Читать книгу: «Tote Vögel singen nicht»

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Inhalt

Über das Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Dank

Drei Fragen an Autor Christian Klinger

Der Autor

Über das Buch

Cosinus Gauß ist als Anwalt trotz seiner Tricksereien nicht zu Reichtum gekommen. Er ist ein Mann in den besten Jahren, aber beziehungsunfähig, weil er aufgrund der tyrannischen Erziehung seines Vaters keine Empathie empfindet. An POTS (Posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom) leidend, ereilen ihn plötzliche Ohnmachten in den unpassendsten Momenten. Als er eines Morgens in einem Hotel neben der blutüberströmten Leiche einer jungen Frau erwacht, versucht er krampfhaft die Geschehnisse des Vorabends in einem Club zu rekonstruieren. Er verschwindet unerkannt, aber eine unscharfe Aufnahme einer Überwachungskamera des Hotels taucht in den Medien auf. Die Polizei sucht jedoch vorerst nach einem abgetauchten Immobilientycoon, der Gauß ähnelt.

1.

„Fickst du immer noch so gut?“

Sie stand ganz nah vor mir. Ich bildete mir ein, den Hauch ihrer Frage wie eine Liebkosung auf meiner Haut zu spüren. Meine Härchen am ganzen Körper richteten sich auf und ich blickte Schneewittchen in die dunklen Augen. Die Haut aus weißem Alabaster, die Haare pechschwarz, die Lippen rot.

Ich zögerte … und hatte verloren. So eine Frage musst du sofort beantworten, innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde. Das Ja muss schnell und selbstsicher kommen wie eine abgefeuerte Pistolenkugel. Doch meine Lippen blieben verschlossen. Weder wollte ich mich besonderer Fähigkeiten im Bett rühmen, noch konnte ich mich daran erinnern, dass es einer meiner bisherigen Partnerinnen getan hätte. Mich rettete beim Sex meist meine „Cosinus-Welle“. Mit einer gutturalen Stimmtechnik, die ich von einem Mongolen, den ich zu verteidigen hatte, erlernte, bringe ich mithilfe der Stimmbänder meine gesamte Mundhöhle zum Schwingen und versetze damit meine Zunge in Vibration, sodass sie heftig zu flattern beginnt wie eine Fahne im Orkan. An der richtigen Stelle zum Einsatz gebracht, hat diese Technik noch immer zu einem befriedigenden Erfolg geführt. Warum ich Idiot immer nachdenken musste?

Ja!

Meine Körpermitte schrie es. Mein Mund aber schwieg. Ich versuchte ihrem Blick standzuhalten, der fordernd und zugleich überlegen war, doch brachte ich nicht mehr als ein verzweifeltes, blödes Grinsen zustande. Gut, dass man sich in solchen Momenten nicht selbst sieht. Es war noch keine Sekunde vergangen, eine Sekunde, die sich im Universum ausdehnte wie ein neues Sonnensystem, da sagte sie: „Entschuldigung, ich muss dich wohl verwechselt haben.“

Sie verzog den Mundwinkel. Enttäuscht und angewidert zugleich. Als hätte sie statt in eine Handcreme aus Paris in einen steirischen Kuhfladen gegriffen. Ihr Blick ein Griff in meine Eier. Es kribbelte da unten, es erregte mich, aber es bereitete mir auch Unbehagen. Natürlich hat sie mich verwechselt, sagte ich mir, wie hätte ich sie vergessen können?

Das war unsere erste Begegnung gewesen.

Jetzt lag sie neben mir. Schneewittchen war noch bleicher als gestern. Ihre Haare umspielten ihre Schultern wie tanzendes Seegras, das eine Nixe umhüllt, und das Rot ihrer Lippen war überall verteilt: auf ihrem Busen, dem Bauch, den Schenkeln. Es klebte am Leintuch und auf dem Bett, nur leuchtete es nicht mehr so wie gestern. Rostbraun hatte es sich in den Stoff gesaugt und auf ihrer Haut eine Kruste gebildet. Ein tiefer Schnitt hatte die Kehle durchtrennt und zwischen den Beinen hatte jemand sein krankes Werk verrichtet: Die Schamlippen waren mit großen Büroklammern zusammengeheftet.

Ich sah mich um und fragte mich, was ich in diesem Hotelzimmer machte. In einem Raum mit einer Wandtäfelung aus honigfarbenem Holz, gemasert und mit einzelnen Wurzelzeichnungen, und einem blaugrauen Teppich. Aber das war unwichtig. Was zählte, war das tote Mädchen darin. Und ich daneben. Ich selbst lag neben dem Bett, halb am Boden, der Oberkörper auf der Matratze. Ein paar Blutspritzer hatten mein Gesicht getroffen.

