich weiß nicht, ob...“
„Lierd hat gesagt, ich darf entscheiden. Also, entschuldige uns“, sagte Jenna mit einer leichten Verbeugung. Sie hielt Ilvios Arm fest und wollte ihn mit sich ziehen. Flame aber ließ seinen anderen Arm nicht los.
Gleich würde Flame nur noch seinen Arm festhalten, wenn Jenna weiter so an ihm zog.
„Meine Damen“, versuchte er sich einzuschalten.
Flame lachte laut los und löste ihre Hand. „Damen? Das ist ja ein Hauptgewinn, Jenna. Viel Spaß.“ Noch immer lachend drehte sie sich um zu dem Dämon, der direkt hinter ihr stand. „So, dann habe ich dich jetzt also ganz für mich alleine“, gurrte sie. Mehr von der Unterhaltung – sofern es noch eine gab – bekam Ilvio nicht mit, denn Jenna zerrte ihn zielstrebig in die andere Richtung. Sie schien es eilig zu haben.
Kapitel 14
Es klopfte.
Aruni spürte, wie der Dämon zögerte.
„Aruni? Machst du bitte auf?“, erklang Lierds Stimme durch die verschlossene Tür.
Der Dämon stöhnte laut, als Aruni sich unter ihm bewegte.
„Ihr habt später noch genug Zeit, ich will nicht stören, aber ich hab hier was für dich, Schwesterchen!“, rief Lierd durch die Tür.
Der Dämon löste seinen Griff von Arunis Handgelenken und trat einen Schritt zurück. In seinen Augen spiegelte sich fast so etwas wie Entsetzen. Dann ging er aus dem Zimmer. Aruni hörte, wie er die Tür öffnete. Lierd sagte etwas zu ihm, aber der andere antwortete nicht. Aruni sank auf den Boden.
„Wo wollte er denn so schnell hin? Was ist?“, fragte Lierd, als er ins Bad kam. Er sah Aruni an und grinste. „Du bist ja total erschöpft. War Aidan so gut?“
Aruni starrte ihn nur an. Dann hörte sie etwas. Ein Miauen. Ash kam auf sie zu gerannt und sprang mit einem Satz auf ihren Schoß, um sich an Arunis Bauch zu schmiegen.
„Oh, meine Kleine“, presste Aruni hervor und schon liefen wieder Tränen über ihre Wangen. Doch dieses Mal war es ihr egal. Sollte es Lierd doch sehen, dass sie hier nicht her gehörte.
„Was ist los?“, fragte er. Er klang ehrlich bestürzt. „Ich störe ja nicht lange. Aidan kommt sicher gleich wieder.“ Er sah zur Tür. „Oder habt ihr gestritten?“
Was für ein Höllentrip. Sie lachte bitter und stand auf.
Aidan hieß er also. Verdammt, das klang viel zu nett.
„Danke“, würgte Aruni mit zorniger Stimme hervor und deutete auf Ash. Sie konnte Lierd nicht in die Augen sehen. Innerlich kochte sie. Ihr war danach, jemanden zu zerfleischen.
„Nicht der Rede wert. Übrigens...“ Lierd stockte. „Was ist mit deinem Arm?“, fragte er laut.
Aruni blieb stumm und starrte ihn wütend an.
„Aidan hat dir doch nichts getan, oder?“ Lierd kam näher und besah sich ihre Arme aus der Nähe.
„Oh, nichts getan wäre nicht das, wie ich es nennen würde“, sagte sie mit vor Verachtung triefender Stimme.
„Das kann nicht sein. Aidan ist ein guter Freund. Mama meinte, er wäre der Richtige für dich. Ohne viele Worte kann er sehr überzeugend sein“, sagte Lierd.
„Oh, beinahe hätte er mich überzeugt, aber dann ... dann hat er es gar nicht mehr versucht.“
Entgeistert schüttelte Lierd den Kopf. „Du meinst doch nicht, er hat dich gezwungen?“, fragte er mit tonloser Stimme.
„Wenn du nicht gestört hättest, ganz sicher“, schrie Aruni ihn an. „Und wer hat mich hierher gebracht? In diese Hölle? Heute Morgen war ich noch glücklich und jetzt? Jetzt ist alles so falsch, wie es nur sein könnte.“
Sein Gebrüll ließ die Wände beben. Ash sprang fauchend vor Aruni, und im nächsten Augenblick stand da eine Frau. Lierd blinzelte. Sein Mund war immer noch offen. Seine Zähne blitzten gefährlich auf. „Wer bist du?“, fauchte er.
Die Frau stellte sich vor Aruni und sagte nur: „Miau.“
Aruni musterte die Frau von hinten. Sie hatte einen schlanken Körper, langes schwarzes Haar und fast schwarze Haut. Ihre Fingerspitzen endeten in kleinen, weißen Krallen und ihre Muskeln waren gespannt, als ob sie zum Sprung ansetzte. Lierd ging unwillkürlich ein paar Schritte zurück.
„Aruni, sag mir, dass das nicht wahr ist! Du treibst es mit einem Meereself und wohnst mit einer Gestaltwandlerin zusammen? Einer Katzenfrau? Verdammt, was ist nur mit dir los?“ Verwirrt fuhr er sich mit der Hand durch die Haare und blieb dabei mit dem Ärmel an einem Horn hängen. Niemand lachte.
„Ash?“, flüsterte Aruni.
Die Frau drehte sich um und nickte. Dann ging sie tänzelnd einige Schritte auf Lierd zu und drückte ihren Zeigefinger auf seine Brust. „Und du? Wieso bist du so viel besser als Ilvio und ich?“, fragte sie in einem beinahe knurrenden Ton. Dabei klang ihre Stimme zugleich samtig. Aruni wusste nicht, wo ihr der Kopf stand. All die Jahre, hier unten und oben in London, hatte sie mit einer Gestaltwandlerin zusammengewohnt! Und sie für eine gewöhnliche Katze gehalten!
Aruni sah zu Lierd. Im ersten Moment sah es aus, als würde ihm nichts dazu einfallen. Er starrte auf Ashs bohrenden Finger und dann in ihr Gesicht.
Aber Lierd konnte stur sein, wenn er etwas nicht wollte. „Es geht hier nicht um besser oder schlechter“, stellte er fest. „Es geht darum, dass Aruni eine Dämonin ist und wir unter uns bleiben. Das ist das Beste.“
„So?“, schnurrte Ash und ließ ihre Hand wieder sinken. Sie strich langsam um Lierd herum und begutachtete ihn von allen Seiten. Lierd ließ sie nicht aus den Augen, aber Aruni sah, wie er schluckte. „Das Beste also ...“, fuhr Ash fort und ging zurück zu Aruni.
