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Dinesh Bauer
Bayerische Hinterhand
Kriminalroman

Zum Buch
Grenzgänger Streifenpolizist Sepp Sonnleitner wird Zeuge eines kaltblütigen Mordanschlags. Im Biergarten, beim Schafkopfen. Das schockt selbst einen abgebrühten Bauern-Bullen. Das Opfer war alles andere als ein Unschuldslamm: Erwin Ehgartner – Weiberheld, Patriot, Geschäftemacher. Mordmotive und Verdächtige gäbe es zur Genüge. Nachdem jedoch Ehgartners Tiroler „Geschäftsfreund“ gleichfalls eine Kugel abbekommt, ist er überzeugt, dass sie einer groß angelegten Verschwörung auf der Spur sind. Sonnleitners Ex-Partner Rabensteiner greift zu unorthodoxen Methoden. Bei einer nächtlichen Geisterbeschwörung weist ihnen sein Urahn, ein Kampfgefährte Andreas Hofers, den Weg – nach Tirol. Doch nicht nur das bayerische Dream-Team sucht nach Ehgartners Mörder. Kripo-Kommissar Reimers zieht alle Register der kriminalistischen Kunst, um die Hintergründe der Tat aufzuklären. Auch er landet in Tirol – und versucht unter der Regie einer österreichischen Staatsschützerin das fein gesponnene Tarnnetz der Verschwörer zu zerreißen.
Servus beinand! Das Bayerische liegt mir im Blut – meine Vorfahren stammen samt und sonders aus dem weiß-blauen Land zwischen Mangfall, Isar und Loisach. Warum ich Heimat-Krimis schreibe? Weil mich die Wilderer-Dramen, die alten Mythen und Sagen der bayerischen Berge schon als kleiner Bua fasziniert haben. Meine kriminellen „Fallstudien“ verstehe ich als Hommage an Land und Leute. Die raue und doch auch wieder sanfte Landschaft, das ureigene Savoir-vivre, das ist für mich Heimat. Wer seine Wurzeln und seine Geschichte kennt, erkennt sich selbst. Dahoam is eben Dahoam.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Teresa Storkenmaier
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © SKatzenberger / shutterstock.com
ISBN 978-3-8392-6794-3
Zitat
»A Pfoad ohne Knopf, a Hois ohne Kropf,
a Kuah ohne Hei, a Hirsch ohne Gweih,
a Wurst ohne Haut, a Geselchts ohne Kraut,
a Brot ohne Speck, a Sau ohne Dreck,
grod des soi kummt ma fia, is a Boar ohne Bier.«
»Der Marschall Le Feber ließ unser Bataillon aufstellen und ein Karee vormieren und schimpft die ganze Deutsche Nation auf das Schmählichste. Als wenn wir es mit den Insurgenten hielten, kommt es heraus. Es ward den Infanteristen befohlen, einen Ring um den Bergisel zu bilden und als lebendige Zillscheibe auszuharren, wenn allenfalls die Bauern einen Sturm auf uns anlegen sollten, daß wir gleich voran stehen und die Kavalleri und die Artilleri und die übrigen schußfrei halten. Es wird eim ganz anders, wenn man hinsizen mus wie ein armer Sünder auf das Schaffot, der jeden Augenblik den Todesstreich erwartet.«
(Tagebuch des Josef Deifl,
Infanterist im bayerischen Heer anno 1809)
Handelnde Personen
JOSEF »SEPP« SONNLEITNER, urbayerischer »Schlawiner-Sheriff«
VERONIKA »VRONI« SONNLEITNER, seine Gattin, ist Kummer gewohnt
VITUS »VEITL« RABENSTEINER, Sonnleitners Spezl mit Tiroler Wurzeln
IRINA RABENSTEINER, seine Frau, engagiert sich in Schönhubers Patrioten-Bewegung
SILVESTER »FESL« GIETL, Sonnleitners Junior-Partner, macht auf ultracoole Trachten-Joppe
*
ARMIN REIMERS, Hauptkommissar bei der Kripo Rosenheim
MARIE-ROSE DUROC, Kommissarin, bayerische Bretonin mit Charme und Charakter
BARTHOLOMÄUS »BARTHL« PFÖDERL, Kommissar und Ur-Bayer, detektivische Spürnase mit laxer Dienstauffassung
MAGDALENA »LENI« HABERL, graue Eminenz der Kriminalinspektion
ROSWITHA STEINER, Oberleutnant im Landesamt für Verfassungsschutz in Innsbruck, fesche Anti-Terror-Maid
FRITZ ORTERER, Chef der kriminaltechnischen Abteilung
*
ERWIN EHGARTNER, Brauer, Weiberheld und bajuwarischer Patriot mit rechter Gesinnung
LYDIA SCHÖNHUBER, Chefin der Patrioten-Bewegung, Ehgartners Kampfgefährtin
ANDRÄ HINTEREGGER, Tiroler Bergbauer
GENOVEVA »VEVI« HINTEREGGER, geborene Rabensteiner, Lahner-Bäuerin, Großcousine von Vitus
ALFONS »FONSÄ« BICHLER, Geschäftsführer des Stern-Bräus und Ehgartners Erz-Feind
MARLENE BICHLER, seine »getreue« Gattin
*
SIEGFRIED »SIGGI« DÜRR, einstiger Kumpan und Mitstreiter Ehgartners, Ränkeschmied mit krimineller Energie
FICHTNER alias LUIS, Kampfgenosse Ehgartners, arbeitet insgeheim für die Ösi-Stasi
*
KASPAR BRANDNER, ein Mann für alle Fälle
HANS-CHRISTOPH VON WOLKENSTEIN, Chef eines Geheimbunds mit großen Plänen
GÖSSL, Geheimbündler mit schwarzem Humor
*
OSWALD RABENSTEINER, Ahnherr einer Tiroler-Bergbauernsippe, Adjutant Hofers
ANDREAS HOFER, Bauernführer und Tiroler Landeskommandant, wurde auf Napoleons Befehl exekutiert
KAJETAN SWETH, Hofers Hof-Schreiber
Schellen Sieben
Der krausbärtige Mann hockte im Herrgottswinkel der Gaststube. Um seinen fülligen, untersetzten Leib spannte sich die Montur der Tiroler Schützen. Ein Schlapphut saß schief auf seinem massigen Bauernschädel. Wie Schraubstöcke umklammerten seine klobigen Pranken ein sorgfältig gefälteltes Briefchen – langsam wie in Zeitlupe sanken seine Arme kraftlos herab. Das wettergegerbte Gesicht des Mannes war von Furchen und Spalten zerkerbt. So als ob er unter Kurzsichtigkeit litt, kniff der Bärtige die rotgeäderten Augen zusammen und musterte die Runde schweigsamer Männer, die sich um den Tisch geschart hatten. Tonlos murmelte er: »Der Herrgott hat uns verlassen! Ich aber lass enk ned im Stich, Mahnder!« Wie ein Mantra wiederholte er gebetsmühlenhaft diesen einen Satz: »Ich lass enk ned im Stich.« Mit den hingehauchten Worten bildeten sich kleine Kondenswölkchen in der Luft. In der holzvertäfelten Wirtsstube war es eisig. Der Kachelofen war erkaltet, die Glut unter der Asche lang schon erloschen. Es war eine klamme, beklemmende Kälte, die alles erstarren und das Gebein gefrieren ließ. Hofer saß da wie ein zu Tal gestürzter Fels, starr und reglos seine Miene. Sein Schreiber und Sekretär aber fror erbärmlich. Kajetan Sweth knetete fortwährend die steifen, wund geschriebenen Finger – er hätte daran denken sollen, ein paar Fäustlinge einzustecken. Hofer schien unfähig zu sein, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn den Befehl zum Aufbruch zu erteilen. Jemand aus Hofers Stab, der Stimme nach handelte es sich um Hofers Flügeladjutanten Oswald Rabensteiner, fuhr den Herbergsvater ruppig an: »Schupfen-Wirt, warum hast den Kachelofen nit anschüren lassen? Seint wir dir als Gäste nit mehr genehm? Hier herinnen isch es so saukalt, dass das Wasser in der Schüssel gefriert!« Der als Schupfen-Wirt titulierte Bauernschrank von einem Mann wurde bleich und blass um die Nasenspitze. Hofer wiegte bekümmert sein Haupt: »Lass gut sein, Oswald! Es gibt Gäste, die kommen zur Unzeit. Bin selber lang genug Wirt drüben im Passeier gewest …« Seine Worte stockten wie geronnene Milch. Endlich besann sich Hofer und ließ den Wirt wissen: »Gastgeb’ habt Dank und seid versichert, dass unser Bleiben hier ein baldiges End find’t!«
An der mit Zirbelholz vertäfelten Wand über den »gewesten« Landeskommandanten von Tirol hing ein im Reich des Kaisers von Österreich beliebtes Sujet: eine in Kupfer gestochene Allegorie auf das hochedle, allzeit siegreiche Haus Habsburg. Um das erlauchte Haupt des glatzköpfigen Kaisers waberte ein Glorienschein. Das Wappentier der Habsburger, der schwarze Adler, breitete seine Schwingen, begierig, seine Beute mit Haut und Haar zu verschlingen. Kaiser Franz der Erste dieses Namens war indes weit weg. Seine Majestät saß an seinem Schreibtisch im Schönbrunner Schloss und verschwendete kein Briefpapier mehr auf die Rebellen im fernen Tirol. Hofers wackere Streitschar war für ihn nur eine Handvoll Bauern auf dem Schachbrett der großen Politik. Bauern, die man zur Not opferte. Der Kaiser Österreichs war gezwungen, einen Pakt mit dem Kaiser der Franzosen zu schließen, dem Gebot der Stunde gehorchend. Ein Bündnis mit dem übermächtigen Großmogul der Grande Nation würde das Haus Habsburg aus seiner misslichen militärischen Lage befreien und neuen Spielraum für einige gekonnte diplomatische Winkelzüge verschaffen. Was zählten da die Treueschwüre einiger ungehobelter Hinterwäldler? Der Herr zu Schönbrunn war Realist, die Bergbauern und Bettelmänner hatten mit hohem Einsatz gespielt – und verloren. Rien ne va plus.
Hofer blickte von seinem leeren Schnapsglas auf: »Der große Schnitter hat reiche Ernte eingefahren. Der bayerische Kronprinz Ludwig paradiert in Innsbruck. Der große Wolf, er hat obsiegt!« Der Mann mit dem Prophetenbart starrte trübsinnig vor sich hin. Hofer schien um Jahre gealtert, ein gedemütigter und gebrochener Mann. Sein Kaiser, wenn nicht Gott im Himmel selbst, hatte ihn verlassen. Einer der Hauptleute rief mit vor Bitternis bebender Stimme: »Wir haben eine Schlacht, aber nicht unsere Courage, unseren Glauben verloren! Wir gehen in die Berge und führen den Kampf im Untergrund fort!«
In defätistischer, schwermütiger Niedergeschlagenheit schüttelte Hofer sein Haupt. Seine sehnigen, schwieligen Hände lagen vor ihm, so als ob er nichts mehr mit ihnen anzufangen wüsste. »Dreimal ist unser Herr Jesus unterm Kreuz gefallen, dreimal haben wir den Feind aus unserem Landl verjagt. Ein viertes Mal mag’s ned gehen, doch ich werd’ enk ned verlassen!«, begehrte Hofer gegen die Macht des Schicksals auf.
Ein Raunen ging durch Hofers Hofstaat: »Recht so, Vater Hofer!«, »Dreinschlagen sag ich, Andrä!«, »Setzt ein Sendschreiben auf!«
Sweth blickte sich mit erstaunten Augen um, die gespitzte Feder in der Linken griffbereit. »Wir alle, die wir hier stehen, halten dem Heiligen Land Tirol die Treue, aber selbst der Kaiser hat unsere Sache verraten und verkauft«, gab der Anführer der Pustertaler Schützen zu bedenken: »Es isch verspielt, Kommandant. Unsere Männer sind auf der Flucht, es ischt kein Halten mehr!«
»Die bayerischen Truppen stehen schon in Igls und Patsch. Wir müssen fort von hier«, merkte ein anderer, ein hünenhafter Hufschmied, besorgt an.
Hofer stemmte sich von der Sitzbank hoch und setzte sich kerzengerade hin, dann erst orderte er bei der Schankmaid eine Runde Schnaps: »Sei so guad, Madl, und bring uns noch einen Kerschgeist. Am besten lascht die Flasche gleich bei uns am Tisch, gell!« Das Gesicht der hübschen Maid glühte vor Aufregung, ihre Bäckchen leuchteten so feuerrot wie eine frisch erblühte Pfingstrose. Sie versuchte sich an einem höfischen Knicks, was der Bauerndirn indes gründlich misslang: »Sehr wohl, stets zu Euren Diensten, Herr Hofer, ich mein, Herr Kommandant.« Eiligst huschte das fesche Weibsstück davon, um eine neue Bouteille des von einem Nachbarn des Schupfenwirts selbst gebrannten Kirschgeists aus der Speisekammer zu holen. Hofer hielt den Blick gesenkt, fuhr sich durch den dichten, krausen Bart: »Früher bin i der David, der Makkabäer gewest, und jetzt? Ach Himmel, was soll nun aus unserem armen, gebeutelten Landl werden?« Wie um einen feierlichen Schwur vor Gott und der Welt abzulegen, hob Hofer seine Rechte zur Brust. »Kajetan, Feder, Tinte und Papier. Es isch Zeit!« Der Schreiber Kajetan Sweth beeilte sich, der Order seines Chefs nachzukommen. »An eure Durchlaucht den Kronprinzen von Bayern. Es hat der Allmächtige so eingerichtet, dass uns heutigen Tages das Kriegsglück hat verlassen müssen.« Die frisch gespitzte Feder kratzte fahrig über das feine Kanzleipapier. Die umstehenden Männer tuschelten untereinander, klobige Lederstiefel scharrten auf den Dielenbrettern. »Ich bitt’ daher recht schön, dass eure Exzellenz in Erwägung ziehen mögen, die Feindseligkeiten von Stund’ an einzustellen. André Hofer, Feldkommandant et cetera. Du weißt schon, Sweth.« Die Feder des Schreibers flog über das Papier, um der blanken Botschaft ein paar gefällige Wendungen und Schnörkel abzuringen. Eine schwere, brütende Stille senkte sich über Hofer und seine Männer. Was würde aus Tirol, was würde aus ihnen und den Ihrigen werden. Ihrer aller Zukunft lag in Gottes Hand. Der himmlische Vater jedoch hüllte sich in Schweigen.
Hofer setzte seine krakelige Unterschrift unter das Gesuch, die Waffen fortan schweigen zu lassen. »Oswald, sei so gut«, er winkte seinen Adjutanten Rabensteiner heran und händigte ihm das Papier aus. »Schau zu, Oswald, dass du beim Kronprinzen in der Hofburg vorstellig wirst. Der König von Bayern soll doch so gnädig sein, uns die alten Freiheiten zu belassen. Und die Patres – ohne Glauben da geht’s ned! Einen Glauben braucht der Mensch …« Hofers Stimme erstarb.
Der Mann mit einer blutigen Schramme im Gesicht senkte seine Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Wo werdet Ihr zu finden sein, Gevatter Hofer?«
»Geh nach Matrei, hinauf nach Maria Waldrast. Pater Maurus wird wissen, wo ich mich aufhalt’, Oswald!« Hofers Getreuer ließ das gefältelte Briefchen in die weiten Taschen seines fleckigen Mantels gleiten, salutierte kurz und eilte zur Remise, zu den Pferden. Der Schreiber Sweth wagte kaum zu atmen. In der Gaststube war es so still, dass man nur das Ticken der Wanduhr hörte: »Tick-tack, Tick-tack!« Sweth beschlich das beklemmende Gefühl, dass ihre Zeit abgelaufen war. Die bayerischen Truppen waren ihnen dicht auf den Fersen. Jeden Moment konnte der Wachtposten draußen Alarm schlagen. Doch statt eines grimmig dreinblickenden Landsturmmanns trat die Schankmaid in die Stube. Die Steingutflasche kam vor Hofer zum Stehen: »Vergelt’s Gott!« Ein schüchternes Lächeln ließ ihre Wangen aufs Neue aufflammen: »Zum Wohlsein, Vater Hofer! Wirst sehen, Tirol geht nit unter. Vor den batzlaugerten Boarenfacken und den froschmaulerten Katzelmachern fürcht sich ein Tiroler Madl ned.« Diesmal gelang ihr der Knicks bedeutend besser und im Gehen ließ sie eine Reihe schneeweißer Zähne aufblitzen. Hofer sah ihr mit wehmütigem Blick hinterher, füllte sein Glas und stürzte es wie ein Verdurstender hinunter. Bedächtig wischte er sich mit dem haarigen Handrücken über den Mund, dann sah er eindringlich von einem zum anderen. Sein vom Kerschgeist getrübter Blick schärfte sich, so als ob er im Stande wäre, in den Gesichtern zu lesen, ob sich ein Verräter, ein zweiter Judas unter ihnen befand: »Unser Brüder Herz, es blutet. Seid indes getrost – ich lass enk ned im Stich!« Der Anführer der aufständischen Tiroler erhob sich mit einer solch ruckartigen Bewegung, dass er heftig gegen den Tisch stieß. Eines der Schnapsgläser fiel herab und zerbarst klirrend. Das Geräusch riss Sweth aus seinen Gedanken. War dies ein böses Omen? In seinem Schädel dröhnten das Klirren der Klingen, das Singen der Schwerter, der Knall der Stutzen und Musketen. Hörte das jemals auf? Hatten sie den bitteren Kelch nicht schon bis zur Neige geleert? Tief im Inneren wusste der Schreiber, dass er, Hofer und all die anderen hier einer verlorenen Sache dienten.
Herz Sieben
Die »Linde« zu Grainbach war einer jener magischen Orte, um rituelle Schlachtfeste zu zelebrieren und den Ahnen zu opfern. Was für einen Japaner der Shinto-Schrein und der Sake, waren für einen Bayern das Fass und die Maß. In den Wirtsgärten beschworen die Adepten der überkommenen Bräuche und Traditionen nicht nur die Geister der guten, alten Zeit, sondern frönten auch rein weltlichen Vergnügungen. Diesseits und Jenseits gehörten hierzulande zusammen wie die Sau und der Speck, wie der Mensch und der Dreck. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Beim Wetter allerdings musste man im Oberland mit allem rechnen. Mit Schnee im August wie mit Föhnstürmen im Februar. Vorige Woche hatte ein heftiger Flockenwirbel das frische Grün glasiert. Raureif hatte Feld und Flur überzuckert. Endlich war die Eiszeit passé, der Frühling eingekehrt. Ein laues Lüftchen ließ die ersten Blätter in Bäumen und Büschen rascheln. Die Luft war von samtener Konsistenz, das Licht flauschig und flaumig. Kreidegriffel kratzten Zaubersprüche auf die Schiefertafeln: »Biergarten geöffnet«. Auf den Balkonen stapelten sich die Blumenkästen, bald würde darin das Scharlachrot der Geranien erblühen. Lichtgirlanden schlängelten sich wie Riesenschlangen von Ast zu Ast. Aus den Lautsprecherboxen jodelte alpenländische Folklore, Boarische oder Zwiefacher. Die ersten Starkbier-Striezi suchten sich ein Sonnenplätzchen. Die Haut fahl und fleckig, die Speckschicht stattlich. Der Winter hatte deutliche Schmauchspuren hinterlassen. Die kraftstrotzenden Naturburschen in den alten Heimatfilmen à la »Jäger von Fall« sahen anders aus. Da entsprach der Lindenwirt schon eher dem Archetyp des strammen Mannsbilds: breitschultrige, kräftige Statur, muskelbepackte Oberarme, dazu ein fein gezwirbelter Schnurrbart, der die kantigen Züge perfekt zur Geltung brachte. Wie es sich für einen urtümlichen Gamsbart-Gastronomen geziemte, war er in Loden und Leder gewandet. Mit Adleraugen kontrollierte er, ob vor Ort alles picobello war. Die Inspektion fiel zu seiner vollsten Zufriedenheit aus, sodass er am Rückweg seiner Stamm-Kellnerin Irmi gravitätisch zunickte: »Fesch bist beinand, zum Anbeißen!« Irmi hatte sich auch alle Mühe gegeben: die weiße Bluse, das grüne Dirndl, den rosafarbenen Rock mit Blümchenmuster aus dem hintersten Winkel des Bauernschranks gezerrt. Sogar ein gelbes Bändchen hatte sich Irmi in das zum Zopf gebundene Haar geflochten. Das Bier würde nur so aus den Zapfhähnen schießen, der Appetit auf Schweinshaxen und Zigeuner-Spießchen riesig, das Trinkgeld dementsprechend üppig sein. Noch hatte Irmi Zeit, um die Boazn-Bagage, die sich in ihren speckigen Garnituren um den Stammtisch geschart hatte, auf Touren zu bringen. Das mit animalischen Grunzlauten unterlegte Geknurre mochte bei einem des bayerischen Idioms unkundigen Beobachter den Eindruck erwecken, dass eine Horde Neandertaler die letzte Eiszeit unbeschadet überstanden hatte. Aus heiserer Kehle krächzte der Buchwieser Wigg: »I sog oiwei gegga an Misthaufen kannst ned ostinga!« Der zweite im Bier-Bunde, der Unterleitner Rudl, nuckelte an seinem Glas: »Es ist doch so: Gschlampert macht wampert, das ist ein Gesetz der Natur!« Angesichts dieser tiefgründigen Stammtisch-Weisheiten mochte Trachtenträger Nummer Drei, der Glaserer Gustl, nicht zurückstehen: »Wie beim berühmten Satz des Pythagoras, von nix kummt nix.« Der Vierte in der Zecher-Runde, ein vierschrötiges Mannsbild vom Format des Riesen Goliath, meckerte wie ein Ziegenbock: »Das ist eine Sentenz von Sokrates. Dich haben s’ auch mit Semmelbröseln aus’m Woid rausgelockt.« Unterleitner hatte unterdessen sein Glas geleert und kniff die Kellnerin ungeniert ins gut gepolsterte Hinterteil: »Ah, du Hirnbeiß! Das ist das Paradoxon des Diogenes! Sei so guad und bring mir noch ein Helles!« Irmi rüffelte den ungehobelten Lackel: »Nimm deine dreckerten Pratzen weg, alter Saubär!« Irmi schlug einen geschäftsmäßigen Ton an: »Noch was? Dann muas i ned zwoamoi roaffen!« Die Antwort kam wie aus einer Kehle: »Zwei Halbe Dunkle und ein Weißbier!« Der Riese mit dem Körperbau eines Gorillas, der Wachtveitl Hias, feixte vergnügt: »Dei Vater war a Bräuross ha, i moan bei dem broaden Oarsch?« Die Malz-Matz war nicht auf den Mund gefallen. Mit gekonntem Hüftschwung zeigte sie den Boaznbrüdern ihre rückwärtigen Reize: »Red du nur, du aufgestellter Mausdreck! Erbsen, Bohnen, Linsen – lassen des Oaschal grinsen!« Drei der Stammtischbrüder glucksten, als ob jemand einen zotigen Witz gerissen hätte. Der Wachtveitl Hias murrte griesgrämig in seinen Prinzregenten-Gedächtnisbart: »Weiber sterben is koa Verderben, Vieh verrecka, des ko schrecka!« Es war wie mit Yin und Yang, Tag und Nacht. Eine ewige Polarität, die die Funken fliegen ließ. Ein Scheitl allein im Kamin aber brannte schlecht.
