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Conny Bischofberger:
Herzschweißen
Alle Rechte vorbehalten
© 2020 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: Valeriya Gridneva
Satz: Sophia Stemshorn
ISBN gedruckte Ausgabe 978-3-99001-462-2
ISBN E-Book 978-3-99001-463-9
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
»Jede Geschichte, die wir über uns erzählen, kann nur in der Vergangenheit erzählt werden. Sie spult sich von dort, wo wir heute stehen, nach rückwärts ab, und wir sind nicht mehr ihre Akteure, sondern ihre Zuschauer, die sich entschieden haben zu sprechen.«
– Siri Hustvedt, Was ich liebte
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
EPILOG
1
»Meine Nerven möchte ich haben«, seufzte Isabella und strich sich eine goldblonde Strähne aus dem Gesicht. Eine Stunde vor der Deadline um 19.30 Uhr haderte sie noch immer mit dem Einstieg in ihre Kolumne. »Die ersten Worte sind entscheidend«, hörte sie ihre Lehrmeisterin Nana Paulischek sagen, »mit denen fängst du deine Leser wie mit einem Lasso. Sind sie überraschend, witzig oder berührend, dann folgen sie dir.«
Ein Foto auf Isabella Mahlers Schreibtisch, goldgerahmt, und ein Aschenbecher aus dem Café de Flore in Paris St. Germain erinnerten an die legendäre Journalistin. »Wenn ich einmal nicht mehr schreibe, bin ich tot«, stand in einem von Nanas letzten Mails aus dem Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Zwei Tage, nachdem sie ihre letzte Kolumne übermittelt hatte, starb sie an Lungenkrebs.
Nur Nana hatte hier im sechsten Stock des Media Quarter Vienna rauchen dürfen. Einmal fiel in der brütenden Julihitze die Klimaanlage für zwei Tageszeitungen und einen privaten Fernsehsender aus, weil sich Nana eine Marlboro Rot nach der anderen angezündet hatte und Isabella das Fenster aufreißen musste, um nach Luft zu schnappen. »Mon dieu«, murmelte Nana, sie hatte ihren Wohnsitz an die Seine verlegt und erwies der Redaktion nur noch selten die Ehre des persönlichen Erscheinens, »darf man hier eigentlich gar nichts mehr?«
Isabella hatte ihre letzte Zigarette ausgedämpft, nachdem ein Schwangerschaftstest sich clearblue verfärbt hatte. Das war jetzt auch schon ein Vierteljahrhundert her.
Zehn Jahre nach Nanas Tod war diese Frau in Isabellas Leben noch immer präsent. Ihre Liebe zur Sprache, der mädchenhafte Trotz, ihr herber Charme. »Wem gilt deine Sehnsucht?«, wollte sie von Isabella einmal ganz unvermittelt wissen. Sie fragte nie etwas ohne Grund. »Eigentlich niemandem mehr«, hatte Isabella wahrheitsgetreu geantwortet.
Sie war glücklich ohne Partner. Stolz auf zwei fantastische Söhne, der Kindesvater war ihr irgendwann abhandengekommen. Ein späterer Prinz taugte nicht. Sie vermisste nichts. Und außerdem, wann hätte sie bitteschön Zeit für Rendezvous und Romantik oder, Gott behüte, mehr als das?
In ihrem Kopf begannen sich die einzelnen Gedanken langsam dem Hauptstrang zuzuordnen. Ihr Blick fiel auf das Zitat, das wie eine Mahnung an der Tür zu ihrem Büro klebte. »Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige« – Voltaire.
Dann war sie so weit.
»Wer schon bisher wenig Hoffnung in den Ibiza-Untersuchungsausschuss gesetzt hatte, dessen Erwartungen wurden diese Woche noch untertroffen«, tippte sie in ihren Computer, Calibri, 12 Punkt, 1400 Anschläge inklusive Leerzeichen. Mehr als einen Gedanken zu Ende spinnen konnte man da nicht. Aber das in allen Farben und Facetten. Sie spürte die Wut der Fernsehzuschauer, die am Abend zuvor ein unverschämter Ministerauftritt ausgelöst hatte und sie kleidete diese Wut über die Ignoranz gegenüber dem demokratischen Instrument eines U-Ausschusses in Worte.
Für dein Publikum schreiben, nicht für die asozialen Netzwerke. Auch so ein Stehsatz von Nana. In alle Richtungen denken, nicht nur in die eine, vermeintlich richtige. Oberstes journalistisches Prinzip. Schreiben war immer Lust und Qual zugleich. Isabella ging darin vollkommen auf. Meistens jedenfalls.
Dann flossen die Gedanken, die Worte folgten einem inneren Takt. Mit dem letzten Satz ließ sich Isabella wie immer besonders viel Zeit. Nichts fand sie ärgerlicher als Texte, die am Schluss einfach ausrannen, abrupt endeten, das Publikum enttäuscht zurückließen.
»Das Geschwafel war einfach unerträglich«, brachte sie die Story schließlich auf den Punkt.
Sie ließ den Fluss der Worte noch einmal auf sich wirken, den Bogen zwischen Anfang und Ende, machte die Klammer fest, die alles zusammenhielt, und fühlte den Rhythmus. Gute Texte sind wie Musik, sie spielen dir beim Lesen eine Melodie vor.
Die Wanduhr zeigte 19.15 Uhr. Sie wartete bis 19.19 Uhr, Isabella hatte ein Faible für schöne Zahlen, und stufte die Kolumne elf Minuten vor der Abgabefrist auf Korrektur.
Dann packte sie den Stoß Zeitungen und Magazine, die sie noch lesen wollte an diesem 28. November, und die Mappe mit den Briefings für ihr nächstes Interview in ihre leicht strapazierte, roséfarbene Tasche und stieg in den Lift.
2
Im Dorf ihrer Kindheit hatte sie sich immer schon fremd gefühlt. Nachzüglerin einer Bubenfamilie, gezeugt, als die Mutter frühmorgens ins Schlafzimmer oberhalb der Gastwirtsstube wankte und der Vater schon auf dem Weg hinunter in den Weinkeller war, um sein Tagwerk zu beginnen. »Nicht geplant« sei sie gewesen, das hatte sie als kleines Mädchen nur zu oft gehört. Ihre Existenz hatte sie einem kurzen Begehren auf einer Holzstiege zu verdanken.
So fühlte sich Bella in dem Dorf und in der Familie mit fünf älteren Brüdern: Zufällig hineingeboren. Als sie 14 Tage alt war, ließ die Mutter den Kinderwagen samt Säugling wegschaffen. Aufgezogen wurde Bella von ihrer Tante, die sie Mama nannte und über alles liebte.
Bella, warum schaust du so böse? Auf Familienfotos sah man ihre dunkelbraunen Augen unter dem brünetten Pagenkopf richtig funkeln.
Bella, wo warst du schon wieder so lange? An manchen Tagen hüpfte Bella auf den Steinen im Bach das ganze Tal hinein bis zum großen Wasserfall. Sie fing mit bloßen Händen Forellen aus dem kalten Wasser und schlug sie auf einem Stein tot.
Bella, was schreibst du da? In einem kleinen Büchlein notierte sie sich interessante Worte, um sie später in ihren Aufsätzen zu verwenden. Sie wollte schon mit zehn Jahren Schriftstellerin werden.
Im Wirtshaus der Eltern wurde viel gesungen, getanzt und getrunken. Bella dachte lange, Betrunkensein sei ganz normal und Nüchternheit der bedauernswerte Zustand nach dem Genuss von Alkohol. Wie Leihpersonal wurde die kleine Bella regelmäßig abgeholt, nicht einmal die geliebte Tante konnte das verhindern, dann musste sie im Wirtshaus Teller waschen, Aschenbecher putzen, Wein ausschenken, beim »Bunten Abend« im Dirndl Heimatlieder singen. Und wenn die begeisterten Gäste eine Runde spendierten, da musste auch sie Schnaps trinken. Obstler, Williams, Kirsch. Mit den Jahren wurde sie immer trinkfester. Alkohol entfaltete bei ihr nie die übliche Wirkung. Nur bei Champagner stellte sich später jene süße Benommenheit ein, die Menschen dazu verleitet, viel zu viel zu trinken.
Wäre sie kein Mädchen gewesen, sondern ein Bub, dann hätte sie wie ihre Brüder ins Gymnasium gehen können und später auf die Uni und außerdem einen BMW mit Sportfelgen fahren. So sollte sie den Kronenwirt des Nachbardorfes ehelichen und dann von ihrer Mutter, der singenden Sonnenwirtin, das durch Heirat vergrößerte Gastro-Imperium übernehmen. Das war fix geplant mit dem Kind, das zwar nicht geplant, aber sehr musikalisch war.
Bella musste noch heute schmunzeln, wenn sie daran dachte, denn der Kronenwirt war ein wirklich begehrenswerter Mann gewesen. Sie hatte sich für eine Nacht mit ihm entschieden, aber gegen den Rest.
Als Isabella die Tür zu ihrer Altstadtwohnung aufsperrte, bereitete Marcelo in der Küche gerade French Toast zu. Der Duft von gebräunter Butter, Eiern, knusprigem Weißbrot und frisch gemahlenem schwarzem Pfeffer stieg ihr in die Nase. »Auch einen für dich?«, fragte Marcelo und schwenkte die Pfanne. Isabella nickte dankbar, legte ihre Magazine und Mappen auf dem großen Holztisch ab, warf den gelben Mantel über einen Stuhl und begrüßte ihre Tiger. Der kohlrabenschwarze Mogli schnurrte laut, die ungarische, getigerte Prinzessin strich ihr in Achtern um die Beine. Sie füllte die Katzenschüsseln, dann schenkte sie sich und ihrem spanischen Mitbewohner zwei Gläser kühlen Sancerre ein.
Aus dem CD-Player klang Haydns Paris-Symphonie Nummer 82, C-Dur. Der French Toast schmeckte wunderbar. Und in Gesellschaft von Marcelo noch besser. Mit jedem Jahrzehnt genoss sie es mehr, junge, aufgeschlossene Menschen um sich zu haben, sich inspirieren zu lassen von ihren Visionen und der Kraft, mit der sie diese Visionen vertraten. Isabella hatte schon mit Studenten aus Uruguay, Japan, Finnland, Holland, Italien, Spanien und Ungarn und einem Flüchtling aus Syrien gewohnt.