Ich rappelte mich auf und ging ins Bad, wo ich mein Gesicht mit kaltem Wasser wusch und hoffte, damit meiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Langsam kehrten erste Bilder zurück. Und ich zu Schneewittchen auf ihrem Lager. Sie hatte das Gesicht einer Puppe. Ihre dunklen Augen starrten auf einen fernen Punkt an der Decke. Ich brachte es nicht fertig, sie zu berühren, um ihre Lider zu schließen. Doch ihre Nähe half meinem Gedächtnis. Bruchstückhaft fügten sich Bilder, Eindrücke und Geräusche zu dem zusammen, was man Erinnerung nennt. Das Gestern winkte mir durch einen verzerrten Spiegel zu. Ich versuchte, den Vortag zu rekonstruieren:

Es war Montag und ich kam spät in mein Büro. Am Eingang passte mich Dragana ab.

„Jetzt haben wir schon den zehnten und ich hab mein Gehalt vom letzten Monat noch immer nicht am Konto.“

Sie baute sich vor mir auf, wobei sie ihren üppigen Busen als Barriere einsetzte.

Wie die Woche zuvor, versuchte ich ihr zu erklären, dass ihr Gehalt schon überwiesen sei und es halt ein paar Tage dauern würde, bis gebucht wäre.

„Das sagst du jetzt schon seit einer Woche und schön langsam glaub ich es dir nicht mehr. Also klemm dich hinter den Computer und mach endlich die Überweisung, sonst lass ich dich hier nicht mehr raus!“

Ich fasste sie an der Schulter und schob sie sanft weg. „Zuerst musst du mich einmal vorbeilassen, sonst kann ich nicht an den Computer in meinem Zimmer, um das E-Banking zu checken. Vielleicht braucht das ein Update“, sagte ich, wohl wissend, dass das hier kein technisches Problem war.

Mein Büro war so eng, dass der Durchgang zu meinem Zimmer zwischen Draganas Schreibtisch und der Wand eigentlich nur Platz für einen ausgemergelten Fakir ließ. Regelmäßig streifte ich mit meinem Bauch über ihre Tischplatte. Umgekehrt hatte das den Vorteil, dass auch aufgebrachte Klienten nicht unangemeldet in mein Büro platzen konnten. Sie mussten vorbei am Zerberus, den Dragana perfekt zu verkörpern wusste.

Dragana wich einen Schritt zurück und ich roch ihre Haut und ihr süßes Parfum. Eine Spur zu lieblich für eine Frau nach dem Wechsel, dachte ich. Mein Oberarm streifte ihren Busen. Er war füllig und weich. Es war Jahre her, dass wir regelmäßig miteinander geschlafen hatten. Damals waren ihre Brüste voll und fest wie ein aufgepumpter WM-Fußball. Sie war jetzt, trotz der vielen Falten um Mund und Augen, immer noch rassig. Sie hatte den Charme des Balkans. Schön und heruntergekommen, mit der Hoffnung auf bessere Zeiten und der standhaften Ignoranz des Umstands, dass ihre besten Jahre vorbei waren. Die in die Haare gesteckte Brille, die sie zum Arbeiten am Computer benötigte, verlieh ihr einen reifen Sex-Appeal.

Als ich mich durch den Durchschlupf gezwängt hatte, ärgerte ich mich über sie. In solchen Momenten wollte ich sie am liebsten rauswerfen. Doch den Ärger überwog die Erkenntnis, dass ich kaum jemanden finden würde, der für so wenig Kohle mit so viel Engagement für mich arbeiten würde.

Außerdem brachte sie einige Mandanten aus ihrem serbischen Umfeld. Alles Gauner, Schieber und Bankrotteure. Wahrscheinlich hätten diese Gestalten meiner Dienste gar nicht bedurft, weil man ihnen von offizieller Seite ohnehin selten beikam. Oder auch gar nicht beikommen wollte. Mein Beitrag, die Durchsetzung der ordentlichen Strafrechtspflege abzuwehren, war im Vergleich zur Unfähigkeit und Laschheit der Behörden gering. Denn wenn man es richtig anlegte, war fast alles möglich.

Brauchen Sie ein Auto? Jaguar, Audi, BMW? Kein Problem, kann ich Ihnen alles billig besorgen. Die Sache läuft easy. Ich suche einen, der das Fahrzeug least, am besten über seine marode Firma. Sie kaufen es von der Firma und melden es im Ausland auf sich an. Ein Wohnsitz im Ausland ist aus steuerlichen Gründen und auch aus Gründen der Strafverfolgung immer von Vorteil. Sie erwerben gutgläubig das Eigentum und die Leasinggesellschaft verliert es. Sollte diese die Karosse wiederfinden, dann ist ihr Recht daran schon lange untergegangen. Wir machen den Kaufvertrag. Ganz wasserfest. Sie zahlen natürlich nur einen Bruchteil der aufscheinenden Summe. So haben wir alle was davon. Zwischenzeitig ist der Firmenchef, der dieses Kunststück ein paar Mal durchgezogen hat, längst in irgendeinem montenegrinischen Tal verschwunden. Offiziell habe ich natürlich nichts damit zu tun. Wer will schon mit solchen Betrügereien in Zusammenhang gebracht werden?

