Читать книгу: «Harry in love»
Inhalt
Impressum 3
Zitat 4
Prolog 5
Kapitel 1 26
Kapitel 2 40
Kapitel 3 54
Kapitel 4 74
Kapitel 5 89
Kapitel 6 108
Kapitel 7 129
Kapitel 8 155
Kapitel 9 176
Kapitel 10 193
Kapitel 11 221
Kapitel 12 237
Kapitel 13 277
Kapitel 14 289
Kapitel 15 316
Kapitel 16 339
Kapitel 17 362
Kapitel 18 383
Epilog 420
Danksagung 432
Quellenverzeichnis 433
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-061-8
ISBN e-book: 978-3-99130-062-5
Lektorat: Mag. Eva Reisinger
Umschlagfoto: Ekaterina Pichukova, Votsis Panagiotis, Swevil, Designprintck | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Zitat
Die Liebe
„Die Liebe ist etwas Wunderbares,
manchmal auch etwas Sonderbares,
aber stets rein und grundehrlich.
– Glaube an sie und an Dich! –“
C. M.
Prolog
„William? Bist Du nun bald endlich so weit? Ich wollte bereits vor zwanzig Minuten los!“, rief Jane erbost.
„Ja, sorry. Ich wusste nicht, dass Du es so eilig hast, in den Club zu kommen. Gibt es denn da heute etwas Besonderes, dass Du solch einen Aufstand machst?“, fragte William, sich keiner Schuld bewusst.
„Oh! Ich habe Dir bereits schon neulich gesagt, dass dort heute ein Band-Battle stattfindet und ich eines der Jurymitglieder bin!“
„Ach Mann! Bitte entschuldige, Jane, das habe ich irgendwie in dem ganzen Termindurcheinander vergessen. Na, dann lass uns endlich los; ich bin fertig!“
Eine halbe Stunde später trafen William und Jane noch rechtzeitig vor Beginn des Band-Wettstreits im Club Five ein. Bereits zehn Minuten später sollte dann das Spektakel auch schon losgehen. Mike, der Clubinhaber, begrüßte alle Gäste und erklärte noch einmal die Spielregeln: Jede Band, die heute hier antrat, musste drei Lieder aus ihrem Repertoire vortragen. Im Anschluss daran vergab die Jury, bestehend aus einem Musikproduzenten, Prinzessin Jane und Toni, einem der DJs des Club Five, Punkte. Die fünf Bands, die die meisten Punkte erhielten, traten im Anschluss daran noch einmal in einem direkten Vergleich gegeneinander an und das Publikum stimmte ab. Die Band, die am Ende als Sieger hervorging, bekam einen Ein-Jahres-Plattenvertrag für die Aufnahme und Vermarktung eines Albums.
Anhand einer Lostrommel wurde ausgewählt, welche Band wann aufzutreten hatte und kein geringerer als Prinz William sollte als Los-Fee fungieren. William, der von seinem Glück noch gar nichts gewusst hatte, ließ sich jedoch nichts anmerken und machte den Spaß einfach mit. Seine Frau hatte es da schon etwas schwerer, denn alle fünfundzwanzig Bands waren gut, wenn nicht sogar sehr gut!
Es spielte gerade die Band mit der Nummer 18, die Bax’ Toys. Bestehend aus vier jungen Männern: Einer am Schlagzeug, einer am Keyboard, einer an der Bassgitarre und ein Saxophonist, und einer sehr zierlichen Frau, die den Gesang übernahm. Als die Band anfing zu spielen, wurden sie leicht belächelt, denn die Stimme des jungen Mädchens war nicht viel mehr als das Piepsen einer Maus. Jane tat das Mädchen schon fast leid. Mitten im Lied brach sie ab und ließ sich das Mikro von einem der anderen Bandmitglieder geben. Anschließend begannen sie noch einmal von vorn und prompt stand vielen der Mund weit auf und sie staunten nicht schlecht: Denn trotz des zierlichen Körpers hatte sie eine sehr ausdrucksstarke und sehr eindringliche Stimme. Jane gefiel auf Anhieb, was die Bax’ Toys vortrugen und auch die anderen zwei Jurymitglieder waren sich einig: Sie vergaben die Höchstpunktzahl.
Nachdem auch die restlichen Bands gespielt hatten, wurden die fünf besten Bands gekürt und nach einer kleinen Pause sollte das Spektakel in die zweite Runde gehen. Jane musste einmal zur Toilette.
Sie war die Nächste in der Schlange. Als sie wieder aus der Toilette kam, übernahm die Sängerin von der Band Nummer 18 das WC. Beide schauten sich einen Moment kurz in die Augen und gingen dann wieder ihres Wegs. Als die junge Frau von den Bax’ Toys zu den Waschbecken ging und sich ein wenig frisch machte, sah sie im Spiegel Prinzessin Jane hinter sich stehen. Sogleich entglitten ihr die Gesichtszüge. Jane dagegen lächelte gewinnend. „Habe ich mich also doch nicht verguckt!“
„Guten Abend, Euer Hoheit“, sagte keine geringere als Isabel geknickt, die gehofft hatte, dass Jane sie nicht wiedererkennen würde. Als Isabel nämlich Jane das erste Mal entdeckte, war ihr sogleich die Stimme weggeblieben, was sich mitten in einem Band-Battle mehr als schlecht machte. Dank des Tricks von Alexander Baxtor, dem Bruder von Anabel, der auch der Bandgründer war, wechselte sie spontan mit ihm das Mikrophon, obwohl ihres voll funktionstüchtig gewesen war, und schon dachte jeder, dass Mikro sei an ihrem kläglichen Singsang schuld gewesen.
„Singst Du schon immer in dieser Band?“, war Janes erste unverfängliche Frage, um Isabel etwas Zeit zum Sammeln zu geben.
„Nein, ich bin nur die Vertretung. Anabel, meine beste Freundin, ist die eigentliche Sängerin. Doch sie liegt derzeit mit einer Lungenentzündung im Bett. So bin ich für sie eingesprungen, da ich alle Lieder aus dem Effeff kenne und so ähnlich klinge wie sie. Ich bin quasi die Zweitbesetzung; ich hoffe, Du verpfeifst uns nicht?!“ Isabel wurde umgehend panisch, denn sie hatte mehr preisgegeben als sie gedurft hätte.
Jane lächelte allerdings zuversichtlich. „Warum sollte ich, ich fand Euch beeindruckend; ich möchte lieber erst gar nicht wissen, wie sich Anabel anhört, wenn Du sagst, dass sie noch besser ist als Du. Was ich mir kaum vorstellen kann: Du singst wunderschön!“
„Danke“, sagte Isabel mit hochrotem Kopf. „Ist Harry auch da?“
„Nein, der befindet sich im Moment auf einem Auslandseinsatz des Militärs.“
„Sag mir jetzt aber bitte nicht, dass er in Afghanistan ist!“
Jane war überrascht, dass Isabel ausgerechnet Afghanistan erwähnte, antwortete dann aber trotzdem: „Doch, dort ist er und das schon ganze drei Wochen lang.“ Isabel wurde umgehend kreidebleich. „Was ist mit Dir?! Ist alles okay?“, fragte Jane sogleich besorgt und unterfasste Isabel, bevor sie umkippen konnte.
Isabel atmete tief durch und fragte: „Und wann kommt er zurück?“
„William hat gestern mit ihm telefoniert. Ich glaube, er wollte noch weitere drei Wochen bleiben“, erzählte Jane wahrheitsgemäß.
„Oh nein!“, rief Isabel verzweifelt.
Fragend sah Jane Isabel ins Gesicht. „Du liebst ihn noch immer, habe ich Recht? Und jetzt machst Du Dir Sorgen, dass ihm dort etwas zustoßen könnte?!“ Isabel errötete und wich Janes Blicken aus. Jane strahlte prompt über das ganze Gesicht. „Wenn ich das Harry erzähle, dann kommt er bestimmt schon nächste Woche wieder heim und verlängert seinen Auslandsaufenthalt nicht!“
„Oh Jane, bitte nicht! Sag Harry bitte nichts davon!“, bat Isabel.
„Und warum nicht?“ Jane verstand nur Bahnhof.
„Weil es so, wie es jetzt ist, besser ist.“
„Glaubst Du das wirklich? Schau Dich doch nur einmal im Spiegel an; Du siehst furchtbar aus! Isst Du überhaupt noch etwas? Ich hätte Dich beinahe nicht erkannt, nur Deine dunkelgrünen Augen haben Dich eben verraten“, erklärte Jane. Isabel sah betreten zu Boden. Jane seufzte. „Gib Harry wenigstens noch einmal die Chance sich Dir zu erklären, es würde Euch beiden sicher sehr helfen. Wenn Du ihm anschließend dann den Laufpass gibst, kann er, glaube ich, damit wenigstens leben. Im Moment läuft er nämlich im Grunde nur vor allem weg und lässt sich nicht anmerken, wie sehr es ihn mitnimmt, dass es bei Eurem letzten Aufeinandertreffen zur Katastrophe kam“, sagte Jane weiter.
Isabel verdrehte prompt die Augen. „Erinnere mich bloß nicht daran! Nicht nur, dass Harry an dem Abend meinen Vater zu Boden gestreckt hat. Nein, auch meine Mum bekam in der Nacht noch einen Herzinfarkt! Wahrscheinlich durch den ganzen Stress, der anschließend folgte? Ich musste ganz schöne Überredungskunst aufbieten, um meinen Vater davon abzubringen eine Strafanzeige gegen Harry zu stellen.“
„Und wie geht es Deiner Mutter jetzt?“
„Sie liegt noch immer im Krankenhaus, aber sie ist schon fast wieder die Alte. Gott sei Dank!“
„Das freut mich zu hören und ich wünsche weiterhin gute Besserung.“
Isabel nickte.
„So, ich glaube, es geht weiter“, sagte Jane mit Blick auf die Uhr. „Meinst Du, Du kannst weitersingen oder habe ich Dich jetzt gänzlich aus dem Konzept gebracht?“
Isabel atmete noch einmal tief durch. „Ich denke, es geht schon. Ich habe ja auch noch einen kleinen Moment, um mich zu sammeln.“
Jane nickte und ging voran. Isabel folgte ihr die Treppe hinunter und schon begann der Contest von Neuem: Die fünf besten Bands traten gegeneinander an; jeder mit einem Lied, das diesmal jedoch die Jury bestimmte. Die Bax’ Toys waren die Letzten, da sie als einzige 30 Punkte erhalten hatten. Das Lied, welches sie vortragen sollten, war der Song ‚Mad World‘.
Isabel sprach sich kurz mit den Bandmitgliedern ab. Daraufhin holten der Schlagzeuger und der Bassist zwei Barstühle auf die Bühne. Anschließend verließen sie gemeinsam mit dem Saxophonisten die Bühne. Nur noch der Keyboarder, Anabels Bruder, der nunmehr selbst zur Gitarre griff, und Isabel waren dort, setzten sich auf die zwei Barhocker und stellten sich ihre Mikrophone ein: Der junge Mann seines auf seine E-Gitarre gerichtet, das Mädchen stellte sich ihres direkt vor ihre Lippen. Mit einem fragenden Blick vergewisserte sie sich, dass der Gitarrist bereit war, was er mit einem Nicken bestätigte und schon griff sie nach dem Mikrophonständer. „Dieses Lied wird eine Unplugged-Version und ich widme es unseren Leuten dort draußen an der Front, ob in Afghanistan, auf hoher See oder wo ihr sonst noch in der Welt verstreut Euren Dienst macht: Jungs, ihr leistet einen tollen Job, aber passt ja schön auf Eure Hintern auf! Die brauchen wir nämlich noch; hier im eigenen Land. In Gedanken sind wir bei Euch …“ Sofort erhielt Isabel lauten Beifall und Bestätigungsrufe.
„Auf unsere Jungs! Also legt los“, beendete Jane den aufgekommenen Lärmpegel und sofort beruhigten sich alle wieder. Jane und Isabel hielten dabei direkten Augenkontakt. Isabel schloss daraufhin die Augen, um sich zu sammeln.
Es war mucksmäuschenstill, als Isabel dann begann, sinnlich zu singen; nur ihre Stimme und sonst nichts. Erst zum Ende der ersten Strophe setzte dann auch der junge Mann leise mit der E-Gitarre ein. Jane war perplex, denn ihr war nicht bewusst gewesen, dass man sogar auf solch einem ausdrucksstarken Instrument so zart und leise spielen konnte. Sie bekam eine Gänsehaut und sie war nicht die Einzige. Denn plötzlich tauchte William hinter ihr auf, der die ganze Zeit zuvor an der Bar herumgelungert hatte und legte ihr seine Hände auf die Schultern. Eine davon ergriff Jane. „Ich liebe Dich“, flüsterte er. Jane nickte und drückte zur Bestätigung fest seine Hand. Anschließend blickte sie wieder aufmerksam zur Bühne. Sie musste unweigerlich schlucken, als sie sah, dass Isabel eine einzelne Träne über die Wange lief. Jane war sofort klar, wem der salzige Tropfen galt: Harry! – Und Isabel konnte behaupten, was sie wollte, Jane wusste es ganz genau: Isabel war noch lange nicht über die Trennung von Harry hinweg! Das gab ihr die Hoffnung, dass die beiden doch noch wieder zueinanderfanden …
Mit einem begeisterten Beifall endete Isabels Lied und jeder im Raum wusste gleich, welche Band gewonnen hatte.
Nach der Siegerehrung ließen sich die Jungs von den Bax’ Toys feiern. Isabel allerdings hatte nur noch einen Wunsch, sie wollte nach Hause. Oben an der Treppe traf sie erneut auf Jane.
„Willst Du nach Hause?“, fragte Jane ahnend.
„Ja, ich nehme mir ein Taxi. Alex und die Jungs wollen noch ein wenig feiern und es ist auch ihr gutes Recht“, erklärte Isabel.
„Du nimmst Dir aber kein Taxi, Daniel wird Dich fahren. Und keine Widerrede! Gute Nacht, Isabel.“
Als Isabel zu Hause ankam, saß zu ihrer Überraschung ihr Vater in der Küche und trank einen großen Pott Milch. „Du bist schon zurück?“, fragte er auch sogleich.
Isabel warf einen Blick auf die große Küchenuhr, es war gerade erst ein Uhr in der Nacht.
„Sieht ganz so aus“, kam es matt von Isabel. Im Grunde wollte sie nur noch in ihr Bett.
„Und wie war es? Konntet ihr einen guten Platz belegen?“, fragte ihr Vater weiter.
Isabel lächelte prompt. „Wir haben sogar gewonnen!“
„Oh! Na, da wird sich Anabel aber freuen.“
„Ja, das wird sie! Und warum bist Du noch auf, kannst Du nicht schlafen?“, fragte nunmehr Isabel ihren Vater. Keith Canningham seufzte tief und anhaltend. „Was ist los, Dad? Ist etwas mit Mum?!“, kam es sogleich besorgt von ihr.
„Nein, mit Deiner Mum ist alles in Ordnung. Die Ärzte sagen, wenn sie weiter solche Fortschritte macht, kann sie in vierzehn Tagen wieder nach Hause.“
„Na, das ist doch toll! Warum machst Du dann aber solch ein miesepetriges Gesicht?“
Abermals seufzte Isabels Vater, ehe er antwortete: „Ich soll morgen für drei Wochen eine Tour nach Frankreich übernehmen.“
„Na, das ist doch schön! Freu Dich doch, dass Du wieder Geld verdienen kannst. Wir werden es sicherlich gut gebrauchen können, wenn Mum zurückkommt?!“, sagte Isabel.
„Aber ich kann Dich und Deine Mutter doch jetzt nicht alleine lassen!“, kam es aufgebracht von Keith Canningham.
„Und warum das nicht?“ Irritiert davon, dass Isabel anscheinend nicht verstand, schaute Keith ihr ernst ins Gesicht. „Ach Dad, ich werde siebenundzwanzig! Meinst Du nicht auch, ich bin langsam alt genug, um allein auf mich aufpassen zu können? Und Mum ist in der Klinik und wird rund um die Uhr versorgt. Wir kommen schon die paar Tage ohne Dich zurecht.“
„Aber Lindsay wird vor meiner Rückkehr entlassen!“, rief Mister Canningham aufgebracht.
„Du sagtest doch aber eben selbst, dass mit Mama alles wieder in Ordnung ist?! Vorher ist sie auch ohne Dich klargekommen, warum sollte sie es denn dann jetzt nicht mehr können? Außerdem bin ich doch auch noch da! Zur Not mache ich für eine Woche den Kindergarten zu, das ist überhaupt kein Problem! Also höre bitte auf, uns immer wie zweijährige und unselbstständige Kinder zu behandeln!“, brach es einfach so aus Isabel heraus; ihre Nerven lagen schlicht und ergreifend blank. Sofort schaute ihr Vater erbost zu ihr auf. Isabel ging automatisch gleich drei Schritte rückwärts. „Verzeihung, das war nicht so gemeint!“, wisperte Isabel.
Zu ihrer Überraschung blieb ihr Vater am Tisch sitzen und sah wieder betrübt in seine Tasse. „Schon gut, Du hast ja Recht. Und wenn sich jemand entschuldigen muss, dann bin ich das. Isabel, Kind, sag: Bin ich wirklich solch ein furchteinflößender Kerl, dass meine eigene Tochter vor mir Angst hat?!“
Isabel fiel prompt die Kinnlade herunter. Sie glaubte, sich verhört zu haben. „Ehm …“, war alles, was sie daraufhin herausbrachte.
„Es tut mir so leid, ich wollte das doch alles nicht!!!“, kam es unter Tränen von Keith Canningham.
Isabel lief zu ihrem Vater herüber und legte ihm vorsichtig ihre Arme um den Hals. „Ich weiß und Mutti weiß das auch.“ Isabel erkannte, dass ihr Vater nunmehr auch noch die Schuld an Lindsays Herzinfarkt auf sich nahm. Sie schloss die Augen und bettete zu Gott, dass ihre Nerven stark genug waren, sogleich dagegen aufzubegehren.
Zu ihrer Überraschung erwiderte Keith Canningham die Umarmung seiner Tochter und küsste sie anschließend sogar auf die Stirn. „Kannst Du mir verzeihen, dass ich Dir all die Jahre Unrecht angetan habe?“
Isabels Herz machte einen gewaltigen Satz: Sollte dies wirklich ein Neuanfang und eine Wende in der Beziehung zwischen Vater und Tochter werden? Isabel konnte es noch gar nicht glauben. Unter Tränen warf sie sich nun direkt an den Hals ihres Vaters und wisperte: „Ich hab Dich lieb, Dad.“
„Oh, Sternchen! Ich Dich doch auch, und wie lieb ich Dich hab!!! Du bist doch meine Tochter, mein kleiner Goldschatz!“, rief Keith, ebenfalls von Tränen übermannt, zu seiner Tochter und drückte sie fest an sich.
„Und ich kann Dich wirklich für drei Wochen alleine lassen?“, fragte Keith, nachdem beide wieder über ihre Tränen Herr geworden waren.
Isabel kicherte. „Dad, ja, das kannst Du! Am Tage bin ich eh auf Arbeit und an den freien Wochenenden werde ich mit Anabel etwas unternehmen oder Mum im Krankenhaus so lange auf der Tasche liegen, bis sie mich zum Teufel schickt. Außerdem bin ich nicht das erste Mal allein. Ich komme schon klar. Und so wie ich Dich kenne, ist der Kühlschrank übervoll und in der Haushaltskasse liegt für den Notfall – den es aber nicht geben wird – mehr Kleingeld als nötig ist!“
Keith musste unweigerlich lächeln, denn seine Tochter kannte ihn nur zu genau.
„Und was ist mir Dir? Hast Du schon Deine Tasche gepackt?“, fragte Isabel auf einmal. Prompt wurde ihr Vater rot. Isabel lachte laut auf, was ihr einen irritierten Blick ihres Vaters einbrachte. Nun war es Isabel, die errötete: „Na los, Dad, lass uns nach oben gehen und ich werde Dir beim Packen helfen. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht auch ohne Mums Hilfe hinkriegen …“ Isabel nahm ihren Vater bei der Hand und gemeinsam gingen sie in die obere Etage ins Schlafzimmer ihrer Eltern. Dort setzte Isabel ihren Vater aufs Bett und stellte sich selbst vor dessen Kleiderschrank. Mit den Händen in die Hüften gestemmt, drehte sie sich zu ihrem Vater um und fragte nach seiner Reisetasche. Keith zog diese unter dem Bett hervor.
„Okay, und was packt Dir Mum so immer alles ein?“, fragte Isabel.
Keith zählte anschließend alle Kleidungsstücke auf, die Lindsay ihm immer in die Tasche packte und Isabel zog diese Kleidungsstücke in entsprechender Anzahl aus dem Kleiderschrank und legte sie fein säuberlich auf dem Ehebett in übersichtliche Stapel. Anschließend reichte sie ihrem Vater die einzelnen Stapel, damit er diese in seiner Reisetasche verstaute. Zum Schluss ging Isabel ins große Badezimmer und packte die Waschtasche mit Duschbad, Kamm, Rasierer und Zahnbürste für ihren Vater. Als sie damit wieder ins Schlafzimmer trat, stand Keith Canningham plötzlich vor ihr. Isabel bekam sogleich einen Mordsschrecken, denn sie wusste nicht, ob sie etwas falsch gemacht oder gar ihren Vater in irgendeiner Form erzürnt hatte. Unsicher sah sie zu ihm auf.
„Danke!“, war jedoch alles, was ihr Vater zu ihr sagte, ehe er sie einfach in seine Arme und an seine Brust zog.
Isabel erwiderte die Umarmung. „Es sind doch nur drei Wochen und keine drei Jahre …“
„Aber es wird mir so vorkommen, wenn ich weiß, dass mein kleines Mädchen ganz alleine zu Hause ist“, erwiderte Keith.
„Dad!“, beschwerte sich sogleich Isabel empört.
Doch plötzlich vernahm sie heiseres Kichern von ihrem Vater, welches sie seit neun Jahren nicht mehr vernommen hatte. Isabel standen prompt die Tränen in den Augen. Sie wusste, dass jetzt alles wieder gut werden würde und ihr fiel ein gewaltiger Stein vom Herzen, der schon viel zu viele Jahre dieses überwältigende Gefühl von Familienzusammenhalt lahmgelegt hatte. Isabel dankte Gott im Stillen, dass sie ihren Vater wieder zurück hatte. Und diesen steckte sie sodann auch prompt ins Bett, denn in genau drei Stunden war für ihn die Nacht wieder zu Ende. Isabel ging anschließend zurück in die Küche und schmierte ihrem Vater für die große Fahrt noch ein paar Brote und brühte frischen Kaffee für seine Thermoskanne auf. Danach wusch sie ab und ging auf leisen Sohlen wieder nach oben.
Nachdem auch sie sich bettfertig gemacht hatte, saß Isabel mit angewinkelten Beinen in ihrem drehbaren Korbsessel und starrte auf die Elfe auf ihrem Seerosenblatt. Was sollte sie nur tun?!
Isabel war hin- und hergerissen: Sie liebte Harry und dass er erneut in Afghanistan war, schmeckte ihr überhaupt nicht. Sie hatte schlicht und ergreifend Angst um ihn! Unweigerlich standen ihr wieder einmal Tränen in den Augen. Aber ihm erneut eine Chance geben? Ihr liefen die Tränen über die Wangen, als sie sich fragte, wo das Ganze nur hinführen sollte? Vor allem, was dachte inzwischen seine Familie von ihr; sie war doch viel zu wankelmütig, eingeschüchtert und verunsichert. Etwas, was für Isabel völlig untypisch war! Und somit blieb sie bei ihrem Entschluss, Harry langsam wieder aus ihren Gedanken und aus ihrem Leben zu verbannen; auch wenn es noch so sehr schmerzte. Denn seit sie mit ihm zusammengekommen war, war ihr Leben in ein heilloses Durcheinander geraten. Doch Isabel brauchte Ordnung und feste Regeln, sonst geriet sie in Schieflage. Und das hasste sie nicht nur, sondern das machte sie auch verletzlich wie ein kleines Kind und dies war sie definitiv nicht mehr! Sie war eine junge, erwachsene Frau, die ihr eigenes Leben in die richtige Bahn lenken musste! Doch das konnte sie nur, wenn sie Harry vergas …
Am 12. November 2011, einem Samstag, hatte Anabel Baxtor Geburtstag und ihr Bruder Alexander hatte eine kleine Feier im Club Five organisiert. Als Überraschung wollten er und Isabel mehrere Lieder der Band zum Besten geben. Und das taten sie dann auch. Sehr zur Freude von Anabel und den anderen anwesenden Diskotheksbesuchern. Unter ihnen waren auch Prinz William und Prinzessin Jane. Doch weder das Prinzenpaar noch Isabel und ihre Freunde wussten voneinander. Jane saß mit dem Rücken zu Isabel an der Bar und schlürfte gerade an ihrem Cocktail, als plötzlich Isabels Stimme aus den Lautsprechern ertönte und sie das Lied ‚Mad World‘ vortrug – wieder in dieser Unplugged-Version. Sofort bekam Jane eine Gänsehaut und sie drehte sich abrupt auf ihrem Barhocker um. „Was ist los?“, fragte William sofort.
„Weißt Du, wer das da drüben ist?“ William schüttelte den Kopf. „Das ist keine geringere als Isabel Canningham!“
„Was? Ach komm, die sieht doch ganz anders aus!“, entgegnete William, der nur eine abgemagerte junge Frau mit schulterlangen, bräunlich schimmernden Haaren sah.
„Ich weiß, dass Isabel anders ausschaut als Du sie in Erinnerung hast. Aber das ist sie, glaub mir! Kannst Du Dich rein zufällig noch an den Band-Contest vor einiger Zeit erinnern? Und auch an den Siegersong?“
Sofort blickte William noch einmal genauer hin und dann erkannte er die Sängerin vom Band-Wettbewerb wieder. „Mann, ist die dünn geworden! Isst das Mädel auch mal was?“, kam es ihm auch sogleich in den Sinn.
Jane musste unweigerlich schmunzeln. „Das waren auch meine ersten Gedanken, als ich sie zufällig beim Contest in der Damentoilette traf. Ich hatte sie nämlich zuvor selbst nicht erkannt. Sie meinte, es sei die Sorge um ihre Mutter. Die hatte nämlich einen Herzinfarkt erlitten. Zwischenzeitlich müsste sie aber wieder genesen sein …“
„Na, da wird Harry ja Augen machen!“, meinte William spontan.
Sofort entglitten Jane die Gesichtszüge und entsetzt fragte sie ihren Mann: „Wieso Harry? Du hast doch wohl nicht vor, ihm zu sagen, dass Isabel hier ist?! Nicht, dass er sich falsche Hoffnungen macht und herkommt!“
„Das brauche ich gar nicht, denn Harry ist bereits auf den Weg hierher. Er hatte selbst den Vorschlag gemacht, dass wir heute zu dritt ausgehen. Ich konnte ja nicht wissen, dass der Club keine so gute Idee sein würde!“, erwähnte William.
„Oh nein! Gib mir mal bitte Dein Handy, vielleicht kann ich Harry noch zu Hause erreichen und ihn zum Daheimbleiben überreden …“
„Das glaubst Du doch wohl selber nicht; außerdem ist es bereits zu spät: Schau mal, wer da gerade die Treppe heruntergestiefelt kommt!“ William zeigte mit dem Finger in Richtung Treppe und da stand er: Harry, in eine enganliegende, hellblaue Jeans und ein schwarzes Shirt gekleidet. Er verschaffte sich gerade einen Überblick über die tanzwütige Meute im Kellergeschoss des Club Five. Als er William an der Bar entdeckte, steuerte er geradewegs auf seinen Bruder und seine Schwägerin zu. „Du sagst keinen Ton!“, warnte Jane ihren Mann. „Wenn, dann sollen die beiden rein zufällig aufeinandertreffen!“
„Okay“, versprach William hoch und heilig, denn er kannte diesen gewissen Gesichtsausdruck von Jane. Wenn er es verzapfte, würde es mal wieder zu einem gewaltigen Ehestreit kommen und darauf konnte er herzlich verzichten. Ihm waren sein Seelenfrieden und eine glückliche Ehefrau heilig. Außerdem bevorzugte er sein eigenes Bett, als die Übernachtung auf der Couch oder in einem der Gästezimmer …
„Na, ihr zwei! Seid ihr schon lange da?“, fragte Harry zur Begrüßung.
„Nein, wir sind auch gerade erst gekommen. Magst Du was trinken?“, erwiderte Jane.
„Ja, ein Gin-Tonic bitte.“ Prompt schnellten Williams und Janes Augenbrauen skeptisch nach oben. Harry lachte auf. „Ich hab ein wenig Kopfweh und muss es ja nicht gleich zu einer Migräne ausarten lassen.“
„Du hast wohl noch nicht zu Abend gegessen, was?“, schlussfolgerte Jane.
Harry grinste. „So ist es! Ich glaube, ich werde mich deshalb jetzt mal kurz ins Restaurant verabschieden und etwas später wieder zu Euch stoßen. Also, bis dann“, sagte Harry und schon verschwand er mit seinem Tonic-Glas in der Hand in die oberste Etage.
Nachdem er sich ein Steak hatte schmecken lassen, lief er durch das Erdgeschoss und ließ sich an der dortigen Bar nieder, wo er sich ein Bier bestellte. Von hier aus konnte man durch einen Boden aus Plexiglas in das Kellergeschoss schauen und die dortigen Discobesucher beim Tanzen und Plauschen an der Bar beobachten. Harrys Augenmerk fiel dabei auf eine junge Frau, die sich gerade angeregt mit Toni, dem DJ, unterhielt. Als sie sich dann von ihm eine Gitarre geben ließ, zog es Harry aus unerfindlichen Gründen schleunigst in den Keller des Club Five zurück. Dort am unteren Treppensims angelangt, blieb er stehen und lauschte den Gitarrenklängen der jungen Frau und dem neben ihr sitzenden Mann. Sie spielten und sangen ‚Wild World‘ nach. Anschließend setzte sich der Gitarrist an ein Keyboard und die Frau legte ihre Gitarre beiseite und griff erneut zum Mikro. Auf Wunsch des Geburtstagskindes, welches Harry als Anabel Baxtor wiedererkannte, begann die junge Frau das Lied ‚Promise Me‘ zu singen. Harry kippte sogleich sein komplettes Bier herunter. Denn er glaubte seinen Augen kaum zu trauen: Isabel!
