Читать книгу: «Seewölfe Paket 5»
Impressum
© 1976/2015 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
ISBN: 978-3-95439-494-4
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 81
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 82
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 83
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 84
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 85
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 86
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 87
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 88
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 89
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 90
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Nr. 91
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 92
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 93
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 94
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 95
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 96
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 97
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 98
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 99
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 100
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9

1.
Inmitten des schäumenden Hexenkessels, im Gischt der entfesselten See, trieben wie Strandgut die Köpfe der Seewölfe, dunkle verlorene Punkte im Weiß der Schaumkämme.
Weit aufgerissene Münder schnappten nach Luft. Salzwasser brannte in Augen, aus denen nackte Verzweiflung sprach. Kettengewichte zerrten an Armen, die unermüdlich gegen Wellen kämpften.
Während Hasard und Ferris Tukker noch Grund unter den Füßen spürten, mußte der Kutscher bereits schwimmen. Wie ein junger Hund paddelte er durch das Chaos. Sein Gesicht drückte die Angst aus, die ihn beherrschte. Er war der schlechteste Schwimmer der Crew und schwamm wirklich um sein Leben.
Old O‘Flynn ruderte wie wild mit seinem Holzbein und klammerte sich krampfhaft an Carberry.
„Das Ding muß dir doch mächtig Auftrieb geben!“ brüllte der Profos voll gallebitterem Galgenhumor und meinte damit die Prothese des alten Rauhbeins. Er stemmte sein Rammkinn wie einen Schiffsbug gegen die See. „Wozu brauchst du mich eigentlich? Du trägst doch das Rettungsfloß immer bei dir!“
Aber natürlich achtete der Profos fürsorglich darauf, daß sein Schutzbefohlener hinter ihm blieb und sich am Halseisen seines Helfers festklammerte wie an einem Rettungsring, auch wenn Carberry dabei fast erwürgt wurde und ihm die Luft ausblieb.
„Wir schaffen es beide – oder überhaupt nicht“, gelobte der rauhe Profos mit aller Kraft seiner Lungen.
Dabei hörte Old Donegal kein Wort. Der Sturm riß Carberry jede Silbe von den Lippen und trug sie ungehört davon. Aber der alte Donegal begriff auch so. Er wußte, daß er sich auf den Profos verlassen konnte – bis zum letzten Atemzug.
Die Verbindung zwischen den einzelnen Schwimmern riß immer mehr ab. Aufs Geratewohl kämpfte sich jeder in die einmal eingeschlagene Richtung weiter und hoffte, irgendwann wieder festen Boden unter die Füße zu kriegen. Sehen konnte niemand das Festland. Nicht einmal Dan. Und der schaute sich wirklich die Falkenaugen aus nach einem winzigen Hoffnungsschimmer an der Kimm, einem noch so undeutlichen Zeichen, daß das Festland nahe war und damit die vorläufige Rettung.
Er hoffte, etwas in dieser Art zu entdecken, ehe ihn eine tückische Strömung umriß, ein Strudel verschlang oder ein Haifisch über ihn herfiel. Eine Steigerung ihrer Qualen hielten sie alle nicht mehr für möglich!
Und doch trat sie ein!
Denn die Dons boten alles auf, was sie hatten, um die Flucht der Männer zu stoppen. Musketen krachten in rascher Reihenfolge, aber sie wurden blindlings abgefeuert, denn niemand konnte in diesem Inferno ein Ziel erkennen.
Gehacktes Blei zwitscherte Hasard und seinen Männern um die Ohren und trieb sie zu noch verzweifelteren Anstrengungen an.
Sie konnten es vielleicht schaffen, wenn nicht eine Ladung durch Zufall genau in ihren Reihen einschlug.
Inzwischen waren sie alle zum Schwimmen gezwungen und kämpften gegen die Wellen, die sie immer wieder zurückzuwerfen drohten, den Spaniern vor die Mündungen. Es war, als habe sich die Natur selbst mit den Gegnern verbündet!
Mancher geriet in Versuchung, einfach aufzugeben, sich gehenzulassen. Ein Abgleiten ins Nichts, und die Qual hatte ein Ende. Wind und Wellen würden den Körper an Land zurücktragen.
Aber da war ihre Wut auf die Folterknechte, die immer neue Kraft spendete. Sie gönnten diesen aufgeblasenen Dons nicht den Triumph, am Ufer kaltblütig die Köpfe der erledigten Feinde zu zählen und eine Strecke auszulegen wie auf einer Hasenjagd.
Weiter kämpften sich die Seewölfe vorwärts, entschlossen, niemals aufzustecken. Vielleicht machten sie irgendwann schlapp. Aber kapitulieren würden sie nie, sondern Hasard folgen, wenn es sein mußte – in den Tod.
Und der rückte schneller auf sie zu, als sie ahnten. Irgendwie hatten die Spanier inzwischen eine Drehbasse am Ufer in Stellung gebracht. Die erste Ladung fetzte zwischen die fliehenden Seewölfe. Zufallstreffer, aber trotzdem verheerend.
Ein Schrei gellte durch die Nacht. Da war niemand, der nicht die Stimme erkannt hätte: Smoky war getroffen!
Als die Trompeten Alarm bliesen, taumelten die wachfreien Posten schlaftrunken hoch, ergriffen ihre Waffen, stürzten auf den Exerzierplatz und formierten sich mürrisch und verdrossen. Sie waren nicht nur um ihre Nachtruhe gebracht worden, es goß auch noch in Strömen. Und der Sturm, der über der Insel wütete, nahm ihnen den Atem. Was, zum Teufel, war eigentlich los?
Die Wut der Spanier kannte keine Grenzen, als sie von Andrés Catalina, dem Inselkommandanten, erfuhren, daß die Seewölfe ausgebrochen seien.
„Sie haben uns alle überrumpelt!“ donnerte der Inselkommandant. „Ich habe euch immer gewarnt. Diesen Burschen ist nicht zu trauen. Schlafmützen haben gegen die keine Chance. Jetzt ist die Bescherung da.“
„Mit Ihrer Erlaubnis, Capitan“, meldete sich El Verdugo zu Wort, der schlimmste Folterknecht, der je auf der Teufelsinsel sein Unwesen getrieben hatte. „Die Kerle können nicht weit gelangen. Sie tragen noch unsere schmukken Ketten. Wohin sollten sie sich auch wenden? Die Insel ist nicht groß. Ein Boot haben sie nicht. Im Laufe des Tages werden sie alle wieder eingefangen.“
„Ich traue den Seewölfen alles zu. Die bringen es fertig und versuchen das Unmögliche. Sie stürzen sich tollkühn ins Wasser und versuchen, das Festland zu erreichen. Egal, ob sie dabei draufgehen oder nicht. Aber wir werden ihnen die Suppe versalzen. Ich will jeden einzelnen Mann wiederhaben, tot oder lebendig!“
Der Capitan, ein schneidiger Mann aus Kastilien mit einem schwarzen Knebelbart, haßte den Gedanken, während eines solchen Unwetters durch den Schmutz der Teufelsinsel zu waten, um Kettensträflinge einzufangen. Aber es mußte sein. Sonst verlor er sein Gesicht und den letzten Fürsprecher am spanischen Hof. Er wollte schließlich auch irgendwann ein besseres Kommando antreten. Erging es einem hier etwa besser als den Opfern? Das Klima war für alle gleich. Diese mörderische Hitze, wütende Tropengewitter, der miserable Fraß, das schlechte Wasser. Wer wollte das ewig aushalten?
In Windeseile teilte Catalina die Jagdkommandos ein. An der Spitze sollte der Hundeführer marschieren. Die Bestien zerrten bereits jaulend und kläffend an ihren Leinen. Die Spur, die diese auf Mann gedrillten Bluthunde nicht fanden, gab es überhaupt nicht.
„Ich werde ein Boot ausrüsten und den Strand absuchen“, schlug El Verdugo vor.
Er haßte den Gedanken, unter dem Kommando des Inselkommandanten durch die Nacht zu stolpern und womöglich noch in einen Hinterhalt der Engländer zu geraten. Die Seewölfe würden ihn mit Vergnügen in Stücke reißen, wenn sie ihn erwischten. Er hatte sie bis aufs Blut gepeinigt. Und außerdem waren ihm die eigenen Landsleute nicht grün. Wie leicht löste sich ein Bleihagel aus der Muskete – in dunkler Nacht, bei diesem Gelände. Wer wollte nachher Absicht beweisen?
In einem Ruderboot aber blieb die Lage immer überschaubar, auch wenn das Meer noch so bewegt war.
Der Capitan nickte großzügig.
„Schafft eine Drehbasse an den Strand, damit wir die Kerle unter Beschuß nehmen können, wenn sie nicht freiwillig umkehren“, befahl der Offizier, und schon stürmte er mit dem ersten Trupp los, den Seewölfen nach, die es gewagt hatten, ihm, Andrés Catalina, ein Schnippchen zu schlagen.
El Verdugo bewies am Ende die bessere Spürnase.
„Legt euch in die Riemen, Leute“, befahl er finster.
Er hockte auf der Achterducht und hielt das Steuer, um wenigstens halbwegs den Kurs bestimmen zu können.
Die acht unglücklichen Musketiere, die ihm zugeteilt worden waren, pullten wie wild. Aber ständig nahmen sie Wasser über. Sie mußten verteufelt aufpassen, daß sie ihr Pulver trocken hielten.
Die beiden Suchtrupps trafen etwa zur selben Zeit am Schauplatz des Geschehens ein. Und El Verdugo entdeckte den ersten Flüchtling.
„Da ist einer!“ schrie er heiser und deutete auf einen dunklen Punkt in der brodelnden See. „Vorwärts, Leute! Pullt, daß die Fetzen fliegen! Sonst lasse ich euch die Kehlen mit flüssigem Blei ausgießen, sobald wir zurück sind. Und ich pflege zu halten, was ich verspreche. Ihr kennt mich!“
Die Leute duckten sich. Sie alle haßten El Verdugo. Sie fürchteten ihn aber auch. Auflehnung gab es nicht. Wohin hätten sie fliehen sollen? Sie waren ebenso gefangen auf der Teufelsinsel wie die englischen Freibeuter, deren Schiff gestrandet war. Und sie hatten kein kühnes Vorbild wie diesen Seewolf, der seine Leute direkt durch die Hölle führte, um die Freiheit wiederzuerlangen, und lieber sterben würde, als sich unter die Knute der Spanier zu beugen. So haßten sie Hasard und bewunderten ihn zugleich.
Das würde sie nicht hindern, ihre Musketen einzusetzen. Schließlich ruhte der mißtrauische Blick des Henkers auf ihnen. Und wehe, wenn El Verdugo wirklich jemanden aufs Korn nahm.
Nur die Blitze beleuchteten unregelmäßig und für Sekunden die bewegte Szene. Es blieb kaum Zeit, um richtig zu visieren. So pufften die Schüsse meist ungezielt in die Dunkelheit. Es dauerte eine Weile, bis sie in der tanzenden Nußschale nachgeladen hatten.
So trat nach der ersten geschlossenen Salve, deren Wirkung niemand abzuschätzen vermochte, eine Pause ein. Schlimmer noch: die Schützen, die luden, konnten nicht mitpullen. Der Rest der Soldaten legte sich gewaltig in die Riemen. Aber das Boot trieb ab.
El Verdugo schäumte vor Wut.
Er beruhigte sich erst, als er beim nächsten gleißenden Blitz erkannte, daß er mitten zwischen der Schar der Seewölfe trieb, die mit dem Mut der Verzweiflung um das nackte Leben kämpften.
Dann legte am Strand die Drehbasse los.
Schlagartig ließen die Leute an den Riemen alles fahren. Auch El Verdugo hechtete in Sicherheit. Fluchend wartete er das Ende der Salve ab. Der Schrei, der aus dem Wasser herüberklang, erfüllte ihn mit Zufriedenheit und mahnte ihn zugleich, daß er selbst noch keinen durchschlagenden Erfolg zu melden hatte.
Kaum war die größte Gefahr vorbei, da jagte El Verdugo die Soldaten wieder an die Riemen, und weiter ging die blinde Jagd.
Der Henker hielt es für geraten, aus der Notausrüstung eine Fackel zu nehmen. Er befestigte sie neben sich auf der Achterbank und hoffte, Lopez werde nicht gerade auf die eigenen Leute feuern.
Tatsächlich verstummte die Drehbasse.
Befriedigt stellte der Henker fest, daß selbst der Capitan es nicht wagte, ihn zu gefährden.
Immer weiter entfernten sich Jäger und Gejagte von der Insel, die bald nicht mehr inmitten der Regenschauer zu erkennen war, selbst dann nicht, wenn ein Blitz über das Himmelszelt züngelte.
El Verdugo hockte achtern und schaute sich unruhig nach allen Seiten um. Wenn er zu nahe an die Kerle geriet, ohne sie rechtzeitig zu sehen, zog er am Ende den kürzeren.
Für ihn selbst war das Wagnis, bei diesem Wetter mit einem Boot draußen zu sein, ebenso riskant wie der Versuch, das Festland schwimmend zu erreichen, wie die Seewölfe es offenbar vorhatten.
Hirnverbrannte Idioten!
El Verdugo schwor ihnen blutige Rache. Aber erst mußte er sie in diesem Hexenkessel finden.
Das Boot nahm immer mehr Wasser über. Automatisch begann El Verdugo zu schöpfen.
Noch immer bestimmte er den Kurs. Er wollte die geflohenen Gefangenen überholen, ihnen den Weg versperren und sie zur Insel zurücktreiben. Töten wollte er nur ein paar der Bastarde, als Abschreckung für die anderen und damit selbst der Seewolf begriff, daß es kein Entkommen gab. Dann würde er sie am Strand einsammeln, Mann für Mann, und unter seine Fittiche nehmen.
Das grausame Gesicht des Henkers verzog sich zu einem gemeinen Grinsen. Für einen Augenblick ging die Phantasie mit ihm durch. Alle sollten seine Rache spüren. Die Hölle würde ein angenehmer Ort sein gegen die Teufelsinsel, sobald sie die Seewölfe wieder beherbergte.
„Da sind sie!“ schrie El Verdugo gegen den Sturm und deutete nach Steuerbord voraus, wo die dunklen Punkte im Wasser sich mehrten.
2.
Hasard warf sich entschlossen herum. Er schwamm in die Richtung, aus der er den Schrei gehört hatte. Nur ein Gedanke beherrschte ihn: er mußte Smoky, dem Decksältesten, helfen.
Sie waren eine verschworene Gemeinschaft.
Keiner der Crew, der bemerkt hatte, daß es Smoky erwischt hatte, setzte einfach seinen Weg fort, auch wenn die Kräfte noch so sehr erlahmten oder man mit dem Gefährten anschließend elend ertrank.
Big Old Shane, der Schmied von Arwenack, Ferris Tucker, der Schiffszimmermann, und Dan O‘Flynn schwammen zurück und taten instinktiv das gleiche wie Hasard, ihr Kapitän.
Selbst Edwin Carberry, der bullige Hüne, bereits mit Old Donegal im Schlepptau, wollte dem Kameraden helfen.
Der alte O‘Flynn hatte in diesem Moment erschöpft losgelassen.
Er fing ihn wieder ein, brachte seine Hand zurück an den eisernen Halsring, den die Spanier den Gefangenen verpaßt hatten, und gurgelte: „Halt dich fest! Ich lege noch etwas zu. Smoky hat‘s erwischt.“
Mühsam spuckte Old Donegal eingedrungenes Wasser aus, verzog schmerzlich das Gesicht und blieb brav beim Profos. Er versuchte mit lahmen Schwimmbewegungen, Carberry zu entlasten, der wie eine stolze Brigg durch das Wasser rauschte, anscheinend nicht kleinzukriegen, unverwüstlich, ein Kerl aus Eisen.
Smoky hatte einen Streifschuß eingefangen. Wie gelähmt hing sein Arm herunter. Und es blieb weder Zeit, ihn zu versorgen, noch sich von der Schwere der Verletzung zu überzeugen.
Gerade hatte Big Old Shane den Decksältesten in Schlepp genommen, da zerriß ein Blitz die Dunkelheit, erhellte weithin die Gegend und zeigte den Flüchtenden, wie ernst die Lage wirklich war: El Verdugo und acht Spanier hockten in einem Boot, das zwar wild auf den Wellenkämmen ritt, aber Kurs auf sie hielt.
Schon griffen die Spanier nach den Waffen. Musketen richteten sich auf die Gruppe.
Hasard schrie seinen Männern zu, wegzutauchen. Er selbst versuchte, dem Boot entgegenzuschwimmen, unsichtbar, unter Wasser. Sehen konnte er nichts, aber seine suchenden Hände ertasteten nach endlosen Sekunden den Kiel des Bootes.
Hasard hatte automatisch nach der Devise gehandelt, die sein Leben beherrschte: Angriff ist die beste Verteidigung. Er wollte sich irgendwie wehren und sich nicht im Wasser abknallen lassen.
Es zeigte sich, wie gut die Crew sich verstand. Nicht Hasard allein griff den Feind an. Ohne ein Wort der Verständigung hatten doch alle begriffen, die bei ihm gewesen waren.
Zuerst handelte Ferris Tucker.
Nur ein Mann wie er brachte es fertig, die Zimmermannsaxt mit dieser Wucht zu führen. Von unten, mit einem verzweifelten Streich, hinter dem jedes Quentchen Kraft steckte, schlug er zu.
Die messerscharfe Schneide klopfte nicht nur an, sondern durchbrach den Boden des Bootes. Sie erwischte knapp noch den Fuß des Henkers.
Den Schrei, den El Verdugo ausstieß, hörten nur jene, die nicht weggetaucht waren.
Hasard richtete sich auf, stemmte den Rücken unter den Kiel des Bootes und wunderte sich, wie leicht er das Gewicht hochdrückte.
Aber mit ihm arbeiten die anderen. Und zwei von ihnen hatten das Glück, Boden unter den Füßen zu haben, eine Sandbank, wie sie zwischen Insel und Festland nicht eben selten waren und die Schiffahrt zu einem lebensgefährlichen Abenteuer werden ließen. So manches spanische Versorgungsschiff, das von Cayenne aus Kurs auf die Teufelsinsel genommen hatte, war auf diesen tückischen Bänken schon aufgelaufen.
Das Boot der Spanier wurde angekippt und schlug nach der Backbordseite um. Die Spanier flogen kopfüber ins Wasser. Sie landeten mitten zwischen den Engländern. Das konnte natürlich nicht gutgehen.
Prompt landete denn auch ein schmächtiger Spanier in Reichweite des wütenden Profos, der sich nur knapp umschaute, ob Old Donegal noch an ihm hing.
Old Donegal schluckte, prustete und schnappte zwischendurch nach Luft. Auch wenn man in dieser ägyptischen Finsternis keine Einzelheiten sehen konnte: sicher war er blau wie ein Tintenfisch, angelaufen von Luftmangel. Was hatte er den gesunden Lungen des mächtigen Profos‘ schon entgegenzusetzen? Immerhin verrieten die würgenden hustenden Laute, daß er noch lebte. Und schon versuchte er zwischendurch, seinen muskulösen Freund anzufeuern. Denn er hatte wohl erkannt, daß der Spanier, der da mühsam den Kopf über das Wasser reckte, vor Angst tollkühn angriff.
„Komm her, du Rübenschwein!“ grollte der grimmige Profos.
Carberry streckte die Pranken aus und erwischte den Spanier an der Gurgel. Liebevoll zog er ihn mit einem Ruck heran. Die Fäuste des Spaniers prallten wirkungslos vom Rammkinn des Profos‘ ab. Carberry grinste gelangweilt, ließ den zappelnden Kerl frei und verpaßte ihm einen Hammerschlag mitten auf den Kopf.
Der Spanier verschwand unter Wasser.
Carberry schloß sich den anderen an, die wieder Kurs nahmen. Sie bewegten sich alle in die Richtung, in der sie das Festland vermuteten. Aber Gewißheit gab es bei diesem Hundewetter für keinen. Der Gedanke, daß man mit aller Kraft immer weiter ins offene Meer hinausschwamm, hatte etwas Lähmendes.
Trotzdem gab niemand auf. Sie schleppten sich weiter. Lieber ein Ende mit Schrecken, als unter der Knute des Henkers, den alle in Gedanken verfluchten, qualvoll einen höllischen Tod zu erleiden. Im übrigen gab es kein Zurück mehr. Denn niemand konnte gegen den Strom anschwimmen, der an der Teufelsinsel vorbeitrieb.
Das Festland schien noch fern. Stets wenn sie die müden Köpfe über die Schaumkämme reckten, um nach dem Land Ausschau zu halten, wurden sie enttäuscht. Endlos und wild bewegt dehnte sich die Wasserfläche vor ihren suchenden Blicken.
Hätte es nicht hin und wieder die Sandbänke gegeben, sie alle wären ertrunken. So aber konnten sie von Zeit zu Zeit etwas Kraft sammeln und sich in der Hoffnung wiegen, vielleicht doch nicht allzuweit vom Land entfernt zu sein.
Kraft zur Verständigung hatten sie längst nicht mehr.
Immer wieder war es Hasard, der das Zeichen zum Aufbruch gab und losschwamm, ohne allerdings die beruhigende Gewißheit zu haben, wann sie in angemessener Entfernung wieder eine Ruhepause einlegen konnten.
Was bedeutete es da, daß sie die spanischen Verfolger zunächst abgeschüttelt hatten? Am Ende schien doch der Tod auf sie zu lauern.
Hasard selbst mußte seinen ganzen Mut zusammennehmen. Er wußte selbst keine Antwort auf die Frage, ob er diese Flucht ins Ungewisse angetreten hätte, wenn ihm auch nur ein Bruchteil der Schwierigkeiten und Strapazen bekannt gewesen wären, mit denen sie jetzt konfrontiert wurden.
Das Seewasser fügte den Qualen eine weitere zu. Wer offene Wunden hatte – und das war bei den meisten der Fall –, litt furchtbar. Das biß und fraß, daß man kaum die Arme beim Schwimmen zu bewegen vermochte.
Smoky, der immer noch an der Schulter blutete, schnappte sich ein Stück Treibholz und schlug seine Zähne hinein, um seinen Retter nicht durch sein Stöhnen zu verunsichern.
Dabei plagte ihn die gräßliche Vorstellung, seine blutende Wunde könne den mordgierigen Haien eine Fährte legen. Das würde das Aus für sie alle bedeuten. Mit den Spaniern konnten sie fertig werden, aber gegen Haie hatten sie keine Chance. Da konnten sie nur noch beten.
Die Nacht schien kein Ende zu nehmen. Kein Silberstreif über der Kimm flößte den Verzweifelten neue Hoffnung ein. Sie wußten nicht mehr, wie lange sie unterwegs waren. Ihr Zeitgefühl war längst erstorben. Das Leben bestand nur noch aus den zermürbenden Bewegungen der Arme und Beine, die den Körper anscheinend um keinen Inch vorwärtsbrachten.
Was wollte es da schon heißen, daß der Sturm abgeflaut war und kein Regen mehr fiel? Dieses Grau um sie herum und über ihnen, diese endlose Monotonie brach auch die Widerstandskraft des Stärksten.
Wozu sich noch anstrengen, wenn doch alles umsonst war? Sie hatten den Kurs verloren, kein Zweifel. Seit über einer Stunde hatten sie keine Sandbank mehr erreicht und damit keine Gelegenheit gehabt, sich ein wenig zu verschnaufen. Ihre Arme und Beine waren schwer wie Blei. Entzündete Augen hatten es aufgegeben, nach Land zu suchen.
Die Möglichkeit, daß sie sich immer weiter im Meer verloren, nahm erschreckend zu. Mancher der Seewölfe, glücklicher Besitzer eines Messers, spielte bereits mit dem Gedanken, sich die Klinge über beide Handgelenke zu ziehen und anschließend in den Bauch zu rammen. Das mußte eine Erlösung sein gegenüber der Qual des Schwimmens.
Dann wagte sich zum ersten Male der Mond hinter Wolkenbänken hervor. Sein mildes Licht fiel auf die sanft gekräuselte Wasserfläche. Sie erkannten Nachbarn und Leidensgefährten. Sie hatten sie die ganze Zeit neben sich gewußt, aber nicht deutlich erkannt. Jetzt unterschieden sie Gesichter und sahen, daß der andere ebenso schlecht dran war und mit dem letzten Funken Kraft gegen den Untergang kämpfte. Das spornte an. Wieso schaffte der es noch? Da konnte man nicht aufgeben. Nicht eher, als bis der andere auch aufgab.
Die Seewölfe kämpften sich stumm und verbissen weiter vorwärts. Wohin? Wo in diesem elenden Meer war vorn, wo hinten? Wo offenes Meer, wo die Küstenlinie, die sie herbeisehnten?
Niemand wußte es.
Jeder sah Hasard da vorn und folgte ihm. So war es immer gewesen. Sie waren nicht schlecht dabei gefahren. Sie hielten sich auch jetzt an ihn.
Ohne es zu ahnen, trug Hasard die Hoffnungen seiner Männer. Er wußte nur, daß er kein Recht hatte, aufzugeben. Nicht, solange er noch Atem schöpfen konnte. Und wenn die Arme ihm abfielen – er mußte weiterschwimmen. Denn er hatte diese Flucht befohlen.
Er trug keine geringe Verantwortung. Er konnte sich alles leisten, nur durfte er seine Männer nicht enttäuschen. Das war ihm klar. Das gab ihm Kraft, auch dann, als er glaubte, er habe keine mehr.
Mit der Gleichmäßigkeit seiner Bewegungen flossen auch Hasards Gedanken. Immer wieder stellte er sich vor, was er auf der Teufelsinsel gelitten hatte. Das hinderte ihn daran, aufzugeben.
So seltsam es klang: El Verdugo, der Henker, den hoffentlich die Haie geholt hatten, größter Feind und Peiniger der Seewölfe, wurde in diesen einsamen Stunden Hasards stummer Verbündeter. Der Gedanke an ihn und seine grausamen Schikanen erfüllten ihn mit einer solchen Wut, daß er davon mehr vorwärtsgetrieben wurde, als würde er ein Dutzend Hiebe mit der neunschwänzigen Katze empfangen. Schmerzen, wenn sie überhand nahmen, stumpften ab und hinderten niemanden daran, zusammenzubrechen. Ganz anders der Haß. Er weckte die Lebensgeister und fachte erlahmende Kräfte wieder an.
Hasard stellte sich immer häufiger die ekelhafte Schinderfratze des spanischen Henkers vor. Er schwamm auf sie zu, um seine Faust in diese Totenfratze zu rammen und ihm die häßlichen Zähne einzeln einzuschlagen.
Mit Entsetzen erkannte Hasard, schon so weit fertig zu sein, daß sich sein Geist verwirrte und seine Phantasie übermächtig wurde. Vielleicht lebte er schon gar nicht mehr? Vielleicht bildete er sich auch das nur ein? Schwamm er gar nicht mehr im Wasser? War er niemals von der Teufelsinsel aufgebrochen ins Ungewisse, das immer gewisser wurde? So gewiß wie der Tod?
Hasards Lippen waren aufgeplatzt. Eine dicke Salzkruste bedeckte sie. Seine Augen, geschwollen und entzündet, sahen nichts als Wasser. Welch ein Hohn, er schwamm in einem Meer und hatte Durst. Er sehnte sich nach einem Schluck frischen Wassers und hätte seine Seele dafür verpfändet.
Hinter ihm ertönte ein heiseres Krächzen.
Hasard hörte den Laut, der kaum etwas Menschliches hatte, aber er brachte es nicht mehr fertig, den Kopf zu wenden. Seine Halsmuskeln waren viel zu verkrampft. Sein Schädel drohte von der Anstrengung zu zerplatzen.
Nur keine überflüssige Bewegung!
Hasard schwamm weiter, mit zähen, langsamen Bewegungen. Es gab keine Rettung mehr aus der Monotonie des jetzt langgedehnten Auf und Ab. Die See war nicht mehr kabbelig. Die lange Dünung lullte einen ein. Man wurde zu einem unbedeutenden Fleck auf der Weite des Ozeans.
Etwas stieß Hasard an.
Er erschrak bis ins Mark, war aber unfähig, entsprechend zu reagieren. Das Gehirn signalisierte Gefahr. Haie vielleicht? Die Augen weiteten sich reflexhaft, aber der zermürbte Körper gehorchte nicht.
Unendlich langsam drehte Hasard den Kopf und starrte auf einen abgerissenen Ast, der ihn berührt hatte. Es dauerte eine Ewigkeit, bis es bei Hasard dämmerte. Ein Ast bedeutete Landnähe. Ein Vorbote der Rettung!
Hasard erwachte aus todesähnlicher Lethargie. Fast schmerzhaft empfand er Freude. Es war ein Gefühl, das ihm den Brustkorb sprengte, das er schleunigst abschütteln mußte, wollte er nicht daran erstikken.
Hasard ruderte mit den Armen, versank, ging unter, kämpfte sich wieder hoch, strampelte vor Freude und trat das Wasser, daß sein Körper sich erhob.
„Land!“ schrie er und wunderte sich, daß die Stimme nicht mehr gehorchte. Er meinte, sein Schrei könne Tote erwecken, und doch erreichte er kaum die Ohren derer, die ihm unmittelbar gefolgt waren: Carberry und Big Old Shane, beide mit Schicksalsgenossen im Schlepp, der eine Old Donegal, der andere Smoky.
Verwirrt stierte Hasard auf die weit auseinandergezogene Kette seiner schwimmenden Männer. Verstand ihn denn niemand? Die Leiden hatten ein Ende! Land in Sicht! Geschafft!
Da sah Hasard, wie in der Ferne Dan O‘Flynn, der Scharfsichtige, verzweifelt nach vorn deutete, als habe er eine Botschaft von höchster Dringlichkeit. Er sah, wie sich der Mund Dans dauernd öffnete und schloß. Aber kein Laut drang an sein Ohr. Darin war nur das ewige Geräusch des Meeres und der Wellen wie in einer leeren Muschel.
Aber Hasard tat Dan den Gefallen. Er veränderte noch einmal die Position. Und da sah er es auch: ein feiner dunkler Strich an der Kimm. Fast nicht zu erkennen im Dunst des nahenden Morgens.
Sie hatten die Küste vor sich.
Alle Ängste verflogen. Sie hatten sich nicht immer weiter in das offene Meer vorgearbeitet. Sie wurden nicht grausam genarrt durch ein unerträgliches Geschick. Sie hatten ein Glückslos gezogen.
Nicht die Spanier, nicht die Haie, nicht der Sturm und nicht das Meer hatten sie bezwungen. Sie waren Sieger geblieben.
Hasard mußte sich dazu zwingen, jetzt nicht durchzudrehen. Er mußte auch weiterhin seine Kräfte einteilen. Er schätzte die verbleibende Strecke, die sie noch zurücklegen mußten, auf eine gute Seemeile. Das war nicht viel gegenüber der Distanz, die sie hinter sich gebracht hatten. Aber es war nach dieser höllischen Nacht kaum zu bewältigen.
Hasard bezähmte den Trieb, das letzte aus sich herauszuholen. Aber seine innere Unruhe kriegte er nicht mehr in den Griff. Jeder Schwimmzug war ihm zuviel. Die Zeit verstrich jetzt viel zu langsam. Die Entfernung wollte nicht schwinden.
Mehr als zwei grausame Stunden kämpften die erschöpften Männer, zumal sich unter Land die Strömungen änderten und sie wieder zurücktrieben. Es war eine letzte furchtbare Prüfung – dann taumelte Hasard an Land. Die Ketten schienen doppelt soviel zu wiegen wie im Wasser. Arme und Beine waren wie abgestorben, als gehörten sie nicht mehr zu seinem Körper.
Hasard hielt sich an den Luftwurzeln einer Mangrove fest. Er taumelte und schloß erschöpft die Augen.
Dann bewegte er sich weiter, um den anderen nicht diesen guten, aber winzigen Landeplatz im Gewirr der Ufervegetation zu sperren. Dabei stolperte er und schlug der Länge nach hin.
Einen Augenblick dachte er, nie wieder aufstehen zu können. Unendlich langsam kämpfte er sich hoch. Erst kniete er. Dann richtete er sich auf. Vor seinen Augen flimmerten und zerplatzten Sterne und Kreise. Alles in ihm sträubte sich gegen die geringste Anstrengung. Er wollte nur noch liegen und ausruhen.
Hasard bezwang den Schwächeanfall.
Er klammerte sich an einer der rissigen Baumwurzeln fest und wandte unendlich langsam den Kopf. Ihn quälte der Gedanke an seine Gefährten. Wie viele waren einsam gestorben auf dieser furchtbaren Strecke zwischen Insel und Festland?
Hasard beobachtete das erschütternde Schauspiel der Landung. Mann für Mann kämpfte sich ans Ufer. Ketten klirrten, entzündete Augen starrten blind in das Grün der Büsche, die bis an den Strand vorgedrungen waren.
Was war aus den stolzen Seewölfen geworden? Ein maroder Haufen. Die Fronarbeit für die Spanier, die Schrecken der Flucht von der Teufelsinsel, die Strapazen des langen nächtlichen Kampfes mit Wind und Wellen hatten tiefe Spuren hinterlassen.
Kaum daß einer ein gequältes Grinsen fertigbrachte wie Big Old Shane, der alte Waffenmeister von Arwenack, oder Ferris Tucker, der Schiffszimmermann, oder der Riese Edwin Carberry, Profos der „Isabella“. Wobei der Profos wenigstens noch einem Gefährten das Leben gerettet hatte. Treu und brav schleppte er Old Donegal. Ferris Tucker trug seine Axt wie eine Fahne an Land.
„So etwas möchte ich nie wieder erleben“, stöhnte er und schlug in den Sand. Er brauchte lange, bis er wieder soviel Kraft hatte, Hasard zu helfen.
Im Licht des dämmernden Morgens riefen sie Versprengte zu sich heran und halfen den Erschöpften ans sichere Ufer.
Hasard beruhigte sich erst, als er alle wieder um sich versammelt hatte. Ja, sie hatten es alle geschafft, keiner war zurückgeblieben oder hatte sich aufgegeben.
Da lagen sie, mit nackten Oberkörpern, in Ketten, erschöpft und zerschunden, auf dem schmalen Sandstreifen, im spärlichen Schutz der Mangrovenwurzeln, die sich wie ein Netz über ihnen spannten.
Kein anderer Laut drang an ihre Ohren als das leise Plätschern der Wellen, die sich am Ufer totliefen.
„Auf, Leute!“ befahl Hasard unerbittlich.
Noch waren sie nicht in Sicherheit. Es war unwahrscheinlich, daß sich die Spanier darauf verließen, die Ausbrecher seien ertrunken. Sie wollten Beweise haben, Beweise, daß der Seewolf und seine Männer den Silberschiffen der Spanier nie mehr gefährlich werden konnten.
Der Morgen dämmerte.
Die Dons würden ein weiteres Boot ausrüsten und auf die Suche schikken. Entweder nach den Leichen der ertrunkenen Seewölfe oder – wenn sich die Teufelskerle wider Erwarten ans Festland gerettet hatten – um sie wieder einzufangen und auf die Teufelsinsel zurückzuschleppen.
Es gehörte nicht viel Phantasie dazu, sich den nächsten Schritt der wütenden Spanier vorzustellen.
Ein unwilliges Stöhnen und Murren antwortete Hasard.
Der Seewolf ging von Mann zu Mann, sprach ihn mit Namen an und half ihm auf die Beine. Obgleich er keine Kraftreserven mehr hatte, schaffte er es noch einmal. Er trieb seine Männer zu einer letzten Anstrengung.
„Weiter im Landesinneren sind wir sicherer. Wir brauchen Ruhe, um uns halbwegs zu erholen. Aber der Strand ist der denkbar ungeeignetste Ort dafür. Die Spanier würden uns mit Sicherheit entdecken. Und dann beginnt die Hetzjagd. Eine Jagd, der wir nicht mehr gewachsen sind. Also los, Leute.“
Inzwischen halfen Tucker und Carberry ihrem Kapitän.
Einige der unsanft Wachgerüttelten waren zwar brav, wie im Unterbewußtsein, hochgetorkelt, als sie die Kommandostimme Hasards hörten, waren aber nicht recht wach geworden und wieder umgefallen. Jetzt lagen sie wieder schnarchend am Strand.
Eine Dusche Wasser, ein gezielter Tritt brachte sie wieder hoch.
Alle hatten begriffen, worauf es ankam. Und es war nicht ihre Art, jemanden zurückzulassen. Sie hatten die Knute der Dons zu lange gespürt, als diese Behandlung auch nur ihrem ärgsten Feind zu wünschen.
Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Aufeinandergestützt, mit leeren Gesichtern, taumelnd vor Erschöpfung, kämpften sich die Seewölfe weiter, zogen sich an den Luftwurzeln der Mangroven hoch und schleppten sich dem Saum gezackter Palmkronen entgegen, die den nahen Urwald anzeigten.
Schon einem Gesunden hätte ein Marsch durch das sumpfige unwegsame Gelände einiges abverlangt. Die Seewölfe wollten mehr als einmal aufgeben. Jedesmal trieb sie Hasard unerbittlich weiter.
Die Verwundeten wurden getragen. Die Schwachen stützten sich auf die Starken.
Hasard selbst half zweien seiner Männer, die sich an ihn klammerten.
Nur Bill, der schmächtige Schiffsjunge, zeigte Nehmerqualitäten. Er schlug manchen hartgesottenen Seemann um Längen, was Zähigkeit und Ausdauer betrafen. Er stromerte um die Gruppe wie ein Schäferhund um die Herde, lief auch mal voraus und erkundete den Weg, um der Crew die beste Richtung angeben zu können.
Hasard wunderte sich gehörig über den Burschen.
Immer wieder blieb einer der Männer stehen und blickte flehentlich auf den Kapitän, ob die Qual nicht endlich ein Ende habe.
Jedesmal schüttelte Hasard stumm den Kopf. Nur in hartnäckigen Fällen fügte er hinzu: „Wir sind noch lange nicht in Sicherheit. Willst du, daß alle Opfer, alle Anstrengungen umsonst waren? Die Dons könnten uns in unserem jetzigen Zustand mit nassen Handtüchern erschlagen. Wir müssen uns verstecken wie gehetztes Wild. Uns bleibt nichts anderes übrig. Erst wenn wir wieder ausgeruht sind, können wir unserer Wut freien Lauf lassen und uns den Spaniern zum Kampf stellen. An mir soll es nicht liegen. Was ist mit dir? Bist du dabei?“
Solche Appelle hatten immer Erfolg.
Der an seinem Ehrgeiz Gepackte grinste zwar müde, aber doch schon kampflüstern. Einem Spanier an den Kragen zu gehen, einem der Dons, die das alles verschuldet hatten – eine solche Vorstellung belebte die Lebensgeister besser als Speise und Trank. Schon spürte man neue Kräfte, auch wenn es nur ein kurzes Aufflackern war.
Bald aber konnte Hasard weder im Guten noch im Bösen etwas ausrichten. Sie hatten den Rand der grünen Hölle erreicht. Ein Eindringen schien unmöglich. Die Männer schreckten zurück vor der Unnahbarkeit dieses grünen Meeres. Sie waren an Land ohnehin hilflos wie die Schildkröten. Jetzt auch noch wie die Affen zwischen Lianen und Orchideen, Baumriesen und Farnkräutern herumzufegen – das ging gegen ihre Natur.
Sie ließen sich fallen, wo sie standen.
Da nahm auch Hasard erschöpft Platz. Lethargie befiel auch ihn.
Wohin wollten sie eigentlich? Ohne Werkzeuge, ohne Proviant, weitab von ihrem stolzen Schiff? Sie waren gestrandet. Und was das gekostet hatte! Sollte das der Preis sein, hier im Dschungel elend umzukommen oder sich zu verirren?
Da war es der Kutscher, der wieder Leben in das Camp der Verlorenen brachte. Er hatte sich die ganze Zeit bereits rührend um Smoky gekümmert, den Decksältesten. Jetzt störte ihn das Stöhnen des Verwundeten in seiner Ruhe. Seine Kunst wurde gebraucht.
Also zwang er sich, aufzustehen.
Er schimpfte und fluchte, nachdem er die Wunde Smokys mit Seewasser gereinigt hatte. Smoky lag die ganze Zeit flach auf dem Rücken und stöhnte vor Schmerzen.
„Es ist nur ein Streifschuß“, tröstete ihn der Kutscher. „Du hast ‘ne Menge Blut verloren, aber an dem Kratzer geht niemand zugrunde.“
„Dein Wort in Gottes Ohr, Kutscher“, knurrte Smoky. „In den Tropen kann die winzigste Verletzung das große Aus bedeuten. Erzähl mir nichts. An mir soll es nämlich nicht liegen. Ich werde auch weiterhin die Zähne zusammenbeißen, solange ich noch die Kraft dazu habe. Wenn ich es aber nicht mehr schaffe, Kutscher, mußt du mir einen Gefallen tun!“
„Ich bin Medizinmann, kein Schlächter!“ Der Kutscher winkte ab. Er wußte genau, auf was der Decksälteste hinauswollte. Bei dem bloßen Gedanken sträubten sich ihm schon die Nackenhaare.
„Aber es ist deine Christenpflicht. Willst du, daß die Spanier mich fangen? Oder die Würmer mich bei lebendigem Körper auffressen, Mann? Was wäre in solchem Fall wirkliches Mitleid? Du mußt es tun. Versprich es mir, sonst stehe ich nicht mehr auf.“
„Ja, zum Teufel. Aber ehe das eintritt, kämpfe ich wie ein Löwe. Ich werde dich pflegen wie eine Mutter. Und du tust mir den Gefallen und läßt dich nicht gehen. Gemeinsam werden wir es schaffen.“
Smoky nickte und fiel wieder hintenüber. Für einen Augenblick hatte er sich aufgerichtet, den Kutscher am Arm gepackt und ihn wild angestarrt.
Der Kutscher ahnte bereits, wie es weitergehen würde: das Fieber würde über den geschwächten Körper Smokys herfallen. Mit einem Blatt, das er von einer Palme abschnitt, verschloß er notdürftig die Schulterwunde. Mehr hatte er nicht. Ein paar biegsame Zweige mußten den Notverband halten. Das war besser als gar nichts. So konnte nicht jeder Schmutz ungehindert in die offene Wunde eindringen. Und der Patient hatte das Gefühl, daß etwas getan wurde.
„Hol‘s der Satan“, schimpfte der Kutscher.
Er hinkte zu Hasard, der sich bei seinem Nahen sofort aufrichtete, als habe er nie den Schlaf des Erschöpften genossen.
„Was soll jetzt werden?“ fragte der Kutscher. „Wir haben Verwundete. Willst du warten, bis hier ein englisches Schiff vorbeisegelt? Ich fürchte, solange leben wir alle nicht. Bis dahin sind wir verhungert und verdurstet. Die Nahrungsmöglichkeiten sollen im Urwald noch schlechter sein als auf der Teufelsinsel, auch wenn du dir das nicht vorstellen kannst.“
„Ich gebe niemals auf, soweit solltest du mich schon kennen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ich träume davon, meine ‚Isabella‘ wieder in Besitz zu nehmen.“
„‚Deine Isabella‘?“ erkundigte sich der Kutscher streitsüchtig. „Wenn schon, dann unsere ‚Isabella‘.“
„Leg nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Wenn es dich beruhigt: es war nicht so gemeint“, erwiderte Hasard und grinste.
Der Kutscher stand mit dem Gesicht zum Meer.
„Ich habe auch etwas, das dich interessieren wird“, sagte der Kutscher leise, und seine Augen weiteten sich. „Dort hinten ist eine Schaluppe aufgetaucht. Ich will verdammt sein, wenn ich nicht lauter spanische Helme sehe.“
Hasard sprang wie von der Tarantel gestochen auf. Gefahr belebte ihn. Herausforderung reizte ihn. Er hätte nicht den Kampf mit den Spaniern gesucht. Jetzt noch nicht. Aber wenn es denn sein mußte …
Hasard entdeckte unschwer die Schaluppe.
An Bord befand sich die halbe Wachmannschaft der Spanier. Am Bug stand, den Kieker vor dem Auge, Capitan Catalina, Kommandant der Teufelsinsel. Systematisch suchte er den Uferstreifen ab.
„Woher weiß dieser Hurensohn, daß wir das Festland erreicht haben?“ fragte der Kutscher. „Es könnten uns doch auch die Haie gefressen haben.“
„Er will sichergehen. Noch einen Fehler kann er sich nicht leisten. Wenn er uns nicht findet, geht er davon aus, daß wir nicht mehr leben, und kann Madrid melden, was ihm paßt. Er braucht nicht einmal zu erwähnen, daß es vorher einen Massenausbruch gegeben hat.“
„Kann er sich so auf seine Leute verlassen?“ fragte Ferris Tucker, der sich ebenfalls erhoben hatte und zu den beiden trat.
„In diesem Punkte schon. Jeder einfache Wachsoldat müßte es büßen, wenn am Hofe ruchbar wird, daß wir entwischen konnten“, erwiderte Hasard. „Also läßt er nichts unversucht, um die Wahrheit herauszufinden. Denn wehe, er behauptet, wir seien tot, und wir tauchen irgendwo wie aus dem Nichts wieder auf und jagen die Spanier, als ob wir nie aus dem Geschäft gewesen wären. Sie würden Catalina hängen.“
„Gönnen würde ich ihm das schon“, sagte der Kutscher rachsüchtig.
„Da sind noch mehr Spanier. Sie gehen am Ufer entlang!“ rief Ferris Tukker erregt. Er hatte den Stamm einer Palme bis zur halben Höhe erklommen, um einen besseren Überblick zu haben.
Jetzt rutschte er schleunigst herunter, um nicht entdeckt zu werden.
„Sie suchen unsere Spuren. Und sie werden sie finden“, sagte der Kutscher erschrocken. „Wenn sie im Spurenlesen geschickt sind, stellen sie sogar fest, daß unsere Crew noch vollzählig ist. Dann kennt ihre Wut keine Grenzen.“
Wie zur Bestätigung knallte am Ufer eine Muskete.
Augenblicklich steuerte die Schaluppe auf den Strand zu.
„Paß auf, was sie tun!“ rief Hasard, lief mit dem Kutscher von Mann zu Mann und scheuchte seine Leute hoch, während Ferris Tucker wieder den Ausguck besetzte.
Die Jagd war eröffnet. Kein Zweifel!
„Sie lassen zehn Mann zurück und bringen eine Drehbasse in Stellung, zum Schutz der Schaluppe!“ rief der Schiffszimmermann.
Keine andere Botschaft hätte den Rest der Crew schneller auf die Beine bringen können. Alles wimmelte durcheinander. Die drohende Gefahr verscheuchte die Müdigkeit. Keiner sah einen Ausweg. Ratlosigkeit herrschte.
„Ruhig Blut, Männer“, mahnte Hasard. „Wir sind mit größeren Schwierigkeiten fertig geworden. Kein Grund, jetzt durchzudrehen!“
„Dann erzähl mal, wie‘s weitergehen soll“, sagte Old Donegal.
„Abhauen können wir kaum. Wir sind zu schwach. Die Spanier haben Macheten, um sich einen Pfad zu schlagen“, stöhnte Smoky.
„Wir haben die Axt von Ferris“, sagte Hasard gelassen.
Er blickte sich suchend um.
„Das Gelände paßt besser in unser Konzept als in das der Spanier. Die würden uns lieber auf freiem Feld hetzen, um uns schneller einholen zu können. Los, Leute! Hinein in den Dschungel. Ferris und Batuti werden euch den Weg mit seiner Axt bahnen. Löst sie rechtzeitig ab. Big Old Shane, Stenmark, Al Conroy, Ben Brighton und ich bleiben hier. Gebt jedem von uns ein Messer.“
Hasard hatte die besten und kräftigsten seiner Männer ausgesucht. Denn es blieb nicht viel Zeit, höchstens eine halbe Stunde. Sie mußten sich beeilen, daß sie ihr Werk vollendeten, ehe die Spanier eintrafen.
„Wollt ihr damit vielleicht die Musketiere abschlachten, ihnen die Schaluppe wegnehmen und das Weite suchen?“ fragte Old Donegal. „Wie wär‘s, wenn ich auch dabliebe und mein Holzbein als Keule benutzte?“
„Verschwindet“, befahl Hasard scharf. Dies war nicht der Augenblick, zu diskutieren und Kleingläubige zu überzeugen. Er wußte genau, was er tat. Er würde den Spaniern einen heißen Empfang bereiten. Ihm fehlte es an Waffen, aber nicht an Erfindungsgeist.
3.
Die Seewölfe brachen auf. Sie tauchten unter im Grün der Bäume und Lianen. Die üppige Vegetation verschluckte sie, als habe es sie nie gegeben. Und doch gab es Leben im Urwald. Kreischend stiegen bunte Papageienschwärme auf und zeigten die Fluchtrichtung der Ausbrecher an. Die Spanier waren schließlich nicht blind und lebten lange genug in diesem Teil der Welt, um die Zeichen der Natur richtig zu deuten.
Hasard biß die Zähne zusammen. Es mußte trotzdem klappen.
In fliegender Hast erläuterte er seinen Gefährten den Plan.
Big Old Shane und er hoben eine Fallgrube aus. Sie arbeiteten wie die Wilden. Die Messerklingen bohrten sich leicht in das lockere Erdreich. Sie gingen nicht zu sehr in die Tiefe, rammten aber in den Grund der Grube einen angespitzten Pfahl. Er würden den Spanier, der den Fehltritt tat, nicht gerade töten, ihn aber hindern, weiter den Ausbrechern nachzusetzen. Kaum war eine halbe Stunde vergangen, da gab es entlang des Pfades eine ganze Reihe teuflischer Überraschungen.
Hasard und seine Begleiter folgten in mäßigem Tempo ihren Gefährten und bauten von Zeit zu Zeit eine Falle ein. Sie legten einen Verhau von harmlos erscheinenden Lianen an, die sich wie zufällig über den Pfad ringelten, in Wirklichkeit aber über einen hohen Ast liefen und einen schweren Stein in der Höhe festhielten. Wurden sie durchgehackt, fiel der Brocken senkrecht herunter.
Sie bauten einen primitiven Bogen mit einem ansehnlichen Pfeil auf der Sehne aus einem tauähnlichen Schlinggewächs, spannten das ganze mit einer Liane und sorgten dafür, daß die Spanier den Auslöser nicht verfehlten.
Daß ihre Methode erste Erfolge brachte, erkannten die Gehetzten sehr schnell. Schreie verkündeten, daß eine der Fallen zugeschnappt war.
Das Tempo der nachrückenden Spanier wurde merklich langsamer. Vorsichtig und mißtrauisch zogen sie durch den Urwald, denn sie kämpften gegen einen unsichtbaren Feind.
Zwischendurch blieb immer wieder einer der Seewölfe zurück.
Der Mann lag, das Messer in der Faust, auf einem starken Ast oberhalb des Pfades. Er ließ die schwitzenden, fluchenden Spanier unter sich hindurchziehen. Mit Vergnügen beobachtete er, wie die Verfolger immer neue Fallen witterten, sich weigerten, an der Spitze zu marschieren und das Tempo verschleppten. Sie wären am liebsten umgekehrt, hätte die Radschloßpistole ihres Offiziers sie nicht vorangezwungen.
Wenn dann ein Nachzügler auftauchte, ließ der Seewolf sich einfach fallen, riß den Überraschten um und stach mit dem Messer zu.
Nach einer Weile hatten die Dons die Taktik des Gegners durchschaut. Catalina selbst wunderte sich, daß er plötzlich am Ende des Zuges ging.
Sie arbeiteten sich im Gänsemarsch durch das Dickicht, weil die Leute vorn genug damit zu tun hatten, einen schulterbreiten Pfad mit der Machete zu schlagen.
Catalina, völlig verunsichert, fühlte sich als letzter Mann gar nicht mehr so wohl. Ständig drehte er sich um, die Pistole schußbereit in der Faust. Vergeblich suchte sein Auge den Feind im Gewirr der Pflanzen.
Sobald der Mann, der auf Hasards Weisung an einem bestimmten Punkt zurückgeblieben war, sein blutiges Werk beendet hatte, schnappte er sich die erbeuteten Waffen, überholte den feindlichen Trupp in einem weiten Bogen und stieß wieder zu den anderen.
Das kostete eine ungeheure Kraft.
Dafür bereitete es aber doppelt Freude, wenn die Dons plötzlich aus ihren eigenen Musketen frontal angegriffen wurden und Zunder kriegten, daß sie kopfüber Schutz suchten, möglichst in Nesseln und anderen ekligen Pflanzen, die eine Berührung nicht gerade zu einem Quell der Freude werden ließen.
Einmal wurde der Feuerüberfall so gekonnt eröffnet, daß den Spaniern entweder der Pfad blieb oder ein Satz in den Morast. Zwei Soldaten, in Helm und Harnisch, versanken kläglich. Ihr Geschrei marterte noch lange die Nerven der anderen Soldaten, die von Catalina brutal weitergetrieben wurden, obgleich sie lieber ihren unglücklichen Kameraden geholfen hätten.
Aber der Capitan duldete nicht die kleinste Verzögerung. Die trat erst ein, als es Catalina selbst erwischte.
Hasard hatte kaum erkannt, daß das weitere Vordringen der Spanier allein von dem Capitan abhing, da baute er seine Falle auf.
In Windeseile kappten sie einen mittelschweren Baum neben dem Pfad so, daß er noch von zwei Lianen in seiner Stellung gehalten wurde. Hasard selbst legte sich auf die Lauer.
Genau im richtigen Augenblick zerstörte er die beiden Lianen.
Langsam kippte der Baum und neigte sich dem Pfad zu, zu einer Zeit, als die Spanier sich bereits weiter vorgearbeitet hatten und annahmen, in ihrem Rücken drohe keine Gefahr.
Der Baum rauschte durch Unterholz und warnte die Verfolger in letzter Sekunde. Aber es war bereits zu spät. Ein mörderisches Prasseln und Splittern von Ästen ertönte, dann folgte ein heller Schmerzensschrei. Catalina lag begraben unter der Krone.
Der stürzende Baum hatte ihm übel mitgespielt, aber er war nicht tot.
Seine Leute, die ihn zu befreien suchten, brüllte er an, sich zu beeilen. Er hatte große Schmerzen, wie er hinzufügte. Zum Schluß wurde er ausgesprochen umgänglich.
Seine Soldaten befreiten ihn und mußten ihn tragen. Sie traten den Rückzug an und kehrten auf demselben Weg zurück, den sie gekommen waren. Jeder andere Weg hätte neue Strapazen und einen Zeitverlust bedeutet.
Catalina schrie und jammerte. Offenbar waren seine Beine gebrochen.
Auf dem Rückmarsch nahmen die Spanier ihre Toten und Verletzten mit und leider auch die Vorräte an Pulver und Blei, die Hasard nur zu gern erbeutet hätte. Die den Spaniern geraubten Musketen wurden damit wertlos. Es lohnte sich nicht, sie mitzuschleppen.
Hasard und seine Männer zerschlugen die Schießprügel an Bäumen und zogen weiter. Die frisch abgeschlagenen Zweige und Äste, Lianen und Farne wiesen ihnen den Weg.
Die Wiedervereinigung fand eine knappe Meile weiter statt.
Die Tatsache, daß sie blindlings in den Urwald gestürmt waren und nicht mehr ein noch aus wußten, dämpfte die Freude über das gelungene Rückzugsgefecht.
Der Trupp, der den Spaniern das Fürchten beigebracht hatte, war am meisten geschlaucht. Es dauerte lange Zeit, bis sich Hasard und seine Männer so weit erholt hatten, daß sie Bericht erstatten konnten.
Sie fanden nur wenige Zuhörer.
Die meisten Seewölfe lagen wie tot auf dem feuchten Urwaldboden, ungeachtet der giftigen Spinnen und Schlangen. Sie hatten nur den einen Wunsch: sich auszuruhen, Atem zu schöpfen und endlich einmal wieder Kräfte sammeln zu können.
Die Spanier hatten sich wohl aus dem unheimlichen und ihnen so gefährlichen Urwald zurückgezogen. Aber das bedeutete nicht viel. Vielleicht hofften sie, Hunger und Durst werde die Flüchtlinge an den Strand zurücktreiben, und sie brauchten die englischen Freibeuter nur wieder einzusammeln.
„Was sollen wir tun?“ fragte denn auch Old O‘Flynn.
Der Einbeinige sah zum Fürchten aus. Bisweilen hatten seine unermüdlichen Helfer ihn im Geschwindschritt und ziemlich rücksichtslos hinter sich hergeschleift, besonders wenn ihnen die Spanier zu dicht auf den Fersen gesessen hatten und der geringe Vorsprung beängstigend zusammengeschmolzen war. Jetzt war sein Körper von den Folgen solcher Brachialgewalt gezeichnet.
„Zunächst einmal werden wir unsere Ketten ablegen“, erwiderte Hasard gelassen. Die gewonnenen Scharmützel hatten sein Selbstbewußtsein verdoppelt und seine Hoffnung nicht unbeträchtlich erhöht, daß noch lange nicht alles verloren war.
„Vor allem werden wir Posten aufstellen, für den Fall, daß die Spanier immer noch nicht genug haben und einen neuen Vorstoß unternehmen“, fügte der Seewolf hinzu und teilte Wachen ein, um von den Spaniern nicht überrascht zu werden.
Danach senkte sich Stille über die Männer im Dschungel.
Der Rest des Tages und die Nacht verstrichen ohne weitere Zwischenfälle. Weder ließ sich ein Spanier blicken, noch störte sonst etwas die Nachtruhe der Erschöpften. Die Seewölfe schliefen auf dem blanken Boden, traumlos und schwer wie Tote. Da war keiner, dem nicht die Strapaze der wilden Flucht in den Knochen saß.
Bisweilen trat die Wache leise an einen Mann heran und weckte vorsichtig die Ablösung. Der Betroffene fuhr hoch und starrte verständnislos um sich. Blitzartig erinnerte er sich dann aber an alles, was er während des Schlafes für ein paar Stunden begraben hatte: sie steckten mitten im Urwald von Guayana, verloren wie ein Haufen Schiffbrüchiger, mit Ketten an den Händen, die allerdings weit genug waren, um die Bewegungen nicht allzu sehr zu behindern. Schließlich hatten sie Fronarbeit für die Spanier verrichten sollen.
Der nächste Posten zog auf, während sein Vorgänger fast fiel und auf der Stelle in einen totenähnlichen Schlaf versank.
Der Wachposten umrundete vorsichtig die Lagerstelle, eine winzige Lichtung in der grünen Hölle. Nur hier fiel ungehindert das Mondlicht ein, funkelten die Sterne.
Ein tröstlicher Anblick.
Denn nichts gab es sonst, was einem Hoffnung einflößen konnte. Die Lage war verzweifelt. Sie hatten sich weiter von der gestrandeten „Isabella“ entfernt als jemals zuvor. Die Aussichten, das Schiff wieder in Besitz zu nehmen, waren gering. Sie hatten keine Waffen.
Da blieb nur die Hoffnung auf einen Geistesblitz Hasards, der in so vielen gefährlichen Situationen bewiesen hatte, daß er nie mit seiner Weisheit am Ende war.
Der Posten, der jetzt zum ersten Male seit der Flucht den Hunger spürte, lehnte sich an einen Baumstamm. Alles hier war feucht und glitschig, ein betäubender Moschusgeruch ging von dem Holz aus.
Abstoßende Insekten schwirrten durch das Mondlicht und stießen einem ins Gesicht. Man sah keine Einzelheiten, und doch herrschte überall reges Leben. Viele Tiere im Dschungel erwachten erst jetzt und gingen auf Beute aus. Einmal erklang nahebei das heisere Fauchen eines gereizten Jaguars. Aber er folgte wohl einer anderen Spur. Vielleicht hatte er es auf einen Tapir abgesehen oder ein Pekari, eins jener gefährlichen, stets in Rudeln auftretenden Wildschweine, denen man eine ungeheure Angriffslust nachsagte.
Pete Ballie, Rudergänger der „Isabella“, bewachte den Schlaf seiner Gefährten. Aber er konnte nicht behaupten, daß er sich dabei wohl fühlte. Er vermißte die Weite des Meeres und eine frische Brise. Hier gab es nur den Geruch der Fäulnis und eine Wärme wie in einem Treibhaus, die einem die Luft abschnürte und jede Bewegung zur Qual werden ließ.
Noch einer fand keine Ruhe in jener Nacht: Smoky, der Decksälteste. Die Wunde, die er davongetragen hatte, war nicht lebensgefährlich. Auf dem Schiff, unter der Obhut des Kutschers, hätte er die Schramme leicht auskuriert. Aber hier im Dschungel stellten sich bedenkliche Folgen ein. Er kriegte Fieber.
Unruhig wälzte er sich hin und her, vorsichtig, um ja nicht an die verletzte Schulter zu stoßen. Die Wunde puckerte und arbeitete. Sie fühlte sich glühendheiß an.
Schweißnaß lag Smoky am Boden, todmüde und doch nicht in der Lage, ein Auge zu schließen.
Das Blut sang in seinen Ohren. Er richtete sich ein wenig auf. Stumm lauschte er in die Nacht.
Es waren nicht die Tierstimmen, sondern dieses dumpfe Pochen und Dröhnen, das er hörte. Merkwürdig! Als ob jemand eine Signaltrommel mit bloßen Händen bearbeitete.
Es war Smoky, als passe sich sein Herzschlag dem fremden Rhythmus an, als übernehme die Trommel die Führung. Sie bestimmte seinen Pulsschlag. Sie füllte seinen armen Kopf, der im Fieber glühte.
Fast wurde er süchtig nach diesem Klang. Er legte sich wieder zurück und nahm das Geräusch in sich auf wie eine Heilsbotschaft.
Langsam entspannte er sich.
Ferner und ferner klangen die Trommeln, die zu unbekannten Wesen sprachen, die irgendwo hier in der grünen Hölle hausten. Nicht drohend hörte sich der Ton an, sondern sanft, einschläfernd, von hypnotischem Zwang.
Smoky gelang es sogar, einzuschlafen. Sein Schlaf blieb flach und unruhig. Seine aufgewühlten Sinne tobten sich im Traum aus. Die Bilder hetzten einander. Es gab keinen Zusammenhang, keine Logik, nur Fieberphantasien.
Er sah sich selbst gefesselt in einer Pfahlbauhütte. Unter sich, durch das schadhafte Netzwerk des Schilfrohrbodens, konnte er deutlich den Fluß sehen, der stumm und kühl dahinströmte. Dabei hatte er entsetzlichen Durst. Aber er konnte nicht an das Wasser gelangen, weil etwas seine Hände zusammenschnürte.
Er kämpfte verzweifelt, denn er glaubte sich von aller Welt verlassen. Keine Menschenseele ließ sich blikken. Nur von Ferne, aus der Fieberhölle des dampfenden Dschungels, ertönte ganz leise der Wirbel einer Trommel.
Der Durst steigerte sich. Smoky glaubte zu ersticken.
Mit einem leisen Schrei fuhr er auf. Wild blickte er sich um. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, sein Angsttraum sei wahr geworden. Denn zuerst fiel sein Blick auf das grüne Dach der Baumkronen. Zwischen den Ästen und wild gezackten Palmblättern stahl sich bleiches Mondlicht. Ein Spinnengewebe, gegen den hellen Hintergrund, wirkte riesengroß und schien sich wie ein Fangnetz über Smoky zu legen.
„Bleib ruhig, Smoky! Es ist nichts“, flüsterte eine Stimme.
Pete Ballie beugte sich über den Decksältesten.
Smoky stöhnte, Er wischte sich den Schweiß vom Gesicht und sank ermattet zurück.
„Gib mir Wasser, Pete“, bettelte er.
„Wir haben keins.“
Smoky bäumte sich auf. Aus fieberglänzenden Augen starrte er auf seinen Gefährten.
„Hier glänzt alles vor Nässe und du sagst, wir haben nichts zu trinken, verdammt? Willst du mich verkohlen?“
„Schon gut, Smoky. Ich versuche, etwas aufzutreiben. Und bleibe ruhig, bis ich wieder da bin. Die anderen brauchen ihren Schlaf.“
Pete Ballie ging davon.
Merkwürdig, er bewegte sich völlig geräuschlos. Der weiche Waldboden schluckte jedes Geräusch. Nicht ein Ast brach unter seinem Fuß. Wie ein Wesen aus einer anderen Welt watete Ballie durch hüfthohes Farnkraut. Das Mondlicht trug nicht gerade dazu bei, die überhitzte Phantasie Smokys abzukühlen.
Er vergaß alles um sich her. Sein Blick verwirrte sich. Er führte stumme Selbstgespräche. Seine aufgesprungenen Lippen bewegten sich ständig. Die Hände zuckten durch die Luft und führten unkontrollierte Bewegungen aus.
Als Pete Ballie unvermittelt wieder im Blickfeld des Kranken auftauchte, hatte er sich erschreckend verändert. Seine Haare, hell, wirkten im direkten Licht des Mondes plötzlich wie eisgrau. Er schien um Jahre gealtert. Seine Kiefer bewegten sich knackend. Plötzlich grinste der Totenschädel. Smoky brüllte wie am Spieß.
Überall fuhren die Schläfer hoch. Wütender Protest und ungehaltenes Gemurmel ertönten.
Wer erkannte, daß es sich um Smoky handelte, der da geschrien hatte, sank sofort wieder zurück, drehte sich auf die andere Seite und wollte weiterschlafen. Hatte nicht Hasard befohlen, die Wache sei für das Wohlergehen des Verwundeten verantwortlich?
„Was hat er?“ fragte Hasard matt und rieb sich den Schlaf aus den Augen.
„Er will Wasser.“
„Wir haben keins.“
Auch Hasard begab sich wieder zur Ruhe.
Smoky hatte die vertraute Kommandostimme gehört. Dieses Urteil erschien ihm endgültig. Für ihn schien es ein Todesurteil. Er begann zu schluchzen.
„Wir werden alle in dieser grünen Hölle krepieren“, jammerte er.
Pete Ballie setzte sich neben ihn. Beruhigend legte er ihm die Hand auf die Schulter. Seine Kette klirrte leise bei dieser Bewegung.
„Bring mir doch Wasser. Ich verbrenne“, stöhnte Smoky. „Ich kann nicht mehr hoch. Manche Pflanzen saugen sich damit voll. Man muß sie nur abschlagen. Besorge mir was, Pete.“
Seufzend gab Pete Ballie nach.
Argwöhnisch beobachtete ihn Smoky. Er lag halb auf der Seite, den Oberkörper mit dem gesunden Arm abgestützt und hielt Blickverbindung. Er wollte nicht wieder den Anschluß an die Wirklichkeit verlieren. Sein Herz hämmerte wie rasend.
Pete Ballie suchte und suchte.
Plötzlich brüllte er wie am Spieß und wälzte sich am Boden.
Diesmal fuhr auch der letzte Schläfer hoch und sprang auf.
Sie stürzten zu Pete Ballie und halfen ihm, die Quälgeister loszuwerden. Pete Ballie hatte genau in das Kugelnest eines Volkes roter Feuerameisen gegriffen, als er zwischen zwei engstehenden Bäumen durchgeschlüpft war. Die Biester waren über ihn hergefallen und hatten sich mit ihren Kopfzangen überall im Fleisch festgebissen.
Für eine ganze Anzahl von Seewölfen bedeutete das ein paar Stunden Schlaf weniger. Keiner schloß sich aus. Pete Ballie war ein beliebter Mann. Jeder wollte ihm helfen.
Smoky blieb sich selbst überlassen.
Er taumelte hoch, rannte vorwärts, stolperte und blieb mit seiner Handschelle im Unterholz hängen. Dabei stieß er seine verletzte Schulter. Sein Schmerzensschrei alarmierte wiederum alle Männer.
„Himmel, Arsch und Zwirn!“ fluchte Ferris Tucker. „Kriegt man denn überhaupt keine Ruhe in diesem Tollhaus? Was denkt ihr, habe ich die vergangenen Stunden getan? In der Koje gelegen und mich verholt?“
„Du bist von der Teufelsinsel getürmt – wie wir alle“, erwiderte Dan naseweis.
„Bin ich das? Ist nichts Besonderes, wie? Habt ihr alle gemacht, oder? Mann, nachher, als ihr nur noch auf euren krummen Latschen durch den Urwald zu stolpern brauchtet, ihr Blindfische, habe ich einen Pfad durch den verdammten Dschungel geschlagen und mindestens zehn Pfund von den Rippen geschwitzt. Deshalb brauche ich jetzt Ruhe!“
Der rothaarige Riese stand wie ein wütender Büffel da, die riesige Axt in der Hand, die er gerettet hatte.
„Aber gut, wenn ihr mich nicht schlafen laßt, bin ich bereit, als aufrechter Christenmensch auch die andere Wange hinzuhalten: ich werde mich nützlich beschäftigen.“
„Indem du uns die Schädel einschlägst?“ stichelte Dan.
„Indem ich dir deine verdammten Fesseln abnehme“, brummte der Schiffszimmermann. „Besorg mir einen Stein.“
Ein paar Männer liefen los.
Sie alle waren heilfroh, endlich diese spanischen Armbänder loszuwerden, mit denen man sich zwar bewegen konnte, deren Manschetten einem aber ständig die Handgelenke aufscheuerten. Unter dem runden Eisen sammelte sich der Schweiß und reizte die Haut noch mehr.
Drei Mann schleppten einen brauchbaren Stein heran, der hart genug war, um als Unterlage zu dienen.
„Wer will noch mal, wer hat noch nicht?“ rief der Hüne und winkte einladend.
Nach und nach fand sich jeder ein und legte die gefesselten Hände auf den provisorischen Amboß.
„Wenn wir ein Feuer anzünden könnten, ginge alles viel schneller“, brummte Ferris Tucker.
Er hieb zu. Mächtig schwang er die Axt. Die Schneide zerspellte die Kette, die beide Manschetten verband. Soweit spielte jeder noch ungerührt mit. Es war keine Kunst, das Ziel zu treffen.
Aber dann folgte die Feinarbeit. Da wurde dem einen oder anderen schwummerig vor Augen. Er schloß sie lieber, als zu sehen, wie der Schiffszimmermann Maß nahm.
Der Schlag mußte genau die wie ein Lippenpaar vorspringenden Schäkel treffen, an denen die Kettenreste baumelten.
Selten genügte ein Hieb.
Sobald sich das Eisen bog, mußte der Delinquent die Hand drehen, damit Ferris Tucker es von der anderen Seite versuchen konnte. Zweimal unsanft verbogen, gaben die Eisenlamellen meist nach. Aber es gab auch hartnäckigere Fälle. Dann stoben die Funken.
Heller Hammerschlag klang durch den Urwald und vertrieb scheue Nachttiere aus der unmittelbaren Nachbarschaft des provisorischen Lagers.
Einige Langschläfer unter den Seewölfen, die es nicht besonders eilig zu haben schienen, die Ketten der Spanier loszuwerden, verzogen sich schimpfend und grummelnd ins Dikkicht.
Ferris Tucker arbeitete wie ein Berserker. Später löste ihn Big Old Shane ab.
Es dauerte Stunden, bis alle von den Handfesseln befreit waren.
Jeder spürte die Erleichterung, die Hände wieder frei bewegen zu können und die Gewichte los zu sein.
Nur an die Halseisen wagten sich Ferris Tucker und Big Old Shane nicht heran. Nicht mit einer Axt.
„Dazu brauche ich eine Zange“, sagte Big Old Shane bedauernd. „Diesen Schmuck müßt ihr noch eine Weile tragen. Es sei denn, ihr wollt beides gleichzeitig verlieren: die spanische Halskrause und euren Kopf.“
Gegen Morgen hatten sie es mit vereinten Kräften geschafft.
„Und jetzt?“ fragte Ferris Tucker, der bereits griesgrämig festgestellt hatte, daß die Schneide seiner geliebten Axt ruiniert war und Scharten aufwies, die selbst ein neuer Schliff nicht mehr völlig beseitigen würde.
„Wollen wir etwa immer weiter durch diesen lausigen Wald laufen?“ fragte Big Old Shane erbittert. „Soviel Land, wie ich in den letzten Stunden gesehen habe, möchte ich für den Rest meines Lebens nicht mehr betreten. Ich gehöre auf See.“
„Du sprichst uns aus der Seele. Wir müssen die ‚Isabella’ wiederhaben. Koste es, was es wolle“, erwiderte Hasard. „Ich habe nie geplant, ziellos durch den Urwald zu stolpern. So groß ist unsere Angst vor den Spaniern nun auch wieder nicht, oder?“
Höhnisches Gelächter wurde laut.
„Ein sauberes Schiff unter den Füßen, unsere gewohnten Waffen, und wir können uns endlich bei den Dons gebührend bedanken!“ brüllte Luke Morgan. „In Gedanken wetze ich für diesen Tag bereits das Messer. Eine Mütze voller Schlaf hat Wunder bewirkt. Ich könnte sofort losziehen, wenn ich bloß wüßte, wo der richtige Kurs liegt.“
„Das ist doch nicht schwer. Wir müssen an der Küste in südlicher Richtung marschieren“, sagte Ben Brighton.
Er hatte einen bewundernswerten Ortssinn.
„Aber so, daß uns die Spanier nicht entdecken – falls sie uns immer noch suchen“, sagte Gary Andrews.
Gary Andrews, der Fockmastgast, war sehnig und hager. Er sah aus, als habe er zeit seines Lebens bei schmaler Kost und harter Arbeit auf der Teufelsinsel verbracht, unter den Peitschen der Spanier.
Sein Aussehen täuschte. Es gab niemanden, der zäher war als er. Quer über seine Brust verlief eine Narbe, die jedem Betrachter verriet, daß dieser Bursche nicht kleinzukriegen war. Manch anderer war an weniger gestorben.
In Andrews Langschädel saßen helle Augen, die verrieten, daß sie nicht gewohnt waren, auf kurze Entfernungen zu beobachten, sondern die Weite der See vorzogen.
„Die Spanier werden auch die ‚Isabella‘ bewachen“, sagte Matt Davies und kratzte sich ausgiebig mit seiner Spezialprothese den Rücken.
Ihm hatte Tucker einen Ersatz für den verlorenen Arm geschaffen. Eine Ledermanschette lief unten in einen Metallring mit spitzgeschliffenem Haken aus.
„Das soll mich nicht kümmern“, erklärte Big Old Shane. „Zeige mir die Masten der ‚Isabella‘, und ich lege wie der Teufel los. Ich kämpfe mit Zähnen und Klauen, bis ich wieder an Deck stehe.“
„So geht es allen. Aber es ist ein beschwerlicher Marsch dorthin“, sagte Hasard. „So schnell gelangen wir nicht an Bord. Und so leicht sicher auch nicht. Gut Ding will Weile haben. Aber natürlich verlieren wir dieses Ziel nicht aus den Augen. Wann brechen wir auf, Leute?“
„Sofort!“ ertönte die Antwort.