Drogen kann ich Ihnen über meine afghanischen Klienten besorgen oder unangenehme Nachbarn von meinen tschetschenischen Freunden in Sachen „Nachbarschaftshilfe“ beraten lassen. Warum ich mich mit all diesem Abschaum abgebe? Ganz einfach: Ich bin Anwalt.

Ich ließ mich in meinen Bürosessel fallen, schaltete den Computer auf meinem Schreibtisch an und überlegte, wo ich das Geld für Draganas Gehalt oder wenigstens einen Vorschuss abzweigen konnte. Ein Kollege hatte mir vorgestern eine Überweisung von knapp fünftausend Eiern avisiert. Wider Erwarten hatte ich einen Rechtsstreit gewonnen und der gegnerische Anwalt hatte mitgeteilt, dass er keine Berufung einlegen werde. Der eingeklagte Betrag sollte also schon auf meinem Konto eingelangt sein. Ich würde ihn zur Zahlung an Dragana verwenden und meinem Mandanten erklären, dass die Berufungsfrist noch offen wäre und man diese abwarten müsse. Das verschaffte mir bis zu zwei Wochen Zeit.

Nachdem ich zweitausend Euro auf Draganas Konto und den Rest auf meines überwiesen hatte, rief ich nach ihr. Sofort tauchte ihr Oberkörper hinter meinem Bildschirm auf. „Du musst endlich die restlichen Honorarnoten schreiben und verschicken“, sagte ich. Es war an der Zeit, die Früchte meiner Arbeit einzubringen.

„Sind alle längst erledigt.“ Sie verzog dabei keine Miene. Mit diesem starren Gesichtsausdruck sah sie aus wie die Galionsfigur an einem Schiffsrumpf.

„Und wieso seh’ ich dann keinen Zahlungseingang am Kanzleikonto?“

Sie zuckte mit den Schultern und sagte beiläufig: „Weil deine Klienten nie zahlen.“

Das war das Problem mit meiner Kundschaft. Die zahlten gar nichts, nicht einmal ihren Anwalt. Und leider, so musste ich mir eingestehen, war auch das Geschäftsmodell mit den Autos noch kein durchschlagender Erfolg. Die meisten Firmenchefs setzten sich damit selbst ins Ausland ab, um sie dort zu verkaufen. Nicht einmal diese Provision gönnten sie mir. So gesehen war ich über die Einladung für diesen Abend sehr froh, denn bei so einem Event lernt man immer neue Leute kennen. Und neue Leute sind neue Klienten, sage ich immer.

2.

Nachdem ich zwei Stunden der Vernehmung eines rumänischen Taschendiebs im Halbgesperre des Straflandesgerichts beigewohnt hatte, war ich nach Hause gegangen, um mich frisch zu machen. Gegen 20.00 Uhr brach ich zum Volksgarten auf. Ich hatte zwar keine Ahnung, welches hohe Tier hier zu einem Fest geladen hatte, aber wichtig war, dass sich viele andere hohe Tiere dort ein Stelldichein gaben. Ich griff in die Innentasche meines Jacketts und prüfte nach, ob ich genug Visitenkarten eingesteckt hatte. „Legal advice“ und „Offshore investments“ prangte in großen Lettern darauf. Klotzen statt kleckern war hier angebracht. Diese Schlüsselworte lockten im Normalfall betuchte Klienten an wie Zuckerwasser die Wespen. Ich hoffte, dass ein paar Krösusse an diesen Begriffen picken blieben. Reichtum ist eine Sucht. Wie bei Drogen ist man trotz gesteigerter Dosis nie zufrieden und glücklich. Das kann man ausnutzen. Das Problem bei der Geldwäsche ist nur, dass die Kunden meist noch gerissener und skrupelloser sind als man selbst.

Dennoch war ich guter Dinge. An diesem Abend wurden die Karten neu gemischt. Irgendwann würde ich auf den richtigen Idioten treffen, den ich ausnehmen konnte wie eine Weihnachtsgans. Ich ging die letzten Schritte vom Bundeskanzleramt Richtung Ringstraße, die Konturen der mächtigen Gebäude lagen in einem blauen Schleier, der die Nacht ankündigte. Es musste sich etwas nachhaltig ändern in meinem Leben und ich spürte, dass dies an diesem Abend geschehen würde.

