Читать книгу: «Supervision in Gruppen»

Die AutorInnen

Frau Dr. phil. Dipl.Psych. Christiane Bakhit arbeitet in München als Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin in eigener Praxis. Sie ist Lehranalytikerin und Supervisorin der Fachgesellschaften DGPT, DPG und D3G und Mitglied der International Psychoanalytic Association (IPA) und der Group Analytic Society International (GASI).

Prof. Dr. med. Hermann Staats ist Psychoanalytiker, Gruppenanalytiker, Paar- und Familientherapeut sowie Lehrtherapeut und Supervisor der Fachgesellschaften DPG, IPA und D3G. Seit 2006 arbeitet er als Sigmund-Freud-Professor für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie an der Fachhochschule Potsdam und niedergelassen in eigener Praxis.
Christiane Bakhit Hermann Staats
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Pharmakologische Daten verändern sich ständig. Verlag und Autoren tragen dafür Sorge, dass alle gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung hierfür kann jedoch nicht übernommen werden. Es empfiehlt sich, die Angaben anhand des Beipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.
1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-033483-0
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-033484-7
epub: ISBN 978-3-17-033485-4
mobi: ISBN 978-3-17-033486-1
Vorwort der Reihenherausgeber
Supervision wird seit vielen Jahren in therapeutischen, sozialen, pädagogischen, ärztlichen und organisatorischen Handlungsfeldern eingesetzt. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat sich eine Vielzahl an unterschiedlichen Richtungen ergeben. In der Kohlhammer-Reihe Supervision im Dialog sollen die wichtigsten methodischen Auffassungen berücksichtigt werden: Psychodynamische, systemische, kognitiv-verhaltenstherapeutische und humanistische Ansätze werden einbezogen, wobei es viele Überschneidungen in den supervisorischen Vorgehensweisen gibt.
Auch die Anwendungsfelder von Supervision haben sich seit der ersten Anfängen in der Psychoanalyse und in der Sozialen Arbeit ausdifferenziert. Die Buchreihe Supervision im Dialog widmet solchen Einsatzbereichen und Handlungsfeldern je einen eigenen Band, um ein lebendiges und praxisnahes Bild der spezifischen Aufgaben und Bedingungen zu vermitteln. Therapien und Beratungen für Einzelpersonen, Paare, Familien, Gruppen und Organisation sind die wichtigsten Einsatzbereiche von Supervision. Neben der berufsbegleitenden Anwendung ist Supervision auch einer der wichtigsten Bausteine in vielen Ausbildungen, sei es zum Psychotherapeuten, Facharzt oder in der Sozialen Arbeit. Es gibt auch Gebiete, in denen die Einführung bzw. verstärkte Durchführung regelmäßiger Supervisionen ein Desiderat darstellt, wie etwa in Lehr- und Betreuungseinrichtungen und Krankenhäusern.
Die Besonderheit der Reihe ist der Dialog. Jeder Band wird von mindestens zwei Autoren gestaltet, die unterschiedliche Positionen vertreten und diese nach jedem Hauptkapitel miteinander vergleichen. So lernen Leser nicht nur die wichtigsten Themen, Hintergründe und Kontroversen kennen, sondern erleben dabei auch einen lebendigen Austausch zweier engagierter Fachvertreter. Die Diskussion in Dialogform dient dem Zweck, den zuvor abgehandelten Text aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, die Essenz noch einmal zu benennen, offene Fragen, Probleme und Verbesserungsvorschläge zu diskutieren.
Wir hoffen, durch diese dialogische Präsentation des in Bewegung befindlichen Kompetenzfeldes der Supervision auch die Leser unserer Reihe zum Austausch anzuregen.
Andreas Hamburger
Wolfgang Mertens
Inhalt
1 Vorwort der Reihenherausgeber
2 Prolog
3 Einführung
4 Dialog
5 1 Die wichtigsten Konzepte
6 1.1 Historische Aufzählung der wichtigsten Konzepte
7 1.1.1 Balint-Gruppen
8 1.1.2 Gruppenanalytische Supervision: jenseits von Balint
9 1.1.3 Group Relations Theory
10 1.2 Charakterisierung der wichtigsten Konzepte
11 1.2.1 Institutioneller Kontext
12 1.2.2 Setting
13 Dialog
14 1.2.3 Wirkfaktoren und spezifische Gruppenkommunikationsmodi
15 1.2.4 Gruppendynamik
16 1.2.5 Funktionen der Gruppensupervisorin
17 2 Zentrale Themen der aktuellen Diskussion
18 2.1 Zur Kontroverse »Teach or Treat« in der Supervision
19 2.2 »Teach and Treat« in der Supervisionsgruppe
20 2.3 Vertrauensbildung in der Supervisionsgruppe
21 2.4 Phasen der Ausbildungssupervision in der Supervisionsgruppe
22 2.5 Fallbeispiel (Christiane Bakhit)
23 2.5.1 Diskussion der Fallbeispiele
24 2.5.2 Konzeptualisierung von »Teach« and »Treat« in obiger Supervisionsgruppe
25 2.6 Vorzüge der Supervision in einer Gruppe
26 2.7 »Teach« – die Gruppensupervision als Lernformat
27 Dialog
28 2.8 Supervision in der gruppenanalytischen Ausbildung
29 2.8.1 Gruppen leiten lernen
30 2.8.2 Erwerben gruppentherapeutischer Kompetenzen: Selbsterfahrung und Supervision in der Ausbildung zum Gruppenpsychotherapeuten im »Göttinger Modell«
31 2.8.3 Persönliches Wachstum – Selbsterfahrung in Gruppen am Beispiel Altaussee
32 2.8.4 Verbindungen zu Kollegen – Leiterlose Gruppen in den Gruppenanalyseseminaren GRAS
33 2.9 Struktur und Dynamik von Supervisionsgruppen
34 2.10 Zwischen Supervision und Selbsterfahrung: Berufsspezifische Weiterbildungen im Gruppensetting
35 Dialog
36 2.11 Kollegiale Intervisionsgruppen – Der Kampf um die Arbeitsgruppe
37 2.11.1 Einführung
38 2.11.2 Gruppendynamik einer Intervisionsgruppe
39 2.11.3 Standards für erfolgreiche Intervisionsgruppen
40 2.11.4 Erfahrungen mit Peergroups/Intervisionsgruppen in einer Supervisionsfortbildung
41 2.11.5 »Gedanken miteinander verweben« – Eine Arbeitsmethode für Intervisionsgruppen (Norman & Salomonsson 2006)
42 Dialog
43 3 Forschung zur Supervision in Gruppen
44 3.1 Empirische Ergebnisse
45 3.2 Online Supervision in Gruppen
46 4 Gruppenanalytische Aus- und Weiterbildungsmodelle in Deutschland
47 4.1 Gruppenanalytische Aus- und Weiterbildungsinstitute
48 5 Schlussbemerkung
49 5.1 Die Bedeutung der Beziehung – in der Behandlung und in der Supervisionsgruppe zusammen mit der Supervisorin
50 5.2 Die Bedeutung des institutionellen Rahmens für eine Supervisionsgruppe
51 5.3 Die Bedeutung der Informationsvermittlung und der Didaktik in einer Supervisionsgruppe
52 Empfohlene Literatur
53 Literatur
54 Sachregister
Prolog
Ein Buch über »Supervision in der Gruppe« – wie kommen wir darauf, und was interessiert uns daran?
Wir sind beide davon überzeugt, dass eine Supervisionsgruppe für alle Beteiligten – für die Supervisanden, für die behandelten Patienten oder Klienten und für die Supervisoren einen erheblichen Erkenntnisgewinn und einen Anstoß für die professionelle Weiterentwicklung bedeuten kann und damit auch eine hilfreiche Alternative zur bisher überwiegend üblichen Einzelsupervision. Das Setting einer Gruppe impliziert vielerlei Fallstricke und Schwierigkeiten, aber auch neue bereichernde Ausblicke und Erfahrungen. Die Gruppensupervision gestaltet sich vielleicht mit weniger »Super«vision und mit mehr »Inter«vision, und die Bedingungen dafür – persönliche wie soziale – und die Interventionen, die dazu beitragen können, wollen wir in diesem Band darstellen und erläutern. Es wird ein komplexes Bild werden, das wir von den unterschiedlichen Konfigurationen in einer Supervisionsgruppe zeichnen. Die verschiedenen Ebenen des Mehrpersonensettings und die multilateralen Übertragungen bedingen inhaltliche Vernetzungen. Dazwischen stellen wir Beispiele aus dem klinischen und psychosozialen Bereich vor, um die Prozesse in unterschiedlichen Supervisionsgruppen zu veranschaulichen und zu diskutieren. Am Ende jedes Kapitels nehmen wir – beide Autoren und beide Gruppenanalytiker – zu dem Gesagten Stellung. Wir kommen als Hochschullehrer und als niedergelassene Gruppenanalytikerin aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen, die sich öfter in gegensätzlichen Anschauungen niederschlagen: theoriegeleitet vs. praxisorientiert oder innovative Konzepte vs. klassisch gruppenanalytische (Foulkes, Bion). Durch diese Dialoge mit inhaltlichen Differenzen und Übereinstimmungen wird das Thema der Gruppensupervision vertieft. Sprachlich wechseln wir im Text zwischen der männlichen und weiblichen Form. Andere Geschlechter sind jeweils eingeschlossen.
Das Buch richtet sich an unterschiedliche Zielgruppen. Es können Studierende oder psychotherapeutische Kollegen in Ausbildung sein, die eine Supervisionsgruppe oder Intervisionsgruppe suchen und sich über Qualitätsstandards informieren wollen. Es können aber auch Gruppensupervisoren sein, die ihre Arbeit in einem größeren Zusammenhang reflektieren und überprüfen möchten, oder Supervisoren, die bisher nur im Einzelsetting gearbeitet haben und sich jetzt an das Gruppensetting »wagen« wollen. Und vielleicht gibt es auch psychotherapeutische Kollegen, die sich fragen, warum es in Intervisionsgruppen manchmal schwierig ist, zusammenzuarbeiten, und die deshalb die Prozesse in einer Intervisionsgruppe besser verstehen wollen. Nicht zu vergessen sind Kollegen aus dem medizinischen und psychosozialen Bereich, die sich für eine Balintgruppe interessieren und darüber genauere Informationen suchen.