„Nun. Dann ist dir sicher aufgefallen, dass Aruni nicht einfach eine Dämonin ist. Sie ist ein Mischling, sie hat das Beste von zwei Rassen. Sie ist so viel mehr als eine Dämonin. Aruni besitzt ein Herz. Sie ist tolerant und sie würde nie im Leben jemanden verachten, nur weil er kein Dämon ist.“
Ash baute sich vor Aruni auf und starrte Lierd an. Aruni wusste nicht, was sie tun sollte. Natürlich hatte Ash recht, genauso fühlte sie sich. Sie war es schon früh leid gewesen, immer nur unter Dämonen zu bleiben, und sie hatte ihren Vater suchen wollen. Nach ihrem 15. Geburtstag war er nie wieder aufgetaucht. Sein Geschenk, das sie damals ausnahmsweise an der Oberfläche in Empfang nehmen durfte, hatte sie aber immer noch. Das Geschenk war eine schwarze Katze gewesen. Und Aruni hatte es nicht geahnt.
Lierd sah aus, als würde er um seine Beherrschung kämpfen. Aber er sagte nichts und verließ den Raum. Die Tür knallte hinter ihm ins Schloss.
„Er hat nicht abgeschlossen“, bemerkte Ash, die sich jetzt langsam zu Aruni umdrehte. „Hast du wirklich nicht gewusst, was ich bin?“
Aruni schüttelte den Kopf. „Mit einer Gestaltwandlerin habe ich überhaupt nicht gerechnet, obwohl ich sagen muss, dass ich oft das Gefühl hatte, du würdest mich verstehen. Sag mal, kanntest du meinen Vater schon, bevor er dich mir geschenkt hat?“ Das Wort ging ihr nur schwer über die Lippen.
Konnte man andere Geschöpfe überhaupt verschenken?
Ash lächelte versonnen. „Ja, er kannte mich schon vorher. Ich habe bereits ein paar Jahre bei ihm gewohnt und ich glaube auch, dass er geahnt hat, was ich bin. Gezeigt habe ich mich ihm in dieser Gestalt jedoch nie. Aber er hat mich gebeten, auf dich aufzupassen und ihn zu holen, wenn dir etwas passiert. Nur leider habe ich ihn seitdem nicht mehr getroffen. Er war lange nicht mehr in seiner alten Wohnung. Dort wohnt längst jemand anderes.“
Aruni spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich. „Meinst du, ihm ist etwas passiert? Angeblich ist er umgezogen, Treffen hat er immer abgesagt. Die erste Zeit kamen noch Briefe von einer anderen Adresse, aber ich war dort. Da wohnte nur eine ältere Dame, die die Post für ihn annahm. Die holte er jedoch nie ab. Und Lierd hat vorhin behauptet …“ Nein, das konnte sie nicht aussprechen. Lierd musste sich irren. Ihr Vater war nicht tot.
Ash setzte sich anmutig auf die Bettkante und zog Aruni zu sich herunter. „Ich weiß es nicht. Aber vielleicht weiß es deine Mutter“, sagte sie leise.
„Sein letzter Brief kam vor zwei Jahren, eine Woche, bevor ich in die Menschenwelt gezogen bin, da bin ich mir sicher. Danach habe ich nichts mehr von ihm gehört.“ Aruni ließ die Schultern hängen. „Aber Ash, wie kommen wir hier wieder raus?“
„Soll ich mal kundschaften gehen?“ Ash wartete keine Antwort ab und verwandelte sich vor Arunis Augen. Sie wurde so schnell kleiner und änderte ihre Form, dass Aruni kaum folgen konnte. In einem Moment stand dort Ash als Frau, im nächsten Moment umgab sie eine Art Nebel, und dann saß da wieder ihre Katze. Ash miaute und lief zur Tür. Sie zuckte ungeduldig mit dem Schwanz, bis Aruni hinüber ging und die Tür für sie öffnete.
Ash schlüpfte hindurch und verschwand im dunklen Gang. Aruni sah ihr nach. Weder Lierd noch ein anderer Dämon war zu sehen. Von irgendwoher driftete der Klang von Schreien, Gelächter und lautem Technobeat zu ihr.
Kapitel 15
„Aruni!“, brüllte Ilvio und kämpfte gegen die Fesseln, die ihn am Bett hielten. Die blonde Dämonin, Jenna, tanzte aufreizend vor dem Bett und wedelte mit einem Seidenschal über ihrem Kopf wie mit einem Lasso. „So einen wie dich hatte ich noch nie“, schnurrte sie. „Und ich glaube, dass es mir gefallen wird.“ Sie kam näher und ließ den seidigen Stoff über seine Brust gleiten. „Soll ich dir die Augen verbinden? Oder lieber den Mund stopfen?“ Sie sprang über das Bett und landete an der Tür.
„Aruni wird dich jetzt vielleicht gehört haben, aber nützen wird es dir nichts. Es wird dich möglicherweise interessieren, dass mir ihr Bruder hörig ist und dass Aruni und ich ... nun ja ... wir sind nicht gerade beste Freundinnen. Es wird sie wurmen, dass ich mir dich gekrallt habe. Sie hat ja so ein verdrehtes Verständnis von Treue und Liebe. Und dabei muss man nur einem treu bleiben: sich selbst.“
„Ich werde nicht mit dir schlafen“, sagte Ilvio fest. Er zog noch einmal an den Fesseln, aber es war nichts zu machen. An Land besaß er keine übermäßige Stärke. Gerade so viel wie ein Mensch. Er biss die Zähne zusammen.
„So?“, fragte sie. „Glaub mir, am Ende der Nacht wirst du mich darum bitten.“ Sie kniete sich aufs Bett und schmiegte sich an ihn, geschmeidig wie eine Katze. Ihre Hörner glänzten im Schein der Kerzen, die rundherum an den Wänden angebracht waren. Ihre Augen funkelten gierig.
„Untersteh dich!“, sagte er wütend, als sie eine Hand nach ihm ausstreckte. Jenna zog ihre Krallen langsam über seine Haut und hinterließ schmale rote Streifen auf seiner Brust. Ilvio bäumte sich auf, aber er gab keinen Laut von sich.
„Gefällt dir das?“, säuselte Jenna.
„Nimm deine Krallen von mir“, knurrte er.
„Oh.“ Jenna tat erstaunt. „Tut dir das weh? Da weiß ich was.“ Und im nächsten Moment malte ihre spitze Zunge eine feuchte Spur über die Kratzer. Die Haut heilte augenblicklich.
Ilvio spürte Jennas Hände, Krallen und Haut überall an seinen Beinen und an seinem Bauch. Er versuchte krampfhaft, nicht an Aruni zu denken, an die Zeit mit ihr. Arunis Haut hatte sich genauso angefühlt wie die von der blonden Dämonin, die in diesem Augenblick seinen Bauchnabel leckte. Ilvio schauderte.
Arunis Gesichtsausdruck fiel ihm wieder ein, als er gesagt hatte, dass er sie schön fand, trotz ihrer dämonischen Haut. Da spürte er Jennas Fingerspitzen am Reißverschluss seiner Hose. Ein leises Stöhnen entfuhr ihm und er biss sich auf die Zunge. Nur am Rande bekam er mit, dass etwas an der Tür kratzte. Krallen auf Holz.