An Tisch Nummer fünf ging es beileibe nicht so zünftig und fidel zu wie bei den Boaznbrüdern nebenan. Vier Männer saßen schweigend da, ihre Mienen so unergründlich wie die bayerische Seele. Verstohlene Blicke suchten in den Gesichtern ihrer Mitspieler zu lesen. Kryptische, wie von einer Codiermaschine verschlüsselte Sätze waren zu vernehmen: »Auf die Bumms!«, »Den pack i dant!«, »Mit der Oidn, bist gut ghoitn!«, »Hau a Pfund nei!« Das Schafkopf-Vokabular war nur jenen vertraut, die in die Mysterien von Ober und Unter eingeweiht waren. Schafkopf war kein Kinderspiel, nein! Hier wurde die hohe Kunst des Kartelns zelebriert. Jeder der vier suchte zu ergründen, wie es um das gegnerische Blatt bestellt war, welche Trümpfe der Vordermann in der Hinterhand hatte. Den Blauen, den »Alten« gar? War er farbfrei, in Schellen, in Eichel? Dem Habichtsblick eines erfahrenen Zockers entging nichts, kein Zucken im Mundwinkel, kein Zeichen des Zögerns und Zauderns. Es galt die Absichten des Gegners zu erahnen, im richtigen Moment einzustechen, um mit einem Stich möglichst viele »Augen« einzustreichen. Eine Sau zählte 11, der Zehner 10, der König 4, ein Ober 3, ein Unter 2 Augen. Die »Luschen«, also Neuner, Achter und Siebener waren »Nullen«. 120 Augen respektive Punkte waren im Spiel, mit 61 war der Sack zu. Und allein darum ging es.
Fair Play war am Kartentisch verpönt, da ging es derb und deftig zu. »So eine Sudsau, so eine verreckte!«, »Abgestochen hätte die Sau gehört!«, »Die Farbe musst du nachspielen, du Trottel!« Das Meckern, Schimpfen und Granteln gehörte einfach zum bayerischen Naturell. Sepp Sonnleitner war ein Parade-Bayer und ein ausgebuffter Kartenfuchser dazu. Schafkopf und Tarock waren für Sonnleitner das, was für Okkultisten und Nekromanten das Tarot war. Mit Argusaugen verfolgte er das Spielgeschehen. Sein Bordcomputer lief auf Hochtouren. Ein eingefleischter Kartler wusste stets, wie viele Punkte bereits vergeben waren. Sein Nebenmann stupste ihn unter dem Tisch an. Ein sicheres Zeichen, dass sein alter Spezl Vitus »Veitl« Rabensteiner ein mieses Blatt hatte. Bei ihm sah es indes nicht besser aus. Fortuna war ihm nicht gewogen. Er lugte zu Rabensteiner hinüber, der wie aus dem Landei gepellt war: kuhbraune Lederhose, blau-weiß kariertes Hemd, samtschwarzes Gilet mit rot paspelierten Taschen, fichtengrüner Trachtenhut mit Band und Kordel. Von der Statur her glich Rabensteiner einem Sumo-Schwergewichtler. Mit seinen Bären-Pranken, den muskulösen Oberarmen und dem Brustkorb eines Zugochsen flößte er jedem potenziellen Gegner Respekt ein. Zweifelsohne war Veitl ein beeindruckendes Exemplar der Gattung Homo Alpiniensis. Doch da war mehr Schein als Sein. Rabensteiner mochte den Macho-Macker geben, doch daheim hatte er nichts zu melden. Da hatte seine Gemahlin Irina, eine ebenso rassige wie streitlustige Wolgagermanin, die Hosen an. Zu allem Überfluss hatte Madame Rabensteiner beschlossen, ihren Gatten vorerst von Tisch und Bett zu verbannen. Veitl war »auf Bewährung« und logierte draußen im Gartenhäuschen. Die häusliche Situation war also suboptimal und der Druckkessel drohte zu platzen: »Was ist jetzt, Erwin? Wird das heut’ noch was oder scheißt dir in die Hosen?«
Ehgartner ließ solche Verbalinjurien nicht unkommentiert. »Geduld ist die Mutter vom Gulasch. Wir sind hier nicht beim Watten oder Grasobern. Das richtige Anspiel will wohlüberlegt sein.« Das hämische Grinsen schürte in Sonnleitner die Befürchtung, dass der niederträchtige Loden-Loder ein Bombenblatt hatte. Ehgartner war listig wie ein Fuchs, gerissen wie ein Waschbär und nachtragend wie ein Elefantenbulle. Mit seinem Stiernacken, den walzenförmigen Wadeln und dem grellrot glasierten Sauschädel sah er aus wie der Zwillingsbruder der bayerischen Polit-Ikone FJS. Sein vulkanisches Temperament und sein Jähzorn waren gefürchtet. Zumal er ohne Umschweife mit der Zielstrebigkeit eines Presslufthammers in den »Infight« ging.
Kartler Nummer vier riskierte eine dicke Lippe: »Ist dir der Erzengel erschienen oder hast grad dein Damaskuserlebnis? Ich hätt’ ein Spiel!«
Ehgartner mimte den jovialen, vor Selbstgefälligkeit strotzenden Großbauern. »Schaut schlecht für dich aus, mein Freund. Ich sitz vorn!« Sepp Sonnleitner scannte zum wiederholten Mal seine Karten, doch sie wurden nicht besser. Zwei Säue, der Herz Zehner, zwei Könige, drei windige Luschen. Trümpfe – Fehlanzeige. Obendrein war die Gras Sau blank, das sah nicht gut aus, gar nicht gut. Ohne das nötige Kartenglück war beim Schafkopf kein Sauschwänzchen zu gewinnen. Sonnleitner schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass sich der Herrgott seiner erbarmen möge und den Kelch an ihm vorübergehen ließ. »Wenn nix weiter geht, werfen wir zusammen.«
Doch die Rollen waren wie die Trümpfe klar verteilt. »Ich spiel – oder hast was dagegen, Erwin?« Der vierte Mann wurde langsam ärgerlich. Sepp ahnte Schlimmes. Wie es aussah, hatte der Bursche einen astreinen Wenz – bei dem nur die Unter Trumpf waren – auf der Hand.
Der Neue in der Runde war der hagere, habgierige Typ. Sein Raubvogelgesicht, der lauernde, tückische Blick verhieß Ärger. Das kehlige K, das rollende R deuteten darauf hin, dass der beutegierige Berg-Bajuware aus dem südlichen Nachbarland stammte. Sepp hielt nicht sonderlich viel von ihren »Stammesverwandten«. Hinterfotzige Hinterwäldler, deppengesichtiges Diebsgesindel. Und heute plusterten sich die Speckknödelfresser wie die Gockel am Misthaufen auf, nur weil sie dank Pickerl und Pulverpisten zu Geld gekommen waren. Wie ein typischer Vertreter der alpinen Zipfelklatscher-Zunft sah der Großkotz allerdings nicht aus. Handgenähte Lederlatschen, haselnussbraune Flieger-Jacke mit Pelzkragen, moosgrüne Cargohose im Casual-Look. Fehlte nur noch die verspiegelte Ray Ban. Sonnleitner suchte sein Heil im Small Talk: »Wo bist denn her, aus Innsbruck oder von Kitz drüben?«
Die coole Cargohose grinste nur herablassend: »Willst mir eine Ansichtskarte schicken, oder was?«
Ehgartner kicherte wie ein Ziegenbock: »Hofergasse 1 A, haha!«
»Nix für ungut, Salute!« Der unverschämte Kerl, den Ehgartner als »guten Geschäftsfreund und aufrechten Patrioten« gebauchpinselt hatte, erhob das Glas zu einem Toast: »Auf uns, ein einig Volk und Vaterland!«
Ehgartner strahlte über beide Schlitzohren: »So ist es recht, Fichtner! Wir halten zusammen wie Pech und Schwefel! Wir sind von einem Schlag, schlagen mit geballter Kraft zu. Wir jagen dieses ganze Gesindel zum Teufel und holen uns unser Land zurück.« Wie die bilaterale »Kooperation« zwischen Bayern und Tirolern im Detail aussehen würde, darüber schwieg sich Ehgartner geflissentlich aus. Rabensteiner war wie erwartet – schließlich stammte die Sippschaft seines Vaters aus einem dieser finsteren Bergtäler – sofort Feuer und Flamme: »Bayern und Tirol, dass isch lei oans! Das ist unsere Heimat, die gehört uns allein. Ned den Negerwaschln.« Veitl spuckte gerne große Töne, zumal er zu Hause nichts zu gacksen hatte. Sonnleitner war kein Freund solch zweifelhafter Stammtischparolen. Er war bekennender Bayer und stolz darauf. Deswegen musste er mit seiner Weltanschauung nicht hausieren gehen. Extremismus, in jeglicher Form, war der falsche Weg. Und führte nur zu Hass und Unfrieden. Dass er sich mit ketzerischen oder gar rassistischen Äußerungen zurückhielt, hatte rein pragmatische Gründe: Er war Polizeibeamter, da war es allemal gescheiter, unter dem Radarschirm zu bleiben. Auch wenn er nicht im Dienst, sondern auf der Verliererstraße war.
Ehgartner gab sich einen Ruck. »Herz sticht! Heute ist Zahltag.«
Sonnleitner zischte: »Geh verreck, so ein Dreck.« Hilfeheischend schielte er zu Rabensteiner hinüber. Ihre Blicke kreuzten sich – ein Solo würde ins Geld gehen. Sepp Sonnleitner und Vitus Rabensteiner waren ein eingespieltes Tandem. Seit den Tagen, als sie auf getunten MZ Mopeds zum Grand-Prix-Rennen in Imola gedüst waren – in Nietenjacken, mit zwei Biertrageln und wenig mehr im Gepäck. Sepp und Vitus waren aus demselben Holz gedrechselt. Bayerische Eiche. Sture Dickschädel, die sich in die Haare kriegten und wieder aussöhnten. Aus ähnlich robustem Erbmaterial, doch nach Charakter und Physiognomie durchaus verschieden. Rabensteiner war etwas kräftiger, grobknochiger. In seiner Sturm-und-Drang-Zeit hatte er sich zum Kraftpaket hochgehantelt. Anfang 30 war er jedoch vom Barras-Beau zum Bundesgrenzschutz-Beamten mutiert und hatte gehörig Hüftspeck angesetzt. Bei Sepp hatte es nie zum Muskelmonster gereicht. Er taugte weder zum Athleten noch zum Asketen. Schon als Säugling hatte er mit wahrer Wonne an der Mutterbrust genuckelt. Später dann, im zarten Alter von fünf oder sechs Jahren, hatte der »Sepperl« die kulinarischen Schätze der heimischen Schmankerlküche entdeckt. Die Oma hatte ihren »Enkerl« mit Rindsrouladen, Kalbsnierenbraten, Rahmgeschnetzeltem, Strudel und Striezel verwöhnt. Von da an war es um ihn geschehen. Kalorienarme Grünkost seitdem vom Speiseplan gestrichen: Kaiserschmarren mit Weinbeerl, Krautnocken, marinierte Schweinshaxenscheibchen, Schmorbraten in Dunkelbiersoße. Die »kalorienarme« Kochkunst war ein Garant dafür, dass man nicht zum Knochengerüst abmagerte. In jungen Jahren war er durchaus ein fescher, wenn auch etwas untersetzter Bursch gewesen, vor dem kein Gipfel, keine Gämse sicher war. Erst nach der Heirat mit Vroni war er wie ein Germknödel auseinandergegangen. Liebe ging bekanntlich durch Magen und Gedärm. Ein Prozess, der langsam, quasi organisch vonstattengegangen war. Wie die Eichen im Wald hatte er Jahr um Jahr an Masse und Volumen zugelegt. Vor allem um die Leibesmitte. Bis sämtliche Hosennähte zu platzen drohten. Dieser Umstand hatte Veronika Sonnleitner dazu bewogen, den »gwamperten Uhu« rigoros auf Diät zu setzen. Wellfleisch, Wammerl & Co. wurden ersatzlos gestrichen. Die Fastenzeit hatte den gewünschten Effekt erbracht. Die Waage zeigte zehn Kilo weniger an als noch vor einem Jahr. Er war ganz »spitzig« im Gesicht, wie er fand, aber seine altgediente Lederhose passte wieder wie angegossen.
Erwin Ehgartner rieb seinen himbeerroten, von einem feinen Geäst kapillarer Blutgefäße durchflochtenen Zinken und strahlte über beide Schweinebacken. »Packt’s den Geldbeutel aus!« Seine Wieselaugen glänzten wie bei der Hennen-Hatz im Hühnerstall. Sonnleitner strich sich eine widerborstige Strähne aus der Stirn. Die dichten Brauen des Tirolers zogen sich erstaunt zusammen. Er bleckte eine Reihe perlmuttweißer Zähne und leckte sich die Oberlippe: »Herz Solo? Bist du dir da sicher? Da drauf spritz ich!« Sein Lächeln war so tückisch wie das eines Beutelschneiders, der einen Sack voller Dukaten in Griffweite wähnte. Eine schier unerträgliche Spannung lag in der Luft. Ehgartner reckte sein Doppelkinn kämpferisch vor: »Einen Stoß gibst! Sapperlot, du traust dich was, Bürscherl.« Jeder am Tisch wusste, was die Stunde geschlagen hatte. High Noon – Showdown! Erwin Ehgartner saß vorn. Er war also am Zug. Er hatte eine lauernde Haltung eingenommen und bellte wie ein speckschwartiger, übellauniger Seelöwen-Bulle: »Gras hat ein jeder, sogar der Allerbleder.« Dann drosch er den Gras Zehner auf den Tisch. Nun war es an ihm. Sepps graue Zellen fuhren Sonderschichten, exerzierten verschiedene Szenarien durch. Er äugte zum »Feind« hinüber und kratzte sich hinterm Ohr. Wo war die Lücke in seinem Blatt? Bei einem Solo gab es nur eines – Mut zum Risiko. Er zückte die Gras Sau – und kommentierte lapidar: »Willst du Haue, spiel die Blaue!«
Ehgartner lief puterrot an und brüllte wie ein Mastochse am Spieß: »So ein Mordsmassel! Zieht mir der Sauhund den Spatzen!« Wütend schlenzte er den blauen Achter quer über den Tisch. Der Tiroler orakelte so dunkel und doppeldeutig wie die Pythia von Delphi: »Das Glück vom Goaßpeterl ist das Pech der Marie!« Fichtner war Gras frei – und schmierte den Schellen Zehner. Die Sau brachte 11, die beiden Zehner jeweils 10 Augen, machte summa summarum 31. Die halbe Miete. Mit einem diabolischen Lächeln zückte Sepp eine weitere Lusche, die Schellen Sieben.
Rabensteiner jauchzte schadenfroh: »Feine Farbe. Schon blöd ha? Dein Freunderl aus Tirol ist frei – und ich hau ein Pfund nei!«
Ehgartners Gesicht war eine Grimasse wilder Entschlossenheit. »Ich ziehe euch Schafbeidlwaschern die Lederhosen stramm!« Beim Schafkopf ging es ums Ganze, um Gedeih oder Verderb, um Leben oder Tod.
Der Kampf der Titanen ging in die entscheidende Phase. Sie hatten 56 Augen am Konto. Fünf Augen noch – und der Sieg wäre ihrer! Ein Solo mit vier Laufenden plus Stoß – beim bloßen Gedanken daran wurde ihm schummerig. Der Parade-Patriot hatte sich verbissen gegen das drohende Debakel gestemmt und seine Trumpf-Flöte ausgespielt. Fünf Stiche in Folge gemacht, doch noch war er gerade mal Schneider frei. Ehgartner war ein Alpha-Tier, das gern groß auftrumpfte. Andererseits war er ein schlauer Fuchs, der wusste, wie man ein Hühnchen rupfte. Der letzte Stich würde der alles entscheidende sein. Hatte der Tiroler noch ein As im Ärmel? Im Eifer des Gefechts hatte Sonnleitner den Überblick komplett verloren. An sich unverzeihlich – doch in dieser Ausnahmesituation verständlich. Am Tisch war es totenstill wie im Leichenschauhaus bei der Autopsie. Es war so still, dass man eine Sektionsnadel hätte fallen hören. Sepp suchte in den Mienen seiner Mitspieler zu lesen wie eine Hellseherin im Kristallglas. Rabensteiner kaute unschlüssig auf seiner Unterlippe herum. Fichtners Gesichtsmuskeln zuckten unkontrolliert. Ehgartners Batzelaugen glänzten gierig. »Rück den Herz Zehner raus! Euch Bratwürste röste ich auf dem Kugelgrill.« Fichtners Finger krampften sich um die letzte Karte. »Kreuz Kruzifix, dieser oreidige Unterweltler sticht mir den Zehner ab!«
Um Ehgartners Froschmaul spielte ein schurkisches Lächeln, als er die Spielkarte mit den vier roten Herzen aufdeckte. »Die Herzsau, die Herren, und die sticht …«
Ein dumpfer, eigentümlich verzerrt klingender Knall. Ein Sirren, als ob Pfeile von einer Sehne schwirrten. Dann ein Ploppen, als ob man einen Korken aus dem Hals einer Bardolino-Buddel zog. Er war Jäger, er wusste, was die Stunde geschlagen hatte. Harter Stahl traf auf weiches Fleisch, ließ Knorpel und Knochen splittern. War dies das Ende, würde er gleich in den Hades hatschen? Müsste er nicht einen brennenden Schmerz verspüren? Müsste er nicht wie ein Ochs am Spieß brüllen, wenn sich die Kugel in ihn bohrte? Noch etwas machte ihn stutzig: Ein aus einem Gewehrlauf abgefeuertes Projektil legte 800 bis 1.000 Meter pro Sekunde zurück. Folglich musste das Geschoss ein anderes Ziel gefunden haben. Diesen vermaledeiten Tiroler Kaspressknödelfresser etwa? Ein unterdrücktes Stöhnen ließ ihn herumfahren. Ehgartner! Sein massiger Körper drehte sich wie ein Kreisel um die eigene Achse. Sein Gesicht war wie aus Wachs gegossen, die Lippen blutleer und bleich, die Augäpfel seltsam verdreht. Aus dem schwarzen Loch in seiner Brust quoll Blut. In einem verzweifelten Versuch, das Unvermeidliche hinauszuzögern, presste er beide Hände auf die Wunde: »Was passiert da mit mir? Um mich dreht sich alles …« Sonnleitner war wie paralysiert, unfähig, dem Sterbenden Trost zuzusprechen. Ehgartner hauchte: »Ganz entrisch ist’s mir zu Mut …« Ein konvulsivisches Zucken lief durch den schweren Leib, das Herz, die Atmung setzten aus. Der seidene Faden zerriss, das Röcheln erstarb. Sonnleitner war zur Salzsäule erstarrt. Um ihn herum lief alles wie in Zeitlupe ab. Stühle fielen um, geisterhafte Schatten huschten davon. Es war wie im Film, wie in einem Western, in irgendeinem Saloon. Das Klaviergeklimper erstarb, ein Stetson flog in den Staub, der Falschspieler kippte kopfüber auf den Poker-Tisch. Eine gezinkte Karte rutschte aus dem Ärmel seines grau melierten Jacketts. Ein Pik As. Ehgartner hatte verspielt. Der Boandlkramer die besseren Karten.