Dezember 2020
Christiane Bakhit, München
Hermann Staats, Potsdam und Göttingen
Einführung
Supervision ist ein wesentlicher Bestandteil jeglicher psychotherapeutischer Ausbildung und auch einer späteren selbständigen klinischen Tätigkeit. Gerade für Gruppentherapeuten, die mit mehreren Patienten oder Klienten gleichzeitig arbeiten, ist sie unserer Einschätzung nach unabdingbar, da in einer Gruppe durch deren Pluralität und Öffentlichkeit immer wieder Verwicklungen »drohen«. Dieses konflikthafte Potential kann aber auch konstruktiv genutzt werden. Der Titel unseres Buches – Supervision in Gruppen – verweist auf eine doppelte Bedeutung: es geht dabei um die Supervision unterschiedlicher psychotherapeutischer Behandlungen (Einzelpsychotherapie, Gruppenpsychotherapie), die in einer Gruppe zusammen mit einer Gruppensupervisorin stattfindet und auch um kollegiale Intervisionsgruppen. Insofern dreht sich alles um die Gruppe. Die in einer Supervisionsgruppe vorgestellte klinische Behandlung oder soziale Begegnung wird im Gruppensetting »neu« sichtbar und erfahrbar, weil sie durch mehrere Augenpaare gesehen und durch die aktuelle Gruppendynamik neu gemischt wird. Dabei gestalten individuelle Psychodynamik der Teilnehmer und die Gruppeninteraktion (dynamische Matrix; Foulkes, 1974) die Supervisionsarbeit. Bewusste und unbewusste Elemente des umgebenden sozialen Kontextes beeinflussen ebenfalls die Gruppensupervision (Hopper, 2003). Dieser Verzahnungsprozess eröffnet durch seine Komplexität neue Perspektiven. Wir wollen in diesem Buch Kennzeichen, Vorzüge und Schwierigkeiten dieses Supervisionssettings genauer untersuchen. Außerdem werden unterschiedliche Modelle von Gruppensupervision vorgestellt, ebenso ihre wissenschaftliche Erforschung und Fragen der Ausbildung für eine gruppensupervisorische Tätigkeit.
Insgesamt geht es hier um »die Gruppe« – ein vielschichtiges, hochkompliziertes Setting, das durch seine Vernetzung und durch sein Aufeinanderbezogensein anregt und aufregt. Im Folgenden möchten wir einige Besonderheiten des Gruppensettings, die auch für die Supervisionsgruppe gelten, herausstellen. Anders als in der dyadischen Supervision sitzen sich in der Gruppe »Peers «, d. h. Gleichgestellte, gegenüber und der Kontakt verläuft auf »Augenhöhe«. Welche Folgen hat das für die Supervision in der Gruppe? Sie wird von unterschiedlichen Blickwinkeln auf den Supervisionsinhalt geprägt sein und von irritierenden, bisweilen auch blockierenden Affekten wie z. B.. Rivalität und Scham. Es werden sich unterschiedliche Wahrnehmungen der zu supervidierenden Szene entwickeln, die möglicherweise im dyadischen Supervisionssetting durch hierarchische Verzerrungen und einseitige Sichtweisen verloren gehen könnten. Durch diese Einschränkungen kann ein Supervisionspaar an seine Grenzen kommen, während die Gruppe in der Gruppensupervision trianguliert und leichter alternative Ideen entstehen lässt. Für die Supervision können sich dadurch neue Perspektiven eröffnen. Im »Hier und Jetzt« der Gruppe, aufbauend auf den unterschiedlichen, individuell und kulturell geprägten Biographien ihrer einzelnen Teilnehmer, kann sich im Miteinander (Interaktion) ein intensiver Wechsel aus Regression, Reflexion und Progression auf bewusster und unbewusster Ebene entwickeln, an dem jeder entsprechend seiner individuellen Ausstattung teilnimmt.
Dieser fruchtbare Prozess ist anregend und zugleich anstrengend, weil immer wieder Selbst- und Fremdbilder und damit verbundene wechselseitige projektive Verzerrungen die einzelnen Teilnehmer herausfordern. In der Supervisionsgruppe sitzen mehrere Personen – ihre Blicke kreuzen sich und können sich damit auch wechselseitig taxieren. Der Blick, der gerade noch eine neue Perspektive auf die zu supervidierende Thematik eröffnet hat, kann kurz danach ebenso entwerten oder verurteilen. Bei den Gruppenteilnehmern können sich als Folge davon Scham und Selbstzweifel einstellen. Jeder Blick hat immer auch eine triangulierende Funktion (Steiner, 2006) und wird entsprechend der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur unterschiedlich verarbeitet werden. Die Differenzerfahrung des eigenen Erlebens gegenüber dem Blick des »Anderen« ist ein wesentlicher Stolperstein und damit auch Anstoß für die Entwicklung des Subjekts.
Der Blickkontakt, der auf jede Psychotherapie, die im Sitzen durchgeführt wird, zutrifft, kennzeichnet auch das Gruppensetting. Im besten Fall können Differenzerfahrungen ertragen und spielerisch genutzt werden. Oft ist dies auch nicht möglich und löst intensive Schamgefühle aus. Wird dies besprechbar und damit erträglich, können Lernprozesse bei dem Einzelnen angestoßen werden, was dem angehenden Gruppenpsychotherapeuten in der von ihm geleiteten Gruppe weiterhelfen wird.
Das Verunsichernde und Unkontrollierbare in jeder Gruppe und damit auch in einer Supervisionsgruppe, spricht Haubl in seinem Beitrag zur Gruppensupervision an: für ihn ist eine Gruppensupervision »eine gemeinsame Suchbewegung mit offenem Ausgang« (Haubl, 2017, S. 120).
Der »offene Ausgang« entzieht sich wie jedes Gruppengeschehen der individuellen Kontrolle und eröffnet damit alternative Ausblicke, die aber auch aufgrund möglicher vorhandener individueller Versagensängste und Schamgefühle nicht genügend genutzt werden können. Hier kommen Konflikte zwischen Individuum und Gruppe ins Spiel, die jede Supervisionsgruppe lebendig machen, aber auch ihr einzelnes Mitglied mehr oder weniger stark verunsichern können. Bion und Foulkes, die bekanntesten Gruppentheoretiker, steuern unterschiedliche theoretische Konzepte zur Erklärung dieser Situation bei und fokussieren auf die haltende Funktion des Gruppenleiters (Bion 1971, Foulkes 1974). Das Bionsche Begriffspaar des »Container-contained« findet hier Eingang, da nicht nur die Interaktion in der Supervisionsgruppe vom Gruppenleiter gehalten werden muss, sondern die Gruppe selbst als Container für abgespaltene Affekte des Behandlungsgeschehens fungiert.
»Supervisorin und Supervisionsgruppe sind Container für das Unverarbeitete, für schwer erträgliche und darum abgewehrte Affekte wie Wut, Ohnmacht, Neid, Scham, Erschöpfung, Trauer, Desorientierung, Angst …« (Barthel-Rösing, 2017, S. 131)
Liesel Hearst (2009) beschreibt dies als »Holding-Together-Function« der Gruppenanalytikerin, die Verbindungen zwischen abgespaltenen Gefühlen herstellt und damit Abgewehrtes integriert. In der Supervisionsgruppe bedeutet dies eine Verzahnung von manifesten Affekten innerhalb der Gruppe mit Supervisionsinhalten.
Ein Gruppensetting bietet immer auch die Möglichkeit der Interaktion, der Handlung, was Foulkes mit »Ich-Training in Aktion« bezeichnet. Es können alternative Phantasien und Handlungen erprobt und verinnerlicht werden, wodurch sich Selbst- und Objektrepräsentanzen verändern. Nitzgen nennt dies in Anlehnung an Foulkes ein »Ich-Training durch Handeln« und beschreibt dies, psychoanalytisch konzeptualisiert, als eine »intrapsychische Aktivität des Ichs durch die Interaktion in der Gruppe« (Nitzgen, 2017, S. 98) In der Supervisionsgruppe kann somit emotional unmittelbar etwas vom Behandlungsgeschehen erfahren, in Szene gesetzt und innerpsychisch verändert werden – eine lockende Alternative! Gleichzeitig entlastet die Supervisionsgruppe vom perfektionistischen Druck, da alle Teilnehmerinnen wechselseitig Phasen des Nicht-Lernens und Nicht-Verstehens wahrnehmen und anerkennen können. Insofern kann man auch die Yalomschen Wirkfaktoren der Gruppentherapie (Yalom, 2019) auf die Supervisionsgruppe übertragen.
Die Gruppeninteraktion – auch die der Supervisionsgruppe – wird nach Foulkes neben anderem auch durch die Elemente der »Matrix« bestimmt. Foulkes führte dieses gruppenanalytische Konstrukt quasi als Kunstgriff ein, um unbewusste und bewusste Kommunikationsprozesse innerhalb einer Gruppe zu erfassen. Er unterscheidet zwischen der »Grundlagenmatrix«, konzipiert als Behälter aller kulturellen unbewussten und bewussten Kommunikationen, der »individuellen Matrix«, verstehbar als individuelle psychische Innenwelt mit ihren Bestandteilen aus internalisierten Objektbeziehungserfahrungen und der »dynamischen Matrix«, die aus der aktuellen Interaktion innerhalb der Gruppe hervorgeht. Alle drei Matrizes formen die Gruppeninteraktion und sind der Resonanzboden der Supervisionsgruppe für die Wahrnehmung und Reflexion der zu supervidierenden Behandlung.