Er stand da und war unfähig wieder den Blick von ihr abzuwenden. Tausend Gedanken schossen ihm gleichzeitig durch den Kopf: Was er sagen könnte, was er machen könnte. Doch nichts passierte. Er stand einfach nur da und beobachtete sie.
Isabel übergab Toni gerade wieder ihre Gitarre, als Alex hinter ihr stand und sich von ihr verabschieden wollte. „Isa, ich muss jetzt los. Ich muss morgen wieder früh raus. Aber ihr zwei Weibsen feiert noch schön und macht die Nacht zum Tag! Man hat schließlich nur einmal im Jahr Geburtstag und darf sich hochleben lassen. Und Anabel scheint das Flirten noch nicht müde geworden zu sein?!“
Beide kicherten.
„Na, dann grüß mir Lucy ganz lieb. Ich finde Deine kleine Freundin echt zuckersüß! Schade, dass sie heute nicht mit dabei sein konnte“, erwiderte Isabel.
„Tja, es haben halt nicht alle das Wochenende frei, es gibt auch Leute, die dann arbeiten müssen.“
„So wie ich!“, mischte sich Toni mit in das Gespräch.
„Du willst mir doch nicht weismachen, dass das hier Arbeit für Dich ist?! Für Dich ist das doch alles nur Fun!“, warf Isabel in den Raum und wandte sich erneut Toni zu.
„Ertappt!“, gestand Toni schelmisch grinsend.
„Isa? Sagst Du mir nun noch Tschüss?“, erinnerte Alexander Anabels Freundin.
„Ja, natürlich! Bitte entschuldige“, sagte Isabel und drehte sich zurück zu Alexander, um ihn zu umarmen und ihm einen freundschaftlichen Kuss zu geben. Harry, der das ganze Spektakel mit angesehen hatte, knirschte mit den Zähnen, denn ihm gefiel überhaupt nicht, was er dort sah. Er stutzte jedoch, als sich der große schlaksige Kerl plötzlich wieder von Isabel abwandte, zu Anabel herüberlief und ihr ebenfalls einen Kuss gab und dann direkt an ihm vorbei nach oben ging. Harry folgte ihm unweigerlich mit den Augen. Als er ihn nicht mehr sah, wandte er sich zurück zu Isabel um. Sie stand noch immer bei Toni und schien sich köstlich zu amüsieren, denn sie lachte immer mal wieder, während Toni ihr irgendetwas erzählte. Harry sah sich das Ganze noch eine Weile mit an, bis es ihm dann doch zu bunt wurde. Langsam, aber zielstrebig, ging er zum DJ-Bereich herüber.
Toni reichte derweil Isabel bereits den fünften Stift, damit sie ihm irgendetwas auf einen Zettel notieren konnte. Doch irgendwie schienen die Stifte allesamt nicht zu schreiben. Vom Bleistift, den sie gerade in der Hand hielt, fiel soeben die Miene heraus. Harry musste schon fast darüber lachen. Er stieg die zwei Stufen zu Toni herauf; immer darauf bedacht, im Rücken von Isabel zu bleiben.
„Also Toni, Deine Stiftesammlung ist echt eine Zumutung!“, ereiferte sich Isabel gerade scherzhaft.
Toni wurde sogar anstandshalber rot. „Sorry, tut mir echt leid! Wahrscheinlich habe ich deshalb so viele hier herumliegen; weil nie einer schreibt …“, kam es Toni in den Sinn.
Isabel fing prompt wieder an herzlich zu lachen. Es traf Harry wie Nadelstiche mitten ins Herz. Wie er doch ihr fröhliches Lachen vermisst hatte! Mit tiefer Stimme mischte er sich in das Geplänkel von Toni und Isabel mit ein: „Vielleicht kann ich weiterhelfen?“, sagte er und zückte einen goldenen Kugelschreiber, den ihm sein Großvater vor kurzem geschenkt hatte, und reichte ihn Isabel, ohne dabei wirklich in ihr Sichtfeld zu treten.
Isabel war sogleich hocherfreut und nahm den Stift dankend an, ohne selbst einmal zu dem Herrn hinter sich aufzusehen. „Na, das nenne ich doch mal einen Stift! Hier, Toni, so etwas Edles solltest Du Dir einmal zulegen, dann klappt es auch mit der Handynummer!“, scherzte Isabel weiter und reichte Toni den Stift und dem Herrn hinter sich den Zettel. Beide Männer stutzten. Isabel lachte prompt wieder herzlich auf, als ihr der Irrtum auffiel. „Verzeihung, natürlich anders herum!“, rief sie mit einem breiten Lächeln auf den Lippen und legte ihre Arme über Kreuz. Sie überreichte somit nunmehr Toni den Zettel mit ihrer Handynummer darauf und gab dem aufmerksamen Herrn seinen Stift zurück. Dabei sah sie ihn nur flüchtig für den Bruchteil einer Sekunde an. Anschließend sagte sie zu Toni: „So, ich werde dann mal noch etwas tanzen gehen. Wir hören uns.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und wollte die zwei Stufen wieder hinunter zur Tanzfläche gehen, als sie abrupt stehen blieb. Harry wusste sofort, dass ihr soeben bewusstwurde, wem sie da gerade den Stift zurückgegeben hatte. Prompt trafen sich ihre Blicke. Isabel zog scharf die Luft ein. In ihrem Kopf schrie alles nach Flucht, doch ihre Beine bewegten sich nicht einen Millimeter von der Stelle. Sie starrte nur unentwegt Harry an. Und er tat nichts anderes.
Es schien eine halbe Ewigkeit vergangen zu sein, auch wenn es in Wirklichkeit nur wenige Sekunden gewesen waren, bis Harry den Abstand zwischen ihnen verringerte. Isabel riss sogleich entsetzt Mund und Augen auf. Harry blieb sofort wieder stehen. Unsicher sah er zu Isabel herüber. Doch weder sagte sie etwas, noch bewegte sie sich zu ihm hin oder von ihm fort. Stattdessen sah sie ihn weiterhin einfach nur entgeistert an. Harry atmete tief durch und wagte den nächsten Schritt, indem er sie einfach ansprach: „Hallo Isabel. Wie geht es Dir?“ Isabel löste für einen Moment den Blick von Harry, sah ihn dann aber unweigerlich wieder von Neuem an. „Du hast eine neue Frisur. Gefällt mir, auch wenn ich Dich damit kaum wiedererkannt habe“, redete Harry einfach drauf los. Doch Isabel schwieg noch immer und biss sich stattdessen nervös auf die Unterlippe, um sich anschließend mit der Zunge über die trocken gewordenen Lippen zu streichen. Harry bekam prompt elektrisierende Schmetterlinge im Bauch. Wie sehr er doch Isabel noch immer begehrte! Er atmete tief durch, um seine heftigen Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. Isabel schien zu spüren, was mit Harry los war und wandte sich auf einmal, ohne ein Wort zu sagen, von ihm ab. „Isabel!“, rief Harry und griff nach ihrem linken Oberarm.
Isabel hielt sofort inne. „Bitte … Lass mich los!“, bat sie.
„Nicht, bevor Du mir meine Frage beantwortet hast!“, flüsterte Harry an ihr linkes Ohr. Er stand direkt hinter ihr und konnte ihren wunderbaren Duft wahrnehmen. Wie gerne hätte er sie jetzt in die Arme geschlossen und leidenschaftlich geküsst! Doch gleichzeitig erschrak er, denn Isabel war im Grunde nichts anderes mehr als Knochen und Haut. Er hatte sogar Bedenken, ob seine doch recht vorsichtige Berührung ihr nicht schon wehtat. Prompt ließ er sie los. Doch zu seiner Überraschung blieb sie stehen und ergriff nicht sofort die Flucht, was er erwartet hatte.
„Mir geht es gut“, kam es unberührt von Isabel.
„Wirklich?“, warf Harry sogleich ein. Doch Isabel reagierte nicht weiter darauf und lief einfach zu Anabel herüber, die natürlich das Aufeinandertreffen, genauso wie Jane und William, mitverfolgt hatte.
„Annie, ich weiß, ich verlange viel von Dir, vor allem an Deinem Geburtstag. Aber können wir vielleicht gehen?“, wandte sich Isabel hoffnungsvoll an ihre beste Freundin.
„Nein, wir bleiben!“, kam es kurz angebunden von Anabel.
„Aber …“, wollte Isabel protestieren.
„Nichts aber, wir bleiben und zwar jetzt erst recht!!! Ignorier ihn einfach, schließlich seid ihr doch nicht mehr zusammen …“, entgegnete Anabel simpel. Isabel seufzte und setzte sich mit hängenden Schultern neben ihre Freundin auf die Couch in der Sitzecke.
Harry lief mit ebenfalls hängenden Schultern zu William und Jane an die Bar herüber.
„Was jetzt?“, fragte auch sogleich William seinen Bruder.
Harry zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines: Ich brauche jetzt erst einmal ein Bier! Andi?“
„Kommt sofort!“, erwiderte Andi, der Barkeeper, und reichte Harry das gewünschte Bier. Harry trank es mit einem Mal bis zur Hälfte aus.
„Aber nicht, dass Du Dich jetzt betrinkst?!“, warnte Jane.
„Und wenn, kannst Du auch nichts dagegen machen!“
„Harry, bitte nicht! Komm, lass uns nach Hause fahren …“, bat Jane. William stand sofort auf.
„Nein!“, kam es todernst von Harry. „Ihr könnt ja fahren, aber ich bleibe!“ Seufzend nahm William wieder auf seinem Barhocker Platz, während Harry die Bierflasche nun gänzlich leerte und sich gleich noch eines bestellte. Andi kam dem nur widerwillig nach und sah hilfesuchend zu Jane und William herüber.
Jane legte Harry eindringlich ihre Hand auf den Oberarm. „Harry, was hast Du davon, wenn Du Dich jetzt volllaufen lässt; außer einem gewaltigen Brummschädel am nächsten Tag? Quäl Dich doch nicht selbst noch so! Komm, bitte lass uns gehen …“
„Nein!!!“, erwiderte Harry und schob Janes Hand grob von seinem Arm und sah seine Schwägerin dabei warnend an. Sie sollte ihn gefälligst in Ruhe lassen! Jane schluckte und blickte bittend zu ihrem Mann herüber. Doch er schüttelte nur den Kopf.
Jane sah ihn verständnislos an. William seufzte und ging zu seiner Frau herüber, nahm sie in den Arm und sagte leise: „Lass ihn, wenn er sich jetzt betrinken möchte, dann soll er es tun. Was nicht heißen soll, dass ich es gutheiße! Aber wenn es nun einmal seine Art ist, den Schmerz zu bekämpfen, dann soll ihm dieses Recht auch zustehen. Außerdem sind wir doch bei ihm und haben ein wachsames Auge auf ihn. Nach dem übernächsten Bier verfrachte ich ihn zudem höchstpersönlich in die Limousine. Also gib ihm die Genugtuung, es wenigstens versucht zu haben.“
„Was versucht zu haben, mit Isabel zu sprechen?“
„Nein, sich zu betrinken …“
Nun war es Jane, die seufzte und wehmütig zu Harry sah, der gerade die leere Flasche Bier abstellte und dann aufstand. Irritiert sahen William und Jane ihm hinterher. Harry steuerte geradewegs auf Isabel zu, die noch immer trübsinnig dreinblickend neben Anabel auf der Couch saß. Anabel erschrak, als sie Harry vor sich stehen sah. Isabel folgte ihrem Blick und schnappte hörbar nach Luft.
„Darf ich um den nächsten Tanz bitten?“, fragte Harry allen Ernstes.
Isabel glaubte, sich verhört zu haben und so antwortete sie patzig: „Und was ist, wenn ich ‚Nein‘ sage?“
„Dann werde ich mir Dich jetzt einfach greifen; auch ohne Deine Einwilligung!“, kam es provozierend von Harry und das feurige Funkeln in seinen Augen verriet Isabel, dass Harry es wirklich auch so meinte. Erneut fiel Isabel die Kinnlade herunter. Hilfesuchend schaute sie zu ihrer Freundin. Anabel sah jedoch genauso hilflos drein und hob die Schultern.
„Tu ihm doch einfach den Gefallen. Vielleicht lässt er Dich ja dann anschließend wieder in Ruhe?“, schoss es Anabel daraufhin durch den Kopf. Isabel biss sich unschlüssig auf die Unterlippe.
„Ich frage Dich noch einmal: Gewährst Du mir den nächsten Tanz?“
Isabel schoss die Schamesröte in die Wangen und sie senkte eingeschüchtert den Blick. Überraschenderweise ergriff sie anschließend jedoch Harrys dargereichte Hand und folgte ihm mit auf die Tanzfläche. Beide standen sich gegenüber, als just in diesem Moment die langsame Runde begann.
Isabel begegnete Harry mit einem vernichtenden Blick. Sofort riss er unschuldig die Hände in die Luft. Isabel biss sich abermals auf die Unterlippe. Harry sah ihr an, dass sie mit sich selbst einen inneren Kampf ausfocht. Als sie anschließend wieder zu ihm aufsah, zuckte er nur mit den Schultern und steckte seine Hände provokativ in die Hosentaschen, was so viel hieß wie: Entscheide Du, ob Du bereit bist, mit mir zu solcher Musik zu tanzen … Isabel atmete noch einmal tief durch, ehe sie einen Schritt auf Harry zuging. Sogleich zog Harry seine Hände wieder aus den Hosentaschen.
Isabel legte ihre eiskalte rechte Hand in seine linke weiche und warme Hand, während ihre linke auf seiner rechten Schulter ruhte. Harry bekam sofort gewaltiges Herzklopfen, als er Isabel so nah bei sich spürte. Doch er ließ es sich nicht anmerken und führte sie ruhig über das Parkett. Isabel folgte ihm in fließender Bewegung; versuchte jedoch nicht daran zu denken, von wessen Armen sie gerade gehalten wurde. „Man sagt, wenn eine Frau ihr Äußeres und vor allem ihre Frisur gravierend ändert, liegt eine Trennung zugrunde. Von wem oder was hast Du Dich getrennt?“, kam es plötzlich, für Isabel völlig unerwartet, von Harry. Verwirrt starrte sie ihm ins Gesicht. „Ich meine, normalerweise erfährt doch der andere zuvor davon, oder nicht?!“, half Harry Isabel auf die Sprünge.
„Wolltest Du nicht tanzen?“, zischte Isabel, die es bereits bereute, überhaupt einem Tanz mit Harry zugestimmt zu haben.
„Okay, dann lass uns tanzen!“, rief Harry und zog Isabel fester zu sich heran, so dass sich nunmehr ihre Körper berührten. Prompt erstarrte Isabel und wollte sich von Harry losreißen, doch er hielt sie einfach fest. „Das Lied ist noch nicht zu Ende. Zudem hast Du meine Frage nicht beantwortet“, erwähnte Harry gefährlich ruhig an Isabels Ohr.
Neben einer eisigen Gänsehaut überkamen Isabel auch sogleich Schmetterlinge im Bauch, da sein warmer Atem sanft ihre Wange streifte. Völlig überfordert von den widersprüchlichen Gefühlen in ihrem Körper, erwiderte Isabel bissig: „Du kennst doch die Antwort bereits darauf!“
„Ist es, weil ich Deinem Vater eine verpasst habe? Bell, es tut mir leid! Ich weiß, man hätte dies auch anders klären können, aber in dem Moment habe ich einfach nur Rot gesehen! Wenn Du willst, gehe ich sofort zur Polizei und zeige mich selbst an.“
„Bist Du von allen guten Geistern verlassen?!“, rief Isabel heftig aus und riss sich von Harry los und haute ihm einmal protestierend auf die Brust. Entsetzt starrte sie ihn an, während sie berichtete: „Ich konnte gerade so meinen Vater davon abbringen, zur Polizei zu gehen und habe mit Engelszungen auf ihn eingeredet und jetzt kommst Du daher und willst das alles wieder zunichtemachen??? Als ob ich im Moment nicht schon genug durchmachen würde!!!“, japste Isabel.
„Dann lass mich Dir doch helfen, verdammt noch mal!“, warf Harry ein. Isabel stand da und sah Harry einfach nur verständnislos an.
Nervös wanderten ihre dunkelgrünen Augen immer hin und her und zum wiederholten Male fuhr sie sich mit der Zunge nervös über die trockenen Lippen. Hoffnungsvoll erwiderte Harry ihren unschlüssigen Blick, indem er ihr aufrichtig tief in ihre Augen sah.
„Dafür ist es zu spät!“, wisperte Isabel auf einmal und wandte sich dann mit Tränen in den Augen von Harry ab und lief zurück zu Anabel. Doch Anabel saß nicht an ihrem Platz! Stattdessen saß auf der Couch ein sich innig küssendes Pärchen. Isabel stand da und starrte die beiden Liebenden an, unfähig sich von dem Anblick wieder abzuwenden.
Plötzlich tauchte Anabel neben ihr auf und legte ihr einen Arm um die Schulter und fragte: „Wollen wir gehen?“ Isabel nickte nur.
Allerdings kamen sie nicht weit: Sie hatten noch nicht einmal die Hälfte der Tanzfläche überquert, um zur Treppe und dem dahinter befindlichen Ausgang zu kommen, als genau dort Harry auf dem letzten Treppenabsatz stand und ein Mikrophon in der Hand hielt und er sang: Er sang von Liebe, dem Begehen eines Fehlers und der Bitte, diesen doch zu verzeihen, um der Liebe noch eine Chance zu geben. – In Karaoke.
Isabel stand mitten auf der Tanzfläche, neben ihr Anabel und beide schauten sich irritiert an. Auf einmal tauchte Jane neben Isabel auf und sang das nächste Lied. Es war ‚Listen To Your Heart (Before You Tell Him Good Bye)‘. Isabel lief es eiskalt den Rücken herunter. Verwirrt sah sie zu Anabel, welche jedoch nur unschlüssig mit den Schultern zucken konnte. Und dann war es still.
Alle im Dancefloor Drei hatten die besondere Art der Karaokeeinlage mitbekommen und nun waren alle Augenpaare auf Isabel gerichtet. Alle wollten wissen, wie sie reagieren, was sie erwidern würde. Doch dazu brauchte Isabel keine Karaokemaschine. Sie nahm Jane das Mikrophon ab und gab unter Tränen ebenfalls ein Lied von Roxette à cappella zum Besten: ‚It Must Have Been Love (But It’s Over Now)‘!
Nachdem Isabel ihr Lied beendet hatte, herrschte weiterhin Mucksmäuschenstille. Doch diesmal schauten alle zu Harry herüber. Harry nahm niemanden mehr wahr bis auf Isabel. Er sah ihr tief in die Augen und ging langsam auf sie zu. Als er direkt vor ihr zum Stehen kam, nahm er ihr Gesicht in seine Hände und wischte ihr sanft mit den Daumen die Tränen von den Wangen. „Ich liebe Dich, Isabel. Ich werde Dich immer lieben. Aber ich akzeptiere Deine Entscheidung; werde glücklich mit ihr, mehr wünsche ich mir nicht!“, flüsterte Harry kaum hörbar. Anschließend hauchte er ihr zum Abschied, begleitet mit den Worten „Leb wohl“, einen sanften Kuss auf die Stirn und wandte sich zum Gehen.
Er hatte gerade erst den Treppensims wieder erreicht, als Isabel plötzlich laut seinen Namen rief und ihm dann hinterherrannte. Harry drehte sich um und blickte ihr fragend ins Gesicht.
„Und … Und was ist, wenn … wenn meine Entscheidung die falsche ist?!“, wisperte Isabel stockend unter Tränen, als sie vor ihm zum Stehen kam.
Kapitel 1
„Oh Bell!“, japste Harry. Seine Gefühle fuhren in dem Moment regelrecht Achterbahn. Mit einem sehnsuchtsvollen Blick antwortete er auf Isabels Frage: „Dann lass mich Dich glücklich machen oder es zumindest versuchen …!“ Schluchzend warf sie sich prompt an seinen Hals und Harry hielt sie einfach nur fest. Er schloss die Augen und sog ihren lieblichen Duft ein. Er konnte ihren Herzschlag spüren, ihren zerbrechlichen Körper fühlen, der noch immer von ihrem Schluchzen heftig geschüttelt wurde. „Psssst, Liebes, alles ist in Ordnung! Ich bin bei Dir; alles wird wieder gut“, flüsterte Harry an Isabels Ohr, während der gesamte Saal tosenden Applaus gab.
Nach einer Weile nahm Harry langsam wieder den Rest der Umgebung war. Toni hatte erneut eine langsame Runde eingeleitet und den kompletten Saal verdunkelt. Außer dem Funkeln der Discokugel waren nur noch die Bar und der DJ-Bereich in sanftes Licht getaucht. Ebenso die Stufen hinter ihnen. Da alle anderen Gäste bereits wieder tanzten oder sich an der Bar tummelten und ihnen keine Aufmerksamkeit mehr schenkten, fragte sich Harry, wie lange sie wohl schon so dastanden. Isabel weinte jedenfalls nicht mehr und ihr Atem an seinem Hals ging ruhiger.
„Wollen wir gehen?“, fragte er vorsichtig, während er ihr zärtlich über den Rücken strich. Isabel nickte, ohne aufzusehen. Harry suchte daraufhin mit seinen Augen den Saal ab, um William, Jane oder Anabel ausfindig zu machen. Alle drei standen gerade bei Toni, dem DJ. Als William Harrys Blick begegnete, nickte dieser nur und machte eine wegschickende Handbewegung und legte gleichzeitig Anabel einen Arm um die Schulter: Jane und William würden sich um Isabels Freundin kümmern und sie heile nach Hause bringen. Harry erwiderte die Geste ebenfalls mit einem Nicken, das zugleich ein ‚Danke‘ beinhaltete. Anschließend nahm er Isabel bei der Hand und ging mit ihr die Treppe hinauf ins Erdgeschoss, wo bereits Martin auf sie wartete. Rasch stiegen sie ins Auto und schon fuhr Martin los.
Isabel sah durch das Fenster in die Nacht hinaus und schien mit ihren Gedanken völlig woanders zu sein. Harry ließ ihr die Zeit, die sie brauchte, und schwieg. Er war schon überglücklich darüber, dass sie neben ihm im Auto saß und ihre noch immer eiskalte Hand in seiner lag. Harry hatte zwischenzeitlich die Augen geschlossen und lauschte dem leisen Klavierkonzert aus den Lautsprechern. So bemerkte er nicht, dass Isabel nun zu ihm herüberschaute. Erst als sie ihre Finger in seiner Hand bewegte, öffnete er die Augen wieder und sah zu ihr herüber. Eine leichte Schamesröte war ihm auf die Wangen getreten, was ihm sogleich ein schüchternes Lächeln von Isabel einbrachte. Er erwiderte dafür das Lächeln umso breiter.
„Wo fährst Du mit mir hin?“, fragte Isabel vorsichtig, die das Gefühl hatte, als würden sie ziellos durch die Straßen von London ziehen und damit nicht ganz falsch lag.
„Wo immer Du hinmöchtest“, erwiderte Harry.
„Ich würde gerne nach Hause“, bat Isabel. Sofort setzte Martin den Blinker.
Bereits zehn Minuten später waren sie bei Isabels Elternhaus angelangt. Unweit davon fand Martin einen Parkplatz. Er schaltete den Motor ab, stieg aus und ging einige Meter die Straße entlang. Fragend sah Isabel zu Harry.
„Er wahrt nur Diskretion. Außerdem wollte er uns für ein Gespräch allein lassen, denn Du warst die Fahrt über recht still. Magst Du reden oder möchtest Du jetzt lieber in Dein Bett? Wir haben alle Zeit der Welt. Melde Dich, wann immer Dir danach ist, und ich komme dann, wenn Du dies wünscht. Einverstanden?“, fragte Harry.
Zu seiner Überraschung schüttelte Isabel den Kopf. Verwirrt zog Harry die Stirn kraus. Isabel lächelte sanft. „Magst Du mit raufkommen?“, fragte Isabel vorsichtig. Anschließend musste sie jedoch über Harrys völlig entgeistertes Gesicht lachen: Er blickte zu ihr herüber, als hätte er sich gerade verhört oder bildete es sich nur ein, dass sie ihn doch tatsächlich eben allen Ernstes gefragt habe, ob er mit reinkommen wollte.
„Und was ist mit Deinen Eltern?“, fragte er daher einmal sicherheitshalber nach.
Isabel grinste. „Mein Dad ist auf Tour und meine Mum übernachtet heute ausnahmsweise bei einer Freundin, die ihren 50. Geburtstag feiert. Denn ihr war es nichts, nachts um drei heim zu kommen und keiner ist da. Denn eigentlich sollte ich die Nacht ja bei Anabel verbringen; zumindest war es so geplant“, erklärte Isabel und wurde anstandshalber rot.
Auf Harrys Gesicht zeigte sich umgehend ein breites Lächeln. Irritiert davon sah Isabel Harry fragend an.
„Ich glaube, Anabel fühlte sich in Williams und Janes Gegenwart ganz gut aufgehoben und ich verspreche Dir, dass sie von den beiden auch sicher wieder nach Hause gebracht wird“, erklärte Harry daraufhin.
„Danke“, flüsterte Isabel kleinlaut und senkte den Blick.
„Ach Bell“, seufzte Harry und strich ihr sanft über die rosa schimmernde Wange. Isabel sah erneut zu Harry auf und ihre Blicken trafen sich. „Ich komme gerne noch mit rauf; aber nur, wenn es Dir auch wirklich recht ist?! Wir müssen hier heute nichts übers Knie brechen; vor allem nicht um Mitternacht“, erwähnte Harry.
Für Harry völlig unerwartet, küsste Isabel ihn einfach auf den Mund. Somit war die Frage, ob er nicht doch jetzt lieber fahren sollte, geklärt. Harry half Isabel aus dem Wagen und schon war auch Martin wieder zur Stelle. Ein Blick in Harrys Gesicht und Martin wusste, dass er sich auf eine Übernachtung im Wagen einstellen konnte.
In Isabels Zimmer angelangt, war Harry erneut völlig überwältig von den kunstvoll gestalteten Wänden. Da Isabel lediglich die zwei Beistelltischlampen, die auf ihrer Sideboardreihe standen, angeschaltet hatte, wirkten die Efeuranken und die Elfe auf ihrem Seerosenblatt noch lebendiger als das letzte Mal bei voller Beleuchtung.
„Hast Du diese Kunstwerke an die Wand gebracht?“, fragte Harry auch prompt. Isabel nickte. „Du hättest Innenraumgestalter oder Designerin werden sollen!“
Isabel kicherte. „Nein, das wäre nichts für mich: Denn dort hätte ich nicht nur auf Abruf kreative Ideen haben müssen, sondern diese dann auch noch innerhalb eines bestimmten Zeitfensters fertigstellen sollen. Doch für so etwas brauchst Du Zeit und Muße: Ohne die richtige Stimmung kannst Du das Ganze auch gleich seinlassen! Meine Wandbemalung ist auch nicht von heute auf morgen entstanden. Zum Anfang gab es nur die zwei Sprüche auf gelbem Hintergrund. Irgendwann kamen dann die Efeuranken, welche eigentlich nur als Bordüre gedacht waren, hinzu. Aber irgendwie haben sie sich dann verselbstständigt.“
„Sie sind also gewachsen“, scherzte Harry.
Isabel schmunzelte. „So kann man es auch nennen.“
„Und wann hast Du den Engel oder die Elfe gezeichnet?“, fragte Harry interessiert.
„Den Engel habe ich nach dem Tod meiner Großmutter gezeichnet.“
„Du hingst sehr an ihr, nicht wahr?“, unterbrach er Isabel erneut.
Isabel sah nachdenklich zu Boden. „Es gibt Tage, da vermisse ich sie sehr. Wir waren irgendwie seelenverwandt: Ging es dem einen schlecht, wusste es der andere sofort, auch wenn wir kilometerweit voneinander entfernt waren. Seit sie nicht mehr da ist, fühle ich mich manchmal ziemlich einsam, hilflos und klein. Mein Vater trug natürlich auch einiges dazu bei. Tja, und an einem Tag, an dem es mir besonders schlecht ging, da entstand dann das Bild von der Elfe in meinem Kopf. Kurz darauf zierte es auch meine Wand.“
Harry wollte gerade einen Schritt auf Isabel zugehen und sie in die Arme nehmen. Doch die Worte von ihr: „Setz Dich!“, hielten ihn davon ab und so kam er ihrer Aufforderung nach und setzte sich auf die Bettkante ihres Bettes, zu welchem sie gezeigt hatte. Isabel selbst öffnete derweil ihren Kleiderschrank und zog sich ihre graue, wadenlange Häkeljacke, die sie wie eine Art Kleid über ihrer schwarzen Jeans und ihrem weißen Rolli getragen hatte, aus.
Das letzte Mal, als er dieses Outfit an ihr gesehen hatte, trug sie seine Kette mit der Katze …, ging es ihm durch den Kopf. Er schaute nachdenklich zu ihr herüber.
Als sich ihre Blicken trafen, sagte Isabel: „Du kannst Dich ruhig richtig auf das Bett setzen und Dich an der Wand anlehnen. Ich komme gleich wieder.“ Anschließend verließ sie kurz den Raum.