Gras Sieben
Die Gerstensaft-Genossen am Stammtisch spitzten die Luchsöhrchen. Vier Augenpaare spähten suchend umher. Rudl, Wigg, Gustl und Hias wechselten hastige Blicke. Auf ihren Gesichtern lag ein verwirrter, konsternierter Ausdruck. Die Gefahrenlage war offensichtlich. Rudl reagierte als Erster: »Sakrament, die schießen scharf. Obacht, obi!« Gustl schrie aus Leibeskräften: »Runter, macht’s die Schildkröte!« Die »Jägermeister« reagierten prompt. Mit einer Behändigkeit, die man den Zechköpfen so kaum zugetraut hätte, gingen sie im Schutz des Stammtisches in Deckung.
»Was hat der vor?«, zischelte Wigg.
»Dabei san ma grod so gemütlich z’sammghockt«, entrüstete sich Hias.
»Unsere Scheißpolitiker müssen ja auch das ganze Muslim-Gschmeiß reinlassen«, suchte Gustl die Schuld in Berlin zu orten.
Rudl hatte eine andere Tätergruppe im Auge: »Das ist gewiss so ein Bio-Puritaner, der uns die Schweinshaxen ned vergönnt!«
»Das Bier wollen s’ uns verbieten, diese Bionade-Zuzler«, stimmte Wigg in das Lamento ein. Um nicht unter die Rubrik »Kollateralschäden« zu fallen, verfolgte das Quartett die Geschehnisse aus der Krötenperspektive.
Die schmucke Kellnerin war von anderem Kaliber als die hasenherzigen Hopfenheroen. Ihr erster Gedanke galt dem zerbrechlichen Gefahrgut in ihren Händen, erst der zweite der persönlichen Unversehrtheit. Das mit Gläsern beladene Tablett kam leise klirrend auf der Anrichte zum Stehen, dann huschte Irmi hinter die nächstbeste Kastanie. Im Biergarten regte sich nichts. Kein Psycho lief mit abgesägter Schrotflinte Amok. Keine Schmerzensschreie gellten durchs Grün. Irmi dachte nach – es waren einige Schüsse gefallen. Drei oder vier. Danach war unter den Kastanien die Stille des Todes eingekehrt. Hatte der Attentäter den Rückzug angetreten? War die Gefahr gebannt? Eine unbändige Wut kroch in Irmi hoch. Diese schießwütige Schlammsau hatte ihr das Feierabendgeschäft vermasselt – und zwar gründlich.
Sepp Sonnleitner quälten ähnliche Fragen wie Irmi und die Zecher-Crew: Was führte dieser bleiwütige Irre im Schilde? Spielte er Katz und Maus mit ihnen? Sepp kauerte in seltsam verkrümmter Körperhaltung unterm Tisch. Lauerte dort draußen der Tod? Keine zwei Armlängen entfernt hielt Ehgartner Zwiesprache mit Petrus an der Himmelspforte. Sein Körper war in sich zusammengesackt, die Gliedmaßen unnatürlich verrenkt. Noch immer tröpfelte Blut von der Tischkante und formte einen kupferfarbenen Klecks im Kies. Kein erbaulicher Anblick. Er musste hier weg, musste die Initiative zurückgewinnen. Der Lindenwirt hatte hoffentlich die 110 gewählt und die Einsatzzentrale verständigt. Sein Handy lag dummerweise dort, wo es immer lag, wenn er es brauchte: im Handschuhfach seines Ladas. Wie er es in der Grundausbildung gelernt hatte, robbte er bäuchlings über den Boden.
Rabensteiner deutete wild gestikulierend zum Kirchberg hinauf: »Der Schütze hockt dort droben, am Friedhof! Da verwette ich meine geblümten Unterhosen drauf!«
»Da sitzt er doch wie auf dem Präsentierteller. An seiner Stelle hätte ich mich jedenfalls längst verzupft.«
Rabensteiners Kantkopf bewegte sich ruckartig hin und her: »Andererseits wartet er vielleicht nur darauf, dass wir unvorsichtig werden.« Sonnleitner dachte angestrengt nach, eine tiefe Furche teilte seine Stirn. Der Eintrittswinkel des Geschosses ließ nur einen Schluss zu: Der Schütze hatte sich oberhalb von ihnen befunden, hatte sich auf einem Dach oder einem Hügel postiert. »Was meinst«, raunte Veitl, »Entfernung 250 Meter?« Luftlinie wohlgemerkt.
»An die 300«, korrigierte er. Es war klar, was zu tun war. Schließlich waren sie erfahrene Waidmänner und keine heurigen Hasen. Sie würden einen Haken schlagen und von der ungeschützten Flanke her angreifen. Hätte es sich bei dem Opfer um einen Urlaubsgast oder gar einen Isar-Preißen gehandelt, hätte Sonnleitner dem Attentäter höchstens ein Glückwunschtelegramm geschickt. In diesem Fall aber hatte der Dreckrammel eine rote Linie überschritten. Erwin Ehgartner war von »ihrem Stamm«, ein Inn-Indianer – und seine Stammesbrüder würden ihn rächen.
Sepp sondierte die Umgebung – doch es war niemand zu sehen. »Hat sich der broadgfotzerte Tiroler dünn gemacht?«
Rabensteiners Zeigefinger wies auf ein schmales Holztürl: »Da ist er raus. Entweder hat er sich verdrückt oder holt Verstärkung.«
»Meinst etwa, dass da droben eine Schützenkompanie der Schluchtenscheißer im Hinterhalt liegt?«
Sepp legte nach: »Na, sag ich dir, die haben irgendein krummes Ding am Laufen. Und unser Sniper hat ihnen die Tour vermasselt.«
Rabensteiner strich sich um die Bartstoppeln: »Dein Sniper hat mehrmals gefeuert! Könnt’ also leicht sein, dass er zwei auf einen Streich erledigen wollt’.« Die Doppelmord-Hypothese klang durchaus einleuchtend, musste Sepp zugeben. Es war höchste Zeit, ihre Hypothese zu überprüfen. Sie spähten über die halbhohe Hecke, die den Biergarten zur Straße hin abschirmte. Sepp gab das Kommando: »Eins, zwei …« Auf Drei setzten sich die schwergewichtigen Racheengel in Bewegung. In geduckter Haltung folgten sie der wie mit dem Lineal gezogenen Buchsbaumreihe. Veitl klang besorgt: »Blattschuss. Du weißt, was das bedeutet?« Rabensteiner lieferte die Antwort gleich mit. »Präzisionsgewehr, Zielfernrohr mit integriertem Laser-Entfernungsmesser. Wenn wir da ins Fadenkreuz geraten …«
»Könnt’ aber auch sein, dass von drei Kugeln nur eine ins Schwarze getroffen hat. Dann hat er wohl in der Hektik den Zielpunkt im Visier nicht nachkorrigiert.«
»Möglich wär’s«, pflichtete ihm Rabensteiner grummelnd bei. Sie hechelten wie zwei asthmatische Bernhardiner, aber erreichten mit einem fulminanten Schlussspurt Rabensteiners Allrad-Wagen. Veitl überzeugte sich, dass die Karre fahrtüchtig war, nicht etwa ein Querschläger die Pneus geplättet hatte. »Sepp, sag ehrlich. Könnten wir nicht, ich mein …« Rabensteiner war kein Freund der leisen Töne, doch auf einmal klang seine Stimme seltsam zögerlich, ja ängstlich. »Hat es der Schafszipfel auf uns abgesehen?«
Sonnleitner lehnte an der vor Schmutz starrenden Geländekarre. Theoretisch war das durchaus möglich. Allerdings glaubte Sonnleitner nicht an Zufälle: »Die Frage ist doch die: wieso gerade heute, wieso gerade hier? Die Variable in der Gleichung ist dieser Fichtner!« Sepp beugte sich vor, wobei sein Kopf in eine leichte Pendelbewegung geriet: »Er ist der große Unbekannte! Niemand kennt ihn, außer dem Ehgartner – und der brummt im Fegefeuer drunt die Internationale.«
Vitus zwirbelte seine Nasenspitze: »Meinst du, dass unser Freunderl mit dem Attentäter unter einer Decke steckt? Und Ehgartner lässt sich von ihm in die Falle locken? Der Erwin, dieser durchtriebene Loder?«
Sepp grunzte unwillig: »Wir müssen irgendwas übersehen haben!« Er war doch Polizist und kein unbedarfter Schaukelbursch – doch ihm war nichts Ungewöhnliches, nichts Verdächtiges aufgefallen. Der Schafkopfabend in der »Linde« war »heilig«. Einmal im Monat ging es ausschließlich um Ober, Unter und Säue. Ihr »vierter Mann«, der Grasmaier Luggi, war gestern vom Radl und somit kurzfristig ausgefallen. Ehgartner hatte als Ersatzmann Fichtner angeschleppt und vorgeschlagen, bei dem schönen Wetter im Biergarten zu bleiben. Wie also hätte jemand die Tat planen und vorbereiten sollen? Was lief zwischen Ehgartner und Fichtner? Kannte der Tiroler den Täter? Und von welcher Art war diese »Bekanntschaft«? Sonnleitner wusste es nicht, er wusste nur, dass bei solch unübersichtlichen Gemengelagen höchste Vorsicht geboten war.
Fichtner war offenbar noch in der Nähe. Unter dem Japsen-Jeep mit dem Kennzeichen IL-TF 2 hatte sich ein Ölfleck gebildet. Diese Umweltsau, dachte Sepp unwillkürlich. Vom Parkplatz aus war der Hügel samt Kirche und Friedhof außer Sichtweite. Der Hang stieg auf der Nordseite steil an, von dichtem Gestrüpp bedeckt. Nach oben hin wurde das Terrain flacher, das Buschwerk wuchs sich zu einem Wäldchen aus. Die jungen Bäume standen dicht an dicht. Sepps Talente als Fährtenleser waren eher rudimentär ausgeprägt. Es konnte indes auch ein Laie erkennen, dass sich unlängst jemand durchs Gebüsch geschlagen hatte, um den Abhang zu erklimmen. Für einen Moment blitzte es am Rand des Dickichts auf. Die schräg einfallenden Strahlen mochten eine Glasscherbe oder ein Stück Metall gestreift haben. Sonnleitner vermutete allerdings, dass es sich um das Ziffernblatt eines Tag-Heuer-Chronometers handelte, der sich um Fichtners Handgelenk spannte. Was hatte der Tiroler vor? Wollte er in Wildwest-Manier die Sache selbst in die Hand nehmen? Oder bewegten ihn andere, finstere Motive? Sepp deutete auf eine Gruppe dicht stehender Fichten: »Das wird nix, da kommt er nicht weit, wenn er den Mörder aufhalten will.«
Vitus riss die Heckklappe auf. »Durch die Brennnesseln und Brombeerbüsche, mia gangst. Wir nehmen den Jägersteig, hinten rum.«
Sonnleitner fiel ihm in den Arm. »Moment. Was machen wir, wenn uns der Kerl auflauert? Oder wir ins Kreuzfeuer geraten.«
Rabensteiner wischte seine Bedenken beiseite: »Ah was, ich war zehn Jahr’ bei einer Spezialeinheit. Wir checken erst die Lage, dann schlagen wir gezielt zu. Wo hast deine Walther?«
»Wie jetzt, bin ich im Dienst?«
Rabensteiner winkte verächtlich ab. »Mei o mei, die Polizei! Stets für den Ernstfall gerüstet.« Wie ein Zauberer in der Manege schlug er eine graue Plastikplane zurück.
Sonnleitner staunte: »Saxendi, da schau hi!« Ein nagelneues Gewehr, Vollautomatik. So etwas bekam man nicht im Shotgun-Shop, noch nicht einmal im hintersten Redneck-Revier Texas.
»Gell, so etwas habt ihr Grünspargel ned. Da kommst du nur über Beziehungen ran.« Als SEKler a.D. wusste Rabensteiner, wo der Hammer hing.
Rabensteiners Waffenarsenal war beeindruckend: die Vollautomatik, ein Karabiner mit noblem Nussbaumschaft, eine doppelläufige Jagdflinte, stapelweise Notfallrationen, ein »Survival-Kit« zum Überleben in der arktischen Wildnis, inklusive Kampfmesser, Axt und Hackebeil. Veitl vollführte eine einladende Geste: »Keine falsche Bescheidenheit, bedien dich. Weißt, wir leben heute in unsicheren Zeiten. Wenn mir so ein Messerstecher an die Gurgel geht, dann putz ich den weg – und aus die Laus!« Genüsslich ließ Vitus die Verschlüsse eines Stahlkoffers aufschnappen – randvoll mit Patronen verschiedenen Kalibers. Genügend Munition, um gegen eine ganze Armee ins Feld zu ziehen. Fröhlich pfeifend stopfte sich Veitl die Taschen voll. »Stahlmantel, Bleispitze, Full Metal Jacket, wie die Amis sagen. Damit wuchtest du jeden Angreifer aus den Galoschen.«
»Sag mal, was machst du eigentlich abends in deiner Gartenlaube – lustige, lehrreiche Tierfilmchen anschauen, ha?«
»Ah, na! Ride or Die, Medal of Honor, Battle Heroes, dazu ein paar Halbe. Kulturprogramm für harte Hund’«, bekannte Rambo Rabensteiner freimütig.
Mit andächtiger Ehrfurcht strich Sepp über den kalt gewalzten Lauf der Präzisionswaffe, einer SIG 550: »Sauber, Schweizer Qualitätsarbeit.« Ein mokanter Unterton war nicht zu überhören: »Wozu brauchst du ein Infrarot-Nachtsichtgerät? Geht’s nachts auf Hasen-Hatz?«
Rabensteiner gluckste: »Bist neuerdings bei Pax Christi? Frieden schaffen ohne Waffen!« Bester Laune feixte er: »Alter Greenpeace-Groupie! Den Granatwerfer lassen wir da. Gegen weiche Ziele braucht’s des ned – aber mit so einer Sprenggranate knackst du jede Panzerlimousine.«
Sonnleitner wog das Gewehr in der Hand: »Ganz schön schwer. Eine handliche Glock hast ned«, motzte er.
Rabensteiner ließ nicht mit sich handeln. »Glock gibt’s ned. Da, nimm – Mauser 98. Oldie but Goldie. Damit hat schon mein Großvater die Gämsen aus der Wand gesäbelt.« Wie ein Lagerist bei der Inventur warf er ihm den dazugehörigen Ladestreifen zu: »Da, fang. Fünf Schuss Munition. Das muss fürs Erste langen!« Mit missmutigem Gesichtsausdruck schob Sepp die zylindrischen, flaschenförmigen Patronen ins Magazin des Karabiners. »Auf geht’s, Zugriff!« Veitl schulterte das Schweizer Schießeisen, die Jagd hatte begonnen.
Der Pfad mäanderte um das Dornengebüsch herum auf den Hügel. »Wir müssen weiter am Waldrand lang«, gab Vitus die Marschrichtung vor. »Der Tiroler is’ nirgends zu sehen.« Dieser Umstand bereitete Sepp allerdings Kopfzerbrechen. Dem hinterlistigen Zirben-Zipfel traute er alles zu. Und wenn sich der Mörder im Gebüsch herumdrückte? Vollgepumpt mit Adrenalin und zu allem entschlossen. Wie ein Trapper auf Puma-Pirsch schnaufte Rabensteiner vornweg, er hinterdrein. »Siehst schon was?«, japste Sonnleitner.
»Na. Da ist niemand, die hocken bei dem Wetter alle im Biergarten!« Wie im Lehrfilm für angehende Guerilla-Kämpfer hoppelten sie in geduckter Haltung durch den dunklen Tann. Die kurzläufige Waffe baumelte wie ein überdimensioniertes Amulett vor seiner Brust. Sepp war schweißgebadet, die schüttere Haarpracht klatschnass.
»Wieso ziehst du eigentlich das kracherte Trikot vom SV Tacherting nicht aus? Der Fetzen leuchtet doch wie eine Signalrakete«, stichelte Sonnleitner.
»Rot wirkt auf Frauen anziehend, du Bauernrammel. Eine männliche Farbe, die Mut, Opferwille und Macht ausstrahlt.« Mut und Macht – Sepp hätte am liebsten losgelacht. Wieso machte er nicht einfach kehrt – und überließ dem »Full Metal Man« das Feld? Rabensteiner war reif für Gabersee. Für die Diagnose brauchte man kein Psycho-Diplom.
Zugegeben: Rabensteiners Schlachtplan war simpel, aber hatte Hand und Fuß: von der Flanke her attackieren, den Gegner einkesseln und eliminieren. »Wir machen das wie der Napoleon bei Austerlitz«, hatte er vollmundig posaunt. Sepp hegte indes Zweifel bezüglich der taktischen Umsetzung. Ein Hohlweg trennte das bewaldete Gelände hinter, von der Viehweide vor ihnen. Die üppig wuchernden Büsche am Feldrain gewährten ihnen vorerst Sichtschutz. Rabensteiners Blick war nach vorne, auf ihr Angriffsziel gerichtet: »Da hockt der Feind. Zumindest ist er da gesessen.« Die Greinbacher Kirche machte sich auf einem lang gezogenen Wiesenbuckel breit. Bis zur Umfassungsmauer des Friedhofs, die, einer keltischen Wallanlage gleich, das Hügelplateau umgab, waren es 150 Meter. Durch offenes Gelände wohlgemerkt. Die Sonne verabschiedete sich langsam in den Feierabend, die Holzpflöcke des Weidezauns warfen lange Schatten. Ein friedliches Idyll: dottergelbe Frühlingsblumen, eine weichselbraungescheckte Rinder-Rotte, die sich durchs grüne Gras mümmelte. Die Glöckchen unter den faltigen Hälsen der Muh-Madonnen bimmelten vergnügt. Sepps Mund verzog sich zu einem schmalen Strich: »Du kennst doch den Film ›Gettysburg. 1863 – Pickett’s Charge‹. So kommt mir das hier vor. Jeder Blinde mit Ladestock nietet uns da draußen um.«
Rabensteiner entblößte eine Reihe fleckiger Zähne, die in maroden Molaren endete. In puncto Dentalhygiene lag da einiges im Argen. Kein Wunder, dass die Mädels nicht so recht anbissen. »Wir sind in Grainbach, nicht in Gettysburg. Wirst sehen, das klappt.« Rabensteiner strich sein rotes Laiberl glatt. Zur Not würde er selbst einem wütenden Stier die Stirn bieten.
Sonnleitner war ein gewiefter Hund, ein körndlgefütterter Isar-Irokese. Um ihr Ziel ungesehen zu erreichen, bediente er sich einer alpenindianischen Kriegslist. Auf leisen Sohlen schlichen sie durch die friedlich grasenden Bayern-Bisons. Die rindsrouladenförmigen Wänste boten den beiden »Kriegern« Deckung. Unaufhaltsam näherten sie sich dem Findlingsfelsen, der die keilförmig vorspringende Südecke des Friedhofs markierte. Doch auf den letzten Metern gab es keinerlei Deckung, keinen Baum, keinen Strauch, keine Kuh. »Und was machen wir jetzt, du Schlauberger?«, knurrte Rabensteiner.
Sepp suchte sein Heil als »Büffel«-Beschwörer: »Da vorn, schau, das grüne Graserl. Mmmh, fein, gutti, da gehst hin, gell!« Ein bayerisches Rindvieh ließ sich jedoch kein X für ein U vormachen. Das kurze, kümmerliche Gras, von Unkräutern und Disteln durchsetzt, lockte keine Kuh hinterm Heuballen hervor.
Rabensteiner knuffte den glücklosen Fleckviehflüsterer in die Weichteile: »Lass gut sein. Die Rindviecher sind so blöd ned, wie du Hornochs meinst. Ich sag: Riskieren wir’s!«
»Da rüber, ohne die geringste Deckung? Na, ohne mich. Taktischer Rückzug, sag ich.«
Rabensteiner bedachte ihn mit einem vernichtenden Seitenblick: »Von mir aus, checken wir erst die Lage.« Er warf sich der Länge nach ins Gras und lugte unter den prall gefüllten Eutern durch: »Da drüben rührt sich nix, schau selber.«
»Das ist ja gerade verdächtig! Eine unachtsame Bewegung – und piffalapuff. Abflug, sag ich«, raunzte Sepp.
Rabensteiner war nicht gewillt, klein beizugeben: »Wie denn? Keiner rechnet mit uns, das Überraschungsmoment ist auf unserer Seite. Du sprintest zu den Mäuerchen, ich geb dir Feuerschutz!« Ehe Sepp weitere Einwände geltend machen konnte, beendete Rabensteiner kurzerhand die Diskussion: »Jetzt hab dich nicht so, du Memme. Dir passiert schon nix.« Rabensteiner nahm die Mauer ins Visier und entriegelte den Sicherungshebel. »Los!«
Er riss die Waffe hoch und stanzte ein unregelmäßiges Lochmuster in den Abendhimmel. Sepp nahm seine kurzen Beine in die Hand und rannte um sein Leben. Jeden Moment vermeinte er, von einer Feuergarbe in Stücke gerissen zu werden. Doch niemand nahm ihn aufs Korn. Urplötzlich ließ der dumpfe Schlag einer Detonation den Boden unter seinen Füßen erbeben. Sonnleitner tauchte nach unten weg und legte eine bildsaubere Bauchlandung in einem frisch verlegten Kuhfladen hin. »So eine Scheiße, so eine verdammte«, fluchte er wie ein Fichtenfiaker. Das würde Ärger zu Hause geben, war sein erster Gedanke. Sein zweiter war, dass jemand eine Sprengladung zur Explosion gebracht hatte, um alle verräterischen Spuren des Anschlags zu beseitigen. Er hatte es geahnt, hatte die Gefahr gerochen! Rabensteiner, dieser trottelige Trotzkopf! Die Angst verlieh ihm Flügel.