Eine kleine Traube von Menschen hatte sich um den Eingang gebildet. Ein Schrank von einem Türsteher prüfte die Einladungen. Er diskutierte mit ein paar Jugendlichen. Die Youngsters konnten keine vorweisen, wollten aber dennoch tanzen. Als ich von hinten kam und mit meiner Einladung in der Luft wedelte, teilte der Pitbull am Einlass für mich die Menge. Ich dachte an die Geschichte aus der Bibel: das Rote Meer und Moses und der Typ mit dem Stiernacken war Gott. Der Gott des Einlasses. Ich merkte, wie die Kids ihre Augen auf mich richteten und wie ihr Neid am 160er-Faden aus feinster Alpakawolle klebte. Ich liebte diesen Anzug, auch wenn es kaum eine Textilie gab, die mehr Tierleid schuf. Der Türsteher, dessen Oberkörper verstörende Ähnlichkeit mit HULK aufwies, öffnete mir mit einer devoten Geste die Tür. Sofort ließen hämmernde Bässe die Luft zittern. Ich drehte mich zu den Jugendlichen hin und klopfte mit der Linken in die Armbeuge meines ausgestreckten Arms. Vafanculo!

Diese Kinder mussten noch lernen, viel lernen. Du brauchst dich nicht an die Spielregeln zu halten, aber du musst sie kennen. Meine Einladung war ja auch nicht an mich gegangen. Ich gehe seit Kurzem in ein Fitness-Studio. Es liegt am Schillerplatz und ist exklusiv. Bei einem der wenigen Anwaltstreffen, die ich besuche – leidige gesellschaftliche Ereignisse mit lauter Schnöseln –, traf ich einen Kollegen, der mir von seinem Leid berichtete: Seine Frau zwinge ihn, mehr für seinen Körper zu tun. Gesund zu essen, nicht zu rauchen und nicht zu trinken und Sport zu treiben. Daher bleibe er so lange wie möglich im Büro. Nicht um zu arbeiten, sondern um zu essen, Alkohol zu trinken und zu rauchen. Als seine Frau Lunte gerochen habe, sei er gezwungen gewesen, sich in ihrem Beisein in einem Fitness-Club einzuschreiben. In besagtem am Schillerplatz. Er zahle seinen Mitgliedsbeitrag regelmäßig und sei sich sicher, seine Frau spioniere sein Konto aus und würde das nachprüfen.

„Jetzt schmeiß ich mich in die Panier von Adidas und komm spät heim und die Alte glaubt, ich war trainieren“, hatte er mir nach drei Seideln Bier erzählt. „Ich habe nach meiner Anmeldung nie wieder einen Fuß in dieses Studio gesetzt.“

Er hatte gelacht und sein Doppelkinn hatte dazu gewabbelt. Erklär mal deiner Alten warum du immer fetter wirst, hab ich mir gedacht. Aber am nächsten Tag war ich Herr Doktor Alois Ebert und das Mädchen am Empfang war richtig glücklich, dass ich nach so langer Zeit wieder trainieren kam. Sie glaubte auch sofort, dass ich meine Magnetkarte in der Zwischenzeit verlegt hatte. Jetzt könnte ich dort alles machen, mich aufführen wie der letzte Hunne und alles würde Doktor Ebert auf den Kopf fallen. Würde ich eine Affäre mit einer der Trainerinnen beginnen, womöglich würde der Kollege bald vor einer sehr teuren Scheidung stehen und sich wundern, wie sich das Schicksal an ihm rächte für das bisschen Lottern aus Rauchen, Saufen und Völlern.

Und nicht anders kam ich zu der heutigen Einladung. Ich hörte in der Sauna jemanden über den Event sprechen und wie er zu seinem Gesprächspartner sagte: „Ich deponiere eine Karte am Empfang für Sie.“ Ich spitzte die Ohren. Ein exklusives Fitness-Center, exklusive Mitglieder, ein exklusiver Event, das schien klar. Ich machte also schnell und wartete, nachdem ich wieder in ziviler Kleidung steckte, vor dem Empfang, bis der Typ diese Einladung hinterlassen hatte. Ich fragte das Mädchen am Empfang nach den Allergenen eines Shakes, der hinter ihr im Regal stand, und sobald sie sich umgedreht hatte, um mir den Warnhinweis von der Packung herunterzubeten, hatte ich die Eintrittskarte schon in meiner Sporttasche verschwinden lassen.

Und jetzt war ich da.

Ein Meer aus Beats und Stimmen wogte durch den Saal. Kellner zwängten sich mit Tabletts durch die Reihen der Gäste. Sie nutzten jede sich auftuende Lücke wie diejenigen, die noch in einen abfahrenden U-Bahnzug springen. Geschickt balancierten sie langstielige Gläser und dicke Bierflaschen darauf. Die Tabletts wanderten über unsere Köpfe wie die fliegenden Teller beim chinesischen Wanderzirkus. Ich griff mir eine Flasche Bier. Langsam schlenderte ich an der Bar vorbei, wo einzelne Barkeeper den Gästen auch ausgefallene Wünsche zusammenmixten, und überlegte, ob ich später auf einen Longdrink oder Cocktail umsteigen sollte. Aber der Abend hatte eben erst begonnen und es galt, sein Potenzial abzuwarten.