Eine Supervisionsgruppe kann, auch wenn sie nicht als therapeutische Selbsterfahrungsgruppe konzipiert ist, durchaus kathartische Prozesse bei den einzelnen Gruppenmitgliedern anstoßen und fordert der Gruppenleiterin immer wieder eine Reflexion ihrer Gegenübertragung ab, um destruktive Gruppenprozesse oder das Ringen der Gruppe um ihre Arbeitsfähigkeit zu verstehen und empathisch zu begleiten. Gleichzeitig bildet die Gruppendynamik einer Supervisionsgruppe, ebenso wie die jeder anderen Gruppe, das soziale Unbewusste in ihren Interaktionen ab. Nach Foulkes durchdringt das Soziale das Innerste (Foulkes, 1974).
Die Vernetzung und Verzahnung unterschiedlichster Elemente und Prozesse im komplexen Gruppengeschehen wird deutlich. Der vorliegende Band geht diese »vernetzten« Wege weiter und beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten von Supervision in Gruppen, die erläutert und auch kontrovers diskutiert werden.
Dialog
HS: Ein erster dialogischer Kommentar an dieser Stelle: Auch Gruppen von Peers rivalisieren. Sie entwickeln hierarchische Strukturen und handeln Verantwortlichkeiten aus. Die Wahrnehmung solcher Strukturen und ihre Berücksichtigung in der Gruppenarbeit sind mir wichtig. Sie werden durch das Bild »auf Augenhöhe« liebevoll verschleiert. In der Medizin setzt sich die Ärztin zu ihrem bettlägerigen Patienten, in der Pädagogik geht die Erzieherin in die Knie, um nicht »von oben herab«, sondern »auf Augenhöhe« zurechtzuweisen. Die Hierarchien bleiben aber. Aus gruppenanalytischer Sicht können sie berücksichtigt und oft mit Gewinn analysiert werden. Dazu trägt die Betonung eines »auf Augenhöhe« nicht bei. Mit einem solchen Bild bleibt auch offen, was auf den anderen »Höhen« und Ebenen der Kommunikation – auf Herz-, Bauch- und Beinebene geschehen mag. Sie sind bei einem Kontakt »auf Augenhöhe« ja ebenfalls mit im Spiel.
CB: Ja, »auf Augenhöhe« hat mehrere Aspekte. Aber die oben angeführten Beispiele beziehen sich auf Zweiersituationen, in denen die Augenhöhe etwas verschleiert, worauf zurecht verwiesen wird. Auch in einer Gruppe entstehen Hierarchien, aber sie werden aufgrund der Öffentlichkeit der Gruppe eher sichtbar, und es gibt weniger Möglichkeiten als im Einzelsetting, diese zu verschleiern. In der üblichen Zweiersupervision ist es für den Supervisanden schwieriger, die faktische Hierarchie wahrzunehmen und zu benennen. Dies ist auch ein Grund, warum wir in der Münchner Supervisorenfortbildung die Supervision und Intervision in Peergroups eingeführt haben. In der Gruppe tauscht man sich wechselseitig und konflikthaft aus und macht gemeinsame Lernerfahrungen. Es entwickeln sich auch Hierarchien mit Status- und Rollenzuweisungen, bedingt durch individuelle und soziale unbewusste Übertragungsmuster. Aber sie können durch die prozesshafte Entwicklung in Gruppen leichter in Frage gestellt, neu ausgehandelt und, wenn möglich, verändert werden.
1 Die wichtigsten Konzepte
1.1 Historische Aufzählung der wichtigsten Konzepte
»Supervision is a drama of direct encounter«
John Schlapoborsky (2010, S. 40)
Cohen spricht in ihrem Artikel über Supervision in der Gruppe von »Drachen und Helden«, denen man dort begegne und fängt damit mögliche Bedrohungen und Verletzungen wie auch Entwicklungsschritte und Herausforderungen für Teilnehmer einer Gruppensupervision mit plastischen Worten ein (Cohen, 2012). Was vielleicht dramatisch klingt, nehmen Bernard & Spitz (2006) in ihrer Stellungnahme dazu noch einmal auf:
«There is a skill set in becoming a good group psychotherapy supervisor, which is distinct from the skills necessary to be a good group psychotherapist. Supervision is a delicate undertaking in the best of circumstances… the stakes are quite high, both for the professional’s and his/her patients’ growth and development. A good supervisory experience can make an important contribution to the development of a professional, resulting in an abiding commitment to offering group psychotherapy for the duration of his/her career. An unfortunate supervisory experience can turn that same individual away from running groups forever.« (Bernard & Spitz, 2006, S. 4)
Supervision will – im Einzel- wie im Gruppensetting – einen Lern- und Veränderungsprozess eröffnen, der sich für die Supervidierten in einem veränderten therapeutischen Umgang mit Patienten in einer einzel- oder gruppentherapeutischen Behandlung niederschlägt. Dieser Lern- und Veränderungsprozess findet nur zum Teil bewusst und auf kognitiver Ebene statt. Hauptsächlich ist er in einen vertrauensvollen, flexiblen und fließenden Interaktionsprozess zwischen Supervisorin und Supervisandin oder eben zwischen den Supervisanden in der Gruppe und der Supervisorin als Gruppenleiterin eingebettet. Es gibt zahlreiche und ausführliche Literatur zu fördernden und störenden Bedingungen von Supervison (Nagell, Steinmetzer, Fissabre & Spilski 2014; Kutter 2017, Mertens & Hamburger 2016 u. 2017). Cohen spricht von »Drachen« und »Helden«, die sich in der Supervisionssituation entwickeln und denen sowohl Supervisorin als auch Supervisanden begegnen. Ihrer Ansicht nach symbolisieren die Feuer speienden Drachen im Supervisionsprozess den unbewussten Widerstand gegen jegliche emotionale Verbindung zwischen Therapeutin/Patientin auf der einen und Supervisorin/Supervisandin auf der anderen Seite. Es geht also um die wechselseitigen Übertragungen und Gegenübertragungen von Supervisorin und Supervisanden. Sie können die therapeutische Arbeit »behindern« und auch intensivieren, denn es gibt neben den »Drachen« auch die »Helden«. Für Cohen versinnbildlichen die Helden Supervisoren und Supervisanden, die in der Supervision etwas riskieren, d. h. sich emotional einlassen, indem sie sich zeigen und öffnen. Das »Lernen aus Erfahrung« (Bion) geht mit einer Veränderung ihrer psychischen Innenwelt (Objektbeziehungserfahrungen) einher und ermöglicht ihnen, eine neue Perspektive einzunehmen. Die Gruppe wird zum Agenten der Veränderung.
»… there is no clear line of demarcation between these two extremes; the dragons we wrestle with and the heroes that emerge. They will overlap, intermingle, tangle, and ultimately, if all goes well-enough, the supervision group becomes the instrument of change.« (Cohen, 2012, S. 640)
Wie konzeptualisieren die unterschiedlichen gruppentherapeutischen Schulen diese Interaktionsprozesse in einer Supervisionsgruppe? Welche Elemente der Interaktion rücken Michael Balint (Balintgruppe), S.H. Foulkes (Gruppenanalyse) und W. Bion (Group-Relations-Theory) damit in den Vordergrund?
1.1.1 Balint-Gruppen
Michael Balint und seine Frau Enid, beide Psychoanalytiker, begannen nach dem zweiten Weltkrieg in London mit praktischen Ärzten zu arbeiten. Ihr Ziel war es, die Ärzte in ihren Patientenbehandlungen weiter zu qualifizieren, und zwar nicht, indem sie auf naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden fokussierten, sondern indem sie die Qualität der Arzt-Patient-Beziehung erforschten und dazu benutzten, das Befinden der Patienten zu beeinflussen und zu verbessern (Balint, 2019/1957). Die Arbeit an der Beziehung zwischen Arzt und Patient war zur damaligen Zeit das grundsätzlich Neue und erwies sich in den darauffolgenden Jahren so erfolgreich und wirkungsvoll, dass sich Balintgruppen über die ganze Welt verbreiteten.
Die klassische Balintgruppe bestand aus praktischen Ärzten, die sich gegenseitig nicht kannten und damit eine »stranger group« bildeten. Es ging um eine Sensibilisierung der Teilnehmer für Phänomene von Übertragung und Gegenübertragung – zwei psychoanalytische Konzepte, durch die man sich einen Zugang zu unbewussten Aspekten der Arzt-Patient-Beziehung erhoffte. In das Gruppensetting wurden damit Elemente der psychoanalytischen Ausbildung quasi eingepflanzt, um sich selbst und die Psychodynamik der Arzt-Patient-Beziehung besser verstehen zu können. Diskutiert wurde am vorgestellten Fall (Fallarbeit), auf den sich alle Einfälle der Gruppe beziehen sollten (Technik der freien Assoziation). Eine individuelle Selbsterfahrung stand nicht zur Debatte, vollzog sich aber unmerklich im Hintergrund des gemeinsamen Arbeitsprozesses, ohne ausdrücklich benannt und gedeutet zu werden. Das Hauptaugenmerk von Balint war auf die Qualifizierung und Professionalisierung der Ärzte gerichtet. Trotz seiner ausschließlichen Konzentration auf die Fallarbeit bzw. auf die Arzt-Patient-Beziehung wurde Balint wegen seiner kreativen Nutzung des Gruppensettings zu einem Pionier der Gruppentherapie, der durchaus die Wirkfaktoren (Yalom, 2019/1989) und die Besonderheiten des Gruppensettings (Foulkes, 1974) wahrnahm und nutzen konnte, auch wenn er dies nicht gesondert herausarbeitete.
Rappe-Giesecke (1994) beschreibt anschaulich, wie es Michael Balint durch spezifische Modifikationen des Gruppensettings gelang, neben den manifest bewussten Elementen auch Aspekte der latent unbewussten Interaktion innerhalb der Arzt-Patient-Beziehung sichtbar zu machen. Eine Modifikation ist die bereits erwähnte Konzentration auf die Fallarbeit bzw. auf die Rückführung aller Einfälle der Gruppenmitglieder auf das Material des Klienten/Patienten. Dadurch bleiben Selbsterfahrungsanteile des Vortragenden nicht benannt, was dessen Integrität und gleichzeitig die Gruppenkohäsion stützt und stabilisiert. Das zweite Element ist die spontane Erzählung des Fallberichts durch den Vortragenden. Der Arzt schildert möglichst unzensiert seine Beziehung zu einem schwierigen Patienten, mit dem er offensichtlich nicht befriedigend arbeiten kann. Gleichzeitig interessierte sich Michael Balint auch für den normalen klinischen Alltag, wenn er vorschlug: »Erzählen Sie von dem letzten Patienten, den Sie gesehen haben«. Damit zeigt er sein Interesse für jegliche psychotherapeutische Interaktion, nicht nur für die problematische.