Mit zwei, drei katzengleichen Sprüngen erreichte er seinen Mitstreiter, der mit dem Gewehr im Anschlag wie angewurzelt dastand. »Da droben ist alles ruhig, ha? Was ist denn dann bittschön grad’ in die Luft geflogen?«
Rabensteiner sah ihn mit dem wilden, wirren Blick eines Paranoikers an. »Es geht um uns, um unsere Heimat, verstehst? Das ist was Politisches! Der Ehgartner, ein eingefleischter Patriot, ein Wortführer der nationalen Bewegung, und jetzt – schau hin!« Sein Waffengefährte bewegte sich ruckartig wie eine mechanische Puppe. »Ein Fanal! Diese Volksverräter sprengen unser Oberländler-Denkmal.« Instinktiv fuhr Sonnleitner herum. Tatsächlich – eine dunkle Rauchsäule stieg zum weiß-blauen Himmel empor. Hatte ein Terrorkommando den bayerischen Löwen in die Luft gejagt? Vor gut hundert Jahren, noch zu Lebzeiten des Prinzregenten, hatte man zum Gedenken an die Gefallenen des Bauernaufstands anno 1705 ein Ehrenmal errichtet – dort, wo einer der Anführer des Aufstands, der legendäre Schmied von Grainbach, begraben lag. Seitdem thronte ein überlebensgroßer, in Kupfer getriebener Löwe auf einem Sockel aus Steinquadern. Den schwermütigen Blick in die Ferne, gen München gerichtet. Bei der Sendlinger Pfarrkirche waren die Oberländler Bauern in jener Blutweihnacht vor über 300 Jahren regelrecht abgeschlachtet worden. Von säbelschwingenden Mordbuben, in Österreichs Sold. Rabensteiner murmelte wie in Trance: »Dreinschlagen sag ich, die gehören plattgemacht, allesamt …!«
Sonnleitner brüllte ihn Löwen-like an: »Bist jetzt komplett plemplem? Steht die Rauchsäule etwa über dem Friedhof? Nein, sondern über Schönrain. Reiß dich gefälligst am Riemen! Wenn wir nicht sofort von hier verschwinden, machen die Achter klick und wir hocken als Tatverdächtige in U-Haft!«
Die braven Muh-Maiden deckten – ohne auch nur einmal Muh oder Mäh zu machen – ihren Rückzug. Kaum war der erste Schreck verflogen, widmete sich die Damenwelt wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Fettwerden. Sonnleitner entstammte einer weit verzweigten Bauernsippe, daher war er mit den Gewohnheiten der Wiederkäuer bestens vertraut. Mit gutturaler Stimme gurrte er: »Ruhig, Liesl, brav, Rosl, fein, Fleckerl.« Endlich hatten sie das schützende Wäldchen erreicht. Wie eine Kuppel spannte sich ein dichtes Nadelnetz über ihnen. Über denselben Weg, den sie gekommen waren, ging es im Ferkelgalopp bergab. Von fern heulten schon die Martinshörner. Mit Tatütata kam die Blaulicht-Kolonne angerauscht. »Wir müssen uns genau überlegen, was wir aussagen.« Rabensteiner klang kleinlaut: »Da darf es keine Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten geben.« Bei einem Mord dieses Kalibers würde die Kripo schweres Geschütz auffahren. Sie würden ein wasserdichtes Alibi brauchen – und zwar für die Zeit nach der Mordtat. »Unterm Rücksitz hab ich einen Fünfliterkanister gebunkert. Kerschgeist, selbst gebrannt, nur für Notfälle, weißt, zwecks dem posttraumatischen Stress und so.« In Sonnleitners Hirn formte sich ein Plan. Ein Plan von A wie Alibi bis O wie Obstler.
Eichel Sieben
Ewig grüßt das Murmeltier. Hauptkommissar Armin Reimers erlebte das, was man gemeinhin gern als ein Déjà-vu bezeichnete. Im Kopfkino flimmerte ein Streifen mit sich ähnelnden Szenen in Endlosschleife über die Großhirnrinde. Irritiert schloss er für einen Moment die Augen. Das sich munter drehende Bilderkarussell verlangsamte sich und die blitzlichtartig aufleuchtenden Momentaufnahmen verblassten. Das Gefühl, alles schon einmal durchlebt zu haben, war hochgradig verstörend. Ja, es war beängstigend. Es war, als ob er auf dünnem Seil über einen bodenlosen Abgrund balancierte – und jeden Moment abzustürzen drohte. »Es ist wie verhext, immer wieder das Gleiche in Grün. Wieso passiert das ausgerechnet mir!« Vielleicht war es an der Zeit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. Reimers hieb in einem Anflug von Jähzorn auf das Lenkrad ein. »Verdammter Mist, da wirst du ja jeck in der Birne!« Wie es ihm seine Yoga-Lehrerin eingetrichtert hatte, formte er eine Raute vor der Brust und atmete dreimal tief durch. »Ommmmm! Ene Mene muh!« Dann war er bereit. Er tastete nach dem Türgriff und wuchtete sich aus seinem Dienstwagen. Ein optisch unauffälliger Audi A 4 samt Turbo-Triebwerk und Tarnkennzeichen. Kein BMW, es musste schließlich nicht jeder gleich wissen, dass es sich um ein Kripo-Fahrzeug handelte. Der Kommissar blickte sich suchend um. Außer den zwischen den Einsatz- und Löschfahrzeugen herumwuselnden Feuerwehrleuten und den im Föhnwind schaukelnden Absperrbändchen gab es nicht wirklich viel zu sehen. So, das hier war also Grainbach. Die Luft war noch mild und der Abendhimmel von einem fast schon künstlich wirkenden ultramarinen Blau. Die Vorstellung, dass an diesem idyllischen Örtchen ein kaltblütiger Mord geschehen war, erschien ihm surreal. Und das am helllichten Tag. Zwei Kriminaltechniker in weißen Overalls und Plastiküberschuhen waren auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit der Sicherung von Tatortspuren beschäftigt. Mit der akribischen Sorgfalt eines Paläontologen klaubten sie mit Greifzangen Papierschnipsel, Kronkorken und Zigarettenstummel vom Wegrand – und verstauten alle möglichen und unmöglichen Beweisstücke in beschrifteten Folienbeuteln aus Polypropylen. Die mit ihrer Sisyphusarbeit beschäftigten Kriminaltechniker beachteten ihn nicht weiter. Reimers legte den Kopf schief. Der schöne Schein, die glatte Fassade wiegte einen leicht in Sicherheit. Professionalität, Erfahrung waren das eine, ein feines Gespür, ein ausgeprägter Jagdinstinkt das andere, was einen guten Ermittler ausmachte. Jeder Fall war anders gelagert, doch immer ging es im Prinzip darum, das feine Gestrüpp menschlicher Beziehungen und Verflechtungen zu entwirren. Sein Job erinnerte ihn manchmal an den eines Parapsychologen, der mit seinem Echolot geduldig die Untiefen der menschlichen Abgründe vermaß. »Als denn, werfen wir das Senkblei aus« – Reimers gab sich einen Ruck.
Die Sonne hatte ihm den Nachmittag über durchs Bürofenster zugelächelt – und um Punkt halb sechs hatte er den Schlussbericht zur Strafsache mit dem Aktenzeichen 605/Js 4711/16 eingetütet und an den zuständigen Staatsanwalt geschickt. Ein unbequemer, heikler Fall, bei dem im Hinblick auf Flüchtlingsdebatte und Terror-Hysterie ein Höchstmaß an Fingerspitzengefühl gefragt war. In der Flüchtlingsunterkunft Raubling war es zu einem gewalttätigen Übergriff gekommen. Die Täter hatten sie anhand der am Tatort gefundenen Spuren rasch überführt. Zwei irakische Asylbewerber hatten eine aus Eritrea stammende Frau in der Gemeinschaftsküche überfallen, zu sexuellen Handlungen genötigt und ihr schwere, wenn auch gottlob nicht lebensgefährliche Schnittverletzungen zugefügt. Akte zu, Klappe dicht. Ein Verfahren, mit dem sich keine Lorbeeren ernten ließen. Die Sackgesichter würden zu zwei, drei Jahren Haft verurteilt werden – und ihr Anwalt Berufung einlegen. Wenn alles so lief wie üblich, wären die beiden in gut einem Jahr wieder frei. Rechtsstaat nannte sich das – Reimers hatte den Gedanken verdrängt und sein Büro im dritten Stock des Polizeipräsidiums Oberbayern-Süd hinter sich verriegelt. Reimers war eben auf sein Rennrad gestiegen, als sein Handy läutete. Er hatte sich mit einem alten Freund von der Uni in einem Café in der Innenstadt verabredet – und sein erster Gedanke war, dass ihn Dirk um Absolution bitten würde, weil es »mal wieder etwas später« werden würde. Die im Fünfvierteltakt groovenden Triolen brachten ihn auf die richtige Spur. Das Dave-Brubeck-Quartett swingte in der Gesäßtasche seiner Cordhose. Da gehörte es definitiv nicht hin – und es bedurfte einiger spastischer Verrenkungen, bis er das Klingelteil am Ohr hatte. Ein schneller Blick aufs Display hatte ihn vorgewarnt – es war nicht Dirk, es war schlimmer: »Haberl ruft an!« Seine Miene hatte sich schlagartig verdüstert. Er mochte Magdalena Haberl, er schätzte sie als Mensch und als zuverlässige, wenn auch manchmal etwas hyperaktive Mitarbeiterin. Nur hier und jetzt war er nicht sonderlich erfreut, ihre immer etwas überdreht klingende Stimme zu hören. Er musste sich mächtig zusammennehmen, um nicht loszupoltern. »Ach nee, ein Mord, ein Attentat? Nach Feierabend, wie schön«, hatte er ins Telefon geknurrt, als er erfahren hatte, dass es »Arbeit« für ihn gab. Dabei hatte sich Reimers auf einen entspannten Abend gefreut – Dirk war ein echter Kumpel, mit dem man ein paar Bierchen zischen, sich genüsslich das Maul über den Werdegang früherer »Freunde« zerreißen und über die Absurditäten einer immer kränker werdenden Gesellschaft philosophieren konnte. Doch aus dem sozialphilosophischen »Kolloquium« würde zumindest heute nichts werden.
Sechs steinerne Stufen führten zur schmiedeeisernen Eingangstür hinauf. Er drückte dagegen und ein Flügel des Türchens schwang mit gequältem Quietschen auf. Der Friedhof von Grainbach war – wenn man das so sagen durfte – ein nettes, sonniges Plätzchen. Die Bewohner waren jenseits von Gut und Böse und schienen keinerlei Anstoß daran genommen zu haben, dass der Mordschütze ausgerechnet hier, an einem Ort des Todes, zur Tat geschritten war. Das Opfer, die persönlichen Daten hatte er gerade nicht parat, war nicht hier, sondern unten im Biergarten des Gasthofs »Zur Linde« gestorben. Die Befragung der Zeugen hatte er seinem Stellvertreter, Kriminaloberkommissar Pföderl, überlassen. Pföderl, den seine Freunde »Barthl« nannten, sprach dieselbe, ihm zum Teil unverständliche, Sprache der Einheimischen. Barthl war ein durchaus fähiger Kriminalbeamter, etwas störrisch, stur und eigensinnig, das ja, aber seinem Vorgesetzten gegenüber verhielt er sich loyal. Da hatte Reimers in seiner Zeit beim LKA in München ganz andere Fälle von Intrigantentum, Mobbing und Heuchelei erlebt. Mit seinen dunkelbraunen Locken, dem markanten Quadratschädel und einem fast südländischen Teint zählte Pföderl zu einem bestimmten Typus Mann, mit dem man verwegenes Draufgängertum und kaltblütige, kühne Entschlusskraft assoziierte. Wäre da nicht die sich unter der Trachtenjoppe abzeichnende Weißbier- und Schweinsbraten-Wampe gewesen, hätte man Pföderl durchaus die Rolle des unerschrockenen Wildschützen und Weiberhelden abgenommen. Reimers musste einräumen, dass der Mundart-Ausdruck »wuider Hund« respektive »Hundling« die Persönlichkeit seines zu unkonventionellen Ansichten neigenden Kollegen treffend charakterisierte. Sein Stellvertreter war in irgendeinem Kuh-Kaff aufgewachsen und wusste, wie die alteingesessenen Bewohner dieses Landstrichs tickten. Ein harter, rauer und verschlossener, wie es hier hieß »hinterfotziger« Menschenschlag, der sich nicht in die Karten schauen ließ. Bartholomäus Pföderl wusste diese dickköpfigen Kerle zu nehmen, er würde erfahren, was zu erfahren war.
Der Kommissar ließ sich Zeit. Um die besondere Atmosphäre des Orts, den Genius loci, einzufangen, schlenderte er mit der ruhigen Gelassenheit eines Friedhof-Flaneurs durch die sich vor ihm ausbreitenden Gräberreihen. Mit einem stummen Nicken grüßte er einen der Beamten des Erkennungsdiensts, der sich anschickte, im Umfeld eines frischen, mit Kränzen, Gebinden und Gestecken überhäuften Grabes nach einem Hinweis auf den Täter zu suchen. Sein Kollege stocherte derweil mit der Penetranz eines Penners in den Müllbehältern herum. Ihm fiel auf, dass der Kies bei jedem Schritt unter seinen Ledersohlen knirschte. Heimlich, still und leise konnte hier niemand herumschleichen. Reimers versuchte zu rekonstruieren, welchen Weg der Schütze genommen hatte, um möglichst unbemerkt zur Nordwestecke des Friedhofs zu gelangen. Dort war er hinter der halbhohen Einfriedungsmauer in Stellung gegangen, um den Biergarten der »Linde« ins Visier zu nehmen. Nummerntafeln kennzeichneten die wichtigsten Fundstellen. Die Spurensicherer hatten bereits jeden Quadratzentimeter abgegrast – nun war ein Fotograf dabei, jedes noch so winzige Detail auf den Speicherchip seiner teuer aussehenden Digitalkamera zu bannen. Nachdenklich strich er sich mit dem Zeigefinger über den dünnen Bartflaum auf seiner Oberlippe. Hatte der Täter das Gewehr dabeigehabt oder hatte er es bereits in der Nacht zuvor hier irgendwo deponiert? Keine 30 Meter entfernt erhob sich die Aussegnungshalle, ein schmuckloser Klinkerbau – und das ideale »Zwischenlager« für die Tatwaffe. Er rief einen der ED-Beamten zu sich: »Moser, sei so gut und schau dir das Gebäude genau an. Meine Vermutung geht dahin, dass der Täter die Waffe in Einzelteile zerlegt und da drin versteckt hat. In einer Abstellkammer, hinter einem Gemälde, unter einer Leichenbahre, was weiß ich. Schau dir auch die Holzverkleidungen und Paneele an.«
»Herr Kommissar, wenn es da drin etwas zu finden gibt, finde ich es.« Moser, ein Mann von mittlerer Größe und rundlicher, untersetzter Statur, watschelte von dannen. In seinem unförmigen Schutzanzug sah er aus wie ein Michelin-Männchen.
Bei einem Schwerverbrechen ging man nach dem erprobten Muster vor – einem hundertmal durchexerzierten Ablaufplan. Das Prozedere war immer das gleiche. Die Aufgaben waren klar verteilt, die Zuständigkeitsbereiche fest umrissen, die Arbeit weitgehend Routine. Ein Schauspiel, das stets in derselben Besetzung über die Bühne ging: Da war der Gerichtsmediziner, der mit kühler Distanziertheit die Leiche auf Spuren von Gewaltanwendung hin untersuchte, der Staatsanwalt, der mit genervter Miene auf und ab stolzierte und per Handy Rücksprache mit dem ermittelnden Richter hielt, die Mitarbeiter der Kriminaltechnik, die Sessellehnen, Bierkrüge und zur Not auch Grabsteine mit Rußpulver bepinselten, um anschließend die Fingerabdrücke per Klebefolie abzunehmen. In gebührendem Abstand zu den Hauptdarstellern war die Komparserie im Einsatz: Sanitäter, Feuerwehrler oder die Jungs vom THW vermittelten stets den Eindruck geschäftiger Betriebsamkeit. Einzig und allein die vom Büro der Kripo verständigten Bahrenschubser hatten es nie sonderlich eilig. Ihr Fahrgast lief ihnen nicht davon. Als leitender Ermittler erteilte Reimers die Regieanweisungen, um die ganze Szene so realistisch und überzeugend zu inszenieren, als ob ein Filmteam mit von der Partie wäre. Unvermittelt musste er grinsen. Jeder »Tatort«-Kommissar hatte sein Script, seine Dialogzeilen, nur er musste sein Drehbuch erst noch schreiben.
»Ah, da sind Sie ja, Monsieur Le Commissaire!« Eine schlanke, schlaksige Gestalt hechelte im Triathleten-Tempo den Steilhang an der Nordseite des Hügels herauf und hüpfte mit der etwas hüftsteifen Eleganz einer aus der Übung geratenen Hürdensprinterin über das Friedhofsmäuerchen. Trotz der modischen, mit einigen Abstrichen in der B-Note nahezu perfekt sitzenden Wanderkluft wirkte ihre Junior-Kommissarin stets so, als ob sie nur notgedrungen »Räuberzivil« trug und einer schick geschnittenen Ausgehuniform eindeutig den Vorzug gegeben hätte. Ihr Blondschopf war kurz geschnitten, die kurzärmelige Outdoor-Bluse und die eng anliegende Stretchhose betonten ihre sportliche, aber durchaus weibliche Figur. Marie-Rose Duroc umgab eine burschikose und doch feminine Aura, die sie auch heute mit einer feinen Parfumnote betonte. Mit ihren weich modellierten Gesichtszügen und dem kleinen neckischen Grübchen am Kinn sah »Rosi« aus wie das flotte, vielleicht noch etwas naive Mädel vom Land. Doch der erste Eindruck täuschte gewaltig. Die Co-Produktion eines auf Eichenholz-Restaurierungen spezialisierten bretonischen Schreiners und einer aus dem Inntal stammenden Vergolderin und Fassmalerin hatte es faustdick hinter den Ohren. In einer lässigen Geste erhob sie ihren Arm zum Gruß. Kriminalkommissarin Duroc war seit knapp zwei Jahren Teil der Abteilung K 1 der Kriminalpolizeiinspektion Rosenheim. Reimers hatte keinen Grund zur Klage, seine »Neue« war weder launenhaft noch kapriziös. »Rosi« war die Gewissenhaftigkeit und Beharrlichkeit in Person, diszipliniert, zielstrebig und umsichtig. An ihrer fachlichen Kompetenz war nichts auszusetzen. Mit ihr hatte er eine akribisch arbeitende Ermittlerin an seiner Seite, die mit unermüdlichem Bienenfleiß Unterlagen und Datenbanken durchforstete, Zeugen befragte und sämtliche relevanten Fakten wie die Teile eines Puzzles zusammentrug. Das Einzige, was ihr noch abging, war die berühmte »Spürnase«, der siebte Sinn, die kriminalistische Intuition, die vielleicht so weiblich nicht war. Sie sprühte förmlich vor Tatendrang: »Guten Abend, Chef. Tatort Friedhof – mal was Neues. Ich möchte nicht pietätlos erscheinen, aber eigentlich könnten Sie den Toten gleich da drüben aufbahren.« Kommissarin Duroc neigte ihr blondgelocktes Haupt in Richtung Leichenschauhaus.
»Nun, erst mal muss unser Kunde noch unters Messer. Auch wenn Todesursache und Todeszeitpunkt ja festzustehen scheinen.« Es sollte jovial und zupackend klingen – kam aber eher abschätzig und von oben herab daher – so schob er hastig nach: »Den Meldedaten nach kommt das Opfer aus einem Nachbarort, Rauholzen. Er wird also kaum hier beerdigt werden, das wäre dann doch ein wenig, hm, makaber.« Die Kriminalkommissarin nickte mechanisch – schien ihm aber nur mit einem Ohr zugehört zu haben. »Der diensthabende Gerichtsmediziner Doktor Bruckmann hat die Leiche untersucht. Tödliche Schussverletzung, unzweideutig. Das Projektil hat, wie sagt man, ins Schwarze getroffen und das Herz perforiert, ja zerfetzt.«
Zwei dunkelblaue Augen mit einer Schattierung ins Grünliche blickten ihn fragend an. »Und die Spurensicherung, haben die schon was für uns?«
Seine Untergebene musste ein hämisches Grinsen unterdrücken. »Ein Biergarten als Tatort, das ist für unseren Ober-SpuSi doch ein gefundenes Fressen. Optimale Arbeitsbedingungen, massig Spuren, noch frisch und bestens konserviert. Ein wahres Schlaraffenland, wenn ich ihn zitieren darf.« Orterer, den Leiter der KTU, würde er sich später noch vorknöpfen.