Das Licht war gedämpft und lediglich bunte Lichtblitze holten einzelne Gesichtszüge der Gäste aus dem Dunkel. Ich erkannte einen Sportler, der jetzt um einiges weniger sicher auf seinen Beinen stand als sonst auf seinen Skiern. Ich sah einige Starletts, die sich gern abwechselnd an erfolgreiche Typen hängten, und irgendwo ganz hinten war auch der umtriebige Baumeister zu erkennen. Der Mann wähnte sich im zwanzigsten Frühling und war sich nicht bewusst, dass aus einem vertrockneten Ast keine grünen Triebe mehr ausschlagen. Und da waren auch nicht wenige Politiker, wie ich jetzt erkennen konnte. An den Bänken vor den großen Glasscheiben in Richtung Ringstraße, die durch schwere Vorhänge abgedunkelt waren, entdeckte ich den Herausgeber einer Illustrierten, der gerade eine weiße Linie am Tisch zog und den Spiegel zu einem Stadtrat hindrehte.

Die Musik wurde lauter, und trotz des vom DJ zugeschalteten Filters, ließen die Bässe den Boden zittern. Ich wurde angerempelt, ein Bezirksrat der Grünen drängte sich in einer Cannabiswolke an mir vorbei Richtung Tanzfläche. Ein Security fing den Mann ab und deutete zu einem Nebenraum, wo offenbar kein Rauchverbot herrschte. Ich stellte meine Bierflasche ab und wollte kurz in den Garten, um Luft zu schnappen, als ich zwei Stadtpolitiker der roten Stadtregierung sah, die nach silbernen Aufklebern griffen und dafür Geld zu einem Dritten am Tisch hinschoben. Ich erkannte eine exklusive Uhr am Handgelenk dessen, der das Geld nahm. Eine Jaeger-LeCoultre Reverso Tourbillon. Und eine zweite, zarte Hand, unverkennbar die einer Frau, zweigte für sich einige Scheine vom Geldbündel ab.

Dann war da noch der TV-Moderator, der sich eben von seiner langjährigen Partnerin getrennt hatte und dafür umso ungehemmter in einer der Eckbänke einen geblasen bekam. Bei den Lichtverhältnissen konnte ich nur sein entspanntes Gesicht sehen. Er hatte die Augen geschlossen und die Falten um seinen Mund zuckten im Takt der Kopfbewegungen seiner Partnerin. Von der war nur wenig zu erkennen. Sie kniete auf der Bank neben ihm und hatte ihren Hintern in die Luft gereckt. Ihr Kopf war nur von hinten zu sehen. Er bewegte sich jetzt schneller auf und ab, das Fernsehgesicht setzte ein seliges Grinsen auf. Frisur und Rock der Gespielin kamen mir bekannt vor. Ich hätte keine hohe Summe gesetzt, aber beides hatte ich im TV gesehen. Besagter Moderator hatte am Vorabend eine Politdiskussion geleitet und die einzige Frau in dieser Runde war die Kandidatin der Konservativen gewesen. Offenbar war man sich nicht nur politisch nähergekommen. Sie verrichtete den Liebesdienst mindestens genauso uninspiriert wie es ihre Politik war, aber er schien es zu genießen, wie auch ein Großteil der Bevölkerung die von ihr vertretenen Standpunkte schätzte. Ich schlenderte weiter und traf nur auf breite Gesichter. Ausdruck des Glücks, weil sie voll von Drogen oder Alkohol waren oder weil sie bestochen worden waren.

Man fühlte sich unter sich, man fühlte sich wohl, man fühlte sich sicher. Das typische „Meet and Greet“ von Politik, Medien und Wirtschaft. Man plauderte, man puderte sich die Nase oder man puderte, was man vor die Lenden bekam.

Die Musik hatte den Beat gewechselt und die Bässe kamen nun sanfter. Ich musste auf die Toilette, wo ich neben einer dunkelhäutigen Schönheit mit großen Titten und großem Schwanz urinierte. Während ich ausschüttelte und die Transe mein Gemächt mit laszivem Blick verschlang, fragte ich mich, ob ich an diesem Abend auf einen Bekannten treffen würde. Denn wo der Glanz von Geld oder Macht war, da tauchten meine Aasgeier auf. Ich wehrte den Annäherungsversuch meines Pinkelpartners mit freundlichem Lächeln und ebensolchen Worten ab: „Hau ab, du Tunte!“, sagte ich und schob ihn zur Seite.

Später lehnte ich an der Bar im Garten, wo ein weiterer Disc Jockey alten 70er-Soul und Funk auflegte: WAR, Mothers Finest, James Brown und so. Mein Blick scannte die anderen Gäste, die am Tresen lehnten. Fast nur Männer. Die wenigsten trugen Anzug. Hier dominierte der College-Look, weil sich die Mittfünfziger heute alle der Realität verweigern und meinen, mit einem bunten Polo mit großem Logo und großer Brieftasche, die man für das Logo braucht, die Jugend zu kaufen. Ich war auf der Suche nach einem Opfer. Ich suchte jemanden, dem die Gier aus den Augen leuchtete und den ich leicht für eines meiner Finanzierungsmodelle gewinnen konnte. Ich bestellte einen Gin Tonic und legte meine Angelrute aus, indem ich meinen Blick auf einen Typen mit Krokodil an der Brust und Fett auf den Rippen heftete. Mein Opfer hatte den Blick einer Kuh, die nach der Besamung auf die Sommerweide gelassen wurde. Ich nahm mein Glas und steuerte auf mein Ziel zu.

Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter und jemand zog mich zurück.

3.

Rote Lippen und ein schneeweißes Gesicht, das sich gegen das Halbdunkel absetzte wie das blank geputzte Nummernschild auf einem Maserati aus Carbonfaser. Zwei weiße Zahnreihen bleckten mich an, als sie sagte: „Wohl doch keine Verwechslung. Genau dich habe ich gesucht.“

Und da war es wieder: das siegessichere Grinsen, das mich im Schritt packte und mir die Hoden quetschte. Aber es massierte auch mein Ego. Mit zarten, flinken Händen, wie die Asiatinnen in diesen Studios. Mir war so heiß, als wäre mein Anzug mit Lava gefüttert. Das Glas in meinen Händen glühte. Ein Wunder, dass der Gin noch nicht verdampft war und das Tonic nicht zu kochen begonnen hatte. Ich nahm einen großen Schluck und es war, als hätte mich Thors Hammer getroffen. Mit einem Mal war ich cool. Jetzt streichelte der Alkohol meine Gehirnzellen. Er verbündete sich mit dem Adrenalin in meinem Körper. Ich trat auf den anderen Fuß und meine Stimme war die von Samuel L. Jackson, als ich zu ihr sagte: „Und jetzt hast du mich gefunden. Drink?“

Wir fanden einen Tisch in einer ruhigeren Ecke des Gartens. Büsche umgaben uns und unsere Vertrautheit wuchs im Dunkel des angrenzenden Parks. Die Musik war dort leiser, die Kellner dafür umso aufmerksamer. Ich hatte den dritten Drink vor mir stehen und auch Schneewittchen lag mit dem zweiten Cosmopolitan nicht weit zurück, was den Alkoholspiegel betraf. Meine Suche nach möglichen Opfern hatte sich hin zu einem visuellen Rundgang zu den Rundungen unter ihrer Bluse von Dior verlagert. Wir redeten belangloses Zeug, jeder fragte den anderen, was er machte, und jeder log den anderen an. Sie erzählte etwas von einer Kunstgalerie und ich flunkerte davon, wie ich Rudolf Leopold beim Aufbau seiner Sammlung geholfen hatte.

„Wer ist Rudolf Leopold?“, fragte sie und es schien im Gegensatz zu ihren Schilderungen über Nizza, Paris und Basel diesmal ehrlich. Sie hatte keine Ahnung. Ich rechnete nach und kam zu dem Schluss, dass Leopold gut zehn Jahre tot war. Da war sie noch ein Teenager gewesen und ziemlich sicher an anderem interessiert. Ich betrachtete sie näher, was in dem schwachen Licht nicht einfach war. Sie hatte große Augen, eine kleine Nase und sonst die Gesichtszüge einer Puppe, war daher altersmäßig schwer einzuschätzen, aber wahrscheinlich noch keine dreißig. Kein Wunder, dass wir nicht über Gemeinsamkeiten reden konnten. Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Niemand, ich meinte das Museum im …“

„Das kenn’ ich“, sie strahlte mich an, ihre Augen bildeten nun schwarze Knöpfe in diesem plüschweichen Gesicht. „Leopold, natürlich. Da gibt es jeden Freitag Chill-Out und die Deejays legen echt geil auf. Nicht so eine alte Kacke wie hier.“ Mit dem Kopf machte sie eine Geste in Richtung des Mischpults.

Mir gab es einen Stich, denn es lief „Higher Ground“ von Stevie Wonder und im selben Moment zwang ich meinen zuckenden Oberkörper wieder starr zu sein. Ich hatte meine Hand auf ihrem Arm liegen und sie drückte ihren Schenkel gegen mein Bein.

„Vielleicht willst du woanders hin, wenn dir die Musik hier nicht gefällt?“

„Warum gehen wir nicht endlich bumsen?“

So kam ich in dieses Hotel. Mein Kopf brummte und einzelne Teile des Abends liegen noch immer bedeckt unter einer dicken Eisschicht ohne Hoffnung auf eine baldige Klimaerwärmung. Wir waren mit dem Taxi losgefahren und ich weiß noch, dass sie meine Versuche, sie am Busen oder zwischen den Beinen zu berühren, effizient abgewehrt hatte. Ich hatte mehr getrunken als mir guttat und war so geil, dass ich mich am liebsten noch im Fond des Wagens auf sie geworfen hätte, was der indische Taxifahrer wohl mitbekommen haben musste, denn seine weißen Augen, die unter seinem Turban hervorstachen wie zwei Xenonlichter, waren mehr auf den Rückspiegel als auf die Straße geheftet. Wahrscheinlich hatte er auf Action gehofft, wie sie Bollywood-Filme selten bieten. Aber vielleicht hätte er auch nur angehalten und uns gesteinigt. In Indien geht man gegen Moralverstöße eher archaisch vor.

