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Mansfield Park

Jane Austen


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Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

NACHWORT

1. Kapitel

Vor etwa dreißig Jahren hatte Miss Maria Ward aus Huntingdon, mit nicht mehr als siebentausend Pfund Mitgift, das Glück, Sir Thomas Bertram, den Besitzer von Mansfield Park in der Grafschaft Northampton, zu fesseln und so in den Rang einer adeligen Dame mit großem Einkommen, einem stattlichen Haus und allen anderen Vorteilen einer solchen Stellung erhoben zu werden. Ganz Huntingdon ereiferte sich über die glänzende Partie, und sogar ihr Onkel, der Rechtsanwalt, gab zu, daß ihr mindestens dreitausend Pfund fehlten, um darauf billigerweise Anspruch machen zu dürfen. Sie hatte zwei Schwestern, denen ihre Standeserhöhung zugute kommen konnte, und diejenigen ihrer Bekannten, die Miss Ward und Miss Frances ebenso hübsch fanden wie Miss Maria, zögerten nicht zu prophezeien, daß sie sicherlich fast gleich gut heiraten würden. Doch offenbar gibt es auf dieser Welt weniger reiche Männer als hübsche Mädchen, die sie verdienen würden. Als ein halbes Dutzend Jahre verflossen waren, mußte Miss Ward sich damit begnügen, Pastor Norris, einem wenig begüterten Freund ihres Schwagers, die Hand zum Ehebund zu reichen, und Miss Frances traf es noch schlechter. Miss Ward machte nämlich, bei Licht betrachtet, gar keine so üble Partie; Sir Thomas war glücklicherweise in der Lage, seinem Freund die Pfarre von Mansfield zu verschaffen, und Mr. und Mrs. Norris traten ihr Eheglück mit einem Jahreseinkommen von nicht viel weniger als tausend Pfund an. Miss Frances aber heiratete, wie man so sagt, um es ihrer Familie zu geben, und besorgte dies aufs gründlichste, indem sie sich in einen Marineleutnant, einen jungen Mann ohne Kinderstube, ohne Geld und ohne Konnexionen, verliebte. Sie hätte kaum eine unglücklichere Wahl treffen können. Sir Thomas besaß gute Beziehungen, die er gern zum Nutzen von Lady Bertrams Schwester eingesetzt hätte, denn wie es ganz allgemein seinen Grundsätzen entsprach, recht zu tun, so verlangte im besonderen Fall sein Stolz, alle, die ihm nahestanden, in geachteter Position zu sehen. Doch in der Berufssphäre des jungen Mannes versagte Sir Thomas’ Einfluß, und ehe er noch dazu kam, nach anderen Wegen zu suchen, hatte ein vollkommener Bruch zwischen den Schwestern stattgefunden. Er war die natürliche Folge des Verhaltens sämtlicher Beteiligten, wie es bei einer so unvernünftigen Heirat kaum anders kommen konnte. Um nutzlosen Vorhaltungen und Predigten zu entgehen, hatte Mrs. Price ihrer Familie nichts von der ganzen Sache geschrieben, bevor sie unwiderruflich verheiratet war. Lady Bertram, eine Frau von sehr ruhiger Gemütsart und äußerst phlegmatischem Temperament, hätte es dabei bewenden lassen, ihre Schwester aufzugeben und nicht weiter an die Geschichte zu denken; doch Mrs. Norris war von einem aktiven Kampfgeist beseelt, der nur dadurch befriedigt werden konnte, daß sie Fanny einen langen, zornigen Brief schrieb, in dem sie die Torheit ihres Vorgehens darlegte und sämtliche nur möglichen schlimmen Folgen an die Wand malte. Mrs. Price fühlte sich nun ihrerseits gekränkt und beleidigt; und ihre Antwort, die beide Schwestern ihre Erbitterung entgelten ließ und so schrecklich despektierliche Bemerkungen über Sir Thomas’ Hochmut enthielt, daß Mrs. Norris sie unmöglich für sich behalten konnte, setzte jedem verwandtschaftlichen Verkehr für lange Zeit ein Ende.

Sie lebten so weit voneinander entfernt und bewegten sich in so verschiedenen Kreisen, daß im Lauf der nächsten elf Jahre die Möglichkeit, gegenseitig etwas von ihrem Dasein zu hören, beinahe ausgeschlossen schien; zumindest mußte es Sir Thomas geradezu wunderbar vorkommen, daß Mrs. Norris von Zeit zu Zeit in der Lage war, in zornigem Ton zu berichten, Fanny hätte schon wieder ein Kind bekommen. Nach Ablauf von elf Jahren jedoch konnte Mrs. Price es sich nicht mehr leisten, Stolz oder Groll zu hegen und auf eine verwandtschaftliche Beziehung zu verzichten, von der sie möglicherweise Hilfe erhoffen durfte. Eine große und immer noch größer werdende Familie, ein dienstunfähig gewordener Mann, der aber darum nichts von seiner Vorliebe für lustige Gesellschaft und einen guten Trunk eingebüßt hatte, ein äußerst schmales Einkommen, das kaum für die notwendigsten täglichen Bedürfnisse ausreichte – all das veranlaßte sie, sich wieder um die Verwandten zu bemühen, die sie so leichtfertig aufgegeben hatte. Sie schrieb Lady Bertram einen Brief, der von so großer Zerknirschung und Verzagtheit, einem solchen Überfluß an Kindern und einem so betrüblichen Mangel an allen anderen Dingen zeugte, daß er jedermann versöhnlich stimmen mußte. Die arme Frau sah ihrem neunten Wochenbett entgegen; und nachdem sie diesen Umstand beklagt und die Gönner- und Patenschaft ihrer Verwandten für das erwartete Kind erbeten hatte, vermochte sie ihre Hoffnung nicht zu verhehlen, daß sie vielleicht auch etwas für die Zukunft der acht bereits vorhandenen Kinder tun würden. Ihr Ältester wäre zehn Jahre alt, ein prächtiger, aufgeweckter Bursche, den es in die Welt hinaus trieb – aber was konnte sie dazu tun? Bestünde vielleicht die Möglichkeit, daß er sich später einmal Sir Thomas bei der Verwaltung seiner westindischen Besitzungen nützlich erweisen könnte? Keine Stellung würde ihm zu gering erscheinen. Oder was hielte Sir Thomas von Woolwich? Oder wie sollte man es anfangen, einen Jungen in den Fernen Osten zu schicken?

Der Brief blieb nicht ohne Frucht. Er stellte wieder Frieden und Freundschaft her. Sir Thomas sandte freundliche Ratschläge und Versprechungen, Lady Bertram Geld und Kinderwäsche, und Mrs. Norris schrieb die dazugehörigen Briefe.

Das waren die unmittelbaren Folgen des Briefes, und innerhalb Jahresfrist sollte er sich für Mrs. Price noch bedeutsamer auswirken. Mrs. Norris bemerkte häufig, sie könne ihre arme Schwester mit all den vielen Kindern nicht aus dem Kopf bringen; soviel sie auch alle schon für sie getan hätten, empfände sie das Bedürfnis, noch mehr zu tun. Und schließlich gestand sie ihren Wunsch, ihrer armen Schwester wenigstens die Sorgen und Kosten für ein Kind aus ihrer großen Schar gänzlich abzunehmen. Wie wäre es, wenn sie gemeinsam die Fürsorge für das älteste Töchterchen übernehmen würden? Das Kind sei jetzt neun Jahre alt, also in einem Alter, das mehr Aufmerksamkeit erfordere, als die geplagte Mutter ihm beim besten Willen widmen könnte. Verglichen mit der Größe dieser Wohltat seien die Mühen und Auslagen, die sie mit sich brächte, gering einzuschätzen … Lady Bertram stimmte augenblicklich zu. «Ich glaube, wir könnten nichts Besseres tun», sagte sie, «lassen wir das Kind gleich kommen.»

Sir Thomas konnte nicht so rasch und vorbehaltlos seine Einwilligung geben. Er zögerte und überlegte. Es sei eine ernste Verantwortung; ein Mädchen, das in seinem Haus aufwüchse, müßte späterhin auch standesgemäß versorgt werden, sonst wäre es keine Wohltat, sondern eine Grausamkeit, es von seiner Familie zu trennen. Er dachte an seine eigenen vier Kinder – an seine zwei Söhne – an die Möglichkeit einer Jugendliebe zwischen Cousin und Cousine – und so weiter. Doch kaum hatte er begonnen, seine Bedenken bedächtig darzulegen, als Mrs. Norris ihm mit ihrer Antwort ins Wort fiel, die sämtlichen aufgezählten und nicht aufgezählten Einwendungen Rechnung trug:

«Mein lieber Sir Thomas, ich verstehe Sie vollkommen und achte und schätze die Großmut und Feinfühligkeit Ihrer Bedenken, die so sehr im Einklang mit Ihrer ganzen Lebensführung stehen! Und in der Hauptsache bin ich völlig Ihrer Meinung, daß man ein Kind, das man sozusagen in die Hand genommen hat, auch weiterhin versorgen muß, soweit man dazu imstande ist. Ich persönlich bin wohl die Letzte, die für einen solchen Zweck ihr Scherflein verweigern würde! Da ich selbst keine Kinder habe, wüßte ich nicht, wem ich das wenige, das ich besitze, einmal zukommen lassen soll, wenn nicht den Kindern meiner leiblichen Schwestern – und mein guter Norris denkt sicher genau so, aber Sie wissen, große Worte und Versprechungen sind nicht meine Sache. Lassen wir uns nicht durch Bagatellen von einer guten Tat abschrecken! Wenn man ein Mädchen ordentlich erzieht und geziemend in die Welt einführt, kann man zehn zu eins wetten, daß sie die Möglichkeit finden wird, sich gut zu versorgen, ohne daß es irgend jemand weitere Kosten verursacht. Ich darf wohl sagen, eine Nichte von uns, Sir Thomas, eine Nichte von Ihnen, kann nur Vorteile davon haben, wenn sie hier aufwächst. Ich behaupte nicht, daß sie je ihren Cousinen gleichkommen wird, das gewiß nicht! Aber sie würde unter so günstigen Voraussetzungen in die hiesige Gesellschaft eingeführt, daß sie aller menschlichen Voraussicht nach eine sehr anständige Partie machen wird. Sie denken an Ihre Söhne – aber wissen Sie nicht, daß gerade dies am allerwenigsten zu befürchten wäre? Wenn sie doch wie Geschwister zusammen aufwachsen! Es ist einfach moralisch unmöglich, ich habe noch nie von so einem Fall gehört. Es wäre im Gegenteil das einzige sichere Mittel, einer solchen Verbindung vorzubeugen. Nehmen Sie an, sie ist ein hübsches Mädchen, und Tom oder Edmund bekämen sie von heute in sieben Jahren zum erstenmal zu Gesicht – ja, das könnte Unheil geben. Allein die Vorstellung, daß wir sie fern von uns in Armut und Elend haben großwerden lassen, könnte genügen, damit einer der lieben, gutherzigen Jungen sich in sie verliebt. Aber wenn die Kinder zusammen aufwachsen, wird keiner der Jungen sie je als etwas anderes als eine Schwester ansehen, und wäre sie schön wie ein Engel!»

«Es ist viel Wahres an dem, was Sie sagen», versetzte Sir Thomas, «und fern sei es mir, einem Plan, der der Situation aller Beteiligten so gut entsprechen würde, eingebildete Hindernisse in den Weg zu legen. Ich wollte nur bemerken, daß wir uns nicht leichtfertig darauf einlassen dürfen. Wenn er Mrs. Price wirklichen Nutzen und uns selber Ehre eintragen soll, müssen wir uns verpflichten oder uns innerlich für verpflichtet halten, das Mädchen später einmal standesgemäß zu versorgen, auch wenn sich keine so günstige Möglichkeit bietet, wie Ihr Optimismus Sie erwarten läßt.»

«Oh, ich verstehe Sie!» rief Mrs. Norris. «Sie sind die Großmut und Weisheit in Person, und wir werden in diesem Punkt sicher stets der gleichen Meinung sein! Sie wissen ja, was ich tun kann, tue ich von Herzen gern für meine Lieben. Und wenn ich für dieses kleine Mädchen auch nicht ein Hundertstel der Zuneigung empfinden kann, die ich Ihren lieben Kindern entgegenbringe, wenn sie mir auch in keiner Hinsicht jemals so nahestehen wird, so könnte ich es mir doch nie verzeihen, falls ich je imstande wäre, sie zu vernachlässigen. Ist sie nicht meiner Schwester Kind? Wie könnte ich da zusehen, daß sie Mangel leidet, solange ich auch nur einen Bissen Brot habe, den ich mit ihr teilen kann? Mein lieber Sir Thomas, bei all meinen Fehlern habe ich ein warmes Herz. Arm wie ich bin, würde ich mir lieber das Notwendigste versagen, als auf eine großmütige Tat zu verzichten. Wenn Sie also nichts dagegen haben, werde ich gleich morgen meiner armen Schwester schreiben und ihr unseren Vorschlag unterbreiten. Und sobald alles abgemacht ist, werde ich dafür sorgen, daß das Kind nach Mansfield gebracht wird; Sie sollen damit keine Mühe haben. Meine eigene Mühe, das wissen Sie ja, achte ich gering. Ich werde meine Nanny eigens nach London schicken – sie kann dort bei ihrem Vetter, dem Sattlermeister, übernachten und das Kind in Empfang nehmen. Von Portsmouth aus kann man es leicht mit der Postkutsche nach London expedieren, unter dem Schutz irgendeiner anständigen Person, die zufällig die gleiche Reise macht. Ich nehme an, daß sich immer die eine oder andere achtbare Handwerkersfrau finden läßt, die gerade nach London fährt.»

Abgesehen von dem Anschlag auf Nannys Vetter erhob Sir Thomas nun keine Bedenken mehr. Nachdem man seinem Wunsch gemäß einen zwar weniger sparsamen, aber respektableren Treffpunkt festgesetzt hatte, konnte alles als erledigt gelten, und man genoß bereits die Freude an dem guten Werk. Strenggenommen, hätten nicht alle Anwesenden das gleiche Anrecht auf dieses angenehme Gefühl gehabt, denn während Sir Thomas fest entschlossen war, dem auserkorenen Kind ein treuer Beschützer und Versorger zu sein, hatte Mrs. Norris nicht die mindeste Absicht, sich die Sache etwas kosten zu lassen. Solange es ums Reden und Plänemachen ging, war ihre Mildtätigkeit unbegrenzt, und niemand verstand es besser, die anderen zur Freigebigkeit anzuspornen; sie liebte es, alles zu dirigieren, doch nicht minder liebte sie ihr Geld und wußte mit dem ihren ebenso sparsam umzugehen, wie das ihrer Verwandten großzügig auszugeben. Da sie auf ein geringeres Einkommen hin geheiratet hatte, als es ihren jahrelangen Erwartungen entsprach, hatte sie von Anfang an strengste Sparsamkeit für notwendig gehalten; und was ursprünglich bloße Vorsicht gewesen, wurde ihr bald zum Bedürfnis, zum Gegenstand ihrer unermüdlichen Besorgnis, die sich ja auf kein Kind richten konnte. Hätte Mrs. Norris für eine größere Familie zu sorgen gehabt, wäre an Ersparnisse wohl nicht zu denken gewesen; da sie dieser Sorgen enthoben war, hinderte sie nichts, ihrem Hang zur Sparsamkeit zu frönen, und sie mußte sich nicht die Freude versagen, ihrem Einkommen, das sie und ihr Mann ohnehin niemals verbrauchten, jährlich noch ein Sümmchen hinzuzufügen. Im Banne dieser fixen Idee, der keinerlei wahre Zuneigung zu ihrer Schwester entgegenwirkte, konnte sie für sich nichts anderes erstreben als den Ruhm, eine so kostspielige gute Tat geplant und organisiert zu haben. Möglicherweise kannte sie sich auch so wenig, daß sie nach diesem Gespräch in der glücklichen Überzeugung ins Pfarrhaus heimkehrte, die großmütigste Schwester und Tante der Welt zu sein.

Als die Angelegenheit demnächst wieder zur Sprache kam, erklärte sie ihre Ansichten deutlicher. Aus ihrer Antwort auf Lady Bertrams gleichmütige Frage: «Zu wem soll das Kind zuerst kommen, Schwester, zu dir oder zu uns?» erfuhr Sir Thomas mit einigem Erstaunen, daß Mrs. Norris absolut nicht in der Lage sei, sich persönlich mit dem Kind zu belasten. Er hatte in dem kleinen Mädchen vor allem eine erwünschte Vermehrung der Pfarrersfamilie, eine hochwillkommene Gefährtin für die kinderlose Tante gesehen und merkte erst jetzt, wie gründlich er sich geirrt hatte. Mrs. Norris erklärte nachdrücklich, zu ihrem großen Bedauern käme ein Aufenthalt der Kleinen bei ihr überhaupt nicht in Frage, zumindest unter den jetzigen Umständen. Bei der schlechten Gesundheit ihres armen Norris sei das gänzlich ausgeschlossen: er sei ebensowenig imstande, Kinderlärm zu ertragen wie zu fliegen. Natürlich, wenn seine Gicht sich jemals bessern sollte, wäre das etwas anderes; dann würde sie gern und ohne der Unbequemlichkeit zu achten, ihr Teil tun. Doch gerade jetzt nähme der arme Norris jede Minute ihrer Zeit in Anspruch, und schon die bloße Erwähnung eines solchen Plans würde ihn zweifellos aufs höchste beunruhigen.

«Dann soll sie lieber zu uns kommen», bemerkte Lady Bertram mit größter Seelenruhe, und nach einer kurzen Pause fügte Sir Thomas würdevoll hinzu: «Ja, dieses Haus soll ihr Heim sein. Wir wollen uns bemühen, unsere Pflicht an ihr zu tun. Hier wird sie auch den Vorteil gleichaltriger Gefährten und eines regelmäßigen Unterrichts genießen.»

«Sehr richtig!» rief Mrs. Norris. «Das sind zwei sehr wichtige Erwägungen, und für Miss Lee kommt es ganz aufs gleiche heraus, ob sie drei oder nur zwei Mädchen zu unterrichten hat – das kann keinen Unterschied machen. Ich wünschte nur, ich könnte mich nützlicher erweisen, aber was in meinen Kräften steht, das tue ich. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die mit ihrer eigenen Mühe sparen. Meine Nanny soll sie abholen, wie unbequem es auch für mich sein mag, meine Haushälterin drei Tage lang zu entbehren. Ich denke, Schwester, du wirst das Kind in die kleine, weiße Dachstube neben den alten Kinderzimmern einquartieren. Das wird am besten sein, ganz in der Nähe von Miss Lee und nicht weit von den Kindern. Und nebenan wohnen die Stubenmädchen – eine von ihnen könnte ihr beim Anziehen helfen und ihre Kleider versorgen, denn ich nehme an, du wirst von Ellis nicht verlangen wollen, daß sie dieses Kind so wie die anderen bedient. Ich sehe wirklich nicht, wo du sie sonst unterbringen könntest.»

Lady Bertram hatte keine Einwendungen zu machen. «Ich hoffe nur, sie wird sich als gutgeartetes Kind erweisen», fuhr Mrs. Norris fort, «und das außerordentliche Glück zu würdigen wissen, daß sie solche Verwandte besitzt.»

«Sollte sie wirklich schlecht geartet sein», sagte Sir Thomas, «so dürfen wir sie um unserer eigenen Kinder willen nicht in der Familie behalten, aber es besteht kein Grund, etwas so Schlimmes zu erwarten. Wahrscheinlich werden wir vieles an ihr bemerken, was wir zu ändern wünschen. Wir müssen uns auf grobe Unwissenheit, eine gewisse Niedrigkeit der Anschauungen und betrüblich vulgäre Manieren gefaßt machen, aber diese Fehler sind nicht unheilbar und können auch, wie ich hoffe, ihren Gefährten nicht gefährlich werden. Wären meine Töchter jünger als sie, hätte ich es sehr ernsthaft überlegt, ihnen eine solche Hausgenossin zu geben. Doch wie die Dinge liegen, ist für unsere Kinder von einer solchen Gemeinschaft nichts zu befürchten und für das kleine Mädchen viel Gutes zu erhoffen.»

«Genau meine Meinung!» rief Mrs. Norris.

«Ich habe es noch heute morgen zu meinem Mann gesagt. Es wird eine Erziehung für das Kind sein, habe ich gesagt, wenn sie nur mit ihren Cousinen zusammensein darf. Sogar wenn Miss Lee ihr nichts beibrächte, würde sie von ihnen allein Bravheit und Gescheitheit lernen.»

«Hoffentlich wird sie meinen armen Mops nicht quälen», meinte Lady Bertram. «Ich habe gerade erst Julia dazu gebracht, ihn in Ruhe zu lassen.»

«Eine gewisse Schwierigkeit sehe ich voraus, meine liebe Mrs. Norris», bemerkte Sir Thomas, «nämlich den Mädchen, wenn sie heranwachsen, den Unterschied, der zwischen ihnen besteht, auf die richtige Art klarzumachen: meinen Töchtern einzuprägen, wer sie sind, ohne daß sie deswegen auf ihre Cousine herabschauen, und diese wiederum, ohne sie allzusehr zu entmutigen, nicht vergessen zu lassen, daß sie keine Miss Bertram ist. Ich wünsche, daß sie sehr gute Freundinnen werden, und möchte um keinen Preis bei meinen Töchtern die geringste Überheblichkeit gegenüber ihrer Cousine fördern, aber darum werden sie doch niemals Gleichgestellte sein. Ihr Rang, ihr Vermögen, ihre rechtmäßigen Ansprüche und Erwartungen müssen und werden immer verschieden sein. Das ist ein sehr heikler Punkt, und Sie müssen uns in unseren Bemühungen beistehen, genau die richtige Linie zu treffen.»

Mrs. Norris erklärte sich ganz zu seinen Diensten; und wenn sie ihm auch darin beistimmte, daß es eine äußerst schwierige Sache sei, ermutigte sie ihn doch zu der Hoffnung, daß sie es mit vereinten Kräften leicht schaffen würden.

Man wird ohne weiteres glauben, daß Mrs. Norris ihrer Schwester nicht vergeblich schrieb. Mrs. Price schien zwar etwas erstaunt, daß man sich für ein Mädchen entschieden hatte, wo sie doch so viele prächtige Söhne besaß, nahm jedoch das Anerbieten dankbarst an und versicherte, daß ihre Tochter ein wohlgeratenes, gutartiges Kind sei, das ihnen sicher niemals Anlaß geben würde, sie wieder von sich zu stoßen. Sie schilderte sie des weiteren als etwas zart und schwächlich, drückte aber ihre zuversichtliche Hoffnung aus, daß die Luftveränderung eine wesentliche Besserung bewirken würde. Arme Frau! Sicherlich dachte sie dabei, daß allen ihren Kindern eine Luftveränderung guttun würde.

2. Kapitel

Das kleine Mädchen legte die lange Reise glücklich zurück und wurde in Northampton von Mrs. Norris in Empfang genommen, die sich auf diese Weise den Ruhm errang, sie als Allererste willkommen zu heißen, um sie dann, im Bewußtsein der eigenen Wichtigkeit schwelgend, den anderen zuzuführen und ihrem Wohlwollen zu empfehlen.

Fanny Price war damals gerade zehn Jahre alt, und obwohl sie auf den ersten Blick nichts besonders Gewinnendes an sich hatte, lag doch in ihrem Persönchen nichts, was ihre Verwandten abstoßen konnte. Sie war klein für ihr Alter und weder durch strahlende Farben noch durch sonst eine auffallende Schönheit ausgezeichnet. Überaus schüchtern und ängstlich, schien sie sich geradezu in sich selbst zu verkriechen, doch ihr Benehmen war, wenn auch linkisch, so doch nicht vulgär, sie hatte ein süßes Stimmchen, und wenn sie sprach, wirkte sie beinahe hübsch. Sir Thomas und Lady Bertram nahmen sie sehr gütig auf. Sir Thomas, der bemerkte, wie dringend sie der Ermutigung bedurfte, tat sein möglichstes, um sie aufzumuntern, doch sein strenges, gewichtiges Wesen war ihm dabei sehr hinderlich. Lady Bertram, die sich nicht halb soviel Mühe gab und auf zehn seiner Worte höchstens eines äußerte, schien dem kleinen Mädchen dank ihrem gutmütigen Lächeln von vornherein die weniger schreckeinflößende Gestalt zu sein.

Die jungen Leute waren alle zu Hause und beteiligten sich sehr nett, mit viel Gutherzigkeit und Unbefangenheit an der Begrüßung, zumindest die beiden Söhne, die mit ihren sechzehn und siebzehn Jahren in den Augen der kleinen Cousine die ganze Erhabenheit erwachsener Männer besaßen. Verlegener wirkten die beiden Mädchen; als die Jüngeren empfanden sie mehr Scheu vor dem Vater, der sie bei diesem Anlaß recht ungeschickterweise durch längere Ansprachen auszeichnete, doch sie waren viel zu sehr an Gesellschaft und Bewunderung gewöhnt, um so etwas wie natürliche Schüchternheit zu besitzen. Der völlige Mangel an Selbstvertrauen ihrer kleinen Cousine erhöhte ihre eigene Zuversicht, so daß sie bald imstande waren, ihr Gesicht und ihr Kleid mit überlegener Gleichgültigkeit zu mustern.

Sie waren eine schöne Familie: die Söhne groß und gutaussehend, die Töchter ausgesprochen hübsch, alle prächtig gewachsen und für ihr Alter sehr gut entwickelt, so daß die jungen Verwandten sich in ihrem Äußeren nicht weniger auffällig unterschieden als in der gesellschaftlichen Gewandtheit, die sie ihrer Erziehung verdankten. Niemand hätte geglaubt, daß zwischen den Mädchen ein so geringer Altersunterschied bestand. Zwischen der Jüngeren und Fanny lagen nicht mehr als zwei Jahre. Julia Bertram war erst zwölf Jahre alt, Maria ein Jahr älter. Und über all dem fühlte sich der kleine Gast so unglücklich wie nur möglich. Angstvoll und in quälender Verlegenheit, voller Sehnsucht nach dem Elternhaus, das sie gerade erst verlassen hatte, wagte sie nicht, den Blick aufzuheben, und vermochte kaum ein hörbares Wort herauszubringen, ohne daß ihr die Tränen kamen. Mrs. Norris hatte auf der ganzen Fahrt von Northampton auf sie eingeredet, welch ein erstaunliches Glück ihr widerfahren sei und daß sie an Dankbarkeit und Artigkeit niemals genug tun könne, um sich dieser märchenhaften Fügung würdig zu zeigen. Ihr Kummer wurde noch durch das Bewußtsein gesteigert, daß es schlecht und verwerflich von ihr sei, sich nicht glücklich zu fühlen. Auch die Müdigkeit nach der langen, langen Reise war kein geringes Übel. Vergeblich war Sir Thomas’ gutgemeinte Herablassung, vergeblich die aufdringlichen Versicherungen von Mrs. Norris, daß sie doch bestimmt ein artiges Mädchen sein würde; umsonst lächelte Lady Bertram ihr zu und ließ sie sogar neben sich und Mops auf dem Sofa sitzen; ja selbst der Anblick einer Stachelbeertorte vermochte ihr keinen Trost zu bringen. Sie konnte kaum zwei Bissen hinunterwürgen, ehe die Tränen sie wieder überwältigten, und so wurde sie schließlich zu Bett geschickt, um im Schlaf ihren Kummer zu vergessen.

«Nun, das ist kein vielversprechender Anfang», bemerkte Mrs. Norris, sobald Fanny das Zimmer verlassen hatte. «Nach allem, was ich ihr unterwegs gesagt habe, hätte ich ein besseres Benehmen erwartet. Ich habe ihr erklärt, wieviel für sie davon abhängt, daß sie sich von Anfang an gut aufführt. Wir wollen nur hoffen, daß sie nicht bockig ist – ihre arme Mutter hatte einen sehr bockigen Charakter, aber mit einem Kind muß man nachsichtig sein – und ich weiß nicht, ob es tatsächlich gegen sie spricht, daß sie ungern ihr Elternhaus verläßt; mit all seinen Fehlern war es doch ihr Heim, und sie versteht noch nicht, was für einen guten Tausch sie gemacht hat. Immerhin darf man nichts übertreiben.»

Es dauerte jedoch länger, als Mrs. Norris zu gestatten geneigt war, bis Fanny sich mit der Neuheit von Mansfield Park und der Trennung von allen, an denen sie hing, abfand. Ihr Schmerz war tief, und da niemand ihn verstand, geschah auch nichts, um ihn zu lindern. Niemand meinte es böse mit ihr, doch es rührte auch niemand einen Finger, um es ihr behaglicher zu machen.

Der schulfreie Tag, der den Fräulein Bertrams eigens bewilligt wurde, damit sie sich in Muße mit ihrer Cousine bekannt machten, förderte die Freundschaft nur wenig. Nach der Entdeckung, daß Fanny nur zwei Schärpen besaß und niemals Französisch gelernt hatte, konnten sie nicht umhin, sie zu verachten; und als sie merkten, daß sie von dem Duett, das sie ihr liebenswürdigerweise vorspielten, sehr wenig beeindruckt war, blieb ihnen nichts übrig, als ihr großmütig ein paar unbeliebte Spielsachen zu schenken und sie sich selber zu überlassen, während sie ihrerseits sich der gerade im Schwange stehenden Lieblingsbeschäftigung zuwandten: künstliche Blumen verfertigen oder Goldpapier verwüsten.

Ob in der Nähe ihrer Cousinen oder fern von ihnen, ob im Schulzimmer, im Salon, im Garten – Fanny fühlte sich überall verlassen und verloren. Jeder Ort und jede Person flößten ihr Angst ein. Sie war entmutigt durch Lady Bertrams Schweigsamkeit, verängstigt durch Sir Thomas’ strenge Miene und ganz überwältigt von Mrs. Norris’ ständigen Ermahnungen. Die Cousinen demütigten sie durch Bemerkungen über ihre Kleinheit und verspotteten ihre Schüchternheit. Miss Lee staunte über ihre Unwissenheit, und die Stubenmädchen kicherten beim Anblick ihrer Kleider. Und wenn sich zu diesen Kränkungen die Erinnerung an ihre Geschwister gesellte, unter denen sie als Spielgefährtin, Lehrerin und Wärterin immer eine so wichtige Rolle gespielt hatte, wollte ihr das Herz verzagen.

Die Großartigkeit des Hauses beeindruckte sie, brachte ihr aber keinen Trost. Die Räume waren so groß und so hoch, daß sie sich nicht unbefangen darin bewegen konnte. Was sie berührte, fürchtete sie zu beschädigen. So schlich sie in ständiger Angst umher und verkroch sich oft in ihr eigenes Kämmerchen, um nach Herzenslust zu weinen. Das kleine Mädchen, über dessen unerhörtes Glück man sich abends, wenn es gute Nacht gesagt hatte, im Salon unterhielt, beschloß jeden kummervollen Tag damit, daß es sich in den Schlaf schluchzte. Auf diese Weise verging eine Woche, und ihr stilles, passives Wesen ließ nichts von ihrem Jammer ahnen, bis eines Morgens ihr Vetter Edmund, der jüngere der beiden Söhne, sie weinend auf der Treppe zum Dachboden kauern sah.

«Mein liebes, kleines Cousinchen», sagte er mit der ganzen Freundlichkeit eines vortrefflichen Charakters, «was ist denn passiert?» Er setzte sich zu ihr und gab sich alle Mühe, ihre Beschämung, in dieser Lage überrascht zu werden, zu überwinden und sie zum Sprechen zu bringen. War sie krank? Hatte jemand sie gescholten? Oder hatte es mit Maria und Julia Streit gegeben? Vielleicht verstand sie ihre Aufgabe nicht, und er könnte es ihr erklären? Gab es nichts, was er ihr bringen oder für sie tun könnte? Lange Zeit brachte er nichts anderes aus ihr heraus als abgerissene Worte: «Nein, nein – wirklich nicht –, danke, nein …» Doch er ließ nicht locker, und kaum hatte er begonnen, von ihrem Elternhaus zu sprechen, als ihr heftiger werdendes Schluchzen ihm den Grund ihres Kummers verriet. Er versuchte, sie zu trösten.