„Ehe uns hier die Moskitos fressen, wir verhungern oder verdursten“, sagte Ferris Tucker heiser.
Wie zur Antwort ging ein heftiger Regenguß nieder. Ungeheure Wassermassen stürzten vom Himmel, der sich schnell mit dunklen Regenwolken überzogen hatte, fast nicht wahrnehmbar für jemanden, der unter dem grünen Blätterdach des Urwaldes stand.
Minuten später, nachdem die Sintflut vorbei war, schien unvermittelt wieder die Sonne und knallte erbarmungslos auf die Lichtung. Der Boden dampfte.
„Eine Sorge wären wir los“, meinte Hasard. „In den Blütenkelchen der Pflanzen hat sich genügend Regenwasser gesammelt. Vergeßt Smoky nicht. Er braucht es am dringendsten.“
Sie mußten sich beeilen, ehe die Sonne das Wasser wieder verdunstet hatte.
Aber ihre Suche wurde immer schwieriger, und sie mußten weiter ausholen, um auf natürliche Reservoirs zu stoßen. So schnell, wie der nasse Segen ihnen erteilt worden war, so schnell wurde er ihnen von der Sonne wieder genommen. Die Hitze wurde infernalisch.
Wenigstens Smoky hatte seinen Durst ausgiebig stillen können. Fast alle hatten mit ihm geteilt und ihm Händeweise das kostbare Naß gebracht. Sie waren mehrfach gelaufen, um den verwundeten Kameraden zu versorgen. Jetzt bauten sie eine Trage aus dem, was sie im Urwald vorfanden. Sie besorgten sich zwei lange Holzstangen und verbanden sie mit Lianen. Dann legten sie Smoky darauf.
„Tut mir leid, daß ich euch soviel Ärger bereite. Ich bin eben ein Pechvogel“, stöhnte der Verletzte.
„Würde ich nicht sagen“, brummte Old Shane. „Du hast ja uns. Also vergiß es. Wir lassen dich nicht in Stich.“
Hasard brauchte keine Träger einzuteilen. Es gab genügend Freiwillige. Die Ablösung würde sich auch von selbst finden. Diese Crew brauchte niemanden, der alles bis ins einzelne regelte oder befahl. Sie waren eine verschworene Gemeinschaft. Da klappte alles wie von selbst, weil nicht jeder nur an sich selbst dachte, sondern an das Ganze. Sie waren mehr denn je aufeinander angewiesen. Ein einzelner konnte im Dschungel mit seinen Gefahren nicht überleben.
Der Kutscher untersuchte eingehend Smokys Wunde. Er zeigte ein bedenkliches Gesicht.
Hasard winkte ihn beiseite. „Wie sieht es aus?“
„Schlimmer, als ich zuerst angenommen habe“, erwiderte der Kutscher. „Zuerst war ich froh, daß der Knochen nichts abbekommen hat und es nur eine Fleischwunde ist. Jetzt sehe ich, daß sich allerhand daraus entwickeln kann. Bald wird er wieder fiebern. Seine Temperatur bereitet mir am meisten Sorgen.“
„Würde es etwas bringen, wenn wir ihm zuliebe den Aufbruch verschieben?“ fragte Hasard.
Der Kutscher schüttelte ernst den Kopf. „Das kann er unterwegs ebensogut durchstehen wie hier. Fieber bleibt Fieber. Entweder der Körper packt es oder nicht. Von mir aus kann die Reise losgehen. Und Smoky wird bald nichts mehr merken, er wird alles vergessen, was um ihn ist. Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen.“
Hasard seufzte.
„Es geht weiter, Leute!“ rief er.
Langsam setzte sich der Zug in Bewegung – ein verlorener Haufen ohne Proviant, mit einem Schwerverwundeten, in der Fieberhölle von Guayana.
4.
Sie gelangten nur langsam vorwärts.
Ein umgestürzter Urwaldriese, der den Weg versperrte, nötigte sie zu weiten Umwegen. Es schien, als nehme die Vegetation noch an Üppigkeit zu. Manchmal ruderten sie durch ein Meer von Pflanzen und vergaßen unter dem dunklen Laubdach, wie der Himmel aussah.
Sie legten eine Pause ein.
Wer in der Nacht die vielen Tierstimmen gehört hatte, wunderte sich, daß am hellichten Tage nichts zu entdecken war. Der Dschungel schien wie ausgestorben und zeigte kein Leben. Und doch wimmelte es in den hohen Baumkronen von gefiederten und pelzigen Tieren, die aufmerksam die Störenfriede beobachteten. Aber hier gab es tausend Möglichkeiten, sich zu verstecken.
Höchstens eine Bewegung der Zweige verriet manchmal, daß ein Lebewesen unbemerkt bei Annäherung der Menschen das Weite gesucht hatte. Oder ein Papagei protestierte mit lautem Kreischen.
Es war eine höllische Gegend. Daran änderten auch die unzähligen Blütenkelche der Orchideen nichts, die wie kostbare Steine im unendlichen Grün des Dschungels prangten.
Die Seewölfe waren heilfroh, daß sie die Hände frei hatten. Jetzt konnten sie wenigstens einen verzweifelten Kampf gegen die Plagegeister der Tropen führen, die Moskitos. Die Insekten blieben zwar stets Sieger und gelangten immer ans Ziel, aber wenn man sich hin und wieder klatschend auf den eigenen Körper schlagen konnte, brachte es einem wenigstens die Genugtuung, etwas getan zu haben. Auch wenn für jede getötete Stechmücke tausend neue anflogen. Ihr helles Sirren war manchmal der einzige Ton, der die Stille unterbrach. Es war ein nervenzerfetzendes Geräusch.
Gegen Mittag rasteten sie.
Erschöpft lagerten die Männer um Hasard im Dickicht. Langsam wurde der Hunger unerträglich.
Jetzt, da das Brechen der Zweige und der Axtschlag dessen, der der Kolonne den Weg bahnte, verstummt waren, ertönte das stete Summen der Moskitos noch aufdringlicher. Es wurde erst überlagert, als in der Ferne Trommeln erklangen – eine Spur deutlicher als in der Nacht, aber noch zu weit, als daß die Seewölfe sich ernsthaft damit befaßten.
Nur Smoky reagierte wieder heftig.
Er preßte die Hände auf die Ohren, um dieses Geräusch nicht mehr hören zu müssen, zumal der Schlagwirbel sein Blut mindestens ebenso in Wallung brachte wie das Fieber, das ihn quälte. Er litt am stärksten unter dem Mangel an Trinkwasser.
Noch konnte sich niemand entschließen, aus den Schlammpfützen zu trinken, die am Fuße der Bäume sich ausdehnten, grün und eklig, mit einer Schicht Entengrütze bedeckt und von faulendem Holz verunreinigt.
Der einzige, der seinen Mut hochhielt und dem der beschwerliche Marsch durch den Dschungel wie ein Spaziergang erschien, war Bill, der schmächtige Schiffsjunge.
Der dunkelhaarige, schlanke Bursche legte die gleiche Strecke wie die anderen mehrmals zurück. Denn einmal fesselte ihn ein riesiger blauer Schmetterling, der im Sonnenschein über eine Wiese taumelte. Dann blieb er stehen, blieb zurück und holte die Gefährten im Laufschritt wieder ein. Oder er stromerte weit vor der Kolonne herum und fand immer wieder einen Durchschlupf, wo Erwachsene aufgesteckt hätten. Oder er begleitete die Gruppe, ein paar hundert Yards entfernt, indem er sich parallel zu den anderen bewegte und erst nach Stunden wieder auftauchte, voller neuer Eindrücke.
Als die Seewölfe rasteten, war es Bill, der sich keine Ruhe gönnte. Der Zufall wollte es, daß er eine Horde Brüllaffen entdeckt hatte. Er setzte den Tieren nach, taub gegen Warnungen.
Was ihm schließlich widerfuhr, bestand nicht in einer naheliegenden Gefahr, etwa dem Auftauchen eines Jaguars oder der Begegnung mit einer Anakonda. Nein, er geriet an einen Fluß und blieb verblüfft stehen: im Uferschlamm steckte ein Ruderboot fest, offenbar schwer beschädigt und manövrierunfähig. Es gab keine Ruder mehr.
Dieser Anblick allein hätte Bill wohl kaum aus der Ruhe gebracht. Was ihn zu Tode erschreckte, war der Mann, der verzweifelt und stumpf in der Plicht hockte: El Verdugo, der spanische Henker.
Die Strömung mußte ihn abgetrieben haben. Wahrscheinlich hatte er als einziger das Desaster in der kochenden See und die Kenterung überlebt. Der Sturm hatte ihn ebenso an die Küste verschlagen wie die Männer, die er verfolgt hatte.
Jetzt zerbrach er sich wohl gerade den Kopf darüber, wie er ohne Riemen die Teufelsinsel wieder erreichen konnte – jedenfalls bis zu dem Augenblick, da Bill auftauchte.
Spätestens das Halseisen der Spanier verriet den Schiffsjungen als Sträfling, wenn sich El Verdugo nicht außerdem an dieses Gesicht erinnerte.
Er vergaß aber nie jemanden, der mal unter seiner Fuchtel gestanden hatte. Und an Bill erinnerte er sich am deutlichsten, weil es ihm nicht gelungen war, trotz aller Torturen und Schikanen, dieses schmächtige Bürschlein in die Knie zu zwingen. Der war aus dem gleichen Holz geschnitzt wie sein Kapitän, dieser Philip Hasard Killigrew. Wenn er erst einmal älter war und die gleiche Menge an Erfahrungen gesammelt hatte, mußte aus ihm etwas werden, womöglich ein ebenso erbitterter Gegner der Spanier. Und das galt es zu verhindern.
El Verdugo hatte sich stets darauf verstanden, seinen Trieben nachzugeben, ihnen aber gleichzeitig einen höheren Sinn zu verleihen und ein Deckmäntelchen umzuhängen.
Wenn er Bill gequält hatte, dann eben nur, um zu verhindern, daß Spanien ein neuer und furchtbarer Gegner erwuchs.
Und jetzt mußte er sehen, daß der Kerl keine Ketten mehr trug – von dem eisernen Halsring abgesehen – und vergnügt im Dschungel herumlief wie auf einer Schmetterlingsjagd.
El Verdugo ging davon aus, daß Bill ebenso ans Festland versprengt worden war wie er selbst. Er rechnete damit, daß das Bürschchen sich hier allein herumtrieb, eine leichte Beute.
Der Totenschädel mit den tief eingesunkenen Augen und dem grausamen Tatarenbart verzog sich zu einem höhnischen Grinsen. El Verdugo sprang auf und kletterte aus dem Bootswrack.
Er schwang eine blitzende Machete.
Natürlich gab Bill Fersengeld.
Die bedrohliche Bewegung des anderen erlöste ihn selbst aus seiner Starre. Der Schreck pulsierte durch seinen schmächtigen Körper. Die Beine setzten sich fast automatisch in Bewegung.
Bill ließ die Zweige zusammenschnellen. Er rannte in der ersten Bestürzung kopflos davon. Und prompt verfing er sich in einer tief herunterhängenden Liane, die seine Flucht für wertvolle Minuten stoppte.
Da brach bereits der verhaßte Spanier durch das Buschwerk. Zwar sah El Verdugo, der Henker, den Jungen nicht, hörte ihn aber in seiner Falle zappeln. Er hackte sich durch den Dschungel.
El Verdugo keuchte. Der Schweiß rann ihm in Bächen über den Körper.
Wild blickte er um sich. Dann erkannte er die Zwangslage, in der Bill steckte und genoß dessen verzweifelte Bemühungen, sich aus dem Fallstrick zu lösen.
„So, mein Junge“, sagte der Henker grinsend. „Dich hätten wir.“
In letzter Sekunde kam Bill frei und sprang auf. Er schoß davon, so schnell ihn seine Füße trugen.
Mit einem Wutschrei folgte ihm der Spanier.
Zunächst war Bill einfach davongerannt, ohne zu überlegen, wohin, nur fort aus der Nähe dieses grausamen Spaniers.
Jetzt, als er sich durch das Unterholz arbeitete, spürte er zum erstenmal die tödliche Einsamkeit. Er ruderte durch das Grün und verhedderte sich immer wieder.
Mit Mühe hielt er seinen geringen Vorsprung. Was sich El Verdugo an Bewegungsspielraum mit wuchtigen Machetenhieben schuf, glich Bill durch größere Wendigkeit aus.
Bill war durch eine harte Schule gegangen. Man hatte ihm nichts geschenkt. Aber dies hier war etwas anderes. Der Boden war schlüpfrig. Einen Pfad oder Weg gab es nicht.
Zweige und Blätter peitschten seinen halbnackten Körper. Die Luft, unerträglich schwül, stach in den Lungen. Sein Atem ging rasselnd.
Nur mühsam orientierte er sich.
Er widerstand der Versuchung, um Hilfe zu rufen. Das hätte den Henker nur gewarnt. Sollte er doch annehmen, daß er einen einsamen Jungen verfolgte. Die Überraschung würde für ihn um so vernichtender ausfallen.
Bill hatte noch immer höllische Angst vor dem Leuteschinder, aber je länger er die Jagd aushielt, desto sicherer wurde er, daß die Verfolgung für ihn nicht unangenehm enden würde.
El Verdugo bewies eine erstaunliche Kondition. Wahrscheinlich lebte er schon so lange in diesem Klima, daß er sich fast daran gewöhnt hatte.
Mochte ihm der Schweiß auch die Augen verkleistern, die Luft wie tausend Nadeln in seinen Lungen stechen und der Wunsch, sich auszuruhen, übermächtig werden – er gab nicht auf.
Nach enttäuschender Jagd auf die entflohenen Kettensträflinge endlich ein erster Silberstreif am Horizont! Es war sehr wohl ein Unterschied, ob man mit leeren Händen vor den Kommandanten trat oder wenigstens einen Gefangenen vorweisen konnte. Es war ein Zeichen, daß man sich nicht geschont hatte, ein winziger Erfolg – aber immerhin.
El Verdugo verdoppelte seine Anstrengungen. Er hatte noch etwas zuzusetzen und holte auf.
„Bleib stehen, oder ich spalte dir den Schädel!“ keuchte der Henker und holte mit der blitzenden Machete aus.
„Meinst du mich?“ fragte Big Old Shane grollend, trat aus dem Hinterhalt, fing blitzschnell die Messerhand des verhaßten Spaniers ab und hielt eisern fest.
Vergeblich stemmte sich El Verdugo gegen die Kraft des früheren Waffenmeisters von Arwenack. Old Shane verzog keine Miene.
Aus den Verstecken ringsum tauchten weitere Seewölfe auf. Sie bildeten einen Kreis. Höhnische Zurufe wurden laut, aber auch Verwünschungen.
Beim Anblick dieses Mannes kochte jedem das Blut, der einmal unter seiner Peitsche Fronarbeit geleistet hatte.
Schlimme Erinnerungen wurden wach. Kaum verheilte Wunden rissen wieder auf. Ausgerechnet der Henker mußte sie aufspüren! War er allein, oder leitete er eine neue Suchexpedition der Spanier? Fragen wurden laut.
Bill, der seine Flucht jäh beendet hatte, kehrte um und konnte seine Gefährten beruhigen.
„Er saß in einem Boot am Fluß“, berichtete er.
„Was soll das heißen? Muß ich dir erst die Würmer einzeln aus der Nase ziehen?“ grollte der Profos und hob bereits die Pranke, um dem Benjamin eine Kopfnuß zu verpassen, ganz so, als hätten sie bereits die Planken der „Isabella“ wieder unter den Füßen und befänden sich auf offener See.
„Laß ihn!“ rief Hasard und trat zu den beiden.
Er nahm Bill ins Verhör. Bill mußte ihm sogar den kürzesten Weg zum Fluß beschreiben.
Indes bezwang Old Shane mit Leichtigkeit den Spanier. Die Machete entglitt seiner Hand, die sich, völlig verdreht und unter ungeheurem Druck, zitternd öffnete. Das Buschmesser fiel senkrecht nach unten und blieb vibrierend im Morastboden stecken.
Aus angstgeweiteten Augen starrte El Verdugo auf seinen Bezwinger, dessen Gesicht ihm nichts verriet.
El Verdugo ging automatisch davon aus, daß die Seewölfe so mit ihm umsprangen, wie er es zuvor mit ihnen getrieben hatte. Er zitterte vor dem Gedanken an die Rache seiner Opfer.
Er befand sich in ihrer Gewalt, keine Rettung weit und breit.
Tatsächlich bestätigten die nächsten Szenen die finstere Ahnung des Scheusals. Old Shane trieb ein rauhes Spielchen mit dem Spanier.
„Was krebst du eigentlich hier herum?“ fragte er.
Gleichzeitig schlug er ihm die Faust dröhnend vor den Brustkorb.
El Verdugo taumelte zurück.
Die Seewölfe, die sich blitzschnell zu einem Kreis formiert hatten, fingen ihn auf. Er empfing den nächsten Schlag.
So flog er ständig in dem Kreis herum. Der erste Schlag warf ihn gegen die lebende Mauer, die ihn mit gleicher Härte zurückkatapultierte. Das Spiel ging weiter.
Dabei tobten und schrien die Seewölfe. Sonst wären sie an dem Haß erstickt, der sie beseelte, seit der Anblick des Henkers all die Leiden wieder heraufbeschworen hatte, die ihnen in den vergangenen Tagen widerfahren waren.
Ihre ganze elende Lage zwang sie dazu, sich an dem Henker abzureagieren.
Nun wäre Hasard der letzte gewesen, der seinen Männern den Spaß verdorben hätte. Denn sie kannten ihre Grenzen. Eine Tracht Prügel, bezogen von rauhen Seemannsfäusten, konnten den Henker nicht gleich ins Jenseits befördern. Mochte er doch einmal am eigenen Leib spüren, was Schmerzen bedeuteten.
Aber da war Luke Morgan.
Von El Verdugo bis aufs Blut gepeinigt, schoß ihm nur ein Gedanke durch den Schädel: Tod dem verdammten Hund!
Er beteiligte sich nicht an dem Spielchen, das er für kindisch hielt. Er wollte mehr: das Leben El Verdugos.
Mechanisch fuhr seine Hand zu dem Messer, das in seinem Gürtel steckte. Kaum hatte er das Heft in der Hand, da setzte er sich auch schon in Bewegung. Er schlüpfte zwischen dem Profos und Big Old Shane durch und wollte sich auf den Spanier stürzen.
El Verdugo ging zitternd in die Knie. Abwehrend hob er die Hände. Seine Lippen zitterten. Er war nicht mehr fähig, sich selbst zu verteidigen.
Andererseits standen die übrigen Seewölfe wie erstarrt. Mit dieser Wendung hatten sie nicht gerechnet. Es war ihnen nicht in den Sinn gekommen, den Henker etwa zu erstechen oder zu erwürgen. Sie waren keine Mörder.
Wenn ihm einer der mächtigen Hiebe Old Shanes oder des Profos‘ das Genick gebrochen hätte – niemand hätte es ernstlich bedauert.
Aber das hier war nackter Mord.
Wenn sich trotzdem niemand rührte, dann erstens aus Überraschung, daß der rauhe Zeitvertreib plötzlich in bitteren Ernst umgeschlagen war, und zweitens, weil keiner sich berufen fühlte, den Henker zu verteidigen. Wenn Luke Morgan sich nicht mehr beherrschen konnte, wen ging das etwas an? Ausgenommen natürlich Luke. Aber er mußte die Verantwortung tragen.
Hasard war es, der reagierte.
Er sprang in den Kreis, in dessen Mitte Luke Morgan gerade mit der Linken den Haarschopf des Henkers gepackt hatte und ihm den Kopf nach hinten riß, um ihm das Messer durch die Kehle zu ziehen.
„Genug!“ donnerte Hasard.
Luke Morgan hielt inne, als er die gewohnte Kommandostimme hörte. Er zögerte. Doch sein ungeheurer Haß auf den Schinder siegte.
Der untersetzte Engländer mit der Narbe im Gesicht nahm einen neuen Anlauf. Er war weiß um die Nase und zitterte vor Wut. Nicht mehr Herr seiner Sinne, wollte er El Verdugo erledigen.
Hasard kannte seine Pappenheimer.
Morgan war ein Pfundskerl, bisweilen sogar ausgesprochen pfiffig und hatte jenen trockenen britischen Humor, der so beneidenswert war. Aber er hatte auch einen schwerwiegenden Fehler, nämlich ein heißes und jähzorniges Temperament. Bisweilen ließ er sich von den Gefühlen hinreißen. Und diesmal beherrschte ihn unbändige Wut.
Hasard kannte für solche Fälle ein gutes Rezept. Das war ein wuchtiger Tritt gegen die Messerhand des unbeherrschten Mannes. Morgan starrte auf seine leere Faust, während seine Waffe durch die Luft segelte und irgendwo im Grün des Dschungels niederging. Ein beruhigender Klaps auf die Schulter folgte, und Luke Morgan senkte beschämt den Kopf. Er war wieder zur Vernunft gelangt.
Dafür drehte in diesem Augenblick der Henker durch. Er jagte hoch und durchbrach die Mauer der Seewölfe.
Sofort wollten sie ihn verfolgen. Aber Hasard pfiff seine Männer zurück.
„Was soll‘s?“ beruhigte er sie. „Wohin kann er sich schon wenden? Er wird sich im Urwald verlaufen und wie wir Hitze, Hunger und Durst genießen. Wir brauchen ihn nicht. An dem beschmutzen wir uns nicht die Hände.“
„Das brauchen wir auch nicht“, stimmte Big Old Shane zu. „Seht doch!“
Er zeigte auf den Spanier, der einen gestürzten Baumriesen benutzte, um schneller vorwärtszugelangen.
El Verdugo balancierte über den Stamm bis zum Ende. Dann zögerte er. Denn vor ihm lag ein ausgedehnter Tümpel. Der Gestank brackigen Wassers schlug ihm entgegen – und ein merkwürdiges Fauchen und Zischen. Ein scheußliches, furchteinflößendes Geräusch. So gebärdeten sich hungrige Kaimane, wenn sie auf Beute aus waren.
Die Seewölfe setzten sich schweigend in Bewegung. Niemand lief, niemand sprach ein Wort.
Verzweifelt wandte sich der Henker um.
Er stand vor einer schrecklichen Wahl: entweder in das Wasser zu springen und Gefahr zu laufen, von einem Kaiman angefallen zu werden oder umzukehren und den Seewölfen erneut in die Finger zu geraten. Er saß in der Klemme.
El Verdugo hatte allerlei blaue Flecken und Schrammen davongetragen. Die Seewölfe hatten ihn nicht gerade geschont, als sie ihre Wut an ihm ausließen.
Sein rechtes Auge war geschlossen, der Mund verquollen. Es sah aus, als zeige das hagere Gesicht ein ständiges schiefes Grinsen – kein angenehmer Anblick bei einem Totenschädel wie ihn der Henker hatte. Seine Kleidung hing in Fetzen von seinem hageren Leib. Er sah zum Fürchten aus oder zum Erbarmen, je nachdem.
Selbst in Big Old Shane stieg die kalte Wut hoch, als er diesem brutalen Folterknecht entgegenging. Unwillkürlich ballte er die Hände.
Vielleicht gab das den Ausschlag.
El Verdugos Angst vor dem Anblick der Männer, die drohend auf ihn zurückten, gab ihm den nötigen Antrieb, das kleinere Übel zu wählen. Nachdem er auf dem glatten Baumstamm hin und her getrippelt war, wandte er sich endgültig dem Tümpel zu. Ein Fehltritt enthob ihn der Notwendigkeit, einen beherzten Kopfsprung zu wagen.
Der Spanier glitt aus und stürzte mit einem halberstickten Aufschrei kopfüber in die grüne Brühe, die über ihm zusammenschlug, als habe er nie existiert. Der Tümpel schluckte ihn mühelos, wie er vorher ganze Baumstämme aufgenommen hatte, Aber er gab ihn wieder frei.
Nach Luft schnappend, mit den Armen rudernd, tauchte El Verdugo auf und wandte sich entschlossen dem jenseitigen Ufer zu. Wenn er die Strecke schaffte, ohne von einem Kaiman angefallen zu werden, befand er sich in Sicherheit.
Der Tümpel, keineswegs breit, sondern eher langgestreckt, schützte ihn vor jeder Verfolgung. Ehe die Seewölfe ihn umrundet hatten, konnte er auf Nimmerwiedersehen in der grünen Hölle untertauchen. Dann würde er an die Küste zurückkehren und die Besatzung der Teufelsinsel auf sich aufmerksam machen, vielleicht durch ein Feuer. Sie würden ein Boot schicken und ihn holen.
El Verdugo schwelgte in den schönsten Träumen, während er um sein Leben schwamm. Er wirkte wie ein Quirl in dem stehenden Gewässer. Der schlammige Grund bewegte sich, wallte hoch, trieb stinkend und undurchsichtig an die Oberfläche. Gasblasen zerplatzten dort.
El Verdugo visierte ein Zwischenziel auf seiner unheimlichen Reise an, einen Baumstamm, der vor ihm im Wasser trieb.
Als er näher heran war, hob sich das bewegungslos dahintreibende Etwas. Mit Entsetzen starrte der Henker in ein Paar bernsteingelbe Augen, geschlitzt und tückisch.
Das Zischen und Fauchen am Ufer war noch nicht abgerissen. Dort hatte El Verdugo die Gefahr vermutet. Jetzt begegnete sie ihm mitten im Tümpel, als Baumstamm getarnt!
Dann geriet urplötzlich Leben in das langgestreckte grünbemooste Wesen. Eine mächtige Schwanzflosse peitschte das Wasser. Ein Rachen öffnete sich. Zwei Reihen furchtbarer Zähne blitzten auf.
Mit einem Schrei warf sich El Verdugo herum.
Das war sein Ende.
Pfeilschnell schoß der Kaiman, der im Wasser zu Hause war, heran. Scharfe Zähne packten El Verdugo erst am Bein, dann an der Schulter. Kiefer, die gewohnt waren, etwas festzuhalten, schlossen sich wie eiserne Zwingen.
Der Todesschrei des Henkers endete in einem halberstickten Gurgeln. Kurz noch ruderten seine Arme wie wild. Der Kaiman tauchte weg.
El Verdugo verschwand spurlos.
Keiner der Seewölfe hatte eingegriffen. Schweigend hatten sie das Drama beobachtet. Hasard, der für jeden seiner Männer bedenkenlos das Leben in die Schanze geschlagen hätte, stand regungslos am Ufer.
Ben Brighton sprach aus, was alle empfanden.
„Es ist schrecklich“, brummte er erschüttert. „Aber ganz unverdient ist dieses Ende nicht. Er hat jeden von uns bluten lassen. Jetzt ist er selbst dran.“
Die tobende Bestie behielt ihre Beute eisern unter Wasser. Erst sehr viel später würden die Echsen über El Verdugo herfallen. Aber schon entbrannte der Kampf um das Futter. Überall tauchten Kaimane auf. Sie hatten irgendwo am Ufer gelauert, zahlreich, beutelüstern, unbeweglich.
Jetzt gerieten sie schier aus dem Häuschen, warfen die gepanzerten Leiber ins Wasser, daß es aufspritzte, tauchten mit wuchtigen Schwanzschlägen ab und versanken spurlos in der Brühe.
Es schien, als nehme die Invasion kein Ende. Das Wasser schien zu kochen und zu brodeln.
Der Gestank an dem Tümpel wurde unerträglich. Zu viele Gliedmaßen rührten den Modder auf. Bisweilen tauchte eine der Bestien auf, warf sich herum und verschwand wieder. Unter der Oberfläche, in dem trüben und nicht zu durchschauenden Wasser spielte sich ein erbitterter Kampf ab, von dem El Verdugo nichts mehr spürte. Er war nur noch ein lebloser Gegenstand, ein Objekt, ein Jagdopfer.
Einmal tauchte ein riesiger Kaiman auf, der einen Fetzen von El Verdugos Kleidung im Maul hielt und das erbeutete Stück gierig verschlang, bevor er wieder tauchte, um sich mehr zu holen.
„Kommt, Leute“, sagte Hasard müde. „Wir haben noch ein ganzes Stück bis zum Fluß. Und Smoky liegt allein auf seiner Trage. Er kann uns nicht sehen. Er wird sich sorgen.“
5.
Sie kehrten zum Lagerplatz zurück.
Der Hunger wühlte mindestens ebenso stark in ihren Mägen wie das bei den Panzerechsen der Fall gewesen war. Und es bestand keine Aussicht, den Hunger irgendwie zu stillen.
Ihre Augen, denen auf See nichts entging, waren nicht geschult. Sie konnten in dem grünen Allerlei der Millionen von Blättern kaum Einzelheiten erkennen, geschweige denn Früchte entdecken. Und wenn, unerreichbar hoch, doch welche waren, wußten sie nicht einmal, ob man sie genießen konnte.
Allein der Gedanke, im Brackwasser des Flusses wenigstens den Durst löschen zu können, trieb sie vorwärts.
Langsam meldete sich Erschöpfung.
Allen war klar, daß die Tagesleistung nicht berauschend ausfallen würde. Ihnen bangte vor dem nächsten und dem übernächsten Tag. Sie erinnerten sich schauriger Geschichten über Schiffbrüchige auf treibenden Wracks oder unbewohnten Inseln, die schließlich übereinander hergefallen waren. Kannibalismus hieß das unaussprechliche Wort, Reizschwelle für jeden, der erst am Anfang einer unabsehbaren Fastenperiode stand. Noch ging der Hunger nicht an die Substanz. Noch wies jeder den Gedanken weit von sich, auch wenn er mit offenen Augen von saftigen Fleischstücken träumte.
Smokys Zustand verschlechterte sich zusehends. Aus seinem Bartgestrüpp ragte eine spitze Nase. Die Augen waren eingesunken und glühten im Fieber. Er phantasierte. Sein wildes schreckliches Leben unter dem Kommando Philip Hasard Killigrews zog an ihm vorüber. Alle Schrecken der vergangenen Jahre standen wieder auf. Er wälzte sich hin und her und schrie, wenn er die verletzte Schulter stieß. Sein Gesicht glühte.
Die ihn trugen, hatten es nicht leicht.
Sie wurden ständig abgelöst, aber die eigene Kraft schmolz auch dahin. Manche konnten sich gerade noch aus eigener Anstrengung in Bewegung halten und mechanisch ein Bein vor das andere setzen.
Die Zahl derjenigen, die an der Spitze marschieren konnten, wurde zusehends kleiner. Denn dort galt es, den anderen erst einmal einen Weg zu bahnen und die schlimmsten Hindernisse zu beseitigen. Schon ein Baumstamm, ein sterbender faulender Holzklotz, bedeutete einen Umweg. Niemand mochte hinüberklettern. Er zog ein paar Yards Umweg durch das Unterholz vor.
Hasard, der Profos, Big Old Shane, Ferris Tucker und Batuti, der riesige Gambia-Neger, lösten sich schließlich gegenseitig ab. Und jeder hoffte, den Fluß zu erreichen, ehe er wieder an der Reihe war.
Schon der einfache Fußmarsch durch den Dschungel schlauchte jeden. Noch dazu die Axt zu schwingen bedeutete, daß man dampfte und keuchte, als befände man sich in einem riesigen Treibhaus unter der Dunstglocke geschlossener Baumkronen.
Als sie den nicht sehr breiten und flachen Fluß erreicht hatten, kam noch einmal Leben in die taumelnden Gestalten. Die Männer liefen um die Wette, warfen sich kopfüber ins Wasser, tranken im Liegen wie die Tiere und schütteten sich das Wasser mit vollen Händen über den Kopf.
Smoky wurde von Hasard versorgt.
Zunächst mußte ihm die Flüssigkeit tropfenweise auf die Lippen geträufelt werden, ehe er begriff und gierig zu schlucken begann. Denn ansprechbar war er kaum noch. Er bewegte krampfhaft und gierig die Lippen. Seine Zunge suchte nach jedem einzelnen Tropfen. Dann erst wurde er klarer im Kopf.
„Laßt mich liegen“, stöhnte er. „Ich schaff‘s doch nicht.“
„Wie wär‘s, wenn du erst einmal ein Bad nimmst?“ antwortete Hasard und nahm den Decksältesten auf die Arme. Er trug ihn behutsam zum Fluß und setzte ihn vorsichtig an das seichte Wasser.
Smoky erfrischte sich.
Aber bald wurde das Bad zur Qual. Denn hier knallte die Sonne ungehindert aus wolkenlosem Himmel herunter. Die Männer mußten sich gegen die sengende Glut schützen. Sie flochten sich Hüte aus Palmblättern.
Es war Hasard, der zum Aufbruch drängte.
Zum erstenmal, seit er das Kommando führte, wurde Widerspruch laut. Die meisten weigerten sich einfach, weiter durch den Urwald zu stolpern, durch eine regennasse Hölle ohne die Möglichkeit, sauberes, klares Wasser zu trinken. Sie wollten in der Nähe des Flusses bleiben. Nie mehr weg. Nie mehr diesen schrecklichen Wassermangel.
„Wo sind wir eigentlich?“ fragte der Kutscher. „Niemand weiß, wo das endet. Wir hätten ebensogut auf der Teufelsinsel bleiben können. Ob dort krepiert oder hier. Was ist da schon für ein Unterschied, oder?“
Die Männer stritten sich. Hasard mußte eingreifen.
Er hatte unterwegs bereits mit Sorge beobachtet, daß sich alte Freunde beschimpften und sich gegenseitige Vorwürfe erhoben – ein Zeichen, daß die Nerven überreizt waren. Jeden Augenblick konnte es zur Explosion kommen.
„Wir folgen dem Fluß“, entschied Hasard. „Er führt zum Meer. Danach können wir uns neu orientieren und den nächsten Schritt beraten. Auf keinen Fall dürfen wir hierbleiben. Das hat keine Zukunft, wie jeder wohl einsieht.“
„Und wenn wir den Spaniern in die Arme laufen?“ fragte Ferris Tucker. „Sie werden niemals aufgeben, uns zu suchen, bis sie wirklich sicher sind, daß es uns wirklich erwischt hat. Also müssen wir überall und jederzeit damit rechnen, daß uns die Dons einen Hinterhalt legen.“
„Natürlich“, erwiderte Hasard. „Deshalb sind wir ja auch in einem Riesenbogen marschiert. Sie sollen erst einmal unsere Fährte verlieren und annehmen, daß wir immer tiefer in den Dschungel eindringen und uns entweder verirren oder von Indianern erledigt werden. Dann tauchen wir wieder auf, wie aus dem Nichts, und erobern unsere ‚Isabella‘ zurück.“
„Schön wär‘s“, seufzte der Kutscher. „Seit wir von der Teufelsinsel weg sind, träume ich nichts anderes. Nur noch einmal die Planken eines Schiffes unter den Füßen, den Wind in den Segeln und bis zur Kimm nichts als Wasser.“
„Das hört sich an, als glaubst du selbst nicht, daß wir es schaffen“, sagte Hasard. „Warum so kleinmütig?“
Der Kutscher antwortete mit einer hilflosen Geste, die seinen Abscheu gegenüber der tückischen Landschaft mit ihrer üppigen Vegetation andeutete, diesem engen Nebeneinander von Werden und Vergehen.
Einige dachten genauso. Aber die meisten waren zu diszipliniert, um in den Jammerchor mit einzustimmen. Sie vertrauten aus gutem Grund auf Hasard. Dabei hätte keiner einen Vorwurf erheben können, wenn er selbst aufgegeben und erklärt hätte, daß er auch nicht genau wisse, wo sie sich jetzt befanden.
„Einerlei“, entschied Hasard. „Wir haben keine Wahl. Wir folgen dem Fluß bis zum Meer.“
Er stand auf. Entschlossen nahm er die Axt und begann, einen Pfad zu schlagen. Im Nu war er im Grün des Waldes verschwunden. Nur seine wütenden Axthiebe schallten noch herüber.
Da rafften sich alle noch einmal auf.
Selbst Smoky wurde nicht vergessen.
Der Decksälteste war wieder im Fieberdelirium versunken. Er hörte, ganz fern, hektisch wie das Pochen seines fiebrigen Blutes, diese unheimlichen Trommeln. Und sie ertönten aus der Richtung, in die sie marschierten.
„Indios“, flüsterte Smoky mit heiserer Stimme.
Niemand antwortete ihm. Jeder hatte mit sich selbst genug zu tun. Selbst die beiden Träger, die den Verwundeten aufgenommen hatten und schleppten, beachteten Smokys Worte nicht.
Dabei spürte er, daß Gefahr drohte.
Er hatte von diesen halbnackten Wilden gehört, die scheu wie das Wild umherhuschten und mit vergifteten Blasrohrpfeilen schossen. Wie konnte man gegen Schemen kämpfen? Wenn die Burschen sich entschieden, sie hätten es mit feindseligen Eindringlingen zu tun, gab es für die Crew keine Chance. Einer nach dem anderen würde auf der Strecke bleiben, nur etwas angeritzt von den leichten, aber tödlichen Pfeilen, über deren Wirkung sogar die Spanier Fürchterliches berichteten.
Die Spanier selbst hatten mit kriegerischen Vorstößen dafür gesorgt, daß sich die Eingeborenen gegen alle Weißen wehrten, gegen die spanischen Soldaten ebenso wie die Missionare, die fremde Altäre verbrannt und die eigenen an ihre Stelle gesetzt hatten, gegen die Jagdkommandos, die hier im Urwald billige Arbeitskräfte für Minen und Plantagen aufgestöbert und eingefangen hatten.
Jetzt war nicht nur der Urwald abweisend und feindselig, auch seine Bewohner waren es. Sie meldeten sich gegenseitig mit der Trommel, was in ihren Gebieten geschah. Der Klang dieser Trommeln übte einen merkwürdig hypnotischen Zwang aus und beschleunigte den Herzschlag auf eine Art, daß man Angst spürte und zu ersticken drohte.
Smoky richtete sich auf und röchelte. Seine Hand fuhr zum Herzen. Er wälzte sich von der Trage und stürmte wie blind in den Wald.
Die Männer mußten ihn wieder einfangen.
„Bindet ihn fest. Er hat Fieber“, sagte Hasard erschöpft.
Er hielt die Axt in der Hand. Seine Handflächen waren aufgescheuert und von Blasen übersät. Seine Muskeln schmerzten. Die Arme waren schwer wie Blei nach der langen Führungsarbeit. Aber der Zug stand wieder. Die Männer bewegten sich. Sie resignierten nicht einfach und blieben am Fluß hocken wie Klageweiber. Und wenn sie wütend waren auf Hasard, weil er sie nicht in Ruhe sterben ließ, so konnte das ihre Rettung sein. Wer nicht mehr kämpfte, sondern aufgab, war mit Sicherheit erledigt.
Hasard war hart gegen sich selbst. Er ging voran. Das sicherte ihm den Respekt und die Loyalität seiner Männer.
„Ich übernehme jetzt“, sagte der eiserne Carberry.
Er empfing die Axt und setzte sich an die Spitze. Dann ließ er seine Wut an den Schlingpflanzen und den abgestorbenen Bäumen aus, die den Weg versperrten.
Edwin Carberry, der bullige Profos, führte Selbstgespräche. Jedem Hieb mit der Axt folgte ein kerniger Fluch, begleitet von finsteren Drohungen gegen die Dons.
„Laßt mich erst mal aus dieser grünen Erbsensuppe heraus sein“, knurrte der Klotz mit den gewaltigen Kräften. „Dann mache ich euch Feuer unter dem Achterschiff. Da und da und da!“
Jedesmal teilte er einen Streich aus, der einen Ochsen gefällt hätte. Dabei aber verschliß er seine Kräfte. Sehr bald wurde er ruhiger, ein Zeichen, daß es auch mit ihm bergab ging. Sobald sein Schandmaul verstummte, wurde es ernst.
Das wußte jeder, der den Profos kannte.
Mann hinter Mann, im Gänsemarsch, zog der Haufen der Verlorenen durch den Dschungel. Moskitos in hellen Scharen begleiteten die Opfer. Fliegen umsummten schweißgebadete Körper, setzten sich in die Augen, krochen in die Nase oder gerieten einem in den Mund, wenn man nicht aufpaßte.
Sie litten unter den Halseisen, die sie alle noch trugen. Um die zu entfernen, bedurfte es mehr als nur der Axt Tuckers. Jetzt sammelte sich unter dem Eisenring der Schweiß. Er biß in die wunde Haut, und die Schmerzen waren genauso qualvoll wie die ständigen Stiche der Moskitos, die sich wie toll gebärdeten. Sie hatten ihre fette Zeit und stachen überall hin. Die Gesichter der Männer waren entstellt, ihre Lippen und Augen verquollen.
Die Verzweiflung nahm zu, die Hoffnung ab. Die Trommeln, näher und drohender, untermalten das Geschehen und warnten vor dem unausweichlichen Ende.
Edwin Carberry, schweigsam und mürrisch geworden, schnupperte nervös. Er konnte es fast spüren: Wasser war in der Nähe, mehr als dieses armselige Rinnsal von Fluß, aber kein Meerwasser. Er vermißte den Salzgeruch. Das hier war das übliche Gemisch aus verwesenden Pflanzenresten und faulendem Holz.
Wie zur Bestätigung tauchte der erste Kaiman auf. Carberry bemerkte ihn fast zu spät.
Plötzlich schoß die Echse aus dem Versteck. Ein stinkender Rachen öffnete sich, zwei Reihen schrecklicher Zähne drohten.
Der riesige Rachen schnappte nach Carberry.
In letzter Sekunde warf sich der Profos zurück und holte mit der Axt aus, aber er stolperte.
Ein mörderischer Kampf entbrannte.
Es gab kein Zurück mehr für den Profos. Er mußte sich stellen. Den Pfad verstopften die nachdrängenden Gefährten. Rechts und links war der Dschungel undurchdringlich, er bestand aus einer Mauer himmelhoher Baumriesen, die mit Lianen und Schlinggewächsen verbunden waren. An der Erde, dort, wo der verdammte Kaiman auf der Lauer gelegen hatte, wucherten Farnkräuter.
Die Echse setzte energisch nach und entwickelte auch hier an Land eine beängstigende Geschwindigkeit.
Carberry hatte nicht gewußt, daß die Bestien so flink sein konnten. Er hatte auf den Schädel gezielt, ihn aber verfehlt. Die Schneide der Axt, nicht mehr die schärfste, seit damit die Ketten durchtrennt worden waren, fuhr der Echse in den Rücken und schlug eine mörderische Wunde.
Der Kaiman geriet außer Rand und Band. Der Schwanz peitschte durch die Luft und zerfetzte das armdicke Geflecht der Lianen, als sei es Spinnengewebe.
Der Profos kämpfte ums nackte Leben.
Der Kaiman erneuerte seinen Angriff.
Wieder konnte Carberry nur knapp ausweichen. Das zähnestarrende Maul verfehlte ihn um Haaresbreite.
Mit einem krachenden Geräusch klappten die riesigen Kiefer zusammen. Sie waren es gewohnt, einmal gepackte Beute nie wieder loszulassen. Der Profos wußte genau, was ihm blühte, wenn das Biest ihn erwischte, wobei die Gefahr nicht nur allein von dem fürchterlichen Rachen ausging. Wenn die Echse Schwanzschläge austeilte und ihn traf, dann würde sie ihm die Knochen zerschmettern.
So hielt er sich wohlweislich außerhalb der Reichweite des Kaimans, der sich hartnäckig weigerte, den Rückzug anzutreten. Er grunzte und fauchte.
Vom hinteren Ende der Kolonne wurden ungeduldige Fragen laut. Jemand wollte wissen, warum es nicht weiterginge.
„Ihr habt gut reden!“ brüllte der Profos.
Langsam setzte er sich in Bewegung.
Sofort sperrte der Kaiman wieder: Er hatte nach dem fehlgeschlagenen Angriff nur verschnaufen wollen. Jetzt fühlte er sich wieder bedroht und reagierte sofort.
Unter höckerigen Wülsten saßen geschlitzte tückische Augen, die den Angreifer fixierten.
Tier und Mensch wurden zur selben Sekunde aktiv.
Carberry hatte die Axt hoch über den Kopf geschwungen. Jetzt sprang er mit zwei schnellen Schritten vor, um mit aller Kraft zuzuschlagen. Die Bestie glitt ihm entgegen.
Carberry legte seine ganze Kraft in einen einzigen vernichtenden Schlag. Diesmal zielte er genau. Einen zweiten Patzer konnte er sich nicht leisten, nicht auf diese Entfernung.
Tatsächlich grub sich die Axt in den Schädel des Kaimans.
„Das ist selbst für dich zu harte Medizin, wie?“ stieß Carberry hervor, löste mit Mühe die Schneide aus dem Körper des blutenden Reptils und ließ den zweiten Hieb sofort folgen.
Mehr als ein Dutzend vernichtender Schläge ließ der Profos auf den Schädel der Echse niedergehen, die sich zuckend am Boden wand. Dann war der Weg frei.
Der Profos war reif für die Ablösung. Er konnte nicht mehr.
Ausgepumpt lehnte er an einem Baum und keuchte. Das Haar lag ihm klatschnaß am Kopf. Seine mächtige Brust pumpte wie verrückt.
Wortlos übernahm Batuti die Führung.
6.
Der Rest des Tages verlief ohne weitere Zwischenfälle. Er war nur eine Folge erbitterter Abwehr von Fliegen und Mücken, ein nie endender Kampf gegen Land und Klima.
Als die Sonne immer tiefer sank, machte sich Enttäuschung breit. Sie hatten das Meer nicht vor Einbruch der Dunkelheit erreicht. Sie waren am Ende ihrer Kräfte. Und doch hätten sie lieber noch ein paar Meilen zurückgelegt, als wieder im Dschungel zu rasten.
Die Trommeln der Indios klangen jetzt deutlich und warnend. Die Seewölfe begannen, nach allen Seiten zu sichern. Diese Nacht würde keiner der Posten wagen, auch nur ein Auge zu schließen.
Kurz vor Einbruch der Dämmerung, der sofort in den Tropen die Nacht folgte, befahl Hasard an einem halbwegs geeigneten Platz Halt.
Sie litten keinen Mangel mehr an Wasser. Der nahe Fluß versorgte sie. Es war besser, ein paar Hände Wasser zu schöpfen und den Magen damit zu füllen, als nach Früchten zu suchen und von der Dunkelheit im unzugänglichen Urwald überrascht zu werden.
Die Männer fielen hin, wo sie standen, und schliefen augenblicklich ein, überwältigt von der Müdigkeit, ausgelaugt von den Anstrengungen des ungewohnten Dschungelmarsches, zermürbt von der Hitze und der feuchten Luft, die sich wie ein Schwamm auf die Lunge legte und das Atmen zur Qual werden ließ.
Der Dschungel dampfte vor Feuchtigkeit.
Sie hatten nicht einmal die Möglichkeit, ein Feuer anzuzünden. Der Qualm hätte vielleicht die Insekten ferngehalten, die sich nur zum Teil mit dem scheidenden Tag verabschiedeten.
Die Fliegen verschwanden, und die Moskitos besorgten das Geschäft allein. Immer wieder wurde die Stille von dem Klatschen einer flachen Hand unterbrochen, die versuchte, den Quälgeist zu töten. Dann hatte man kurz Ruhe, bis wieder das feine, metallische Sirren ertönte. Es war ein nervenzerfetzendes Geräusch.
Schwer und traumlos schliefen die Seewölfe.
Mit einer Ausnahme.
Smoky wälzte sich rastlos herum. Er phantasierte ärger als zuvor, wiederholte irgendwelche Segelkommandos und brüllte: „Aye, aye, Sir!“
Die Wachen sahen ständig nach ihm.
Gegen Morgen zog Blacky auf, ein kräftiger Kerl mit Eisenfäusten, der einst sogar versucht hatte, sich mit Hasard anzulegen. Jetzt war er ein Wrack, ein Schatten seiner selbst in zerlumpter Kleidung, von Beulen und Moskitostichen übersät, hungrig und verzweifelt.
Er umrundete die Schlafstellen seiner Gefährten und folgte den ausgetretenen Pfaden seiner Vorgänger. Viel Bewegungsfreiheit hatte niemand im Dschungel.
Langsam wurde es hell über den Wipfeln. Immer mehr Einzelheiten schälten sich aus dem Dunkel der Nacht.
Blacky spürte den gleichen Juckreiz an der Wange wie schon so oft. Mechanisch langte er ins Gesicht und kratzte sich. Dabei öffnete er die Beule auf seiner Wange.
Er wischte die austretende Flüssigkeit weg und betrachtete seine Hand.
Sein Schrei ließ die Schläfer hochfahren.
Fassungslos starrte Blacky auf seine Hand.
Die Fingerspitzen wimmelten von feinen beweglichen Maden, die sich in seinem Fleisch eingenistet hatten. Wie wahnsinnig fegte Blacky herum, suchte angstschlotternd nach dem Kutscher und war nicht in der Lage, eine klare Frage zu beantworten.
Sehr schnell erübrigte sich das.
Die Panik kannte keine Grenzen.
Würmer, wohin man schaute. Sie hatten nachts ihr Zerstörungswerk begonnen. Jede offene Wunde wimmelte von ihnen. Sie hatten sich überall ausgebreitet.
Insekten hatten in den zerschundenen Leibern der Seewölfe ihre Eier abgelegt. Kaum einer war verschont geblieben. Die Maden, gereift in der schwülen Tropenhitze, fraßen die Männer bei lebendigem Leibe auf, wenn sie sich nicht schleunigst gegenseitig halfen.
Ein großer Teil des Morgens ging mit der Säuberungsaktion verloren. Jeder half jedem.
Das Grauen packte die Männer.
Niemand wußte, was nächste Nacht werden sollte.
„Wir verfaulen bei lebendigem Leibe!“ schrie Luke Morgan entsetzt. „Wir sind hilfloser Fraß für die Maden.“
„Reißt euch zusammen, Männer“, mahnte Hasard unerschüttert. „Wir erreichen das offene Meer. Dafür verbürge ich mich. Das Salzwasser wird mit dieser Plage schnell aufräumen.“
„Außerdem haben wir die gröbsten Schäden beseitigt“, tröstete der Kutscher die Verzweifelten.
Sie brachen auf.
Es war eher eine überstürzte Flucht. Niemand brauchte mehr angetrieben zu werden. Niemand verlangte nach einer zusätzlichen Rast. Sie flohen wie von Sinnen vor der Gefahr, bei lebendigem Leibe ein Fraß der Maden zu werden. Ihr Heil lag am Meer.
Aber wo war die offene See? Keine frische Brise kündigte sie an, kein Brandungsgeräusch.
Verloren wankten sie durch die Fieberhölle. Kaum, daß jemand etwas Eßbares suchte, um den grimmigen Hunger zu stillen.
Nur der unverwüstliche Pete Ballie erlaubte sich einen makaberen Scherz.
„Kehren wir doch den Spieß einfach um“, schlug er vor. „Würmer kann man essen, oder? Wir züchten uns den eigenen Proviant.“
Niemand reagierte auf die Bemerkung.
Die Männer waren viel zu abgestumpft. Die Katastrophe drohte.
Sie gingen nicht mehr, sie taumelten und torkelten wie Betrunkene auf Landgang. Immer mehr zog sich die Kolonne auseinander.
Hasard hatte alle Mühe, die Männer zusammenzuhalten. Denn war erst einmal die Verbindung abgerissen, würde man sich in dieser Endlosigkeit nie wieder finden.
Und was den Versprengten drohte, das schienen die Trommeln anzukündigen. Es war, als habe sich ein Kreis geschlossen.
Überall lärmten die Indios.
Sie selbst sah niemand. Aber sie waren da, unüberhörbar. Das monotone Wummern der Signaltrommeln wurde zu einer zusätzlichen Folter auf dem Todesmarsch der Seewölfe.
Den Spaniern waren sie entwischt – um hier bei lebendigem Leibe zu verfaulen oder im Kochtopf der Indios zu landen?
„Die warten nur, bis die Würmer in uns schön fett und rund sind“, sagte Pete Ballie mit Galgenhumor. Aber er war der einzige, der über diese Bemerkung lachte.
Apathisch setzten die anderen ihren Weg fort.
Das geringste Hindernis schon ließ sie stolpern. Ihre Gesichter waren unförmig, die Augen gerötet und geschwollen.
Fast jeder spielte mit dem Gedanken, aufzugeben, sich fallen zu lassen, eins zu werden mit der modernden grünen Hölle, die alles verschlang, alles überlebte, alles überwucherte.
Hasard hatte wirklich alle Hände voll zu tun, um seine Männer in Trab zu halten. Wo Ermahnungen nichts nutzten, wandte er Gewalt an. Ein paar Backenstreiche brachten mehr als einen, der bereits versinken und untergehen wollte, wieder zur Besinnung und zwangen ihn, seine letzten Kraftreserven zu mobilisieren.
Zwischendurch prasselte ein Tropengewitter nieder. Der Regen brachte keine Erfrischung. Der Wald verwandelte sich in eine Waschküche.
Sie rutschten und stolperten durch Pfützen, Morast und schleimiges Grün, bis die Kräfte versagten. Die Männer warfen sich hin. Nichts konnte sie mehr auf die Beine treiben.
Hasard, Ferris Tucker, Carberry und Ben Brighton liefen auf und ab wie die Wachhunde, packten diesen oder jenen am Kragen, schleppten ihn ein paar Schritte weiter und brüllten ihn an. Aber sobald sie den armen Kerl losließen, um sich dem nächsten zu widmen, kippte er um und blieb regungslos liegen, erschöpft, fix und fertig, am Ende.
Die meisten vermochten den Sturz nicht einmal mehr mit den Händen abzufangen. Sie landeten auf dem Gesicht. Trübe Regenbrühe spritzte hoch. Mit einem wohligen Stöhnen wälzte sich der Mann zurecht und war nicht mehr aufzuwecken.
Selbst wenn ihnen Musketenfeuer gedroht hätte, sie wären lieber gestorben, als noch einen Schritt zu laufen.
Hier und da waren sie im Fluß an Egel geraten. Die Tiere hingen vollgesogen und fett bis zum Platzen an ihren Waden. Niemand bereitete sich die Mühe, sie zu entfernen, zumal der Kutscher davor warnte.
„Laßt das, Leute“, sagte er. „Ihr reißt die Viecher nur durch. Die Köpfe bleiben im Fleisch und rufen bösartige Entzündungen hervor.“
Er hatte das ernst gemeint.
Aber was konnte ihnen noch schaden, was konnte sie überhaupt noch schrecken?
Sie waren durch alle Höllen gegangen. Vor wie vielen Tagen hatten sie eigentlich die letzte Nahrung zu sich genommen?
Sie lagen am Boden.
Verzweifelt hockte sich Hasard nieder. Er wußte auch nicht mehr weiter und fühlte sich am Ende.
Das Dröhnen der Trommeln rückte näher.
Der Klang schien an Stärke und Intensität zuzunehmen. Er füllte die Nacht aus, übertönte die Tierstimmen und verscheuchte das Wild.
Die Indios mußten ganz nahe sein.
Hasard schaute sich um.
Er erwartete jede Sekunde einen Angriff. Aber wie sollte er sich wehren? Sie hatten keine ernstzunehmenden Waffen.
Kein Fluchen und Toben der Besonnenen brachte die Erschöpften wieder auf die Beine, nicht einmal der Hinweis, daß die Küste nicht mehr fern sei.
Hasard beschwor die Vision einer „Isabella“, die nur darauf wartete, sie wieder an Bord zu nehmen.
Die Seewölfe seufzten nur. Sie träumten von nichts anderem. Aber was nutzte es? Die Tatsachen redeten eine andere Sprache.
Sie hockten hier im Dschungel, weit ab von ihrem stolzen Schiff, von Beulen und Stichen übersät, in der Gefahr, bei lebendigem Leib zu verfaulen oder von Maden gefressen zu werden, ohne Nahrungsmittel, umzingelt von Eingeborenen. Keiner konnte voraussagen, was wirklich geschah, wenn sie ihnen begegneten. Und an der Küste warteten die Spanier.
Das war die Wirklichkeit.
Die „Isabella“ war nur ein schöner Traum und würde es wohl auch bleiben.
„Wenn ich nicht bald was zwischen die Zähne kriege, drehe ich durch“, brummte selbst der Profos.
„Ich könnte mich nicht einmal vor den Indios verstecken“, pflichtete ihm Big Old Shane bei. „Die müßten mich bei meinem knurrenden Magen sofort entdecken.“
Ben Brighton, Hasards Stellvertreter und erster Offizier, ein zuverlässiger ruhiger Mann, biß die Zähne zusammen. Er war ein hervorragender Seemann, aber ein weniger guter Marschierer, ein mutiger Kämpfer, aber nicht immun gegen die Strapazen dieses Todesmarsches durch die Fieberhölle von Guayana. Er fürchtete weder Entermesser noch Belegnägel noch Degenspitzen, aber dieser Urwald mit seinen tückischen Gefahren konnte den besten Mann zermürben.
Matt Davies mit seiner Hakenhand benutzte die Prothese auf abenteuerliche Weise. Er wanderte mit unsicheren Schritten von Baum zu Baum. Der Eisenhaken fetzte die Rinde herunter. Was auch immer Matt suchte – manchmal führte er die gesunde Hand zum Mund und kaute, spuckte aber gleich darauf angewidert aus. Die Kerbtiere, die er entdeckt hatte, waren ungenießbar oder sogar giftig.
Hasard rief Davies zur Ordnung.
„Wir haben bereits genug mit Smoky zu tun. Einen zweiten Kranken können wir uns nicht leisten.“
Matt Davies kehrte um.
„Ich weiß nur eins: wenn ich nicht bald was zwischen die Kiemen kriege, geh ich ein“, sagte er. „Möglich, daß ein Mensch sieben Tage und mehr nichts zu essen braucht – wenn er bequem in seiner Koje liegt. Aber wir verbrauchen dauernd Kraft, um uns durch diesen verdammten Dschungel zu quälen. Und die Tortur nimmt kein Ende.“
„Morgen ist so oder so alles zu Ende“, antwortete Al Conroy. „Wenn wir morgen die Küste nicht erreichen, schaffen wir es nie.“
Die Männer schliefen während der Rast nicht mehr. Sie litten an nervöser Erschöpfung. Sie fanden keine Ruhe mehr – wie Tiere, die den Tod instinktiv spüren.
Jeder suchte nach Eßbarem, nach Wildfrüchten vielleicht oder nach Taubeneiern oder besser: nach fetten Nestlingen. So etwas mußte es hier doch auch geben. Aber man entdeckte nichts. Die Unergründlichkeit dieser Urwaldlandschaft erdrückte einen. Man ging darin unter wie die Fliege im Milchtopf. Man konnte den Kopf verdrehen wie man wollte, in diesem Gewirr von regennassen Blättern, Farnen und moosigen Baumstämmen konnte man keine Einzelheiten erkennen. Das verschmolz alles zu einer Sinfonie aus Grün, hier und da bereichert von einer bunten Blüte.
Die Seewölfe wären sogar einverstanden gewesen, einem Rudel der gefürchteten Pekaris zu begegnen, jenen Wildschweinen, die beim geringsten Zeichen von Gefahr nicht etwa flohen, sondern, auf die Macht der größeren Zahl vertrauend, sich augenblicklich formierten und dann angriffen.
Aber die Seewölfe erhielten keine Chance, die wirkliche Gefährlichkeit dieser Tiere auf die Probe zu stellen. Sie ließen sich nicht blicken.
Stenmark, der große blonde Schwede, entfernte sich weiter vom Rastplatz als alle seine Gefährten. Er schlich durch die Wildnis und hatte die Augen überall. Er hätte selbst Papageiennisthöhlen geplündert – wenn er nur welche gesehen hätte.
Überall war lautes, huschendes Leben, aber es gab nichts zu sehen. Ein Seemann war in dieser unbändigen Natur verloren, nicht gerüstet, hier zu überleben. Sein Revier war die weite See, nicht die dampfende Fieberhölle von Guayana.
Stenmark arbeitete sich durch das Unterholz.
Er achtete nicht mehr auf die wütenden Attacken der Moskitos. Myriden von Quälgeistern erhoben sich aus schlammigen Pfützen, verließen ihre Verstecke unter den Farnblättern und stürzten sich auf ihr Opfer, um sich vollzusaugen.
In einem weiten Halbkreis bewegte sich Stenmark.
Er drang bis zum Fluß vor. Dies war die letzte Möglichkeit, auf etwas Nahrhaftes zu stoßen. Ihn trieb der Gedanke, es könnte eßbare Fische geben. Also näherte er sich dem Ufer und wanderte stromaufwärts. Er wußte, daß er Geduld haben mußte.
Der Boden war feucht und modrig. Bisweilen schwankte er unter den Füßen. Überall entdeckte Stenmark Tierspuren. Sie mochten daher rühren, daß alle Lebewesen des Dschungels, selbst der scheue Tapir, irgendwann am Fluß tranken.
Der Leguan wurde Stenmark zum Verhängnis.
Die grüne Echse lag regungslos auf einem starken Ast und lauerte auf Beute – Fressen und Gefressenwerden, das Gesetz des Dschungels.
Stenmark lief das Wasser im Mund zusammen.
Er wußte, daß Leguane wegen ihres schmackhaften Fleisches mit Vorliebe von den Indios gejagt wurden. Dieser hier war ein Prachtexemplar, groß genug, um jedem der Seewölfe eine Handvoll Nahrung zu liefern und die Mägen aller, wenn schon nicht zu sättigen, so doch wenigstens zu beschäftigen.
Stenmark bewegte sich langsam weiter.
Er fror trotz der Hitze bei dem Gedanken, daß die Echse ihn rechtzeitig bemerken könnte. Wie schnell diese Tiere waren, konnte er sich vorstellen. Dabei stellten ihre Klauen Waffen dar, die sie zwar nicht bewußt zum Kämpfen benutzten, sondern eher zum Ersteigen der Bäume, aber wehe dem, der mit ihnen in Berührung geriet. Selbst Lederkleidung würde diesen Krallen kaum widerstehen, geschweige denn nackte Haut.
Stenmark wußte, daß ihm ein mörderischer Kampf bevorstand. Er hatte keine Waffe, nicht einmal ein Messer. Er mußte mit bloßen Händen zupacken, das Tier festhalten und versuchen, es zu töten. Aber er mußte aufpassen, daß es ihm nicht in letzter Sekunde entwischte, sonst wurde nichts aus dem Festmahl.
Der Leguan beobachtete den Fluß.
Die schwärzliche Zunge fuhr unruhig hin und her, aber der grüne grobgeschuppte Leib bewegte sich nicht.
Stenmark konnte seinen Blick nicht von der Beute reißen. Er achtete nicht auf den Weg, sondern setzte nur behutsam einen Fuß vor den anderen, ängstlich darauf bedacht, nicht zu stürzen oder ein Geräusch zu verursachen.
Er achtete kaum darauf, daß er manchmal bis zu den Knöcheln im Schlamm des Ufers versank.
Und dann passierte es.
Ein Fehltritt! Stenmark ruderte mit den Armen, weil er plötzlich den Halt verlor. Dabei starrte er noch immer auf den schönen fetten Leguan.
Die Echse nahm gar keine Notiz von ihm, das brauchte sie auch nicht, weil der Angreifer in ganzer Länge hinschlug und sofort begann, im Schlamm zu versinken.
Jahrelang hatte der Fluß hier seinen Unrat abgeladen. So war eine Uferausbuchtung entstanden, die sich mit einem schwärzlichen, stinkenden Schlick gefüllt hatte.
Stenmark kämpfte um sein Leben.
Weder konnte er auf allen vieren zurückkriechen, noch fand er überhaupt Halt. Arme und Knie versanken. Der Grund gab nach.
Erschreckt flogen bunte Schmetterlinge davon, die auf diesem feuchten Uferstreifen, der nur bei Flut unter Wasser geriet, ihren Durst gestillt hatten.
Siedendheiß durchzuckte Stenmark der Gedanke, wie weit er sich bereits von seinen Gefährten entfernt haben mußte.
Er war allein. Und er konnte sich nicht helfen.
Stenmark begann zu schreien. Seine Stimme wurde von dem grünen Meer geschluckt. Es hatte keinen Sinn. Und doch mußte er brüllen. Es brachte nichts, aber seelenruhig dem eigenen Ende zuzuschauen, brachte der Schwede nicht fertig.
Er stellte fest, daß er schneller versank, wenn er sich bewegte. Also rührte er sich nicht mehr.
Er lag nur zwei Schritte vom Rand dieser tödlichen Falle entfernt und konnte doch nichts unternehmen.
Er stützte sich mit den Armen ab und beobachtete fassungslos, wie sein Gesicht sich immer mehr dem schwarzen Brei näherte, der ihn spurlos schlukken würde. Schon reichte ihm der Morast bis zu den Ellenbogen. Er hockte auf der tückischen Fläche und versank wie ein vor Schreck erstarrter Frosch.
Die ganze Zeit schrie Stenmark.
Niemand antwortete ihm.
Aber irgendwann wurde es dem Leguan zu dumm. Er lief den Ast entlang, stürzte kopfüber ins aufspritzende Wasser und verschwand aus dem Gesichtskreis Stenmarks.
Noch ein paar Minuten zuvor hätte Stenmark bei einem solchen Zwischenfall hemmungslos geflucht. Jetzt dachte er nicht mehr daran, sich den Magen vollzuschlagen. Er hatte andere Sorgen. Es ging ums Überleben, wobei er sehr wohl ahnte, daß sein Leben keinen Pfifferling mehr wert war.
Hierher würde niemand versuchen, sich durchzuschlagen. Warum auch? Die anderen brachen ihre Jagd nach Nahrungsmitteln sicher wesentlich früher ab und kehrten zurück ins Camp, um nicht unnötig Kräfte zu verschwenden.
Nur er, Stenmark, mit seiner verdammten schwedischen Zähigkeit, hatte sich soweit verirren müssen. Jetzt erhielt er die Quittung.
Er verzweifelte, als ihm der Morast bis zum Kinn reichte. Er legte den Kopf in den Nacken, um das Ende herauszuzögern.
Sein Gebrüll wurde noch dringlicher. Todesangst verlieh ihm übermenschliche Kräfte. Aber was nutzte das? Dieser Schlick war nicht durch Kraft zu besiegen. Er arbeitete still und geduldig am Untergang seiner Opfer.
Da bewegten sich Zweige.
Stenmark wurde aufmerksam.
„Hier bin ich!“ schrie er, fast wahnsinnig vor Angst. „Hier.“
Niemand antwortete ihm.
Seine Enttäuschung war grenzenlos. Hatte ihn ein Tier genarrt? Hatte ein Jaguar mit feinem Instinkt gemerkt, daß hier eine leichte Beute wartete? Sollte er sich nur anpirschen und springen. Dann konnte er gleich mitversakken.
Schadenfreude erfüllte Stenmark. Der Gedanke, seinen Mörder mit in das feuchte Grab zu reißen, erfüllte ihn mit einer unglaublichen Befriedigung.
Vielleicht kürzte der Jaguar auch das Verfahren ab. Alles schien besser als dieser langsame qualvolle Tod durch Ersticken.
In seiner Not bewegte sich Stenmark und beschleunigte prompt seinen Untergang.
Da klatschte etwas vor ihn in den Sumpf – eine lange Liane.
Stenmark begriff seine Chance. Er riß die Arme hoch, um sie aus dem Schlamm zu befreien. Schmatzend gab die saugende zähe Masse nach.
Stenmark erwischte den Rettungsstrick, geriet dafür aber mit seinem Hinterteil in Bedrängnis und verschwand bis zu den Oberschenkeln im Morast.
Er kümmerte sich nicht darum.
Er begann, sich an Land zu ziehen.
Niemand half ihm, niemand erwartete ihn. Stenmark stand vor einem Rätsel. Die Liane war doch nicht vom Himmel gefallen!
Er verschob die Lösung dieses Rätsels auf später. Ihn erfüllte eine tiefe Genugtuung. Er war dem Tod von der Schippe gesprungen. Auch wenn es eine unerhörte Anstrengung bedeutete, sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf auf das feste Land zu retten, so wußte er doch, daß er nicht aufgeben würde. Er spielte nicht einmal mit diesem Gedanken. Ihm saß die kalte Todesangst im Nacken.
Mit einem kräftigen Ruck brachte er sich endgültig in Sicherheit. Erst jetzt, ausgepumpt, atemlos, mit flimmernden Sternen vor Augen, konnte er sich gehen lassen.
Aber nicht lange.
Schon warnte ihn das Gehirn vor einer noch größeren Gefahr als der, der er soeben mit fremder Hilfe entronnen war. Was, wenn jetzt die Indios angriffen, weil er völlig erschöpft war? Er fuhr hoch und drang in das Gewirr von Zweigen und Blättern ein.
Der Dschungel mit seinem Treibhausklima hatte ihn wieder. Am Fluß hatte er, wohl weil das Meer nahe war, besser und freier atmen können. Jetzt rang er wieder nach Luft.
Stenmark bemerkte keine Menschenseele.
Er suchte nach Spuren und fand die Abdrücke nackter Füße. Kein Zweifel: er hatte Kontakt mit den Wilden gehabt. Aber sie hatten ihn keineswegs umgebracht, sondern diskret gerettet und sich dann überstürzt zurückgezogen. Weil sie Angst hatten?
Stenmark mußte lachen.
Nach den Fährten zu urteilen, hatte sich mindestens eine Horde von zwölf Wilden an ihn herangeschlichen. Womöglich hatten sie ihn auf seinem einsamen Marsch durch die Wildnis heimlich begleitet, ohne ihm einen Hinterhalt zu stellen oder nur einen einzigen Giftpfeil abzuschießen. Also waren sie friedlich, es drohte von ihnen keine Gefahr. Vielleicht konnte man bei ihnen Nahrungsmittel eintauschen?
Der Gedanke brachte Stenmark in Trab.
Er reinigte sich flüchtig von dem gröbsten Schmutz. Der Schlamm bedeckte in einer grauen, schnell erstarrenden Masse seinen Körper wie ein spanischer Harnisch. Jetzt brach die Kruste und bröckelte ab.
Stenmark setzte sich in Bewegung.
Er versuchte, den eigenen Spuren zu folgen. Das war keine leichte Aufgabe in diesem grünen Einerlei, das sich hinter jedem Lebewesen wie eine Mauer schloß.
Stenmark fing bald an, nach seinen Gefährten zu rufen. Erkennen konnte er nichts. Er war nicht einmal mehr ganz sicher, ob er den richtigen Kurs hatte.
Aber da erklang, ganz dünn und fern, Antwort.
Die Verbindung war wieder hergestellt.
Stenmark war den Tränen nahe vor Glück. Er hatte zweimal an diesem Tag Glück gehabt. Da war ihm vor der Zukunft nicht mehr bange.
7.
Hasard hörte sich den Bericht Stenmarks schweigend an. Dann beriet er sich mit seinen Gefährten.
Die Mehrheit stimmte dafür, die Indios zu suchen, um sich erst einmal wieder satt essen zu können.
Einige hatten Bedenken.
„Wenn sie uns gar nicht empfangen, sondern sich verfolgt fühlen und dann doch zu den Waffen greifen?“
„Oder wenn sie sich zurückziehen und wir immer weiter in den Dschungel geraten, bis wir uns endgültig verlaufen haben und nie mehr zur Küste zurückfinden?“
Hasard hielt dagegen, wie wichtig es sei, endlich etwas zwischen die Zähne zu kriegen.
„Wir müssen essen, um unsere Schwäche überwinden und dann den Spaniern die ‚Isabella‘ wieder entreißen zu können. In unserem jetzigen Zustand schaffen wir das nicht“, sagte er.
Man gelangte zu einem Kompromiß.
Der Kutscher, drei Männer und der verwundete Smoky sollten zurückbleiben. Der Verwundete war eine zu große Belastung.
Der Rest der Mannschaft unter Hasards Führung sollte versuchen, von den Ureinwohnern Nahrungsmittel zu holen, sollte dafür aber nicht mehr als einen Tag opfern und im Falle von Schwierigkeiten unverzüglich zum Lager zurückkehren.
„Werdet ihr denn zurückfinden?“ fragte der Kutscher.
„Ferris wird mit seiner Axt Zeichen in die Baumstämme schlagen. So können wir uns bei der Rückkehr orientieren und ohne Zeitverlust das Lager wieder erreichen“, sagte Hasard nach einigem Nachdenken.
„Auf was warten wir dann noch?“ brummte Big Old Shane. „Unser Hunger wird nicht kleiner, wenn wir warten.“
Sie brachen auf.
Hoffnung verlieh ihnen neue Kraft. Die Aussicht, Proviant zu beschaffen, ermunterte sie noch einmal, sich wieder in Marsch zu setzen, auch wenn es ein merkwürdiges Gefühl war, in die Fieberhölle zurückzukehren, statt sie auf dem schnellsten Wege zu verlassen.
Sie fanden die Stelle am Fluß, an der Stenmark sein lebensgefährliches Abenteuer bestanden hatte, suchten nach Spuren und entdeckten genügend.
Die Indios waren nicht kopflos geflohen, als sie merkten, daß Stenmark es schaffen würde, sondern sie waren im Gänsemarsch abgezogen.
Einmal fanden sie bunte Federn, wohl von einem Kopfputz der Indios. Sie legten ein ziemliches Tempo vor, so daß die Kolonne wieder einmal auseinanderriß. Das konnte sich böse auswirken, wenn sie Ärger kriegten.
Aber sie dachten nicht an Kampf, sondern nur noch an volle Fleischtöpfe.
„Diese Kerle sollen ja teuflisch geschickt sein“, sagte Matt Davies. „Die fangen die größten Tiere in Fallen und schmoren sie über dem offenen Feuer.“
„Sie sind Jäger und Sammler“, bestätigte Brighton, „und außerdem darauf ausgerichtet, in dieser Hölle zu überleben. Wenn wir sie finden, hat die Not ein Ende.“
Es war schwer, das Alter der Spuren festzustellen oder zu bestimmen, wie schnell die Wilden marschiert waren. Die Burschen verletzten nicht einmal eine Pflanze, wenn sie sich geschmeidig wie die Tiere des Waldes vorwärtsbewegten. Die Seewölfe dagegen brachen wie die Büffel durch das Unterholz.
Monoton erklang das Hacken der Axt, mit der Ferris Tucker die Bäume kerbte, um ihnen später den Rückweg zu erleichtern.
Sie mochten eine Stunde unterwegs gewesen sein, da stießen sie auf eine riesige Lichtung. Sie war keineswegs natürlich entstanden, sondern durch Feuer gerodet worden. Natürlich versuchte der Urwald, unermeßlich fruchtbar, das verlorene Terrain zurückzugewinnen. Lianen kreuzten den Weg, Farne wucherten üppiger als anderswo.
Aber alles wurde überragt von der schiefergrauen Ruine einer Tempelanlage. Zwischen bröckelnden Mauern wuchs Gestrüpp. Aasblumen, von überirdischer Schönheit, aber gräßlich riechend, überwucherten eigenartige Götzenbilder.