Bei jeder Ampel läutete Schneewittchens Handy und sie würgte die Gespräche genauso schnell ab wie meine Annäherungsversuche. Sie ließ sich in die Garage bringen und ich fragte mich, ob sie vermeiden wollte, dass man uns am Eingang gemeinsam sah. Wir stiegen aus und sie sagte, sie hätte noch kurz etwas zu erledigen. Sie drückte mir ihr Mobiltelefon in die Hand und ließ mich den Fahrer bezahlen. Als Ihr Handy abermals läutete, warf ich es genervt in einen Mistkübel.

Endlich waren wir im Zimmer. Aus der Minibar hatten wir uns einen Drink genommen. Ich saß am Bettrand. Wir hatten uns bislang nicht vorgestellt. Und genau genommen waren unsere Namen vollkommen egal. Dennoch sagte ich: „Du kennst nicht einmal meinen Namen.“

„Namen sind jetzt wurscht. Außerdem weiß ich genau, mit wem ich mich einlasse. Ich nenne dich einfach Mister Big.“ Sie machte eine Kunstpause und ihre Lippen schmollten mich äußerst sexy an, dann setzte sie nach: „Und ich hoffe, du enttäuscht mich nicht.“

Sie hätte mir nicht auf den Schritt schauen müssen, damit ich kapierte, was sie sich erhoffte, und ich überlegte, ob ich jetzt noch aus dieser Nummer herauskommen würde, bevor es zu peinlich für mich wurde. Aber wenigstens durfte ich meinen Namen für mich behalten. Ich heiße Cosinus Gauß. Das kommt davon, wenn man einen Vater mit diesem Nachnamen hat, der noch dazu Mathematikprofessor ist.

„Ich heiße Maria.“

„Für mich bist du Schneewittchen.“ In diesem Moment hätte ich wegen meiner Blödheit aus der Haut fahren wollen. Nicht schon wieder alles vermasseln!

Doch sie verzog nur die Mundwinkel zu einem schelmischen Grinsen und kleine Grübchen bildeten sich dabei auf ihren Wangen. Sie sagte: „Wusstest du nicht, dass Schneewittchen in Wirklichkeit Maria hieß?“

Ich wusste es nicht. Ich machte Augen wie ein Kindergartenkind, dem man ein Märchen vorliest.

Sie erklärte weiter: „Die Brüder Grimm hatten für die Figur des Schneewittchens Maria Magdalena als Vorbild.“

Mann war die gut! Sie konnte lügen, dass sich die Balken bogen und dass ich sie am liebsten gefragt hätte, ob sie bei mir in der Kanzlei einsteigen wolle. Doch ich wollte sie lieber ins Bett bekommen.

„Gib zu, auch das wusstest du nicht.“ Sie machte kleine Schritte auf mich zu. Bei jedem Buchstaben eine Zehenspitze näher zu mir. Dabei knöpfte sie ihre Bluse auf, schlüpfte aus den Schuhen und hatte ihre Augen zu Schlitzen verengt; wie eine Raubkatze bei der Jagd. In mir wuchs die Vorfreude und an mir noch etwas anderes.

Und genau in dem Moment, als sie die Bluse abstreifte und ich vom Bett hochschnellte, um sie mir zu nehmen, wurde mir schwindelig und ich sackte ohnmächtig zu Boden.

Ich erwachte in der beschriebenen Position, halb auf das Bett gestreckt. Die Matratze hatte mich aufgefangen und meinen Sturz gebremst. Dabei wäre eine Beule am Kopf im Moment das geringste Übel gewesen. Doch im Zimmer gemeinsam mit einer Leiche, das machte alles andere als einen schlanken Fuß. Ein Bild durchbohrte meine Vorstellung wie das Schwert des Magiers den Kasten mit der Jungfrau. Ich, wie ich auf Schneewittchen knie und ihr den Hals mit einem Skalpell durchtrenne.

Mir fehlt zum Glück das Panik-Gen, das manche Leute in prekären Situationen den Kopf verlieren und die Flucht antreten lässt. Selbst wenn man mir das Messer an die Gurgel setzt, bleibe ich rational. Das war jetzt natürlich ein blödes Bild, denn Schneewittchen hatte mir bewiesen, dass man mit dem Messer am Hals auch sterben kann.