«Du bist traurig, weil du deine Mama verlassen mußtest, meine liebe, kleine Fanny», sagte er. «Das zeigt, daß du ein sehr liebes, gutes Mädchen bist. Aber denke daran, du bist hier bei deinen nächsten Verwandten, die dich liebhaben und glücklich machen möchten. Komm, gehen wir ein bißchen im Park spazieren. Du mußt mir von deinen Geschwistern erzählen.» Als er die Sache weiterverfolgte, entdeckte er, daß unter allen Geschwistern, an denen ihr kleines Herz hing, einer war, bei dem ihre Gedanken öfter als bei den übrigen weilten. Es war William, von dem sie immer wieder sprach und nach dem sie sich am meisten sehnte, William, der Älteste, ein Jahr älter als sie, ihr ständiger Gefährte und bester Freund, in jeder Not ihr Fürsprecher bei der Mutter (deren Liebling er war). William hätte nicht leiden wollen, daß sie wegginge – er hatte gesagt, es würde ihm bange nach ihr sein …

«Aber William wird dir doch sicher schreiben?» – Ja, das hätte er versprochen, aber gesagt, sie müsse zuerst schreiben. – «Und wann schreibst du ihm?» Sie ließ den Kopf hängen und antwortete zögernd, sie wisse nicht – sie habe kein Papier …

«Wenn das die ganze Schwierigkeit ist, werde ich dir Papier geben und alles, was du sonst brauchst, und du kannst schreiben, wann du Lust hast. Würde es dir Freude machen, ihm einen Brief zu schicken?»

«O ja – sehr!»

«Dann tun wir es gleich. Komm, gehen wir ins Frühstückszimmer, dort finden wir alles Nötige und bleiben ganz ungestört.»

«Aber – wird der Brief auch zur Post kommen?» «Verlaß dich auf mich. Er wird mit allen anderen Briefen zusammen abgeschickt werden, und William braucht nichts dafür zu bezahlen, weil dein Onkel ihn frankieren wird.»

«Der Onkel!» wiederholte Fanny erschrocken. «Ja, wenn du den Brief geschrieben hast, werde ich ihn meinem Vater bringen, damit er ihn frankiert.» Fanny hielt das für ein kühnes Unterfangen, leistete aber

keinen weiteren Widerstand, und gemeinsam gingen sie ins Frühstückszimmer, wo Edmund ihr einen Bogen zurechtmachte und linierte – mit nicht geringerer Hilfsbereitschaft, als ihr eigener Bruder hätte zeigen können, und sehr wahrscheinlich mit größerer Präzision. Während sie schrieb, saß er die ganze Zeit neben ihr und kam ihr, je nach Bedarf, bald mit seinem Federmesser, bald mit seiner Orthographie zu Hilfe. Doch außer diesen Aufmerksamkeiten, die sie tief empfand, erwies er ihrem Bruder eine Freundlichkeit, die sie mehr als alles andere hinriß: er fügte mit eigener Hand Grüße an seinen Vetter William hinzu und sandte ihm beigeschlossen eine halbe Guinee. Fanny war von ihren Gefühlen so überwältigt, daß sie es für ausgeschlossen hielt, ihnen Ausdruck zu verleihen; doch ihre glückstrahlende Miene und ein paar naive Worte genügten, um ihre ganze Dankbarkeit und Freude zu offenbaren, und ihr Vetter begann sie interessant zu finden. Er plauderte weiter mit ihr, und alles, was sie sagte, überzeugte ihn von ihrem zärtlichen Gemüt und ihrem ernsthaften Streben, recht zu tun; ihre große Schüchternheit und ein sehr feines Empfinden für ihre Stellung empfahlen sie noch mehr seiner Aufmerksamkeit. Er hatte sie niemals wissentlich gekränkt, doch jetzt sah er, daß man ihr mit zu wenig tätiger Freundlichkeit entgegengekommen war. Er bemühte sich vor allem, ihre Angst vor sämtlichen Hausbewohnern zu zerstreuen, und gab ihr eine Menge gute Ratschläge, wie sie mit Maria und Julia spielen und fröhlich sein sollte.

Von diesem Tag an begann Fanny sich wohler zu fühlen. Sie wußte jetzt, daß sie einen Freund besaß, und die Freundlichkeit ihres großen Vetters verlieh ihr den anderen gegenüber mehr Mut. Das Haus schien ihr nicht mehr so fremd und seine Bewohner weniger furchterregend; wenn es unter ihnen auch welche gab, die ihr immer Angst einflößen würden, begann sie doch wenigstens, sich an ihre Art zu gewöhnen und sich damit abzufinden. Die kleinen Ungeschicklichkeiten und Tölpeleien, die anfangs auf alle Hausbewohner und nicht zuletzt auf sie selber so peinlich gewirkt hatten, verschwanden von selbst. Sie zitterte nicht mehr vor Angst, wenn sie vor ihrem Onkel erscheinen mußte, und Tante Norris’ Stimme ließ sie nicht mehr ganz so heftig aufschrecken. Ihren Cousinen wurde sie mit der Zeit eine ganz annehmbare Spielgefährtin. Wenn sie auch an Alter und Kräften nicht an sie heranreichte und daher unwürdig war, bei allem mitzutun, gab es doch Spiele, bei denen man gut eine Dritte brauchen konnte, besonders wenn diese Dritte von nachgiebigem, gefälligem Wesen war, so daß die Mädchen, wenn Tante Norris sich nach Fannys Sünden erkundigte oder Bruder Edmund für Fannys Rechte eintrat, großmütig erklären konnten, daß Fanny «ein ganz gutes Ding» sei.

Edmund selbst war unveränderlich lieb und gut zu ihr, und von Tom hatte sie nichts Schlimmeres zu erdulden als die Scherze, die jeder junge Mann von siebzehn Jahren einem zehnjährigen Mädelchen gegenüber für angebracht hält. Er trat gerade in die Welt ein und befand sich in der zuversichtlichen Hochstimmung und der großmütigen Laune eines ältesten Sohnes, der einzig zum Zweck des Amüsierens und Geldausgebens geboren zu sein meint. Die Aufmerksamkeiten, mit denen er seine kleine Cousine beehrte, entsprachen ganz seiner privilegierten Stellung: er machte ihr hübsche Geschenke und lachte sie aus.

Je mehr sich Fannys Aussehen und Benehmen besserten, mit desto größerer Befriedigung betrachteten Sir Thomas und Mrs. Norris ihr gutes Werk. Sie waren sich einig, daß sie zwar nichts weniger als gescheit, aber ein lenksames, kleines Geschöpf wäre, das ihnen keinen wesentlichen Ärger verursachen würde. Diese geringe Meinung von Fannys Fähigkeiten wurde auch von anderen geteilt. Fanny konnte lesen, schreiben und handarbeiten, aber mehr hatte man ihr nicht beigebracht. Ihre Cousinen hielten sie für unerhört dumm, weil sie von vielen Dingen, die ihnen längst vertraut waren, keine Ahnung hatte, und in den nächsten Wochen brachten sie ständig neue Berichte über Fannys Unwissenheit in den Salon. «Mama, denken Sie nur, sie kann die Landkarte von Europa nicht zusammenstellen – sie kennt nicht einmal die wichtigsten Flüsse Rußlands – sie hat nie etwas von Kleinasien gehört – sie weiß den Unterschied zwischen Aquarell und Pastell nicht! – Wie komisch! – Haben Sie je so etwas gehört?»

«Liebe Kinder», sprach dann wohl die feinfühlige Tante, «das ist wirklich arg, aber ihr könnt auch nicht erwarten, daß jeder so begabt ist und soviel gelernt hat wie ihr selber.»

«Aber, Tante, sie weiß rein gar nichts! Denken Sie nur, gestern abend haben wir sie gefragt, wie sie von hier nach Irland fahren würde, und sie hat gesagt, über die Insel Wight! Sie kennt nichts als die Insel Wight und nennt sie einfach ‹die Insel›, als ob es sonst auf der Welt keine Insel gäbe. Ich hätte mich geschämt, so dumm zu sein, als ich noch viel jünger war als sie. Ich kann mich überhaupt an keine Zeit erinnern, wo ich nicht schon eine Menge Dinge wußte, von denen sie keine Ahnung hat. Denken Sie nur, wie lang es her ist, daß wir die Könige von England in der richtigen Reihenfolge aufsagen gelernt haben, mit dem Datum der Thronbesteigung und den wichtigsten Ereignissen ihrer Regierung!»

«Ja», fiel die andere ein, «und die römischen Kaiser bis zu Severus hinunter und dazu noch die ganze heidnische Mythologie und alle Metalle, Halbmetalle, Planeten und berühmten Philosophen!»

«Das stimmt, mein Herzchen, aber ihr seid mit einem wunderbaren Gedächtnis begnadet, und eure arme Cousine hat wahrscheinlich überhaupt keines. Wie in allen anderen Dingen gibt es auch bei dem Gedächtnis der einzelnen Menschen große Unterschiede, und darum müßt ihr Mitleid mit euerer Cousine haben und sie nachsichtig behandeln. Vergeßt nicht, gerade weil ihr so gescheit und begabt seid, müßt ihr Bescheidenheit üben, denn soviel ihr auch schon wißt, habt ihr doch noch viel zu lernen.»

«Ja, ich weiß, bis wir siebzehn Jahre alt sind. Aber ich muß Ihnen noch etwas von Fanny erzählen, es ist zu komisch. Denken Sie nur, sie sagt, sie möchte weder Musik noch Zeichnen lernen!»

«Das ist wirklich sehr dumm von ihr und beweist einen großen Mangel an Ehrgeiz und Talent, mein Herzchen. Aber ich weiß nicht, ob es nicht im Grunde besser so ist, denn ihr wißt ja (ich selbst habe es euch gesagt), wenn eure guten Eltern auch so edel sind, sie mit euch zusammen zu erziehen, so ist es doch durchaus nicht nötig, daß sie so gebildet wird wie ihr. Im Gegenteil, es ist viel wünschenswerter, daß ein Unterschied bestehenbleibt.»

Das waren die Ratschläge, die Mrs. Norris zur Erziehung ihrer Nichten beisteuerte, und es ist nicht verwunderlich, daß es ihnen bei all ihren vielversprechenden Talenten und Kenntnissen doch völlig an einigen weniger verbreiteten Fertigkeiten mangelte, wie etwa Selbsterkenntnis, Großmut und Bescheidenheit. Alles an ihnen wurde vortrefflich ausgebildet – bis auf das Gemüt. Sir Thomas wußte nichts von diesem Mangel, denn obwohl er ein wahrhaft treubesorgter Vater war, verstand er es nicht, seine Zärtlichkeit zu zeigen, und seine zurückhaltende Art dämpfte jeden Gefühlserguß.

Lady Bertram kümmerte sich überhaupt nicht um die Erziehung ihrer Töchter. Dazu hatte sie keine Zeit. Sie verbrachte den Tag hübsch angezogen auf ihrem Sofa über einer endlosen Handarbeit, die weder nützlich noch schön war, und interessierte sich mehr für Mops als für ihre Kinder, zeigte sich aber diesen gegenüber sehr duldsam, solange sie nicht ihre Bequemlichkeit störten. In allen wichtigen Angelegenheiten ließ sie sich von Sir Thomas, in den minder bedeutenden Fragen des Alltags von ihrer Schwester leiten. Auch wenn sie mehr Zeit gefunden hätte, sich ihren Töchtern zu widmen, wäre ihr dies überflüssig erschienen. Sie waren der Obhut einer Gouvernante und den richtigen Lehrern anvertraut, und mehr brauchten sie ja nicht. Was Fannys vermeintliche Dummheit beim Unterricht betraf, konnte Lady Bertram nur sagen, das sei schade, aber manche Menschen wären eben dumm, und Fanny müsse sich mehr Mühe geben; sie wüßte nicht, was man sonst tun könnte; und abgesehen von ihrer Dummheit könne sie dem armen, kleinen Ding nichts vorwerfen – im Gegenteil, sie fände sie sogar sehr flink und anstellig, wenn sie ihr etwas auszurichten oder zu holen auftrüge.

So lebte sich Fanny mit allen ihren Fehlern, als da sind Unwissenheit und Schüchternheit, in Mansfield Park ein, lernte ein gut Teil ihrer Anhänglichkeit an das Elternhaus auf ihr neues Heim zu übertragen und wuchs nicht gerade unglücklich neben ihren Cousinen auf. Maria und Julia waren nicht bösartig, und wenn sie Fanny auch oft überheblich behandelten, so dachte diese doch zu gering von sich, um sich beleidigt zu fühlen.

Etwa um die Zeit, als Fanny in die Familie eintrat, fühlte sich Lady Bertram durch leichte Kränklichkeit und große Trägheit bewogen, das Haus in London aufzugeben, wo sie bisher jedes Jahr einige Frühlingsmonate verbracht hatten. Sie blieb nun ständig auf dem Land und überließ es Sir Thomas, seine Pflichten im Parlament zu erfüllen, ohne sich viel den Kopf zu zerbrechen, ob ihre Abwesenheit zu seinem Behagen beitrug oder es schmälerte. Auf dem Lande fuhren die jungen Damen also fort, ihr Gedächtnis und ihre Duette zu üben und dabei unversehens zu großen, stattlichen Mädchen heranzuwachsen. Ihr Vater sah mit Befriedigung, daß ihr Aussehen, ihr Benehmen und ihre Bildung durchaus seine Erwartungen erfüllten. Sein ältester Sohn war leichtsinnig und verschwenderisch und hatte ihm schon viele Sorgen gemacht, doch von seinen anderen Kindern durfte er sich das Allerbeste versprechen. Solange seine Töchter den Namen Bertram trugen, würden sie ihm neuen Glanz verleihen, und wenn sie ihn einmal ablegten, durfte er hoffen, daß sie standesgemäße Verbindungen eingingen. Edmunds Charakter, sein ausgezeichneter Verstand und sein aufrechter Sinn sprachen dafür, daß er ein nützliches, geachtetes und glückliches Dasein führen würde. Er war zum Geistlichen bestimmt.

Über allen Sorgen und Freuden, die ihm seine eigenen Sprößlinge bereiteten, vergaß Sir Thomas die Kinder seiner armen Schwägerin nicht. Er unterstützte sie großzügig bei der Erziehung und Versorgung ihrer Söhne, sobald diese alt genug waren, einen Beruf zu wählen. Obwohl Fanny von ihrer eigenen Familie fast völlig abgeschnitten war, empfand sie jedesmal tiefste Befriedigung, wenn sie von der Güte ihres Onkels gegenüber ihren Brüdern oder von einer günstigen Wendung in deren Leben hörte. Ein Mal, ein einziges Mal in all den Jahren, ward ihr das Glück zuteil, mit William zusammenzukommen. Die übrigen bekam sie nie zu Gesicht; niemandem schien es in den Sinn zu kommen, daß sie einmal die Ihrigen besuchen könnte, und daheim schien niemand nach ihr zu verlangen. Doch William, der sich bald nach ihrer Übersiedlung entschlossen hatte, zur See zu gehen, wurde eingeladen, eine Woche bei seiner Schwester zu verbringen, ehe er seinen Dienst antrat. Man kann sich die Zärtlichkeit des Wiedersehens, die Seligkeit des Beisammenseins, die Stunden übermütiger Fröhlichkeit und die Augenblicke ernsthafter Beratung, die es mit sich brachte, lebhaft ausmalen – die zuversichtliche Zukunftsfreude und strahlende Laune des Bruders bis zum letzten Augenblick und den Schmerz der Schwester, als er endgültig gegangen war. Zum Glück fiel der Besuch in die Weihnachtsferien, so daß sie sich wenigstens bei ihrem Vetter Edmund Trost holen konnte; und er erzählte ihr so bezaubernd von Williams künftigen Taten und Ehren, daß sie nach und nach einzusehen begann, daß die Trennung auch ihre guten Seiten haben könnte. Edmunds Freundschaft versagte nie. Auch als er Eton verließ, um nach Oxford zu gehen, änderte sich nichts an seiner Zuneigung, und er fand eher noch häufiger Gelegenheit, sie zu beweisen. Ohne je zu betonen, daß er mehr für sie tat als die übrigen Familienmitglieder, oder zu befürchten, daß er zuviel tun könnte, trat er stets treulich und mit großer Feinfühligkeit für Fanny ein. Er bemühte sich, die anderen von ihren wertvollen Eigenschaften zu überzeugen und gleichzeitig Fannys Schüchternheit zu überwinden, die das Zutagetreten dieser guten Eigenschaften erschwerte. Ihm verdankte sie Rat, Trost und Ermutigung.

Da sie von allen anderen zurückgesetzt wurde, reichte seine Unterstützung allein nicht aus, sie in die erste Reihe zu stellen, doch ansonsten waren seine Bemühungen von unschätzbarem Wert für die Ausbildung ihres Geistes. Er wußte, daß sie klug war und eine rasche Auffassung sowie Vernunft und Feingefühl besaß. Allein ihre Leseleidenschaft mußte, unter der richtigen Leitung, zu wahrer Bildung führen. Miss Lee lehrte sie Französisch und hörte ihr die tägliche Geschichtslektion ab, doch Edmund wies sie auf die Bücher hin, die ihre Mußestunden verzauberten; er bestärkte sie in ihrem Geschmack und gab ihr ein sicheres Urteil. Erst durch ihn wurde das Lesen zur nützlichen Beschäftigung, weil er mit ihr über das Gelesene sprach und die Schönheiten eines Buches ins rechte Licht setzte. Zum Dank dafür liebte sie ihn mehr als jeden anderen Menschen auf Erden, William ausgenommen. Ihr Herz war zwischen beiden geteilt.

3. Kapitel

Das erste wichtigere Familienereignis, das eintrat, als Fanny etwa fünfzehn Jahre zählte, war der Tod von Pastor Norris. Es brachte natürlich gewisse Veränderungen und Umstellungen mit sich. Mrs. Norris verließ das Pfarrhaus und übersiedelte zuerst ins Herrenhaus und später in ein kleines Haus im Dorf, das zu Sir Thomas’ Besitz gehörte. Über den Verlust ihres Gatten tröstete sie sich mit der Überlegung, daß sie eigentlich sehr gut ohne ihn auskam, und über die Verminderung ihres Einkommens mit der Einführung noch drastischerer Sparmaßnahmen.

Die Pfarre war von jeher für Edmund bestimmt; wäre sein Onkel einige Jahre früher gestorben, hätte man sie ordnungsmäßig durch irgendeinen befreundeten Geistlichen betreuen lassen, bis Edmund alt genug wäre, sein Amt anzutreten. Doch Tom hatte inzwischen bereits soviel Geld verschwendet, daß es sich als notwendig erwies, anderweitig über die Pfründe zu verfügen, und der jüngere Bruder mußte für den Leichtsinn des älteren büßen. Zum Familienbesitz gehörte noch eine zweite Pfarre, die auf Edmund wartete, und dieser Umstand erleichterte Sir Thomas’ Gewissen ein wenig. Doch er empfand diese Regelung als arge Ungerechtigkeit gegenüber seinem jüngeren Sohn und bemühte sich ernsthaft, dieses Gefühl auch dem älteren einzuprägen; davon erhoffte er sich einen nachhaltigeren Eindruck als von allem, was er sonst sagen oder tun könnte.

«Ich erröte für dich, Tom», sprach er mit seiner würdevollsten Miene. «Ich erröte, daß ich gezwungen bin, zu diesem Mittel zu greifen, und ich darf wohl annehmen, daß auch du tiefe Beschämung empfindest. Du hast deinen Bruder für zehn, zwanzig, dreißig Jahre, vielleicht für sein ganzes Leben, um mehr als die Hälfte der ihm zustehenden Einkünfte gebracht. In Zukunft mag es mir oder dir (wie ich hoffe) möglich sein, ihm das einträglichere Amt zurückzuerstatten, aber du darfst nie vergessen, daß damit nicht mehr als sein selbstverständlicher Rechtsanspruch erfüllt würde und daß ihn in Wirklichkeit nichts für das sichere Einkommen entschädigen kann, das er jetzt durch die Dringlichkeit deiner Schulden verliert.»

Tom hörte seinem Vater zwar mit einiger Zerknirschung zu, entschlüpfte ihm aber so rasch wie möglich und war in seinem erfreulichen Egoismus bald imstande, einige tröstliche Überlegungen anzustellen: erstens, daß er nicht halb soviel Schulden gemacht hätte wie einige seiner Freunde, zweitens, daß sein Vater sich doch gar zu langweilig über die Sache ausgelassen hätte, und drittens, daß der nächste Inhaber der Pfarre, wer immer er sein mochte, ja doch aller Wahrscheinlichkeit nach bald sterben würde.

Der Nachfolger von Pastor Norris wurde ein gewisser Dr. Grant, der sich in Mansfield niederließ und als kräftiger Mann von fünfundvierzig Jahren nicht gerade geneigt schien, die freundlichen Erwartungen des jungen Mr. Bertram zu

erfüllen. Aber nein, meinte der, so ein kurzhalsiger, schlagflüssiger Kerl, der sich mit allen guten Dingen vollstopfte, würde schon rechtzeitig abkratzen.

Dr. Grant besaß eine um etwa fünfzehn Jahre jüngere Frau, aber keine Kinder, und dem Eintreffen des Paares gingen die üblichen wohlwollenden Gerüchte voraus, daß sie höchst achtbare und angenehme Leute seien.

Nun war der von Sir Thomas erwartete Zeitpunkt gekommen, zu dem, wie er stets geglaubt hatte, seine Schwägerin ihren Anspruch auf ihre Nichte geltend machen würde. Mrs. Norris’ veränderte Umstände und Fannys reiferes Alter schienen nicht nur angetan, alle früheren Bedenken gegen ein Zusammenleben der beiden zu zerstreuen, sondern ließen es im Gegenteil als die vorzüglichste Lösung erscheinen; da Sir Thomas’ Vermögenslage nicht nur durch die Verschwendungssucht seines ältesten Sohnes, sondern auch durch kürzlich erlittene Verluste aus seinen westindischen Besitzungen einigermaßen gelitten hatte, wäre es ihm nicht unerwünscht gewesen, von den Kosten für Fannys Unterhalt und der Verpflichtung ihrer künftigen Versorgung entlastet zu werden. Er war so fest davon überzeugt, es werde bald zu dieser Veränderung kommen, daß er seine Frau auf diese Wahrscheinlichkeit vorbereitete; und da Fanny zufällig anwesend war, als die Sache Lady Bertram zum erstenmal wieder in den Sinn kam, bemerkte diese in aller Ruhe: «Jetzt wirst du uns also verlassen, Fanny, und bei meiner Schwester leben. Wie wird es dir dort gefallen?»

Fanny war derart überrascht, daß sie nur die Worte ihrer Tante zu wiederholen vermochte:

«Sie verlassen, Tante?»

«Ja, mein Kind, warum verwundert dich das? Du bist jetzt fünf Jahre bei uns gewesen, und meine Schwester hatte stets die Absicht, dich zu sich zu nehmen, wenn ihr Mann nicht mehr da wäre. Aber du mußt trotzdem immer herüberkommen und mir meine Stickmuster einrichten.»

Die Nachricht war für Fanny ebenso schrecklich wie unerwartet. Sie hatte niemals etwas Gutes von ihrer Tante Norris erfahren und war nicht imstande, sie zu lieben.

«Es wird mir sehr schwerfallen, von hier fortzugehen», stammelte sie.

«Ja, Kind, das glaube ich dir. Das ist ganz natürlich. Es kann wohl keinem Menschen besser gehen, als es dir bei uns ergangen ist.»

«Ich hoffe, ich bin nicht undankbar, Tante», sagte Fanny bescheiden.

«Nein, liebes Kind, sicher nicht. Du warst immer ein sehr braves, gutes Mädchen.»

«Und ich soll niemals wieder hier leben?»

«Niemals, mein Kind. Aber du wirst ja auch dort ein behagliches Heim haben. Es kann für dich keinen Unterschied machen, in welchem Haus du wohnst, dort oder hier.»

Fanny verließ das Zimmer mit bleischwerem Herzen. Ihr erschien der Unterschied gewaltig, sie konnte nicht mit Gleichmut an ein Zusammenleben mit ihrer Tante denken. Sobald sie Edmund begegnete, gestand sie ihm ihren Kummer.

«Edmund», sagte sie, «mir steht etwas ganz Schlimmes bevor. Du hast es oft zuwege gebracht, mich mit Dingen auszusöhnen, die mir zuerst schrecklich vorgekommen sind, aber diesmal wird es dir nicht gelingen. Ich soll für immer zu Tante Norris übersiedeln.»

«Nein, wirklich!»

«Ja, Tante Bertram hat es mir gerade gesagt. Es ist schon fest abgemacht. Ich muß von hier fort und im Weißen Haus wohnen – wahrscheinlich, sobald sie dort eingerichtet ist.»

«Weißt du, Fanny, wenn der Plan dir nicht zuwider wäre, würde ich ihn ausgezeichnet finden.»

«O Edmund!»

«Bis auf deine Abneigung spricht alles dafür.

Es ist sehr vernünftig von Tante Norris, daß sie dich zu sich nehmen will. Sie könnte nirgends eine bessere Freundin und Gesellschafterin finden, und es freut mich, daß sie sich diesmal nicht von ihrem Geiz beeinflussen läßt. Du wirst ihr eine Tochter sein. Macht es dir wirklich so großen Kummer, Fanny?»

«Ja, ich bin sehr unglücklich. Hier habe ich alles so lieb – das Haus und alles. Dort ist nichts, was ich liebhaben kann. Du weißt ja, wie Tante Norris zu mir ist.»

«Als Kind hat sie dich wirklich nicht nett behandelt – in diesem Punkt kann ich sie nicht in Schutz nehmen. Aber zu uns war sie nicht viel anders – sie hat es nie verstanden, mit Kindern umzugehen. Jetzt, wo du bald erwachsen bist, wird das anders werden. Es kommt mir vor, daß sie dich schon jetzt freundlicher behandelt. Und wenn du erst ihre ständige Gefährtin bist, wirst du ihr sehr viel bedeuten – es kann gar nicht anders kommen.»

«Ich werde niemals einem Menschen etwas bedeuten.» «Warum nicht? Was sollte dich daran hindern?» «Alles … meine Stellung … meine Dummheit und Ungeschicklichkeit …»

«Was deine Dummheit und Ungeschicklichkeit betrifft, meine liebe, kleine Fanny, darfst du mir glauben, daß du keine Spur davon besitzt, außer wenn du so unpassendes Zeug redest. Jeder, der dich richtig kennt, wird dich schätzen und lieben. Du hast einen guten Verstand, ein liebes, sanftes Wesen und ein dankbares Gemüt, das keine Freundlichkeit unerwidert lassen kann. Ich wüßte nicht, wer sich besser zur Freundin und Gesellschafterin eignen könnte.»

«Du bist zu gut», sagte Fanny, über solches Lob errötend. «Wie kann ich dir jemals genug für deine gute Meinung danken? Ach, Edmund, wenn ich von hier weg muß, werde ich bis zu meiner letzten Stunde niemals vergessen, wie gut du zu mir gewesen bist.»

«Ich will hoffen, daß du mich von hier bis zum Weißen Haus nicht vergessen wirst», sagte Edmund lachend. «Fanny, du tust, als müßtest du zweihundert Meilen weit reisen, anstatt einfach den Park zu durchqueren. Du wirst genau so zu uns gehören wie bisher, wir werden an jedem Tag, den Gott gibt, zusammenkommen. Der einzige Unterschied wird darin bestehen, daß du, wenn du mit der Tante allein lebst, dich besser entfalten wirst. Hier gibt es zu viele, hinter denen du dich verstecken kannst. Bei ihr wirst du gezwungen sein, den Mund aufzutun und deine Meinung zu äußern.»

«Ach, sag das nicht!»

«Doch, ich muß es sagen, und ich sage es gern. Gerade jetzt scheint mir Tante Norris viel geeigneter, sich um dich zu kümmern, als meine Mutter. Es liegt in ihrer Natur, daß sie sich höchst energisch für jeden Menschen einsetzt, an dem sie wirklich Interesse hat. Sie wird dich dazu bringen, daß du dich selber richtig einschätzest.»

Fanny seufzte. «Ich kann es nicht so ansehen wie du», sagte sie. «Ich möchte gern glauben, daß du recht hast, und ich bin dir schrecklich dankbar, daß du mir helfen willst, mich mit dem Unabwendbaren abzufinden. Wenn ich nur denken dürfte, daß der Tante wirklich etwas an mir liegt! Es wäre so schön, zu wissen, daß ich einem Menschen etwas sein kann! – Hier, das weiß ich, bin ich niemandem wichtig, und doch hänge ich so sehr an dem Ort.»

«Den Ort, Fanny, wirst du nicht verlassen, auch wenn du das Haus verläßt. Du wirst ganz wie immer über Park und Garten verfügen. Sogar dein anhängliches kleines Herz braucht über eine Veränderung, die nur dem Namen nach eine ist, nicht zu erschrecken. Du wirst die gleichen Spaziergänge machen, deine Bücher aus der gleichen Bibliothek wählen, die gleichen Gesichter um dich sehen, auf dem gleichen Pferd reiten – genau wie bisher.»

«Ja, das ist wahr. Mein liebes, altes graues Pony! Ach, Edmund, wenn ich daran denke, wie ich mich vor dem Reiten gefürchtet, mit welcher Angst ich zugehört habe, wenn die Rede darauf kam, daß es mir guttun würde! (Wie habe ich immer gezittert, daß Onkel den Mund auftun würde, wenn das Gespräch auf Pferde kam!) Und wenn ich mich erinnere, wie lieb du dich bemüht hast, mir Vernunft zuzusprechen und mir meine Angst auszureden und zu versichern, daß es mir nach einer Weile Freude machen würde – und wenn ich denke, wie recht du behalten hast, könnte ich beinahe hoffen, daß du auch diesmal richtig prophezeist.»

«Siehst du! Und ich bin ganz überzeugt, daß das Zusammenleben mit Tante Norris deinem Geist und Gemüt ebenso guttun wird wie das Reiten deiner Gesundheit, und daß es dir Glück bringen wird.»

Damit endete das Gespräch. Was seinen praktischen Nutzen für Fanny betraf, hätte es ebensogut nicht stattfinden können, denn Mrs. Norris hatte nicht die leiseste Absicht, sie zu sich zu nehmen. Auch jetzt war ihr diese Möglichkeit nur als eine Gefahr in den Sinn gekommen, die sie sorgfältig zu vermeiden gedachte. Um allen diesbezüglichen Erwartungen vorzubeugen, hatte sie unter den Häusern der Pfarrgemeinde das allerkleinste gewählt, das noch als halbwegs herrschaftlich gelten konnte; das sogenannte «Weiße Haus» bot gerade Raum für sie, ihre Dienstboten und ein Gastzimmer, dessen Unentbehrlichkeit Mrs. Norris unablässig betonte. Das Gastzimmer im Pfarrhaus war niemals benützt worden, jetzt aber vergaß sie bei keiner Gelegenheit zu bemerken, daß sie für allfällige Besuche unbedingt ein Gastzimmer benötige. Jedoch alle ihre Vorsichtsmaßnahmen schützten sie nicht davor, daß man ihr bessere Absichten zutraute; vielleicht hatte auch gerade ihr ständiges Herumreiten auf der Notwendigkeit eines Gastzimmers Sir Thomas zu der Annahme verführt, es sei in Wirklichkeit für Fanny bestimmt. Eine beiläufige Bemerkung Lady Bertrams brachte Klarheit in die Sache.

«Ich denke, Schwester, wenn Fanny jetzt bei dir wohnen wird, brauchen wir Miss Lee nicht länger zu behalten.»

Mrs. Norris fuhr beinahe in die Luft. «Bei mir wohnen? Meine Liebe, was soll das heißen?»

«Ja, wird sie denn nicht bei dir wohnen? Ich dachte, du hättest es mit Sir Thomas abgemacht?»

«Ich? Niemals! Ich habe darüber mit keiner Silbe zu Sir Thomas gesprochen und er nicht zu mir. Fanny bei mir wohnen! Das Allerletzte, was jeder, der uns beide kennt, für wünschenswert halten könnte! Du meine Güte! Was sollte ich mit Fanny anfangen? Ich, eine arme, hilflose, verlassene Witwe, die zu nichts mehr taugt, die keine Kraft mehr hat – was sollte ich mit einem Kind in diesem Alter, einem fünfzehnjährigen Mädchen anfangen? Das ist genau das Alter, in dem sie ständige Beaufsichtigung brauchen und auch das geduldigste Gemüt auf eine harte Probe stellen. Sir Thomas kann es nicht so gemeint haben, dazu ist er mir ein zu guter Freund. Niemand, der es gut mit mir meint, könnte so etwas vorschlagen. Wie ist Sir Thomas darauf gekommen, dir davon zu sprechen?»

«Ich weiß wirklich nicht. Er hält es vielleicht für richtig.» «Aber was hat er gesagt? Er kann unmöglich gesagt haben, es sei sein Wunsch, daß ich Fanny zu mir nehme. Nein, das kann nicht sein aufrichtiger Wunsch sein!»