Harry zog die Beine an und wollte sich nunmehr bequem auf ihr breites weiches Bett setzen. Dabei piekte ihn etwas am Gesäß: Ein schmaler gefalteter Zettel, auf den er sich unbeabsichtigt gesetzt hatte. Er nahm das Blatt Papier in die Hände und faltete es, ohne weiter darüber nachzudenken, einfach auseinander und las die darauf festgehaltenen zwei Zeilen:
„Wenn Dein Vater stirbt, verlierst Du Deine Vergangenheit. –
Wenn Dein Kind stirbt, verlierst Du Deine Zukunft.“
Harry bekam sofort eine eisige Gänsehaut, die sich noch verstärkte, als er plötzlich Isabel vor sich stehen sah. Isabel musste unweigerlich hart schlucken und atmete durch den Mund. Harry sah ihr an, dass sie mit den Tränen kämpfte. „Komm her!“, flüsterte er mit brüchiger Stimme und klopfte auf die Decke neben sich. Isabel kam Harrys Wunsch umgehend nach. Er nahm sie in seine Arme und strich ihr zärtlich durchs Haar. Isabel kämpfte noch immer um ihre Selbstbeherrschung. Sie atmete schwer.
„Bell, Du musst nicht Stärke beweisen: Wenn Dir zum Heulen zumute ist, dann weine! Es ist doch nur verständlich“, sagte Harry mit sanfter Stimme und schon ließ Isabel ihren Tränen freien Lauf. „Ich bin für Dich da, wann immer Du mich brauchst! Ich hätte schon viel früher für Dich da sein sollen … Aber ich will Dir deswegen keine Vorwürfe machen, ich war ja selbst viel zu feige, mich gegen Deine Bitte aufzubäumen.“
„Du warst nicht feige, Du hast wahre Größe gezeigt. Ich dagegen war einfach nur ignorant! Harry, es tut mir leid, dass ich Dir keine Möglichkeit gegeben habe, mit mir in Kontakt zu treten. Ich weiß von Anabel, dass Du mit der Information genauso überfordert warst wie ich“, erklärte Isabel unter Tränen.
„Psssst, bitte belaste Dich nicht noch mit Selbstvorwürfen! Du hattest Deine Gründe, weshalb Du nichts gesagt hast. Jeder geht mit einem Schicksalsschlag anders um. Und Du bist nun einmal jemand, der alles eher in sich hineinfrisst als sich anderen anzuvertrauen. Aber leider ist dies ziemlich ungesund. Mensch, Isa, darf ich Dich etwas fragen? Wie viel wiegst Du im Moment?“, wagte sich Harry vorsichtig voran. Isabel biss sich auf die Unterlippe und sah betrübt nach unten. Harry hob mit der Hand Isabels Kinn wieder an, so dass sie ihm in die Augen sehen musste. „Kätzchen, ich mache mir arge Sorgen um Deine Gesundheit! Als wir uns das letzte Mal sahen, hattest Du schon drastisch abgenommen, aber jetzt … Isabel, Du musst unbedingt wieder etwas essen!“
„Auch wenn Du es mir nicht glauben magst, aber das tue ich! Nur dass mir meist bereits der dritte Happen im Halse stecken bleibt“, erklärte Isabel kleinlaut. „Mein Körper reagiert leider schnell auf psychische Belastung: Nicht nur, dass ich Dein Kind verloren habe und Du Dich unbedingt mit meinem Vater anlegen musstest; obwohl Du wusstest, dass er Euch Royals nicht leiden kann! Nein, an genau diesem Abend erlitt meine Mutter auch noch einen Herzinfarkt.“
„Oh mein Gott!“, rief Harry entsetzt aus. „Und wie geht es Lindsay jetzt? Ich gehe davon aus, wieder gut, sonst wäre sie wohl kaum auf einer Geburtstagsfeier?!“, überlegte Harry laut.
Isabel nickte. „Ja, es geht ihr wieder gut und sie hat auch, Gott sei Dank, keine bleibenden Schäden erlitten. Sie ist quasi ganz die Alte. Aber all das hier, innerhalb so kurzer Zeit, war einfach zu viel für mich!“
„Und dann noch allein mit einem gewalttätigen Vater unter einem Dach …“, kam es Harry in den Sinn; nur dass er aus Versehen diesen Gedanken ebenfalls laut ausgesprochen hatte. Prompt wurde er knallrot. „Bitte verzeih, so war das nicht gemeint …“
„Doch, genau so war es gemeint! Und Du hast ja damit auch noch nicht einmal Unrecht: Mein Dad war über neun Jahre lang jemand völlig Fremdes für mich. Er versank in Selbstmitleid und fing an zu trinken, wenn er nicht gerade auf Tour war oder einen guten Tag hatte. Aber wenn er getrunken hatte, dann erhob er auch schon mal die Hand gegen meine Mutter oder mich. Aber nicht, dass Du jetzt denkst, dass er zum Schläger wurde und uns grün und blau schlug. Das war nie der Fall! Im Grunde tat es ihm anschließend immer sofort wieder leid und dann trank er noch mehr; leider“, erzählte Isabel offen.
„Du sprichst in der Vergangenheit. Ist es denn jetzt anders?“, fragte Harry aufhorchend nach.
„Ja. Nachdem Lindsay den Herzinfarkt erlitt, muss sich irgendein Schalter bei ihm umgelegt haben: Eines Abends saß er in der Küche und war wie ausgewechselt; so wie vor dem Motoradunfall meiner Mutter vor zehn Jahren. Erst bin ich dem ja skeptisch entgegengetreten. Aber bis heute hat er kein Glas Alkohol mehr angerührt; nicht einmal sein Feierabendbier trinkt er mehr. Und er kümmert sich rührend um meine Mum und auch um mich. Vor allem lässt er mir jetzt mehr Freiraum und ich stehe nicht mehr ganz so unter seinem Kontrollzwang.“
„Das freut mich zu hören. Hast Du deswegen Deine Haare wachsen lassen und sie braun gefärbt?“, fragte Harry.
Isabel musste schmunzeln. „Nein, das hatte ursprünglich einen anderen Grund: Alexander, Anabels Bruder …“
„Alexander, ist das der junge Mann, der heute mit Dir Gitarre gespielt hat?“, unterbrach Harry Isabel wieder einmal.
Sie nickte und erzählte weiter: „Alex hat eine Band, die Bax’ Toys, und Anabel ist die Sängerin. Vor kurzem fand ein Band-Wettbewerb statt und Alex’ Band hatte dazu eine Teilnahmebestätigung. Allerdings lag zu diesem Zeitpunkt Anabel mit einer Bronchitis, die sich anschließend zu einer Lungenentzündung verschlimmerte, im Bett. Ich bot mich an, Anabel zu vertreten. Damit dies jedoch nach außen hin nicht auffiel, ließ ich mir meine bereits stark gewachsenen Haare noch etwas länger wachsen. So sah ich Anabel noch ähnlicher“, erklärte Isabel gänzlich ruhig.
„Und da Anabel braune Haare hat, hast Du Dir dann Deine Haare umgefärbt, verstehe“, schlussfolgerte Harry.
„Das ist nur eine Intensivtönung; die wäscht sich mit der Zeit wieder heraus! Etwas anderem hätte mein Vater auch nicht zugestimmt und ich wollte nicht gleich wieder unser gutes Verhältnis zerstören.“
„Und wie sieht es mit unserem Verhältnis aus?“, wagte sich Harry zu fragen.
„Mein Dad wird weiterhin nichts von unserer Liaison erfahren.“
Harry musste breit grinsen. „Das meinte ich zwar gerade nicht, aber Du hast mir damit trotzdem meine Frage beantwortet.“ Isabel sah irritiert zu Harry herüber. „Es ist schön zu hören, dass Du unserer Beziehung eine zweite Chance gibst“, erklärte Harry.
Isabel wurde prompt rot und sah betreten nach unten. „Es tut mir leid, dass ich, statt mich Dir anzuvertrauen, vor allem davongerannt bin und Dich allein im Regen stehen lassen habe. Das war nicht fair. Ich hoffe, Du kannst mir verzeihen?!“, flüsterte Isabel und sah vorsichtig wieder zu Harry herüber.
Harry lächelte sie verschmitzt an und haute einfach mit einem Schulterzucken heraus: „Hey, ich warte im Regen und steh auf Dich!“ Isabel verstand nicht gleich und sah Harry irritiert ins Gesicht. Harry sah ihr derweil tief in die Augen und in seinem Blick lag so viel Liebe, dass Isabel prompt Schmetterlinge im Bauch bekam. Vorsichtig näherte sich Harry ihrem Gesicht und zärtlich fanden sich seine Lippen auf ihren wieder. Noch einmal und noch einmal. „Oh Bell, ich habe Dich so vermisst!“, hauchte Harry.
„Ich Dich doch auch!“, wisperte Isabel. Abermals sammelten sich Tränen in ihren Augen.
„Psssst. Nicht weinen, ich bin ja jetzt da! Alles wird wieder gut.“
„Alles?“, fragte Isabel, obwohl sie genau wusste, dass eines sie ihr Leben nicht wieder loslassen würde.
Harry seufzte. „Weißt Du, Isabel, Jane hat da ihre ganz eigene Theorie: Sie ist der Ansicht, dass es einen guten Grund gab, weshalb unser Kind nicht leben durfte. Vielleicht war irgendetwas nicht in Ordnung und der Embryo war nicht lebensfähig oder eben Deine Gesundheit war in Gefahr? Nur der liebe Gott weiß, warum, wieso, weshalb wir jetzt nicht Eltern werden sollten. Aber wenn man das Ganze aus dieser Perspektive sieht, ist es einfacher mit dem Schmerz klarzukommen.“
„Mir persönlich ist die schlichte Erklärung des Arztes lieber: Dass ein natürlicher Abbruch in den ersten drei Monaten recht häufig vorkommt; die meisten wissen dabei noch nicht einmal, dass sie überhaupt empfangen haben. Ich habe es aber leider schon gewusst …“
„Als Du erfahren hast, dass Du Mutter werden wirst. Was ging da in Dir vor: Hast Du Dich darauf gefreut oder hattest Du eher Angst und hast mir deshalb nichts davon sagen wollen?“, fragte Harry direkt.
Isabel atmete kurz tief durch und erklärte dann: „Erst war ich etwas durch den Wind, aber im Grunde habe ich mich gefreut. Auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie oder ob ich Dir das überhaupt sagen sollte. Deshalb hast Du damals diese etwas verwirrende SMS bekommen. Ich brauchte einfach ein wenig Zeit, um das Ganze überhaupt zu begreifen. Nicht einmal meine Eltern wissen etwas davon und so wird es auch bleiben! Aber da ich irgendwann mit der Wahrheit herausrücken musste, wollte ich es Dir an dem Wochenende nach dem nächsten Termin mitteilen. Zusammen mit dem ersten Ultraschallbild von unserem Kind. Aber dazu kam es dann leider nicht mehr …“
Harry überkam sogleich eine eisige Gänsehaut, was auch nicht vor Isabel verborgen blieb. Diesmal war sie es, die Harry in den Arm nahm. Am Ende lagen beide mit verheulten Augen auf Isabels Bett. Isabels Kopf lag auf Harrys linkem Arm und beide schauten gedankenversunken zu dem naiv dreinblickenden kleinen, dicken Engel auf seiner Schäfchenwolke.
„Darf ich Dich etwas fragen?“, stellte Isabel wieder einmal ihre berühmt berüchtigte Einleitungsfrage. Harry schmunzelte und nickte. „Musstest Du im vergangenen Monat wieder auf einen Auslandseinsatz oder hast Du Dich freiwillig gemeldet?“
Harry stutzte. „Woher weißt Du davon???“
Isabel wurde sogleich rot und räusperte sich. „Von Jane. Wir hatten uns an dem Abend bei dem Band-Wettbewerb im Club getroffen und uns eben auch unterhalten.“
„Schön, dass Jane so redselig ist; nur mir hat sie verschwiegen, dass ihr aufeinandergetroffen seid“, brummte Harry.
„Nun ja, ich war diejenige, die um ihre Verschwiegenheit bat“, gestand Isabel. „Ich war der Ansicht, dass es besser wäre, wenn wir uns nie wieder sehen würden. Als ich jedoch erfuhr, dass Du wieder einmal dort unten warst, da traf es mich wie ein Messerstich mitten ins Herz.“
„Weil Du mich noch immer geliebt hast?!“
„Nein, weil ich Dich noch immer liebe; das ist mir jetzt klar! Deshalb überkam mich ja vorhin auch diese Panik, dass mein Entschluss, unsere Beziehung für immer zu beenden, der größte Fehler meines Lebens sein könnte. Zumal mir da noch so viel Unausgesprochenes auf der Seele brennt.“
„Aber das müssen wir nicht alles heute klären, oder?“, warf Harry besorgt in den Raum.
Isabel musste unweigerlich kichern und schüttelte den Kopf. „Beantwortest Du mir trotzdem noch meine Frage?“
„Ja, ich hatte einen Antrag gestellt“, sagte Harry wahrheitsgemäß.
Sofort setzte sich Isabel stocksteif auf und starrte geschockt zu ihrem Freund herunter.
Harry seufzte und setzte sich ebenfalls auf. „Ich musste einfach raus, versuchen, den Kopf frei zu kriegen. Denn ich gab mir die Schuld daran, dass ich meine letzte Chance, wieder näher an Dich heranzukommen, mit dem Schlag in Deines Vaters Gesicht verspielt hatte. Das fraß mich auf und ich konnte nichts mehr mit mir anfangen. Doch bevor ich irgendeinen Blödsinn anstellen konnte, habe ich meinen Vorgesetzten gebeten, mich wieder nach Helmand zu entlassen.“
„Und da keiner weiß, was beim letzten Mal tatsächlich passiert ist, hat er Deinem Antrag stattgegeben“, schlussfolgerte Isabel.
„Nein.“
„Nein?“
„Nein. Mein Vorgesetzter hat den Antrag abgelehnt. Er hatte mitbekommen, dass ich in letzter Zeit nicht ganz Ich selbst war und vor irgendetwas davonlief. Ich bin auf anderem Wege nach Afghanistan gekommen.“
„Und der wäre, sofern Du mir dies erzählen möchtest?“
„Ich bin für meinen Vater nach Helmand geflogen, um unsere Truppen dort zu besuchen. Doch statt wieder zurückzufliegen, bin ich schlicht und ergreifend einfach dageblieben. Meine Großmutter, mein Dad sowie auch William und Jane waren mehr als auf hundertachtzig! Aber um der Presse nicht ein neues, gefundenes Fressen zu liefern und damit auch meine Identität im Kunduz nicht zu verraten, hielten sie darüber Stillschweigen.“
„Jane sagte mir, dass Du sogar sechs Wochen wegbleiben wolltest, statt nur drei?!“, erwähnte Isabel.
„Jane ist wirklich ein olles Plappermaul …“, grummelte Harry. „Schlimm nur, dass sie mir gegenüber schweigsamer ist als Dir gegenüber!“ Isabel musste unweigerlich grinsen. Harry schmunzelte ebenfalls. „Ja, Jane hat Recht: Ich wäre dort gerne noch weitere drei Wochen geblieben. Nicht nur, dass ich abgelenkt wurde und eine Aufgabe hatte. Ich konnte mich auch sammeln und wieder klar denken; da wusste ich natürlich noch nicht, was ich heute verpasst hätte, wenn ich länger fortgeblieben wäre …“ Isabel hielt prompt den Atem an. „Aber ich hatte die Rechnung ohne Charles gemacht. Er holte mich nach drei Wochen höchstpersönlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ab. Das Donnerwetter, das daraufhin hier zu Hause folgte, war gewaltig!“ Isabel atmete erleichtert wieder aus und legte Harry ihre rechte Hand auf seine Wange, welche er sofort mit seiner linken umschloss und zu Ende sprach: „Anschließend stand und stehe ich noch immer unter der Fuchtel meiner Großmutter. Warum sie mir ausgerechnet heute Ausgang gewährte, weiß ich selber nicht so genau?! Aber ich sollte ihr, wie auch meinem Dad, noch einmal nachträglich dafür danken. Denn so habe ich die Gelegenheit bekommen, wieder mit Dir zusammenzukommen … Wäre ich nämlich länger fortgeblieben, hätte ich es bitterlich bereut und ich möchte lieber erst gar nicht daran denken!!!“, gestand Harry und sah Isabel tief in die Augen.
„Und ich möchte zudem Gott dafür danken, dass Du heute in der Disco warst“, flüsterte Isabel und kuschelte sich prompt an ihren Freund, der sie nur zu gerne in seinen Armen willkommen hieß und sich mit ihr wieder nach hinten fallen ließ.
„Es war wohl tatsächlich eine himmlische Fügung …“, stellte Harry in den Raum und hauchte Isabel zärtlich einen Kuss auf die Stirn. Anschließend küsste er sie auf die Nasenspitze, ehe seine Lippen ihre fanden. Sofort legte Isabel ihre Arme um seinen Hals und zog ihn näher an sich heran. Nach einem kurzen Moment der Sinnlichkeit beendete Harry jedoch das liebliche Werben wieder, indem er Isabels Hände aus seinem Nacken löste. Verwirrt schaute Isabel zu Harry auf. „Es wird Zeit, dass Du etwas Schlaf kriegst und ich sollte jetzt auch nach Hause fahren; bevor Elisabeth eine Vermisstenanzeige aufgibt“, erklärte Harry ruhig.
„Bitte bleib, geh nicht!“, bat Isabel und eine leichte Panik machte sich in ihr breit und Tränen wollten ihr in die Augen steigen.
Harry nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste ihr zärtlich auf beide Schläfen. „Pssst! Ganz ruhig: Ich werde jetzt nicht sofort aufspringen und verschwinden. Ich bleibe noch so lange, bis Du eingeschlafen bist; ist das ein Kompromiss?“ Isabel biss sich auf die Unterlippe. Harry musste unweigerlich schmunzeln. „Ich weiß, dass Du es schöner fändest, wenn ich die ganze Nacht bei Dir bleiben würde und ich auch noch hier wäre, wenn Du wieder erwachst. Mir geht es im Grunde ja nicht anders. Aber leider müssen wir dies auf einen anderen Tag verlegen.“
„Versprichst Du mir das?!“
„Versprochen!“
„Und auch keine heimlichen Ausflüge mehr ins Kriegsgebiet???“
„Ja, auch das. Schließlich werde ich im eigenen Land viel mehr gebraucht …“, erwiderte Harry mit einem verliebten Blick in Isabels Antlitz. Isabel schluckte schwer und kämpfte mit ihrem dicken Kloß im Hals. Harry wischte ihr eine einzelne Träne aus dem Augenwinkel und wisperte: „… und ich brauche Dich!“ Zärtlich küsste er daraufhin Isabel aufs Haupt, ehe er sie fest in seine Arme zog und bestimmend von sich gab: „So, und jetzt schlaf!“
Isabel kuschelte sich eng an ihren Freund und fragte: „Und wann werden wir uns wiedersehen?“
„Bald, mein Liebes, bald.“ Harry küsste Isabel abermals aufs Haupt. Isabel seufzte und kuschelte sich gleich noch ein bisschen fester an seine Seite und schloss die Augen. Kurz darauf war sie eingeschlafen. Kein Wunder, denn es war bereits vier Uhr durch.
Eine halbe Stunde später stieg Harry aus ihrem Bett und deckte sie mit ihrer Tagesdecke vorsichtig zu. Zärtlich strich er ihr ihre neuen schulterlangen, brünetten Haare aus dem Gesicht und hauchte ihr noch einen sanften Kuss auf die Schläfe. Isabel regte sich, kuschelte sich dann aber mit einem zufriedenen Lächeln wieder in die Kissen.
„Schlaf gut, Glöckchen, und träum süß“, flüsterte Harry und knipste auf seinem Rückzug die beiden Lampen auf den Sideboards aus. Dabei kam er wieder an Isabels antiker Schreibmaschine und dem beigefarbenen Blatt Papier vorbei. Spontan griff er sich eines, zückte seinen goldenen Stift und schrieb eine kleine Botschaft für Isabel. Das gefaltete Blatt Papier stellte er auf ihren Nachttisch. Mit einem verliebten Blick betrachtete er noch einmal Isabels Gesicht und konnte es irgendwie noch gar nicht ganz begreifen, dass sie jetzt doch wieder zusammen sein sollten. Aber genau so war es und sein Herz machte einen kleinen Satz vor Freude. Mit einem überglücklichen Lächeln verließ er Isabel nun endgültig und machte sich auf den Weg zum im Auto schlummernden Martin.
Als Isabel am nächsten Morgen erwachte, war sie sich nicht ganz sicher, ob sie geträumt hatte oder ob Harry tatsächlich vergangene Nacht bei ihr gewesen war. Sie sah sich in ihrem Zimmer um und sogleich fiel ihr Blick auf das aufgestellte Blatt Papier auf ihrem Nachttisch, mit ihrem Namen darauf. Es trug Harrys Handschrift. Sofort bekam Isabel Schmetterlinge im Bauch. Mit Herzklopfen griff sie nach dem Papier und faltete es auseinander:
Guten Morgen, Kätzchen.
Na, gut geschlafen?
Nein, dies ist kein Traum, es ist wahr: Ich liebe Dich und danke ebenfalls Gott dafür, dass wir gestern Abend wieder zueinandergefunden haben. Ich bin überglücklich und hoffe, dass Du es auch bald wieder sein wirst …
Übrigens, was ich Dir gestern noch sagen wollte: Mir gefällt Deine neue Frisur, auch wenn sie etwas gewöhnungsbedürftig ist. Aber ich finde, sie macht Dich weiblicher, weicher, wenn auch etwas zerbrechlicher – was sogleich Beschützerinstinkte in mir wachruft!
Was ich demnach nicht gutheißen kann und was ich Dir auch bereits gesagt habe, ist Dein restliches Aussehen:
Isabel, bitte iss wieder einen Happen mehr – ich möchte Dich nicht auch noch verlieren! Das würde ich nicht verkraften, dafür liebe ich Dich viel zu sehr!!!
Also dann, ich wünsche Dir noch einen schönen Sonntag, und bitte bestelle Deiner Mum einen lieben Gruß von mir. Ich wette, sie sieht Dir gleich an der Nasenspitze an, dass irgendetwas anders ist als die letzten zwei Monate.
Vielleicht solltest Du ihr auch einmal sagen, was vorgefallen ist; wenn Du möchtest, begleite ich Dich bei diesem schweren Gang …
Bell, ich bin für Dich da; wann immer Du mich brauchst!
Tausend Küsse!
In Liebe, Dein Harry.
Kapitel 2
„Mum. Mum, hast Du gerade Zeit? Ich, oder besser gesagt wir würden gerne einmal mit Dir reden“, offenbarte Isabel eines Nachmittags Anfang Dezember ihrer Mutter. Sie stand mit Harry in der Tür zur Wohnstube, in welcher Lindsay Canningham gerade an einer Spitzenstickerei arbeitete.
„Natürlich habe ich Zeit. Für Dich, mein Kind; Verzeihung, für Euch habe ich immer Zeit!“, sagte Lindsay mit einem aufgeregten Lächeln und fuhr zur Couchgarnitur herüber. Mit einer Handbewegung bat sie Isabel und Harry, sich zu setzen. Erwartungsvoll und mit leuchtenden Augen blickte Lindsay zu ihrer Tochter herüber.
Unsicher blickte Isabel zu Harry auf. Er hielt ihre rechte Hand und bestätigte ihr mit einem Nicken, dass er ihr beistand. Ganz automatisch strich er mit dem Daumen beruhigend über ihren Handrücken. Isabel schloss noch einmal die Augen und atmete tief durch. „Mum …“
„Lass mich raten, Du bist schwanger!“, kam Lindsay Isabel zu Hilfe.
Sogleich wich jegliche Farbe aus Isabels Gesicht und sie musste mit den Tränen kämpfen. Harry räusperte sich und schüttelte den Kopf. Anschließend folgte betretene Stille.
Nach einer Weile sagte Isabel mit brüchiger Stimme: „Mum, Du lagst mit Deiner Vermutung aber nicht ganz falsch. Jedoch ich bin es nicht mehr. Ich habe das Kind – Harrys Kind – verloren …“
„Oh, Darling! Das tut mir so leid!“, kam es mitleidvoll von Lindsay, die sogleich zu Isabel herüberkam, um ihre Tochter in die Arme zu nehmen. Unweigerlich begann Isabel in den Armen ihrer Mutter zu weinen. „Psssst, Sternchen, weine nicht. Alles wird wieder gut. Ich bin für Dich da; wir sind für Dich da! Warum bist Du denn nicht einfach schon viel früher zu mir gekommen?“ Isabel stutzte und sah verwirrt zu ihrer Mutter auf, die ihr sogleich die Tränen aus dem Gesicht wischte. Nichtsdestotrotz musste Lindsay anfangen zu lächeln und antwortete auf die still gestellte Frage ihrer Tochter: „Isabel, ich bin nicht dumm und vor allem bin ich nicht blind! Meinst Du, ich habe Deine allmorgendliche Übelkeit nicht bemerkt? Deshalb habe ich auch nicht verstanden, warum Du Dich auf einmal so merkwürdig benommen hast und Dich plötzlich für jeden und auch vor jedem verschlossen hast. Ich bin davon ausgegangen, dass – verzeihen Sie, Euer Hoheit – das englische Königshaus etwas gegen diese Schwangerschaft hätte; weshalb es ja auch zum Bruch Eurer Beziehung kam … Dass der Grund ein anderer ist, konnte ich ja nicht ahnen!“
„Oh, Mum, es tut so schrecklich weh!“, japste Isabel, abermals um ihre Selbstbeherrschung ringend.
„Ich weiß. Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut“, war Lindsays schlichte Antwort darauf, bevor sie sich abwandte und räusperte.
Isabel sah fragend zu Harry herüber, der sie sogleich wieder beschützend in seinen Arm nahm. Er konnte jedoch nur mit den Schultern zucken, da auch er nicht wusste, was Lindsay mit ihrer letzten Äußerung gemeint hatte. Beide schauten zu Lindsay herüber, die gerade in einer Schublade in der alten, braunen Schrankwand wühlte. Nachdem sie gefunden hatte, wonach sie suchte, kam sie wieder zurückgefahren und schob über den Couchtisch eine alte Schwarzweiß-Photographie zu Isabel und Harry herüber. Isabel nahm das Bild auf und blickte auf ein Grab, auf dem ein kleiner weißer Teddy an ein wunderschön verziertes Holzkreuz angelehnt saß. Davor lagen fünf dunkle Rosen. Fragend sah Isabel ihrer Mutter ins Gesicht. „Das ist das Grab von Alice; Alice Standfort. Deine Schwester“, gab Lindsay schlicht bekannt.
Isabel stand sogleich der Mund weit offen. Harry räusperte sich und sagte: „Vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt gehe?!“
„Nein, Du bleibst! Ich bin der Ansicht, dass auch Du ein wenig mehr über unsere Familiengeschichte erfahren solltest. Es wird zudem, glaube ich, Euch beiden helfen, mit dem Verlust besser klarzukommen“, erklärte Lindsay sachlich. Erwartungsvoll blickten nun Isabel und Harry zu Lindsay herüber.
„Alice sollte im Spätsommer 1981 auf die Welt kommen. Doch wie ihr sicherlich schon erahnen könnt, kam es nicht dazu. Ja, Isabel, auch ich habe ein Kind verloren. Allerdings zu einem späteren Zeitpunkt als Du. Ich war bereits im sechsten Monat schwanger!“, erzählte Lindsay ruhig und gefasst.
„Oh mein Gott!“, rief Isabel entsetzt aus.
„Sprich bitte nie Deinen Vater darauf an!“, erwähnte Lindsay sogleich. „Ich glaube, er würde dann durchdrehen! Du musst nämlich wissen, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch in Yarmouth lebten. Dein Vater hatte es dort nicht leicht, weil die Bürger des kleinen Hafenstädtchens der Meinung waren, dass seine Mutter eine Hexe sei.“
„Ja, ich weiß. Als wir auf der Isle of Wight waren, hat uns ein Pfarrer die Geschichte erzählt“, sagte Isabel.
„Bestimmt Pater Pilgrim?! Hat er Euch auch die komplette Geschichte; also auch die Gründe für unseren Umzug nach London erzählt?“, fragte Lindsay.
Harry schüttelte den Kopf. „Er sagte lediglich, dass es wohl zu einem Unglück kam?!“
Lindsay lachte bitter auf. „Es war der 12. März, ich kam gerade von einer Freundin wieder und lief die Hafenpromenade zu uns nach Hause. Als ich plötzlich mehrere Männerstimmen vernahm. Da es schon schummrig war, ging ich schneller. Doch die Männerstimmen kamen immer näher, bis ich mich plötzlich umringt von acht Männern wiederfand. Sie waren allesamt dunkel gekleidet, trotzdem erkannte ich jeden von ihnen. Es waren Arbeitskollegen Deines Vaters, ehemalige Schüler aus seinem Jahrgang, die ihn all die Jahre schikaniert hatten. Ihn allerdings nie kleingekriegt haben! Und es passte ihnen so gar nicht, dass ich nicht nur zu Deinem Vater hielt, sondern ihn auch noch unterstützte, wenn nicht sogar verteidigte. Doch was sie am meisten aufregte, war, dass wir seit mehr als zwei Jahren in wilder Ehe unter ihnen lebten und ich nunmehr auch noch unehelich von ihm schwanger war. Sie wollten weder Keith noch mich im Ort haben und noch weniger wollten sie, dass ich die ‚Brut‘, wie sie es nannten, in ihrer ehrbaren Stadt austrug!“
Lindsay machte eine kurze Pause.