Sie fühlte Genugtuung darüber, dass sie sich damals ins Gymnasium gekämpft, schreiben gelernt und fortan selbst entschieden hatte, wie und wo und mit wem sie leben, für wen sie arbeiten und wofür sie ihre Kräfte einsetzen wollte.
Isabella wollte noch Mails checken, Nachrichten schauen, sich gedanklich auf den nächsten Interviewpartner für ihr Sonntagsformat einstimmen und ein heißes Bad mit Rosenöl nehmen. Das machte so schön müde. Und eine zarte, weiche Haut.
3
Frühstücksfernsehen, die Themen des Tages, der Studiogast, das alles gehörte zu Isabellas Morgen wie der selbst gemahlene African Blu, den sie mit Milch und eineinhalb Löffel Zucker aus der geblümten dänischen Tasse trank, dabei lag Mogli satt und müde auf ihrem Schoß.
Als Journalistin musst du Infos aufsaugen wie ein Schwamm, hatte Nana immer gesagt, und im richtigen Augenblick rufst du sie ab. Das ging beim Frühstücksfernsehen los und endete auf Twitter und Instagram, bevor sie ins Bett ging.
Isabella war durch eine harte Schule gegangen. Erste Ferialpraxis mit 17, dann startete sie als Redaktionsaspirantin eine zweijährige Ausbildungszeit bei der Lokalzeitung in Bregenz. An ihren ersten Auftrag erinnerte sie sich, als wäre er gestern gewesen: Sie musste über die Jahreshauptversammlung eines Bienenzuchtvereins berichten. Da war sie 18 und hatte gerade die Schule abgeschlossen. Schnell lernte sie, das Interessante im scheinbar Langweiligen zu finden. Es war alles eine Sache des Blickwinkels.
Mit dem ersten Gehalt kaufte sich Isabella einen gebrauchten, vanillegelben VW-Käfer, um unabhängig zu sein. Wenn der Polizeifunk – damals konnte man den noch heimlich abhören – einen schweren Unfall meldete, war sie schon unterwegs. Den Fahrersitz hatte sie mit einem weißen Lammfell überzogen.
Wie sie vor Jahrzehnten arbeitete, das konnten sich die jungen Kolleginnen und Kollegen gar nicht mehr vorstellen. Keine Handys, kein Internet! Die Grundausstattung waren Münzen, damit man in Telefonzellen jederzeit eine Geschichte durchgeben konnte, falls man keinen Fernschreiber fand. Faxgeräte mit Thermopapier waren die Steigerungsstufe der Technisierung. In den Journalisten-Hotels gingen regelmäßig die Thermopapierrollen aus. Und um in diesen Journalisten-Hotels zu wohnen, musste man jederzeit den richtigen Reisepass dabeihaben. Nummer eins für Israel und den Rest der Welt, Nummer zwei für arabische Länder.
Ihre Texte klopfte Isabella viele Jahre lang in die Schreibmaschine, Handgelenksentzündungen galten in den Siebzigern und Achtzigern als Berufskrankheit. Papier war kostbar, deshalb riss man die Blätter, wenn sie nicht ganz vollgeschrieben waren, ab und verwendete den Rest für eine Kurzmeldung. Mit »Rohrbomben«, das waren runde Plastikbehälter mit abschraubbarem Deckel, jagte man die Texte vom zweiten Stock der Redaktion durch einen Rohrschacht hinunter in die Druckerei. Dort kamen sie zum Bleisetzer, danach in Platten, die mit Spagat zusammengebunden waren. Die Titel passten manchmal nicht hinein, dann setzte der Druckereiarbeiter eine Schutzbrille auf, sägte die breitesten Buchstaben, wie »m« und »w«, an beiden Enden etwas ab, und es flogen Funken durch die Luft. Isabella liebte es, den Männern in den dunkelblauen Mänteln bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Manchmal durfte sie auch ein »w« absägen.
Mit dem Aufkommen des Internets veränderte sich der Beruf von Grund auf. Nur eines veränderte sich nicht. Die Sprache war noch immer der Kern jeder Reportage, jedes Berichts, jedes Kommentars. Die Ehrfurcht vor der Sprache hatte Isabella nie verloren.
Es war 7.15 Uhr an diesem 29. November, in »Guten Morgen Österreich« ging es gerade um das Recht auf Nahrung und den Hunger in der Welt. Sie hörte, wie die Moderatorin den Studiogast ankündigte. Christoph Regner, neuer Geschäftsführer von »Amnesty International Österreich«. Aha, dachte sich Isabella, na ja, mal schauen, was der zu sagen hat.
Im Einspieler zur Story sah sie, wie Regner durch die Gänge der Amnesty-Zentrale schritt. Wie er seine Kappe abnahm, sich kurz über das grau melierte Haar strich, den schwarzen Mantel aufhängte, sein Blick hatte etwas Tragisches. In Westafrika bahne sich eine Hungerkrise an, die Zahl der unterernährten Menschen könne von 17 auf 50 Millionen steigen, hieß es im Bericht. Die Kamera fing ein, wie Regner mit seinem Team konferierte, an der Wand hingen Poster der neuen Amnesty-Kampagne, auf dem Tisch lagen Fotos von Slums in Nigeria. »Together we can beat poverty.«
Die Moderatorin begrüßte Regner im Studio. Großgewachsen, schlank, melancholischer Blick. Schwarze Jeans, weißes Hemd. Irgendetwas fesselte Isabella und sie schaute genauer hin. Für einen Moment dachte sie, eine Mundbewegung erhascht zu haben, als hätte Regner vor dem Auftritt noch rasch einen Apfel verspeist.
Dann hörte sie den Amnesty-Chef über die Arroganz des Westens reden, der schuld daran sei, dass noch immer alle fünf Sekunden ein Kind auf dieser Welt verhungerte. Seine Stimme klang wunderschön. Marx habe noch geglaubt, dass Hunger Schicksal sei, sagte Regner. »Aber hinter jedem Opfer steht ein Mörder. Das hier ist lautloser Völkermord.« Diese Sprachmelodie …
Während er von Enklaven des Glücks sprach und von einer Welt der Schmerzen, sah sie seine feingliedrigen Hände, die langen Finger, den Ring, und war im Innersten berührt. Wann er diese Welt der Schmerzen das erste Mal betreten habe, wollte die Moderatorin wissen. Regner sagte, das sei an einem Augustmorgen in Brüssel gewesen. Und erzählte die Geschichte zweier Jugendlicher aus Guinea, die im Fahrgestellkasten einer Boeing aus Afrika ihren Tod gefunden hatten. Er versprach sich kurz, lachte über sich selber, und fuhr fort. Isabella fand das sympathisch. Inhaltlich wurde es zunehmend schwieriger, ihm zu folgen, sie suchte seine Augen, die Brauen, die Fältchen, die Lippen, konnte sich nicht sattsehen. Einer der Jugendlichen habe einen Zettel in der Hemdtasche gehabt, auf dem stand: »Wenn ihr seht, dass wir uns geopfert haben, dann darum, weil wir in Afrika leiden und euch brauchen, um gegen die Armut zu kämpfen und dem Krieg ein Ende zu machen.« Seit diesem Erlebnis habe er sich geschworen, nie mehr auf der falschen Seite zu stehen.
Isabella zitterte. Die Begegnung mit Christoph Regner hatte etwas in ihr aufgewühlt, das sie nicht benennen konnte, etwas Geheimnisvolles, als hätte er ihr über den Inhalt hinaus etwas sagen wollen.
4
Die Luft roch nach Schnee an diesem 1. Dezember. Isabella hatte wieder einmal die Route über die Wiener Ringstraße genommen, um ins Media Quarter am Stadtrand zu kommen, obwohl das eigentlich ein Umweg war. Sie lenkte ihren links hinten stark verbeulten Mini vorbei am Hotel Imperial, dem Kunsthistorischen Museum und dem Burgtheater, und betrachtete andächtig die klassizistischen Prachtbauten, die in ein lachsrosa Licht getaucht waren. Nach 35 Jahren in dieser Stadt konnte Isabella noch immer den Zauber spüren, der von ihr ausging, besonders an dem einen Tag im Jahr, an dem die ersten Schneeflocken durch die Luft tanzten.
Ihre Playlist spielte Leonard Cohen, »So long, Marianne«. In ihrer depressiven Phase war Isabella süchtig nach diesem Sound gewesen. Drei Jahrzehnte später mochte sie seine tieftraurige Stimme noch immer gern. »Come over to the window, my little darling …« Beim Dr.-Karl-Renner-Ring erklomm eine Gruppe japanischer Touristen am großen Brunnen vorbei den Aufgang zum Parlament.
In Wien muss zwei und zwei nicht zwingend vier sein, hatte ein Minister aus ihrem Bundesland einmal in einem Interview erklärt, es kann auch genauso gut dreieinhalb oder fünf sein, hier stört eine kleine Ungenauigkeit keinen. Das fand Isabella besonders charmant: Dass die Wiener ihre Schlampigkeit, gepaart mit dem berüchtigten Grant, unter dem Deckmantel der Gemütlichkeit versteckten. Am Schottentor überholte sie einen Fiaker, die Pferde schnaubten, der Atem des Kutschers rauchte in der Kälte. Null Grad. Wenn die Temperatur noch um ein halbes Grad sinken und es leicht nieseln würde, dann … Sie konnte den ersten Schnee kaum erwarten.
Im Dorf hatte Mama ihr immer erlaubt, barfuß durch den ersten Schnee zu laufen. Der Gedanke ließ sie wohlig frösteln. Wenn Bella dann mit roten Backen und eiskalten Füßen ins Bett schlüpfte und Mama die Decke über ihre Schultern legte, war sie glücklich.
Müsle gang ga schlofa, da Tag züt us bed Schuah – Mäuslein, geh schlafen, der Tag zieht beide Schuhe aus.
Und huschlat uffa Zeha da Schwizar Bergo zua – und huscht auf Zehen den Schweizer Bergen zu.
Das Wiegenlied hatte sie später auch ihren Söhnen vorgesummt, wenn sie Angst vor Gespenstern hatten oder keine Ruhe finden konnten. »Müsle« blieb zeitlebens ein zärtliches Wort für sie.