«Er hat nur gesagt, er hielte es für sehr wahrscheinlich – und ich habe das auch gedacht. Wir dachten beide, es würde dir ein Trost sein. Aber wenn du sie nicht willst, ist nichts weiter darüber zu sagen. Hier stört sie nicht.»

«Liebste Schwester, wie könnte sie mir ein Trost sein? Bedenke doch meinen unglücklichen Zustand! Hier sitze ich, eine arme, trostlose Witwe, die den besten aller Gatten verloren hat. Meine Gesundheit ist bei der schweren Pflege draufgegangen, von meiner seelischen Stimmung will ich gar nicht reden, meine Ruhe auf dieser Welt ist dahin, nichts ist mir geblieben! Ich habe kaum genug , um mich standesgemäß zu erhalten, um wenigstens so zu leben, daß ich dem Andenken des teuren Verschiedenen keine Schande mache – wie kann es mir da ein Trost sein, eine solche Last auf mich zu nehmen!

Sogar wenn ich es um meiner selbst willen wünschte, wäre es dem armen Mädchen gegenüber ein Unrecht. Hier ist sie in guten Händen und hat ein gesichertes Dasein. Ich muß mich allein durch meine Sorgen und Schwierigkeiten hindurchkämpfen, so gut ich es eben vermag.»

«Es macht dir also nichts, ganz allein zu leben?» «Liebste Schwester, tauge ich für etwas anderes als für Einsamkeit? Von Zeit zu Zeit hoffe ich einen lieben Gast in meinem bescheidenen Heim zu sehen (für meine Freunde wird stets ein Bett bereit sein), aber ansonsten werde ich den Rest meiner Tage in tiefster Abgeschlossenheit verbringen. Wenn ich nur recht und schlecht durchkomme – mehr verlange ich nicht.»

«Aber, Schwester, gar so schlecht geht es dir doch nicht. Sir Thomas sagt, du wirst über sechshundert Pfund im Jahr verfügen.»

«Ich klage nicht, Lady Bertram, ich klage nicht. Ich weiß, daß ich nicht mehr so leben kann wie früher. Da heißt es eben, sich einschränken, wo man kann, und besser haushalten lernen. Früher habe ich aus dem vollen gewirtschaftet, aber jetzt werde ich mich nicht schämen, Sparsamkeit zu üben. Meine Stellung hat sich ja ebensosehr verändert wie mein Einkommen. Vieles, was mein armer Norris seinem Amt als Pfarrherr der Gemeinde schuldig war, kann von mir nicht gefordert werden. Niemand weiß, wie viele Bedürftige in unserer Küche mitgegessen haben. Im Weißen Haus wird strengere Aufsicht geführt werden. Ich muß mich eben nach meinem Einkommen richten, sonst gerate ich ins Elend. Und ich gestehe, es wäre mir eine große Befriedigung, wenn es mir gelänge, darüber hinaus noch jedes Jahr eine Kleinigkeit zurückzulegen.»

«Oh, das wird dir sicher gelingen. Das hast du doch immer getan, nicht wahr?»

«Mein Ziel, liebe Schwester, ist es, denen, die nach mir kommen, von Nutzen zu sein. Wenn ich reicher zu sein wünsche, ist es um deiner Kinder willen. Ich habe für niemand sonst zu sorgen. Ich wäre froh, wenn ich ihnen eine Kleinigkeit hinterlassen könnte, die ihrer nicht unwürdig ist.»

«Das ist sehr lieb von dir, aber mach dir um sie keine Gedanken. Sie werden sicher gut versorgt sein, das wird Sir Thomas schon veranlassen.»

«Du weißt ja, daß seine Einkünfte sich empfindlich verringern werden, wenn die Besitzung in Antigua weiterhin so schlecht trägt.»

«Ach, das wird bald in Ordnung kommen. Ich weiß, daß Sir Thomas deswegen schon einen Brief geschrieben hat.»

«Also, liebe Schwester», schloß Mrs. Norris, indem sie sich zum Gehen wandte, «ich kann nur wiederholen, daß es mein einziger Wunsch ist, deiner Familie von Nutzen zu sein – und falls Sir Thomas je wieder darauf zu sprechen kommt, daß ich Fanny zu mir nehmen sollte, wirst du ihm mitteilen können, daß meine angegriffene Gesundheit und meine seelische Stimmung das jetzt leider nicht zulassen. Abgesehen von allem anderen hätte ich gar kein Bett für sie, denn mein Gastzimmer muß ich meinen Freunden zur Verfügung halten.»

Lady Bertram erzählte ihrem Mann genug von diesem Gespräch, um ihn erkennen zu lassen, daß er sich in den Absichten seiner Schwägerin gründlich getäuscht hatte, und diese hatte von diesem Augenblick an auch nicht die leiseste Anspielung von ihm zu befürchten. Es erstaunte ihn nur, daß sie es ablehnte, etwas für die Nichte zu tun, für deren Adoption sie sich so eifrig eingesetzt hatte. Doch da sie es auch ihm gegenüber nicht an Andeutungen fehlen ließ, daß alles, was sie besaß, dereinst seinen Kindern gehören sollte, fand er sich bald mit dieser Bevorzugung ab, die für ihn vorteilhaft und schmeichelhaft war und ihn überdies befähigen würde, selber ein übriges für Fanny zu tun.

Fanny erfuhr bald, wie überflüssig ihre Angst vor einer Trennung gewesen war, und ihre kindliche Freude darüber tröstete Edmund ein wenig über seine Enttäuschung, denn er glaubte noch immer, daß der Plan zu ihrem Besten gewesen wäre. Mrs. Norris nahm das Weiße Haus in Besitz, die Grants trafen im Pfarrhaus ein, und nach diesen Ereignissen ging alles in Mansfield weiter seinen gewohnten Gang.

Die Grants erwiesen sich als liebenswürdige, gesellige Leute und erwarben sich rasch die Sympathie ihrer neuen Bekannten. Allerdings hatten sie auch ihre Fehler, wie Mrs. Norris bald herausbekam. Dr. Grant legte großen Wert auf gutes Essen und mußte jeden Tag ein üppiges Dinner haben; Mrs. Grant hingegen – anstatt alle Kunst aufzubieten, um ihn mit bescheidenen Mitteln zufriedenzustellen – hielt sich eine Köchin, die einen ebenso hohen Lohn bezog wie die Köchin in Mansfield Park selbst! Und die Hausfrau persönlich ließ sich kaum jemals in den Wirtschaftsräumen blicken! Von solchen Übelständen mit Gleichmut zu sprechen, lag einfach nicht in Mrs. Norris’ Natur. Und die Unmengen von Butter und Eiern, die jetzt regelmäßig im Pfarrhaus verbraucht wurden! Niemand habe mehr für großzügige Gastlichkeit übrig als sie selber, sagte Mrs. Norris – niemandem sei Kleinlichkeit verhaßter – sie dürfe wohl behaupten, daß es zu ihrer Zeit im Pfarrhaus an nichts gefehlt und daß es in keinem schlechten Ruf gestanden habe – aber eine solche Großtuerei sei ihr einfach unverständlich! In einer Landpfarre die große Dame spielen – das passe eben nicht, und sie möchte meinen, ihre eigene Vorratskammer sollte für Mrs. Grant gerade noch gut genug sein. Dabei habe Mrs. Grant nicht mehr als fünftausend Pfund Mitgift bekommen – soviel sie auch herumfrage, höre sie nichts anderes.

Lady Bertram lauschte diesen Ausbrüchen ohne großes Interesse. In die Entrüstung einer in ihrer Sparsamkeit gekränkten Hausfrau konnte sie sich nicht hineindenken, fühlte sich aber als anerkannte Schönheit durch den Umstand beleidigt, daß Mrs. Grant, die nicht einmal hübsch zu nennen war, sich so glänzend versorgt hatte. Sie drückte ihr Erstaunen über diesen Punkt fast ebensooft, wenn auch weniger weitläufig aus, wie Mrs. Norris ihrer Empörung über Mrs. Grants Verschwendungssucht Luft machte.

Diese Dinge hatten etwa ein Jahr lang einen willkommenen Gesprächsstoff abgegeben, als sich ein neues Ereignis ankündigte; und diesmal war es von solcher Bedeutung für die Familie, daß es wohl einigen Raum in den Gedanken und Unterhaltungen der beiden Damen beanspruchen durfte. Sir Thomas fand es notwendig, persönlich nach Antigua zu reisen, um seine dortigen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Er nahm seinen ältesten Sohn mit, den er auf diese Weise von einigen höchst unerwünschten Freunden loszumachen hoffte. Sie verließen England mit der Aussicht, fast ein Jahr lang fernzubleiben.

Die Unerläßlichkeit der Reise aus finanziellen Gründen und die Hoffnung, daß sie sich für seinen Sohn günstig auswirken würde, erleichterten Sir Thomas den schweren Entschluß, sich von seiner Familie zu trennen und insbesondere seine Töchter in diesem für sie so bedeutungsvollen Lebensabschnitt der Führung anderer zu überlassen. Er glaubte nicht, daß Lady Bertram ganz der Aufgabe gewachsen sei, ihnen gegenüber seine Stellung einzunehmen oder, besser gesagt, ihre eigene Stellung richtig auszufüllen; doch er hatte genügend Vertrauen in Mrs. Norris’ Wachsamkeit und Edmunds richtiges Urteil, um ohne Besorgnis um seine Töchter abzureisen.

Lady Bertram sah es gar nicht gern, daß ihr Mann sie verließ. Doch ihre Seelenruhe wurde durch keinerlei Angst um seine Sicherheit, keine Sorge um sein Wohlbefinden getrübt. Sie gehörte zu den Menschen, die sich nicht vorstellen können, daß irgend etwas gefährlich oder schwierig oder anstrengend sein könnte, was ihnen nicht selber zustößt.

Sehr waren bei diesem Anlaß die jungen Damen zu bedauern, nicht etwa wegen ihres Kummers, sondern weil sie nichts Derartiges empfanden. Sie brachten ihrem Vater, der ihren Vergnügungen niemals günstig gesinnt schien, keine Liebe entgegen, und seine Abwesenheit war ihnen betrüblicherweise höchst erwünscht. Sie fühlten sich von jedem Zwang befreit. Auch wenn sie im Augenblick nicht an irgendein bestimmtes Vergnügen dachten, das Sir Thomas ihnen vermutlich nicht gestattet hätte, empfanden sie ganz allgemein, daß sie jetzt ihre eigenen Herrinnen wären und niemand ihnen Schranken auferlegen würde. Fanny fühlte sich ebenso erleichtert wie ihre Cousinen und war sich dessen gleichfalls bewußt, doch ihrem zärtlicheren Gemüt erschien dieses Gefühl als Undank, und sie grämte sich aufrichtig darüber, daß sie nicht imstande war, sich zu grämen. Sir Thomas, der soviel für sie und ihre Brüder getan hatte, verreist – vielleicht auf Nimmerwiedersehen – und sie hatte ihn ohne Träne wegziehen gesehen! Welch schändliche Gefühllosigkeit! Obendrein hatte er ihr am allerletzten Morgen gesagt, er hoffe, daß sie William im Lauf des nächsten Winters wiedersehen werde, und hatte ihr aufgetragen, dem Bruder zu schreiben und ihn nach Mansfield einzuladen, sobald das Geschwader, zu dem er gehörte, nach England zurückkehrte. Wie lieb und fürsorglich war das gewesen! Und hätte er nur ein Lächeln für sie gefunden und sie «meine liebe, kleine Fanny» genannt, wäre alle seine frühere Kälte und Strenge augenblicklich vergessen gewesen. Doch wie es seine Art war, hatte er seine Rede mit einem Satz beendet, der sie aufs tiefste kränkte: «Wenn William nach Mansfield kommt, wirst du hoffentlich in der Lage sein, ihm zu beweisen, daß die vielen Jahre, die seit euerer Trennung verflossen sind, für dich nicht gänzlich ohne Nutzen waren – obwohl ich fürchte, daß er eine sechzehnjährige Schwester finden wird, die in vielen Punkten noch allzusehr einer zehnjährigen gleicht.» Als ihr Onkel davongefahren war, weinte Fanny bitterlich über diese Worte, und ihre Cousinen, die ihre geröteten Augen sahen, erklärten sie prompt zur Heuchlerin.

4. Kapitel

Tom Bertram hatte in den letzten Jahren so wenig Zeit zu Hause verbracht, daß man ihn nur dem Namen nach vermissen konnte. Nun entdeckte Lady Bertram zu ihrem Erstaunen, wie gut es auch ohne seinen Vater ging. Edmund wußte ihn trefflich zu ersetzen: er tranchierte bei Tisch den Braten, verhandelte mit dem Verwalter, korrespondierte mit dem Anwalt, zahlte der Dienerschaft den Lohn aus und ersparte ihr jede nur denkbare Mühe oder Anstrengung, bis auf das Adressieren ihrer Briefe.

Die Nachricht von der glücklichen Überfahrt und guten Ankunft der beiden Reisenden traf mit der frühesten Post ein, doch nicht so früh, daß Mrs. Norris nicht Zeit gehabt hätte, in den gräßlichsten Befürchtungen zu schwelgen. Sie suchte auch Edmund damit anzustecken, sooft sie ihn allein erwischte. Da sie sich darauf verließ, daß eine allfällige Katastrophe ihr zuerst zu Ohren kommen würde, hatte sie sich schon zurechtgelegt, wie sie den anderen die furchtbare Kunde schonend beibringen wollte – bis Sir Thomas’ Mitteilung, daß er und sein Sohn lebend und gesund in Antigua angekommen waren, sie nötigte, ihre Aufregung und ihre zartfühlend vorbereitenden Reden bis auf weiteres zu unterdrücken.

Der Winter kam und verging, ohne daß sich dafür Verwendung bot. Die Berichte lauteten weiterhin durchaus günstig. Und Mrs. Norris hatte soviel damit zu tun, ihre Nichten zu verschiedenen Unterhaltungen zu begleiten, ihre Toiletten zu begutachten, ihre Talente zur Schau zu stellen und nach ihren künftigen Bräutigamen Ausschau zu halten, daß sie – da ihr ja obendrein noch die Sorge für ihren eigenen Haushalt, die Einmischung in den Haushalt ihrer Schwester und die Kontrolle über Mrs. Grants verschwenderisches Treiben oblag – nur sehr wenig Zeit fand, sich auch noch mit Befürchtungen um die Abwesenden zu befassen.

Die Fräulein Bertram nahmen nun den ihnen gebührenden Platz unter den jungen Damen der Nachbarschaft ein, und da sie Schönheit und glänzend ausgebildete Talente mit natürlicher Unbefangenheit und den liebenswürdigsten gesellschaftlichen Manieren verbanden, erwarben sie sich bald die allgemeine Gunst und Bewunderung. Ihre Eitelkeit war so befriedigt, daß sie ganz frei davon schienen und auf jede Vornehmtuerei verzichteten; und die Komplimente über ihr feines Benehmen, die von ihrer Tante eingeheimst und ihnen wiedererzählt wurden, bestärkten sie noch in der Überzeugung, keine Fehler zu besitzen.

Lady Bertram ging nicht mit ihren Töchtern in Gesellschaft. Sie war so träge, daß selbst die mütterliche Freude, sich an den Erfolgen und Vergnügungen ihrer Kinder zu weiden, ihr keiner persönlichen Unbequemlichkeit wert schien. Diese Pflicht trat sie an ihre Schwester ab, die sich nichts Besseres wünschte, als so ehrenvoll zu repräsentieren, und ausgiebig die Gelegenheit genoß, in Gesellschaft zu fahren, ohne auf eigene Kosten Pferde mieten zu müssen.

Fanny nahm nicht an den winterlichen Lustbarkeiten teil, aber es beglückte sie, daß sie sich jetzt als Gesellschafterin ihrer Tante anerkanntermaßen nützlich machte, wenn alle anderen ausgeflogen waren; da Miss Lee nicht mehr in Mansfield weilte, war sie Lady Bertram an solchen Abenden natürlich unentbehrlich. Sie plauderte mit ihr, hörte ihr zu, las ihr vor, und diese stillen Abende zu zweit, an denen sie keinen unfreundlichen Ton zu gewärtigen hatte, waren ihrem Gemüt, das sich sonst kaum jemals vor peinlichen Überraschungen sicher fühlte, eine unbeschreibliche Wohltat. Von den Vergnügungen ihrer Cousinen, besonders von den Bällen und mit wem Edmund getanzt hatte, ließ sie sich gar zu gern erzählen; sie dachte aber viel zu gering von ihrer eigenen Stellung, um sich einzubilden, sie könnte jemals daran teilnehmen, so daß sie ganz unbefangen zuhörte. Alles in allem war es ein erfreulicher Winter für sie; er brachte zwar keinen William nach England, doch die nie versagende Hoffnung auf sein baldiges Eintreffen war auch etwas Schönes.

Der Frühling beraubte sie ihres lieben Freundes, des alten, grauen Ponys, und eine Zeitlang drohte dieser Verlust sich auch auf ihre Gesundheit auszuwirken. Obwohl es allgemein anerkannt wurde, wie wichtig das Reiten für sie war, wurde nichts unternommen, um ihr ein anderes Reittier zu beschaffen; sie könnte ja, bemerkten ihre Tanten, immer, wenn ihre Cousinen nicht ausritten, eins von deren Pferden benützen. Doch da die jungen Damen an jedem schönen Tag regelmäßig ihre Pferde vorführen ließen und gar nicht daran dachten, ihre scheinbare Gefälligkeit bis zur Aufopferung eines wirklichen Vergnügens zu treiben, kam diese Zeit natürlich nie. So trabten sie an jedem schönen April- und Maimorgen fröhlich davon, und Fanny saß entweder den ganzen Tag bei der einen Tante zu Hause oder machte über Antreiben der anderen lange Spaziergänge, die über ihre Kräfte gingen. Lady Bertram liebte es nicht, sich Bewegung zu machen, und hielt deshalb körperliche Betätigung auch für jeden anderen für überflüssig, während Mrs. Norris, die den ganzen Tag auf den Beinen war, meinte, daß alle Leute so viel herumlaufen sollten. Edmund war nicht zu Hause, sonst hätte er dem Übel früher abgeholfen. Als er bei seiner Heimkehr Fannys Lage und deren mißliche Folgen für ihre Gesundheit erkannte, gab es für ihn nur eines. «Fanny muß ein Pferd haben!» lautete die entschiedene Erklärung, die er allem, was die Lässigkeit seiner Mutter und die Sparsamkeit seiner Tante einzuwenden hatten, entgegensetzte. Mrs. Norris meinte, man könne sicher unter den Wirtschaftspferden eine ruhige, alte Mähre auftreiben, die für Fanny noch reichlich gut genug wäre – oder auch ein Pferd vom Verwalter ausborgen – oder vielleicht würde Doktor Grant ihnen hie und da das Pony leihen, das seine Post abzuholen pflegte; sie müsse schon sagen, sie fände es absolut überflüssig und sogar unschicklich, daß Fanny, im Stil ihrer Cousinen, ein regelrechtes eigenes Reitpferd besitzen sollte. Das sei sicher niemals Sir Thomas’ Absicht gewesen – und sie müsse schon sagen, eine solche Anschaffung in seiner Abwesenheit zu machen und die großen Auslagen für den Stall noch zu erhöhen, und dies zu einer Zeit, wo ein bedeutender Teil seiner Einkünfte gefährdet schien – das sei nicht zu verantworten. «Fanny muß ein Pferd haben!» lautete Edmunds einzige Antwort. Mrs. Norris wollte das nicht einsehen. Lady Bertram hingegen gab ihrem Sohn recht. Sie war ganz seiner Meinung, daß es notwendig sei und daß auch sein Vater es für notwendig halten würde – sie fand nur, die Sache habe keine Eile, sie bat ihn nur, Sir Thomas’ Rückkehr abzuwarten, dann könne Sir Thomas alles selbst entscheiden. Im September würde er wieder daheim sein, was könnte es schaden, bis zum September zu warten?

Obwohl Edmund sich nicht so sehr über seine Mutter als vielmehr über seine Tante ärgerte, die ihre Nichte nicht der kleinsten Rücksicht wert fand, konnte er doch über ihre Bedenken nicht einfach hinweggehen. Er entschied sich schließlich für einen Ausweg, der den Vorwurf allzu großer Eigenmächtigkeit seinem Vater gegenüber ausschloß und gleichzeitig Fanny ohne weiteren Aufschub die Reitgelegenheit verschaffte, die sie nicht länger entbehren durfte. Er besaß drei eigene Pferde, von denen aber keines für eine Dame geeignet war: zwei Jagdpferde und ein sehr brauchbares Reisepferd. Dieses letztere beschloß er gegen ein Tier umzutauschen, das seine Cousine tragen konnte. Er wußte, wo ein solches zu haben war, und der Handel war bald abgeschlossen. Die neue Stute erwies sich als ein Juwel; ein Mindestmaß an Mühe verwandelte sie in ein ideales Reitpferd für Fanny, die nun fast unbeschränkt über sie verfügen durfte. Fanny hätte nie gedacht, daß irgendein anderes Tier ihr je so lieb sein könnte wie das alte, graue Pony, doch ihre Freude an Edmunds Stute übertraf bei weitem jeden früheren Genuß; und der Gedanke, daß sie dieses Vergnügen einzig Edmunds Güte verdankte, erhöhte ihr Glück so sehr, daß sie keine Worte fand, um es auszudrücken. Ihr Vetter war für sie der Inbegriff alles Guten und Großmütigen. Es schien ihr, als wisse niemand außer ihr, ihn richtig zu würdigen, und als könne sie ihre Dankesschuld ihm gegenüber niemals abtragen. Ihr Gefühl für ihn war aus Achtung, Dankbarkeit, Vertrauen und Zärtlichkeit gemischt.

Da das Pferd faktisch wie auch dem Namen nach Edmunds Eigentum blieb, konnte es Mrs. Norris dulden, daß es zu Fannys Gebrauch bestimmt war; und hätte Lady Bertram je wieder an ihre eigenen Einwendungen gedacht, wäre Edmund in ihren Augen entschuldigt gewesen, daß er nicht die Rückkehr seines Vaters im September abgewartet hatte. Als der September kam, weilte Sir Thomas immer noch in der Ferne, und die Aussicht auf baldigen Abschluß seiner Geschäfte schien um nichts näher gerückt. Gerade als er begonnen hatte, seine Gedanken der Heimreise zuzuwenden, waren neue ungünstige Umstände eingetreten, die sie auf unbestimmte Zeit verzögerten. So entschloß sich Sir Thomas, seinen Sohn nach Hause vorauszuschicken, während er selbst die endgültige Erledigung seiner Angelegenheiten abwarten wollte. Tom kam glücklich an und brachte einen ausgezeichneten Bericht über Sir Thomas’ Befinden, der aber auf Mrs. Norris seine Wirkung verfehlte. Daß Sir Thomas seinen Sohn von sich entfernte, konnte sie nur als den Ausdruck väterlicher Besorgnis unter dem Einfluß eines ihm selbst bevorstehenden Unheils deuten, und alsbald begann sie, böse Vorahnungen zu haben.

Als gar der Herbst mit seinen langen Abenden anbrach, fühlte sie sich in der traurigen Einsamkeit ihres Häuschens so furchtbar von diesen trüben Vorstellungen bedrückt, daß sie sich gezwungen sah, allabendlich Zuflucht im Eßzimmer des Herrenhauses zu suchen … Glücklicherweise näherte sich wieder die Zeit der winterlichen Lustbarkeiten, und bald war sie so von der angenehmen Aufgabe in Anspruch genommen, das Schicksal ihrer ältesten Nichte zu lenken, daß ihre Nerven sich leidlich beruhigten. Wenn es dem armen Sir Thomas nicht vergönnt sein sollte, je wieder heimzukehren, wäre es doch ein großer Trost, die liebe Maria gut verheiratet zu wissen, dachte sie oft, und zwar immer dann, wenn sie sich in der Gesellschaft wohlhabender Männer befanden, und ganz besonders als ihnen ein bestimmter junger Mann vorgestellt wurde, der kürzlich von seinem Vater eine der größten und schönsten Besitzungen der Grafschaft geerbt hatte.

Mr. Rushworth war vom ersten Augenblick an von Miss Bertrams Schönheit gefesselt, und da er gerne heiraten wollte, hielt er sich bald für verliebt. Er war ein schwerfälliger junger Mensch, der gerade nur den schlichtesten Hausverstand besaß, doch da in seinem Äußeren und seinen Manieren nichts Abstoßendes lag, war die junge Dame mit ihrer Eroberung recht zufrieden. Maria Bertram stand jetzt in ihrem einundzwanzigsten Jahr und fühlte sich nachgerade verpflichtet, zu heiraten; und da sie durch die Verbindung mit Mr. Rushworth in den Genuß eines größeren Einkommens gelangen würde, als ihr Vater es besaß, und obendrein noch zu einem Haus in London, was ihr besonders erstrebenswert erschien, betrachtete sie es nach dem gleichen Moralkodex als ihre offenkundige Pflicht, Mr. Rushworth zu heiraten, falls sie ihn bekommen konnte. Mrs. Norris war eifrig darauf bedacht, die Vorteile einer solchen Partie auf beiden Seiten ins rechte Licht zu setzen und die Sache mit allen Mitteln zu fördern; in diesem Sinne bemühte sie sich auch um die intime Freundschaft der Mutter des jungen Mannes, bei der er lebte, und zwang sogar Lady Bertram, auf schlechten Straßen zehn Meilen weit zu fahren, um einen Höflichkeitsbesuch abzustatten. Es dauerte nicht lange, bis Mrs. Norris und Mrs. Rushworth sich glänzend verstanden. Mrs. Rushworth gestand, daß es ihr größter Wunsch sei, ihren Sohn verheiratet zu sehen, und daß von allen ihr bekannten jungen Damen Miss Bertram mit ihren liebenswürdigen Eigenschaften und ihrer ausgezeichneten Erziehung am geeignetsten schiene, ihn glücklich zu machen. Mrs. Norris steckte das Kompliment ein und bewunderte dagegen die feine Menschenkenntnis, die das wahre Verdienst so gut zu würdigen wisse; Maria sei tatsächlich ihrer aller Stolz und Freude – vollkommen fehlerlos – ein wahrer Engel; von Anbetern umringt, sei sie naturgemäß recht wählerisch; doch soweit sie, Mrs. Norris, sich nach so kurzer Bekanntschaft ein Urteil gestatten dürfe, schiene Mr. Rushworth genau der junge Mann zu sein, der einen solchen Schatz verdiene.

Nachdem sie auf der schicklichen Anzahl von Bällen miteinander getanzt hatten, rechtfertigten die jungen Leute die in sie gesetzten Erwartungen, und mit einem geziemenden Vorbehalt hinsichtlich der Einwilligung des abwesenden Sir Thomas wurde die Verlobung abgeschlossen – zur großen Befriedigung der beteiligten Familien sowie sämtlicher unbeteiligter Zuschauer, die schon seit vielen Wochen von der Zweckmäßigkeit einer Heirat zwischen Mr. Rushworth und Miss Bertram durchdrungen waren.

Es mußte einige Monate dauern, bis Sir Thomas’ Einwilligung eintraf, doch da niemand an seiner aufrichtigen Freude über diese Verbindung zweifelte, verkehrten die Familien weiterhin zwanglos miteinander, und es wurde weiter kein Versuch gemacht, die Sache geheimzuhalten, als daß Mrs. Norris überall davon sprach, daß vorläufig nicht davon gesprochen werden sollte.

Edmund war der einzige der Familie, der nicht restlos begeistert war, und alle Vorstellungen seiner Tante konnten ihn nicht dazu bringen, in Mr. Rushworth einen erstrebenswerten Gefährten zu sehen. Er gab zu, seine Schwester müsse selbst am besten wissen, wo ihr Glück lag, doch daß dieses Glück hauptsächlich in einem großen Einkommen bestehen sollte, war nicht in seinem Sinn. Und wenn er mit Mr. Rushworth zusammen war, schoß ihm immer wieder der Gedanke durch den Kopf: Was der Junge doch für ein Dummkopf wäre, wenn er nicht zwölftausend Pfund im Jahr hätte!

Sir Thomas jedoch freute sich ehrlich über die Aussicht auf eine so unzweifelhaft vorteilhafte Verbindung, von der er nichts als Gutes und Angenehmes zu hören bekam. Seine Tochter hatte ganz in seinem Sinn gewählt: einen Mann aus der gleichen Grafschaft und der gleichen Gesellschaftsschicht. Er übermittelte, so rasch es nur möglich war, sein allerherzlichstes Einverständnis und stellte nur die Bedingung, daß die Hochzeit erst nach seiner Heimkehr stattfinden sollte, die er jetzt wieder lebhaft in Aussicht nahm. Er schrieb im April und hatte begründete Hoffnung, daß er noch vor Ende des Sommers seine Geschäfte zu seiner vollsten Zufriedenheit ordnen und die Heimreise antreten könnte.

So standen die Dinge im Juli – Fanny hatte gerade ihr achtzehntes Jahr erreicht – als die Gesellschaft von Mansfield durch zwei Geschwister von Mrs. Grant, die Kinder ihrer Mutter aus zweiter Ehe, bereichert wurde. Mr. und Miss Crawford waren begüterte junge Leute. Der Bruder hatte eine schöne Besitzung in Norfolk, die Schwester besaß ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund. Mrs. Grant hatte ihre kleinen Geschwister zärtlich geliebt; doch da bald nach ihrer eigenen Heirat ihre gemeinsame Mutter starb und die Kinder von einem Onkel väterlicherseits aufgenommen wurden, den Mrs. Grant nicht kannte, hatte sie die beiden seither kaum gesehen. Im Hause ihres Onkels hatten sie ein liebevolles Heim gefunden. Admiral Crawford und seine Frau, die sich sonst in keinem Punkt verstanden, waren sich in der Liebe für ihre Pflegekinder einig. Zumindest beschränkte sich hier ihre Gegnerschaft darauf, daß jedes seinen eigenen Liebling erwählt hatte, den es dem anderen vorzog. Der Admiral war in den Jungen vernarrt, Mrs. Crawford hatte das Mädchen ins Herz geschlossen. Es war der kürzlich erfolgte Tod ihrer Tante, der Miss Crawford bewog, sich ein anderes Heim zu suchen, nachdem sie noch ein paar Monate lang probiert hatte, es bei ihrem Onkel auszuhalten. Admiral Crawford war ein Mann von lasterhaften Sitten, der es vorzog, seine Mätresse unter sein Dach zu bringen, anstatt seine Nichte bei sich zu behalten. Diesem Umstand verdankte Mrs. Grant den Vorschlag ihrer Schwester, sie bei sich aufzunehmen, ein Vorschlag, der ihr höchst willkommen war. Mrs. Grant hatte zu diesem Zeitpunkt so ziemlich alle Hilfsmittel erschöpft, mit denen sich eine kinderlose Dame auf dem Lande die Zeit zu vertreiben sucht; nachdem sie ihr Lieblingswohnzimmer mehr als ausreichend mit hübschen Möbeln gefüllt und für Garten und Hof die erlesensten Pflanzen und Geflügelsorten ausgewählt hatte, empfand sie ein starkes Bedürfnis nach etwas häuslicher Abwechslung. Der Besuch ihrer Schwester, die sie stets geliebt hatte und nun mindestens bis zu ihrer Heirat bei sich zu behalten hoffte, war ihr höchst erwünscht, und sie fürchtete nur, daß das stille Leben in Mansfield eine junge Dame, die an das lebhafte Treiben von London gewöhnt war, nicht befriedigen würde.

Miss Crawford war gleichfalls nicht ganz frei von Zweifeln, die sich aber vor allem auf den Lebensstil ihrer Schwester und den Ton der dortigen Gesellschaft bezogen. Erst nachdem sie vergeblich versucht hatte, ihren Bruder zu überreden, daß er sich mit ihr auf seinem eigenen Landsitz niederließe, entschloß sie sich zu dem Wagnis, es bei ihrer Schwester zu probieren. Henry Crawford empfand leider die stärkste Abneigung gegen alles, was einer Beschränkung seines Lebens auf einen bestimmten Ort oder einen bestimmten Gesellschaftskreis ähnlich sah. In diesem Punkt, der für ihn grundlegend war, konnte er seiner Schwester nicht entgegenkommen, aber er begleitete sie mit der größten Bereitwilligkeit nach Northamptonshire und verpflichtete sich ebenso bereitwillig, sie innerhalb einer halben Stunde nach Empfang der Nachricht wieder abzuholen, wenn es ihr dort nicht gefiele.