„Erst pöbelten und schubsten sie mich nur etwas herum. Einfach, weil es ihnen Spaß machte und sie hofften, mich damit einzuschüchtern. Doch als ich mich stattdessen versuchte zu wehren, wurden sie rabiater und fingen an, mich zu schlagen und zu boxen“, erzählte Lindsay mit traurigem Blick, so als würde sie all das noch einmal bildlich vor sich sehen. Isabel und Harry sogen gleichzeitig heftig die Luft ein; sie dachten an das Gleiche. Lindsay nickte nur traurig und ihr liefen Tränen über die Wangen. Sogleich sprang Isabel auf und kniete vor ihrer Mutter nieder und umfasste ihre Hüfte. Ihr Kopf ruhte auf ihren Beinen. Zärtlich strich Lindsay Isabel übers Haar. „Ihr habt richtig geraten, sie trafen dabei auch meinen Bauch und das nicht nur einmal. Es kam zu Blutungen und ich verlor das Leben in meinem Bauch.“
„Das tut mir sehr leid“, kam es mit brüchiger Stimme von Harry.
Lindsay nickte dankend. Anschließend berichtete sie unbeirrt weiter: „Falls Du Dich fragst, mein Kind, wo Dein Vater zu dieser Zeit war und mich nicht unterstützte und verteidigte: Er war noch auf See und fand mich erst mehrere Stunden später bewusstlos und zusammengekrümmt auf der regennassen Hafenpromenade. Er fuhr mit mir direkt ins nächstgelegene Krankenhaus. Doch alle Hilfe für das Baby kam zu spät. In einer Not-OP holten sie den toten Fötus und retteten mir damit das Leben; ich wäre nämlich sonst verblutet.“
„Oh mein Gott!“, rief Harry heftig aus.
„Oh Mummy! Sag sowas nicht; Du machst mir Angst!“, japste Isabel.
Beruhigend strich Lindsay weiter über den Kopf ihrer Tochter. „Ich lebe ja noch. Und auch wenn Dein Vater kein Kind mehr haben wollte, kamst Du, mein Engel, vier Jahre später gesund und munter auf die Welt …“, beendete Lindsay ihre Erzählung mit einem Lächeln.
Es herrschte betretenes Schweigen.
Isabel war die Erste, die sich wagte wieder etwas zu sagen. Sie sah vom Schoß ihrer Mutter auf und fragte: „Aber warum hast Du mir nie davon erzählt?“
„Weil Du doch an der Tragödie, die so viele Jahre zurückliegt, eh nichts hättest ändern können! Zudem, warum sollte ich Dir Deine so glückliche Kindheit und Deine noch vor Dir liegende, vielversprechende Zukunft mit einem solchen Bericht zerstören?“, warf Lindsay in den Raum. „Es hat doch schon genügt, dass Dein Vater uns nach meinem Unfall das Leben jahrelang schwergemacht hat. Sicherlich wirst Du nun aber auch verstehen, warum Papa keine Widerreden duldet und nur schwer loslassen kann?!“
„Weil er Angst davor hat, mich auch noch zu verlieren …“, kam es Isabel prompt in den Sinn.
Lindsay nickte. „Das wäre das Schlimmste für ihn!“
„Die Frage ist jetzt vielleicht etwas unangebracht, aber kann es sein, dass Ihr Mann nur deshalb uns Royals hasst, weil er vielleicht meiner Familie die Schuld an seinem erlittenen Schmerz gibt?!“, schoss es Harry spontan durch den Kopf.
Isabel sah erschrocken auf. Lindsay schickte Isabel sogleich mit einer Handbewegung wieder zu Harry herüber und antwortete: „Was genau der Grund dafür ist, warum mein Mann eine Abneigung gegen das englische Königshaus hat, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur so viel, dass dies irgendetwas mit Isabels Geburt zu tun haben muss … Ich habe schon des Öfteren versucht herauszubekommen, was ihn so aggressiv gegen die Krone macht; vor allem in letzter Zeit, weil ich mir vom Herzen gewünscht habe, dass Isabel mit Dir, Harry, glücklich werden würde. Aber es ist partout nicht aus ihm herauszubekommen … Mir graut schon jetzt vor dem Tag, an dem er von Eurer Liaison erfährt! Aber darüber braucht ihr Euch nicht den Kopf zu zerbrechen. Das werde ich dann mit ihm allein ausmachen; wie schon so vieles im Leben.“
„Was meinst Du damit, Mama?“, hakte Isabel nach.
„Als ich damals Alice und auch beinahe mein Leben verloren habe, wollte Dein Vater nur eines: Rache nehmen!“, begann Lindsay zu erzählen.
„Er wollte aber niemanden umbringen, oder?“, fragte Isabel vorsichtig nach, die auf einmal ein ganz komisches Gefühl in der Bauchgegend hatte.
„Das vielleicht nicht gerade, aber die acht Männer wären auf jeden Fall ihres Lebens nicht mehr froh geworden und würden sich stattdessen jeden Tag schmerzlich daran erinnern, was sie ihm all die Jahre angetan haben …“, erklärte Lindsay weiter. „Es genügten jedoch die einfachen Worte: Wenn Du jetzt gehst, dann verlasse ich Dich und das für immer! Isabel, Du musst wissen, dass Dein Vater mich über alles liebt und ich ihn; auch wenn er es einem nicht immer einfach macht!!! Aber es war Liebe auf den ersten Blick und so etwas erlebt man nur einmal im Leben! Ich habe ihm gezeigt, was es heißt, nicht der Fußabtreter für andere zu sein, sondern sich dem in den Weg zu stellen und sein eigenes Ding durchzuziehen. Er lernte durch mich ein gänzlich anderes Leben kennen und vor allem, er selbst zu sein! Leider kam es dabei auch zum Bruch mit seinem Vater, der es ihm nicht verzeihen konnte, dass er sich gegen ihn gestellt hatte.“
Fragend sah Isabel zu ihrer Mutter herüber.
Lindsay erzählte weiter: „Dein Großvater wollte immer, dass Dein Dad in seine Fußstapfen trat und Schreinermeister wurde. Doch Keith liebte es, allein auf See zu sein und so wurde er Fischer. Viel Berufsauswahl gab es in dem kleinen Ort sowieso nicht. Aber dass Dein Vater ausgerechnet den Beruf aller wählte, traf Deinen Großvater zutiefst. Adam gab mir die Schuld daran, seinem einzigen Sohn diese Flause in den Kopf gesetzt zu haben. Dabei hatte ich Keith noch darin bestärkt, diesen so unverwechselbaren Beruf seines Vaters zu erlernen. Adam glaubte mir dies natürlich nicht und betitelte mich daher gerne als ‚Blondes Gift aus der Großstadt‘. Dass es da immer wieder zu Streitigkeiten zwischen Vater und Sohn kam, ist nur verständlich. Sehr zum Leid Deiner geliebten Nanny. Doch auch sie war gebunden und da sie Deinen Großvater ebenfalls über alles liebte, hielt sie sich aus den Streitigkeiten heraus und ertrug sie stillschweigend. Deine Großmutter war sowieso eine großartige Frau: Sie liebte mich wie eine eigene Tochter. Du weißt, dass meine Mum viel zu früh an Krebs starb. Cassandra war wie eine Mutter für mich, weshalb auch ich sie immer nur ‚Mum‘ genannt habe. Sie war das Bindeglied zwischen der ganzen Zwietracht, die im Ort gegen die Beziehung von Keith und mir gesät wurde. Sie bestärkte uns in unserem Tun und Handeln und in unserer Liebe. Sie war es auch, die nach Alices Tod alles daransetzte, dass niemand im Ort erfuhr, wohin Dein Dad und ich eines Nachts entschwunden sind.“
„Als wir in Yarmouth waren, meinte Pater Pilgrim, dass es zwischen Ihrem Mann und seinem Vater eines Tages zu einem riesigen Streit kam – noch vor dem tragischen Unglück – und sie seither kein Wort mehr miteinander gesprochen haben. Darf man erfahren, was der Grund dafür war oder war wirklich nur die Berufswahl der Auslöser?“, fragte Harry interessiert nach.
Lindsay lächelte sanft. „Nein. Es kam zum endgültigen Bruch zwischen Vater und Sohn, als Keith seinem Dad stolz kundtun wollte, dass er Großvater werden würde.“ Überrascht sahen sich Harry und Isabel an. Lindsay musste unweigerlich kichern. „Ja, wenn man das hört, könnte man meinen, man sei in einem falschen Film. Aber wie schon gesagt, war Adam nicht gerade begeistert von der Beziehung zwischen seinem Sohn und mir. Nur wegen Cassandra, Isabels Großmutter, duldete er unsere Liaison.“
„Der Priester sagte auch, dass ihr nicht auf der Beerdigung von Großvater wart“, erwähnte Isabel.
„Das ist richtig. Aber das hat weniger mit dem damaligen Streit als vielmehr mit dem Schwur zu tun, dass wir nach Alices Tod nie wieder einen Fuß an diesen Ort an der Küste setzen würden. Und Deine Großmutter hielt es auch nur noch bis zwei Stunden nach der Beerdigung von Adam dort aus. In diesen zwei Stunden lief sie durch die Stadt und prophezeite jedem, dass Du eines Tages kommen würdest und dann …“
Auf alle drei Gesichter trat ganz automatisch ein breites Grinsen.
„Wenigstens eine kleine Genugtuung“, kam es Isabel in den Sinn. „Hätte ich jedoch gewusst, was Euch in Nannys und Dads Heimat widerfahren ist …“
„Hättest Du nicht einen einzigen Schritt in diese Stadt getan“, beendete Harry Isabels angefangenen Satz.
Lindsay bestätigte die Schlussfolgerung mit einem Nicken. „Ja. Aber ich wollte, dass Du wenigstens einmal an den Ort gehst, in dem Dein Vater und Deine Großmutter wie auch Dein Großvater gelebt haben. Denn die Gegend dort ist eigentlich eine sehr schöne und die meisten Einheimischen von damals haben zwischenzeitlich ja auch schon das Zeitliche gesegnet oder sind selbst von dort weggezogen. Im Grunde ist die ‚Canningham-Tragödie‘ nur noch eine überlieferte Geschichte. Viele wissen nicht einmal, wann sich das Unglück überhaupt tatsächlich zugetragen hat. Einige meinen sogar, dass sie bereits aus dem 18. Jahrhundert stammt …“, offenbarte Lindsay mit leichtem Amüsement. Isabel glaubte, sich verhört zu haben und so schaute sie auch.
„Aber irgendwie sind wir gänzlich vom eigentlichen Thema abgekommen“, stellte Lindsay auf einmal mit einem nunmehr wieder traurigen Gesicht fest. Harry atmete tief durch und sah fragend zu Isabel. Er war sich nicht sicher, ob für Isabel die ganzen Informationen nicht ein wenig zu viel wurden. Doch Isabel drückte nur seine Hand und gab ihm einen Kuss auf die Wange, ehe sie wieder aufmerksam zu ihrer Mutter schaute.
Auch Lindsay atmete noch einmal tief durch und begann von Neuem zu erzählen: „Nachdem ich wieder einigermaßen körperlich genesen war, beerdigten wir Alice am 8. April 1981, einem Mittwoch, auf dem Highgate Cemetery. Pater Pilgrim war extra aus Yarmouth gekommen, um Alice beizusetzen. Nur er, Cassandra, Dein Vater und ich standen um das kleine Grab herum. Adam fehlte, aus Rücksicht auf Deinen Vater; aber er hatte das Holzkreuz geschreinert. Die Rede vom Pfarrer war sehr würdevoll und zum Abschluss sangen wir Alice ein Schlaflied. Just in dem Moment begann es zu schneien.“
Überrascht schauten Harry und Isabel zu Lindsay herüber.
„Ja, ich weiß, das ist, glaube ich, so gut wie noch nie in England vorgekommen. Es waren auch nur wenige, vereinzelte, kleine weiße Flöckchen. Sie fielen ganz sachte und langsam zu Boden. Cassandra meinte immer, dass Alice uns einen letzten Gruß damit überbringen wollte.“ Harry und Isabel bekamen sogleich eine Gänsehaut und drückten sich gegenseitig fest die Hand. „Anschließend setzte ich den Teddy auf das Grab. Es war mein eigener Teddy, den ich einmal von meiner Mutter bekommen hatte. Es sollte ihr kleiner Freund sein, der sie auf ihrer Reise in eine bessere Welt begleitete“, sagte Lindsay leise. Unweigerlich stiegen Isabel erneut die Tränen in die Augen und sie schluckte schwer. „Du musst nicht weinen. Denn dort, wo Alice jetzt ist, geht es ihr besser. Und ich denke, dass sie jetzt gerade in diesem Moment mit ihren Großeltern auf einer großen Wolke sitzt und in Gedanken bei uns ist“, versuchte Lindsay ihre Tochter zu trösten.
Isabel konnte trotzdem ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und fragte: „Mum, wie kannst Du so ruhig dasitzen und sogar lächeln, wo mir nur noch zum Heulen zumute ist?!“
„Kind, das liegt daran, dass ich nicht an das traurige Erlebnis, was mir zuteilwurde, denke, sondern mir viel lieber vorstelle, wie gut es Alice jetzt hat! Ich weiß, dieser Rat ist nach so kurzer Zeit für Dich noch nicht umsetzbar. Aber für die Zukunft hilft er Dir sicherlich. Mir hat damals Cassandra diesen Rat gegeben: Man soll an das Schöne denken und die grauen Wolken hinter sich lassen. Ich habe mich damals zwar nicht eingeschlossen, so wie Du es getan hast. Aber ich habe auch stundenlang nur dagesessen und habe um meine kleine Tochter geweint. Vor allem, weil Dein Vater keine wirklich große Stütze war. Nachdem er der Küste den Rücken gekehrt hatte, fand er nach recht kurzer Zeit seine Berufung als Fernfahrer: Dort konnte er ebenfalls stundenlang allein unterwegs sein. Zwar nicht auf dem Wasser, aber auf kilometerlangen Asphaltstraßen. Er und sein Truck!“
„Das heißt, Du warst die ganze Zeit allein?!“, hakte Isabel entsetzt nach.
Lindsay seufzte. „Ja, so ist es. Dein Vater war auch seit der Beerdigung nicht mehr auf dem Friedhof. Und ich muss gestehen, ich auch schon eine ganze Weile nicht mehr; was seit meiner Querschnittslähmung sowieso etwas schwieriger geworden ist.“
„Da ließe sich sicherlich etwas machen …“, gab Harry spontan bekannt.
„Danke, das ist sehr liebenswürdig von Dir. Ich werde ganz bestimmt einmal darauf zurückkommen“, erwiderte Lindsay mit einem Lächeln.
„Darf ich mitkommen?“, fragte Isabel sogleich.
„Aber natürlich, mein Kind!“
„Was haltet ihr von nächsten Sonntag?“, warf Harry erneut spontan ein. Sogleich lächelten ihn Lindsay und Isabel an. „Also, abgemacht, nächsten Sonntag besuchen wir Alice.“
Isabel hauchte ihrem Freund daraufhin einen dicken Kuss auf die Wange und wisperte: „Danke.“ Anschließend wandte sie sich wieder ihrer Mutter zu: „Mummy? Du hast gesagt, dass Du die ganze Zeit allein warst. Einmal davon abgesehen, dass Du an was Schönes gedacht hast, der Schmerz war doch aber trotzdem da: Wie hast Du es geschafft, die Trauer zu überwinden?“
„Nachdem meine Tränen versiegt waren, stürzte ich mich in meine Arbeit als Krankenschwester. Auch wenn die Anfangszeit wirklich hart war! Jeden Tag große und kleine Kinder um sich herum zu haben, geht schon ganz schön an die Psyche; und dass es Dir da nicht anders ergeht, zeigt mir Dein Körper, Isabel. Aber ich bin dankbar, dass Du in der Zwischenzeit wieder ein wenig zu Kräften gekommen bist. Das haben wir sicherlich auch unter anderem Deinem Freund zu verdanken?!“ Während Harry eindringlich nickte, wurde Isabel rot. Lindsay lächelte selig. „Aber zurück zum Thema: Auch wenn es komisch klingen mag, aber mit jedem Kinderlachen kam auch meine eigene Kraft wieder zurück. Es baute auf, zu sehen, wenn die Kindertränen vergessen waren, wenn ein gebrochener Arm geschient war oder die Eltern die Kinder nach der Genesung wieder aus dem Krankenhaus abholten. Sie gaben mir Halt, denn sie gaben mir die Bestätigung, dass ich gebraucht wurde. Und wenn ich dann den Kindern wieder eine Märchengeschichte vorlas, dann strahlten mich tausend Kinderaugen dankend an. Sie gaben mir ihre Liebe, weil ich für sie da war, wenn ihre Eltern nicht bei ihnen sein konnten, und ich schenkte ihnen meine. Ich kam somit wieder in Einklang mit mir und meiner Umwelt. Tja, und bei einer Routineuntersuchung im Spätsommer 1984 erfuhr ich dann, dass ich erneut schwanger sei – mit Dir …“, eröffnete Lindsay.
„Hast Du Dich da gefreut oder hattest Du Angst?“, war sogleich Isabels nächste Frage.
Lindsay sah unweigerlich zu Harry herüber. Sie konnte ihm im Gesicht ansehen, dass er sich auf das Kind mit Isabel gefreut hätte.
Lindsay ergriff Isabels linke Hand und strich ihr sanft über den Handrücken. „Zuerst einmal schlug die Information ein wie eine Bombe und ich war am Boden zerstört: Um ehrlich zu sein, kam durch diese Botschaft alles wieder hoch und ich hatte eine wahnsinnige Angst! Nicht, dass ich mir Sorgen darüber machte, ob ich Dich eventuell aufgrund der Vorgeschichte wieder verlieren könnte. Nein, mir machte vielmehr Sorge, was Dein Vater dazu sagen würde. Da ich nicht wusste, zu wem ich hätte gehen können, um mir meine Sorgen von der Seele zu reden, bin ich nach Highgate zu Alice gefahren. Als ich vor ihrem Grab stand und ihr von Dir erzählte, blendete mich plötzlich heftig die Sonne, obwohl der Himmel sonst wolkenverhangen war. Da wusste ich, dass alles gut werden würde! Ich fuhr überglücklich mit dem Bus wieder zurück nach Hause. Wir wohnten zu diesem Zeitpunkt noch über einem Blumenladen. Als ich an dessen Schaufenster vorbeilief, sah ich dort einen Geige spielenden Engel in der Fensterecke sitzen …“
„Der Engel an Deiner Schreibmaschine!“, unterbrach Harry Lindsays Erzählung und sah dabei zu Isabel herüber.
„Genau. Er ist Isabels persönlicher Schutzengel hier auf Erden!“, erklärte Lindsay. „Ich kaufte also diesen Engel und stellte ihn sogleich auf mein Nachtschränkchen neben meinem Bett. Er sollte Dich, liebe Isabel, ab sofort beschützen. Aber es gab noch jemand anderen: Denn in genau dieser Nacht kam Dein Vater unverhofft zurück von seiner Tour. Ich hatte ihn eigentlich erst drei Tage später zurückerwartet. Er erzählte mir damals, dass er gerade im Depot angekommen war, um dort die Ladung für die nächste Station umzuladen, als ihn plötzlich die Sonne heftig blendete, obwohl es ein wolkenverhangener Tag war. Er ließ sogleich alles stehen und liegen und fuhr direkt nach Hause. Als er dann den Engel auf meinem Nachttisch erblickte, wusste er sofort Bescheid. Er beantragte umgehend am nächsten Morgen Sonderurlaub und ließ mich die nächsten sechs Monate nicht mehr aus den Augen. Er wachte mit Argusaugen über Dich und mich. Ich glaube, er war auch einer der ersten Männer im Kreissaal, obwohl dies zu der damaligen Zeit den Männern noch untersagt war; vor allem, da wir ja noch nicht einmal verheiratet waren?!“ Harry und Isabel lächelten gerührt. Lindsay tat es ihnen gleich.
„Ich sollte Dir vielleicht noch etwas erzählen: Die gesamten sechs Monate bis zu Deiner Geburt haben wir nicht ein einziges Mal darüber gesprochen, wie Du heißen solltest. Dein Name stand bereits fest, als Dein Vater in der einen besagten Nacht nach Hause kam. Ich erfuhr ihn jedoch auch erst nach Deiner Geburt.“
„Aber woher wusste denn Dad, dass ich ein Mädchen werde?“
Lindsay lachte. „Ich habe keine Ahnung; er wusste es einfach!“
Mit den Worten „Danke, Mum“ ging Isabel zu ihrer Mutter herüber und nahm sie in den Arm. „Mir geht es jetzt besser. Ich hab Dich lieb.“
„Ich Dich auch, mein Engel!“
„Na, habt ihr Kaffeedurst bekommen?“, fragte Lindsay mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen, als gegen halb fünf am Nachmittag Harry die Treppe von Isabels Zimmer herunter ging und zu Lindsay in die Küche kam. Harry schüttelte den Kopf. Besorgt blickte Lindsay dem Freund ihrer Tochter ins Gesicht. „Was ist mit Isabel?!“
„Sie schläft. Ich glaube, das waren ein wenig viel Informationen auf einmal für sie, die sie da zu verarbeiten hat“, erwiderte Harry matt, der auch ein wenig geschafft wirkte. Lindsay bat Harry sich zu setzen und schob ihm sogleich eine Tasse Kaffee herüber.
„Danke.“
„Und wie geht es Dir?“, fragte Lindsay direkt.
„Ich muss gestehen, dass diese ganzen Informationen auch für mich ein ganz schöner Schock waren und ich möchte nochmals meine aufrichtige Anteilnahme aussprechen. Ein Kind auf natürliche Weise zu verlieren ist ja schon schwer, aber das, was …“
„Reden wir nicht mehr darüber“, unterbrach Lindsay Harry. „Ich weiß Deine Anteilnahme zu schätzen, aber viel wichtiger ist, dass ihr jetzt an Euch denkt!“
„Das ist auch der Grund, warum ich heruntergekommen bin. Ich habe nämlich darüber nachgedacht, was man machen könnte, um Isabel auf andere Gedanken zu bringen und wie ich vielleicht wieder ein glückliches Lächeln auf ihr Gesicht zaubern könnte“, erklärte Harry.
„Das ist eine sehr schöne Idee und an was hast Du dabei gedacht?“, fragte Lindsay.
„Ich dachte daran, mit ihr vielleicht zu verreisen. Möglichst weit weg von hier; irgendwohin, wo es schön warm ist und es viel Sonne gibt! In die Karibik oder so?! Aber ich weiß nicht, ob Isabel da mitmachen würde; schon allein wegen ihrem Vater und der Sache mit dem Kindergarten; eine Vertretung für zwei Tage ist ja kein Problem, aber bei zwei Wochen sieht es sicherlich schon ein wenig anders aus …“, offenbarte Harry.
„Ja, da gibt es einiges zuvor noch abzuklären. Aber ich finde den Gedanken an einen Urlaub nicht schlecht. Harry, um ehrlich zu sein, war Isabel noch nicht ein einziges Mal außer Landes. Es gibt Tage, da beneidet sie ihre Freundin Anabel, denn die reist regelmäßig in der Weltgeschichte umher; zuletzt war sie auf Teneriffa. Wenn wir als Familie Urlaub gemacht haben, dann immer nur in England. Der Einzige von uns, der wenigstens Teile von Europa gesehen hat, oder besser gesagt regelmäßig sieht, ist mein Mann aufgrund seiner Arbeit.“
Harry nickte.
„Ich selbst möchte einmal im Leben nach Frankreich, nach Paris, und den Eiffelturm sehen!“, offenbarte Lindsay schwärmerisch. „Isabel dagegen ist, glaube ich, mehr für die Natur und das Meer zu haben. Deshalb finde ich die Karibik als Urlaubsziel wunderbar; nur, wir haben nicht so viel Geld …“
„Das steht ja wohl außer Frage, dass ich für die Kosten aufkomme!“, unterbrach Harry Lindsay sofort. „Ich würde auch alles andere veranlassen und regeln. Wenn Du für die Zeit, in der Isabel nicht daheim ist, eine Haushälterin benötigen solltest, würde ich sie Dir zur Verfügung stellen. Genauso wie ich mich um eine angemessene Ersatzbetreuung von Isabels Kindern kümmern würde. Melissa käme dafür zum Beispiel wieder in Betracht.“
„Harry, das ist alles sehr lieb und nett von Dir gemeint. Und ich wollte Dir sicher nicht zu nahe treten; es geht nur darum, dass wir es nicht gewohnt sind, einfach so etwas geschenkt zu bekommen. Wir haben uns in unserem Leben bislang alles allein und hart erarbeiten müssen und können demnach nur schwer einfach solche Großzügigkeit annehmen“, erklärte Lindsay und wurde unweigerlich rot.
Harry lächelte. „Ich weiß. Aber Isabel ist nun einmal meine Freundin und demnach ist es für mich eine Selbstverständlichkeit. Gerne arrangiere ich auch eine Reise für Dich und Deinen Mann nach Paris. Ihr sollt schließlich nicht auf der Strecke bleiben! Dein Mann muss ja auch nicht erfahren, von wem die Reise stammt. Vielleicht hast Du mal bei einem Preisausschreiben oder so teilgenommen und rein zufällig nun das große Glück gehabt, den Hauptpreis zu gewinnen …?!“
Lindsay fing sogleich an zu lachen. Harry stimmte mit ein. „Harry, Du bist ein ganz schöner Schelm!“
„Ja, das hat meine Mutter auch immer gesagt“, gab Harry noch immer breit grinsend bekannt. „Also, was ist? Wollen wir versuchen, eine ganze Familie wieder glücklich zu machen? Nicht, dass ihr nicht glücklich seid, aber …“
„Ich weiß schon, was Du sagen willst“, unterbrach Lindsay Harry erneut. „Also gut, einverstanden: Lass uns alles Traurige vergessen und die Glückseligkeit wieder in diese Familie zurückbringen!“
„Schön.“
„Harry?“, fragte Lindsay daraufhin und fuhr dabei einmal um den Tisch herum.
„Ja?!“, kam es mit leichter Skepsis im Blick von Harry, als Lindsay nunmehr direkt neben ihm zum Stehen kam.
„Darf ich Dich jetzt einfach einmal küssen?!“
Noch bevor Harry irgendetwas darauf erwidern konnte, hatte Lindsay ihm auch schon einen dicken Schmatz auf die Wange gedrückt. „Danke.“
Harry errötete unweigerlich und blickte etwas verwirrt zu seiner Schwiegermutter in spe herüber. „Wofür war der denn jetzt?“
„Für alles. Für alles, was Du bisher für uns getan hast! Du bist ein guter Junge. Auch wenn es ein paar Menschen gibt, die das bestreiten würden. Aber ich weiß es besser! Und Deine Mutter wäre stolz auf Dich.“
Harry lächelte verlegen.
Kapitel 3
„Oh Mann, bin ich geschafft!“, rief Keith Canningham, schon während er das Haus betrat, aus. „Aber jetzt ist ja Gott sei Dank erst einmal Weihnachten und danach habe ich eine ganze Woche lang frei!“
Lindsay, die gerade an der Spüle stand, drehte sich um und strahlte ihren Mann an. Er ging zu ihr herüber und küsste sie zärtlich auf die Lippen.
„Das trifft sich gut, dass Du zwischen Weihnachten und Neujahr frei hast, denn ich habe eine kleine Überraschung für Dich!“
„Erfahre ich auch jetzt schon, um was es sich bei Deiner Überraschung handelt oder muss ich noch bis nach Weihnachten warten?“, fragte Keith mit gemischten Gefühlen, denn er mochte Überraschungen nicht sonderlich. Lindsay tat übertrieben so, als ob sie sehr genau abwägen müsste, was sie ihrem Mann jetzt darauf antwortete. Sogleich wurde Keith ungeduldig. Als just in dem Moment auch Isabel zur Tür hereinkam.
„Oh, hallo Dad, Du bist ja schon da! Mum, auch Dir einen schönen guten Abend“, begrüßte Isabel ihre Eltern.
„Hallo Sternchen. Ja, ich bin schon da; ich bin aber auch gerade eben erst reingekommen. Deine Mutter wollte mir übrigens gerade etwas kundtun, aber irgendwie scheint sie vergessen zu haben, was“, provozierte Keith seine Frau.
Verständnislos blickte Isabel zu ihrer Mutter herüber. Lindsay grinste breit. „Also schön, dann will ich Euch nicht länger auf die Folter spannen: Isabel, Dein Vater und ich werden dieses Jahr Silvester nicht daheim verbringen, Du kannst also nun doch die Einladung von Anabel annehmen und mit ihr wieder ins neue Jahr starten,“ gab Lindsay ohne weitere Umschweife bekannt.
„Aha, und wo werden wir stattdessen das Jahr 2012 begrüßen?“, fragte Keith mit knirschenden Zähnen.
„Wir werden womöglich das Neujahr auf dem Eiffelturm willkommen heißen!“ Keith und Isabel sahen beide entgeistert Lindsay an, die sogleich anfing zu lachen. „Ihr guckt beide wie ein Schweinchen ins Uhrwerk. Das eben war kein Scherz, sondern mein völliger Ernst! Ihr könnt es auch gerne noch einmal schriftlich nachlesen. Dort drüben auf der Kommode liegt ein großer blauer Umschlag.“
Isabel flitzte sogleich hinüber und holte den Umschlag. Er war von einem der städtischen Radiosender. Sie zog ein Schreiben aus dem Umschlag und reichte es ihrem Vater, der laut vorlas: „Sehr geehrte Misses Canningham, wir gratulieren Ihnen noch einmal ganz herzlich zu Ihrem Gewinn: Eine einwöchige Reise nach Frankreich, in die Stadt der Liebe! Verleben Sie dort unvergessliche Stunden mit Ihrem Partner und heißen Sie das neue Jahr am Arc De Triumph, auf der Seine oder beim Feuerwerk über dem Eiffelturm willkommen! Anbei erhalten Sie alle notwendigen weiteren Reiseinformationen wie Abflugzeit, Hotelunterbringung usw., usw., bla, bla, bla …“
Fragend sah Keith zu seiner Frau herüber.
„Tja, Du wirst es mir zwar nicht glauben, aber ich habe an einem Radioquiz heute Morgen teilgenommen und gewonnen! Ein Bote hat mir vorhin das Kuvert überbracht“, gab Lindsay noch immer vor Freude strahlend bekannt.