Reimers blickte sich misstrauisch um, so als ob er jeden Moment einen Angriff aus dem Rückraum befürchtete. Nun, es half alles nichts, er musste das leidige Thema anschneiden: »Was ist mit dem Staatsanwalt, hat er schon das Go gegeben? An einem Tod durch Fremdeinwirkung kann wohl kein berechtigter Zweifel bestehen.« Über Durocs weichgezeichnete Wangen huschte ein Schatten. Wie jeder aufrechte Kripo-Beamte stand sie auf Kriegsfuß mit den Herren und Damen in ihren mit Samt besetzten, schwarzen Roben. »Ehe ich’s vergesse, Doktor Knittelbeck wünscht Sie umgehend zu sehen – offenbar besteht Gesprächsbedarf.« Seine Gesichtszüge verhärteten, seine Haltung versteifte sich. Ausgerechnet Knittelbeck – dieser überkorrekte, pedantische Korinthenkacker. Das bedeutete zweierlei: Ärger und Überstunden. »Und die Fahndung ist raus, nehme ich an? Haben wir schon eine konkrete Spur?«
Duroc hatte ihre Hausaufgaben gemacht und schnarrte wie ein bretonischer Polizeioffizier: »Fahndung läuft, mon Commissaire. Wir suchen nach drei verdächtigen Personen – mögliche Tatzeugen! Und nach einem Wagen – wahrscheinlich mit Tiroler Kennzeichen! Überdies haben wir einen anonymen Hinweis aus der Bevölkerung erhalten.«
Reimers blickte überrascht auf – das war weit mehr als erwartet. Wieso hatte Duroc nicht gleich erwähnt, dass es eine heiße Fährte gab? »Wissen wir, nach was wir suchen, Marke, Modell?«
»Die Ringfahndung steht – aber wir haben verdammt wenig. Nur den vagen Hinweis, dass es sich bei dem gesuchten Fahrzeug um einen Geländewagen handeln … könnte.«
Sein Jagdinstinkt war nun vollends erwacht. Reimers schielte aufs goldumrandete Ziffernblatt seiner Armbanduhr. »Wann kam der Notruf rein? Vor einer Stunde?«
Durocs Blick war hellwach – sie hatte verstanden. »Moment, Chef.« Sie wischte auf dem Display ihres Tablet-PCs herum. »Hmm, per Teamwire kam nichts rein, komisch.«
In Momenten wie diesen nervte Reimers die stets um penible Korrektheit bemühte Art seiner Kollegin. Ungeduldig knurrte er: »Vergiss die exakte Uhrzeit! Seit wann wissen wir von der Karre – und von wem kommt die Info?« Duroc blätterte hektisch in ihrem Notizblock, schlagartig entspannte sich der Ausdruck auf ihrem Gesicht: »Da, ich hab’s. Um 17 Uhr 52 kam der erste Notruf rein. Es hat immerhin 15 Minuten gedauert, ehe die erste Streife vor Ort war.«
»Scheißfeierabendverkehr«, warf Reimers ein.
»Einer der Zeugen will einen Offroader gesehen haben, der mit quietschenden Reifen davonfuhr. Da könnte durchaus eine Koinzidenz bestehen.«
Und ob es da einen Zusammenhang gab – Reimers war sich sicher. »Woher wissen wir das mit dem Tiroler Nummernschild?«
Eine tiefe Querfalte furchte Durocs Alabasterstirn – ihre Miene glich der eines asiatischen Denkers, der nach einer Antwort auf die Frage nach dem finalen Sinn des Lebens suchte. »Das ist merkwürdig, Chef.« Die junge Kommissarin blätterte eifrig in ihrem Stenoblock: »Das ist hier nirgends vermerkt. Die Kellnerin, Irmi irgendwie, hat die Leitstelle kontaktiert und einen Schusswechsel gemeldet. Dass es einen Toten gegeben hat, haben erst die Kollegen von der Streife bemerkt.« Langsam langte es ihm.
»Gut, das können wir alles später klären. Pföderl wird die Tatzeugen eingehend befragen! Kommen wir zum Punkt, bitte!« Duroc hob den Blick – und er meinte darin so etwas wie Unverständnis und Missfallen zu lesen. Doch sein rüder Befehlston zeigte Wirkung, seine Assistentin fasste sich kurz: »Sorry, Chef, aber die Geschichte ist reichlich verwirrend und kompliziert. Die beiden Polizisten haben als Erstes die Kellnerin und die vier anwesenden Stammgäste zum Tathergang befragt. Offenbar hat das Opfer mit drei anderen Männern Karten gespielt. Schafskopf, sagt man so?« Reimers seufzte – Poker, Blackjack oder Schafskopf, das war für die Ermittlungen wohl ohne Belang. »Zwei der Mitspieler waren so etwas wie Stammgäste und mit dem Opfer befreundet, ein Polizeihauptmeister aus Oberaudorf und sein Spezl, bis vor einigen Jahren bei einer Spezialeinheit, SEK oder so. Namen und Adressen haben wir. Der dritte Mann ist dagegen namentlich nicht bekannt – das ist der mit dem Tiroler Kennzeichen.« Reimers rang die Hände, doch die Kommissarin räusperte sich ausgiebig, ehe sie in verschwörerischem Ton fortfuhr: »Jetzt wird es dubios, ja mysteriös, Chef. Wieder fünf Minuten später, um …« Duroc holte sich in ihrem Notizblock die letzte Gewissheit: »… um 18 Uhr 13 erhielt die Leitstelle einen anonymen Anruf. Mit verstellter Stimme und in abgehackten Sätzen hat der Anrufer etwas von einem Amokschützen am Greinbacher Friedhof gefaselt. Der Täter sei mit einem SUV in silberner Metalliclackierung – einem Audi Q3 oder einem BMW X3 – unterwegs. Ohne Angaben zur Person zu machen, hat unser Informant, oder soll ich sagen Denunziant, das Gespräch beendet.«
Reimers blickte erneut auf die Uhr, das war vor einer Dreiviertelstunde gewesen. »Woher kam der Anruf, wissen wir das wenigstens?«
»Aus einer Telefonzelle am Bahnhof in Raubling.« Raubling? Das war mindestens 10 Kilometer von Grainbach entfernt. Der Kommissar fuhr sich mit einer fahrigen Handbewegung durch sein noch dichtes, mahagonibraunes Haupthaar. Langsam wurde es kompliziert: ein Geländewagen unten am Gasthaus, ein SUV oben bei der Kirche. Wie passte das zusammen? Es war unwahrscheinlich, dass ihnen der Nobelhobel oder der Furchenflitzer ins Netz ging – dafür war die Beschreibung zu unpräzise. Nur um auf Nummer sicher zu gehen, brummte er: »Und – haben wir eine Meldung hereinbekommen?«
Duroc hob ihre schön geschwungenen, rostbraun gefärbten Brauen: »Rien, Chef, malheureusement. Sämtliche Streifenwagen wurden umgehend alarmiert, Kontrollstellen an den Ausfallstraßen eingerichtet, die Verkehrsüberwachungscams im fraglichen Bereich haben alles aufgezeichnet. Nur ist nirgends ein SUV, auf den die Beschreibung passt, aufgetaucht. Und Tiroler Kennzeichen, nun ja, die sind bei uns zu Hunderten unterwegs.«
Reimers zuckte mit den Achseln: »Merci, Duroc, gut gemacht. Am Ende rast unser Freund in eine Radarfalle.«
Ein spöttisches Lächeln lag auf den nur leicht geschminkten Lippen seiner Junior-Partnerin. »Schön wär’s! Laisser pisser le mérinos.« Er würde Knittelbeck vorschlagen, die Errichtung einer Soko »Friedhof« oder »Kastanien-Killer« in Betracht zu ziehen. Sollte sich der Staatsanwalt darum kümmern, die notwendigen richterlichen Beschlüsse einzuholen und einige Leute zusätzlich auf den Fall anzusetzen. Arbeit würde es genug geben, sie würden das Zentrale Fahrzeugregister, das ZFZR des Kraftfahrt-Bundesamts, nach einem metallic-silbernen SUV der Marken BMW und Audi durchkämmen müssen. Knittelbeck würde auf der Suche nach einem in Tirol zugelassenen Allrad-Kübel bei den österreichischen Kollegen um Amtshilfe nachsuchen müssen – die würden sich bei den Piefkes bedanken. Doch der Staatsanwalt konnte warten. Ganz oben auf der Prio-Liste stand jemand anders: Fritz Orterer, der Herr der Unterwelt.
Die Ortsnetzstation mit der TH-Nummer 408158 hatte den Netzbetrieb eingestellt. Der Strom war weg – und mit ihm das Summen und Brummen. Eine verirrte Kugel hatte das elektronische Herz der Schaltanlage getroffen. Es hatte einen Kurzschluss gegeben und die Fertigbetonplatten des Häuschens hatten sich mit lautem Getöse in ihre Bestandteile zerlegt. Kiloschwere Betonbrocken lagen verstreut auf Feld und Flur. Zu Schaden gekommen war – der Jungfrau Maria sei Dank – niemand. Nur auf der angrenzenden Weide war eine werdende Muh-Mutter von einem Splitter am Gesäß getroffen worden. Heute würde wohl nur gestöckelte Milch aus ihrem Euter tröpfeln. »Klassischer Kollateralschaden, Herr Hauptkommissar«, konstatierte der zur Bewachung des Unglücksorts abgestellte Beamte. Den Schulterklappen nach war der rotwangige Gebirgs-Gendarm Polizeiobermeister. Dienstbeflissen lüpfte er das rot-weiß-rot gestreifte Flatterband – und Reimers schlüpfte unten durch. »Wissen Sie, wo der Leiter der Spurensicherung steckt, taucht er noch irgendwo hier herum?«
Der Mann in Grün zog vielsagend die Augenbrauen hoch: »Volles Programm. Das wird heut’ spät! Meinen Stammtischabend kann ich vergessen.«
Reimers blinzelte dem mindestens 1 Meter 95 messenden Hünen zu. »Mir geht heute ein Chablis Premier Cru mit blumigem Bouquet durch die Lappen. Und mit dem Sundowner an der Alm-Bar wird es erst recht nichts.«
»C’est la vie. Bis ich heimkomme, liegt meine Freundin auf der Couch und schnarcht gemütlich vor sich hin. Und nix wird es mit der wilden, zügellosen Sexorgie.« Der Polizist lachte glucksend – irgendwie war ihm der Bursche, der in seiner schlecht sitzenden Uniformjacke und den zu kurz geratenen Hosenbeinen nicht gerade eine »bella figura« machte, sympathisch. Um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, umkreiste Reimers das bis auf die Grundmauern zerstörte Gebäude im weiten Bogen. Die Entfernung zwischen dem Friedhof und der Trafo-Station, die jenseits der schmalen Straße lag, betrug Pi mal Daumen 70, höchstens 80 Meter. Der Schuss könnte also von dort drüben gekommen sein und einem fliehenden Fahrzeug gegolten haben. Doch die Kugel hatte ein anderes, unbewegliches Ziel gefunden. Reimers zwängte sich durch eine buschige Hecke und besah sich das Trümmerfeld aus der Nähe. Einer der beiden Schutzanzugträger wühlte geschäftig in dem wirren Durcheinander aus Schalttafeln, Verteilerkästen und bunten Kabelsträngen herum. Alles, was nur entfernt nach einem Beweisstück aussah, wanderte in einen Plastikbeutel mit Zip-Verschluss. Jedes Tütchen bekam einen Aufkleber, der steckbriefartige Informationen zu Fundort und Art des Beweisstücks enthielt. Die andere Gestalt von eher kleinem, um nicht zu sagen zwergenhaftem Wuchs kratzte mit einem spitzen Gegenstand, einem Schraubenzieher oder Stechbeitel, an einem verbogenen Kunststoffblech herum. Unter dem maßgefertigten Schutzanzug zeichnete sich die Wölbung eines stattlichen Ranzens ab, der darauf hindeutete, dass der Spurensucher kein Kostverächter war. Das Zwetschgenmandl, wie man kleinwüchsige Männer hierzulande abklassifizierte, war niemand anders als der Leiter der Kriminaltechnik, Fritz Orterer. Dieser wandte sich an seinen ihn um zwei Köpfe überragenden Kollegen und deutete mit kurzen Stummelärmchen aufgeregt auf einen unförmigen Mauerbrocken, unter dem irgendein Plastikteil begraben lag. Hatte sein Luchsauge etwas erspäht?
Es war Zeit, an die Pforten der Unterwelt zu pochen. Er kletterte über einen Schuttberg und stützte sich am Skelett der Außenmauer ab. »Schönen Abend, na, pickt ihr euch die Rosinen aus dem Gugelhupf? Was gefunden?«
Orterer blickte überrascht vom Objekt seiner Begierde auf – ein Lächeln huschte über seine Wulstlippen. »Nur ein paar zerdepperte Überreste der Belüftungsklappen.« Wie ein Reck-Turner schwang er seine Bonsai-Beinchen über den Betonklumpen und hob die behandschuhte Rechte. Die Haube des Schutzanzugs klappte nach hinten und darunter kam ein, vom Haarkranz am Hinterkopf abgesehen, kahler Schädel zum Vorschein. Der Zwillingsbruder von Danny de Vito war sichtlich erfreut, ihn zu sehen. »Ah, Herr Kommissar. Welch Glanz in meiner bescheidenen Hütte. Was führt Sie zu mir?«
Reimers machte ein überraschtes Gesicht: »Die Pflicht, was sonst! Die Wahrheit ist’s, die ich zu ergründen suche!«
Orterers Adamsapfel hüpfte vergnügt auf und ab. »Un peu de patience, die Nornen spinnen noch an des Schicksals Fäden.« Ehe Reimers reagieren konnte, schob der Gnom sein Kinn vor. »Sie wollen wissen, wie ich die Sache sehe, deswegen kriechen Sie hier im Dreck herum, erraten?«
Wie ein überführter Missetäter kratzte sich der Kommissar an einer schorfigen Stelle am Hinterkopf. »Eine Rekonstruktion des Tathergangs wäre schon hilfreich.«
»Nun denn.« Der Bericht des Spuren-Spezis war eine Aneinanderreihung kurzer, stakkatoartiger Sätze. »Der Schütze schraubt seine Waffe zusammen, kauert hinter der Friedhofsmauer. Er steckt sich eine Kippe an, Asche rieselt herab. Er legt das Gewehr neben sich in den Kies, späht über den Rand des Mäuerchens. Das Zielobjekt sitzt nichts ahnend im Biergarten – wie festgenagelt, praktisch! Er klappt das Visier hoch, stützt sein Gewehr ab, kneift die Augen zusammen und – kawumm. Meine Leute haben drei Patronenhülsen, Jagdmunition, Standard-Kaliber, eingetütet – was folgt daraus?«
Reimers hüstelte in seinen schütteren Spitzbart. »Der Täter hat dreimal gefeuert – aber nur einmal getroffen.«
Orterer schnaufte kurzatmig. »So ist es. Ein Projektil steckt im rechten Hinterreifen eines vor dem Gasthof parkenden Fiat Punto. Der Rostkübel gehört einem Matthias Wachtveitl, vierschrötiger Typ, Marke Räuber Hotzenplotz. Eine Kugel geht ins Blaue. Aber aller guten Dinge sind drei – die Dritte sitzt, die Pumpe platzt. Was folgern wir daraus?« In Orterers Augen blitzte der Schalk.
Reimers strich sich ums spärlich behaarte Kinn. »Da sehe ich zwei Alternativen. Entweder wir haben es mit einem Sonntagsschützen zu tun, der einen Zufallstreffer landet. Oder einem Profi, der uns nach Strich und Faden verarscht.« Die Äugelein des KTU-Leiters verengten sich zu zwei schmalen Schlitzen. »Ein Täuschungsmanöver? Scusi, das halte ich für abwegig. Unser Attentäter war hochgradig nervös. Er hat die Tat zwar von langer Hand geplant, aber stümperhaft ausgeführt.« Der Kommissar schniefte, es war merklich kühler geworden. Er fror in der leichten, luftigen Freizeitkluft – er hätte sich eine Strickjacke um den Hals schlingen sollen. »Sie hören sich ja schon an wie der Großneffe von Hercule Poirot.«
Orterer verzog keine Miene, der spöttische Unterton in seiner Replik war allerdings unüberhörbar: »Wir liefern die Fakten, die Kripo den Täter ans Messer! Es ist Ihr Job, die richtigen Schlüsse aus der vorliegenden Kausalkette zu ziehen.« Orterer hatte seine Fäuste kampflustig in die Hüfte gestemmt.
»Und wie sieht die Ihrer Meinung nach aus?«
Der Chef-Spurenleser wies mit der ausgestreckten Hand zum Hügel hinüber. »Den Fluchtweg kann ich anhand der Spurenlage mit dem Lineal nachzeichnen: Unser Mordschütze gibt den letzten Schuss ab, steckt sich eine zweite Zigarette an.«
Reimers überlegte laut: »Er zögert, will sich überzeugen, ob er sein Ziel nicht doch verfehlt hat.«
Orterer schnippte ein paar Staubpartikel vom Ärmel seines Schutzanzugs. »Nun, vielleicht hat er aber auch auf die Nachricht eines Komplizen gewartet. Mission completed.«
Die Stirn des Kommissars wellte sich. »Durchaus möglich. Er verstaut sein Gewehr in einer Sporttasche und verschwindet unauffällig vom Tatort.«
»Falsch«, korrigierte ihn Orterer. »Er hat es plötzlich eilig, er springt auf und rennt los. Bei seiner Flucht hinterlässt er deutliche Vertiefungen im sauber geharkten Kiesweg. Er schlittert die Böschung hinab und steigt in einen frisch aufgeworfenen Maulwurfshaufen.«
»Ihr habt einen Schuhabdruck?« Reimers war beeindruckt. Die Jungs waren fix. »Gummisohle. Fünf Millimeter Profiltiefe. Ein robuster Bergstiefel, relativ neu oder zumindest selten getragen. Marke und Modell liefern wir nach.«
Reimers war, was nicht allzu oft vorkam, perplex. Um nicht wie ein Dilettant dazustehen, kam er auf das Fluchtfahrzeug zu sprechen. »Unten an der Straße wartet ein Mittelklasse-SUV, BMW oder Audi auf ihn.«
Jetzt war es Orterer, der ihn erstaunt musterte: »Parbleu, Kompliment, exakt! In den weichen, noch feuchten Untergrund hat sich das Profil der Pneus gestochen scharf eingestanzt. Selbst für einen Laien nicht zu übersehen. Pfeilmuster mit schmalen Rillen.« Der Meister war sichtlich stolz auf die professionelle Arbeit seiner Techniker-Truppe: »Wir haben Gipsabdrücke genommen. Ich bin zwar kein Spezialist, aber die Reifen waren ziemlich breit – Größe 235/55 R 17, grob geschätzt. Nächste Abteilung Bulldog oder Bagger.«
Reimers nahm sich vor, Orterer demnächst auf einen Mojito und eine Cohiba in die »Bar Cubano« einzuladen. »Hersteller, Serien- und Chargennummer?«
»Liegt spätestens Dienstag auf Ihrem Tisch. Sie können die Infanterie schon mal instruieren. Mit der Reifenbeschau sollten sie in den Doppel- und Dreifachgaragen anfangen.«
Reimers kam sich wie ein biederer und begriffsstutziger Provinz-Profiler vor, der nichts wirklich Wesentliches zur Aufklärung des Falls beisteuerte. »Hut ab, das ging ja flott!« Mit einem Auge linste er auf die Zeiger der Armbanduhr. »Die Mord-Meldung kam erst vor knapp zweieinhalb Stunden rein.«
Der Chef-SpuSi wiegelte ab: »Ich war grad zufällig ums Eck – und fürs Herumsitzen werde ich schließlich nicht bezahlt. Ah, da wäre noch etwas, kommen Sie.« Mit einer energischen Handbewegung bedeutete er dem Kommissar, ihm zu folgen.
Im Trippelschritt steuerte Orterer auf die mannshohe Mauer zu, die den Friedhof auf der Südseite umschloss: »Hier hat noch jemand herumgeballert, und zwar mit einer Schrotflinte. Magnum-Patronen Kaliber 12, Hülsenlänge 76 Millimeter.«
Reimers dackelte wie ein getreuer Jagdhund hinterher – langsam wurde ihm dieser Wunderknabe unheimlich. »Weshalb das? Das ergibt doch nur einen Sinn, wenn es jemand auf den Täter abgesehen hat. Aber wenn ich einen Mitwisser beseitigen will, dann doch nicht hier, sondern an einem stillen Örtchen.«
»Na ja, es könnte sich auch um jemanden handeln, der den Mord verhindern wollte«, mutmaßte Orterer. »Wir haben drei Hülsen respektive die Geschossböden der Schrotpatronen eingetütet. Das Zeug ist aus Messing und glänzt, dass jede Elster neidisch wird.« Behände erklomm Orterer die Böschung und tastete sich am Mauerwerk entlang. An mehreren Stellen war der Putz abgebröckelt. »Sehen Sie, überall feiner roter Ziegelstaub.« Der Kommissar fuhr mit den Fingerspitzen über die betreffende Stelle. Orterers Diagnose war auf den Punkt: Eine Schrotladung – kleine Eisenkügelchen aus Hartblei – hatte die Wand durchsiebt, Schrammen und Furchen hinterlassen.
Reimers arbeitete ungern mit ungesicherten Hypothesen, doch die Spuren legten die Vermutung nahe, dass ein Unbekannter auf den Attentäter gefeuert hatte – in klarer Tötungsabsicht: »Deswegen hat der Mordschütze so überstürzt reagiert. Er hat bemerkt, dass ihm jemand auf den Fersen ist. Auf dem Weg zum Wagen wurde er beschossen – aus einer Jagdflinte.«
»Plausibles Szenario.« Orterer nickte zustimmend. Dunkelheit kroch aus den Ritzen des Gemäuers.