Die Begegnung verlief für beide Teile sehr befriedigend. Miss Crawford fand eine Schwester, die weder pedantisch noch verbauert war, einen Schwager, dem man den Gentleman ansah, ein bequemes, wohleingerichtetes Haus vor; und Mrs. Grant begrüßte in ihren Geschwistern, die sie fortan noch inniger ins Herz zu schließen hoffte, ein überaus einnehmendes junges Menschenpaar. Mary Crawford war auffallend hübsch, Henry zeichnete sich, ohne eigentlich schön zu sein, durch gute Haltung und vornehmes Wesen aus. Beide waren lebhaft und liebenswürdig, und Mrs. Grant traute ihnen daraufhin alle anderen guten Eigenschaften zu. Sie war von beiden ganz entzückt, besonders von Mary. Da sie selbst nie in der Lage gewesen war, sich ihrer eigenen Schönheit zu rühmen, erfüllte sie jetzt die Schönheit ihrer Schwester mit doppeltem Stolz. Sie hatte nicht erst Marys Ankunft abgewartet, um sich nach einer passenden Partie für sie umzusehen, und ihre Wahl war auf Tom Bertram gefallen. Der älteste Sohn eines Baronet war nicht zu gut für ein Mädchen mit zwanzigtausend Pfund, das überdies Marys Eleganz und Bildung besaß. Und da Mrs. Grant eine warmherzige, freimütige Frau war, hatte Mary noch nicht dreimal unter ihrem Dach geschlafen, als sie ihr bereits ihren Plan anvertraute.

Miss Crawford freute sich, eine so vornehme Familie in der nächsten Nachbarschaft zu finden, und die Fürsorglichkeit ihrer Schwester mißfiel ihr ebensowenig wie deren Wahl. Es war ihr Wunsch, zu heiraten, vorausgesetzt, daß es eine gute Partie war, und da sie Mr. Bertram in London gesehen hatte, wußte sie, daß gegen seine Person ebensowenig einzuwenden war wie gegen seine gesellschaftliche Stellung. Sie tat zwar, als sei das Ganze ein Scherz, versäumte aber nicht, ernsthaft darüber nachzudenken, und bald wurde auch Henry in den Plan eingeweiht.

«Und jetzt», fügte Mrs. Grant hinzu, «habe ich noch eine Idee, die das Ganze erst vollkommen macht. Ich möchte euch beide so gern in meiner Nähe behalten, und darum, Henry, sollst du die jüngere Miss Bertram heiraten, ein liebes, hübsches, gebildetes Mädchen, das dich sehr glücklich machen wird.»

Henry verneigte sich dankend.

«Liebste Schwester», sagte Mary, «wenn es dir gelingt, ihn zum Heiraten zu überreden, werde ich vollends entzückt sein, eine so gescheite Schwester zu besitzen, und nur bedauern, daß du nicht ein halbes Dutzend Töchter anzubringen hast. Wenn du Henry dazu bringst, mußt du geradezu die Klugheit einer Französin besitzen, denn alles, was englische Kunst vermag, haben wir vergeblich an ihm ausprobiert. Ich habe drei beste Freundinnen, die alle der Reihe nach sterblich in ihn verliebt waren. Was sie und ihre Mütter (sehr tüchtige Damen!) ebenso wie meine arme Tante und meine Wenigkeit für Mühe aufgewendet haben, um ihn zum Heiraten zu überreden, zu überlisten oder zu verlocken, ist mit Worten nicht zu sagen! Er ist der schlimmste Flirt, den du dir vorstellen kannst. Falls die Fräulein Bertram nicht Wert auf ein gebrochenes Herz legen, sollen sie Henry lieber aus dem Weg gehen.»

«Lieber Bruder, das will ich nicht von dir glauben!» «Nein, dazu bist du bestimmt zu gütig. Du wirst mich gerechter beurteilen als Mary und mir meine Jugend und Unerfahrenheit zugute halten. Ich bin ein vorsichtiger Mensch und habe keine Lust, mein Lebensglück voreilig aufs Spiel zu setzen. Niemand kann einen höheren Begriff vom Ehestand haben als ich. Und was eine gute Frau bedeutet, finde ich am vollkommensten in der weisen Zeile des Dichters ausgedrückt: ‹Des Himmels letzte, beste Gabe!›»

«Da hörst du es, Schwester! Merkst du, wie er das eine Wort betont? Siehst du, wie er lächelt? Glaub mir, er ist ganz abscheulich! Die Lehren des Admirals haben ihn vollkommen verdorben.»

«Es macht mir wenig Eindruck, was junge Leute über die Ehe sagen», erwiderte Mrs. Grant.

«Wenn sie behaupten, daß sie eine Abneigung dagegen haben, schließe ich daraus nur, daß sie dem oder der Richtigen noch nicht begegnet sind.»

Dr. Grant beglückwünschte seine Schwägerin lachend, daß sie persönlich offenbar keine Abneigung gegen den Ehestand empfinde.

«Nein, wirklich nicht! Und ich schäme mich dessen gar nicht. Meiner Ansicht nach müßte jeder, der gut heiraten kann, es auch tun. Ich mag es nicht, wenn man sich wegwirft, aber sobald sich eine vorteilhafte Möglichkeit bietet, sollte jeder Mensch heiraten.»

5. Kapitel

Die jungen Leute fanden von Anfang an Gefallen aneinander. Auf beiden Seiten war viel Anziehendes vorhanden, und die Bekanntschaft versprach, so rasch der gute Ton es nur zuließ, zu einer intimen Freundschaft zu werden. Daß Miss Crawford so hübsch war, schadete ihr in den Augen der Fräulein Bertram nicht. Sie waren ihrer eigenen Schönheit zu sicher, um anderen Frauen ihr gutes Aussehen zu verübeln, und zeigten sich von Marys lebhaften, dunklen Augen, ihrem klaren, bräunlichen Teint und ihrer zierlichen Anmut fast ebenso bezaubert wie ihre Brüder. Wäre sie groß und stattlich und blond gewesen, hätten sie die Prüfung vielleicht schwerer zu bestehen gefunden, doch wie die Dinge lagen, kam ein Vergleich gar nicht in Frage, und sie ließen Mary Crawford von Herzen gern als liebes, reizendes Mädchen gelten, während sie natürlich die Schönsten im Lande blieben.

Der Bruder hingegen war nicht schön. Nein, als sie ihn zum erstenmal erblickten, war er ausgesprochen häßlich, schwarz und häßlich; nichtsdestoweniger war er ein Gentleman mit sehr angenehmen Manieren. Bei der zweiten Begegnung stellte es sich heraus, daß er gar nicht so furchtbar häßlich war; häßlich zweifellos, aber er besaß so viel Haltung und so schöne Zähne und war so gut gebaut, daß man seine Häßlichkeit bald vergaß. Und nach der dritten Zusammenkunft, bei einem Dinner im Pfarrhaus, war es niemand mehr gestattet, ihn häßlich zu nennen; er war vielmehr der angenehmste junge Mann, dem die Schwestern je begegnet waren, und beide zeigten sich gleichermaßen entzückt von ihm. Der Umstand, daß Miss Bertram verlobt war, machte ihn zu Julias rechtmäßigem Eigentum. Julia war sich dessen vollauf bewußt, und ehe er noch eine Woche in Mansfield verbracht hatte, war sie durchaus bereit, sich in ihn zu verlieben.

Marias diesbezügliche Gefühle waren verworrener und unklarer. Sie wollte nicht klarsehen. Es konnte doch nichts dabei sein, einen angenehmen Menschen sympathisch zu finden – jedermann kannte ihre Situation – Mr. Crawford müßte sich eben in acht nehmen … Mr. Crawford seinerseits hatte gar nicht die Absicht, in Gefahr zu geraten. Die Fräulein Bertram waren bereit, an ihm Gefallen zu finden, und er fand es der Mühe wert, ihnen zu gefallen. Mehr wollte er vorläufig nicht; er verlangte durchaus nicht, daß sie aus Liebe zu ihm vergehen sollten. Obwohl sein Verstand und sein Charakter ihn befähigt hätten, richtiger zu denken und zu empfinden, gestattete er sich in solchen Dingen große Leichtfertigkeit.

«Deine Fräulein Bertram gefallen mir außerordentlich gut, Schwester», sagte er, als er sie nach dem Dinner im Pfarrhaus zu ihrem Wagen hinausbegleitet hatte. «Es sind wirklich sehr elegante, liebenswürdige Mädchen.»

«Ja, das sind sie, und es freut mich, es von dir bestätigt zu hören. Julia gefällt dir natürlich am besten.»

«O gewiß, Julia gefällt mir am besten.»

«Ernsthaft, Henry? Miss Bertram gilt nämlich allgemein als die größere Schönheit.»

«Das kann ich mir denken. Sie ist in jeder Beziehung hübscher und auch mehr mein Typ – aber Julia gefällt mir am besten. Miss Bertram ist ohne Frage die Schönere, und ich habe sie auch liebenswürdiger gefunden – aber Julia wird mir stets am besten gefallen, da du es so gebietest.»

«Ich werde überhaupt nicht mehr mit dir reden, Henry. Aber ich weiß, daß dir letzten Endes Julia wirklich am besten gefallen wird.»

«Habe ich dir nicht erklärt, daß sie mir schon ersten Endes am besten gefällt?»

«Und außerdem ist Miss Bertram verlobt. Vergiß das nicht, mein Lieber. Sie hat ihre Wahl bereits getroffen.»

«Ja, und darum mag ich sie noch besser leiden. Ein verlobtes Mädchen ist immer sympathischer als ein unverlobtes. Sie ist mit sich selber zufrieden. Sie hat keine Sorgen mehr und kann alle ihre Verführungskünste entfalten, ohne daß man sie bestimmter Absichten verdächtigt. Mit einer verlobten jungen Dame fühlt man sich sicher. Es kann nichts passieren.»

«Nun, was das betrifft … Mr. Rushworth ist ein sehr braver junger Mann und eine ausgezeichnete Partie für sie.»

«Und seiner Braut liegt nicht soviel an ihm! So urteilst du über deine gute Freundin! Aber ich schließe mich deinem Urteil nicht an. Ich bin überzeugt, daß Miss Bertram ihren Mr. Rushworth zärtlich liebt. Das habe ich in ihren Augen gelesen, als die Rede auf ihn kam. Ich habe eine zu hohe Meinung von Miss Bertram, um anzunehmen, daß sie ihre Hand ohne ihr Herz verschenken würde.»

«Mary, was sollen wir nur mit ihm anfangen?» «Ich fürchte, wir müssen ihn aufgeben. Alles Reden nützt nichts. Zum Schluß wird auch er hineinfallen.» «Aber ich möchte nicht, daß er hineinfällt, ich möchte nicht, daß er sich düpieren läßt! Er soll sich ehrlich und ehrbar verlieben!»

«Ach, du lieber Himmel! Überlaß ihn ruhig seinem Schicksal. Es kommt auf dasselbe heraus. Früher oder später fällt doch jeder hinein.»

«Nicht wenn es zum Heiraten kommt, liebste Mary.» «Gerade wenn es zum Heiraten kommt. Mit allem gebührenden Respekt für allfällig verheiratete Anwesende sei es gesagt, daß kaum eines von hundert Männlein oder Weiblein beim Heiraten nicht hineinfällt. Wohin ich auch blicke, sehe ich das gleiche. Und wenn ich es recht bedenke, kann es gar nicht anders sein, denn eine Heirat ist von allen Transaktionen diejenige, bei der man die größten Erwartungen in einen anderen Menschen setzt und sich selber der größten Unaufrichtigkeit befleißigt.»

«Was die Ehe betrifft, warst du in Hill Street in einer schlechten Schule, Mary.»

«Meine arme Tante hatte gewiß wenig Grund, den Ehestand zu loben. Aber auch wenn ich nur nach meinen eigenen Beobachtungen urteile, ist es eine trügerische Sache. Ich kenne so viele, die geheiratet haben, weil sie von einem bestimmten Vorteil der Verbindung oder einem bestimmten Vorzug der betreffenden Person fest überzeugt waren – um nachträglich zu erkennen, daß sie sich gründlich getäuscht hatten und mit dem genauen Gegenteil von dem, was sie erhofften, fertig werden mußten. Kann man das anders nennen als hineinfallen?»

«Mein liebes Kind, deine Phantasie geht ein bißchen mit dir durch. Verzeih mir, wenn ich dir nicht rechtgeben kann. Du siehst nur das halbe Bild, verlaß dich darauf. Du siehst das Schlechte, aber nicht das Gute, durch das es aufgewogen wird.

Es gibt überall kleine Schwierigkeiten und Enttäuschungen, und wir neigen allesamt dazu, allzuviel zu erwarten. Aber wenn die eine Glückshoffnung sich nicht erfüllt, wendet sich die menschliche Natur einer anderen zu, wenn unsere erste Rechnung falsch war, machen wir eine zweite, die besser stimmt; irgendwie klappt es zum Schluß. Und die hämischen Zuschauer, die aus jeder Kleinigkeit so gern eine große Affäre machen, sind letztlich weit eher die Betrogenen als die Beteiligten selber.»

«Wacker gesprochen, Schwester! Ich ehre deinen esprit de corps, und wenn ich selbst erst eine Ehefrau bin, sollst du mich ebenso standhaft sehen. Ich wünschte nur, ganz im allgemeinen, meine Bekannten dächten auch so. Das würde mir manchen Kummer ersparen.»

«Du bist um kein Haar besser als dein Bruder, Mary, aber wir werden euch beide kurieren. Mansfield wird euch beide kurieren – und niemand wird dabei hineinfallen. Bleibt bei uns, und wir werden euch kurieren.»

Auch wenn sie nicht kuriert werden wollten, waren die Crawfords gern zum Bleiben bereit. Mary war mit ihrem neuen Heim zufrieden, und Henry hatte nichts dagegen, seinen Besuch zu verlängern. Er hatte ursprünglich die Absicht, nur ein paar Tage zu bleiben, doch Mansfield schien einiges zu versprechen, und es gab nichts, was ihn anderswohin zog. Mrs. Grant war glücklich, die beiden bei sich zu behalten, und Dr. Grant zeigte sich mehr als einverstanden; für einen behäbigen Mann, der sich nicht gern aus dem Haus rührt, ist eine hübsche, plauderhafte junge Dame immer die angenehmste Gesellschaft, und Mr. Crawfords Besuch bot einen ausgezeichneten Vorwand, täglich Rotwein zu trinken.

Die Bewunderung, die die Fräulein Bertram Henry Crawford zollten, war ungehemmter als die Gefühle, die Miss Crawford sich zu gestatten pflegte. Sie gestand sich jedoch ein, daß die jungen Herren Bertram sehr sympathische junge Männer wären, wie man sie selbst in London nicht oft beisammen sähe, und daß sie ausgezeichnete Manieren besäßen. Dies galt besonders für Tom, der sich viel in London aufhielt und sich durch größere Lebhaftigkeit und Galanterie auszeichnete als Edmund. Daß er der Ältere war, sprach natürlich besonders zu seinen Gunsten. Mary Crawford hatte von Anfang an geahnt, daß der Ältere ihr besser gefallen würde. Sie kannte sich.

Tom Bertram mußte aber unter allen Umständen gefallen. Er gehörte zu den jungen Leuten, die allgemein beliebt sind. Seine Liebenswürdigkeit war von der Art, die man häufiger liebenswürdig findet als manche Gabe höherer Prägung, denn er hatte eine unbefangene Art, war stets guter Dinge, besaß einen großen Bekanntenkreis und fand immer eine Menge zu erzählen; die Anwartschaft auf Mansfield Park und den Baronet-Titel machte ihn um nichts unsympathischer. Miss Crawford hatte bald das Gefühl, daß er der Richtige für sie sein könnte. Sie sah sich mit löblicher Besonnenheit um und stellte fest, daß so gut wie alles zu seinen Gunsten sprach: der Park, ein wirklicher Park von fünf Meilen im Umkreis, das geräumige, modern gebaute Haus, das dank seiner malerischen Lage einen Ehrenplatz in jeder Sammlung von Abbildungen englischer Landsitze verdient hätte und nur neu möbliert zu werden brauchte – sympathische Schwestern – eine unaufdringliche Mutter – und er selbst war ein angenehmer Mensch mit dem besonderen Vorzug, daß er sich gegenwärtig durch ein Versprechen seinem Vater gegenüber verpflichtet hatte, nicht hoch zu spielen, und daß er später einmal selbst Sir Thomas heißen würde. Ja, es war nichts gegen ihn einzuwenden. Sie würde wohl recht daran tun, ihn zu nehmen. Und dementsprechend begann sie sich ein wenig für das Pferd zu interessieren, das beim Rennen in B. für ihn laufen sollte.

Dieses Rennen sollte Tom bald nach dem Beginn ihrer Bekanntschaft hinwegrufen, und da es sich zeigte, daß seine Familie auf Grund seiner sonstigen Gepflogenheiten ihn nicht vor Ablauf vieler Wochen zurückerwartete, schien dies eine erwünschte Gelegenheit, die Stärke seiner Leidenschaft in diesem frühen Stadium auf die Probe zu stellen. Er seinerseits suchte sie beredt zur Teilnahme am Rennen zu bewegen, und es wurden alle möglichen Pläne geschmiedet, daß die ganze Gesellschaft mittun sollte – doch es blieb beim Reden.

Und Fanny? Was trieb sie, was dachte sie während dieser ganzen Zeit? Was hielt sie von den neuen Freunden? Es gab wohl wenige achtzehnjährige Mädchen, die seltener aufgefordert wurden, ihre Meinung zu äußern, als Fanny. Auf ihre stille Art und ohne viel beachtet zu werden, zollte auch sie Miss Crawfords Anmut ihre Bewunderung. Doch da sie Mr. Crawford noch immer häßlich fand, obwohl ihre Cousinen ihr mehr als einmal das Gegenteil bewiesen hatten, sprach sie niemals von ihm. Miss Crawford ihrerseits richtete ihre Aufmerksamkeit auch auf Fanny. «Jetzt beginne ich Sie alle richtig zu verstehen», sagte sie, als sie eines Tages mit den beiden jungen Herren im Garten spazierte, «bis auf Miss Price. Sagen Sie bitte, ist sie eingeführt oder nicht? Ich kenne mich nicht mehr aus. Sie war mit der ganzen Familie beim Dinner im Pfarrhaus, was dafür sprechen würde, daß sie eingeführt ist; andererseits tut sie so selten den Mund auf, daß ich es kaum annehmen kann.»

Edmund, an den diese Worte hauptsächlich gerichtet waren, erwiderte: «Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen – aber ich nehme es nicht auf mich, Ihre Frage zu beantworten. Meine Cousine ist ihrem Alter und ihrem Verstand nach ein erwachsenes Mädchen, aber eingeführt oder nicht eingeführt, das geht über meinen Horizont.»

«Und dabei ist im allgemeinen nichts leichter festzustellen. Der Unterschied im Auftreten, in der Kleidung, in der ganzen Erscheinung ist so groß. Bis jetzt hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß man sich in diesem Punkt irren kann. Ein junges Mädchen, das noch nicht eingeführt ist, kleidet sich immer auf die gleiche Art – ein knappes, schmuckloses Hütchen zum Beispiel wirkt sehr züchtig – und spricht kein Wort. Sie lachen – aber ich versichere Ihnen, so ist es, und abgesehen davon, daß es manchmal zu weit getrieben wird, ist es ganz in der Ordnung. Junge Mädchen sollen still und bescheiden sein. Allenfalls könnte man einwenden, daß ihr Betragen, sobald sie in die Gesellschaft eingeführt sind, sich oft gar zu abrupt ändert. Es schlägt manchmal in der kürzesten Zeit von äußerster Zurückhaltung ins reine Gegenteil, in Dreistigkeit um. Das ist zweifellos ein Fehler des bestehenden Systems. Es macht keinen guten Eindruck, wenn ein achtzehn- oder neunzehnjähriges Mädchen plötzlich bei allem mitredet und über alles informiert ist, wenn man weiß, daß sie vor einem Jahr noch kaum imstande war, den Mund aufzutun. Sie, Mr. Bertram, dürften diese Verwandlung öfter beobachtet haben, nicht wahr?»

«Und ob! Aber das ist nicht fair von Ihnen, ich protestiere! Ich weiß, wo Sie hinauswollen. Sie wollen mich mit Miss Anderson aufziehen.»

«Ganz und gar nicht. Miss Anderson? Keine Ahnung, wen oder was Sie meinen. Ich tappe völlig im dunkeln. Aber ich werde Sie natürlich mit dem größten Vergnügen aufziehen, wenn Sie mir erklären, um was es sich handelt.»

«Oh, Sie spielen Ihre Rolle sehr gut, aber so leicht lasse ich mir nichts vormachen! Nein, bei Ihrer Beschreibung einer so jäh verwandelten jungen Dame haben Sie ganz bestimmt Miss Anderson im Auge gehabt! Sie haben sie gar zu präzise geschildert. Es war wirklich genau so. Die Andersons von Baker Street – wir haben noch kürzlich von ihnen gesprochen. Edmund, du hast mich öfter von Charles Anderson sprechen gehört. Die Umstände waren tatsächlich so, wie Miss Crawford sie schildert. Als Anderson mich vor zwei Jahren seiner Familie vorstellte, war seine Schwester noch nicht eingeführt, und ich konnte sie nicht dazu bringen, mit mir zu reden. Ich saß einmal eine ganze Stunde dort, während ich auf Anderson wartete. Außer mir war nur die junge Dame im Zimmer und noch ein oder zwei kleine Mädchen – die Gouvernante war krank oder davongelaufen, und die Mutter hatte irgendwelche Geschäftsbriefe zu erledigen und schaute nur immer auf einen Augenblick herein. Also gut – es war mir einfach nicht möglich, der jungen Dame ein Wort oder einen Blick zu entlocken. Sie preßte die Lippen zusammen und wandte sich mit steinerner Miene von mir ab. Ich sah sie erst nach einem Jahr wieder – da war sie eingeführt. Ich traf sie bei Mrs. Holford und erinnerte mich gar nicht mehr an sie. Sie aber kam geradewegs auf mich zu, begrüßte mich als einen alten Bekannten, brachte mich mit ihren Blicken ganz aus der Contenance und schwatzte und lachte, daß ich nicht wußte, wo ich bleiben sollte. Ich hatte das Gefühl, daß alle im Zimmer sich über mich lustig machten – und Miss Crawford, soviel ist klar, hat von dieser Geschichte gehört.»

«Nein, aber es ist eine sehr hübsche Geschichte, in der mehr Wahres steckt, als es Miss Anderson Ehre macht. Doch der Fehler ist allgemein verbreitet. Die Mütter haben es offenbar noch nicht ganz heraus, ihre Töchter richtig zu leiten. Ich weiß

nicht, woran es liegt. Ich maße mir nicht an, die Menschen zu belehren, aber ich sehe, daß sie es oft falsch machen.»

«Wer der Welt das Beispiel gibt, wie eine echte Dame sich zu benehmen hat», bemerkte Mr. Bertram galant, «trägt am meisten zu ihrer Belehrung bei.»

«Der Fehler liegt klar zutage», sagte der weniger artige Edmund. «Solche Mädchen sind einfach schlecht erzogen. Man hat ihnen von Anfang an nicht die richtigen Begriffe beigebracht. So oder so ist Eitelkeit ihr einziger Beweggrund. Ihr Benehmen, bevor sie in die Gesellschaft eingeführt sind, verrät ebensowenig echte Bescheidenheit wie nachher.»

«Ich weiß nicht», erwiderte Miss Crawford zögernd. «Nein, da kann ich Ihnen nicht rechtgeben. Diese falsche Bescheidenheit ist noch das Harmloseste an der ganzen Sache. Viel schlimmer ist es, wenn Mädchen, die nicht eingeführt sind, sich das gleiche Ansehen geben und die gleichen Freiheiten herausnehmen, wie wenn sie schon ein Recht darauf hätten. Das habe ich auch schon gesehen, und es ist einfach widerlich.»

«Ja, das ist wirklich etwas Lästiges», sagte Mr. Bertram. «Es führt einen irre, man weiß nicht, wie man daran ist. Das schmucklose Hütchen und die sittsame Miene, die Sie so richtig schildern (nichts könnte treffender sein), zeigen einem jungen Mann, was von ihm erwartet wird. Aber wo sie fehlen – letztes Jahr geriet ich da in eine peinliche Lage. Im September, gleich nach meiner Rückkehr aus Westindien, fuhr ich mit meinem Freund Sneyd auf eine Woche nach Ramsgate – Edmund, du hast mich von meinem Freund Sneyd sprechen gehört. Seine Eltern und seine Schwestern, die ich alle noch nicht kannte, waren dort. Na schön, wir kommen ins Albion, und sie sind ausgegangen. Wir gehen ihnen nach und finden sie am Pier, Mrs. Sneyd mit ihren beiden Töchtern und verschiedenen Bekannten. Ich mache in aller Form mein Kompliment, und da Mrs. Sneyd von Herren umringt ist, schließe ich mich einer der Töchter an, weiche den ganzen Heimweg lang nicht von ihrer Seite und versuche nach Kräften, mich angenehm zu machen. Die junge Dame ist ganz unbefangen und scheint ebensogern zu plaudern wie zuzuhören. Ich hatte nicht die geringste Idee, daß ich einen Fauxpas begehen könnte. Die beiden Mädchen sahen ganz gleich aus, beide in hübschen Kleidern mit Schleierhütchen und Sonnenschirm wie jedes andere junge Mädchen. Aber hinterher habe ich erfahren, daß ich meine Aufmerksamkeit an die jüngere Schwester verschwendet hatte, die noch nicht eingeführt war, und damit hatte ich die ältere tödlich beleidigt. Miss Augusta hätte die nächsten sechs Monate lang noch nicht bemerkt werden dürfen, und Miss Sneyd hat mir, glaube ich, niemals vergeben.»

«Das war wirklich arg. Arme Miss Sneyd! Obwohl ich keine jüngere Schwester habe, fühle ich mit ihr. Vorzeitig übergangen zu werden – das muß sehr ärgerlich sein. Doch es war ausschließlich die Schuld der Mutter. Miss Augusta hätte sich zu ihrer Gouvernante halten müssen. Solche Halbheiten tun nie gut. Aber jetzt müssen Sie meine Neugier betreffs Miss Price befriedigen. Besucht sie Bälle? Ist sie nur zu meiner Schwester gekommen, oder wird sie auch in andere Häuser zum Essen eingeladen?»

«Nein, ich glaube, sie war noch nie auf einem Ball», erwiderte Edmund. «Meine Mutter geht selten in Gesellschaft und speist niemals auswärts, außer bei Mrs. Grant, und Fanny bleibt mit ihr zu Hause.»

«Oh, dann ist die Sache ganz klar. Miss Price ist nicht eingeführt.»

6. Kapitel

Mr. Bertram reiste ab, und Miss Crawford machte sich darauf gefaßt, eine große Lücke in ihrem Kreis zu finden und ihn bei den jetzt fast täglich stattfindenden Begegnungen der beiden Familien schmerzlich zu vermissen. Als sie kurz nach seiner Abreise alle zum Essen nach Mansfield Park geladen waren, nahm sie ihren gewohnten Platz am unteren Ende der Tafel mit recht melancholischen Erwartungen ein. Sie war sicher, daß die Mahlzeit äußerst langweilig verlaufen würde. Edmund, der an Stelle seines Bruders den Hausherrn spielte, würde im Gegensatz zu diesem nichts zu sagen haben. Er würde die Suppe ganz temperamentlos austeilen, den Wein ohne Lachen und nette Scherze einschenken und die Rehkeule tranchieren, ohne eine einzige lustige Anekdote über einen früheren Wildbraten oder eine unterhaltsame Geschichte über «meinen Freund Soundso» zum besten zu geben. Ihr einziges Amüsement würde wohl darin bestehen, aufzupassen, was am oberen Ende der Tafel vor sich ging, und Mr. Rushworth zu beobachten, der heute zum erstenmal seit dem Eintreffen der Crawfords in Erscheinung trat. Er war bei einem Freund in der benachbarten Grafschaft zu Besuch gewesen, und da dieser Freund kürzlich seine Parkanlagen von einem Fachmann hatte umgestalten lassen, war Mr. Rushworth jetzt ganz von diesem Gegenstand erfüllt und höchst begierig, seine eigene Besitzung auf die gleiche Weise zu verschönern. Obwohl er nicht viel Zweckmäßiges vorbrachte, konnte er von nichts anderem reden. Das Thema war bereits im Salon abgehandelt worden und wurde nun im Eßzimmer wieder aufgegriffen. Mr. Rushworth wünschte offensichtlich vor allem, Miss Bertram dafür zu interessieren und ihre Meinung zu hören; und obwohl sich in ihrer Haltung eher das Bewußtsein ihrer Überlegenheit als Anteilnahme an seinen Bestrebungen verriet, erfüllten sie die Erwähnung von Sotherton Court und die damit zusammenhängenden Aussichten mit einer Selbstzufriedenheit, die sie davor bewahrte, ausgesprochen ungnädig zu wirken.

«Ich wollte, Sie könnten Compton sehen», sagte Mr. Rushworth. «Es ist wirklich vollkommen. Ich habe nie im Leben eine solche Veränderung gesehen. Ich habe zu Smith gesagt, ich wüßte gar nicht, wo ich wäre. Die jetzige Zufahrt ist etwas Großartiges. Das Haus präsentiert sich ganz überraschend. Ich muß sagen, wie ich gestern nach Sotherton zurückkam, sah es aus wie ein Gefängnis – ein düsteres, altes Gefängnis.»

«Oh, schämen Sie sich!» rief Mrs. Norris.

«Wahrhaftig, ein Gefängnis! Sotherton Court ist der vornehmste alte Landsitz der Welt.»

«Aber es muß verschönert werden, gnädige Frau, es muß unbedingt verschönert werden. Ich habe nie im Leben einen Platz gesehen, der so dringend eine Verschönerung gebraucht hätte. Und es sieht so hoffnungslos aus, daß ich gar nicht weiß, was man damit anfangen kann.»

«Kein Wunder, daß Mr. Rushworth gegenwärtig so denkt», bemerkte Mrs. Grant lächelnd zu Mrs. Norris. «Aber keine Sorge – Sotherton wird bald in jeder Beziehung verschönert sein, wie es seinem Herzenswunsch entspricht.»

«Ich muß versuchen, etwas daraus zu machen, aber ich weiß nicht was», erklärte Mr. Rushworth. «Ich hoffe, daß meine Freunde mir dabei helfen werden.»

«Ich stelle mir vor, daß in diesem Fall Ihr bester Freund Mr. Repton wäre», bemerkte Miss Bertram ruhig.

«Ja, daran denke ich auch. Nachdem er sich bei Smith so bewährt hat, sollte ich ihn vielleicht sofort engagieren. Sein Honorar beträgt fünf Guineen täglich.»

«Und wenn es zehn wären, bedeutet das für Sie kein Hindernis!» rief Mrs. Norris. «Die Kosten spielen keine Rolle. Ich an Ihrer Stelle würde nicht an die Kosten denken, sondern alles im besten Stil und so gut wie möglich ausführen lassen. Ein Platz wie Sotherton Court ist des Besten würdig, was Geld und Geschmack zu leisten vermögen. Sie haben Raum für alle erdenklichen Anlagen und ein Grundstück, aus dem sich etwas machen läßt. Ich für mein Teil, wenn ich nur ein Fünfzigstel eines solchen Besitzes hätte, würde ihn ständig umgestalten und verschönern, denn das tue ich für mein Leben gerne. Mit dem winzigen Stückchen Land, das ich jetzt habe, wäre es lächerlich, etwas Derartiges anzustreben – die reine Farce. Aber wenn ich mehr Platz hätte, wäre es mein höchstes Vergnügen, ihn zu verschönern und zu bepflanzen. Im Pfarrhof haben wir ja in dieser Hinsicht allerlei vollbracht, wir haben den Platz zur Unkenntlichkeit umgewandelt. Ihr jungen Leute erinnert euch nicht, wie es früher war; sofern unser lieber Sir Thomas hier wäre, könnte er euch erzählen, welche Verbesserungen uns zu verdanken sind. Wir hätten noch viel mehr getan, wenn mein armer Norris nicht so leidend gewesen wäre. Der Arme, er war ja kaum jemals imstande, vor die Tür zu gehen, um sich daran zu erfreuen, und das hat mir natürlich auch die Lust genommen, die verschiedenen Pläne auszuführen, die Sir Thomas und ich besprochen hatten. Wäre das nicht gewesen, hätten wir die Gartenmauer weitergeführt und die Sträucher angepflanzt, die den Blick auf den Friedhof ausschließen, wie Dr. Grant es getan hat. Trotzdem haben wir ständig etwas verbessert. Ein Jahr vor dem Tod meines armen Norris haben wir noch den Aprikosenbaum an der Stallmauer gepflanzt, der jetzt zu einem so prächtigen Baum herangewachsen ist und immer noch schöner wird, Sir», schloß sie, zu Dr. Grant gewandt.