Staunend und mit der gebotenen Vorsicht näherten sich die Seewölfe der Tempelanlage. Einigen schoß wohl der Gedanke an Tempelschätze und die phantastischen Geschichten von Eldorado durch die Köpfe, wie sie in den Hafenstädten der Alten Welt kursierten.
Die meisten aber dachten wohl eher daran, daß irgendwo in der Nähe Menschen sein mußten. Denn die Anlage sah auf den zweiten Blick keineswegs so verlassen und verloren aus. Da gab es Reste von Feuerstellen und gewundene Blumengirlanden.
In der Mitte des Tempelbezirkes, der weitläufiger war, als es zunächst ausgesehen hatte, erhob sich ein sogenanntes Regenhaus.
Dort stand eine mehr als drei Yards hohe Statue, auf deren Kopf eine riesige Schüssel stand. Der Regengott hielt sie mit beiden Händen. Eine bequeme Treppe führte zum Heiligtum hinauf.
Als Hasard sie benutzte, um einen Blick in den Behälter zu werfen, alarmierte er seine Gefährten mit dem Schrei: „Wasser. Erstklassiges Wasser!“
Dort wurde das Regenwasser aufgefangen, an dem in diesem Gebiet niemals Mangel herrschte, das aber für gewöhnlich nur nutzlos irgendwo im Boden versickerte, die Baumwurzeln speiste und dort, wo es sich in schlammigen Pfützen sammelte, sehr schnell durch Insekten, Schlamm und Unrat ungenießbar wurde.
Das Becken hier war randvoll mit klarem Wasser, das unvergleichlich besser aussah als die trübe, mit Fäulnisstoffen durchsetzte Brühe am Fluß.
Wie die Wilden stürzten sich die Männer auf das Reservoir. Sie tranken erst und badeten dann im Überfluß. Dabei achtete niemand auf die Umgebung.
Erst als Pete Ballie prustend auftauchte, sich auf den Rand zog und lässig die Beine baumeln ließ, bemerkte er die stummen Gestalten, die ihnen zuschauten.
Sein Alarmschrei brachte alle auf die Beine.
Rings um die Lichtung standen Indio-Krieger, braunhäutige Eingeborene, bewaffnet mit langen Speeren aus Eisenholz und federgeschmückten Blasrohren, die oft länger waren als die Träger.
Eigentlich sahen die Burschen eher sanft und unverdorben aus – wenn nicht diese weißgefärbten Hände gewesen wären. Eine barbarische Sitte.
Breitflächige Gesichter wandten sich den Weißen zu. Die Ureinwohner hatten kurze lackschwarze Haare, sorgfältig gestutzt, vermutlich mit Hilfe scharfer Steine. Eisen kannten die Wilden nicht.
Bis auf spärliche Lendenschurze waren die Indios nackt. Sie zeigten Schmucknarben auf Brust, Schulter und Gesicht. Stumm starrten sie auf die Seewölfe.
Die rauhen Gesellen kriegten einen gehörigen Schreck. Hatten sie etwa unbedacht ein Tabu gebrochen? Hatten sie durch ihre Badeorgie ein Heiligtum entweiht?
Die Antwort der Wilden konnte nur eins heißen: Krieg.
Wieder einmal wurden sich die Männer um Hasard der schmerzlichen Tatsache bewußt, daß sie mit leeren Händen dastanden. Einer Wolke von Pfeilen, einem Hagel dieser mit Widerhaken versehenen Speere hatten sie nichts entgegenzusetzen.
„Laßt mich machen“, befahl Hasard unerschrocken.
„Was hast du vor?“ fragte Big Old Shane. „Bleib stehen. Sobald du auf sie zugehst, fühlen sie sich bedroht!“
„Dann spicken sie dich mit ihren verdammten Wurfspeeren, und du siehst ja wohl die sorgfältig geschnitzten Widerhaken“, warnte auch Edwin Carberry, der Profos der „Isabella“.
Hasard trat langsam vor.
Unverwandt musterten ihn die Wilden.
Die Seewölfe hielten den Atem an.
„Hör auf, die Kerle zu reizen“, brummte Ferris Tucker. Er trug inzwischen die Axt wieder auf der Schulter und sah, abgerissen und unrasiert, wie ein Waldschrat aus.
Hasard versuchte, erst auf Englisch und dann auf Spanisch, zu einer Verständigung zu gelangen.
Was er auch sagte, die Indios blieben stumm. Sie rührten sich nicht vom Fleck.
Hasard hob die Hände und zeigte seine leeren Handflächen.
Langsam bewegte er sich vorwärts, jeden Augenblick darauf gefaßt, durch sein Verhalten ein Inferno zu entfesseln. Niemand konnte voraussagen, wie diese Eingeborenen reagierten.
Hasard stieg die Stufen hinunter, langsam und bedächtig.
Seine Männer standen unbeweglich wie die Regengottstatue. Sie warteten das Ende des ungewissen Abenteuers ab. Niemand zweifelte daran, daß es Ärger geben würde.
Eine Verständigung schien ausgeschlossen. Was Hasard auch anfing, die Wilden blieben starr und stumm.
Die Distanz schmolz.
Er hatte die letzte Stufe verlassen und zögerte, den Weg fortzusetzen. Wenn die Herren des Dschungels ungnädig reagierten, gab es für ihn keinen Ausweg mehr. Nirgends würde er vor einem plötzlichen Hagel aus Blasrohren Zuflucht finden.
Hasard durfte nicht umkehren. Das wußte er. Das geringste Zeichen von Schwäche mußte verhängnisvolle Folgen haben.
Vorsichtig ging Hasard weiter.
Er deutete noch einmal mit Gesten an, daß er und seine Gefährten Hunger hätten. Er bewegte die Hand, als stopfe er etwas in den Mund und rieb sich den Magen.
Keine Reaktion seiner stummen Zuschauer.
Hasard hatte sie fast erreicht.
Die Mauer nackter Leiber wankte und wich nicht.
Wer war ihr Häuptling? Das konnte er nicht erkennen. Waren sie etwa alle gleichberechtigt? Brauchten sie keinen Anführer, der ihnen sagte, was zu tun war und was nicht? Der sie nicht nur führte, sondern auch beherrschte?
Wie auf Kommando jedenfalls warfen sich die Indios vor ihm hin. Sie legten ihre Waffen ab. Ihre Stirnen berührten den Boden.
Dann sprangen sie auf und verschwanden im Dschungel.
Ein Aufatmen ging durch die Reihen der Seewölfe. Wenn die Wilden auch Hasards Bitte nach Lebensmitteln nicht befolgt hatten, so war es doch bereits ein Fortschritt, daß sie nicht angegriffen, sondern mit allen Zeichen der Unterwerfung das Feld geräumt hatten.
Sie durchstöberten die Tempel, stießen aber weder auf Schätze noch auf genießbare Opfergaben. Hier gab es nichts weiter als klares Wasser. Und das konnte selbst den inzwischen bescheiden gewordenen Seewölfen nicht genügen.
Sie traten den Rückmarsch an, der Weg war ja nicht zu verfehlen, und hatten die Lichtung fast hinter sich, als Dan, der am Ende des Zuges ging, sein „Halt“ brüllte und die Kolonne stoppte.
„Was gibt es?“ fragte Hasard und lief zurück.
„Da!“ erwiderte Dan und zeigte auf den Tempel.
„Was ist?“ fragte Hasard unwirsch. Denn er konnte nichts entdecken.
„Da waren viele Indios. Sie sind die Stufen zum Becken hinaufgelaufen, haben etwas abgestellt und sind wieder abgehauen“, berichtete Dan atemlos. Er war erregt. Die Aussicht, etwas Nahrung zu ergattern, brachte ihn um die Ruhe. Als er glaubhaft versicherte, er sehe viele geflochtene Körbe, gab es kein Halten mehr.
Der Wettlauf begann. Wie ein Rudel Wölfe stürzten sie los. Selbst Old Donegan bewältigte mir nichts dir nichts die Stufen, die zum Wasserbecken hinaufführten.
Die Nachzügler kamen fast zu spät.
Körbe mit allerlei Früchten hatten sich in Windeseile geleert. Erst auf Hasards Befehl hin wurde an die gedacht, die zurückgeblieben waren, vor allem an Smoky.
Aber es blieben drei Behältnisse übrig, die durch Deckel verschlossen waren. Niemand mochte sie öffnen.
„Eine Kriegslist“, meinte Pete Ballie. „Mit den Früchten haben sie uns angefüttert, aber da drin stecken ein paar nette appetitliche Giftschlangen. Wer die Körbe öffnet, ist erledigt.“
Seine Worte hinterließen einen nachhaltigen Eindruck. Niemand wagte es, die Sachen zu berühren.
„Unsinn“, sagte Hasard zwar, aber der Gedanke, daß sich Giftzähne in seine Hand graben könnten, sobald er die Verschnürungen löste, ließ ihn keineswegs kalt.
Die schmackhaften Früchte, die er gegessen hatte und die seinen Magen auf das angenehmste füllten, ließen ihn wieder hoffen, daß alles gut enden würde.
Seine Gedanken weilten bereits bei der „Isabella“ und den Wachen, die die Spanier auf dem gestrandeten Schiff sicher zurückgelassen hatten – ein letztes Hindernis zwischen den Seewölfen und der ersehnten Freiheit der Meere.
Matt Davies opferte sich.
„Wenn die Viecher an meinem Haken knabbern, verbiegen sie sich glatt die Zähne“, sagte er, ging aber mit der gebotenen Vorsicht zu Werke.
Es dauerte einige Zeit, bis er die Bastschnüre entwirrt hatte.
Der Deckel klappte zurück. Die Meute brach in Gelächter aus.
Wovor Matt Davies ängstlich zurückgesprungen war, entpuppte sich nicht als Giftschlangen, sondern als eine ungeordnete kribbelnde und krabbelnde Masse weißer fetter Würmer, die auf einem sauberen Palmblatt lagen.
„Wollen die uns verschaukeln?“ schnaufte der Profos. „Wer frißt denn so etwas? Pfui Teufel!“
„Nahrhaft sehen die Tierchen schon aus“, meinte Hasard zögernd.
Mit weitaufgerissenen Augen schauten die Männer zu, wie ihr Kapitän zweimal die Hand zurückzog, bevor er wagte, in die krabbelnde Masse zu fassen. Vorsichtig zog er die Beute heraus.
Er legte die Tierchen auf die Handfläche und stopfte sie sich einzeln in den Mund. Er wagte nicht zu beißen, sondern schluckte einfach.
Nachdem auch der Profos und der Stückmeister dem Beispiel Hasards gefolgt waren, griffen alle nach der ungewöhnlichen Nahrung. Der Hunger trieb’s rein.
Erst Dan wagte es, die Zähne zu gebrauchen, weil er niemals etwas unzerkaut herunterbrachte. Es knackte verdächtig. Hier und da verzogen sich angeekelt ein paar Gesichter.
Nur Dan schnitt eine Grimasse des Entzückens.
„Schmeckt nicht einmal schlecht“, sagte er und griff danach ungeniert zu, ein Zeichen, daß er es ernst meinte und niemanden verkohlen wollte.
Die Palmblätter leerten sich schnell.
„Hätte nicht gedacht, daß ich jemals Würmer fressen würde“, sagte Ferris Tucker. „Ausgenommen jene, die sich im Schiffszwieback tummeln. Aber was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“
„Wenn wir an der Küste sind, versuchen wir es mit Fischfang“, sagte Hasard. „Ganz wohl ist mir bei diesem Zeug auch nicht.“
Nachdem sie alles vertilgt hatten, was die freundlichen Wilden ihnen gebracht hatten, wollten sie sich gebührend bedanken, erhielten aber keine Gelegenheit.
„Wir lassen ihnen zwei Messer hier. Vielleicht wissen sie etwas mit den Dingern anzufangen“, brummte Big Old Shane.
Merkwürdig, so winzig diese weißen krabbelnden Lebewesen gewesen waren, sie hatten ungeheuer gesättigt und eine ganze Mahlzeit ersetzt. Natürlich stellten sie nicht gerade die denkbar beste Speise dar, und mancher schauderte bei dem Gedanken, über längere Zeit von so etwas leben zu müssen.
Sie brachen auf, um zurückzukehren.
8.
Im Lager war nach dem Abmarsch von Hasards Gruppe Smokys Fieber wieder gestiegen.
Der Decksälteste sah zum Fürchten aus. Schmutzig, zerstochen und abgezehrt lag er auf seinem Lager aus Palmblättern und Farnkraut.
Die verletzte Schulter war bis zur Unkenntlichkeit geschwollen. Smoky konnte sie nicht mehr bewegen. Er lag apathisch da und ließ sich immer wieder Wasser einflößen. Sein Durst war grenzenlos. Flüssigkeit war das einzige, was ihn noch interessierte.
Der Kutscher lief sich die Hacken ab, um den Verwundeten zu versorgen. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit drang niemals ein Fluch über seine Lippen.
Besorgt tastete er die Wunde ab. Smoky brüllte wie am Spieß. Als der Kutscher ihm riet, auf ein Stück Holz zu beißen, tat er es.
Der Kutscher schüttelte den Kopf.
„Sieht böse aus“, murmelte er. „Wenn wir nicht schneiden, gehst du drauf. Dann stirbst du in den nächsten drei Tagen.“
„Weiß ich selbst“, keuchte Smoky. „Tu, was du willst. Meine Erlaubnis hast du. Alles ist besser, als hier zu liegen und bei lebendigem Leibe zu verfaulen. Denn darauf läuft es doch hinaus. Mann, muß da Eiter drin sein. In der Wunde klopft es wie verrückt.“
Der Kutscher nickte nur. Die Wundränder, gezackt und verformt, und die Wunde selbst glühten.
„Ich tu mein bestes, Smoky“, versprach der Kutscher. „Aber ob du es überlebst, weiß ich nicht. Sicher bin ich nur, daß du tot bist, wenn ich nicht schneide.“
„Beeil dich, damit ich es hinter mir habe“, stieß Smoky hervor. „Wie konnte ich auch nur so‘n Pech haben. Alle kommen durch, nur mir verpassen die Dons ein Ding, das sich gewaschen hat.“
Der Kutscher schaute Smoky ernst an. „Ich vermute, da steckt noch ein Stück Blei drin. Wenn wir das herausgeholt haben, geht es dir gleich besser. Dann bist du in einer Woche wieder munter.“
„Hoffentlich.“
Der Schmerz der Untersuchung hatte Smoky bereits die Tränen in die Augen getrieben. Wenn jetzt geschnitten wurde, konnte er sich ausmalen, was geschah. Er würde vielleicht vor Schmerzen ohnmächtig werden.
„Besser, du fesselst mir die Hände“, forderte Smoky. „Sonst knall ich dir noch eine, wenn ich überschnappe.“
„Du hast recht“, sagte der Kutscher und winkte den drei Männern, die zurückgeblieben waren. Er wies seine Hilfskräfte ein.
Will Thorne, der alte Segelmacher, nahm Smokys Beine und setzte sich darauf. Jeff Bowie, der links eine Hakenprothese hatte, stützte sich auf die gesunde Schulter des Decksältesten und hielt ihm zugleich den Kopf fest.
Der dritte Mann, Bob Grey, setzte sich auf den Bauch Smokys, während der Kutscher sich neben ihn kniete. Vorsichtig setzte er das Messer an. Die Klinge drang leicht ein. Als Smoky aufbrüllte, war sie schon fast einen Inch eingedrungen. Blut und Eiter schossen aus der Wunde.
Smoky brüllte wie am Spieß und bäumte sich auf. Die drei Männer hielten ihn mit Gewalt fest.
Ein paarmal mußte der Kutscher aufhören, in der Wunde zu sondieren, weil Smoky sich zu stark bewegte.
Aber dann fischte er doch aus der Wunde ein gezacktes Stück Blei heraus. Er betastete noch einmal die Wunde und konnte nur hoffen, daß Smoky nicht noch mehr Blei kassiert hatte. Aber es sah nicht so aus.
Sie erneuerten den Verband, so gut es ging.
Jeder opferte ein Stück von seinem Hosenbein, zuunterst wurde eine Lage sauberer Blätter plaziert. Geschmeidige Lianen hielten das Ganze.
Smoky wollte nicht mehr leben. Er wimmerte nur noch. Aber dann fing er sich wieder.
„Deine stärksten Augenblicke waren die, in denen du ohnmächtig warst“, sagte der Kutscher grinsend und wischte die blutige Klinge sauber. „Ich bin zwar kein richtiger Arzt, aber ich möchte behaupten, daß du es schaffst.“
„Wenn alles umsonst gewesen ist, verfluche ich dich bis in alle Ewigkeit“, drohte Smoky.
Daß der Decksälteste schon wieder aggressiv wurde, schien eigentlich ein gutes Zeichen.
Smoky lag jetzt ganz ruhig.
Noch tobte das Fieber, aber sicher klang es mit der Zeit ab. Die Krise mußte gegen Abend eintreten. Wenn er am Morgen noch lebte und sein Zustand sich nicht entscheidend verschlimmert hatte, war er über den Berg.
„Nach der Aufregung könnte ich einen Rum gebrauchen“, stöhnte der Kutscher. „Aber wir haben ja nichts. Nicht mal was zu essen.“
„Wenn das so weiter geht, fange ich an, Gras zu fressen“, meinte Bob Grey. „Ob Hasard etwas aufgestöbert hat?“
Sie machten sich gegenseitig den Mund wässerig, indem sie sich ausmalten, welche Köstlichkeiten Hasard erbeuten würde. In ihrer Vorstellung marschierte eine lange Reihe zerlumpter Seewölfe durch den Dschungel, beladen mit frischem Fleisch und riesigen wohlschmekkenden Früchten.
Die Wirklichkeit sah grau aus.
Als Hasard und seine Männer tatsächlich zum Lager zurückkehrten, hatten sie nur wenig zu bieten. Gelbe und grüne Früchte, einige groß wie Papayas, andere wie Melonen. Und eine Handvoll merkwürdiger Maden, eingewickelt in ein Palmblatt und überreicht wie eine Köstlichkeit.
Hasard sah sofort nach Smoky. Er stellte fest, daß das Fieber nicht mehr so wütete.
„Du hast die Zeit gut genutzt, Kutscher“, lobte Hasard.
„Du nicht. Du rennst Meile um Meile durch den verdammten Urwald und findest nur ein paar scheußliche Maden, die kein Christenmensch essen kann“, jammerte der Kutscher. „Warum bist du überhaupt so weit gelaufen? Diese Dinger hättest du hier auch finden können. In diesem verfaulten Baumstamm. Da leben Millionen. Aber ich wäre nie darauf verfallen, die auch zu essen.“
Die Mitteilung des Kutschers löste eine lebhafte Jagd aus. Wer seinen Abscheu und seinen ersten Ekel überwunden und die Maden gekostet hatte, wollte sich gern eine Extraration beschaffen. So beschäftigten sich die rauhen Seewölfe den Rest des Tages damit, die Würmer zu finden, die sie bei den Indios kennengelernt hatten. Wer einen fand, stopfte ihn schleunigst in den Mund.
Dann gingen sie zur Ruhe über.
„Morgen sind wir an der Küste, Leute“, gelobte der Seewolf.
Der Hunger trieb sie zeitig wieder hoch.
Sie marschierten jetzt, so schnell ihre Kräfte es erlaubten, der Küste entgegen. Eine weitere Berührung mit den Indios hatten sie nicht. Aber sie hatten gelernt, wie man sich aus dem Lande ernähren konnte. So geschah es immer wieder, daß Männer zurückblieben, um morsche Baumstämme nach Nahrung abzuklopfen.
Matt Davies und Jeff Bowie mit ihren stählernen Armprothesen brachten es zu einer Meisterschaft im Schälen von Holz und dem Aufbrechen gewinnträchtiger Gänge und Bohrlöcher.
Sie gaben von ihrem Überfluß ab.
Einer, der sich gar nicht mit dieser Kost anfreunden mochte, grub in seiner Verzweiflung Wurzeln aus und probierte sie. Sie schmeckten bitter. Er versuchte erst wenig und wartete die Wirkung ab. Als er sicher sein durfte, sich nicht vergiftet zu haben und auch andere unangenehme Reaktionen des Körpers ausblieben, verriet er sein Rezept und fand Nachahmer.
Das einzig Erfreuliche war, daß Smoky sich wesentlich besser fühlte. Bei richtiger Ernährung wäre er schnell wieder auf den Beinen gewesen. So aber, doppelt entkräftet, blieb er auf seine Gefährten angewiesen, denen es immer schwerer fiel, ihn mitzuschleppen.
Das Tempo der Kolonne blieb bescheiden.
Noch immer schien das Ende der grünen Hölle nicht erreicht. Jeder Schritt im Dschungel mußte erkämpft werden.
Die Axt Ferris Tuckers war mittlerweile fast unbrauchbar. Stumpf geworden, schnitt sie nicht mehr, sondern zerschmetterte – eine Methode, die wesentlich mehr Kraft erforderte. Und genau die hatten die Seewölfe nicht mehr. Die Schnelligkeit der Gruppe aber hing davon ab, wie gut der Mann an der Spitze vorwärtskam.
Hasard fiel eine geniale Lösung des Transportproblems ein. Er ließ für Smoky ein Floß bauen. Eine Schicht dürrer Äste wurde auf zwei parallele Baumstämme geschichtet. Lianentaue verbanden die beiden Querhölzer. Sogar ein Haltetau flocht Will Thorne.
Smoky wurde auf das primitive Wasserfahrzeug gelegt und von da an geflößt.
Er erhielt sogar einen wichtigen Auftrag. Er mußte von Zeit zu Zeit das Wasser prüfen, das ihn trug. Aber nie konnte er melden, daß der Salzgehalt zunahm und damit die Küste näher gerückt war.
Die Sicht im Urwald war so beengt, daß niemand voraussagen konnte, ob sie wirklich auf direktem Kurs die Küste ansteuerten.
Die Hitze setzte ihnen zu.
Selbst der eiserne Carberry zeigte erste Anzeichen beginnender Demoralisierung. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und knurrte: „Es wird Zeit, daß wir die Küste erreichen. Sonst lege ich mich hin und sterbe.“
„Reiß dich zusammen“, befahl Hasard. „Wir müssen immer daran denken, den anderen ein Vorbild zu sein. Aufgeben möchte jeder. Solange wir uns aber weiterschleppen, wagt es niemand. Verstehst du? Einer stützt den anderen. Aber wehe, der erste gibt auf. Das wäre wirklich das Ende. Du brächtest keinen mehr auf die Füße. Die Kerle lassen sich zu Boden sinken und erheben sich niemals mehr. Kaputt genug sind wir schließlich alle. Ich möchte auch lieber sterben, als weiter durch diese Wildnis zu ziehen. Die Farbe Grün kann ich für den Rest meines Lebens nicht mehr sehen.“
Sie stolperten weiter.
Und dann ertönte ein Schrei von Dan. Er war den Stamm einer schiefen Palme hochgestiegen, um einen besseren Überblick zu gewinnen und einmal weiter sehen zu können als bis zum nächsten Busch, zum nächsten Baumstamm oder gar bis zum roten verschwitzten Genick des Vordermannes.
„Was siehst du, Dan?“ fragte Hasard erregt.
Er konnte eine gute Nachricht gebrauchen, er und jeder Mann. Dieser Tag mußte sie an die Küste bringen, oder sie konnten morgen vor Erschöpfung nicht einmal mehr kriechen. Ihre Füße waren von Geschwüren übersät. Eiternde Wunden bedeckten ihre Beine.
„Ich sehe Wasser! Eine Riesenmenge Wasser! Das Meer!“ schrie Dan.
Die Männer brüllten: „Hurra!“
„Keine Luftspiegelung?“ forschte Hasard mißtrauisch.
„Bestimmt nicht. Wenn ihr wüßtet, wie frisch die Brise hier oben geht. Nur unter dem Blätterdach ist es so schwül. Hier finde ich es richtig angenehm.“ Dan geriet förmlich aus dem Häuschen.
„Siehst du die Teufelsinsel?“
Dan schaute sich gründlich um.
„Ob sie es ist, weiß ich nicht, Hasard“, erwiderte er entsetzt. „Aber ich kann da links, ein paar Meilen voraus, ein dunkles Gebilde mitten im Wasser erkennen. Das wird sie wohl sein.“
„Sicher“, bestätigte Hasard voll dunkler Ahnung. „Es gibt nur eine Insel hier vor der Küste, die in Frage kommt. Aber bedeutet das etwa, daß wir uns auf der falschen Seite des Flusses befinden?“
Augenblicklich trat Ruhe ein, eisiges erschrecktes Schweigen.
Alle warteten auf die Antwort Dan O‘Flynns wie auf das Urteil eines Richters. Denn jeder wußte: irgendwelche Extratouren konnten sie sich nicht mehr leisten. Das bißchen Kraft, das ihnen geblieben war, brauchten sie, um überhaupt noch die Küste zu erreichen.
Wenn sie die auf einer Flußüberquerung verplemperten, waren sie erledigt. Ganz abgesehen davon, daß sie nicht wußten, was sich alles im Strom tummelte, wie viele unbekannte Gefahren dort drohten. Denn aus dem Rinnsal tief im Urwald war inzwischen ein respektabler Strom geworden.
„Mach‘s Maul auf, du Rübenschwein!“ forderte der Profos grimmig. Seine schmutzigen Hände spielten mit dem verfilzten Bart. Nervös kämmte er pausenlos mit den Fingern das Haar.
Dan senkte den Kopf. Bedrückt schaute er auf Hasard.
„Sag‘s ihnen. Sie werden es wie Männer tragen“, befahl der Seewolf und zitterte selbst vor der Antwort.
„Wir befinden uns auf der falschen Seite“, sagte Dan in einem Ton, als trage er für dieses Unglück die alleinige Schuld.
„Verdammte Scheiße!“ brüllte Ferris Tucker.
Er hieb die Axt bis zum Anschlag in einen Baumstamm.
Die Männer kippten um wie die Fliegen. Sie ließen sich einfach zu Boden fallen, als habe diese Nachricht ihnen die Beine weggerissen.
„Das schaffen wir nie. Nicht in unserem Zustand“, stöhnte Pete Ballie. „Und Flöße können wir nicht bauen. Das dauert zu lange. Bis dahin sind wir alle verhungert.“
„Keine Müdigkeit vorschützen“, sagte Hasard scharf. „Seit wann kneift ihr angesichts kleinerer Schwierigkeiten? Vom Jammern kriegen wir die ‚Isabella‘ nicht wieder. Die will erobert sein. Ist doch klar. Also hoch, Leute, Jeder sucht sich ein tragfähiges Stück Holz. Das spart viel Kraft, wenn wir übersetzen.“
Er scheuchte die Männer erbarmungslos hoch.
„Ihr werdet doch so kurz vor dem Ziel nicht aufgeben, Kerls! Gebraucht mal euren Grips! Die ‚Isabella‘ ist in greifbare Nähe gerückt! Nur dieser Fluß trennt uns noch von ihr!“ spornte Hasard die Crew an.
„Und die See. Bist du kräftig genug, um diesmal in die umgekehrte Richtung zu schwimmen?“ fragte Matt Davies bitter. „Mich kriegst du nicht mehr hinein.“
„Kommt Zeit, kommt Rat“, sagte Hasard. „Wahrscheinlich bewachen die Spanier sowieso die ‚Isabella‘. Da könnte ich euch alle gar nicht gebrauchen. Das erledige ich allein mit einer Handvoll zuverlässiger, mutiger Leute. Mit denen, die in dieser Lage auch noch nicht aufgegeben haben. Also, wer ist mit von der Partie?“
Hasard wollte seine Leute mit dieser Frage provozieren und sie zwingen, sich noch einmal aufzuraffen. Er erreichte das Ziel.
Nach und nach reckten sich Hände in die Luft. Kaum einer schloß sich aus. Sie hatten alle begriffen, daß ihr weiteres Schicksal davon abhing, ob sie die „Isabella“ wieder in ihren Besitz brachten. Sonst blieben sie in der Fieberhölle von Guayana hängen und verfaulten in diesem sumpfigen Küstenstreifen.
Hasard konnte den nächsten Schritt wagen.
„Dazu müssen wir erst einmal über den Fluß“, sagte er trocken. „Na los, Leute! Auf was wartet ihr noch? Eben wolltet ihr mit mir zur ‚Isabella‘ hinüberschwimmen und jetzt kapituliert ihr angesichts dieses jämmerlichen Baches.“
Hasard untertrieb absichtlich.
Er kannte wohl die Gefahren, so dicht an der Mündung des Flusses, nahe des offenen Meeres, überzusetzen. Wer hier abtrieb, war rettungslos verloren.
Und die Flüsse in diesem Land hatten so ihre Tücken. Sie wurden von yardhohen Flutwellen heimgesucht, wenn das Wasser stieg. Oder es entstand ein unwiderstehlicher Sog bei Ebbe, wenn schlammige Küstenstreifen aus den Fluten stiegen und bis zur nächsten Flut das Anlegen von Schiffen verhinderten.
Man konnte nicht immer auf den Augenblick warten, da sich Kräfte des ablaufenden und des auflaufenden Wassers gegenseitig fast neutralisierten. Die Seewölfe schon gar nicht. Sie mußten hinüber, egal wie. Sie mußten ihren Plan zur Rückeroberung des gestrandeten Schiffes schleunigst in die Tat umsetzen.
Dies war ihr vierter Tag in der Fieberhölle von Guayana.
Mehr konnte keiner ertragen. Sie hatten nichts mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnen.
Hasard gelang es noch einmal, seine Männer zur letzten Anstrengung zu treiben. Sie besorgten sich alle irgendwelche Schwimmhilfen. Treibholz gab es genügend. Der Strom brachte entwurzelte Bäume mit, die noch schwimmfähig waren und zwei, drei Männern Halt und Unterstützung boten. Nur lagen die Behelfsflöße nicht gebrauchsfertig herum. Oft mußten die Stämme erst mühsam aus dem Uferschlick geborgen werden. Es war eine mörderische Plackerei.
„Mehr habe ich unter der Peitsche der Dons auch nicht geleistet“, stöhnte Pete Ballie.
Er und Luke Morgan wuchteten einen drei Yards langen Stamm aus dem Dschungel zum Fluß. Sie mußten immer wieder Pausen einlegen.
Hasard und der Kutscher hatten ein Floß gebaut, das auch noch für den verletzten Smoky reichte.
Er befand sich sichtlich auf dem Wege der Besserung. Das Fieber war verschwunden. Aber natürlich konnte er mit seinem verletzten Arm nicht schwimmen. Noch tat jede Bewegung entsetzlich weh. Die Haut spannte. Die Wunde verheilte schlecht. Smoky scheuchte Fliegen. Er wußte, was passierte, wenn sie ihre Eier ablegten. Ihm steckte noch die Madengeschichte in den Knochen.
Sie warfen sich einer nach dem anderen in den Fluß. Dicht beieinander versuchten sie, so schnell wie möglich das andere Ufer zu erreichen. Jeder spürte sofort die Kraft des Stromes, der ständig versuchte, sie abzudrängen und ins offene Meer zu treiben.
Selbst Hasard hatte sich die Sache leichter vorgestellt.
In der Mitte des Flusses merkte jeder, daß es um Sein oder Nichtsein ging. Selbst die Überquerung der See, mitten im Unwetter, war ein Kinderspiel gegen die Bewältigung dieses Hindernisses gewesen.
Zweimal mußte Hasard eingreifen, als ein Erschöpfter auf seinem Rettungsbalken vorbeitrieb und offensichtlich den zermürbenden Kampf aufgegeben hatte. Er schnappte sich den Schiffbrüchigen und band ihn an das eigene Floß – mit dem Ergebnis, daß er selbst kaum noch vorwärtskam.
Erst, als die Geretteten sich einigermaßen erholt hatten, konnten sie ihn wieder unterstützen.
Sie arbeiteten wie wild. Besonders die letzten zehn Yards vor dem jenseitigen Ufer kosteten Kraft. Hier gab es eine noch stärkere Strömung, die verhinderte, den anvisierten Punkt zu erreichen, der gegenüber der Ablegestelle lag.
Sie verloren gute zweihundert Yards, ehe sie völlig erschöpft an Land krochen.
Hasard konnte Smoky gerade noch mitschleppen. Dann verließen ihn endgültig die Kräfte. Er torkelte genau zwei Schritte an Land. Dann kippte er zu Boden und blieb völlig ausgepumpt liegen. Er hätte sterben können vor Erschöpfung.
Aber der Gedanke an seine Männer ließ ihm keine Ruhe.
Er rappelte sich auf, hockte am Ufer und beobachtete die Schwimmer, die noch im Wasser waren. Sie paddelten wie wild.
Langsam erhob sich Hasard.
Er brüllte Befehle, gab Hinweise auf Männer, die nicht mehr konnten, und sorgte dafür, daß sie von ihren Gefährten aufgefangen wurden. Er selbst hätte nicht mehr eingreifen können, wenn einer der Männer aufs offene Meer getrieben worden wäre.
Aber es ging alles klar.
Nach und nach trafen die Nachzügler ein.
Manche hatten es erst beim sechsten Anlauf geschafft, das rettende Ufer zu erreichen.
Hasard griff ihnen unter die Arme, schleppte sie in den Schatten der Palmen und sprach ihnen gut zu.
Die Ermattung der Männer war total. Niemand hatte mehr etwas zuzusetzen. Auch Hasard fühlte sich hundeelend. Die Strapazen des Dschungelmarsches, die Entbehrungen machten sich deutlich bemerkbar.
Dennoch erstieg Hasard eine Palme, um die „Isabella“ in Augenschein zu nehmen.
Während seine Gefährten apathisch am Boden lagen, hielt Hasard Ausschau. Er stand auf einem Knick des schlanken Palmenstammes, lehnte sich an und beschattete seine Augen.
Er brauchte nicht zu fürchten, von einem Ausguck der Spanier entdeckt zu werden. Die üppigen Palmwedel erlaubten ihm gute Sicht, schützten ihn aber gleichzeitig vor neugierigen Blicken der anderen Seite.
Hasard erkannte die Umrisse der spanischen Zwingburg, an der sie hatten mitarbeiten müssen. Er dachte an El Verdugo, den Henker, der sie so unmenschlich angetrieben hatte. Er war seiner gerechten Strafe nicht entgangen.
Es mußte dort drüben von Soldaten wimmeln, aber Einzelheiten konnte Hasard nicht erkennen.
Was Hasard wirklich entsetzte, war der Anblick zweier spanischer Galeonen, die auf Reede lagen und bewiesen, wie ernst die Spanier noch immer die Seewölfe nahmen. Von ihrem Tod waren sie offenbar nicht restlos überzeugt, Sie wußten genau, daß es für die Männer um Hasard nur eine Rettung gab, wenn sie am Leben waren: die Rückkehr zur Teufelsinsel, um zu versuchen, ein Schiff, möglichst das eigene, in Besitz zu nehmen und unter vollen Segeln davonzurauschen.
Daher lag die „Isabella“ noch immer leicht gekrängt auf der Sandbank, auf der sie aufgelaufen war. Damit hatte das Dilemma begonnen. Natürlich hatten sich die Spanier gehütet, das Schiff flottzumachen. Sie wollten dem Seewolf doch nicht die Arbeit abnehmen. Sie rechneten damit, daß der Anblick seines stolzen Schiffes ihn blenden mußte. Er würde sein Schiff holen wollen – und dann konnten sie über ihn herfallen.
Der Köder war ausgelegt. Eine teuflische Falle, wie Hasard gestehen mußte. Die Zeit arbeitete für die Spanier.
Sicher hatten sie Posten auf der „Isabella“, aber er konnte nichts erkennen. Er wußte, was ihn erwartete. Die kommende Nacht würde die Entscheidung bringen.
9.
Die Seewölfe verdösten den Tag an der Küste. Sie litten unter der Hitze, dem Durst und dem nagenden Hunger.
Hasard schickte Trupps los, um im Dschungel nach Nahrung suchen zu lassen. Aber er achtete auch sorgsam darauf, daß niemand den Strand betrat. Die Spanier durften nicht gewarnt werden.
Wenn sie entdeckten, was sich zusammenbraute, schickten sie ein paar Boote herüber und trieben die Seewölfe mit Musketensalven in den Dschungel zurück. Oder sie hetzten die Erschöpften, bis sie aufgeben mußten und wieder in Eisen gelegt werden konnten. Der Rest lag auf der Hand: Deportation zur Teufelsinsel, Fronarbeit.
Nach all den Strapazen schauderte es den Männern bei dem bloßen Gedanken, noch einmal unter die Fuchtel der Dons zu geraten. Lieber wollten sie sterben.
Wenn nicht bald etwas geschah, würde sich ihr Herzenswunsch sogar auf die denkbar einfachste Weise erfüllen: Bald würden sie nicht einmal mehr die Kraft haben, sich zu erheben. Schon jetzt kostete jede Bewegung ungeheure Anstrengung. Das Fasten ging an die Substanz.
Die große Wende erfolgte, als Blakky aufgeregt ins Camp stürzte und Kokosnüsse brachte. Er hatte eine Gruppe Palmen entdeckt, weitab von der Teufelsinsel, fast direkt am Strand.
„Und wir haben nichts davon geahnt“, stöhnte Pete Ballie.
Blacky behauptete, es gebe genügend Nüsse für alle. Sofort brach noch ein Trupp auf, von Hasard zur Wachsamkeit ermahnt.
Die Tatsache, daß sie jetzt die Milch der Nüsse trinken und das feste weiße Fleisch essen konnten, ließ die Lebensgeister wieder tanzen.
Smoky heulte vor Rührung, als Ferris Tucker neben ihm niederkniete, mit einem Messer Streifen des Fruchtfleisches abtrennte und ihn wie ein Baby fütterte.
Sie holten an Kokosnüssen, was sie erwischen konnten, und sammelten nicht nur die reifen, die bereits am Boden lagen, sondern pflückten auch alles, was noch an den Bäumen hing.
„Wie kommen die Palmen eigentlich hierher?“ fragte Gary Andrews, der Fockmastgast. Er kratzte sich unentwegt an der Brust. Die Narbe, die quer darüberlief, juckte wie toll.
„Ganz einach“, erwiderte Hasard. „Irgendein Segler hat sie verloren und die Nüsse sind hier angeschwemmt worden. Manchmal entwurzelt der Sturm ganze Bäume, treibt sie auf einer Insel an Land, und schon wachsen auch dort Kokospalmen. So geht das.“
„Mann, wenn ich daran denke, daß wir die ganze Zeit genügend Nahrung vor der Nase hatten, aber statt dessen Maden gefressen haben“, sagte Al Conroy, der Stückmeister.
„Ein Zufall, daß wir die Bäume überhaupt in diesem Durcheinander entdeckt haben“, erklärte Pete Ballie.
„Wir? Ich höre dauernd wir“, empörte sich Blacky. „Ich war der Finder. Ich muß sagen: Ich bin fast darüber gestolpert.“
Alle lachten.
Sie aßen, soviel sie konnten und behielten noch eine Menge übrig.
Zu aller Erstaunen sammelte Hasard die leeren Schalen. Er hatte sorgfältig darauf geachtet, daß sie nur angebohrt, nicht aber mit einem wuchtigen Axthieb zertrümmert wurden.
Jetzt drehte er mit Hilfe seiner Männer aus Kokosfasern Taue und verband Dutzende von hohlen Nüssen miteinander. Die Öffnungen verschloß er mit lehmigem Brei.
„Und was hat das alles zu bedeuten?“ fragte Ben Brighton erstaunt. „Soll das ein Floß werden?“
„So etwas Ähnliches“, erwiderte Hasard. „Jedenfalls eine Schwimmhilfe. Die See zwischen Insel und Festland hat es in sich. Wenn wir heute nacht übersetzen, ist es zweckmäßig, wenn wir unsere Kräfte schonen.“
„Wer geht eigentlich mit?“ fragte der Erste Offizier.
„Nur Dan“, entschied Hasard.
Protest wurde laut. Die einfache Mahlzeit hatte den Männern Mut gemacht. Der erste Durst war gelöscht. Sie fühlten sich besser. Und schon waren sie wild darauf, den Dons an die Gurgel zu gehen.
„Sachte, sachte“, sagte Hasard. „Gegen die Garnison plus die Besatzung zweier Galeonen haben wir mit ein paar Messern und einer stumpfen Axt nichts zu melden. Also kann uns nur eine Kriegslist wieder zu unserem Schiff verhelfen. Wenn ich scheitere, könnt ihr immer noch angreifen. Aber erst probieren wir es auf meine Art.“
Sie warteten den Einbruch der Dunkelheit ab.
Dann schulterte Hasard sein Bündel aus Kokosnüssen, die alle miteinander verbunden waren – Hohlkörper so groß wie Kinderköpfe, sorgfältig abgedichtet. Teer und Pech wären besser gewesen, aber so etwas hatten sie nicht. Wenn das Ganze sich nicht bewährte, konnten sie sich jederzeit der Kokosnüsse entledigen und die Teufelsinsel aus eigener Kraft erreichen.
Hasard fühlte wieder Zuversicht und eine tiefe Zufriedenheit. Wie eine einzige ausgiebige Mahlzeit doch den Lebensmut anfachte!
Seine Männer verabschiedeten ihn und Dan mit dem gewohnten Humor. Da war keiner, der schwarz sah. Jeder wäre gern dabeigewesen. Aber sie sahen ein, daß Hasard recht hatte.
An einer günstigen Stelle watete Hasard ins Meer, gefolgt von Dan. Beide hatten ein Messer bei sich, sonst keine Waffen.
„Wirklich eine Invasionsarmee, vor der die spanische Inselbesatzung türmen muß“, sagte Carberry spöttisch.
„So ist es“, pflichtete ihm Hasard bei, als habe er den Spott gar nicht bemerkt. „Es kommt nämlich nicht so sehr darauf an, daß ich Massen von Soldaten habe, sondern daß ich in jeder Lage das beste Rezept finde, um den Feind zu schlagen. Das haben wir gefunden.“
„Ihr zwei Figuren kriegt doch die ‚Isabella‘ niemals flott“, sagte der Kutscher.
„Ist auch nicht unsere Absicht. Wir versorgen uns an Bord mit dem Notwendigsten und peilen erst einmal die Lage. Dann sehen wir weiter“, erwiderte Hasard.
Entschlossen watete er ins Wasser.
Glatt und ruhig lag die See vor ihm. Die Dünung war lang und gleichmäßig, ein stetig wiederkehrender Rhythmus. Das alles wirkte ausgesprochen friedlich, ganz anders als in jener bewegten Nacht, als sie ausgebrochen waren und sich nur unter größter Anstrengung, von den Spaniern gehetzt, ans Festland gerettet hatten.
Hasard überließ sich der Strömung, soweit sie günstig verlief. Nachdem er erst einmal der Brandung entkommen war, die ihn immer wieder zurückgeschoben hatte, ging alles wie von selbst.
Hasard hoffte nur, daß die Haie schliefen. Er wußte nicht, ob Fische so etwas taten. Er hatte nur gehört, daß diese Raubfische nach Sonnenuntergang abtauchten und den Meeresgrund aufsuchten.
Trotzdem äugte er umher, ob nicht ein Kräuseln der Wasseroberfläche oder eine pfeilschnell heranschießende Dreiecksflosse einen der gierigen Mörder anmeldete.
Es war ein eigenartiges Gefühl, auf der Ladung Kokosnüsse zu liegen, die Arme lässig aufgestützt. Die Beine hingen ungeschützt über der Tiefe, die tausend Gefahren barg. Die Vorstellung, ein unbemerkter Angriff eines Haies, von unten angesetzt, könne urplötzlich erfolgen, zu schnell für jede Abwehrreaktion, ließ einem das Blut in den Adern erstarren.
Aber sie schafften es ohne Zwischenfall.
Die Spanier schienen zu feiern. Ihr Gebrüll und das Klappern der Trinkgefäße drangen deutlich herüber, während Hasard und Dan im Schutze des Inselufers weiterzogen, nachdem sie unbemerkt die beiden Galeonen der Spanier passiert hatten.
Wahrscheinlich interessierten sich die Deckswachen mehr für das Gelage als für die Wasserseite. Jedenfalls konnte Hasard zu keiner Zeit einen spanischen Helm über dem Schanzkleid entdecken, obwohl er die beiden Schiffe ständig im Auge behielt.
Sie hatten ihre provisorischen Flöße aufgegeben, um schneller vorwärtszukommen und teilten mit ruhigen gleichmäßigen Schwimmbewegungen das Wasser, sorgsam darauf bedacht, nicht zu plätschern.
Capitan Catalina, Inselkommandant mit gebrochenen Beinen, hatte eigentlich keinen Grund zum Feiern. Trotzdem führte er das große Wort.
„Diese Kerle kommen, so wahr ich Capitan Catalina bin“, prahlte er. „Sie sind an Land verloren, ohne Nahrung, ohne Waffen. Außerdem sind diese britischen Galgenvögel verliebt in ihr Schiff. Sie werden versuchen, es zurückzuholen. Und dann schnappen wir sie uns. Sie werden dieses Fort zu Ende bauen. Ich hasse Menschen, die ihre Arbeit nicht vollenden.“
Die Offiziere lachten.
Hasard unterdrückte mit Mühe einen Fluch. Vor sich sah er die „Isabella“. Sie wurde bewacht. Hasard bemerkte an der Steuerbordseite ein Beiboot der Spanier.
Lautlos enterte er am Achterkastell auf, gefolgt von Dan. Sie hatten die Messer in den Mund genommen, um die Hände freizuhaben. Vorsichtig schauten sie sich um.
Tatsächlich entdeckten sie zwei Spanier, die an Bord Wache gingen, Soldaten, die lieber an Land gefeiert hätten und sich jetzt miteinander unterhielten. Sie beklagten ihr Schicksal und waren nicht sonderlich wachsam. Sie rechneten wohl nicht mit einem Angriff, nicht bei Nacht und nicht bei diesen Kräfteverhältnissen.
Die Seewölfe galten als kühn, aber nicht als verrückt. Und eine Tollheit wäre es gewesen, die verstärkte Garnison der Teufelsinsel anzugreifen.
Da Hasard nicht wußte, wann die beiden Posten abgelöst wurden, mußte er sich beeilen.
Er wechselte einen Blick mit Dan.
Schweigend verständigten sie sich, wer welchen Soldaten übernahm. Sie wußten, daß sie die beiden lautlos ausschalten mußten, wollten sie nicht die ganze Inselbesatzung auf die Beine bringen.
Wie ein Panther schwang sich Hasard über das Schanzkleid. Barfuß huschte er über das Deck der leicht gekrängten „Isabella“. Das Messer hielt er in der Faust.
Dan hielt mühelos mit.
Schon standen sie hinter den ahnungslosen Spaniern, die sich angeregt unterhielten.
Hasard war froh, daß er die Männer nicht töten mußte. Er betäubte seinen Spanier durch einen Faustschlag. Auch Dan handelte so. Beide Spanier kippten um und wurden aufgefangen.
Einer spielte verrückt an Bord der „Isabella“. Bis jetzt hatte er gewartet, aber nun hielt ihn nichts mehr.
Arwenack, der Schimpanse.
Er sprang Dan an, riß ihm beinahe die Ohren ab, zerrte an seinen Haaren, keckerte erregt, wechselte zu Hasard über, umarmte ihn, stöhnte, knarzte, fauchte, turnte über seine Schulter, fegte wieder an Deck, schlug Purzelbaum, trommelte auf seinem Bauch, biß die beiden bewußtlosen Dons und führte sich auf, als sei er übergeschnappt.
„Arwenack“, sagte Dan leise, „mein guter, alter Arwenack.“
„Nun heul mal nicht gleich“, sagte Hasard und mußte selbst schlucken.
Arwenack tanzte weiter seinen Affentanz der Freude. Seine Menschen waren wieder da. Vergessen waren die Einsamkeit, die Trauer, Hunger und Durst. Alles war wieder gut.
„Er sieht arg zerrupft aus“, sagte Dan. „Völlig verhungert. Wir hätten Kokosnüsse für ihn mitnehmen sollen.“
„Du hast vielleicht Sorgen.“ Hasard spähte zu den beiden Galeonen hinüber. Aber da rührte sich nichts.
„Möchte wissen, wie er das alles hier überstanden hat“, sagte Dan O‘Flynn. „Er muß sich versteckt haben, die ganze Zeit. Wenn die Dons ihn gefunden hätten – nicht auszudenken. Die hätten ihn geröstet, die Bastarde. Nehmen wir ihn mit hinüber an Land?“
„Klar, Dan, ist doch selbstverständlich. Aber Schluß mit dem Palaver. Laß uns die beiden Kerle unter Deck bringen, bevor wir hier gesehen werden.“
Sie brachten die beiden überrumpelten Spanier in Hasards Kammer und fesselten sie. Arwenack blieb bei ihnen.
Die Dons erwachten inzwischen aus ihrer Ohnmacht und rissen die Augen auf, als sie die beiden Männer und den Affen sahen.
„Wir haben nichts gegen Sie, Senor“, stammelte der eine, ein Milchgesicht. „Wir wurden zum Militärdienst gepreßt und würden lieber zu Hause unsere Äcker bestellen, als hier auf der Teufelsinsel den Moskitos als Quelle zu dienen. Bitte, verschonen Sie uns, Senor.“
„Geschenkt“, sagte Hasard großzügig. „Wenn wir euch hätten umbringen wollen, hätten wir es bereits an Deck tun können, ihr Schlafmützen. Also hört auf zu jammern.“
Der zweite Spanier verzog angewidert das Gesicht. Ihn störte das Gejammer seines Gefährten, und er verachtete ihn dafür. Er war ein stolzer Don, der jeden Feind Spaniens haßte. Das stellte er sofort unter Beweis.
„Warum geben Sie nicht auf, Senor?“ zischte er. „Sie kriegen Ihr Schiff niemals flott. Und an Land leben Sie auch nicht mehr lange. Es gibt nichts zu essen. Wir kennen die Fieberhölle von Guayana zur Genüge. Dort überlebt selbst ein Kaiman nur mit Mühe. Wir haben das Land durchstreift auf der Suche nach El Dorado, dem Goldland. Wir haben nichts gefunden. Nur Schlangen und Moskitos und feindliche Indios.“
„Wir haben uns mit den Eingeborenen gut verstanden. Das hängt eben davon ab, wie man sie behandelt“, sagte Hasard trocken. „Die Spanier genießen einen schlechten Ruf. Sie sind grausam und zu raffgierig. Sie wollen alle Welt ausplündern. Habt ihr eigentlich nie daran gedacht, daß es auch umgekehrt kommen könnte?“
Der Spanier zuckte zusammen.
„Niemals!“ fauchte er. Dann spuckte er wütend vor Hasard aus. „Die Engländer sind Bettler gegen uns.“
„Soll ich ihm eine knallen?“ fragte Dan unternehmungslustig. Hasard schüttelte lächelnd den Kopf.
„Wir vergreifen uns nicht an wehrlosen Gefangenen. Wir beuten niemanden aus“, erklärte er. „Wir töten niemanden ohne Not. Ihr bleibt am Leben.“
„Dann hoffe ich nur, daß wir uns noch einmal begegnen, Senor. Dann bringe ich Sie um“, sagte der wortgewaltige Don.
Sein Gefährte schwieg erschrokken. Er hätte es nie gewagt, den Seewolf zu reizen. Natürlich kannte er Hasard. Wer unter den Spaniern kannte nicht die genaue Beschreibung von Philip Hasard Killigrew. Über sechs Fuß groß, breitschultrig, schmale Hüften, schwarze Haare und eisblaue Augen.
Die Dons aller spanischen Kolonien schauten sich nach dem Mann die Augen aus. Und ausgerechnet der Kommandant der Teufelsinsel ließ diesen Burschen wieder entwischen, nachdem er ihn bereits in Ketten gelegt hatte. Eine Schmach und Schande! Eigentlich gab es nichts, was dieser Capitan Catalina zu feiern hatte. Und sie selbst hatten auch versagt. Mit Bestürzung dachte der Spanier den Gedanken zu Ende. Catalina würde sie in Ketten legen lassen, weil sie überrumpelt worden waren. Sie hatten auf Posten nicht achtgegeben. Catalina hatte kein Erbarmen mit fremden Fehlern, während er eigene sich selbst großmütig verzieh.
Fast hätte der milchgesichtige Spanier den Seewolf um Asyl gebeten. Aber die Gegenwart seines fanatischen Gefährten hinderte ihn daran. Er kriegte einfach den Mund nicht auf.
Der andere dafür um so mehr. Er wollte um Hilfe schreien und die Garnison alarmieren.
Hasard erstickte den Versuch im Keim und schmetterte dem Schreihals die Faust an die Schläfe.
Der Spanier sackte in den Fesseln zusammen.
„Beeilen wir uns“, sagte Hasard.
Dan und er rüsteten sich gehörig mit Pistolen, Pulver und Blei aus. Sie vergaßen auch Lunten und Flintstein nicht. Außerdem nahm Hasard aus einem Geheimversteck Perlen mit, sowie aus der Waffenkammer einen Werkzeugkasten, um den ihn Big Old Shane gebeten hatte. Denn sie mußten sich ja noch von den Halseisen befreien.
Vorsichtig schafften sie alles von Bord und verstauten es in dem spanischen Beiboot, das auf dem Wasser dümpelte.
Sie verließen ungern die „Isabella“. Aber es mußte sein. Es war kein Abschied für immer. Dan nahm Arwenack mit, der wie ein Baby an seinem Hals hing.
In letzter Sekunde fiel Hasard noch ein, daß er in seiner Kammer ein paar Brandsätze verborgen hatte, die ihnen vielleicht im Kampf gegen die Dons noch nützlich sein konnten.
Er kehrte noch einmal zurück und kam gerade zurecht, um die Flucht der beiden Spanier zu verhindern. Der Teufel mochte wissen, wie die beiden es geschafft hatten, sich so schnell zu befreien.
Jedenfalls mußte Hasard zeigen, was er zu bieten hatte.
Während Dan ahnungslos im Beiboot auf Hasard wartete, entspann sich unter Deck ein Kampf auf Leben und Tod.
Der enge Raum in der Kapitänskammer behinderte mehr die Spanier als Hasard, der außerdem Heimvorteil genoß.
Er mußte in der Notwehr sein Messer einsetzen. Zu hart gingen die Dons an ihn heran. Einer versuchte ihm mit einem Messingleuchter den Schädel zu spalten, der andere zielte mit einem Degen nach seinen Augen. Da sah Hasard rot.
Die Klinge in seiner Faust zuckte hin und her wie der Kopf einer Giftschlange. Zwei Stiche, zwei unterdrückte Schreie. Ehe die Spanier noch mehr Unheil anrichten konnten, lagen sie tot in der Kammer.
Hasard bedauerte das. Aber er konnte es nicht ändern. Er hatte die Auseinandersetzung nicht herausgefordert. Jetzt hatten sie ihren heimtückischen Angriff mit dem Leben bezahlt.
Hasard übergab die toten Spanier der See. Dann versorgte er sich mit den Brandsätzen, die er im „Meer der toten Seelen“ auf dem chinesischen Geisterschiff gefunden hatte. Es waren bunte Stangen, so lang wie ein Arm. An der Seite waren dünne Holzstäbe befestigt. Aus dem unteren verschlossenen Ende ragte ein luntenähnlicher Docht hervor. Hasard nahm eine Ladung auf den Arm und trug sie von Bord.
Dan zeigte, daß er nervös war. Er schaute ständig hinüber zu den Spaniern, die immer noch feierten.
Aber unbemerkt pullten sie an Land zurück und stießen wieder zu ihren Gefährten, wo Hasard erst einmal Bericht erstattete.
Arwenack, der zum zweiten Male verrückt spielte, wurde reihum gereicht und mit Kokosnüssen gefüttert.
„Denen möchte ich Feuer unter dem Arsch machen“, wetterte der Profos. „Hauen sich die Bäuche voll und saufen, während wir Kokosmilch schlürfen müssen.“
Al Conroy, der Stückmeister, schlug vor, unverzüglich anzugreifen. „Wir haben Pistolen und Munition“, sagte er. „Ich brauche wieder Decksplanken unter den Sohlen, sonst schnappe ich über.“
Sein Vorschlag wurde abgelehnt.
„Aber ein bißchen sollten wir das Fest schon stören“, sagte Sam Roskill. Er war ein schlanker frecher Draufgänger. Seine dunklen Augen blitzten unternehmungslustig. „Und zwar hiermit!“
Er zeigte auf die chinesischen Brandsätze.
„Was sagt unser Experte dazu?“ forschte Hasard und schaute Al Conroy an, der prüfend eine der Stangen in der Handhielt.
„Keine schlechte Idee“, sagte Al Conroy grinsend. „Ein bißchen Feuerzauber hebt die Stimmung kolossal.“
„Und wenn dir die Dinger in der Hand losgehen?“
„Das muß ich riskieren“, erwiderte Al Conroy lakonisch.
Sie standen am Strand, unter dem sternenfunkelnden Himmel. Deutlich sahen sie die Lichter der beiden spanischen Galeonen und hörten das trunkene Geschrei der feiernden Spanier. Da war niemand unter ihnen, der den Dons nicht gerne das Fest verdorben hätte.
Schon schlug Sam Roscill Feuer. Er führte den Zündschwamm an den Docht des Brandsatzes, den Al Conroy an dem langen Stock festhielt. Dazu bot sich der Stock auch an. Er ließ erst dann los, als die Pulverlunte sprühte, eine enorme Hitze entwikkelte und ihm fast die Finger verbrannte.
Genau in der Sekunde zündete der Brandsatz. Er zischte pfeilschnell ab und schwirrte durch die Nacht in Richtung Teufelsinsel. Dort zerplatzte er mit einem fürchterlichen Krach über den Köpfen der Spanier. Damit nicht genug, schleuderte er rote feurige Kugeln nach allen Seiten. Panik brach unter den Dons aus.
Hasard begriff am schnellsten und schnappte sich den nächsten Brandsatz.
„Feuer!“ verlangte er scharf.
Er visierte eine der beiden spanischen Galeonen an, während Sam Roscill den Docht anzündete.
Hasard ließ los, als er einen leichten Zug verspürte. Der Brandsatz flog einen bildschönen Bogen und zerplatzte an Deck der Galeone. Feuer schien direkt vom Himmel zu fallen. Wie eine Sternschnuppe verglühte der Brandsatz und schleuderte blutrote Prachtblüten in alle Himmelsrichtungen. Die waren nicht nur schön, sondern auch gefährlich. Denn Feuer brach an vielen Stellen gleichzeitig aus. Das Durcheinander auf der Teufelsinsel ließ sich kaum noch steigern. Kopflos rannten die Dons durcheinander.
Da feuerte Hasard den nächsten Brandsatz ab.
Der Schuß traf. Die zweite Galeone ging in Flammen auf. Funken stoben bis zu den Mastspitzen hoch.
Ungerührt schauten die Seewölfe zu, als die stolzen spanischen Galeonen ausbrannten und sich in schwelende Trümmer verwandelten.
Die Wut der Dons kannte keine Grenzen.
„Der Klügere gibt nach“, sagte Hasard ironisch. „Die haben erst mal genug. Also ziehen wir uns zurück. Das war erst eine Niederlage für die Spanier. Ein Teilsieg. Aber die zweite Schlappe für die Dons wird nicht lange auf sich warten lassen. Wir werden siegen!“

1.
Die Nacht hatte keine Abkühlung gebracht.
Etwas anderes als Luft schien über der winzigen Urwaldlichtung zu lasten, ein schwarzes, zähflüssiges Wabern, das mit dem heraufdämmernden Morgen grau wurde und sich wie klebriger Leim über die Haut legte. Ein unsichtbares Gewicht drückte auf die Männer, die im Schlaf der Erschöpfung lagen. Es erschwerte das Atmen, aber es waren nicht diese mühsamen Atemzüge, die den Seewolf weckten.
Philip Hasard Killigrew fühlte den rauhen Stein des Felsblocks im Rücken, an den er sich gelehnt hatte. Und er fühlte noch etwas anderes: eine leichte Bewegung an seiner Brust. Reglos verharrte er, ohne den Rhythmus seiner Atemzüge auch nur im geringsten zu ändern. Wenige Tage in der Fieberhölle von Guayana hatten ihn gelehrt, wie man den hundertfältigen Gefahren des Urwalds begegnet.
Vorsichtig öffnete er die Augen.
Graue Dunkelheit. Zwischen Baumriesen, Schlinggewächsen und toten Stämmen erinnerte die Luft an regloses, schmutziges Wasser. Behutsam senkte Hasard den Kopf – und brauchte seine ganze Beherrschung, um nicht zusammenzuzucken.
Quer über seine Brust ringelte sich eine dünne, schillernde Schlange.
Der flache Reptilienkopf bewegte sich, unruhig und suchend. Der schlanke Leib leuchtete zinnoberrot, hatte winzige schwarze Punkte und schwarze, grünlich gesäumte Streifen. Selbst im grauen Morgenlicht war die Schönheit des Farbenspiels zu erkennen, doch Hasard hätte gern darauf verzichtet, eine wenn auch noch so schöne Giftnatter aus der Nähe zu bewundern.
Sein Mund wurde trocken.
Immer noch rührte er sich nicht, aber er konnte nicht verhindern, daß sein Herz gegen die Rippen trommelte. Die Natter richtete den Kopf auf, als spüre sie das dumpfe Pochen. Lautlos glitt der schimmernde Schlangenleib weiter, bewegte sich über die Fetzen von Hasards Hemd, berührte kühl und glatt seine nackte Haut, und ein eisiges Prickeln lief über seinen Körper.
Er schloß die Augen, öffnete sie wieder.
Jetzt nur keine Panik, keine unbedachte Bewegung! Hasard hatte noch nie eine solche Schlange gesehen, aber er hatte genug über diese buntschillernden Biester gehört, um zu wissen, daß sie giftig waren und angriffslustig wurden, wenn irgend etwas sie erschreckte. Hasard hatte nicht vor, das Tier zu erschrecken. Aber dicht neben ihm schliefen Ferris Tucker und Big Old Shane, lag Edwin Carberry mit seiner Donnerstimme, und wenn der erst einmal wach wurde …
Behutsam löste Hasard seine Hand von dem feuchten Felsen.
Inch um Inch bewegte er sie aufwärts und spreizte Daumen und Zeigefinger zu einer offenen Klammer. Der Schweiß, im tropischen Urwald ohnehin ein Dauerbegleiter, rann in Bächen über sein Gesicht und brannte in den Augen. Nur noch wie durch einen Schleier sah er den sacht schwingenden Kopf der Natter und seine eigene Hand, die sich unendlich langsam auf das Tier zuschob.
Er grub die Zähne in die Unterlippe, bis er Blut schmeckte.
Für den Bruchteil einer Sekunde konzentrierten sich alle seine Nerven und Sinne, dann zuckte seine Rechte blitzartig vor.
Knapp unter dem flachen Kopf bekam er die Natter zu fassen, riß sie von sich weg und sprang keuchend auf die Beine. Der Schlangenleib zuckte und peitschte, weit öffnete sich der Rachen mit den spitzen Giftzähnen. Hasards Faust preßte sich zusammen. Mit geschlossenen Augen drückte er zu, bis der Reptilienkörper erschlaffte. Dann erst schleuderte er die Natter mit einer angeekelten Bewegung von sich.
„He, was …“
Dan O’Flynn war es, der als erster aus dem Schlaf schreckte und blindlings hochtaumelte. Hinter und neben ihm richteten sich die anderen Männer auf, ächzten, blinzelten und versuchten, die bleierne Schwere aus den Gliedern zu schütteln. Sie starrten den Seewolf an, dann die buntschillernde, jetzt leblose Schlange, dann wieder Hasard, und seine zusammengepreßten Lippen verrieten ihnen deutlich, was passiert war.
„Himmel, Arsch und Kabelgarn“, stöhnte Ed Carberry ergriffen.
„Du sagst es. Ich hätte das Biest fast am Hals gehabt.“ Hasard rieb sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und lächelte verzerrt.
„Wir müßten was gegen diese verdammte Brut unternehmen“, knurrte der Profos.
„Und was? Unsere Wachen können nicht auf die Spanier und auch noch auf Schlangen aufpassen. Die Biester sieht und hört man ja nicht. Wir müssen so schnell wie möglich aus dieser stinkenden Hölle heraus und zurück auf die gute alte ‚Isabella‘ – das ist es!“
Ja, das war es. Die Männer nickten zustimmend, aber Hasard wußte selbst, daß es leichter gesagt als getan war. Die „Isabella“ saß auf einer Untiefe vor der Teufelsinsel fest und wurde von Spaniern bewacht. Zwar hatten sie den Dons eine vernichtende Niederlage beigebracht, hatten zwei Galeonen mit Brandsätzen vernichtet und heillose Verwirrung gestiftet, aber inzwischen war der anfängliche Triumph über diesen Teilerfolg längst verflogen.
Sie hatten sich erneut in den Urwald zurückziehen müssen, in eine Hölle, die ihnen mit mörderischer Hitze, Fieber, Schlangen und hundert anderen Gefahren zusetzte. Sie waren erschöpft, am Ende ihrer Kraft, und mußten ständig damit rechnen, von den rachedurstigen Spaniern aufgespürt zu werden. Wenn sie auch jetzt, nach dem heimlichen Besuch Dan O’Flynns und Hasards an Bord der „Isabella“, über ein Boot, ein paar Pistolen, einen Beutel mit Perlen und einige Werkzeuge verfügten – von einer ausreichenden Ausrüstung und Bewaffnung konnte noch lange nicht die Rede sein.
Trotzdem kannten sie alle nur ein einziges Ziel: die Teufelsinsel.
Hasard dachte nicht daran, die „Isabella“ aufzugeben. So wenig wie Ben Brighton daran dachte, Tucker, Carberry, Dan, Big Old Shane oder einer der anderen. Selbst Bill, der fünfzehnjährige Schiffsjunge, brannte darauf, es den Dons zu zeigen. Und Dans Vater, der alte Donegal Daniel O’Flynn, der wegen seines Holzbeins am meisten unter dem schrecklichen Marsch durch die Fieberhölle gelitten hatte, bewies seine wiedererwachten Lebensgeister, indem er die Spanier mit Flüchen belegte, bei denen selbst der eisenharte Profos nur noch staunen konnte.
Jetzt allerdings war der zähe alte Mann zu sehr mit seinen schmerzenden Gliedern beschäftigt, um noch zu fluchen. Hasard ließ die Wachen ablösen und sah nach Smoky, dem der Kutscher ein Stück Blei aus der Schulter geholt hatte und dem es jetzt schon etwas besser ging. Bill, Blacky, Stenmark und der hagere Gary Andrews hatten Früchte gesucht, die zugleich den Durst löschten. Mit den ersten Sonnenstrahlen begann der Dschungel zu dampfen. Im weißen, erstickenden Dunst kauerten die Seewölfe auf der Lichtung und berieten ihre nächsten Schritte.
Ferris Tucker, der rothaarige Schiffszimmermann, streichelte gedankenverloren den Griff der mächtigen Axt, die er schon während der Gefangenschaft auf der Teufelsinsel an sich gebracht hatte. Ohne ein solches Ding an seinem Gürtel hätte er sich nur als halber Mensch gefühlt. Er war froh, daß er die Axt hatte, aber das konnte ihn nicht darüber hinwegtäuschen, daß es mit ihrer Bewaffnung ziemlich trübe aussah.
„Wir können die ‚Isabella‘ nicht unter den Augen der Dons wieder flottmachen“, sagte er. „Und mit den paar Pistolen und Messern können wir nicht die Teufelsinsel leerräumen und einen Krieg mit Cayenne anfangen.“
„Aber der schwarze Segler wird uns suchen“, erklärte Bill mit funkelnden Augen.
Hasard nickte grimmig. Ja, der schwarze Segler würde sie suchen, nachdem die „Isabella“ nicht an dem vereinbarten Treffpunkt zwischen Paramaribo und Cayenne erschienen war. Siri-Tong und Thorfin Njal würden Himmel und Hölle in Bewegung setzen. Aber auch der Wikinger und die Rote Korsarin konnten nicht hellsehen.
„Suchen und finden, das sind zwei Paar Schuhe“, knurrte Ed Carberry. „Sollen wir hier vielleicht Wurzeln schlagen, was, wie? Sollen wir warten, bis diese spanischen Rübenschweine die alte ‚Isabella‘ in die Luft sprengen, bevor wir ihnen die Haut in Streifen von ihren Affenärschen … Ah, du verlauster Decksaffe!“
Der letzte Fluch galt Arwenack, dem Schimpansen, der sich wie auf ein Stichwort aus dem grünen Himmel der Baumwipfel auf Carberrys Schulter herabgehangelt hatte. Jetzt sprang er keckernd auf den Boden und rettete sich zu seinem besonderen Liebling Dan O’Flynn.
Hasard grinste leicht. Der Schimpanse hatte sich tagelang allein auf der „Isabella“ versteckt, bis er und Dan ihn bei ihrem heimlichen Besuch von Bord geholt hatten. Und der Seewolf mußte zugeben, daß er das Maskottchen der Crew vermißt hatte.
„Wir sollten herausfinden, was die Spanier vorhaben“, schlug Ben Brighton, der Bootsmann, in seiner ruhigen Art vor.
Hasard nickte. „Richtig, Ben. Da sie uns immer noch suchen, müßte es uns gelingen, auf eins ihrer Lager zu stoßen. Wenn wir ihre Pläne kennen, können wir sie durchkreuzen und uns darauf einstellen. Allerdings müßten wir dafür etwas beweglicher sein“, fügte er hinzu, wobei er unwillkürlich nach dem breiten, massiven Halseisen tastete, unter dem die aufgeschürfte Haut bei jeder Bewegung wie Feuer brannte.
Auch die anderen trugen noch diese Erinnerungsstücke an die mörderische Gefangenschaft auf der Teufelsinsel. Von den Ketten hatte sie Ferris Tucker mit der Axt befreit, doch die Halseisen waren nicht so leicht zu lösen. Welche Qual es war, sich mit diesen Dingern schnell bewegen zu müssen, hatten Hasard und Dan bei ihrem Ausflug auf die „Isabella“ zur Genüge erfahren.
„Diese niederträchtigen Kakerlaken“, knirschte Carberry. „Diese Rübenschweine! Diese dreimal um die Rahnock gewickelten Klabautermänner …“
Er stockte abrupt. Denn neben ihm war Big Old Shane aufgestanden und griff in seiner bedächtigen Art nach dem Beutel mit den Werkzeugen, den Hasard von der „Isabella“ mitgebracht hatte. Der Hüne suchte darin herum, kratzte seinen grauen Bart und blickte dann Hasard an.
„Wenn ich es richtig sehe, willst du dieses Himmelfahrtskommando ja wohl anführen, was?“
„Und ob du das richtig siehst“, erwiderte der Seewolf.
„Na, dann setz dich mal! Das kriegen wir schon. Wozu ist man schließlich Schmied auf Arwenack gewesen – was, wie?“
Carberry blähte die Nasenflügel. Fing jetzt auch schon dieser Graubart an, sich über ihn lustig zu machen, indem er seine Sprüche klaute? Der Profos murmelte etwas von Haut und Streifen und Affenarsch, aber dann sah er fasziniert zu, wie Big Old Shane mit seinen riesigen, aber ungeheuer geschickten Pranken das Schloß von Hasards Halseisen untersuchte.
Der hünenhafte Schmied nickte ein paarmal. Schließlich wählte er einige Nägel verschiedener Größe als Werkzeuge aus. Einmal holte er kurz Luft, und dann bogen seine kräftigen Finger die stabilen Nägel zu Haken zurecht, als beständen sie aus Wachs statt aus Eisen.
Was dann folgte, war ein Geduldsspiel.
In mühseliger Arbeit knackte Big Old Shane das Schloß des Halseisens. Die anderen sahen zu: fasziniert, brennend vor Ungeduld. Jedesmal, wenn einer der Haken abrutschte, zuckten sie zusammen, fluchten unterdrückt. Ihre Nerven wurden auf eine harte Probe gestellt, aber sie würden noch feststellen, daß bei dem Delinquenten mehr als nur die Nerven strapaziert wurde.
Das Halseisen lag eng an, und es scheuerte empfindlich auf der ohnehin zerfetzten Haut, wenn Shane seine nicht eben schmalen Finger dahinterschieben mußte. Abrutschende Nagelspitzen hinterließen Kratzer, ein paarmal hatte Hasard das Gefühl, im nächsten Moment zu ersticken. Sein Blick glitt über die Gesichter der Männer, die in stummer Spannung verharrten, und er fragte sich, warum, zum Teufel, Ed Carberry nicht für ein bißchen Unterhaltung sorgte mit einigen saftigen Verwünschungen gegen die Spanier, die ihnen diese Teufelsdinger angelegt hatten.
„Jetzt“, brummte Big Old Shane nach einer Weile.
Das Wort wurde von einem Ruck begleitet, der Hasard fast den Kopf abriß, aber dafür schepperte das Halseisen neben ihm auf den Felsen. Erleichtert atmete er auf, tastete über die zerschundene Haut an der Kehle und zog rasch die Finger zurück, weil es höllisch brannte. Mit einem grimmigen Lächeln wickelte er sich einen Fetzen Tuch um den Hals. Als Verband war das zwar völlig ungeeignet, aber es würde wenigstens das Schlimmste verhüten: daß Insekten ihre Eier in den Wunden ablegten und sich diese gräßlichen Maden bildeten, die die Haut anfraßen und schlimme Entzündugen verursachten.
„Und jetzt?“ fragte Big Old Shane mit einem tiefen Atemzug.
Hasard sah in die Runde. Er blickte in abgezehrte Gesichter, eingesunkene, fiebrig glänzende Augen. Eigentlich war jeder seiner Männer reif für eine lange Erholungspause. Eigentlich! Aber sie hatten ja keine Wahl, wenn sie in dieser Hölle nicht elend verrecken wollten.
„Ben und Dan“, sagte Hasard knapp. „Ferris, Ed Carberry, Matt Davies, Batuti …“
Und damit war klar, wer an dem kitzligen Stoßtrupp-Unternehmen teilnehmen würde.
Der „Eilige Drache über den Wassern“ lag mit aufgegeiten Segeln auf der Höhe zwischen Paramaribo und Cayenne.
Wie schwarzes Filigran hoben sich Masten und Stangen im Morgengrauen ab. Die See war ruhig, im Osten über der Kimm lag gleich dem Widerschein einer Feuersbrunst die Glut der aufgehenden Sonne.
Siri-Tong stand an der Schmuckbalustrade des Achterkastells. Ihre rote Bluse leuchtete im brennenden Rot des erwachenden Morgens. Die leichte Brise griff in ihr langes schwarzes Haar, hob es an und ließ es wie ein dunkles Vlies um ihre Schultern fließen.