Indem der Arzt keinen Bericht vorliest, sondern frei über seinen Patienten erzählt, gehen in seine Schilderung unmerklich subjektive Aspekte der psychischen Innenwelt des Patienten mittels Projektion und projektiver Identifizierung ebenso mit ein wie auch Aspekte seiner eigenen Übertragung auf den Patienten. Dadurch wird die Balintgruppe im Hier und Jetzt zum Schauplatz des früheren Zusammentreffens zwischen Arzt und Patient im »Dort und Dann«. Aspekte der emotionalen Begegnung zwischen Arzt und Patient werden in den Einfällen der Gruppenteilnehmer lebendig, und biografische konflikthafte Erfahrungen des Patienten können auf diese Art und Weise erlebt und verstanden werden.
Balint führt in diesem Gruppenstadium die psychoanalytische Methode der freien Assoziation ein. Die Gruppenteilnehmer hören dem Vortragenden mit ihrer frei schwebenden Aufmerksamkeit – einem Element der psychoanalytischen Haltung – intensiv zu und öffnen sich damit für unbewusstes Material. In ihren Einfällen zum Inhalt der Erzählung stoßen sie auf eigene Emotionen und Befindlichkeiten, die via wechselseitiger Projektionen und projektiver Identifizierungen mit dem Vorgetragenen in Verbindung stehen. Diese individuellen Gegenübertragungen können für das Verständnis der Arzt-Patient-Beziehung genutzt werden. Darüber hinaus inszenieren sich in der Gruppe auch abgespaltene Elemente der Arzt-Patient Beziehung – sie werden in der Gruppe unbewusst widergespiegelt. Der deutsch-englische Gruppenanalytiker S.H. Foulkes beobachtete und benannte dies als Erster:
»Man kann leichter die Probleme des anderen als die eigenen erkennen. Die Verdrängung und das Verdrängte zum Beispiel kann erkannt werden, wenn es bei anderen aufgezeigt wird. Das wirkt aber gleichzeitig als analytische Kraft in einem selbst. Wir schlagen die Bezeichnung »Spiegelreaktion« (mirror-reaction) vor.« (Foulkes, 1974, S. 59)
Diese »Spiegelphänomene« (Kutter, 2017) sind das eigentliche Erkenntnisinstrument der Balintgruppe. Um sie wahrzunehmen und zu deuten, bedarf es der Erfahrung und Schulung (Loch, 1995). Verdrängte und verleugnete Impulse des Patienten, die aus der bewussten Arzt-Patient-Beziehung herausfallen, tauchen in den Einfällen der Gruppenteilnehmer und auch in Interaktionen und Kommunikationsblockaden des Gruppenprozesses von Balintgruppen wieder auf. Im günstigen Fall kann dies mit Unterstützung der Gruppensupervisorin in der Gruppensitzung erkannt, verstanden und für den Behandlungsprozess produktiv verwandt werden.
Mattke (2001) sagt, »dass Probleme aus der Therapeut-Patient-Beziehung, die noch nicht sprachlich-begrifflich präsentiert werden können, in den Interaktionen in der Teamgruppe ›inszeniert‹ werden« (S. 49). Er fügt an, dass sich nicht nur Elemente der problematischen Arzt-Patient-Beziehung in der Gruppe abbilden, sondern auch Elemente der Beziehung des Arztes zu seinen Kollegen oder zu der Institution, in der er arbeitet. In einer klassischen Balintgruppe interessieren diese Aspekte nicht, da sie ausschließlich auf die Arzt-Patient-Beziehung fokussiert und damit auch künstlich einengt. Kutter (2017) folgt dieser Betrachtungsweise und unterscheidet zwischen direkten und indirekten Spiegelphänomenen. Im direkten Spiegelphänomen spiegelt sich die Psychodynamik des Patienten in seiner Beziehung zum Arzt – im indirekten Spiegelphänomen widerspiegelt sich die Psychodynamik des Patienten in der Supervisionsgruppe. Der Supervisor erlangt durch seine Wahrnehmung und sein Verständnis der Gruppendynamik der Supervisionsgruppe Zugang zu den unbewussten Dimensionen der Arzt-Patient-Beziehung, die sich im Hier und Jetzt der Supervisionsgruppe als dem eigentlichen Arbeitsfeld der Supervision widerspiegeln. Für Kutter gilt: »ohne Spiegelung der entscheidenden affektiven Beziehung in der Supervision keine erfolgreiche Supervision« (Kutter 2017, S. 84).
Heigl-Evers & Hering (1970) berichten über Spiegelungen einer Patientengruppe in einer Therapeuten-Kontrollgruppe, die das Tonband einer Gruppensitzung abhörten. Erstaunlicherweise wiederholten sich dabei die Gruppenprozesse der Patienten in der Gruppe der Therapeuten. Es passierte, dass »das Geschehen in der Patientengruppe … zur auslösenden Situation für das latente konflikthafte Erleben der Seminargruppen-Teilnehmer wurde« (Heigl-Evers & Hering, 1970, S. 188).
Es wäre sicherlich zu einfach, jegliche Gegenübertragungsreaktionen von Gruppenteilnehmern einschließlich der Balintgruppenleiterin auf die Psychodynamik des Klienten zurückzuführen, die sich darin via Projektion, projektive Identifizierung und Identifikation äußere. Kutter spricht von unterschiedlichen Störungsquellen für die »reine« Spiegelung, die Freud anstrebte und an der Kutter, – »bei aller Wertschätzungen der Weiterentwicklung der Konzeption des Spiegelphänomens für Psychoanalyse und Supervision – in Form von projektiver Identifikation (Klein), Containing (Bion), Empathie und Responsivität (Kohut)« (Kutter, 2017, S. 92) – als Ideal festhalten möchte, um schwierige Verwicklungen zu vermeiden. Die Widerspiegelung abgespaltener Selbstanteile des Klienten kann durch Vielerlei getrübt werden: kontextabhängige Aspekte (Institution) und vor allem auch Aspekte der Übertragung des Arztes auf den Patienten. Natürlich steigert sich die Anzahl von »Störungsquellen« mit der höheren Komplexität von Setting und Interaktionen, was die Auflösung von Verstrickungen erschwert oder verunmöglicht. Hier nähern wir uns den weiter oben zitierten »Drachen« und »Helden« (Cohen) in der Supervisionsgruppe an – Begriffe, die uns Angst, Wut und Einsamkeit neben anderen unerträglichen Gefühlen, die sich in der Supervisionsgruppe ausbreiten können, nahe bringen. Je nach theoretischer Betrachtungsweise eröffnen sich durch Konzepte wie »Kontext«, »Lokalisierung/Personifikation«, »Container-contained«, »Empathie/Responsivität« Wege, auf denen sogenannte Störungen als wesentliche Informationsquellen für die Psychodynamik der Patientin wahrgenommen und genutzt werden können. Dabei ist für ein Gelingen dieser Aufgabe auf Seiten des Balintgruppenleiters genügend Reflexions- und Empathiefähigkeit, eigene Gruppenselbsterfahrung und Leitungserfahrung sowie auf Seiten der Balintgruppenteilnehmer Introspektionsfähigkeit und Erfahrung mit dieser Arbeit entscheidend.
Sowohl Kutter wie auch Giernalczyk (2017) weisen auf die Notwendigkeit hin, zeitlich begrenzte Phasen der Selbsterfahrung in die Supervisionsgruppe mithineinzunehmen, besonders um die Übertragung der Ärztin auf ihren Patienten in den Blick bekommen zu können. Beide meinen, dass dies nur gehe, wenn von Anfang an zwischen Teilnehmern und Leiter der Balintgruppe Übereinstimmung darüber bestehe, bei einer möglichen Verstrickung innerhalb der Arzt-Patient-Beziehung oder in der Gruppe einen »Wechsel der Perspektive« (Giesecke & Rappe-Giesecke, 1997, S. 350ff.) von Supervisionsarbeit zur Selbsterfahrung vorzunehmen. Damit intensiviert sich der Lernprozess für die Mitglieder der Balintgruppe, indem die Spiegelung eigener Probleme des Therapeuten bzw. seine Übertragung auf den Patienten wahrgenommen und bearbeitet wird. Bleibt dies auf den Fall bezogen, bietet die klassische Balintgruppe auch hierfür Raum.
Einige Charakteristika der Balintgruppen möchten wir abschließend noch einmal herausstellen und damit auch von Elementen einer gruppenanalytischen Supervisionsgruppe abgrenzen, die im nachfolgenden Abschnitt skizziert werden soll:
In einer Balintgruppe wird Klarifikation und Verständnis für die Arzt-Patient-Beziehung durch die Fokussierung auf die Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung erreicht. Dabei werden institutionelle und auf die Gruppe bezogene Bedingungen vernachlässigt und die Komplexität des Gesamtzusammenhangs von Institution/Beziehung/Gruppe reduziert. Auch bei zeitlich notwendigen Abweichungen von diesem Format bleibt die eigentliche Grundperspektive erhalten.
1. Die Funktionsfähigkeit einer Balintgruppe hängt, wie bereits beschrieben, stark von Autorität und Erfahrung des Balintgruppenleiters ab. Dieser übernimmt vielerlei Aufgaben wie Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung der Gruppeninteraktion, Reflexion der Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse bei sich selbst und bei den Gruppenteilnehmerinnen, unterschiedliche Interventionstechniken und Containerfunktionen, um nur einige davon zu nennen. Er steuert und kontrolliert auch die Prozesse der Selbstöffnung der Teilnehmerinnen. Damit wird dem Gruppenleiter eine aktive Rolle zugeschrieben (Riordan, 2008). Wie der Balintgruppenleiter diese Aufgabenfülle in der Praxis umsetzt, ist vermutlich persönlichkeitsspezifisch. Loch (1995) fordert für die Leitungsaufgabe Bescheidenheit und die Fähigkeit, anderen zuzuhören.