«Der Baum gedeiht, das ist nicht zu leugnen, Madam», versetzte Dr. Grant. «Der Boden ist gut. Und ich gehe nie vorbei, ohne zu bedauern, daß die Früchte von so schlechter Qualität sind, daß sie kaum das Einernten lohnen.»

«Aber, Sir, es ist ein Moorpark, wir haben ihn als Moorpark gekauft, und gekostet hat er uns – das heißt, es war ein Geschenk von Sir Thomas, aber ich habe die Rechnung gesehen und weiß, daß er sieben Shilling gekostet hat, weil es ein echter Moorpark ist.»

«Da hat man Sie angeschmiert, Madam», erwiderte Dr. Grant. «Diese Kartoffel hier besitzt eher das Aroma einer Moorpark-Aprikose als die Früchte von jenem Baum. Es ist im besten Fall ein fades Obst, aber eine gute Aprikose ist zumindest genießbar, was man von denjenigen in meinem Garten nicht behaupten kann.»

«Die Wahrheit ist nämlich», flüsterte Mrs. Grant über den Tisch hinweg Mrs. Norris angelegentlich zu, «daß Dr. Grant gar nicht weiß, wie unsere Aprikosen schmecken. Er bekommt sie kaum jemals zu kosten. Die Früchte sind so gut verwendbar, und die unsrigen werden so besonders groß und schön, daß die Köchin sie sich sämtlich für ihre Obstkuchen und Marmeladen aneignet.»

Mrs. Norris, die schon im Begriff stand, einen roten Kopf zu bekommen, war besänftigt, und eine kleine Weile lang redete man von anderen Dingen als von der Verschönerung von Sotherton. Dr. Grant und Mrs. Norris waren selten gut Freund. Ihre Bekanntschaft hatte mit Auseinandersetzungen über die Baufälligkeit des Pfarrhauses begonnen, und sie waren kaum jemals einer Meinung.

Nach dieser kurzen Unterbrechung begann Mr. Rushworth von neuem: «Smith’s Besitzung wird jetzt weit und breit bewundert. Dabei war gar nichts daran, bevor Repton die Sache in die Hand genommen hat. Ich glaube, ich werde doch Repton heranziehen.»

«Mr. Rushworth», sagte Lady Bertram, «an Ihrer Stelle würde ich ein hübsches Boskett anlegen. Bei schönem Wetter hält man sich gern in einem hübschen Boskett auf.»

Mr. Rushworth beeilte sich, Ihrer Ladyship zuzustimmen, und bemühte sich, ein feines Kompliment zu drechseln; doch zwischen seiner Begeisterung für ihre Idee, seiner Versicherung, daß er selber das gleiche im Sinn gehabt hätte, seinen Beteuerungen, daß ihm vor allem daran läge, es den Damen allesamt recht angenehm zu machen, und seinen Andeutungen, daß es nur eine einzige gäbe, deren Wünsche ihm Befehl seien, verhaspelte er sich, und Edmund beeilte sich, ihm aus der Verlegenheit zu helfen, indem er ihn aufforderte, mit ihm ein Glas zu leeren. Doch obwohl Mr. Rushworth sonst kein großer Redner war, konnte er sich von dem Gegenstand, der ihm am Herzen lag, noch nicht losreißen. «Smith hat im ganzen nicht mehr als hundert Morgen Land, was herzlich wenig ist. Gerade darum ist es so erstaunlich, was daraus gemacht wurde. In Sotherton haben wir gut siebenhundert Morgen, die Wiesen am Fluß nicht mitgerechnet, und ich denke, wenn man aus Compton so viel machen konnte, brauchen wir die Hoffnung nicht aufzugeben. Man hat dort zwei oder drei hohe, alte Bäume gefällt, die vor dem Haus standen, und es ist unglaublich, wie der Prospekt dadurch gewinnt. Ich nehme an, daß Repton, oder wer sonst den Plan entwirft, wohl auch in Sotherton die Allee umlegen würde. Wissen Sie, die Allee, die von der Westfront zum Gipfel des kleinen Hügels führt», fügte er eigens für Maria hinzu. Doch Maria fand es passend, zu antworten:

«Die Allee? Ach – ich erinnere mich nicht. Ich kenne ja Sotherton so wenig.»

Fanny, die an Edmunds anderer Seite Miss Crawford gegenüber saß und aufmerksam zugehört hatte, blickte ihren Cousin an und sagte leise:

«Eine ganze Allee fällen! Wie traurig! Erinnert es dich nicht an Cowper? ‹Ihr hingesunkenen Alleen, noch einmal beklag’ ich euer unverdientes Los …›»

Edmund antwortete lächelnd: «Ich fürchte, um die Allee steht es schlecht, Fanny.»

«Ich würde Sotherton so gern sehen, ehe sie verschwindet, so, wie es jetzt ist, bevor es ganz verändert wird. Aber ich werde wohl nie hinkommen.»

«Warst du denn niemals dort? Nein – für einen Ritt ist es wohl zu weit. Ich wollte, ich könnte dir deinen Wunsch erfüllen.»

«Ach, es ist nicht wichtig. Wenn ich es jemals zu sehen bekomme, wirst du mir beschreiben, wie es früher war.»

«Ich entnehme dem allem», sagte Miss Crawford, «daß Sotherton ein alter Landsitz ist und recht großartig sein muß. Ist es in einem besonderen Stil gebaut?»

«Das Haus stammt aus der Zeit von Königin Elisabeth – ein großes, regelmäßiges Ziegelgebäude, etwas schwerfällig, aber von imponierendem Aussehen, mit vielen, wohldimensionierten Räumen. Unvorteilhaft ist seine Lage, an einer der tiefsten Stellen des Parks, wogegen sich nicht viel machen läßt. Aber der Wald ist prächtig, und es gibt auch einen kleinen Fluß, der sicher sehr günstige Möglichkeiten für die Gestaltung des Landschaftsbildes bietet. Mr. Rushworth hat ganz recht, wenn er dem Ganzen ein modernes Gewand zu geben gedenkt, und ich bin überzeugt, daß es ausgezeichnet gelingen wird.»

Miss Crawford hörte unterwürfig zu und dachte bei sich: Er ist ein wahrhaft wohlerzogener Mensch. Mit wieviel Takt er das Gute hervorhebt!

«Ich möchte Mr. Rushworth nicht hineinreden», fuhr Edmund fort, «aber wenn ich einen solchen Besitz umzugestalten hätte, würde ich mich nicht einem Architekten ausliefern. Lieber begnügte ich mich mit weniger glänzenden Resultaten, wenn sie dafür meinen eigenen Ideen entsprechen und ich sie mir Schritt für Schritt erarbeitet habe. Ja, ich möchte lieber meine eigenen Fehler in Kauf nehmen als die eines Fremden.»

«Sie wüßten so eine Sache natürlich richtig anzupacken, aber für mich wäre das nichts. Ich habe nicht das Auge dafür und keine Einfälle – ich sehe nur, was vor mir steht. Falls ich einen Landsitz hätte, wäre ich sehr dankbar, wenn irgendein Mr. Repton mir alles abnähme und mir für mein Geld soviel Schönheit wie möglich herausholte. Ich würde keinen einzigen Blick darauf werfen, ehe es nicht fix und fertig dastünde.»

«Mir würde es die größte Freude machen, es allmählich entstehen zu sehen», sagte Fanny.

«Ja, Sie sind dazu erzogen worden. Bei meiner Erziehung hat man diesen Punkt vernachlässigt. Und die einzige Kostprobe – die mir noch dazu von einem Mann verabreicht wurde, der mir nicht gerade der liebste auf Erden ist – hat mir nur bewiesen, daß nichts unangenehmer ist, als so einen Umbau mitzumachen. Vor drei Jahren hat der Admiral, mein hochverehrter Onkel, ein kleines Landhaus in Twickenham zum Sommeraufenthalt gekauft, und meine Tante und ich waren ganz entzückt davon. Aber gerade weil es so überaus hübsch und reizend war, fand man es unbedingt notwendig, alles umzuändern. Drei Monate lang war das Ganze nichts als ein wüstes Durcheinander, ohne einen trockenen Weg, den man betreten, oder eine Bank, auf der man sich niederlassen konnte. Nein, wenn ich auf dem Land lebe, möchte ich alles so hübsch und komplett wie möglich haben, Boskette und Blumenrabatten und lauschige Sitzplätze ohne Zahl, aber unter der Bedingung, daß ich mich um nichts zu kümmern brauche. Henry ist anders, der liebt es, sich zu betätigen.»

Es tat Edmund leid, Miss Crawford, die zu bewundern er sehr geneigt war, in so leichtfertigem Ton von ihrem Onkel sprechen zu hören. Es verletzte sein Taktgefühl, und er schwieg, bis ihr Lächeln und ihre Lebhaftigkeit ihn wieder so gefangen nahmen, daß er den unangenehmen Eindruck überwand.

«Mr. Bertram», sagte sie, «ich habe endlich Nachricht von meiner Harfe. Es wurde mir versichert, daß sie sich heil und unversehrt in Northampton befindet, und zwar seit zehn Tagen, ungeachtet der gegenteiligen Erklärungen, die wir wiederholt empfangen haben.» Edmund gab seiner Freude und seiner Überraschung Ausdruck. «Die Sache ist die, daß unsere Erkundigungen viel zu direkt waren; wir haben einen Diener hingeschickt, wir sind selbst hingefahren – siebzig Meilen von London entfernt, ist das nicht das richtige Vorgehen. Heute früh haben wir es endlich auf dem korrekten Weg erfahren. Ein Bauer hat sie gesehen und es dem Müller erzählt, der Müller hat es dem Metzger berichtet, und der Schwiegersohn des Metzgers hat Nachricht im Laden hinterlassen.»

«Ich freue mich sehr, daß Sie von ihr gehört haben, ganz gleich auf welche Weise. Hoffentlich gibt es jetzt keine weiteren Verzögerungen.»

«Sie soll morgen hier eintreffen. Aber wie, glauben Sie, wird sie zu mir gelangen? Nicht auf einem Wagen oder Karren – o nein, so etwas ist im ganzen Dorf nicht zu bekommen. Ich hätte ebensogut nach einer Tragbahre und Trägern herumfragen können.»

«Es dürfte schwer sein, jetzt mitten in der ohnehin sehr verspäteten Heuernte, Pferd und Wagen aufzutreiben. Das kann ich mir vorstellen.»

«Ich hätte nie gedacht, wie schwer! Daß hier auf dem Land Mangel an Fuhrwerken herrschen könnte, ist mir nicht in den Sinn gekommen, und so habe ich einfach mein Mädchen geschickt, um irgendeines zu bestellen. Da ich nicht aus dem Fenster schauen kann, ohne einen Bauernhof zu erblicken, und nicht im Garten spazieren, ohne an einem anderen vorbeizukommen, dachte ich, ich brauchte bloß ein Wort zu sagen, und war noch ganz bekümmert, daß ich nicht allen den Vorzug geben konnte. Stellen Sie sich meine Verblüffung vor, als ich erfahren mußte, daß ich das unvernünftigste, unsinnigste, unmöglichste Begehren der Welt gestellt und sämtliche Bauern, Knechte und Heuschober im Dorf tief beleidigt hatte! Was Dr. Grants Verwalter anbelangt, gehe ich ihm lieber aus dem Wege, und mein Schwager selbst, der sonst eitel Zuvorkommenheit ist, hat mich mit den düstersten Blicken gemessen, als er von meiner Untat hörte.»

«Sie hatten natürlich nie Anlaß, darüber nachzudenken, aber wenn Sie es bedenken, sehen Sie sicher ein, wie wichtig es ist, das Heu hereinzubringen. Es mag auch sonst nicht so leicht sein, wie Sie meinen, sich ein Fuhrwerk zu beschaffen; unsere Bauern sind nicht darauf eingerichtet, sie zu vermieten; aber mitten in der Heuernte ist wirklich keiner in der Lage, einen Tag lang ein Pferd zu entbehren.»

«Mit der Zeit werde ich das alles lernen. Aber da ich mit der echten Londoner Überzeugung hergekommen bin, daß für Geld alles zu haben ist, hat mich die imponierende Unerschütterlichkeit Ihrer ländlichen Sitten etwas in Verlegenheit gebracht. Trotzdem bekomme ich morgen meine Harfe. Henry, der die Gutmütigkeit selber ist, hat sich erbötig gemacht, sie in seinem Wagen abzuholen. Wird sie nicht höchst ehrenvoll befördert werden?»

Edmund sagte, die Harfe sei sein Lieblingsinstrument, und drückte die Hoffnung aus, sie bald zu hören. Fanny hatte noch niemals Harfenspiel vernommen und war darauf sehr begierig.

«Ich werde mich glücklich schätzen, Ihnen beiden vorzuspielen», sagte Miss Crawford.

«Mindestens solange Sie Lust haben, zuzuhören, und vermutlich viel länger. Ich liebe selbst Musik über alles, und der Ausübende hat immer mehr Vergnügen an der Sache, weil nicht nur sein Gehör befriedigt wird. Mr. Bertram, wenn Sie Ihrem Bruder schreiben, teilen Sie ihm bitte mit, daß meine Harfe endlich eingelangt ist – er hat mich soviel darüber jammern gehört! Wenn Sie wollen, können Sie ihm auch verraten, daß ich für seine Rückkehr meine traurigste Melodie einübe, um ihm mein Mitgefühl zu beweisen, denn ich bin sicher, daß sein Pferd verlieren wird.»

«Falls ich schreibe, werde ich ihm alles ausrichten, was Sie wünschen, aber augenblicklich sehe ich nicht, daß sich ein Anlaß ergeben könnte.»

«Ha, das glaube ich Ihnen! Und wenn er ein Jahr lang fortbliebe, würden Sie ihm so wenig schreiben wie er Ihnen, falls es nicht unbedingt sein müßte. Der ‹Anlaß› würde sich nie ergeben. Was für merkwürdige Geschöpfe Brüder doch sind! Sie würden einander um nichts in der Welt schreiben, solange es nicht unbedingt notwendig ist, und wenn sie schon zur Feder greifen, um mitzuteilen, daß ein Pferd gestorben oder ein Familienmitglied erkrankt ist, werden sie es mit möglichst wenig Worten abtun. Ihr habt alle den gleichen Stil, ich kenne ihn auswendig. Henry, der sonst in jeder Beziehung das Ideal eines Bruders ist, der mich liebt, sich mit mir berät, mir alles anvertraut und endlos mit mir plaudern kann, ist in seinen Briefen an mich noch niemals über die erste Seite hinausgekommen. Meistens heißt es nur: ‹Liebe Mary, ich bin soeben angekommen. Bath scheint sehr voll zu sein, ansonsten gibt es nichts Neues. Dein Dich liebender Bruder.› Das ist der wahrhaft männliche Stil, das ist das Muster eines brüderlichen Briefes.»

«Wenn sie von allen ihren Lieben getrennt sind, können sie auch ausführlicher schreiben», sagte Fanny, um Williams willen errötend.

«Meine Cousine hat einen Bruder zur See, der ein vorzüglicher Korrespondent ist», erklärte Edmund. «Darum findet sie wohl, daß Sie mit uns gar zu streng ins Gericht gehen.»

«Zur See? Natürlich in königlichen Diensten?» Fanny wäre es lieber gewesen, wenn Edmund gesprochen hätte, doch sein entschiedenes Stillschweigen zwang sie, selbst von ihrem Bruder zu erzählen. Ihre Stimme belebte sich, als sie von seinem Beruf und den fremden Häfen sprach, die er besucht hatte, doch die Zahl der Jahre, die er nun schon in der Ferne verbracht hatte, vermochte sie nicht zu nennen, ohne daß ihr die Tränen in die Augen traten. Miss Crawford drückte mit ein paar höflichen Worten ihre Hoffnung auf Williams baldige Beförderung aus.

«Wissen Sie etwas Näheres von dem Kapitän meines Vetters?» fragte Edmund. «Kapitän Marshall? Ich nehme an, daß Sie in der Flotte viele Bekannte haben.»

«Ja, unter den Admiralen. Aber …», mit hochmütiger Miene, «von den unteren Rängen wissen wir sehr wenig. Kapitäne sind zweifellos sehr brave Leute, aber sie gehören nicht zu uns. Von den verschiedenen Admiralen könnte ich Ihnen eine Menge erzählen – von ihren Flaggen und Beförderungen und Eifersüchteleien und Intrigen. Ganz allgemein kann ich Ihnen versichern, daß jeder einzelne verkannt und ungerechterweise übergangen wird. Ach ja, bei meinem Onkel habe ich eine ganze Schar von Admiralen kennengelernt. Von Konter- und Vizeadmiralen habe ich mehr gesehen, als mir lieb ist.»

Edmund wurde wieder ernst und antwortete nur: «Es ist ein edler Beruf.»

«Der Beruf wäre ganz recht, unter zwei Voraussetzungen: daß man dabei ein Vermögen macht und es vernünftig auszugeben versteht. Aber kurz gesagt, er zählt nicht zu meinen bevorzugten Berufen. Mir ist er nie in liebenswerter Gestalt erschienen.»

Edmund brachte das Gespräch wieder auf die Harfe und drückte noch einmal seine Freude über die Aussicht aus, sie bald zu hören.

Inzwischen unterhielten sich die anderen noch immer eifrig über die Verschönerung von Sotherton, und Mrs. Grant konnte sich nicht enthalten, ihren Bruder anzurufen, obwohl sie damit seine Aufmerksamkeit von Julia Bertram ablenkte: «Henry, hast du gar nichts dazu zu sagen? Du hast dich doch selbst auf diesem Gebiet versucht, und nach allem, was ich von Everingham höre, kann es sich jetzt mit jedem Landsitz in England messen. Freilich, es besitzt große natürliche Schönheiten. In meinen Augen war es vollkommen, so wie ich es gekannt habe. Das liebliche Hügelland, der herrliche Wald! Ich würde viel darum geben, es wiederzusehen!»

«Nichts wäre mir lieber, als deine Meinung über seine jetzige Gestalt zu hören», erwiderte Henry. «Ich fürchte nur, es würde deinen hohen Erwartungen nicht entsprechen. An Ausdehnung ist es so gut wie nichts – du wärest enttäuscht, wie klein es dir jetzt vorkommt. Was die Verschönerung betrifft, gab es für mich sehr wenig zu tun, viel zu wenig für meinen Geschmack. Ich hätte mich gern länger damit beschäftigt.»

«Tun Sie so etwas gerne?» fragte Julia.

«Über alle Maßen. Aber dank den natürlichen Vorzügen des Geländes, die sogar einem unerfahrenen Auge die wenigen notwendigen Veränderungen geradezu aufdrängten, und dank meiner Beharrlichkeit hat es nicht drei Monate gedauert, bis Everingham so aussah, wie es sich heute präsentiert. Den Plan dazu hatte ich in Westminster entworfen – in Cambridge etwas abgeändert – und mit einundzwanzig Jahren verwirklicht. Ich könnte Mr. Rushworth beinahe beneiden, daß dieses große Vergnügen noch vor ihm liegt. Ich habe meines allzu hastig genossen.»

«Rasch erfassen, rasch entscheiden und rasch handeln sind eins», sagte Julia. «Ihnen wird es nie an Beschäftigung mangeln. Anstatt Mr. Rushworth zu beneiden, sollten Sie ihm lieber mit Ihrem Rat beistehen.»

Mrs. Grant, die den letzten Teil dieser Rede gehört hatte, stimmte lebhaft zu, fest überzeugt, daß niemand ein so richtiges Urteil habe wie ihr Bruder. Da Miss Bertram ebenfalls die Idee aufgriff und mit großer Wärme erklärte, ihrer Meinung nach sei es unvergleichlich besser, sich vorerst mit Freunden und uneigennützigen Beratern zu besprechen, als die Arbeit gleich einem berufsmäßigen Architekten hinzuwerfen, war Mr. Rushworth durchaus bereit, Mr. Crawford um seine Unterstützung zu bitten; und nachdem Mr. Crawford seine eigenen Fähigkeiten mit gebührender Bescheidenheit herabgesetzt hatte, stellte er sich natürlich Mr. Rushworth vollkommen zur Verfügung. Mr. Rushworth begann umständlich vorzuschlagen, Mr. Crawford möge ihm die Ehre erweisen, nach Sotherton zu kommen und dort Quartier zu nehmen – bis Mrs. Norris, als hätte sie das Mißfallen ihrer Nichten an einem Plan erraten, der ihnen Mr. Crawford entreißen würde, ihn mit einem Gegenvorschlag unterbrach: «Mr. Crawford ist zweifellos gern dazu bereit, aber warum sollten wir uns nicht anschließen? Warum sollten wir nicht einen kleinen Ausflug arrangieren? Hier sitzen viele, die sich für ihre Pläne interessieren, lieber Mr. Rushworth, und gern Mr. Crawfords Meinung an Ort und Stelle vernehmen möchten; vielleicht dürfte sogar unsere bescheidene Meinung Ihnen gleichfalls von Nutzen sein. Ich für mein Teil sehne mich schon längst danach, Ihrer lieben Frau Mutter wieder einmal meine Aufwartung zu machen. Nur der Umstand, daß ich keine eigenen Pferde besitze, hat mich diese angenehme Pflicht so lange versäumen lassen. Aber jetzt könnte ich mitkommen und der lieben Mrs. Rushworth ein paar Stunden lang Gesellschaft leisten, während ihr jungen Leute herumstreift und alles besprecht, und dann könnten wir allesamt zu einem späten Mittagessen hierher zurückkommen oder auch in Sotherton speisen, wie es Ihrer Mutter am angenehmsten wäre, und dann eine schöne Mondscheinfahrt nach Hause machen. Mr. Crawford wird sicher so liebenswürdig sein, meine beiden Nichten und mich in seinem Wagen mitzunehmen, Edmund kann reiten, nicht wahr, Schwester, und Fanny bleibt bei dir zu Hause.»

Lady Bertram machte keine Einwendungen, und alle Beteiligten drückten ihre volle Bereitwilligkeit aus, bis auf Edmund, der alles mit anhörte und nichts dazu sagte.

7. Kapitel

«Nun, Fanny, wie gefällt dir Miss Crawford jetzt?» fragte Edmund am nächsten Tag, nachdem er selbst längere Zeit darüber nachgedacht hatte. «Wie hat sie dir gestern gefallen?»

«Sehr, sehr gut. Ich höre sie gern plaudern, sie ist so unterhaltsam. Und dabei ist sie so wunderhübsch, daß ich sie immerzu anschauen möchte.»

«Es ist ihr Mienenspiel, das ihr soviel Reiz verleiht. Sie hat ein unglaublich ausdrucksvolles Gesicht. Aber war in ihrem Reden nichts, was dir nicht ganz passend vorkam?»

«O doch! Sie hätte nicht in diesem Ton von ihrem Onkel sprechen dürfen. Ich war ganz erstaunt. Ein Onkel, bei dem sie jahrelang gelebt hat und der, was er auch für Fehler haben mag, zu ihrem Bruder so gut ist und ihn, so heißt es, wie einen

eigenen Sohn behandelt! Ich hätte es nicht geglaubt.» «Ich habe mir gedacht, daß es dich schockieren würde. Es war sehr unrecht von ihr – sehr unschicklich.»

«Und sehr undankbar, finde ich.»

«Undankbar ist ein starkes Wort. Ich weiß nicht, ob ihr Onkel gerade auf ihre Dankbarkeit Anspruch hat … Seine Frau zweifellos – und im Grunde ist es die Verehrung, mit der sie ihrer Tante gedenkt, die sie zu dieser Entgleisung verführt hat. Sie ist in einer schwierigen Lage. Bei ihrem warmen Empfinden und ihrem lebhaften Temperament muß es ihr schwerfallen, ihrer Liebe zu Mrs. Crawford gerecht zu werden, ohne den Admiral anzuklagen. Ich kann nicht beurteilen, wen mehr Schuld an dem Zerwürfnis trifft – obwohl die gegenwärtige Aufführung des Admirals einen dazu verleiten könnte, für seine Frau Partei zu nehmen. Aber es ist ein natürliches und liebenswürdiges Gefühl, das Miss Crawford bewegt, so rückhaltlos für ihre Tante einzutreten. Ich kritisiere nicht ihre Einstellung; aber sie öffentlich zu verkündigen – darin liegt die Unschicklichkeit.»

«Meinst du nicht», fragte Fanny nach einiger Überlegung, «daß diese Unschicklichkeit irgendwie auf Mrs. Crawford selbst zurückfällt? Sie hat ihre Nichte erzogen. Und wenn Miss Crawford es in diesem Punkt an Diskretion mangeln läßt …»

«Das ist eine sehr richtige Bemerkung. Ja, wir müssen annehmen, daß es die Fehler der Tante sind, die wir an der Nichte tadeln. Das läßt einen noch deutlicher empfinden, unter welch ungünstigen Umständen sie aufgewachsen ist. Aber ich glaube, ihre jetzige Umgebung wird Miss Crawford guttun, denn Mrs. Grant hat ganz die richtige Art. Es ist schön, mit welch inniger Liebe sie von ihrem Bruder spricht.»

«Bis auf den Vorwurf, daß er zu kurze Briefe schreibt. Sie hat mich fast zum Lachen gebracht. Aber gar so lieb und gut kann ich einen Bruder nicht finden, der sich nicht einmal die Mühe nimmt, seiner Schwester einen ordentlichen Brief zu schreiben, wenn sie nicht beisammen sind. William würde mich unter keinen Umständen so schlecht behandeln, das weiß ich bestimmt. Und mit welchem Recht nimmt sie an, daß du, Edmund, keine ausführlichen Briefe schreibst?»

«Mit dem Recht eines lebhaften Geistes, Fanny, der alles aufgreift, was zu seiner eigenen Unterhaltung oder zur Belustigung anderer beitragen kann. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn nicht Böswilligkeit oder Taktlosigkeit im Spiel ist, und davon ist bei Miss Crawford keine Spur zu entdecken. Sie hat nichts Scharfes, nichts Lautes, nichts Vulgäres an sich. Sie ist durch und durch von echt weiblichem Feingefühl, bis auf den einen Punkt, von dem wir gesprochen haben. Da ist sie allerdings nicht zu rechtfertigen. Ich freue mich, daß du es ebenso empfunden hast wie ich.»

Da Edmund ihre Anschauungen gebildet und ihre ganze Zuneigung gewonnen hatte, durfte er fast immer auf Fannys volle Zustimmung rechnen. Allerdings begann sich jetzt und hier die Gefahr der ersten Meinungsverschiedenheit abzuzeichnen, denn der Weg, den Edmund mit seiner Verehrung für Miss Crawford betrat, konnte ihn leicht zu einem Punkt führen, wohin Fanny ihm nicht mehr zu folgen vermochte. Miss Crawfords Anziehungskraft wurde nicht geringer. Die Harfe kam an und schien ihre Schönheit, ihren Geist und ihre Gutherzigkeit in ein noch helleres Licht zu setzen. Die Gefälligkeit, der Geschmack, das feine Empfinden, das sie beim Spiel bewies, kleideten sie vorzüglich, und zu jedem Musikstück gab es etwas Geistreiches zu sagen. Edmund verbrachte jetzt jeden Vormittag im Pfarrhaus, um sich an den Klängen seines Lieblingsinstruments zu ergötzen, und wenn er Abschied nahm, war er bereits für den nächsten Tag eingeladen. Seine Dame hatte nichts gegen einen andächtigen Zuhörer einzuwenden, und alles ging, wie es gehen mußte.

Ein hübsches, junges, temperamentvolles Frauenzimmer an der Harfe, deren anmutige Form ihre eigene Anmut voll zur Geltung brachte – dahinter die offene Glastür, die Ausblick auf einen kleinen Rasenplatz in seiner Umkränzung von sommerlich üppigem Gebüsch bot – das war genug, um jeden Mann gefangenzunehmen. Die Jahreszeit, die Szenerie, die milde Sommerluft, alles atmete Zärtlichkeit und Empfindung. Mrs. Grant und ihr Stickrahmen spielten keine überflüssige Rolle dabei. Alles stimmte harmonisch zusammen, und da jedes Ding seine besondere Bedeutung gewinnt, wenn die Liebe ihren Faden zu spinnen beginnt, waren auch die Platte mit den belegten Brötchen und Dr. Grant, der ihnen Ehre antat, aller Beachtung wert. Ohne sich in die Theorie der Sache zu vertiefen oder auch nur zu wissen, wie ihm geschah, war Edmund nach einer Woche dieses musikalischen Verkehrs beträchtlich verliebt. Zur Ehre der Dame sei gesagt, daß auch sie – obwohl er kein Weltmann und kein ältester Sohn war und die Kunst der Schmeichelei ebensowenig beherrschte wie die Finessen der leichten Konversation – ihn täglich sympathischer fand. Sie war sich darüber klar, obwohl sie es nicht vorausgesehen hatte und es kaum begreifen konnte; denn er war nicht, was man gemeinhin liebenswürdig nennt, er redete keinen galanten Unsinn, er machte keine Komplimente, seine Anschauungen waren nicht zu erschüttern, die Aufmerksamkeiten, die er ihr erwies, blieben still und einfach. Vielleicht lag in seiner Aufrichtigkeit, seiner Festigkeit, seiner Unbestechlichkeit ein Charme, den Miss Crawford wohl zu empfinden vermochte, über den sie sich aber keine Rechenschaft ablegen konnte oder wollte. Sie dachte nicht viel darüber nach. Für den Augenblick gefiel er ihr, seine Gesellschaft war ihr angenehm, und das war vorläufig genug.

Fanny wunderte sich nicht, daß es Edmund jeden Morgen ins Pfarrhaus zog. Sie wäre gar zu gern auch dabei gewesen, hätte sie sich nur ungebeten und unbemerkt hinstehlen können, um der Harfe zu lauschen. Es wunderte sie auch nicht, daß Edmund, wenn die beiden Familien sich nach dem gemeinsamen Abendspaziergang trennten, es für richtig hielt, Mrs. Grant und ihre Schwester nach Hause zu geleiten, während Mr. Crawford sich den Damen von Mansfield Park widmete; doch in ihren Augen war es ein schlechter Tausch, und wenn Edmund nicht da war, um ihr Glas Wein und Wasser zu mischen, verzichtete sie lieber darauf. Es überraschte sie nur ein wenig, daß er so viele Stunden mit Miss Crawford verbringen konnte, ohne mehr von dem Makel zu sehen, den er im Anfang bemerkt hatte, und an den sie, Fanny, sooft sie mit Miss Crawford zusammen war, durch etwas von der gleichen Art erinnert wurde. Doch so war es. Edmund unterhielt sich gern mit ihr über Miss Crawford, aber er fand nichts mehr an ihr auszusetzen; es schien ihm zu genügen, daß sie sich kein weiteres Mal über den Admiral ausgelassen hatte, und Fanny scheute sich, ihm ihre eigenen Beobachtungen mitzuteilen, um nicht boshaft zu erscheinen. Der erste wirkliche Kummer, den Miss Crawford Fanny zufügte, hing damit zusammen, daß Miss Crawford, angespornt durch das Beispiel der jungen Damen vom Herrenhaus, Lust zum Reitenlernen bekundete. Edmund begrüßte diesen Wunsch und bot ihr für ihre ersten Reitversuche seine eigene ruhige Stute an, die für eine Anfängerin besser geeignet wäre als alle anderen Pferde in den beiderseitigen Stallungen. Seine Cousine sollte dadurch nicht die geringste Unbill erfahren und keinen einzigen schönen Tag versäumen; das Pferd brauchte nur täglich, eine halbe Stunde bevor Fanny auszureiten pflegte, zu einer kurzen Lektion in den Pfarrhof gebracht zu werden. Fanny selbst war beim ersten Auftauchen dieser Idee weit davon entfernt, sich als Opfer zu fühlen; im Gegenteil, sie vermochte sich vor Dankbarkeit kaum zu fassen, daß Edmund es für notwendig gehalten hatte, sie, Fanny, um ihre Erlaubnis zu bitten!

Miss Crawfords erster Reitversuch trug ihr selber große Ehre und Fanny keinerlei Unannehmlichkeit ein. Edmund, der das Pferd zum Pfarrhof gebracht und die Lektion geleitet hatte, kehrte pünktlich mit dem Tier zurück, bevor noch Fanny und der gesetzte alte Kutscher, der ihr als Begleiter zugeteilt war, zu ihrem Ausritt bereit waren. Am nächsten Tag ging es schon weniger harmlos zu. Miss Crawford fand so großes Vergnügen am Reiten, daß sie gar nicht damit aufhören wollte. Gewandt und furchtlos und bei aller Zierlichkeit kräftig gebaut, schien sie zur Reiterin geboren; zu der reinen, wahren Freude an der körperlichen Übung gesellte sich noch das Vergnügen an Edmunds Begleitung und Unterweisung sowie das stolze Bewußtsein, sich durch ihre raschen Fortschritte vor ihrem ganzen Geschlecht hervorzutun – kurz, sie zeigte keine Lust, abzusteigen. Fanny war bereit und wartete. Mrs. Norris begann schon zu schelten, warum sie nicht längst fort sei, und noch immer zeigte sich kein Edmund, kein Pferdegetrappel war zu hören. Um ihrer Tante aus den Augen zu kommen und nach ihm Ausschau zu halten, ging sie ihm entgegen.