Jenna hörte auf, mit ihrer Zunge die Konturen seiner Muskeln nachzuzeichnen, aber ihre Finger fuhren weiter an dem Bund seiner Hose entlang, als sie zur Tür sah. „Wer stört?“, rief sie ungeduldig.
„Miau“, war die Antwort.
„Arunis blödes Katzenvieh“, murmelte Jenna und rief: „Hau ab. Sag deinem Frauchen, dass ich mir hier drin ihren Meereself vornehme. Das wird sie freuen.“
Das Kratzen hörte auf und es war wieder still. Ilvio hielt den Atem an. Ob Ash noch draußen stand? Ob sie Aruni holen würde? Aruni würde doch sicher nicht annehmen, dass er freiwillig hier war. Jenna drehte sich wieder zu ihm um und ließ ihre Hand unter seinen Hosenbund rutschen. Vergnügt beobachtete sie ihn. „Das gefällt dir aber“, stellte sie fest und lächelte. Ihre raubtierartigen Eckzähne blitzten.
Ilvio kniff die Augen zu. Aber es half nichts. Wenn er Jenna nicht sah, die wirklich etwas davon verstand, eine Show abzuziehen, dann sah er vor seinem geistigen Auge Aruni, wie sie sich über und unter ihm wand. Die Luft knisterte förmlich vor Spannung und er konnte nichts dagegen tun, dass ihm das Blut in die Lenden schoss. Dann verband Jenna seine Augen mit dem Seidenschal.
Ash rannte die Gänge hinunter. Sie wusste von Aruni, was Jenna mit Männern anstellte. Sie würde nicht zulassen, dass Ilvio ihr genauso verfallen würde wie Lierd. Es würde Aruni das Herz brechen. Auf halbem Weg zu Arunis Zimmer hielt sie inne und lauschte. Da waren doch Stimmen. Lierd. Und Arunis Mutter. Sie stritten. Die Stimmen kamen von links, Ash bog in einen anderen Gang und rannte auf die Stimmen zu. Am Gangende lag die Wohnhöhle von Arunis Mutter, Malenka. Ash hatte die Dämonin schon häufiger in ihrer Katzengestalt beobachtet. Malenka war hübsch, auf eine etwas vulgäre Art, und wenn man sich ihre Haut etwas heller vorstellte, war die Ähnlichkeit zu Aruni unübersehbar. Die Tür stand offen. Ash schlüpfte hinein, drückte sich in die Schatten nahe des Eingangs und lauschte dem Gespräch.
„Du hast doch gesagt, sie braucht einen Dämon. Ich hatte doch keine Ahnung!“, schrie Lierd.
„Aidan ist dein Freund“, schrie Malenka zurück. „Du wirst mit ihm reden müssen. Wir sind doch keine Barbaren. Wenn Aruni nicht will, dann muss er warten. Ein Glück, dass du rechtzeitig da warst.“
Plötzlich tauchte ein Mann hinter Malenka auf. Ash starrte ihn an.
„Aruni ist hier? Du hast mir doch versprochen, dass sie leben darf, wo sie will! Warum habt ihr sie hergeholt, gegen ihren Willen?“ Er klang aufgebracht. Der Mann trug einen blutroten Kimono, der zweifelsohne Malenka gehörte. Ash sah ihn sich genauer an. Das war doch … Arunis Vater. Er sah noch immer gut aus, aber man konnte kaum leugnen, dass er mindestens zwanzig Jahre älter aussah als die Dämonin. Was er mit Sicherheit nicht war. Was tat er hier?
„Ich habe dir doch gesagt, du sollst in meinem Bett bleiben“, sagte sie ärgerlich, strich ihm jedoch liebevoll über den Arm.
Ash sah gespannt zu Lierd. Er sah tatsächlich so aus, als würden ihm gleich die Augen aus dem Kopf fallen. „Mutter“, sagte er tonlos.
Dann sah er den Menschenmann an. „Jack“, sagte er knapp. „Wie schön.“
„Hallo Lierd“, antwortete Arunis Vater und wandte sich dann wieder Malenka zu. „Was ist mit Aruni? Wo ist sie? Ich muss zu ihr.“
„Du kannst nicht zu ihr. Fürst Luzius darf nicht erfahren, dass du hier bist. Das weißt du doch.“
„Nein, das sollte er wohl wirklich besser nicht wissen. Aber wenn Aruni hier ist, hast du deinen Teil der Abmachung nicht eingehalten“, erinnerte er sie ungeduldig.
Abmachung? Langsam dämmerte es Ash. Jack war hier, damit Aruni bei den Menschen leben konnte. Deswegen war er so lange weg gewesen.
Malenka räusperte sich. „Das lag nicht an mir, sondern an Aruni.“
„Sie hat sich etwas zuschulden kommen lassen, es war ihre Entscheidung“, mischte sich Lierd ein. Er starrte noch immer auf Jack wie auf einen Geist.
„Ich möchte mit meiner Tochter reden“, bat Jack und strich über Malenkas Schultern. Offenbar wusste er, wie er die Dämonin zu nehmen hatte.
„Ich hole sie“, sagte Malenka mit einem Seufzen. „Lierd, begleite mich.“
Dann drehte sie sich zu Jack. „Ich muss abschließen, das verstehst du doch.“ Sie küsste ihn stürmisch und drückte ihn zurück ins Zimmer. Mit einem letzten Blick zog sie die Tür hinter sich ins Schloss.
Ash war sich nicht sicher, ob es klug gewesen war, sich in den Raum zu stehlen. Immerhin saß sie nun mit Jack in der Falle. Er sank auf den Boden, stützte den Kopf in die Hände und betrachtete missmutig seine nackten Füße.
„Miau“, machte Ash und strich an seinem Unterschenkel entlang.
„Ash!“, rief er erstaunt. „Wo kommst du denn her? Ach, meine Kleine, was machen wir denn nun? Aruni ist hier, ich glaube, sie haben sie gezwungen zurückzukommen. Und da muss noch etwas Anderes passiert sein. Wenn dieser Aidan ihr etwas angetan hat, dann …“ Er brach ab und ballte die Hände zu Fäusten.
„Noch nicht“, antwortete Ash bitter. Sie war sich nicht bewusst, dass sie es laut ausgesprochen hatte, bis sie Jacks Blick sah.
„Hast du gerade gesprochen?“, flüsterte er. „Ich hab's doch gewusst. Du bist keine gewöhnliche Katze, stimmt's? Eine Hexenkatze oder sowas?“
„Gestaltwandlerin“, verbesserte ihn Ash und stand Sekunden später in ihrer Menschengestalt vor ihm.
Jack blieb sitzen und starrte zu ihr empor. „Wow“, flüsterte er.
„Hör zu, Jack“, sagte Ash. „Wir müssen Aruni hier rausholen. Dieser Dämon wird es sicher noch einmal versuchen. Und wenn er es nicht schafft, dann ein anderer. Du kennst sie doch. Nur eins im Sinn.“
„Hat er meiner Tochter wehgetan?“ Jack sprang auf die Füße.