2. »Der Entwicklungsprozess der Mitglieder basiert auf dem Erleben und dem erkennenden Verstehen der Vorgänge im Arzt-Patienten- und im Referenten-Gruppen-Verhältnis. Eine Funktion des Leiters hierbei ist es, diese Prozesse zu »spiegeln«, d. h. in »die Dimension der Rede«, des »Diskurses« zu heben. Aber es stellt sich auch die Frage, ob der Leiter dies immer tun sollte bzw. wann er es tun muss. Nie sollte der Leiter übrigens übersehen, dass er von der Gruppe zu lernen hat, und er sollte sich stets überlegen, ob die Gruppe ihm das ermöglicht oder nicht.« (Loch, 1995, 130)
Insgesamt leisteten Michael und Enid Balint mit ihrer Idee, Ärzte in Gruppen für Schwierigkeiten in ihrer Beziehung zu ihren Patienten und damit für deren Psychodynamik zu sensibilisieren, Pionierarbeit, sowohl für die psychoanalytische Technik wie auch für die psychoanalytische Gruppentherapie. Sie legten damit den Grundstein für eine psychoanalytische Gruppensupervision.
1.1.2 Gruppenanalytische Supervision: jenseits von Balint
Gruppenanalytische Supervisoren gehen in ihrer Arbeit mit Supervisionsgruppen über Balint hinaus. Wie soll man sich das vorstellen? Das eigentlich Bahnbrechende der Balintschen Pionierarbeit war ihre Fokussierung auf die Arzt-Patient-Beziehung, um das psychophysische Befinden des Patienten zu verbessern, und auf das Medium Gruppe, die Balint einführte, um bewusste und unbewusste Anteile der Arzt-Patient-Beziehung vom »Dort und Dann« im »Hier und Jetzt« der Gruppe für alle Teilnehmer erlebbar und nachvollziehbar zu machen (Spiegelung, Parallelprozess). Das war das eigentlich Neue und darauf baut gruppenanalytische Supervision auf. Die Veränderungen in einer gruppenanalytischen Supervision gegenüber der Balintgruppe ergeben sich durch das Primat der Gruppe. Der Supervisor ist einer unter Gleichen, d. h. er steht mit allen anderen in einer wechselseitigen, gleichberechtigten Beziehung, ein »primus inter pares«, und er kann somit auch nicht ohne seine Supervisionsgruppe gedacht werden. In Anlehnung an ein klassisches Zitat von Foulkes (1974), nämlich: »Gruppenanalyse ist eine Form von Psychotherapie der Gruppe durch die Gruppe, einschließlich ihres Leiters«, formuliert Scanlon (2000): »It is as if a major task of group-analytic supervision becomes a reflective analysis of the training group(s) – including the supervisee(s), by the supervision group – including the supervisor« (Scanlon, 2000, S. 202).
Durch das Primat der Gruppe in einer gruppenanalytischen Supervision rücken die wechselseitigen Beziehungen und damit auch die Intersubjektivität als sich wechselseitig beeinflussende subjektive Vorstellungen voneinander in den Vordergrund. Ging es bei Balint noch vor allem um die Dyade Arzt-Patient, die auch im Gruppengeschehen primär erforscht wurde, erweitert sich jetzt in der gruppenanalytischen Supervision der Blickwinkel und nimmt an Komplexität zu. Dies bedeutet für die Supervisorin und für die Gruppenteilnehmer Anstrengung und Entlastung zugleich: die unterschiedlichen Einfälle und Übertragungen der Teilnehmer werden nicht als Störungen verstanden, die es aufzulösen gilt, sondern als Rückmeldungen zum aktuellen Bewusstseinsstand bzw. zum inszenierten Parallelprozess innerhalb der Supervisionsgruppe, der von einem unbewusst ausgewählten Gruppenmitglied (»Lokalisierung«), das sich an einem Knotenpunkt des Netzwerks der Gruppe befindet, angesprochen wird. Durch diese theoretische Konzeptualisierung kann gemeinsam das Unverständliche aufgelöst werden, was die Supervisorin entlastet. Damit versteht sie die Ausführungen einzelner innerhalb der Supervisionsgruppe als Ausdruck individueller biografischer und gruppaler, d. h. kontextabhängiger Befindlichkeiten. Anders ausgedrückt – in der Supervisionsgruppe steht nicht der brillante Einfall eines Einzelnen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern alle Beiträge und Verhaltensweisen der Gruppenteilnehmer einschließlich der Supervisorin beziehen sich aufeinander und ergeben zusammen ein Figur-Hintergrund-Bild. Diese Konfiguration hängt in ihrer Zusammensetzung voneinander ab und rückt je nach Blickrichtung unterschiedliche einzelne Elemente in den Vordergrund. Damit schränken Interpretationen, die nur das Individuum und nicht den interpersonalen Kontext im Blick haben, die Gruppenbewegung und das spannende Figur-Hintergrund-Spiel ein. Die Supervisorin nutzt gemeinsam mit den anderen Teilnehmern die gruppenanalytischen Konzepte von Resonanz, Lokalisierung, Matrix, Ich-Training in Aktion, Figur-Hintergrund und dynamische Administration für das Verständnis des Chaos in der Gruppe und für das Verständnis der zu supervidierenden Beziehung.
Die Entscheidung zur Nutzung bestimmter theoretischer Konzepte impliziert immer auch eine Reduktion einer komplexen Situation und damit auch den Ausschluss der Wahrnehmung anderer situativer Aspekte. Jedes Konzept enthält auch Einschränkungen und kann nicht im Sinne eines privilegierten besonderen Erkenntniszugangs verwendet werden – gerade angesichts des vieldeutigen Geschehens in einer Gruppe. Anspruchsvoll und wünschenswert zugleich ist es aus unserer Sicht, sich auch den Einschränkungen der jeweilig verwendeten Konzepte bewusst zu werden – vielleicht auch in dem Sinne, nicht zu viel Ordnung in die wahrgenommene Vielfalt (»Chaos«) hinein zu interpretieren, mit »offenen« oder »ungesättigten« Deutungen zu arbeiten. Trotzdem kann im vielfältigen Kontext einer Gruppenszene ein Konzept manchmal zum rettenden Geländer werden, um das Chaos zu »entwirren« oder zu verstehen. Insofern ist es für einen Gruppenleiter sicher gut, vor einer Deutung der Gruppe zunächst zuzuhören, die eigene Gegenübertragung wahrzunehmen und zu reflektieren. Zuhören bedeutet auch das Chaos zu »ertragen«, weil es eine Zeitlang dauern kann, bis man den roten Faden findet. Nach einer Intervention ist es günstig, die Reaktion der Gruppe auf die Deutung zu beobachten, um diese für sich zu verifizieren.
Leitfragen zur Strukturierung des Chaos könnten in folgende Richtungen gehen:
• Welche Arten von Beziehungen gestalten die Gruppenmitglieder aktuell untereinander und mit mir?
• Was löst dies in mir aus?
• Welche dyadischen und lateralen Übertragungen gibt es?
• Stehen diese mit der zu supervidierenden Beziehung in Verbindung (Spiegelreaktionen)?
Manchmal ist es nicht ganz leicht, sich in einer Supervisionsgruppe auf den Gesamtkontext »Gruppe« einzustellen, da die Mehrheit der Psychotherapeuten primär gewohnt ist im Einzelsetting zu arbeiten. Sarah Kalai (2007) stellt in ihrem Beitrag zur Ausbildungssupervision die einzel- und gruppenanalytische Vorgehensweise in der Supervision vor und vergleicht sie miteinander:
»Betty Joseph (1985) looks at the discussion in her seminar as countertransference phenomena lived out by seminar members. While listening to it she is in search for the exact and most compatible interpretation to give to the patient. Avi Berman and Miriam Berger (2007) see the supervisor, mainly, as facilitator of reverie in the matrix of group supervision, a process by which the supervisee ›strengthens his/her ability to contain his patients and to develop some faith in his/her own resources‹. I tend to join the second model in taking the reverie process as the main tool in group supervision«. (Kalai, 2007, 212)
In dieser Gegenüberstellung von Joseph und Berman & Berger wird die gruppenanalytische Arbeitsweise deutlich. Dabei geht es weniger um eine möglichst prägnante Deutung durch die Supervisorin, sondern um die Förderung eines Prozesses der Reverie (Bion 1971/2001) in der Gruppe, an dem ihre Mitglieder teilhaben und der möglichst unzensiert in Einfälle und Verbalisierungen mündet. Nach Winnicott (1989) gelingt eine solche Reverie am ehesten in einer haltenden Umgebung und fördert ähnlich wie in einem unwillkürlichen Spiel die unbewusste Kommunikation untereinander. Altfeld & Bernard (1999) sehen das haltende Umfeld einer Gruppe als den Ort an »for the feelings and thoughts the therapist is experiencing with the patient, but with regard to which he or she has not yet achieved understanding« (Altfeld & Bernard, 1999, S. 6). Bei der gruppenanalytischen Konzeption von Supervision geht es damit weniger um richtungsweisende Ratschläge oder Interpretationen für den Therapeuten zur Behandlung seines Patienten, sondern um die möglichst spontane Kommunikation innerhalb der Gruppe zur wechselseitigen Stärkung von Selbstfindung, Identität und Ressourcen.