Die rußgeschwärzte Ruine der Trafostation erinnerte ihn an ein Spukschloss. »Noch ein Sonntagsschuss – der einen Kurzschluss und eine Detonation verursacht.«
»Licht aus, Spot an«, kommentierte Orterer lakonisch. Er wiegte den Kopf – und schien Reimers Hypothese in Zweifel ziehen zu wollen: »Nun, es ist Ihre Aufgabe, den Tathergang zu klären. Ich würde aber annehmen, dass der Mann mit der Flinte von hier drüben den Hang hochkam.« Orterer deutete auf ein weites, freies Feld. Das Gelände stieg nur sanft an – und war frei einsehbar. Es erschien Reimers unwahrscheinlich, dass jemand das Risiko einging, einfach so querfeldein über die Wiese zu hoppeln. »Gleich nach Sonnenaufgang lass ich das Terrain abgrasen, vielleicht findet sich was. Ein Stofffetzen an einer Brombeerranke, ein Faserrest, ein Papierfitzelchen, irgendetwas.«
Reimers blieb skeptisch: »Wenn unser Mister X von dort kam, hätte er doch mitbekommen, dass hier oben scharf geschossen wird. Wer begibt sich freiwillig auf ein solches Himmelfahrtskommando?« Reimers strich über den völlig zerknitterten Kragen eines teuren, taubenblauen Leinenhemds. Er hatte am Morgen sein Outfit mit ungewöhnlicher Sorgfalt zusammengestellt, um sich bei der Kneiptour mit dem stets modisch akkurat gekleideten »Dressman« Dirk keine Blöße zu geben. Nach der Landpartie sah er jedoch wie eine zerzauste Vogelscheuche aus.
Orterer ließ nicht locker, der Gedankengang des Kommissars leuchtete ihm nicht recht ein: »D’accord! Was wissen wir? Sämtliche Indizien legen die Vermutung nahe, dass der Attentäter ein Amateur ist. Welcher Profi-Killer würde achtlos seine Kippen – übrigens der Billigmarke ›Giants‹ – wegschnippen?« Das Argument war durchaus stichhaltig – im menschlichen Speichel fand man eine Vielzahl von Stoffen, Proteine, Aminosäuren, Enzyme sowie eine bunte orale Mikroflora. Der Speichel enthielt aber auch – und das war entscheidend – Zellmaterial. Aus den Zellen der Mundschleimhaut ließ sich DNA isolieren. Somit hatte ihnen der Täter einen lupenreinen genetischen Fingerabdruck hinterlassen.
Kommissar Reimers versuchte sich in einer diabolischen Taktik, der Dialektik. Er schlug den Spagat zwischen These und Antithese, um seine eigene Hypothese infrage zu stellen. »Nehmen wir mal an, jemand ist so tollkühn und stürmt den Hügel hoch. Wo ist er dann hin?«
Orterer überlegte. »Gehen wir davon aus, dass unser Attentäter in Panik gerät. Was macht er?« Reimers nahm die Flanke volley: »Er türmt – und sein Verfolger setzt ihm nach.« Falls ihre Schlussfolgerung zutraf, dann war der Jäger zum Gejagten geworden. Er war auf der Flucht. Und würde Fehler machen.
Schellen Acht
Das war ein Fall ganz nach seinem Geschmack. Ein laues Lüftchen wehte und es war auch am Abend noch angenehm warm. Falls es den Himmel auf Erden gab, dann lag er im Schatten eines Kastanienbaums. Ein Baum wie Bayern. Unter einer stacheligen Schale verbarg sich eine harte Nuss. Pföderl hockte breitbeinig an einem der Wirtshaustische und sah sich in aller Gemütsruhe um. Es gab schlimmere Orte, um den Löffel respektive den Maßkrug abzugeben, fand er. Bartholomäus Pföderl war Bayer – und erst in zweiter Linie Kriminalbeamter. Jemand, der das bayerische Erbgut mit der mit Spuren alkoholhaltiger Essenzen angereicherten Muttermilch eingesogen hatte, wusste, dass Himmel und Hölle, Gut und Böse wie Yin und Yang, wie Brathendl und Bier waren. Symbiotisch eben. Der Tod gehörte zum Leben, da führte kein Weg dran vorbei. Die Spatzen tschilpten, die Meisen zwitscherten und Barthl ließ sich ein dunkles Weißbier schmecken. Dienst hin, Dienst her. Ein Mord im Biergarten, was konnte es in seinem Beruf Schöneres geben? Nur die Kriminaltechniker, die mit Pinzette und Klebeband bewaffnet den Boden mit der Gründlichkeit eines unter zwanghaftem Putzfimmel leidenden Saubermanns absuchten, störten ein wenig den Frieden. Unter normalen Umständen hätte Kriminaloberkommissar Bartholomäus Pföderl im »Schützenstüberl« in der »Alpenrose« oder beim »Maurer« gesessen, um die blaue Stunde mit einem Bräuberger-Hell vom Fass einzuläuten. Bei einem Gewaltverbrechen dieses Kalibers galt allerdings Präsenzpflicht – da konnte Barthl schlecht eine Auszeit nehmen. Doch das »Savoir vivre« bestand ja gerade darin, aus der Not eine Tugend zu machen. Mit wahrem Genuss leerte er das kelchförmige Glas. »Mei, des schmeckt heut’ schon wieder!« Eine klobige, schwarz bepelzte Pranke wischte die Schaumspritzer von der Oberlippe. »Ah, oane geht scho’ no’, ha?« Es war eine rhetorische Frage. »Wie wär’s mit einem Wurstsalat oder einem kalten Braten mit Kren und Gürkerl?« Der Einwurf seines Kollegen von der Streifenpolizei erinnerte den Kriminaloberkommissar daran, dass ihn eine dienstliche Obliegenheit hierher, in die Greinbacher »Linde«, geführt hatte. »Mir knurrt der Magen, fix! Die ewige Fragerei macht hungrig und durstig!« Ein hochgewachsener, dabei kräftig gebauter Mittdreißiger in moosgrüner Montur plumpste auf die Bierbank neben ihm. Seine Mütze saß schief, das Hemd hing ihm halb aus der sandfarbenen Hose. Die Schulterstücke der zerknitterten Uniformjacke zierten drei Sternchen – was den nicht ganz vorschriftsmäßig gekleideten Mann als Polizeiobermeister auswies.
»Jetzad reiß dich a bisserl zusammen, Fesl, du läufst ja umanand wie der letzte Grattler. Stopf dir zumindest dein Hemad in die Hosen.« Bartholomäus Pföderl war Kommissar bei der Kriminalpolizeiinspektion Rosenheim. Der »gschlamperte Uhu« war ihm nur für die Dauer der Ermittlungen vor Ort als Hiwi zugeteilt worden. Barthl selbst trug – wie fast immer – Inntaler Tracht und legte einen gewissen Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Sein Vorgesetzter, Hauptkommissar Reimers, war anderweitig beschäftigt, also war er der Chef im Ring. Armin Reimers war eigentlich ganz in Ordnung, ein eher zurückhaltender Typ, der fachlich kompetent, umgänglich und ohne Allüren war, manchmal sogar witzig und schlagfertig sein konnte. Aber er war halt ein Münchner und ein Preiß obendrein. Pföderl hatte prinzipiell nichts gegen Preißen und hegte keinerlei Vorurteile gegenüber Menschen anderer Provenienz. Wenn ein Poncho-Indio in der Rosenheimer Fußgängerzone auf seiner Panflöte herumsuckelte – warum nicht? Da war er durchaus tolerant. Barthl war jedoch aus langjähriger Erfahrung heraus zu der Überzeugung gelangt, dass ein Bayer einer anderen, besonderen »Spezies« angehörte. Ohne dass dies irgendwie abwertend gemeint war, galt eben der eherne Grundsatz: It’s nice to be a Preiß, but it’s higher to be a Bayer! Er würde jedenfalls gewiss nicht den preußischen Vorzeige-Beamten herauskehren – und schon gar nicht bei einem, der weitschichtig mit ihm verwandt war – und aus demselben Dorf stammte wie er. Schließlich kannte er Silvester »Fesl« Gietl viel zu gut. Zumal bei Gietl in Sachen Pflichtbewusstsein, Disziplin und Haute Couture eh Hopfen und Malz verloren waren.
Barthl kannte den Fesl seit Sandkastenzeiten. Sie waren zwar nie wirklich dicke Freunde gewesen, aber aus demselben knorrigen Holz geschnitzt. So hatten die beiden Hundskrüppel den protzigen Schaufelradbagger des tumben Sprösslings des Auer-Bauern mit einem Chinaböller hochgehen lassen, solch »geheime Kommandoaktionen« schweißten zusammen – ein Lebtag lang. Barthl und Fesl waren bald getrennte Wege gegangen, aber sie respektierten sich und halfen einander, wenn es hart auf hart kam. Silvester »Fesl« Gietl war durch reinen Zufall Bulle geworden. In der Schule hatte Fesl nie mit übermäßigen Geistesgaben geglänzt oder sich durch besonderen Fleiß und Ehrgeiz hervorgetan. Eigentlich hätte er den väterlichen Spenglereibetrieb übernehmen sollen, doch nach der mit »Bestnote« bestandenen Gesellenprüfung hatte Gietl junior umdisponiert. Das freie Unternehmertum war seine Sache nicht. Als kleiner Handwerker war man der Depp – Dauerstress mit Bauherrn und Architekten, Ärger mit den Barabern vom Balkan. Da war ihm der Staatsdienst mit geregelten Arbeitszeiten und festem Gehalt weit verlockender erschienen. Fesl hatte eine Ausbildung zum Polizeimeister der zweiten Qualifikationsebene begonnen – und tatsächlich sämtliche Tests und Laufbahnprüfungen bestanden. Was Pföderl, ehrlich gesagt, wunderte. Inzwischen war er in der Besoldungsgruppe A 8 angelangt und schob, wenn irgend möglich, Dienst nach Vorschrift. Mit seinen Kollegen, ja selbst dem Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Brannenburg, kam er gut aus. Gietl war zwar ein fauler, gstinkerter Hund, andererseits aber auch ein Pfundskerl, der einen im Ernstfall nicht hängen ließ. »Weshalb haben s’ eigentlich dich hierhergeschickt? Ein solches Engagement sieht dir gar nicht ähnlich«, frotzelte Pföderl.
»Mei, die Leitstelle hat uns kurz vor sechs angefunkt: Schießerei in der ›Linde‹. Wir waren grad zufällig in der Nähe von Grainbach – was willst du machen. Blaulicht und Sirenen und Vollstoff die Serpentinen nauf«, zuckte Gietl mit den Achseln. »Zugang zum Biergarten sichern, den Tatort mit Flatterbandl absperren – Schaulustige vom Ort des Verbrechens fernhalten, Ersteinvernahme der Zeugen. Genau wie es in unserer Dienstanweisung steht.« Dass er über die Extraschicht nicht sonderlich erbaut war, ließ sich an Fesls sauertöpfischer Miene ablesen. »Zwei Paar Debrecziner, wie wär’ das? Mit Sauerkraut und scharfem Senf. Mittags eine mickrige Fleischpflanzlsemmel, seitdem nix mehr! Unregelmäßiges Essen macht dick – und führt im Extremfall zu Herzrhythmusstörungen. So ein Mord ist gar ned gesund.«
Pföderl nickte ihm verständnisinnig zu. »Wie schaut’s aus, sind sämtliche Spuren am Parkplatz hinterm Haus gesichert?«, schlug Bartholomäus Pföderl einen dienstlichen Ton an: »Ich würde gern wissen, wer sich da zum Tatzeitpunkt herumgetrieben hat. Ehgartners Diesel-Benz lass ich nachher in die Werkstatt abschleppen. Da sollen ihn die SpuSis auseinandernehmen.«
Gietl schielte sehnsüchtig nach der Bedienung, die mit voll beladenem Tablett Richtung Stammtisch strebte. Der »Zwischenfall« am Nachbartisch hatte bei den vier Boaznbrüdern offenbar zu keinen posttraumatischen Stress- und Essstörungen geführt. Gietls Lächeln glich dem eines ausgekochten Gauners. »Hund’ san s’ scho’, Buchwieser, Unterleitner und Co.!« Das Kriseninterventionsteam, kurz KIT, des BRK war hier nicht gefragt. Sein Schul-Spezl setzte sein Käppi ab und strich sich einige schweißnasse Strähnen aus der Stirn. »Gfrei ich mich auf eine Dusche – mei Hemad pappt auf der Haut. Was meinst, Barthl, wann sind wir hier fertig?«
»Das wird noch a bisserl dauern. Wenn die Kriminaltechniker ihre Alu-Köfferchen packen, rücken wir auch ab.« Pföderl reckte den Hals, um der Bedienung ein Zeichen zu geben.
»Bestellst du mir oans mit, hab ich einen Durst«, ließ Gietl verlauten. Um ein paar Pluspunkte zu sammeln, kam er auf die Spurenlage zu sprechen. »Die Ausbeute ist bislang reichlich mager, eine Bierdose Marke Pilsner Urquell, eine 0,7-Liter-Flasche Puschkin Pink Grapefruit, gibt’s bei Edeka, eine völlig zermanschte Zigarilloschachtel und ein noch halbvolles Packerl Pariser, Hausmarke eines Drogerie-Markts, Preventivo Sensitive. Mehr war da ned.«
Pföderl seufzte. »Was diese Dreckspatzen ned alles wegschmeißen. Und am Parkplatz selber?«
»Auf dem asphaltierten Teil wimmelt es von Ölflecken, Reifenabrieb et cetera, aber ich bezweifle, dass man die vorhandenen Spuren bestimmten Fahrzeugtypen zuordnen kann. Weiter hinten hat die Straße einen festen Kiesbelag, auch nicht grad ideal.«
Pföderl winkte ab. »Eh ned, kannst vergessen! Aber du kennst doch den Orterer, diesen Gschaftlhuber.« Eigentlich mochte er »Gollum«, wie er den Chef der Kriminaltechnik hinter vorgehaltener Hand nannte, ganz gut leiden. Fritz Orterer war ein Unikum, der mit einem gepflegten schwarzen Humor gesegnet und stets zu deftigen, nicht ganz jugendfreien Späßen aufgelegt war. Mit »Gollum« konnte man prima um die Häuser ziehen und die Korken knallen lassen. Einem erlesenen Whiskey oder Sherry war Orterer nie abgeneigt. Im Grunde war er ein cooler Typ, der sich auf seine fachlichen Fähigkeiten und seinen ausgeprägten detektivischen Spürsinn nichts einbildete, was Barthl allerdings auf den Senkel ging, war sein Hang zu Pedanterie und Besserwisserei. »Mich interessiert viel mehr, wo der Rest von der Schafkopf-Runde abgeblieben ist. Die waren doch alle mit dem Auto da, oder irre ich mich?«
Gietl lachte trocken: »Der Rest, ha, das hast schön gesagt, Barthl! Der Sepp und der Vitus werden so weit nicht sein – auf den Schreck nauf nageln sie sich garantiert die Birne zu.«
Pföderl zog die Brauen hoch. »Nicht dein Ernst, oder! Und diese Gmoadeppen sollen Staatsdiener respektive im Vorruhestand sein? Hauptsache sie kassieren ab, oder?«
In einer entschuldigenden Geste zuckte der Polizeiobermeister mit den Achseln. »Ja mei, vielleicht verfolgt der Sepp ja auch eine heiße Spur. Der meldet sich schon noch! Aber wo ist dieser Jeep-Fahrer aus Tirol hin, hm?«
Der Kommissar zwirbelte sein kümmerliches Kinnbärtchen – und nahm sich vor, sich morgen vor Dienstantritt gründlich zu rasieren. »Seit einer knappen Stunde läuft doch die Fahndung nach einem SUV, einem X3 oder so, der angeblich oben beim Friedhof gesehen worden ist. Und auf Teamwire heißt es, dass wir nach einem Mann mit doppelläufiger Flinte suchen, der dort oben herumgeballert und ein Trafohäuserl zerlegt hat. Da kenn sich noch einer aus …«
Gietl nickte gedankenschwer. »Wir verschwenden hier bloß unsere Zeit, sag ich dir.«
Der Kriminaloberkommissar musste dem Streifenbullen insgeheim recht geben, auch er zweifelte an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns. Wenn die »Bluthunde« die Fährte des Täters aufgenommen hatten, gab es Wichtigeres, als den Tatablauf minutiös zu rekonstruieren und dazu Zeugen zu befragen, die wenig gehört und noch weniger gesehen hatten. Pföderl war ein ruhiger, besonnener Mensch, den so leicht nichts aus der Fassung brachte. Doch er hatte eine cholerische, aufbrausende Ader. »Fix noch einmal, wo bleibt denn unser Bier. Rollen die das Banzl vom Kirchenwirt hoch?«
Oben Schaum, unten Traum. Zwei Weißbier-Humpen standen perlend und schäumend vor ihnen auf dem Tisch. Das herbe, dennoch leicht süßlich schmeckende Manna rieselte ihre Kehlen hinab. »Ahh, irgendwie scho’ schad um den Ehgartner. Ein gutes Bier hat er gemacht!« Pföderl war wieder eins mit sich und der Welt. »Was meinst, Fesl? So ein Weißbier ist ein wahres Lebenselixier, ha? Geht aufs Haus, sprich auf Spesen.«
Gietls Grinsen war so breit wie die Koteletten von Elvis. »Die Kellnerin hat ausgesagt, dass der Biergarten zum Tatzeitpunkt noch so gut wie leer war. Bis auf die Stammtischbrüder und die vier Kartler am Tisch fünf. Sie hat alle Gäste einwandfrei identifiziert. Allein der vierte Mann war vorher noch nie hier gewesen, ein eingebildeter, eitler Gigerl mit Fieslings-Visage.«
Der Kommissar spöttelte launig. »Mit unserem Face Design System FACETTE müsste sich doch ein Phantombild erstellen lassen. Heut’ gibt’s doch für jeden Scheiß eine App oder ein Tool. Sollen die Computer-Heinis einen Steckbrief des Gesuchten basteln – und rein damit in die webbasierten Fahndungssysteme. INPOL, POLAS, SIS und wie das ganze Graffe heißt. Sobald wir wissen, wer der Goaßenficker ist, kriegen wir ihn auf den Schirm: Alter, Gewichtsklasse, Schuh- wie Schwanzgröße.«
Gietl mochte kein Muster an Zuverlässigkeit und Pflichteifer sein, aber auf den Kopf gefallen war er nicht, selbst wenn er sich gern in Schwejkscher Manier die Maske des einfältigen, minderbemittelten Provinzbullen aufsetzte. »Wenn wir das Kennzeichen der Karre hätten, könnten wir uns die Arbeit sparen.« Einen Versuch war es wert. INPOL, POLAS & Co. konnten warten.
»Schick mir den Wirt und die Kellnerin rüber. Du verhörst die vier Saufbeidl – und krall dir die zwei Lederjacken aus Kolbermoor, die Schafszipfel sollen die Einvernahme protokollieren.«
Gietl zog einen Flunsch. »Die versoffenen Loder leiden doch an chronischem Gedächtnisschwund. Die waren vorher schon ganz bremsig, weil sie angeblich noch einen wichtigen Termin im Sternbräu haben.« Zeugenaussagen von Personen, die unter Alkoholeinfluss standen, galten als wenig verlässlich – ihre Validität war fraglich. Ob eine solche Aussage in einem späteren Verfahren verwertbar war, war Ansichts- und Auslegungssache.
Pföderl bestand jedoch darauf, dass sich Gietl die Fettleber-Fraktion vorknöpfte. »Ihre Zeugenaussage brauche ich so oder so – schon für den Schlussbericht. Vielleicht ist den Foamzuzlern ja doch was aufgefallen. Jedes Detail wär’ wichtig. Vielleicht kommt ihnen dieser Tiroler irgendwie bekannt vor, die kennen doch jede Schnapsnase im Umkreis von 50 Kilometern.«
Gietl stemmte sich schwerfällig hoch und grummelte: »Das Nummernschild, wenn sie sich das gemerkt hätten, die Deppengfrießer! Zumindest die Kennbuchstaben des Bezirks!« Der Drei-Sterne-Bulle trottete davon, da fiel Pföderl noch etwas ein.
»Fesl! Schau, dass du Sonnleitner erreichst. Quatsch ihm von mir aus auf die Mailbox. Der gwamperte Gschwollschädel sollte doch eigentlich wissen, dass er eine Zeugenaussage machen muss. Für was ist er Polizist! Also, sag ihm, dass er sich umgehend melden soll, sonst lass ich ihn und den anderen Kasperlkopf vorladen!« Gietl salutierte lässig und zeigte damit an, dass er verstanden hatte. »Und noch was. Die Kollegen aus Kolbermoor sollen sich die Schrottkübel unserer Stammtisch-Spezln vornehmen. Handschuhfach, Kofferraum et cetera. Trau, schau, wem! Und bestell dir noch ein Weißbier, geht auf mich.«
Gietls Miene hellte sich mit einem Schlag auf – und er machte sich mit frischem Elan an die Befragung der Zeugen. »Geht klar, Chef. Ich sammle die Autoschlüssel der Bande ein, fahrtüchtig sind die allesamt nicht mehr. Nur der Glaser ist mit dem Fahrrad da, den brauchen wir also nicht zu filzen.« Mit einem selbstzufriedenen Grinsen verschränkte Barthl die Arme. Im Interesse einer erfolgreichen Ermittlungstätigkeit musste man die Arbeit delegieren und die Mitarbeiter motivieren können. Das war die Kunst, dann lief alles wie geschmiert.