„Die Zeit hat wohl nicht gereicht“, sagte Ash leise. „Aber ein paar blaue Flecken wird sie wohl bekommen. Dieses Mal war ich wirklich froh, dass Lierd gestört hat.“
Jack rammte seine Faust gegen die Wand. „Dieses Arschloch! Wo finde ich ihn?“
Ash schüttelte den Kopf. „Jack, wenn du dich mit dem Dämon anlegst, überlebst du keine Minute.“
„Du hast recht." Er rieb sich frustriert die Stirn. „Verdammt. Du hast nicht zufällig übermenschliche Kräfte oder andere Tricks auf Lager?“
Kapitel 16
Aruni saß im Schneidersitz auf ihrem Bett, hinter ihrem Rücken lag griffbereit ein langer Holzsplitter, den sie von einem Brett an der Wand abgebrochen hatte. Dieser Dämon würde sie nicht noch einmal wehrlos erwischen. Sie hatte die Augen geschlossen und lauschte. Wo blieb Ash? Nach einer Weile stand Aruni auf und ging zur Tür. Sie machte sie auf, um in den Gang zu sehen ... und stieß sich die Stirn an Lierds Faust.
„Aua. Du Idiot“, schimpfte Aruni. „Was soll das?“
Verdutzt sah er sie an. „Tut mir leid, ich wollte nur anklopfen.“
Malenka schob ihn zur Seite und nahm ihre Tochter in die Arme. „Aruni, mein Fünkchen“, säuselte sie. „Was muss ich da hören? Du bist nicht glücklich zuhause?“
Aruni machte sich los. „Mama, ich bin hier nicht zuhause. Aber genau da will ich jetzt wieder hin, in meine Wohnung.“
Sie zögerte einen Moment und fragte dann leise: „Ist Papa tot?“
Malenka lachte. „Noch lange nicht. Wie kommst du darauf?“
„Ziemlich lebendig“, murmelte Lierd.
Aruni sah verwirrt zwischen ihrer Mutter und ihrem Bruder hin und her.
„Ich verstehe nicht. Du hast doch gesagt … Wo ist er?“
„Verdammt, was für ein Durcheinander“, schimpfte Arunis Mutter leise vor sich hin. „Komm mit.“
Aruni lief hinter ihrer Mutter her, Lierd blieb hinter ihrem Rücken. Wohl, damit sie nicht abhauen konnte.
„Was hab ich da gehört von Aidan?“, fragte Malenka plötzlich und blieb stehen. „Hat er dir wehgetan?“
„Fast“, sagte Aruni nur. „Ich will nicht darüber reden.“
„Verdammt“, murmelte Malenka. Sie sah unbeholfen zu ihrer Tochter. Dann drückte sie deren Schulter und setzte ihren Weg fort. Trösten war Arunis Mutter schon immer schwer gefallen.
Sie kamen zu Malenkas schwerer Holztür. Malenka zog den Feuerstein aus der Tasche ihres Kimonos und platzierte ihn in dem Emblem im Fels neben der Tür. Aruni sah jemanden im Zimmer, stutzte kurz, und stürzte dann mit einem Aufschrei hinein. „Papa!“, rief sie und warf sich in seine geöffneten Arme.
„Meine Kleine!“ Ihr Vater drückte sie fest. Dann löste er sich von ihr und sah sie ernst an. „Wie geht es dir?“
„Gut, also jetzt. Papa, was machst du hier? Wo warst du so lange? Ich hab dich gesucht!“ Die Worte sprudelten nur so aus Aruni heraus.
„Ich war hier“, sagte er nur. „Bei deiner Mutter.“
Ash trat aus den Schatten heraus.
„Wer bist du? Wie kannst du es wagen, ohne Erlaubnis in meine Höhle einzudringen?“, fragte Malenka und trat einen Schritt auf Ash zu.
„Ich bin Arunis Freundin“, erklärte Ash schnell und wandte sich dann an Aruni.
„Dein Vater ist hier und war hier, damit du bei den Menschen sein konntest. Es war eine Abmachung. Sie gilt noch fünf weitere Jahre. Aber da du jetzt hier bist ...“
Sie brach ab und sah zu Malenka.
Die schloss langsam ihren Mund und setzte sich schwerfällig auf die Bettkante. „Abmachung? Ja, natürlich war es eine Abmachung. Aber er wollte doch auch bei mir sein, und Aruni wollte unbedingt die Welt erkunden. Was hätte ich denn tun sollen?“
Aruni sah zu ihrer Mutter. „Du hast ihn als Pfand behalten?“, fragte sie ungläubig.
„Nein, ich war freiwillig hier. Es war meine Idee, und deshalb hatte deine Mutter endlich zugestimmt, dass du dein Glück über der Erde suchen durftest. Sieben Jahre klang nach einer guten Zeitspanne.“
„Oh, Papa“, flüsterte Aruni. „Dann darf er jetzt gehen“, fauchte sie ihre Mutter an.
„Nein. Ich werde hier bleiben. Die vollen sieben Jahre, und du darfst wieder nach Hause. Und dein Freund auch, nicht wahr, Malenka?“
„Mein Freund?“, fragte Aruni erstaunt. „Aidan ist ganz bestimmt nicht mein Freund. Den nehme ich nirgendwohin mit!“
„Ilvio“, erklärte Ash. „Wir sind gemeinsam herunter gekommen, um dich nach Hause zu holen.“
Ilvio war hier? „Wo ist er?“ Angst packte sie. Was, wenn ihre Dämonensippe ihn erwischt hatte? „Wo ist er?“, wiederholte sie ihre Frage und funkelte Lierd an.
Er nuschelte etwas.
„Was?“, fragte Aruni.
„Bei Jenna“, wiederholte er gerade so laut, dass sie es verstehen konnte.
Aruni rannte los, dicht gefolgt von Ash. „Jenna!“, brüllte sie, während sie lief. „Rühr' ihn ja nicht an!“ Schwer atmend kam sie vor Jennas Höhle an. Sie warf sich gegen die Tür. Die bewegte sich keinen Millimeter.
Aruni trommelte auf Jennas Tür. „Verdammt, mach auf, du blöde Schlampe!“
Ash kam neben Aruni zum Stehen, nahm eine lange spitze Nadel aus ihrem Haar, die irgendwie einem chinesischen Essstäbchen ähnlich sah, und steckte sie in das Schlüsselloch. Wie gut, dass Jenna nur diese einfache Holztür hatte mit einem fast normalen Schloss. Nach ein wenig Herumstochern ertönte ein Klicken, dann stießen Aruni und Ash gemeinsam die Tür auf.
Jenna hockte über Ilvio. Seine Augen waren verbunden, und er war ans Bett gefesselt.
„Vielleicht möchtest du zugucken, während ich ihn um den Verstand bringe?“, flüsterte Jenna, ohne sich umzudrehen.
Mit einem wütenden Aufschrei sprang Aruni auf Jenna zu, riss sie vom Bett und schleuderte sie krachend gegen einen Schrank.
„Er ist nicht dein“, brüllte Jenna und warf sich mit ausgefahrenen Krallen auf Aruni.