Obwohl die Entfernung kaum eine halbe Meile betrug, war das Pfarrhaus vom Herrenhaus aus nicht zu sehen, doch Fanny brauchte nur fünfzig Schritt weit zu gehen, um durch die große Allee den Ausblick auf den Pfarrhof und das dazugehörige Gelände zu gewinnen, das jenseits der Dorfstraße sanft anstieg. Auf Doktor Grants Wiese erblickte sie auch sogleich die ganze Gesellschaft: Edmund und Miss Crawford, Seite an Seite zu Pferde, während Dr. Grant, seine Frau und Henry Crawford mitsamt zwei oder drei Reitknechten dastanden und zuschauten. Es war offenbar eine sehr fröhliche Gesellschaft, ihr munteres Lachen und Rufen drang bis zu Fanny hinüber. Ihr klangen diese Töne nicht heiter. Sie wunderte sich, daß Edmund sie so ganz vergessen konnte, und fühlte einen schmerzhaften Stich. Sie war nicht imstande, die Augen von der Wiese abzuwenden, sie mußte alles mit ansehen, was dort vorging. Zuerst umritten Miss Crawford und ihr Begleiter das Feld, das gar nicht klein war, im Schritt; dann verfielen sie, offenbar über ihre Aufforderung, in Galopp, und Fanny mit ihrem ängstlichen Gemüt schien es ganz wunderbar, wie gut Miss Crawford schon im Sattel saß. Nach ein paar Minuten hielten sie an; Edmund war ihr ganz nahe, er sprach mit ihr, er zeigte ihr wohl, wie sie die Zügel halten müsse, er ergriff ihre Hand – Fanny sah es, oder ihre Phantasie ergänzte, was das Auge nicht mehr wahrnahm. Sie sagte sich, es sei nichts Merkwürdiges daran – was war natürlicher, als daß Edmund in seiner Gutherzigkeit sich jedermann nützlich zu machen suchte? Doch sie konnte den Gedanken nicht unterdrücken, daß Mr. Crawford ihm die Mühe hätte abnehmen können, daß es recht eigentlich Sache des Bruders wäre, seiner Schwester behilflich zu sein. Aber bei all seiner zur Schau getragenen Gefälligkeit und den Reitkünsten, deren er sich rühmte, verstand Mr. Crawford sich wohl nicht darauf, und im Vergleich zu Edmund besaß er keine wahre Güte. Und Fanny begann es unbillig zu finden, daß man der armen Stute diesen zweifachen Dienst zumutete; wenn man schon auf sie selber keine Rücksicht nahm, sollte man wenigstens an das Pferd denken …

Ihr Mitleid mit der Stute – und mit sich selber – linderte sich etwas, als sie bald darauf sah, daß die Gruppe auf der Wiese sich zerstreute und Miss Crawford, immer noch hoch zu Roß, aber von Edmund zu Fuß begleitet, durch das Gittertor in den Park ritt, just auf die Stelle zu, wo sie stand. Fanny erschrak bei dem Gedanken, unhöflich und ungeduldig zu erscheinen, und ging ihnen rasch entgegen, um jeden solchen Verdacht auszuschließen.

«Meine liebe Miss Price», rief Miss Crawford, sobald sie nur in Hörweite war , « ich bin selbst gekommen , um meine Entschuldigungen vorzubringen, daß ich Sie habe warten lassen. Ich habe gar nichts zu meiner Verteidigung zu sagen – ich wußte, daß es sehr spät ist und daß ich mich ganz abscheulich benehme – und darum müssen Sie mir bitte, bitte verzeihen! Sie wissen ja, der Selbstsucht muß man immer verzeihen, weil keine Hoffnung besteht, sie zu bessern.»

Fanny antwortete mit der größten Höflichkeit, und Edmund bestätigte die Worte seiner Cousine, daß sie keine Eile habe. «Sie hätte noch reichlich Zeit, doppelt so weit zu reiten, als sie gewöhnt ist», sagte er, «und Sie haben ihr sogar eine Wohltat erwiesen, daß sie nicht eine halbe Stunde früher aufgebrochen ist. Jetzt umwölkt es sich, und sie wird nicht mehr unter der Hitze leiden. Ich hoffe nur, daß Sie sich nicht zu sehr ermüdet haben. Ich wollte, Sie hätten sich den Rückweg zu Fuß erspart.»

«Das einzige, was mich beim Reiten ermüdet, ist, daß ich doch einmal vom Pferd herunter muß», sagte Miss Crawford, während sie mit Edmunds Hilfe abstieg. «Ich bin sehr kräftig, und nichts ermüdet mich als das, was ich nicht gern tue. Miss Price, ich überlasse Ihnen sehr ungern meinen Platz, aber ich wünsche Ihnen aufrichtig einen angenehmen Ritt und hoffe, daß ich von diesem lieben, schönen, entzückenden Tier nur Gutes hören werde.»

Der alte Kutscher, der mit seinem eigenen Pferd im Hintergrund gewartet hatte, kam jetzt heran. Fanny wurde in den Sattel gehoben, und sie ritten in die andere Richtung davon. Fannys Unbehagen verminderte sich nicht, als sie einen Blick nach hinten warf und sah, wie die beiden nebeneinander ins Dorf zurückgingen; auch die Bemerkungen ihres Begleiters über Miss Crawfords erstaunliche Gewandtheit, die er mit nicht minder lebhaftem Interesse als Fanny beobachtet hatte, waren nicht dazu angetan, ihr Herz zu erleichtern.

«Ja, es ist ein Vergnügen, eine Dame zu sehen, die so viel Courage zum Reiten hat», sagte er.

«Ich habe noch keine gesehen, die besser zu Pferd sitzt. Sie scheint überhaupt keine Angst zu haben. Das ist etwas anderes als mit Ihnen, Fräulein, wie Sie zuerst begonnen haben – nächste Ostern werden es sechs Jahre. Du lieber Himmel, was haben Sie gezittert, wie Sir Thomas Sie zum erstenmal in den Sattel gesetzt hat!»

Im Salon wurde Miss Crawford gleichfalls gerühmt. Ihr Verdienst bestand darin, daß die Natur sie mit Kraft und Mut ausgestattet hatte, und die Fräulein Bertram wußten es gebührend zu würdigen. Miss Crawford ritt ebensogern wie sie selber und zeigte sich ebenso begabt wie sie selber, und es machte ihnen großes Vergnügen, die eigenen Talente in einer anderen zu preisen.

«Ich war sicher, daß sie ausgezeichnet reiten würde», sagte Julia. «Sie ist wie dazu geschaffen und auch ebensogut gebaut wie ihr Bruder.»

«Ja, und ebenso kühn und energisch», fügte Maria hinzu. «Ich finde immer, es hängt vom Charakter ab, wie man reitet.»

Als sie sich abends trennten, fragte Edmund Fanny, ob sie die Absicht hätte, morgen auszureiten.

«Nein – ich weiß nicht –, nicht wenn du das Pferd brauchst …», war ihre Antwort.

«Für mich persönlich brauche ich es überhaupt nicht, aber falls du nächstens einmal zu Hause zu bleiben gedenkst, würde Miss Crawford sich, glaube ich, sehr freuen, wenn sie das Pferd etwas länger, vielleicht den ganzen Vormittag benützen dürfte. Sie wünscht sich so sehr, bis zur großen Gemeindewiese zu reiten. Mrs. Grant hat ihr erzählt, welch schöne Aussicht man von dort genießt, und ich zweifle auch nicht, daß sie dem Ausflug gewachsen ist. Aber es kann natürlich an jedem beliebigen Morgen sein. Sie möchte um keinen Preis deine Gewohnheiten stören, und das wäre auch sehr unrecht. Sie reitet nur zum Vergnügen, du tust es um deiner Gesundheit willen.»

«Morgen reite ich nicht – bestimmt nicht», sagte Fanny. «Ich war in der letzten Zeit sehr oft aus und möchte lieber zu Hause bleiben. Du weißt ja, ich bin jetzt kräftig genug, um auch zu Fuß zu gehen.»

Edmund sah sehr erfreut aus, und damit mußte Fanny sich trösten. Der Ausflug zur großen Gemeindewiese fand am nächsten Tag statt. Außer ihr beteiligten sich alle jungen Leute daran und genossen ihn doppelt: einmal in Wirklichkeit und dann fast noch mehr, als sie ihn beim abendlichen Zusammensein noch einmal Revue passieren ließen. Eine gelungene Unternehmung dieser Art regt zu weiteren an, und nachdem sie zusammen auf der Gemeindewiese gewesen waren, verspürten sie Lust, am nächsten Tag etwas Ähnliches zu versuchen. Es gab manchen schönen Aussichtspunkt, den man den Fremden zeigen mußte, und wenn das Wetter auch sehr heiß war, fanden sich doch überall, wohin es sie lockte, schattige Wege; eine Schar von fröhlichen, jungen Menschen ist nie um einen schattigen Weg verlegen. So verbrachte man vier herrliche Sommertage damit, die Crawfords zu den schönsten Punkten zu führen und ihnen die Honneurs der Umgebung zu machen. Alles ging aufs beste, alle waren lustig und guter Dinge, die Hitze gerade nur lästig genug, um einen angenehmen Gesprächsstoff zu liefern – bis am vierten Tag die Freude einer der Beteiligten empfindlich getrübt wurde. Diese eine war Maria Bertram. Edmund und Julia waren zum Essen ins Pfarrhaus eingeladen, und sie war ausgeschlossen. Mrs. Grant hatte es in der besten Absicht, mit Rücksicht auf Mr. Rushworth, getan, der an diesem Abend halb und halb in Mansfield Park erwartet wurde; doch Maria empfand es als arge Beleidigung, und es war eine schwere Belastungsprobe für ihre guten Manieren, sich ihren Zorn und ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, ehe sie wieder daheim war. Und da obendrein Mr. Rushworth gar nicht kam und sie ihre schlechte Laune nicht einmal an ihm auslassen konnte, fühlte sie sich noch tiefer gekränkt; es blieb ihr kein anderes Mittel, ihre Wut zu erleichtern, als gegen ihre Mutter, ihre Tante und Fanny recht unfreundlich zu sein und ihnen den Abend möglichst gründlich zu verderben.

Gegen elf Uhr erschienen Edmund und Julia mit strahlenden Gesichtern, von der Nachtluft erfrischt und in bester Stimmung, im Salon, wo sie die drei Damen in der übelsten Laune antrafen; Maria geruhte kaum, die Augen von ihrem Buch aufzuheben,

Lady Bertram schlief schon halb, und sogar Mrs. Norris, die von der Verdrießlichkeit ihrer Nichte angesteckt war, zog sich in ein beleidigtes Stillschweigen zurück, als ihre ersten Fragen nach dem Dinner im Pfarrhaus nicht rasch genug beantwortet wurden. Die Geschwister mußten zuerst einmal ihrer Begeisterung über die herrliche Nacht und den wunderbaren Sternenhimmel Luft machen, sie waren zu erfüllt davon, um an etwas anderes zu denken; doch nach ein paar Minuten sah Edmund sich im Zimmer um und fragte: «Aber wo ist Fanny? Schon schlafen gegangen?»

«Nicht daß ich wüßte», entgegnete Mrs. Norris. «Sie war gerade noch hier.»

Fannys eigene sanfte Stimme erwiderte ihm vom anderen Ende des langen Zimmers – sie sei hier, auf dem Sofa. Mrs. Norris begann sofort zu zanken:

«Fanny, es ist ganz ungehörig, sich den ganzen Abend auf dem Sofa zu räkeln! Warum kannst du dich nicht hersetzen und eine nützliche Beschäftigung zur Hand nehmen wie wir alle? Wenn du keine eigene Arbeit hast, kann ich dich aus dem Armen-Korb versorgen. Der Kattun, den wir vorige Woche gekauft haben, ist überhaupt noch nicht angerührt, obwohl ich mir beim Zuschneiden schier den Rücken gebrochen habe. Du mußt endlich einmal lernen, an andere Menschen zu denken. Ein Unfug ist es, ein unerhörter Unfug, wenn eine junge Person ewig auf dem Sofa herumlungert …»

Bevor sie noch zur Hälfte ihrer Rede gekommen war, war Fanny an ihren Platz am Tisch zurückgekehrt und hatte ihre Arbeit wieder zur Hand genommen. Julia war nach dem angenehm verbrachten Abend so außergewöhnlich gut aufgelegt, daß sie Fanny großmütig in Schutz nahm. «Ich muß sagen, Tante, wenn alle Leute im Haus so selten auf dem Sofa zu finden wären wie Fanny!» rief sie aus.

«Fanny», sagte Edmund, der sie aufmerksam betrachtete, «ich bin sicher, daß du Kopfweh hast.»

Fanny konnte es nicht leugnen, versicherte aber, es sei nicht sehr schlimm.

«Das kann ich dir kaum glauben, dazu kenne ich dein Gesicht zu gut. Seit wann hast du Schmerzen?»

«Ach – seit Nachmittag. Es ist nur die Hitze.» «Bist du bei dieser Hitze ausgegangen?»

«Ausgegangen! Natürlich ist sie ausgegangen!» rief Mrs. Norris. «Möchtest du etwa, daß sie an einem so schönen Tag zu Hause sitzt? Wart ihr nicht alle draußen? Sogar deine Mutter war heute mehr als eine Stunde an der Luft.»

«Ja wirklich, Edmund», bestätigte Lady Bertram, die durch Mrs. Norris’ lautes Schelten wieder ganz wach geworden war. «Ich war über eine Stunde draußen. Dreiviertel Stunden bin ich im Garten geblieben, während Fanny Rosen geschnitten hat, und es war sehr angenehm, aber furchtbar heiß. In der Laube, wo ich gesessen bin, war es ja schattig, aber es hat mir wahrhaftig vor dem Rückweg gegraut.»

«Und Fanny hat Rosen geschnitten?»

«Ja, ich fürchte, es werden dieses Jahr die letzten sein. Dem armen Kind war auch warm genug, aber die Rosen konnten nicht mehr warten, sie waren schon ganz aufgeblüht.»

«Ja, das mußte sein», stimmte Mrs. Norris in merklich milderem Ton zu. «Aber ich frage mich, Schwester, ob sie sich nicht dabei ihre Kopfschmerzen geholt hat. Nichts macht so leicht Kopfschmerzen, als wenn man gebückt in der prallen Sonne steht. Na, morgen wird es wohl wieder gut sein. Vielleicht könntest du ihr deinen parfümierten Essig geben? Mein Fläschchen vergesse ich immer nachzufüllen.»

«Sie hat ihn schon längst», sagte Lady Bertram. «Sie hat ihn, seit sie zum zweitenmal von deinem Haus zurückgekommen ist.»

«Was!» rief Edmund. «Ist sie außerdem noch so weit gegangen? Den schattenlosen Weg zu Ihrem Haus, Tante, und das zweimal? Kein Wunder, wenn ihr der Kopf wehtut!»

Aber Mrs. Norris unterhielt sich angelegentlich mit Julia und hörte nicht.

«Ich dachte auch, daß es für sie zu anstrengend sein würde», sagte Lady Bertram. «Aber deine Tante wollte die Rosen für sich haben, und du weißt ja, sobald sie geschnitten sind, muß man sie ins Haus bringen.»

«Und es waren so viele Rosen, daß Fanny zweimal gehen mußte?»

«Nein, aber sie mußten im Gastzimmer zum Trocknen ausgebreitet werden, und Fanny hatte leider vergessen, hinterher das Zimmer abzusperren und den Schlüssel zurückzubringen, darum mußte sie zweimal laufen.»

Edmund sprang auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. «Und außer Fanny war niemand da, den man um den Schlüssel schicken konnte? Verzeihen Sie, Tante, aber das haben Sie nicht gut eingerichtet!»

«Ich weiß nicht, wie man es hätte besser machen können!» rief Mrs. Norris, die nicht länger taub bleiben konnte, «außer wenn ich selber gegangen wäre! Aber ich kann nicht an zwei Orten zugleich sein, nicht wahr? Gerade zu dieser Zeit habe ich mit Mrs. Green über das Milchmädchen gesprochen, auf Wunsch deiner Mutter wohlgemerkt, und dabei hatte ich John Groom versprochen, wegen seines Jungen an Mrs. Jefferies zu schreiben, und der arme Kerl hatte schon eine halbe Stunde lang auf mich gewartet. Ich glaube, mir kann niemand vorwerfen, daß ich an meine eigene Bequemlichkeit denke, aber ich kann wahrhaftig nicht alles auf einmal machen. Und daß Fanny rasch zu meinem Haus hinüberläuft, kaum eine Viertelstunde weit, finde ich nicht so furchtbar. Du meine Güte, wie oft mache ich den Weg auch dreimal täglich, früh und spät, bei jedem Wetter, und verliere kein Wort darüber!»

«Ich wollte, Fanny wäre halb so widerstandsfähig wie Sie, Tante.»

«Wenn Fanny regelmäßig Bewegung machte, würde sie nicht immer gleich zusammenklappen. Jetzt ist sie, wer weiß wie lange, nicht ausgeritten, und wenn sie schon nicht reitet, sollte sie wenigstens gehen. Wenn sie früh ihren Ritt gemacht hätte, hätte ich nicht verlangt, daß sie bis zu meinem Haus geht, aber ich dachte, es würde ihr guttun, nachdem sie sich so lange über die Rosenbeete gebeugt hatte. Nach einer solchen Ermüdung ist nichts erfrischender als ein rascher Gang, und gar so heiß war es auch nicht, nur die Sonne hat stark gebrannt. Unter uns gesagt, Edmund», mit einem vielsagenden Blick auf seine Mutter, «es war das Rosenschneiden und das Herumstehen im Garten, das ihr geschadet hat.»

«Das meine ich auch», sagte die ehrlichere Lady Bertram. «Ich fürchte sehr, sie hat sich das Kopfweh im Garten geholt. Es war zum Sterben heiß, ich konnte es kaum aushalten. Es war fast zuviel für mich, dort zu sitzen und immer wieder nach Mops zu rufen, um ihn von den Blumenbeeten abzuhalten.»

Edmund sagte kein Wort mehr zu den beiden Damen, sondern ging zum Büffet, brachte Fanny ein Glas Madeira und bewog sie, einen großen Teil davon zu trinken. Sie hätte es gern abgelehnt, aber die Tränen, die ihr in den Augen standen, machten das Schlucken leichter als das Sprechen.

Sosehr sich Edmund über seine Mutter und seine Tante ärgerte, zürnte er doch am meisten sich selber. Daß er Fanny vergessen, war schlimmer als alles, was sie verbrochen hatten. Nichts von alledem wäre geschehen, wenn man auf Fanny gebührend Rücksicht genommen hätte. Aber so war sie tagelang ohne Gesellschaft und ohne Reitgelegenheit geblieben und hatte keine Möglichkeit gehabt, sich den Forderungen ihrer unvernünftigen Tanten zu entziehen. Er war tief beschämt, als er sich klarmachte, daß sie vier Tage lang ihr Pferd entbehrt hatte, und gelobte sich ernsthaft, es sollte nie wieder vorkommen – so schwer es ihm auch fiel, Miss Crawford um ihr Vergnügen zu bringen.

Fanny ging mit nicht minder überquellendem Herzen zu Bett als an ihrem allerersten Abend in Mansfield Park. Sicherlich hatte auch ihr Gemütszustand zu ihrem Unwohlsein beigetragen, denn sie hatte sich tatsächlich vernachlässigt gefühlt und kämpfte schon seit Tagen gegen das Gefühl des Gekränktseins und gegen ihre Eifersucht. Als sie auf dem Sofa lehnte, wohin sie sich geflüchtet hatte, damit niemand ihr Gesicht sähe, hatte ihr das Herz viel schlimmer wehgetan als der Kopf; und Edmunds Güte und Freundlichkeit überwältigten sie dermaßen, daß sie sich kaum aufrecht zu halten vermochte.

8. Kapitel

Fanny nahm schon am nächsten Morgen wieder ihre Reitübungen auf, und da es nach der Hitze der letzten Tage angenehm frisch geworden war, durfte Edmund hoffen, die Einbuße an Vergnügen und Wohlbefinden, die sie erlitten, bald wieder gutgemacht zu sehen. Während Fanny aus war, erschien Mr. Rushworth mit seiner Mutter, die eigens mitgekommen war, um höflich zu sein, nämlich darauf zu dringen, daß man den vor zwei Wochen besprochenen Besuch in Sotherton nun auch wirklich abstatten solle. Da sie inzwischen eine kurze Reise gemacht hatte, war der Plan fallengelassen worden, und Mrs. Norris wie ihre Nichten waren sehr erfreut, daß er jetzt wieder aufgenommen wurde. Man setzte gleich einen der nächsten Tage für den Ausflug fest, unter dem Vorbehalt, daß Mister Crawford an diesem Tag frei sei. Auf dieser Bedingung bestanden die jungen Damen, und obwohl Mrs. Norris bereit war, sich für seine Verfügbarkeit zu verbürgen, wollten sie sich weder die Freiheit herausnehmen, über seine Zeit zu bestimmen, noch das Risiko eingehen, daß er verhindert sein könnte. Nach etlichen Andeutungen Miss Bertrams begriff Mr. Rushworth endlich, daß er nichts Schicklicheres tun könnte, als sofort ins Pfarrhaus hinüberzugehen, um Mr. Crawford einen Besuch zu machen und zu fragen, ob ihm der Mittwoch paßte.

Noch bevor er zurückkam, fanden sich Mrs. Grant und Miss Crawford ein, die auf einem anderen Weg von ihrem Spaziergang heimkehrten und ihm darum nicht begegnet waren. Sie glaubten aber versichern zu können, daß Mr. Rushworth ihren Bruder zu Hause finden würde. Natürlich kam das Gespräch gleich wieder auf den geplanten Besuch in Sotherton. Es war kaum möglich, von etwas anderem zu reden, denn Mrs. Norris war voll hochgestimmter Erwartungen, und Mrs. Rushworth, eine wohlmeinende, überhöfliche Dame, die unentwegt hochtrabende Nichtigkeiten äußerte und sich für nichts interessierte, als was sie und ihren Sohn betraf, hatte noch nicht die Hoffnung aufgegeben, Lady Bertram zur Teilnahme an dem Ausflug zu bewegen. Lady Bertram weigerte sich standhaft, doch da sie es in ihrer gewohnten, lässigen Art tat, glaubte Mrs. Rushworth nicht, daß sie es ernst meinte, bis Mrs. Norris sie durch einen größeren Wortschwall und lautere Töne davon überzeugte.

«Die Anstrengung wäre für meine Schwester zu groß, meine liebe Mrs. Rushworth, viel zu groß. Zehn Meilen hin und zehn zurück, wissen Sie, das ist zuviel für sie. Sie müssen meine Schwester für diesmal entschuldigen und mit unseren beiden lieben Mädchen und meiner Wenigkeit vorliebnehmen. Sotherton ist der einzige Ort der Welt, der meiner Schwester den Wunsch einflößen könnte, eine so weite Fahrt zu wagen, aber es geht wirklich nicht. Sie wird ja nicht allein sein, Fanny Price bleibt zu ihrer Gesellschaft zu Hause. Edmund ist zwar augenblicklich nicht hier, um selbst für sich zu sprechen, aber ich kann Ihnen in seinem Namen versichern, daß er sich uns mit dem größten Vergnügen anschließen wird, zu Pferd, versteht sich.»

Mrs. Rushworth mußte sich damit abfinden, daß Lady Bertram nicht mitkam, und es blieb ihr nichts übrig, als ihr Bedauern auszudrücken:

«Es tut mir wirklich sehr leid, daß wir auf die Gesellschaft von Lady Bertram verzichten müssen, und es hätte mich auch sehr gefreut, die andere junge Dame, Miss Price, bei mir zu sehen. Sie war ja noch nie in Sotherton. Zu schade, daß sie es nicht kennenlernen soll.»

«Sie sind sehr gütig, Sie sind die Güte selbst, liebe gnädige Frau!» rief Mrs. Norris aus. «Aber Fanny wird noch reichlich Gelegenheit haben, Sotherton zu besuchen, sie hat Zeit genug vor sich. Daß sie diesmal mitkommt, ist ganz ausgeschlossen. Lady Bertram kann sie nicht missen.»

«Ach nein! Ich kann Fanny nicht entbehren.» In der Überzeugung, daß jeder Mensch den Wunsch haben müsse, Sotherton zu sehen, wandte sich Mrs. Rushworth jetzt an Mrs. Grant und Miss Crawford, um auch sie in die Einladung einzubeziehen. Mrs. Grant, die sich bei ihrer Ankunft in der Grafschaft nicht der Mühe unterzogen hatte, Mrs. Rushworth einen Antrittsbesuch zu machen, lehnte für ihre Person höflich ab, freute sich aber über jede Zerstreuung, die sich ihrer Schwester bot, und Mary ließ sich nach einigem schicklichen Zögern gern erweichen, die Einladung anzunehmen. Auch Mister Rushworth kehrte siegreich von seiner Mission im Pfarrhaus zurück. Edmund kam gerade rechtzeitig, um zu vernehmen, was man für den Mittwoch geplant hatte, Mrs. Rushworth zu ihrem Wagen zu geleiten und hierauf die beiden anderen Damen ein Stück durch den Park zu begleiten.

Als er ins Frühstückszimmer zurückkehrte, zerbrach sich Mrs. Norris gerade den Kopf darüber, ob Miss Crawfords Teilnahme an der Partie wünschenswert sei oder nicht, nämlich ob nicht die Kalesche ihres Bruders schon ohne sie voll wäre. Die jungen Damen lachten sie aus: in der Kalesche sei reichlich Platz für vier Personen, ohne den Kutschbock mitzurechnen, wo noch eine fünfte neben Mr. Crawford sitzen könnte.

«Aber warum ist es nötig, Crawfords Wagen oder nur seinen Wagen zu benützen?» fragte Edmund. «Warum nehmt ihr nicht Mamas Chaise? Schon unlängst, wie der Plan erörtert wurde, habe ich nicht verstanden, warum ein Familienbesuch nicht in der Familienkutsche gemacht werden soll.»

«Was!» rief Julia. «Uns bei diesem herrlichen Wetter zu dritt in die Chaise einzuschließen, wenn wir die Möglichkeit haben, in einer Kalesche zu fahren! Nein, mein Lieber, daraus wird nichts!»

«Außerdem», sagte Maria, «weiß ich, daß Mr. Crawford fest darauf rechnet, uns mitzunehmen. Wir haben es so besprochen, und er darf verlangen, daß wir Wort halten.»

«Und weißt du, lieber Edmund», fiel Mrs. Norris ein, «zwei Wagen anzuspannen, wenn einer genügt, das wäre doch wirklich eine Verschwendung. Und ganz unter uns gesagt, ist der Kutscher auf die Straße nach Sotherton nicht gut zu sprechen. Er beklagt sich immer bitterlich, daß die engen Heckenwege ihm den Lack zerkratzen. Wir möchten doch alle nicht, daß unser lieber Sir Thomas bei seiner Heimkehr eine zerkratzte Kutsche vorfindet.»

«Das wäre zwar kein sehr anständiger Grund, um statt dessen Mr. Crawfords Wagen zu benützen», sagte Maria, «aber wahrhaftig, Wilcox ist ein dummer, alter Kerl, der nicht richtig zu fahren versteht. Ich garantiere dafür, daß uns am Mittwoch die engen Heckenwege nicht stören werden.»

«Es ist doch nicht unbequem oder irgendwie unangenehm, auf dem Kutschbock zu sitzen?» fragte Edmund.

«Unangenehm!» rief Maria. «Du lieber Himmel, es ist der beste Sitz im ganzen Wagen! Ich nehme an, daß Miss Crawford ihn sich selber vorbehalten wird.»

«Dann habt ihr also Platz für Fanny, und es spricht nichts dagegen, daß ihr sie mitnehmt.»

«Fanny!» wiederholte Mrs. Norris ganz entsetzt. «Mein lieber Edmund, daran ist nicht zu denken. Sie muß bei deiner Mutter bleiben, das habe ich auch Mrs. Rushworth erklärt. Sie ist gar nicht eingeladen.»

«Sie haben doch sicher nichts dagegen, Mama», sagte Edmund, sich an seine Mutter wendend, «Fanny mitfahren zu lassen, sofern Ihre Bequemlichkeit nicht darunter leidet? Wenn Sie sie entbehren könnten, würden Sie ihr das Vergnügen nicht versagen, nicht wahr?»

«Nein, gewiß nicht – aber ich kann sie eben nicht entbehren.» «Doch, Mama – wenn ich bei Ihnen zu Hause bleibe. Und das ist meine Absicht.»

Ein allgemeiner Aufschrei unterbrach ihn.

«Ja», fuhr Edmund fort, «ich bin bei diesem Ausflug überflüssig und bleibe gern zu Hause. Fanny wünscht sich sehr, Sotherton zu sehen, ich weiß, daß ihr viel daran liegt. Sie genießt nicht oft eine solche Zerstreuung. Und Ihnen, Mama, macht es doch sicher auch Freude, ihr ein so großes Vergnügen zu ermöglichen, nicht wahr?»

«O ja, sehr – falls deine Tante nichts dagegen hat.» Mrs. Norris brachte sofort den einen unwiderleglichen Einwand vor, daß sie Mrs. Rushworth ausdrücklich erklärt hätte, Fanny würde nicht mitkommen – und was für einen Eindruck werde es machen, wenn man sie dann doch mitbrächte! Diese Schwierigkeit schien ihr unüberwindlich. Es müßte einen höchst sonderbaren Eindruck hinterlassen! Eine solche Formlosigkeit grenze geradezu an Mißachtung für Mrs. Rushworth, die selbst so vorbildliche Manieren habe, und sie, Mrs. Norris, bringe so etwas einfach nicht über sich … Mrs. Norris liebte Fanny nicht und war zu keiner Zeit geneigt, ihr eine Freude zu bereiten, aber ihre augenblickliche Opposition gegen Edmund entsprang vor allem ihrer Voreingenommenheit für ihren eigenen Plan, eben weil es ihr Plan war. Sie war ganz überzeugt, alles aufs allerbeste arrangiert zu haben, so daß jede Änderung zum Schlechteren sein müsse. Als Edmund ihr in der ersten Atempause, die sie sich gönnte, erklärte, sie brauche sich Mrs. Rushworths wegen keine Sorgen zu machen, denn er habe auf dem Weg zur Kutsche die Gelegenheit benützt, um von Fannys allfälliger Teilnahme an der Partie zu sprechen, und unverzüglich eine überaus herzliche Einladung für seine Cousine erhalten, konnte Mrs. Norris ihren Ärger kaum verbeißen. «Schön, schön», sagte sie höchst ungnädig. «Tut, was ihr wollt, macht nur alles nach eurem Kopf! Mir liegt wahrhaftig nichts daran.»

«Es sieht aber sehr komisch aus, wenn du an Fannys Stelle zu Hause bleibst», sagte Maria.

«Jedenfalls hat sie allen Grund, dir dankbar zu sein», fügte Julia hinzu und ging rasch aus dem Zimmer – denn sie hatte das deutliche Gefühl, daß eigentlich sie sich erbötig machen sollte, bei ihrer Mutter zu bleiben.

«Fanny wird bestimmt so dankbar sein, wie es dem Anlaß entspricht», antwortete Edmund kurz, und damit war das Gespräch beendet.

Doch als Fanny den Plan vernahm, überwog ihre Dankbarkeit bei weitem ihre Freude. Sie empfand Edmunds Freundlichkeit viel tiefer, als er, der von ihrer zärtlichen Zuneigung nichts ahnte, es vermuten konnte; daß er ihretwegen auf ein Vergnügen verzichten sollte, tat ihr weh, und sie fühlte, daß es ihr gar keine Freude machen würde, Sotherton ohne ihn zu sehen.

Die nächste Zusammenkunft der beiden Familien von Mansfield brachte eine weitere Abänderung des Planes, und zwar eine, die allgemeine Billigung fand. Mrs. Grant selber machte sich erbötig, Lady Bertram anstelle ihres Sohnes den ganzen Tag Gesellschaft zu leisten, und abends sollte Dr. Grant zum Speisen kommen. Lady Bertram war es wohl zufrieden, und die Stimmung der jungen Damen hob sich wieder. Sogar Edmund freute sich über eine Lösung, die ihm gestattete, an der Partie teilzunehmen; und Mrs. Norris fand die Idee vorzüglich und hatte sie schon auf der Zunge gehabt und gerade damit herausrücken wollen, als Mrs. Grant ihr das Wort vom Munde nahm!