Mit ihrem dunkelgrünen Mini verließ sie den Gürtel und bog in Richtung westliche Außenbezirke ab. Die Sonne war jetzt weg, das Blassrosa des Himmels hatte sich hellgrau verfärbt. Im Radio schnappte sie einen Satz auf, der sie aufhorchen ließ, der würde dem Thema ihrer Kolumne eine spezielle Note verleihen.
Sie spürte die Leichtigkeit, die sie sich als Grundgefühl immer bewahren wollte. Diese Bereitschaft, alles auf sich zukommen zu lassen, Isabella hatte sie jahrelang trainiert. Auf den Zufall vertrauen, auf das Glück und das eigene Können, dann begegnet dir alles. Die Begegnung im Frühstücksfernsehen hatte sie erfolgreich verdrängt, darin war sie richtig gut.
Isabella parkte ihren Wagen auf dem Deck des Medienhauses, trat durch die Schwingtür ins Gebäude ein und fuhr mit dem Lift in den sechsten Stock. Daisy, ihre Assistentin, hatte Kräutertee gekocht und die Tasse mit dem Fuchsmotiv bereitgestellt, alle Tageszeitungen und Magazine lagen geordnet neben dem Keyboard. Die Kolumne ging ihr heute ganz leicht von der Hand. Manchmal war es so einfach und dann wieder eine furchtbare Qual.
Sie hatte Nana immer beneidet, wenn sie auf dem Boulevard St. Germain plötzlich innegehalten hatte. »Du musst ja noch deine Kolumne schreiben!«, murmelte sie dann und machte ihre Freunde ganz nervös. Oft spielte sich das am späteren Nachmittag ab, eine knappe Stunde vor der Deadline. Dann winkte sie ein Taxi herbei und raste in ihre kleine Wohnung in der Rue de Bac, um schnell die Nachrichtenlage in Wien zu checken. Was war am Cover, was hatten die Kollegen sich einfallen lassen? Ein kleines Detail, eine Ungeheuerlichkeit, eine Kurzmeldung irgendwo auf Seite 24, ein besonderer Blickwinkel auf ein Foto inspirierte sie dann, sie formulierte einen wichtigen Gedanken und traf mit ihren Worten jedes Mal mitten ins Herz.
Jahre nach Nana Paulischeks Tod hatte der Herausgeber ihr, der Star-Interviewerin, diese Kolumne angeboten. Du kannst nicht auf zwei Hochzeiten tanzen, hätte Nana dazu wohl gesagt. Isabella nahm das Angebot trotzdem an. Drei Mal pro Woche Kolumne und einmal, in der auflagenstärksten Ausgabe, das große Sonntags-Interview. Und es war jede Woche eine Gratwanderung.
Der Sprung vom knappen Kommentieren zu den atmosphärischen Einleitungstexten ihrer Interviews, von der Politik in die Kunst, von der breiten Gesellschaft in die Randgruppen schien ihr oft unmöglich. Den Schalter einfach umzulegen, die Welten zu wechseln, sich auf eine völlig neue Situation einzulassen erforderte einen Fokus, der sie mehr als einmal an ihre Grenzen führte.
Isabella griff nach der Mappe mit den Informationen über ihren nächsten Interviewpartner. Daisy stellte diese Mappen immer zusammen. Sie enthielten eine Biografie, bereits erschienene Interviews und Porträts, Storys über artverwandte Personen und Themen, Auszüge aus Büchern, Jugendfotos, Jugendsünden et cetera.
Dieses Mal stand »Paulo Coelho« auf dem Deckblatt. Der brasilianische Bestsellerautor war Gastredner bei einem Treffen von Nobelpreisträgern im Benediktinerstift Melk, Isabella hatte schon vor einem Jahr davon erfahren und ihre Anfrage bei Coelhos Management deponiert. Erst kam eine Absage, aber Isabella kannte das Prozedere und ließ sich davon nicht abschrecken. Ganz im Gegenteil: Wenn ein Weg nicht zum Ziel führt, dann wählst du eben einen anderen, das war ihr Motto.
Sie traf sich nochmals mit dem österreichischen Veranstalter des Meetings, worauf dieser ihre Einladung mit Coelhos Büro erneut erörterte. Sie organisierte, telefonierte, kontaktierte – alles ohne Erfolg.
Dass Coelho schließlich doch noch zusagte, hatte Isabella Mahler letztlich einem Detail in ihrem Mail zu verdanken. »Unsere Leserinnen und Leser« – das waren immerhin auch ein paar Millionen – »würde vor allem interessieren, ob es eine geheime Formel gibt, nach der Sie schreiben, auf der sich der magische Effekt begründet, den Ihre Geschichten für 250 Millionen Fans auf der ganzen Welt haben«, schrieb Isabella. Details waren so wichtig. Auch für den meistgelesenen Autor der Welt. Isabella war am Ziel.
»Ihre Frage hat Herrn Coelhos Neugier geweckt«, schrieb sein Manager. »Er ist gerne zu einem Interview bereit. Da Herr Coelho im Radisson Blu wohnen wird, schlägt er die Hotelbar vor.« »Blu Style«, kommende Woche am Donnerstagnachmittag um 15 Uhr.
Isabella notierte sich Stichworte, aus denen sich die Fragen an Paulo Coelho ergeben würden. Sinnsuche und Selbsterkenntnis, Glück und Schmerz, Drogen- und Foltererfahrungen, Literaturkritiker, Geldanlage. Die Fragen formulierte sie meist wenige Stunden vor dem Treffen auf ein paar Blättern Papier. Mit weichem Bleistift geschrieben, das fühlte sich so leicht an. »Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht«, schrieb Erich Kästner. Die Fragen waren der Kern jedes Interviews. Selbst wenn der Interviewpartner nichtssagend sein sollte, was bei Politikern nicht selten der Fall war, mussten wenigstens die Fragen überraschend, außergewöhnlich und präzise sein.
»Hi Isabella, Lust auf einen CO?« Eine WhatsApp-Nachricht von Kathi blinkte auf. »CO« stand für Campari Orange. Eigentlich ein Sommergetränk, aber egal. Manchmal kommentierte Kathi Aussagen mit »TD« – »total desaster« oder »IT« – »it’s true«. Trump-Style, dachte Isabella und musste lachen.
Die Kriminalpsychologin Katharina Kinski war Isabellas älteste Freundin. Zeit mit ihr zu verbringen hatte immer etwas Heiteres, Spannendes. Mörder und Psychopathen, Borderliner und Co-Abhängige. Kathi kannte sich aus mit kranken Beziehungen.
Viele solcher Charaktere hatten sich in die elegante, perfekt gestylte Fünfzigerin mit den grünen Augen schon verliebt, Stalking und Drohungen inklusive. Deshalb zählte Kathi zwei Polizeibeamte zu ihren engsten Freunden. Die konnte sie auch spätnachts anrufen, wenn einer ihrer Klienten wieder einmal durchdrehte.
»Ja, gern«, tippte Isabella in ihr iPhone, sie hatte heute eigentlich nichts mehr vor. »Wo?«
»Bristol Bar, um 17 Uhr.«
»Machen wir 17.17«, schrieb Isabella, und Kathi schickte ein Smiley.
Im »Bristol« wusste der Barkeeper schon, wie sie ihren Campari mochte: möglichst mit Blutorangensaft, frisch gepresst, nicht zu viele Eiswürfel und einen Strohhalm in Gelb oder Grün oder Weiß, als Komplementärfarbe zum Rot des Cocktails. Isabella legte großen Wert auf Ästhetik und war sehr detailverliebt, manche nannten es auch anstrengend. Bei den kleinen Dingen des Lebens konnte sie geradezu radikal sein. Isabella hasste zum Beispiel Kapselkaffee, George Clooney hin oder her. Warum sollte man auf den Duft von frisch gemahlenem Kaffee in der Früh verzichten? Oder Maresi Leicht statt Milch, frischer Milch. Den Zusatz »länger frisch« empfand sie als Verrat am Wort »frisch«. Entweder war etwas frisch oder eben nicht.
Kathi wartete schon mit zwei Gläsern Campari Orange an der Bar, als Isabella Punkt 17.17 Uhr eintraf.
»Hey Süße!« Bei Kathi klang das gar nicht wie der gefürchtete Wiener Charme, sondern vertraut und ehrlich.
»Hey«, erwiderte Isabella leise. Sie wollte ihr eigentlich von Coelho erzählen, von den wochenlangen erfolglosen Versuchen und dass das Interview nun doch noch zustande kam.
Stattdessen erzählte sie ihrer Freundin von Christoph Regner. Von seinen Worten, seiner Stimme, seinen Augen, seinen Händen, dem Ring. Von dem Gefühl, das sie vollkommen überwältigt hatte.
Kathi spielte mit einer roten Locke. Ihr Blick blieb konzentriert und ernst. »Und was wirst du jetzt tun?«
Isabella überlegte. »Vielleicht gar nichts«, sagte sie.
»Der Ring kann auch ein Glücksbringer sein«, meinte Kathi.
Isabella musste lachen. Das war typisch Kathi, für sie hatte das Geheimnisvolle, Unwahrscheinliche immer mehr Logik als das ganz Normale.
»Ich glaub’ schon, dass es ein Ehering ist«, sagte Isabella.
»Und wenn schon«, zuckte Kathi mit den Schultern, »man kann nicht auf jedes Detail Rücksicht nehmen. Du schreibst ihm morgen ein E-Mail!«
Isabella drehte ihren Strohhalm hin und her, bewegte die Eiswürfel im Kreis. Die Sache war ihr plötzlich sehr unangenehm. Was hätte sie für einen Grund, einem fremden Mann zu schreiben? Den Eindruck zu erwecken, als wäre sie, mit bald 60, auf der Suche?
Kathi las ihre Gedanken. »Ein Mail heißt noch gar nichts. Vielleicht schreibt er höflich zurück und das war’s.«
Aber Isabella wusste, dass das nicht stimmte. Wenn sie ein Mail schrieb, dann hieß das für sie sehr viel. Dann waren es keine leeren Worte. Dann schlug sie einen Weg ein, von dem sie nicht wusste, wohin er sie führen würde. Vielleicht würde nichts mehr in Isabellas Leben so sein wie es bisher war. Und bisher war es eigentlich – zumindest lange Zeit – ziemlich perfekt gewesen.