„Er gehört sich selbst, verdammt, aber ich liebe ihn!“, knurrte Aruni zurück und verpasste Jenna eine Ohrfeige. Jenna biss in Arunis Schulter. Aruni schrie auf.
Ihre Krallen sausten durch die Luft, Stofffetzen flogen, und von allen Seiten der Höhle hallte lautes Kreischen und Fauchen wider.
„Aruni?“, fragte Ilvio aufgeregt und zerrte erneut an seinen Fesseln.
„Ja, sie ist hier“, bestätigte Ash und nahm ihm die Augenbinde ab. „Ich löse jetzt deine Fesseln, okay?“ Mit einer scharfen Kralle durchtrennte sie den Knoten. Sie sprang schnell aus dem Weg, als er unwillkürlich um sich schlug. „Pass auf, auf wen du zielst“, empfahl sie ihm knapp.
Hektisch sah sich Ilvio im Raum um.
Aruni und Jenna rollten mittlerweile wild fauchend über den Boden und kratzten sich die Haut auf, wo ihre Krallen nur etwas zu fassen bekamen. Als Arunis Krallen von ihrer Gegnerin abglitten, biss sie ihr kräftig in den Nacken.
Jenna jaulte auf. Aruni rollte sich zur Seite und sprang auf die Füße.
„Was ist hier los?“, donnerte eine Stimme von der Tür her. Lierd.
Aruni fuhr herum und sprang fauchend auf ihn zu. „Du bist an alldem hier schuld. Du und nur du! Halt deine Schlampe gefälligst unter Kontrolle!“
Lierd packte Aruni und presste sie an seine Brust. Aruni versuchte, loszukommen und ihn ebenfalls zu kratzen, während heiße Tränen über ihre Wangen rannen. Schließlich verebbten ihre Schreie zu einem unverständlichen Murmeln. Endlich hielt sie ihre Fäuste still und ließ sich von Lierd den Rücken streicheln. Ihr Hemd und die dunkle Jeans hingen in Fetzen von ihrem Körper.
Aruni spürte, wie jemand hinter sie trat und einen leicht rauen Stoff über ihre Schultern legte. Dabei stieg ihr ein sehr bekannter Duft in die Nase. „Ilvio“, murmelte sie. Dann wiederholte sie den Namen noch einmal prüfend und wollte sich umdrehen. Lierd ließ sie langsam los. Aruni zog den Stoff enger um sich. Es war Ilvios Hemd.
Da stand er. Ihr Meereself. Sein Blick sprach Bände. Er hatte zu viel gesehen, bestimmt fand er sie jetzt abstoßend. Verzweifelt sah Aruni auf Ilvios Hemd hinunter und dann auf seine nackte Brust. In seine Augen konnte sie nicht sehen. Was, wenn er sich jetzt ihrer schämte? Sie hatte sich aufgeführt wie eine Furie. Überdies hatte man Ilvio bestimmt gesagt, dass sie mit einem Dämon gepaart werden sollte. Vielleicht kannte er sogar den Namen des für sie Ausgewählten, einen Namen, den sie garantiert nie wieder aussprechen würde. Alleine der Gedanke an ihn hinterließ schon einen schlechten Geschmack auf ihrer Zunge.
Ein Räuspern ließ sie schließlich zur Tür sehen. Da stand nun auch ihre Mutter neben Lierd. Dieser wirkte ehrlich zerknirscht. Ein seltener Anblick.
„Vergib mir“, flüsterte Arunis Mutter.
Hatte sie das wirklich gesagt? Aruni war sich nicht sicher. Wiederholen würde Malenka es sicher nicht. Auch sonst sprach niemand.
Ash stand wie eine Statue neben Ilvio und sah sie interessiert an. Sie blinzelte kein einziges Mal. Bei Katzen hieß das nichts Gutes, meinte Aruni sich zu erinnern. Im nächsten Moment rann ein tiefes Grollen durch die Mauern. Der Boden unter Arunis Füßen bebte. Schwere Schritte waren zu hören.
Aruni ließ ihren Kopf hängen und kauerte sich auf den Boden. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie ihre Mutter und ihr Bruder respektvoll zur Seite wichen.
Kapitel 17
Die Lichter erloschen. Auch ohne ihn zu sehen, wusste Aruni, dass Fürst Luzius den Raum betreten hatte. Sie wagte es kaum, zu atmen. Zwei einzelne Flammen leuchteten auf. Genau hinter Luzius.
„Erhebt euch“, donnerte seine Stimme durch den Raum, der plötzlich viel zu eng erschien.
Aruni stand langsam auf, hielt ihren Blick jedoch auf den Boden gerichtet. Niemand sagte ein Wort. Nach einer Weile hielt sie es nicht mehr aus und sah in Luzius Richtung. Sein Gesicht konnte sie nicht erkennen, nur seine Umrisse hoben sich schwarz vor den Flammen ab. Sie erschrak - so riesig hatte sie ihn nicht in Erinnerung. Aruni schielte zu ihrer Mutter. Zum Glück war ihr Vater nicht hier. In Malenkas Höhle war er zurzeit bedeutend sicherer.
Aruni lief es kalt den Rücken hinunter. Was würde Luzius mit Ash und Ilvio tun? Da spürte Aruni eine Berührung an ihrem Arm, erschrocken drehte sie sich halb um. Ilvio! Er war zu ihr hinüber gekommen, wohl um sie zu beschützen. Dabei war vermutlich er es, der ihren Schutz brauchte. Aruni spürte einen heißen Blick auf sich ruhen. Luzius! Der dunkle Fürst würde es bestimmt nicht schätzen, dass sie ihm ihre Aufmerksamkeit auch nur eine Sekunde entzog. Sie sah zu Boden.
„Aruni, Tochter von Malenka der Dunklen!“, donnerte auch schon seine Stimme.
Die Steinplatten unter Arunis Füßen waren auf einmal ungewöhnlich hart. Ein kalter Tropfen rann ihren Rücken hinab. Sie meinte fast das laute Platschen zu hören, als er auf den Boden fiel.
„Mir ist zu Ohren gekommen, dass du zurückgekehrt bist.“ Er machte eine Pause. Niemand atmete.
„Sieh mich an“, sagte er dann.
Er schnalzte mit den Fingern. Die Flammen hinter ihm flackerten und wuchsen. Langsam hob sie ihren Blick. Seine Augen glühten. Hastig wandte Aruni ihren Blick wieder zu Boden, genau auf Fürst Luzius schwarze Füße, die jetzt erkennbar wurden. Er trug keine Schuhe. Seine Zehenkrallen waren blutrot, es sah fast so aus, als hätte er sie lackiert. Aruni schluckte. Was dachte sie da?
Die Füße kamen näher. Dann berührte sie eine spitze Kralle am Kinn und hob ihr Gesicht an. Ilvio sog hinter ihr erschrocken die Luft ein. Luzius stand genau vor Aruni. Sein Atem brannte auf ihrer Nase, als er sie zwang, ihm in die Augen zu sehen. Ein Funkeln lag darin, das Aruni nicht deuten konnte.