Massig und dunkel ragte neben ihr die Hünengestalt des Wikingers auf. Thorfin Njals Bart wehte, der Wind strich über die zottigen Felle, die seine Hüften, den Rücken und den mächtigen Brustkasten bedeckten. Nicht einmal hier in den Tropen trennte sich der Riese aus dem Norden von seiner Fellkleidung. Genausowenig, wie er sich je von dem Kupferhelm trennte, dessen Beulen und Kratzer nur zu deutlich bewiesen, wie oft er seinen Träger schon vor einem gespaltenen Schädel bewahrt hatte.
„Es ist sinnlos, glaube ich.“
Die Stimme ertönte aus dem Halbdunkel. Thorfin Njal verengte die Augen, die Rote Korsarin fuhr leicht zusammen. Nicht, weil sie die dunkle Gestalt hinter sich nicht vermutet hatten, sondern weil es höchst ungewöhnlich war, daß der Boston-Mann in einer solchen Situation den Mund auftat.
„Es ist sinnlos“, wiederholte er leise. „Jetzt kommen sie nicht mehr.“
Siri-Tong blähte die Nasenflügel und sog die frische, feuchte Luft ein. Ihre schrägen Augen schimmerten, als sie noch einmal die verschwimmende Linie der Kimm absuchte.
„Sie werden kommen“, beharrte sie.
„Nein, Siri-Tong.“ Der Wikinger formte die Worte tief in der Kehle und wandte sich mit einer bedächtigen Bewegung um. „Sie sind vorausgesegelt, Siri-Tong! Wenn sie auf dem Weg bis hierher in irgendeinen Schlamassel geraten wären, hätten wir es bemerkt, schließlich haben wir Augen im Kopf. Nein, sie kommen nicht mehr. Sie sind schon weiter im Süden.“
„Sie wären rechtzeitig zurückgekehrt“, protestierte die Rote Korsarin.
Der Wikinger zuckte mit den mächtigen Schultern. „Sie wären rechtzeitig zurückgekehrt, wenn sie es gekonnt hätten. Wahrscheinlich sind sie weitergesegelt und dann in irgendwelche Schwierigkeiten geraten. Im Süden …“
„Cayenne“, murmelte die Rote Korsarin.
„Ja, Cayenne. Und ein Haufen Spanier!“
Für einen Moment blieb es still. Siri-Tong starrte nach Süden. In ihren dunklen Mandelaugen entfachten die Reflexe der aufsteigenden Sonne ein seltsames Feuer.
Sie spürte den Wikinger hinter sich. Ohne daß ein Wort fiel, wußte sie, daß er längst die gleiche Entscheidung getroffen hatte wie sie selber.
„Nach Süden“, sagte sie. „Thorfin, laß alles Zeug setzen auf dem verdammten Kahn!“
Der Wikinger lächelte.
Für ein paar Sekunden starrte auch er in den seltsamen, irisierenden Dunst zwischen Himmel und Wasser. Dann wölbte sich sein Brustkasten unter einem tiefen Atemzug, und seine Stimme dröhnte über die Decks wie leibhaftiges Donnergrollen.
„Alle Mann an Deck! An die Brassen und Fallen! Setzt Fock und Großsegel! Setzt die Toppsegel!“
Er lächelte immer noch, während es auf dem schwarzen Segler schlagartig lebendig wurde. Für ein paar Atemzüge schienen sich die Blicke des Wikingers und der jungen Frau ineinander zu verbeißen.
„Nach Süden“, brummte Thorfin Njal, der die Rote Korsarin besser als jeder andere kannte. „Wir werden sie schon finden.“
2.
Der Stoßtrupp brach in der Abenddämmerung auf.
Big Old Shane übernahm das Kommando bei den Zurückbleibenden. Die wenigen Messer und Pistolen hatten sie sich geteilt. Auch die Männer in ihrem Versteck brauchten Waffen, da sie jederzeit damit rechnen mußten, von den Spaniern aufgespürt zu werden. Oder sich gegen andere Gefahren verteidigen zu müssen, fügte Hasard in Gedanken hinzu. Kaimane in dem nahen Fluß, Jaguare, Giftspinnen, Schlangen, die mörderischen Buschmeister …
Hasards Hand tastete unwillkürlich nach der Pistole in seinem Gürtel. Mit einer ganz ähnlichen Gebärde schloß der rothaarige Ferris Tukker die Finger um den Stiel seiner riesigen Axt. Dan O’Flynn und Ben Brighton hatten ebenfalls Pistolen, Ed Carberry benutzte ein langes, schmales Messer, das ihm überhaupt nicht gefiel. Batuti, der riesige Gambia-Neger, kämpfte sonst mit einem mächtigen Morgenstern, doch der war auf der „Isabella“ zurückgeblieben. Der schwarze Herkules behalf sich: ein scharfkantiger, kindskopfgroßer Stein, geknüpft in ein Netz aus zähen Lianen, würde ihm die gleichen Dienste leisten. Und Matt Davies brauchte keine Waffe. Bei ihm genügte es, wenn er den Stahlhaken seiner Armprothese etwas nachschliff.
Hasard hatte die Spitze, als die Männer einen der halbüberwucherten Wildpfade einschlugen, die sich durch den Urwald wanden.
Sie würden dem Fluß folgen. Denn niemand, auch die Spanier nicht, entfernte sich im Urwald weit von den Flußläufen, da sie die einzige sichere Orientierungsmöglichkeit boten. Hasards Blick bohrte sich in das schattenhafte Halbdunkel.
Dan O’Flynn, der von allen Seewölfen die schärfsten Augen hatte, war dicht neben ihm. Noch gingen sie rasch und traten fest auf, denn das Geräusch ihrer Schritte würde die Schlangen verscheuchen.
Hoffentlich, dachte Hasard. Hinter ihm fluchte Ed Carberry leise und ausdauernd, weil irgendein Insekt ihn gestochen hatte. Die Biester schwirrten zu Myriaden herum, der ganze Wald schien zu summen. Carberry bückte sich, um die Stichstelle mit angefeuchtetem Lehm zuzuschmieren.
Sie hatten Stunden damit zugebracht, ihre zerfetzte Kleidung soweit in Ordnung zu bringen, daß sie möglichst vollständig die Haut bedeckte. Ganz hatte sich das nicht bewerkstelligen lassen, und in einem ständigen stummen Kampf mußten sie sich der Insekten erwehren und die bereits vorhandenen Stiche abdecken, damit sie nicht wieder zu großen, eiternden Wunden wurden.
Ein paar umgestürzte Baumriesen versperrten den Weg. Schlingpflanzen wucherten, große rötlich-weiße Blüten schwammen bleich und fremdartig im Schatten. Hasard machte eine Bewegung, um den ersten der toten Stämme zu überklettern, da packte ihn Dan O’Flynn plötzlich am Arm.
„Da!“ flüsterte er. „Auf dem Stamm!“
Hasard starrte in die Richtung, die er wies – und zuckte zusammen. Eine handtellergroße Spinne bewegte sich auf der rauhen Rinde. Sie vollführte blitzartige, fast springende Bewegungen. Jetzt verharrte das Biest wieder. Der braungefärbte Körper hob sich kaum noch von dem Baumstamm ab.
„Eine Wolfsspinne“, sagte Ben Brighton leise. „Die Spanier auf der Teufelsinsel hatten eine Heidenangst vor diesen Spinnen.“
„Hab ich auch gehört“, sagte Dan. „Man kann einen Arm oder ein Bein verlieren, wenn man gebissen wird.“
„Spinne tot!“ erklärte Batuti.
Und ehe ihn jemand als Lügner hinstellen konnte, schlug er blitzschnell mit dem lianenumwickelten Stein zu.
Der braune Leib der Spinne wurde zerquetscht. Batuti grinste und zeigte seine prachtvollen weißen Zähne. Einer nach dem anderen überkletterten die Seewölfe die toten Baumstämme, aber jetzt waren sie noch vorsichtiger als vorher.
Minuten später erreichten sie eine Lichtung im Dschungel.
Überwachsene Felsen ragten zwischen den Baumriesen hoch. In unmittelbarer Nähe gurgelte bereits das Wasser des Flusses. Ein eigentümlich strenger Geruch hing in der Luft, und Batuti war der erste, der ihn erkannte.
„Leopard“, flüsterte er. „Verdammich!“
Hasard biß sich auf die Lippen. „Hier gibt’s keine Leoparden. Nur Jaguare …“
„Nur?“ flüsterte Ed Carberry verbiestert.
„Sie weichen den Menschen aus. Jedenfalls solange sie sich nicht angegriffen fühlen.“ Hasard kniff die Augen zusammen. Sein Blick glitt über die Lichtung, tastete die Waldsäume ab – und dann sah er plötzlich etwas ganz anderes als einen Jaguar.
„Spanier“, sagte er leise.
„Himmel, Arsch!“
Es war Carberry, der das fast unhörbar wisperte. Die Seewölfe rührten sich nicht. Noch standen sie gut gedeckt im Schatten, und jetzt sahen auch die anderen die Gestalten, die sich vom Fluß her durch das Dickicht gezwängt hatten.
Spanische Soldaten.
Schweißbedeckte, erschöpfte Gestalten, ein kleiner Trupp. Auf der Lichtung verharrten sie und unterhielten sich murmelnd. Ben und Hasard, die beide perfekt Spanisch sprachen, konnten jedes Wort verstehen.
„Ein Wahnsinn, sage ich euch!“
„Als ob es noch Sinn hätte, die verdammten Engländer zu suchen. Die sind doch längst von den Kaimanen gefressen worden.“
„Oder von den Piranhas. Oder sie sind vom Buschmeister gebissen, die Pythons haben ihnen die Knochen gebrochen, die Maden fressen sie …“
Der dritte Mann schien gar nicht genug davon zu kriegen, die verschiedenen Scheußlichkeiten aufzuzählen, die der Urwald zu bieten hatte. Aber seiner gepreßten Stimme war anzuhören, daß er lediglich seine eigene Angst betäuben wollte. Dabei hatte er bei der Aufzählung aller Gefahren sogar noch eine vergessen, wie er wenig später am eigenen Leib erfahren sollte.
Jäh und unvermittelt ertönte das Fauchen.
Von dem überwucherten Felsen löste sich ein schlanker, schwarz und gelb gefleckter Leib, grüne Raubtierlichter glommen. Mit einem gewaltigen Satz schnellte der Jaguar auf die schreckensstarren Spanier zu – und der Mann, der sich eben noch ausgemalt hatte, was den Seewölfen alles zugestoßen sein konnte, stieß einen schrillen Schrei aus.
Instinktiv warf er sich zur Seite.
Ein Prankenhieb streifte seine Schulter und schleuderte ihn zurück. Geschmeidig landete der Jaguar auf dem Boden, drehte sich fauchend um die eigene Achse und schnellte von neuem vorwärts. Ein mörderischer Prankenhieb schleuderte den zweiten Spanier ins Dickicht, aber da hatten die anderen bereits ihre Pistolen gezogen.
Peitschend entluden sich die Waffen.
Das Raubtier zuckte unter den Einschlägen und bäumte sich auf. Wieder fielen Schüsse. Während eine der Kugeln den Schädel des Jaguars zerschmetterte, rappelte sich der Mann, dem der Prankenhieb die Brust aufgerissen hatte, schreiend auf und floh durch die Büsche.
Der Körper des Jaguars zuckte noch ein paarmal, bevor er verendete.
Immer noch war das Geschrei des Flüchtenden zu hören. Der Mann war in Panik und vermutlich halb wahnsinnig vor Schmerzen und Angst. Seine Kameraden folgten ihm hastig, auch der Mann, den es an der Schulter erwischt hatte. Er taumelte, umklammerte seinen Arm mit der Hand – und er war gerade im Dikkicht verschwunden, als am Fluß die erschrockenen Stimmen der anderen aufgellten.
„Nicht, Juan! Vorsicht! Der Baumstamm! Der Baumstamm!“
Wasser spritzte.
Das Geschrei des Verletzten erstarb in einem dumpfen Gurgeln. Dann war da nur noch ein jähes, brodelndes Geräusch, als werde das Wasser von einem unsichtbaren Sturm aufgewühlt.
„Madre de Dios!“ rief einer der Spanier mit überkippender Stimme.
Hasard schluckte. Er wußte, was geschehen war. Vermutlich hatten die Spanier ihr Lager auf der anderen Flußseite. Der Verletzte mußte den Wasserlauf unvorsichtig überquert haben, in panischer Hast, von Entsetzen gejagt. Der Baumstamm, den er benutzt hatte, war umgekippt, er selbst ins Wasser gefallen, und dann …
„Piranhas“, sagte Ben Brighton, als habe er Hasards Gedanken gelesen.
Der Seewolf nickte. Ja, Piranhas. Diese kleinen, gierigen Räuber lauerten im Schlamm der Flüsse. Das Blut des verletzten Mannes mußte sie sofort angelockt haben. Und wenn sie erst einmal ihre mörderischen Zähne in eine Beute schlugen, dann dauerte es Sekunden, bis nur noch ein Skelett übrigblieb.
Minutenlang verharrten die Spanier schweigend.
„Zurück ins Lager!“ befahl dann einer von ihnen mit belegter Stimme. „Aber vorsichtig! Der Himmel mag wissen, ob der Stamm jetzt noch unser Gewicht trägt.“
Gemurmel.
Dann Stille – die atemlose Stille, die den Versuch der Spanier begleitete, auf die andere Seite des Flusses zu gelangen. Nichts geschah. Kein neuer Schrei, kein neues Opfer, das ins Wasser klatschte. Hasard atmete tief durch und wandte sich zu den anderen um.
„Na also“, sagte er trocken. „Die Burschen werden uns ganz freiwillig in ihr Lager führen. Wir brauchen ihnen nur noch zu folgen.“
Eine gute Stunde später glommen die Campfeuer der Spanier durch die Dunkelheit.
Sie hatten ihr Lager auf einem felsigen Plateau in der Nähe des Ufers aufgeschlagen, in respektvoller Entfernung vom Wasser. Die kleinen Feuer bildeten einen Kreis um das große Zelt des Capitans und die primitiven Unterkünfte der Soldaten. Die Flammen sollten Raubtiere und Insekten vertreiben. Gegen die zahllosen Schlangen konnten sie nichts ausrichten. Die Gesichter der Wachen, die mit ihren Musketen patrouillierten, waren von Angst gezeichnet.
Auch die Pferde in dem primitiven Seilgeviert am Ufer scharrten und schnaubten unruhig. An der Küste oder im freien Gelände hätte ihr Verhalten die Menschen vor drohenden Gefahren warnen können, aber hier im Urwald, in einer Umgebung voller ständiger Gefahren, versagte dieses Alarmsystem. Die spanischen Wachen wirkten äußerst nervös, und sie wurden noch nervöser, als sie erfuhren, was dem Suchtrupp zugestoßen war. Einen zweiten Trupp würde der Capitan während der Nacht bestimmt nicht auf die Beine bringen.
Hasard grinste, während er sich vorsichtig zurückzog. Immerhin war es eine gewisse Genugtuung, zu sehen, wie wenig Spaß den Spaniern die Jagd auf die Flüchtlinge bereitete. Lautlos richtete sich Hasard im Schatten eines mächtigen Baumstamms auf, und die anderen sahen ihm gespannt entgegen.
„Etwa zwanzig Mann, schätze ich“, berichtete er flüsternd. „Wir warten, bis sich die erste Aufregung gelegt hat, dann werden Ben und ich versuchen, an das Zelt des Capitans heranzukommen.“
Dans Augen funkelten. „Und hinterher werden wir ihre Pferde auseinandertreiben, ihnen irgendeine hübsche Überraschung bereiten und …“
„Wir werden nichts dergleichen tun“, sagte Hasard trocken.
„Und warum?“
„Weil wir sie sonst am Hals haben“, knurrte Carberry. „Und weil sie dann wissen, daß uns doch noch nicht die Kaimane gefressen haben. Du wirst dich gefälligst ruhig halten, wenn du nicht willst, daß ich dir die Haut in Streifen von deinem verdammten …“
„Ph!“ zischte Dan.
Und Carberry verzichtete darauf, seinen Lieblingsspruch zu Ende zu bringen, weil es sowieso nur ein halber Spaß war, wenn er nicht mit voller Lungenkraft brüllen durfte.
Zehn Minuten später brachen sie auf.
Hasard und Ben hatten ihre Pläne im letzten Augenblick geändert und beschlossen, sich doch besser zu trennen. Der Seewolf wollte sich um das Zelt des Capitan kümmern, Ben Brighton versuchte, sich so nah wie möglich an die Soldaten heranzupirschen, die an den Feuern kauerten und sich leise unterhielten.
Dan O’Flynn ließ in aufgeregtem Flüsterton eine ganze Breitseite von Argumenten los, um ebenfalls mitzudürfen. Aber Hasard erklärte ihm, daß auch bei der Rückendeckung jemand sein müsse, der Spanisch sprach – und das konnte Dan noch von der Zeit her, als er mit einigen anderen auf der „Tortuga“ als Rudersklave geschuftet hatte.
Dan, Ferris Tucker, Carberry, Matt und Batuti übernahmen es, die Aktion zu sichern.
Hasard und Ben Brighton pirschten sich dicht am Waldsaum entlang und umrundeten das Lager. Etwa in Höhe des großen Zeltes trennten sie sich. Ben schlich weiter, um die Gespräche der Soldaten am Feuer zu belauschen, Hasard ließ sich auf Knie und Ellenbogen nieder und robbte vorsichtig über die freie, nur von feuchtem Gras bewachsene Fläche zwischen den Zelten.
Kerzen brannten in der Behausung des Capitans und zeichneten die Schatten von Männern auf die ausgeblichene Leinwand. Jemand gähnte verhalten, dann erklangen spanische Stimmen.
„… haben eigentlich recht, Capitan. Ich sehe auch nicht recht ein, daß wir hier herumkriechen und unser Leben riskieren, nur um diese Engländer wieder einzufangen. Warum überlassen wir sie nicht den Kaimanen, den Jaguaren, den Schlangen?“
„Dir scheint die Vorstellung, die diese Kerle gegeben haben, immer noch nicht zu genügen, Pedro.“ Die Stimme des Capitans klang scharf und befehlsgewohnt. „Das ist kein Alligatorenfutter. Wer es schafft, von der Teufelsinsel zu fliehen, der wird auch mit dem Urwald fertig. Und vergiß nicht die beiden Galeonen, Pedro! Sie liegen auf dem Meeresgrund! Versenkt von den Kerlen, die du für zu schlapp hältst, um mit ein bißchen Viehzeug fertigzuwerden.“
Pedro sog die Luft durch die Zähne. Ein scharfer Atemzug, der erkennen ließ, was er persönlich von dem „bißchen Viehzeug“ hielt.
„Aber was sollen die Burschen denn noch groß anrichten?“ fragte er beharrlich. „Ohne ihren Kahn sind sie verloren. Und wir haben doch schon Schiffe angefordert, die die ‚Isabella‘ wieder flottmachen und in Sicherheit bringen sollen.“
Hasard hielt den Atem an.
Schiffe angefordert, klang es in ihm nach.
Schiffe, um die „Isabella“ wieder flottzumachen!
Der Seewolf biß die Zähne zusammen, daß es knirschte. Wenn das zutraf, was er da gehört hatte, wenn es so weit kam, dann war die „Isabella“ verloren. Es durfte einfach nicht wahr werden. Die „Isabella“ aufgeben, das würden sie nur im äußersten Notfall, nur dann, wenn es überhaupt keine andere Möglichkeit zum Überleben gab. Sicher, sie konnten irgendwo an der Küste ein anderes Schiff kapern. Aber kein anderes Schiff war mit der „Isabella“ zu vergleichen. Sie würden auf jeden Fall darum kämpfen, sie würden jede noch so kleine Chance nutzen, und sie würden es schnell tun müssen.
„Diese Kerle sind auch ohne ihr Schiff noch gefährlich“, sagte der spanische Capitan. „Wir müssen sie finden. Wir müssen …“
Hasard hatte genug gehört.
Vorsichtig zog er sich zurück. Er blieb im Schutz eines der kleineren, primitiveren Zelte, aus dem rhythmische Schnarchtöne drangen. Erst unmittelbar daneben richtete er sich auf, wollte mit ein paar raschen Schritten zum Waldsaum hinüberhuschen – und schien im nächsten Moment zu Stein zu erstarren.
Fünf, sechs Yards von ihm entfernt stand ein spanischer Soldat, der offenbar gerade nach den Pferden gesehen hatte.
Beim Anblick des schwarzhaarigen, blauäugigen Riesen wurden die Augen des Burschen rund wie Teller. Er riß den Mund auf. Holte Luft, um zu schreien – und Hasard wußte verdammt genau, daß er ihn nicht mehr daran hindern konnte …
Jäh und schrill zerriß der Schrei die Stille.
Ein Schrei, der unvermittelt abbrach und zu einem dumpfen Gurgeln wurde, denn da hatte Hasard dem Mann bereits die Faust ans Kinn geschmettert. Mit verdrehten Augen klappte der Spanier zusammen. Hasard sprang über ihn weg, aber er war sich nur zu klar darüber, daß der eine Schrei genügt hatte, um das Lager zu wecken.
Die Männer, die sich am Feuer unterhalten hatten, sprangen auf, wie von Giftnattern gebissen.
Der Capitan riß fast sein Zelt um, als er durch den Eingang stürmte. Spanische Befehle flogen hin und her, Flüche erklangen. Hasard blieb geduckt stehen, mit zusammengekniffenen Augen. Es wäre einfach gewesen, zu den anderen zu stoßen und einfach im Urwald zu verschwinden, aber noch befand sich Ben Brighton auf der anderen Seite des Lagers.
Hasard mußte wissen, wohin sich Ben Brighton wandte. Oder ob er überhaupt noch Gelegenheit erhielt, sich irgendwohin zu wenden. Ganz kurz nur war jenseits der Feuer Bewegung zu sehen – und einer der Spanier stieß einen schrillen Schrei aus.
„Da ist er! Da! Da ist einer von den Kerlen!“
Auch ohne seine Spanisch-Kenntnisse hätte Ben Brighton verstanden, was die Stunde geschlagen hatte.
Er schnellte hoch, warf sich herum, und stürmte in Richtung Ufer. Fünf, sechs Spanier nahmen die Verfolgung auf. Ben Brighton wandte sich nach rechts, wischte dicht vor den Kerlen vorbei, aber es waren noch genug andere da, um ihm den Weg abzuschneiden.
„Nicht schießen!“ brüllte der Capitan. „Ich will ihn lebend! Nicht schießen!“
Sehr freundlich, dachte Hasard, während er bereits geduckt quer durch das Lager raste.
Er mußte zu Ben.
Und die anderen hatten ebenfalls begriffen und würden ihnen eine Gasse freikämpfen. Schon hörte er huschende Schritte, das Knacken von Ästen. Auch die Spanier hörten es, die auf jener Seite des Camps aus ihren Zelten krochen. Fassungslos und erschrocken starrten sie ins Halbdunkel. Im nächsten Moment hatten sie das Gefühl, als habe die Hölle selber ihre sämtlichen Teufel ausgespuckt, um sie zu vernichten.
„Arwenack!“ dröhnte es aus der Schwärze.
„Ar-we-nack! Ar-we-nack!“
Wie Donner rollte der alte Schlachtruf der „Isabella“-Crew über das Lager. Gestalten brachen aus dem Dickicht, wilde, entfesselte Gestalten, die Messer und Pistolen schwangen. Eine riesige Axt glänzte im Mondlicht. Weiße, gebleckte Zähne schimmerten aus einem kohlschwarzen Gesicht. Die Spanier hatten das Gefühl, von einer halben Armee angegriffen zu werden, und selbst Hasard fragte sich für einen Moment, wie um alles in der Welt ein Grüppchen von fünf Männern ein solches Gebrüll zuwege bringen konnte.
Na ja: wo der Profos dabei war, Ferris Tucker, der schwarze Herkules Batuti, dessen Stimme es notfalls mit den Löwen seiner afrikanischen Heimat aufnahm …
Die ersten Spanier flohen.
Diejenigen, die Ben Brighton den Fluchtweg abschneiden wollten, waren für einen Augenblick verwirrt. Ihre Köpfe flogen herum. Sie wollte sehen, wer oder was da ins Lager eindrang gleich einem Gewittersturm, aber statt dessen sahen sie einen großen, breitschultrigen Mann mit flatterndem schwarzem Haar und eisblauen Augen, der mitten im Camp plötzlich aus dem Boden zu wachsen schien und unmittelbar vor ihnen emporschnellte wie ein Kastenteufel.
Hasard stieß einen wilden Kampfschrei aus.
Mit einem letzten Sprung brach er die Front seiner Gegner auf, griff sich die beiden nächstbesten Spanier und donnerte ihre Schädel gegeneinander. Klaglos kippten sie um. Drei andere griffen zu ihren Pistolen, der letzte Mann versuchte mit zitternden Fingern, die Muskete hochzubringen. Bisher war kein Schuß gefallen. Die Spanier brauchten ein bißchen Zeit, um den Schock abzuschütteln, und die Seewölfe sparten, soweit sie überhaupt Schußwaffen hatten, die Munition für den Notfall.
Noch dachte keiner von ihnen daran, diesen Kampf gegen eine Übermacht als echten Notfall zu betrachten.
Am anderen Ende des Lagers mischte sich donnerndes „Arwenack“-Gebrüll mit ersten Schmerzensschreien. Hasard trat einem der Spanier die Beine unter dem Körper weg und entriß dem Musketen-Mann die lange, unhandliche Waffe. Die beiden anderen Soldaten schafften es sogar noch, ihre Pistolen zu ziehen. Aber sie konzentrierten sich zu sehr auf den schwarzhaarigen Teufel, der da so plötzlich aufgetaucht war, und sie hatten Ben Brighton in ihrem Rücken glatt vergessen.
Der Bootsmann schlug zweimal kurz und trocken mit dem Kolben der Pistole zu.
Das war zuviel für die spanischen Schädel. Hasard grinste wild.
„Achtung!“ schrie Ben.
Der Seewolf wirbelte herum, um zu sehen, was von hinten auf ihn zu rückte.
Spanier!
Sieben, acht Männer unter der Führung des Capitans – entschlossen, diese lächerlichen zwei Engländer lebend zu überwältigen. Der Capitan hielt ein Schießeisen von gewaltigen Ausmaßen in den Fäusten. Oder besser, er hatte es in den Fäusten gehalten. Denn bevor er dazu kam, irgend jemanden damit zu bedrohen, wurde es ihm schon von Urgewalten aus den Fingern gerissen.
Hasard benutzte die Muskete als Keule.
Außer der Pistole erwischte er auch gleich noch einen Soldaten an der Schläfe und einen zweiten mit leicht gebremster Wucht seitlich am Hals. Beide verloren schlagartig die Lust an dem Kampf. Der Capitan taumelte, schrie und schlenkerte seine lädierten Hände. Mörderischer Schmerz raste durch seine Arme. Er sah nur noch roten Nebel, und aus diesem Nebel heraus zuckte etwas auf seine Stirn zu, das er nicht mehr zu erkennen vermochte. Es war der Kolben von Ben Brightons Pistole.
Der Capitan legte sich schlafen.
So konnte er seine Leute auch nicht mehr mit sämtlichen Strafen der Hölle bedrohen. Und die restlichen fünf Soldaten dachten nicht mehr daran, ihre Knochen zu riskieren, um diese beiden wie leibhaftige Tiger kämpfenden Engländer lebendig zu fangen.
Finger krallten sich um Pistolenkolben und Säbelgriffe.
Jetzt wurde es kritisch, aber jetzt war es wenigstens für diese fünf Angreifer fast zu spät. Denn inzwischen hatten die restlichen Seewölfe mit den Spaniern aufgeräumt, die auf der anderen Seite des Lagers verschlafen aus ihren Zelten gekrochen waren. Wie eine Horde entfesselter Teufel stürmten sie in Richtung Ufer, allen voran Batuti mit gebleckten Zähnen und wild rollenden Augen, und auch diesmal wurden die Spanier für eine entscheidende Sekunde von heillosem Schrecken gelähmt.
Hasard und Ben schnappten sich je einen der Kerle.
Zwei begingen den Fehler, sich den Angreifern mit gezogenen Pistolen entgegenzuwerfen. Dabei gerieten sie in die Bahn von Batutis Ersatz-Morgenstern. Ein einziger Schuß fiel, aber der Anblick des riesigen, wahrhaft furchterregenden Negers ließ den Schützen in die Landschaft zielen. Wirkungslos fetzte die Kugel durch Blätter und Ranken, dann räumte der lianenumwikkelte Stein unter den Spaniern auf.
Der letzte, der noch stehen konnte, raste wie vom Leibhaftigen gehetzt davon.
Er raste dorthin, wo sich inzwischen der Rest der Spanier zum Angriff gesammelt hatte. Die Soldaten feuerten. Blindlings! Als ersten trafen sie ihren eigenen Kameraden, der aufheulend zusammenbrach, aber die Seewölfe wußten, daß das nicht so bleiben würde.
Jetzt waren sie es, die laufen mußten.
„Feuer!“ zischte Hasard.
Er, Ben Brighton und Dan O’Flynn schossen auf die Verfolger, brachten sie dazu, sich in panischem Schrecken zu Boden zu werfen, und hetzten weiter. Sie wußten, daß sie jetzt um ihr Leben liefen.
Nach ein paar Schritten schwenkten sie vom Ufer ab, sprangen auf das etwas höher liegende Plateau und nahmen den Weg quer durch das Lager. Musketen und Pistolen krachten, aber jetzt versperrten die Zelte das Schußfeld der Spanier.
Nur ein einziges Mal mußten die Seewölfe noch ein Stück freies Gelände überqueren. Ben, Dan und Hasard hatten ihre Waffen nachgeladen. Sie feuerten auf schattenhafte Gestalten zwischen den Felsen, ließen sich fallen, als die Schüsse der Spanier peitschten, und rollten über den steinigen Boden.
Dan O’Flynn stieß einen Fluch aus und stolperte. Hasard packte ihn am Arm und riß ihn wieder hoch. Die beiden waren die letzten, die in den Schutz des Dickichts tauchten.
Minuten später glitten sie lautlos durch den grünen Schatten.
Die einbrechende Dunkelheit schützte sie. Und die Spanier zeigten wenig Lust, die Verfolgung aufzunehmen. Ihre Stimmen klangen vom Lager herüber, aufgeregte Stimmen, und Hasard hätte jede Wette gehalten, daß das große Spektakel bestimmt nicht mit einem heldenhaften Beschluß enden würde.
Er behielt recht.
Niemand verfolgte sie.
Auf dem Rückweg zu ihrem Versteck hatten sie bereits Gelegenheit, ungestört über die neue Lage nachzudenken, und das waren reichlich düstere Gedanken.
3.
„Gei auf Fock und Großsegel! Fier weg Besan!“
Die Stimme der Roten Korsarin schnitt scharf durch die Stille und hallte über das dunkle Wasser. Querab hob sich die Küste Guayanas als unregelmäßige schwarze Linie vom glutroten Widerschein der versunkenen Sonne ab. Cayenne war nicht mehr weit, aber es hatte keinen Sinn, bei Nacht weiterzusuchen. Die Mondnächte waren hell in den Tropen, doch unter Land lagen die Schatten wie schwarze Nebelbänke. Siri-Tong wollte nicht riskieren, in der Dunkelheit an der „Isabella“ vorbeizusegeln.
Das große Schiff verlangsamte seine Fahrt, die letzten Segel wurden festgelascht.
„Fallen Anker!“ ertönte das Kommando. Die Ankertrosse rauschte aus, wenig später lag der schwarze Segler sicher auf Reede.
Siri-Tong sog tief die Luft ein. Ihre Nasenflügel bebten, in den dunklen, leicht schräggestellten Augen glänzte das letzte Licht. Sie starrte zur Küste hinüber, die allmählich mit Wasser und Himmel verschwamm. Bald würde der rote Widerschein verlöschen, der Himmel sich in eine tiefschwarze Kuppel voller glitzernder Brillanten verwandeln und das Mondlicht die Umgebung mit fahlen Schleiern verhüllen. Siri-Tong grub die kleinen, scharfen Zähne in die Unterlippe. Ungeduld ließ ihre Nerven vibrieren. Ungeduld – und das Bewußtsein, daß dieses ganze Unternehmen ohnehin nur eine hauchdünne Erfolgschance bot.
Daß die Seewölfe mit der „Isabella“ in Schwierigkeiten steckten, stand fest.
Schwierigkeiten aber lauerten hauptsächlich an der Küste: stark befestigte spanische Siedlungen, Galeonen und Karavellen, die diese Siedlungen schützten, schwer bewaffnete Geleitzüge, die die Schiffe mit Gold-, Silber- oder Gewürzladungen zu Verbänden zusammenfaßten und nach Spanien oder dem Sammelpunkt Havanna brachten.
Siro-Tong und der Wikinger nahmen an, daß die „Isabella“ in eine spanische Falle geraten sei. Wie sollten sie die Galeone finden? Allzu dicht an die Küste durften sie sich nicht heranwagen, denn der schwarze Segler war ein zu auffälliges Schiff, das bei den Spaniern sofort Verdacht erregt hätte. Zu weit draußen zu segeln, war erst recht sinnlos.
Die Stimmung an Bord war auf den Nullpunkt gesunken. Immer wieder begannen die Männer zu murren. Vielleicht hätten sie ihrem Ärger längst offen Luft gemacht, wenn da nicht die unerschütterliche, stets wachsame Anwesenheit von Eike, Olig, Arne und dem Stör gewesen wäre, die genau wie der Boston-Mann in der allgemeinen Unruhe wie Felsen in der Brandung wirkten.
Siri-Tong preßte die Lippen zusammen. Ihr Blick glitt über die Gesichter, die im Halbdunkel nur noch verschwommenen Ovalen glichen.
„Arne, du übernimmst das Kommando über die erste Wache! Thorfin, Boston-Mann – ihr kommt in meine Kammer!“
Die Rote Korsarin wandte sich so heftig ab, daß das lange Haar flog. Thorfin Njal grinste leicht. Er wußte, was in der jungen Frau vorging. Und auch ihm riß ja allmählich der Geduldsfaden. Sein kräftiger Kiefer mahlte, als er wenig später neben dem schweigsamen Boston-Mann auf die Kapitänskammer zuschritt.
Siri-Tong wartete bereits. Sie hatte sämtliche Karten, über die sie verfügten, im Licht der blakenden Lampe auf dem Tisch ausgebreitet. Nachdenklich betrachtete sie ein Blatt Papier, auf dem sie etwas aufgezeichnet hatte.
„Der Küstenabschnitt, den wir in den vergangenen drei Stunden passiert haben“, sagte sie. „Es muß uns gelingen, die Stelle auf einer der Karten zu finden. Wenn wir sie haben, wissen wir wenigstens, was zwischen hier und Cayenne noch kommt.“
„Und dann können wir uns einen Platz suchen, um erst mal das Schiff zu verstecken.“ Der Wikinger nickte verstehend. „Nur bringt uns das der ‚Isabella‘ nicht näher.“
Die Rote Korsarin schüttelte ihre Mähne zurecht.
„Doch“, sagte sie. „Weil ich nämlich nach Cayenne gehe.“
Für einen Moment blieb es still.
Der Boston-Mann vollführte eine Bewegung, bei der sein großer goldener Ohrring klimperte. Thorfin Njal kratzte sich mit allen fünf Fingern an seinem Kupferhelm. Er versuchte erst gar nicht, Widerspruch anzumelden. Erstens, weil er Siri-Tongs Talent kannte, ihren Kopf durchzusetzen, und zweitens, weil auch er wußte, daß sie die Sache anders anpacken mußten, als sie es bisher versucht hatten.
„Hm“, brummte er. „Sicher, wenn der ‚Isabella‘ irgendwo in dieser Gegend etwas zugestoßen ist, wird man in Cayenne natürlich davon wissen. Also werden wir uns dort erkundigen.“
„Ich komme mit“, sagte der Boston-Mann.
„Ha!“ knurrte der Wikinger. „Glaubst du vielleicht, ich lege mich an Bord auf die faule Haut, während ihr …“
„Du kannst nicht mitkommen, Thorfin“, sagte Siri-Tong sanft. „Ein Wikinger in einer spanischen Siedlung – die Leute würden zusammenlaufen. Der Boston-Mann geht notfalls als Spanier durch. Und Frauen laufen in Städten wie Cayenne in allen Schattierungen herum. Da müßte schon eine Meerjungfrau mit Schuppenschwanz erscheinen, um aufzufallen.“
Thorfin Njal grinste und kratzte gleichzeitig heftiger an dem Kupferhelm herum, was den Widerstreit seiner Gefühle spiegelte. Auch in diesem Punkt, wußte er, hatte die Rote Korsarin recht. Wikinger in Cayenne waren ein Ding der Unmöglichkeit. Und die anderen rauhen Kerle? Gut, es gab viele darunter, die sich für die Rote Korsarin hätten in Stücke hacken lassen. Aber ob man sich voll und ganz auf sie verlassen konnte, wenn Rum, Musik und willige Mädchen lockten, war entschieden zu bezweifeln.
„Gut“, brummte der Wikinger. „Das ist ja soweit ganz schön. Aber wir können mit unserem Drachen nicht in den Hafen von Cayenne segeln und …“
„Wir versuchen es auf dem Landweg. Irgendeine Tarnung werden wir ohnehin brauchen. Vielleicht können wir uns einen Frachtwagen schnappen, irgendeine kleinere Handelskarawane überfallen.“
„Genau das“, sagte der Wikinger. „Als Händler werdet ihr bestimmt keinen Verdacht erregen. Und auf diese Weise können wir auch gleich die Frauenkleider herschaffen, die du brauchst.“
Der Boston-Mann nickte beifällig. Thorfin Njal grinste breit. Erst mit leichter Verspätung fiel ihm auf, daß Siri-Tong ihn anstarrte, als habe er von ihr verlangt, nackt auf einem Kamel in Cayenne einzureiten.
„Frauenkleider?“ wiederholte die Rote Korsarin. „Sagtest du Frauenkleider, Thorfin?“
„Sicher, wir …“
„Ich soll Weiberröcke anziehen? Ich?“
Der Wikinger seufzte. „Nun hör mal zu! Wir …“
„Nein!“ fauchte Siri-Tong. Ihre Augen sprühten Funken, und als sie den Kopf schüttelte, schien die schwarze Mähne zu knistern. „Nein, nein, nein! Ich denke nicht daran! Nicht in hundert Jahren kriegst du mich dazu, in einem dreimal verdammten, albernen Weiberrock zu steigen! Ich gehe nach Cayenne, wie ich bin!“
„Aber du kannst nicht in Hosen nach Cayenne gehen“, sagte Thorfin geduldig. „Das mußt du doch einsehen! Zehn nackte Wikinger würden weniger Aufsehen erregen als eine einzige Frau in einer Verkleidung, die …“
„Verkleidung? Hast du Verkleidung gesagt?“ Siri-Tongs Augen sprühten nicht mehr, sondern schleuderten Blitze. Sie atmete so heftig, daß die Knöpfe ihrer roten Bluse in ernsthafte Gefahr gerieten. „Sehe ich vielleicht verkleidet aus, du verrücktgewordener nordischer Steinzeitmensch? Verkleidet sind die albernen Weibsbilder, die in Röcken herumlaufen, mit denen sie an jedem verdammten Belegnagel hängenbleiben und keinen ordentlichen Schritt tun können, ohne sich auf die Säume zu treten. Soll ich mir vielleicht den Degen ans Dingsda hängen, ans Strumpfband oder wie das heißt? Oder soll ich mit einer Hutnadel pieken, wenn mir jemand krummkommt?“ Sie schüttelte den Kopf und atmete tief aus. „Und wenn ganz Cayenne sich auf den Kopf stellt – ich ziehe keine Weiberröcke an. Basta!“
„So“, knurrte der Wikinger.
Er hatte schweigend zugehört, weil es ein hoffnungsloses Unterfangen war, die Rote Korsarin unterbrechen zu wollen, wenn sie in Fahrt war. Aber auf seiner breiten Stirn hatten sich tiefe Unmutsfalten gebildet, sein mächtiger Brustkasten hob sich unter einem tiefen Atemzug, und dann war er es, der loslegte.
„So!“ wiederholte er. „So ist das! Madame zieht keine Weiberröcke an! Die ganze verdammte Gegend wimmelt von Spaniern, jeder verdammte Don kennt die Beschreibung der Roten Korsarin, aber Madame zieht keine Weiberröcke an! Der Seewolf und seine Männer stecken in wer weiß welcher Klemme, sind vielleicht in Gefangenschaft geraten, werden vielleicht morgen schon abgemurkst, aber Madame zieht keine Weiberröcke an! Madame geht in Hosen nach Cayenne! Damit sie innerhalb der ersten fünf Minuten von den Spaniern geschnappt wird, was? Damit sie schneller im Jenseits landet, als irgend jemand denken kann! Vielleicht sind die Dons großzügig und spendieren dir einen hübschen Grabstein. Da kannst du es ja dann einmeißeln lassen: Madame starb in Hosen!“
Er holte Atem. Es klang sehr nach dumpfem Donnergrollen. Siri-Tong schluckte erschrocken.
„Aber …“ begann sie, schon merklich kleinlauter.
„Tu, was du willst! Aber du mußt dich schon entscheiden. Wenn du auf deinem großen Auftritt als Rote Korsarin in Cayenne bestehst, wirst du bestimmt nichts über die ‚Isabella‘ erfahren!“
Zur Bekräftigung seiner Worte ließ der Wikinger die Faust auf den Tisch fallen. Die Seekarten gerieten durcheinander, der Krach erinnerte entfernt an einen Kanonenschuß. Siri-Tong preßte die Lippen zusammen, verschränkte die Arme vor der Brust und schleuderte Blicke, die einen Vulkan hätten einfrieren können.
Aber sie wußte, daß Thorfin Njal recht hatte. Ihre nächsten Worte bewiesen es.
„Na schön“, sagte sie gepreßt. „An mir soll es nicht scheitern. Schaff mir den verdammten Weiberrock her, und ich werde ihn anziehen.“
Zwei Stunden später lief der schwarze Segler in eine versteckte Bucht nördlich von Cayenne.
Unter Führung des Boston-Mannes gingen ein paar Männer der Crew an Land. In einem halbstündigen Marsch erreichten sie eine der Handelsstraßen, die ins Landesinnere führten, und diesmal meinte es die Vorsehung gut mit ihnen.
Die kleine Karawane aus Maultieren und einem hochbeladenen Frachtwagen, die Cayenne zustrebte, war leichte Beute. Zwei Frauen verkrochen sich kreischend unter der Wagenplane, als sie sich plötzlich umringt sahen.
Die beiden Männer auf den Maultieren waren vom Anblick der wilden, verwegenen Gestalten wie gelähmt und wehrten sich nicht. Sie wurden bleich, als Hilo und der vierschrötige Juan ihre Säbel zogen, aber der Boston-Mann stoppte die beiden mit einem scharfen Zuruf.
„Fesselt sie! Hier wird niemand niedergemetzelt, der sich ergeben hat. Wir bringen sie an Bord, klar?“
Juan knurrte etwas Unverständliches, aber er wußte, daß es nicht ratsam war, sich mit dem Boston-Mann anzulegen. Die beiden Spanier atmeten erleichtert auf, auch die Frauen wagten sich jetzt unter der Plane hervor. Sie zitterten an allen Gliedern. Die Aussicht, auf ein Piratenschiff gebracht zu werden, erschien ihnen offenbar als der Gipfel aller Schrecken. Daran konnte auch die Versicherung des Boston-Mannes nichts ändern, sie hätten nichts zu befürchten und man werde sie bald wieder freilassen.
Maultiere und Wagen wurden so dicht an die Bucht herangebracht, wie es der Pfad zuließ. Die jüngere der beiden Frauen riß die Augen auf, als der Boston-Mann sie bat, ein paar von ihren Kleidungsstücken leihweise zur Verfügung zu stellen. Für eine Frau an Bord, fügte er hinzu. Da wurde die spanische Lady eifrig, weil sie in dieser Frau ein armes verschlepptes Opfer vermutete.
Siri-Tong stand mit funkelnden Augen auf dem Achterdeck, als die Händler an Bord gebracht wurden.
Die beiden Spanier vergaßen einen Teil ihrer Angst und kriegten das gewisse Flimmern im Blick, das der Anblick der Roten Korsarin bei fast allen Männern auslöste. Auf die beiden Frauen wirkte die schlanke, straffe Gestalt mit der flatternden schwarzen Mähne, den knappsitzenden Schifferhosen und der roten Bluse einschüchternd. Sie hielten sich an den Händen und preßten sich aneinander wie aufgescheuchte Hühner. Der Anblick des rotbärtigen, in Felle gekleideten Wikingers brachte sie vollends an den Rand einer Ohnmacht.
Thorfin Njal hatte seine liebe Mühe, ihnen auseinanderzusetzen, was man von ihnen wollte. Siri-Tong hörte schweigend zu. Sie hatte nicht gewußt, daß dieses Gebirge von Kerl soviel Zartgefühl entwickeln konnte, und ihre eisige Miene verriet deutlich, was sie davon hielt, um zwei Weiber in Röcken einen solchen Schmus zu machen.
„Kommst du heute nacht noch zu einem Ende, Thorfin?“ fragte sie schließlich gefährlich leise.
Der Wikinger grinste. „Aber klar doch! Senorita Agnessa wird dich in eine echte, eh, Landratte verwandeln.“
Beinahe hätte er Dame gesagt, aber er bremste sich, weil er sich nicht gern die Augen auskratzen lassen wollte. „Ihre Kleider dürften dir ungefähr passen“, fuhr er fort. „Und dann, eh, solltest du dein Haar ein bißchen in Locken legen. Zur Tarnung …“
„Locken? Bist du verrückt?“
„Zur Tarnung!“ wiederholte der Wikinger beschwörend.
Siri-Tong warf ihm einen wahrhaft vernichtenden Blick zu, aber diesmal verzichtete sie darauf, ihre Meinung deutlicher zum Ausdruck zu bringen.
Es ging um den Seewolf.
Um den Mann, den sie liebte.
Um einen wichtigen Verbündeten, wie sie sich selbst einzureden versuchte – und da durfte auch im allgemeinen Interesse kein Opfer zu groß sein.
Cookie, der schmierige Koch, sperrte Mund und Nase auf, als er wenig später vorsichtig ein Becken mit glühenden Kohlen in Siri-Tongs Kammer schleppte und die Rote Korsarin in Gesellschaft einer kreidebleichen spanischen Senorita vorfand. Siri-Tongs Blick war so mörderisch, daß dem Koch fast das Kohlenbecken aus der Hand fiel und er schleunigst das Weite suchte. Die Rote Korsarin knallte die Tür zu. Mit verschränkten Armen beobachtete sie, wie die arme Agnessa eine lange Lockenschere in die Glut schob – mit einem Gesicht, als treffe sie die Vorbereitungen für ihre eigene Hinrichtung.
Fünf Minuten später war es soweit. Agnessas Finger zitterten, als sie die Brennschere aus der Glut nahm und darauf wartete, daß sich das Metall etwas abkühlte. Siri-Tong runzelte die Stirn. Ihr erschien das Ding wie ein äußerst sinnreich konstruiertes Folterwerkzeug. Und damit bearbeiteten Spanierinnen ihre Haare?
„Wenn du mich mit dem Ding verbrennst, lasse ich dich kielholen“, versprach sie.
Die bedauernswerte Agnessa wurde noch etwas bleicher, obwohl – oder gerade weil – sie nicht die geringste Ahnung hatte, was kielholen bedeutete.
„Wenn – wenn Sie sich vielleicht setzen würden?“ stammelte sie.
Siri-Tong setzte sich. Agnessa stand der Schweiß auf der Stirn. Das Schiff schaukelte in der Dünung. Ihre Finger zitterten. Die rätselhafte Drohung mit dem Kielholen rumorte in ihrem Kopf, und in den nächsten Minuten hatte sie das Gefühl, mit Siri-Tongs schwarzer Mähne einen Kampf auf Leben und Tod auszufechten.
Nach einer Viertelstunde fand sie fast schon Spaß an der Sache.
Schwesterlich teilte sie ihre eigenen Haarnadeln, um der Frisur den letzten Schliff zu geben. Das Haar wurde in der Mitte gescheitelt und an den Seiten zurückgenommen. Eine Flut weicher Wellen fiel in den Nacken, und als die Rote Korsarin einen Blick in einen Handspiegel riskierte, starrte sie in ein sanftes Madonnengesicht.
„Heiliges Kanonenrohr“, murmelte sie erschüttert.
Agnessa strahlte, stolz auf ihr Werk, aber das änderte sich, als Siri-Tong ihr einen wilden Blick zuschleuderte.
„Raus!“ zischte die Korsarin. „In die verdammten Röcke kann ich allein steigen.“
Agnessa suchte das Weite. Siri-Tong stieg aus den Schifferhosen, schleuderte die Bluse in die Ecke und begann, die diversen Röcke und Unterröcke zu sortieren, die idiotischerweise alle gleichzeitig getragen werden mußten.
Eine Hose, stellte sie fest, war auch dabei: ein knielanges Kuriosum mit Rüschen und Bändchen und Schleifchen. Mit Todesverachtung stieg sie hinein, schnappte sich das Mieder und warf es zwei Minuten später der roten Bluse hinterher, weil ihrer Meinung nach zwei kräftige Männer nötig gewesen wären, um es zuzuschnüren.
Als letztes folgte das Kleid: dunkelrote Seide, ebenfalls mit lächerlich vielen Rüschen und Schleifen. In der Taille saß es wie angegossen. Obenherum spannte es bedrohlich. Und es ließ entschieden mehr sehen, als zwei offene Blusenknöpfe es taten.
Jetzt, da sie allein war, warf Siri-Tong einen etwas ausgiebigeren Blick in den Handspiegel.
War sie das wirklich selbst? Eben noch hatte sie ausgesehen wie eine exotische Madonna mit Mord im Blick, jetzt trat auch in ihre Augen ein weicherer Ausdruck. Sie lächelte.
„Du würdest staunen, Seewolf“, flüsterte sie.
Und im nächsten Moment begannen ihre Augen wieder zu funkeln, weil sie sich dabei ertappte, daß sie sich nur zu sehr wünschte, Philip Hasard Killigrew wäre da und könnte sie sehen.
Mit einer wilden Bewegung wandte sie sich ab und stieß die Tür auf.
Mondlicht fiel auf das Deck. Siri-Tongs Pfirsichhaut schimmerte und hob sich hell und sanft vom dunklen Glanz der Seide ab.
Das Haar umspielte ihr rassiges Gesicht in weichen Wellen und untermalte den geheimnisvollen exotischen Zauber ihrer Züge. Die Männer auf der Kuhl hatten das Gefühl, einen Traum zu erleben.
Tiefe, andächtige Stille breitete sich aus. Eine Stille, die Siri-Tong erst bewußt wurde, als sich der Wikinger heftig an seinem Kupferhelm kratzte.
Ihre Augen blitzten auf. Mit einer heftigen Bewegung stemmte sie die Fäuste in die Hüften, warf den Kopf zurück und verstreute Haarnadeln.
„Was steht ihr da und glotzt?“ fauchte sie. „Das ist ein Schiff und kein Schmierentheater. Boston-Mann, wieso, in drei Teufels Namen, ist das Boot noch nicht abgefiert? Bewegt ihr euch jetzt, oder soll ich euch Beine machen?“
Der Boston-Mann flitzte. In die Männer kam schlagartig Bewegung. Thorfin Njal kratzte immer noch ausdauernd an seinem Kupferhelm.
„O verdammt“, flüsterte er.
Und das war im Moment der einzige Kommentar, der ihm einfiel.
4.
Auf dem Weg nach Cayenne war der Boston-Mann noch schweigsamer als sonst. Das lag an der Anwesenheit der verwandelten Frau an seiner Seite.
Siri-Tong war durchaus nicht schweigsam. Sie zischte Flüche und Verwünschungen. Ihrer Meinung nach war es heller Wahnsinn, ein Unternehmen wie diese Fahrt mit Planwagen und störrischen Maultieren über miserable Straßen in Rökken zu bewerkstelligen. Was, zum Teufel, machten diese Weiber mit ihren Röcken, wenn sie zum Beispiel auf einem Maultier reiten wollten? Oder beschränkten sie sich etwa darauf, im Wagen zu sitzen und sich spazierenfahren zu lassen?
Der Boston-Mann, an den diese Fragen gerichtet waren, zuckte nur mit den Schultern, und Siri-Tong schüttelte sich wütend die letzten Haarnadeln aus der Frisur.
Als sie Cayenne erreichten, gaben ihr die wirr auf die Schultern fallende Lockenflut und das düstere Rot der Seide schon wieder die wilde, ungebändigte Schönheit, die ihrem Wesen entsprach.
Männer drehten sich auf der Straße um. Bewundernde Blicke folgten der kleinen Karawane. Die spanischen Wachtposten kontrollierten nur flüchtig die Ladung. Einer der Soldaten trat mit glitzernden Augen an den Wagen heran.
„Meine Verehrung, Senorita! Sie müssen von weither angereist sein. Bestimmt wären Sie mir sonst schon einmal aufgefallen – eh …‘ Er verhaspelte sich nach diesem Ausbruch spanischer Grandezza und schluckte.
Siri-Tong lächelte hoheitsvoll. Unter normalen Umständen hätte sie diesem langen, dürren Typ mit dem traurigen Pferdegesicht nur soviel Aufmerksamkeit geschenkt, wie nötig gewesen wäre, um ihn aus dem Weg zu scheuchen. Aber jetzt waren die Umstände nicht normal. Der Mann gehörte zu den spanischen Soldaten, und Soldaten waren im allgemeinen gut informiert.
Die Rote Korsarin lächelte weiter.
„Ja, wir waren lange unterwegs“, bestätigte sie in perfektem Spanisch. „Jetzt suchen wir eine Herberge. Könnten Sie uns vielleicht einen Rat geben, Senor?“
Der Soldat schluckte den Köder so glatt wie einen Löffel Honig. „Aber gern, Senorita! In der ‚Reina de Cayenne‘ finden Sie alles, was Sie brauchen. Auch Vergnügen und Entspannung nach der langen Fahrt, Senorita.“ Er zeigte seine gelben, schadhaften Zähne und blinzelte vertraulich. „Es wäre mir eine Ehre, Sie und Ihren – eh, hmm …“
Sein Blick suchte den Boston-Mann, der hinter dem Wagen stand und den anderen Soldaten zusah. Siri-Tong dachte an das, was sie verabredet hatten: daß der Boston-Mann ihren eifersüchtigen Liebhaber spielen sollte, um einen Grund zu haben, sich in ihrer Nähe herumzutreiben.
„… Begleiter“, half sie dem stotternden Spanier auf die Sprünge. Dann gab sie sich innerlich einen Stoß, damit ihr die nächsten Worte glatt über die Lippen gingen. „Ich bin eine schwache Frau und auf Schutz angewiesen, Senor. Aber Sie – Sie können doch sicher nicht einfach Ihren Posten verlassen, oder?“
Der Spanier strahlte, was sein Pferdegesicht auch nicht schöner werden ließ. „Oh, ich bin hier nur zufällig vorbeigekommen. Mein Name ist Esteban Jerez. Ich tue sonst Dienst auf der Teufelsinsel.“
Siri-Tong überwand sich zu einem leichten Erzittern. „Wie schaurig!“
„Oh, es ist nur ein Name, Senorita. In den letzten Tagen war dort allerdings wirklich der Teufel los. Eine Meuterei gefangener Engländer! Wahre Bestien!“
Die Rote Korsarin hielt den Atem an.
Gefangene Engländer? Wahre Bestien, die es fertigbrachten, noch in der Gefangenschaft der Spanier den Teufel loszulassen? Siri-Tongs Herzschlag beschleunigte sich, sie fühlte die jähe Erregung bis in die Fingerspitzen, aber sie wußte, daß sie hier und jetzt nicht zu viele Fragen stellen durfte, wenn sie keinen Verdacht erreg en wollte.
„Ich wußte gleich, daß Sie ein Mann sind, der ein aufregendes Leben führte, Senor“, sagte sie. „Sie müssen mir von sich erzählen! Von Ihren Abenteuern, von der Teufelsinsel …“
Der spanische Soldat fühlte sich plötzlich, als schwebe er auf Wolken.
Nie hatte sich eine so traumhaft schöne Frau für ihn interessiert. Nie hatte irgend jemand an dem stumpfsinnigen Leben, das er führte, auch nur das Geringste aufregend gefunden. Er atmete tief durch, reckte die Schultern und begann, sich als Held zu fühlen.
„Mit dem größten Vergnügen, Senorita“, sagte er galant. „Ich bringe Sie und Ihren – eh, hmm – Begleiter zur Herberge. Es wird mir eine Ehre sein, Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen.“
In der Nähe der Küste endete der Urwald so unvermittelt, daß er eine undurchdringliche schwarze Wand bildete.
Ein paar Felsen schoben sich terrassenförmig über den schmalen, im Mondlicht silbern schimmernden Strandstreifen, der die Bucht säumte. Die dünne Erdschicht bot nur Gestrüpp und jungen Palmen Nahrung. Wenn sie eine gewisse Höhe erreicht hatten, stürzten sie um und bildeten ein undurchdringliches Gewirr aus toten Stämmen. Zu beiden Seiten der Bucht stieß der Urwald keilförmig vor, als habe es die Natur darauf angelegt, hier einen Sichtschutz zu schaffen.
Die Seewölfe hatten Stunden gebraucht, um diesen Platz zu finden. Dan O’Flynns Idee war es gewesen. Wenn die Spanier ohnehin im Dschungel nach ihnen suchten, hatte er gemeint, könne man ja genausogut an die Küste zurückkehren.
Hasard war der gleichen Ansicht gewesen. Vor allem, da ihm durch das belauschte Gespräch im Camp der Spanier klargeworden war, daß sie nicht mehr lange zögern durften, wenn sie etwas unternehmen wollten, um sich die „Isabella“ zurückzuholen.
Es würde hart auf hart gehen und ein wahres Höllenkommando werden: ein Höllenkommando, über dessen genauen Ablauf nicht einmal der Seewolf irgendeine Vorstellung hatte.
Fest stand, daß die Männer dringend eine ungestörte Nacht brauchten, eine Nacht ohne Insekten, Schlangen, Kaimane und dampfende Urwald-Schwüle. Hier in dieser winzigen, geschützten Bucht waren sie vorerst sicher. Es sei denn, daß sich eine spanische Galeone den Platz als Ankergrund aussuchte, dachte Hasard grimmig. Die konnten sie dann vielleicht entern und dazu benutzen, die „Isabella“ wieder zu besetzen.
Wunschträume!
Für eine spanische Galeone gab es nicht den geringsten Grund, eine einsame Bucht anzulaufen, statt den Hafen von Cayenne. Hasard kniff die Augen zusammen und suchte den Horizont ab, einen dunklen, verschwommenen Horizont, verborgen hinter nebligem Mondlicht. Dabei war der Himmel klar. Wie Brillanten auf schwarzem Samt glitzerten die Sterne, spiegelten sich im Wasser und brachen sich zu funkelnden Lichtpfeilen. Nur dort draußen, dieser seltsame Dunst. Wolken? Ja, es mußten Wolken sein, die über dem Horizont die Sterne verbargen. Wolken, die am Tag vermutlich dünn und gelblich ausgesehen hätten.
Hasard furchte die Stirn und sog witternd die Luft ein. Das Wetter in diesem Teil der Welt war ihm nicht mehr fremd, seit er damals unter Kapitän Drake schon einmal Kap Horn gerundet hatte. Er spürte, daß sich da etwas zusammenbraute und ein Wetterumschwung bevorstand. Seine Haltung hatte sich gespannt, als Ben Brighton, Ferris Tucker und Ed Carberry neben ihn traten.
Auch sie starrten nach Osten und wußten diese seltsamen Dunstgebilde richtig zu deuten – mit dem Instinkt der erfahrenen, von allen Salzwassern der Meere getränkten Seefahrer.
Ben Brighton rieb sich mit dem Handrücken über die wuchernden Bartstoppeln in seinem Gesicht. Ed Carberry kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und schob sein Rammkinn vor.
„Verdammt!“ sagte er. „Wenn das keinen Sturm gibt, ziehe ich mir selbst die Haut ab!“
„Von deinem verdammten Affenarsch?“ fragte Dan O’Flynn aus dem Hintergrund vorwitzig.
„Ha! Willst du frech werden, du Rübenschwein? Soll ich dir mal einen Zierknoten in den Hals drehen?“
„Still!“ mahnte Hasard.
Der Profos senkte die Stimme. „Von diesem nachgemachten Hering laß ich mich doch nicht verarschen!“ zischelte er empört.
„Es sieht wirklich nach Sturm aus“, sagte Ben Brighton nachdenklich. „Nach einem saftigen Sturm! Wenn in dieser Gegend das Wetter erst einmal umschlägt …“
Er sprach nicht weiter. Inzwischen waren auch die anderen Seewölfe herangekommen, und Dan schlug wohlweislich einen Bogen um den wütenden Profos.
„Mist“, murmelte Stenmark. „Wenn wir tatsächlich Sturm kriegen, und das Wetter erwischt die ‚Isabella‘ auf der Untiefe …“
Auch er ließ das Ende seines Satzes in der Luft hängen. Er brauchte auch gar nicht weiterzusprechen. Denn auch der letzte der Männer wußte, daß die „Isabella“ verloren war, wenn sie dort, wo sie jetzt unverrückbar festsaß, in einen schweren Sturm geriet.
„Kkkrrch!“ stieß Batuti hervor. Womit er wohl das Geräusch von brechenden Spanten und wegknikkenden Masten andeuten wollte. „Müssen machen Spanier kaputt, bevor Sturm ‚Isabella‘ kaputtmacht! Köpfe einschlagen! Krach, bumm!“
„Krach, bumm!“ höhnte Stenmark erbittert. „Und dann den Sand unter dem Kiel mit Schaufeln wegbuddeln, was?“
Batuti tippte mit dem Zeigefinger an seine schwarze Stirn. „Nix buddeln! Du blöd im Schädel! Sturm macht vielleicht Wasser unter Kiel von altes ‚Isabella‘. Klar?“
Hasard hatte gerade das gleiche sagen wollen, wenn auch in etwas anderen Worten. Jetzt grinste er über die sprachlosen Gesichter, mit denen seine Männer den riesigen Gambia-Neger anstarrten. Stenmark sah reichlich verdattert aus. Blacky und Smoky seufzten andächtig. Und Donegal Daniel O’Flynn junior stieß einen schrillen Pfiff aus und hüpfte hoch, um Batuti mit Schwung auf die Schultern klopfen zu können.
„Nix buddeln!“ Dans Stimme überschlug sich fast. „Sturm macht Wasser unter Kiel von altes „Isabella‘! Ha! Altes ‚Isabella‘ vielleicht freikommen und …“
„Jetzt ist er ganz übergeschnappt“, brummte der alte O’Flynn.
Dan ließ sich nicht stören. Seine Augen funkelten, als er Hasard ansah. „Batuti hat recht! Er hat sogar verdammt recht! Wenn der Sturm das Wasser steigen läßt, könnte die Isabella freikommen. Wir brauchen nur noch an Bord zu gehen! Es ist die Einfachheit selber!“
„Sicher“, sagte Hasard trocken. „Wir gehen an Bord, warten auf den Sturm, der vielleicht heute, vielleicht morgen oder vielleicht gar nicht einsetzt, und halten uns inzwischen die Dons vom Leibe. Die Einfachheit selber!“
Dan schluckte. Diesmal fehlte selbst ihm die passende Erwiderung. Und in den Gesichtern der Seewölfe, über die eben noch ein Aufleuchten der Erleichterung geglitten war, malte sich die Erkenntnis, daß die Sache nicht die Einfachheit selber war, sondern im Gegenteil ein äußerst kritisches und riskantes Unternehmen.
Hasard faßte die Schwierigkeiten mit leidenschaftsloser Stimme zusammen.
„Es gibt nur eine einzige Chance für uns, und zwar die, bereits an Bord der ‚Isabella‘ zu sein, wenn der Sturm losbricht. Da wir diesen Zeitpunkt nicht mit Sicherheit voraussagen können, werden wir bei Nacht und Nebel an Bord gehen müssen, lautlos die Wachen ausschalten, uns verstecken und auf irgendeine Weise die Dons über die wahren Verhältnisse täuschen. Da uns das nur für eine gewisse Zeit gelingen kann, müssen wir unter Umständen auch noch kämpfen. Wenn der Sturm ganz ausbleibt, was ohne weiteres möglich ist, haben wir keine Chance mehr. Wenn die Spanier uns vorzeitig entdecken, können wir nur noch beten, daß die Schiffe, die sie angefordert haben, nicht schneller als der Sturm da sind. Dann können sie uns nämlich in aller Ruhe in Fetzen schießen. Dazu ist es nicht einmal nötig, daß wir außergewöhnliches Pech haben. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die Spanier uns schnappen, es sei denn, daß wir unverschämtes Glück haben.“
Für einen Moment blieb es still.
Ferris Tucker fuhr sich mit allen fünf Fingern durch sein rotes Haar. Bill, der Schiffsjunge, sah mit leuchtenden Augen von einem zum anderen. Er hatte noch die ganze Bedenkenlosigkeit des halbwüchsigen Jungen. Die „Isabella“ unter den Augen der verhaßten Dons im Sturm zu entführen, das war ein Abenteuer ganz nach seinem Geschmack. Daß es zur Katastrophe geraten konnte, darüber dachte er im voraus nicht viel nach.
Flüchtig glitt Hasards Blick über das Gesicht des Jungen, und er stellte fest, daß Bill immer mehr dem vorwitzigen, tatendurstigen Bürschchen zu gleichen begann, das Dan O’Flynn vor ein paar Jahren gewesen war.
Die anderen dagegen nahmen die Dinge nicht so leicht. Sie wußten, daß es Dummheit gewesen wäre, sie leicht zu nehmen. Ed Carberry schob sein Rammkinn vor und knirschte mit den Zähnen.
„Noch einmal ergebe ich mich den Dons nicht freiwillig, das schwöre ich!“ stieß er hervor. „Ein zweites Mal legen die mir kein Eisen an, nicht, solange ich lebe. Aber bevor ich abkratze, wird es noch eine Menge von diesen verlausten spanischen Affenärschen erwischen“, fügte er hinzu, als versuche er noch im Nachhinein, seinen Worten etwas von ihrem düsteren Ernst zu nehmen.
Hasard nickte nur.
Nein, ein zweites Mal würden sie sich nicht ergeben, und wenn noch so viele spanische Schiffe ihre Stückpforten öffneten, um die manövrierunfähige „Isabella“ in Fetzen zu schießen. Sie würden sich schon deshalb nicht ergeben, weil es ganz sicher keine zweite Chance gab, von der Teufelsinsel zu entkommen. Ganz davon abgesehen, daß die Spanier diesmal bestimmt kurzen Prozeß mit ihnen machen würden.
Der Seewolf preßte die Lippen zusammen und sah von einem zum anderen.
„Wir haben die Wahl“, sagte er. „Entweder das Unmögliche versuchen – oder die ‚Isabella‘ aufgeben und gegen eine bessere Überlebenschance eintauschen. Es ist eine Entscheidung, die ich nicht allein treffen kann und will. Also?“
Ein kurzes Schweigen entstand. Hasards eigene Meinung stand längst fest. Aber er wußte, wenn er sie gesagt hätte, wäre die Crew sofort wie ein Mann hinter ihm gewesen. Und das wollte er nicht, nicht in dieser Sache, bei der sie dem Teufel nicht nur den Schwanz langziehen, sondern ihm geradewegs ins Maul greifen würden.
„Die ‚Isabella‘ aufgeben?“ fragte Dan ungläubig. „Bist du verrückt geworden – ich meine, ist das dein Ernst?“
„Unfug!“ brummte Stenmark.
„So’n Blödsinn!“ sagte Matt Davies.
„Wir geben doch die ‚Isabella‘ nicht auf! Nie!“
„Batuti nix dumm im Kopf. Batuti nicht weg von ‚Isabella‘.“
„Ben?“ fragte Hasard ernst.
Der Bootsmann preßte die Lippen zusammen. Er war von all diesen Männern vielleicht der Besonnenste, derjenige, der auch schon einmal zur Vorsicht riet, zum Nachgeben, statt zum Drauflosstürmen. Aber jetzt hatte er die Hände geballt, und auch in seinem Gesicht stand eiserne Entschlossenheit.
„Sollen wir das beste Schiff, das je in England gebaut wurde, den Spaniern schenken?“ fragte er. „Sollen wir zulassen, daß sich die Geschütze der ‚Isabella‘ vielleicht demnächst auf unsere Landsleute richten? Und daß morgen in Cayenne erzählt wird, wir hätten uns in den Urwald verkrochen, wie – wie …“
„… wie eine Bande verdammter, verlauster Affen“, vollendete Carberry treffsicher. „Nein. Wir holen uns die ‚Isabella‘ zurück. Oder ist etwa jemand anderer Meinung?“
Es war deutlich zu sehen, daß niemand anderer Meinung war. Hasard hob rasch die Hand, um zu verhindern, daß die Crew in einen donnernden Schlachtruf ausbrach. Das Ergebnis war, daß Bill und Dan im Duett ihr „Arwenack“ schmetterten. Laut genug war es immer noch, und für einen Moment löste sich die Spannung in gedämpftem und dennoch befreiendem Gelächter.
Hasard warf das lange schwarze Haar zurück. Seine Augen schimmerten wie blaues Eis im Mondlicht.
„Gut“, sagte er ruhig. „Und jetzt zum praktischen Teil der Angelegenheit. Wir werden nicht mit dem einen Boot auskommen, das wir haben. Wir brauchen weitere Boote, Vorräte, Frischwasser, nach Möglichkeit noch ein paar Waffen.“
Es dauerte nicht mehr lange, bis auch die Einzelheiten geklärt waren.
Hasard hatte bei dem heimlichen Besuch an Bord der „Isabella“ einen Beutel Perlen aus dem gut getarnten Schatzversteck geholt. Und es gab Fischer an der Küste von Guayana, Indios, die auf die Spanier alles andere als gut zu sprechen waren. Es mußte gelingen, irgendwo Perlen gegen die benötigten Boote und Ausrüstungsgegenstände einzutauschen.
Ben Brighton stellte einen Trupp zusammen.
Gleich am frühen Morgen sollten sie aufbrechen. Frühestens in der folgenden Nacht, nach Einbruch der Dunkelheit, konnten sie dann ihr verwegenes Unternehmen starten. Bis dahin würde das Warten das Schlimmste sein.
Um dieselbe Zeit war die Rote Korsarin nahe daran, zu dem Dolch zu greifen, den sie unter dem Rock trug.
Sie schäumte vor Wut. Ihre eigene Idee war es gewesen, den verräucherten Schankraum der Herberge mit der frischeren Nachtluft zu vertauschen. Aber sie hatte dabei vergessen, daß sie hier nicht die Rote Korsarin war, sondern als Geliebte oder Partnerin eines hergelaufenen Händlers galt, auf jeden Fall als leichtsinniges Frauenzimmer. Oder nicht einmal das! Denn Frauen dieses Schlages verstanden sich zu wehren, bei denen hätte sich ein schmieriger Kerl wie dieser Esteban Jerez bestimmt nicht so aufgeplustert, ohne binnen einer Viertelstunde auf sein mickriges Maß zurechtgestutzt zu werden.
Aber Siri-Tong hatte sich nun einmal bei der ersten Begegnung auf die Rolle der schwachen Frau festgelegt, und jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als diesen angetrunkenen, pferdegesichtigen Widerling anzuhimmeln.
Immerhin, sie hatte schon einiges von ihm erfahren.
Sie wußte inzwischen, daß die „Isabella“ auf einer Untiefe festsaß und der Seewolf und seine Männer von der Teufelsinsel geflohen waren und sogar noch mit einer unheimlichen, den Spaniern unbekannten Waffe zwei Galeonen zu den Fischen geschickt hatten.
In den Schilderungen des Soldaten nahmen die Seewölfe die Dimension blutgieriger, unbezwinglicher Teufel an. Es schien ihn sehr zu befriedigen, daß diese Bande von Teufeln vor ihrer Flucht noch eine bittere Lektion hatte schlucken müssen.
Mit sichtlichem Vergnügen berichtete er über die Auspeitschungen, Schikanen und sadistischen Quälereien. Siri-Tong erstickte fast an dem Wunsch, sich den Dolch zu schnappen und diesen widerlichen Kerl scheibchenweise zu verhackstücken.
Statt dessen bemühte sie sich geduldig, ihn weiter auszuhorchen, duldete seinen Arm um ihre Taille, ohne ihm die Augen auszukratzen und beschränkte sich auf geziertes Zurückweichen, als er sich erdreistete, ihr Ohrläppchen zu küssen. Sie hatte immer noch nicht herausgefunden, wohin die Seewölfe geflohen waren, und der Soldat wußte auch nicht genau, warum die „Isabella“ festsaß und wie man sie wieder flottkriegen konnte. Aber er hatte die Möglichkeit, das alles herauszufinden, und Siri-Tong mußte ihn irgendwie dazu bewegen, es für sie zu tun.
Die richtige Idee fiel ihr ein, als es Esteban nunmehr danach gelüstete, zum Nahkampf überzugehen.
Ungeschickt zog er sie an sich, seine Hände betatschten ihren Rücken. Alkoholdunst schlug ihr entgegen, als er sich zu ihr beugte.
„Zur Hölle mit diesem verdammten Seewolf“, flüsterte er. „Was interessierst du dich für diesen Kerl, Täubchen, wenn du mich hast?“
„Seewolf?“ fragte Siri-Tong. „Hast du Seewolf gesagt?“
„Klar“, brummte er, wobei er sie auf den Mund küssen wollte und ihren Hals traf, als sie den Kopf abwendete. Auch das gefiel ihm. Seine Lippen wanderten, und Siri-Tong dachte angestrengt daran, daß sie keine Wahl hatte, wenn sie dem Seewolf helfen wollte.
„Oh“, seufzte sie. „Und was geschieht jetzt mit all den Schätzen, den Perlen und Edelsteinen?“
Esteban löste schwer atmend seine feuchten Lippen von Siri-Tongs Hals. Er hatte sich noch nicht so weit vergessen, daß Worte wie Schätze, Perlen und Edelsteine an seinen Ohren vorbeigegangen wären.
„Hä?“ fragte er verständnislos.
„Aber jeder weiß doch, daß das Schiff dieses – dieses sogenannten Seewolfs alle möglichen Schätze enthält!“ Siri-Tong seufzte wieder. Es fiel ihr unendlich schwer, angesichts dieses häßlichen, gierigen Pferdegesichts einen träumerischen Ausdruck in ihre Augen zu zwingen, aber sie schaffte es. „Perlen, Edelsteine! Wenn wir auch nur einen Bruchteil davon hätten, wären wir alle Sorgen los. Und das alles wird jetzt nach Spanien geschickt, wo sie sowieso schon genug davon haben.“
Esteban schluckte verblüfft. „Aber – aber von dem Zeugs ist doch überhaupt nichts gefunden worden“, stammelte er.