»Ich will ihm schreiben und gleichzeitig will ich ihm auf keinen Fall schreiben«, sagte Isabella. »Kannst du das verstehen?«
Kathi nickte.
»Noch zwei Campari?«, fragte der Barkeeper. Isabella winkte ab.
»Ach Süße«, seufzte Kathi und bestellte die Rechnung.
Als Isabella vom Opernring in Richtung dritter Bezirk fuhr, konnte sie ihre Angst ganz deutlich spüren, aber auch etwas anderes. Eine seltsame Mischung aus Mut und Freude.
In diesem Moment begann es am Abendhimmel von Wien sanft zu schneien.
5
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Montag, 2. Dezember, 13:12 Uhr
Sehr geehrter Herr Regner,
ich habe Sie am Freitag in »Guten Morgen Österreich« gesehen.
Bitte nicht falsch verstehen, wenn ich Ihnen das jetzt schreibe. Die Geschichte mit den zwei Jugendlichen aus Guinea hat mich sehr berührt, noch mehr aber die Art, wie Sie sie erzählt haben.
Liebe Grüße
Isabella Mahler
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Montag, 2. Dezember, 14:56 Uhr
Sehr geehrte Frau Mahler,
so eine herzliche Rückmeldung von Ihnen zu erhalten, das hätte ich nie erwartet. Tut der Seele echt gut …
Danke dafür und jetzt ganz ehrlich: Ich finde Ihre Interviews auch berührend, von Menschlichkeit und Respekt getragen, dennoch hinterfragen Sie stets kritisch. So finden Ihre GesprächspartnerInnen auch das Zutrauen, ihre Alltagsmaske abzulegen und sich ein Stück weit zu zeigen.
Alles Liebe
Christoph Regner
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Dienstag, 3. Dezember, 12:03 Uhr
Sehr geehrter Herr Regner,
danke, dass Sie mir so lieb zurückschreiben. Ich musste an Kreisky denken, der gesagt haben soll: Sie wissen gar nicht, wie viel Lob ich vertragen kann!
Nein, im Ernst: Die »Welt der Schmerzen«, wie Sie es genannt haben, so zu erklären, dass sie fühlbar wird, ist schon eine Gabe.
Vielleicht ergibt sich ja einmal die Gelegenheit, dass wir einander begegnen. Ich würde mich sehr darüber freuen.
Liebe Grüße
Isabella Mahler
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Dienstag, 3. Dezember, 17:17 Uhr
Sehr geehrte Frau Mahler,
vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, das haben
Sie sehr behutsam formuliert.
Ich würde mich auch freuen, Sie »analog« kennenzulernen. Leben ist Begegnung …
Haben Sie ein Lieblingscafé?
Mit lieben Grüßen
Christoph Regner
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Mittwoch, 4. Dezember, 22:07 Uhr
Sehr geehrter Herr Regner,
mein Lieblingscafé ist eigentlich das Les Deux Magots in Paris. In Wien mag ich das Café Rathaus und das Westend. In der »Blu Style« im Hotel Radisson Blu werde ich übernächsten Donnerstagnachmittag bei der Feuerstelle Paulo Coelho interviewen. Spricht Sie da was an?
Isabella Mahler
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Donnerstag, 5. Dezember, 10:48 Uhr
Sehr geehrte Frau Mahler,
ich hab mir oft gewünscht, das Amnesty-Haupthaus wäre in Paris, nicht in London.
Das Les Deux Magots kenne ich nur aus der Literatur. Coelho war Mitglied der antikapitalistischen »Alternativen Gesellschaft«, das spricht mich an.
Also werden wir einander auch bei der Feuerstelle im »Blu Style« begegnen? Bleibt nur noch die Frage, wann. Vor Weihnachten ginge bei mir noch der 12.12.
Sonst im neuen Jahr?
Mit lieben Grüßen
Christoph R.
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Donnerstag, 5. Dezember, 12:41 Uhr
Sehr geehrter Herr Regner,
der 12.12. hätte mir gut gefallen, weil ich schöne Zahlen sehr mag. Aber an diesem Abend ist die Weihnachtsfeier unserer Redaktion. Am zweitschönsten nach dem 01.01.2020 finde ich eigentlich den 12.01.2020 – 120-120-20 – das ist ein Sonntag. Der 20.01.2020 gefällt mir auch gut. Ich lasse Ihnen den Vortritt.
Liebe Grüße
Isabella Mahler
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Freitag, 6. Dezember, 00:08 Uhr
Liebe Frau Mahler,
20.01.2020 passt, um 20:01 Uhr dann wohl.
Ich wünsche Ihnen besinnliche, friedvolle Weihnachten.
Alles Liebe
Christoph Regner
6
Isabella spürte etwas Feuchtes an ihrer Wange. Sie öffnete langsam ihre Augen und wusste nicht, wer und wo sie war. In dieser ersten Sekunde nach dem Aufwachen gab es keine Zeit und keinen Raum, sie schwebte noch in der Traumwelt, es war ein Moment größter Verletzlichkeit. Prinzessin hatte sie angestupst und aufgeweckt, wie jeden Morgen. Schlaftrunken streichelte Isabella ihr zartes Fell, während die Tigerkatze sich wohlig an ihren Körper schmiegte und laut schnurrte. In der »Zeit« hatte sie gelesen, dass eine schnurrende Katze sich nicht immer wohlfühlt. Dass Schnurren oft eine Methode sei, mit der sich Katzen in stressigen Situationen selbst beruhigen. So selig, wie Prinzessin neben ihr lag, und ihr noch ein paar Minuten Dösen vor dem Füttern gönnte, konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie gerade Stress abbaute. »Ich steh ja schon auf«, murmelte Isabella, als Prinzessin erneut die feuchte Nase an ihre Stirn rieb. Mogli streckte sich, er wusste, das Katzenfrühstück war nah.
Irgendetwas war anders an diesem Morgen. Geträumt hatte sie nicht, das machte den Start in den Tag schon mal leichter. Wenn sie geträumt hatte, versuchte sie immer, der Bedeutung des Traumes sofort auf den Grund zu gehen. Das beschäftigte sie oft den halben Vormittag, mitunter ohne Erfolg. Auf dem Weg in die Wohnküche horchte Isabella in sich hinein. Sie spürte eine leise Aufregung, eine undefinierbare Erwartung, als sie zum Kühlschrank ging, um Topfen zu holen. In einem tiefen Teller zerquetschte sie eine Banane mit der Gabel, mischte den Topfen, Honig und geschrotete Leinsamen dazu und gähnte. Während die elektrische Kaffeemühle surrte, fiel ihr das E-Mail ein, das um 0.08 Uhr in ihrem Posteingang aufschien. Christoph Regner. Sie hatte ein Rendezvous, das war es!
Nach dem ersten Kaffee wurde ihr das Ausmaß der nächtlichen Vereinbarung so richtig bewusst. Der Mann, der sie mit seinem Fernsehauftritt aus ihrem Dornröschenschlaf gerissen hatte, wollte sie treffen. Seine E-Mails hatten von Anfang an eine sehr persönliche Note gehabt. Es schwang in ihnen noch etwas anderes mit als bloßes Interesse. Etwas, das sie sehr nervös machte. Auch wenn es noch eine Ewigkeit war bis zum 20. Januar, fühlte Isabella jetzt schon Panik. Wozu das Ganze? Sie suchte keinen Mann, sie hatte eigentlich für so etwas gar keine Zeit. Sogar wenn sie sich mit Bekannten treffen wollte, kam meistens etwas dazwischen. Deshalb war es kompliziert, mit ihr befreundet zu sein. Außerdem hatte sie Angst.
Isabella schlüpfte in ihre Jogging-Pants, schnappte sich ein weißes Thermoshirt und suchte ihre Laufschuhe. Bewegung würde ihr guttun. Sie rannte hinunter zum Donaukanal, sah aus den Augenwinkeln das grüne Wasser fließen, sie und der Fluss bewegten sich in dieselbe Richtung. Der gefrorene Boden knirschte unter ihren schnellen Schritten, die kalte Luft fraß sich in ihre Lunge.
Auf ihrer kurzen Strecke begegnete sie zwei Ratten, die den Weg zum Wasser kreuzten, und einem schwarzen Raben, der sie neugierig anstarrte. Es war 6.45 Uhr. Auf dem Rückweg würde sie frisches Grahambrot mitnehmen, dafür klebte immer ein Fünfeuroschein in ihrem BH. Grahambrot erinnerte sie an ihre Bandscheibenoperation vor sechs Jahren. An den Morgenschmerz, der damals wochenlang ihr Begleiter war. Durch Bewegung wurde er immer schwächer und schließlich besiegte sie ihn. Danach gab es in der Klinik Grahambrot mit Butter und Honig und Malzkaffee.
Beim Aufgang zur Brücke sah sie Brigitte mit ihrem Beagle »Giovanni«. Brigitte spielte die lustige Alte in einer TV-Vorabend-Serie, verkörperte den Prototyp Frau jenseits der 50, die noch Spaß an Sex hat. Privat sah das anders aus.
»Hey!«, rief Isabella und drosselte das Tempo, Brigitte winkte ihr zu. Die beiden Frauen gingen ein Stück des Weges gemeinsam.
»Du siehst gut aus«, sagte Brigitte und musterte Isabella von der Seite. »Irgendwie verändert.«
Isabella erschrak. Sie war innerlich aufgewühlt, aber konnte man das äußerlich wirklich sehen?
»Ich habe eine Konversation mit einem Mann begonnen«, sagte Isabella. »Hab ihm ein E-Mail geschrieben, und er hat sofort geantwortet.«
Brigitte horchte auf. »Ich bewundere deinen Mut«, sagte diese starke, erfolgreiche Frau, »ich glaube, ich könnte das nicht.«
»Es war ein innerer Impuls«, erklärte Isabella. »Ich bereue es mittlerweile schon fast.«
Dann erzählte Brigitte von einem Regisseur. Sie sei aber nicht sicher, ob ihre Gefühle für ihn auf Gegenseitigkeit beruhen würden. Außerdem sei der Typ verheiratet.