Isabel strahlte nunmehr auch und umarmte ihre Mutter überschwänglich. „Oh Mum, das hast Du Dir doch schon immer einmal gewünscht! Aber warum hast Du mich denn nicht angerufen? Ich hätte mir die Sendung zu gerne im Radio angehört!“, beschwerte sich Isabel auch sogleich.
„Weil das wohl in einer Live-Sendung etwas schwer geht …“
„Stimmt“, kam es deprimiert von Isabel.
„So, und wer von Euch beiden deckt jetzt den Tisch?“, warf Lindsey ablenkend in den Raum.
„Ich! Ich melde mich freiwillig“, gab Isabel bekannt.
„Und, Keith, freust Du Dich wenigstens ein bisschen?“, hakte Lindsay derweil bei ihrem Mann nach.
Er seufzte. „Ich finde es zwar etwas unverantwortlich von Dir, überhaupt bei solch einem Blödsinn mitzumachen. Aber natürlich bin ich auch ein bisschen stolz auf meine Frau. Nur eines macht mir ein wenig Sorgen: Müssen wir irgendetwas selbst bezahlen?“
„Nein, nicht einen Pfund. Alles ‚All Inclusive‘!“, gab Lindsay freudig bekannt.
„Nun denn, so erfüllt sich wenigstens Dein großer Wunsch: Feiern wir also dieses Jahr Silvester in Paris! Und ja, ich freue mich. Ich kann Dir doch sowieso nichts abschlagen und das weißt Du auch ganz genau! Nur schade, dass Sternchen nicht mitkommen kann …“
„Ach Dad, selbst wenn die Möglichkeit bestanden hätte, die Reise auf drei Personen aufzustocken, hätte ich nicht mitkommen wollen: Es sollten Eure zweiten Flitterwochen werden und da würde ich nur stören. Wir können auch noch nächstes Jahr Silvester zusammen feiern; nach so vielen Jahren getrenntem Feiern kommt es nun auf dieses eine Jahr auch nicht mehr an. Zudem werde ich mit Anabel genügend Spaß haben. Du weißt doch: Mit Annie wird es nie langweilig!“, scherzte Isabel.
Keith brummte. „Gerade deswegen mache ich mir ja Sorgen!“
„Keith“, sagte Lindsay und legte ihm ihre Hand auf seine. „Deine Tochter wird in gut zwei Monaten siebenundzwanzig; sie kann allein auf sich aufpassen und hochanständig ist sie doch sowieso!“
Keith seufzte erneut. „Ihr habt ja Recht, trotzdem fällt es einem Vater schwer loszulassen; ich habe mich nun einmal auf unser erstes gemeinsames Silvester nach so vielen Jahren einfach gefreut!“
Sofort kam Isabel herüber und legte ihrem Dad die Arme um den Hals. „Ich weiß, Papa. Wir holen das nach, versprochen! Ich hab Dich lieb.“
„Ach Sternchen …“
Während Isabels Eltern das Jahr 2011 in Paris verabschiedeten, begrüßten Isabel und Anabel in London, zusammen mit anderen jungen Leuten, auf einer Silvesterparty des Club Five das Jahr 2012. Als alle um Mitternacht auf die Straße gingen, um dem Feuerwerk beizuwohnen, wurde Isabel ein wenig melancholisch, da sie Neujahr ohne Harry erlebte. Er hatte bereits die Weihnachtsfeiertage mit seiner Familie in Sandringham verbracht und nunmehr waren alle im Buckingham Palast. Sie hatte zwar gehofft, ihn heute zu treffen, so wie letztes Jahr, doch bisher Fehlanzeige … Als sie daran dachte, wie das vergangene Jahr dabei allerdings endete, konnte sie nur mit dem Kopf schütteln.
Anabel versuchte natürlich, ihre beste Freundin aufzuheitern und abzulenken. Gemeinsam mit Alexander, Anabels Bruder und seiner Freundin Lucy standen sie mit Champagnergläsern auf der Straße und sangen und tanzten. So dass Isabel gar nicht anders konnte, als lachend mitzuziehen. Doch plötzlich blieb sie abrupt stehen und starrte auf den Bürgersteig auf der anderen Straßenseite. Sie glaubte, sich verguckt zu haben und schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie noch immer in zwei strahlende, mausgraue Augen. „Ich wünsche allen ein gesundes neues Jahr!“, rief Harry von der anderen Straßenseite zwar an alle gerichtet aus, doch er hatte nur Augen für seine Bell! „Hallo Glöckchen, auch Dir alles Liebe und Gute für 2012. Und jetzt schau mich nicht weiterhin an wie ein Auto, sondern komm verdammt noch mal her!“ Sogleich kam Isabel Harrys Aufforderung nach und fiel ihm sehnsuchtsvoll um den Hals. Ihre Lippen fanden sich zu einem nicht enden wollenden, innigen Kuss.
Plötzlich räusperte sich jemand hinter ihnen. „Ich will ja das turtelnde Paar nur sehr ungern stören, aber dürften wir vielleicht unsere Neujahrsglückwünsche auch noch loswerden?!“, fragte William. Jane stand neben ihm und grinste.
„Das hätte auch nicht noch fünf Minuten mehr Zeit gehabt?“, fragte Harry knurrend und hielt Isabel weiterhin fest an sich gedrückt.
„Nein, denn es ist ein wenig frisch und wir würden gerne in die warmen Räume des Clubs!“, erklärte Jane, die nur eine dünne Stola um die Schultern trug. Harry gab Isabel nur schweren Herzens für einen kurzen Moment frei. Doch kaum waren Jane und William ihre Wünsche losgeworden, zog Harry seine Freundin auch sogleich wieder zurück in seine Arme.
„Ich liebe Dich, Kätzchen!“, flüsterte er an ihren Lippen.
„Und ich liebe Dich! Möge uns das neue Jahr nur Glück bringen!“, gab Isabel bekannt.
„Das wird es; das wird es!“, prophezeite Harry und nahm seine Freundin an die Hand. Doch statt den anderen in den Club zu folgen, lief Harry mit Isabel an der Hand die Straße ein kleines Stückchen weiter rauf und blieb dann dort vor dem Schaufenster eines Reisebüros stehen und platzierte Isabel genau vor sich. Anschließend umarmte er sie von hinten und ließ seinen Kopf auf ihrer rechten Schulter ruhen. „Was würdest Du davon halten, wenn wir Ende Januar für zwei Wochen verreisen?“, fragte Harry vorsichtig.
„Der Gedanke ist sehr verlockend, doch wie stellst Du Dir das vor???“
„Ganz einfach, Du steigst am 27. Januar in ein Flugzeug und lässt Dich von mir in eine völlig andere Welt entführen. Und am 10. Februar kommst Du dann gut erholt wieder in London an.“
Isabel drehte sich zu Harry um und sah ihm verwirrt ins Gesicht.
„Dein Vater ist auf Tour, Deine Mum ist von der Idee begeistert und Anabel würde auch mitkommen. Du musst also nur noch ‚Ja‘ sagen …“, offenbarte Harry.
„Aber ich kann doch nicht für vierzehn Tage die Kita schließen!“, widersprach Isabel trotz alledem.
Harry grinste. „Auch an Deine sechs Rabauken habe ich gedacht. Sie würden in dieser Zeit von Deiner Mutter und Melissa, Marybeth’ ehemaligem Kindermädchen, betreut werden. Melissa hat auch auf Deine Kids aufgepasst, als wir in Freshwater waren. Sie freut sich schon riesig darauf, Deine Zöglinge wiederzusehen.“
„Aber den Flug hast Du noch nicht gebucht, oder?“, hakte Isabel nach.
„Nein, noch nicht. Aber es bedarf lediglich eines Anrufs und die Reise steht.“
„Da habe ich wohl keine Chance ‚Nein‘ zu sagen, oder?“, fragte Isabel rein rhetorisch.
„Nein, eigentlich nicht. Bell, Deine Mutter ist der Meinung, dass es Dir guttun würde, einmal rauszukommen. Und ich bin der gleichen Ansicht. Ich weiß von ihr zum Beispiel auch, dass Du noch nie England verlassen hast und Euer letzter Familienurlaub schon eine ganze Weile zurückliegt. Zudem wollte ich sowieso einmal richtig mit Dir verreisen. Warum nicht also jetzt?!“ Hoffnungsvoll blickte Harry Isabel an. Ihre Unsicherheit stand ihr ins Gesicht geschrieben. Harry strich ihr sanft über die Wange und erklärte völlig ruhig: „Ich kann Dich natürlich nicht zwingen und wenn Deine Antwort ‚Nein‘ sein sollte, dann lautet sie halt ‚Nein‘. Ich bin auch nicht enttäuscht oder böse auf Dich. Denn mir ist nur eines wichtig: Dass Du glücklich bist, Isabel!“
Isabels Miene hellte sich sogleich auf. Dafür entglitten Harry prompt die Gesichtszüge und er stellte sich auf eine Absage ein. Zu seiner Überraschung nickte Isabel jedoch nur freudestrahlend.
„Ist das ein ‚Ja‘?“, fragte Harry trotzdem noch einmal vorsichtig nach.
„Natürlich ist das ein ‚Ja‘! Glaubst Du wirklich, ich würde mir diese Gelegenheit entgehen lassen? Wer weiß, vielleicht ist es ja meine einzige Reise außer Landes?!“, sagte Isabel schlicht.
„Oh Bell! Solange Du mit mir zusammen bist, verspreche ich Dir eines: Es wird nicht die letzte Reise dieser Art gewesen sein! Eher solltest Du Dich bereits jetzt daran gewöhnen, dass Du des Öfteren einfach von heute auf morgen von mir zu einem Urlaub entführt werden wirst“, gab Harry vor Glück überschäumend von sich.
„Und ich kann Dich nicht davon abbringen?“
„Nein, definitiv nicht!“, bestätigte Harry Isabels Vorahnung.
„Also schön. Und wo soll es hingehen?“, fragte Isabel.
Harry grinste breit und tippte Isabel zärtlich neckend auf die Nasenspitze: „Das, meine liebe Bell, wird nicht verraten. Nur so viel: Dort, wo wir hinfliegen, gibt es viel Sonne und blauen Himmel!“
„Super, das kann ja dann so ziemlich überall sein!“
Harry lachte laut auf und zog Isabel fest in seine Arme. Zärtlich küsste er sie aufs Haupt. Anschließend liefen sie zurück zum Club und feierten noch bis weit in die frühen Morgenstunden in das neue Jahr hinein.
„Hallo, Erde an Isabel! Jemand da?“, rief Anabel und tippte ihrer Freundin an die Schulter. Isabel schreckte sogleich hoch. „Hey, ganz ruhig. Ich wollte Dir nur mitteilen, dass wir da sind.“ Fragend sah Isabel aus dem Taxifenster und las die großen Letter über dem Flughafeneingang: HEATHROW Airport. Isabel seufzte. „Alles in Ordnung mit Dir?“, fragte Anabel besorgt.
„Ja, alles okay. Ich habe nur die Nacht nicht schlafen können und nun bekomme ich die Quittung dafür“, gestand Isabel kleinlaut.
Anabel grinste nur. „Ach, das ist doch nicht schlimm, dann schläfst Du halt nachher im Flieger.“ Skeptisch sah Isabel zu ihrer besten Freundin herüber. „Hey Isa, fliegen ist nicht viel anders als mit einer Achterbahn zu fahren. Nach Wales bist Du doch auch geflogen und war es schlimm?“
„Nein, aber das war ja auch nur ein Kurzstreckenflug …“
„Und? Ob Du nun zwei Stunden im Flieger sitzt oder zwölf …“, erwiderte Anabel. Sogleich keuchte Isabel auf. Anabel kicherte und erwähnte: „Warts ab, wenn nachher Harry da ist, dann wirst Du eh alles andere vergessen. Also komm, lass uns das Gate F3.b finden. Nicht, dass wir zu spät kommen und der Flieger schon ohne uns abgehoben hat!“, scherzte Anabel weiter. Doch Isabel sah sogleich wieder panisch auf. Anabel schüttelte nur amüsiert den Kopf und nahm ihre Freundin an die Hand.
Kurz darauf wurden sie in einen privaten, hinter Milchglasscheiben befindlichen VIP-Wartebereich geführt. Außer drei schwarzen Lebercouchen und einem großen Plasmafernsehbildschirm war der Raum leer.
„Sind wir zu spät?“, fragte Isabel prompt.
Anabel kicherte. „Nein, eher zu früh. Soll ich uns mal einen Kaffee holen?“ Isabel nickte dankend und Anabel verschwand kurz hinter der Schiebetür. Zwei Minuten später überreichte sie Isabel eine Tasse Kaffee.
Isabel nahm einen Schluck und ging dann zum Fenster herüber, um sich das geschäftige Treiben im Airport anzuschauen, als sie plötzlich Tumult hinter sich vernahm. Ein großer schlaksiger Typ hatte Anabel von hinten umarmt und drückte ihr gerade einen feuchten Schmatz auf die Wange. Begleitet mit den Worten: „Ah, da ist ja schon meine Schöne! Darf ich Euch einen wahren Goldschatz vor …“ Doch weiter kam der junge Mann nicht, der sich die Frechheit herausgenommen hatte, Anabel zu nahe zu treten. Denn plötzlich traf ihn eine kleine, aber steinharte Faust mitten im Gesicht. Der junge Mann taumelte vor Schreck gleich zwei Schritte rückwärts und sah verwirrt in das Gesicht seines Angreifers. Vor ihm stand eine sehr attraktive junge Frau mit brünetten schulterlangen Haaren und funkelte ihn aus großen, dunkelbraunen Augen, die schon fast schwarz waren, wütend an; bereit, gleich noch einmal zuzuschlagen. Die Frau war nicht Isabel!
Isabel kam stattdessen sogleich panisch angerannt und rief: „Hey, hey! Nicht!“, und riss den Arm des anderen Mädchens herunter, bevor sie zu einem weiteren Schlag ausholen konnte. „Ehm, Annie, darf ich Dir Simon Bangs, Alex’ Arbeitskollegen und Harrys besten Freund, vorstellen?!“
Überrascht schaute Anabel zu dem jungen Mann mit der wilden goldblonden Mähne herüber. Simon wurde sogleich knallrot, während von der Tür ein überaus heiteres Kichern zu vernehmen war.
Isabel und Anabel blickten hinter Simon: Dort standen drei junge Frauen und zwei weitere junge Herren, denen es merklich schwerfiel, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.
„Ist ja schon gut, ihr könnt Euch wieder einkriegen!“, kam es zähneknirschend von Simon, der sich sein linkes Auge rieb und aus der Schusslinie ging.
Eine der jungen Frauen beruhigte sich als Erste wieder und kam breit lächelnd auf Isabel und Anabel zu. „Wenn ich mich kurz vorstellen dürfte: Carmen Donald, aber bitte nennt mich Cam. Du bist sicherlich Isabel. Angenehm. Übrigens, alle Achtung, solch eine Freundin hätte ich auch gern …“, sagte Carmen und reichte nunmehr auch Anabel die Hand.
Dann stellten sich Kevin Spencer und Emily Winters vor. Anabel nickte und nahm anschließend auch die Hand von Vivienne La Rouché und von Mitch Pierse entgegen, welche Isabel ihr vorstellte, da sie sie bereits auf Simons Geburtstagsparty kennengelernt hatte.
„Hallo“, sagte Anabel. „Schön, Harrys Freunde kennenzulernen.“ Danach drehte sie sich zu Simon um, der noch immer an der hinteren Wand stand und sich nicht traute, wieder vorzutreten. Anabel positionierte sich sogleich wieder vor ihm und sah ihn aus zusammengekniffenen Augen finster an.
„Bitte verzeih, das war nur ein Missverständnis! Ich wollte Dir nichts Böses tun, wirklich! Ich dachte, Du seist Isabel …“, versuchte sich Simon zu entschuldigen. Sofort ballte Anabel erneut die Hand zur Faust und ließ sie flink nach vorne schnellen. Simon kniff sogleich die Augen zu und wandte das Gesicht ab. Als er jedoch keinen weiteren Schlag vernahm, drehte er seinen Kopf vorsichtig wieder zu der jungen Frau. Ein süffisantes, breites Grinsen stand in ihrem Gesicht. Simon sah zu ihrer Hand herunter, die geöffnet war, um ihn mit einem Handschlag zu begrüßen.
Alles grölte los.
Verblüfft starrte Simon mit offenem Mund Anabel an. Reflexartig ergriff er dabei ihre ihm gereichte Hand zur Begrüßung und sagte: „Hallo, wenn ich mich noch einmal vorstellen dürfte: Simon Bangs, der beste Freund von Harry.“
„Angenehm, Anabel Baxtor, die beste Freundin von Isabel.“
Simon versuchte ein Lächeln, doch es war nicht mehr als eine unsichere Grimasse.
„Na, da hat doch wohl nicht jemand Angst vor einem Mädchen?!“, zog Kevin sogleich Simon auf. Unweigerlich musste auch Anabel schmunzeln und straffte die Schultern. Simon ging gleich automatisch wieder einen Schritt rückwärts und schlich sich dann schnell zu Isabel her-über, um auch sie begrüßen zu können.
„Was denn, was denn: Jetzt auch noch hinter einem anderen Frauenrock Schutz suchen?“, setzte Mitch noch eins drauf. Sogleich verfielen alle wieder ins Lachen.
Just in dem Moment kam Harry zur Tür hinein. Er strahlte, denn alle schienen sich auf Anhieb gut zu verstehen. Doch als Isabel, nachdem sie ihren Freund entdeckt hatte, sogleich hektisch zu ihm herübergelaufen kam, zog er die Stirn kraus und sah fragend in die Runde.
Kevin, Mitch, Cam, Emily, Vivienne und Anabel grinsten. Nur Simon sah betreten zu Boden und seine Wangen schimmerten rosa. „Simon!“, knirschte Harry mit den Zähnen.
„Lass bloß den armen Jungen in Ruhe!“, rief Emily. „Er hat seine Abreibung schon erhalten.“ Harry machte ein überraschtes Gesicht und sah zu Isabel herunter, die sogleich ihr Gesicht an seiner Brust verbarg.
„Anabel hat Simon bereits in seine Schranken gewiesen“, setzte Vivienne Emilys Äußerung fort.
Kichernd fügte Mitch hinzu: „Im wahrsten Sinne des Wortes!“
Fragend blickte Harry zu Anabel herüber, die nunmehr anstelle von Simon errötete.
„Hätte vielleicht irgendeiner von Euch einmal die Güte, mich komplett aufzuklären?“, fragte Harry, der aus den ganzen Andeutungen nicht recht schlau wurde.
„Ist es dafür nicht schon ein bisschen zu spät …?“, fragte Kevin amüsiert.
„Oh, Kevin. Der Witz ist uralt, und liegt bereits tot im Keller begraben!“, beschwerte sich Vivienne.
„Na und?!“, gab Kevin mit einem Schulterzucken von sich und setzte sich auf die in der Nähe stehende Couch. Emily und Carmen machten es ihm sofort nach und setzten sich zu ihm, während Vivienne Harry noch einmal hübsch ausgeschmückt erzählte, was er verpasst hatte.
Harry konnte sich bildhaft das Geschehene vorstellen und so hauchte er Isabel einen Kuss auf die Wange und lief dann zu Anabel herüber, die noch immer mitten im Raum stand und nicht so ganz wusste, was Harry von ihrem Eingreifen hielt. Doch zu ihrer Verwunderung verbeugte er sich tief vor ihr; begleitet mit den Worten „Ich danke Dir, endlich hat Simon einmal das geerntet, was er gesät hat!“
Nichtsdestotrotz wurde Anabel knallrot und sah mitleidig zu Simon herüber, der sich gerade wieder über sein linkes Auge strich. Es war leicht gerötet. Anabel verließ daraufhin flugs den Raum. Fragend sahen ihr alle hinterher.
Isabel wollte ihr gerade hinterherlaufen, als Anabel auch schon wieder zurückkam. In der Hand hielt sie einen Plastikbecher; gefüllt mit Eiswürfeln. Sie lief zu Simon herüber, schob seine Hand beiseite und strich zaghaft über seine linke Augenbraue. Simon verzog kurz das Gesicht, als Anabel ihm den Plastebecher ans Augenlid hielt. „Tut es sehr weh?“, fragte sie im Flüsterton.
Simon verzog das Gesicht abermals zu einer Grimasse. „Es ist wohl meine gerechte Strafe …“, erwiderte er. Anabel machte daraufhin ein besorgtes Gesicht. Simon lächelte sanft. „… aber ich werde es überleben. Danke für das Eis.“
Gebannt sahen alle dem Treiben von Simon und Anabel zu, als plötzlich die eingetretene Stille vom Piloten des Privatjets unterbrochen wurde und er die Herrschaften zum Boarding aufforderte.
Während alle aufsprangen und dem Piloten im Gänsemarsch folgten, ergriff Harry Isabels Hand und blieb mit ihr allein zurück. Sogleich zog er sie in seine Arme und küsste sie innig zur Begrüßung. Ein wenig überrumpelt sah Isabel anschließend verwirrt zu Harry auf.
„Du siehst müde aus. Ist alles okay?“, fragte Harry auch sofort.
Isabel zog eine Schnute. „Wenn man die Nacht nicht geschlafen hat, dann sieht man halt am Morgen ein wenig mitgenommen aus.“
„Und warum konntest Du nicht schlafen? Nur der allgemeinen Aufregung wegen?“, hakte Harry nach. „Oder weil Du erst einmal geflogen bist?“, erahnte Harry. Er erinnerte sich daran, wie nervös Isabel beim Rückflug aus Wales gewesen war und da lag es nahe, dass ihr das Fliegen ein wenig Bauchweh bereitete. Und es ärgerte ihn sofort, dass er das bei der Buchung der Reise nicht bedacht hatte. Besorgt sah er zu Isabel herüber, deren Wangen ein dunkles Rosa trugen.
„Es ist wohl von beidem ein wenig“, gestand daraufhin Isabel.
„Bell, ich bin bei Dir, hab keine Angst“, flüsterte Harry an Isabels Ohr und hauchte ihr zärtlich einen Kuss auf die Schläfe. „Im Grunde ist es doch nur der Start, der ein wenig unangenehm ist. Und den Hin- und Rückflug aus Wales hast Du doch auch überstanden. Dann wirst Du auch diesen Flug überstehen! An sich ist es doch nichts anderes als mit der Achterbahn zu fahren …“
„Das hat Anabel auch gesagt“, unterbrach Isabel ihren Freund.
„Na, siehst Du. Wir kriegen das hin!“, gab Harry optimistisch von sich.
„Harry, darf ich Dich etwas fragen?“
„Natürlich. Was möchtest Du wissen?“, kam es allerdings dann doch leicht besorgt von Harry.
„Ich war ein wenig irritiert, als mir plötzlich Simon und noch fünf weitere Deiner Freunde gegenüberstanden …“
„Du möchtest wissen, warum wir nicht allein verreisen?“, stoppte Harry Isabels umständliche Einleitung zu ihrer eigentlichen Frage und atmete innerlich auf. Isabel nickte und wurde rot. „Es gibt zwei Gründe, weshalb wir nicht alleine sind: Zum einen dienen uns meine Freunde gegebenenfalls als Ablenkungsmanöver vor neugierigen Blicken unerwünschter Paparazzi. Auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass uns überhaupt jemand verfolgen wird. Es weiß nämlich niemand, dass wir in wärmere Gefilde fliegen. Normalerweise sind wir Windsors zu dieser Jahreszeit in der Schweiz im Skiurlaub. William und Jane werden also ihre Freude an der Presse haben. Und zum anderen sind die sechs eine tolle Gesellschaft, mit der man viel Spaß haben kann. Außerdem muss ich gestehen, dass ich allein mit meinen Freunden verreist wäre, wenn Du mir Silvester eine Absage erteilt hättest. Aber bitte verstehe das jetzt nicht falsch: Seit ich beim Militär bin und Elisabeth, aufgrund ihres Alters, sich immer mehr aus den royalen Pflichten zurückzieht, sehe ich meine Freunde nur noch selten, so dass ich zumeist einen Urlaub mit ihnen verbringe“, erklärte Harry sachlich. „Aber keine Angst, wir zwei werden trotzdem genügend Zeit für uns alleine haben. Die anderen sechs wissen sich nämlich auch ohne meine Gegenwart gut zu amüsieren und ich denke, Anabel ist bereits vollkommen in die Cliquenwirtschaft aufgenommen! Der Einzige, der das Nachsehen hat, ist wohl Simon?! Aber da muss er jetzt durch! Also lass uns gehen und den anderen Gesellschaft leisten.“
Isabel nickte mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen, woraufhin ihr Harry sogleich noch einen innigen Kuss raubte, bevor sie das Flugzeug betraten.
„Na endlich! Die Turteltauben haben auch den Weg in den Flieger gefunden; wurde ja auch Zeit!“, beschwerte sich Mitch auch sogleich künstlich übertrieben heftig.
Harry warf daraufhin einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich weiß gar nicht, was Du hast? Dass ich innerhalb von ganzen zwanzig Minuten in den Flieger gestiegen bin, ist doch wohl neuer Schnelligkeitsrekord! Wenn ich da an das letzte Mal denke, wo ich Euch eine ganze geschlagene Stunde habe warten lassen …“
Sofort grölten Carmen, Vivienne, Emily und Kevin laut los und applaudierten. Harry grinste nur breit und führte Isabel in die letzte der drei Doppelsitzreihen. Dabei fiel ihm auf, dass weder Simon noch Anabel anwesend waren. „Sagt mal, hier fehlen doch noch zwei …“
Emily kicherte sofort und auch Vivienne grinste breit. Kevin räusperte sich und zeigte zum hinteren Teil des Fliegers, der durch einen Vorhang verborgen war. Harry hob irritiert die Augenbrauen.
„Ich glaube, das Eis war am Schmelzen …“, warf Cam in den Raum und erntete prompt lautes Gelächter von den anderen.
Isabel sah verwirrt zu den fünf in den Sitzreihen vor sich. Harry nahm Isabels Hand und zwinkerte ihr zu. „Mal schauen, vielleicht haben sich da doch noch zwei gefunden?!“
Überrascht starrte Isabel Harry an. Er zuckte aber nur mit den Schultern.
Just in dem Moment kam Anabel hinter dem Vorhang hervor. Sofort begannen die anderen von Neuem zu feiern. „Meine Güte, sind wir hier im Kindergarten? Ich dachte, ich hätte es mit erwachsenen, jungen Menschen zu tun … Also kriegt Euch wieder ein!“, kam es umgehend von Anabel, während sie sich Isabel und Harry gegenüber an den Fensterplatz setzte. Isabel sah ihre Freundin fragend an. Anabel verdrehte sogleich die Augen. „Mann, ich war nur zur Toilette; was kann ich dafür, dass Blondi dem gleichen Bedürfnis erlag?!“
Sofort errötete Isabel und sah verlegen auf ihren Schoß.
Als jedoch kurz darauf auch Simon wieder zum Vorschein kam, fiel nicht nur Isabel auf, dass sich Simon und Anabel kurz in die Augen blickten, bevor er sich in die Reihe vor ihnen zu Kevin und Mitch setzte, und Anabel ihn dabei mit den Augen verfolgte. Harry grinste und dachte sich seinen eigenen Teil.
Dann hieß es anschnallen und kurz darauf hob der Flieger ab. Während des Starts und auch noch eine ganze Weile danach hielt Harry Isabels linke Hand fest in seiner rechten. Es war still im Flugzeug. Doch kaum gingen die Signallampen für das Tragen der Sicherheitsgurte aus, kam wieder Leben in den Jet. Während die sechs Freunde ihre angeregte Unterhaltung von vorhin wieder aufnahmen, löste Harry Isabels Gurt und sah ihr verliebt in die Augen. „Und, war es schlimm?“ Isabel schüttelte den Kopf.
„Siehst Du, ich habe Dir doch gleich gesagt, dass Du Dir viel zu viele Sorgen machst!“, fügte Anabel hinzu. Isabel verdrehte genervt die Augen. Harry grinste und Anabel tat es ihm gleich.
„Ich möchte mich noch einmal herzlich für die Einladung bedanken“, sagte Anabel anschließend zu Harry.
Harry nickte lächelnd und sah dann zu Isabel herüber. „Mir war wichtig, dass Isabel noch jemanden bei sich hat, der ihr nahe steht. Außerdem hatte ich gehofft, dass Isabel so schneller ‚Ja‘ sagt.“ Anabel und Harry mussten unweigerlich wieder anfangen zu kichern.
Isabel zog schmollend eine Schnute; sie musste dann aber herzhaft gähnen. „Verzeihung.“
„Ach Glöckchen … Komm, mach einfach die Augen zu und schlaf ein wenig. Falls Dir kalt ist, bringe ich Dir gerne auch noch eine Decke“, erklärte Harry und stand bereits auf. Nachdem er Isabel eine Decke übergelegt hatte, fragte er lapidar in die Runde: „Hat jemand Hunger oder Durst?“ Sofort riefen seine Freunde bunt durcheinander, was sie alles gerne haben möchten. Harry seufzte und rollte mit den Augen.
Anabel grinste und erhob sich ebenfalls: „Komm, ich helfe Dir!“
Sie war jedoch nicht die Einzige, die sich gleichfalls erhob und Harry helfen wollte, und so rempelten Simon und Anabel unweigerlich aneinander. „Sorry!“, sagte Simon. Anabel grinste nur und folgte Harry. Simon blieb daraufhin stehen und sah ihr hinterher.