„Nicht? Willst du sagen, all die Schätze liegen immer noch im Bauch eines gestrandeten Schiffs? Einfach so? Unbewacht?“
„Unbewacht nicht gerade. Das heißt, ich weiß es nicht genau. Ein paar Leute werden sicher aufpassen.“
„Ach, Esteban! Laß uns ein Stück im Mondschein spazierengehen, bitte!“
„Hm, wenn du meinst.“
Siri-Tong nickte, lächelte und hängte sich bei ihm ein. Solange sie in dieser Haltung durch die nächtlichen Straßen schlenderten, konnte der Spanier sie wenigstens nicht betatschen. Offenbar war er jetzt zu der Ansicht gelangt, daß er eine Frau vor sich hatte, bei der man erst ein bißchen turteln mußte, ehe man aktiv werden konnte. Esteban versuchte verzweifelt, galant zu plaudern, und Siri-Tong lenkte sein Interesse geschickt immer wieder auf die Schätze an Bord der „Isabella“.
Wenn sie ihn dazu bringen konnte, den Köder zu schlucken, würde er gar nicht anders können, als auf eigene Faust Ermittlungen über die „Isabella“ anzustellen. Nach einer halben Stunde hatte sie ihm so eingeheizt, daß er tatsächlich glaubte, er brauche nur noch die Hand auszustrecken, um unermeßlich reich zu werden. In seiner Phantasie wälzte er sich bereits mit Siri-Tong im Lotterbett eines Palastes. Er hing begierig an ihren Lippen, als sie ihm auseinandersetzte, was er noch alles in Erfahrung bringen müsse, damit man an die Verwirklichung des Plans gehen könne.
Der Spanier nickte nur.
Dann griff er mit beiden Händen nach Siri-Tongs Körper, entschlossen, einen Vorgeschmack der herrlichen Zeiten zu genießen, denen er entgegensah, aber genau in diesem Moment trat der Boston-Mann auf den Plan.
Er hatte die Rote Korsarin keine Sekunde aus den Augen gelassen. Jetzt zog er sich ein Stück in die Schwärze einer Gasse zurück und begann, den Namen zu rufen, den sie benutzte.
„Juanita! Juanita, du verdammte Hure! Wenn du mich betrogen hast, schieße ich dich mitsamt deinem Kerl über den Haufen. Juanita! Juanita, du Miststück!“
Die Wut, die in Siri-Tongs Augen aufblitzte, war durchaus nicht gespielt. Tarnung hin oder her, es blieb eine Unverschämtheit, sie „Miststück“ und „verdammte Hure“ zu nennen.
„Schnell weg!“ flüsterte sie. „Wir treffen uns morgen mittag an derselben Stelle, einverstanden?“
„Aber …“
„Der Kerl ist fähig und schießt uns wirklich über den Haufen. Ich will nicht, daß er unsere Pläne stört, verstehst du? Ich muß verschwinden!“
Noch einmal nahm sie ihre ganze Beherrschung zusammen und überwand sich dazu, sich mit einem Kuß zu verabschieden, einem langen, leidenschaftlichen Kuß, der sich dem Kerl ins Gedächtnis brennen und ihn bei der Stange halten sollte, auch wenn der Alkoholnebel in seinem Hirn verflogen war. Siri-Tong legte sich mächtig ins Zeug und ließ einen atemlosen, halb betäubten Esteban Jerez zurück, als sie sich von ihm löste und in die Dunkelheit der Gasse hastete.
Erst als sie außer Hörweite war, machte sie ihren wahren Gefühlen Luft – mit einem Wort, das eine schwache Frau ganz sicher nicht einmal gekannt hätte!
5.
Boote lagen auf dem schmalen weißen Strandstreifen, einfache, offene Fischerboote, ausgebleicht von der Sonne. Ein Dutzend Hütten schmiegten sich in ein Halbrund aus hohen, schlanken Palmen, deren Federwipfel im leichten Wind tanzten. Netze trockneten in der Sonne, zwischen den Hütten bewegten sich die Schatten spielender Kinder.
Ben Brighton wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er war mit von der Partie, weil man sich, wenn überhaupt, nur auf Spanisch mit den Indios würde verständigen können.
Neben ihm starrte Ed Carberry mit zusammengekniffenen Augen aufs Meer hinaus, wo sich die dünnen gelblichen Wolken immer höher über den Horizont schoben. Der Himmel hatte sich verändert und zeigte ein eigentümlich stählernes Blau. Opalisierende Schleier schienen über dem Wasser zu liegen. Die Männer beobachteten mißtrauisch die Entwicklung und registrierten jede noch so winzige Veränderung. Denn wenn sich das Sturmtief schneller aufbaute, als sie erwarteten, wenn das Wetter zu früh losbrach, dann konnten sie die hilflos festsitzende „Isabella“ abschreiben.
„Vorwärts“, sagte Ben Brighton.
Außer ihm und dem Profos setzten sich Ferris Tucker und Big Old Shane in Bewegung, Blacky und Batuti, Stenmark, Al Conroy, Jeff Bowie und Matt Davies. Die kräftigsten Kerle der Crew, die die mörderischen Strapazen des Urwaldmarsches am besten überstanden hatten, denn es würde keine Kleinigkeit werden, die drei benötigten Boote durch den Dschungel zurückzuschleppen.
Ben Brighton ging voran.
Er war überzeugt davon, daß die Indios sie schon vorher bemerkt hatten. Denn kaum hatten sie ihre Absicht offenbart, sich der kleinen Ansiedlung zu nähern, da verschwanden die Kinder blitzschnell in den Hütten, glitten braunhäutige Gestalten nach allen Seiten davon und legte sich eine lähmende Stille über das Fischerdorf. Irgendwo erklang ein knapper, kehliger Ruf, dann traten drei Männer langsam und zögernd aus dem Schatten.
Es waren friedliche Fischer, braune, kräftig gewachsene Männer, in deren Haltung ein natürlicher Stolz lag und deren Augen doch Furcht zeigten, die Furcht einer Rasse, die es gelernt hatte, von fremden weißen Eindringlingen nichts Gutes zu erwarten. Schweigend standen sie da.
Ben Brighton hob beide Hände zu einer Gebärde des Friedens, die überall verstanden wurde.
„Amigos – Freunde“, sagte er mit einer Geste, die die Gruppe der erschöpften, abgekämpften Männer hinter ihm einschloß.
Der älteste der drei Indios ließ den Blick über die Männer gleiten, prüfte ihre Gesichter und sah dann wieder Ben Brighton an.
„Ingles?“ fragte er nach einem langen Schweigen.
„Ingles“, bestätigte Brighton. „Engländer. Wir brauchen Boote.“
Das Gesicht des Fischers verschloß sich. Zorn und Erbitterung malten sich auf den Zügen seiner Begleiter. Sie waren es offenbar gewohnt, daß sich die weißen Männer nahmen, was sie haben wollten und nur mit Tod und Verderben bezahlten.
Ben Brighton lächelte, als er nach dem kleinen Lederbeutel in seiner Tasche griff. „Wir brauchen auch Vorräte. Ein Wasserfaß, wenn ihr es habt, vielleicht Waffen. Wir möchten diese Dinge gegen Perlen eintauschen.“
Der Fischer senkte verächtlich die Mundwinkel. „Perla de vidrio!“ Er spie die Worte förmlich aus.
„Nein“, sagte der Bootsmann ernst. „Keine Glasperlen.“ Er öffnete den Beutel und ließ ein paar von den herrlichen, sanft schimmernden Kugeln auf seine Handfläche rollen. Der Fischer starrte die Perlen an und sah dann wieder Ben Brighton in die Augen.
„Seid unsere Gäste, Ingles“, sagte er in seinem kehligen Spanisch. „Unsere Hütten sind die euren. Der Gast, der in Frieden kommt, bringt Glück in das Haus, dessen Schwelle er überschreitet.“
Ben bedankte sich und erklärte, daß sie buchstäblich keine Minute zu verlieren hätten, daß sie von den Spaniern gejagt würden, und ihre Kameraden nicht länger als unbedingt nötig warten lassen wollten. Der Fischer nickte verstehend. Auf ein paar knappe Worte in seiner Landessprache hin wurde es im Dorf wieder lebendig.
Es dauerte kaum länger als eine Viertelstunde, bis die Seewölfe alles hatten, was sie benötigten.
Die Fischer weigerten sich, eine Bezahlung anzunehmen, aber nach längerem Palaver akzeptierten sie schließlich einige Perlen als Geschenk.
Ihr Wortführer berührte mit der Hand eins der Boote, die mit Tragegriffen aus geflochtenen Seilen versehen worden waren.
„Unsere guten Wünsche sind mit euch“, sagte er leise. „Aber laßt euch warnen! Wenn ihr heute nacht aufs Meer fahrt, so achtet, daß ihr schnell zurückkehrt. Wenn die Sonne wieder aufgeht, werden die Wassergötter zürnen. Fordert nicht ihre Rache heraus! Sie vernichten den, der ihnen trotzt.“
Wenn die Sonne wieder aufgeht, wiederholte Ben Brighton in Gedanken. Daß die Wassergötter zürnten, mußte bedeuten, daß um diese Zeit der Sturm losbrechen würde. Die Indio-Fischer kannten das Wetter in ihrer Heimat, auf ihre Voraussage konnte man sich zweifellos verlassen.
Die Seewölfe wußten, daß sie Zeit hatten und auf jeden Fall nicht zu spät kommen würden. In der Nacht wollten sie aufbrechen und versuchen, sich an Bord der „Isabella“ zu schleichen. Wenn am frühen Morgen der Sturm losbrach, paßte das wie bestellt in ihre Pläne.
Schlagartig hatte sich ihre Stimmung gehoben. Daran änderte auch die Gewißheit nichts, daß der Rückweg mit den schweren Booten und dem Rest der Ausrüstung eine Plakkerei werden würde, gegen die sich der schweißtreibende Marsch bis zum Fischerdorf wie das Paradies ausnahm.
Um die Mittagszeit schien in den engen Gassen von Cayenne die Luft zu kochen.
Siri-Tong und der Boston-Mann hatten die Nacht in der Herberge verbracht. Dem angetrunkenen Wirt, der sich „zufällig“ in das Zimmer der schönen Fremden verirrt hatte, war das schlecht bekommen. Die Rote Korsarin kochte ohnehin vor Wut, und der arme Wirt bezog, sozusagen stellvertretend für den Soldaten Esteban Jerez, eine Tracht Prügel mit der flachen Klinge des Degens, die er im Leben nicht mehr vergessen würde.
Zähneknirschend hatte sich Siri-Tong am Morgen wieder in das Kleid der Spanierin gezwängt. Die Zeit bis zu dem Treffen verbrachten sie und der Boston-Mann damit, wenigstens der Form halber den Planwagen in einen Verkaufsstand zu verwandeln und ihre Waren anzubieten. Ziemlich verständnislos hörte die Rote Korsarin zu, wie der sonst so schweigsame Boston-Mann waschecht auf Spanisch feilschte. Der Gedanke, daß er das vielleicht tat, um die Besitztümer dieser Zierpuppe Agnessa nicht zu verschleudern, ließ Siri-Tongs Mandelaugen bedrohlich funkeln.
Esteban Jerez wartete bereits an der verabredeten Stelle, als die Korsarin erschien.
Das Pferdegesicht des Spaniers wirkte blaß und unschlüssig. Kein Zweifel, er war ein feiger Waschlappen. Aber Siri-Tong flog trotzdem in seine Arme und beglückte ihn mit einem heißen Kuß, um seine Bereitschaft zu Heldentaten rasch wieder anzuheizen.
„Nun?“ flüsterte sie mit gespielter Erregung. „Hast du alles für uns herausgefunden, Liebster?“
Der Spanier hatte innerlich schon wieder den Podest erklommen, auf den sie ihn manövriert hatte. Unmöglich, sich einer solchen Frau gegenüber unentschlossen zu zeigen, etwa gar so kleinliche Ängste zuzugeben wie die, erwischt, gefoltert, gevierteilt oder gehenkt zu werden. Esteban Jerez holte tief Atem und sprudelte hervor, was er, eigentlich recht mühelos, herausgebracht hatte.
Die Spanier wollten die „Isabella“ wieder flottmachen und nach Havanna schleppen. Sie hätten noch nie vorher einen Segler dieser Bauart gesehen, vor allem das Ruderhaus auf dem Achterdeck interessierte sie mächtig. Ganz davon abgesehen, daß jede Verstärkung ihrer Flotte ohnehin sehr wichtig für sie sei. Sie hätten Schiffe angefordert, um die „Isabella“ von der Untiefe herunterzuholen. Aber so lange, meinte der Soldat, würde man wahrscheinlich gar nicht warten müssen. Denn noch am selben Abend werde ein Geschwader von Kriegsgaleonen den Hafen anlaufen, um auf ein starkes Geleit zu warten, das von Süden heransegele.
„Du siehst, daß wir uns beeilen müssen“, schloß Esteban etwas atemlos. „Was wir tun wollen, müssen wir heute nacht tun. Morgen kann es zu spät sein!“
Morgen kann es zu spät sein!
Die Worte schienen in Siri-Tongs Kopf nachzuhallen wie eherne Glokkenschläge. Sie preßte die Lippen zusammen und brachte energisch Ordnung in ihre wirbelnden Gedanken. Dieser pferdegesichtige Narr von einem Spanier hatte recht. Wenn sie handeln wollten, durften sie jetzt nicht mehr warten. Denn Siri-Tong kannte den Seewolf. Ausgeschlossen, daß er und seine Crew die „Isabella“ aufgaben.
Ganz sicher waren sie noch in der Nähe und hatten Mittel und Wege gefunden, ebenfalls in Erfahrung zu bringen, was die Rote Korsarin jetzt wußte. Und genauso sicher würden sie nicht einfach hinnehmen, daß ihr Schiff den Spaniern in die Hände fiel, sondern mit allen Mitteln darum kämpfen.
Das hieß, daß sie noch heute nacht versuchen würden, die „Isabella“ wieder zurückzuerobern.
Aber heute nacht lag bereits das Geschwader der spanischen Kriegsgaleonen im Hafen von Cayenne. Ein Geschwader, gegen das die „Isabella“ keine Chance hatte, jedenfalls nicht unter den augenblicklichen Bedingungen, nicht in einer Lage, in der das Schiff erst flottgemacht und dann vermutlich auch noch gegen die Spanier von der Teufelsinsel verteidigt werden mußte. Es sei denn, daß dem spanischen Geschwader etwas zustieß, dachte Siri-Tong mit einem wilden Lächeln. Und den Galeonen würde etwas zustoßen!
„Du hörst mir gar nicht zu“, maulte Esteban Jerez. „Soll – soll ich es nun wirklich versuchen oder …“
„Natürlich! Versuch es“, sagte Siri-Tong, obwohl sie überhaupt nicht zugehört hatte.
„Und du wirst bei mir bleiben, wenn ich es schaffe? Du wirst diesen Kerl mit seinem verdammten Ohrring zum Teufel schicken? Schwörst du das?“
„Ich schwöre! Aber nun muß ich wirklich gehen. Wenn er zu früh etwas merkt, bringt er uns beide um.“
„Ja, sicher. Warte auf mich heute abend, ja?“
„Bestimmt, Esteban! Sei vorsichtig!“
Diesmal entzog sich Siri-Tong dem ungeschickten Zugriff des Spaniers, bevor er erneut versuchen konnte, sie zu küssen. Rasch eilte sie davon, und als sie wenig später wieder auf den Boston-Mann stieß, hatte sie Esteban Jerez und seine verschwommenen Pläne bereits vergessen.
Siri-Tongs Entschluß war schnell gefaßt.
Es gab keine Wahl mehr. Sie mußten handeln und so rasch wie möglich wieder an Bord des schwarzen Seglers zurückkehren, um das Schiff gefechtsklar machen zu lassen.
Denn spätestens im Morgengrauen würden sie den Hafen von Cayenne angreifen und mit allen Rohren unter Feuer nehmen.
6.
Die Nacht war finster, in der tintigen Schwärze ließen sich nur Umrisse erkennen. Drückende Schwüle trieb den Männern den Schweiß aus allen Poren und schien selbst die Geräusche zu dämpfen. Sand knirschte, als die Boote ins Wasser geschoben wurden. Die See war nur leicht bewegt und schien sich wie unter tiefen Atemzügen zu heben. Es war stetes Glucksen und Gurgeln, das die vorsichtigen Riemenschläge übertönte.
Die Seewölfe waren schweigsam. Philip Hasard Killigrew stand aufrecht im vordersten Boot und spähte mit zusammengekniffenen Augen voraus, um den Kurs festzulegen. Auch Dan O’Flynn spähte. Aber er konzentrierte sich mehr auf die nähere Umgebung, um alles, was eventuell auf dem Wasser schwamm, rechtzeitig zu bemerken.
Ihre Bewaffnung war inzwischen etwas besser geworden. Bei den Fischern hatten sie ein paar von den mächtigen, gebogenen Haumessern eingetauscht, die die Indios benutzten, wenn sie sich einen Weg durch den dichten Urwald schlagen mußten.
Vor allem Ed Carberry war froh, daß er endlich wieder eine Waffe hatte, die sich in seinen mächtigen Fäusten nicht wie ein Spielzeug ausnahm. Das schmale, stilettartige Messer, mit dem er sich vorher beholfen hatte, steckte in Bob Greys Gürtel, und für den schlanken, wendigen Mann, dessen Stärke in der Schnelligkeit lag, war es genau richtig.
Im mittleren Boot kauerte der hünenhafte Batuti und streichelte seinen selbstgebastelten Morgenstern. An den Riemen lösten sie sich ab. Hasard hatte die Einteilung so vorgenommen, daß die kräftigsten Kerle wie Batuti, Ferris Tucker, Big Old Shane oder Carberry zunächst noch als Feuerreserve für den Notfall geschont wurden.
Der Kutscher pullte mit finsterer Miene vor sich hin. Er wußte schon jetzt, daß er mal wieder nicht dabeisein würde, wenn im entscheidenden Moment die Fetzen flogen. Er war Koch und Feldscher auf der „Isabella“ und verstand eine Menge von der Wundbehandlung. Das war erst kürzlich von ihm wieder unter Beweis gestellt worden, als er Smoky das Stück Blei aus der Schulter geholt hatte. Er war schlichtweg unersetzbar. Die entsprechenden Argumente leuchteten ihm zwar ein, aber das hinderte ihn nicht, jedesmal von neuem mit seinem Schicksal zu hadern, wenn er aus der vordersten Linie zurückgezogen wurde.
Der fünfzehnjährige Bill teilte dieses Schicksal mit ihm, doch er war trotzdem Feuer und Flamme für das nächtliche Abenteuer. Seine Augen leuchteten. Er legte sich in die Riemen, als gelte es, eine Wettfahrt mit einem Schnellsegler zu gewinnen. Sein Gesicht spiegelte so viel Tatendurst, daß Ed Carberry ihn immer mißtrauischer beäugte.
„Verdammt“, brummte der Profos schließlich. „Du ziehst ein Gesicht, als wolltest du die ‚Isabella‘ im Alleingang entern, Bürschchen!“
„Ich?“ fragte Bill unschuldig.
„Ja, du, verdammich! Jetzt hör mir mal gut zu und sperr deine Rübenschwein-Ohren auf! Du wirst nachher genau da bleiben, wo man dich hinstellt, verstanden? Ich wickle deine Haut streifenweise um die Großrah, wenn du dir nur die geringste Eigenmächtigkeit leistest, kapiert?
„Zerschneidest du sie erst?“ erkundigte sich Bill respektlos.
„Jawohl, du Wanze! Und wenn du auch noch frech wirst, kannst du die Kokosnüsse demnächst direkt im Magen kauen. Dahin schlag ich dir dann nämlich die Zähne.“
Bill grinste. Seine gute Laune war nicht kleinzukriegen, schon gar nicht von den blutrünstigen Sprüchen des Profos’, die er inzwischen genau einzuschätzen wußte. Aber dann wurde er doch etwas nachdenklich, als die mächtige Pranke Big Old Shanes auf seine Schulter krachte.
„Das ist eine verdammt ernste Sache, Junge“, brummte der ehemalige Schmied von Arwenack. „Du wirst dich gefälligst daran halten. Sonst nehme ich mir nämlich vor, was Ed noch von dir übrigläßt.“
„Und ich leg die Reste unters Hackmesser“, knurrte der Kutscher. „Keine Angst, ich werde schon auf den Jungen aufpassen.“
„Auf mich braucht keiner aufzupassen!“ brauste Bill auf. „Ich bin …“
„Wie wär’s, wenn ihr noch ein paar Salutschüsse abgäbet?“ tönte Hasards leise Stimme herüber. „Falls irgendwelche Spanier in der Nähe sind, könnten sie uns am Ende noch überhören.“
Sofort senkte sich Stille herab. Eine gespenstische Stille, die nur noch vom Glucksen der Wellen unterbrochen wurde, vom Geräusch der eintauchenden Riemen und ab und zu einer halblauten Anweisung, wenn der Kurs geändert wurde.
Der Weg war diesmal wesentlich weiter als die Strecke, die Hasard und Dan bei ihrem ersten Unternehmen zurückgelegt hatten. Mittlerweile war auch der letzte Stern hinter den Wolken verschwunden. Aber der Seewolf verfügte über ein hervorragendes Orientierungsvermögen, und niemand zweifelte daran, daß sie die Teufelsinsel finden würden.
Eine knappe Stunde später war es soweit.
Sand knirschte unter dem Kiel des vordersten Bootes. Für ein paar Sekunden hielt Hasard den Atem an, lauschte und prüfte Strand und Klippen sorgfältig mit den Augen. Dann gab er den anderen ein Zeichen. Vorsichtig glitten die Männer ins seichte Wasser.
So geräuschlos wie möglich zogen sie die Boote auf den Strand und versteckten sie zwischen den Klippen. Niemand wollte daran glauben, daß sie sie noch einmal brauchen würden, aber sie konnten einen Fehlschlag nicht ausschließen. Nach dem vernichtenden Schlag, den Hasard und Dan den Spaniern mit der Versenkung der beiden Galeonen zugefügt hatten, wurde die „Isabella“ bestimmt wesentlich schärfer bewacht als vorher.
Noch war es fraglich, ob sie es überhaupt schaffen würden, an Bord zu gelangen. Wenn sie offen hätten kämpfen können, das Schiff stürmen und die Posten ausschalten, hätte niemand am Erfolg gezweifelt. Aber so, unter dem Zwang, lautlos und heimlich an Bord zu gehen und sich zu verstecken, bis der Sturm losbrach und die „Isabella“ vielleicht von der Untiefe freikam, das war nicht so nach ihrem Geschmack.
„Ed und Shane bleiben hier“, ordnete Hasard leise an. „Außerdem Smoky und der Kutscher. Es ist besser, die Boote vorerst noch nicht unbewacht zu lassen. Wenn wir auf der ‚Isabella‘ Herr der Lage sind, schicke ich jemanden zurück, damit die Vorräte und das Wasserfaß transportiert werden können. Ed, du übernimmst das Kommando! Wenn ihr Schwierigkeiten habt, bereinigt sie gefälligst lautlos, klar?“
„Klar“, brummte Carberry. „Wenn es irgendein verdammter Don schafft, die Schnauze aufzureißen, bevor ich ihm eine reinhaue, kannst du mir meinetwegen persönlich die Haut abziehen.“
„Ich werd’s mir merken. Also los! Wer sich von jetzt an noch muckst, der kann auf der ‚Isabella‘ gleich freiwillig in die Vorpiek marschieren und die nächsten drei Tage dort verbringen.“
Schweigend setzten sich die Männer in Bewegung.
In der Finsternis bestand die Hauptschwierigkeit darin, nicht über Hindernisse zu stolpern, aber da hatten die Seewölfe schon ganz andere Dinge gemeistert. Sie konnten nicht nur kämpfen und wie rasende Teufel unter ihren Feinden aufräumen, sie konnten sich auch, wenn es nottat, so diszipliniert benehmen, als würden sie allesamt von unsichtbaren Fäden gelenkt. Kein Wort fiel, kein Fluch wurde laut, nicht einmal, ein heftiger Atemzug. Bei jedem Schritt prüften die Männer den Boden, auf den sie traten. An keinem Stein hielten sie sich fest, ohne sicher zu sein, daß er sich nicht unter ihrem Griff lösen würde.
Auf diese Weise brauchten sie ziemlich lange, um die Insel zu überqueren, aber als sie endlich die Silhouette der „Isabella“ sahen, waren sie sicher, daß kein Wachtposten vorzeitig Verdacht geschöpft hatte.
Wieder teilten sie sich.
Diesmal blieb die Hauptstreitmacht zurück, um das Unternehmen abzudecken. Hasard, Ben Brighton, Ferris Tucker und Dan O’Flynn pirschten sich näher an die „Isabella“ heran. Jetzt konnten sie auch das Wrack der spanischen Galeone sehen, die an jenem schwarzen Tag ebenfalls auf Grund gelaufen war. Und noch etwas sahen sie: das Wasser stand diesmal wesentlich höher als bei dem Besuch, den Hasard und Dan an Bord unternommen hatten.
„Schaut euch das an“, flüsterte Ferris Tucker. „Wenn jetzt noch der Sturm losbricht – verdammt, ich möchte schwören, daß die ‚Isabella‘ dann aufschwimmt.“
Hasard nickte nur. Aus schmalen Augen beobachtete er das unruhig flakkernde Licht auf der Kuhl der „Isabella“ und die Gestalten, die da im Halbkreis zusammenhockten. Sie würfelten offenbar, und ab und zu ließen sie eine Flasche kreisen. Mit irgendeiner Gefahr schienen sie nicht ernsthaft zu rechnen, aber trotzdem würde es äußerst schwierig sein, nahe genug an sie heranzukommen, um sie lautlos zu überwältigen.
„Eh!“ zischte Dan O’Flynn in diesem Augenblick.
Hasard wandte den Kopf. Dans Augen funkelten.
„Können wir nicht eine spanische Uniform gebrauchen?“ fragte er flüsternd. „Um die Kerle da zu täuschen, meine ich?“
„Kannst du mir erklären, woher du eine spanische Uniform nehmen willst?“ fragte Hasard ungehalten.
Dan grinste breit. Er hatte nun einmal die schärfsten Augen von allen, und das stellte er jetzt wieder unter Beweis.
„Da drüben steht eine“, flüsterte er mit einer Geste auf die nächste Felsengruppe. „Im Moment steckt der Besitzer noch drin. Aber das können wir ja schnell ändern, oder?“
Der Soldat Esteban Jerez war überzeugt davon, daß er dicht vor der großen Wende seines Lebens stand.
Die „Isabella“ mit ihren Schätzen lag fast zum Greifen nahe vor ihm. Auch die schöne schwarzhaarige Frau mit den Mandelaugen und den herrlichen Brüsten erschien ihm zum Greifen nahe, obwohl sie drüben in Cayenne war. Sie hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, daß er alles von ihr haben könne wenn ihr gemeinsamer Plan Erfolg hätte. Oder nein: der Plan stammte von ihr. Esteban spielte nur die Rolle des ausführenden Organs und hatte das Risiko zu tragen. Das wußte er zwar, aber erstens war er der Ansicht, daß eine Frau wie diese Juanita das Recht hatte, Ansprüche an einen Mann zu stellen, und zweitens hätte seine eigene Gier nach Gold und Edelsteinen durchaus gereicht, um ihn zur Tat zu treiben.
Eigentlich, dachte er, war die Sache die Einfachheit selber.
Ein Glücksfall! Ein unwahrscheinlicher Glücksfall, wie er einem nur einmal im Leben begegnete! Die Idioten auf der Teufelsinsel schienen die einzigen zu sein, die nichts von den versteckten Reichtümern auf der „Isabella“ wußten. Niemand würde die Schätze vermissen, also würde nach ihrem Verschwinden auch niemand auf die Idee verfallen, jemanden dafür aufhängen zu wollen. Und die Wachen an Bord? Esteban Jerez grinste geringschätzig. Er kannte die Männer, schließlich waren es seine Kameraden. Denen brauchte er nur ein Wörtchen zu flüstern, und sie würden sich überschlagen, um ihm beim Plündern des Schiffs zu helfen.
Esteban Jerez zog triumphierend die Lippen von seinen langen Pferdezähnen.
Er starrte zu dem festliegenden Schiff hinüber. Mit einem tiefen Atemzug wollte er sich in Bewegung setzen – und bemerkte nicht den lautlosen Schatten, der sich hinter ihm aufrichtete.
Er spürte nur, daß plötzlich sein Schädel explodierte, und dann hatte er das Gefühl, als stürze er kopfüber in einen bodenlosen schwarzen Brunnenschacht.
Schweigend umstanden Hasard, Ferris, Ben und Dan den Bewußtlosen, dem sie bereits in aller Eile die Uniform vom Körper gezerrt hatten.
Gefesselt war er ebenfalls. Sie hätten ihn knebeln und liegenlassen können, aber sie hofften, noch ein paar Einzelheiten über die Bewachung der „Isabella“ von ihm zu erfahren.
Der Bursche regte sich schwach. In seinen nicht gerade sauberen, reichlich durchlöcherten Unterhosen bot er einen jämmerlichen Anblick. Seine Lider flatterten, und noch ehe er es schaffte, die Augen aufzureißen, verzerrte sich sein Gesicht vor Angst.
„Gracia!“ wimmerte er. „Gnade! Gnade! Ich kann nichts dafür! Das Weib hat mich angestiftet! Ich wollte nichts stehlen, ich schwöre es.“
Hasard runzelte die Stirn. Der Kerl hatte Dreck am Stecken, begriff er. Und jetzt glaubte er sich erwischt und versuchte, sich zu rechtfertigen. Aber was, zum Teufel, hat er hier stehlen wollen? Was nicht niet- und nagelfest war, hatten die Spanier doch ohnehin schon von der „Isabella“ heruntergeholt. Und von den geschickt verborgenen Schätzen konnte niemand etwas ahnen.
Wirklich nicht?
Hasards eisblaue Augen verdunkelten sich. Irgendwo ganz tief in seinem Gehirn begann sich etwas wie eine Ahnung zu regen.
„Was wolltest du stehlen?“ wiederholte er die Frage laut und auf Spanisch. Dabei schüttelte er den Kerl, bis er sicher war, daß der Bursche ihn nur noch sehr verschwommen sehen konnte.
Der Soldat ergab sich ins anscheinend Unabwendbare. Er schluchzte fast.
„Die Schätze“, flüsterte er. „Das Weib ist Schuld! Das verdammte Weibsbild, diese Händlerin, die in Cayenne aufgetaucht ist und mir die Ohren vollgetönt hat von den versteckten Perlen und Edelsteinen. Aber ich wollte nicht stehlen, ich schwöre! Ich wollte – wollte nur mal nachsehen, ich …“
Der Mann verstummte und schnappte nach Luft. Hasard lockerte seinen Griff, weil ihm bewußt wurde, daß er sein Opfer fast erwürgte. Er hatte nicht einmal gemerkt, daß sich seine Hand immer fester um die Kehle des anderen schloß, denn seine Gedanken führten in diesen Sekunden einen verrückten Tanz auf.
„Beschreib die Frau!“ stieß er hervor. „Beschreib sie!“
Stotternd und stammelnd befolgte der Soldat die Aufforderung.
Er war kaum mehr Herr seiner Sinne, aber Siri-Tongs Bild hatte sich so tief in sein Gedächtnis gebrannt, daß er sie wahrscheinlich auch in Jahren nicht vergessen würde. Es war schon grotesk, welche schwärmerischen Worte er selbst in dieser Situation noch fand, um ihre hervorstechendsten Merkmale zu beschreiben. Merkmale, die nicht nur der Seewolf, sondern auch Ben, Ferris und Dan sofort erkannten.
Weiberröcke oder nicht, es gab nur eine Frau, die Mandelaugen, langes schwarzes Haar und eine solche Figur hatte und zugleich wußte, was von den Spaniern unentdeckt im Bauch der „Isabella“ verborgen war.
Die Rote Korsarin!
Sie war in der Nähe. Sie hatte offenbar das äußerste riskiert, um sie zu finden, und diesen ahnungslosen Spanier eingespannt, um Informationen über die „Isabella“ zu erhalten.
Siri-Tong war in Cayenne, knüpfte ihre Fäden, und wo sie auftauchte, konnte natürlich Thorfin Njal mit dem schwarzen Segler und dessen Crew nicht weit sein.
Die Seewölfe wechselten Blicke. Blicke voll jäher Erregung – und Erleichterung. Denn sie alle wußten, daß die Anwesenheit des schwarzen Seglers die Erfolgsaussichten ihres Unternehmens wesentlich verbesserten.
Hasard atmete tief, konzentrierte sich wieder auf den zitternden Spanier und fuhr fort, ihn auszuholen.
Allmählich begriff der Mann, daß da etwas nicht stimmen konnte. Seine Gehirnzellen funktionierten wieder, wenn auch langsam. Das Bild vor seinen Augen klärte sich. Er sah, daß die Männer keine spanischen Uniformen trugen, sondern abenteuerlich zusammengeflickte Lumpen. Er sah das brandrote Haar von Ferris Tucker, das blonde von Dan O’Flynn und das dunkelblonde von Ben Brighton. Kein Spanier auf der Teufelsinsel hatte rotes oder blondes Haar. Und keiner hatte diese eisblauen Augen, deren Blick Esteban Jerez wie ein Messer unter die Haut ging.
„Caramba“, flüsterte der spanische Soldat.
Und das war für lange Zeit sein letztes Wort, denn die Seewölfe verpaßten ihm in aller Eile einen soliden Knebel.
„So“, murmelte Hasard. „Und jetzt wird einer von uns …“
„Ich!“ sagte Dan O’Flynn mit einem eindeutig triumphierenden Grinsen.
Er hatte recht. Esteban Jerez war lang und dürr, die Uniform entsprechend. Der schmale, drahtige Dan O’Flynn war der einzige, der sich vielleicht hineinzwängen konnte, also würde er es sein, der im Alleingang an Bord der „Isabella“ marschierte.
Einigermaßen Spanisch sprach er, das hatte er während der Gefangenschaft auf der „Tortuga“ und noch später gelernt.
Trotzdem zögerte Hasard, ausgerechnet Dan den gefährlichsten Part der ganzen Sache übernehmen zu lassen, aber er wußte, daß er keine Wahl hatte.
Dan wußte es auch.
Schließlich war er es gewesen, der den Spanier entdeckt hatte. Als er mit fliegenden Fingern die Überreste seiner Kleidung abstreifte und in die Uniform schlüpfte, neigte er zu der Ansicht, daß es vielleicht doch so etwas wie Gerechtigkeit auf der Welt gab.
7.
Leises Plätschern begleitete das Boot, das sich aus dem tiefen Schatten der Klippen löste.
Siri-Tong stand neben dem Wikinger an der Schmuckbalustrade des Achterkastells und spähte zur Küste hinüber. Sie hatte genau zwei Minuten gebraucht, um sich die verschiedenen Röcke, Überröcke, Unterröcke und spitzenverzierten Wäschestücke vom Körper zu zerren, und eine weitere Minute, um wieder in ihre gewohnte Kleidung zu schlüpfen.
Nur noch die wilde Lockenpracht erinnerte an das hinter ihr liegende Abenteuer. Und der dritte Blusenknopf von oben, der jetzt ebenfalls offenstand, weil er abgesprungen war, als Siri-Tong vor ihrem Aufbruch die Bluse wutentbrannt und entsprechend vehement ausgezogen hatte.
Jetzt war das Gesicht der roten Korsarin blaß und unbewegt, die Haltung gespannt wie eine geschmeidige Stahlsaite. Der Wikinger stand wie ein Baum neben ihr. Stimmen klangen über die Decks, das Schiff war erfüllt von den Geräuschen fieberhafter Tätigkeit. Die Männer, die auf der Kuhl erschienen, um dem Boot entgegenzusehen, hatten entzündete Augen und rieben sich erschöpft den Schweiß aus den Gesichtern.
Die ganze Nacht hatten sie geschuftet wie die Irren: Segelkartuschen genäht, Kugeln und Stangenkugeln gemannt, genügend Pulvervorräte an Deck geschafft, unermüdlich an den Geschützen exerziert. Im Vorderkastell waren die Gestelle zum Abschießen der fremdartigen Raketen klariert worden, von denen sich immer noch eine Unzahl an Bord befand.
Diese handlichen, mit keinem Mittel zu löschenden Brandsätze waren die stärkste Waffe des schwarzen Seglers – und die furchtbarste, mörderisch in ihrer Wirkung. Aber wo es galt, mit einem einzigen Schiff eine stark befestigte spanische Siedlung und ein ganzes Geschwader schwerbestückter Kriegsgaleonen anzugreifen, da war jedes Mittel recht.
Siri-Tong beobachtete, wie der Boston-Mann das Boot an die Jakobsleiter heranpullte und aufenterte. Minuten später standen er, Thorfin Njal und die Rote Korsarin wieder in der Kapitänskammer, und der Boston-Mann berichtete, was er in Erfahrung gebracht hatte.
Tatsächlich war am frühen Abend das spanische Geschwader in den Hafen von Cayenne eingelaufen.
Der Boston-Mann grinste verwegen, als er mit ein paar Strichen aufzeichnete, wie die Galeonen im Hafenbecken verteilt lagen – entgegenkommenderweise genau so, daß der schwarze Segler nur schnurgerade in die Einfahrt zu laufen brauchte, um Backbord- und Steuerbordkanonen gleichzeitig einsetzen zu können.
Auch die Lage der Befestigungen hatte sich der Boston-Mann eingeprägt. Er zeichnete sie ebenfalls auf, und Siri-Tong und der Wikinger stießen fast mit den Köpfen zusammen, als sie sich über die Skizze beugten.
Die Rote Korsarin lächelte. Etwa so, wie man sich das Lächeln einer Tigerin vorstellen mochte, die schon dabei ist, ihre Beute zu verdauen.
„Das schießen wir alles mit Leichtigkeit in Fetzen“, sagte sie kategorisch. „Die Galeonen werden Kleinholz. Und mit den Befestigungsanlagen können die Dons dann vielleicht ihre Straßen pflastern.“
„Hm!“ Der Wikinger kratzte an seinem Kupferhelm, runzelte die Stirn und grinste gleichzeitig. Und das tat er nur, wenn er bei einer äußerst heiklen, gefährlichen Angelegenheit sehr große Lust verspürte, sich mitten hineinzustürzen.
Der Boston-Mann hatte Planwagen und Maultiere getreulich wieder mitgebracht.
Die Händler hatten keine Chance, ihre Landsleute jetzt noch zu warnen, dafür war der Weg zu weit. Sie wurden an Land gesetzt, mit dem dringenden Rat, sich nicht nach Cayenne zu wenden, da man dort in nächster Zeit allenfalls noch Verbandszeug gewinnbringend verkaufen könne.
In allerletzter Minute hätte es fast doch noch Mord und Totschlag gegeben. Agnessa, der ahnungslose Engel, bot nämlich der Roten Korsarin an, das fatale Kleid zu behalten – und nur eilige Flucht rettete sie vor Siri-Tongs Krallen.
Eine knappe Stunde später lief der schwarze Segler aus der Bucht und pirschte sich im Schutz der Dunkelheit auf die Reede von Cayenne zu.
Die spanische Siedlung schlief. Sie fühlte sich sicher im Schutz ihrer starken Befestigungen, doppelt sicher, seit das Geschwader der Kriegsgaleonen im Hafen lag.
Noch ahnte niemand das Verhängnis, das sich lautlos näherte.
Auch den spanischen Wachtposten auf der „Isabella“ näherte sich das Verhängnis, aber durchaus nicht lautlos.
Dan O’Flynn platschte mit völliger Selbstverständlichkeit durch den Schlick vor der Sandbank. Die Wellen der auflaufenden Flut spülten um seine Stiefel. Er blickte zum Himmel, gähnte wie jemand, der unterwegs ist, weil er sich langweilt, und stellte noch einmal fest, daß das Wasser tatsächlich schon wesentlich höher stand als gewöhnlich.
Die Wachtposten hatten nur einmal kurz zu ihm herübergesehen, kümmerten sich jedoch nicht weiter um ihn. Sie waren zu dritt. Da Wachen normalerweise in Zweiergruppen gingen, vermutete Dan, daß der dritte Spanier an Bord lediglich seine Zeit totschlug. Also würde es auch nicht auffallen, wenn sich ein vierter Mann dazugesellte, und Dan fühlte sich einigermaßen sicher, als er an der Jakobsleiter aufenterte.
„Buena Noche“, brummelte er in den nicht vorhandenen Bart.
Einer der Posten wandte uninteressiert den Kopf.
Glanz auf den Augen, stellte Dan fest. Das lag sicher nicht an der blakenden Öllampe, die die Gesichter nur verschwommen erkennen ließ, sondern an der Rumflasche.
„Hast du ’ne Buddel dabei?“ fragte jemand begierig.
Dan schüttelte den Kopf und gähnte wieder.
„Scheißinsel“, sagte er.
Das Spanisch, das er sich auf der „Tortuga“ und später angeeignet hatte, beschränkte sich auf seemännische Kommandos, die Flüche, mit denen brutale Aufseher die Rudersklaven bedacht hatten, und den Sprachschatz einseitiger Unterhaltung über Weiber, Suff und Prügeleien an Land. In einer anderen Umgebung als dieser wäre er damit kaum sehr weit gelangt. Aber für die drei angetrunkenen Soldaten mußte es reichen.
Die Würfel klapperten.
Das Spiel schien gerade spannend zu werden, denn die drei Männer stierten gebannt auf die umgedrehte Pütz, die sie als Tisch benutzten. Dan schlenderte zur Nagelbank. Noch einmal überzeugte er sich, daß er nicht beobachtet wurde, dann schnappte er sich einen handlichen Belegnagel und verbarg ihn hinter dem Rücken.
„Habt ihr’s bald hinter euch?“ erkundigte er sich beiläufig.
Die Frage war wichtig, äußerst wichtig. Denn von dem Rhythmus der Wachablösungen hing es ab, wie schnell die Spanier auf der Insel Verdacht schöpfen würden.
„Blöde Frage“, brummte einer der Soldaten. „Noch den halben Törn, zwei Stunden. Wolltest du uns nachher zu ’ner Buddel einladen, oder was?“
„Blödmann“, sagte Dan. Eine längere Erklärung für seine Neugier hätte er sich erst zurechtlegen müssen. Allzu viele Fragen durfte er nicht mehr stellen, aber das war auch gar nicht nötig.
Der Fall lag klar.
Alle vier Stunden Wachablösung – das bedeutete, daß sie noch genau zwei Stunden Zeit hatten, um sich auf der „Isabella“ so einzurichten, daß sie auch die nächsten Posten lautlos ausschalten konnten. Zwei Stunden reichten, aber sie ließen auch nicht viel Zeit übrig. Was wiederum bedeutete, daß er, Dan, jetzt umgehend handeln mußte.
„Trink, Kamerad!“ brummte einer der Soldaten.
Dabei hielt er die Rumflasche hoch, ohne hinzusehen. Dan griff mit der Linken zu. Erneut klapperten die Würfel. Einer der Spanier stieß einen Laut des Triumphes aus, die anderen fluchten.
Dan hob die Flasche und nahm gleichzeitig die Rechte vom Rücken.
Schade um das schöne Gesöff, dachte er. Und dann ließ er die Buddel mit Wucht auf den Schädel des edlen Spenders krachen.
Der zweite Spanier kriegte den Belegnagel auf den Kopf. Der dritte, der auf der anderen Seite der Pütz kauerte, kriegte große Augen. Dan grinste ihn an und glitt einen Schritt zur Seite.
„Wa … Arrr!“ stieß der Soldat hervor.
Eigentlich sollte es eine Frage werden, die mit „Was“ anfing, aber Dans Stiefelspitze war dazwischengeraten. Sie knallte dem Spanier ans Kinn, und der Bursche legte sich lang an Deck. Sein Gesicht spiegelte immer noch die Überraschung. Dan fand, daß er wie ein erstauntes Baby aussah.
Wider Erwarten war die Rumflasche härter gewesen als der spanische Schädel. Dan grinste, als er sie entkorkte und einen tiefen Schluck nahm. Und noch einen. Den dritten verkniff er sich mit Rücksicht auf die anderen. Wobei er sich äußerst edelmütig fühlte.
Mit zwei Schritten stand er am Backbord-Schanzkleid und winkte.
Daß er mit einer Flasche winkte, war vor dem Hintergrund der blakenden Öllampe nicht zu übersehen. Die Seewölfe hatten sich so nah wie möglich an die Sandbank herangepirscht, um Dan Rückendeckung zu geben, Rückendeckung, die er zum Glück nicht benötigt hatte. Hasard atmete erleichtert auf. Ferris Tukkers entzückter Seufzer bezog sich mehr auf die Buddel. Prompt bekam er einen Dämpfer.
„Du sagst den anderen Bescheid“, ordnete der Seewolf an. „Dann gehst du mit Blacky und Batuti zurück und siehst zu, daß die Ausrüstung über die Insel geschafft wird. Klar?“
„Aye, aye!“ Tucker grinste. Die Rumflasche lockte ihn ganz erheblich, aber immerhin wußte er, daß Hasard und Ben Brighton die letzten waren, die sie allein lenzen würden.
Lautlos huschte Ferris Tucker zurück zu den Felsen, zwischen denen sich die Hauptstreitmacht der Seewölfe verborgen hielt.
Ein paar geflüsterte Worte klärten die Lage. Blacky, Batuti und der hünenhafte Schiffszimmermann brachen zur anderen Seite der Insel auf, wo vier Mann zur Verteidigung von Booten und Ausrüstung zurückgeblieben waren: Ed Carberry und Big Old Shane, weil die beiden notfalls eine Armee ersetzen konnten, der Kutscher und Smoky mit seiner verletzten Schulter, weil der Seewolf sie aus der vordersten Schußlinie hatte heraushalten wollen.
Der kleine Bill war mitten unter den anderen sicherer als an einem Platz, wo sein Ungestüm vielleicht Unheil anrichten konnte, wenn es kritisch wurde.
Aber auf diesen Gedanken kam er natürlich nicht. Seine Augen glänzten, sein Gesicht war vor Eifer gerötet. Der Seewolf hatte ihn mit an die vorderste Front genommen. Wenn es Kampf gegeben hätte, wäre er, Bill, mittendrin gewesen. Und jetzt, als er mit den anderen in weitem Bogen auf die Sandbank zuschlich, bedauerte er im Grunde seines Herzens fast, daß alles so glatt gegangen war.
Hasard und Ben waren bereits an Bord. Die anderen enterten an der dem Land abgewandten Seite auf. Sie mußten durchs Wasser waten, wurden naß bis zu den Hüften, aber es gab niemanden, den das gestört hätte.
Als sie sich in den tiefen Schatten des Achterkastells duckten, schliefen die spanischen Wachtposten immer noch.
Sie waren gefesselt und geknebelt. Einem von ihnen fehlte die Uniform, und Hasard lächelte, als er Bill zu sich winkte.
„Zieh das an, Junge! Falls wir hier beobachtet werden, darf niemand auf die Idee verfallen, daß die Wachen pennen.“
Bills Gesicht strahlte auf. Wohl selten hatte sich jemand so schnell umgezogen, wie er das jetzt schaffte. Mit glänzenden Augen hockte er sich neben Dan an den Platz, wo vorher die Spanier gesessen hatten, und für die nächste Stunde fühlte er sich sämtlichen drohenden Gefahren zum Trotz im siebenten Himmel.
Die Seewölfe sahen zu, daß sie sich versteckten. Hasard hatte die Rumflasche für diejenigen reserviert, die das schwere Wasserfaß und den Rest der Vorräte schleppen mußten. Immer wieder spähte er zu der Insel hinüber. Alles war still und schien in tiefem Schlaf zu liegen, aber das konnte täuschen. Esteban Jerez hatte es bewiesen, der jetzt mit den anderen Spaniern in der Vorpiek lag. Und die Reaktion der Wachtposten auf Dans Erscheinen ließ ebenfalls keinen Zweifel daran, daß man mit Leuten rechnen mußte, die sich aus purer Langeweile in der Nähe der „Isabella“ herumtrieben.
Hasard war erleichtert, als der Rest seiner Männer wie aus dem Nichts auftauchte. Minuten später waren auch sie an Bord.
Zur Freude von Ferris Tucker kreiste die Rumflasche. Viel war nicht mehr darin, und viel Zeit zur Erholung blieb ihnen auch nicht. Jeden Augenblick mußte die Ablösung für die spanischen Wachen auftauchen, und Hasard beeilte sich, den größten Teil der Männer unter Deck zu scheuchen.
Ferris Tucker nahm die leere Rumbuddel mit, nachdem er als seine erste Arbeit an Bord die gebrochene Ruderkette repariert hatte, durch die sie bei ihrem Seegefecht gegen die spanische Übermacht steuerlos geworden waren.
Was er mit der Flasche wollte, war klar: sie würde dem gleichen Zweck dienen wie all die anderen leeren Flaschen, die an Bord der „Isabella“ gesammelt wurden und für die sich der rothaarige Schiffszimmermann eine ganz besondere Verwendung ausgetüftelt hatte. Sie wurden mit Pulver, Nägeln und Blei gefüllt, mit kurzen Lunten gezündet und dann einfach geworfen.
Wenn diese Dinger explodierten, war die Wirkung unter den ahnungslosen Gegnern jedesmal verheerend.
Noch hofften die Seewölfe, daß es ihnen gelingen würde, im Sturm mit der „Isabella“ unbemerkt das Weite zu suchen.
Aber verlassen konnten sie sich nicht darauf. Wenn sie Pech hatten und die Spanier vorzeitig Verdacht schöpften, würden sie sich zu wehren wissen.
Hasard ahnte, daß die Männer unter Deck bereits dabeiwaren, eine ganze Menge von Ferris Tuckers Flaschenbomben zu basteln.
„Sie kommen“ sagte Dan O’Flynn leise.
Hasard hob den Kopf und riskierte einen vorsichtigen Blick über das Schanzkleid. Ja, sie kamen: zwei unlustig einherstolpernde Gestalten mit einer tanzenden Lampe. Nicht eben eilig folgten sie dem Weg, der von den Felsen herunterführte, und schlurften durch den Sand. Einer fluchte erbittert: das Wasser stand höher als sonst, und er kriegte nasse Füße. Etwas flotter als vorher marschierten sie auf die Jakobsleiter zu.
Hasard hoffte, daß sie nicht warten würden, bis ihre vermeintlichen Kameraden ihnen entgegenkamen.
Nein, offenbar nicht.
Der erste Spanier enterte auf, seine Stiefel verursachten kratzende Geräusche. Dan und Bill hatten die Öllampe so gestellt, daß sie nicht ihre Gesichter beleuchtete. Links und rechts von der Jakobsleiter kauerten Hasard, Carberry, Matt Davies und Big Old Shane im Schutz des Schanzkleides und warteten darauf, daß ihr Opfer an Bord sprang.
„Pennt ihr?“ murrte der Spanier. „Wohl zuviel gesoffen, was? Oder wollt ihr uns noch Gesellschaft lei …“
Weiter gelangte er nicht.
Matt Davies knallte ihm wuchtig seinen Stahlhaken auf den Schädel. Der Spanier sackte lautlos zusammen. Und Matt, der im selben Augenblick seinen eigenen Fehler erkannte, produzierte rasch ein krächzendes Husten, um die Erklärung dafür nachzuliefern, daß der Bewußtlose mitten im Satz verstummt war.
Ed Carberry zog den Spanier leise zur Seite. Hasard durchbohrte Matt Davies mit einem Blick, und der zog schuldbewußt den Kopf zwischen die Schultern.
„Wohl verschluckt, was?“ fragte der zweite Wachtposten erheitert.
„Hrrr!“ krächzte Matt undeutlich.
Der Spanier nahm es als Zustimmung. Sein Kopf erschien über dem Schanzkleid. Da er seinen Kameraden zu sehen erwartete, würde er zweifellos etwas früher stutzig werden als der andere, und deshalb richtete sich Big Old Shane blitzartig zu seiner vollen Größe auf.
„He!“ brachte der Spanier noch heraus.
Dann hatte er das Gefühl, als falle ihm der Himmel auf den Kopf. Er war zu schnell bewußtlos, um noch zu merken, daß es lediglich die Faust des Schmieds von Arwenack gewesen war.
„Fesseln, knebeln, ab in die Vorpiek!“ befahl Ed Carberry.
Hasard grinste. „Moment noch! Dem Klotz von Kerl da müssen wir die Uniform ausziehen. Er hat deine Figur, Ed.“
„Die halbe Portion? Außerdem haben wir schon zwei Mann, die Wache schieben für den Fall …“
„… für den Fall, daß die Spanier uns beobachten“, ergänzte Hasard sanft. „Und die Dons würden sich sehr wundern, wenn ihr Herkules plötzlich auf die Maße unseres kleinen Bill geschrumpft wäre.“
„Eh – ja …“ Der Profos kratzte sich verlegen sein Rammkinn. „Affenarsch und Seemannsscheiße!“ fluchte er dann los. „Was hockt ihr noch da herum? Wollt ihr dem Kerl endlich die Klamotten abpellen, oder soll ich das vielleicht tun, was, wie?“
Er verstummte, weil Blacky und Stenmark schon dabei waren, den großgewachsenen Spanier zu entkleiden. Daß er Carberrys Statur hatte, stimmte tatsächlich nur annähernd. Der Profos war ein Riese von einem Mann, hatte Schultern so breit wie ein Rahsegel und einen Brustkasten wie ein Bierfaß, und er schaffte es nur unter Ächzen und Stöhnen und natürlich einer ellenlangen Kette von Flüchen, sich in die Uniform zu zwängen.
Ein paar Minuten später gingen er und Dan O’Flynn gut sichtbar Wache, während die anderen Seewölfe nicht einmal eine Haarspitze über das Schanzkleid hoben.
Im Bauch der „Isabella“ war eine Gruppe wie besessen dabei, die Flaschenbomben mit der verheerenden Ladung herzustellen. Geschütze wurden klariert, Kugeln gemannt, Segeltuchkartuschen vorbereitet – und das alles leise, unauffällig, teilweise in Hockstellung. Die Männer richteten sich darauf ein, das Schiff notfalls mit allen Mitteln zu verteidigen. Sie schufteten, keuchten, der Schweiß rann ihnen in Bächen über die Gesichter, und die Hitze dieser Anstrengung war es, die Hasard wenig später die leichte Abkühlung sofort bemerken ließ.
Wind trocknete die Schweißperlen in seinem Gesicht.
Es briste auf, kein Zweifel!
Auch die anderen an Deck spürten es, und für einen Moment verharrten sie reglos, mit angehaltenem Atem, während die Brise zunehmend frischer wurde.
„Mann!“ flüsterte Stenmark andächtig.
Dan O’Flynn hätte fast einen Jubelschrei ausgestoßen, aber gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, daß jubelnde spanische Wachtposten auf der „Isabella“ nicht recht ins Bild paßten. Er beschränkte sich darauf, die Nase in den Wind zu halten und mit funkelnden Augen in die unergründliche Schwärze der Wolken zu starren, die für die Seewölfe durchaus nicht bedrohlich wirkten, sondern im Gegenteil höchst verheißungsvoll.
Die Männer schufteten weiter.
Von See drückte das Wasser herein. Eine Stunde später begann der Rumpf der „Isabella“ auf dem Sand zu scheuern. Wieder unterbrachen die Seewölfe die Arbeit und hielten den Atem an.
„Ich glaube, wir haben Glück“, sagte Ben Brighton leise. „Die Flut steigt ungewöhnlich hoch.“
Stenmark spuckte abergläubisch über die Schulter. Fast hätte er den Profos getroffen, aber der drohte ausnahmsweise nicht damit, dem Schuldigen die Haut vom Hintern zu ziehen. Er war selber abergläubisch, was er damit zeigte, daß er dreimal gegen das Holz des Achterkastells klopfte.
Das Knirschen des Schiffsrumpfs schien ihm zu antworten.
Etwas wie ein leises Beben lief durch die Bordwand. Die nächste anrollende Woge rüttelte an der „Isabella“, wühlte unter dem schrägliegenden Rumpf und drückte gegen die Bordwand. Langsam, nur um eine Winzigkeit hob sich das Schiff, und diesmal begleiteten mindestens fünf, sechs Männer den Vorgang mit andächtigem Stöhnen.
Eine Stunde später hatte sich die „Isabella“ einigermaßen aufgerichtet.
Mehr allerdings tat sich nicht. Immer noch lagen sie auf der Untiefe fest. Freikommen würden sie erst, wenn am Morgen der Sturm losbrach.
Wenn er losbrach!
Hasard witterte in die kräftige Brise und starrte immer wieder zum Himmel, dessen Schwärze jetzt etwas Bedrohliches hatte. Er glaubte nicht daran, daß sie noch lange zu warten brauchten. Die einheimischen Fischer kannten das Wetter genau. Und auch sie hatten den Sturm für den frühen Morgen vorausgesagt.
„He!“ zischte Dan O’Flynn plötzlich. „Da ist jemand!“
„Wo, zum Teufel? Ich seh nichts!“
Es war Carberry, der das sagte. Er hatte nicht Dans scharfe Augen, aber es dauerte nicht lange, bis auch er und die anderen die beiden Gestalten sahen, die sich von den Felsen her näherten.
Spanier!
Zwei Männer in Uniform!
Sie marschierten zielstrebig auf die „Isabella“ zu und erweckten ganz und gar nicht den Eindruck, als ob sie nur aus Langeweile auf der Insel spazierengingen.
8.
„Himmel, Kreuz und Haifischkotze“, stieß Carberry durch die zusammengebissenen Zähne.
„Himmel, Arsch!“ fluchte Stenmark.
„… und Wolkenbruch!“ Blacky verschaffte sich ebenfalls Luft.
Besser wurde dadurch nichts. Die Spanier marschierten weiter auf die „Isabella“ zu, und sie sahen immer noch so aus, als ob sie etwas ganz Bestimmtes vorhätten. Carberrys zusammengepreßter Kiefer erinnerte an einen Amboß. Er starrte die Kerle an, als könne er sie mit seinen Blikken harpunieren.
„Köpfe ’runter“, sagte Hasard leise. „Ed, wenn sie was von dir wollen, sagst du einfach ‚Marche a Diablo‘! Verstanden?“
„Und was heißt das?“ flüsterte der Profos. „Geh zum Teufel!“
Carberry schluckte. „He, Mann! Ich werde ja wohl noch fragen dürfen, was ich den Kerlen an den Kopf werfen soll, oder? Dir scheinen allmählich die Nerven zu flattern, was, wie?“
Hasard grinste. Dan kriegte einen puterroten Kopf, weil er das Lachen unterdrücken mußte.
„Geh zum Teufel!“ Er kicherte. „Genau das ist es doch, was du den Dons sagen sollst! Marche a Diablo! Hättest du besser spanisch gelernt, wüßtest du das!“
„Marche a Diablo, du Wanze!“ fauchte der Profos. „Wenn wir erst mal von dieser verdammten Sandbank herunter sind, wickle ich dich um den Großmast. Oder ich sag Will Thorne, er soll dir dein Schandmaul mit der Lieknadel zunähen, damit du endlich mal deine Klappe hältst, du Affen …“
„Ruhe!“ sagte Hasard nur.
Der Profos verstummte. Es wurde auch Zeit. Die beiden Spanier blieben in einiger Entfernung von der „Isabella“ stehen, weil sie sich keine nassen Füße holen wollten.
„Manuel!“ brüllte einer von ihnen durch die hohlen Hände.
Die Seewölfe hatten keine Ahnung, welcher der beiden Wachtposten Manuel hieß. Da es wenig sinnvoll war, den Männern dort unten schon jetzt mitzuteilen, sie möchten sich zum Teufel scheren, übernahm Dan die Antwort.
„Que?“ schrie er zurück.
„Manuel meine ich, diesen verrückten Riesenaffen! He, Manuel!“
„Den „verrückten Riesenaffen“, verstand Carberry nicht, deshalb war er auch nicht beleidigt.
„Marche a Diablo!“ grollte er trotzdem im Brustton der Überzeugung.
„Bastardo! Jijo de puta!“ Der Spanier war im Fluchen auch nicht unbegabt. „Du sollst ins Lager kommen, verdammt noch mal! Es gibt Sturm. Der Capitan braucht dich, um irgend etwas zu reparieren, sagt er.“
Hasard biß die Zähne zusammen.
Das durfte doch nicht wahr sein! Mußte ausgerechnet dieser Manuel über besondere handwerkliche Fähigkeiten verfügen, die man jetzt brauchte? Auf alles Mögliche waren sie gefaßt gewesen, aber das da hätte kaum vertrackter sein können.
„Entert auf und trinkt erst mal ’nen Schluck Rum, Amigos!“ rief Dan geistesgegenwärtig. Dabei winkte er auffordernd und nutzte die Gelegenheit, um Carberry im Flüsterton zu erklären, welch hoher Wertschätzung er sich bei dem spanischen Capitan erfreue.
„Scheiß auf den Rum!“ fauchte der Wortführer der Soldaten. „Beweg jetzt endlich deine Knochen, Manuel! Wird’s bald?“
„Marche a Diablo!“ wiederholte Ed Carberry mit Todesverachtung seinen einzigen spanischen Satz.
„Manuel! Der Capitan wird dich auspeitschen, vierteilen, an den Füßen aufhängen!“
„Na, meinetwegen, du verlauster Sohn einer schwanzlosen Steppensau“, brummte Carberry fast unhörbar. „Ich komm ja schon. Reiß ruhig weiter die Schnauze auf, damit ich dir besser was ’reinschlagen kann, du abgetakelter Kakerlake, du dreimal um den Großmast gewickeltes Bilgengespenst, du …“
„Fluch auf Spanisch oder halt die Klappe!“ zischte Hasard, als der Profos an ihm vorbeistampfte.
„Caramba!“ gab Carberry zum besten. Dann hielt er wirklich die Klappe, weil er nur diesen einen spanischen Fluch kannte. Was er tat, was das einzige, was jetzt vielleicht noch helfen konnte: der Versuch, nahe genug an die beiden Spanier heranzukommen, um auch sie lautlos zu überwältigen.
Viel würde auch das nichts nutzen. Sie gewannen Zeit, das war alles. Schon die Wachtposten, die Manuel und der zweite Mann abgelöst hatten, waren nicht ins spanische Lager zurückgekehrt. Wenn jetzt auch diese beiden ausblieben, samt dem fabelhaften Manuel, mußten die Dons einfach mißtrauisch werden. Hasard biß die Zähne zusammen und widerstand der Versuchung, über das Schanzkleid zu spähen, um mitzukriegen, was geschah.
Ed Carberry war über die Jakobsleiter abgeentert. Er drückte das Rammkinn auf die Brust, als er sich umwandte. In dem flackernden, unruhigen Licht der Öllampe war es durchaus möglich, daß die Kerle ihn nicht erkannten. Das dachte er wenigstens. Aber er hatte vergessen, daß er eben doch noch etwas größer und breiter gebaut war als der „Riesenaffe“ Manuel.
„He!“ zischte einer der Spanier. „Das ist er doch gar nicht!“
„Caramba! Ciele, infierno y diablo!“
Ed Carberry verstand weder die Flüche noch ihren Anlaß, aber er verstand die Wut und den Schrecken in der Stimme des Spaniers. In dieser Tonlage wurde in jeder Sprache geflucht. Außerdem griff der Soldat mit einer bezeichnenden Bewegung zu seiner Pistole.
Der eisenharte Profos explodierte förmlich. Mit einem einzigen Satz sprang er auf die verblüfften Spanier zu.
Ehe sie auch nur halbwegs begriffen, hatte er sie schon gepackt und donnerte ihre Schädel gegeneinander. Es gab ein auffallend hohles Geräusch, die Burschen verdrehten die Augen und fielen schlaff in den Sand, als Carberry losließ.
„So, ihr verlausten Hurensöhne“, sagte er laut und zufrieden.
Im selben Augenblick schnellte am Fuß der Felsen ein dritter Mann hoch, warf sich mit einem erschrokkenen Schrei herum und sauste wie ein geölter Blitz über den Pfad davon.
Einen Moment stand Ed Carberry wie erstarrt.
Dann hob er binnen einer halben Minute mindestens ein Dutzend völlig neuer Flüche aus der Taufe, aber das konnte den Lauf der Dinge nun auch nicht mehr aufhalten.
Zwanzig Minuten später pirschte sich der aufgescheuchte Capitan mit einem Aufklärungstrupp über den Pfad zum Strand.
In der tintenschwarzen Nacht war die „Isabella“ nur als Schattenriß vor der bewegten See zu erkennen. Kein Licht war an Bord zu sehen, keine Haarspitze von den beiden Wachtposten und den Soldaten, die den hünenhaften Manuel hatten abholen sollen. Das Schiff schien verlassen und wirkte geradezu unheimlich, aber der Capitan war um die Lösung des Problems nicht lange verlegen.
Er schickte einfach zwei Mann zum Nachsehen an Bord.
Die Kerle sahen aus, als ob sie Bauchschmerzen hätten, aber sie mußten wohl oder übel aufentern. Undurchdringlicher Schatten verschluckte sie. Nichts passierte, jedenfalls nichts, das sicht- oder hörbar gewesen wäre. Der Capitan nahm das als gutes Zeichen.
Fünf Minuten lang!
Dann wurde ihm klar, daß etwas nicht stimmen konnte. Er wies seinen Sargento an, nach den beiden Männern zu rufen. Der Erfolg blieb aus, und deswegen schickte der Capitan gleich sechs Soldaten los.
Die Burschen wollten nicht recht. Erst als der Capitan die Pistole zog, bequemten sie sich. Auf halbem Wege zögerten sie noch einmal – und die Waffe des Capitans entlud sich donnernd.
Sand spritzte.
Die sechs Männer sprangen. Sie kannten ihren Vorgesetzten. Was sie auf der „Isabella“ erwartete, wußten sie nicht, aber eine Kugel in den Hinterkopf war auf jeden Fall tödlich.
Die Soldaten enterten über die Jakobsleiter auf.
Alle sechs waren der Panik nahe. Sie erwarteten jeden Augenblick irgendeinen höllischen Dämon zu sehen, und in dieser Stimmung äußerster Wachsamkeit und Fluchtbereitschaft waren sie nicht mehr so leicht zu überrumpeln.
Zwei Mann schwangen sich über das Schanzkleid und verschwanden.
Der dritte fuhr mit einem irren Aufschrei zurück, trat seinem Hintermann auf die Finger und fiel von der Jakobsleiter. Unten landete er im Schlick, rollte blitzartig herum und sprang auf, während seine Kameraden ebenfalls überstürzt den Rückzug antraten.
Was der Bursche brüllte, konnten die Seewölfe nicht verstehen. Aber der Reaktion der restlichen Soldaten nach brüllte er bestimmt nichts von Engländern, sondern eher von Gespenstern, Wassermännern oder dem leibhaftigen Satan.
Der Capitan wußte nicht recht, ob er an den leibhaftigen Satan glauben sollte.
Oder vielmehr: er glaubte sehr wohl an ihn, aber er sah nicht ein, wieso sich der Satan ausgerechnet das Schiff des Seewolfs zum Domizil ausgesucht haben sollte. Dagegen sah er noch sehr lebhaft vor sich, welche Hölle diese elenden Engländer bei ihrer letzten Stippvisite auf der Teufelsinsel losgelassen hatten. Wenn sie an Bord waren, mit dieser unheimlichen Waffe, die kein Mensch je vorher gesehen hatte …
Der Capitan dachte an seine Haut. Vor allem an die Löcher, die das regnende Feuer, von dem die Augenzeugen erzählt hatten, vielleicht hineinbrennen würde.
Als erstes befahl er den strategischen Rückzug zwischen die Felsen, als zweites schickte er einen Kurier los, um sämtliche Streitkräfte auf der Insel zum Großangriff zu mobilisieren. Und beide Befehle wurden an Bord der „Isabella“ sehr genau verstanden.
„Caramba“, knirschte der Profos.
„Donnerwetter heißt das“, sagte Dan O’Flynn. „Jetzt kannst du wieder englisch fluchen.“
„Ich kann fluchen, wie ich will, du Wanze! Wenn’s mir paßt, fluche ich auf Schwedisch oder …“
„Ha! Als ob du Schwedisch könntest.“
„Askslag!“ fauchte Carberry. „Död och djävul!“ Das hatte er von Stenmark gelernt, der sich eins grinste.
Hasard grinste auch. Daß die allgemeine Lage keinen Anlaß dazu bot, wußte er genau wie die anderen, aber so leicht verging ihnen das Lachen denn doch nicht. Galgenhumor, dachte der Seewolf mit einem Blick in die feixenden Gesichter. Was jetzt kam, war ein höllisches Spiel um den höchsten Einsatz. Ein Spiel, das am Ende weder sie noch die Spanier entscheiden würden, sondern die Natur in Gestalt des Sturms, der allein die „Isabella“ aus ihrer aussichtslosen Lage befreien konnte.
„Sollen wir den Kerlen schon mal eins verplätten?“ erkundigte sich Al Conroy, der Stückmeister.
Hasard zog die Unterlippe zwischen die Zähne, überlegte und witterte in den Wind. Sie konnten Zeit gewinnen, wenn sie den Spaniern Gelegenheit gaben, erst mal ausgiebig zu beraten, wer sich wohl auf der „Isabella“ verschanzt hatte: Meergeister, der Satan oder der Seewolf.
Andererseits war Andrès Catalina, der Inselkommandant, nicht der Mann, der sich lange überlegte, ob er Engländer oder Gespenster zusammenschießen ließ. Vielleicht würde es doch mehr Zeit einbringen, wenn man den Capitan und seine Leute zu Paaren trieb, damit sie dem Kommandanten nicht sofort Bericht erstatten konnten.
„Gut“, sagte Hasard. „Verplätten wir ihm eins!“ Und mit leiser, scharfer Stimme: „Klar bei Backbordkanonen! Stückpforten auf! Fertigmachen zum Feuern!“
Die Stückpforten der „Isabella“ öffneten sich von einer Sekunde zur anderen – wie aus heiterem Himmel.
Für die Spanier zwischen den Felsen war es ein gespenstischer Anblick. Ein paar Männer bekreuzigten sich. Der Capitan zuckte zusammen und schnellte hoch wie ein Kastenteufel. Aber er konnte sich nicht schnell genug entscheiden, in welche Richtung er laufen sollte.
Eine Sekunde danach war es zum Laufen zu spät.
An der Backbordseite der „Isabella“ blühten rotglühende Feuerblumen auf. Acht Siebzehnpfünder-Culverinen spuckten Tod und Verderben. Pfeifend und orgelnd flogen die Kugeln durch die Luft und krachten in die Felsen.
Unter den Spaniern, denen ohnehin die Angst im Nacken saß, brach Panik aus.
Sie reagierten so, wie Hasard erwartet hatte – mit kopfloser Flucht nach allen Seiten.
Der Capitan rannte besonders schnell. Er nahm den Pfad, der hinauf in die Felsen führte. Unglücklicherweise rannte er genau der anrückenden Verstärkung in die Arme.
Zehn Minuten später griffen die Spanier mit allem an, was sie hatten.
Die Kanonen der „Isabella“ spuckten Feuer. Flaschenbomben explodierten am Strand und stifteten heilloses Chaos. Immer neue Wellen von Angreifern wehrten die Seewölfe ab, sie verteidigten ihr Schiff wie eine Festung, aber sie wußten nur zu gut, daß diese Festung nicht uneinnehmbar war.
Zwei Stunden dauerte es, bis die Spanier ein Dutzend schwerer Geschützte in Stellung gebracht hatten.
Jetzt wurde es ernst. Denn jetzt lief alles auf die Frage hinaus, wer was zuerst in Fetzen schießen würde: die Dons die „Isabella“ oder die Seewölfe die Kanonen der Dons.
„Feuer!“ gellte Hasards Stimme durch den Kampflärm.
Und dann, in der Sekunde, die zwischen seinem Befehl und dem Krachen der Waffen verstrich, stutzte er jählings.
Die Luft schien zu zittern.
Zuerst glaubte er, sich geirrt zu haben. Das Brüllen der Culverinen, die Einschläge der Kugeln, das wilde Geschrei verschluckten jedes andere Geräusch. Eine der spanischen Kanonen stürzte polternd die Klippen hinunter. Zwei andere spuckten ihre todbringende Ladung aus, ohne die „Isabella“ zu treffen. Für die Dauer eines Atemzugs wurde es verhältnismäßig still – und jetzt war der Seewolf sicher, daß er sich nicht verhört hatte.
Gewaltiger Kanonendonner rollte über die See.
Drüben in Cayenne mußte in diesem Augenblick die Hölle los sein, und Philip Hasard Killigrew hegte nicht den geringsten Zweifel darüber, wer es war, der diese Hölle entfesselt hatte.
Der schwarze Segler!
Thorfin Njal und die Rote Korsarin!
Jetzt brauchte nur noch der Sturm loszubrechen.
9.
Dem schwarzen Segler war es tatsächlich gelungen, sich unbemerkt bis auf die Reede von Cayenne zu pirschen.
Siri-Tong kannte das Wetter in diesem Teil der Welt ebensogut wie der Seewolf. Auch sie wußte, daß ein knüppeldicker Sturm bevorstand und daß er wahrscheinlich in den frühen Morgenstunden losbrechen würde. Sie und der Wikinger waren entschlossen, mit den tobenden Elementen ein Bündnis zu schließen, und genau darauf war ihr Zeitplan abgestellt.
Mit dem ersten Morgengrauen lief der schwarze Segler in die Hafeneinfahrt.
Die Stückpforten waren bereits geöffnet, die Kanonen feuerbereit. Spannung schien fast greifbar in der Luft zu knistern. Noch hob sich das Schiff mit seinem schwarzen Rumpf und den schwarzen Segeln kaum von der Umgebung ab. Auf dem Achterkastell kniff Siri-Tong die Augen zusammen und überzeugte sich mit einem raschen Rundblick, daß die spanischen Galeonen immer noch genauso im Hafen verteilt waren, wie der Boston-Mann es aufgezeichnet hatte.
Je etwa die Hälfte des Geschwaders an Backbord und Steuerbord! Eine offene Einladung! Siri-Tong lächelte leicht, in ihren schwarzen Mandelaugen entzündeten die herüberschimmernden Lichter von Cayenne flirrende Reflexe.
„Jetzt“, sagte sie leise.
„Na dann“, brummte der Wikinger, und im nächsten Moment dröhnte seine Donnerstimme durch die Stille.
„Steuerbord-Kanonen Feuer! Backbord-Kanonen Feuer!“
Es war, als breche in der Stille der Nacht von einer Sekunde zur anderen die Hölle aus. Donnernd entluden sich die Geschütze des schwarzen Seglers, die Decksplanken erzitterten unter den Füßen der Männer.