Isabella hatte dieses Argument schon so oft gehört. Und nie verstanden. Ihrer Ansicht nach konnte man sich mit jedem Menschen unverbindlich treffen und austauschen, unabhängig von dessen Geschlecht oder Beziehungsstatus. Alles andere würde ja bedeuten, dass der Austausch mit einem Hintergedanken stattfände. Der Hoffnung oder Absicht, eine romantische oder sexuelle Beziehung einzugehen. Isabella schien es logisch, dass am Anfang höchstens Interesse stehen konnte. Gefühle kamen erst später, mitunter auch gar nicht.
»Ist es nicht unehrenhaft, ihm zu schreiben?«, fragte Brigitte leise.
»Unehrenhaft?« Isabella sah in den sich klärenden Morgenhimmel. »Was soll daran unehrenhaft sein? Lerne ihn doch erst einmal kennen!«
Und dann hielt sie ein zorniges Plädoyer über Frauen, die sich viel zu viele Gedanken machen. Über das, was Männer über sie denken, über Fesseln und Konventionen, über Freiheit und Emanzipation, »sogar über Ehefrauen, die wir gar nicht kennen, machen wir uns Gedanken«, ließ Isabella ihrem Ärger Luft. »Und wer macht sich bitte Gedanken über uns?«
Brigitte lachte. »Du hast mich ermuntert«, meinte sie, »vielleicht frage ich ihn, ob er Lust hat, einen Kaffee mit mir zu trinken.«
Auf dem Rückweg in ihre Wohnung überlegte Isabella, was Christoph Regner jetzt wohl gerade machte. Ob er Kaffee oder Tee trank zum Frühstück? Wo er wohnte und wie. Wahrscheinlich fuhr er mit der U-Bahn ins Büro. Sie fragte sich, nicht das erste Mal, warum er ihr am 6. Dezember schon frohe Weihnachten gewünscht hatte.
Isabella verspürte große Lust, ihm zu schreiben, entschloss sich aber, diesem Verlangen nicht nachzugeben.
7
An Interview-Tagen war Isabella trotz jahrzehntelanger Routine und perfekter Vorbereitung noch immer aufgeregt. Sie stellte sich den Worst Case vor, dass sie zu spät kommen, ihren Interviewpartner vor den Kopf stoßen würde, wichtige Aspekte übersehen haben könnte, dass sie ihrem Gegenüber sprachlich unterlegen wäre, dass sie sich von seiner Sympathie davontragen ließe, dass das Ergebnis blamabel sei, in den sozialen Netzwerken ein Shitstorm losbrechen würde und ihr Herausgeber sich zu keiner Bemerkung hinreißen ließe. Es gab so einen Spruch in der Redaktion. Ned gschimpft is gnua g’lobt – kein Tadel bedeutet bereits Lob, das einzige Lob.
All diese schrecklichen Vorstellungen endeten jeweils damit, dass sie zu sich selbst sprach: »Du hast das hunderte Male gemacht und es ist fast immer gut ausgegangen. Sehr gut sogar. Es gibt keinen Grund, dass es diesmal anders sein sollte. Du weißt genau, wie es geht. Deine Gesprächspartner vertrauen dir. Sie öffnen sich und erzählen dir Dinge, die besonders sind. So, und jetzt lässt du deine Angst los.«
Isabella stellte sich Angst blau vor und atmete die blaue Luft wie einen schweren Seufzer aus. Dann atmete sie frische, goldene Luft ein. Ihr Körper entspannte sich, sie spürte Respekt und Demut, auch vor sich selbst. Eine Haltung, die jedes Gespräch von Grund auf veränderte.
Die Schreckensvorstellungen waren nicht gänzlich unbegründet. Immer noch quälten sie die Erinnerungen an ein Interview, das ihr damals, knapp vor ihrem dreißigsten Geburtstag, völlig misslungen war. Jeanne Moreau, die Isabellas Meinung nach das französische Kino des 20. Jahrhunderts wie kaum eine andere Künstlerin geprägt hatte und noch dazu ihre Lieblingsschauspielerin war, sagte vor einem Wien-Besuch zwei Interview-Anfragen zu. Eine Zusage betraf Isabellas Tageszeitung.
Sie war so stolz, diesen Termin wahrnehmen zu dürfen, dass sie vollkommen unvorbereitet nach Paris flog. In der AUA-Maschine blätterte sie noch in der Biografie Die verwegene Jeanne Moreau. »Wenn andere Schauspielerinnen das gewisse Etwas hatten, so hatte die Moreau das gewisse Alles«, stand auf der Rückseite.
Verwegen war auch Isabellas Unprofessionalität. Auf der Fahrt vom Flughafen Charles de Gaulles in die Innenstadt zog sie im Taxi ihre Lippen nach und überlegte, was ihr Fotograf wohl für ein Typ Mensch sein würde. Besonders phlegmatische und hyperaktive Fotografen machten Isabella wahnsinnig. Ihr eigenes Phlegma fiel ihr nicht auf.
In der Rue de l’Université empfing Jeanne Moreau an diesem Juninachmittag um 17 Uhr Isabella und Michel, die Journalistin aus Wien und ihren Pariser Fotografen. Sie sprach – welche Überraschung – französisch. Daran hatte Isabella gar nicht gedacht. Und ihr Sony-Aufnahmegerät hatte sie auch vergessen.
Das Interview – nein, ihr Gestammel verdiente diese Bezeichnung wahrlich nicht – wurde zu einem Desaster. Jeanne Moreau weigerte sich, wie viele Franzosen, wenn man ihre Sprache nicht spricht, ins Englische zu wechseln. Isabella wusste, dass Michel ihre einzige Rettung war. Er berichtete ihr später, was die zunehmend unwillig werdende Moreau auf ihre Fragen geantwortet hatte.
Damals schämte sich Isabella so sehr, dass sie stundenlang weinte. Aber es war auch ein Schlüsselmoment für ihre spätere Karriere. Ihr wurde bewusst, dass Interviewführung nichts war, was einfach so gelang. Sondern eine ganz eigene Disziplin des Journalismus, mit zahlreichen Regeln und noch mehr Fallstricken. Diese Regeln eines Formats, das viele für die Königsdisziplin des Journalismus hielten, wollte sie sich akribisch aneignen und zur Perfektion führen.
Isabella stieg aus der Dusche, trocknete sich ab und massierte Birkenöl in die Dellen ihrer Oberschenkel. Es war 11 Uhr, der Termin mit Paulo Coelho war in vier Stunden. Sollte sie den schwarzen Hosenanzug von Max Mara tragen oder das rote Jil-Sander-Sakko? Dazu konnte sie auch Jeans kombinieren, das sah nicht so übertrieben elegant aus. Sie entschied sich schließlich für ein grünes Wollkleid mit Stiefeln. Im Sommer trug sie meist Weiß oder Gelb. Gelb war ihre Lieblingsfarbe. Gelb wie die Sonne und die Maisfelder im August.
Isabella föhnte ihre Haare, rollte die Strähnen um ihren Finger und steckte sie mit Clips fest. Das gab natürliche Locken. Sie trug Make-up auf, dazu ein bisschen Erdpuder, braunen Lidschatten und roten Lippenstift. Sie mochte die Fältchenlandschaft um ihre Augen und den Mund, nichts schlimmer als botoxgeglättete Gesichter.
Dann setzte sie sich an den Tisch in der Küche, vor sich ein paar Blätter Papier. Sie dachte an Paulo Coelho, führte sich seine Lebensleistung vor Augen, und versetzte sich dann in die Lage ihrer Leserinnen und Leser. Was wollten sie vom »König der Sinnsuche« wissen? Es spielte überhaupt keine Rolle, ob sie selbst die Romane von Coelho gerne las oder sie für Kitsch hielt. Sie war immer Anwältin ihres Publikums, musste jene Fragen stellen, die sich auch ihre Leser stellen würden – Coelho-Freunde und Coelho-Feinde. Diese Fragen notierte sie sich, frech formuliert, in einer Art Dramaturgie. Eine Einstiegsfrage, um die Stimmung zu lockern. Empathische und kritische Fragen in Wellenbewegungen. Die gewagteste Frage am Schluss. Sonst konnte es passieren, dass die Stimmung kippte.
Das Allerwichtigste: Sich selbst nicht so wichtig nehmen. Das fiel Isabella nicht schwer, weil sie in Wahrheit ein scheuer, tief in ihrem Innersten auch ein unsicherer Mensch war. Eine gute Interviewerin nimmt sich zurück, erklärte sie den Studenten ihrer Interview-Seminare gerne, sie hört lieber zu als zu reden, ihr Instrument sind die Fragen. Darüber hinaus registriert sie auch, was nicht gesprochen wird.
Sie erfasst die sogenannte Metaebene. Isabella erzählte dazu gerne die Geschichte von der Fliege. Stellt euch vor, dass ihr aus der Perspektive einer Fliege, die an der Decke des Zimmers sitzt, das Gespräch verfolgt, das unter euch stattfindet. Was sieht die Fliege? Die Körperhaltungen, die Blicke, die Sprechpausen, den Ausdruck der Gesichter, das Spiel der Hände. Die Fliege versteht nicht, was gesprochen wird, dennoch nimmt sie wahr, was die beiden Gesprächspartner ausdrücken.
Als sie um 14.45 Uhr ihren Mini im Regierungsviertel parkte und fünf Minuten später die »Blu Style« betrat, fühlte Isabella sich gut. Bereit, sich einem fremden Menschen in kürzester Zeit emotional zu nähern, darüber zu schreiben, um sich dann genauso schnell wieder von ihm zu entfernen.
Das Interview verlief angenehm und professionell. Paulo Coelho gefiel ihr ehrliches Interesse und ihre akribische Vorbereitung. Mit der Frage nach der »geheimen Formel« seines Erfolgs hatte sie etwas in ihm berührt. Noch während sie seinen Worten lauschte, tauchten bereits die herausgehobenen Zitate des gedruckten Interviews vor ihrem inneren Auge auf.
Ein Mensch darf nie aufhören zu träumen. Der Traum ist für die Seele, was Nahrung für den Körper bedeutet.
Ich schreibe nicht gern in der Einsamkeit. Ich brauche Geräusche um mich herum, Geschäftigkeit. Ja keine Stille! Meine Bücher entstehen mitten aus dem Leben heraus.
Und Glück, meinte Coelho, sei langweilig.