Plötzlich haute Kevin ihm auf die Schulter. „Na, Alter? Heißer Feger, was?!“ Simon sah seinen Freund an und schwieg. „Oh là là!“, rief sogleich Kevin von Neuem. Nunmehr sah Simon seinem Freund eindringlicher in die Augen. „Oh, okay! Ich sage ja schon gar nichts mehr …“, ergab sich Kevin, konnte sich jedoch ein breites Grinsen nicht verkneifen. Simon schüttelte verzweifelt den Kopf und setzte sich zu Cam, Emily und Vivienne. Die Mädchen strahlten Simon an und verdonnerten ihn sogleich zu einer Runde Poker. Natürlich ließen sich da die anderen zwei Männer nicht lange bitten und machten somit das Sextett wieder komplett.
Nachdem Anabel und Harry Sandwiches und Getränke verteilt hatten, standen sie in zweiter Reihe und beobachteten das spannende Pokermatch, während Isabel zwischenzeitlich friedlich eingeschlafen war.
„Simon, Du bist dran!“, rief Cam nun schon zum wiederholten Male. Er und sie waren die Letzten in der Runde, die übriggeblieben waren. Simon wurde prompt knallrot. Denn seit Anabel dem Spiel beiwohnte, konnte er sich nicht mehr richtig konzentrieren. Er gab das Spiel auf, obwohl er Spielmacher war und bislang die meisten Spielchips eingenommen hatte. Irritiert blickten alle auf Simons letztes Blatt und verglichen dieses mit Carmens Karten. Entsetzt blickten alle Simon an: Denn wenn er nicht aufgegeben hätte, hätte er gewonnen!
Simon sah irritiert auf die Karten. „Oh!“, war alles, was er darauf antwortete. Anabel schüttelte amüsiert den Kopf. Simon erwiderte ihr Lächeln und zuckte mit den Schultern.
„Okay, neue Runde; aber diesmal spielen Anabel und ich auch mit!“, warf Harry in den Raum und schon wurden die Karten neu gemischt. Um mehr Platz zu haben, wurden die mittleren Sitze abgeklappt und als Kartentisch missbraucht. Während es sich Simon, Emily, Vivienne und Anabel in den vier übrigen Sesseln bequemen machten, setzten sich die anderen vier schlicht und ergreifend auf den Fußboden.
Das Spiel war in die nächste heiße Phase gewechselt. Nur noch Simon, Carmen, Anabel und Harry waren im Spiel. Doch Harry verabschiedete sich kurz darauf und verlor durch einen dummen Anfängerfehler. Sofort zogen ihn alle gleich damit auf. „Schadenfreude ist wohl Eure Lieblingsbeschäftigung, was?!“, kam es Anabel in den Sinn.
Harry grinste, während Cam erklärte: „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen …“
„Okay, ich weiß Bescheid. Also dann, wer ist dran?“, fragte Anabel.
„Simon!“, riefen sogleich alle im Chor.
„Na, Blondi, dann sieh zu!“, provozierte Anabel Simon. Alles lachte.
Von der Geräuschkulisse erwachte Isabel wieder aus ihrem Schlaf. Sofort war Harry zur Stelle und gesellte sich zu seiner Freundin. Isabel kuschelte sich in seinen Arm. „Die anderen scheinen ihren Spaß zu haben?!“
„Ja, sie spielen Karten. Eine unserer Lieblingsbeschäftigungen, wenn wir aufeinandertreffen. Anabel mischt übrigens fleißig mit! Kannst Du pokern?“, fragte Harry.
Isabel schüttelte den Kopf. „Nee, das ist mir zu kompliziert. Mit meinen Eltern spiele ich ab und an mal Rommé, da ist das Zusammenrechnen noch überschaubar. Aber eigentlich ziehe ich andere Gesellschaftsspiele dem Kartenspiel vor.“
„Und welche wären das?“
„Ich mag Brettspiele ganz gern: Monopoly oder Mensch Ärger Dich Nicht finde ich klasse.“
„Monopoly finde ich auch toll. Wir werden sicherlich die Tage noch zu einer Runde Monopoly oder Rommé kommen. Und sonst, was magst Du sonst noch?“
„Dart und Billard finde ich ganz reizvoll, bin darin aber der volle Anfänger. Annie war mal eine ganze Weile vom Billard gar nicht wieder wegzukriegen. Sie ist richtig gut und ab und an geht sie nach Feierabend eine Runde spielen. ‚Um nicht aus der Übung zu kommen‘, sagt sie immer. Aber ihr Lieblingsspiel ist seit Kindertagen an Twister“, erzählte Isabel weiter.
Harry grinste breit. Twister, soso!
Während Harry seinen Gedanken nachhing, schloss Isabel abermals die Augen und döste noch ein wenig vor sich hin. Derweil war im vorderen Bereich des Flugzeugs das Pokerspiel in die spannende Endphase übergegangen. Da Carmen zwangsweise – sie hatte keinen Jeton mehr – aussteigen musste, saßen sich somit nur noch Simon und Anabel allein vis-à-vis und blickten sich tief in die Augen. Alle sahen gebannt zu Anabel und warteten darauf, dass sie den nächsten Schritt tat. Mit einem provozierenden und zugleich sehr entwaffnenden Lächeln schob sie alle ihre Jetons in die Mitte des improvisierten Spieltisches, außer einem 1.000-Dollar-Chip, den sie durch ihre rechte Hand immer auf und ab wandern ließ. Prompt standen Simon die Schweißperlen auf der Stirn und er rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her.
„Ich mache Dich doch wohl nicht etwa nervös, Blondi?“, hakte Anabel sogleich nach und schnipste dabei mit den Fingern ihren letzten unbedeutenden Chip in die Luft. Er landete exakt auf einem ordentlich aufgestapelten Jeton-Türmchen. Simon schluckte hart, während die Mädels unweigerlich zu kichern anfingen.
„Ruhe!“, herrschten die anderen zwei Jungs wie aus einem Mund die Störenfriede an.
„Ups, Sorry!“, flüsterte Vivienne.
Anabel grinste und schob ihr Kinn leicht nach vorn. Unsicher kaute Simon auf seiner Unterlippe und sah immer wieder zwischen seinen Karten und Anabel hin und her.
„Ey Alter, mach’ jetzt ja keinen Fehler! Unsere Ehre steht auf dem Spiel!“, kam es auf einmal überraschend von Kevin, der fast genauso nervös war wie Simon. Sogleich kicherten die Mädchen von Neuem.
„Ich sagte: Ruhe!“, rief Mitch erbost und schon war es wieder mucksmäuschenstill.
Simon pustete heftig die eingeatmete Luft wieder aus. Prompt fiel eines der Jeton-Türmchen um. Simon schluckte und sah abermals Anabel in die Augen. Ihr Gesichtsausdruck war nunmehr ernst und verschlossen. In ihren Augen konnte er jedoch lesen, dass sie bereits seine Karten kannte und nur noch darauf wartete, dass er entweder ein letztes Mal versuchte zu kontern, um das Blatt eventuell doch noch herumzureißen; was wohl im Grunde aussichtslos schien, oder eben kniff und gleich aufgab. Simon versuchte krampfhaft, sich an die bereits abgeworfenen Karten zu erinnern, um so herauszubekommen, welches Blatt Anabel haben könnte. Aber es gelang ihm einfach nicht. Verzweifelt gab er sich geschlagen, denn er war zu dem Entschluss gekommen: Wer so hoch pokerte, der konnte einfach nicht nur bluffen! Er ergab sich und deckte sein Blatt auf und hatte dabei klatschnasse Hände. Als die anderen sein Blatt sahen, hielten sie hörbar den Atem an, denn es gab nur noch ein einziges Blatt, welches höher war und sich gerade einmal nur mit drei Punkten unterschied. Alle Blicke waren nun auf Anabel gerichtet, die sich entspannt zurücklehnte, ein spitzbübisches Lächeln aufsetzte und ganz langsam ihr Blatt aufdeckte – Karte für Karte. Ihr Grinsen wurde dabei immer breiter, bis ihre schneeweißen Zähne aufblitzten und sie still vor sich hin lachte. Sogleich wich jegliche Farbe aus Simons Gesicht. Schadenfreude! Auch ohne auf ihre Karten zu schauen, wusste er nicht nur von den lärmenden Stimmen um sich herum, dass sie ihn eiskalt hereingelegt hatte.
„Hallo Simon, jemand zu Hause?! Ey Alter, hast Du eventuell irgendetwas zu Deiner haushohen Niederlage zu sagen?“, drang es langsam zu ihm durch. Verwirrt blickte er zu Kevin auf und dann warf er doch einen Blick auf Anabels erbärmliches Blatt. Ihm lief es prompt eiskalt den Rücken herunter. „Uhhh!“, rief er entsetzt aus.
Anabel lächelte nur verschmitzt und zuckte lapidar mit den Schultern. Dann klatschte sie sich in die Hände und stand auf. „Ich glaub, ich brauch jetzt ’ne Erfrischung!“, überlegte sie laut und stiefelte nach hinten in den Küchenbereich.
Sie wollte gerade ihr zweites Glas Orangensaft leeren, als Simon zu ihr hinter den Vorhang trat und ihr die Hand reichte. Fragend stellte sie das Glas wieder ab und legte ihre Hand in die seine.
„Gratulation. Ich habe bislang noch niemanden gesehen, der so gerissen spielt wie Du. Aber es hat Spaß gemacht. Danke für das großartige Spiel!“, sagte Simon offen und ehrlich.
„Immer wieder gern“, kam es lächelnd von Anabel. „Aber eigentlich hättest Du wissen müssen, worauf Du Dich bei mir einlässt …“
„Wieso, weil Du wie Dein Bruder spielst?!“, fiel es Simon prompt wie Schuppen von den Augen.
Sofort blitzten wieder Anabels schneeweiße Zähne hinter wunderschön geschwungenen dunkelroten Lippen auf. „Hart, aber fair.“
Simon grinste breit.
„Und, Blondi, Lust auf noch eine weitere Runde?“, fragte Anabel völlig entspannt.
Simon räusperte sich sogleich. „Ähhh, nein, danke. Ich glaube, zweimal hintereinander von gleich zwei Frauen abgezogen zu werden genügt fürs Erste.“ Anabel musste unweigerlich kichern. Simon stimmte mit ein.
„Durstig?“, fragte Anabel.
Simon nickte und sagte: „Ja, Dein O-Saft sieht ganz appetitlich aus.“ Anschließend griff er sich einfach ihr Glas vom Tresen und trank es umgehend vor Anabels Augen aus. Anabel entglitten daraufhin die Gesichtszüge und empört öffnete sie den Mund. Sie hatte jedoch bereits wieder vergessen, was sie auf dieses rüpelhafte Benehmen erwidern wollte.
Mit den Worten „Tja, hart, aber fair“ stellte Simon das leere Glas wieder auf die Arbeitsplatte und verließ mit einem Augenzwinkern den Küchenbereich.
Anabel starrte perplex auf den sich bewegenden Vorhang.
Nachdem dieser ausgeschwungen hatte, fing sie laut an zu lachen und wollte sich auch nicht wieder einkriegen. Fragend steckte Isabel ihren Kopf durch den Vorhang und blickte verwirrt ihre beste Freundin an. Diese schüttelte jedoch nur den Kopf und folgte Isabel zurück zu den anderen. Als sie Simon erblickte und er ihr ein verschmitztes Lächeln zuwarf, fing sie gleich wieder an zu lachen. Anschließend reichte sie ihm die Hand. Er nahm sie an und sah ihr dabei tief in die Augen.
Alle anderen Augenpaare blickten ebenfalls erwartungsvoll auf das sich vor ihnen präsentierende Bild.
„Touché!“, rief Anabel aus und schüttelte Simons Hand. Dieser grinste nur und dankte mit einem Kopfnicken. Anschließend setzte sich Anabel wieder auf ihren ursprünglichen Sitzplatz zu Isabel und Harry.
Simon wurde derweil von seinen anderen Freunden weiterhin entgeistert angestarrt. Er zog die Stirn kraus und fragte verständnislos: „Was???“
„Nichts“, kam es enttäuscht von seinen Freunden.
„Na, dann könnt ihr Euch ja jetzt wieder hinsetzen. Ich glaube, wir landen gleich!“
Daraufhin sah Isabel ganz automatisch aus dem Fenster. Unter sich erblickte sie türkisblaues Wasser und eine tropische Insel. Ein Paradies auf Erden!
Harry ergriff sogleich ihre Hand und nickte auf die stumm gestellte Frage. „Bist Du verrückt?!“, kam es umgehend von Isabel. Harry seufzte.
„Isa, statt Harry Vorhaltungen zu machen, solltest Du Dich lieber glücklich schätzen, überhaupt einmal hierhergekommen zu sein!“, kam Anabel Harry zur Rettung.
Isabel wurde unweigerlich knallrot. „Bitte verzeih!“
„Hey Glöckchen, schon wieder vergessen? Ich weiß von Deiner Mutter, dass ihr Canninghams nur schwer Geschenke dieser Größenordnung annehmen könnt. Aber wie bereits vor noch nicht allzu langer Zeit erwähnt: Gewöhne Dich jetzt schon einmal daran, denn ich verspreche Dir, dass dies nicht unser letzter Urlaub dieser Art gewesen sein wird! Also, entspann Dich und genieße stattdessen unseren ersten, gemeinsamen, richtigen Urlaub! Und wenn es Dich beruhigt: Die Reise war gar nicht so teuer wie Du es Dir wahrscheinlich gerade vorstellst …“
Isabel schloss daraufhin kurz die Augen und atmete tief durch, bevor sie sagte: „Danke.“
„Ach Bell, ich liebe Dich!“, flüsterte Harry an ihr Ohr und hauchte ihr anschließend zärtlich einen Kuss auf ihre Schläfe.
„Ich liebe Dich auch“, kam es kaum hörbar von Isabel, während sie vor Verlegenheit erneut errötete.
Kapitel 4
Der Privatjet landete am späten Nachmittag in der Nähe von Grand Baie auf der Insel Mauritius, die vor Madagaskar im Indischen Ozean lag. Es waren herrlich angenehme 28 °C, die Sonne schien und das Rauschen des Meeres war leicht zu hören, so dass Isabel ganz automatisch in Urlaubsstimmung kam. Sogleich machten die neun Freunde einen kleinen Abstecher in die Stadt, wo ein riesiges Getümmel auf den Märkten und Straßen vorherrschte. Den verschiedensten Nationalitäten konnten sie dort begegnen, auch wenn die meisten Einwohner Mauritius’ indischer Abstammung waren. Es herrschte ein farbenfrohes Treiben und die unterschiedlichsten Gerüche, angefangen von Zimt über Curry bis hin zu Chili und Pfeffer, stiegen ihnen in die Nasen. Während Harrys Clique vollkommen begeistert von dem vielen Durcheinander war und sich sogleich ins Getümmel stürzte, schüchterte Isabel das rege Treiben auf engstem Raum eher ein wenig ein. Doch Harry, Anabel und sogar Simon wichen nicht einen Zentimeter von ihrer Seite und so ließ auch Isabels Anspannung mit der Weile nach.
Nachdem das erste Sightseeing abgeschlossen war, machte sich die kleine Gruppe mit einem Kleinbus auf den Weg nach Péreybère, einem kleinen unscheinbaren Ort direkt an der Küste, wo sie im gleichnamigen Restaurant zu Abend aßen. Das Restaurant lag direkt an einem wunderschönen weißen Sandstrand unter Palmen und sie hatten einen wunderbaren Blick auf das Meer. Es gab mehrere Salatvariationen, eine riesige Schüssel voll Reis, verschiedenes Gemüse und dazu wurden Hähnchenfleisch und Fisch gereicht. Sie waren angekommen.
Nach dem Essen machten alle einen kleinen Spaziergang am Strand, wo sie zu späterer Stunde von einem kleinen Motorboot abgeholt wurden, welches sie zu einer großen Yacht brachte, die etwas weiter abgelegen im Meer vor Anker lag. Auf der Yacht fehlte es an nichts: Jeglicher Schnickschnack an Komfort, den sich Isabel nur vorstellen konnte, war vorhanden. Es gab einen riesigen Wohnsalon, in dem neben zwei Billardtischen ein großer Kartenspieltisch und gemütliche Couchen sowie eine kleine Kinoleinwand Platz fanden. Nebendran war eine separate Bar, die gleichfalls als zweites Wohnzimmer und als Esszimmer diente und natürlich waren ausreichend großzügig geschnittene Kabinen vorhanden, in denen nicht nur die neun Freunde und das royale Sicherheitspersonal untergebracht werden konnten, sondern auch die Mannschaft des Schiffes.
Und diese Luxusyacht sollte für die nächsten vierzehn Tage ihr Zuhause werden?! Wenn nicht das leichte Plätschern des Wassers zu hören gewesen wäre, hätte Isabel gänzlich vergessen können, dass sie sich auf einem Boot befand. Vielmehr hatte sie das Gefühl, in einem Clubhotel untergebracht worden zu sein, wie sie es schon oft im Fernsehen gesehen hatte. Sie saß gerade auf einer Couch in ihrer und Harrys riesiger Kajüte und blätterte durch einen Reiseführer über Mauritius, als es an der Tür klopfte. „Ja, bitte.“
„Stör ich?“, fragte Anabel.
„Nein, komm rein.“
„Bist Du allein?“
„Ja, Harry bespricht gerade den morgigen Tagesablauf mit der Security. Er hat vorgeschlagen, dass wir alles ganz langsam angehen und uns erst einmal an das veränderte Klima gewöhnen; er will mit uns einen ganztätigen Segelausflug auf der Isla Mauritia, einem Segelschiff aus dem Jahre 1852, unternehmen. Ist das nicht toll?!“, gab Isabel euphorisch von sich.
Anabel schmunzelte über die leicht kindliche Vorfreude ihrer Freundin. „Untergehen können wir aber nicht mit dem alten Kahn, oder?“
Isabel lachte auf. „Nein, das sicher nicht. Denn das Schiff wurde 1961 restauriert und ist seither eine sehr beliebte Touristenattraktion.“
„1961? Ganz taufrisch ist der Kutter dann ja trotzdem nicht mehr …“
„Annie!!!“, schimpfte Isabel. Doch Anabel schmunzelte nur.
„Du sagtest eben, dass wir mit dem Boot ganz sicher nicht untergehen werden; aber was passiert stattdessen?“, hakte Anabel nach.
Isabel grinste breit: „Das Schiff wird von einer ‚Piraten-Crew‘ geführt …“
Anabel rollte daraufhin mit den Augen, denn auf so eine Idee konnte auch nur Harry kommen! „Na, dann bin ich ja mal gespannt, was uns da zu erwarten hat. Weshalb ich aber eigentlich gekommen bin, war: Die anderen fragen, ob Du und Harry Lust habt, uns im sogenannten Spielzimmer Gesellschaft zu leisten oder ob ihr lieber für Euch allein sein wollt.“ Anabel errötete dabei leicht.
Isabel kicherte prompt. „Wir haben noch die ganze Nacht für uns allein. Klar kommen wir gerne zu Euch; schließlich will ich Harrys Freunde auch etwas besser kennenlernen. Du scheinst Dich ja schon ganz gut eingelebt zu haben und Dich prima mit ihnen zu verstehen?!“
Anabel nickte. „Ja, die sechs sind total nett und für jeden Spaß zu haben.“
„Harry meinte, mit ihnen wird es nie langweilig. Wir werden also bestimmt noch eine Menge zu lachen haben“, prophezeite Isabel. „Sag mal, was war das eigentlich heute im Flieger mit Dir und Simon? Irgendwie konnte ich dem nicht ganz folgen.“
„Ach, das war gar nichts. Wir haben uns einfach nur gut verstanden; nachdem wir das kleine Missverständnis von der Begrüßung aus dem Weg geräumt hatten.“
„Als Du ihm eine verpasst hast, dachte ich wirklich, ich sehe nicht richtig“, gestand Isabel.
Anabel wurde rot. „Woher sollte ich denn wissen, dass es sich bei Blondi nur um einen Freund von Harry handelt? Vor allem habe ich bislang noch nie erlebt, dass sich jemand die Frechheit herausnimmt, die Freundin seines besten Freundes so abzuknutschen und dabei hat er Dich dann auch noch mit mir verwechselt!“
Isabel grinste breit. „Ja, das ist Simon! Du hättest ihn mal bei seinem Geburtstag erleben sollen: Harry war kurz drauf und dran, ihm höchstpersönlich eine zu verpassen, weil er einfach nicht die Finger von mir lassen konnte. Aber Simon meint das nicht so, im Grunde ist er ein ganz Lieber; hat Dir denn Alex nie etwas von seinem Arbeitskollegen erzählt?!“
„Doch, schon, eben dass er ein sehr lebensfroher Mensch sei, bei dem man nie so genau weiß, was als Nächstes passiert. Der aber im Grunde ein hochanständiger Typ ist. Irgendwie ein bisschen widersprüchlich, findest Du nicht?!“, stellte Anabel fest.
Isabel lachte laut auf, während es erneut an der Tür klopfte. „Ja, bitte!“
Die Tür öffnete sich und kein geringerer als Simon steckte den Kopf durch die Tür. „Ah, hier sind die Damen! Es wurde schon eine Vermisstenanzeige aufgegeben …“
„Von Dir oder den anderen?“, fragte Anabel spitz. Simon errötete prompt. Just in dem Moment wurde die Tür ein weiteres Mal geöffnet und Harry trat ein. Er war ein wenig überrascht, Anabel und Simon vor sich stehen zu sehen, so dass er die Tür wieder öffnete und sicherheitshalber noch einmal auf die Zimmernummer schaute.
„Ehm, gibt es einen Grund, warum ich statt Isabel Euch zwei in meinem Zimmer vorfinde?“
„Ich bin hier, mein Schatz!“, rief Isabel und erhob sich von der Couch und drängelte sich zwischen Simon und Anabel zu Harry hindurch.
„Ist irgendetwas passiert?“, fragte Harry sogleich besorgt.
„Nein. Es ist alles bestens. Wir wollten gerade in den Salon gehen und eine Runde Billard spielen“, erklärte Isabel.
„Ach Du …“, kam es von Anabel. „Das habe ich ja schon Ewigkeiten nicht mehr gespielt.“
Sofort leuchteten Simons Augen auf. „Wie wäre es denn dann mit einem Doppel? Wir zwei Männer gegen Euch zwei Frauen …“, fragte Simon spontan. Da er ziemlich oft in einer Billardhalle anzutreffen war, erhoffte er sich somit einen Sieg gegen Anabel. Ungläubig schaute Harry zu ihm und Anabel herüber. Prompt trat ihm Isabel dezent auf den Fuß und sah ihn eindringlich an. Harry grinste und verstand den Wink mit dem Zaunpfahl sofort.
„Okay, Blondi. Abgemacht!“, ging Anabel auf die Herausforderung ein.
Simons Grinsen wurde sofort gehässig und er flüsterte Anabel ins Ohr: „Ich hoffe, Du weißt, worauf Du Dich da eingelassen hast?!“
Anabel schmunzelte nur in sich hinein und ergriff Isabels Hand und lief mit ihr voraus, ohne auf Simons Bemerkung etwas zu erwidern.
„Hallihallo, da sind wir wieder und ich habe auch gleich den fehlenden Rest mit im Schlepptau!“, begrüßte Anabel die anderen fünf Freunde von Harry, die bereits um einen der Billardtische herumstanden, wo Kevin und Mitch gerade gegeneinander spielten.
„Super! Wir wussten, auf Dich ist Verlass!“, ließ Vivienne stolz verlauten.
„Hey, was soll ’n das?“, fragte Simon sogleich protestierend. „Wenn ich nicht gekommen wäre, würden die zwei Weibsen noch immer wie zwei Glucken in Harrys Kämmerlein hocken!“
„Simon, Du vergreifst Dich im Ton“, warnte Harry.
„Blondi ist doch nur neidisch, weil er gerne gewusst hätte, worüber Isa und ich getratscht haben“, erwiderte Anabel und versuchte so, die Wogen wieder zu glätten. „Aber ich mache Dir einen Vorschlag, Blondi: Solltest Du uns im Billard schlagen, dann verrate ich es Dir höchstpersönlich – unter vier Augen, versteht sich!“
Sofort feixte die Menge begeistert und gesellte sich prompt um den zweiten Billardtisch. Kevin und Mitch vergaßen gänzlich ihr eigenes Spiel und reichten ihre Queues an Harry und Simon weiter. Anabel nahm sich derweil der Kugeln an und arrangierte sie nach Belieben buntdurcheinander im Triangel. Als Simon das sah, grinste er breit und ging zu Anabel herüber. „Wenn Du gestattest?!“, sagte er und übernahm die ordnungsgemäße Sortierung der Billardkugeln.
„Ich sagte doch, ich habe schon lange nicht mehr gespielt!“, erklärte Anabel naiv dreinblickend.
Isabel fing sogleich an, leise vor sich hin zu lachen. Harry knuffte ihr prompt in die Seite und sagte: „Ich würde sagen, Du, liebe Isabel, machst den Anstoß …“
„Super“, kam es wenig begeistert von Isabel.
„Ach Isa, das ist nicht schwer, hau einfach die weiße Kugel einmal über den Tisch zum bunten Haufen. Versuche aber dabei bitte die schwarze Acht nicht gleich mit einzulochen!“
„Na schön. Dann gebe ich mal mein Bestes“, seufzte Isabel und setzte zum Abstoß an. „Für Kratzer im Filzteppich übernehme ich aber keine Haftung!“ Sogleich fingen alle an zu kichern. Isabel schien wirklich eine miserable Billardspielerin zu sein. Sie staunten dann allerdings nicht schlecht, als Isabel bereits beim Anstoß gleich zwei halbe Kugeln versenkte. „Ups, das wollte ich nicht! Haben wir jetzt das Spiel verloren?“, fragte Isabel plump.
Anabel klopfte ihrer Freundin auf die Schulter. „Mach Dir mal keine Sorgen, das war gut. Aber es wäre schön gewesen, wenn Du die weiße Kugel draußen gelassen hättest.“ Fragend sah Isabel zu ihrer Freundin. „Denn jetzt sind die Herrschaften dran“, erklärte Anabel weiter. Isabel nickte verstehend und ihre Wangen schimmerten rosa.
Harry fragte, während er sich die weiße Kugel positionierte: „Kätzchen, hast Du überhaupt schon einmal Billard gespielt?“ Isabel räusperte sich und wandte sich beschämt ab. Harry kicherte amüsiert und ließ die weiße Kugel über den Tisch flitzen. Die rote Kugel prallte an die Bande und landete im Loch gegenüber. Simon grinste breit, denn nun war er an der Reihe. Er setzte an und versenkte die blaue Volle. Anabel zog eine Schnute, während Simon den Queue wieder an seinen besten Freund abgab. Harry lief einmal um den Tisch herum, gab Isabel im Vorbeigehen einen Kuss und stieß erneut ab. Grün fiel ins Loch. „Bell, Du bringst mir Glück!“
„Na toll!“, schnaubte Anabel wenig begeistert und lehnte sich spontan an den Tisch. Simon stand vor ihr und räusperte sich. „Was?!“, fragte Anabel verständnislos.
„Verzeihung, aber Du stehst im Weg …“
„Ich entschwinde ja schon!“, wetterte Anabel ein wenig gereizt.
„Annie, es ist doch nur ein Spiel“, erinnerte Isabel ihre Freundin.
„Ich hab aber keinen Bock, Blondi unsere Geheimnisse anzuvertrauen! Wenn die zwei so weitermachen, haben wir verloren, noch bevor ich überhaupt einmal zum Zug kam!“, beklagte sich Anabel. Simon musste unweigerlich kichern und verschoss dabei die weiße Kugel. Sogleich hellte sich Anabels Gesicht wieder auf. „Na endlich!“
„Na, dann zeig mal, was Du kannst!“, provozierte Simon Anabel.
„Dann pass mal auf …“, sagte Anabel siegessicher und positionierte sich die weiße Kugel an einer Stelle, an der keiner der restlichen Anwesenden jemals auf die Idee gekommen wäre, die Kugel hinzusetzen.
Simon entglitten sogleich die Gesichtszüge, denn ihm schwante Schlimmes. Und so war es dann auch: Anabel ließ die weiße Kugel kreuz und quer über Bande rollen und versenkte dabei vier Halbe auf einmal. Sofort jubelten die fünf Zaungäste.
Nun war Isabel wieder am Zug. Sie sah betrübt auf den Spieltisch, denn die weiße lag mehr als nur ungünstig, um die letzte halbe Kugel einlochen zu können. Harry hatte Mitleid und wollte Isabel einen kleinen Tipp geben, wo sie sich am besten hinstellen sollte, um an ihre Kugel heranzukommen. „Das ist jetzt nicht Dein Ernst!“, rief sogleich Simon aufgebracht. „Die zwei ziehen uns ab und Du willst denen auch noch zum vorzeitigen Sieg verhelfen?!“
Harry seufzte und sah mit einem Schmollmund seiner Freundin in die Augen. Zärtlich strich sie ihm über die Wange. „Ich krieg das schon hin; irgendwie …“ Ganz überzeugt klang Isabel jedoch nicht.
„Du machst das schon“, war alles, was Anabel Isabel zurief, als sich ihre Blicke trafen und Anabel ihr zuzwinkerte. Isabel verstand und vergab den Stoß. Harry war dran und schnipste eine Kugel ins Ziel. Simon tat es ihm gleich und lochte ebenfalls eine seiner vollen Kugeln ein. Anschließend war wieder Harry am Zug. Er lochte rein zufällig dabei gleich zwei Kugeln auf einmal ein und war von seinem Können selbst ein wenig überrascht. Denn sie waren nun den beiden Frauen gegenüber im Vorteil; sie brauchten jetzt nur noch die schwarze Acht einzulochen und schon hätten sie das Spiel gewonnen! Leider war Harrys letzte Kugel mittig ins Loch gefallen, so dass sie nunmehr gezwungen waren, über Bande zu spielen, um die schwarze Kugel in dem gegenüberliegenden Loch in der Mitte zu versenken.
Simon brummte. „Super!“
„Hey, sorry! Meinst Du, ich hab das mit Absicht gemacht?!“, beschwerte sich Harry auch sogleich.