Jählings wurden die spanischen Galeonen von der Gewalt der Einschläge durchgerüttelt. Masten splitterten weg, Tauwerk brach, Rahen wurden geknickt wie Streichhölzer. Eine der Galeonen erwischte einen Volltreffer unter der Wasserlinie und begann sich sofort zu neigen.
Geschrei gellte. Bei den Spaniern herrschte Zustand. Nur wenige von den schwerbewaffneten Kriegsgaleonen waren völlig unbeschädigt geblieben. Noch ehe die Spanier auch nur begriffen, was da über sie hereinbrach, ließ Thorfin Njal schon die beiden nächsten Breitseiten abfeuern.
Siri-Tong kommandierte im Vorderkastell die kleine Spezial-Truppe, die sie persönlich mit der Funktion der Gestelle zum Abschießen der Brandsätze vertraut gemacht hatte.
Es gab keine Wahl, kein Zögern.
Wenn überhaupt eine Situation den Einsatz dieser fürchterlichen Waffe rechtfertigte, dann war es diese. Mit steinerner Miene gab Siri-Tong den Befehl zum Feuern, und die ersten kleinen Raketen flogen durch die Luken, die speziell für diesen Zweck im Vorschiff angebracht waren.
Zischend senkten sie sich auf die spanischen Galeonen nieder.
Ein Teil verschwand im Wasser, aber die meisten trafen, platzten auf und entfalteten sich zu gespenstischen Feuerblumen, die alles ringsum mit einem strahlenden, flimmernden Glutregen übergossen. Wo dieses furchtbare Feuer auftraf, bildeten sich glimmende Nester und schlugen Flammen hoch, die sich wie mit gierigen Zungen weiterfraßen.
Ein vielstimmiger Entsetzensschrei brandete über das Wasser des Hafens. Das Geschwader war am Abend eingelaufen, die Männer, die Wache hatten, konnten noch nichts von dieser fremden, unheimlichen Waffe gehört haben. Für sie war es das leibhaftige Höllenfeuer, das da über sie hereinbrach – und nur die wenigsten von den Offizieren hatten überhaupt noch den Nerv, zurückschießen zu lassen.
Eine Breitseite wühlte in beruhigender Entfernung von dem schwarzen Segler das Wasser auf, eine zweite traf fast eine der Galeonen auf der gegenüberliegenden Hafenseite.
Befehle wurden geschrien und gingen im Kanonendonner unter. Der schwarze Segler feuerte erneut. Vierundzwanzig Geschütze brüllten auf und spuckten Tod und Verderben. Gleichzeitig ließ Siri-Tong ein halbes Dutzend weiterer Brandsätze auf die Reise schicken, und jetzt erwischte das unlöschbare Feuer auch die letzten Galeonen.
Der Hafen von Cayenne war nur noch ein Inferno aus Flammen und brennenden, zum Teil bereits sinkenden Schiffen.
Ein kampffähiges spanisches Geschwader gab es nicht mehr. Als die ersten Befestigungen das Feuer erwiderten, konnte sich Thorfin Njal voll darauf konzentrieren, sie in Trümmer zu legen.
In der Stadt brach Panik aus, obwohl nur ein einziger Brandsatz zwischen den Häusern gelandet war, und auch der nur zufällig. Siri-Tong und der Wikinger wollten die verhaßten Dons treffen, nicht ein Blutbad unter Frauen und Kindern anrichten. Die Stadt zu stürmen, die spanischen Soldaten zu Paaren zu treiben, die Befestigung dem Erdboden gleich zu machen, soweit sie es nicht schon waren – das war etwas anderes.
Siri-Tongs Augen funkelten. Der Wikinger ballte die Hände und rollte mit den Augen, wie es vielleicht seine Vorfahren getan hatten, wenn sie mit ihren Langschiffen wie die Wölfe über unbekannte Küsten hergefallen waren. Die ganze Crew war Feuer und Flamme und brüllte vor Begeisterung. In jeder anderen Nacht als dieser wäre in Cayenne vermutlich kein Stein auf dem anderen geblieben.
In dieser Nacht war es die See selber, die in das Geschehen eingriff.
Noch bevor Thorfin und die Rote Korsarin eine Entscheidung treffen konnten, fegte die erste Sturmbö heran, eine Sturmbö, die fauchend in die Flammen fuhr, unter deren Gewalt sich das Feuer rasend schnell ausbreitete, die den ganzen Hafen in eine lodernde Hölle verwandelte.
Bei den Spaniern versuchte nur noch jeder, das eigene Leben zu retten. Ein paar Geschützmannschaften innerhalb der Befestigungen hätten noch schießen können, aber sie sahen kein Ziel mehr, sahen nur noch Feuer und gigantische Rauchwolken, die sich auf sie zuwälzten. Der Wind fiel jetzt mit bösartiger Schärfe ein und gewann rasch an Gewalt. Wellenberge türmten sich auf, ihre Kämme brachen sich gischtend, und auch für den schwarzen Segler wurde es kritisch.
Wenn er nicht rasch das Feld räumte, würde der Sturm ihn in den Hafen drücken, mitten hinein in das flammende Inferno.
„An die Brassen und Fallen!“ dröhnte Thorfin Njals Stimme durch den Höllenlärm. „Klar zum Anluven! Ruder hart über!“
Der schwarze Segler drehte seinen Bug an den Wind.
Kommandos schallten, die Segel blähten sich knatternd. Langsam, schwer gegen den Sturm kämpfend, nahm das Schiff die Hafeneinfahrt und lief in die offene See hinaus. Achteraus ließen sie ein unvorstellbares Chaos zurück.
Es war, als lasse die erste fauchende Sturmbö den bedrohlich gewordenen Angriff der Spanier stocken.
Ein einziges Geschütz feuerte noch, aus einer Position, in der es von den Backbordkanonen der „Isabella“ nicht zu erwischen war. Aber auch die Spanier hatten in dieser Position nicht viel mehr tun können, als dem Gegner das Bugspriet wegzurasieren.
Al Conroy jagte mit der Drehbasse Schuß auf Schuß in die Felsen, damit die Dons erst gar nicht auf den Gedanken verfielen, ihre Kanone weiter nach vorn zu bringen.
Längst wagte sich kein Spanier mehr auf Musketenschußweite heran, aus Furcht vor den mörderischen Flaschenbomben. Die nächste Sturmbö trieb die Soldaten noch weiter zurück und jagte sie in den Schutz der Felsen. Brecher spülten über den Strand, Gischt hüllte Tote und Verwundete ein und schwemmte das Blut weg. Sand rieb unter dem Kiel der „Isabella“. Wanten und Pardunen ächzten, der Wind heulte durch das Rigg. Und immer noch rollte der ferne Kanonendonner über die aufgewühlte See.
Die Spanier starrten dorthin, wo der glutrote Widerschein über Cayenne die Nacht erhellte.
Die Stadt brannte. So sah es jedenfalls aus. Cayenne in Flammen, ein Sturm, der mit wachsender Gewalt heranheulte, der binnen kurzem alles davonwirbeln würde, was sich ihm in den Weg stellte – für den Kommandanten war das einfach zuviel. Er begriff überhaupt nichts mehr. Er sah nur, daß alles um ihn zusammenbrach, und er hatte nicht mehr den Nerv, noch einmal alle Kräfte zum letzten, vielleicht entscheidenden Angriff zu sammeln.
Seine Befehle konnten die Seewölfe im Heulen des Sturms nicht hören, aber sie sahen, daß sich die Spanier in panischer Hast zurückzogen.
Hasard grinste hart. Sein schwarzes Haar flatterte, die eisblauen Augen funkelten. Er wußte, daß das Wasser stieg. Er fühlte es unter dem Rumpf der „Isabella“ mahlen und arbeiten. Brecher klatschten gegen die Bordwand und ließen die Planken erzittern. Der Druck von Wind und See begann das Schiff zu heben. Minuten noch! Bis jetzt hatten sie alle Hände voll zu tun gehabt, um den wilden Angriff der Spanier abzuwehren. Nun drohte ein anderer Angriff. Der Sturm, der die „Isabella“ befreien sollte, konnte sie später auch in die Tiefe ziehen.
Mühelos übertönte Hasards Stimme das Heulen und Tosen:
„Fahrt die Kanonen und Drehbassen fest! Ben, laß Manntaue spannen! Ferris, Luken verschalken! Klar bei Brassen und Fallen! Himmel, Arsch, holt endlich die verdammte Blindenrah ein oder laßt sie in die Tiefe fahren, bevor sie uns gleich die Fock zerfetzt! Weg mit dem Bugspriet, in drei Teufels Namen!“
„Aye, aye, Sir!“ brüllte Ben Brighton durch das Orgeln und Tosen.
„Aye, aye!“ tönte es vom Vorschiff, wo drei Männer an der zerfetzten Blinde arbeiteten.
„Klar bei Ruder! Pete, verdammt noch mal, wo …“
Pete Ballie hatte längst seinen Platz im Ruderhaus eingenommen und zeigte klar. Hasard grinste, als zeige er dem Wetter die Zähne. Die „Isabella“ ruckte, hob sich mit einer anrollenden Woge, senkte sich wieder. Der Winddruck wurde bedrohlich. Wenn er jetzt in die Segel fuhr, würde er die „Isabella“ von der Sandbank wegreißen. Wenn sie noch lange warteten, konnte es sein, daß eine der nächsten Böen das Schiff flachlegte.
„An die Brassen und Fallen!“
Hasards Stimme peitschte. Im düsteren Grau der Morgendämmerung sah er Dan O’Flynn wie der Blitz in den Großmars entern. Der Seewolf hielt den Atem an und fluchte in sich hinein. Aber Dan hatte recht. Wenn der schwarze Segler Cayenne in Trümmer gelegt hatte, mochte es leicht sein, daß jetzt spanische Kriegsgaleonen trotz des Wetters die See zwischen dem Festland und der Teufelsinsel verunsicherten. Sie brauchten den Ausguck. Auch wenn der Sturm die Masten durchrüttelte und die Segeltuchverkleidung der Plattform knattern ließ.
Eine neue Bö!
Die „Isabella“ neigte sich bedrohlich. Eine mächtige Woge hob den Kiel an, und Hasard atmete tief.
„Heißt Fock und Großsegel! Ruder hart steuerbord!“
Knatternd entfalten sich die Segel.
Der Wind fuhr in das Tuch und spannte es zum Zerreißen. Pete Ballie legte Ruder. Wie ein gewaltiger Mahlstrom knirschte es unter dem Kiel. Dann schien eine unsichtbare Gigantenfaust die „Isabella“ zu pakken und von der Sandbank zu schleudern.
„Anluven!“ peitschte Hasards Stimme.
Die Männer schwitzten und schufteten. Für einen Moment schoß das Schiff wie ein rasendes Seeungeheuer dahin, als es vor dem Wind lief, beim Anluven krachten die Rahen, als wollten sie zerbrechen. Hasard biß die Zähne zusammen, als die heulenden Sturmböen über den neuen Bug einfielen und die „Isabella“ bedrohlich nach Backbord krängte. Wanten und Pardunen schrillten. Das Schiff richtete sich auf – und rauschte mit Steuerbordhalsen aus der gefährlichen Nähe der Teufelsinsel.
„Arwenack!“ schrie Dan O’Flynn aus dem Großmars so gellend, als sei er noch einmal in den längst überwundenen Stimmbruch zurückgefallen.
Und donnernd brauste die Antwort der Crew über die Decks, mischte sich mit dem Orgeln und Heulen des Windes.
„Arwenack! Ar-we-nack! Ar-we-nack!“
Die Teufelsinsel versank achteraus.
„Deck!“ brüllte Dan O’Flynn. „Mastspitzen Steuerbord voraus!“
Hasard spähte aus zusammengekniffenen Augen in das gestaltlose Grau des Morgens. Der Sturm tobte und nahm ständig an Heftigkeit zu. Rasch rückten die Mastspitzen näher, ein dunkler Schatten tanzte in den tobenden Elementen, und noch ehe Hasard zum Spektiv greifen konnte, schallte schon wieder Dans Stimme.
„Es ist der schwarze Segler! Es sind Thorfin und die Rote Korsarin!“
Der Seewolf grinste.
Rasch schloß die „Isabella“ zu dem schwarzen Segler auf und schaffte es sogar, in wenigen hundert Yards Abstand an ihm vorbeizuziehen. Hasard sah schattenhaft die Gestalt der Roten Korsarin, die ihm zuwinkte. Er glaubte sogar, das gewaltige Triumphgebrüll des Wikingers zu hören, das den Sturm übertönte.
Eine Woge hob die „Isabella“ empor. Der zerfetzte Bugspriet schien geradewegs in den verhangenen Himmel zu zielen. Der schwarze Segler verschwand in einem gewaltigen Wellental – und erst sehr viel später sahen sie ihn wieder.
Die beiden Schiffe ritten einen Sturm ab, der es in sich hatte, der den Männern das letzte an Kraft, Geschicklichkeit und Ausdauer abverlangte.
Einen vollen Tag tobten die entfesselten Elemente.
Aber dann, zwölf Stunden später, flaute der Sturm so plötzlich ab, wie er losgebrochen war.
Weit achteraus konnten die Seewölfe das Schiff Thorfins und der Roten Korsarin erkennen. Die Wolken rissen auf, die Sonne erschien. Ein blauer, strahlender Himmel wölbte sich über der flaschengrünen See, und der Wind stand günstig.
Mit schäumender Bugwelle pflügten die „Isabella“ und der schwarze Segler durch das Meer nach Süden, dem Äquator entgegen …

1.
Das Kapuzineräffchen ließ sich aus einer Baumkrone in die Tiefe gleiten, drohte im freien Fall bis in das verfilzte, undurchdringliche Dickicht des dampfenden Regenwaldes zu stürzen, erhaschte dann aber doch eine Liane und pendelte an ihr bis zum Nachbarbaum hinüber. Dort landete es sicher auf einem der tiefer gelegenen, ausladenden Äste und ließ die Liane los. Behende turnte es auf dem Ast entlang, bis ganz nach vorn zur Spitze.
Hier verharrte das Tier.
Unter ihm wälzten sich die lehmbraunen Fluten des gewaltigen Stromes dahin, aber nicht das war es, was die Aufmerksamkeit des Äffchens erregt hatte. Vielmehr drehte sich auf einem trägen Strudel ein rätselhaftes Ding, ein Etwas, wie es das passierliche Tier nie zuvor in seinem Leben erblickt hatte.
Es war gelb und wirkte – zumindest aus der Sicht des Äffchens –, als ob man es mit einiger Überwindung fressen könne.
Das Äffchen legte den Kopf schief und gab ein knappes, fragendes Kekkern von sich. Das Etwas dort unten trug genau in seiner ausgehöhlten Mitte eine Gestalt spazieren, einen weißhäutigen Zweibeiner, der bis auf die Knochen abgemagert war und vor dessen hohlwangigem, ausgemergeltem Gesicht man glatt Angst kriegen konnte. Der Mann hatte seinen Blick nach oben gerichtet. Seine Augen erschienen seltsam starr.
Tot?
Das Äffchen hätte es gern herausgefunden. Aber das Ding, in dem der Mensch auf dem Wasser trieb, entwand sich jetzt den Kreisen des Strudels. Die Hauptströmung war stärker, sie entführte die Last.
Dem Kapuzineräffchen gefiel diese Wandlung der Lage überhaupt nicht. Empört hastete es auf seinem Ast hin und her. Dann rannte es zurück, fand eine Verbindung zu Nebenästen, die ebenfalls über das zu-gewucherte Ufer hinausragten, begleitete seine interessante Entdekkung noch ein Stück, mußte aber schließlich zeternd zuschauen, wie sich das Ding endgültig aus seinem Gesichtskreis entfernte.
Das Kapuzineräffchen keckerte und schimpfte eine Weile. Danach brach es in die hinter ihm liegende grüne Hölle auf, um Streit mit einem seiner Artgenossen zu suchen. Seine Neugierde war nicht vollends befriedigt worden. So etwas konnte auch einen Affen – nicht nur Menschen – in unbändigen Zorn versetzen.
Der Strom nahm das schmutziggelbe Boot aus geflochtenem Reet mit wie eine sichere Beute. „Pororoca“ nannten die Indianer den gewaltigen Fluß Amazonas – Wolkenwasserlärm. Die Urmacht der Natur, die sich jählings brüllend aufbäumen konnte, um alles zu verschlingen. Die Macht der Götter. Was sie packte, gab sie nicht wieder frei.
Und doch: Bisweilen geschah ein Wunder.
Der Mann im Inneren des Reetbootes versuchte sich aufzurichten. Es gelang ihm nur halb. Er stöhnte. Seine Züge nahmen einen gequälten Ausdruck an. Er ließ sich wieder zurücksinken. Plötzlich veränderte sich seine Miene. Er brach in heiseres Kichern aus.
„Der Teufel will dich nicht, Montanelli“, flüsterte er. „Der Fluß wird breiter und breiter, bald bist du an der Mündung angelangt. Erinnerst du dich, wie weit die Ufer voneinander entfernt lagen, als du hier eintrafst?“ Er legte eine Pause ein. Selbst das Flüstern bereitete ihm Schwierigkeiten. Er war unsagbar schwach, seine letzten Energiereserven waren verbraucht.
„O Herr, steh mir bei, daß ich es schaffe – daß ich das Meer noch sehe, bevor ich sterbe …“
Seine dürren Finger hielten zwei Beutel aus roh gegerbtem Leder auf dem Boden des Bootes umklammert. Es befand sich kein Proviant in diesen Beuteln. Er, Montanelli, war dem Tod durch Verhungern und Verdursten nahe, aber das, was die Beutel bargen, konnte kein Mensch dieser Welt herunterschlingen. Und das Wasser des Flusses war ungenießbar. Es würde seinen Tod nur beschleunigen. Piranhas befanden sich darin, giftige Würmer, Zitteraale, Rochen, die mit ihrem langen Schwanzstachel furchtbare Wunden schlagen konnten. Kleine Fische, die sich in die Öffnungen eines Menschen bohrten und die Rückenflosse aufrichteten, Kaimane, tausend Krankheitserreger.
Montanelli brauchte nur dieses Wasser zu trinken oder sich hineinsinken lassen, wenn er seinem Dasein ein Ende bereiten wollte. Aber er wollte leben! Je schwächer er wurde, um so mehr klammerte er sich an den letzten Hoffnungsschimmer, dem Inferno zu entweichen.
Wie oft war er dem Tod schon von der Schippe gesprungen?
Wieder lachte er leise. Viele dutzend Male. Ganz gewiß. Er hätte von den vielen Gefahren, die der Strom bot, umgebracht werden können. Oder von Indianern. Aber nichts von alledem, was er befürchtet hatte, war eingetreten, allen Gesetzmäßigkeiten dieser gräßlichen Umgebung zum Trotz.
Eben. Die Hölle wollte ihn nicht.
Montanelli drehte sich und hob den Kopf so weit, daß er über den Rand des Reetbootes spähen konnte. Er blickte und lauschte in den Wirrwarr aus feuchter grüner Flora und kunterbunter, lärmender Tierwelt. Er haßte diese ewige Kulisse, die sich nicht ändern wollte, aber er fing an, sie zu lieben, wenn er daran dachte, daß er nicht mehr weit von einer möglichen Rettung entfernt war.
Er ließ sich völlig ermattet zurücksinken. Sein Atem ging flach und pfeifend. Die Welt begann sich um ihn herum zu drehen, und in seinem Kopf schien sich ein riesiges Mühlrad zu bewegen. Der azurblaue Himmel raste auf ihn zu und erdrückte ihn mit seiner Hitze.
Schweißgebadet wachte Montanelli aus seiner Ohnmacht auf. Wieviel Zeit war verstrichen? Er wußte es nicht. Er stellte keine Schätzungen an. Er hatte aufgehört, die Tage zu zählen, warum sollte er dann noch die Stunden berechnen?
Das Reetboot hatte mehr Fahrt aufgenommen. Es trieb dahin, ohne daß er seinen Kurs irgendwie beeinflussen konnte. Blieb es irgendwo hängen, dann würde der halbtote Mann es nicht einmal fertigbringen, es zu befreien.
Er hob ächzend den Kopf und hielt wieder Ausschau.
Diesmal sah er sie.
Für einen Moment nur tauchten ihre braunen Leiber aus dem Dikkicht des Südufers auf. Sofort waren sie wieder verschwunden. Aber die wenigen Sekunden genügten Montanelli. Er war keiner Täuschung erlegen und fieberte nicht. Seine Augen hatten auch noch die nötige Sehschärfe und gaukelten ihm keine Trugbilder vor.
Mit entsetztem Keuchen fiel er auf den Bootsboden zurück. Sie waren da! Zwei! Die Angst packte ihn und fuhr ihm tief in die Knochen. Sie ließ ihn nicht mehr los und schüttelte ihn.
Sie waren da und hatten ihn entdeckt. Jetzt würde alles wieder von vorn beginnen.
Von diesem Zeitpunkt an wußte Montanelli, daß sein Tod doch eine besiegelte Sache war.
Philip Hasard Killigrew hatte sich bis auf eine kurze Hose seiner gesamten Kleidung entledigt. Das naßgeschwitzte weiße Hemd lag irgendwo in der Ecke seiner Kammer, gleich neben dem ledernen Wams, das ihm plötzlich auch zu eng geworden war.
In der Hose und den hohen Schaftstiefeln hatten seine Beine und Füße gleichsam zu brennen begonnen, und bei jedem Schritt hatte es unangenehm in den Stiefeln gequatscht. Darum hatten auch die vertrackte Hose und die verdammten Stiefel ihren Ehrenplatz in der Kammer gefunden. Fast wäre er auf die Heckgalerie hinausgetreten und hätte das ganze Zeug über Bord gefeuert.
Jetzt stand er auf dem Achterdeck der „Isabella VIII.“ und schwitzte immer noch. Sein braungebrannter Körper glänzte bronzefarben unter den heißen Strahlenbündeln der Sonne. Aber wenigstens war noch der warme Wind vorhanden, der von der offenen See herüberblies und die „Isabella“ und den schwarzen Segler vor sich hertrieb.
Hasard wußte, daß er darüber froh zu sein hatte. Längst hatte er damit gerechnet, in eine Flautenzone zu geraten, dorthin, wo kein Windhauch die schwüle Luft aufrührte. Für ihn und seine Crew, für Siri-Tong und ihre Mannschaft wäre dies die Hölle auf Erden – und es konnte immer noch eintreten.
Deswegen verdrängte er seinen Ärger über die unerträgliche Hitze. Was konnte er auch daran ändern?
Er blickte zu dem schwarzen Schiff hinüber. Der stolze Viermaster lief an Backbord der „Isabella“, auf gleicher Höhe mit ihr. Siri-Tong stand am Steuerbordschanzkleid des Achterdecks und winkte zu ihm herüber. Sie schien ihn die ganze Zeit beobachtet zu haben. Hasard grinste und grüßte zurück.
Die Rote Korsarin hatte sich auch einiger Kleidungsstücke entledigt, das erkannte er mit bloßem Auge. Natürlich konnte sie sich nicht so weit entblättern wie die Männer – es hätte prompt sämtliche Urtriebe der Burschen wachgerüttelt. Eine Meuterei und Rauferei wären unumgänglich gewesen.
Schon so bot Siri-Tong einen Anblick, den man in feineren Gesellschaften als dieser hier als „anstößig“ bezeichnet hätte. Ihre schwarze Hose war bis über die Knie hinauf hochgekrempelt und lag eng an. Die rote Bluse hatte sie sich über dem Bauchnabel zusammengeknotet und sonst nicht zugeknöpft. Sie gab mehr preis als sie verhüllte. Hasard konnte sich nicht bezwingen. Er nahm das Spektiv zur Hand und blickte durch die Optik zu der Frau hinüber.
O ja, sie war verteufelt schön. Ihre langen schwarzen Haare waren vom Wind leicht zerzaust. Sie umrahmten ein ebenmäßiges Gesichtsoval, in dem nur die leicht schräggestellten Mandelaugen und die ausgeprägten Jochbeine von der fremdländischen Herkunft Siri-Tongs kündeten.
Hasards Blick glitt über den Kirschmund, Kinn und Hals tiefer und verharrte auf Siri-Tongs stolz geschwellten Brüsten. Manch einer wäre bereit gewesen, für diese Pracht bis aufs Messer zu kämpfen. Und einen Mann, der seit Wochen keine Frau gehabt hatte, konnte dies alles glattweg um den Verstand bringen.
Aber Siri-Tong wußte ihren Haufen zu bändigen. Sie regierte mit eiserner Hand. Konsequent befolgte sie ihre Prinzipien, und wer sich nicht danach richtete, der büßte mit seinem Leben für seine Unbotmäßigkeit.
Bei aller Zurschaustellung ihrer fraulichen Reize hatte Siri-Tong ein tiefverwurzeltes moralisches Empfinden. Es gebot ihr Zurückhaltung. Der einzige, „den sie an sich heranließ“, wie ihre Piraten das auszudrücken pflegten, war Hasard. Siri-Tong liebte den Seewolf.
Er nahm das Spektiv wieder etwas höher und sah, wie sie lächelte. Dann warf sie ihm sogar eine Kußhand zu.
Hasard setzte den Kieker ab.
„Du verflixter Satansbraten“ sagte er leise. „Ich weiß, was du willst. Aber wir müssen es auf später verschieben. Es ist viel zu heiß.“
Er wandte sich dem Quarter- und Hauptdeck zu, wo seine Crew in der gleichen Aufmachung wie er schuftete. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Darum ließ Carberry ihnen auch jetzt kaum eine Minute Ruhe. Neben der normalen Decksarbeit mußte endlich wieder richtig aufgeklart werden. Bei dem Kurs, den sie zur Zeit steuerten, hatten sie die nötige Ruhe dazu. Die einzige Widrigkeit war die erdrückende Hitze – und deshalb fluchten die Männer.
Es war Ende April 1583 und heißer als in den Monaten Juli und August in der Karibik. Kein Wunder – die „Isabella“ und der schwarze Segler befanden sich dem Äquator sehr nahe. Ihre genaue Position war an diesem Morgen 2 Grad 30 Minuten nördlicher Breite und 50 Grad westlicher Länge. Das Mündungsgebiet des Amazonas lag nicht mehr weit entfernt.
Temperatur und Luftfeuchtigkeit stiegen von Stunde zu Stunde. Aber die Mannschaften der Schiffe mußten sich damit abfinden, und außerdem konnten sie noch frohlocken, weil der warme Wind aus Nord bis Nordost blies. Mal hatten die „Isabella“ und der Viermaster ihn raumschots, mal halbwinds. Sie segelten mit Backbordhalsen über Steuerbordbug, liefen gute Fahrt und das Wetter war beständig. Eigentlich konnte nach allem, was sie hinter sich hatten, jetzt nichts mehr schiefgehen.
Aber vor Überraschungen war man nie sicher.
Nach den Ereignissen auf der Teufelsinsel und in Guayana waren die Spanier ihnen immerhin noch auf den Fersen. Eigentlich hätten Hasard und seine Crew längst tot sein müssen, aber sie hatten dem Gegner mal wieder ein Schnippchen geschlagen, eine Tatsache, die die Dons ihnen nicht verzeihen wollten und konnten. Ihr Haß gegen „El Lobo del Mar“ schwelte und wurde immer wieder neu angeheizt. Daß es zum größten Teil ihre eigene Schuld war, weil sie sich wieder und wieder mit Hasard anlegten und dabei den kürzeren zogen, bedachten sie natürlich nicht.
Vorläufig zeigte sich kein feindliches Schiff an der Kimm. Aber Hasard blieb ständig auf der Hut. Unachtsamkeit, das hatte sich immer wieder bestätigt, konnte den Kopf kosten.
So gesehen war die Hitze ein Gefahrenfaktor. Hasard verweilte also die meiste Zeit am Oberdeck und hielt die Augen offen. Wo es an der nötigen Disziplin zu mangeln drohte, griff er ein.
Carberrys Stimme tönte zu ihm herauf.
„Ihr Kanalratten, ihr Strolche“, wetterte der Profos. „Wollt ihr wohl arbeiten? Laßt bloß keinen Schlendrian einreißen, sonst gibt’s was auf die Hörner. Heda, euch treibe ich die Flausen schon aus, die ihr im Kopf habt, ihr karierten Decksaffen. He, Bill, willst du wohl die Planken schrubben, oder soll ich dir den Schwabberdweil um die Ohren hauen? Hey, Matt Davies, da müssen noch ein paar Fallen klariert werden, hast du Kokosnüsse auf den Klüsen, oder was ist los? Muß ich dir erst die Haut in Streifen von deinem verdammten Affenarsch ziehen, damit du in Gang kommst, was, wie?“
Es war die übliche Litanei. Edwin Carberry war ja bekannt für seine wortgewaltigen Drohreden. Aber heute fiel er der Crew damit erheblich auf die Nerven.
Matt Davies gab einen knurrenden Laut von sich. „Verdammt, wie kann der bei der Hitze bloß noch so große Töne spucken?“ murmelte er, während er sich anschickte, den Befehl auszuführen.
„Vielleicht hat ihm die Sonne sein letztes bißchen Verstand eingetrocknet, und er weiß nicht mehr, was er von sich gibt“, sagte Blacky.
Er schielte zum Profos hinüber. Jeder Mann auf der „Isabella“ lief zwar halbnackt herum, hatte sich aber eine Kopfbedeckung beschafft, um gegen die Sonnenglut wenigstens von oben her geschützt zu sein. Es waren Mützen und Hüte unterschiedlichster Beschaffenheit, und ihr Alter ließ sich in den meisten Fällen schwerlich schätzen.
Nur Carberry hatte standhaft dagegen gekämpft, sich etwas Derartiges auf seinen mächtigen Schädel zu stülpen. Er wollte keinen „Speckdeckel.“
„Die Flausen, von denen er dauernd faselt, hat er bald selbst im Kopf“, zischte Bill. „Er wird Schmetterlinge fangen, die es überhaupt nicht gibt, und weiße Elefanten übers Wasser laufen sehen.“
„Sonnenstich?“ fragte Bob Grey.
„Totale Mattscheibe“, raunte Bill ihm zu.
Carberry hatte sich in Marsch gesetzt und stapfte auf sie zu. „Ihr da! Was habt ihr zu tuscheln?“
„Nichts, Ed“, sagte Blacky grinsend.
„Ich habe aber gehört, daß ihr gemurrt und geflucht habt“, brüllte der Profos. „Wollt ihr hier eine Meuterei vom Zaun brechen?“
„Nein“, erwiderte Bill. „Wir sagten nur: schönes Wetter heute, was, wie?“
Carberry senkte den Kopf und schob dabei sein Rammkinn vor, eine akrobatische Meisterleistung, die nur er zustandebrachte. Wutschnaubend rückte er auf Bill, den fünfzehnjährigen Schiffsjungen, zu und grollte: „Ja, Kreuzdonnerwetter noch mal, was nimmst du dir eigentlich deinem Profos gegenüber ’raus?“
Ein scharfer Laut ertönte vom Achterdeck her und stoppte ihn. „Profos!“
Carberry drehte sich auf dem blanken Hacken seines rechten Fußes, richtete sich zu seiner vollen Größe auf und blickte zu Hasard.
Der stand mit verschränkten Armen an der Five-Rail und rief ihm zu: „Ed, laß es gut sein!“
„Ich – aye, aye, Sir!“
Carberry widmete sich wieder seiner Aufgabe, ohne jedoch auf Bill loszugehen. Er murmelte nur etwas von „Frechheit“ und „Rotzlöffel“ und ließ es dabei bewenden. Bill war es im Grunde gar nicht recht, daß der Seewolf eingegriffen hatte. Er war der Meinung, selbst mit Carberry fertig werden zu können.
Aber Hasard teilte diese Meinung nicht. „Bill übertreibt manchmal ein bißchen“, sagte er zu Ben Brighton und den anderen auf dem Achterdeck. „Er könnte sich ruhig mehr zurückhalten.“
Ben, auch nur noch mit einer aufgekrempelten Hose bekleidet, erwiderte: „Du vergißt, daß Ed den Jungen aufzieht, wo sich die Gelegenheit bietet.“
„Stimmt, aber Bill kann sich nicht mit ihm messen.“ Hasard lächelte. „Schön, er möchte auch gern ein richtiger Seewolf werden. Aber er ist es noch nicht.“
Shane trat dicht neben ihn hin. Der ehemalige Schmied und Waffenmeister von Arwenack-Castle bot einen denkwürdigen Anblick mit seinem über und über behaarten Leib und dem grauen Bartgestrüpp, das bis zur Brust reichte.
„Hör mal“, sagte er. „Ich schätze aber, daß noch mal einer aus ihm wird.“
„Was, Shane?“
„Na, ein richtiger Seewolf.“
Hasard lachte auf. „Ach so. Ich war mit den Gedanken schon wieder woanders. Natürlich wird Bill ein harter Kerl. Die passende Veranlagung dazu hat er ja.“
Sie blickten zu Bill, der sich wütend mit dem Schwabberdweil abmühte. Ja, sie alle hatten den Jungen ins Herz geschlossen – nicht nur, weil sein sterbender Vater Hasard auf Jamaika das Versprechen abgenommen hatte, sich um Bill zu kümmern, sondern vor allem, weil der schwarzhaarige Bursche ein feiner Kerl war. Durch und durch aufrichtig und tollkühn. Einer, der in ihre Reihen paßte.
Auf der Teufelsinsel, hatte Hasard es beinahe bereut, Bill an Bord der „Isabella“ genommen zu haben. Denn dort war es ihnen allen ganz bedenklich an den Kragen gegangen. Dort waren sie von den Spaniern gefangengenommen und zu Sklaven herabgewürdigt worden, und fast wäre es El Verdugo, dem Henker, gelungen, sie zu Tode zu quälen. Er hatte Bill hängen wollen. Nur durch einen Trick hatte Hasard es geschafft, ihn davon abzubringen, und noch heute erschien es dem Seewolf wie ein Wunder, daß sie sich überhaupt hatten befreien können.
Er verscheuchte die düsteren Gedanken an das, was längst hinter ihnen lag. Sein Blick schweifte von der Kuhl ab und wieder hinüber zum schwarzen Segler der Roten Korsarin.
„Hasard“, sagte Big Old Shane neben ihm.
„Verdammt, was ist jetzt schon wieder?“ fragte Hasard, ohne zu dem Riesen zu schauen.
„Die Hitze …“
„Sie bringt die Luft zum Knistern und heizt sie mit Spannung an, stimmt’s?“ Hasard grinste breit.
„Vor allem, was Siri-Tong betrifft, oder?“
Hasard sah jetzt doch zu Shane. „Auf was willst du eigentlich hinaus, du Stier?“
„Du spähst ja dauernd so komisch zu dem Mädchen ’rüber. Himmel, da weiß man doch Bescheid, wenn man nur dein verträumtes Gesicht sieht.“ Shane grinste noch breiter und wies auf den Strohhut, den er sich aufgesetzt hatte. Seine Krempe war völlig ausgefranst, das Ding machte Shane zu einer grotesken Gestalt. „Du solltest dir lieber auch so einen Hut besorgen.“
„Rede doch keinen Quatsch“, sagte Hasard. „Ich habe genug schwarze Wolle auf dem Kopf, verstanden?“
„Aye, aye, Sir.“
„Seht ihr, was auf dem schwarzen Segler los ist?“ fragte Hasard seine Freunde. „Da geht es rund. Siri-Tong hat Rollenexerzieren angeordnet, und Thorfin Njal sorgt dafür, daß keiner aus der Reihe tanzt oder auf dumme Gedanken verfällt.“
Ben, Shane, Ferris Tucker und der alte O’Flynn blickten nun gleichfalls zu dem Viermaster hinüber. Jawohl, die Rote Korsarin war dabei, ihrer neuen, kunterbunt durcheinandergewürfelten Mannschaft den richtigen Drill beizubiegen. Jeder mußte sich auf jeden einstellen und jede erdenkliche Aufgabe an Bord des Schiffes übernehmen können – auch die des Kapitäns.
Dieses Rundum-Exerzieren hatte Siri-Tong erst vom Seewolf gelernt. Und sie hatte allen Grund, es jetzt in Anwendung zu bringen. Zu ihrer alten Stammcrew, den Piraten wie Juan oder der Boston-Mann, waren die Wikinger Thorfin Njal, Eike, Oleg, Arne und der Stör gekommen, anschließend dann Männer, die sie auf Tortuga angeheuert und schließlich die Männer von Tobago, die sie zuletzt rekrutiert hatte. Diese Männer mußten sich richtig aufeinander einspielen. Im Ernstfall durfte kein falscher Handgriff getan werden, das galt sowohl für die Segelmanöver als auch für die Arbeit auf den Gefechtsstationen.
Thorfin Njal, Siri-Tong Miteigner, Steuermann und väterlicher Berater, regierte drüben auf dem Viermaster mit eiserner Hand. Etwa so wie Carberry auf der „Isabella“, nur nicht so lautstark.
Carberry erschien auf dem Backbordniedergang, der das Quarterdeck mit dem Achterdeck verband und starrte Hasard an. Er triefte vor Schweiß.
„Sir“, sagte er. „Wenn ich das ganze Wasser, das ich schon verloren hab, in einem Kübel aufgefangen hätte, könnte ich jetzt darin baden.“
Hasard musterte seinen Profos leicht amüsiert. „Eine treffende Feststellung, Ed. Ist etwas nicht in Ordnung?“
„Wie weit sind wir eigentlich noch von dem hundsverfluchten Äquator entfernt?“
„Das läßt sich berechnen“, sagte Hasard.
2.
Bill mußte ins Achterkastell flitzen und aus der Kapitänskammer einen von Hasards sorgsam gehüteten Schätzen holen: die Navigationsgeräte. Anhand des Astrolabs, des Jakobsstabes, des Quadranten und der beachtlichen Anzahl Seekarten, die er im Laufe der Jahre gesammelt hatte, stellte Hasard dann seine Berechnungen an.
Der Kompaß, den sie beim Erwerb ihrer „Isabella VIII.“ im Ruderhaus hatten anbringen lassen, leistete ihm eine weitere Hilfe bei der exakten Bestimmung ihrer Position und ihres Kurses.
Von Navigation verstand der Seewolf inzwischen eine ganze Menge, und er hatte sein Wissen an seine Crew weitergegeben, wie er ihnen auch die spanische Sprache beigebracht hatte.
Zwar wurde vielfach, vor allen Dingen auf den spanischen Schiffen, immer noch „nach Gefühl und mit Gott“ gesegelt, und bei Navigation nach Instrumenten war die Bestimmung der genauen geographischen Länge noch allenthalben ein Buch mit sieben Siegeln, aber die Portugiesen hatten in diesem Punkt bereits einen wichtigen Beitrag geliefert, und auch ein gewisser William Bournes hatte 1574 ein erstes Handbuch der Navigation herausgegeben.
Hasard sah seinen schweißgebadeten Profos an. „Gegen Abend müßten wir den Äquator passieren, Ed, falls der Wind nicht schralt oder völlige Flaute eintritt.“
„Das bewahre Gott.“
„Ein frommer Wunsch, Profos.“
Carberry grinste schief und schaute zu Big Old Shane. „Hör zu, du brauchst dich nicht erst großartig zu maskieren, du wirst auch so einen schönen Neptun abgeben.“ Er lachte, als er Shanes verdutzte Miene sah, wandte sich ab und kehrte auf die Kuhl zurück.
„Was meint denn der?“ wollte Shane wissen.
Ben Brighton lachte. „Das wirst du schon noch merken. Denk mal scharf nach, dann kommst du schon darauf.“
Carberry war auf der Kuhl angelangt. Immer wieder blickte er zu Bill, der sich inzwischen wieder intensiv mit seinem Schwabberdweil befaßte. Carberry redete mit sich selbst, und Blacky und Al Conroy, die einmal dicht an ihm vorbeigingen, schnappten die Worte „Äquatortaufe“ und „Riesenspaß“ auf.
Blacky trat zu Bill. „He, Junge, nimm dich vor Carberry in acht. Der will dich taufen.“
„Was?“ Bill schaute verärgert auf. „Kommt nicht in Frage. Das hat bei uns zu Hause der Kaplan in der Kirche erledigt, wie es sich für jeden anständigen neugeborenen Engländer gehört.“
„Das ist was anderes“, erklärte Smoky, der gerade von der Back herunterstieg. „Carberry meint die Äquatortaufe.“
„Äquatortaufe?“
„Dir werden die richtigen Seebeine auch noch wachsen“, sagte Matt Davies.
Bevor Bill aufbegehren konnte, stieß Ed Carberry einen wahrhaft urweltlichen Schrei aus. Breitbeinig stand er vor dem Achterabschluß der Kuhl und brüllte: „Kutscher, he, Kutscher, wo steckst du Himmelhund?“
Prompt erschien die Gestalt des Kutschers im offenen Kombüsenschott. Hasards Koch und Feldscher trat das Körperwasser aus allen Poren. Er war kalkweiß, seine Augen quollen leicht aus den Höhlen hervor, kurz, man sah ihm an, welche Qualen er litt. Zur Zeit hatte er den schlechtesten Job an Bord. Er hatte die Holzkohlefeuer unter den schweren Bronzekübeln angeheizt, weil die Crew das ewige Pökelfleisch satt hatte und endlich mal wieder etwas „Anständiges“ zwischen die Zähne kriegen wollte. Also opferte sich der Kutscher und verging fast in der Hitze, die in der Kombüse herrschte.
„Mein Gott“, stammelte er. „Was ist denn los?“
„Was los ist?“ brüllte Carberry zurück. Er badete jetzt doch fast in seinem Schweiß, der ihm in Strömen übers Gesicht und den ganzen Körper lief. Die Sonne brannte wie Feuer auf ihn nieder. „Das fragst du auch noch, du Stinkstiefel? Bring mir was zu trinken! Wasser! Dalli, oder ich …“
„… zieh dir die Haut in Streifen von deinem Affenarsch“, vollendete Luke Morgan den Satz. Seine Miene war mitleidig.
„Nein!“ fuhr der Profos ihn an. „Ich schmeiß den Kutscher über Bord, wollte ich sagen. Zu den Haien und Barrakudas, wenn er uns hier elendig verdursten läßt.“
Der Kutscher bewies Mut. Er trat noch zwei Schritte weiter vor, einmal, um der glühenden Hitze der Kombüse zu entweichen, zum anderen, um den Abstand zum Profos zu verkürzen.
„Ed“, sagte er. „Wenn du Flüssigkeit in dich hineinschlauchst, wird die Schwitzerei nur noch schlimmer. Du kannst es mir glauben.“
„Stimmt“, bestätigte Batuti.
„Bezwing dich“, sagte Blacky zu Carberry.
Der wollte sich nicht beherrschen und vernünftig sein. Er lief dunkel an und brüllte: „Kutscher, wenn du nicht sofort mit einer Pütz voll Wasser antrabst, knüpfe ich dich an der Rahnock auf und lasse dich dort zappeln!“
Der Kutscher zuckte mit den Schultern, drehte sich um und suchte das Vordeck auf. Wenig später kehrte er mit einer vollen Segeltuchpütz auf Oberdeck zurück. Er hatte auch eine Muck mitgebracht. Carberry riß sie an sich, tunkte sie in das Süßwasser und schöpfte eine volle Ladung heraus. Mit einem Laut der Zufriedenheit hob er den Becher an den Mund.
Er schlürfte wie ein Roß an der Tränke. Dann geschah etwas Ungewöhnliches. Er hielt plötzlich inne, mitten im Zug. Sein Gesichtsausdruck änderte sich, seine Stirn war drohend umwölkt.
Der Kutscher trat vorsichtshalber zwei Schritte zurück.
„Da stimmt was nicht“, sagte Blakky leise.
Die gesamte Crew stand plötzlich reglos da und fixierte ihren Profos. Auch die Männer auf dem Achterdeck drehten sich dem zur Salzsäule erstarrten Carberry zu, und sogar Pete Ballie, der Rudergänger, lugte neugierig aus dem Ruderhaus hervor.
Carberry schüttelte sich wie ein begossener Hund, dann ruckte sein klotziger Schädel mitsamt dem Rammkinn vor. In seinem Inneren grollte es, er öffnete den Mund und spuckte das soeben getrunkene Naß wieder aus. Ein richtiger Sprühregen ging auf die Decksplanken nieder. Das Ganze wurde noch gewichtiger durch das heftige Prusten des Profos.
„Es hat ihn erwischt“, sagte Matt Davies. „Ich wußte es, Leute. Das kommt davon, wenn man sich keine Mütze aufsetzt.“
„Gehitzigschlag“, brummte Batuti.
„Hitzschlag“, korrigierte Blacky.
Carberry hatte ausgespuckt, was es auszuspucken gab. Jetzt fing er sich, holte tief Luft – und fing an zu toben.
„Kutscher!“ schrie er aus Leibeskräften. „Was ist das für eine Schweinerei? Was ficht dich an, mir so eine Brühe vorzusetzen? Komm sofort hierher, du Hering du Mistfresser, du Leutevergifter!“
Der Kutscher hob den Kopf und wandte sich an Hasard. „Sir, muß ich diesem Befehl Folge leisten?“ Er sagte es mit Würde.
Hasard stieg zur Kuhl hinunter. Bevor der wütende Profos auf den Kutscher losgehen konnte, stellte er sich zwischen die beiden.
Smoky legte den Kopf in den Nakken und gab ein Zeichen zum Großmars hinauf. Dan O’Flynn und Arwenack beugten sich über die Segeltuchverkleidung ihres luftigen Postens, der Schimpanse so weit, daß er jeden Augenblick in die Tiefe zu stürzen drohte. Er keckerte und hielt schon eins seiner Wurfgeschosse bereit. Er konnte es nicht leiden, wenn der Profos auf die Palme ging, und war drauf und dran, das Ding abzufeuern.
Dan hielt den Affen auf Smokys Wink hin zurück.
Carberry wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. „Pfui Teufel! Himmel, Arsch und Zwirn, so eine Riesensauerei!“
Hasard wurde es langsam zu bunt.
„Profos“, sagte er scharf. „Was ist eigentlich los? Hör auf, verrückt zu spielen und erkläre mir in vernünftigen Worten, was du zu bemängeln hast.“
Carberry beruhigte sich etwas. „Ja, Sir.“ Er wies auf die Segeltuchpütz mit Wasser, die der Kutscher immer noch hielt. „Das da – das Wasser. Probier es doch selbst mal, Sir.“
Der Seewolf trat zu dem Kutscher. Batuti reichte ihm die Muck. Carberry hatte sie in seiner Wut auf die Planken geschleudert. Hasard tauchte das kleine Gefäß in die Flüssigkeit. Und dann roch er nur einmal prüfend, und überzeugte sich, daß der Profos recht hatte.
„Stimmt“, sagte er. „Das Wasser stinkt. Es ist faulig. Kutscher, was hat das zu bedeuten?“
Der Kutscher wurde diesmal richtig rot im Gesicht. „Himmel, ich – Sir, ich kann mir das nicht erklären.“
„Das Zeug schmeckt widerlich“, sagte Carberry in Hasards Rücken. „Schlimmer als eingeschlafene Füße.“
„Kutscher, das ist vielleicht ein Ding“, fuhr Hasard seinen Koch an. „Wie kannst du den Männern so etwas vorsetzen?“
Alles konnte der Kutscher vertragen, nur keinen Anranzer von seinem Kapitän. Mit verkniffenem Gesicht stand er da. „Ich sehe ja ein, daß ich Bockmist geschossen habe, aber ich hab das Wasser nun leider mal nicht geprüft, bevor ich es gebracht habe, Sir. Muß an der Hitze liegen. Tut mir leid.“
„In der Kombüse ist es bullenheiß“, sagte Blacky. „Der Kutscher ist auch nur ein Mensch.“
Hasard warf ihm einen zurechtweisenden Blick zu. „Der Kutscher kann sich selbst verteidigen, oder?“
„Ja, Sir.“
„Kutscher, wieso haben wir überhaupt verfaultes Wasser an Bord?“
„Das weiß ich nicht.“
„Wir haben doch erst vor kurzem Trinkwasser und Proviant gefaßt.“
„Ja, Sir.“
„Unter diesen Umständen halte ich es für richtig, wenn wir mal gemeinsam die Kombüse und die Vorratskammern inspizieren“, sagte Hasard.
„Nimm es mir nicht übel, Kutscher. Ich tue das nicht, weil ich dir mißtraue, sondern weil ich annehme, daß es Dinge gibt, die auch deiner Aufmerksamkeit entgehen. In Ordnung?“
„In Ordnung, Sir.“
Sie gingen also ins Vorschiff, zunächst in die Kombüse. Hasard nahm genau in Augenschein, was der Kutscher schon penibel für die Zubereitung der Mittagsmahlzeit zurechtgelegt hatte. Er hob eine Speckseite an, schnupperte kurz daran, reichte sie dem Kutscher – und dessen Gesicht wurde lang und länger.
Hasard setzte seinen Gang fort und erreichte die Vorratskammern im Vordeck. Der Kutscher folgte ihm dichtauf, danach kamen Ben Brighton, Shane, Ferris Tucker, fast die ganze Crew bis auf Pete Bailie und diejenigen, die an Oberdeck gerade unabkömmlich waren.
Ganz am Ende des Trupps humpelte der alte Donegal Daniel O’Flynn. Er ließ am laufenden Band Flüche vom Stapel. Warum, das wußte er selbst noch nicht so genau. Auf jeden Fall hielt er es für ratsam, schon mal mit der Lästerei zu beginnen.
Als der Seewolf dann die Provianträume inspiziert hatte, bestand wahrhaftig aller Grund, die fürchterlichsten Verwünschungen auszustoßen.
Das Gesicht des Kutschers war so lang geworden, wie es überhaupt möglich war, und am liebsten hätte der arme Kerl vor lauter Wut und Verzweiflung losgeheult.
Hasard hielt noch einen größeren Fisch in der ausgestreckten Hand. Er klemmte die Schwanzflosse zwischen Daumen und Zeigefinger fest, und der Fisch baumelte herab, nicht als Corpus delicti, sondern als bildhafte Demonstration sozusagen.
Es roch in den Vorratskammern der „Isabella“. Nicht übel, sondern geradezu bestialisch.
„Also, so was hat die Welt noch nicht gesehen“, sagte Ben Brighton.
Carberry erwiderte: „Gerochen, meinst du wohl.“
„Hier stinkt’s nach Leichen“, sagte Shane angewidert.
„Nach toten Hunden“, sagte Matt Davies, und sein Nebenmann Al Conroy nannte die Dinge ohne Umschreibung beim richtigen Namen.
„Hölle und Teufel, alles total vergammelt – alles!“
Der Kutscher preßte sich mit einem Mal die Hände gegen die Ohren und rief: „Hört auf! Verflucht und zugenäht, hört endlich auf, ihr Hornochsen, ich kann’s nicht mehr aushalten!“
Die Seewölfe schauten sich an. Hornochse war für die Begriffe des Kutschers schon ein ganz schön deftiger Fluch, sie konnten daran messen, wie ihm zumute sein mußte. Sie protestierten nicht, sondern schwiegen unvermittelt.
Für einen Moment war nur das Knarren und Knacken der Planken und Verbände zu vernehmen, und das Rauschen des Seewassers an den Bordwänden. Hasard war es, der dann wieder das Wort ergriff.
„Tut mir leid, Kutscher, aber ich muß eine traurige Bilanz halten. Die Trinkwasserreserven sind hinüber. Sämtlicher Proviant ist verdorben, auch der in der Kombüse. Das Brot ist vom Schimmelfraß befallen, Pökelfleisch, Speckseiten, Fisch und Dünnbier und alles andere, was wir hier gehortet haben, sind verfault. Sogar das Salz zerfließt.“
Der Kutscher hob die Schultern und senkte sie wieder. Es war eine Geste völliger Resignation. Plötzlich verstand er die Welt nicht mehr.
„Woran liegt das bloß?“ murmelte Ben Brighton immer wieder. „Woran bloß?“
„Mann, Kutscher, hast du denn überhaupt nichts bemerkt?“ fragte Ferris mit einem scheelen Blick auf den stinkenden Fisch in Hasards Hand. „Ich meine, bei der Zubereitung des Essens hättest du doch …“
„Nein!“
Der Kutscher funkelte den rothaarigen Schiffszimmermann an, und für einen Moment sah es so aus, als wolle er sich den verfaulten Fisch angeln und ihn Ferris rechts und links um die Ohren hauen. Aber so etwas tat er denn doch nicht.
Er sagte nur: „Ich schwöre euch, daß alles, was ich oben in der Kombüse zurechtgelegt habe, bevor ich die Feuer anheizte, vor – ja, vor einer Stunde noch frisch war.“
„Hier spukt’s“, unkte Old O’Flynn.
Er handelte sich dafür die zornigen Blicke der versammelten Crew ein.
Hasard warf den Fisch fort. Seine Miene war von tödlichem Ernst, denn es gab in einer Situation wie dieser wahrhaftig keinen Grund, unbeschwert zu lachen.
Trotzdem sagte er: „Nun dramatisiert mal nicht. Es gibt für alles eine logische Erklärung.“
„Old Donegal soll mit seiner Spökenkiekerei aufhören!“ rief Jeff Bowie. „Wir haben die Nase gestrichen voll vom Jonas und von ähnlichem Blödsinn.“
„Dabei bist du abergläubischer als ich“, fauchte der Alte.
„Ruhe“, fuhr Hasard dazwischen. „Haltet die Luft an, Männer, oder es gibt Stunk. Hört zu. Das Klima in dieser Gegend ist vernichtend. Wir befinden uns jetzt unmittelbar vor dem nördlichen Bereich des Amazonasdeltas. Wir kriegen die Auswirkungen der Urwaldluft voll zu spüren. Nichts hält sich. Was eben noch genießbar gewesen ist, vergeht binnen Minuten. Die Hitze und die Feuchtigkeit sind vernichtend.“
Ben fuhr sich mit der Hand über die nasse Stirn. „Stimmt. Verdammter Mist, warum mußte uns das bloß passieren?“
Hasard blickte reihum. „Ihr könnt mich jetzt kritisieren, weil ich mich mit dem Schiff zu dicht in Küstennähe gehalten habe. Aber erstens dachte ich, immer noch weit genug vom Einzugsgebiet des großen Stromes entfernt zu sein. Zweitens befürchtete ich, weiter draußen auf See in eine entsetzliche Flaute zu geraten.“ Sein Blick verharrte auf Carberrys grimmigem Gesicht. „Ihr könnt mir die volle Schuld an diesem Vorfall zuschreiben, obwohl ich mich nicht rechtfertigen will. Nur laßt den Kutscher in Ruhe, er trägt keinerlei Verantwortung.“
„Danke, Sir“, sagte der Kutscher.
Carberry kratzte sich verlegen am Kinn. Es klang, als bewege sich eine Kolonie Küchenschaben über trokkenes Laub. „Himmel, ich hab’s ja auch nicht so gemeint. Aber was tun wir jetzt?“
„Kutscher, Bill, Blacky und Jeff Bowie, ihr kehrt zunächst mal das ganze Gammelzeug zusammen und befördert es außenbords. Sollen die Haie sich daran erfreuen. Kutscher, du weißt ja, daß du anschließend Provianträume und Kombüse tüchtig zu schrubben hast.“
„Aye, aye, Sir. Wegen des verfaulten Drecks.“
Der Profos polterte los: „Hol der Teufel diesen ganzen Kram! Was futtern wir jetzt? Und was trinken wir? Hölle, meine Kehle ist ganz trocken und kratzig.“
Hasard ging an ihm vorbei und führte den Trupp nach oben auf die Kuhl zurück. Hier drehte er sich um und sagte: „Ed, du kannst von mir aus eine Ration Rum austeilen lassen, wenn dich das beruhigt. Aber in den nächsten Stunden müssen wir hungern und auch mit unserem Durst irgendwie fertigwerden. Nicht einmal Pökelfleisch und Schiffszwieback sind genießbar, von dem Rest ganz zu schweigen. Wir haben keinen Tropfen verwendbares Trinkwasser. Oder willst du, daß wir uns alle vergiften?“
„Natürlich nicht“, erwiderte Carberry. „Aber wie soll’s weitergehen, Sir?“
„Das hast du schon mal gefragt“, wandte Matt Davies trocken ein. „Du wiederholst dich, Ed. Wir haben dir ja gesagt, du sollst einen Hut oder was Ähnliches aufsetzen.“
Schnaubend wandte Carberry sich ihm zu. „Dich kratzt das Ganze wohl überhaupt nicht, was, wie?“
„Doch. Aber ich hab längst begriffen, daß wir eine Weile Kohldampf schieben müssen, bevor wir unsere Vorräte erneuern können.“
Hasard bat sich mit einer Gebärde Ruhe aus, dann rief er zu Dan O’Flynn hoch: „He, Dan, signalisiere Siri-Tong, sie soll auf Rufweite heranstaffeln!“
„Aye, aye, Sir!“ tönte es zurück.
Wenig später hatte sich der schwarze Segler auf weniger als eine Drittel Kabellänge an die „Isabella“ herangeschoben, und der Seewolf turnte ein Stück in die Luvwanten des Besanmastens hinauf, drehte sich um und legte die Hände als Schalltrichter an den Mund.
„Siri-Tong!“
„Was ist passiert, Hasard?“ ertönte ihre Stimme. Sie stand immer noch auf dem Achterdeck. Ihre Haare bewegten sich im Wind und ihre rote Bluse bauschte sich, daß es einem den Atem rauben konnte.
„Kontrolliere deinen Proviant!“ schrie Hasard.
„Geht in Ordnung!“
Sie fragte nicht groß nach dem Warum, vielleicht schwante ihr auch schon etwas. Jedenfalls scheuchte sie sofort Juan und den Boston-Mann los, und die kehrten nach wenigen Minuten mit völlig verstörten Mienen wieder auf das Achterdeck zurück und erstatteten ihr Meldung.
Was sie sagten, konnte Hasard nicht verstehen. Aber er vernahm kurz darauf, was Siri-Tong ihm zurief.
„Alles hinüber, Hasard! Verfault! Was hat das zu bedeuten?“
Er erklärte es ihr in einem Satz, dann fügte er hinzu: „Wir müssen unseren Kurs ändern, es bleibt uns nichts anderes übrig.“
Sie lachte gezwungen, ganz wohl war ihr plötzlich auch nicht mehr.
„Du hast das Kommando. Wir folgen dir!“
Hasard winkte ihr zu, danach enterte er auf das Achterdeck ab und versammelte Ben, Shane, Ferris und Old O’Flynn um sich und die Crew auf dem Quarterdeck.
„Da gibt es nur eins“, sagte er. „Wir müssen in den sauren Apfel beißen und das Amazonasdelta anlaufen. Irgendwie müssen wir Nachschub für den verdorbenen Proviant heranschaffen, das ist klar. Das Mündungsgebiet des großen Flusses scheint mir am besten dafür geeignet, Eßbares und Trinkwasser zu finden. Inseln gibt es hier in der Umgebung meines Wissens nicht.“
„Was ist das für eine Gegend?“ erkundigte sich Carberry.
Hasard hob die Augenbrauen. „Was erwartest du, Ed?“
„Urwald.“
„Na also, warum fragst du dann?“
„Himmelarsch, ich hab noch von Guayana genug.“
„Profos“, sagte der Seewolf scharf. „Hast du vielleicht einen besseren Vorschlag?“
„Ich – nein, Sir.“
„Dann halt gefälligst den Rand und stinke nicht dauernd gegen meine Anordnungen an“, entgegnete Hasard scharf. „Sonst lasse ich dich vielleicht noch wegen Aufmüpfigkeit ein paar Stunden ins Vordeck sperren.“
Das saß. Carberry duckte sich wie unter Peitschenhieben. Er war zutiefst verletzt, aber er hörte auch mit seinem Gefluche und seiner Mäkelei auf. Wenigstens für die nächste Stunde. Und ganz tief in seinem Inneren sah er ja ein, daß hier nur einer das Sagen hatte: der Seewolf.
Hasard wandte sich an Ben. „Ich wollte ursprünglich das Amazonasdelta um jeden Preis meiden, aber jetzt habe ich keine andere Wahl. Verflixt, und dabei hatte ich mir eingebildet, ohne weiteren Aufenthalt an der Küste der Neuen Welt entlang bis nach Kap Horn segeln zu können.“
„Du meinst, wir seien vom Pech verfolgt?“ fragte Ben Brighton vorsichtig.
„Nicht unken, Ben.“
Hasard ließ wieder zum schwarzen Schiff hinübersignalisieren. Wenig später übernahm die „Isabella VIII.“ die Führung. Siri-Tong äußerte keine Einwände an Hasards Vorhaben, denn sie hatte von dem Augenblick an, in dem Juan und der Boston-Mann ihr die Hiobsbotschaft überbracht hatten, den Ernst und die Tragweite der Lage in vollem Umfang erfaßt.
Beide Schiffe fielen ab. Sie nahmen Kurs nach Südwesten und gelangten nun relativ schnell, zur Küste, weil sie platt vor dem aus Nordosten wehenden, immer noch handigen Wind hersegeln konnten.
Carberry blickte finster zu Bill hinüber. Schließlich marschierte er über das leicht schwankende Deck der Kuhl auf den Jungen zu. Bill traf Anstalten, die Flucht anzutreten, aber der Profos sagte nur: „Weißt du was? Der einzige Glückspilz bei der ganzen Schweinerei bist du, Söhnchen.“
„Wieso denn?“
„Weil du um die Äquatortaufe herumkommst, du Schlingel.“
3.
Montanellis Atem ging keuchend. In seinem Hirn arbeitete es unablässig, und hin und wieder durchlief ein Zucken seinen ausgemergelten Körper.
Er suchte nach einer Möglichkeit, etwas zu seiner Rettung zu tun. Aber er war zu schwach, um sich ganz aufzurichten, zu schwach, mit den Händen zu paddeln, allemal zu schwach, sich irgendein Stück Treibholz aus dem Strom zu fischen, das er als Ruder benutzen konnte.
Was blieb? Er konnte nur beten, daß sich das Reetboot in der Mitte des Flusses hielt und nicht zum südlichen Ufer trieb.
Er stöhnte. Es wirbelte vor seinen Augen und dröhnte in seinen Ohren, und er drohte wieder besinnungslos zu werden. Mit aller Macht seines Geistes zwang er sich dazu, das Bewußtsein zu behalten. Er verwandte das letzte bißchen Kraft, das ihm verblieben war, auf dieses Bestreben.
Und es gelang ihm. Er wurde nicht ohnmächtig. Für Montanelli war dies ein gewaltiges Erfolgserlebnis. Er verspürte etwas innerlichen Auftrieb, einen Schimmer in weiter Ferne, an den er sich klammerte.
Plötzlich lief ein Ruck durch sein Gefährt. Es drehte ab und schoß davon, als sei es von einem Katapult oder einer Bogensehne abgefeuert worden. Montanelli wußte genau, was das bedeutete. Er war in einen jener trügerischen, manchmal gefährlichen, manchmal harmlosen Strudel geraten, und dieser hatte seinem Boot einen neuen Kurs gegeben.
Ängstlich hielt er sich fest. Seine Finger umspannten noch immer die beiden Beutel aus Rohleder. Wenn er sie bewegte, erklang ein hartes, metallisches Schaben aus dem Inneren der Beutel.
Montanelli wußte nicht, wohin das kleine, wacklige Boot glitt. Unter unsäglichen Qualen hob er sich auf die Ellenbogen und warf einen Blick über die Kante des Flechtwerkes. Er wimmerte vor Entsetzen auf.
Der Strudel hatte ihm mit einem Schlag genau die Richtung gegeben, die er um jeden Preis meiden wollte. In schräger Linie lief das Reetboot auf das Südufer des Amazonas zu, und es würde – wenn nicht ein Wunder geschah – im spitzen Winkel darauftreffen.
Montanelli warf sich hin und her, aber das Boot schwankte nur ein wenig. Sonst geschah nichts. Er spielte mit dem wahnwitzigen Gedanken, sich in den Strom zu werfen und sein Leben dem Getier preiszugeben. Aber er verwarf den selbstmörderischen Plan genauso schnell, wie er ihn gefaßt hatte. Immer noch hing er an seinem erbärmlichen Dasein, ganz gleich, was geschah.
Die tausend Stimmen, die unvergleichliche Musik des Regenwaldes – sie erschienen ihm jetzt wie ein Hohngelächter.
Er betete und fluchte, jammerte und stöhnte, aber es nutzte ihm nichts, das Boot behielt seinen unglücklichen Kurs bei. Montanelli lag wieder auf dem Rücken. Er schloß die Augen, wollte nichts mehr sehen und an nichts mehr denken, doch es gelang ihm nicht.
Ein neuerlicher Blick über den Bootsrand ließ ihn zusammenfahren. Der Busch war jetzt nicht mehr weit entfernt. Höchstens noch zehn, fünfzehn Yards trennten ihn von dem grünen, verdammungswürdigen Vorhang. Und inmitten dieser Wand erschienen wieder die beiden braunen Leiber, die ernsten Gesichter, die ohne Gefühl auf ihn blickten.
„Nein“, stieß Montanelli aus. „Bitte – nein …“
O, er kannte sie und wußte, daß er von ihnen keine Gnade erwarten durfte. Von ihnen zu allerletzt! Sie waren stämmige, muskulöse Männer, nackt bis auf einen Lendenschurz, und sie trugen die Trophäe des Infernos auf dem Haupt: ein offenes Kaiman-Maul, dessen Oberkiefer auf dem Haar lastete und dessen Unterkiefer unter der Kinnpartie festgebunden war.
Boote hatten sie nicht, daß wußte Montanelli auch ganz genau. Sie durften sie nicht besitzen. Darum hatte er seine ganze Hoffnung in die Aussicht gelegt, von dem Strom davongetragen zu werden.
Die beiden Indianer waren Späher. Wer wußte, wie lange sie ihn schon beobachteten? Wahrscheinlich waren sie ihm über eine beachtliche Distanz am Ufer gefolgt. Das war in diesem Dickicht kein leichtes Unterfangen. Wenn Montanelli noch etwas Positives an ihnen fand, so war es das erstaunliche Geschick, mit dem sie sich im Urwald voranbewegten.
Er wußte, was kam.
Er hielt sich platt auf den Boden des Reetbootes gedrückt, regte sich nicht und schob die beiden Rohlederbeutel in einer fast instinktiven Handlung noch unter seinen mageren Leib.
Er gab sich keine Blöße und hütete sich, den Kopf auch nur anzuheben. Aber dann befand er sich dicht am Ufer und unter den überhängenden Ästen und Baumkronen, in denen Schlangen hausen oder noch größere Tiere auf ihre Opfer lauern konnten.
Die schlimmste Spezies von allen hatte es auf Montanelli abgesehen, die Spezies Mensch. Schon erblickte er die sehnige Gestalt, die sich geschmeidig über einen mächtigen Ast schob. Sie erreichte seinen vordersten Ausläufer, als das Boot sich fast direkt unter ihr befand.
Der Ast wippte bedrohlich. Montanelli glaubte, der Indianer würde sich in das Boot fallen lassen, aber in diesem Punkt hatte er sich getäuscht.
Der Indianer setzte nur ein langes Blasrohr an und zielte auf ihn. Montanelli öffnete den Mund. Aber seiner Kehle entrang sich kein richtiger Schrei, sondern nur ein entsetzliches Krächzen.
Es gab keinen Laut, als der Pfeil das Blasrohr verließ und seine schnurgerade Bahn auf den Mann im Reetboot zog. Montanelli fühlte den Einschlag, zuckte zusammen, bäumte sich auf – und dann konnte er doch schreien.
In seinem Kopf pulsierte es dröhnend, er verlor die Kontrolle über seine Gliedmaßen. Hilflos mußte er mitverfolgen, wie der Schütze den Baum wieder verließ, wie der zweite Indianer ein mit Widerhaken bewehrtes Seil warf. Die Haken krallten sich sofort in dem Reetboot fest.
Die Indianer gaben dumpfe, gutturale Laute von sich und zogen das Gefährt ganz ans Ufer heran. Montanelli konnte sich nicht mehr bewegen, aber er konnte noch sehen und denken.
Das Boot stach mit seinem Bug mitten in das feuchte Dickicht. Ein winziger Seitenarm des großen Stromes öffnete sich. Er lag sonst völlig versteckt unter dem wuchernden Pflanzenwuchs, kein Uneingeweihter konnte ihn jemals entdecken. Nur die Indianer, die Krokodilmänner, wußten, daß er sich an dieser Stelle befand.
Sie liefen am Ufer entlang und zerrten das Reetboot an der Schleppleine mit. Montanelli begriff, daß sie ihn nicht sofort töten, sondern erst zu ihrem Herrn bringen wollten.
Er war gelähmt und konnte nicht einmal mehr in das brackige, verseuchte Wasser rutschen.
Dort, wo das Ziel seiner Gegner lag, erwartete ihn noch weitaus Grausameres, das wußte er. Er hatte aufgehört, sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben.
„Land!“
Natürlich war es wieder Dan O’Flynn, der den graugrünen Streifen über der südwestlichen Kimm als erster sichtete. Er hatte die besten Augen der „Isabella“-Crew, deswegen saß er auch meistens als Ausguck hoch oben im Großmars.
Hasard begab sich auf Dans Ruf hin auf die Back. Er zog das Spektiv auseinander, blickte hindurch und betrachtete mit gemischten Gefühlen, was sich da vor ihnen ausbreitete.
Land. Ein Gürtel, der sich dem Vernehmen nach so lang wie ganz Europa durch die Neue Welt erstreckte, der nur zu einem winzigen Teil erforscht war und voller Gefahren steckte.
Voll Skepsis blickte Hasard auch auf das braungelbe Wasser, in dem sie nun schon seit zwei Stunden dahinrauschten. Das war kein Seewasser mehr, das waren bereits die lehmigen Fluten des Amazonas.
Die meisten Männer befanden sich in seiner Nähe. Neugierig reckten sie die Hälse und schauten voraus.
Hasard drehte sich zu ihnen um. „Erstaunlich, wie weit der Amazonas sein Wasser ins Meer hinausdrückt, nicht wahr?“
„Wir haben ablaufendes Wasser“, stellte Smoky nüchtern fest. „Damit hängt es bestimmt zusammen.“
„Ja, Aber was geschieht, wenn die Flut kommt?“
„Keine Ahnung.“
„Dann befördert der Atlantik diese braune Brühe in die Mündung zurück oder?“ sagte der Seewolf.
Smoky schob seine Mütze ein Stück zurück und kratzte sich die Stirn. „Tja, eigentlich müßte es so sein.“
„Aber dann preßt Strömung gegen Strömung“, gab Hasard zu bedenken.
„Wie in allen Flußmündungen der Welt“, sagte Big Old Shane. „Ich weiß nicht, wieso wir uns damit groß befassen sollen. Wir suchen uns Proviant und Süßwasser, verstauen das Zeug und hauen wieder ab.“
„Wenn das so einfach wäre“, erwiderte Bill.
„Ho“, stieß Shane lachend hervor. „Was weißt du denn schon, du Naseweis?“
„Genausoviel wie du, du Bär“, sagte Bill forsch. „Ganz so dämlich, wie ihr alle denkt, bin ich nämlich nicht.“
„Aber noch feucht hinter den Löffeln“, meinte Carberry.
Während sie sich zankten, dachte Hasard über das Phänomen des braunen Wassers nach. Gewiß hatte Smoky mit seinen Bemerkungen recht, aber Shane unterbewertete das Ganze. Denn hier, am gewaltigen „Amacunu“, dem „Wasserwolkenlärm“, wie die Indianer ihn nannten, war alles gigantischer als anderswo. Hier konnte ein simples Naturschauspiel zur Katastrophe gedeihen.
Hasard sann nicht weiter darüber nach.
Er kehrte auf das Achterdeck zurück, befaßte sich mit seinen Karten und stellte fest, daß sie sich als erstes einer großen Insel im Delta nähern mußten, die die Portugiesen „Ilha Curua“ getauft hatten.
Der Tag näherte sich seinem Ende, aber die Luft kühlte nur allmählich ab. Im Osten war der Himmel indigoblau gefärbt. Im Westen hatte er noch die kräftige Tönung, die er am Morgen und am Mittag gezeigt hatte, und es schien fast, als wolle sich der Feuerball der Sonne mitten in die grüne Hölle betten.
Keine Stunde später war es soweit. Die „Isabella“ und der schwarze Segler stießen in das Mündungsgebiet des legendären, gemiedenen und gehaßten Stromes vor. Die lehmbraunen Fluten drückten jetzt mit aller Macht gegen die Schiffsrümpfe an, aber immer noch wehte der Nordostwind. Er half ihnen über den kritischsten Punkt zwischen der Ilha Curua und der Ilha Janaucu hinweg und beförderte sie in einen langgestreckten, von grünen Barrieren gesäumten Wasserarm.
„Das ist der Canal do Norte“, sagte Hasard. Er befand sich inzwischen wieder auf der Back, und zwar ganz vorn an der Schmuckbalustrade.
Smoky lag vorn unter ihm auf dem Bauch und lotete die Tiefe aus. „Ein erstaunlicher Kanal, Hasard. Ich messe immer noch zehn Faden.“
„Das ist mehr, als ich dachte“, entgegnete der Seewolf. „Wirklich beachtlich.“
„Solange wir nicht auf eine Sandbank laufen!“
„Mann, Smoky!“ rief Al Conroy. „Mal jetzt bloß nicht den Teufel an die Wand.“
An Steuerbord war eine Bewegung. Hasard und seine Freunde wandten den Blick dorthin, und auch von Bord des schwarzen Schiffes, das sich nun dicht hinter der Galeone befand, hielt man interessiert Ausschau.
Al Conroys Ruf schien die Landschaft wachgerüttelt zu haben. Aus dem grünen, menschenabweisenden Gürtel aus Bäumen und Schmarotzerpflanzen schienen sich mehrere flachliegende Stämme gelöst zu haben. Erst bei genauerem Hinsehen entpuppten sie sich als die scheußlichen, gefürchteten Riesenechsen, die schon so manchen abgebrühten Beachcomber in Angst und Schrekken versetzt hatten: Kaimane.
Sie glitten ein Stück auf die „Isabella“ und den Viermaster zu, blinzelten tückisch, wagten sich aber nicht weiter heran. Gelassen schwammen sie eine Strecke mit den Schiffen, ohne etwas Bedenkliches zu unternehmen. Dann verloren sie das Interesse und zogen sich wieder ans Ufer zurück.
Bill schauderte mit einem Mal unwillkürlich zusammen. Er griff in einer Instinkt-Reaktion nach dem Arm des Mannes, der ihm am nächsten stand. Es war Shane.
„He, was ist denn, Junge?“ sagte Shane.