Besser hätte es nicht laufen können. Als der Schriftsteller sich verabschiedete und zurück in seine Suite ging, bestellte Isabella noch zwei Espressi für sich und ihren Fotografen. Die Lampe in Form eines Filmscheinwerfers tauchte die Bar in ein zartes, mattes Licht.
Über die weihnachtlich geschmückte Herrengasse brach der Abend herein. Als Isabella zu ihrem Auto ging, fühlte sie sich beschwingt und hungrig. Beim Ausparken hörte sie ein lautes Knirschen. Oh mein Gott, dachte sie, hab‘ ich jetzt wirklich dieses Angeber-Auto vor mir gerammt?
Im silbergrauen Aston Martin saß ein Mann und telefonierte bei laufendem Motor. Er drehte sich um und gestikulierte mit der rechten Hand. Sollte wohl »Sind Sie verrückt geworden?« heißen.
Schließlich kletterte er aus dem Sportwagen und näherte sich mit langsamen Schritten. Er warf Isabella einen feindseligen Blick zu. Sie saß noch immer seelenruhig am Steuer ihres Minis und kramte geschäftig in ihrer Handtasche herum.
»Prinz!«, stellte sich der Typ mit dem 150.000-Euro-Wagen vor.
»Mahler, angenehm. Leider kann ich im Moment weder Führerschein noch Zulassungspapiere finden …« Isabellas Finger fischten Lippenstifte, Notizhefte, Schlüssel, Nagelfeilen und Pfefferminz-Lutschbonbons aus der Tasche.
Prinz seufzte. Zu seinem Ärger gesellte sich offenbar eine gewisse Verwunderung. Vielleicht war er irritiert darüber, dass diese Frau nicht einmal wissen wollte, wie schlimm der Schaden an seinem Auto war. Ja, dass sie nicht einmal die Kratzer an ihrem Mini, den er sicher komisch fand, zu interessieren schienen.
»Tut mir leid, das mit dem Buserer«, sagte Isabella. Buserer. Auch so ein Wiener Ausdruck der liebevollen Verharmlosung. Wie Pantscherl für Affäre, oder safteln, wenn eine Wunde nicht aufhörte zu bluten.
»Ja, mir auch«, erwiderte Prinz, der einen Unfallbericht in der Hand hielt, »ich hoffe, Sie sind gut versichert.«
Schließlich schob Isabella eine Visitenkarte durchs offene Fenster, registrierte seine dunkelblonden Haare, die grünen Augen. »Füllen Sie das doch bitte für uns beide aus«, bat sie, dann startete sie ihren Wagen und fuhr davon.
Prinz schaute ihr ungläubig nach. Im Rückspiegel sah Isabella, dass er winkte.
8
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Dienstag, 17. Dezember, 22:09 Uhr
Liebe Frau Mahler,
Ihr Interview mit Paulo Coelho in der Hotelbar, ich hab’s verschlungen. Gefoltert zu werden, in der Psychiatrie zu landen, als ehemaliger Drogenabhängiger 135 Millionen Bücher zu verkaufen, was für eine Vita! Ich mag den Satz, den Sie ihm entlockt haben: »Glücklich zu sein ist langweilig wie ein Sonntagnachmittag.«
Wie ist es, so vielen spannenden Menschen so nahe zu kommen?
Alles Liebe
Christoph R.
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Mittwoch, 18. Dezember, 10:10 Uhr
Lieber Herr Regner,
es ist schön und unheimlich zugleich. Ein fremder Mensch sitzt mir gegenüber, wir schaffen eine vorübergehende Atmosphäre des Vertrauens, er öffnet sich mir und somit einem Millionenpublikum. Wir befinden uns in einem Raum, der spontane Nähe zulässt. Aber schon eine Sekunde nach dem Gespräch sind wir wieder Fremde.
Wie wird es sein, Ihnen in 33 Tagen gegenüberzusitzen? Ich kann nicht glauben, dass ich einem Termin in so weiter Ferne zugestimmt habe, nur weil ich kindischerweise schöne Zahlen lieber mag als unzusammenhängende. Ich werde jetzt immer neugieriger, wie sich alle Puzzleteilchen, die nach dem Fernsehauftritt einfach so entstanden sind, zum Menschen zusammensetzen, dem ich bald begegnen werde.
Wobei, »bald« sehen wir uns ja nicht … Aber Warten hat auch etwas Zauberhaftes, wie ein Abschied und ein Neubeginn.
Geduldige Grüße
Isabella M.
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Mittwoch, 18. Dezember, 22:17 Uhr
Liebe Frau Mahler,
ich freu mich und bin neugierig. Wie fließen die Bilder, die mein Kopf zu malen begonnen hat, mit der Unmittelbarkeit der Begegnung zusammen? Ich mag es, Menschen zu begegnen.
Wenn ich ein Buch zu lesen beginne und ich merke, es bindet mich, die Spannung steigt. Was kommt auf Seite 20, 33, 45? Kommt noch eine E-Mail, was wird geschrieben, was schreibe ich …?
Leben ist Begegnung …
Alles Liebe
Christoph R.
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Donnerstag, 19. Dezember, 13:40 Uhr
Lieber Herr Regner,
ja, was wird geschrieben? Von mir zum Beispiel das Wort »zugestimmt«, dabei war dieser zeitferne Termin allein meine grandiose Idee. Haha!
Ich habe Ihnen von der vertrauensvollen Atmosphäre geschrieben, von einem Raum, der Nähe zulässt. So geht es mir, wenn ich Ihre Nachrichten lese. Nicht auf das Medium reduziert zu sein, nicht auf doppeltem Boden zu stehen, einfach nur als Person wahrgenommen zu werden, tut so gut. Ich mag unsere leise, von Respekt getragene Unterhaltung.
In diesen Raum tauche ich gerne ein. Es fühlt sich da so ruhig an, wie wenn ich auf dem Hochstand in meinem ungarischen Garten sitze, vor mir nur die Schafherde und der Horizont. Oder auf der Alpe meiner Verwandten im Bregenzerwald, wenn die Nebelschwaden sich über die Berge legen und der Kachelofen langsam warm wird. Vielleicht sind das aber auch alles nur Projektionen.
Das ist übrigens unser 22. Mail. Aber bei Ihnen ist Mail ja weiblich – die Mail. Und Sie verwenden die gendersensible Sprache.
Liebe Grüße …
Isabella M.
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Donnerstag, 19. Dezember, 23:04 Uhr
Liebe Frau Mahler,
ich habe unseren Austausch nicht im Kontext Journalismus geführt. »Wie sich alle Puzzleteilchen, die nach dem Fernseh-Auftritt einfach so entstanden sind, zum Menschen zusammensetzen«, ist eine wunderbare Beschreibung dafür, was zwischen uns passiert.
Von Beginn an habe ich Sie als Mensch und nicht als schillernde Protagonistin der Journalistenszene dieses Landes gespürt. Für mich waren und sind Sie Isabella Mahler, ehemals aus Vorarlberg. Ich bin einfach gespannt, wer Sie sind, was Sie ausmacht. Wichtig ist es für mich, zu spüren und zu erkennen, wann eine Begegnung mit einem Menschen möglich ist, der mich unterstützen kann, menschlicher zu werden. Oberflächlichkeit interessiert mich nicht mehr. Es gibt viel zu viel Lautverschmutzung, viel zu viel Geschwätz …
Sie sind keine Schwätzerin.
Alles Liebe,
Christoph R.
9
Noch fünf Tage bis zum Heiligen Abend, mit Weihnachtsstress hatte Isabella schon vor vielen Jahren Schluss gemacht. Die Gans bestellte sie immer Ende November bei einer Bäuerin im Waldviertel, die Milz für die Suppeneinlage beim Fleischer in Ottakring, er bot auch hausgemachte Knödel an. Das Menü war bis auf das kleinste Detail immer gleich, ihre Kinder und deren Freunde wollten das so. Rindssuppe mit Milzschnitten, ein Gansl aus dem Rohr mit gebratenen Maroni, Erdäpfelknödel und Rotkraut à la Mama. Zum Dessert Crème Brûlée. Zur Hauptspeise tranken sie Merlot Reserve vom burgenländischen Weingut »Iby« und danach eine Spätlese von »Kracher«.
Weihnachten war lange Zeit ein wunder Punkt in ihrem Jahresablauf gewesen. Im elterlichen Wirtshaus hatte das Fest vor allem Stress und harte Arbeit bedeutet. Bella musste vierzig Gäste allein bedienen, vom Lachsröllchen bis zum Mousse au Chocolat. Den Heiligen Abend empfand sie als einzigen, peinlichen Kniefall vor den Touristen. Sie und ihre Geschwister schmückten den Baum für die Gäste, es wurde gekocht und gebacken für die Gäste, es wurden Weihnachtslieder gesungen für die Gäste. Erst »Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all«, später dann »Schnaps, das war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Englein fort«. Für Bella und die Brüder gab es nie Geschenke, für die Kinder der Gäste aber schon.
Also hakte sie Weihnachten irgendwann ab. Redete sich ein, dass es ohnehin nicht so wichtig sei. Statt sich die Kränkung einzugestehen und die Eltern als Urheber zu benennen, ignorierte sie einfach den Auslöser dafür.
Erst als sie selbst Mutter wurde, sah Isabella ein, dass ihre Kinder ein Recht auf Weihnachten hatten und so schufen sie sich mit den Jahren ihre eigenen Rituale. Buken gemeinsam Zimtsterne, legten dem Christkind Nachrichten ans Fensterbrett, zündeten abends Kerzen an, sangen alte Lieder, diskutierten über den religiösen Hintergrund des Festes. Isabella und ihre Kinder waren katholisch getauft und sie glaubte an Gott, auch wenn er in ihrer Vorstellung kein Mann war, sondern eine höhere Macht, die letztlich, was sicher eine naive Vorstellung war, für Gerechtigkeit sorgte. Geschenke gab es unzählige, die Pakete hatten unter dem Drei-Meter-Christbaum kaum Platz. Vieles, was Bella in ihrer Kindheit vermisst hatte, gönnte sie sich als Erwachsene im Übermaß.