Anabel grinste. „Was, ist das Loch zu schwer für Dich, Blondi? Erst große Töne spucken und dann kneifen? Na los, Großmaul, zeig, was Du kannst!“
Simon verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Alles lachte auf. Derweil atmete er noch einmal tief durch und überlegte, wie er am besten an die schwarze Acht herankommen könnte, um sie mit einem Stoß zielgenau einzulochen. Sein Ansatz war gut. Aber leider haperte es an der Umsetzung, denn statt die Acht ins Ziel zu bringen, versenkte er die letzte halbe Kugel der Mädels im Eck. „Danke“, sagte Anabel gelassen.
„Ach, verdammt!“, wetterte Simon und haute wütend auf den Tisch.
„Simon, es ist nur ein Spiel!“, erinnerte ihn Harry breit grinsend. Er erntete jedoch daraufhin nur einen bösen Blick. Denn jetzt war Anabel wieder an der Reihe und er wusste, dass sie jetzt die Kugel mit einem simplen Stoß im Eck versenken würde. Die weiße Kugel lag genau in einer Geraden im anderen Eck und selbst Isabel, die keine Ahnung vom Billard hatte, würde die Kugel schlicht einlochen können!
Als Anabel sich jedoch genau entgegensetzt zur weißen Kugel stellte und abspielte, schaute er überrascht zu ihr herüber. Was er dann sah, verschlug ihm die Sprache: Denn Anabel spielte über Bande die schwarze Acht so an – die sodann in ihrem Eck verschwand; damit hatten die Mädchen das Spiel gewonnen –, um anschließend über eine weitere Bande die weiße Kugel auf dem Tisch genau vor dem mittleren Loch, wo Simon die Acht hätte einlochen müssen, zum Stehen zu bringen. Alles grölte auf und umjubelte Anabels Können. Nur Simon stand auf seinen Queue gestützt und sah Anabel entgeistert an. Wieder hatte sie ihn hereingelegt! Als Anabel ihn jedoch mit einem sanften Blick in den Augen anlächelte, bekam er überraschenderweise eine wohlige Gänsehaut und wandte daraufhin verlegen den Blick ab.
Mitch und Kevin nahmen anschließend ihr Spiel wieder auf und auch Vivienne und Cam entschlossen sich zu einem Spiel, während sich die anderen einen Drink in der gemütlichen Couchecke genehmigten.
Simon erwachte am nächsten Morgen noch vor seinem rechtzeitig gestellten Wecker. Da er nicht wieder in den Schlaf zurück fand, beschloss er, eine Runde im Meer schwimmen zu gehen. Er zog sich um und lief dann zum Heck der Yacht, um mit einem Köpper in das einladende kühle Nass einzutauchen. Doch zu seiner Überraschung war er nicht der Erste, der wach war und die gleiche Idee gehabt hatte. Denn an einer Leiter stieg gerade Anabel wieder aus dem Meer und ließ sich von einem der Sicherheitsmänner ein Handtuch reichen.
„Guten Morgen“, begrüßte Simon Isabels beste Freundin.
„Oh, guten Morgen. Na, willst Du auch eine Runde schwimmen gehen?“, fragte Anabel freundlich lächelnd.
„Ja, das war mein Plan“, antwortete Simon und biss sich anschließend auf die Zunge. Denn er fand seine Antwort mehr als plump.
Dementsprechend erwiderte Anabel, als nichts weiter von Simon kam: „Na, dann lass Dich nicht aufhalten!“, und wandte sich zum Gehen.
„Ehm, warte mal!“
„Ja?!“, fragte Anabel hoffnungsvoll.
Simon kratzte sich nervös am Kopf. „Falls Du noch nicht zu sehr geschafft bist von Deinem Bad im Meer; hast Du da vielleicht Lust, mir Gesellschaft zu leisten und noch eine Runde im Meer zu schwimmen?“, fragte Simon und wurde knallrot.
Anabel lächelte. „Ja, gern.“
„Schön“, gab Simon verlegen von sich.
„Wer zuerst an der roten Boje ist!“, rief Anabel und sprang sogleich daraufhin erneut in die Fluten. Simon brauchte einen Moment, bis er verstanden hatte, was Anabel gesagt hatte.
Er wollte soeben ins Wasser hechten, als er plötzlich von Mitch und Kevin überholt wurde, die mit einer Arschbombe ins Wasser plumpsten. Simon seufzte und wollte sich wieder zum Gehen abwenden, als er auch schon von Carmen, Vivienne und Emily ins Wasser geschubst wurde. Die drei Mädchen lachten laut auf, fassten sich an den Händen und sprangen ebenfalls hinterher. Simon tauchte ab und wollte so der illustren Meute entkommen, doch schon hing ihm Vivienne an den Schultern. Simon gab auf und balgte sich mit seinen Freunden im Meer.
Anabel war zwischenzeitlich an der Boje angekommen und wandte sich um, um zu schauen, wo Simon blieb. Als sie ihn jedoch stattdessen zwischen seinen Freunden entdeckte, schwamm sie enttäuscht zum Boot zurück, stieg an der seitlichen Treppe wieder aus dem Wasser und verschwand in ihrer Kajüte. Kurz darauf klopfte es an ihrer Tür. „Ja?!“
„Guten Morgen, Annie. Und, gut geschlafen?“, fragte Isabel.
„Ja, danke, gut. Und selbst?“
„Ja, ich habe die Nähe zu Harry die Nacht über sehr genossen. Es ist ein wunderschönes Gefühl, wenn man von dem leichten Schaukeln des Bootes und dem sanften Plätschern der Wellen in den Schlaf gelullt wird. Wenn Dich dann auch noch der Mann Deiner Träume in den Armen hält …“, erzählte Isabel schwärmerisch.
Anabel lächelte traurig.
„Hey, was ist ‘n los?“, fragte Isabel besorgt.
„Ach, es ist nichts.“
„Annie! Irgendetwas bedrückt Dich doch, das sehe ich Dir an der Nasenspitze an!“, hakte Isabel nach. Anabel seufzte. „Hat es was mit Simon zu tun?“
„Blondi??? Wie kommst Du denn auf den Blödsinn?“, wehrte Anabel ab.
„Och, war nur so ein Gedanke, denn Simon läuft auch ein wenig kopflos durch die Gegend …“
Anabel sah fragend und interessiert zugleich auf.
„Na los, lass uns zum Frühstück gehen. Vielleicht magst Du mir ja danach erzählen, was an Dir nagt?!“, bestimmte Isabel und zog ihre Freundin auf ihre Beine und ging mit ihr gemeinsam in die Bar, wo das Frühstücksbüffet aufgebaut war. Kevin, Mitch, Vivienne, Carmen und Emily saßen bereits an einem runden Couchtisch und ließen sich das Frühstück schmecken. Harry stand am Büffet und füllte sich gerade seinen Teller, als Isabel und Anabel den Raum betraten. Simon fehlte.
„Einen wunderschönen guten Morgen“, begrüße Harry Isabels Freundin.
„Guten Morgen.“ Mit einem Blick auf das reichhaltige Büffet sagte Anabel: „Du meine Güte, wer soll denn das alles essen?“
„Tja, an Bord sind nun einmal vier Männer und wenn ich mich recht entsinne, kannst auch Du eine ganze Menge verdrücken … Demnach wurde ein bisschen mehr aufgetischt.“ Anabel schnaufte beleidigt. Harry grinste und erwähnte: „Zudem haben wir heute einen längeren Ausflug vor uns. Somit ist es auch für Euch Frauen ratsam, sich vielleicht eine Stulle mehr zu schmieren. Denn vor dem frühen Nachmittag werden wir wohl nicht wieder an Land gehen“, erklärte Harry. Anschließend nahm er seinen Teller und gesellte sich zu seinen Freunden. Kurz darauf folgte ihm Isabel, während Anabel noch am Büffet stand und sich in aller Ruhe ihre Brötchen schmierte und mit Salat, Wurst und Käse und anderen kleinen Dingen belegte.
„Das sieht aber lecker aus“, kam es plötzlich von Simon, der neben sie getreten war. Sogleich verging Anabel das Lächeln wieder, welches sie bis eben noch auf den Lippen beim Garnieren ihrer Schnittchen gehabt hatte. „Bitte entschuldige, dass ich Dich vorhin allein zurückgelassen habe. Aber die anderen fünf können manchmal wie Kletten sein!“
„Schon okay“, sagte Anabel knapp und wandte sich ab.
Simon griff ihr sogleich an den Oberarm und hielt sie damit vom Weitergehen ab. Fragend sah Anabel zu ihm auf. „Du bist sauer, hab ich Recht?“
Anabel zuckte nur mit den Schultern, antwortete dann aber: „Du hast mich gefragt, ob ich mit Dir schwimmen gehe … Nicht ich Dich!“
Simon sah betrübt zu Boden und ließ Anabel wieder los.
Während Anabel sich zu ihrer Freundin und den anderen setzte, blieb Simon am Büffet stehen und naschte mal von hier und mal von dort. Hunger hatte er jedoch keinen mehr.
Nach dem Frühstück zogen sich alle in ihre Zimmer zurück und machten sich für den Ausflug fertig. Eine halbe Stunde später wurden sie völlig überraschend von illustren Piraten gekidnappt. Während den Mädchen spielerisch die Hände gefesselt wurden und sie auf einer Pritsche Platz nehmen mussten, wurden die Jungs dazu verdonnert, beim Segelhissen zu helfen. Da dies ein recht anstrengendes und kräftezehrendes Unterfangen war, wurde ihnen auch sofort klar, warum die Seemänner solch starke, muskelbepackte Oberarme hatten. Der Kapitän schien jedoch mit der Arbeit der sechs jungen Burschen ganz zufrieden zu sein, denn sie durften anschließend ihre Mädchen befreien und sich zu ihnen setzen. In einem lustigen Singsang stellte der Kapitän der Isla Mauritia sich und seine Crew vor. Dann ging es weiter aufs Meer hinaus.
Während der Oberpirat einiges zur Geschichte des Segelschiffes und der nunmehr wunderbar anzusehenden Nordwestküste der Insel zu erzählen hatte, war plötzlich ein lautes Magenknurren zu vernehmen und alle drehten sich prompt zu Simon um, der sogleich knallrot wurde. Verlegen sah er auf die Holzbohlen vor seinen Füßen, als ihm auch schon ein Sandwich hingehalten wurde. Er sah auf und blickte in das liebliche Gesicht von Anabel. „Nun nimm schon und iss!“, drängte sie.
„Danke“, kam es mit hochrotem Kopf von Simon.
Anabel schmunzelte nur und schüttelte dabei den Kopf. „Du hättest halt ein wenig mehr essen sollen als eine Scheibe Schinken und ein paar Weintrauben.“
„Du hast mich beobachtet?!“, fragte Simon verdutzt. Nun war es Anabel, die sich räuspern musste und errötete. Simon lächelte.
Vor der Küste von Baie du Tombeau setzte einige Zeit später dann das Schiff seinen Anker und die neun Freunde hatten die Möglichkeit zu schnorcheln und die Unterwasserwelt zu beobachten. Mit einem kleinen Ruderboot ging es anschließend an den Strand, wo sie zu Mittag typisch kreolische Gerichte vorgesetzt bekamen wie Fischcurry und Fleisch mit Auberginen, dazu gab es Salat und Baguette. Den Nachmittag verbrachten sie dort mit Sonnenbaden und Spaziergängen am Strand, bis es wieder zurück zur Isla Mauritia ging. Jedoch mussten nun wieder die Jungs ran und das Boot zum Schiff zurückrudern; sehr zur Erheiterung der Mädchen und der fünf Piraten, die mitgekommen waren. Als sie in die Nähe des Segelschiffes kamen, wurden sie bereits mit heiterer Musik und Gesang begrüßt: Es wurde Gitarre gespielt, auf Trommeln gehauen und sogar eine Triangel wurde angeschlagen. Alle hatten ihren Spaß und sie tanzten angeregt zu den rhythmischen Klängen der Piraten, während es langsam zurück zu ihrer eigenen Yacht ging. Völlig geschafft vom Tag fielen dann alle recht zeitig in ihre Betten.
Am nächsten Tag schipperte die Yacht zum Küstendorf Point aux Piments, wo sie an Land gingen, um sich im Mauritius Aquarium, welches ganze fünf Gebäude umfasste, bestehend aus mehreren Becken und Bädern, die reichhaltige Artenvielzahl von 150 verschiedenen Wassertieren, welche rings um Mauritius lebten, anzusehen. Sie wohnten sogar der Fütterung von Haien, Schildkröten und Muränen bei. Jedoch hatten sie ihren meisten Spaß beim Touchpool, in welchem normalerweise Kinder die weniger gefährlicheren Meerestiere anfassen konnten. Doch Kevin, Mitch und Simon waren kaum wiederzuerkennen. Harry und die fünf Mädchen amüsierten sich köstlich über die drei anderen Jungs; während Anabel alles mit ihrer Fotokamera festhielt.
Danach fuhr sie der Kleinbus nach Trou aux Biches, wo sie am kilometerlangen Sandstrand zu Mittag aßen und sich anschließend die Zeit mit Schwimmen, Schnorcheln und Spazierengehen vertrieben. Als sich die Männer am Nachmittag dazu entschlossen, eine Runde Tennis im nahegelegenen Hotel zu spielen, verabredeten sich die Frauen spontan zu einer kleinen Shoppingtour.
„Na, wie war Dein Nachmittag: Hast Du was Schönes für Dich beim Shoppen gefunden?“, fragte Harry Isabel am Abend, als sie zurück an Bord der Yacht kam.
„Ja! Ich habe mir eine kleine Schnitzerei aus Treibholz, das vom Meereswasser gänzlich weißgewaschen wurde, gekauft“, erzählte Isabel und reichte Harry ihre neuste Errungenschaft: Ein auf einer Welle reitender Delphin.
„Hübsch. Freilebenden Delphinen werden wir im Übrigen auch noch in den nächsten Tagen begegnen“, sagte Harry. „Und was ist das andere, was Du da hast?“
„Das ist ein Buch über die Vegetation und Tierwelt auf und um Mauritius. Ich habe es für meine Eltern mitgenommen. Dort sind Tausende von wunderschönen Farbfotos davon abgelichtet; diese Farbpracht schafft noch nicht einmal Anabel mit ihrer Profikamera in Bild festzuhalten! Mein Dad interessiert sich sehr für solche Sachbücher.“
Auf einmal lächelte Harry seine Freundin breit strahlend an.
„Was ist?“, fragte Isabel unweigerlich daraufhin.
„Es ist nichts. Ich freue mich einfach nur, dass es Dir hier zu gefallen scheint“, gestand Harry und zog sie in seine Arme.
„Oh Schatz, das hier ist der Wahnsinn!“, seufzte Isabel. „Danke noch einmal dafür, dass Du mir diese wunderbare Reise ermöglicht hast.“
„Gern geschehen. Und wenn ich Dich damit glücklich machen kann, bin ich auch glücklich!“
„Und wo geht es morgen hin?“, fragte Isabel, nachdem Harry wieder von ihren Lippen abließ und sie zum Luftholen kam.
„Ich dachte mir, wir machen einen Abstecher nach Pamplemousses: Dort befindet sich der Sir Seewoosagur Ramgoolam Botanische Garten. Auf seinem 37 Hektar großen Gelände kannst Du eine unsägliche Vielfalt von rund 800 verschiedenen Pflanzen bestaunen, wie zum Beispiel die Victorial Regia, einer gigantischen Wasserlilie aus dem Amazonas. Es wird behauptet, dass man auf ihre Blätter ein Kleinkind gefahrlos setzen kann, ohne dass es unter geht. Eine Elfe ginge natürlich auch“, kam es Harry prompt in den Sinn. Isabel grinste und kuschelte sich daraufhin sogleich wieder in die Arme ihres Freundes. „Ein weiteres Phänomen sind auch ihre Seerosenblüten: Sie blühen nur einen ganzen Tag. Am Morgen sind die Blüten weiß und zum Abend hin haben sie sich dann lila verfärbt“, erzählte Harry einfach weiter. „Leider wird alles andere schlichtweg nur grün sein, da die eigentliche Blütenzeit bereits vorüber ist“, kam es leicht betrübt von Harry. „Die war nämlich Ende Oktober/Anfang November. Aber die beachtliche Anzahl von 80 verschiedenen Palmenarten ist auch nicht zu verachten!“
Isabel schmunzelte. „Du bist süß.“
Harry erwiderte Isabels Lächeln. „Du auch und Du schmeckst auch so!“ Isabel errötete leicht. „Übrigens, anschließend fahren wir zur L’Abenture Du Sucre, einer Zuckerfabrik, wo wir ganze 15 verschiedene Zuckerarten probieren können. Auf Mauritius wurde früher fast nur ausschließlich Zucker angebaut und noch heute ist Zucker eines der Exportgüter. Da fällt mir ein, in dem Museum, das es dort gibt, sind neben Informationstafeln auch kindergerechte aktive Bereiche aufgebaut; da können sich dann wieder Kevin, Mitch und Simon austoben und an Zahnrädern drehen, Knöpfe drücken oder an Rohren hören …“ Isabel lachte unweigerlich laut auf und Harry stimmte mit ein. „Außerdem kannst Du von dort als Souvenir Gewürze mitbringen; Dein Vater kocht doch so gerne!“
„Das klingt wirklich toll!“
„Na dann. Lass uns mal zu den anderen gehen. Die vermissen uns bestimmt schon; oder denken sich halt ihren Teil“, überlegte Harry.
Als die beiden die Bar betraten, schallte ihnen lautes Gelächter entgegen, denn die anderen sieben waren gerade damit beschäftigt, eine Runde Twister zu spielen und Simon, Anabel und Kevin standen bereits arg verknotet und verbogen auf der Spielmatte; kurz vor dem Zusammenbrechen oder Umkippen. Sehr zur Erheiterung aller!
Kapitel 5
Am Dienstag ruhte die Yacht im Hafen von Port Louis und die neun Freunde machten auch sogleich einen Abstecher in die Hauptstadt von Mauritius, wo es die zweitälteste Pferderennbahn der Welt, den Marithius Turf Club, gab. Anschließend ging ihre Sightseeing-Tour per Kleinbus nach Domaine Les Pailles, wo sie nochmals in die mauritische Kultur, angefangen von dem gesamten Prozess der Zuckergewinnung, über den Gewürzgarten bis hin zur hauseigenen Rumfabrik eintauchen konnten. Vor Ort aßen sie dann zu Mittag, ehe es weiter nach Quatre-Bornes zu einer kleinen Shoppingtour ging, wo sich nun auch die Jungs mit Souvenirs für Daheim eindeckten.
Da sie sich in kleine Grüppchen aufgeteilt hatten, stiefelten Kevin und Mitch, gefolgt von Vivienne, Carmen und Emily, denen wiederum Harry und Isabel – mit Security im Schlepptau – folgten, durch den Ort. Simon bildete mit Anabel das Schlusslicht. Er hatte noch etwas bei ihr gutzumachen und bot sich daher als ihr Begleiter an, als Anabel zu der Ansicht gekommen war, dass Harry und Isabel mal ein wenig Zeit für sich allein haben sollten. Die Straßen waren aufgrund des Wochenmarktes leicht überfüllt und so kam es, dass Simon spontan Anabel an die Hand nahm; natürlich nur, damit sie nicht verloren ging. Doch sogleich schnellte nicht nur ihr Puls in die Höhe. Als Simon daraufhin Anabel ansah, leuchteten ihre Augen und ihm wurde warm ums Herz. Es fühlte sich gut an, Anabels zarte, weiche Haut in seiner Hand zu spüren. So schlenderten sie einvernehmlich über den Markt und durch die Hallen, wo ihnen so gut wie alles erdenklich Mögliche feilgeboten wurde. Am Stand eines Inders, der neben bunten Stoffen auch farbenfrohe Saris verkaufte, blieben beide gleichzeitig stehen: Ein dunkelblauer, seidiger Sari, der mit kleinen silberfarbenen Sternen bestickt war, war beiden sogleich ins Auge gefallen. Anabel sah Simon fragend an.
Er nickte ihr lächelnd zu. „Der würde Dir bestimmt gut stehen.“
Unschlüssig schaute Anabel abermals zu dem Sari.
„Sie können ihn gerne einmal anprobieren, um so auch gleich die Wickeltechnik kennenzulernen“, mischte sich der Verkäufer hilfsbereit ein.
„Ich würde ihn auch gerne einmal an Dir sehen wollen“, flüstere Simon an Anabels Ohr. Sie bekam prompt eine wohlige Gänsehaut und folgte unweigerlich dem Verkäufer ins Geschäft.
Während Anabel damit beschäftigt war, sich in die Stoffbahnen des Saris zu wickeln, sah sich Simon am daneben befindlichen Stand um: Ein Schmuckhändler.
Als Anabel zur Begutachtung wieder vor den Laden trat, starrte Simon sie nur mit einem „Wow!“ auf den Lippen an. Es kribbelte in seinem Bauch und ihm wurden prompt die Knie weich. Anabel blickte ihn fragend an. Daraufhin setzte Simon ein begeistertes Lächeln auf und nickte zur Bestätigung, dass sie den Sari ja nehmen sollte. Sie erwiderte sein Lächeln, was ihn beinahe gleich wieder aus der Bahn warf. Doch Anabel bekam davon nichts mit, denn sie hatte sich nun umgedreht, um den Verkäufer überhaupt erst einmal nach dem Preis zu fragen. Sofort lag Simons Hand auf ihrer Schulter. „Lass mal, das mach ich.“ Irritiert drehte sich Anabel wieder zu ihm um. „Ich möchte Dir gerne diesen Sari schenken; wenn Du gestattest?!“, war seine schlichte Erklärung. Anabel öffnete den Mund, doch es kam nichts heraus. Dafür schimmerten ihre Wangen tief rosa und sie sah verlegen nach unten. „Ich werte das als ein ‚Ja‘“, neckte Simon Anabel. Sofort blickte sie wieder auf. Doch Simon lächelte sie nur an und seine sonst so himmelblauen Augen hatten die Farbe eines türkisschimmernden Topases angenommen. Anabel konnte nur noch ein geflüstertes „Danke“ herausbringen.
Hand in Hand liefen sie anschließend weiter durch die Hallen und kauften hier und da noch Kleinigkeiten für sich oder ihre Familien ein. Als sie jedoch in die Nähe des Treffpunktes kamen und Sicht auf die anderen erhaschten, entzog Anabel sogleich Simon ihre Hand und nahm ein wenig Abstand zu ihm. Ein Blick zu ihr herüber und auf ihre rosa schimmernden Wangen genügte, um zu verstehen. Simon schluckte hart, sagte aber nichts.
Es ging nun weiter mit dem Bus nach Curepipe, in dessen Umland sich der Krater eines erkalteten Vulkans, dem Trou aux Cerfs, befand. Einer von mehreren Vulkanen auf der Insel, die davon Zeugnis ablegten, woraus Mauritius ursprünglich entstand. Die neun Freunde staunten nicht schlecht und waren fasziniert von der Mischung aus grauem Vulkangestein und dem saftigen Grün der Vegetation drum herum. Wieder einmal zeigte sich Mutter Natur in ihrer ursprünglichsten Form.
Auf der Rückfahrt dann zum Boot unterhielten sich Kevin, Mitch, Emily, Vivienne und Carmen angeregt mit Harry und Isabel, während Simon und Anabel die gesamte Zeit, seit dem Markt, über schwiegen. Fragend sah Isabel ihre Freundin an, doch sie sah sogleich wieder aus dem Fenster. Ähnlich erging es Harry, als er Simon fragte, was los sei. Denn Simon antwortete nur wortkarg mit einem schlichten „Nichts“ und sah sodann ebenfalls stur aus dem Fenster. Und kaum dass sie auf ihrer Yacht angekommen waren, lief Anabel auch direkt als Erste schnurstracks in ihre Kabine.
„Warum hat sie es denn so eilig?“, fragte Mitch und wandte sich mit seiner Frage an Simon.
„Woher soll ich denn das wissen?!“, kam es etwas zu harsch von Simon. Überrascht und fragend zugleich sah ihn Mitch an. Simon seufzte. „Entschuldige. Ich weiß nicht, warum Anabel es so eilig hatte in ihr Zimmer zu kommen.“
„Gestritten habt ihr Euch aber nicht, oder?“, wagte Mitch zu fragen.
„Nein.“
„Und in irgendeiner Form aufgezogen oder geärgert hast Du sie auch nicht?!“
„Nicht, dass ich wüsste!!!“, erwiderte Simon mit knirschenden Zähnen. Und da er keine Lust hatte, sich weiter irgendwelche Löcher in den Bauch fragen zu lassen, machte nun auch er, dass er fortkam.
Etwas später klopfte er dann an Anabels Kabine.
„Ja, bitte?!“
Vorsichtig lugte Simon zur Zimmertür herein. „Darf ich stören?“
Anabel, die bis eben auf ihrem Bett gelegen hatte, setzte sich umgehend auf. „Was gibt’s?“, fragte sie unsicher.
„Ich wollte Dir eigentlich nur den Sari bringen“, erklärte Simon plump und überreichte Anabel die dunkelblaue Seide.
„Ach so. Danke“, erwiderte Anabel und errötete sogleich wieder, als sich dabei ihre Finger berührten.
„Keine Ursache, hab ich gerne gemacht; übrigens, das ist auch noch für Dich!“, sagte Simon und legte eine ganze Hand voll silberner Armreife auf den Sari in Anabels Schoß. Irritiert blickte Anabel erst auf die zwanzig Silberreifen und anschließend zu Simon. Verständnislosigkeit stand in ihr liebliches Gesicht geschrieben. Simon lächelte sein verschmitztes Lächeln und zuckte zugleich mit den Schultern. „Mir war irgendwie danach. Ich dachte, das würde gut zueinander passen?!“ Als Anabel daraufhin nichts erwiderte, schnalzte er kurz mit der Zunge und sagte: „Dann werde ich mal wieder. Bis später.“ Und schon war er auch genauso schnell wie er gekommen war wieder verschwunden.
Kurz darauf klopfte es erneut an Anabels Tür. Es war Isabel. Als sie jedoch Anabel, die leicht abwesend zum Bullauge ihrer Kajüte starrte, im halben Schneidersitz auf ihrem Bett sitzen sah, fragte Isabel sofort: „Alles okay mit Dir?“, und setzte sich zu ihrer Freundin aufs Bett.
„Hübscher Sari“, sagte Anabel, denn Isabel trug einen Sari in der Farbe von dunklem Wiesengrün. „Da kommt Deine Augenfarbe super zur Geltung.“
Isabel musste kichern. „Das hat Harry auch gesagt; er hat ihn mir gekauft, als wir in einem der kleinen Läden in den Hallen waren. Mensch, welche Riesenauswahl an farbigen Stoffen der Inder dort hatte; meine Mutter wäre, glaube ich, sofort in Ohnmacht gefallen. Sie schneidert doch seit kurzem wieder … Ich habe ihr daher ein seidenes Tuch gekauft. Aber die Entscheidung fiel wirklich schwer; auch die vielen Saris, die er da hatte. Am besten hat mir neben dem grünen hier noch ein weinroter, mit goldenen Punkten bestickt, gefallen und ein mitternachtsblauer. Der hatte silberne Sterne“, schwärmte Isabel.
„Du meinst aber nicht zufällig den da?“, fragte Anabel und zeigte zum Schreibtisch herüber.
Isabel bekam gleich ganz große Augen und stand auf. „Ja, genau das ist der! Oh, und Schmuck hast Du auch noch gleich dazu gekauft; Mensch, auf die Idee bin ich gar nicht gekommen! Aber das kann ich ja die Tage noch nachholen …“
„Blondi hat ihn mir geschenkt; die Reifen auch“, sagte Anabel schlicht.
Isabel machte ein überraschtes Gesicht. „Oh!“
Anabel verdrehte die Augen und sah wieder gedanklich abschweifend aus dem Fenster. Isabel kam wieder zu ihr herüber und setzte sich abermals auf die Bettkante. „Dir ist dies aber unangenehm …?!“, versuchte Isabel zu schlussfolgern.
„Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht so genau. Irgendwie schon, aber andererseits auch wieder nicht. Ach, ich weiß auch nicht … Im Grunde weiß ich gar nichts!!!“, jammerte Anabel.
Isabel konnte nicht ganz folgen: „Was weißt Du nicht?“
„Warum Simon das Bedürfnis hatte, mich zu beschenken.“
Isabel machte prompt große Augen und strahlte über das ganze Gesicht.
„Was?!“
„Du hast ihn gerade bei seinem Vornamen genannt.“
Anabel schaute irritiert zu Isabel.
„Na, statt Blondi wie Du ihn sonst immer so nett betitelst, hast du eben gerade Simon gesagt … Bahnt sich da etwa zwischen Euch etwas an???“, frohlockte Isabel.
„Nichts bahnt sich da an!!!“, kam es erbost von Anabel.
Abermals stand Isabel der Mund offen. Anabel seufzte und strich sich mit der Hand durchs Haar, ehe sie unsicher zu ihrer besten Freundin herübersah, die sie auch sogleich fragte: „Ist das jetzt gut oder schlecht?“
„Was jetzt?“
„Na, dass sich ‚nichts‘ anbahnt …“
„Was weiß denn ich?!“, kam es erneut aufgebracht von Anabel.
„Kann es sein, dass Du leichte Gefühle für den jungen Mann mit dem blonden Wuschelkopf hegst?“
Anabel sah Isabel nicht an, aber ein zartes Rosa zeigte sich auf ihren Wangen. Isabel grinste breit und erwähnte nebenbei: „Falls es Dich interessiert: Simon ist Single …“
„Schön für ihn!“
„Annie?!“
„Ach, man, ich weiß doch auch nicht …“, versuchte sich Anabel herauszureden. Doch Isabel ließ nicht locker und sah ihrer besten Freundin direkt ins Gesicht. Anabel verdrehte abermals die Augen. Isabel grinste und Anabel kam nicht umhin, ebenfalls zu schmunzeln. „Ja, ich gebe es ja schon zu: Ich finde Blondi nicht schlecht.“
„Aber?“
„Im Grunde kenne ich ihn doch überhaupt nicht.“
„Aber das lässt sich doch sicherlich ganz schnell ändern …“, erwähnte Isabel.