Wenn Kalai von dem Reverieprozess innerhalb der Matrix der Supervisionsgruppe spricht, bezieht sie sich auf das Matrixkonzept von Foulkes (1974), das er einführte, um das gesamte bewusste und unbewusste Beziehungsmuster einer Gruppe abzubilden. Die Matrix ist quasi das Kommunikationsreservoir, das die Gruppe ausmacht bzw. ihr zu Verfügung steht. In sie gehen all Beziehungserfahrungen der Gruppenmitglieder mit ein, das sind frühere und aktuelle damit verbundene Selbst- und Objektrepräsentanzen wie auch gemeinsame Objektbeziehungserfahrungen innerhalb der Gruppe. Außerdem postuliert er als basalen Untergrund eine Grundlagenmatrix, die Bilder und Kommunikationen der zugrundeliegenden Kultur umfasst. Beide Matrizes bestehen aus bewussten und unbewussten Anteilen.
Mit den Konstrukten der unterschiedlichen Matrizes erfasst Foulkes die komplexe Ausgangsbasis einer gruppenanalytischen Supervisionsgruppe, die sich damit von einer Balintgruppe – primär fokussiert auf die Arzt-Patient Beziehung – abgrenzt. Enthält die dynamische Matrix sämtliche aktuelle Beziehungserfahrungen der Gruppenteilnehmer untereinander, so impliziert dies auch u. a. Beziehungen zu Institutionen und zu anderen Kollegen. All dies wird in einer Supervisionsgruppe in Zusammenhang mit dem vorgestellten Fall untersucht und in Beziehung gesetzt.
Zur Veranschaulichung einer gruppenanalytischen Supervision möchten wir eine Sequenz aus einer von Kalai (2007) geleiteten Supervisionsgruppe vorstellen, welche die bereits geschilderten gruppenanalytischen Konzepte in der Praxis zeigen. Das Besondere dieser Vignette besteht darin, dass bis zum Schluss der Gruppensitzung keine Auflösung des Beziehungsproblems zwischen Supervisandin und ihren Klienten – einem Elternpaar – erfolgt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb findet die Supervisandin nach der Supervisionsstunde, bestärkt in ihrem Reflexionsprozess durch die Interaktion in der Supervisionsgruppe, im »Hier und Jetzt« eigenständig zu einer Lösung.
Die Supervisionsgruppe bestand aus sieben Kolleginnen mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund, die in einer psychosomatischen Klinik zusammenarbeiteten. Die Klinik lag in einem Gebiet in Israel, in dem vor allem orthodoxe Juden mit ihren Familien lebten. Die Supervisorin dieser Gruppe, eine klinische Psychologin und Gruppenanalytikerin, kam von außerhalb ca. 3–4mal im Monat zur Supervision, die bereits knapp zwei Jahre lief. In der Supervision stellte eine Therapeutin einen 10-jährigen Jungen vor, der in der Schule wegen Wutanfällen aufgefallen war, aber zuhause nichts dergleichen zeigte. Die Eltern waren von der Lehrerin angesprochen worden, sich für ihn um Psychotherapie zu bemühen. Sie selbst sahen das Problem mehr in der Schule und weniger in ihrem Sohn. Die Therapeutin beklagte die doppelte Botschaft der Eltern an sie: Sie sollte die Schwierigkeiten ihres Sohnes finden und auflösen und andererseits sie in ihrer Meinung, dass alles mit ihnen und mit ihrem Sohn in Ordnung war, bestärken. Der Auftrag der Therapeutin an die Supervisionsgruppe war ähnlich doppeldeutig: Sie sollten ihr helfen, besser mit dem Jungen in Kontakt zu kommen (sie beklagte ihre Ambivalenz ihm gegenüber) und sie außerdem darin unterstützen, die Eltern zu erreichen, die bis dahin die gemeinsamen Sitzungen zu vermeiden versucht hatten. Den Verlauf der Supervisionsgruppe können wir hier aus Platzmangel nur kurz zusammenfassen: Zunächst gab es eine Fülle an Ratschlägen der Gruppenmitglieder gegenüber der Therapeutin bezüglich Verständnis und Umgang mit dem Jungen. Die Supervisorin nahm in sich selbst eine ähnliche Fülle an Interventionen und Bilder wahr, die sie später für sich als »Kriegsschauplatz« verstand. Als sie nach einiger Zeit die Therapeutin nach ihren Gefühlen in der aktuellen Gruppensituation fragte, meinte diese, sie höre alles, versuche mit dem Gesagten in Kontakt zu kommen, müsste aber immer an den Jungen denken, dem sie nicht helfen könne. Später sagte sie, sie fühle sich in der Gruppe wie eine Torfrau, deren Mannschaft aber in die entgegengesetzte Richtung von ihr weg laufen würde. Auf einmal machte sich das Gegeneinander in der Gruppe und die Einsamkeit und Verzweiflung der Therapeutin breit und wurde spürbar. Teilnehmer erinnerten sich an die Fütterungs- und Essstörungen des Jungen aufgrund einer Allergie während seiner ersten zwei Lebensjahre und dass seine Eltern mit ihm deswegen oft die Notaufnahme der Klinik aufgesucht hatten. Die Frage nach den Gefühlen der Eltern zu diesem Zeitpunkt – Verzweiflung und Schuld gegenüber den bohrenden Fragen der Ärzte – tauchte auf. Und ob sich nicht aktuell in der Supervisionsgruppe diese Gefühle und die Missverständnisse und Sprachlosigkeit zwischen Eltern und Ärzten wiederhole. Hier endete die Supervision, und die Supervisorin sorgte sich, dass es zu keiner konkreteren Auflösung der Schwierigkeiten, sondern bei einer Wiederholung der Begegnung stehen geblieben war. Aber die Erfahrung der verleugneten intensiven Gefühle von Einsamkeit und Verzweiflung, die sich in der Gegenübertragung von Supervisorin und Therapeutin widerspiegelten, halfen letzterer weiter, sich in ihren kleinen Patienten und seine Eltern im Nachhinein empathischer einzufühlen.
1.1.3 Group Relations Theory
Steht bei der Foulkes’schen Sichtweise auf die Gruppe ihre Komplexität im Vordergrund bei gleichzeitiger Fokussierung auf Individuum und Gruppe, so nähert sich Bion der Gruppe aus einer primär sozialpsychologischen Perspektive. Er sieht den Menschen primär als »Gruppentier«, der sich in einer Gruppe, von der er sich vereinnahmt und verfolgt fühlt, in einen permanenten Kampf um seine Individualität verstrickt. »The individual is a group animal at war, not simply with the group, but with himself for being a group animal« (Bion, 1971/2001, S. 131).
Nach Bion entwickelt der Einzelne, um diesen Ängsten und Erfahrungen im Kampf um seine Individualität zu entgehen, in der Gruppe zusammen mit den anderen Mitgliedern spezifische Abwehroperationen, die Bion als »Grundannahmegruppen« beschreibt. Der Gruppenprozess drückt bestimmte Grundannahmen aus, bekannt als »Abhängigkeit«, »Kampf vs. Flucht« und »Paarbildung«. Formiert sich die Gruppe zu diesen Abwehroperationen ist ein Denken, Zusammenarbeiten oder sich aufeinander Beziehen in der Gruppe kaum noch möglich. Die Gruppe wird zu einem negativen geschlossenen System, das sich nicht weiterentwickeln bzw. verändern kann. Bion vergleicht diese regressiven Gruppenprozesse mit den frühen Interaktionen zwischen Mutter und Baby, die von Melanie Klein in dem Konzept der paranoiden Position symbolisiert wurden und mit Verfolgungsängsten einhergehen. Im Konzept der Grundannahmegruppen spielen Neurosen und Befindlichkeiten des Individuums nur eine geringe Rolle. In Deutungen wird auf die Gruppe als Ganzes fokussiert und auf Konflikte zwischen der Gruppe und ihrem Leiter, die in Anlehnung an die frühe Mutter-Kind-Dyade interpretiert werden. Dabei bleibt die Vielschichtigkeit des Gruppenprozesses im Hintergrund. Dazu ein Kommentar von M. Weimer (2017):
»Und … es könnte sein, dass die Tendenz in der Bion’schen Gruppenanalyse, die Gruppe stets als Ganzes zu sehen und das Geschehen in der Gruppe auf dyadische Prozesse zwischen der Gruppe und ihrem Leiter analog zu den Prozessen in der frühen Mutter-Kind-Dyade zu reduzieren, ebenfalls als Versuch zu verstehen ist, die Spaltungs- und Vernichtungsängste gegenüber der prinzipiell unübersehbaren Komplexität von Gruppenprozessen zu mildern« (ebd., S. 1134).
Das Konzept der Grundannahmegruppen richtet die Aufmerksamkeit auf primär destruktive Gruppenbewegungen, die in der optimistischen Sichtweise der Gruppe durch Foulkes eher vernachlässigt worden waren (Nitsun, 1996). Nitsun, ein Gruppenanalytiker Foulkes’scher Ausrichtung, greift dieses Thema in seinem Buch »The Anti-Group« auf und setzt sich mit destruktiven Gruppenprozessen unter Hinweis auf Bion gründlich auseinander. Nitsun postuliert das Konzept der Anti-Gruppe als jedem Gruppenprozess immanent, das es anzuerkennen, zu verstehen und damit aufzulösen gilt. Gelingt dies nicht, ist das Bestehen und der Zusammenhalt einer Gruppe massiv bedroht. Nach dem Verständnis von Nitsun gibt es drei Ursachen für destruktive Gruppenprozesse: einmal die Angst und das Misstrauen gegenüber dem Gruppenprozess an sich, zweitens die mögliche Frustration narzisstischer Bedürfnisse in der Gruppe und als letztes die befürchtete Erfahrung von Scham und Demütigung in der Gruppe (Nitsun, 1996). Diese Ängste der einzelnen Gruppenmitglieder inszenieren sich via Projektion und projektiver Identifizierung in den Gruppeninteraktionen und unterminieren den Gruppenzusammenhalt. Sie werden als Folge individueller Objektbeziehungserfahrungen verstanden, die sich in der Begegnung mit den anderen Gruppenteilnehmern zu einer gemeinsamen unbewussten Gruppenphantasie ausformen. Je nach individueller persönlicher Biographie artikuliert sich diese Gruppenphantasie in der Aussage eines spezifischen Gruppenteilnehmers, der damit zum Sprachrohr der Gruppe wird (Personifikation). Beides sollte, gefördert durch die Interventionen des Gruppenleiters, innerhalb des Kommunikationsprozesses der Gruppe zur Sprache kommen und damit bearbeitbar werden. Nitsun bezieht sich in der Einführung des Konzepts der Anti-Gruppe ausdrücklich auf Bion, der in seiner eindrucksvollen Beschreibung von Grundannahmegruppen auf destruktive Prozesse, die Gruppen immanent sind, fokussiert. In der Bearbeitung dieser Prozesse unterscheidet sich Bion von Foulkes insofern, dass er sich in seinen Interventionen primär auf Vorgänge zwischen Gruppenleiter und Gruppe bezieht und diese auf Besonderheiten der Mutter-Kind Dyade zurückführt.