Auf dem Weg in die Redaktionskonferenz sah Isabella an diesem Freitagvormittag eine Nachricht von Thomas Prinz. »Unfall« stand im Betreff. Sie hatte den Zwischenfall schon wieder vergessen gehabt. Unfall schien ihr jedenfalls maßlos übertrieben. Im Anhang befand sich der ausgefüllte Unfallbericht, den sie unterschreiben sollte. Im Mail stand: »Sehr geehrte Frau Mahler! Ich hoffe, Sie erinnern sich noch an unser issue. Bitte rufen Sie mich bez. weiterer Vorgangsweise asap an. Best, TP.«
Sie wollte ihn später googeln, er musste ein Investmentbanker oder Immobilienhai oder so etwas sein. Das mit dem Anruf konnte er jedenfalls vergessen.
Für die Weihnachtsausgabe wünschte sich der Herausgeber von Isabella ein Interview mit dem Bundespräsidenten, der sich selbst als Agnostiker bezeichnete, mit dem Glauben und der katholischen Kirche und dem Jesuskind in der Krippe also nichts anfangen konnte. Eine Art paradoxer Protagonist. Isabella schickte seinem Sprecher gleich eine WhatsApp-Nachricht. Die Kolumne für den Heiligen Abend würde sie auch noch beschäftigen. An diesem speziellen Tag musste sie die Stimmung ihrer Leserinnen und Leser treffen, der Politik eine besinnliche Note geben.
Als Isabella später mit ihrer Freundin Kathi und ein paar Kollegen in warme Decken gehüllt im Wintergarten des »Rochus« saß, Aperol Sprizz trank und sich die Finger abfror, dachte sie an das Mail, das Christoph Regner um 23.04 Uhr noch geschickt hatte. »Für mich waren und sind Sie Isabella Mahler, ehemals aus Vorarlberg. Ich bin einfach gespannt, wer Sie sind, was Sie ausmacht.«
Kathi fiel sofort auf, dass sie in Gedanken weit weg war.
»Hat er wieder geschrieben?«, fragte sie.
Isabella nickte.
»Du strahlst richtig.« Kathi lächelte und nahm Isabellas Hand. »Hast du ihn eigentlich mal gegoogelt?«
Sie schüttelte den Kopf. »Bei ihm habe ich das Gefühl, einfach nur ich selbst zu sein. Für ihn ist meine Position nicht wichtig. Deshalb will ich auch nicht journalistisch vorgehen. Sondern einfach abwarten, was zwischen uns passiert.«
»Na ja«, warf Kathi ein, »ein wenig Recherche könnte nicht schaden.«
Aus der Hofburg kam gegen 20 Uhr noch das Okay für ein Interview mit dem Staatsoberhaupt in der Feiertagsausgabe. Ob Regner es wieder lesen würde?
Auf dem Nachhauseweg fiel Isabella ein Gedicht von Kurt Tucholsky ein. Sie sagte es leise vor sich auf, nicht ahnend, dass es eine große Angst vorwegnahm, die in ihr schlummerte.
Man spaziert in der Stadt
die Millionen Gesichter hat
und plötzlich: Zwei fremde Augen,
ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?
vielleicht dein Lebensglück …
vorbei, verweht, nie wieder.
10
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Freitag, 20. Dezember, 08:04 Uhr
Lieber Herr Regner,
ich sitze noch am Küchentisch zuhause, Prinzessin beobachtet mich aufmerksam, was schreibt sie schon so früh?
»… wann eine Begegnung mit einem Menschen möglich ist, der mich unterstützen kann, menschlicher zu werden.« Ein Schlüsselsatz, der mich sehr berührt.
Ich bin auch gespannt, wer Sie sind, was Sie ausmacht. Ich weiß nicht einmal, wie alt Sie sind … Ihr Sternzeichen würde mich auch interessieren.
Aber egal, wie viel wir noch schreiben, 25 Mails – sächlich oder weiblich – 50 vielleicht, nichts könnte die Begegnung ersetzen, Leben ist Begegnung, haben Sie geschrieben, und jetzt sind es ja nur noch 32 Tage. Ist die Zeit seit dem 02.12. stehengeblieben?
Isabella M.
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Montag, 23. Dezember, 08:36
Liebe Frau Mahler,
ja, es ist noch ein Weilchen bis zum 20.01.2020 um 20:01 Uhr! Im Mai kommt die Zahl 6 zur 5 hinzu … Ich bin Stier, Aszendent Jungfrau … Aber mit zwei Kindern »gesegnet«.
Alles Liebe
Christoph R.
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Montag, 23. Dezember, 15:35 Uhr
Ich bin Zwilling, Aszendent Widder. Auch zweifache Mutter.
Sind Sie wirklich Jungfrau im Aszendenten?
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Montag, 23. Dezember, 15:53 Uhr
Was löst die Verwunderung aus? Ich bin nicht so bewandert auf diesem Gebiet …
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Montag, 23. Dezember, 16:45 Uhr
Pragmatisch, pflichtbewusst, perfektionistisch, neigt zu Prüderie …
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Montag, 23. Dezember, 17:07 Uhr
Prüderie ist nicht gerade meine Stärke. Anstrengend, so würde ich mich beschreiben. Im positiven wie auch im problematischen Sinn. Perfekt bin ich schon gar nicht.
Ich bin schon so gespannt auf unsere Begegnung …
Christoph
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Montag, 23. Dezember, 17:18 Uhr
»Anstrengend« gefällt mir, so werde ich auch oft charakterisiert. Noch immer 28 Tage. Ich wünschte, ich hätte, wie man in Wien sagt, eine »schiache« Zahl gewählt …
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Montag, 23. Dezember, 17:25 Uhr
Ihre Zahlenleidenschaft sollten Sie sich nicht nehmen lassen,
das hat so einen ganz eigenen, verspielten Charme. Das strahlt so eine Leichtigkeit, Fröhlichkeit aus. Das Kind in Ihnen wird da spürbar … für mich, und es macht Sie trotz Entfernung sehr liebenswert.
Unser Pingpong, einfach so entstanden …
Hab‘ ich noch nie in dieser Form gehabt.
Mein erstes Mal …
11
Pingpong. Wie leicht und fröhlich das klang. Seit drei Wochen bestimmte dieses Spiel nun schon Isabellas Alltag. Wie kleine Bälle flogen E-Mails zwischen ihr und Regner hin und her, mal in atemberaubendem Tempo, da ging es um Minuten und Sekunden, dann wieder gönnten sie sich Pausen. Spielregeln gab es bei ihrem Pingpong keine. Ihr Austausch basierte auf Freude, Fantasie und Freiwilligkeit.
Als kleines Mädchen waren die Abenteuer eines Tischtennisballs namens »Pong« der Inhalt ihres Lieblingsbuchs gewesen, sie hatte es Jahrzehnte später in einem Antiquariat entdeckt und nachgekauft. Der kleine Tennisball hatte ein Gesicht, ein Smiley, wie es viele Jahre später hieß. Er hüpfte auf Dächer, schwamm auf Flüssen, versteckte sich im Gras und fuhr als blinder Eisenbahn-Passagier in fremde Städte. Seine Reisen lösten bei Bella Sehnsucht nach der Ferne aus. Und nun fühlte sie beim Gedanken an »Pong« wieder etwas Abenteuerliches in ihr.
Ein Tischtennis-Weltmeister, der in China wie ein Gott verehrt wurde und mit dem sie ein Interview geführt hatte, vertraute ihr in dem Gespräch an, dass er als Kind Pingpong üben musste. Stundenlang Pingpong, jeden Tag. Er wurde dazu gezwungen. Mit seelischer und körperlicher Gewalt. Diese Passage strich sie aus dem Originaltext, aus Rücksicht auf den Vater, der damals noch gelebt hatte. Der Spitzensportler war ihr dafür sehr dankbar gewesen. Obwohl sie dafür bezahlt wurde, das zu veröffentlichen, was sie erfuhr, war es manchmal richtig, Dinge nicht zu schreiben. Isabella hatte den Tischtennis-Spieler schließlich gefragt, ob das Leben ein Pingpong-Spiel sei. Seine Antwort: »Ich weiß nur, dass Pingpong mein Leben ist.«
Dieses Gefühl hatte Isabella auch. Pingpong war jetzt zumindest Teil ihres Lebens. Sie freute sich über jeden Ball, jede Nachricht, jedes neue Detail, das sie über Regner erfuhr, und empfand es stets aufs Neue als großes Geschenk. Die kleinen Missverständnisse, ihre Zahlenspiele, das Atmosphärische, das zwischen den Zeilen spürbar wurde, zu erleben – auch für sie »das erste Mal« – war ein schönes, nie gekanntes Gefühl. Es gab ihrem Leben das gewisse Etwas, aber eigentlich das gewisse Alles.
Es flößte ihr aber auch Angst ein. Jedes Spiel endete einmal. Konnten sie es dann zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufnehmen? Ein zweites Mal so leicht und fröhlich drauflosspielen? Wurde es irgendwann langweilig? Verlor es seinen Charme? Blieb einer von ihnen nach dem letzten Ping zurück und wartete vergeblich auf das Pong? Sie wollte sich das gar nicht vorstellen.
Außerdem hatte sie an diesem Freitag noch ein Rendezvous mit dem ranghöchsten Politiker des Landes. Die Journalistin Isabella Mahler wurde in dessen Amtssitz, der Hofburg, erwartet, durfte über den roten Teppich des Leopoldinischen Traktes schreiten. Im ehemaligen Schlafgemach von Kaiserin Maria Theresia würde sich die legendäre Tapetentür öffnen, der Bundespräsident heraustreten und sie freundlich empfangen. Das Zeremoniell war ihr bereits vertraut, der Mensch hinter dem Amtsträger ebenso. Sie hatte den Präsidenten schon interviewt, als er noch barfuß an seinem Froschteich im Südburgenland saß – als Bundessprecher der »Grünen«.
Auch seinem Vorgänger in der Hofburg war Isabella Mahler oft gegenübergesessen. In dessen Sommersitz auf der Hohen Wand, einem beliebten Wiener Ausflugsziel, blickten sie an einem Augustmorgen auf die Berge, das Gespräch hatte durch das private Ambiente eine sehr persönliche Note angenommen. Der Ort, an dem ein Interview stattfindet, beeinflusst nicht nur die Atmosphäre, er bestimmt oft auch den Inhalt wesentlich mit.