Der Mittwoch brach mit schönem Wetter an, und bald nach dem Frühstück fuhr die Kalesche mit Mr. Crawford und seinen Schwestern vor. Da alle schon bereit waren, brauchte Mrs. Grant nur auszusteigen, und die anderen konnten ihre Plätze einnehmen. Der Platz aller Plätze, der begehrteste Sitz, der Ehrenplatz war noch frei. Wer würde die Glückliche sein, der er zufiel? Während jede der Fräulein Bertram heimlich überlegte, wie sie am besten und unter dem glaubwürdigsten Vorwand, einzig an die Bequemlichkeit der anderen zu denken, sich den Platz sichern könnte, traf Mrs. Grant kurzerhand die Entscheidung: «Da Sie fünf sind, wird es bequemer sein, wenn eine sich zu Henry auf den Bock setzt. Sie haben doch unlängst gesagt, Sie möchten gern kutschieren lernen, Julia? Da haben Sie gleich die beste Gelegenheit, eine Lektion zu nehmen.»

Glückliche Julia! Unselige Maria! Die erstere schwang sich im Nu auf den Kutschbock, die letztere nahm tiefgekränkt und mit düsterer Miene ihren Platz im Wagen ein, und die Kalesche fuhr unter den guten Wünschen der beiden zurückbleibenden Damen und dem Gekläff Mopsens in den Armen seiner Herrin davon.

Der Weg ging durch eine liebliche Landschaft, und Fanny, deren Ritte sie niemals sehr weit führten, befand sich bald in unbekanntem Gebiet. Es machte ihr große Freude, alles Neue zu beobachten und alles Hübsche zu bewundern. Sie wurde von den anderen nicht oft in die Unterhaltung gezogen und wünschte sich das gar nicht. Ihre eigenen Gedanken und Betrachtungen waren ihr stets die liebste Gesellschaft. Sie unterhielt sich so gut damit, den Lauf der verschiedenen Straßen, die Verschiedenheit des Bodens, den Stand der Ernte, die Bauernhäuser, Viehherden und spielenden Kinder wahrzunehmen, daß zu ihrem vollkommenen Glück nichts fehlte als die Gegenwart Edmunds, mit dem sie über all das hätte sprechen können.

Der Wunsch nach Edmunds Gesellschaft bildete die einzige Ähnlichkeit zwischen Fanny und ihrer Sitznachbarin; in allen anderen Punkten glich Miss Crawford ihr nicht im geringsten. Sie besaß nichts von Fannys Feingefühl und zartem Empfinden. Die Natur, die unbelebte Natur sagte ihr wenig; ihre ganze Aufmerksamkeit war auf die Menschen, ihre Begabung auf das Glänzende, Lebendige gerichtet. Doch wenn eine gerade Wegstrecke ihnen gestattete, Edmund hinter sich zu erblicken, oder wenn er bei einer Steigung der Straße die Kalesche überholte, fanden sie sich in dem gleichen Gefühl, und mehr als einmal riefen sie wie aus einem Munde: «Da ist er!»

Die ersten sieben Meilen brachten Miss Bertram wenig Trost. Ihre ganze Aussicht bestand aus Mr. Crawford und ihrer Schwester, die nebeneinander auf dem Kutschbock saßen und sich glänzend unterhielten; und sein ausdrucksvolles Profil zu sehen, das sich lächelnd Julia zuwandte, oder Julias lustiges Lachen zu hören, versetzte sie in einen derartig gereizten Zustand, daß selbst ihr ausgeprägtes Schicklichkeitsgefühl ihn kaum zu verbergen vermochte. Wenn Julia sich einmal nach ihnen umsah, strahlte ihr Gesicht vor Vergnügen, und wenn sie zu den Wageninsassen sprach, geschah es in jubelnden Tönen: sie habe hier oben einen so wunderbaren Blick auf die Landschaft, sie wünschte nur, alle könnten ihn genießen! – und so weiter. Doch ihr einziger Vorschlag, mit ihr Platz zu tauschen, als sie nach einer längeren Steigung oben auf einem Hügel ankamen, war an Miss Crawford gerichtet und klang nicht sehr ernst gemeint: «Hier eröffnet sich ein herrlicher Blick! Ich wollte, Sie könnten ihn von meinem Platz aus sehen, aber Sie werden wohl nicht tauschen wollen, wenn ich noch so sehr in Sie dringe …» Miss Crawford hatte kaum Zeit, zu antworten, bevor sie wieder im raschen Trab abwärts fuhren.

Sobald sie in den Strahlenkreis von Sotherton eindrangen, wurde es besser für Miss Bertram, die sozusagen zwei Saiten auf ihrem Bogen hatte: sie besaß Rushworth-Gefühle und Crawford-Gefühle, und in der Nähe von Sotherton gewannen die ersteren beträchtlich an Gewicht. Mr. Rushworths Ansehen erhöhte ihr eigenes Ansehen. Wenn sie Miss Crawford erklärte, daß jene Wälder dort schon zu Sotherton gehörten, wenn sie mit scheinbarer Gleichmütigkeit bemerkte, hier sei das Land zu beiden Seiten der Straße Mr. Rushworths Besitz, konnte sie nicht verhindern, daß ihr Herz vor Stolz schwoll. Und das Gefühl ihrer Überlegenheit verstärkte sich, je mehr sie sich dem schloßartigen Herrenhaus, dem Sitz einer alten Adelsfamilie mit allen feudalen Traditionen, näherten.

«Jetzt hört das Holpern auf, Miss Crawford, wir haben das Schlimmste überstanden. Von hier an ist die Straße gut, Mr. Rushworth hat sie ausgebaut, seit er den Besitz übernahm. Hier beginnt das Dorf. Die Hütten dort sind wahrhaftig eine Schande. Der Kirchturm gilt als sehr schön. Ich bin froh, daß die Kirche nicht so nahe beim Herrenhaus liegt, wie es auf diesen alten Landsitzen häufig vorkommt, das Glockengeläute muß einem schrecklich lästig werden. Dies hier ist das Pfarrhaus, ein wohlgepflegtes Haus, nicht wahr? Der Pfarrer und seine Frau sollen sehr nette Leute sein. Die Hüttchen dort bilden das Altersheim, von irgendeinem Vorfahren erbaut. Rechts ist das Haus des Verwalters, er ist ein sehr achtbarer, tüchtiger Mann. Jetzt kommen wir zur Einfahrt, aber wir haben noch fast eine Meile durch den Park zu fahren. Wie Sie sehen, ist er auf dieser Seite nicht häßlich. Die Bäume sind zum Teil prachtvoll, aber das Haus liegt schrecklich ungünstig. Von hier an geht es eine halbe Meile lang ständig abwärts. Es ist sehr schade, denn an sich wäre es kein unschönes Haus, wenn es nur imposanter gelegen wäre.»

Miss Crawford war nicht faul, alles zu bewundern; sie erriet Miss Bertrams Gefühle ziemlich genau und machte es sich zur Ehrenpflicht, sie in ihrem freudigen Stolz zu bestärken. Mrs. Norris hörte nicht auf, ihr Entzücken zu äußern, und selbst Fanny hatte ein Wort der Bewunderung zu sagen und wurde freundlich angehört. Ihre Augen nahmen begierig alles im Umkreis auf; und nachdem sie beim ersten, mit einiger Mühe gewonnenen Anblick des Hauses erklärt hatte, es sei ein Gebäude, das sie nicht ohne Ehrfurcht betrachten könne, fügte sie hinzu: «Aber wo ist die Allee? Das Haus liegt nach Osten, wie ich sehe. Die Allee muß also auf der anderen Seite sein. Mr. Rushworth hat von der Westfront gesprochen.»

«Ja, sie beginnt direkt hinter dem Haus und führt eine gute halbe Meile weit immer ansteigend zum höchsten Punkt des Parks. Von hier aus sieht man ein kleines Stück davon – das entferntere Ende. Es sind lauter uralte Eichbäume.»

Miss Bertram war jetzt in der Lage, mit großer Sachkenntnis über Dinge zu sprechen, von denen sie keine Ahnung gehabt hatte, als Mr. Rushworth sie um ihre Meinung fragte, und da nun der Wagen an der breiten Freitreppe des Hauses hielt, pochte ihr Herz in so glücklicher Erregung, wie Eitelkeit und Stolz sie nur hervorbringen können.

9. Kapitel

Mr. Rushworth stand schon in der Tür, um die Dame seines Herzens zu empfangen, und begrüßte die ganze Gesellschaft mit der größten Zuvorkommenheit; drinnen im Salon wurden sie von seiner Mutter nicht minder herzlich willkommen geheißen, und Miss Bertram konnte mit der Auszeichnung, die ihr zuteil wurde, zufrieden sein. Als die Begrüßung abgetan war, mußte man erst einmal etwas essen. Türen wurden aufgerissen und die Gesellschaft durch ein oder zwei dazwischenliegende Räume ins Eßzimmer genötigt, wo ein reichlicher, elegant angerichteter Imbiß vorbereitet war. Es wurde viel geredet und viel gegessen, und alle waren guter Dinge. Dann kam man zum eigentlichen Zweck des Tages: Mr. Crawford sollte sich äußern, wie er sich die Besichtigung des Grundstücks vorstellte, auf welche Weise er vorzugehen wünschte. Mr. Rushworth erwähnte sein Kabriolett. Mr. Crawford plädierte für einen Wagen, der Raum für mehr als zwei Personen böte; sich der Augen und des Urteils anderer zu berauben, könnte – ganz abgesehen vom Verzicht auf eine so angenehme Gesellschaft – der Sache zu dauerndem Nachteil gereichen.

Mrs. Rushworths Vorschlag, außer dem Kabriolett auch die Chaise zu nehmen, fand wenig Anklang; die jungen Damen würdigten ihn keines Lächelns und keines Wortes. Ihr nächstes Anerbieten, den Gästen, die ihr heute zum erstenmal die Ehre gaben, das Haus zu zeigen, wurde wohlwollender aufgenommen; denn Miss Bertram schmeichelte es, die Größe ihres künftigen Besitzes vorzuführen, und die anderen waren froh, wenn nur überhaupt etwas unternommen wurde.

So erhoben sich denn alle und durchwanderten unter Mrs. Rushworths Führung eine lange Reihe von hohen und zum Teil sehr großen Räumen, die vor etwa fünfzig Jahren nach der damaligen Mode reich und prächtig eingerichtet waren:

glänzende Parkettböden, schwere Mahagonimöbel, Brokat, Marmor, Stuck und vergoldetes Schnitzwerk, wohin das Auge blickte. Bilder waren im Überfluß vorhanden, darunter einige gute, doch die meisten nur Familienporträts, die für niemand außer Mrs. Rushworth von Bedeutung waren. Sie hatte viel Fleiß darauf verwandt, alles, was die Haushälterin zu überliefern wußte, auswendig zu lernen, und war jetzt fast ebensogut befähigt, das Haus zu zeigen. Beim gegenwärtigen Anlaß wandte sie sich mit ihren Erklärungen hauptsächlich an Miss Crawford und Fanny, doch die Bereitwilligkeit, mit der die beiden ihren Worten folgten, ließ sich gar nicht vergleichen; Miss Crawford, die Dutzende von großen Häusern besichtigt hatte und sich aus keinem etwas machte, gab sich nur den Anschein, höflich zuzuhören, während Fanny, der dies ebenso interessant wie neu war, mit ungeheuchelter Aufmerksamkeit auf alles lauschte, was Mrs. Rushworth von den Schicksalen der Familie, von ihrem Aufstieg und ihrer Größe, von königlichen Besuchen und loyalen Taten zu berichten wußte. Sie verband das Gehörte eifrig mit den ihr bekannten geschichtlichen Ereignissen, und ihre Phantasie entzündete sich an den Bildern aus der Vergangenheit.

Infolge der Lage des Hauses bot keines der Zimmer eine besondere Aussicht, und während Fanny und einige andere Mrs. Rushworth zuhörten, machte Mr. Crawford ein ernstes Gesicht und sah kopfschüttelnd nach den Fenstern hin. Alle Räume der Westfront blickten über eine Rasenfläche auf einen Zaun aus hohen Eisenstäben, hinter dem die berühmte Allee begann.

Nachdem sie unendlich viele Räume besichtigt hatten, die keinen anderen Nutzen haben konnten, als etwas zur Fenstersteuer beizutragen und den Hausmädchen Beschäftigung zu verschaffen, sagte Mrs. Rushworth: «Und jetzt kommen wir zur Kapelle. Von Rechts wegen sollten wir sie vom oberen Stockwerk aus betreten; da wir aber heute ganz unter Freunden sind, werde ich Sie, wenn Sie gestatten, gleich hier hineinführen.»

Sie traten ein. Fannys Einbildungskraft hatte sie etwas Großartigeres erwarten lassen als einen länglichen, zu Andachtszwecken eingerichteten Raum, der nichts Auffallenderes oder Feierlicheres enthielt als einen Überfluß an Mahagoni und ein paar karminrote Samtkissen auf der Brüstung der oberen Galerie, wo die Familie ihren Platz hatte. «Ach, ich bin enttäuscht!» flüsterte sie Edmund zu. «Eine Kapelle habe ich mir anders vorgestellt. Hier gibt es nichts Großartiges – nichts, was melancholisch oder ehrfürchtig stimmt – keine Säulengänge und Bogengewölbe, keine Inschriften und Banner. Keine Banner, Edmund, ‹von nächtlichen Stürmen des Himmels gebläht›, kein Zeichen, daß ‹ein schottischer Herrscher hier unten ruht›.»

«Du vergißt, Fanny, daß dies hier, verglichen mit den alten Kapellen in Königsschlössern oder Klöstern, vor verhältnismäßig kurzer Zeit und zu einem sehr beschränkten Zweck gebaut wurde. Es ist nur für den Privatgebrauch der Familie bestimmt. Begraben wurden sie vermutlich in der Pfarrkirche. Dort mußt du deine Banner und Inschriften suchen.»

«Es war dumm von mir, nicht daran zu denken, aber ich bin enttäuscht.»

Mrs. Rushworth begann ihren Vortrag: «Die Kapelle, wie Sie sie jetzt sehen, wurde zur Zeit König Jakobs II. eingerichtet. Vor dieser Periode sollen die Kirchenstühle nur getäfelt gewesen sein, und es besteht Grund zur Annahme, daß die Draperien und Kissen der Kanzel und des Familienstuhles nur aus rotem Tuch waren, doch ist dies nicht sicher nachzuweisen. Es ist eine schöne Kapelle. Sie wurde früher täglich morgens und abends benützt. Der Gottesdienst wurde von einem eigenen Hausgeistlichen abgehalten, woran sich noch heute viele erinnern. Erst der selige Mr. Rushworth hat mit dieser Gepflogenheit gebrochen.»

«Jede Generation hat ihre Fortschritte», sagte Miss Crawford lächelnd zu Edmund.

Mrs. Rushworth war zu Mr. Crawford hinübergegangen, um ihm ihre Lektion zu wiederholen. Edmund, Fanny und Miss Crawford blieben beisammen stehen.

«Wie schade, mit der schönen, alten Sitte zu brechen!» rief Fanny. «Eine eigene Kapelle, ein Hauskaplan – das paßt so gut zum Stil eines großen Hauses, das entspricht dem Bild, das man sich gern von einem solchen Haushalt macht. Wie schön, wenn die ganze Familie sich regelmäßig zum Gebet versammelt!»

«Wunderschön!» sagte Miss Crawford lachend. «Es muß den Häuptern der Familie ungeheuer guttun, all die armen Hausmädchen und Diener zu zwingen, zweimal täglich ihre Arbeit oder ihre Muße zu unterbrechen und hier Gebete aufzusagen, während sie selber alle möglichen Vorwände erfinden, um der Andacht fernzubleiben.»

«Das entspräche wohl kaum Fannys Vorstellung von einer Familienandacht», bemerkte Edmund. «Wenn Herr und Herrin ihr nicht beiwohnen, muß die Sitte mehr Schaden als Nutzen bringen.»

«Auf alle Fälle ist es empfehlenswert, die Menschen in diesem Punkt ihrem eigenen Gewissen zu überlassen», sagte Miss Crawford. «Jeder verrichtet seine Andacht gern auf seine eigene Fasson, wann und wie es ihm am besten liegt. Der starre Zwang, zur bestimmten Stunde hier zu erscheinen, die Förmlichkeit, die Länge des Gottesdienstes – nein, das ist schrecklich und kann niemandem gefallen. Wenn die guten Leutchen, die einst hier gekniet und gegähnt haben, geahnt hätten, daß eine Zeit kommen würde, da man, beim Erwachen von Kopfschmerzen geplagt, zehn Minuten länger im Bett bleiben darf, ohne die ewige Verdammnis zu riskieren – sie wären vor Freude und Neid in die Luft gesprungen! Können Sie sich nicht lebhaft vorstellen, mit welchen Gefühlen die einstigen Schönen des Hauses Rushworth so manches liebe Mal diese Kapelle betreten haben? Ach, die armen Fräulein Eleonore und Brigitte hatten hinter ihren frommen Mienen wohl meist ganz andere Dinge im Kopf – besonders wenn an dem armen Hauskaplan nicht viel Sehenswertes war – und zu jenen Zeiten, denke ich, waren die Pfarrer noch viel minderwertiger als heutzutage.»

Ein paar Augenblicke lang erhielt sie keine Antwort. Fanny war ganz rot geworden und sah Edmund an, war aber zu böse, um etwas zu sagen, und er mußte sich erst ein wenig sammeln, ehe er erwidern konnte: «Ihr lebhafter Geist kann nicht einmal ernste Dinge ernsthaft betrachten. Sie haben uns da ein amüsantes Bild skizziert, und angesichts der menschlichen Natur kann man nicht einmal sagen, daß es falsch wäre. Wir alle kennen Augenblicke, in denen es uns schwerfällt, uns zu konzentrieren. Wenn Sie aber annehmen, daß dies der Normalfall ist, eine Schwachheit also, die durch mangelnde Selbstzucht zur Gewohnheit wird – was erwarten Sie dann von der privaten Andachtsübung solcher Menschen? Glauben Sie, daß die Gedanken, die man in der Kirche ungehindert umherschweifen läßt, im stillen Kämmerlein gesammelter wären?»

«Sehr wahrscheinlich ja. Zwei Umstände mindestens sprechen dafür: es gibt dort weniger Dinge, die die Aufmerksamkeit ablenken, und sie wird nicht so lange auf die Probe gestellt.»

«Ein Mensch, der in dem einen Fall nicht gegen seine Zerstreutheit ankämpft, würde sich im anderen Fall eben von anderen Dingen ablenken lassen; und die Stimmung des Ortes wie auch das Beispiel der anderen dürften oft einen günstigen Einfluß ausüben, so daß man die Kapelle andächtiger verläßt, als man sie betreten hat. Dagegen gebe ich zu, daß die ungebührliche Länge des Gottesdienstes manchmal auch den Frömmsten auf eine harte Probe stellt. Man möchte wünschen, daß es anders wäre – aber ich bin noch nicht so lange von Oxford fort, um gewisse Gebetsstunden vergessen zu haben.»

Während dieses Gespräches hatten sich die anderen in der Kapelle zerstreut, und Julia machte Mr. Crawford auf ihre Schwester aufmerksam: «Sehen Sie nur Mr. Rushworth und Maria an, wie sie nebeneinander vor dem Altar stehen, als sollten sie im nächsten Augenblick getraut werden! Sieht es nicht genau so aus?»

Mr. Crawford drückte seine Zustimmung durch ein Lächeln aus. Dann trat er an Maria heran und sagte so leise, daß nur sie es vernehmen konnte: «Ich sehe Miss Bertram nicht gern dem Altar so nahe.»

Die junge Dame wich in der ersten Überraschung unwillkürlich einen Schritt zurück, faßte sich aber gleich wieder und fragte lachend, aber in nicht viel lauterem Ton als er, ob er vielleicht den Brautführer spielen wolle?

«Ich fürchte, das würde ich sehr schlecht machen», erwiderte er mit einem vielsagenden Blick.

Julia, die sich in diesem Augenblick zu ihnen gesellte, spann ihren Scherz weiter aus.

«Nein wirklich, es ist doch jammerschade, daß es nicht gleich losgehen kann! Hier sind wir alle so gemütlich beisammen, ich könnte mir gar nichts Netteres und Intimeres vorstellen!» So schwatzte und lachte sie ungeniert weiter, bis auch Mr. Rushworth und seine Mutter ihre Anspielungen erfaßten; sie beschwor damit einen Schwall von geflüsterten Galanterien auf ihre Schwester herab, während Mrs. Rushworth mit geziertem Lächeln und geziemender Würde erklärte, wann immer das große Ereignis stattfände, würde es für sie ein beglückender Tag sein.

«Wenn Edmund doch schon ordiniert wäre!» rief Julia und lief zu ihrem Bruder hinüber, der neben Miss Crawford und Fanny stand. «Edmund, wenn du jetzt Pfarrer wärest, könntest du auf der Stelle die Trauung vollziehen! So ein Pech, daß du noch nicht in Amt und Würden bist! Sieh nur, Mr. Rushworth und Maria warten nur auf dich!»

Was bei Julias Worten in Miss Crawfords Miene vorging, hätte jeden unbeteiligten Zuschauer höchlich belustigt. Sie sah vollkommen entgeistert drein, und Fanny fühlte Mitleid mit ihr. Wie peinlich muß ihr jetzt sein, was sie vorhin gesagt! dachte sie.

«Ordiniert!» wiederholte Miss Crawford.

«Was – sollen Sie am Ende Pfarrer werden?»

«Ja, sobald mein Vater zurückkehrt, werde ich in mein Amt eingesetzt – wahrscheinlich zu Weihnachten.»

Miss Crawford nahm sich zusammen, und die Farbe kehrte wieder in ihre Wangen zurück. Sie antwortete nur: «Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich respektvoller von dem schwarzen Rock gesprochen», und begann dann von anderen Dingen zu reden.

Bald darauf überließ man die Kapelle wieder der Stille und Verlassenheit, die mit wenigen Unterbrechungen das ganze Jahr lang dort herrschten. Miss Bertram, die sich über ihre Schwester ärgerte, wandte sich als erste zum Gehen, und alle hatten plötzlich das Gefühl, sie hätten lange genug hier verweilt.

Man hatte jetzt das ganze Erdgeschoß des Hauses besichtigt, und die unermüdliche Mrs. Rushworth hätte ihre Schritte zur Haupttreppe gelenkt, um auch noch sämtliche oberen Räume vorzuführen, wenn ihr Sohn nicht Bedenken geäußert hätte, daß die Zeit nicht reichen würde.

«Denn», sagte er mit der zwingenden Logik, die auch mancher hellere Kopf nicht immer zu vermeiden weiß,«wenn wir uns zu lange im Haus versäumen, bleibt uns nicht mehr Zeit genug für den Park. Es ist zwei Uhr vorbei, und um fünf sollen wir essen.»

Mrs. Rushworth fügte sich, und die Frage, wie und von wem der Park besichtigt werden sollte, trat nun wieder in den Vordergrund. Mrs. Norris begann bereits auszurechnen, mit welcher Kombination von Wagen und Pferden am meisten vollbracht werden könnte, doch da gewahrten die jungen Leute eine verlockend geöffnete Tür, durch die man über ein paar Stufen unmittelbar ins Grüne, in Wald und Wiese und alle Herrlichkeiten des sommerlichen Parks gelangte, und wie von der gleichen Sehnsucht nach Luft und Freiheit gepackt, strömten sie alle zugleich ins Freie.

«Vielleicht gehen wir zuerst hierher», sagte Mrs. Rushworth, die, sich höflich dem unausgesprochenen Wunsch ihrer Gäste fügend, folgte.

«Hier sind unsere interessanten Pflanzen und auch die merkwürdigen Fasane.»

«Ich stelle die Frage», rief Mr. Crawford, während er seinen Blick ringsum schweifen ließ, «ob wir nicht, bevor wir weitergehen, hier einiges zu tun finden. Ich sehe da allerhand vielversprechende Wege. Mr. Rushworth, sollen wir auf diesem Rasenplatz eine Beratung einberufen?»

«James», sagte Mrs. Rushworth zu ihrem Sohn, «ich denke, die Wildnis wird alle Herrschaften interessieren. Die Fräulein Bertram haben die Wildnis noch nicht gesehen.»

Niemand widersprach, aber fürs erste schien auch niemand gesonnen, sich einem bestimmten Plan unterzuordnen oder auch nur ein Stück weiterzugehen. Alle zerstreuten sich in glücklicher Unabhängigkeit über den Platz und betrachteten die Pflanzen und die Fasane. Mr. Crawford war der erste, der sich weiter entfernte, um die Möglichkeiten zu prüfen, die sich auf dieser Seite des Hauses boten. Der zu beiden Seiten von hohen Mauern begrenzte, mit Sträuchern und Blumen bepflanzte Rasenplatz ging zunächst in eine Spielwiese und daran anschließend in eine lange Promenade über, die terrassenartig über die tieferliegende «Wildnis» hinausgebaut war und durch einen Zaun aus spitzen Eisenstäben den Blick in ihre Baumkronen freigab. Der Ort war wie dazu geschaffen, um Kritik herauszufordern. Miss Bertram und Mr. Rushworth gesellten sich bald zu Mr. Crawford, und als nach einer Weile auch die anderen sich zu kleinen Gruppen vereinten, entdeckten Edmund, Miss Crawford und Fanny, die sich ebenso selbstverständlich zusammenzufinden schienen, das andere Dreiblatt in eifriger Beratung auf der Terrasse. Nachdem sie einen Augenblick an ihren Sorgen und Schwierigkeiten teilgenommen hatten, schlenderten sie weiter. Die drei letzten, Mrs. Rushworth, Mrs. Norris und Julia, befanden sich noch weit hinten, denn Julia, deren Glücksstern nun nicht mehr herrschte, sah sich gezwungen, an Mrs. Rushworths Seite zu bleiben und ihre ungeduldigen Füßchen dem langsamen Schritt der alten Dame anzupassen, während Mrs. Norris mit der Haushälterin, die gerade herauskam, um die Fasane zu füttern, ein hochinteressantes Gespräch angeknüpft hatte. Die arme Julia, die einzige der Gesellschaft, die mit ihrem Los nicht wenigstens leidlich zufrieden war, mußte jetzt Buße tun und glich ganz und gar nicht mehr der strahlenden Julia auf dem Kutschbock. Die strenge Pflicht der Höflichkeit, zu der sie erzogen war, machte es ihr unmöglich, ihrer langweiligen Gefährtin zu entfliehen, während der Mangel an jener höheren Art von Selbstbeherrschung, die auf menschlicher Rücksichtnahme, Kenntnis des eigenen Wesens und einem inneren Gefühl für das Rechte beruht und leider einen sehr unwesentlichen Teil ihrer Erziehung gebildet hatte, ihr das kleine Opfer zur Qual machte.

«Nein, hier ist es unerträglich heiß», sagte Miss Crawford, als sie einmal die Terrasse auf und ab spaziert waren und sich jetzt zum zweitenmal der Tür in der Mitte des Eisenzaunes näherten, die in die «Wildnis» hinunterführte.

«Hat jemand etwas dagegen, daß wir es uns gemütlicher machen? Dort unten wäre ein hübsches, schattiges Wäldchen, wenn man nur hineinkommen könnte. Wie schön, wenn die Tür nicht versperrt wäre! Das wird sie aber natürlich sein, denn auf diesen großartigen Herrensitzen sind die Gärtner die einzigen, die hingehen dürfen, wo sie Lust haben.»

Die Tür war jedoch nicht verschlossen, und die beiden anderen stimmten freudig Miss Crawfords Vorschlag zu, der unerbittlichen Sonnenglut der Terrasse zu entfliehen. Über eine beträchtliche Anzahl von Stufen gelangten sie in die sogenannte Wildnis hinab, die in Wirklichkeit ein etwa zwei Morgen großer Wald war, der zwar hauptsächlich aus sorgfältig gestutzten Lärchen, Birken und Lorbeeren bestand und allzu regelmäßig angelegt war, aber im Vergleich zu der Schattenlosigkeit der Spielwiese und der Terrasse erquickende Kühle und Natürlichkeit atmete. Sie genossen dankbar die Erfrischung und gaben sich eine Weile lang nur ihrer Freude und Bewunderung hin, bis Miss Crawford nach kurzem Schweigen begann: «Sie werden also bald ein Pfarrherr sein, Mr. Bertram. Das ist für mich eine nicht geringe Überraschung.»

«Was ist daran überraschend? Sie mußten ja annehmen, ich sei für irgendeinen Beruf bestimmt, und Sie konnten leicht merken, daß ich weder Jurist noch Offizier noch Seemann bin.»

«Ja, richtig, aber – kurz gesagt, ich bin nicht auf die Idee gekommen. Und Sie wissen ja, gewöhnlich ist irgendein Onkel oder Großvater vorhanden, der dem zweiten Sohn sein Vermögen hinterläßt.»

«Eine sehr löbliche Sitte», sagte Edmund, «aber leider nicht allgemein eingeführt. Ich gehöre zu den Ausnahmen und muß mir mein Brot selber verdienen.»

«Aber warum gerade als Pfarrer? Ich dachte immer, das wäre das Los des Jüngsten unter vielen Brüdern, die ihm alle anderen Berufe weggeschnappt haben.»

«Sie glauben also, daß die Kirche niemals um ihrer selbst willen gewählt wird?»

«‹Niemals› ist ein düsteres Wort. Und doch – in dem Sinn, wie man es in der Konversation gebraucht, wo ‹niemals› ‹nicht sehr oft› bedeutet, glaube ich es wirklich. Was für Aussichten bietet die Kirche? Jeder Mann wünscht, sich auszuzeichnen, Ehren zu erringen, und das ist in jeder anderen Laufbahn möglich, nur nicht in der geistlichen. Ein Geistlicher ist gar nichts.»

«Ich hoffe, das ‹nichts› der Konversation hat seine besonderen Nuancen so gut wie das ‹niemals›. Ein Geistlicher kann keinen äußeren Glanz entfalten, das stimmt. Er darf sich nicht an die Spitze eines Pöbelhaufens stellen oder neue Modetorheiten erfinden. Aber ich kann einen Stand nicht mit ‹nichts› bezeichnen, in dessen Obhut alles gegeben ist, was für den einzelnen wie für die ganze Menschheit, zeitlich wie ewig betrachtet, das Allerwichtigste ist – einen Stand, dem die Sorge um Religion und Moral anvertraut ist und damit auch um die Gesittung, die sich auf beide gründet. Das Amt des Geistlichen kann niemand als ‹nichts› ansehen. Wenn der Mann, der es auszufüllen hat, ‹nichts› ist, dann nur, weil er seine Pflicht vernachlässigt, weil er die wahre Bedeutung seines Berufs nicht erfaßt und die ihm gezogene Grenze überschreitet, um zu scheinen, was er nicht sein sollte.»

«Sie schreiben dem Geistlichen einen größeren Einfluß zu, als man es gemeinhin tut, und ich begreife nicht recht warum. In der Gesellschaft merkt man nur sehr wenig von dem Einfluß und der Bedeutung, die Sie rühmen, und wie könnte es anders sein? Wie sollten zwei Predigten pro Woche – gesetzt sogar, daß sie hörenswert sind, weil der Herr Pfarrer den Verstand hat, die gedruckten Predigten von Blair seinem eigenen Machwerk vorzuziehen – wie sollten diese zwei Predigten all das bewirken, was Sie behaupten, wie können sie die Lebensführung und die Sitten einer großen Gemeinde für die ganze restliche Woche beeinflussen? Und außerhalb der Kanzel bekommt man den Pfarrer selten zu Gesicht.»

«Sie sprechen von London, ich spreche von der Nation in ihrer Gesamtheit.»

«Die Hauptstadt sollte doch ein halbwegs richtiges Bild vom übrigen Land geben.»