Die Ermittlungen in einem Mordfall waren für jeden beteiligten Kripobeamten eine Herausforderung. Man war gezwungen, eine Unzahl von Puzzleteilchen zu sichten, ehe sich darin ein Muster ablesen ließ und schließlich ein klares Bild ergab. Um die Tat und ihre Hintergründe aufzuklären, hieß es, methodisch und systematisch vorzugehen. Weißbier hin, Kastanienbaum her: »Wie lang soll denn das Kasperltheater noch dauern? Wegen euch Hanswursten darf ich meine Wirtschaft zusperren. Wer kommt denn bittschön für meinen Verdienstausfall auf?« Lindenwirt Sepp Reinbacher stand da, als ob er für ein Denkmal für die Helden des bayerischen Bauernaufstands anno 1705 posierte. Eine Hand entschlossen in die Hüfte gestemmt, den kühnen Blick anklagend auf den Eindringling, auf Bartholomäus Pföderl, gerichtet. »Schauen S’ doch selber! Keine Gäste, kein Geld!« Dies hier war Reinbachers Reich, und der König der Kartoffelknödel, der Herr über Pfannen, Töpfe und Tiegel, war erbost. Sein Zeigefinger schoss mit der aggressiven Angriffslust einer Viper vor und deutete auf die Absperrgitter, die die Zufahrtsstraße blockierten: »Wissen S’, was passiert? Die Leute drehen um und gehen zum ›Kirchenwirt‹ oder ins ›Il Castagno‹, und ich bleib auf meinen Schnitzeln und Hühnerschenkeln sitzen.« Der Lindenwirt zauste den gekräuselten, in zwei Spitzen auslaufenden Rübezahlbart.
Pföderl war Hobby-Historiker, er nannte eine kleine, aber feine Bibliothek sein eigen, hielt Kurse an der VHS und den einen oder anderen Vortrag im Kreise gleichgesinnter Stammtisch-Gelehrter. Die verblüffende Ähnlichkeit zwischen dem Wirt und dem Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer war ihm sofort ins Auge gestochen. Der Wirt hätte sich jederzeit als Hofer-Double verdingen können. In einer beschwichtigenden Geste hob Pföderl die Hände. »Sie haben den Toten gut gekannt, habe ich gehört.«
Der Hopfen-Hofer beteuerte, dass der Tod Ehgartners einen herben Einkommensverlust für ihn bedeutete. »Freilich! Mit dem Erwin habe ich einen treuen Stammgast verloren, ein fideler, lebenslustiger Bursch, das geht mir durchaus nahe, wissen S’. Aber das Leben geht weiter.«
Pföderl hatte erst vor drei Wochen ein Seminar mit dem schönen Titel »Strategien der Deeskalation im Polizeivollzugsdienst Teil II« besucht, doch er würde zu einer probateren Methode greifen, um Reinbacher den Giftzahn zu ziehen. Mord ging schließlich vor Schlachtschüssel und Surhaxe: »Schön haben Sie es hier – ein Biergarten wie im Bilderbuch.« Die fünf Kastanien sowie die altehrwürdige Dorflinde machten als Bierkrügel-Begleitgrün zweifelsohne eine gute Figur. »Ein idyllisches Plätzchen, keine Frage.«
Reinbacher mandelte sich auf wie ein halbstarker Moped-Mafioso: »Der erste schöne Tag im Jahr und irgendein schießwütiger Trottel spuckt mir in die Rinderbrühe!«
Pföderl wechselte abrupt den Tonfall und zückte sein Smartphone. »Jetzt mal halblang, es handelt sich hier um Mordermittlungen. Wenn du Spaßvogel nicht sofort spurst, ruf ich einen mir wohl bekannten leitenden Beamten im Gewerbeaufsichtsamt an. Der schickt dir demnächst unangemeldet einen Betriebsprüfer und einen Hygienekontrolleur von der Lebensmittelaufsicht vorbei, die nehmen sich dann ausgiebig Zeit für dich und deine Bude auseinander. Die wühlen sich durch sämtliche Gefriertruhen, zerlegen deine Einbauschränke und prüfen deine Bücher, zwei-, drei- und viermal, wenn es sein muss. Haben wir uns verstanden?«
Der Wirt warf sich in die von einem breiten, ledernen Hosenträger umspannte Brust, schnaubte wie ein dampfiges Ross – und schwieg. Er winkte die wartende Kellnerin heran und bedeutete ihr, sich kooperativ zu verhalten. »Ich war hinten in der Küche. Die Irmi hat draußen im Garten bedient. Mögen S’ vielleicht noch ein Weißbier und ein Schnapserl?«, gab sich der Wirt plötzlich versöhnlich.
Pföderl wischte demonstrativ auf dem Display seines Galaxy S7 edge herum. »Gern, wenn es Ihnen keine Umstände macht, bringen Sie mir dazu eine Portion Rostbratwürste mit Sauerkraut.« In Reinbachers Augen blitzte es gefährlich auf, doch er trollte sich leise grummelnd in Richtung Kombüse. Bartholomäus Pföderl richtete seine Aufmerksamkeit auf die, zugegebenermaßen nicht ganz unansehnliche, Schweinsbratenschubse. Ehe er sich nach ihren Personalien erkundigen konnte, kam ihm die fesche Malz-Maid zuvor – und zwitscherte mit kokettem Augenaufschlag: »Irmgard Zech, aber nennen Sie mich doch bittschön Irmi.« Zech – Pföderl schmunzelte. Das passte wie der Schlegel zum Bierfass. Allem Anschein nach war diese Irmi ein ganz ausgekochtes Luder – und was er sah, gefiel ihm auf Anhieb.
Die Einvernahme eines Zeugen war Routine – und glich doch jedes Mal einem Drahtseilakt, der sein ganzes Geschick erforderte. Es gab diverse Befragungstechniken, rhetorische Kniffe und Psycho-Tricks, um möglichst viele und detaillierte Informationen aus seinem Gegenüber herauszukitzeln. Um einen Zeugen gesprächig zu machen, musste man ihn erst ein wenig zappeln und im Unklaren lassen, worauf man hinauswollte. Pföderl schickte seine Blicke erst einmal auf Wanderschaft: Eine Buchsbaumhecke begrenzte den Biergarten zu einem kleinen Dorfsträßchen hin. Hinter dem schmalen Streifen Asphalt erhob sich der von wild wucherndem Gestrüpp bedeckte Kirchbichl. Am Fuß des Hangs trat eine Lage Tuffstein zutage. Ein Tor mit schmiedeeisernen Beschlägen ließ ahnen, dass sich dahinter ein ins Gestein gehauener Felsenkeller verbarg. In diesen Kellern hatte man früher die Bierfässer und andere leicht verderbliche Ware gelagert, schließlich sollte das Bier im Sommer schön kühl bleiben – und das Futter für Mensch und Tier nicht schimmelig werden. Eine Bogenlampe reckte ihren Giraffenhals über das schmale Sträßchen – sinnigerweise hing dort ein Wahlplakat der NP, der Nationalen Patrioten. Darauf war das Konterfei Erwin Ehgartners zu sehen, das auch post mortem noch ungebrochene Zuversicht ausstrahlte. Irmgard Zech hatte seinen Blick bemerkt. »Es ist eine wahre Tragödie, nicht? Er hätt’ beim Bier bleiben und die Finger von der Politik lassen sollen. Der Erwin war kein einfacher Mensch, aber irgendwie ein feiner Kerl. Wenn er sein hinterfotziges Lausbubenlächeln aufgesetzt hat, hat man ihm einfach nicht böse sein können.« Ihr Tonfall, erst noch ein wenig kratzig, war nun weich und warm. »Ich bedien gern hier. Der Wirt ist ein jähzorniger Sauteufel, aber er zahlt seine Leute anständig und versteht sein Metier. Wissen S’, der Betrieb ist seit anno 1864 in Familienbesitz. Eine echte Traditionswirtschaft. Der Sepp ist gelernter Koch und hält große Stücke auf die Rezeptsammlung seiner Oma. Bei uns finden Sie alles von A wie Apfelkücherl bis Z wie Zwiebelrostbraten, aber keinen Schicki-Micki Fraß à la Weißwurst-Carpaccio auf Ingwer-Vinaigrette.« Die Kellnerin hatte sich in Rage geredet, doch Pföderl ließ sie vorläufig gewähren. »Schauen Sie sich doch in der Gastronomie um. Die meisten Pächter wollen bloß den schnellen Reibach machen – und sparen überall, bei den Angestellten und an der Qualität der Ware.«
Pföderl legte abrupt den Schalter um und kam zur Sache: dem Mordfall Ehgartner. »Gut, helfen Sie mir. An was können Sie sich erinnern? Ist Ihnen etwas merkwürdig vorgekommen, war etwas anders als sonst?« Standardfragen – aber altbewährt.
Irmgard Zech sah sich an ihrem vertrauten Arbeitsplatz um – alles war wie immer, und doch war etwas anders als sonst. Der Schatten des Todes wich nur langsam von diesem Ort der Geselligkeit und des fröhlichen Zusammenseins. Die Leiche Ehgartners war vor gut eineinhalb Stunden von einem Leichenwagen des Bestattungsinstituts »Frohberger & Sohn« abtransportiert worden – und lag inzwischen still und starr in einer Kühlkammer, bereit zur Obduktion. »Da gibt’s nicht viel zu erzählen. Die vier sind da drüben am runden Tisch gesessen – Schafkopf eben. Es war noch früh am Abend, aber der Ehgartner hat schon einen sitzen gehabt. Die anderen drei haben es ruhiger angehen lassen, hatten aber auch schon einige Halbe intus. Nix Auffälliges, gute Kundschaft!« Irmi holte tief Luft. Ihre drallen, vom großzügig bemessenen Ausschnitt ihrer Dirndl-Bluse zur Geltung gebrachten Brüste hoben sich: »Das meiste Geschäft hab ich am Stammtisch drüben gemacht. Die zahnluckerten Salferer lassen sich beim Trinkgeld nicht lumpen.« Das Dekolleté der Dame gewährte tiefe Einblicke, sodass es Pföderl schwerfiel, sich auf das Wesentliche, die Befragung, zu konzentrieren.
»Als die Schüsse gefallen sind – wo waren Sie da?«
»Ich war auf dem Weg zum Stammtisch drüben – mit einem Tablett Bier aufm Arm. Da hat’s plötzlich einen Kracherer getan, nicht allzu laut, aber nicht zum Überhören. Es hat einige Sekunden gedauert, bis ich realisiert habe, dass da in nächster Nähe geschossen wird.«
»Sie haben nur einen Schuss gehört?«, hakte der Kommissar verwundert nach.
»Denk schon. Ich bin dann ziemlich panisch zurück ins Wirtshaus gerannt. Meine größte Sorge war, dass den Bierglasln nix passiert und ich nix verschütte – seltsam, oder?«
»Und dann?«, fasste Pföderl sachte nach.
»Nach zwei oder drei Minuten hab ich meine Nase ins Freie gesteckt. Aber da war alles ruhig. Erst als ich den Ehgartner kopfüber auf dem Tisch hab liegen sehen, war mir klar, dass etwas Schlimmes passiert ist. Herzinfarkt – hab ich gemeint. Also bin ich ins Büro gerannt und hab den Notruf gewählt – 110!«
»Haben Sie denn draußen im Garten nichts bemerkt? Ein ungewöhnliches Geräusch? Ein wegfahrendes Auto zum Beispiel.«
Die Bedienung sah ihn verdattert an – und stammelte nur: »Na, mir ist nix aufgefallen.«
»Wo waren denn die anderen Gäste. Haben die denn niemand gesehen?«
Irmi schüttelte ratlos den Kopf. »Nein, da war niemand.« Barthl ließ es fürs Erste dabei bewenden. Um es vornehm auszudrücken, war die Zeugenaussage bislang nicht sonderlich ergiebig.
»Da, geht aufs Haus! Die Würstel kommen gleich.« Reinbacher stellte das Weißbier und ein Schnapserl vor ihm hin und verschwand grußlos. Eine liebreizende Person – zweifelsohne.
Pföderl markierte den einfühlsamen Good Cop. Seine Stimme klang so einschmeichelnd, als hätte er drei Tage lang Kreide gefressen. »Sie haben meinem Kollegen gegenüber erwähnt, dass Ihnen einer der Kartler aufgefallen ist, weil der noch nie hier war, ist das korrekt?«
Die Kellnerin knabberte an ihrer Unterlippe. »Noch etwas jünger, so Anfang 30, leger, aber durchaus stilvoll gekleidet. Eine rechte Angeberfotze. Er hat ziemlich blöd dahergeredet, in seinem Tiroler Dialekt – ich mag den ned. Das Bayerische klingt viel weicher, wohliger.«
Kurz entschlossen kippte er den aus heimischem Fallobst gebrannten hochprozentigen Obstler auf einen Sitz hinunter. Dann nahm er den roten Faden wieder auf. »Wo waren wir stehen geblieben – ah ja, dieser Tiroler, war der zufällig hier oder war er mit Ehgartner und den anderen beiden Hallodri verabredet?«
»Einen Moment, auf den Schreck hinauf brauch ich ein Stamperl. So ein grausiges Erlebnis muss man doch erst einmal verarbeiten, oder?« Praktischerweise stand die Obstler-Flasche auf der Anrichte – und Irmi schenkte sich großzügig ein. »Erst neulich hab ich gelesen, dass sich der enorme psychische Druck in Symptomen wie Schwindelgefühl, Konzentrationsstörungen und Reizbarkeit äußern kann. Mia gangst!« Die Kellnerin befühlte ihre Stirn und kippte sich zur Trauma-Prophylaxe gleich noch einen Obstler hinter die Rüschenbluse. »Warten S’, der Ehgartner hat ein paarmal erwähnt, dass er neue Absatzmärkte für seine Brauerei erschließen möchte. Wahrscheinlich sollte der Typ den Vertrieb vor Ort organisieren und die Getränkemärkte abklappern. Das Bräuberger ist ja ein gutes Bier, allemal besser als die Ösi-Plärre, das Huber oder das Zipfer.«
Pföderl kritzelte auf seinem Verhörblock herum. »Und das Mordopfer, dieser Ehgartner, war hier Stammgast? Was wissen S’ sonst noch über den?« Barthl zog alle Register der Verhörtechnik und legte einen suggestiven Unterton in seine heiser und drängend klingende Stimme.
Irmgard Zech zupfte an ihrer spitzenbesetzten Bluse herum. »Ein rotgesichtiger Quartalssäufer, aber nicht unrecht. Hat sich gern aufgeplustert wie ein Gockel am Mist – und eitel obendrein. Aber mei so sind s’, die Mannsbilder. Wenn s’ kein Weiberts mehr finden, fangen s’ zum Spinnen an!« Barthl schaute von seinem Block auf – ihren Unterlagen nach war das Mordopfer 58 Jahre alt und lebte seit fast 10 Jahren von seiner Exfrau getrennt. Er war Geschäftsführer der Bräuberger Brauerei und Spitzenkandidat der Nationalen Patrioten im Stimmkreis 127 Rosenheim-West. »Und die anderen beiden Kartler«, fragte er pro forma, auch wenn er eh wusste, mit welch illustren Persönlichkeiten sie es zu tun hatten.
»Die sind von Audorf drüben. Die finden S’ im Schützenheim oder beim Schmiedwirt.« Irmi plapperte munter weiter. »Kompakt gebaut, die Schultern breit wie Bauernschränke. Eher der grob gestrickte Typ, Marke ›gschlamperter Bauernrammel‹. Nicht grad’ meine Kragenweite, aber nicht unwirsch.« Der Redefluss der Bedienung stockte – es war an ihm, eine neue Frage zu stellen. Doch welche? Von irgendwoher wehte das nun gar nicht mehr so laue Abendlüftchen einen Schnulzen-Song im Country-und-Western-Style heran, der vor Herz, Schmerz und Kentucky Bourbon triefte. »Some broken hearts never mend …« So wie in Ehgartners Fall, dachte Barthl in einem Anflug von Sarkasmus. Der brauchte keinen Herzchirurgen mehr.
Herz Acht
Die Metzgerei Rauch war nicht unbedingt das, was ein Asket oder Eremit als transzendenten Ort göttlicher Eingebungen und wundersamer Erscheinungen bezeichnet hätte. Ein Visionär war hier ebenso fehl am Platz wie ein Vegetarier. Hier ging es ums Wesentliche, es ging um die Wurst – und man pilgerte aus Bad Aibling, Litzldorf, Grainbach oder Steinertsöd hierher, um den diesseitigen, fleischlichen Genüssen zu frönen. Der Wurstkessel war für die hiesigen Ureinwohner so etwas wie der Heilige Gral, die Fleischtheke das Paradies auf Erden. Die reichhaltige Auswahl an Wurstwaren jeder Art ließ jedem Gourmet, der Geselchtes und Geräuchertes zu goutieren wusste, das Wasser im Munde zusammenlaufen. Milzwurst, Wollwurst, Weißwurst, Bauerngeräuchertes, Cervelat, Pariser Jagdwurst, Vespermett, Prinzensülze, dazu Cabanossi, Landjäger, Debrecziner, Regensburger, Lyoner – und obendrein die obligatorischen örtlichen Spezialitäten der vielfach prämierten Leib-und-Magen–Manufaktur: Schwarzrauchschinken, Bratensülze und altbayerischer Leberkäs. Beim »Rauch« gab es alles, was das Herz eines echten Bayern begehrte, insbesondere wenn es sich um ein solch verfressenes Mannsbild wie Kriminaloberkommissar Bartholomäus Pföderl handelte.
Barthl Pföderl war indes nicht nur wegen Presssack und Prosecco hier. Er war hier, um zwei wichtige Zeugen im Mordfall Erwin Ehgartner zu vernehmen – und er hatte aus ermittlungstaktischen Gründen beschlossen, die informelle Befragung der beiden eigensinnigen Querulanten hierher zu verlegen. Zumal sich beim »Rauch« das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden ließ. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen in Form von Brüh-, Brat- oder Extrawürsten. Ein prüfender Blick auf die Digitalanzeige am Armaturenbrett bestätigte ihm, dass er gut in der Zeit lag: 9 Uhr 33. Nach der Sonderschicht in der »Linde« und zwei Caipis und Mai Tais After Work war er noch nicht wieder ganz der Alte – und wuchtete sich ein wenig kreuzlahm aus dem Fahrersitz. Sein Rücken war verspannt, als ob er die Nacht auf dem Bett eines indischen Fakirs verbracht hätte. Mit steifen Gliedern stiefelte er auf die Metzgerei zu – von Weitem schon sah er das Duo Infernale auf einer der Bierbänke vor dem Laden lümmeln. »Pünktlich wie die Dachdecker«, murmelte er anerkennend. Dem Outfit nach zu schließen, schoben die beiden Dienst. Sepp Sonnleitner trug die Pföderl wohlbekannte Kluft: braune Uniformhose, beigefarbenes Hemd, darüber eine schwarze Lederjacke mit der Aufschrift »Polizei«. Eine gigantomanische XXL-Leberkässemmel in der einen, eine Bügelflasche Bier in der anderen Hand. Sein Kumpan Rabensteiner trug Schwarz: nicht das Schwarz der Kaminkehrer oder Sargträger, sondern das der IS-Security, einem hier ansässigen, privaten Sicherheitsdienst. Die haben Nerven, machen tatsächlich in aller Seelenruhe Brotzeit und kippen dazu in aller Früh ein Bier – und das im Dienst, vermerkte Pföderl verwundert – er war unschlüssig, ob ihm die zur Schau getragene Unbekümmertheit Respekt abnötigte oder ob er angewidert sein sollte. Barthl wusste, dass er vorsichtig vorgehen musste. Das Duo Infernale hielt zusammen wie Pech und Schwefel. Betont lässig grüßte er in die Runde. »Ois roger in Kambodscha?« Rabensteiner kaute unbeeindruckt auf seinem Mega-Bayernburger herum, Sonnleitner hob träge ein Lid und blinzelte ihn aus einem rotgeäderten Aschermittwochsäuglein an. Das würde heiter werden.
Sepp Sonnleitner und Vitus Rabensteiner waren zwei Musterexemplare des Homo bavariensis, die sowohl dem Hopfentrunk als auch fetthaltigen Speisen mit wahrer Wonne zusprachen. Hatte ein Vertreter dieser Gattung das nötige Quantum intus, dann konnte ihn nichts mehr erschüttern, dann fürchtete er noch nicht einmal, dass ihm der Himmel auf den Kopf fiel. Die beiden Malz-Machos waren das, was man nördlich des Weißwurstäquators als »Originale« bezeichnete. In ihrem »Homeland« fielen die beiden Querulanten jedoch nicht weiter auf. Gietl hatte ihm eingeschärft: »Obacht! Wenn du ihnen auf die harte Tour kommst, schalten diese Dickschädel sofort auf stur. Bei diesen Holzköpfen erreichst du mit der »Bad Cop«-Nummer nichts. Gib dich nachgiebig, einsichtig, sonst fängst dir noch eine Watschen!« Wie Pföderl von seinem »V-Mann« erfahren hatte, waren die beiden das, was man in Bayern Zornbinkel, im Rest der Republik Choleriker und Hitzkopf nannte. Sonnleitner und Rabensteiner waren ein Gespann, das aus Prinzip nie in die gleiche Richtung zog. Zwei gleich starke, konträre Kräfte, die das Widersprüchliche, Gegensätzliche kultivierten und sich von daher ideal ergänzten: Die beiden Streithähne waren wie Basmatireis und Bauerngeselchtes, Blunzen und Buchteln. Zwischen den Polaritäten Plus und Minus funkte es so lange, bis sich die elektrische Spannung mit Blitz und Donner entladen hatte. Wenn es allerdings gegen den Rest der Welt ging, waren die beiden plötzlich ein Herz und eine Seele. Diesem Umstand musste er Rechnung tragen: Er würde höllisch aufpassen müssen, um nicht zwischen Skylla und Charybdis zermalmt zu werden.