Isabellas Söhne waren damals noch im Volksschulalter, weshalb sie im Sommer, wenn keine Schule war, zu ihrer Interviewserie »Politiker im Urlaub« oft mit einem von ihnen anreiste. Ihr Herausgeber hatte nichts dagegen, »wir sind eine Familie«, sagte er oft, und deshalb war es selbstverständlich, dass man seine Kinder in die Arbeit mitnehmen konnte, oder, wenn die Interviewpartner einverstanden waren, zu den Terminen. Die Anwesenheit eines Kindes lockerte die Stimmung von Beginn an auf. Wie es auch die Anwesenheit von Katzen oder Hunden vermag. Und es kam dabei immer zu lustigen Situationen.
Als der Bundespräsident Isabellas Sohn ganz stolz sein damals neuestes Nokia-Handy mit Foto-Funktion zeigte, zog der Kleine sein Telefon aus der Hosentasche und sagte: »Cool! Aber mein Handy kann filmen!«
Irgendwie kamen sie an jenem Vormittag auf Ameisen zu sprechen. Der Bundespräsident zeigte Isabella und ihrem Sohn seinen Ameisenhaufen, er bewunderte diese Tiere über alles. Ihre Geschäftigkeit, ihre Gabe, immer auf dem kürzesten Weg ans Ziel zu kommen, ihre dezentrale Organisationsform, die Schwarmintelligenz. »Ein Mensch ist intelligent, aber niemand ist so dumm wie alle Menschen zusammen« – diese Regel galt nicht für Ameisen. Außerdem, erklärte der Präsident, könne man durch das Verhalten dieser Tiere das Wetter voraussagen. »Im Moment laufen sie emsig und nervös herum, das heißt, es könnte heute noch regnen.«
»Ich habe zuhause drei Meerschweinchen«, sagte Isabellas Sohn, der aufmerksam zugehört hatte, schließlich.
»Da kannst du vielleicht ein bisschen Heu brauchen«, meinte der Präsident und ging mit dem Kind in einen Schuppen. Dort stopften sie gemeinsam Heu in einen Jutesack.
»Und was mach ich dann mit dem Sack?«, fragte das Kind. »Den bringst du mir in die Hofburg«, lachte der Präsident und so war es auch.
Auf gemeinsame Erinnerungen aufbauen zu können war jedenfalls eine optimale Voraussetzung für das Gelingen eines Gesprächs. Die vertrauensvolle Atmosphäre war bereits da, Isabella musste sich darum gar nicht mehr bemühen. Das war auch bei ihrem Feiertagsinterview ein großer Startvorteil gewesen.
Als sie eineinhalb Stunden später die Hofburg verließ und in der Ferne das weihnachtlich geschmückte Burgtheater und Rathaus sah, war sie dankbar und auch ein bisschen stolz. Sie konnte jetzt die Früchte jahrzehntelanger Arbeit ernten. All die Anstrengungen, das Festhalten an Prinzipien, das Ringen um Qualität, die eiserne Disziplin hatten sich bezahlt gemacht.
Sing us a song, you’re the piano man.
Sing us a song tonight.
Wie sie dieses Lied von Billy Joel liebte. Isabella hatte die AirPods angesteckt und bewegte sich zu den Takten der Musik Richtung Burgring. Dort stieg sie in die Straßenbahn, Linie eins, Richtung Prater Hauptallee.
Well, we’re all in the mood for a melody.
And you’ve got us feeling alright.
Es war 16 Uhr, als sie in der Löwengasse ausstieg und ihre Wohnung betrat. Ihre Söhne waren gekommen, sie hatten Freunde mitgebracht, tranken Bier und schmückten die Nordmanntanne mit Kugeln, Strohsternen, Engeln und Lichterketten. »Hey Mum!«, riefen die großen Kinder und schlossen Mama in ihre Arme. Es gab nichts Schöneres als eine feste Umarmung ihrer Söhne, den zwei wichtigsten Wesen in Isabellas Kosmos.
Sie musste, nein, sie wollte auch noch die Kolumne für den 24. Dezember schreiben, den Text würde sie von zuhause aus durchgeben. Es war ein großes Privileg, dass sie überall schreiben konnte. Im Büro, zuhause, im Zug, im Flugzeug oder im Park. Alles, was sie dafür brauchte, war ein Notebook und ein WLAN, notfalls genügten aber auch Bleistift und Notizblock. Sollte es tatsächlich einmal keine Internetverbindung geben, konnte man einen Text auch im 21. Jahrhundert immer noch telefonisch durchgeben.
Alles andere war in ihrem Kopf. Die Ideen und Zugänge. Die Gabe, sich in neue Problematiken, Situationen und Menschen hineinzuversetzen. Empfinden und nachempfinden.
Schließlich führte sie die Politik, die Kinder und den Heiligen Abend in Gedanken zueinander und schrieb: »Wenn die Kinder wie Zugvögel aus allen Himmelsrichtungen nach Hause fliegen, dann ist Heiliger Abend. Zuhause ist dort, wo die Menschen und Tiere sind, die man liebt. Zuhause ist Wärme und Nähe. Wie kalt sich elektronische Schneeflocken und Küsse dagegen anfühlen.«
Dachte sie auch beim Schreiben schon an ihn?
»Stille Nacht. Da schweigt die Politik, da versammeln sich auch der Bundespräsident, die Parteichefinnen und -chefs«, da würde sie wieder viele Leserbriefe von erbosten Gender-Gegnern bekommen, »die Funktionäre und Abgeordneten mit ihren Familien unter dem Christbaum.«
Sie überlegte, wie Regner, der sich vom Antikapitalismus angesprochen fühlte, wohl Weihnachten feiern würde. Sicher nicht im katholischen Sinn.
»Wie gut es tut, leisezutreten nach diesem schrillen, lauten Jahr, die kostbaren Momente der Stille zu finden. Vor allem den Kindern tut das gut. Rituale und Traditionen rund um das Weihnachtsfest geben kleinen und großen Kindern ein lebenslanges Gefühl von Geborgenheit. Die große, chaotische Welt kommt in Ordnung.«
Isabella genoss den Flow, den der ungarische Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi als Zustand definierte, in dem Menschen voll in ihrer Aufgabe aufgehen, Raum und Zeit vergessen und nur noch tun. So fühlte sie sich, wenn sie schrieb. Im Flow formulierte sie die Pointe.
»Denkt in der Politik eigentlich irgendwer an die Kinder, Familien und Freunde der Politikerinnen und Politiker? Daran, dass mediale Hinrichtungen, Dauerbeschuss und Häme, Angriffe und Spott, Kritik, und sei sie noch so notwendig und berechtigt, immer auch die Menschen im nahen Umfeld treffen und verletzen können? Deshalb, nicht nur am Heiligen Abend: Egal, was Politiker sagen, tun wollen oder wirklich tun, welche Fehler sie machen, beim Urteil sollte immer auch an die Kinder gedacht werden. In diesem Sinne, Ihnen allen Frohe Weihnachten!«
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Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Dienstag, 24. Dezember, 08:04 Uhr
Liebe Frau Mahler,
Weihnachten … Ja, so fühlt sich Weihnachten an. Der Text ist gefühlvoll, echt und klar. Eine politische Herausforderung, die allerdings bei vielen Playern in diesem Geschäft eine substanzielle Wesensänderung voraussetzen würde. Bei manchen stellt die Intelligenz schon eine fast unüberwindbare Hürde dar. Und vielen fehlt die Demut. Aber es gibt auch kluge Köpfe. Meine 25. Mail an Sie …
Alles Liebe
Christoph R.
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Dienstag, 24. Dezember, 08:27 Uhr
Lieber Herr Regner,
wie würden Sie Demut definieren? Es ist ja nicht nur die Steigerungsform von Bescheidenheit. Ich finde, es ist ein schwieriges Wort …
Isabella M.
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Dienstag, 24. Dezember, 08:38 Uhr
Demut als innere Haltung zur Überwindung meines Narzissmus. Der Versuch, das Leben als Geschenk anzunehmen und nicht als Selbstverständlichkeit zu betrachten. Respektvoll mit den Menschen, den Tieren und der Umwelt umzugehen. Ich erhöhe mich nicht, stelle mich nicht über andere. Tiere sind Lebewesen, kein Produktionsfaktor. Die Umwelt ist unsere Lebensgrundlage. Demut ist eine Herausforderung, Tag für Tag. Demut lohnt sich …
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Dienstag, 24. Dezember, 08:47 Uhr
Das Leben ist wirklich ein Geschenk, Demut sehr angebracht. Für mich bedeutet es, mich als Teil von etwas zu verstehen, das größer ist als ich. Von diesem »Größeren« hoffe ich insgeheim auch, beschützt zu sein.
We are searchlights, we can see in the dark …
We are rockets, pointed up at the stars …
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Dienstag, 24. Dezember, 08:50 Uhr
Pink?
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Dienstag, 24. Dezember, 08:52 Uhr
Pink, right. We are billions of beautiful hearts …
Sie sollten mich sehen, ich tippe mit blauen Fingern, gefärbt vom Rotkraut. Wir sind zwölf Personen am Abend.
Sind Ihre Zugvögel auch da?
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Dienstag, 24. Dezember, 10:11 Uhr
Liebe Frau Mahler,
wir sind zu zehnt.
Meine Frau bereitet auch gerade Rotkraut zu.
Alles Liebe
Christoph R.
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Dienstag, 24. Dezember, 10:25 Uhr
Wie schön!
Ich weiß noch immer nicht Ihren Geburtstag …
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Dienstag, 24. Dezember, 10:27 Uhr
Der Tag, an dem der Krieg zu Ende ging …
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Dienstag, 24. Dezember, 10:29 Uhr
Henry Dunant wurde auch am 8. Mai geboren. Dann werden Sie nächstes Jahr am 5. November 21.000 Tage gelebt haben …
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Dienstag, 24. Dezember, 11:24 Uhr
So zahlenverliebt …
21.000 – so alt fühle ich mich noch gar nicht.
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Dienstag, 24. Dezember, 11:34 Uhr
Uns trennen in Wahrheit nur 352 Tage.
Von: Christoph Regner
An: Isabella Mahler
Dienstag, 24. Dezember, 17:50 Uhr
Das ist nur ein Hauch …
Frohe Weihnacht!
Alles Liebe
Christoph R.
Von: Isabella Mahler
An: Christoph Regner
Dienstag, 24. Dezember, 19:01 Uhr
So charmant!
Elektronische, warme Grüße
Isabella M.
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