„Ein Mischling aus Mensch und der schönsten Dämonin des Erdenreichs“, murmelte er. „Hübsch, die Kleine, Malenka“, sagte er über seine Schulter. Aruni sah aus den Augenwinkeln, dass ihre Mutter an seine Seite trat.
„Wir hatten, glaube ich, noch nicht das Vergnügen. Das letzte Mal, als ich dich sah, warst du noch ein winziger Halbling.“ Er schnaubte und sein Blick wanderte über Arunis Haut. Heißer Atem traf ihr Gesicht.
„Luzius“, sagte Arunis Mutter nur.
„Und er?“ Luzius ließ Arunis Kinn los und sah hinter sie. Oh Nein! Ilvio! Was konnte sie tun?
Luzius bedachte Malenka mit einem ziemlich eindeutigen Tätscheln auf den Hintern. Er schob Aruni zur Seite und trat einen Schritt auf Ilvio zu. Arunis Atem stockte. Eine Stimme erklang und flehte zitternd: „Bitte tu ihm nichts! Nimm mich an seiner Stelle. Bestrafe mich!“
Luzius fuhr herum und starrte genau in Arunis Augen.
Oh, sie hatte das gesagt?
„Mischling?“, fragte er. Seine Stimme klang streng.
Aruni neigte ihren Kopf und ignorierte Ilvio, der immer wieder flüsterte, sie solle es nicht tun.
Dann ging alles sehr schnell. Luzius sagte: „Dann komm.“ Er wartete auf keine Antwort, schnappte sich eins ihrer Handgelenke und zog sie hinter sich her aus dem Raum. Ihre Füße rutschten über die glatten Fliesen. Dann blieb Luzius plötzlich stehen.
„Nehmt mich. Bitte, tut Aruni nicht weh.“
Das konnte nicht wahr sein. Ilvio hatte sich an ihnen vorbeigeschlängelt und sich genau vor Luzius gestellt. Aruni schloss die Augen. Was nun?
Luzius begann laut zu lachen. Es schallte von allen Seiten auf Aruni zurück. Eine Gänsehaut nach der anderen jagte über ihre Haut. „Was seid ihr nur für lustige Geschöpfe?“ Als sein Lachen verebbt war, drehte er sich zu Aruni um.
„Erst soll ich dich nehmen. Dann soll ich ihn nehmen. Hast du vielleicht einen Vorschlag?“
„Es ist alles meine Schuld“, würgte Aruni hervor.
Da schlenderte Arunis Mutter an Fürst Luzius vorbei und berührte ihn wie zufällig mit ihrem Schweif.
„Malenka“, knurrte Luzius.
„Ja?“, raunte sie und wiegte kokett ihre Hüften.
„Du wirst bestraft!“, entschied er mit einem Grinsen.
„Oh ja“, säuselte Malenka. Sie legte ihren Arm um Fürst Luzius und machte Aruni hinter seinem Rücken ein Zeichen. Dann zog sie den Fürst der Dämonen den Gang entlang.
Doch bevor Aruni aufatmen konnte, drehte er sich noch einmal um. „Mit euch bin ich noch nicht fertig“, knurrte er. Er zeigte mit einem Finger auf Aruni. Ein Feuerstrahl schoss auf sie zu und traf sie mit einem Zischen an ihrem Schweif. Aruni fauchte vor Schmerz. Ein schwarzer Ring lag unmittelbar unter der gezackten Spitze und glühte noch einige Momente, bevor er verlosch und ihr fast mit seiner Kälte die Haut versengte. „Damit ich weiß, wo du bist, wenn deine Strafe kommt“, sagte er, bevor er mit Malenka den Raum verließ.
Lierd trat neben Aruni und starrte böse auf Ilvio.
„Toll“, sagte er. „Da hast du Aruni ja schön reingeritten!“
Kapitel 18
Ilvio baute sich drohend vor Lierd auf. Die Worte brachen nur so aus ihm heraus: „Ich wüsste nicht, wieso das meine Schuld sein sollte. Du warst doch derjenige, der seine Schwester unbedingt verraten musste!“
„Ich? Sie verraten? Niemals! Sie hat die Regeln verletzt, aber sie gehört zu uns und sie ist hier unten sicher. Sicher vor solchem Gesindel wie dir!“, schnauzte Lierd ihn an.
Ilvios Faust traf Lierd mitten in die Magengrube. Lierd klappte mit einem Keuchen zusammen. Als er wieder aufsah, glühten seine Augen blutrot und dünne Rauchschwaden umgaben seine Hörner.
„Du willst Krieg?“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Nein. Ich will Gerechtigkeit. Ich will, dass Aruni entscheiden darf, wo sie sein will und mit wem sie zusammen sein will.“
Im nächsten Augenblick flog Ilvio gegen die Wand. Der Fels war warm. Hitze explodierte in seinem Inneren. Erst dann kam der Schmerz. Es wuchs aus seiner Mitte heraus. Verständnislos betastete er seinen Bauch. Hellblaues Blut floss durch seine Finger.
Aruni kreischte auf: „Lierd! Verdammt noch mal! Was machst du denn, du Idiot? Du weißt doch, dass du hier unten sehr viel stärker bist!“ Sie kniete sich vor Ilvio. „Bist du verletzt? Oh Nein!“ Arunis Finger berührten zaghaft die blaue Flüssigkeit.
Ilvio sah auf ihre Hände. Aus der Wunde ragte ein spitzer Steinsplitter. Er schien aus der Wand hinter ihm zu kommen.
„Scheiße“, murmelte Lierd.
Ilvio spürte, wie die Welt um ihn herum an den Rändern ausfranste und sich um ihn zusammenzog. Er versuchte zu nicken, aber er wusste nicht, ob es funktionierte. Es fühlte sich nicht so an, als ob er sprechen konnte. Die Pfütze, die sein Blut auf dem Boden füllte, schien das einzige zu sein, was er noch wahrnahm. Dann wurde die Welt um ihn herum flüssig und er sank zur Seite.
In der Schwärze drang eine Stimme zu ihm. „Ilvio! Du darfst mich nicht verlassen. Ilvio, bitte, bleib bei mir. Ich liebe dich doch!“
Aruni, dachte er. Ja, für sie lohnte es sich, zu sterben. Die Stimmen der anderen drangen wie durch Nebel zu ihm. Interessiert lauschte er den Worten, ohne sie auf sich zu beziehen.
„Oh, beim Höllenfeuer, wie kann ich ihm helfen?“
„Du wirst jemanden von seinem Blut finden müssen. Nur jemand seiner Blutlinie kann ihn retten. So habe ich das jedenfalls gelesen“, antwortete eine samtige Stimme, die sicherlich Ash gehörte.
„Dorset“, murmelte Aruni. Ihre Stimme wurde laut. „Lierd! Du bist dafür verantwortlich. Du wirst mir verdammt noch mal jetzt auch helfen. Hier, hilf mir Ilvio zu tragen.“
Ein Druck auf seinem Bauch ließ ihn aufstöhnen. „Ich verbinde die Wunden“, flüsterte Aruni ihm ins Ohr. Ilvio konnte Tränen in ihrer Stimme hören. Er hätte gerne etwas Aufmunterndes gesagt, aber er konnte noch immer nicht sprechen.