Folgende Konzepte der Group Relations Theory sind für eine Gruppensupervision hilfreich:
1. Mit dem Konzept der Grundannahmegruppen kann die Gruppenleiterin Phasen der Apathie/Abhängigkeit, der wechselseitigen Entwertung/Vermeidung (Kampf/Flucht) und der idealisierten Paarbildung in einer Gruppe differenzierter wahrnehmen und verstehen. Ähnlich wie in der Therapiegruppe ist es durchaus möglich, dass sich die Supervisionsgruppe via Spiegelungsprozesse passager in eine Grundannahmegruppe verwandelt. Hier wird es zur Aufgabe der Supervisorin, durch ihre emotionale Präsenz die Gruppe zu halten, die unerträglichen Gefühle zu containen und durch erträglichere Interpretationen und Interventionen an die Gruppe zurückzugeben. Damit wird ein Prozess eingeleitet, der die Gruppe wieder arbeitsfähig macht, d. h. die Gruppe kommt in die Lage, zu denken und zu arbeiten.
2. Das Konzept Container-contained: Mit Containing meint Bion das Halten bzw. Aushalten von unerträglichen Gefühlen, die in der Begegnung von zwei Menschen auftreten können. Er nimmt als Beispiel die Mutter-Kind-Interaktion, in der die Mutter für das Kind bedrohliche Impulse wie Angst, Schmerz, Wut, Neid aufnimmt, d. h. diese Gefühle wahrnimmt, ihnen standhält und sie in sich hineinnimmt, überdenkt und verarbeitet. Die Mutter oder in einer psychotherapeutischen Behandlung die Analytikerin wird zur Projektionsfläche der auf sie gerichteten Projektionen des Kindes oder des Patienten. Entscheidend ist, dass sie langfristig nicht via projektive Identifizierung (re)agiert, sondern durch ihre innere Verarbeitung (Reverie) einen Zugang zum Gefühlszustand des Kindes bekommt und danach die projizierten Impulse in einer veränderten, erträglicheren Qualität zurückgeben kann. Dieser Gesamtprozess wird als Containing bezeichnet, wobei Mutter bzw. Therapeut als Container fungiert. Dieses Modell charakterisiert grundlegende Prozesse im psychoanalytischen Einzelsetting und ist auch auf das Mehrpersonensetting der Gruppe anwendbar. Hier übernimmt die Gruppe die Containerfunktion, d. h. sie »hält« und »behält« die psychischen Elemente ihrer Mitglieder einschließlich der Leiterin und ihre Verbindungen untereinander.
»The group or organization is a container of the internal world of the individual…The containing mind is in the group. It should not be the links that develop in the individual mind of the therapist, but rather in the linkages that go on between the minds of the group members« (Hinshelwood, 2008, S. 287).
Man kann dies auch anders herum sehen: Die innere Welt eines Menschen ist die Repräsentanz seiner Erfahrungen in Beziehungen und seiner Zugehörigkeit zu Gruppen. Das Soziale ist dann das Primäre, nicht das Intrapsychische. Beide Perspektiven tragen zum Verstehen von Gruppen bei – sie ergänzen sich und werden mit dem Wissen um die jeweils andere Perspektive vertreten.
Den geschützten Raum einer therapeutischen Gruppe kann man sich als »Übergangsraum« im Sinne von Winnicott vorstellen oder auch als flexiblen Container, in dem ein Reflexionsraum (Hinshelwood, 1994) zur empathischen Beziehungsaufnahme untereinander und zum Containing, d. h. zur Wahrnehmung und Verarbeitung von wechselseitigen Projektionen und projektiven Identifizierungen entstehen kann. Um dieses Ziel wird immer wieder neu gerungen werden müssen, vor allem in den Grundannahmegruppen, in denen Verbindungen untereinander angegriffen oder zerstört werden, und ein Containing versagt.
Selbstverständlich finden die Containingprozesse auch in einer Supervisionsgruppe statt, nur dass hier dem Supervisor in Anlehnung an Bion eine besondere Bedeutung zukommt. Er hat die Aufgabe, den Gruppenprozess zu halten bzw. als Container dafür zu fungieren, wozu er seine Gegenübertragung benutzt und reflektiert. Bion bezeichnet dies als binocular vision (Bion 1971/2001) und meint damit die Gleichzeitigkeit von interpersonellem und intrapsychischem Containing in der Gruppe bei Teilnehmern und Gruppenleiter. Beide verarbeiten Interaktionen und damit verbundene Phantasien innerpsychisch und auch interpersonell als Sprachrohr der Gruppe. Auch hier gibt es eine Ähnlichkeit zum Foulkes’schen Konzept der Personifikation. Der Containingprozess in der Gruppe impliziert damit eine intrapsychische und interpersonelle Verarbeitung und verändert so die psychische Innenwelt von Gruppenteilnehmern einschließlich des Leiters und den Entwicklungsprozess der Gesamtgruppe. Bion spricht in diesem Zusammenhang von dem Gruppenleiter/Gruppensupervisor als Mystiker, der eine besondere Nähe zu unbewussten Gruppenphantasien entwickelt oder etwas Mystisches in die Gruppe einbringt, »damit die Gruppe sich damit auseinandersetzt und neu organisiert« (zitiert nach Lazar, 2017, S. 105) »In diesem Sinne meine ich …, dass wirklich gute supervisorische Arbeit zumindest einen Hauch dieser genialen, mystischen Inspiration haben sollte, haben kann, vielleicht sogar haben muss« (Lazar, 2017, S. 105–106). Vielleicht kann man diesen Satz auch entwicklungspsychologisch verstehen: gute supervisorische Arbeit ist auch durch »spielerische« Freiheit gekennzeichnet – sie inspiriert.
Lazar beschreibt in einem eindrucksvollen Fallbeispiel eine Supervision eines Krankenhausteams, das eine unheilbar kranke Patientin in ihren letzten Lebenswochen betreuen musste und darüber in Lähmung, Erstarrung bis hin zu Arbeitsausfällen geriet. In seiner Vignette schildert Lazar den Containingprozess, den er für sich im Gespräch mit der Patientin übernahm und als Supervisor im Nachdenken über sie im Team anstoßen konnte. Durch die Nähe des Todes und der damit verbundenen existentiellen Ängste wird die Intensität von Containing hautnah spürbar und führt letztlich bei der Patientin, die nach wochenlangen Klagen und Kämpfen in Ruhe sterben konnte und auch im Team, wo durch das Verbalisieren von Gefühlen und Ängsten diese gespürt, gehalten und bearbeitet werden konnten, zu einem zufriedenstellenden Ende (Lazar, 2017).
Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, Bionsche Konzepte mit gruppenanalytischen Beiträgen in der Arbeit mit Supervisionsgruppen zu kombinieren. Berman und Berger versuchen dies und schildern in ihrem Beitrag, wie sich Reverie (Bion) und Matrix (Foulkes) zum Verständnis der Arbeitsweise von Supervisionsgruppen erfolgreich ergänzen können (Berman & Berger, 2007). Sie nehmen beide Konzepte auf und erachten sie für eine erfolgreiche Arbeit in einer Supervisionsgruppe beide als notwendig. Nach Bion kann sich die Mutter durch einen träumerischen Gefühlszustand in ihr Kind einfühlen. Sie stellt sich damit für die unerträglichen Impulse des Kindes (Beta Elemente) zur Verfügung und containt diese, d. h. sie gibt sie in erträgliche, entwicklungsfähige Alpha Elemente an das Kind zurück. Ähnliches kann sich im Containing der Gruppe vollziehen, wenn in der kollektiven Gruppenreverie die persönlichen Assoziationen der Mitglieder miteinander erforscht – nicht beurteilt – werden. Resnik (1994) spricht hier von einer Wendung nach Innen. »Supervision group can create a cycle of empathy« (Resnik, S. 1994). Der Reverieprozess vollzieht sich innerhalb der Gruppenmatrix, womit der soziale Kontext miteingeht. Damit charakterisieren beide Konzepte – Reverie und Matrix – eine erfolgreiche Gruppensupervision. Neben der individuellen Psychodynamik und der sozialen Interaktion werden auch soziale Determinanten sichtbar. All dies zusammengenommen spiegelt die Komplexität des Materials wider, und dies gilt nicht nur für die Gruppenpsychotherapie, sondern auch für deren Supervision in der Gruppe.
Dialog
HS: Der in diesem Kapitel gewählte historische Ansatz zur Beschreibung gruppenanalytischer Theorien ist für psychoanalytische Leser vertraut, ignoriert aber auch aktuelle Weiterentwicklungen und Konzepte (u. a. Mentalisierung, traumazentrierte Gruppentherapie, interaktionelle Gruppentherapie, verhaltenstherapeutische Gruppenkonzepte), die über die klassischen theoretischen Ansätze hinausgehen.
CB: Die aktuellen Weiterentwicklungen verstehe ich zum Teil als detailliertere Ausarbeitungen grundlegender klassischer Konzepte wie Ich-Training-in Aktion (Foulkes) und Containing (Bion) oder als Konzepte ohne Bezug zu unbewussten Prozessen (verhaltenstherapeutische Gruppenkonzepte).