„Sieh doch – da!“
Shane folgte der Richtung, die Bills Finger wies, mit den Augen. Dann konnte auch er sich dieses Gefühls nicht erwehren: Das war, als rieselten viele winzige Eisnägel über sein Rückgrat.
Ein dicker Leib wand sich vom Ufer aus ins Wasser, brachte die Fluten ein wenig in Wallung und war gleich darauf verschwunden. Es war ein gescheckter Leib, der keinerlei Ähnlichkeit mit dem der Krokodile hatte.
„Herrgott, was war denn das bloß?“ sagte Shane. Er war wütend über sich selbst.
Hasard stand neben ihm. Er sagte nur ein Wort: „Anakonda.“
„Die Wasserschlange?“
„Ja, Shane. Von Hutten, der die Biester zur Genüge kennt, hat sie mir mehrmals beschrieben. Sie sollen bis zu fünfzehn Yards lang werden.“
„Verdammt, ich wußte nicht, daß es einem bei der Hitze kalt werden kann“, erwiderte Shane finster.
„Smoky!“ rief Hasard.
„Neuneinhalb Faden, Sir.“
„Gut. Weiter also.“
Smoky lag weiterhin auf der Galionsplattform und versah seine Aufgabe mit Akribie. Achtern auf dem schwarzen Segler wäre ein Ausloten der Wassertiefe eigentlich nicht nötig gewesen, aber Siri-Tong hatte trotzdem den Befehl dazu gegeben. Eike, einer der Wikinger, ruhte in der gleichen Lage wie Smoky auf dem vordersten Bereich der Galion.
Hasard geriet immer mehr ins Staunen. Der Canal do Norte ließ sich tief ins Landesinnere hinein befahren – viel weiter, als er in seinen kühnsten Vorstellungen anzunehmen gewagt hätte.
„Wir müssen eine Art Fahrrinne gefunden haben“, sagte er zu Ben Brighton. „Eine natürliche Vertiefung, die uns problemloses Fahren und Manövrieren erlaubt.“
„Hoffentlich bleibt es auch so.“
Hasard sah ihn eindringlich an. „Nicht unken, Ben!“
„Tu ich doch auch nicht.“
„Mir ist noch etwas eingefallen, Ben.“
„Daß wir hier alle elendig verrekken können?“
Hasard mußte lachen. Er schüttelte den Kopf. „Lassen wir das mal weg. Hör zu, von Hutten kennt dieses Land besser als alle anderen Freibeuter. Er hat mir seinerzeit mal gesagt – dessen entsinne ich mich jetzt wieder –, daß im Februar hoch oben in den Bergen bereits die Regenzeit einsetzt. Dort entspringen die Flüsse den Felsen, die sich später zum Amazonas vereinen. Jedenfalls sagen das die Indianer, obwohl man die genauen Quellen des großen Stromes nicht kennt.“
„Wir wollen sie doch wohl nicht entdecken, oder?“ fragte Ben mit griesgrämiger Miene.
„Unsinn. Ich will auf etwas anderes hinaus. Der Fluß führt jetzt viel Wasser und ist wahrscheinlich noch auf viele Meilen hinaus befahrbar – selbst für Schiffe dieser Größe.“
„Meinst du denn, daß wir soweit vordringen müssen?“
„Hat dir schon mal jemand gesagt, daß du der geborene Schwarzseher bist, Mister Brighton?“
„Ich bin nur für Vorsicht. Und mir gefällt dieser vertrackte Fluß nicht.“
Hasard schnitt eine Grimasse. „Mir auch nicht. Das allererste, was wir tun müssen, ist, nach einer Trinkwasserquelle Ausschau zu halten. Daß wir dem Strom kein Wasser entnehmen können, ist dir ja wohl klar, oder?“
Ben schielte argwöhnisch in die trüben Fluten. „Sonnenklar.“
„Smoky!“ rief der Seewolf noch einmal.
„Immer noch neuneinhalb Faden, Sir.“
Hasard drehte sich zu den Männern auf der Back um. „Wir stoßen noch ein Stück weiter vor, bis wir die Inseln hinter uns haben. Auf dem Festland finden wir leichter eine Quelle, die für unsere Zwecke geeignet ist.“
„Und dann gehen wir auf die Jagd, oder?“ sagte Al Conroy. „Ich habe schon sämtliche Waffen bereit. Ich glaube, Batuti könnte uns die brauchbarsten Ratschläge geben, was wir erlegen können und was nicht.“
Der riesige Gambia-Neger verdrehte die Augen. „Batuti ist nicht sicher. Tiere hier anders als in Afrika.“
„Wir werden sehen“, sagte Hasard. „Hoffentlich können wir noch etwas ausrichten, bevor es dunkel wird.“
In diesem Augenblick peitschte drüben auf dem schwarzen Schiff ein Schuß auf. Die Köpfe der Seewölfe zuckten herum. Sie konnten die weiße Qualmwolke sehen, die vom Backbordschanzkleid hochpuffte, und sie bemerkten auch die kleine Fontäne, die dicht am Südufer aus dem Wasser hochstob. Gleichzeitig krümmte sich ein langer, grünlich-brauner Leib im Strom. Einer der Kaimane war getroffen worden. Seine Artgenossen schoben sich heran, nicht aus Mitgefühl, sondern, weil sie ihn zu vertilgen gedachten.
Der empörte Schrei der Roten Korsarin drang zu den Männern der „Isabella“ herüber. Sie entriß dem Schützen die Muskete und verpaßte ihm eine Maulschelle. Was sie dabei rief, war bis zur „Isabella“ hin zu verstehen.
„Du Vollidiot! Wer hat dir den Befehl zum Schießen gegeben?“
„Niemand“, erwiderte der Mann. Er war einer der Neuen von Tobago. „Ich wollte diesen widerlichen Biestern nur zeigen, mit wem sie’s zu tun haben.“
„Narr!“ fauchte Siri-Tong. „Noch so ein Vorfall, und ich lasse dich auspeitschen.“
Der Mann verstand sicherlich nicht, warum sie so aufgebracht war. Hasard schaute zu seinen Männern und wußte, daß sie das gleiche dachten wie er. Die Erfahrung lehrte: Es konnte immer nur falsch sein, unbedacht und aufs Geratewohl Lärm zu veranstalten.
4.
Der Nebenarm war kein richtiger Fluß, eher ein Bach, und von beiden Ufern her so zugewachsen, daß das Reetboot ständig an Blättern und Zweigen entlangschleifte. Die beiden Krokodilmänner verstanden es, sich mit ihren Messern einen Weg durch das Dickicht zu bahnen. Sie bewegten sich im Laufschritt voran und zogen dabei Montanellis Gefährt an der Schleppleine mit sich.
Er wußte: Sie würden ihn in dem Boot ziehen, so weit es ging, dann würden sie ihn herausheben und tragen, weiter, immer tiefer in den Dschungel hinein.
Einmal ringelte sich eine Schlange aus dem Blattwerk auf Montanelli zu. Er lag starr und konnte sich nicht rühren, nur seine Augen weiteten sich in maßlosem Entsetzen.
Shushupe, die giftigste aller Schlangen!
Aber ihr häßliches Maul pendelte nicht zu ihm hinunter. Sie ließ ihn vorbeiziehen. Die Hölle wollte ihn nicht. Es wäre besser gewesen, wenn er jetzt gleich gestorben wäre, aber seine Agonie sollte hinausgezögert werden – bis ins Unerträgliche.
Warum hatte die Shushupe keinen der beiden Indianer gebissen? Warum mußten sie stets so unerhörtes Glück haben?
Der Urwald war ihr Element. Sie spürten die Gefahren, wußten sich demgemäß zu bewegen und überall so aufzutreten, daß sie mit keinem der aggressiven Bewohner aneinandergerieten.
Sie hasteten voran und gönnten sich keine Pause. Montanelli konnte ihnen nur zuschauen, hilflos wie ein kleines Kind.
Unversehens trat jedoch eine Änderung ein.
Ein feines Geräusch drang an Montanellis Ohren. Es klang wie ein Peitschenknall. Die Krokodilmänner verhielten sofort, standen geduckt und tuschelten miteinander. Sie wiesen auf Montanelli und schienen unschlüssig zu sein, was sie tun sollten.
Er hatte ihre Sprache nie richtig verstanden, aber er schnappte ein paar Brocken auf: „Fremde“ und „Feuerlärm“ und „Nachsehen“. Die eigenartige Laute, die sie ausstießen, waren der Ketschua-Sprache zuzuordnen, soviel war Montanelli, einem recht belesenen und kundigen Mann, bekannt.
Irgend jemand war bis hierher vorgedrungen und hatte geschossen. Der Himmel allein wußte, wer. Aber es war die Aufgabe der beiden Indianer, diese Leute aufzustöbern und zu beobachten.
Das Problem war, daß ein Mann allein niemals durch den Busch streifen sollte. Es war ein altes Gesetz der Indianer des Regenwaldes. Folglich waren sie gezwungen, Montanelli vorläufig ohne Bewachung zu lassen.
Sie gelangen zu der Übereinkunft, daß er nichts zu seiner Rettung unternehmen konnte. Er war gelähmt. Sie schlangen nur das Schleppseil um einen Baumstamm, dann überließen sie ihn seinem Schicksal. Das einzige, was passieren konnte, war, daß er von einer Schlange oder von einem Kaiman gebissen wurde oder ihn ein Jaguar verschleppte.
Dieses Risiko gingen sie ein.
Montanelli sah, wie ihre Gestalten von der dichten Blätterwand verschlungen wurden. Er blieb mit seinen fürchterlichen Ängsten in dem Reetboot zurück.
Gleichzeitig bedauerte er auch jene Eindringlinge, die sich dummerweise durch einen Schuß bemerkbar gemacht hatten. Trotz der Musketen oder Pistolen, die sie führten, hatten sie hier nichts zu gewinnen – nur alles zu verlieren.
Im Einsetzen des Zwielichtes der Dämmerung gab Hasard den Befehl: „Fallen Anker!“
Der schwere Stockanker am Bug der „Isabella“ rauschte aus und zerrte seine Trosse nach. Er sank keine zehn Faden tief und bohrte sich in den Schlick des Amazonasgrundes. Die „Isabella“ verharrte mit aufgegeiten Segeln auf der leicht gekräuselten Wasserfläche. Hasard ließ auch den Heckanker ausbringen, und das Schiff lag ruhig.
Siri-Tong hatte ebenfalls ankern lassen. Die Schiffe lagen in Kiellinie vor dem Südufer des Canal do Norte, die Bugspriete nach Südwesten gerichtet, die Backbordseite dem Urwald zugewandt, der keine fünfzig Yards entfernt emporwucherte.
Die Rote Korsarin hatte ein Boot abfieren lassen und setzte jetzt zur „Isabella“ über. Thorfin Njal und die vier anderen Wikinger sowie der Boston-Mann und Juan waren mit von der Partie.
Sie hielten auf dem Achterdeck der „Isabella VIII.“ eine kurze Lagebesprechung ab.
Die Crew durfte selbstverständlich mit zuhören. Sie hatte sich auf dem Quarterdeck eingefunden. Jeff Bowie blickte an Blacky und Al Conroy vorbei auf die dunkelgrüne Wand. Affen und Papageien und tausend bunte Vögel schrien dort um die Wette. Es war ein beeindruckendes Konzert. Im Wasser war ständig Bewegung, die Kaimane und die anderen Bewohner des Elements gaben sich rund um die beiden Schiffe ein Stelldichein.
„Blacky“, sagte Jeff. „Erinnerst du dich noch an die Zeit in Kolumbien? Damals, als wir ohne Schiff waren und Flöße bauen mußten – als ich meine linke Hand verlor?“ Er wies die Hakenprothese hoch, die er jetzt trug.
Blacky nickte. „Und ob. Hölle, Jeff keinem von uns ist wohl in seiner Haut, aber was sollen wir tun?“
„Die Zähne zusammenbeißen und gute Miene zum bösen Spiel machen“, zischte Matt Davies ihnen zu. „Haltet jetzt die Klappe, ihr beiden!“
Der Seewolf sagte soeben zu Siri-Tong und deren Begleitern: „Ich hatte gehofft, auf eine Indianersiedlung zu stoßen. Dort hätten wir gegen Schmuck oder Waffen Proviant eintauschen können. Aber die Inseln und die benachbarten Ufer des Festlandes scheinen nicht bewohnt zu sein.“
„Wir sind wohl allein auf weiter Flur“, erwiderte Siri-Tong. „Auch nach dem Schuß, den einer meiner Leute dummerweise abgegeben hat, hat sich niemand gezeigt. Was tun also?“
Hasard lachte freudlos. „Wir müssen uns unsere Verpflegung selbst beschaffen. Wasser aus dem Amazonas zu schöpfen, hat keinen Sinn, wie ihr alle einsehen werdet. Daß mir bloß keiner auf den Gedanken verfällt, das Zeug zu trinken! Wenn der Durst auch noch so groß wird – kämpft dagegen an!“
„Jawohl“, entgegnete Carberry. „Ich verspreche, dafür zu sorgen.“
„Ausgerechnet der“, raunte Bill. Aber keiner verstand es.
Hasard fuhr fort: „Das Amazonaswasser ist zu brackig, außerdem wimmelt es darin von dem unglaublichsten Getier. Nein, ich meine jetzt nicht die Kaimane oder die Piranhas, mit denen Jeff Bowie einmal unliebsame Bekanntschaft geschlossen hat. Ich spreche von dem kleineren Viehzeug. Giftige Würmer, Insekten, winzige Tiere, die dennoch gefährlich sind. Wir alle wollen so schnell wie möglich wieder ’raus aus diesem Dschungel. Aber vorher müssen wir an Land einen Trinkwasserteich oder eine Quelle finden, die nicht verseucht ist. Weiter muß Eßbares gejagt werden. Shane und Batuti, ihr kommt mit und rüstet euch mit Pfeilen und Bogen aus.“
„Was können wir denn schießen?“ erkundigte sich der graubärtige Riese. „Doch keine Krokodile und Schlangen, oder?“
„Pfui Teufel“, sagte Luke Morgan.
Der Boston- Mann grinste plötzlich und blickte zu Arwenack, der auf Smokys Schulter kauerte. „Die Tierwelt im Dschungel ist wahrhaftig reichhaltig genug, abgesehen davon, daß es auch Maniok und anderes genießbares Pflanzenzeug gibt. Ich kenne mich da einigermaßen aus.“
„Das stimmt“, sagte Siri-Tong. „Er hat sich mal allein durch den Urwald schlagen müssen.“
„Ganz unvorbelastet sind wir auch nicht“, sagte Ferris Tucker. „Halte uns bloß nicht für Trottel, Boston-Mann.“
Der Pirat musterte Ferris in einem Anflug von verächtlicher Belustigung. Hin und wieder kam es zu Spannungen zwischen den Korsaren und den Piraten. Die Kluft, die sich zwischen ihnen auftat, ließ sich doch nie ganz beseitigen, obwohl sie im Grunde ausgezeichnete Verbündete waren.
„So meine ich das auch nicht“, sagte der Boston-Mann. „Ich wollte euch nur darauf hinweisen, daß bei den Indianern Affenbraten sehr beliebt ist. Wenn alle Stricke reißen, könnten wir bei dem da anfangen.“ Er wies auf Arwenack.
Die Mienen der Seewölfe verfinsterten sich augenblicklich. Sogar Carberry, der immer auf den „blöden Affen“ schimpfte, sah den Boston-Mann an, als wolle er ihm auf der Stelle den Hals umdrehen.
Smoky sagte: „Wer Arwenack auch nur antickt, dem hau ich was aufs Hirn, daß das ganze Stroh ’rauskommt!“
Siri-Tong griff ein. „Boston-Mann, sag so etwas nicht. Im übrigen soll Affenbraten nach Mensch schmekken. Das ist nichts für uns.“
Dem Schimpansen war das Ganze nicht mehr geheuer. Er ergriff die Flucht, turnte in die Steuerbordwanten des Großmastes, enterte blitzschnell in den Webeleinen auf und hockte sich beleidigt zu Dan O’Flynn in den Mars. Dan hatte die Aufgabe, die Ufer im Auge zu behalten. Gleichzeitig lauschte er dem Gespräch unten auf Deck.
„Der Boston-Mann, dieser blöde Hund“, sagte er leise.
„Wir haben genug Vorreden gehalten“, sagte der Seewolf jetzt. „Fangen wir an. Zwei Gruppen pullen mit je einem Boot an Land und forschen nach Nahrung und Wasser. Außer Pfeil und Bogen und Schußwaffen werden Säbel, Degen und Schiffshauer mitgenommen, sonst kommen wir überhaupt nicht durch das verdammte Dickicht durch.“
„Aye, aye, Sir“, antwortete Carberry pflichtbewußt.
Siri-Tong und ich führen die eine, Thorfin und du die andere Gruppe“, sagte Hasard zu seinem Profos. „Ich will als Begleiter Dan O’Flynn, Blakky, Batuti, Shane, Ferris und Matt. Gary, du löst Dan im Großmars ab. Ed und Thorfin, wen wählt ihr?“
„Ich schlage Eike, Oleg, Arne, den Stör, den Boston-Mann und Juan vor“, sagte Thorfin Njal.
Carberry hielt nichts von unnötigen Verzögerungen, vom Wenn und Aber. „Einverstanden“, erwiderte er nur.
Das Landunternehmen begann. In aller Eile wurde nun auch ein Boot der „Isabella“ abgefiert und bemannt. Carberry, die Wikinger und die beiden Siri-Tong-Piraten enterten in das bereits an der Backbordseite der „Isabella“ liegende Beiboot des schwarzen Seglers ab.
Etwas später legten beide Schaluppen von der Galeone ab und glitten auf das Ufer zu. Die Dämmerung senkte sich tiefer auf das Land. Hasard hatte zur Vorsicht Pechfackeln mitnehmen lassen. Er wollte sein Vorhaben nicht aus Mangel an Helligkeit abbrechen, bevor sie zumindest einen Teil des dringend benötigten Proviants beschafft hatten.
Hasard kauerte im Bug seines Bootes. Siri-Tong hatte die Ruderpinne übernommen. Hasard hielt die Augen offen und achtete auf jede Regung im Wasser und an Land. Besonders die überhängenden Baumäste wollten ihm nicht behagen.
An Steuerbord, wo Carberrys und Thorfin Njals Boot neben ihnen herfuhr, entstand plötzlich Aufruhr. Der Stör stieß einen Wutschrei aus und hob seine Muskete.
Er zielte auf ein Krokodil, ein besonders großes Exemplar, das sich mit aufklaffendem Maul auf das Boot zuschob. Es war fast so weit heran, daß es die Kiefer nur noch zusammenzuklappen brauchte, um den Musketenlauf des Wikingers zu schnappen und zu zerbeißen.
In diesem Augenblick drückte der Stör ab.
Der Schuß bellte mitten in den riesigen Rachen des Krokodils hinein. Das Tier zuckte zusammen, als habe man ihm siedendes Öl ins Maul gekippt. Sein gewaltiger Schwanz peitschte das Wasser, es spritzte hoch auf und bis ins Boot hinein.
Batuti hatte sich hoch aufgerichtet, balancierte auf einer Ducht von Hasards Boot und legte mit Pfeil und Bogen auf die Bestie an.
Aber das Schicksal des Krokodils war besiegelt. Sein Schwanz krachte gegen die Bordwand. Die Männer klammerten sich fluchend fest. Eike feuerte seine Pistole auf die vorsintflutlich anmutende Kreatur ab, doch das war schon nicht mehr nötig. Die Kugel aus der Muskete des Störs hatte sehr wichtige Organe getroffen und den Lebensnerv zerstört. Das Krokodil drehte sich auf den Rücken und trieb nach ein paar letzten Zukkungen mit dem weißlich glänzenden Bauch nach oben auf dem Wasser.
Batuti ließ den Pfeil trotzdem von der Bogensehne schwirren.
Erstaunt verfolgten Siri-Tong und alle Männer – auch die an Bord der Schiffe verbliebenen –, wie der Pfeil fehlging. Er traf das Krokodil nicht, sondern tunkte hinter ihm in die lehmig-braunen Fluten.
Sogar Hasard wandte sich verblüfft zu seinem schwarzen Goliath um. Was war denn mit Batuti los? Er konnte sonst mit seinen Pfeilen auf größte Entfernung Gegner treffen und auf den Decks feindlicher Schiffe Entsetzliches anrichten. Hatte ihm die Hitze schon zu sehr zugesetzt? Aber er, gerade er, mußte doch daran gewöhnt sein!
Das Rätsel löste sich.
Der Pfeil tauchte nicht ganz ins Wasser, sondern schien darin stekkenzubleiben. Sein Schaft tanzte in den kleinen Wellen und bewegte sich auf das Boot des schwarzen Schiffes zu.
Carberry fand als erster die Fassung wieder. „Zupacken!“ rief er. „Los, greift euch den verdammten Stengel, zum Donnerwetter noch mal!“
Juan reagierte gedankenschnell. Er erhaschte den Pfeilschaft und wollte ihn aus dem Strom ziehen. Ganz so leicht, wie er geglaubt hatte, war das aber plötzlich nicht mehr. An dem Pfeil hing ein Gewicht. Juan faßte mit der anderen Hand nach, hievte hoch – und riß vor Staunen den Mund auf.
Ein großer Fisch hing an der Pfeilspitze. Er drohte abzugleiten und wieder im Wasser zu versinken, aber der Boston-Mann, Eike, Oleg und Arne halfen ihm und holten die Beute an Bord. Carberry und Thorfin Njal starrten ziemlich verdutzt auf das gut einen Yard lange Tier.
„Ein Mordsding!“ rief der Profos. „He, Batuti, du Teufelskerl!“
Der Neger hatte sich wieder auf seine Ducht gesetzt und grinste still vor sich hin.
Hasard drehte sich ihm zu. „Gut gemacht, Batuti, alle Achtung. Na, da haben wir ja schon mal was für unsere Kombüse. Der Kutscher wird den Fisch nur richtig kochen müssen – wegen der Verseuchungsgefahr.“
„Kann man Krokodile auch essen?“ fragte Carberry laut.
Der Boston-Mann grinste. „Natürlich. Die Indianer verzehren sie genauso gern wie Affenbraten.“
„Laßt das Biest treiben“, sagte Thorfin Njal mit einem Fingerzeig auf die tote Riesenechse.
Sie pullten bis unters Ufer, vertäuten die Boote und setzten den Fuß in das Dickicht. Hasard führte den Trupp an, Siri-Tong hielt sich dicht hinter ihm.
Hasard hatte einen außerordentlich scharf geschliffenen Cutlass von der „Isabella“ mitgenommen. Damit hieb er jetzt eine Bresche in das tükkische Pflanzenwerk. Macheten hatten sie nicht, aber mit den Schiffshauern und Säbeln ließ sich die beschwerliche Arbeit auf die gleiche Weise verrichten.
Sie waren noch nicht weit vorgedrungen, da drehte der Seewolf sich zu seinen Gefährten um und blieb plötzlich wie erstarrt stehen. Die Rote Korsarin und die Männer hinter ihr verharrten ebenfalls.
Hasard riß den Cutlass hoch. Der stach auf Matt Davies zu, zischte durch die Luft und blieb zitternd in einem Baumstamm stecken – etwa einen halben Yard schräg rechts hinter Matts Rücken und nur eine Handspanne über seinem Kopf.
Matts Gesicht hatte eine ungesunde, teigige Färbung angenommen. Ihn konnte so leicht nichts erschrekken und aus den Stiefeln werfen, aber das hier setzte ihm doch gehörig zu.
„He“, stammelte er. „Was – hat das zu bedeuten, Hasard?“
„Dreh dich um“, sagte Hasard.
Matt folgte der Aufforderung, und auch die anderen wandten sich dem Baum zu, in dem der Cutlass immer noch vibrierte.
Die Klinge hatte direkt hinter Matts Rücken eine große gelbe Schlange mit braunem Tupfenmuster festgenagelt und ihr den Kopf vom Rumpf getrennt. Das Tier hatte sich den Baum hinuntergeringelt, ohne daß Matt Davies es bemerkt hatte.
Jetzt erschlafften die Ringmuskeln langsam, und das Reptil fiel mit dumpfem Laut auf den Boden.
Matt gab einen würgenden Laut von sich. „Hasard – das Biest hatte schon das Maul zum Biß aufgerissen, oder?“
„So ist es.“
„Danke für die Rettung.“
Der Seewolf hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Nicht der Rede wert. Wahrscheinlich war sie nicht einmal giftig.“
Siri-Tong beugte sich über den Kadaver. Der Boston-Mann drängelte sich durch und nahm ihn ebenfalls in Augenschein. Er schaute auf und sah die Rote Korsarin an. Für eine Sekunde verfingen sich ihre Blikke ineinander. Siri-Tong nickte ihm zu.
„Jawohl“, sagte sie. „Es besteht kein Zweifel. Das war eine Shushupe, eine der giftigsten Schlangen, die existieren. Ihr Biß ist absolut tödlich, allemal, wenn er die Halsgegend eines Menschen trifft, wie das bei Matt der Fall gewesen wäre.“
Matt Davies rieb sich heftig den Nacken. „Verflucht und zugenäht“, stieß er hervor. „Das fängt ja gut an hier. O Gott, beinahe wäre ich einfach abgekratzt.“
„Hör auf“, sagte Hasard. „Gehen wir weiter.“ Er warf noch einen Blick auf ihrer aller Füße. „Das nächste Mal, wenn wir uns auf Landgang begeben, ziehen wir uns unsere Stiefel an, verstanden? Ich habe das vorhin vergessen anzuordnen.“
„Aye, aye, Sir“, grollte Carberrys Baßstimme.
Die Einleitung ihres Unternehmens war alles andere als ermutigend, aber es sollte noch härter kommen.
Sie hatten sich rund hundert Yards weiter vorangearbeitet, da wurden sie von neuem aufgehalten. Siri-Tong schritt jetzt rechts neben Hasard, hatte sich mit einem Säbel bewaffnet und half, die Bresche zu erweitern, die er ins dampfende Unterholz trieb. Es war fast ganz dunkel geworden, aber die Hitze hielt sich in dem verfilzten und verwachsenen Tropenwald. Sie schien durch nichts auf der Welt zu vertreiben zu sein. Die Rote Korsarin, der Seewolf und die übrigen Männer schwitzten, wie sie nie geschwitzt hatten.
Ungeziefer setzte ihnen zu. Es umschwirrte sie, krabbelte ihnen über die Gesichter und Körper, biß, stach. kratzte. Immer wieder vernahm Hasard, wie hinter ihm der eine oder andere seine Hand auf den nackten Leib niederklatschen ließ, um die Störenfriede zu vernichten.
Hasard wollte den Befehl geben, die ersten Pechfackeln anzuzünden, da geschah es.
Es begann mit einem Laut, der linker Hand von der Gruppe im Busch ertönte. Ein unterschwelliges, drohendes Brummen. Sein Urheber konnte sich nicht weit entfernt befinden.
Abrupt blieben die schwarzhaarige Frau und die fünfzehn Männer stehen. Sie wandten die Köpfe nach links.
„Ed, hör mit dem Blödsinn auf“, sagte Blacky verhalten.
„Das war ich nicht“, verteidigte sich der Profos.
„Wer denn?“ wollte Dan O’Flynn wissen.
„Ruhe“, raunte Hasard ihnen zu.
„Das da“, flüsterte der Boston-Mann. „Das war ein Jaguar, ich schwöre es euch.“
Hasard zog seine doppelläufige Reiterpistole und gab auch den anderen einen Wink, sich schußbereit zu machen. Es raschelte im Dickicht. Etwas bewegte sich direkt auf sie zu, dann ein Stück nach rechts, dann wieder in ihre Richtung.
Fünfzehn Männer standen bereit, der Bestie Paroli zu bieten, wenn sie aus dem Busch auf sie zufederte. Sie wußten, daß sie das Raubtier wahrscheinlich mitten im Sprung erlegen mußten, wenn sie nicht verletzt werden wollten.
Plötzlich riß das Rascheln ab. Totenstille trat ein, etwas Ungewöhnliches für den Regenwald, in dem sonst immer das Kreischen der Affen und das Geschrei der Vögel zu vernehmen war.
Hasard drehte sich kurz zu Siri-Tong um, um zu sehen, ob sie eine Erklärung für dies alles hatte.
Sie war verschwunden.
Ohne einen Laut.
Sie schien von der grünen Amazonashölle regelrecht verschlungen worden zu sein.
5.
Hasard spürte, wie ihm der Schreck bis tief in die Knochen fuhr und seine Nerven zum Beben brachte. Die Rote Korsarin fort! Einfach so, ohne einen Schrei – da konnte etwas nicht stimmen.
Plötzlich dämmerte es ihm. „Teufel, wir sind zum Narren gehalten worden!“ schrie er.
Er senkte den Kopf und stürmte in das Dickicht zu ihrer Linken. In der rechten Hand hielt er die Radschloßpistole, in der anderen den Cutlass, den er nach dem Zwischenfall mit der Shushupe sofort wieder an sich genommen hatte.
„Hasard, zurück!“ schrie ihm Thorfin Njal nach. „Beim Odin, bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“
Hasard hörte nicht auf ihn. Er kämpfte sich durch das Dickicht, um nach dem zu suchen, der das dumpfe Grollen erzeugt hatte. Mit einem Mal war er überzeugt, daß etwas in dem verflixten Dschungel steckte, das bisher selbst Dan O’Flynns Aufmerksamkeit entgangen war.
Jemand.
Carberry fackelte nicht lange, er riß die Initiative an sich. „Los, Thorfin, nichts wie hinter Hasard her! Gruppe zwei – uns nach! Ferris, ihr schlagt euch mit eurer Gruppe nach rechts in die Büsche!“
„Vorwärts, Männer!“ brüllte Ferris.
Der Profos war ein rauhbeiniger, bärbeißiger Kerl, dem man manchmal nicht zutraute, er könne bis drei zählen. Aber wenn’s darauf ankam, bewies er zweierlei: daß er nämlich blitzschnell reagieren und außerdem fatale Situationen im Ansatz richtig beurteilen konnte.
So hatte er gut daran getan, die beiden Gruppen jetzt zu teilen. Siri-Tong konnte nicht – vor ihrer aller Nase – nach links in den Urwald verschwunden sein. Jemand mußte dorthin, wohin sie mutmaßlich verschleppt worden war – nach rechts.
Daß sie nicht freiwillig verschwunden war, daran zweifelte keiner der Männer auch nur einen Moment.
Carberry, die fünf Wikinger und die beiden Siri-Tong-Piraten stürmten unterdessen mit wildem Geschrei dem Seewolf nach. Wenn es galt, den Jaguar frontal anzugreifen, dann wollten sie auch nicht fehlen. Hasards Handeln war nicht nur tollkühn, es war selbstmörderisch. Er durfte unter keinen Umständen allein gelassen werden.
Hasard säbelte sich mit dem Cutlass durch das fest ineinander verschlungene Blatt- und Lianenwerk. Er war wie von Sinnen. Nach seiner Schätzung hätte er längst an dem Fleck angelangt sein müssen, an dem er das Rascheln des unbekannten Gegners zuletzt vernommen hatte. Er war es auch, nur hatte sich das, was ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, bereits zur Flucht gewandt.
Hasard glaubte immer weniger daran, daß es sich tatsächlich um einen Jaguar handelte. Es war ein Trick gewesen, ein verdammter, billiger Trick, dieses Grollen. Um sie abzulenken, zu täuschen, hereinzulegen!
Er entdeckte zerbrochenes Unterholz, kroch darüber weg, fand weitere Spuren dieser Art und pirschte ihnen nach. Den Cutlass brauchte er jetzt fast nicht mehr zu benutzen, denn vor ihm schlängelte sich ein Pfad durch das Dickicht. Man mußte ihn eben erst geschnitten haben, anders konnte es nicht sein, denn hier im Regenwald wucherte sofort alles wieder zu, jeder Versuch, auch nur ansatzweise so etwas wie einen Weg zu schaffen, mußte scheitern.
Das war der Beweis. Hasard hatte einen Menschen vor sich.
Und Siri-Tong war von dem oder den Komplicen dieses Burschen entführt worden! Kalte Wut trieb Hasard voran. Hinter sich hörte er die beiden Gruppen im Unterholz rumoren, aber er wartete nicht auf sie. Jede Sekunde war kostbar, jeden Augenblick konnte die Hilfe für Siri-Tong zu spät sein.
Der primitive Pfad schlug einen Bogen nach rechts, führte eine Weile genau geradeaus, dann nach links und dann wieder nach rechts. Kein Zweifel, der Kerl vor Hasard verwendete sein ganzes Können darauf, die Verfolger irrezuführen. Und er bewegte sich mit geradezu unheimlicher Geschwindigkeit voran.
Er konnte nur ein Ureinwohner dieser Gebiete sein, ein Indianer. Hasard verfluchte ihn und schwor ihm Rache für den Fall, daß man der Roten Korsarin etwas antat.
So war das also gelaufen: Der eine Schuft hatte im Dickicht den „Jaguar“ gemimt, der andere hatte sich in der Zwischenzeit von der entgegengesetzten Seite angeschlichen, hatte Siri-Tong gepackt und ihr sofort mit einer Hand den Mund zugehalten, während er sie lautlos ins Gebüsch gezerrt hatte. Nur ein Indianer konnte Derartiges vollbringen, hier, in seinem Element, im menschenfeindlichen Dschungel.
Und die Seewölfe und die Piraten der Roten Korsarin hatten wie die Narren zu der vermeintlichen Raubkatze im Dickicht geblickt.
So einfach und so unfaßbar war das.
Hasard konnte sich wegen seines Fehlverhaltens selbst verdammen. Wie hatte er nur so dumm sein können? Die ersten Schritte durch die grüne Hölle, und er ließ sich hereinlegen wie ein blutiger Anfänger, wie einer, der keinerlei Erfahrung im Auskundschaften fremder Gebiete hatte.
Gewiß, der Regenwald hatte seine ureigenen Gesetze, nach denen man sich richten mußte, wenn man nicht untergehen wollte, aber hatte er diese Lektion nicht bereits in der Fieberhölle von Guayana gelernt?
Sicher. Aber da war etwas anderes. Als nach dem Lärm, den sie schon auf dem Fluß veranstaltet hatten, keine Menschenseele im Busch aufgetaucht war, hatte er sich einfach unbeobachtet gewähnt. Das war der einzige Fehler gewesen, den er begangen hatte, aber er bezahlte ihn jetzt teuer.
Er war außer sich vor Zorn und Haß. Dieses Überschäumen seiner Empfindungen trieb ihn voran. Wie ein Berserker grub er sich durch den Busch. Er merkte dabei nicht, daß er sich immer weiter von seinen Kameraden entfernte.
Hasard glaubte, einen schwachen, erstickten Ruf vor sich zu vernehmen. Weiter, hämmerte es in seinem Kopf, nur weiter, nicht aufhören zu laufen, zu schwitzen, zu laufen …
Sie, die Seewölfe, kamen als Freunde der Indianer. Sie hatten Erfahrungen mit den Patagoniern und den Araukanern gesammelt, und, weiter nördlich auf dem neuen Kontinent, mit den Ureinwohnern von Peru, Kolumbien, den Inseln der Karibik – kurz, mit allen, die von den Spaniern geknechtet, ausgeraubt und mißhandelt wurden. Diese im Grunde ihres Herzens gutmütigen rothäutigen Menschen hatten mittlerweile gelernt, daß es auch eine andere Kategorie weißer Männer gab, nicht nur die grausamen „Viracocha“, die bärtigen Männer aus dem fernen Spanien.
Hasard hörte ein Rascheln, ein Keuchen und zwei, drei dumpfe Geräusche, die darauf schließen ließen, daß sich nicht allzu weit entfernt jemand auf dem Untergrund hin- und herwarf.
Er lief nicht mehr, er preschte durch das Dickicht und brach wie ein großer, sehniger Wolf durch das Gestrüpp, in dem man durch eine einzige nicht kalkulierte Bewegung hängenbleiben konnte.
Er konnte es nicht begreifen, daß ausgerechnet die, mit denen er sich bei anderen Gelegenheiten immer wieder verbündet hatte, sie ohne besonderen Anlaß angriffen.
Der Teufel sollte sie holen!
Wieder dieses Keuchen, diesmal ganz nah, und Hasard brachte sich mit einem einzigen gewaltigen Satz voran. Das Kreischen und Zetern der Tiere hatte längst wieder eingesetzt, es begleitete ihn.
Die beiden Gruppen der Männer streiften irgendwo weit hinter ihm durch den Busch und suchten und riefen nach ihm und Siri-Tong. Hasard antwortete nicht. Er wollte jetzt keinen zweiten Fehler begehen und den Gegner warnen.
Plötzlich stürmte er aus dem Dikkicht hervor auf eine winzige Lichtung. Etwas, irgendeine Pflanzenseuche, mußte diesen Kahlschlag hervorgerufen haben, etwas hatte den Wucherwuchs an dieser Stelle so weit unterbrochen, daß ein erwachsener Mensch sich ohne weiteres auf dem Boden ausstrecken konnte.
Siri-Tong lag auf dem Untergrund ausgestreckt, und alle fürchterlichen Ahnungen des Seewolfes bestätigten sich mit einem Schlag. Ja, es waren tatsächlich Indianer, die sie entführt hatten – zwei, kompakt gebaute Kerle mit brauner Haut, dichten schwarzen Haarschöpfen und den einbalsamierten Schädeln von Kaimanen auf den Häuptern. Die oberen Teile dieser Jagdtrophäen hatten sie sich auf den Schädelplatten befestigt, die Unterkiefer unter dem Kinn festgezurrt. Es war eine makabre Kostümierung und eine unheimliche Szenerie. Einzelheiten, die Hasard im Bruchteil einer Sekunde erfaßte.
Der eine Indianer kniete und hielt der Roten Korsarin den Mund zu. Gleichzeitig drückte er ihre beiden Arme so auf den Boden, daß er sie mit den Knien festpressen konnte.
Der andere hatte Siri-Tong die Kleidung vom Leib gerissen und traf soeben Anstalten, sich seines Lendenschurzes zu entledigen. Er beugte sich über sie und paßte auf, daß sie ihn mit ihren strampelnden Beinen nicht treffen konnte. Er gab einen tiefen, wilden Laut von sich.
Die beiden hatten sich hier in Sicherheit gewähnt, und nicht damit gerechnet, daß die weißen Eindringlinge sie jemals so schnell aufstöbern würden.
Ja, sie wollten ihrer Gier auf die schöne Frau freien Lauf lassen, und wahrscheinlich planten sie, sie anschließend umzubringen.
Dieser Gedanke schoß Hasard noch durch den Kopf, als er sich auf den ersten Indianer stürzte. Es war der, der gerade an seinem Lendenschurz herumnestelte.
Hasard erwischte ihn an den Schultern und riß ihn mit sich. Da er ihn von schräg links angriff, rollten sie nach rechts und nicht vornüber auf Siri-Tong.
Hasard hieb dem Indianer die Faust unters Kinn. Der Kerl stöhnte, verlor aber nicht das Bewußtsein. Er war hart im Nehmen, sehr hart. Verbissen klammerte er sich an Hasard fest und balgte sich mit ihm. Sie wälzten sich auf dem weichen Morastboden.
Der zweite Indianer fuhr hoch, ließ Siri-Tong los und griff nach seinen Waffen. Sie brachte sich als erstes aus seiner Reichweite, indem sie sich nach links wegrollte.
Der zweite Krokodilmann brachte geisterhaft schnell sein Blasrohr in Anschlag, führte einen Pfeil ein und setzte das Mundstück an die Lippen.
Hasard hatte ihn die ganze Zeit über nicht aus den Augen verloren, obwohl er genug mit dem ersten zu tun hatte. So war er auf der Hut. Er drehte sich so, daß er den ersten Gegner als eine Art lebenden Schutzschild über sich hatte.
„Hasard, Vorsicht!“
Das war Siri-Tong. Aber ihr Warnruf war eigentlich überflüssig. Der Seewolf rammte seinem Widersacher das rechte Knie in die Magengrube, stemmte ihn hoch und schleuderte ihn dann mit aller Kraft von sich. Bislang hatte der zweite Krokodilmann keine Chance gehabt, seinen tödlichen Giftpfeil auf Hasard abzuschießen, weil er dauernd den Stammesbruder vor der Mündung gehabt hatte.
Jetzt federte der Kumpan ihm entgegen. Der zweite Indianer stieß einen gurgelnden Laut aus und wollte ausweichen. Doch dazu war es zu spät. Sein Begleiter prallte mit voller Wucht gegen ihn. Beide ächzten und gingen zu Boden.
Hasard war wie ein Panther auf die Beine geschnellt. Er vollführte einen Satz, war wieder neben ihnen und trat dem zweiten Burschen das Blasrohr aus den Händen. Gleich darauf schloß er beide Hände zu Fäusten und ließ sie mit enormer Gewalt in den Nacken des ersten Indianers sausen.
Dieser streckte buchstäblich alle viere von sich, zuckte und blieb dann reglos auf seinem Kumpan liegen. Der zweite warf den Bewußtlosen ab, kroch rückwärts und raffte sich auf.
Die Rote Korsarin wollte eingreifen. Sie hatten sie ihrer Waffen beraubt, der Teufel mochte wissen, unter welchem Busch sie lagen. Aber die Schwarzhaarige war drauf und dran, ihre Fäuste und Krallen gegen den Krokodilmann einzusetzen.
„Siri-Tong, nicht!“ rief Hasard ihr zu. „Halt dich da ’raus!“
Er rückte auf den jetzt wieder aufrecht stehenden Indianer zu. Dieser wich ein Stück zurück, blieb dann stehen – und zückte ein Messer. Hasard stand breitbeinig, die Arme vorgestreckt.
Er hätte nur die Radschloßpistole zu ziehen brauchen, um auch diesen Kerl zu besiegen. Ein Warnschuß über den Kopf, und der Mann hätte ganz gewiß aufgegeben.
Aber Hasard hatte ein eingefleischtes Gefühl für Fairneß. Er ließ die Pistole im Gurt stecken, tat noch einen Schritt auf den Indianer zu und hielt ihm die rechte Hand hin.
„Gib das her.“ Er sagte es auf spanisch.
Der Indianer schüttelte den Kopf. Er hatte also verstanden.
„Hör zu“, sagte der Seewolf. „Du hast keine Chance mehr. Streich die Flagge, Bruder. Ich will dir nichts Böses, also gib das Messer her und hör auf, den wilden Mann zu spielen.“
Der Krokodilmann brüllte auf und unternahm jählings einen wilden Ausfall gegen ihn. Die Messerklinge zuckte vor, genau auf Hasards Unterleib zu. In diesem Moment stieg wieder die kalte Wut in Hasard auf. Er parierte, glitt nur ein Stück nach rechts, dann zuckte sein nackter Fuß hoch und knallte unter den Messerarm des Gegners.
Der Indianer gurgelte vor Entsetzen. Sein Arm war sekundenlang gelähmt, so heftig war der Tritt gewesen. Das Messer entglitt seinen kraftlosen Fingern.
Er wich zurück. Waffen – soviel konnte der Seewolf sehen – hatte er nicht mehr.
Hasard ging ihm nach. Siri-Tong hatte sich auch wieder in Bewegung gesetzt, um dem Burschen von links her den Rückzug in den Busch abzuschneiden. Hasard hatte es ihr zwar verboten, in die Auseinandersetzung einzugreifen, aber jetzt konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie mußten diesen Mann haben, er durfte nicht entwischen.
Hasard sagte zu dem Indianer: „Bleib stehen. Ich kriege dich so und so. Gib auf.“
Der Krokodilmann vollführte eine rasche Geste unter seinen Lendenschurz. Hasard duckte sich instinktiv. Besaß er doch noch mehr Waffen?
Der Krokodilmann riß aus einem kleinen Leibriemen, den er unter dem Schurz trug, einen Blasrohrpfeil hervor und drückte ihn sich in die Herzgegend. Sein Mund öffnete sich, seine Augen weiteten sich, er begann zu torkeln.
„Himmel, ist der verrückt?“ schrie Hasard.
6.
Er sprang auf den Indianer zu und packte ihn. Der braunhäutige Mann trachtete nicht mehr, ihm auszuweichen oder die Flucht anzutreten. Er hatte bereits die Kontrolle über sich verloren und war nicht einmal einer Reflexbewegung fähig.
Hasard drückte seine Hände zur Seite und packte den mörderischen Stachel. Mit einem Ruck riß er ihn aus der Brust. Siri-Tong war jetzt auch zur Stelle und fing den hinsinkenden Krokodilmann mit auf. Gemeinsam betteten sie ihn auf den Untergrund.
Die Farbe wich mehr und mehr aus dem Gesicht des Indianers. Auch ein dunkelhäutiger Mann konnte leichenblaß werden.
„Verdammt!“ rief der Seewolf. „Können wir denn nichts tun? Warum hat er das bloß getan?“
Die Augen des Indianers wurden glasig. Er starb in ihren Händen, ohne letztes Aufbäumen, ohne Zukken, es war ein leiser und undramatischer Tod.
Hasard war zutiefst erschüttert. Er blickte Siri-Tong in die Augen und las darin, daß auch an ihr der Selbstmord des Indianers nicht spurlos vorbeigegangen war.
„Ich kann ihn nicht bedauern“, sagte er. „Sie wollten dich vergewaltigen und umbringen. Aber ich begreife nicht, wie er so weit gehen konnte. Es will mir einfach nicht in den Kopf.“
„Mir auch nicht“, gestand sie. „Eine derartige Reaktion habe ich bei einem Indianer noch nie gesehen. In einem Land, das dem meiner Ahnen nicht fernliegt, existiert ein Ritual, das diesem hier ähnlich ist, in Japan – aber hier, in der Neuen Welt …“
Hasard hatte den Kopf gewandt, während sie sprach. Er hörte nur noch mit halbem Ohr hin, denn zweierlei geschah. Der erste Indianer war zu sich gekommen und erhob sich vom Boden. Außerdem knackte und prasselte es im Unterholz, und die Stimme von Ferris Tucker ertönte.
„Hasard! Siri-Tong! Zum Teufel, wo steckt ihr?“
„Hier!“ rief Hasard zurück. „Auf einer kleinen Lichtung.“
„Wir kommen!“ Das war Big Old Shane.
Der Krokodilmann hatte einen flackernden, fast irren Blick. Er entdeckte das Blasrohr, das Hasard seinem toten Stammesgenossen aus den Händen getreten hatte, und wollte sich darauf stürzen.
Hasard federte hoch und stürmte auf ihn zu.
Der Krokodilmann sah ein, daß er die Waffe nicht mehr rechtzeitig erreichen konnte. Er wirbelte herum und hetzte auf den Busch zu, doch in diesem Augenblick drängten sich Ferris Tucker, Dan, Blacky, Batuti, Shane und Matt Davies daraus hervor.
Mit einem Aufschrei warf sich der Indianer wieder herum. Er jagte mit geducktem Kopf zwischen Hasard, Siri-Tong und den Männern der ersten Gruppe dahin und wollte sich dorthin retten, wo das Dickicht noch nicht durch weiße Männer versperrt war.
Hasard war schneller. Er brachte sich an die Seite des Mannes, stellte ihm ein Bein und streckte die Hände nach ihm aus.
Vielleicht lag es daran, daß es bereits zu dunkel war, um die Gestalt des Indianers richtig zu erkennen. Vielleicht hatte auch die Verzweiflung den Krokodilmann plötzlich mit ungeahnter Schnelligkeit gewappnet. Jedenfalls gelang es ihm, noch einmal unter dem Zugriff des Seewolfes wegzutauchen.
Er strauchelte zwar, stolperte vorwärts, fing sich aber wieder. Hasard raste ihm fluchend nach.
Der Indianer wirbelte im Laufen herum. Wie er das tat, war ein Rätsel. Er hatte sein Messer gezückt und schleuderte es auf den Seewolf. Hasard duckte sich. Hinter ihm ließ sich Matt Davies reaktionsschnell zu Boden fallen, denn er hatte zum zweiten Male an diesem Abend den Tod drohend vor Augen.
Das Messer sirrte über ihn hinweg, zwischen Shane und Batuti hindurch und blieb dann irgendwo im Busch stecken.
Hasard setzte alles daran, den Krokodilmann zu stellen. Inzwischen war der Kerl waffenlos wie sein toter Kumpan, aber Hasard schwante Fürchterliches.
Er hätte es geschafft, und den Flüchtigen noch auf der Lichtung oder gleich zu Beginn des Dickichts gefaßt. Aber plötzlich vollführte der Indianer die gleiche Bewegung wie vor ihm sein Gefährte. Er krümmte sich mitten im Lauf, tat einen Satz, drehte sich mit verzerrtem Gesicht – und brach zusammen.
Hasard war als erster bei ihm. Auch ihm riß er sofort den Giftpfeil aus der Brust, doch es nutzte nichts mehr. Auch diesem Mann war das tödliche Gift augenblicklich in den Blutkreislauf eingedrungen. Nichts und niemand konnte ihm mehr helfen.
„Verflucht“, sagte Shane, der die Situation mit einem Blick erfaßt hatte. „Der Kutscher muß her. Vielleicht kann er diesem Narren helfen.“
Hasard schüttelte den Kopf. „Nein, Shane. Zündet eine Fackel an, Männer, und dann seht euch diesen Mann hier genau an.“
Sie taten es. Dan entfachte mit Feuerstein und Feuerstahl ein bißchen knisternde Glut, Blacky hielt eine Pechfackel hinein, und die Flamme loderte auf. Geisterhaft zuckende Helligkeit erfüllte die Lichtung. Die Dunkelheit hatte die Dämmerung abgelöst, ohne Hilfsmittel hätten sie jetzt nichts mehr erkennen können.
Siri-Tong und die Seewölfe blickten auf den zweiten Indianer hinunter. Sie schauten in die gebrochenen Augen eines Toten.
„Naja“, sagte Ferris Tucker. „Sie haben gekriegt, was sie verdient haben.“ Er blickte zu Siri-Tong, die sich beim Eintreffen der Gruppe natürlich sofort notdürftig bekleidet hatte. „Keiner kann von uns verlangen, daß wir auch noch Mitleid mit diesen Schurken haben.“
Hasard antwortete: „Nein, das nicht. Aber da ist etwas, was ich nicht verstehe. Wir haben es nicht zum erstenmal mit Indianern zu tun. Aber dies sind die ersten beiden, die sich selbst umbringen, statt sich gefangennehmen zu lassen. Es ist gegen ihre Gewohnheiten, begreift ihr das nicht?“
Matt Davies nickte. „Ich glaube, ich hab’s kapiert. Einen Indianer kannst du martern, und er wird immer noch an seinem Leben hängen. Es ist schimpflich, sich selbst ins Jenseits zu befördern. Selbstmörder kommen nicht ins Paradies, oder wie die Indios es nennen.“
„Die Ewigen Jagdgründe, glaube ich“, sagte Dan O’Flynn.
Und Batuti ergänzte: „Indianer bittet Gegner ihn zu töten, wenn kein Ausweg mehr.“
„Richtig“, erwiderte Hasard. „Und je mehr wir darüber reden, desto unerklärlicher wird mir das Ganze.“
Sie standen noch kopfschüttelnd und betroffen da, da ertönte ein Schrei aus dem Dschungel, der Tote wachrütteln konnte. „Das kann nur Carberry sein“, stellte Hasard fest. „Los, nichts wie hin. Dan und Batuti, ihr bleibt hier bei den Toten und haltet Wache. Schießt auf jeden, der sich nicht zu erkennen gibt.“
„Aye, aye“, sagte Dan.
Hasard hatte eine zweite Fackel an sich genommen, die Shane inzwischen entzündet hatte. Er folgte dem Verlauf des Pfades, den die beiden Krokodilmänner vor kurzem in den Busch gehauen hatten. Die Flammen der Fackeln schlugen gegen die Blätter und Zweige über ihnen, aber der Wald fing kein Feuer, weil er mit Feuchtigkeit gleichsam getränkt war.
Carberry brüllte wieder etwas, das wie „Hierher“ oder „Hilfe“ klang. Hasard orientierte sich an dem Laut.
„Wir müssen vom Pfad abweichen“, sagte er. Damit begann er wieder, seinen Cutlass zu schwingen. Vorher, beim Kampf mit den Indianern, hatte er ihn in der Scheide steckengelassen, auch das war eine Frage der Fairneß. Er hatte Gefangene machen, aber nicht morden wollen. Er fühlte sich nicht als legalisierter Vollstrecker, auch nicht mit dem Kaperbrief der Königin von England in der Tasche. Wie der Zwischenfall mit den beiden Krokodilmännern abschließend verlaufen war, behagte ihm überhaupt nicht.
Energisch säbelte er sich eine Bresche durch das dichte Unterholz und rief dabei: „Ed, wir kommen!“
„Hierher!“ drang es zurück.
„Was ist denn los?“
„Wir haben was gefunden. Wie steht es um die Rote Korsarin?“
„Ich bin noch in einem Stück!“ rief nun Siri-Tong.
„Bei allen Göttern, so ein Glück!“ dröhnte Thorfin Njals Stimme durch den Dschungel.
Kurz darauf trafen die beiden Gruppen aufeinander. Das letzte Stück Weg hatten Hasard und seine Begleiter sehr rasch zurücklegen können, nicht zuletzt, weil sie jetzt auch den Lichtschein der Fackeln ausmachten, die Thorfin Njal, Edwin Carberry und deren Gefährten entfacht hatten.
Die Gruppe zwei hatte sich an einem Bachlauf eingefunden, der kaum als solcher zu erkennen war. Hasard mußte erst dicht neben seinen Profos hintreten, um den schmalen Streifen glitzernden Wassers im Lichtkreis der Fakkeln sehen zu können.
Der Profos stand ganz dicht an dem zugewachsenen Ufer und senkte langsam seine Fackel auf die Entdeckung.
Hasard hielt unwillkürlich den Atem an. Zu ihren Füßen lag ein Boot in dem engen Kanal festgeklemmt. Es war ein eigentümliches, rätselhaftes Kanu aus dunkelgelbem Flechtwerk, und auf seinem Boden ruhte eine jammervolle Gestalt, ein leichenblasser, ausgemergelter Mann, der sich offenbar nicht bewegen konnte.
Nur seine Lippen öffneten und schlossen sich.
„Mein Gott“, sagte Siri-Tong bestürzt. „Der arme Teufel. Was sagt er denn?“
„Ich verstehe ihn nicht“, murmelte Carberry. „Klingt wie spanisch, was er da von sich gibt, ist es aber nicht …“
„In Fremdsprachen warst du noch nie gut, Ed“, sagte Blacky.
Er handelte sich den vernichtenden Blick des Profos’ ein. Carberry konnte es nicht leiden, immer wieder mit seinen mangelnden Kenntnissen in dieser Richtung aufgezogen zu werden.
Hasard beugte sich so weit vor, daß er ins Wasser abzurutschen drohte.
„Aiutatemi, per favore – portatemi via – via di qui“, stammelte der Fremde. Er sprach so leise, daß selbst der Seewolf ihn kaum verstehen konnte.
„Helft mir“ übersetzte er. „Bringt mich von hier fort.“ Er richtete sich wieder auf und löste den Strick, der das Reetboot hielt, von seinem Baumstamm. „Der Mann ist Italiener. Ich weiß nicht, was ihn so zugerichtet hat, aber wir müssen ihn auf jeden Fall sofort auf die ‚Isabella‘ schaffen. Folgendes: Der Bach fließt aller Wahrscheinlichkeit nach direkt in den Amazonas, also folgen wir ihm und nehmen das kleine Kanu dabei in Schlepp.“
Er blickte sich um. Die Gesichter der Männer waren gemeißelt wirkende Reliefs im wabernden Schein der Fackeln. Plötzlich schienen sie wie ihr Kapitän zu spüren, daß sie hier etwas Ungeheuerlichem, kaum Faßbarem auf der Spur waren.
„Einer von uns muß zu Dan und Batuti zurücklaufen“, sagte Hasard. „Matt, du übernimmst es. Du kennst ja den Weg. Ihr drei bestattet die beiden toten Indianer und sucht nach Siri-Tongs Waffen, die irgendwo auf der Lichtung oder an ihrem Rand liegen müssen, dann kehrt ihr ebenfalls zu den Schiffen zurück.“
„Aye, aye“, sagte Matt Davies. „Ich hoffe, daß wir nicht von Schlangen gebissen, von Krokodilen vernascht oder von einer ganzen Streitmacht von Indianern überfallen werden.“
„Du meinst, es stecken noch mehr solcher – Krokodilmänner hier im Busch?“ fragte Eike.
Thorfin Njal sagte: „Sind wir Hellseher? Wir müssen auf alles gefaßt sein in diesem von allen Göttern verfluchten Dschungel.“
„Beeil dich“, sagte Hasard zu Matt. „Bei jeder unliebsamen Überraschung feuerst du sofort einen Schuß in die Luft ab, verstanden?“
„Aye, aye, Sir“, antwortete Matt noch einmal, dann war er mit einer Fackel im Unterholz verschwunden. Das Pflanzengewimmel war so dicht, daß der Feuerschein schon nach Sekunden nicht mehr zu sehen war.
Der große Strom war eine matt glänzende Fläche unter dem fahlen Mondlicht. Als die Seewölfe und die Siri-Tong-Piraten an der Mündung des kleinen Bachlaufes angelangt waren, konnten sie als erstes die Myriaden von Mücken sehen, die über dem Wasser tanzten.
Sie wandten den Blick stromaufwärts und sahen die „Isabella“ und den schwarzen Segler vor Anker liegen, etwa eine halbe Meile entfernt. Die Schattenrisse der gewaltigen Schiffsleiber mit ihrem skelettartig aufragenden Mastwerk vermittelten etwas Majestätisches und gleichzeitig ungemein Beruhigendes.
„Donnerkeil, so weit sind wir von unserer ursprünglichen Richtung abgewichen“, sagte Carberry.
„Da kannst du mal sehen, wie man sich in diesem Scheiß-Urwald verirren kann“, erwiderte Ferris Tucker.
„Los, weiter“, sagte Hasard. „Keine Müdigkeit vorschützen.“
Sie gingen dicht am Ufer entlang und zogen das Reetboot mit dem immer noch stammelnden, hilflos daliegenden Italiener hinter sich her. Sie trafen auf ihre Boote, lösten die Leinen, schoben die Boote ganz ins Wasser und pullten zur „Isabella“ hinüber. Hasard hatte den Strick des Reetbootes achtern an seinem Boot belegt, so daß sie den Fremden mitschleppen konnten.
Von Bord der Schiffe tönten ihnen Hallo-Rufe entgegen. Sie brauchten sich nicht zu erkennen zu geben, denn längst hatten die Zurückgebliebenen dank des Fackellichts ihre Gesichter erkannt.
Wenig später versammelten sich alle auf der Kuhl der „Isabella“ um den Fremden. Hasard hatte ihn behutsam auf ein provisorisches Lager gebettet.
Die Boote lagen an der Backbordseite vertäut, und auch von dem schwarzen Segler war ein weiterer Teil der Besatzung herübergepullt, um den Bericht des Seewolfes und Siri-Tongs zu hören. Nur ein paar Deckswachen waren drüben auf dem Viermaster zurückgeblieben.
Aus dem Regenwald drang das ohrenbetäubende Gekreische der Papageien, das Schrillen, Heulen und Zirpen der tausend anderen Vogelsorten, eine dissonante Sinfonie, die ebenso rasch wieder aussetzen würde, wie sie begonnen hatte. Die Geräuschkulisse wurde durch das unausgesetzte, aber im Vergleich zu dem Gekreische fast bescheiden klingende Zirpen und Quaken der Zikaden und Frösche vervollständigt.
Eine Wolke von Mücken, Fliegen, Faltern und durch die Luft taumelnden Käfern fiel über die Versammlung auf dem Oberdeck her. Doch es war zu heiß und zu stickig im Achterkastell, um es jetzt schon aufsuchen zu können. Deshalb ertrugen die Rote Korsarin und die Männer lieber das abscheuliche Treiben der Insekten. Zum erstenmal seit langer Zeit konnten sie wieder etwas Kühle genießen. Wenigstens das. Ein frischer Nachtwind umfächelte sie, er schien vom Meer zu kommen.
Siri- Tong bemühte sich, das Ungeziefer von dem gelähmten Italiener fernzuhalten.
Hasard hielt die triste Bilanz ihres Unternehmens, bevor er sich näher mit dem bedauernswerten Mann befaßte. Er schilderte, was geschehen war. Zum Schluß sagte er: „Und wir haben nur den Fisch, den Batuti geschossen hat. Kutscher, du wirst ihn nachher zubereiten. Wir alle werden nicht davon satt, aber wir teilen ihn in gerechte Portionen, damit jeder wenigstens etwas in den Magen kriegt.“
„Aye, Sir.“
„Sind der Rum und der Whisky noch genießbar?“
„Alkohol verdirbt nicht so schnell“, erwiderte der Kutscher.
„Dann haben wir wenigstens etwas, das wir trinken können. Nachher kriegt jeder seine Ration. Nur eins: daß sich ja keiner besäuft! Wir müssen besonders die Nacht über auf Hut sein und doppelte Bordwachen einteilen.“ Der Seewolf atmete tief durch. „Morgen früh setzen wir unsere Wasser- und Proviantsuche fort.“
Der Kutscher beugte sich jetzt über den Italiener. Schon nach kurzer Untersuchung hatte er den kleinen, dornähnlichen Pfeil entdeckt, den der Mann im Fleisch stecken hatte. Mit einem Ruck zog er ihn aus der rechten Brustpartie hervor. Er sah zu Hasard, und aus seiner Miene war leicht abzulesen, was er dachte. Da war nichts mehr zu tun, aussichtslos.
Hasard hätte am liebsten laut losgeflucht, aber er beherrschte sich. Der Blick des immer noch wachen Fremden ruhte auf seinem Gesicht. Der Mann wirkte nicht verzweifelt, er schien sich mit seiner Situation abgefunden zu haben.
Hasard kniete sich neben ihn. „Du bist also auch an die Indianer geraten, mein Freund.“ Er sprach jetzt spanisch. Er konnte italienisch verstehen, sich in dieser Sprache jedoch nicht ausdrücken. „Verstehst du mich?“
„Ja“, erwiderte der Italiener schwach. „Ich bin des Spanischen mächtig. Mein Name ist Montanelli.“
„Ich heiße Philip Hasard Killigrew.“
„Der Seewolf?“
„Es scheint sich ja herumzusprechen, daß man mich so nennt.“
Montanelli brachte ein schwaches Lächeln zustande. „Ja. Ich bin also auf einem englischen Schiff. Danke. Danke für das, was ihr für mich – getan habt. Ich …“
„Du solltest vielleicht lieber mit dem Reden aufhören“, sagte Hasard sanft. „Es schwächt dich nur noch mehr.“
„Kann ich – etwas Rum haben – oder Whisky?“
„Bill“, sagte Hasard.
Bill, der Schiffsjunge, flitzte los wie der geölte Blitz und war binnen kürzester Zeit wieder zurück. Er trug eine volle Flasche in den Kreis der Männer. Der Kutscher nahm sie ihm ab und gab Montanelli von dem scharfen, hochprozentigen Schnaps zu trinken.
Montanelli nahm nur kleine Schlucke. Er wußte, daß es ihn umbringen würde, wenn er zuviel Flüssigkeit trank.
„Danke“, sagte er noch einmal. „Das belebt mich. Ich glaube, ich kann jetzt besser sprechen. Die beiden Krokodilmänner sind mit euch zusammengestoßen, nicht wahr? Ich beherrsche die englische Sprache kaum, aber soviel habe ich vorhin herausgehört, als du berichtet hast, Seewolf.“
„Ja. Die beiden wollten Siri-Tong vergewaltigen.“
Montanellis Blick huschte zu der Roten Korsarin. „Allmächtiger. Sie schrecken vor nichts zurück. Wo – wo sind sie jetzt?“
„Tot. Auf einer Lichtung. Meine Männer begraben sie.“
„Habt ihr sie …“
„Nein“, sagte Hasard. „Sie brachten sich selbst mit ihren verdammten Pfeilen um, als sie sahen, daß die Partie für sie verloren war.“
„Ich verstehe.“
Hasards Stimme wurde eindringlich. „Aber ich nicht. Hör zu, Montanelli, du scheinst mehr über diese Kerle zu wissen. Laß uns deine Geschichte hören. Du kannst uns vertrauen.“
Der Italiener lächelte wieder, diesmal aber etwas schief, seine Mundwinkel sackten gleich wieder herunter. „Aber natürlich. Warum sollte ich Geheimnisse vor euch haben – nach dem, was ihr für mich getan habt? Ich weiß, daß es mit mir zu Ende geht. Langsam, aber sicher. Der Pfeil, den die Krokodilmänner mir verpaßt haben, ist …“
„… ein Betäubungspfeil“, sagte Hasard rasch. „Wir haben auf Little Cayman einmal mit solchen Dingern unangenehme Bekanntschaft geschlossen.“
Montanelli schüttelte den Kopf. „Du brauchst mir nichts einzureden. Ich weiß, wie es um mich bestellt ist. Hoffnungen habe ich nicht mehr. Ich bin ja nicht ohnmächtig geworden, sondern das Gift des Pfeiles hat mich sofort gelähmt. Eine Substanz mit Langzeitwirkung. Ich weiß nicht, wie viele Stunden mir noch verbleiben, aber irgendwann ist es aus.“
„Großer Gott“, flüsterte Siri-Tong. Sie faßte nach der mageren Hand Montanellis, die nach wie vor einen der beiden Rohlederbeutel umklammert hielt. Die andere Hand ruhte auf dem zweiten Beutel.
„Ich will meine letzten Stunden nutzen, um euch alles zu erzählen“, fuhr der Italiener fort. „Eins vorweg. Die Indianer waren Späher, die jeden Eindringling fernhalten sollen. Sie hätten euch der Reihe nach getötet, wenn ihr euch nicht als stärker und schlauer erwiesen hättet.“
„Warum tun sie das? Aus Haß gegen die Spanier?“ sagte der Seewolf.
„Nein. Chano befiehlt es ihnen.“
„Chano?“
„Ihr Gott-Herrscher. Er hat ihnen auch diktiert, Selbstmord zu begehen, falls sie in die Enge getrieben werden und keine andere Lösung mehr sehen. Dennoch, so versichert er ihnen, werden sie in den Indianerhimmel und nicht in die Hölle kommen.“
„Wer ist dieser Chano?“ fragte Ben Brighton.
„Ich spreche noch darüber“, erwiderte Montanelli. „Darf ich noch einen Schluck Rum haben?“
Diesmal setzte Siri-Tong ihm die Flasche an die Lippen. Sie gab sie ihm wie einem hilflosen Kind und war rührend um ihn besorgt, denn er erregte ihr tiefes Mitgefühl.
Montanelli seufzte, als Siri-Tong die Flasche wieder wegnahm und ihm mit einem Tuch die Lippen abtupfte.
„Ihr fragt, warum sie sich umbringen“, sagte er. „Nun, sie sollen keinem Feind verraten können, woher sie sind. Die beiden, die jetzt dort drüben auf der Lichtung des Urwalds ruhen, waren überdies sicher, daß die Lähmung des Pfeilgiftes auch meine Zunge beeinflussen würde.“ Plötzlich wurde er aufgeregt, seine Augen flackerten. „Sie haben sich geirrt. Ich bin der einzige, der euch verraten kann, wo Chano, der teuflische Chano, sich versteckt hält.“
„Ruhig“, besänftigte ihn Siri-Tong. „Ganz ruhig.“
„Chano – ein Spanier?“ fragte Hasard zurück.
„Ja“, sagte Montanelli.
„Deswegen verstanden die Eingeborenen mich, als ich sie auf spanisch anredete.“
„Gewiß. Übrigens gehören sie zum Stamm der Assurini, einem eigentlich friedlichen Volk, das ausgezeichnete Krokodiljäger hervorgebracht hat. Sie betreiben die Jagd auf den Schwarzalligator, den gefährlichsten aller Kaimane. Sie schmücken ihre Häupter mit den Trophäen. Das hat ihnen ihren Beinamen eingebracht.“ Montanelli atmete flach und unregelmäßig. Er mußte eine Pause einlegen.
„Ich glaube, einen Zusammenhang begriffen zu haben“, sagte nun Hasard. „Chano – wer immer dieser Schurke ist – hat die Assurini beeinflußt, und sich zum selbsternannten Gott und Herrscher über sie erhoben. Ist es so?“
Montanelli nickte.
„Es ist immer wieder das gleiche“, sagte Hasard ernst. „Sie gaukeln den Eingeborenen etwas vor, nutzen sie aus, berauben sie ihrer Schätze, ihrer Frauen, ihres Stolzes und erniedrigen sie zu ihren Handlangern.“
Der Italiener bestätigte auch dies durch eine Kopfbewegung. Plötzlich raffte er die beiden Beutel aus roh gegerbtem Leder um einen Deut näher an seinen Leib heran. Diese Geste und die Regungen seines Kopfes schienen die einzigen Bewegungen zu sein, die er noch tun konnte.
„Nicht das ganze Nervensystem ist betroffen, aber die Macht des Giftes greift weiter und weiter um sich“, murmelte der Kutscher. Er sagte es auf englisch. Montanelli konnte es nicht verstehen. Aber Siri-Tong sah den Kutscher bestürzt an.
„Diese beiden Beutel“, sagte Montanelli. „Ich kann sie nicht hochheben. Aber sie gehören dir, Seewolf. Dir und deinen Männern. Bitte – öffne sie.“
Hasard blickte zu Siri-Tong, und sie nahm dem armen Teufel den Beutel aus der linken Hand. Sie mußte regelrecht zerren, denn Montanellis Finger waren bereits zu sehr verkrampft. Es war ein entsetzlicher Moment für die Rote Korsarin, und sie hätte vor Verzweiflung weinen können.
Sie hatte sich in den fürchterlichsten Schlachten erbittert mit jedem Gegner herumgeschlagen, aber das bedeutete nicht, daß ihr menschliches Empfinden abgestorben wäre. Hinzu kamen die Impulse weiblichen Denkens. Sie fühlte nicht mit Montanelli, sie litt mit ihm.
Der Kutscher hatte den zweiten Beutel aus der Hand des Italieners gelöst. Hasard nahm beide entgegen, knotete die Riemen auf, die ihre Öffnungen zuhielten, und wies im Schein der Fackeln, Lampen und Laternen den Inhalt vor.
„Mein lieber Mann“, sagte Carberry. „Goldschmuck, mit Diamanten besetzt. Das allerkostbarste Zeug, und beide Beutel sind bis zum Rand voll damit.“
„Die grünen Steine, das sind Smaragde“, stellte Siri-Tong fasziniert fest.
Hasard wollte Montanelli Fragen stellen, aber es gab jetzt eine Unterbrechung, weil Dan O’Flynn, Batuti und Matt Davies drüben am Ufer erschienen waren und ihnen Signale mit ihren Fackeln gaben.
„Drei Mann: Al, Bob und Luke“, befahl der Seewolf. „Entert ab und pullt mit unserem Boot zu ihnen hinüber.
Die drei setzten sich augenblicklich zum Schanzkleid hin in Bewegung. Hasard beugte sich wieder über Montanelli. Dieser fuhr zu sprechen fort, bevor Hasard etwas äußern konnte.
„Du willst wissen, woher ich den Goldschmuck habe. Nein, nicht von den Assurini, und auch nicht von Chano, diesem elenden Hund. Ich bin in einem Land gewesen, wie es eigentlich nur in einem Märchen existiert.“
Die Blicke der schwarzhaarigen Frau und der Männer hingen mit einem Mal an seinen Lippen, sie schienen sich daran festsaugen zu wollen.
Montanellis Züge hatten einen entrückten Ausdruck angenommen. „Das Goldland. Jenes sagenhafte Land, in dem die Häuser aus massivem Gold bestehen und die Straßen mit Gold gepflastert sind, und wo es sogar goldene Boote und Schiffe gibt.“
Siri-Tong holte zweimal tief Luft, dann sprach sie es aus.
„El Dorado.“
7.
El Dorado – das Wort schwebte in der Luft, hing über ihnen und versetzte sie in eine eigenartige Stimmung. Es hatte schon viele Legenden über die sagenhafte Stätte gegeben – haarsträubende Geschichten, die allesamt von vorn bis hinten erfunden zu sein schienen. Unbestritten blieb, daß die spanischen Konquistadoren auf der Suche nach den Reichtümern in der Neuen Welt auf die Inkas gestoßen waren und deren Kultur zerstört hatten, wobei sie ihnen eben jenes Gold und Silber entrissen hatten, das für Europa so begehrenswert war. Francisco Pizarro hatte damit ein Reich unschätzbarer Reichtümer vernichtet, doch es schien noch ein anderes, eben dieses unentdeckte El Dorado zu geben.
Zum erstenmal vernahm Hasard die Bestätigung aus dem Mund eines Mannes, der ihm glaubwürdig erschien.
Montanelli zeigte wieder ein schwaches Lächeln. „Ich weiß, was ihr jetzt denkt. Daß El Dorado nämlich nicht existiert. Aber ich schwöre es euch, ich selbst, das Reetboot und der Goldschmuck sind der Beweis dafür. Aber laßt mich von vorn beginnen.“
Hasard kontrollierte kurz die richtige Einteilung der doppelten Deckswachen, dann wandte er sich wieder dem todgeweihten Mann zu. Er, Siri-Tong, der Kutscher, Ben Brighton, alle, die keine Wache zu gehen hatten, setzten sich neben Montanelli hin.
„Ich will mich so kurz wie möglich fassen“, sagte der Italiener. „Vor fünf Jahren verließ ich meine Heimat und zog nach Venedig, um mich dort irgendwie zu verdingen. Vor einem Jahr wurde mein größter Wunsch erfüllt. Ich durfte auf einer Galeasse anheuern, die den Atlantik überqueren sollte.“
Batuti, Dan, Matt sowie Al, Bo und Luke waren unterdessen mit dem Boot zurückgekehrt und enterten ebenfalls an Bord der „Isabella“ auf. Ferris Tukker drehte sich zu ihnen um und legte den Zeigefinger an die Lippen. Schweigend gesellten sie sich zu der Versammlung.
Dan O’Flynn händigte der Roten Korsarin ihre Waffen aus, die er an der Lichtung wiedergefunden hatte.
„Eine Galeasse“, wiederholte Hasard nachdenklich. „Eine jener großen Galeeren, die drei Masten führen, gut armiert sind und über einen Rammsporn am Vorsteven verfügen. In der Schlacht von Lepanto hatte dieser Schiffstyp seinen entscheidenden Einsatz.“
„Du weißt gut Bescheid“, sagte Montanelli erstaunt.