„Lierd! Steh nicht so rum, verdammt. Hilf mir!“
„Ich würde tun, was sie sagt, die Schuld liegt bei dir. Und wenn er stirbt, wird dir das deine Schwester nie verzeihen“, schaltete sich Ash wieder ein.
„Aber ich hab doch nichts gemacht!“, zeterte Lierd.
„Nur wegen dir ist er so verletzt worden, weil du deine blöden Machoallüren nicht unter Kontrolle hast“, fauchte Ash.
Ein warmer Arm lag um Ilvios Schultern. Krallenhände packten ihn vorsichtig. Es schmerzte höllisch, als sein Körper sich von dem Splitter löste. Sofort waren da wieder Arunis Hände, die den Verband über die Wunde schoben. Es war sehr kalt, aber Arunis Feuer wärmte seine Haut. Er wurde bewegt. Die Dunkelheit schaukelte. Nach vielen Schritten und bohrenden Schmerzen drang endlich kühle Luft an seine Nase. Luft, die endlich nicht mehr nach Rauch schmeckte. Es roch nach feuchtem Asphalt und Regen. Danach wurde es still.
Kapitel 19
Lierd schnaufte, als er Ilvio aus dem gestohlenen Wagen zerrte. „Kannst du dir bitte nächstes Mal einen richtigen Mann aussuchen, den man nicht tragen muss?“
„Ilvio ist ein richtiger Mann. Er hat mehr Ehre im Leib als du. Er hätte mich nie verraten.“
„Ja, genau. Und woher weißt du das? Warte, wie lange kennst du ihn? Zwei Nächte?“
„In zwei Nächten kann viel passieren und man kann viel lernen“, bemerkte Ash, die wieder einmal ihre menschliche Gestalt angenommen hatte. Ihre Hand berührte Ilvio sanft. „Er sieht nicht gut aus“, bemerkte sie leise.
Sie überquerten eine Wiese und eilten dann einen schmalen Pfad durch die Klippen hinunter zum Strand. Aruni spürte, wie eine harte Kälte durch ihre Beine und Arme kroch, genau auf ihr Herz zu. Sie schluckte und sah geradeaus auf das Meer. „Wir sind da.“
Lierd legte Ilvio vorsichtig auf den Sand. „Und jetzt?“, fragte er und strich sich durch die Haare.
„Ich gehe da rein“, sagte Aruni und deutete auf das wogende Blau.
„Kannst du denn schwimmen? Oder tauchen, Schwesterlein?“ Lierd lachte hart auf.
„Ich helfe dir“, sagte Ash mit tapferem Blick.
„Du hasst doch das Wasser...“, gab Aruni zu Bedenken.
„Ich lasse mich nicht von etwas Wasser einschüchtern“, bemerkte Ash und strich ihren Umhang von den Schultern. Dann zog sie ihr Kleid aus. Aruni sah an sich hinunter. Die Jeans und das Hemd konnte sie sowieso wegschmeißen, zudem würden die sie sicher beim Schwimmen stören. Sie zog die Fetzen ebenfalls aus. Sie hörte Lierd nach Luft schnappen. Jetzt konnte er genau sehen, wo ihre Dämonenhaut endete und wie viel Menschenhaut sie hatte. Es war ihr egal. In diesem Moment zählte nur Ilvio.
„Bereit?“, fragte sie.
Ash nickte. Das Wasser glitzerte freundlich im Sonnenschein.
„Und du!“, knurrte Ash und sah zu Lierd zurück. „Starr mich nicht so an, hast du noch nie eine nackte Frau gesehen?“
Lierd grinste breit und verschränkte die Arme.
„Pass auf ihn auf, Lierd“, mahnte Aruni.
Sie sah noch einmal auf Ilvios schlaffen Körper, bis er vor ihren Augen verschwamm. Dann blinzelte sie die Tränen weg und drehte sich entschlossen um.
Das Wasser leckte an ihren Zehen. Mit jedem weiteren Schritt kletterte eisige Kälte an ihren Beinen hinauf. Unsicher sah sie zu Ash, die ebenfalls die Zähne zusammenbiss. „Kaltes Wasser, toll“, knurrte sie.
Als das Wasser Aruni vollständig umspielte, nahm Ash ihre Hand und sagte: „Halte dich an mir fest, wir schwimmen jetzt.“
Aruni fühlte Angst, die noch kälter war als das Wasser um sie herum, aber sie nickte und klammerte sich vorsichtig an Ashs Schultern. Dann verlor sie den Boden unter den Füßen.
Die Kälte des Wassers würgte Aruni, sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
„Alles okay bei dir?“, fragte Ash.
Arunis Zähne klapperten, aber es kam ein einigermaßen verständliches Ja über ihre Lippen.
Ash war wirklich eine gute Schwimmerin, aber wie lange würde sie Aruni tragen können? „Ash? Wohin müssen wir überhaupt?“
„Wir müssen tauchen“, meinte Ash. „Soweit ich weiß, leben Meereselfen unter Wasser.“
Aruni spürte ihre Füße nicht mehr, ihr Seelenfeuer glühte kaum noch. Sie sah zurück zum Strand. Lierd stand noch immer dort und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Seinen Gesichtsausdruck konnte sie von hier aus nicht erkennen. Und Ilvio lag noch immer zu seinen Füßen auf dem hellen Sand. Aruni schluckte die Angst hinunter, so gut es ging.
Ash löste Arunis Arme vorsichtig von ihren Schultern. „Du musst mit deinen Armen Kreise unter Wasser ziehen, so wie ich. Und mit den Beinen einfach paddeln, als würdest du laufen.“
Widerstrebend ließ Aruni los und ruderte wild mit Armen und Beinen.
„Gut“, sagte Ash, aber sie sah nicht überzeugt aus. „Nicht ganz so schnell. Du brauchst noch ein bisschen Kraft. Warte hier, ich sehe nach, ob ich etwas erkennen kann da unten.“ Ash biss die Zähne zusammen, holte tief Luft und tauchte unter. Kurz konnte Aruni sie noch unter Wasser erkennen, aber nicht sehr deutlich. Es war sehr dunkel da unten. Wie tief mochte es wohl sein? Aruni konzentrierte sich auf die kreisenden Bewegungen, sie brachte ihre Fingerspitzen zueinander und drückte dann das Wasser sacht nach außen, genau wie Ash es ihr gezeigt hatte. Ihre Zähne schlugen mittlerweile ohne Unterlass aufeinander. Endlich tauchte Ash wieder auf.