HS: Bei einer Supervision in Gruppen sind nicht nur Vorstellender und Supervisor betroffen – alle Gruppenteilnehmer nehmen an der Inszenierung von Konflikten in der vorgestellten Interaktion im Hier und Jetzt der Gruppe teil. Wird dies berücksichtigt, bekommt Supervision als professionelle Selbsterfahrung eine besondere, auch zu schützende Funktion. Für die Frage, ob Supervision in einer Gruppe stattfinden kann (und soll), in der auch (andere) Gruppenselbsterfahrung geschieht, ergeben sich hier je nach Zielsetzung und Art der Gruppe unterschiedliche Antworten… Meiner Ansicht nach ist die persönliche Selbsterfahrung in der Gruppe in der derzeitigen Ausbildungslandschaft manchmal zu stark gewichtet. Die Identifizierung mit dem Leiter der eigenen Selbsterfahrungsgruppe muss meines Erachtens mit anderen Formen des Lernens klug verbunden werden. Daher möchte ich sie mit anderen Konzepten, Lernformaten und -inhalten (besonders in der Supervision von Gruppentherapien) ergänzen.
CB: Als in der Praxis tätige Gruppenlehranalytikerin und Dozentin verstehe ich eine fortlaufende gruppenanalytische Selbsterfahrung für die Weiterbildungskandidaten weiterhin als unverzichtbaren Bestandteil ihrer gruppenanalytischen Weiterbildung. Gerade durch den geschützten Raum in einer Selbsterfahrungsgruppe und durch das Fehlen jeglicher bewusster Vorgaben und Themen (außer den Konstanten des Settings) wird sie zu einem notwendigen Möglichkeitsraum im Sinne von Winnicott, in dem jeder mit eigenen unbewussten Prozessen in sich selbst und in der Begegnung mit Anderen in Berührung kommen kann. Dies schließt Lernprozesse in anderen Settings und Formaten nicht aus.
HS: Bion postuliert einen permanenten Konflikt zwischen Individuum und Gruppe. Für ein Verstehen dieses Konfliktes sind m. E. weitere Konzepte hilfreich: Individualität muss nicht als Gegensatz zu einer Gruppenzugehörigkeit formuliert werden. Sie ist auch zu verstehen als die Summe unterschiedlicher Gruppenzugehörigkeiten: Ich bin Mitglied dieser Familie, dieser Sprachgemeinschaft(en), dieser sozialen Gruppe, dieses Chores oder Sportvereins usw. Mit dem Verlust einer wichtigen Bezugsgruppe (Zugehörigkeitsgruppe) ginge auch dieser Aspekt der Individualität verloren. Bions Sicht auf das Individuum ist vor dem Hintergrund aktueller entwicklungspsychologischer Theorien daher nur eingeschränkt generalisierbar. Sie isoliert trotz allen Bemühens um ein Verständnis von Gruppenprozessen den Einzelnen stark aus seinen sozialen Beziehungen.
Bion reduziert auch die Komplexität des Geschehens in einer Gruppe, indem er sie als ein dyadisches Geschehen zwischen Leiter und der Gemeinschaft der (anderen) Gruppenteilnehmer konzeptualisiert.
Auch bezüglich des Containings kann die Aufgabe einer Supervisorin anders als mit Halten und Containen beschrieben werden. Sie könnte (zum Beispiel) der Gruppe ihre eigenen Reaktionen entwicklungsfördernd zur Verfügung stellen (nicht als Wahrheit, sondern als eine persönliche, individuelle Reaktion). Der sich entwickelnde intersubjektive Zwischenraum wäre dann zu erkunden. Ein solches antwortendes interpersonelles Feedback kann im Sinn einer entwicklungsfördernden ›markierten Spiegelung‹ zu einer besseren Wahrnehmung, Differenzierung und Regulierung der Affekte in der Gruppe beitragen – weg von den Grundannahmen. Auch als eine Förderung des Mentalisierens (z. B.. mit Fragen) kann Supervision beschrieben werden.
CB: Den Prozess des Container-contained kann ich nicht so sehen. »Die eigenen Reaktionen entwicklungsfördernd zur Verfügung stellen« bedeutet nichts anderes als die eigene Gegenübertragung zu reflektieren und so in der Intervention zu nutzen, dass damit die unbewussten Abwehrprozesse in der Gruppe so weit möglich angesprochen und gelockert werden können, was ich unter »entwicklungsfördernd« verstehe. Dies impliziert eine Wahrnehmung und Spiegelung von Affekten, denn nur in einer affektiven Begegnung mit dem Anderen lassen sich Abwehrprozesse überhaupt angehen. In einer Grundannahmegruppe geht es darum, die Angst voreinander durch haltende Interventionen der Gruppenleiterin zu reduzieren, was nicht bedeutet, dass diese schweigend dasitzt und aushält, sondern im Kontakt mit den Gruppenteilnehmern deren vermutete unbewusste Ängste anspricht, so dass diese im Miteinander der Gruppe weniger bedrohlich werden und erträglicher gemacht werden können.
HS: Viel hängt von der Persönlichkeit der Gruppenleiterin ab, nicht alles von den verwendeten Konzepten. Dennoch bleiben aus meiner Sicht noch interessante Unterschiede: Containen betont das Intrapsychische. Die Gruppenleiterin verstoffwechselt. Sie wird nicht oder nicht gleich in ihrer Interaktion betrachtet. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist für eine gelingende Regulation von Affekten aber gerade die prompte und den Affekt interpersonell aufnehmende Interaktion zentral. Das Betonen von Containen in einer Gruppe (wieder im Sinne der Reduktion der Komplexität des Gruppengeschehens) lässt die Interaktion im Hier und Jetzt der Gruppe zu sehr in den Hintergrund treten. Vor allem für die Arbeit mit schwerer kranken Patientinnen und Patienten sehe ich das Herausheben der Aufgabe des Containens von Affekten durch die Gruppenleiter daher als nicht entwicklungsfördernd an.
CB: Natürlich ist die Interaktion zwischen Gruppenleiterin und Gruppenmitglied entscheidend. Aber eine »prompte« – vielleicht unvermittelt schnelle – Reaktion der Gruppenleiterin impliziert die Möglichkeit, eine projektive Identifizierung auszuagieren oder in ein Enactment zu geraten, was es dann wieder aufzulösen gilt. Ein »Verstoffwechseln« schließt auch eine notwendige Zeitspanne zur Reflexion der Gegenübertragung ein.
1.2 Charakterisierung der wichtigsten Konzepte
»Die Untersuchung der Atmosphären von klinischen Seminaren und Fallkonferenzen zeigt, dass ein kontinuierlicher Austausch über Übertragungen und Gegenübertragungen in einer über längere Zeit relativ stabilen Gruppe (nicht zwei hinter einer geschlossenen Tür) offensichtlich erlaubt, die dabei entstehenden Spannungen derart zu zerstreuen, dass nicht nur keine Paranoia, vielmehr eine ausdrückliche Zufriedenheit entstehen kann« (Klüwer, 2009, 253).
Rolf Klüwer (2009) vergleicht in seiner Aussage Einzel- und Gruppenausbildungssupervision – die Vermittlung von Theorie und Behandlungstechnik – im institutionellen Rahmen. Seiner Ansicht nach ist dabei Einzelsupervision oft von »Paranoisierung« (ebd.) gekennzeichnet, wohingegen Gruppensupervision (Fallkonferenz) durch Transparenz und Öffentlichkeit überzeugen. Seine Aussage drückt viel Optimismus aus. Selbstverständlich spiegelt sie gelungene Erfahrungen einer erfolgreich verlaufenden Gruppensupervision wider, wobei Klüwer ausdrücklich David Malan (1965) erwähnt, der von einem großen »Enthusiasmus« in Michael Balints »Werkstatt«, auch einer Form von Gruppensupervision, spricht. Es gibt aber auch skeptischere Beobachtungen wie die von David Altfeld (1999), der schreibt: »In der Gruppe fühlt sich der Supervisand alleine, ohne Sichtschutz und verwundbar, während alle anderen behaglich angekleidet sind« (1999, S. 241, übers. v. C.B.)
Ähnlich schwierig gestaltete sich die »Mittwochsgesellschaft« von Freud, die erste psychoanalytische Supervisionsgruppe überhaupt. Sie war sehr auf den väterlichen Leiter Sigmund Freud ausgerichtet und förderte dadurch Rivalitäten in der Gruppe, was auch zu späteren Abspaltungen geführt haben könnte. Man kann die Mittwochsgesellschaft als eine Gruppe im Modus einer Bionschen Grundannahmegruppe (Bion, 1971) betrachten, in der die Teilnehmer sich entweder um den väterlichen Anführer Freud scharten (Konfiguration Abhängigkeit) oder sich von ihm abspalteten (Konfiguration Kampf/Flucht). Michael Balints Intervisionsgruppe (1957), die »Werkstatt«, bestand aus ca. neun erfahrenen Psychoanalytikern und wurde auch von ihm selbst geleitet. Seine Beschreibung der Gruppensitzungen erinnert eher an einen Gruppenprozess, in dem sich negative Über-Ich-Introjekte manifestierten und weniger an eine prozesshafte Gruppenreflexion, was vielleicht auch mit der unangefochtenen Autorität von Balint zusammenhängt.
»Alle Patienten wurden, bevor sie zur Behandlung angenommen wurden oder doch ganz zu Beginn der Behandlung, gründlich durchdiskutiert. In kurzen Zwischenräumen wurde dann über die Behandlungsstunden in der ›Werkstatt‹ berichtet, worauf eingehende Diskussionen folgten. In diesen Diskussionen wurde die Ärzte oft regelrecht ins Kreuzverhör genommen, wobei man ihnen so gut wie keine Beschönigung oder Auslassung durchgehen ließ« (Malan 1965, S. 61).
Was macht eine »hinreichend gute« (Winnicott, 1983) Gruppensupervision aus? Welche Parameter bedingen eine gut arbeitende Supervisionsgruppe? Hierbei unterscheiden wir zwar zwischen äußeren Bedingungen (institutioneller Kontext, Setting,) und inneren Bedingungen (Wirkfaktoren, Gruppendynamik, Gruppenleiterin), sehen dies aber in einem sich wechselseitig beeinflussenden Gesamtprozess.
Бесплатный фрагмент закончился.