«Nicht, was das Verhältnis von Tugend und Laster anbelangt – das will ich wenigstens hoffen. In puncto Moral stehen die großen Städte nicht an der Spitze, und der Einfluß der Geistlichen – wie übrigens aller anständigen Menschen – macht sich gerade dort am wenigsten bemerkbar. Ein glänzender Prediger findet Anhänger und Bewunderer, aber ein rechter Pfarrer dient seiner Gemeinde und der ganzen Umgegend nicht nur durch glänzende Predigten. Freilich muß die Gemeinde klein genug sein, daß sie ihn als Menschen kennen und seine ganze Lebensführung beobachten kann, und das eben ist in London selten der Fall. Dort verschwindet der Geistliche in der Masse seiner Pfarrkinder; die allermeisten kennen ihn nur als Prediger. Und was den Einfluß auf die allgemeinen Sitten betrifft, darf Miss Crawford mich nicht mißverstehen. Ich will damit nicht sagen, daß unsere Pfarrer in Fragen des feinen Geschmacks und des gesellschaftlichen Raffinements maßgebend sind oder der eleganten Welt als Zeremonienmeister dienen könnten. Wenn ich von Sitten spreche, so meine ich damit die Gesittung, die Lebensführung, die sich aus den richtigen Grundsätzen ergibt, kurz die Auswirkung jener Lehre, die zu verbreiten und zu vertreten die erste Pflicht des Geistlichen ist. Und ich glaube, wohin man auch kommt, wird man eines sehen: wo die Geistlichen so sind, wie sie sein sollen, ist es auch das übrige Volk, und wo sie nicht ihre Pflicht erfüllen, tun es auch die anderen nicht.»

«Ganz bestimmt», sagte Fanny ernsthaft.

«Da haben wir es!» rief Miss Crawford. «Miss Price haben Sie bereits überzeugt.»

«Ich wollte, ich könnte auch Miss Crawford überzeugen.» «Ich glaube nicht, daß Ihnen das je gelingen wird», sagte sie mit schelmischem Lächeln. «Daß Sie die Absicht haben, Pfarrer zu werden, erstaunt mich noch immer genau so sehr wie im ersten Augenblick. Sie sind wirklich für etwas Besseres geschaffen. Kommen Sie, überlegen Sie sich die Sache noch einmal! Gehen Sie unter die Juristen.»

«Gehen Sie unter die Juristen! Ganz einfach, als ob Sie mich auffordern würden, hier in die ‹Wildnis› zu gehen.»

«So, jetzt werden Sie gleich sagen, daß die Juristerei die ärgere Wildnis ist, aber ich bin Ihnen zuvorgekommen! Leugnen Sie nicht, daß ich es zuerst gesagt habe!»

«Wenn Sie einem geistreichen Ausspruch von mir zuvorkommen wollen, brauchen Sie sich nicht zu beeilen, denn es besteht keine Gefahr, daß ich ein Bonmot von mir gebe. Witz und Schlagfertigkeit sind nicht meine starken Seiten. Ich bin ein nüchterner, einfacher Geselle, der nichts versteht, als seine Meinung geradeheraus zu sagen.»

Ein allgemeines Schweigen folgte. Alle waren nachdenklich geworden. Fanny unterbrach als erste die Stille: «Ich weiß nicht, wieso ich so müde bin, es ist doch so schön, hier im Wald zu spazieren. Aber wenn wir zu einer Bank kommen, möchte ich mich gern einen Augenblick hinsetzen – wenn es nicht stört.»

«Meine arme, kleine Fanny!» rief Edmund, unverzüglich ihren Arm ergreifend. «Wie gedankenlos von mir! Hoffentlich hast du dich nicht übermüdet. Vielleicht», wandte er sich an Miss Crawford, «tut mir meine andere Begleiterin gleichfalls die Ehre an, meinen Arm zu nehmen?»

«Danke, ich bin nicht müde.» Mit diesen Worten nahm sie gleichwohl seinen Arm, und die Freude darüber, die Beglückung, sich ihr zum erstenmal so eng verbunden zu fühlen, ließen ihn Fanny ein wenig vergessen. «Aber Sie berühren mich kaum», sagte er. «Sie stützen sich ja gar nicht richtig auf mich. Wie leicht der Arm einer Frau doch ist! In Oxford ist es öfter vorgekommen, daß ich einen Mann eine Strecke Weges stützen mußte, und im Vergleich dazu sind Sie nur eine Fliege.»

«Ich bin wirklich gar nicht müde. Ich staune selbst darüber, denn wir müssen in diesem Wald schon mindestens eine Meile weit gegangen sein, glauben Sie nicht?»

«Nicht einmal eine halbe Meile», lautete Edmunds sachliche Antwort, denn er war noch nicht verliebt genug, um Raum und Zeit mit weiblicher Gesetzlosigkeit zu messen.

«Oh, Sie ziehen die vielen Serpentinen nicht in Betracht. Wir gehen die ganze Zeit im Zickzack, und der Wald muß schon in gerader Richtung mindestens eine halbe Meile lang sein. Seit wir den Mittelweg verließen, haben wir noch kein Ende erblickt.»

«Aber vom Mittelweg aus sahen wir es, erinnern Sie sich nicht? Wir haben den Weg entlang geblickt und das eiserne Tor an seinem Ende gesehen. Es war höchstens eine Achtelmeile bis dahin.»

«Ach, von Ihren Achtelmeilen verstehe ich nichts. Ich sehe nur, daß der Wald sehr groß ist und wir uns die ganze Zeit darin herumwinden. Wenn ich sage, daß wir eine Meile weit gegangen sind, ist das noch eine bescheidene Annahme.»

«Wir sind jetzt genau eine Viertelstunde hier», sagte Edmund, seine Uhr ziehend. «Glauben Sie, daß wir vier Meilen in der Stunde machen?»

«Ach, kommen Sie mir nicht mit Ihrer Uhr! Eine Uhr geht immer zu schnell oder zu langsam. Von einer Uhr lasse ich mir nichts vorschreiben.»

Nach ein paar Schritten kamen sie plötzlich am Ende des Mittelweges heraus, von dem sie gesprochen hatten. Dort stand auch an einem wohlgeschützten, schattigen Plätzchen eine bequeme Bank, von der man über einen Zaun hinweg einen schönen Blick in den Park genoß, und alle ließen sich darauf nieder.

«Ich fürchte, du bist sehr müde, Fanny», sprach Edmund, der sie besorgt betrachtete.

«Warum hast du es nicht früher gesagt? Du wirst nicht viel Vergnügen von dem Tag haben, wenn du dir zuviel zumutest. Jede Bewegung ermüdet sie so rasch, Miss Crawford, nur das Reiten nicht.»

«Dann war es ganz abscheulich von Ihnen, mich ihr Pferd in Beschlag nehmen zu lassen, wie ich es die ganze letzte Woche getan habe! Ich schäme mich für Sie und für mich selber – aber es soll nicht mehr vorkommen.»

«Ihre Aufmerksamkeit und Rücksicht lassen mich meine eigene Nachlässigkeit noch mehr empfinden. Fannys Interessen sind bei Ihnen besser aufgehoben als bei mir.»

«Aber daß sie jetzt müde ist, wundert mich gar nicht. Nichts ermüdet mehr, als was wir heute tun mußten: ein großes Haus besichtigen, von einem Zimmer ins andere geschleppt werden, überall stehenbleiben, Augen und Ohren anstrengen, um zu hören, was einen nicht interessiert, und zu bewundern, was einen kaltläßt. Es gilt allgemein als die lästigste Pflicht, und wenn Miss Price das nicht wußte, hat sie es jetzt erfahren.»

«Ich werde gleich wieder ausgeruht sein», sagte Fanny. «An einem schönen Tag im Schatten sitzen und ins Grüne schauen, ist die wunderbarste Erfrischung.»

Nach einem Augenblick sprang Miss Crawford auf. «Ich muß mich bewegen», sagte sie, «mich ermüdet das Sitzen. Ich habe jetzt so lange auf diese Aussicht gestarrt, daß ich ganz erschöpft bin. Ich muß dort zum Zaun gehen und das gleiche Bild durch das Gitter betrachten, weil ich es dann nicht so deutlich sehe.»

Edmund stand gleichfalls auf. «Nun, Miss Crawford, wenn Sie jetzt den Weg entlang blicken, werden Sie sich überzeugen, daß er keine halbe Meile und nicht einmal eine Viertelmeile lang ist.»

«Er ist jedenfalls unendlich lang. Das sehe ich auf den ersten Blick.»

Edmund versuchte es noch immer mit Vernunftgründen, aber vergeblich. Sie wollte nicht rechnen und nicht vergleichen, sie wollte nur lachen und auf ihrer Meinung bestehen. Das Höchstmaß an logischer Folgerichtigkeit hätte ihm nicht reizender scheinen können, und beide waren von dem Gespräch sehr befriedigt. Schließlich einigten sie sich darauf, die Ausdehnung des Wäldchens genauer zu bestimmen, indem sie noch ein wenig darin herumwanderten. Sie wollten in der Richtung des Zaunes (an dem gleichfalls ein gerader Rasenweg entlangführte) bis zum Ende des Waldes gehen und vielleicht noch ein Stückchen in eine andere Richtung, falls das aufschlußreich schiene, und jedenfalls in ein paar Minuten wieder zurück sein. Fanny erklärte, sie sei völlig ausgeruht, und wäre gern mit ihnen gegangen, doch das wurde ihr nicht gestattet. Edmund redete ihr so ernsthaft zu, noch ein Weilchen zu rasten, daß sie sich fügen mußte. So blieb sie auf der Bank zurück, beglückt durch die zärtliche Fürsorge ihres Cousins, doch betrübt, daß sie nicht kräftiger war. Sie blickte den beiden nach, bis sie um die Wegbiegung verschwanden, und horchte auf den Klang ihrer Stimmen, bis er sich in der Stille verlor.

10. Kapitel

Eine Viertelstunde, zwanzig Minuten vergingen, und Fannys Gedanken kreisten noch immer um Edmund, Miss Crawford und ihre eigene Person, ohne daß jemand sie unterbrach. Sie begann sich zu wundern, daß man sie so lange allein ließ, und horchte begierig, ob sie nicht bald den Klang ihrer Schritte und Stimmen vernähme. Sie lauschte, und endlich hörte sie auch etwas. Stimmen und Schritte näherten sich. Sie hatte sich jedoch gerade überzeugt, daß es nicht die waren, auf die sie wartete, als Miss Bertram, Mr. Rushworth und Mr. Crawford aus dem Waldweg hervortraten, den sie selbst gekommen war, und alsbald vor ihr standen.

«Miss Price, ganz allein!» und «Fanny, wie kommt das?» waren die ersten Begrüßungen. Sie erzählte ihre Geschichte. «Arme, kleine Fanny!» rief ihre Cousine. «Wie schlecht sie dich behandelt haben! Wärest du lieber bei uns geblieben!»

Darauf ließ sie sich mit einem Herrn zu jeder Seite auf der Bank nieder und nahm mit großer Lebhaftigkeit die unterbrochene Unterhaltung wieder auf, die sich nach wie vor um die Verschönerungsmöglichkeiten drehte. Man hatte noch nichts beschlossen, aber Henry Crawford war voller Ideen und Pläne, und was immer er vorschlug, wurde unverzüglich gutgeheißen, zuerst von Miss Bertram und hierauf von Mr. Rushworth, dessen Tätigkeit hauptsächlich darin zu bestehen schien, den anderen zuzuhören; er selber riskierte kaum einen eigenen Gedanken außer dem Wunsch, daß sie die Besitzung seines Freundes Smith gesehen hätten.

Als auf diese Weise einige Minuten vergangen waren, fiel Miss Bertrams Blick auf das Gittertor, und sie äußerte das Verlangen, auf diesem Wege weiter in den Park vorzudringen, um einen noch gründlicheren Überblick zu gewinnen. Das war ein vortrefflicher Gedanke, es war, Henry Crawfords Ansicht nach, die beste, die einzig richtige Art, erfolgreich vorzugehen – und er sah auch schon, keine halbe Meile entfernt, eine kleine Bodenerhebung, die ihnen genau die erforderliche Aussicht auf das Haus bieten würde. Sie mußten also unbedingt durch das Tor zu dem Hügelchen gelangen; aber das Tor war verschlossen. Mr. Rushworth wünschte, er hätte den Schlüssel bei sich; er war ganz nahe daran gewesen, an den Schlüssel zu denken, er nahm sich fest vor, niemals wieder ohne den Schlüssel auszugehen! Doch damit war das Hindernis nicht behoben; und da Miss Bertram absolut nicht geneigt war, auf ihren Plan zu verzichten, erklärte Mr. Rushworth schließlich rundheraus, daß er zurückgehen und den Schlüssel holen wollte. Und schon machte er sich auf den Weg.

«Es ist zweifellos das gescheiteste, was wir tun können, wenn wir schon so weit vom Haus sind», sagte Mr. Crawford, nachdem er verschwunden war.

«Ja, es ist nichts anderes zu machen. Aber jetzt sagen Sie ehrlich, finden Sie Sotherton nicht viel ärger, als Sie erwartet hatten?»

«Nein, wirklich nicht, ganz im Gegenteil. Ich finde es besser, großartiger, in seiner Art stilvoller, wenn auch der Stil an sich vielleicht nicht der beste ist. Um ganz ehrlich zu sein», fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, «ich persönlich werde Sotherton nie wieder mit soviel Vergnügen besuchen wie jetzt. Mir wird es in einem Jahr wohl kaum schöner erscheinen.» Nach einem Augenblick der Verlegenheit erwiderte die Dame:

«Sie sind zu sehr Weltmann, um nicht mit den Augen der Welt zu sehen. Wenn alle anderen Sotherton verschönert finden, werden Sie bestimmt auch so denken.»

«Ich fürchte, ich bin in mancher Hinsicht weniger Weltmann, als für mich gut wäre. Meine Gefühle sind nicht so flüchtig, gewisse Erinnerungen vermag ich nicht so leicht zu überwinden, wie man es von einem Weltmann erwartet.»

Darauf folgte ein kurzes Stillschweigen, bis Miss Bertram wieder begann: «Sie haben die heutige Fahrt offenkundig sehr genossen. Ich habe mit Freude gesehen, wie gut Sie sich unterhalten haben. Sie und Julia haben den ganzen Weg lang gelacht.»

«Wirklich? Ja, ich glaube, wir haben viel gelacht, aber ich habe keine Ahnung mehr worüber. Doch! Jetzt fällt es mir ein. Ich habe ihr ein paar komische Geschichten von einem alten irischen Reitknecht meines Onkels zum besten gegeben. Ihre Schwester lacht gerne.»

«Sie halten sie für leichtherziger als mich.»

«Sie ist leichter zu amüsieren», erwiderte er, «und somit …» mit feinem Lächeln – «was man eine angenehmere Gesellschaft nennt. Ich hätte nicht hoffen dürfen, Sie während einer zehn Meilen langen Fahrt mit ein paar irischen Anekdoten zu unterhalten.»

«Von Natur aus bin ich vielleicht ebenso fröhlich wie Julia, aber jetzt habe ich manches zu bedenken.»

«Zweifellos – und es gibt Situationen im Leben, in denen übermäßige Heiterkeit Gefühllosigkeit bedeuten würde. Aber Ihre Aussichten sind zu glücklich, um trübe Gedanken zu rechtfertigen. Die Welt liegt hell und strahlend vor Ihnen.»

«Meinen Sie das wörtlich oder bildlich? Wörtlich, nehme ich an. Ja, gewiß, die Sonne scheint, und der Park dort sieht recht freundlich aus. Aber dieses unglückselige Eisentor, dieser Zaun, dieser Graben beengen und bedrängen mich. Ich komme mir vor wie ein Vogel im Käfig.» Sie sprang auf und näherte sich dem Tor, während er folgte. «Mr. Rushworth braucht auch gar zu lange, um den Schlüssel zu holen!»

«Und Sie würden sich natürlich um keinen Preis ohne den Schlüssel und Mr. Rushworths freundliche Genehmigung hinauswagen; sonst könnten Sie ohne große Schwierigkeit über das Gitter steigen. Mit meiner Hilfe wären Sie sofort drüben – wenn Sie nur wirklich frei sein wollten, wenn Sie sich zu dem Gedanken durchringen könnten, daß es nicht ‹verboten› ist.»

«Verboten! Unsinn! Natürlich kann ich hier hinauskommen, und jetzt tue ich es auch. Mr. Rushworth muß ja jeden Augenblick wieder da sein – und wir bleiben in Sehweite.»

«Ja, und falls er uns nicht sofort erblickt, wird Miss Price so freundlich sein, ihm zu bestellen, daß er uns dort bei dem Hügelchen im Eichenhain findet.»

Fanny, die das alles als erschreckend ungehörig empfand, machte unwillkürlich den Versuch, es zu verhindern. «Du wirst dir wehtun, Maria!» rief sie. «Du wirst dich an den Eisenspitzen verletzen … dein Kleid zerreißen … du wirst ausgleiten und in den Graben fallen! Bitte tu es nicht!»

Doch während sie noch sprach, war ihre Cousine schon drüben und rief ihr lachend zu:

«Danke für deine Fürsorge, liebste Fanny, aber mein Kleid und ich, wir sind heil und ganz! Und somit Lebewohl!»

Fanny blieb wieder allein zurück, und es war ihr nicht wohler zumute. Alles was sie gehört und gesehen hatte, bedrückte sie tief; sie konnte ihre Cousine nicht begreifen und war sehr böse auf Mr. Crawford. Die beiden schlugen einen abseits führenden Weg ein, auf dem sie nach ihrer Meinung niemals zu dem Hügel gelangen konnten, und waren bald ihrem Blick entschwunden.

Ein paar Minuten lang war ringsum nichts zu sehen und zu hören, das Wäldchen schien ihr allein zu gehören. Fast hätte sie meinen können, daß Edmund und Miss Crawford es verlassen hätten, wäre es nicht undenkbar gewesen, daß Edmund sie so völlig vergäße.

Rasche Schritte rissen sie aus ihren trüben Gedanken auf, jemand näherte sich eilig auf dem Mittelweg. Sie erwartete, Mr. Rushworth zu erblicken, doch es war Julia, die erhitzt und atemlos auftauchte und bei Fannys Anblick mit enttäuschtem Gesicht ausrief: «Heda! Wo sind sie alle? Ich dachte, Maria und Mr. Crawford wären hier.»

Fanny erklärte die Situation.

«Ein feiner Trick, das muß ich sagen! Ich sehe sie nirgends.» Sie spähte eifrig durch das Gitter.

«Aber sehr weit können sie nicht sein, und was Maria zuwege bringt, kann ich auch, sogar ohne männliche Hilfe.»

«Aber, Julia, Mr. Rushworth wird gleich mit dem Schlüssel da sein. Bitte, warte doch auf ihn!»

«Ich denke nicht daran. Für heute habe ich von der Familie Rushworth genug. Ich habe mich gerade erst von der gräßlichen Alten freigemacht. Mein liebes Kind, was ich ausgestanden habe, während du hier so friedlich und erholsam im Grünen sitzest!

Du hättest an meiner Stelle sein sollen! Aber du verstehst es bei solchen Gelegenheiten immer, dich zu drücken.»

Das war eine höchst ungerechte Behauptung, doch Fanny widersprach nicht. Julia war von heftigem Wesen und augenblicklich sehr aufgebracht, aber Fanny wußte, daß sie sich bald beruhigen würde, und fragte deshalb nur, ob sie nicht Mr. Rushworth gesehen hätte.

«Ja doch, wir sind ihm begegnet. Er rannte, als ginge es um sein Leben, und hat sich gerade nur Zeit genommen, uns zu erklären, wohin er läuft und wo ihr alle seid.»

«Und jetzt hat er sich ganz umsonst so abgehetzt – der Arme!» «Das ist Fräulein Marias Sache. Ich sehe gar nicht ein, warum ich für ihre Sünden büßen soll. Von der Mutter konnte ich nicht loskommen, solange Tante Norris um die Haushälterin herumgetanzt ist, aber vor dem Sohn kann ich ausreißen.»

Und schon schwang sie sich über den Zaun und ging rasch davon, ohne Fannys Frage, ob sie etwas von Miss Crawford und Edmund gesehen hätte, zu beachten. Doch der Gedanke an die beiden beschäftigte Fanny nicht mehr ausschließlich, weil sie Mr. Rushworths Rückkehr geradezu mit Grauen entgegensah. Sie fand, daß ihm großes Unrecht angetan wurde, und war ganz unglücklich, daß es nun ihr oblag, ihm das Vorgefallene zu berichten. Julia war kaum fünf Minuten lang verschwunden, als er auftauchte, und obwohl Fanny ihre Geschichte so schonend wie möglich erzählte, war er offenkundig über alle Maßen gekränkt und erzürnt. Zuerst sprach er kein Wort; nur seine Miene drückte sein fassungsloses Erstaunen und seinen Ärger aus. Er ging zum Tor und blieb dort stehen, als wüßte er nicht, was er nun beginnen sollte.

«Sie haben mich eigens gebeten, hier auf Sie zu warten – Maria hat mir aufgetragen, Ihnen zu bestellen, daß Sie sie dort beim Hügel antreffen …»

«Ich glaube, ich gehe gar nicht weiter», meinte er verdrossen. «Ich sehe nichts von den beiden – bis ich zum Hügel komme, sind sie wieder woanders. Ich habe genug vom Herumlaufen.»

Und er ließ sich mit der düstersten Miene neben Fanny nieder.

«Es tut mir so leid», sagte sie. «Es ist wirklich schade …» Und sie wünschte, sie könnte ihm etwas Tröstlicheres sagen.

Nach kurzem Schweigen fing er wieder an:

«Ich finde, sie hätten auf mich warten können.» «Maria dachte, Sie würden nachkommen.»

«Wenn sie auf mich gewartet hätte, brauchte ich ihr nicht nachzulaufen.»

Das ließ sich nicht leugnen, und Fanny schwieg. Nach einer neuerlichen Pause fuhr Mr. Rushworth fort: «Sagen Sie bitte, Miss Price, gehören Sie auch zu den Bewunderern von Mr. Crawford? Ich für mein Teil kann nichts Besonderes an ihm sehen.»

«Ich finde ihn gar nicht hübsch.»

«Hübsch! Einen so kleingeratenen Mann kann wahrhaftig niemand hübsch nennen! Er mißt nicht einmal fünf Fuß und neun Zoll, es würde mich nicht wundern, wenn es nur acht Zoll über fünf Fuß wären. Nein, er sieht nach nichts aus. Meiner Ansicht nach sind diese Crawfords kein erfreulicher Zuwachs. Wir sind sehr gut ohne sie ausgekommen.»

Ein leiser Seufzer entfuhr Fannys Brust. Sie fand keinen Anlaß, ihm zu widersprechen.

«Wenn ich mich geweigert hätte, den Schlüssel zu holen, wäre das noch eine gewisse Entschuldigung. Aber ich bin sofort darum gelaufen, sobald sie ihn nur verlangt hat.»

«Ja, Sie waren überaus gefällig und sind auch sehr rasch gegangen – aber es ist doch ziemlich weit von hier bis zum Haus, und dann noch ins Haus hinein … Und wissen Sie, wenn man ungeduldig wartet, verliert man jedes Zeitgefühl; eine halbe Minute scheint dann fünf Minuten zu dauern.»

Mr. Rushworth stand auf und ging wieder zum Tor hinüber. «Ich wollte, ich hätte den Schlüssel bei mir gehabt», murmelte er. Fanny meinte in seinem unschlüssigen Herumstehen Anzeichen einer versöhnlicheren Stimmung zu erkennen. Das gab ihr den Mut, es noch einmal zu probieren, und sie sagte sanft: «Es ist schade, daß Sie ihnen nicht nachgehen wollen. Maria dachte, sie würden von jenem Punkt dort einen besseren Blick auf das Haus haben. Jetzt werden sie beratschlagen wollen, und dazu ist doch Ihre Anwesenheit vonnöten. Ohne Sie kann nichts entschieden werden.»

Fanny entdeckte, daß es leichter war, einen Gesellschafter loszuwerden, als ihn zurückzuhalten. «Na, wenn Sie wirklich meinen, daß ich gehen soll …» sagte er. «Es wäre ja auch dumm, den Schlüssel für nichts und wieder nichts geholt zu haben.» Damit schloß er das Tor auf und verließ sie ohne weitere Zeremonien.

Jetzt kehrten Fannys Gedanken wieder zu den beiden zurück, die sie so lange allein ließen, und in einem Anfall von Ungeduld beschloß sie, sich auf die Suche nach ihnen zu machen. Sie folgte eine Strecke weit dem unteren Weg und wollte gerade in einen anderen einbiegen, als Miss Crawfords unverkennbares Lachen ihr Ohr traf. Die Stimmen wurden lauter, und bei der nächsten Wegbiegung traten ihr die beiden entgegen. Sie kehrten aus dem Park zurück, wohin ein unverschlossenes Seitentürchen sie sehr bald, nachdem sie Fanny verlassen, gelockt hatte; sie waren in diesem Teil des Parks herumgewandert und auf die vielbesprochene Allee gestoßen, die Fanny den ganzen Tag lang so sehnsüchtig zu erreichen gehofft hatte; dort waren sie dann unter einem Baum gesessen. Das war ihre Geschichte, und man sah ihnen an, daß sie die Zeit sehr angenehm verbracht hatten und sich der Dauer ihrer Abwesenheit gar nicht bewußt waren. Fanny mußte sich mit Edmunds Beteuerungen trösten, daß er sie innig herbeigewünscht habe und sicher gekommen wäre, um sie zu holen, wenn sie nicht vorher schon so müde gewesen wäre. Es genügte nicht ganz, um sie über die Kränkung hinwegzubringen, daß er sie eine volle Stunde lang allein gelassen, wo er doch nur von ein paar Minuten gesprochen hatte, und es beschwichtigte auch nicht ihre Neugier, wovon sie wohl die ganze Zeit geredet haben mochten. Und alles endete zu ihrer Enttäuschung und Betrübnis damit, daß sie in wortlosem Einverständnis ihre Schritte zum Haus zurücklenkten.

Als sie zur Treppe kamen, die zur Terrasse hinaufführte, erschienen oben Mrs. Rushworth und Mrs. Norris, die jetzt, anderthalb Stunden nachdem man das Haus verlassen hatte, gerade bereit waren, sich in die Wildnis zu begeben. Mrs. Norris hatte ihre Zeit gut angewendet. Mochten alle möglichen Widerwärtigkeiten das Vergnügen ihrer Nichten getrübt haben – sie hatte jedenfalls einen äußerst befriedigenden Vormittag verbracht: Die Haushälterin, der sie die schmeichelhaftesten Komplimente über die Fasane machte, hatte sie schließlich in die Meierei geführt, ihr alle Kühe gezeigt und sich das Rezept für ihren berühmten Rahmkäse entlocken lassen; hierauf schloß sie eine sehr lohnende Bekanntschaft mit dem Gärtner: sie hatte ihn über die Krankheit seines Enkels ins Bild gesetzt, ihn davon überzeugt, daß es das Nervenfieber wäre, und ihm ein sicheres Mittel dagegen versprochen; und er hatte ihr zum Dank dafür seine kostbarsten Stecklinge vorgeführt und ihr überdies eine ganz aparte Sorte Heidekraut verehrt.

Nun kehrten sie alle zusammen ins Haus zurück, um dort auf verschiedenen Sofas herumzusitzen und die Zeit bis zur Rückkehr der anderen und der Ankündigung des Mittagessens, so gut es ging, mit gleichgültigem Geschwätz und Journalen zu vertrödeln. Es wurde ziemlich spät, bis die Fräulein Bertram mit ihren beiden Rittern erschienen. Ihr Streifzug schien nicht sehr angenehm verlaufen zu sein und hatte offenkundig nicht die geringsten nützlichen Ergebnisse gezeitigt. Nach ihrer eigenen Aussage waren sie die ganze Zeit hintereinander hergerannt, und als sie sich endlich zusammenfanden, war es, soviel Fanny bemerken konnte, zu spät, um die Harmonie wiederherzustellen, und jedenfalls zu spät, um etwas Zweckmäßiges zu beschließen. Ein Blick auf Julia und Mr. Rushworth zeigte Fanny, daß sie nicht die einzige hier war, die ein enttäuschtes Herz im Busen trug, denn beide blickten düster drein. Mr. Crawford und Miss Bertram wirkten dagegen um so heiterer, und es schien Fanny, daß er sich während des Essens ganz besondere Mühe gab, um den Groll der beiden anderen zu besänftigen und die allgemeine gute Laune wiederherzustellen.

Tee und Kaffee wurden sehr bald nach dem Mittagessen serviert, denn die lange Heimfahrt ließ keine Zeitverschwendung zu. Von dem Augenblick an, da sie sich zu Tisch setzten, war alles nur noch eine hastige Folge gesellschaftlicher Nichtigkeiten, bis schließlich der Wagen vor der Tür stand, und Mrs. Norris – die nach vielem Herumzappeln von der Haushälterin noch einige Fasaneneier und einen Rahmkäse geschenkt bekam – sich nach überströmenden Dankes- und Höflichkeitsbezeugungen zum Gehen bereit erklärte. Im gleichen Augenblick trat Mr. Crawford an Julia heran und sagte: «Ich hoffe, meine Reisegefährtin wird mir nicht untreu – es sei denn, daß sie sich vor der kühlen Nachtluft fürchtet.» Die Aufforderung kam unverhofft, wurde aber sehr gnädig aufgenommen, und Julias Tag schien ebenso glücklich zu enden, wie er begann. Miss Bertram hatte es anders erwartet und war etwas enttäuscht, aber die Überzeugung, daß in Wahrheit sie die Bevorzugte sei, tröstete sie, so daß sie imstande war, Mr. Rushworths Artigkeiten mit der passenden Miene über sich ergehen zu lassen. Ihm gefiel es zweifellos besser, ihr in den Wagen zu helfen, als sie auf den Kutschbock zu heben, und er fand seine Selbstzufriedenheit wieder.

«Na, Fanny, das war ein schöner Tag für dich», sagte Mrs. Norris, als sie durch den Park davonfuhren. «Nichts als Lustbarkeiten von früh bis spät! Du mußt deiner Tante Bertram und mir sehr dankbar sein, daß wir uns bemüht haben, dir dieses Vergnügen zu verschaffen. Heute hast du dich einmal nach Herzenslust amüsiert.»

Maria war just übellaunig genug, um prompt zu erwidern: «Sie scheinen auch nicht gerade schlecht abgeschnitten zu haben, Tante. Ich sehe da allerlei Pakete auf Ihrem Schoß, und zwischen uns steht ein Korb oder etwas Ähnliches, woran ich mir schon den Ellbogen blau geschlagen habe.»

«Es ist nur ein hübsches, kleines Heidekrautstöckchen, Kind, das mir der nette, alte Gärtner geradezu aufgedrängt hat – aber wenn es dich stört, nehme ich es gleich auf meine Knie. Da, Fanny, du kannst dafür dieses Paket halten. Paß auf, laß es nicht fallen. Es ist ein Rahmkäse, genau wie der ausgezeichnete Käse, den wir zum Dessert hatten. Diese brave, alte Mrs. Whitaker wollte sich nicht zufrieden geben, bis ich nicht einen Käse angenommen hatte. Ich habe mich so lange wie möglich gesträubt, bis ihr beinahe die Tränen kamen – aber ich weiß, daß euere Mama gerade solchen Käse besonders gern ißt. Diese Mrs. Whitaker ist ein Juwel! Sie war ganz entsetzt, als ich sie fragte, ob am ersten Gesindetisch Wein getrunken wird, und sie hat zwei Hausmädchen entlassen, weil sie weiße Kleider trugen. Paß auf den Käse auf, Fanny. Nein danke, das andere Paket und den Korb kann ich schon alleine halten.»

«Was haben Sie denn noch mitgehen lassen, Tante?» fragte Maria, die durch die Komplimente an die Adresse Sothertons versöhnlicher gestimmt wurde.

«Mitgehen lassen! Was für ein Ausdruck, liebes Kind! Es sind nur vier oder fünf Eier von diesen prächtigen Fasanen, die Mrs. Whitaker mir beinahe mit Gewalt aufgezwungen hat; sie wollte sich absolut nicht abweisen lassen und sagte, es müßte mir doch eine angenehme Zerstreuung sein, da ich so ganz allein lebe, ein paar von den schönen Geschöpfen um mich zu haben. Ich werde der Geflügelmagd sagen, daß sie die nächste Bruthenne auf die Eier setzt, und wenn die Küken ausschlüpfen, kann ich sie zu mir übersiedeln und mir ein Gatter für sie ausborgen. In meinen einsamen Stunden wird es mir eine große Freude sein, mich mit den Tierchen zu befassen, und wenn ich Glück mit ihnen habe, soll euere Mutter auch ein paar bekommen.»

Es war ein wunderbarer Abend, still und milde, und die Fahrt so angenehm wie möglich. Doch als Mrs. Norris nichts mehr zu sagen hatte, herrschte im Wagen tiefes Schweigen. Niemand war mehr in Stimmung, und die Frage, ob der heutige Tag mehr Freude oder Pein gebracht hätte, mochte jedes Gemüt hinlänglich beschäftigen.

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18+
Дата выхода на Литрес:
07 ноября 2025
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660 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783958496408
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