»Hock dich hehra, kost aa ned mehra.« Sonnleitner begrüßte ihn mit – unter den gegebenen äußeren Bedingungen – ausgesuchter Höflichkeit. Sein Kompagnon grunzte säuerlich. »Aa scho da, wir warten schon eine Viertelstunde.« Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, widmeten sie sich in stiller Andacht ihren »belegten Brötchen«. Augenscheinlich waren sich die bockbeinigen Bauernfünfer keiner Schuld, keines »Fehlverhaltens« bewusst. Von schlechtem Gewissen keine Spur. Mit Small Talk würde er auf Grund laufen, daher kam Pföderl auf die tragischen Ereignisse im Lindenwirt zu sprechen. Ohne dabei mit der Tür ins Haus zu fallen: »Taugt er was, der Leberkäs?« Die Frage war selbstredend eine rhetorische – und Sonnleitner passte den Ball zurück.
»Der beste weit und breit. An den Rauch kommt keiner hin, nicht der Schraml, nicht der Holzner und schon gar nicht der Flötzinger, der Gammelfleisch-Tandler!« Sonnleitner, immerhin Polizeihauptmeister, schien sich nicht im Geringsten um die von Staatsanwalt Dr. Knittelbeck angedrohten »disziplinarischen Konsequenzen« zu scheren.
Barthl nickte bedächtig: »Und das Bier, gschmackig?«
Nun war Rabensteiner an der Reihe. »Bräuberger Export Dunkel. Das einzig Wahre, da geht nix drüber. Das Bier vom Stern-Bräu ned und das grausige Gesöff vom Grüner-Bräu gleich gar ned!«
»Wenn du denen einen Träger abkaufst, kriegst a Packung Paracetamol gratis dazu«, grinste Sonnleitner boshaft.
»Ihr seid die Profis, ihr müsst es wissen«, pflichtete ihnen Pföderl launig bei und deckte sich seinerseits erst einmal mit lukullischen Sauereien ein. Er hatte Gesprächsbereitschaft signalisiert. Ob diese Botschaft angekommen war? Man würde sehen, inwieweit sich die Dickschädel auf das Frage-Antwort-Spiel einließen. Die Fleischpflanzerl sahen wirklich zum Reinbeißen aus, das Gleiche galt für die goldgelb glänzenden Brezen. Nur beim Bier zögerte Barthl. Er war schließlich im Dienst – und kein Bulle vom Schlag Sonnleitners.
Die Ureinwohner dieser gebirgigen Gegend verstanden sich auch ohne große Worte – dazu reichten wenige unzweideutige Gesten und Gebärden. Das über Jahrhunderte eingeübte Territorial- und Sozialverhalten half den »Hiesigen«, auftretende Unstimmigkeiten und Meinungsverschiedenheiten auszuräumen, ehe diese eskalierten. Pföderl hatte sich zu seinen beiden Stammesbrüdern an den Biertisch gesellt – und biss herzhaft in das faschierte Laiberl. »Mmmh, ein Gedicht. Außen resch, innen saftig, mit klein gehackten Zwiebeln und gescheit gewürzt, mit viel Paprika.« Rabensteiner und Sonnleitner nickten zustimmend und nuckelten wie zwei Neugeborene einträchtig an ihren Fläschchen. Das harmonische Häppchen-Happening war allerdings nicht von Dauer.
»Was willst wissen?«, schaltete Rabensteiner in den Angriffsmodus. »Oder brauchst bei der Brotzeit Begleitschutz?« Sonnleitner blinzelte scheinbar unbeteiligt in die Morgensonne, doch der alte Fuchs war auf der Hut. Die Befragung würde zäh werden, so zäh wie mit Flachsen durchzogenes Suppenfleisch.
Pföderl beendete das Vorgeplänkel und ging in medias res. »Was soll ich sagen, ein Mordfall ist immer eine unangenehme Angelegenheit – und mit Unannehmlichkeiten für alle Beteiligten verbunden.«
Rabensteiner gab sich schmallippig. »Was du nicht sagst!«
Sonnleitner zeigte sich gleichsam wenig auskunftsfreudig: »Blöd gelaufen, das mit dem Ehgartner.«
Barthl biss ein letztes Mal in seine Breze, dann stellte er die Frage, die ihm schon die ganze Zeit auf den Nägeln brannte. »Also noch mal zum Mitschreiben: Ihr klopft’s Karten. Da fällt ein Schuss – und der Ehgartner tot um. Und wie reagiert ihr? Sichert ihr den Tatort, verständigt’s die Kollegen? Nein, ihr verzieht’s euch wie zwei Beutelschneider. Es ist euch schon klar, dass ihr euch damit hochgradig verdächtig macht’s?«
Sepp Sonnleitner kraulte seinen stoppeligen Kinnbart. »In der ›Linde‹ waren wir quasi inkognito.«
»Undercover – sozusagen«, flocht Rabensteiner ein.
»Wie schaut das aus, wenn ich als Polizist um hohe Einsätze spiele? Fuchzgerl, Markl! Meine Frau macht mir die Hölle heiß.«
Rabensteiner sprang seinem Spießgesellen bei. »Was der Sepp sagen will: Es wird immer schlimmer bei uns. Ein gläsernes Irrenhaus! Me Too und der ganze Scheiß. Glang heut’ irgendeiner Nutten an die Dutten – schon bist fällig. Wenn mein Chef spitzkriegt, dass ich zum Zocken geh, heißt es Spielsucht, erpressbar, als Security-Mann untragbar. Und ich bekomm eine Abmahnung oder gleich ein blaues Brieferl.«
Pföderl hielt die Einlassungen des Dorf-Doppels zwar für reine Schutzbehauptungen, hakte aber fürs Erste nicht nach. »Was ihr in eurer Freizeit macht, ist mir wurscht. Und für die juristische Bewertung des Sachverhalts ist der Staatsanwalt zuständig – und nicht ich.« Behutsam tastete er sich vor: »Ihr hättet doch eure Aussagen zu Protokoll geben können. Verdammt noch mal, das ist doch nicht zu viel verlangt – ihr wart doch beide auf der Polizeischule, da müsstet ihr doch wissen, dass euer Abseilakt keinen guten Eindruck hinterlässt.« Wie der Pfarrer im Beichtstuhl redete Pföderl den beiden »Sündern« gut zu. »Also raus mit der Sprache, was habt ihr euch dabei gedacht? Und ich will keine Ausflüchte mehr hören.«
Sepp räusperte sich – und streute einen reumütigen Unterton in seinen dröhnenden Bass. »Wir standen unter Schock, verstehst? Die Kugel ist keine 30 Zentimeter an meinem Ohrwaschel vorbeigerauscht. Das lässt keinen kalt. Wir wollten nur weg, eine Fluchtreaktion, verstehst?«
»Wir waren mit den Nerven runter, sind im Auto gesessen und haben uns mit selbst gebranntem Obstler abgefüllt – angetrunken, wie wir waren, wollten wir nicht in der Gegend herumkutschieren. Logisch, oder?« Rabensteiner vertiefte sich in die Betrachtung der leeren Bierflasche und der mit süßem Senf bekleckerten Serviette. »Ein Schnapserl hilft, wenn die psychische Belastung zu krass wird. Nervennahrung. Bis weit nach Mitternacht haben wir die Klampfen kreischen lassen, Sweet Home, TNT, weißt schon.«
Sonnleitner legte eilig nach. »Das musst du dir mal geben, da wird vor deinen Augen ein alter Freund erschossen, da wärst du auch auf Hundert!«
Pföderl biss auf Granit. Sollte er nachbohren, dem »Verhör« eine andere Richtung geben? »Jetzt druckst nicht herum, als ob ihr vor versammelter Klasse die ›Glocke‹ von Schiller auswendig aufsagen sollt.« Pföderl suchte den Blick Sonnleitners, der mehr zu verlieren hatte als sein Spezl, der auf der Gehaltsliste einer privaten Security-Firma stand.
Rabensteiner raunzte angefressen. »Wir haben nix gesehen, wir wissen ned, wer auf den Ehgartner geschossen hat, was hätten wir also aussagen sollen?«
»Beim Schafkopfen musst mitdenken, mitzählen. Da bist du total fokussiert und nimmst deine Umgebung nur schemenhaft wahr – auf einmal macht’s bumm und den Ehgartner haut’s um!«
So kam er nicht weiter – er würde seine Taktik ändern und von der Flanke her attackieren. »Wie war der Ehgartner drauf? War er irgendwie aufgeregt, angespannt oder hat er einen verängstigten Eindruck gemacht?«
Sonnleitner winkte ab. »Im Gegenteil, die Sudsau war super drauf. Drei Solo, zwei Wenz, alle einwandfrei. Der hat uns über den Tisch und das Geld nur so aus der Tasche gezogen. Ich war gewiss schon an Dreißiger in den Miesen, dann hat er ein Herz Solo angesagt.«
Rabensteiner fuhrwerkte mit seinen Pranken herum. »Lauter Luschen, aber das Solo hätt’ er verlieren können. Der Tiroler hatte ein Eins-a-Blattl auf der Hand.«
Pföderl war Bayer, ein geduldig abwartender Ermittler, aber er ließ sich ungern für dumm verkaufen. »Ein Wort noch über Eichel Ober und Gras Sau, dann sehen wir uns morgen früh bei mir im Büro in Rosenheim. Also, ist euch an ihm etwas aufgefallen? Hat er etwas erzählt – über diesen Tiroler zum Beispiel?«
Rabensteiner wuchtete sich von der Bierbank hoch. »Sorry Leut’, i muaß dringend aufs Häusl. Sepp, wia schaut’s aus, geht no’ a Hoibe?« Sonnleitner hob den Daumen und Vitus Rabensteiner stakste im Stelzenschritt zum Dixi-Toilettenhäuschen.
»So, jetzt sind wir unter uns, Sepp. Gab’s da was, was dir sonderbar vorgekommen ist?«
Sonnleitner glotzte ihn aus seinen Albinoäuglein an. »Gesoffen hat er wie ein Loch. Ein Helles nach dem anderen.« Sonnleitner versuchte vergeblich, die Pose des tiefsinnigen Denkers einzunehmen. »Der Erwin war schon allerweil ein Wichtigtuer. An dem Abend hat er hinausposaunt, dass er die Bräuberger Brauerei zur Premiummarke pushen werde. Wie der Pascha ist er da gehockt und hat von der geplanten Imagekampagne erzählt. Parallel dazu würden sie in Tirol ein engmaschiges Vertriebsnetz aufbauen – und dafür sorgen, dass die Getränke-Discounter das Export Hell und das Hefe-Weizen Spezial ins Sortiment aufnehmen.«
»Und wie hat sein Spezl auf die hochfliegenden Pläne reagiert?«, erkundigte sich Pföderl.
»Gar ned, der Typ kam ja ein bisserl später – und hat in seinen Bart genuschelt, dass er mit Bergbahn- und Liftbetreibern verhandeln tät’. Unter dem Motto ›Bräuberger ist Spitze‹ sollte das Bayern-Bier bei den Ösis einschlagen wie die Schartner Bombe.«
Der Kriminalkommissar nahm die Steilvorlage dankend an. »Top of Tirol, oder wie? Hast ihm diese Liftstüberl-Nummer abgenommen?«
»Ah geh, nix wie heiße Luft. Aber was geht’s mich an, was die beiden treiben? Der Ehgartner war noch nie der bescheidene Hackler im Weinberg des Herrn.« Sonnleitner blinzelte, als ob er sich eine Träne verdrücken müsste.
Eine durchaus ansprechende schauspielerische Leistung, einen Tick zu theatralisch vielleicht, befand Pföderl. »Und was hast du dir gedacht?«
»Im Prinzip war der Erwin ein Pfundskerl – aber in letzter Zeit hat er es mit der Gschaftlhuberei übertrieben. Vor einem Dreivierteljahr haben s’ ihn mit dem Sanka in die Klinik eingeliefert. Verschluss der linken Herzarterie, hat es geheißen. Aber er wollt’ partout ned kürzertreten! Stattdessen macht er Wahlkampf für die Patrioten-Front, der alte Depp!«
Pföderl war überrascht – er hatte nicht geahnt, dass Ehgartner ein schwer kranker Mann gewesen war. »Bei der Obduktion werden wir Genaueres über den Zustand von Herz, Lunge, Leber und Nieren erfahren.«
Sonnleitner übte sich in Galgenhumor. »Frage: Wenn einer eh schon auf der Abschussrampe steht, wieso noch ein Risiko eingehen und ihn umlegen?«
Pföderl krakelte ein paar Stichpunkte in seinen Notizblock: »Zustand der inneren Organe« – »Ehgartners Krankenakten einsehen« – »Wer wusste von der Herz-OP?« Barthl setzte einen ernsten Gesichtsausdruck auf: »Das werden wir herausfinden. Hatte Ehgartner berufliche oder private Probleme?« Er blickte auf und sah Rabensteiner neben Sonnleitner stehen.
»Probleme?« Vitus Rabensteiner wieherte wie ein Hengst, der eine brunftige Stute erspähte – und knallte zwei Flaschen Bräuberger Ägidius-Trunk auf den Biertisch. »Das wäre etwas untertrieben, tät ich sagen. Sein Privatleben, ein einziges Desaster. Er hat ja unbedingt diese Liana oder Liora, wie das geldgierige Weiberts geheißen hat, heiraten müssen. Diese rumänische Schnalle hat ihn ausgenommen wie eine Kirchweihgans. Und dann wollt s’ ihm auch noch ein Kuckuckskind anhängen – das nicht von ihm war.«
Sonnleitner hielt es offenbar für taktlos, die familiären Verhältnisse Ehgartners in aller Ausführlichkeit zu sezieren, doch auch er merkte in süffisantem Ton an: »Die Scheidung war nicht billig, dieses Drecksluder hat ihn richtig bluten lassen.«
Rabensteiner neigte gedankenschwer sein Haupt und schien mit sich zu ringen, ob er noch mehr »Intimitäten« preisgeben sollte. »Dazu die Geschichte mit der gspinnerten Hex’, der Schönhuberin.«
»Dieses Flintenweib hat ihn doch zur Kandidatur gedrängt«, ereiferte sich Sonnleitner.
Der Kommissar machte sich erneut stichpunktartige Notizen. »Schönhuber« – »politisches Engagement« – »Kandidatur«. »Und im Job, wie ist es da gelaufen?«, erkundigte sich Pföderl.
»Da hat ois gepasst. Von Bierflaute keine Spur. Der Absatz ist stetig gestiegen, die Brauerei hat in neue Sudkessel, Edelstahltanks und Abfüllanlagen investiert. Da ist er als Geschäftsführer fest im Sessel gesessen, aber der Stress war enorm.« Sonnleitner zog ein nüchternes Fazit. »Der Erwin hat sich überhoben. Die Politik, der Wahlkampf, die ganzen Anschuldigungen und Anfeindungen haben ihm das Genick gebrochen. Er wollte einfach immer mehr – und am besten alles auf einmal.«
Rabensteiner orakelte: »Wer den Hals nicht vollkriegt, dem wird irgendwann das Maul gestopft.«
Pföderl merkte kurz und lapidar an: »Zu viele Jäger sind des Hasen Tod!« Und unter den Jägern würde der Mörder zu finden sein.
Wie er es im Seminar »Praktische Verhörtechnik« gelernt hatte, sondierte er geduldig alle möglichen Spuren. »Wollte er sich hernach noch mit jemandem treffen?«
Eine tiefe Zornesröte entflammte Rabensteiners Wangen. »Was soll diese depperte Fragerei, Pföderl? Wen hätte er denn treffen sollen? Den Padrone von der Inntaler Mafia oder seinen Führungsbeamten vom BfV?«
Sonnleitner hob beschwichtigend die Arme: »Du musst das fragen, o. k.! Aber der Ehgartner war sturzbesoffen, er hat noch nicht einmal die Arschbacken der Trachten-Trutschen betatscht.«
»Und das will was heißen«, scherzte Rabensteiner.
Pföderl wurde das komische Gefühl nicht los, dass ihn diese Bauernbazi wie einen Ochsen am Nasenring herumführten. Das Gespräch hatte sich bislang ausschließlich um das Opfer, aber nicht um den mutmaßlich an der Tat beteiligten flüchtigen Tiroler gedreht. »Was wisst ihr über seinen Geschäftspartner? Was hat der hier gewollt?«
Sonnleitner hebelte den Kronkorken aus der Flasche. »Mei, den haben wir noch nie hier gesehen. Getränke-Tandler aus Hall, glaub ich zumindest. Ein ziemlicher Unsympath, wenn du mich frägst.«
Rabensteiner schlug seine schwarze Erdmann-Jacke mit der Aufschrift »IS-Security« zurück, darunter kam ein Pistolenhalfter zum Vorschein. »Ein eingebildetes Großmaul. Der Ehgartner war stinkfreundlich zu dem Aff – Jackl hier, Jackl da. Er ist dem Goaßenficker regelrecht in den Arsch gekrochen, das war sonst ned seine Art.«
Sonnleitner klopfte sich ein paar Brösel von der Hose. »Der hat sich nicht in die Karten schauen lassen, hat einen auf harten Hund, so auf Schwarzenegger light gemacht.«
Der Ball flog jetzt mit atemberaubender Geschwindigkeit hin und her. »Wo du es sagst – da war so eine negative Aura, was Hinterhältiges.«
Pföderl rutschte unruhig auf der harten Bierbank herum, in puncto Sitzfleisch war er gegenüber seinen beiden Zeugen eindeutig im Hintertreffen: »Aus Hall also, Jackl, Jakob. Wie noch?«
»Hm«, machte Sonnleitner. »Einen Schlitzaugen-Schlitten hat er gefahren, einen Allrad-Jeep von Suzuki oder Toyota.«
Rabensteiner wischte sich einen Speichelrest aus dem Mundwinkel. »Kennzeichen IL – Innsbruck-Land. Die Buchstabenkombination war irgendwas mit JE oder IF.«
»Habt’s die Schönhuberin schon befragt?«, wandte Sonnleitner ein.
Pföderl verneinte. »Noch nicht. Wieso? Wisst ihr da noch was?« Die vielsagenden Blicke entgingen ihm nicht.
Rabensteiner höhnte. »Du bist doch bei der Kripo. Ich bin nur der Security-Sepp.«
Sonnleitner enthielt sich jeder Polemik. »Sie war doch sein Gspusi, schon ein bisserl her, dann hat er die Rumänin aufgegabelt und es gab eine Menge böses Blut.«
Pföderl fahndete in den Taschen seines zerknautschten Sakkos nach einem Kaugummipackerl und stieß dabei auf ein Gerät, das er dort drin nicht vermutet hatte: ein Diktafon. Wieso hatte er das Gespräch nicht mitgeschnitten? Das war doch reichlich unprofessionell. Er fühlte, wie die Wut in ihm hochkochte. »Dass oben am Kirchberg die Trafostation in die Luft geflogen ist, davon habt’s ihr nichts mitbekommen, oder?«
»Wir waren doch unten am Parkplatz, später sind wir nauf nach Untereck, zur Kapelle«, wiegelte Sonnleitner ab. Pföderl bezweifelte, dass er von den beiden Zipfelklatschern die Wahrheit erfahren würde – da müsste er schon die Daumenschrauben anziehen.
Rabensteiner pulte mit einem Zahnstocher in seinen Hauern herum. »Weißt du, ob der Japsen-Jeep da noch da war, Sepp?«
»Schon möglich. Ehrlicherweise war ich nicht ganz bei mir«, merkte sein Sparringspartner mit bedauernder Miene an.
Das Pflanzerl war nur noch lauwarm – Pföderl hatte es also eilig. Ein herzhafter Biss, und ein Spritzer süßer Senf landete auf seinem samtteuren Sakko. »Verdammt, ze fix! Der war richtig teuer, reine Schurwolle – Markenware.« Er riss eine Serviette aus dem Spender und suchte mit hektischen Bewegungen die Senfspuren zu beseitigen, verschmierte dabei allerdings nur den Mostrich aus dem Hause Develey auf dem edlen Zwirn.
Sonnleitner klopfte ihm mit einem schadenfrohen Grinsen auf die Schulter. »Wir packen’s wieder, Barthl. Die Pflicht ruft. Denk dir nix. Meine Frau sagt immer: Schmeiß das alte Zeug weg, die armen Negerkinder brauchen aa was zum Anziehen!«
»Wie? Ihr wollt’s jetzt nicht einfach so gehen, oder?«
Rabensteiners Bärenpranke legte sich auf seinen Unterarm. »Wieso ned? Falls du noch was wissen willst, immer gern!« Breitbeinig wie zwei Desperados in einem B-Movie stapften sie zu ihren im Halteverbot parkenden Dienstwagen. Ratlosigkeit machte sich in ihm breit. Er war hier aufgewachsen, war ein Kind der Berge, manchmal hatte er jedoch das bedrückende Gefühl, ein Fremder im eigenen Land zu sein.
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