„Da unten ist etwas. Aber ich kann es nicht erreichen. Was machen wir nun? Ich kann nicht so lange die Luft anhalten. Du bestimmt auch nicht.“
„Verdammt, daran habe ich nicht gedacht. Meinst du, sie sehen uns so?“
„Ich weiß es nicht“, gab Ash zu. „Und wenn, sie tauchen ja nicht bei jedem Schwimmer auf. Erst recht nicht, wenn es Menschen sind.“
Dass Ash einmal nicht wusste, was zu tun war, versetzte Aruni fast in Panik. Aber dann fiel ihr etwas ein. Sie begann die Elfenmelodie zu summen, die sie von Ilvio beim Aufwachen gehört hatte. Die Worte kannte sie nicht, sie formte einfach ohne Worte die Töne, so laut sie konnte. Vielleicht würde Ilvios Tante sie hören und die Melodie erkennen. Ash sah sie einen Moment entgeistert an, aber dann zog ein wissendes Lächeln über ihr Gesicht, und sie summte mit.
Als Aruni endgültig die Kräfte verließen, ging sie unter wie ein Stein. Sie sah, wie Ash versuchte, nach ihr zu greifen, und wie sie den Mund bewegte, aber ihre Ohren waren erfüllt vom Rauschen des Wassers und ihre Finger waren so kalt, dass sie sie nicht mehr bewegen konnte. Ashs Hand griff ins Leere, und Aruni sank schneller, als Ash ihr nachzutauchen vermochte.
Gerade, als Aruni endgültig aufgab, berührte sie etwas am Bein. Kräftige Finger stützten sie und drückten sie wieder an die Oberfläche. Aruni schnappte keuchend nach Luft und erwischte eine gehörige Portion Seewasser gleich mit. Hustend und spuckend versuchte sie, ihren Kopf oben zu halten und sich zu orientieren. Sie konnte kaum einen Muskel bewegen. Verblüfft sah sie eine fremde Frau vor sich im Wasser. Ihre Haut leuchtete blau und ihre Haare waren von so hellem Grün wie die ersten Blätter im Frühling. Aruni suchte die Wellen nach Ash ab. Im nächsten Moment tauchte auch Ash auf, getragen von einem rötlich schimmernden Mann mit riesigen, flügelartigen Flossen. Auch die Frau entfaltete jetzt Flügelflossen, wie Aruni staunend bemerkte. Ash zappelte im Griff des Meerelfen und hustete und fauchte abwechselnd.
„Bist du okay?“, fragte Aruni, als sie wieder genug Luft hatte. Ash nickte schwach und hustete weiter.
Die Frau, die Aruni gerettet hatte, fragte etwas. Aruni verstand kein Wort und schüttelte den Kopf. Sie versuchte es mit Englisch: „Danke, Sie haben uns das Leben gerettet! Wir haben Sie gesucht. Ilvio ist verletzt“, keuchte sie zwischen Husten und Luft schnappen.
„Ilvio?“, fragte die Frau mit einem ungewöhnlichen weichen Akzent.
Aruni deutete zum Strand. Die beiden schimmernden Gestalten sahen zum Strand. Die Frau schlug erschrocken ihre Hand vor den Mund. Dann tauchte sie los und verließ wenige Atemzüge später das Wasser.
Sie kniete bereits über Ilvio, als der rötliche Elf sowohl Aruni als auch Ash ans Ufer brachte. Er setzte die beiden vorsichtig ab. Staunend beobachtete Aruni, wie die Flügelflossen der Elfen zuerst zu durchsichtigen Insektenflügeln wurden und dann in ihrer Haut verschwanden. Lediglich blaue Streifen blieben zurück.
Dann ging der rote Elf zu Ilvio und strich vorsichtig über die Wunden an dessen Bauch. Er sagte etwas zu der Frau. Diese rannte ins Meer und tauchte unter.
Aruni sank auf den feuchten Sand und versuchte wieder zu Atem zu kommen. Etwas Warmes legte sich schwer auf ihre Schultern. Sie sah zur Seite. Lierd hockte neben ihr und sah zerknirscht auf den verletzten Ilvio. Er sagte nichts, aber Aruni kannte ihn gut genug, um in seinem Gesicht zu lesen, dass es ihm leid tat. Sie zog seine Lederjacke enger um sich und starrte auf Ilvios Brust, die sich nur noch langsam hob und senkte. Verzweifelt nahm sie seine Hand und ließ sie nicht mehr los, bis die leuchtend blaue Frau mit drei anderen ihrer Art aus dem Meer auftauchte und zu Ilvio lief.
Vielleicht seine Familie, dachte Aruni. Sie werden ihm helfen können.
Aber ihre Gesichter waren besorgt. Eine der Frauen, die eine ziemlich normale Hautfarbe hatte, drehte sich zu Aruni um. „Was ist passiert?“, fragte sie. Sie sprach mit deutlich weniger Akzent und ihre Flügel verschwanden augenblicklich. Aruni hätte sie für einen Menschen gehalten, wenn sie es nicht besser gewusst hätte.
„Er wollte mich retten und dann wurde er verletzt“, antwortete Aruni und schielte zu Lierd. Zu ihrem Erstaunen erhob er sich. „Es tut mir leid, wir haben uns gestritten und der Kampf ist eskaliert. Er ist unglücklich gestürzt.“ Er senkte seinen Kopf und setzte sich schuldbewusst wieder in den Sand neben Aruni.
Die Frau sah ihn ernst an. „Es tut dir leid. Damit ist viel gewonnen.“ Sie suchte eine kleine Muschel aus dem Sand, brach sie in zwei Hälften und drückte sie auf die Haut an ihrem Unterarm. Ein dünner blauer Schnitt bildete sich, in dem Blut aufquoll. Langsam ließ sie sich im Sand neben Ilvio nieder. Aruni beobachtete mit einem dumpfen Gefühl von Ehrfurcht, Ekel und Angst, wie die Frau ein dünnes Rinnsal von blauem Blut über ihre Finger an Ilvios Bauch laufen ließ. Das Blut rann über seine helle Haut und sickerte in die Wunde. Erstaunt sah Aruni, wie sich die Wunde schloss und vor ihren Augen verheilte. Nicht einmal eine Narbe blieb zurück.
„Mein Neffe“, flüsterte die Frau und beugte sich hinunter zu Ilvios Gesicht. Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. Er bewegte sich noch immer nicht.
Aruni drückte seine Hand etwas fester und flüsterte seinen Namen. Sie hob seine Finger an ihre Brust und presste sie an ihr Herz.
Ilvios Tante sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. Dann entspannten sich ihre Gesichtszüge. „Du liebst ihn?“, fragte sie. Es war mehr eine Feststellung denn eine Frage. Aruni nickte trotzdem. Erneut kitzelten Tränen ihre Augen und rannen über ihre Wangen. Sehr lange saß sie an Ilvios Seite. Die Sonne ging unter. Mittlerweile klapperten Arunis Zähne wieder so haltlos aufeinander, dass Lierd sie schließlich schnappte und sie trotz Protest zum Wagen trug. Aruni war zu schwach, um sich zu wehren. Die Kälte hatte sie fest im Griff. Sie konnte nur da liegen, auf einem muffigen Rücksitz, die Decke des Autos anstarren und wurde von der wilden Fahrt durchgeschüttelt. Vorne stritten Lierd und Ash, aber Aruni verstand die Worte nicht.
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