„Leichter gesagt als getan“, seufzte Anabel.
„Na, was sind das denn für Worte; und das auch noch aus Deinem Mund???“, fragte Isabel verständnislos. Fragend sah Anabel ihre Freundin an. „Ich dachte, gerade Dir dürfte es nicht schwer fallen!“
Anabel gab ein empörtes Geräusch von sich und sah ziemlich verunsichert drein. „Hey, wo ist denn meine starke, vor Selbstbewusstsein strotzende beste Freundin, die immer einen kessen Spruch auf den Lippen hat?!“
„Die ist über Bord gegangen …“, sagte Anabel lapidar. Sogleich fingen beide laut an zu lachen.
„Na, siehst Du. Kopf hoch, das wird schon!“, sprach Isabel ihrer Freundin gut zu. Anabel seufzte sogleich wieder. „Nanana, wir sind nicht hier, um Trübsal zu blasen! Also genieße den Urlaub und habe Spaß! Alles andere entwickelt sich dann schon von ganz alleine. Und wenn nicht, dann ist auch gut. So waren jedenfalls einmal Deine eigenen Worte zu mir …“
„Du hast ja Recht.“
„Na dann, hoch mit dem Hintern!“, ermutigte Isabel Anabel.
„Also schön. Ich glaube, ich gehe jetzt erst einmal ein bisschen an Deck, frische Luft schnappen.“
„Gute Idee. Und wenn was ist, dann weißt Du ja, wo Du mich findest.“
Anabel nickte und verschwand im Badezimmer, während Isabel die Kajüte verließ und prompt Simon in die Arme lief.
„Ah, genau zu Dir wollte ich gerade!“, sagte Simon und fragte: „Hast Du einen Moment Zeit für mich?“
Isabel machte ein überraschtes, wenn auch interessiertes Gesicht und sagte: „Klar, worum geht es?!“ Prompt wurde Simon daraufhin rot und sah leicht verlegen auf seine nackten Füße. „Simon?!“
Simon räusperte sich und wisperte: „Um Deine Freundin.“
Isabel bekam sogleich ganz große Augen. „Aja! Ehm, ich glaube aber, wir sollten uns einen anderen Ort suchen als den Flur hier …“, erwähnte Isabel und schon lief sie die Stufen zum Oberdeck hinauf. Simon folgte ihr.
Als sie vorne am Bug der Yacht standen, fragte Isabel direkt: „So, hier sind wir ungestört. Also, was ist mit Anabel?“ Nervös trat Simon von einem Fuß auf den anderen. Isabel hob, auf eine Antwort wartend, die Augenbrauen. Simon seufzte und suchte vergeblich nach den richtigen Worten. Unsicher strich er sich durchs Haar.
„Du musst mir schon sagen, was Du wissen willst, sonst kann ich Dir nicht weiterhelfen“, erwähnte Isabel.
„Hat Deine Freundin irgendetwas zu Dir gesagt? Also über mich?!“, fragte Simon umständlich.
Isabel musste sich unweigerlich ein breites Grinsen verkneifen. „Ehm, das kommt darauf an, was Du jetzt wissen möchtest: Willst Du wissen, ob sie etwas zu Deinem Geschenk gesagt hat oder ob sie Dich vielleicht ganz gut leiden kann?“
„Ja und ja …“, erwiderte Simon und sah unsicher zu Isabel herüber.
„Tja, ich würde sagen, Du verwirrst sie ziemlich doll, denn sie weiß nämlich nicht so recht, wie sie Dein Geschenk zu verstehen hat: Willst Du was von ihr oder wolltest Du Dich nur in aller Form nochmals für die etwas brüskierende Kussattacke auf dem Flughafen entschuldigen???“ Simon wurde umgehend wieder knallrot. Isabel grinste. Als jedoch keine weitere Antwort von Simon kam, hakte Isabel nochmals nach: „Und, weshalb willst Du das jetzt wissen???“
„Ach, nur so“, sagte Simon ausweichend und sah Isabel wissentlich nicht an. Da Isabel jedoch daraufhin schwieg, schaute er vorsichtshalber dann doch einmal zu ihr herüber.
Isabel sah ihn sogleich eindringlich in die Augen und wartete ihrerseits auf eine etwas andere Erklärung als die abgegebene. Doch statt einer Antwort errötete Simon gleich noch einmal bis in die Haarspitzen. „Simon???“, hakte Isabel erneut nach.
„Ach, nichts; vergiss es einfach wieder!“, sagte Simon und wollte sich zum Gehen abwenden. Prompt legte ihm Isabel eine Hand auf den Arm und hielt ihm so vom Weglaufen ab.
„Simon, Du kannst mir ruhig sagen, was Dich bewegt.“
„Und Du behältst darüber auch Stillschweigen???“, stellte Simon eine Gegenfrage.
„Ja, natürlich; warum denn auch nicht?!“, fragte Isabel verständnislos.
„Weil Anabel vielleicht Deine beste Freundin ist, zum Beispiel!!!“
„Simon, wir zwei kennen uns zwar noch nicht so gut, aber eines kann ich Dir versprechen: Das, was Du mir jetzt anvertraust, bleibt auch unter uns! Aber ich kann Dich nicht zwingen, mir irgendetwas zu sagen. Doch falls es Dich interessiert: Anabel ist Single.“ Sogleich stand Simon der Mund sperrangelweit offen. Isabel grinste, als Simon sie entsetzt und fragend zugleich anstarrte. „Man sieht Dir nicht nur an der Nasenspitze an, dass Du ein Auge auf Anabel geworfen hast. Doch was sich daraus entwickelt, kann ich nicht sagen … Aber nur Mut, Anabel wird Dich schon nicht beißen!“, erklärte Isabel. Skeptisch blickte Simon zu Isabel herüber. Isabel lachte laut auf. Simon schmunzelte nun ebenfalls. „Na, siehst Du, geht doch!“
„Wenn Du meinst?!“
„Bestimmt!“, erwiderte Isabel und klopfte Simon auf die Schulter.
„Danke.“
„Keine Ursache, ich helfe, wo ich kann“, gab Isabel selbstgefällig, mit einem schelmischen Zwinkern in den Augen, von sich.
Simon grinste.
„Was dagegen, wenn ich jetzt gehe? Ich müsste nämlich mal wo hin …“
Simon lachte auf. „Ja, klar. Ich hoffe nur, dass Dich Dein Weg jetzt nicht gleich direkt zu Anabel führt?!“
Isabel kicherte. „Nein, eigentlich nur zur Toilette! Von der hattest Du mich nämlich abgehalten …“
„Oh, sorry“, kam es verlegen von Simon.
Isabel grinste nur und legte ihm abermals ihre Hand auf den Arm und sagte: „Aber Du brauchst trotzdem keine Angst zu haben, ich sage kein Wort, denn ich bin der Ansicht, dass ihr das unter Euch zwei ausmachen müsst!“
Simon strich sich mit der Hand durchs Haar und seufzte. Anschließend wandte er sich um und sah hinaus aufs Meer.
Eine Etage tiefer klopfte zur gleichen Zeit Anabel an die Tür von Harrys und Isabels Kabine. Harry war etwas irritiert, Anabel davor zu finden, als er öffnete. „Ehm, Isa ist grad nicht da, die schwirrt irgendwo auf dem Schiff herum.“
„Ich wollte eigentlich auch zu Dir“, sagte Anabel und errötete prompt.
Harry machte ein überraschtes Gesicht, gewährte Anabel allerdings Einlass. „Und wie kann ich Dir weiterhelfen?“ Anabel biss sich nervös auf die Lippe. „Lass mich raten, es geht um Simon?!“ Umgehend errötete Anabel erneut. „Habt ihr Euch gestritten?“ Anabel sah irritiert zu Harry auf. „Na ja, heute nach dem Markt wart ihr beide recht still und kaum gingen wir an Bord, machtest Du, dass Du schleunigst fortkamst. Da liegt es doch nahe, dass es eine kleine Meinungsunstimmigkeit zwischen Euch gab; wäre ja auch nicht das erste Mal, wenn ich Dich daran erinnern darf. Aber Simon meint das immer gar nicht so, er ist im Grunde ein ganz lieber und vor allem aufrichtiger Kerl; nur manchmal übertreibt er es ein wenig mit seinen Scherzen … Also, nun sag schon: Was hat er jetzt wieder angestellt?“, fragte Harry.
„Er hat mir einen Sari und Schmuck geschenkt.“
„Oh!!!“
„Ja, oh! Und was hat das jetzt zu bedeuten???“, fragte Anabel auch sogleich direkt.
„Ehm, ich weiß nicht so genau, vielleicht solltest Du ihn das einmal selbst fragen …“, warf Harry ein.
„Super! Ich denke, er ist Dein bester Freund?!“, ereiferte sich Anabel sogleich.
Harry grinste. „Kann es sein, dass Dich Simon nicht ganz kalt lässt???“
„Harry!“, rief Anabel aufgebracht.
Harry räusperte sich und wurde aus Verlegenheit rot. „Entschuldige, ich dachte ja nur. Ich weiß aber trotzdem nicht, was Simon mit dem Geschenk bei Dir bezweckt hat. Ich kann ihm aber gerne einmal auf den Zahn fühlen.“
„Danke, mach Dir keine Umstände, denn dann kann ich ihn auch wirklich gleich selber fragen!“
„Anabel?“
„Nein!“, keifte Anabel und machte auf dem Absatz wieder kehrt und verließ flugs den Raum. Harry seufzte und strich sich verwirrt durchs Haar, als just in dem Moment Isabel ins Zimmer kam und ihren Freund mit steil hochgezogenen Augenbrauen fragend ansah. Sogleich hob Harry ergebend die Hände.
„Simon?“, fragte Isabel.
Harry nickte. „Simon. Ich glaube, sie wollen gern, …“
„… aber können irgendwie nicht!“, setzte Isabel Harrys Gedanken fort.
Abermals nickte Harry und zog seine Freundin fest in seine Arme. „Kommt mir irgendwie bekannt vor; aber ich bin heilfroh, dass wir diesen Hick-Hack hinter uns gelassen haben. Ich liebe Dich, Isabel, und ich gebe Dich nicht wieder her; hörst Du? Nie wieder!“
Isabel lächelte und ein wohliges Gefühl der Geborgenheit überkam sie.
Am Abend betrat Simon das große Wohnzimmer, auf der Suche nach seinem besten Freund und dessen Freundin. Doch nur Harry war anwesend. „Harry, hast Du irgendwo Deine Freundin gesehen?“, fragte Simon ihn daraufhin.
„Nein. Wieso, was ist mit Isabel?“
Simon verdrehte die Augen. „Nichts. Ich wollte sie nur etwas fragen.“
„Und was?“, neugierig horchte Harry auf.
Simon zog einen Flunsch. „Schon gut, vergiss es!“, sagte Simon und wollte wieder gehen. Sogleich ergriff Harry seinen Arm und zog ihn nach draußen zum Bug der Yacht. Die Sonne war gerade am Untergehen und die Yacht schipperte langsam an der Westküste gen Süden entlang.
„Na los. Was bedrückt Dich, dass Du statt mit mir mit Isabel sprechen willst?“, fragte Harry ohne Umschweife.
Simon seufzte. „Das ist alles nicht so einfach!“
Fragend hob Harry beide Augenbrauen nach oben und blickte seinem Freund direkt ins Gesicht. „Es hat jetzt aber nicht rein zufällig etwas mit Isabels Freundin zu tun, oder?“ Der Blick, den Simon Harry daraufhin zuwarf, sprach Bände. Ein leichtes Schmunzeln zeigte sich um Harrys Mundwinkel.
„Hör auf zu grinsen!“, warnte Simon.
Harry räusperte sich und wurde wieder ernst. „Darf ich fragen, um was es jetzt genau geht? Also, was wolltest Du Isabel fragen? Vielleicht kann ich Dir ja auch weiterhelfen …“ Simon sah Harry skeptisch an. „Probier es doch einfach! Wenn ich Dir nicht weiterhelfen kann, sage ich es Dir schon!“, gab Harry leicht angefressen von sich.
„Weißt Du, auf welchen Typ Mann Anabel steht?“, kam es direkt von Simon. Harry stand prompt der Mund weit offen. „Nun guck mich nicht so an! Ich bin schließlich auch nur ein Mann.“
„Mensch, Alter, Glückwunsch!“, sagte Harry und legte seinem Freund einen Arm um die Schulter.
„Zu was? Dass ich mich anscheinend von jetzt auf gleich in eine mir im Grunde noch völlig unbekannte Frau verknallt hab???“
„Na ja, es ist ja fast schon ein wenig vorhersehbar gewesen, denn Anabel ist eine wirklich hübsche Frau! Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen, sie sei die Zwillingsschwester von Isabel. Kein Wunder, dass es Dich da erwischt hat! Simon, ich freu mich für Dich! Jetzt muss ich endlich auch nicht mehr ständig ein wachsames Auge auf Dich haben und befürchten, dass Du zum wiederholten Male meine Freundin angräbst!“, gab Harry offen kund.
Verständnislos blickte Simon zu Harry herüber. „Als ob ich je eine Chance bei Isabel hätte. Du weißt doch ganz genau, dass sie Dich über alles liebt! Außerdem würde ich es nie wagen, mich zwischen Euch zu drängen; kennst Du mich wirklich so schlecht?!“
„Blödmann! Natürlich weiß ich, dass Du nur Spaß machst; auch wenn Du es manchmal ein wenig arg übertreibst. Trotzdem fände ich es beruhigender, wenn Du Isabel nicht immer so direkt necken würdest. So bin ich nämlich ständig gezwungen, in die Bresche zu springen, wofür es aber, wie wir zwei wissen, gar keinen Anlass zu gibt; allerdings sähe es für Außenstehende jedoch ziemlich merkwürdig aus, wenn ich es nicht täte …“, erklärte Harry.
„Ich verstehe schon, was Du meinst. Sorry, daran hab ich noch gar nicht gedacht“, entschuldigte sich Simon.
„Schon okay, Alter. Aber was dabei passieren kann, hast Du ja am Flughafen am eigenen Leib gespürt … Womit wir wieder beim Thema wären: Anabel. Was läuft da zwischen Euch zweien?“, hakte Harry nach.
„Um ehrlich zu sein: Ich habe keine Ahnung! Ich weiß nur, dass ich Schmetterlinge im Bauch habe, wenn ich sie nur ansehe. Wenn sie mich dann auch noch anlächelt, dann muss ich aufpassen, dass ich nicht hinfalle, weil mir die Knie weich geworden sind“, sagte Simon ungeniert und offen.
„Weiß Anabel etwas von Deinen Gefühlen?“ Simon wurde rot. „Aja, ich verstehe: Das ist das Problem.“ Simon seufzte und sah wehleidig zu Harry herüber. Harry grinste. „Also, um Deine Frage von vorhin zu beantworten: Ich kann Dir leider nicht sagen, auf welchen Typ Mann sie so steht. Aber ich denke, dass sie Dir nicht ganz abgeneigt ist, wenn ich da so an die vergangenen Tage und an ‚Blondi‘ denke …“, zog Harry Simon auf. „Zudem weiß ich, dass Anabel Single ist. Ich glaube, sie ist sogar schon genauso lange Single wie Du, und dies schmeckt ihr gar nicht! Sie geht zwar immer mal wieder auf Männerfang, aber bisher wohl ohne Erfolg. Wer weiß, vielleicht hast Du ja Glück?! Ich würde es mir für Dich wünschen; aber versprechen kann ich nichts! Aber vielleicht hilft es Dir weiter, wenn ich Dir jetzt sage, dass sie heute Nachmittag bei mir war und mich über Dich ausgefragt hat …“
Simon machte ein völlig überraschtes Gesicht. „Und was wollte sie wissen???“
„Nun ja, sie hat mich gefragt, was es mit dem Geschenk, das Du ihr wohl gemacht hast, auf sich hat. Leider konnte ich ihr darauf keine Antwort geben. Aber vielleicht kannst Du ihr ja diese Frage selbst beantworten; schau mal, da hinten ist sie!“, sagte Harry und zeigte mit der Hand in Richtung Heck. Simon folgte seinem Blick und sah, wie Anabel gerade zur Reling hinüberlief, dort stehen blieb und in den sternenklaren Himmel aufschaute. Sie war allein. „Die Gelegenheit ist günstig und ich werde die anderen schon in Schach halten, dass ihr ungestört miteinander reden könnt; wenn Du das möchtest?“, bot Harry an. Simon nickte. „Du packst das schon, bist doch sonst nicht auf den Mund gefallen!“, sagte Harry zu Simon und klopfte ihm auf die Schulter. Anschließend schlich er von dannen.
Simon sah zu Anabel herüber. Sie stand mit dem Rücken zu ihm. Er atmete noch einmal tief durch und lief dann langsam zu ihr herüber. „Anabel?“, wagte sich Simon vorsichtig vor, er wollte sie nicht erschrecken. Sie wandte den Kopf zu ihm um. „Darf ich mich zu Dir gesellen oder möchtest Du lieber alleine sein?“ Anabel hob sie Schultern und blickte wieder aufs Meer.
Es war mucksmäuschenstill auf dem Deck. Man vernahm nur dumpf die Musik aus dem Salon, in dem die anderen mal wieder Billard spielten. Ansonsten war nur das seichte Plätschern des Meeres, welches an den Rumpf des Bootes schlug, zu hören.
„Es ist wunderschön hier, nicht?!“, fragte Simon leise und ließ den Blick über die in naher Ferne liegende Küste wandern.
„Ja, hier kann man wunderbar die Hektik des Alltags abstreifen und entspannen“, erwiderte Anabel mit einem tiefen Seufzer.
„Darf ich Dich fragen, was Du so beruflich machst?“, wagte sich Simon etwas weiter vor.
„Ich bin im Einzelhandel tätig und arbeite für die Coffee-Shop-Kette Starbucks“, antwortete Anabel, ohne den Blick vom Meer abzuwenden. „Hat Dir Alex nichts von mir erzählt?“
„Doch schon, aber … – Ehm, darf ich auch erfahren, wo Du arbeitest? Vielleicht kriege ich ja dort dann einmal einen Kaffee umsonst?!“
Anabel musste schmunzeln und sah zu Simon herüber. „Ich arbeite hauptsächlich in der Charleston-Street in London; ich bin dort Filialleiterin.“
„Stimmt! Ich kann mich entsinnen, dass Alexander mal so etwas erwähnt hatte; nein, er hat sogar damit herumgeprahlt: Wie stolz er doch auf seine kleine Schwester ist! So lange ist das noch gar nicht her, oder?“, fragte Simon interessiert weiter.
„Nein, erst seit einem dreiviertel Jahr.“
„Na dann, Gratulation nachträglich.“
Anabel schaute verlegen zu Boden und gab ein schüchternes „Danke“ von sich.
„Keine Ursache; darauf kannst Du ruhig auch selbst stolz sein.“ Anabel seufzte erneut. „Ist anstrengend, stimmt’s?“
„Naja, es gibt solche Tage und auch solche. Jedenfalls kann ich mich nicht über Arbeit beklagen! Es wäre nur ganz schön, wenn man auch mal übers Wochenende ausspannen könnte. Doch da wir jeden Tag geöffnet haben, ist das manchmal wirklich schwierig“, erklärte Anabel.
„Ja, das kenne ich irgendwo her. Aber das brauche ich Dir ja nicht zu sagen, Deinem Bruder geht es ja nicht anders.“ Wohl ein Grund, warum wir zwei uns bislang auch noch nicht über den Weg gelaufen sind …, sann Simon gedanklich nach und biss fest die Zähne aufeinander, weil ihn dieser Fakt ärgerte.
„Er hätte mir aber vielleicht einmal sagen können, was da alles noch so auf mich zukommt, wenn man die Verantwortung auch für andere zu tragen hat!“, erwiderte Anabel zerknirscht und riss damit Simon wieder aus seinen Gedanken.
„Och, Alex sieht das nicht so verbissen. Seine Verantwortung rollt er auch immer gerne auf meinem Rücken ab. Auch wenn man Deinen Job nicht mit unserer Arbeit vergleichen kann: Du hast es mit Menschen zu tun; wir nur mit Computern. Aber mich hat das bislang nicht weiter gestört.“
„Ja, das ist Alex!“, rief Anabel parallel aus. Simon grinste.
„Ich würde gerne einmal mit Euch tauschen!“, kam es Anabel auf einmal in den Sinn.
„Oh weh!“, rief Simon aus. Fragend sah Anabel zu ihm herüber. „Also Kaffee trinken ist super, eine Bestellung aufnehmen, das ginge vielleicht gerade noch, aber Kaffee kochen???“, scherzte Simon. Anabel fing unweigerlich an zu lachen. Simon strahlte.
Dann herrschte Stille.
„Du bist bildhübsch!“, kam es auf einmal flüsternd von Simon.
Entsetzt starrte Anabel ihn an. Sofort entglitten ihm jegliche Gesichtszüge und er wurde rot. „Habe ich das gerade laut gesagt?!“, fragte Simon vorsichtig nach. Anabel wandte sich nun gänzlich zu ihm um und nickte mit ernstem Gesicht. „Es tut mir leid.“ Anabel fiel prompt die Kinnlade herunter. „Nein, natürlich nicht! Also, … Ehm, ich mein … Ach Mann!“, seufzte Simon und strich sich nervös durchs Haar. Eine Strähne hing ihm daraufhin halb über die Augen. Er pustete sie aus seinem Gesicht. Es half nichts, sie fiel zurück. Als er mit der Hand nach ihr greifen wollte, war jedoch jemand anderes schneller. Anabel schob sie ihm mit der Hand hinters Ohr.
„Danke“, flüsterte er und sah ihr dabei direkt ins Gesicht. Anabel lächelte sanft. Da Simons Blick sie jedoch irritierte, wollte sie sich wieder zum Wasser umdrehen. „Anabel, ich habe das eben ernst gemeint: Du bist hübsch! Und Du gefällst mir, nicht nur äußerlich“, gestand Simon offen. Anabel war knallrot im Gesicht angelaufen und senkte verlegen den Blick auf die Planken der Yacht. „Ich mag Deine ganze Art, wie Du Dich bewegst und was Du sagst. Sogar Deine kleinen hinterlistigen Spielchen bringen mich zum Lachen; obwohl ich bislang immer der Leidtragende war. Aber ich bin ja selbst daran schuld, wenn ich ‚Großmaul‘ immer so vorlaute Töne von mir geben muss …“
„Das mit dem Großmaul tut mir leid“, kam es leise von Anabel, ohne dass sie dabei den Blick hob.
„Das muss es nicht.“
„Aber das war eine Beleidigung! Zumal ich Dich doch noch nicht einmal wirklich kenne“, widersprach Anabel und schaute auf.
„Du kennst mich besser als Du denkst. Ich bin ziemlich einfach gestrickt: Ich habe Spaß am Leben und so gebe ich es auch an meine Umwelt weiter“, sagte Simon.
„Und das trotz Deines anstrengenden Jobs?!“
„Mein Beruf ist zwar zeitaufwendig, aber ich habe auch viel Freude bei der Arbeit und er wird gut bezahlt. Dadurch konnte ich mir zum Beispiel mein eigenes kleines Heim aufbauen und kann mir hier und da auch andere kleine Wünsche erfüllen. Aber eines blieb mir bislang, trotz alledem, verwehrt: Ehrlich gemeinte Liebe“, offenbarte Simon einfach so. Anabel wurde von dieser Äußerung prompt schwindlig und sie musste sich notgedrungen an Simon festhalten, um nicht umzukippen. „Bitte entschuldige, ich wollte Dich nicht aus der Fassung bringen. Aber so bin ich nun einmal …“
„Grundehrlich und hochanständig“, erwiderte Anabel, die sich wieder gefangen hatte.
„Was?!“
„Mein Bruder sagt, dass Du ein ganz lieber Kerl bist und zudem noch grundehrlich und hochanständig. Auch wenn dies erst auf den zweiten Blick sichtbar wird. Denn mit Deinen kleinen Scherzen verdirbst Du Dir oftmals den ersten Blick. Vielleicht ein Grund dafür, weshalb Dir bislang noch nicht die Liebe widerfahren ist, nach der Du suchst?!“, fasste Anabel zusammen und war selbst von ihren Worten überrascht.
„Ich weiß“, gestand Simon traurig. „Aber verdient nicht jeder eine zweite Chance?“, wagte er sich vor.
„Es sollte zumindest so sein. Manch einer vertut aber auch diese. Oder bemerkt es noch nicht einmal, wenn sie ihm gegeben wird.“ Simon sah verwirrt zu Anabel. Anabel errötete prompt. Was fasel ich denn da?! Anabel räusperte sich und sah abermals verlegen zu Boden, während sie sagte: „Du, sei mir bitte nicht böse, aber ich würde jetzt gerne ins Bett! Wir haben morgen wieder einen aufregenden Tag vor uns. Laut Harry wohl der spektakulärste und den würde ich gerne gut ausgeruht erleben wollen.“
Simon nickte verständnisvoll. „Natürlich, ich wollte Dich hier auch nicht festhalten. Es war nett mit Dir geplaudert zu haben. Ich wünsche Dir eine gute Nacht“, sagte Simon und hauchte Anabel spontan einen Kuss auf die Wange.
Anabel riss die Augen auf und starrte Simon für einen kurzen Moment völlig überrumpelt an, bevor sie ein „Das wünsche ich Dir auch“ flüsternd von sich gab. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand.
Es war Nacht. Simon hatte keine Ahnung, wie spät es tatsächlich war, denn zwischenzeitlich war die Musik aus dem Unterdeck verstummt und die Lichter im Salon erloschen. Er saß einsam und allein an der Reling und ließ die Beine über den Bug baumeln. Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf, aber er kriegte keinen wirklich zu fassen. Stattdessen spürte er noch immer ein leichtes Kribbeln auf seinen Lippen. Er hatte sie einfach so geküsst! Kein Wunder: Ihr Gespräch hatte sich recht schnell verselbstständigt und war in andere Bahnen übergegangen als er es eigentlich beabsichtigt hatte. Und während Anabel nunmehr alles über ihn wusste, war er genauso schlau wie vorher: Empfand sie nun etwas für ihn, oder nicht? Und falls ja: War dies mehr als nur freundschaftliche Zuneigung? Er hatte keine Ahnung! Er wusste nur, dass er nach diesem Abend gänzlich sein Herz an sie verloren hatte! Doch ihres zu erobern war ein weit schwierigeres Unterfangen …
Plötzlich tauchten neben ihm zwei nackte Frauenfüße auf und er erschrak. Als er nach oben schaute und nur in das Gesicht von Isabel blickte, beruhigte sich sein Puls wieder.
„Darf ich mich setzen?“
„Bitte.“
„Kannst Du auch nicht schlafen?“, fragte Isabel sogleich.
„Ich habe es noch gar nicht probiert. Aber was hält Dich von süßen Träumen in den Armen Deines Liebsten ab?“
„Mein Liebster schnarcht!“
Simon lachte auf. „Das tut mir leid. Wenn Du magst, kannst Du es Dir ja in meiner Kabine gemütlich machen.“
„Ich glaube, das ist keine so gute Idee. Es gibt einige Leute, die das missverstehen könnten …“, warf Isabel zu bedenken ein.
„Auch wenn ich ganz gentleman-like auf der Couch in unser aller Wohnzimmer nächtige?!“
„Nun verrate mir doch einmal, was Dich vom Schlafen abhält!“, überging Isabel Simons Einwand.
„Harry hat mit Dir noch nicht gesprochen???“
„Worüber sollte er denn mit mir gesprochen haben?“, fragte Isabel.
„Über Deine Freundin vielleicht?“, erwähnte Simon.
Isabel schüttelte den Kopf. Simon seufzte.
„Und nun?“, fragte Isabel.
„Ich weiß es nicht. Denn schließlich bin ich genauso schlau wie vorher …“
Isabel legte ihm tröstend einen Arm um die Schulter und sagte: „Du hast doch Annie heute einen Sari gekauft und ihr dazu noch silberne Armreifen geschenkt. Und dies hast Du sicherlich nicht ohne Grund gemacht …“
„Warum schenkt ein Mann wohl einer Frau etwas?!“, warf Simon leicht geknickt in den Raum.
„Weil sie ihm etwas bedeutet. Nur dumm, wenn sie sich trotzdem nicht ganz sicher ist, was sie selbst will oder was sie für ihn empfindet“, erklärte Isabel schlicht.
Sofort horchte Simon auf, denn genau zu dem gleichen Ergebnis war er vorhin auch gekommen. „Und wie kann ich ihr vielleicht dabei ein wenig auf die Sprüche helfen?“, wagte Simon zu fragen.
„Sei weiterhin einfach nur Du selbst. Alles andere wird sich dann schon ergeben. Gib ihr noch etwas Zeit, sich ihrer eigenen Gefühle klar zu werden. Du musst nämlich wissen, dass Anabel, auch wenn sie gerne die emanzipierte Frau heraushängen lässt, in bestimmten Dingen eher zurückhaltend ist und vorsichtiger agiert.“
„Aus Angst verletzt zu werden?“, kam es Simon auf einmal in den Sinn. Isabel nickte. „Danke“, sagte Simon und zog Isabel spontan in seine Arme. Isabel ließ ihn gewähren und strich ihm bestätigend über den Rücken.
„So, und nun ab ins Bett, sonst verschläfst Du morgen noch unseren Abenteuertrip; was auch immer das bei Harry heißen mag …?!“, bemerkte Isabel und erhob sich. Simon machte es ihr nach.
Er begleitete sie noch bis zu ihrer Kajüte.
„Gute Nacht, Simon.“
„Das wünsche ich Dir auch und süße Träume“, erwiderte Simon.
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