„Mein Vater war bei der Schlacht von Lepanto dabei. 1571. Er war ein Malteserritter, von dem algerischen Piraten Uluch Ali gefangengenommen, ein Galeerensklave unter der Knute des Feindes.“ Hasards Gesicht war hart geworden. „Aber er zerbrach sein Ruder, der Ritter Godefroy von Manteuffel, er ließ sich lieber halb totschlagen als die Muselmanen in die Schlacht zu führen. Er war ein Mann, wie man ihn unter Tausenden nicht findet.“
Montanelli stellte einen sinnlosen Versuch an, den Kopf zu heben. „Mir scheint, er hat in seinem Sohn einen vollwertigen Nachfolger zurückgelassen.“
„Das stimmt“, erwiderte Ben Brighton. „Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, mein Freund.“
„Aber zurück zu der Galeasse“, sagte Hasard. „Es ist das erste Mal, daß ich höre, ein solches Schiff sei in die Neue Welt aufgebrochen.“
Montanelli atmete etwas rascher. „Richtig. Erst als ich an Bord der Galeasse war – ich war der Kombüse zugeteilt –, erfuhr ich von der geheimen Mission, die unser Kommandant Della Latta ausführen sollte. Ein waghalsiges Unternehmen. Mir sträubten sich die Haare, obwohl ich das Abenteuer suchte.“
„Ich verstehe“, entgegnete Hasard. „Es war ein Experiment, mit einer Galeasse statt mit einer Galeone, Karacke oder Karavelle die Atlantiküberquerung anzutreten. Und noch etwas. Die Spanier durften nichts von eurem Vorhaben erfahren, denn sie haben die Welt ja längst aufgeteilt, nicht wahr?“
„Ich staune immer mehr, wie gut du unterrichtet bist“, sagte Montanelli. „Nicht, daß ich euch englische Korsaren für Einfaltspinsel halte, weiß Gott nicht. Aber was die Belange der Republik Venedig im Verhältnis zu Spanien betrifft, so kennen sich die wenigsten aus.“
„Wir haben uns auch im Mittelmeer aufgehalten, waren auf Malta beim Orden der Ritter des Heiligen Johannes und haben so manches erfahren“, erklärte ihm der Seewolf. „Es ist eine verrückte, wirre Welt, in der wir leben. Vieles muß geändert werden, und dafür kämpfen wir, Montanelli.“
In der Tat, Spanien gestattete es offiziell keiner Nation, auch den Mitgliedern der Heiligen Allianz nicht, sich etwas von dem großen Kuchen abzuschneiden. Durch die Vermittlung Papst Alexander VI. war bereits Ende des 15. Jahrhundert der Teilungsmeridian von Tordesillas vereinbart worden. Er verlief westlich der Kapverdischen Inseln und schnitt gerade noch Brasilien für Portugal von Amerika weg. Was westwärts dieses Längenkreises lag, sollte spanisch sein, östlich beanspruchte Portugal freie Hand. 1580 war Portugal jedoch spanisch geworden, so daß nun alles König Philipp II. und dessen Landsleuten gehörte. Die spanische Macht indessen verkörperte die Casa de Contractacion, jenes Marineamt, das König Ferdinand und Königin Isabella im Jahre 1503 geschaffen hatten. Die Casa hatte ihren Sitz in Sevilla, sie war Kontor und Kontrollbehörde für den Handel mit der Neuen Welt – und durch und durch korrupt, voller bestechlicher Beamten, Intriganten, Betrüger und Diebe, die so viel wie irgendmöglich in die eigene Tasche arbeiteten.
Es war also – aus Spaniens Sicht betrachtet – alles andere als rechtmäßig, was die Männer der Galeasse da unternommen hatten. Auf eigene Faust waren sie aufgebrochen, im geheimen Auftrag einer Republik, der eigentlich nicht der Sinn danach stand, mit Philipp II. einen Streit vom Zaune zu brechen.
„Warum?“ fragte Hasard. „Warum das alles, Montanelli?“
„Wir sollten einen schiffbaren Weg quer durch die Neue Welt finden und neue Länder entdecken. Auf den Spuren von Amerigo Vespucci. Venedigs Beitrag zur Erforschung der Weltkugel. Verstehst du jetzt?“
„Ja. Wäre es euch gelungen, dann hätte Spanien nicht umhin gekonnt, Venedig ein Lob auszusprechen und es vielleicht an dem großen Zusammenraffen der Schätze hier zu beteiligen.“
„So ungefähr.“
„Aber ihr nahmt den falschen Kurs …“
„Della Latta glaubte, der Amazonas sei kein Fluß, sondern eine Meerenge, die quer durch den Kontinent verläuft. Unsere Expedition führte vor acht Monaten, zum Ende der Regenzeit, den Amazonas hinauf. Und sie endete sehr rasch.“
„Die Krokodilmänner“, sagte Siri-Tong.
Montanelli sah sie an. „Sie überfielen uns, etwa eine Tagesreise von hier entfernt. Es geschah während der Nacht. Wir ankerten viel zu nah am Ufer, sonst hätten sie uns nicht so leicht überwältigen können, zumal Chano, dieser Lump, sie keine Boote benutzen läßt. Auch die beiden Späher, die jetzt tot sind, hatten keinen Einbaum. Chano befürchtet immer noch, der eine oder andere von ihnen könne eines Tages fliehen und herumerzählen, welch grausiges Regime er errichtet hat.“
„Was geschah mit den Männern der Galeasse?“ fragte Hasard.
„Etwa ein Drittel wurde getötet.“
„Auch Della Latta?“
„Nein. Er wurde mit uns anderen gefangengenommen. Wir wurden an Land gebracht, und wir lernten Chano kennen, einen Kerl mit langem schwarzen Haar und schwarzem Bart. Er ist ein Abtrünniger der Spanier, wenn seine Landsleute ihn jemals erwischen, stellen sie ihn vor Gericht. Darum ist er so sehr bemüht, daß nichts über ihn und sein Tun nach außen dringt.“
Hasard schnitt eine Grimasse. „Das kann ich mir gut vorstellen. Fern des Zugriffs der Krone und sämtlicher Autoritäten hat er sich hier ein Nest geschaffen, das er um jeden Preis verteidigen wird. Ist es so?“
„Ja“, sagte Montanelli. Das Sprechen bereitete ihm jetzt immer mehr Schwierigkeiten. „Er gehörte seinerzeit zu einer Expedition von zwanzig Spaniern, die weiter flußaufwärts nach Siedlungen suchen sollten, die sie überfallen und besetzen konnten. Chano spricht nie darüber, aber einer der Assurini erklärte uns während unserer Gefangenschaft, der Trupp Spanier sei damals von Amazonen überfallen worden. Chano konnte sich als einziger in den Dschungel retten, wurde von den Krokodilmännern gefunden, aufgepäppelt und wegen seiner Feuerwaffen und seiner Rüstung wie ein Gott verehrt.“
„Ein prächtiger Vogel“, sagte Carberry grimmig. „Mit dem würde ich mich gern mal näher unterhalten.“
„Er hat sich von den Assurini eine Zitadelle bauen lassen“, fuhr Montanelli hastig in seinem Bericht fort. „Und wir mußten mithelfen, aus einer felsigen Gegend Quader heranzuschaffen und zu Mauern aufzuschichten. Eine Sklavenarbeit.“
„Wem sagst du das!“ warf Old O’Flynn ein und dachte noch voll Schaudern an die Zeit auf der Teufelsinsel.
„Die Krokodilmänner sind unter Chanos Fuchtel zu mordenden Bestien geworden“, flüsterte Montanelli. „Das ist ein großes Unrecht. Sie tun alles, was der Spanier ihnen befiehlt. Und meine Landsleute – sie befinden sich immer noch in der Zitadelle. Dort werden sie einen elenden Tod finden. Du mußt ihnen helfen.“
„Ich verspreche es dir“, sagte Hasard. „Aber wie finden wir zu der Zitadelle?“
„Es gibt einen versteckten Nebenarm, der schiffbar ist. Wir hatten damals das Pech, ausgerechnet vor dem zugewachsenen Einlaß zu ankern. Ich beschreibe dir jetzt, wie ihr hinfindet.“
Er sprach noch leiser, Hasard mußte sich über ihn beugen, um etwas zu verstehen.
Montanelli lieferte ihm Anhaltspunkte, an denen er sich orientieren konnte. „Die Galeasse“, wisperte er am Ende. „Sie ankert wahrscheinlich noch immer dort – auf dem Nebenarm – sie – ist jetzt Chanos Schiff. Gold und Silber hat er in der Zitadelle – gehortet. Er feiert Orgien mit den Assurini-Mädchen, mißhandelt sie, tritt seine Sklaven, wenn es ihm in den Sinn kommt. Die Männer der Galeasse – wir alle – es war unsere Schuld, daß wir in Chanos Fänge gerieten – aber …“
Seine Augen schlossen sich.
Siri-Tong stieß einen Laut des Entsetzens aus. Hasard und der Kutscher beugten sich augenblicklich über den Toskaner, lauschten an seiner Brust, fühlten seinen Puls.
„Aus“, sagte die Rote Korsarin. „Allmächtiger, warum nur …“
„Nein“, sagte der Kutscher, indem er sich aufrichtete. „Er lebt noch und ist nur bewußtlos geworden. Es ist nicht das Gift, das ihn hat ohnmächtig werden lassen, sondern die Schwäche.“
Hasard erhob sich mit einem Ruck. „Kutscher, Blacky und Batuti, ihr schafft diesen armen Teufel sofort in meine Kammer. Es ist jetzt kühl genug, man kann auch dort atmen, wenn man die Fenster öffnet. Blacky und Batuti, ihr haltet Wache bei Montanelli und laßt euch nach vier Glasen von Shane und Luke Morgan ablösen. Kutscher, du marschierst von meiner Kammer aus ab in die Kombüse. Bereite den Fisch zu, den Batuti erlegt hat. Die größte Portion erhält Montanelli, verstanden?“
„Aye, aye, Sir!“
Carberry hatte mit der Crew gesprochen, jetzt wandte er sich dem Seewolf zu und sagte: „Hasard, wir sind uns einig. Wir können auch noch einige Zeit länger Kohldampf schieben. Montanelli kriegt den ganzen Fisch, verdammt noch mal, es wird wohl das letzte Vergnügen in seinem Leben sein.“
„Das Gift wirkt langsam. Die Indianer sollten ihn lebend zu Chano zurückbringen, damit dieser ihn quälen konnte“, sagte Hasard. „Nein, es gibt keine Rettung mehr für den Toskaner.“
Siri-Tong sah ihre Mannschaft an. „Hat von euch jemand Appetit auf Fisch?“
„Nein“, tönte es im Chor zurück. Juan trat vor und sagte: „Wir alle haben große Lust, diesem Chano das Handwerk zu legen. Muß ja wirklich eine Bestie sein, dieser Kerl.“
Hasard blickte sich forschend um. „Wir sind uns also alle einig? Gut, dann hört zu. Wir verteilen uns auf unsere beiden Schiffe und gehen sofort ankerauf. Wir haben noch genug Wind, um die Strömung auszusegeln. Außerdem segelt es sich bei Nacht besser – oder ist jemand anderer Meinung?“
Keiner meldete sich.
„Dann los!“ rief Hasard. „Wir wissen, daß die Wassertiefe mindestens bis zum Nebenarm, an dem Chanos Zitadelle liegt, schiffbar bleibt. Wir halten uns in Flußmitte und segeln auf Teufel komm ’raus, Männer. Jawohl, diesem Spanier, der sich einbildet, ein Gott zu sein, werden wir es zeigen!“ Er senkte die Stimme etwas. „Und noch was. Natürlich haben Chano und seine Assurini ausreichend Verpflegung und Trinkwasser. So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe – falls nichts schiefläuft. Wir können uns in der Zitadelle mit Proviant versorgen, nachdem wir die Venezianer herausgehauen haben.“
Während Siri-Tong, die Wikinger und die Piraten in ihre Boote abenterten und zum schwarzen Schiff hinüberpullten, unternahm Hasard einen Abstecher in die Kapitänskammer der „Isabella“.
Der Kutscher war bereits in Richtung Kombüse verschwunden. Blakky und Batuti hielten im Licht einer Öllampe an Hasards Koje bei Montanelli Wache. Blacky sah seinen Kapitän an. Nichts Neues, stand in seinem Blick zu lesen.
Hasard betrachtete den zerschundenen, vom schleichenden Tod gezeichneten Mann aus dem fernen Italien.
„Über El Dorado hat er uns genausowenig erzählen können wie über die Herkunft und Bedeutung des Reetbootes“, sagte er versonnen. „Wenn er nicht wieder aufwacht, wird er dieses Geheimnis mit sich über die düstere Schwelle ins Jenseits nehmen.“
Zwei erhabene Silhouetten glitten mit geblähten Segeln auf dem „Amacunu“, dem größten aller Ströme, voran. Hasard hatte mit seiner Vorhersage recht behalten, der Wind drückte sie energisch voran. Er schien die grimmige Entschlossenheit der Seewölfe und Siri-Tong-Piraten zu verkörpern, aber es half ihnen noch ein anderer Umstand, der die Fahrt der Schiffe beschleunigte: die Flut.
Das auflaufende Wasser drang jetzt von See aus tief in die vielen verästelten Flußläufe ein und schob mit sich, was sich gerade in ihm befand.
Der Seewolf stand neben dem kleinen Reetboot, das sie auf dem Achterdeck der „Isabella VIII.“ festgezurrt hatten, und dachte darüber nach. Irgendwann, irgendwo mußte das auflaufende Seewasser mit der Strömung des Amazonas kollidieren.
Es sollte eine Nacht voller Überraschungen werden.
Als der große Fisch, den Batuti „beschafft“ hatte, gar war, trug der Kutscher ihn in die Kapitänskammer. Aber Montanelli war noch nicht ins Bewußtsein zurückgekehrt.
„Ich stelle den Fisch warm“, sagte der Kutscher betrübt. „Einige Zeit wird er sich halten.“
Hasard, der ihn ins Achterkastell begleitet hatte, sagte: „Tu das. Wie groß ist die Versuchung, einen Happen zu probieren, Männer?“
„Wir halten es noch zwei bis drei Tage so aus“, entgegnete Blacky. „Wir sind doch keine Waschlappen. Kutscher, paß bloß auf, daß Arwenack sich nicht an dem Fisch vergreift.“
„Ach, Unsinn, der mag lieber süßes Zeug“, erwiderte der Kutscher, dann ging er wieder.
Blacky sah seinen Kapitän an. „Du brauchst es nicht extra zu sagen, Sobald Montanelli die Augen aufschlägt, flitze ich los und rufe dich.“
„In Ordnung, Blacky.“
Hasard ging langsam aufs Oberdeck zurück. Seine Gedanken kreisten mehr um das Zauberwort El Dorado als um die Zitadelle des Chano. Es war eigenartig, welche Anziehungskraft die bloße Nennung des Begriffes auf ihn hatte. El Dorado – das Goldland!
Carberry stand unterdessen mitten auf der Kuhl und schaute nach der richtigen Segelstellung und allem anderen, über das sich möglicherweise meckern ließ. Aber es gab nichts zu bemängeln. Die „Isabella“ rauschte mit Backstagswind dahin und lief gute Fahrt, alle Segel standen einwandfrei, alle Fallen waren klariert, Takelage und Deck tipptopp in Ordnung – es war eine Zier.
Der Profos stieß einen leisen, grunzenden Laut aus und begab sich aufs Achterdeck. Ferris Tucker, Shane und Old O’Flynn befanden sich bei Pete Ballie im Ruderhaus. Carberry hatte keine Lust, zu ihnen zu gehen. Er trat ganz nach achtern an die große eiserne Hecklaterne der „Isabella“ und schaute zum schwarzen Segler, der das phosphoreszierende Kielwasser der Galeone mit seinem mächtigen Bug zerschnitt.
Carberry war betrübt. Wenn es nichts zu fluchen gab, bereitete ihm die gesamte Seefahrt keinen Spaß.
Das Leben ist wie ’ne Hühnerleiter, dachte er, von oben bis unten beschissen.
In diesem Augenblick vernahm er ein schwaches Flattern in der Luft, direkt über sich. Unwillkürlich duckte er sich. Er hatte vom Boston-Mann vernommen, daß es Vampire geben solle, Blutsauger, die sich auf Menschen setzten und ihnen den Lebenssaft abzapften – in der Nacht!
Tatsächlich, etwas schwirrte auf ihn nieder und krallte sich auf seiner Schulter fest. Es zappelte und krächzte ein bißchen und zwackte ihn am rechten Ohr.
„O Himmel, Arsch und Zwirn“, legte der Profos los. „Hau bloß ab, du verfluchtes Biest. Zeig die Hacken, verkrümel dich, oder ich zieh dir die Haut in Streifen ab, und zwar von deinem verdammten Affenarsch …“
Ein verhaltenes Lachen ließ ihn herumfahren. Da standen sie und grinsten wie die Teufel: Shane, Ferris, Old O’Flynn, Ben Brighton.
„Papageienarsch wolltest du wohl sagen“, meinte Shane. „Himmel Ed, wie kann man so einem Tierchen was Schlechtes wollen.“
„Oder Angst davor haben“, sagte Old O’Flynn kichernd.
Carberry warf einen Blick nach rechts. Ihm fielen fast die Augen aus den Höhlen, als er sah, was ihm da auf der Schulter hockte und immer noch vergnügt an seinem Ohrläppchen herumzupfte – wirklich ein Papagei, kein Vampir, Ein krummschnabeliger Vogel, der Gott und die Welt nicht zu fürchten schien, sonst hätte er sich nicht ausgerechnet Edwin Carberry als Landeplatz ausgesucht.
Aus zusammengekniffenen Augen registrierte Carberry weitere Einzelheiten des Tieres. Es war groß wie eine normale menschliche Hand, nicht ganz so groß wie die Pranken, die der Profos als seine Hände bezeichnete. Die Farbe des Papageis war karmesinrot, soweit das Licht der Hecklaterne eine exakte Festlegung gestattete.
„Also, das haut doch dem Faß den Boden aus“, sagte Carberry verdattert.
„Bleib ruhig, Ed“, sagte Ben. „Er hackt dir bestimmt kein Auge aus.“
Carberry entsann sich der Worte des alten Donegal. „Pa!“ sagte er. „Angst. Ich und Angst? Ihr habt sie ja nicht alle, ihr miesen Kanalratten.“
Hasard war inzwischen zu den Männern getreten und schaute ebenfalls amüsiert zu, wie der Profos sich mit dem Papagei unterhielt.
„So, und jetzt verschwinde wieder“, sagte er soeben. „Wir können dich hier nicht gebrauchen, verstanden?“
„Kra-ah“, äußerte sich der Papagei – und blieb hocken.
„Verduften sollst du, wir haben schon genug Viehzeug an Bord!“
Der Papagei kraulte Carberry am Ohrläppchen, daß es kitzelte.
„He, ho!“ rief Carberry, und „Mensch, laß das“, dann brauste er auf: „Zum letztenmal, kratz die Kurve, sonst dreh ich dir den Hals um, du Satansbraten!“
Hasard trat zwei Schritte vor und musterte ihn streng. „Hör mal, Ed, das ist ein ganz junges Tier. Vielleicht hat es sich verirrt. Womöglich findet es nicht in den Wald zurück, wenn du es einfach wegstößt. Sei doch nicht so herzlos.“
Carberry wurde verlegen. „Ich – Sir …“
„Außerdem mag der Papagei dich, das sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock.“
„Mich?“ Carberry wußte gar nicht, wie ihm geschah. Plötzlich fühlte er sich veranlaßt, die Hand auszustrekken und dem kleinen karmesinroten Papagei den Kopf zu streicheln. Der Vogel ließ es geschehen. Er knabberte an den stämmigen Fingern des Profos’ herum, gab einen gackernden Laut von sich, schmiegte sich an die Hand, die ihn wärmte – und Edwin Carberrys Herz zerfloß geradezu vor Rührung.
O, er mochte Tiere ja, obwohl er’s nicht zugeben wollte. Beispielsweise fluchte er dauernd über Arwenack, aber wenn dem Affen jemand an den Kragen wollte, wurde er wütend. Und damals, vor den Kykladen, als sie die schwarz-weiße Katze Micia aufgefischt hatten – war ihm da nicht auch ganz schwummrig zumute gewesen?
„Du kleiner Schelm, du“, sagte er zu dem Papagei.
Old O’Flynn kicherte wieder, und Carberry fuhr zu ihm herum und blaffte ihn an: „Was ist denn mit dir los? Haben dich die Schnaken gestochen? He, ihr!“ Er meinte Ferris, Shane und Ben. „Was glotzt ihr so blöd? Hier gibt’s nichts zu gaffen.“
Er wandte sich Hasard zu. „Möglich, daß der Papagei mal einem Indianer gehört hat oder so. Weil er so zutraulich ist, meine ich.“
„Es kann auch Zufall sein, daß er bei uns gelandet ist und Freundschaft mit dir geschlossen hat“, erwiderte Hasard lächelnd. „Du hast eine rauhe Schale, aber darunter sitzt ein weicher Kern, Profos. Das wird er wohl gespürt haben.“
„Ich – ehm, ich wüßte schon einen Namen für ihn.“
„Eben wolltest du ihn noch über Bord schmeißen.“
„Aber jetzt – Sir, ich bitte um Erlaubnis, den Papagei behalten zu dürfen.“ Es fehlte nicht viel, und Carberry stand stramm.
Hasard nickte ernst. „Dem Antrag wird stattgegeben, Profos.“
„Was die Taufe betrifft, Sir …“
„Nun spuck’s schon aus, Ed!“ rief Big Old Shane.
„Sir John würde ich ihn nennen“, platzte Carberry heraus. „Jawohl: Sir John.“
Hasard zog die Augenbrauen hoch. „Nach meinem geliebten Alten, Sir John Killigrew von Arwenack-Castle? Warum, wenn man fragen darf?“
„Na ja, der läuft auch immer so rot an wie das Federvieh hier, und außerdem hat er die gleiche aufdringliche, rauhbeinige, krächzende Art am Leib“, meinte der Profos.
Hasard konnte nicht anders, er mußte lachen.
8.
Es verging ihm und zwar gründlich. Die Episode mit dem karmesinroten Papagei sollte die einzige erfreuliche Überraschung dieser Nacht bleiben. Etwa eine halbe Stunde, nachdem das Tier dem Profos zugeflogen war, nahm das Rauschen des Stromes schlagartig zu.
Es steigerte sich zu einem Grollen und Brüllen, und gleichzeitig gerieten die Decks der „Isabella“ und des schwarzen Seglers in tanzende, schlingernde Bewegung. Der Fluß tobte und schäumte, wie die fluchenden Männer im Mondlicht erkennen konnten. Er bäumte sich auf, schien total verrückt geworden zu sein, hob die Segler auf gischtende Wogenkämme und ließ sie in enge, düstere Täler hinuntersausen – wie draußen auf See mitten im dicksten Sturm.
Hasard wurde von dem Ausbruch der Naturgewalten überrascht, als er sich gerade auf dem Quarterdeck befand. Er wurde glatt von den Beinen gerissen. Verzweifelt suchte er nach Halt und trachtete, das Gleichgewicht wiederzuerlangen, aber es glückte nicht. Er fiel hin und schlidderte über Deck. Erst am Steuerbordschanzkleid war die Reise zu Ende. Er wetterte, war wie von Sinnen, aber das brachte ihm nichts ein.
„Festhalten!“ schrie er gegen das Brüllen und Orgeln an. „Paßt auf, daß ihr nicht außenbords geht!“
Kein Zeit, Manntaue zu spannen oder andere, ähnliche Vorkehrungen zu treffen, wie sie vor dem Aufziehen eines Wetters üblich waren. Ganz plötzlich war dieses Wüten des Flusses da, unerwartet – es traf sie wie aus heiterem Himmel.
Carberry klammerte sich mit der einen Hand an einer Nagelbank des Achterdecks fest, in der anderen hielt er den kreischenden Papagei Sir John. Shane, Ferris und Old O’Flynn hielten sich gegenseitig fest. Ben Brighton hatte es fertiggebracht, sich ins Ruderhaus zu retten.
Unter Deck herrschte Gepolter, auf der Kuhl wirbelten mehrere Gestalten durcheinander. Hasard sah nicht genau, um wen es sich handelte, aber er wußte, daß es die Männer der zweiten Deckswache waren – und Bill befand sich bei ihnen, Bill, ihr Schiffsjunge!
Ein Körper wurde gegen das Steuerbordschanzkleid der Kuhl geschleudert, richtete sich daran hoch und kriegte das Übergewicht nach hinten.
„Bill!“ schrie Hasard.
Bill kippte über die Handleiste des Schanzkleides weg. Matt Davies und Al Conroy waren in seiner Nähe, hechteten sich zu ihm hinüber, packten jedoch zu spät zu.
Bill fiel außenbords zu den Kaimanen, den Piranhas, den Rochen, den giftigen Würmern und den kleinen Fischen, die Stacheln hatten und sich in allen möglichen Öffnungen einzunisten pflegten.
Hasard zögerte keine Sekunde. Er erhob sich auf seinem taumelnden Schiff, flankte übers Schanzkleid und folgte Bill auf dem Weg in die Hölle. Kopfunter raste er an der dunklen Steuerbordseite der „Isabella“ vorbei und stach in die kochenden Fluten.
Hasard tauchte, glaubte, bis auf den Grund zu gelangen, erreichte ihn jedoch nicht. Er fühlte etwas Glitschiges zwischen seinen Fingern hindurchgleiten und wußte nicht, was es war. Er drehte sich, erhielt Auftrieb, schoß an die Oberfläche zurück, steckte den Kopf aus dem Wasser und hielt nach Bill Ausschau.
Der Junge war nicht mehr zu sehen.
Es war lange her, daß Hasard derartige Panik empfunden hatte. Bill, ausgerechnet Bill! Seinem sterbenden Vater hatte er geschworen, sich um den Jungen zu kümmern, ihn an Bord seines Schiffes zu nehmen und einen guten Seemann aus ihm zu machen. Aber dazu gehörte Hasards Meinung nach auch, ihn zumindest in der ersten Zeit zu beschützen.
Es war seine Pflicht! Er garantierte mit seinem Leben für das Leben des Jungen. Auf der Isla del Diablo, in der Gefangenschaft der Spanier, hatte er es fertiggebracht, ihn zu retten, aber hier?
„Bill!“ brüllte Hasard gegen das Brausen des Amazonas an.
Irgendwo, mittendrin in dem sprudelnden Inferno, tauchte urplötzlich der Kopf mit dem schwarzen Haarschopf auf. Hasard schwamm los. Er legte alles hinein in diesen Vorstoß, seine ganze Kraft, sein Vermögen als Kapitän, Korsar und Alleinverantwortlicher eines stolzen Schiffes. Er schwamm wie selten zuvor und gelangte bei dem Jungen an, bevor dieser wieder untergehen konnte.
Er packte ihn, drehte sich im Wasser und schleppte ihn mit einem Rettungsgriff ab, den er sich selbst beigebracht hatte, als er noch ein Junge wie Bill gewesen war. Zur „Isabella“ hin – die Crew brüllte aus vollen Lungen, sie brachte eine Jakobsleiter und Taue aus. Sie tat alles, um die Aktion des Seewolfes zu unterstützen.
Hasard wußte, daß die Krokodile sich diesem tosenden Pandämonium fernhalten würden, aber er hatte die ganze Zeit über den Eindruck, es zerre und zupfe an ihm. Die Piranhas. Waren sie es wirklich, oder spielten seine Nerven ihm einen Streich?
Hasard stieß gegen die Bordwand der „Isabella“ und griff nach den Tauen. Eins kriegte er zu fassen. Sofort zerrte er sich halb aus dem Wasser hoch, schleifte Bill mit, setzte irgendwie den Fuß auf die unterste Sprosse der Jakobsleiter – und enterte auf.
Bill spuckte plötzlich einen dicken Schwall Wasser aus. Er japste, drehte sein Gesicht Hasard zu und sagte: „He, Kapitän, ich kann auch selbst klettern.“
In einer Mischung aus Verwunderung und Staunen sah Hasard, wie das Bürschchen vor ihm die Jakobsleiter hochhangelte. Bill traf also vor ihm wieder auf der Kuhl ein. Johlend nahm die Crew ihn in Empfang. Hasard kletterte übers Schanzkleid, hielt sich fest und blickte kopfschüttelnd zu diesem bereits so kühnen Jungen, der sich den erlittenen Schrecken nicht im geringsten anmerken ließ.
Das Tosen ließ nach, die „Isabella“ schaukelte und schwankte noch, strich etwas später jedoch schon wieder ruhiger durch die Fluten. Hasard konstatierte etwas Merkwürdiges: Der Wind hatte vorher überhaupt nicht zugenommen und blies auch jetzt mit der gleichen Beständigkeit wie zuvor, frisch bis handig, aber nicht stürmisch.
„Profos?“ rief Hasard zum Achterdeck hoch.
„Sir?“
„Ein Lichtsignal zum schwarzen Schiff geben und fragen, ob dort alles wohlauf ist!“
„Aye, aye, Sir!“
Hasard wartete nicht ab. Er lief zum Kutscher und ließ ihn Bill untersuchen. Bill sträubte sich zwar, weil er die Visite als Schmach empfand, aber Hasard kannte kein Pardon.
Der Kutscher pflückte Bill dann tatsächlich auch ein paar unansehnliche Gebilde von den Beinen ab. Mit einem Fluch schleuderte er sie außenbords.
„He!“ schrie Bill. „Was war denn das?“
„Blutegel“, erwiderte der Kutscher nüchtern.
Bills Gesichtsfarbe wechselte von rot auf kalkweiß. „Hölle und Teufel – davon hab ich ja gar nichts bemerkt!“
Hasard hatte sich inzwischen selbst abgetastet und sich auch von zwei, drei Blutegeln befreit. „Wir können noch froh sein, daß uns die Piranhas nicht gepackt haben. Und ich nehme auch nicht an, daß wir irgendeine Krankheit aus dem Fluß mitgebracht haben. Wir sind zu kurze Zeit dringewesen.“
Carberry hastete vom Achterdeck herüber. „Drüben bei der Roten Korsarin ist alles in Butter. Keine Verletzten, keine Schäden am Schiff. He, Bürschchen, bist du wohlauf?“
Bill, der Angesprochene, blickte hinter sich. „Wen meinst du?“
„Dich natürlich, du Hering“, grollte Carberry.
„Ich bin kein Bürschchen.“ Bill wandte den Kopf und blickte den Profos offen an, aber ehe sich dieser in einem seiner cholerischen Ausbrüche üben konnte, sagte Bill: „Mann, was hältst du denn da in der Hand?“
Carberry schaute auf den Papagei, den er inzwischen beinahe vergessen hatte und zu zerquetschen drohte.
„Das ist Sir John“, sagte er mit Würde. „Er bleibt bei uns an Bord, und wem’s nicht paßt, der kriegt was aufs Dach.“
Später, als sich die komplette Crew auf der Kuhl eingefunden hatte, lieferte Hasard die Erklärung für das jähe Wüten des Stromes.
„Ich dachte mir, daß etwas geschehen würde“, sagte er. „Aber ich glaubte nicht, daß es so heftig erfolgen würde. Es war die ‚Pororoca‘, wie sie die Indianer nennen, die große Flutwelle, der ‚Wolkenwasserlärm‘. Ben, sieh doch mal zum Himmel. Was fällt dir da auf?“
„Daß wir Vollmond haben“, antwortete Ben Brighton prompt.
„Eben. Und bei Vollmond ist der Tidenhub besonders groß. Die Wassermassen des Amazonas sind mit der landwärts rollenden Springflut des Meeres zusammengeprallt, der Fluß hat sich mit einer brüllenden Wasserwand gegen sich selbst gekehrt. Die Pororoca ist an uns vorbeigerast, hat uns überholt und jagt vor uns her.“
„Der Teufel soll sie holen“, sagte Carberry, und die anderen Männer dachten das gleiche.
Die „Isabella“ und das schwarze Schiff setzten ihre Fahrt durch die Dunkelheit fort, weiter nach Südwesten. Unzählige Gefahren lauerten in der Nacht. Der Strom war ein blindwütiger Riese, der alles ertränkte, der stickige Regenwald atmete Menschenfeindlichkeit.
Die Männer waren froh, als endlich der Morgen nahte.
Der neue Tag brachte wieder Hitze, Entbehrungen, Hunger, Durst, Ungewißheit und dumpfe Ahnungen. Das ablaufende Wasser stoppte die Fahrt der Schiffe, aber später half ihnen eine neue, diesmal sanft ausfallende Flutwelle wieder weiter.
Montanelli war auf Hasards Befehl hin ganz dicht an die offene Tür der Kapitänskammer gebettet worden, die auf die Heckgalerie hinausführte. So konnte er auch in der größten Mittagshitze atmen.
Er war zu sich gekommen und hatte den Fisch verzehrt und wieder einen Schluck Whisky getrunken, hatte Hasard aber nur einige ergänzende Erläuterungen über die Zitadelle liefern können. Danach war er wieder ohnmächtig geworden. Keine Hinweise auf El Dorado …
Am späten Nachmittag stand Hasard auf dem Achterdeck und sah durch das Spektiv die Kennungen, die Montanelli ihm bezeichnet hatte.
„Drei gewaltige aus dem grünen Meer aufragende Quebracho-Bäume“, murmelte er. „Eine Lagune, in der man Ibisse beobachten kann. Es stimmt alles.“
Eine Stunde später ließ er rund fünf Meilen weiter flußaufwärts ankern. Blaßroter Himmel spannte sich wie ein riesiges Zelt über den Amazonasniederungen. Die ersten Schleier der Dämmerung fielen. Hasard hatte eine kleine Bucht ausgesucht, in die sich die beiden Schiffe verholen ließen, die Wassertiefe war gerade noch ausreichend.
„Montanelli hätte uns nicht mehr groß darauf hinzuweisen brauchen“, sagte er zu seiner Crew. „Natürlich lauern an dem zugewachsenen Einlaß des Nebenarmes die Krokodilmänner. Sie haben uns längst entdeckt und warten jetzt ab, wie wir uns verhalten. Ich habe eine erste List angewandt, indem ich an dem Nebenfluß vorbeigezogen bin.“
„Und jetzt?“ sagte Ferris Tucker. „Jetzt müssen wir doch dorthin zurück. Wenn wir die Boote nehmen, sind wir für diese Indianer immer noch bestens zu sehen, auch bei Nacht. Sie können uns im Mondlicht prächtig abschießen.“
„Stimmt“, entgegnete der Seewolf. „Deswegen begeben wir uns zu Fuß auf die Pirsch. Ed, Ferris, Shane, Batuti, Dan, Stenmark und Bob Grey, zieht euch schon mal die Stiefel an. Diesmal schleichen wir nicht auf nackten Sohlen durch den Dschungel. So, den Rest erkläre ich, wenn Siri-Tong herübergekommen ist.“
Eine halbe Stunde später gingen sie an Land und drangen mit ihren Säbeln und Schiffshauern in den Urwald ein. Ben Brighton und Siri-Tong, die als Kapitäne auf den Schiffen zurückgeblieben waren und die Rest-Besatzungen befehligten, hatten ihre klaren Anweisungen. Die Rote Korsarin hatte den Landtrupp unbedingt begleiten wollen, aber diesmal hatte der Seewolf es ihr verboten.
Er grinste, während er mit kräftigen Hieben Lianen, Farne und andere Pflanzen niedersenste. Sollte sie schmollen! Dies hier war nichts für eine Frau. Er hätte ihr wahrhaftig den Hintern versohlt, wenn sie sich noch länger gesträubt hätte, auf dem schwarzen Schiff zu bleiben.
Außer den von Hasard eingeteilten Männern gehörten zu der Gruppe: Thorfin Njal, Eike, Juan und der Boston-Mann. Sie waren eine zu allem entschlossene, verschworene Meute, die vor nichts zurückschrecken würde.
Es wurde zusehends dunkler, aber Hasard ließ die mitgebrachten Fakkeln nicht anzünden. Sie mußten auch so ihren Weg finden und durften dem Gegner keine Gelegenheit bieten, sie vorzeitig zu sichten.
Hasard hatte die Richtung, die sie einschlagen mußten, im Kopf. Nichts konnte ihn verwirren und die richtige Orientierung verlieren lassen, dazu waren seine Instinkte zu sehr ausgeprägt.
Carberry schritt hinter ihm. Er hatte Sir John, den Papagei, an Bord der „Isabella“ zurücklassen wollen, aber Sir John hatte da nicht mitgespielt. So nahm der Profos ihn mit. Er hatte ihn sich in die Hosentasche gestopft, und das schien dem kecken Burschen sogar zu gefallen.
Fünf Meilen sind eine lange Strekke, wenn man sie quer durch den Urwald zurücklegen muß. Die Männer arbeiteten nicht, sie kämpften sich durch das tückische, alles verstopfende Dickicht. Kaum ein Wort wurde gewechselt. Sprechen war gleichbedeutend mit unnützer Verschwendung von Energien.
Hasard wandte sich nicht der Lagune der Ibisse und der Mündung des Nebenflusses zu. Es entsprach seinem Plan, die dort plazierten Späher der Assurini ruhig an ihren Standorten zu belassen. Sein Weg führte direkt auf die Zitadelle zu. Montanellis Erläuterungen waren so exakt, daß er keinen Zweifel hatte, unmittelbar auf sie zu stoßen.
Der versteckte Seitenarm schlängelte sich vom Südufer des Amazonas in südlicher und dann wechselnden Richtungen dahin. Vielleicht stieß er igendwo sogar wieder auf den Hauptstrom, wer konnte das wissen? Das Wasser bahnte sich seinen Weg auf willkürliche, geradezu kapriziöse Art, vorwärts, rückwärts, links und rechts, sich teilend, wieder zusammenfließend, unaufhaltbar.
Wichtig war nur eins: Die Zitadelle erhob sich am westlichen Ufer des Seitengewässers. Hasard und seine Gefolgsleute konnten sie also erreichen, ohne den Arm überqueren zu müssen.
Schätzungsweise zweieinhalb bis drei Meilen hatten sie sich vorangebracht, da stieß Sir John in Carberrys Hosentasche unvermittelt einen heiseren Laut aus. Er zwickte Carberrys Hand mit dem Schnabel, der wollte fluchen, besann sich dann aber – und begriff im Bruchteil einer Sekunde.
„’Runter“, zischte er.
Wie die Marionetten sanken sie zusammen und kauerten mit einem Mal auf dem Untergrund. Etwas raschelte rechts von ihnen, dann war ein Surren in der Luft, und sie alle wußten, was das war. Als es vorbei war, schnellte Hasard hoch und stürmte in den Busch. Er hatte das schon einmal vorexerziert, aber diesmal waren die Gegebenheiten anders.
Schon nach den ersten Schritten kriegte er jemanden zu fassen. Er hieb dem Mann das Blasrohr aus der Hand – soeben hatte der Kerl einen neuen Pfeil abfeuern wollen. Hasard knallte ihm die Faust unters Kinn und fühlte, daß die Knöchel auf etwas Trockenes, Pappiges trafen – auf die Trophäe des Schwarzalligators, die auch dieser Assurini sich umgebunden hatte.
Links und rechts vom Seewolf prasselte es im Gestrüpp. Die Männer hatten sich, seinem Beispiel folgend, ebenfalls auf den Feind im Dunkel geworfen. Carberry fluchte, jemand stöhnte auf, dann wurde es wieder still.
Nur wenige Sekunden hatte der Kampf gedauert. Jemand stürmte durch den Busch davon, Shane war ihm auf den Fersen, aber nach kurzer Zeit kehrte er zum Trupp zurück und meldete: „Verdammt, einer der Kerle ist entwischt. Ich habe ihn aus den Augen verloren. So ein Mist. Der läuft zur Zitadelle.“
„Wir können es nicht ändern“, erwiderte Hasard leise. „Wir haben unser Möglichstes getan.“ Er schaute zu Boden. In den wenigen Streifen Mondlicht, die durch die Baumkronen drangen, zählte er vier Späher. Krokodilmänner, die sie durch ihren Blitzeinsatz überwältigt hatten.
„Fesseln“, ordnete der Seewolf an. „Und nehmt ihnen Blasrohre, Messer und Leibriemen mit Giftpfeilen ab, damit sie nicht auch Selbstmord begehen.“
Sir John streichelte er den Kopf. „Mein Freund, sobald wir wieder etwas zu beißen auf unserem Schiff haben, kriegst du die schönsten Lekkerbissen“, sagte er. „Du hast uns durch deine Warnung das Leben gerettet. Ed, du kannst stolz auf deinen Vogel sein.“
„Es ist nicht immer ein Nachteil, wenn man einen Vogel hat“, meinte Dan – und wich Carberrys Boxhieb aus.
9.
Nur schwach erleuchtet dehnte sich der Saal im Erdgeschoß der Zitadelle aus. In einer Ecke kauerten zwei Assurini auf dem Boden, einer intonierte auf einer Flöte eine verworrene Melodie, der andere begleitete ihn dazu auf zwei fellbespannten Trommeln. Sie hatten Ayahuasca genossen, eine Droge, die als Getränk aus den Blättern und Trieben der gleichnamigen Liane gewonnen wurde.
Der Genuß dieser „Soga de Muerte“, der Todesdroge, hätte einen weißen Mann ohne weiteres umgebracht. Chano, der Spanier, hütete sich daher, das Zeug wie die Assurini zu schlürfen, er beschränkte sich darauf, ihnen den Konsum zu genehmigen, wenn es ihm gerade paßte.
Und an diesem Abend war es ihm recht. Auch die Mädchen, die ihn umtanzten und ihm gefällig waren, hatten geringe Dosen Ayahuasca zu sich genommen. Das machte sie frei und unbeschwert. Sie vergaßen ihre Angst vor dem schwarzbärtigen Mann und die Abneigung, die sie vor ihm empfanden.
Chano trank Wein, roten Wein. Er hatte ihn erbeutet, als eine spanische Karavelle sich einmal bis hierher verirrt hatte und von seinen Krokodilmännern überfallen worden war. Die Ladung, die Munition, die Waffen – alles war in die Zitadelle gewandert. So hatte Chano im Laufe mehrerer Jahre ganze Schätze gehortet. All das stammte von Schiffen, die offiziell als verschollen gemeldet worden waren und von deren Mannschaften keiner überlebt hatte.
Nur ein Schiff ankerte noch draußen vor der Zitadelle – die Galeasse aus Venedig.
Chano griff sich eins der nackten Indianermädchen und zog es zu sich auf den Schoß. „Laß uns feiern, Querida, heute ist ein Festtag. Mein Schloß ist fertiggestellt, nachdem die Sklaven die letzten Zinnen hoch oben auf dem Wehrturm gesetzt haben.“
Das Mädchen verstand ihn nicht, es kannte nur den Ketschua-Dialekt der Assurini. Einige Krokodilmänner hingegen hatten die spanische Sprache recht gut erlernt, und auch Chano wußte sich in ihrer ureigenen Mundart zu verständigen. Heute nacht jedoch stand ihm der Sinn danach, nur spanisch zu sprechen und den Mädchen maßlose Dinge zuzuflüstern, während er sich mit ihnen vergnügte.
Stark waren die Mauern der Zitadelle. Die Außenwände maßen in ihrer Dicke zwei Yards. Sie bargen Räumlichkeiten, in denen es ausreichend trokken war, damit Chanos Vorräte und der viele rote Wein nicht verderben konnten. Sie umkleideten zwei Geschosse mit zwei Sälen und vielen Zimmern, in denen Chano ruhen, seinen Lastern frönen und seine Sklaven mißhandeln konnte – und es existierte ein feuchtes Kellergewölbe, in denen die Gefangenen zusammengepfercht waren – vierzig Männer, mit ihrem Kommandanten Della Latta.
Chano grinste. Lange würden sie die Marter nicht mehr durchhalten, die er ihnen auferlegt hatte. Harte Arbeit, wenig Essen und Trinken, die Nässe im Kerker, das brachte sie langsam um.
„Komm“, raunte er dem nackten Indianermädchen zu. „Zeig mir deine Künste, Estrella, mein Stern. Ihr Assurini-Weiber habt doch ganz besondere Spielarten in der Liebe.“ Er hob sie hoch und trug sie zu einem ausladenden Tisch, den er aus dem Holz der Urwaldbäume hatte bauen lassen. Er setzte sie auf die Kante. Das Mädchen kicherte, die anderen Mädchen waren heran und umtanzten sie. Chano wollte seiner Auserwählten einen Schubs versetzen, damit sie hintenüberkippte.
Doch in diesem Augenblick wurde die Tür des Saales geöffnet. Helligkeit flutete aus der Vorhalle herein, wo mehrere große Talglichter in eisernen Ständern brannten. Das Licht umrahmte die Gestalt eines Krokodilmannes im hohen Rechteck der Türöffnung.
„Du Hund!“ fuhr Chano ihn an. „Habe ich nicht den ausdrücklichen Befehl gegeben, mich nicht zu stören?“
„Herr – es sind Fremde im großen Wald“, stammelte der Mann.
Chano horchte auf und ließ von dem Mädchen ab. Er trat auf den Krokodilmann zu. „Wie viele und wo?“
„Sie sind mit zwei großen Schiffen erschienen. Die Schiffe liegen weiter flußaufwärts. Einige der Fremden sind an Land gegangen. Wir wollten sie aus dem Hinterhalt töten, aber sie haben vier von uns gefangennehmen können. Ich bin als einziger geflohen.“ Der Eingeborene sprach hastiges, fehlerhaftes Spanisch, doch Chano ging darüber hinweg.
„So“, versetzte er dumpf. „Das ist eine schwache Leistung. Wir rechnen deswegen noch ab, Freundchen. Diese Eindringlinge befinden sich also auf dem Weg zu meinem Schloß?“
„Ja, Herr.“
„Diese Narren. Wir erledigen sie wie die anderen, die sich einbildeten, hier irgendwelche Forschungen zu betreiben. Du!“ Er sagte es zu dem Mann in der Tür. „Du läßt unsere vierbeinigen Freunde frei.“
„Ja, Herr. Und meine Stammesbrüder – die Gefangenen der Weißen?“
Chano vollführte eine ungeduldige Gebärde. „Die müssen mit dran glauben. Sie haben selbst Schuld. Geh jetzt, du Versager, und führe meinen Befehl aus, ehe ich dich meine Wut spüren lasse.“
„Ja, Herr.“ Der Krokodilmann zog sich zurück und schloß vorsichtig die Tür.
Chano kehrte zu den Mädchen zurück. Die Musik war vehementer geworden, die jungen Assurini-Schönheiten wiegten sich schneller im Takt und schienen in echte Ekstase zu geraten. Chano trank noch einen Schluck Rotwein, dann trat er zu der, die immer noch auf dem großen Tisch saß.
Er wußte nicht, daß vor rund vierundzwanzig Stunden bereits zwei seiner Späher weiter unten am Fluß ihrem Leben ein jähes Ende bereitet hatten. Ihre Leichname waren noch nicht gefunden worden. Die Kunde von dem, was sich dort abgespielt hatte, hatte Chano, den Gottherrscher über die Assurini, nicht erreichen können.
Aus diesem Mangel an Information ergab sich seine Fehleinschätzung der Lage.
Hasard verharrte. Sie waren dem flüchtigen Krokodilmann so schnell nachgeeilt, wie sie konnten. Jetzt standen sie für einen Moment und sichteten durch eine tiefe Kerbe im Busch zum erstenmal die Zitadelle.
Ja, sie war ein imposantes Bauwerk, ganz nach dem Muster spanischer Kastelle errichtet. Hoch ragte ihr Wehrturm auf. Er beherrschte das wuchtige, trutzige Gemäuer, das wie ein einziger überdimensionaler Felsenquader über den Fluß wachte.
Es mußte eine ungeheure Arbeit gewesen sein, Stein um Stein hierherzuschaffen und aufeinanderzufügen. Die Seewölfe wußten das ja aus eigener Erfahrung – von der Teufelsinsel.
„Weiter“, raunte Hasard. „Und merkt euch das eine: Wir dürfen die Schußwaffen erst gebrauchen, wenn wir in der Zitadelle sind und die Gefangenen gefunden haben.“
„Aber der Späher wird Chano ohnehin schon gewarnt haben“, gab Ferris Tucker zu bedenken.
„Chano ist seiner Sache sicher“, erwiderte der Seewolf. „Er glaubt, leichtes Spiel mit uns zu haben. Ich schätze, er lockt uns bis in den Bau, um uns dann ungestört niedermetzeln zu können.“
Sie schritten voran. Der stickige Blätterwald öffnete sich weiter und weiter, und sie sahen die Galeasse draußen auf dem Wasser ankern. Sie war ein schönes Schiff, größer, schwerer, besser armiert als die herkömmlichen Galeeren. Montanelli hatte gesagt, der berühmte venezianische Schiffbauer Bressano habe sie konstruiert.
„Hasard“, zischte der Profos plötzlich. „Sir John ist schon wieder so aufgeregt.“
„Obacht“, warnte Hasard. „Das Tier wittert die Gefahr.“
Und auch dieses Mal traf es zu! Zwei flache schwarze Schatten lösten sich aus dem düsteren Bereich vor der Fassade der Zitadelle und schossen auf sie zu. Hasard verhielt und stand stocksteif. Neben ihm war Dan O’Flynn, der eine ähnliche Haltung einnahm.
„Mein Gott, Hasard – Jaguare!“
„Still.“
Der Seewolf ließ sie heran. Er leugnete dabei vor sich selbst nicht, daß ihm die Furcht wie eine kalte Welle durch den Leib brandete. Nur ein Mann, der eine derartige Situation bereits erlebt hatte, konnte beurteilen, wie es war, wenn zwei ausgewachsene, grollende Raubkatzen mit gefletschten Zähnen direkt auf ihn zurasten.
Hasard knickte langsam in den Knien ein, aber das war volle Absicht. Die beidseitig scharfe Klinge des Cutlasses ragte von seiner Hüfte nach vorn, die Spitze leicht erhoben.
Sir John wollte vor lauter Angst kreischend davonfliegen, aber Carberry stopfte ihn ganz tief in die Tasche.
Die Jaguare waren heran, die Männer vernahmen ihr hechelndes Atmen. Drohend blitzten die dolchspitzen Zähne in der Dunkelheit. Noch im Heranstürmen duckten sich die Tiere platt auf den Boden, schnellten dann durch einen Ruck ihrer Hinterläufe hoch und federten auf die Männer zu.
Hasard nahm sich den linken Jaguar vor. Aus seiner eigentümlichen Position heraus stemmte er sich hoch, warf sich nach vorn und führte den Cutlass dabei mit beiden Händen. Fauchend, mit abgespreizten Pfoten, huschte das Tier auf ihn zu. Hasard traf es und bohrte ihm die Waffe bis zum Heft in den Leib, aber er wäre unter dem Gewicht des Katzenkörpers und seiner Wucht zurückgeprallt, wenn er nicht selbst auch vorgesprungen wäre.
So rammten sie gegeneinander, verkeilten sich, gingen zu Boden und balgten sich. Hasard spürte, wie die mörderischen Krallen seinen Rükken aufrissen. Doch die Kraft des Tieres ließ sehr rasch nach. Seine Bewegungen erlahmten, es keuchte noch einmal, zuckte ein letztes Mal und lag dann still.
Hasard erhob sich. Thorfin Njal war sofort neben ihm. „Bei Thor und Odin“, raunte er. „Du bist verletzt, Seewolf.“
„Nur Kratzer, nicht der Rede wert.“ Hasard blickte zu dem zweiten Tier. Es lag auf dem Untergrund, zwischen Dan, Carberry, Eike und Juan, und zwei, drei Klingen ragten aus seinem Leib auf.
„Wir beide, Ed und ich, haben gleichzeitig zugestochen und den Kameraden zu Boden geworfen“, erläuterte Dan mit gedämpfter Stimme. „Dann halfen uns auch Eike und Juan.“
Hasard berührte den ersten Jaguar mit der Stiefelspitze. „Eigentlich schade um die schönen Tiere. Chano, dieser Satan, hat sie auf uns gehetzt, nachdem der Späher ihn alarmiert hat.“
Thorfin Njal ließ einen grimmigen Laut vernehmen. „Nun, die Felle hier geben einen schönen Schmuck für deine Kapitänskammer ab. Wie kommen wir jetzt in die Zitadelle, Hasard?“
„Wir robben.“
Hasard legte sich als erster auf den Boden und kroch auf das riesige Gemäuer zu. Seine Männer schlossen dicht auf. Sie alle bildeten eine schemenhafte Schlangenlinie, die sich unaufhaltsam auf das Gemäuer zuwand.
Es gab keinen Burggraben, in dem Alligatoren oder ähnliches Viehzeug lauern konnte, und Hasard bescheinigte Chano im stillen, damit eine schwere Unterlassung begangen zu haben.
Das Kastell des Todes – es hatte außer dem Haupttor mit einem heruntergelassenen Eisengatter auch noch einen Seiteneingang. Montanellis Beschreibung folgend, robbte der Seewolf darauf zu. Mit jedem Yard, den er zurücklegte, stieg seine Hoffnung, tatsächlich lautlos in die Feste zu gelangen.
Das Seitenportal, an der Südmauer gelegen, wurde von zwei Krokodilmännern bewacht. Hasard und Carberry wuchsen plötzlich neben ihnen hoch wie zwei Gespenster. Gehöriger Schreck durchzuckte die Assurini, sie waren für eine Sekunde völlig geschockt. Hasard und der Profos hielten ihnen die Münder zu, dann sausten ihre Fäuste in die Nacken der Posten nieder.
Sie sackten zusammen, ohne auch nur ein Stöhnen von sich zu geben. Die ganze Zeit über kauerten Juan und der Boston-Mann jedoch mit den erbeuteten Blasrohren in der Nähe, bereit, die Assurini durch Giftpfeile zu töten, falls es erforderlich war.
Hasard überließ seinen Gegner dem nachrückenden Dan O’Flynn. Während Dan und der Profos beiden Indianern Knebel in die Münder stopften und Stenmark und Bob Grey ihnen die Hände fesselten, huschte Hasard weiter zum Portal.
Wieder verließ er sich auf Montanellis detaillierten Bericht. Er zog sein Messer, schob es in den Spalt zwischen Tor und Rahmen – und hebelte den Innenriegel hoch. Er drückte gegen das Tor, es schwang mit leisem Schaben auf.
Dann drang der zwölfköpfige Trupp in die Zitadelle ein. Sie schleiften ihre zwei bewußtlosen Gefangenen mit und dirigierten die vier im Busch gefaßten Späher vor sich her. Auch diesen Männern hatten sie Knebel zwischen die Zähne geschoben.
Ein kleiner Innenhof lag vor ihnen. Nachdem sie ihn überquert hatten, vermochten sie sich durch düstere Gänge bis an eine Treppe vorzutasten, die in das Kellergewölbe hinunterführte. Alles, was Montanelli Hasard mitgeteilt hatte, erwies sich als richtig.
Die Treppe in die Tiefe beschrieb eine Linkskurve. Lichtschein wurde sichtbar, leise Stimmen drangen herauf. Sie sprachen unverkennbar den Ketschua-Dialekt der Assurini.
Hasard blieb stehen. Er drehte sich um, gab den Männern ein Zeichen, griff sich einen der Späher und zog ihn zu sich heran. Er setzte ihm die Radschloßpistole an die Schläfe, spannte den Hahn und wisperte ihm ins Ohr: „Du verstehst spanisch, leugne es nicht. Ich erschieße dich, wenn du nicht tust, was ich dir sage.“
Der Krokodilmann nickte. Der Schweiß trat ihm aus allen Poren.
Kurz darauf schritt er die letzten Stufen hinunter und trat in das Kellergewölbe. Er konnte keinen Selbstmord begehen, weil die Seewölfe ihn sämtlicher Waffen entledigt hatten. Er wagte es auch nicht, seine Stammesbrüder zu warnen, denn er wußte Hasards Pistole in seinem Rücken.
Er winkte den beiden Wächtern des Kerkers zu.
Sie erhoben sich taumelnd. Auch sie hatten ein wenig Ayahuasca getrunken, der Droge, die das Bewußtsein und die Sinne trübte. Sie fragten etwas, er sagte ihnen ein paar Worte – und sie folgten ihm zur Treppe.
Hasard, Carberry, Shane und Thorfin Njal stürmten im richtigen Augenblick nach vorn. Es war kein Problem, die beiden Indianer zu überwältigen, ihre Reflexe waren noch träger als die der beiden vor dem Seitenportal.
Während seine Männer sich auch um diese beiden kümmerten und dem Späher wieder den Knebel in den Mund stopften, lief der Seewolf in das Gewölbe.
Es war der wohl absonderlichste Kerker, den er je gesehen hatte. Von den Wänden troff das Wasser. Es war ein Wunder, daß man nicht durch Fluten waten mußte, aber nicht das erschütterte Hasard so sehr.
Ausgemergelte, bleiche Gestalten mit langen Bärten lagen wie Hunde angekettet oder hockten stumpfsinnig in richtigen Käfigen, die wiederum an langen Ketten von der Decke baumelten. Manche Sklaven waren mit Kopf und Armen in hölzernen „Kragen“ festgeklemmt worden, die sie nicht einmal mehr anheben konnten, andere wieder mußten aufrecht stehen, weil sie mit Eisen an den Wänden angeschlossen waren. Es war ein Bild des Jammers, das Abbild dessen, was ein einzelner Mann in seiner gnadenlosen Brutalität vollbringen konnte.
Hasard trat dicht vor sie hin. „Wir sind hier, um euch zu retten“, sagte er auf spanisch. „Wir haben Montanelli gefunden. Wer ist Kapitän Della Latta?“
Ein erbärmlich zugerichteter Mann mit grauweißem Vollbart meldete sich. Er hockte in einem der sanft hin- und herschwingenden Käfige. „Ich. Mein Gott – Montanelli, daß er noch lebt! Wer bist du, Fremder?“
Hasard setzte ihm das Wichtigste in knappen Zügen auseinander. Dabei brach er das Schloß des Käfigs auf und half dem bedauernswerten Kapitän der Galeasse heraus.
„Was war mit den beiden Kerkerwachen?“ fragte er zum Schluß. „Die kamen mir halb betäubt vor.“
Ayahuasca“, erwiderte Della Latta hustend. „Eine Lianen-Droge. Aber freut euch nicht zu früh. Nicht alle Indianer hier im Kastell haben den Teufelssaft getrunken. Es halten sich hier schätzungsweise sechzig Krokodilmänner auf, und oben im Saal des Erdgeschosses sitzt Chano, betrinkt sich mit Wein und nimmt sich die Assurini-Mädchen vor. Er ist eine gemeine, wollüstige Bestie.“
„Packen wir’s“, zischte Dan O’Flynn. Er war mittlerweile mit den anderen in das Gewölbe getreten und half mit, einen Gefangenen nach dem anderen zu befreien. „Auf was warten wir, es diesen Kerlen zu zeigen?“
„Wir helfen euch“, raunte Della Latta.
„Ihr seid zu schwach“, wandte Hasard ein.
Der Mann kniff die faltigen Augenlider zusammen. Seine Stimme klang brüchig, aber es schwang doch Entschlossenheit darin mit. „Dazu haben wir die Kraft, Seewolf. Darauf haben wir lange gewartet. Hör zu, ich weiß, wo die Waffenkammer der Zitadelle ist. Dort finden wir, was wir brauchen: Musketen, Arkebusen, Tromblons, Pistolen, Degen – alles.“
„Gut“, sagte Hasard. „Nur eins bitte ich mir aus. Tötet die Krokodilmänner nicht blindlings. Versucht, sie zur Aufgabe zu zwingen. Auch wenn sie tausendmal verirrte Fanatiker sind, sie können noch wieder in ihre alte Existenz zurückgeführt werden.“
„Wir versprechen es“, murmelte Kapitän Della Latta.
10.
Chanos Gewand war aus dunkelgrünem Samt und reichte fast bis auf den Boden. Auf den Aufschlägen und auf dem Rückenstoff waren stilisierte Krokodile aufgestickt, die Symbole der Alligator-Jäger. Mit diesem und ähnlichem Mummenschanz beeindruckte und beherrschte der schwarzbärtige Spanier die einfältigen Indianer. Sie beteten ihn an und befolgten seine Befehle – kompromißlos.
Den samtenen Umhang hatte Chano jetzt geöffnet, um sich mit dem Indianermädchen auf dem Tisch zu befassen. Lange genug hatte er sie gestreichelt und geküßt.
„Komm, Querida“, flüsterte er ihr zu. „Jetzt wird es ernst.“
Kichernd rutschte sie vor ihm fort. Die Musik des Flötenspielers und des Trommlers wurde immer wilder, leidenschaftlicher, schriller.
„Komm her“, sagte Chano.
Aber dann wurde es wieder nichts aus seinen brutal erzwungenen Intimitäten, denn die Tür flog auf und knallte gegen die Innenwand und ein Krokodilmann schrie: „Die Fremden – sie sind in der Zitadelle!“
Gleichzeitig begannen draußen Schüsse zu krachen. Sie wurden auf den beiden Innenhöfen der Feste abgegeben. Ihr Donnern wehte gegen die Mauern des Hauptgebäudes an, wallte daran empor, drang durch Fenster und Türen und dröhnte in Chanos Ohren.
Er taumtelte. „Was – ihr – die Jaguare, warum haben die Jaguare diese Hunde nicht zerfleischt?“ Er brüllte es.
„Die Jaguare sind tot!“ rief der Krokodilmann verzweifelt.
Die Musik kreischte und hämmerte in Chanos Geist, das Krachen der Schüsse nahm zu, vermischte sich mit dem Heulen und Trommeln und geriet zu einem infernalischen Konzert.
Chano preßte die Hände gegegen die Ohren und brüllte: „Nein! Nicht das! Nicht mir! Zu den Waffen, ihr Kanaillen! Schlagt sie zurück!“
Die Mädchen wichen von ihm fort. Chano raffte die Säume seines Gewandes zusammen, rannte los und griff sich seine Waffen, die auf einem Regal lagen. Hastig band er sich sein Wehrgehänge um, stopfte sich eine Pistole hinein und lief hinaus, an den benebelten Musikanten und dem entsetzten Krokodilmann vorbei auf den Gang hinaus.
Er stürmte zum vorderen Innenhof. Feuerschein erhellte die Nacht, Gestalten rannten auf und ab, hin und her, nur schwer waren Freund und Feind zu unterscheiden, aber dann traf Chano seine erschütterndste Feststellung.
Die Fremden, wer immer sie auch waren, hatten die Sklaven der Galeasse befreit, und jetzt kämpften sie gemeinsam und drängten die Krokodilmänner zum Haupttor zurück. Flüche wurden ausgestoßen, Chano vernahm Zurufe auf italienisch, auf spanisch und in einer dritten Sprache: englisch.
„Da!“ schrie einer dieser Männer. „Da ist er, der Oberhalunke!“
Ein paar der Gegner drehten sich um und feuerten sofort auf ihn. Eisenkugeln und gehacktes Blei raste im Aufblitzen der Mündungsfeuer auf Chano zu. Er ging in Deckung. Hinter einem Pfeiler wartete er, bis die Ladungen vorbeigestrichen waren, dann schoß auch er.
Aber er traf nicht. Das Trappeln von Schritten verriet ihm, daß sie nahten, um ihm endgültig den Garaus zu bereiten.
Er hastete auf dem Gang zurück und wollte den südlichen Innenhof aufsuchen – prallte aber auch hier zurück, weil sich seinen Augen eine ähnliche Situation darbot.
Das Kräfteverhältnis mochte ungefähr gleich sein – fünfzig bis sechzig Weiße gegen sechzig Assurini-Indianer. Doch die Fremden und die erlösten Gefangenen hatten die Waffenkammer aufgebrochen und ausgeraubt. Es mußte so sein, wie anders konnten sie über ein solches Arsenal und so viel Munition verfügen!
Chano schreckte zurück.
Er steckte in der Klemme. Aber eine Lösung blieb ihm noch. Er hastete wieder ins Zentrum des Hauptgebäudes, um diesen Plan in die Tat umzusetzen.
Der große Wehrturm! Er erreichte den Aufstieg, bevor die Feinde von beiden Seiten heran waren und ihn einkesselten. Wie von Sinnen hetzte er die Wendeltreppe hoch. Oben waren zwei Schiffsgeschütze der Galeasse aufgestellt – Minions, Vierpfünder. Die Sklaven hatten sie mühsam heraufschleppen müssen. Jetzt konnte Chano sie, wenn er einiges Geschick aufbot, mit den Mündungen nach unten richten und Kugeln zwischen die Gegner setzen, die diese Bastarde zerfetzen würden. Zwei, drei Geschosse genügten, und die Panik war perfekt!
Er war die Treppe halb hochgestürmt, da ertönte von oben ein gewaltiges Donnern. Der Turm schien zu wackeln, die Treppe zu beben – jemand hatte vor ihm eins der Geschütze gezündet!
Chano schlich trotzdem weiter. Pulverqualm schob sich ihm in Schwaden entgegen, drang in seine Atemwege, breitete sich beißend darin aus. Er schaffte es, trotzdem nicht zu husten.
Dieser geheimnisvolle Schütze, war das einer seiner Männer oder ein Gegner? Einigen Krokodilmännern hatte Chano gezeigt, wie man eine Kanone lud und zündete. Gewiß, sie hatten eine heilige Furcht vor Feuerwaffen, aber jetzt, in der Stunde der höchsten Gefahr, mochten sie von ihrem Wissen Gebrauch gemacht haben.
Chano gelangte auf der oberen Turmplattform an.
Der Schütze an dem einen Vierpfünder war ein riesiger schwarzhaariger weißer Mann. Viel Kleidung hatte er nicht auf dem Leib, aber seine Füße steckten in langschäftigen Stiefeln. Sein Rücken war zerkratzt, das sah Chano ganz deutlich im Mondlicht.
Jaguartatzen, dachte er, Krallen, die dich zerreißen sollten, du Hund!
Während er das dachte, zog er langsam seinen Degen. Der Fremde hielt ihm den Rücken zugewandt. Chano konnte sich anpirschen. Er hob den Degen zum vernichtenden Hieb.
In diesem Augenblick wirbelte der Schwarzhaarige herum. Der Degen flog ihm aus der Scheide heraus in die rechte Faust, die Klinge blitzte im weißlichen, kalten Licht und klirrte von unten herauf gegen Chanos Waffe. In einer glänzenden Parade drängte er den Spanier ein Stück in Richtung auf die Treppe zurück.
„Zu früh gefreut, Chano!“ rief er. „Ich habe deine Schritte knirschen hören. Nicht nur ein Jaguar hat gute Ohren.“
Chano setzte sich erbittert zur Wehr. „Fahr zur Hölle! Wer bist du?“
„Philip Hasard Killigrew. Mann nennt mich den Seewolf.“
„El Lobo del Mar“, stieß Chano außer sich vor Haß hervor. „Ausgerechnet der! Du wirst keine Kanonenkugel mehr gegen meine Leute abschießen, das schwöre ich dir!“
Hasard grinste, und in seinen eisblauen Augen tanzten tausend Teufel wie verrückt. „Du irrst dich. Ich habe nur ein Signal abgegeben. Für meine beiden Schiffe. Sie haben sich allmählich flußabwärts getastet, befinden sich kurz vor dem überwachsenen Einlaß des Seitenarmes, und meine Mannschaften wissen jetzt, daß sie die Wachen an den drei Quebracho-Bäumen und der Lagune der Ibisse niedermachen und zum Durchbruch anrücken können.“
„Sie werden also gleich hier sein …“
„Worauf du dich verlassen kannst, Chano.“ Hasard kreuzte zweimal die Klinge mit dem Degen des Gegners, dann unternahm er eine kurz angesetzte, rasende Attacke.
Aber Chano wehrte sie ab. Der Rotwein hatte seine Sinne nicht getrübt, er war hellwach und höllisch auf der Hut. Vor allem achtete er darauf, daß ihm niemand in den Rücken fallen konnte. Er focht und tänzelte dabei so zur Seite fort, daß Hasard allmählich an den Treppenaufgang gelangte.
„Du wirst das Aufkreuzen der Schiffe nicht mehr erleben!“ rief Chano.
„Leere Drohungen“, gab Hasard zurück. „Zu mehr bist du nicht fähig – Gottherrscher.“
Vom Fluß her klang jetzt Donnergrollen auf. Es rollte heran und wurde von den Seewölfen, den Piraten und den Venezianern unten in den Höfen mit lautem Beifallsgebrüll quittiert. Immer noch brandete der Kampf gegen die Assurini hin und her.
„Du!“ brüllte Chano den Seewolf an. „Wie kannst du das alles so genau geplant und kalkuliert haben? Wer bist du wirklich?“
„Montanellis Rächer …“
Chano prallte zurück, fing sich aber sofort wieder. „So ist das also. Jetzt verstehe ich alles. Du und deine Männer, ihr habt diesen Hund gefunden. Und ich dachte, er sei längst tot.“
Er stand dicht vor einer wuchtigen Zinne. Sein Mantel bauschte sich im Nachtwind, seine schwarzen Haare wurden zerzaust. Er setzte sich erbittert gegen Hasard zur Wehr und konnte ihn immer wieder zurücktreiben. Über die Schultern des Gegners weg sah er jetzt die beiden Schiffe, die mit prall geschwellten Segeln den Seitenstrom entlangglitten. Eine Galeone mit flachen Kastellen und drei hohen Masten! Ein schwarzes Schiff, viermastig, eigenartig konstruiert, düster und unheimlich wie die Finsternis des Regenwaldes.
Wieder böllerten die Kanonen beider Schiffe los. Weiße Qualmwolken standen vor den Stückpforten und breiteten sich langsam über der funkelnden Wasserfläche aus. Es krachte und hämmerte gegen die trutzigen Mauern der Zitadelle.
„Sie bringen deine eigenen Leute um!“ schrie Chano schrill. „Diese Narren!“
Hasard lachte auf. „Nein. Ben Brighton und Siri-Tong jagen deinen Indianern nur einen gehörigen Schrecken ein, im übrigen halten sie mit den Geschützen tief genug, um niemanden ernsthaft zu gefährden. Gleich vereinnahmen sie die Galeasse, Chano.“
„Das nützt euch nichts!“
„Chano, es ist aus“, sagte Hasard eindringlich. „Gib auf, bevor es ganz zu Ende für dich geht.“
„Niemals!“ brüllte Chano, und es lag all sein Haß und seine Verzweiflung in diesem gellenden Schrei.
Er war ein ausgezeichneter Degenfechter, dieser Spanier. Mehrfach brachte er Hasard ernsthaft in Bedrängnis. Einmal drängte er ihn soweit auf eine Schießscharte zwischen zwei Zinnen zu, daß Hasard die Balance zu verlieren und in die Tiefe zu stürzen drohte.
Aber Hasard konnte sich mit einem Ruck nach rechts werfen. Chanos Degen stach zu, dorthin, wo der Feind eben noch gestanden hatte, die Klinge scharrte mit häßlichem Geräusch über den Stein.
„Hasard!“ rief jemand von der Turmtreppe aus. Es war Thorfin Njal.
„Zurück“, antwortete der Seewolf. „Chano und ich, wir tragen das hier allein aus.“
„Sehr vernünftig“, gab der Spanier hämisch zurück. „So eine Einstellung lobe ich mir, Lobo del Mar. Was hat Montanelli dir noch erzählt? Er floh, dieser Hurensohn, und meine Häscher fanden ihn nicht wieder. Wer hat ihm geholfen, aus der grünen Hölle zu entwischen? Die Amazonen etwa?“
„Nein.“ Hasard sagte ihm, was sich weiter unten am großen Strom zugetragen hatte – wie sie von den beiden Spähern angegriffen worden waren, wie die zwei Selbstmord begangen hatten, wie sie Montanelli in dem Reetboot entdeckt hatten.
„Ihr Bastarde!“ zischte Chano. „Aber Montanelli lebt nicht mehr lange mit dem Giftpfeil im Fleisch. Ja, ihr habt ihn ihm herausgezogen, aber das Gift zirkuliert schon in seinem Leib.“
„Er hat El Dorado gesehen, Chano.“
„Unmöglich …“
„Er hatte zwei Lederbeutel mit Goldschmuck bei sich.“
„Betrug!“ stieß Chano leidenschaftlich aus, dann: „Ich glaube es nicht. Und wenn es ein El Dorado gibt, so müßte ich, der Herrscher vom Amazonas, als erster davon erfahren haben, und mir allein stünde es zu, diesen Ort zu entdecken!“ Ein irres Flackern hatte von Chanos Augen Besitz ergriffen, er stand starr und hielt den Kopf weit zurückgelehnt. Sein Mund war halb geöffnet.
„Verbrecher“, sagte Hasard. „Wahnsinniger, Verführer der Indianer. Dir gebührt nur eins – der Tod.“
„Stirb!“ schrie Chano. Er stürzte vor und wollte Hasard den Degen in den Unterleib rammen. Aber Hasard hatte schon lange mit dieser Offensive gerechnet. Er ließ die Degenklinge hochschnellen, drückte Chanos Waffe nach oben und fegte sie mit einer flinken Armdrehung zur Seite weg. Er unterlief Chanos erneuten Angriff, holte aus – und seine Klinge bohrte sich in das Herz des Gegners. Chanos Gesicht war plötzlich von ungläubigem Entsetzen gezeichnet. Hasard riß ihm die Klinge mit einem heftigen Ruck wieder aus der Brust und wartete auf eine neue, noch irrsinnigere Aktion des Mannes.
Doch Chano ließ nur seine Waffe fahren. Sie landete scheppernd auf dem Steinplattenboden der Plattform. Taumelnd bewegte er sich rückwärts.
Er strauchelte, als sein Fuß die Umrandung der Plattform traf, kippte nach hinten über, genau durch eine der Schießscharten, verlor gänzlich das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe. Ein letzter langgezogener Schrei war das Signal, das die Kämpfenden unten auf dem Hof innehalten und herumfahren ließ.
Sie sahen, wie Chano niederstürzte, und wichen auseinander.
Hasard schloß unwillkürlich die Augen, als er den harten Aufprall vernahm. Chano lag zerschmettert auf dem Hof der Zitadelle. Und plötzlich fielen keine Schüsse mehr.
Thorfin Njal erschien im Treppenaufgang. „Die Krokodilmänner geben auf“, sagte er. „Ihr Gott ist vernichtet, sie wissen nicht mehr, wofür sie kämpfen sollen.“
„Und er selbst hat ihnen den Glauben an Chano, den Allmächtigen, genommen“, fügte der Seewolf hinzu. „Ein Gott stirbt nicht, nicht wahr, Thorfin?“
„Beim Odin, so ist es!“
Hasard blickte zu den Schiffen. „Ich muß so schnell wie möglich zu Montanelli, Thorfin. Er wird überglücklich sein, wenn er meine Nachrichten hört. Und noch etwas …“
„El Dorado?“
„Ja, El Dorado.“ Hasard spürte wieder, welch überwältigende Wirkung allein der Name auf ihn ausübte. Gleichzeitig fragte er sich, ob er nicht doch schon zu spät kam und sich nur noch vor dem Leichnam des Italieners bekreuzigen konnte.
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