Ich spielte meine Möglichkeiten durch. Aufstehen und abhauen war eine davon. Aber gut möglich, dass ich dann dem Portier in die Arme gelaufen wäre – oder der Polizei. Wer immer die Kleine auf dem Gewissen hatte, war sicher dankbar, in mir den passenden Sündenbock gefunden zu haben. Gut möglich, dass der Mörder bereits die Polizei verständigt hatte. Abhauen war also durchaus eine Option. Abhauen ja, aber überlegt.

Ich fragte mich, ob ich irgendwelche Personalien am Hotelempfang hatte angeben müssen. Doch dunkel hatte ich in Erinnerung, dass Schneewittchen die Magnetkarte für das Schloss an der Zimmertür bereits bei sich getragen hatte. Wir waren auch mit dem Lift von der Parkgarage direkt in die Etage gekommen, ohne irgendwelche Formalitäten zu erledigen. Das war gut. Das war sogar sehr gut. Verschwinden war also die weit bessere Option, als hier zu bleiben und den nutzlosen Versuch zu unternehmen, der Polizei meine Unschuld zu erklären. Ich war das Bauernopfer, dem man die „smokin’ gun“ in die Hand gedrückt hatte und dem niemand glauben würde.

Ich blickte mich nochmals um. Ich hatte nichts mitgebracht und würde nichts mitnehmen. Das Dumme war nur, dass überall meine DNA verteilt war. Mit Fingerabdrücken hält sich die moderne Kriminalistik gar nicht mehr auf, wenn sie aus einem Speicheltröpfchen meine gesamte Genealogie herauslesen kann. Aus einer Wimper können die Techniker die Haarfarbe irgendeiner Urahnin aus dem Kaukasus bestimmen und aus den Sekretrückständen meiner Fingerkuppen beim Betätigen der Klospülung, nachdem ich meinen Schwanz ausgeschüttelt hatte, wahrscheinlich sogar den Zeitpunkt meines ersten Orgasmus bestimmen: Ich war 17 und es geschah neben dem Turnsaal im Gerätekammerl, dort hinter dem Barren mit Emily Werner. Emily war nicht sonderlich hübsch. Das Beste an ihr war der Geruch nach den Erdbeerschnüren, die sie den ganzen Vormittag über den Unterricht verteilt in sich stopfte. Sie hatte leichte Speckwulste um Bauch und Hüften, außerdem ein rundes Gesicht mit viel zu großen Brillen, aber sie hatte ordentliche Brüste und ließ die meisten von uns Jungs drüber, auch wenn wir uns nicht in ihr ergießen durften. Wenn sie merkte, dass ein Typ am Kommen war, drückte sie ihn aus ihrer Mitte hinaus und ließ ihn in ihre Hand spritzen. In guten Turnstunden schaffte sie zwei von uns. Einen zu Beginn, wenn das Zeugs für die Turnübungen herzurichten war, und den zweiten am Ende der Stunde, wenn es hieß „einpacken und umziehen“. Einer von uns durfte dann auspacken und sie ausziehen. Die Turnmatte, auf der wir es mit ihr trieben, wurde mit der Zeit ein Ejakulat-Biotop und mir taten die Kleinen aus den Unterstufen leid, die auf der verkrusteten, blau genoppten Oberfläche Übungen machen mussten.

Wie gerne wäre ich jetzt auf der pummeligen Emily Werner gelegen statt hier neben dem viel schöneren, aber toten Schneewittchen. Im nächsten Moment lag ich dann aber doch auf Schneewittchen. Ich drückte mich gegen ihren weichen, aber kalten Körper und versuchte, so gut es ging, sie mit meinem eigenen abzudecken.

„Sehen Sie nicht, dass Sie stören?“, presste ich heraus, meinen Mund auf das Gesicht der Leiche gedrückt.

„Oh, Entschuldigung …“

Das Zimmermädchen zog die Tür hinter sich zu und ich fragte mich, ob sie irgendetwas anderes gesehen haben mochte als zwei, die zur Sache kamen. Ich musste jetzt schnell sein. Den Plan, draußen den Brandmelder zu betätigen und dann einige Minuten zu warten, bis die Gäste das Hotel wegen des Alarms verlassen hatten, um das Zimmer in Brand zu setzen, verwarf ich wieder. So ein Feuer lässt sich schwer kontrollieren und ich würde nicht viel gewinnen, wenn ich meine Spuren vernichtete, um einen Mord, den ich nicht begangen hatte, zu vertuschen, dafür aber womöglich andere Menschen auf dem Gewissen hätte. Oder ich flüchtete vor den Flammen und zehn Sekunden später war das Feuer von der Sprinkleranlage gelöscht.

Das brachte mich auf eine andere Idee. Sicher war die Polizei schon auf dem Weg. Ich ging zur Tür und lauschte, ob vom Gang Geräusche zu vernehmen waren. Als ich nichts hörte, verließ ich das Zimmer und nahm den Feuerlöscher, wie er in jeder Etage angebracht war, aus seiner Halterung. Ich kehrte ins Zimmer zurück und begann den Löschschaum zu verteilen. Mit Schneewittchen fing ich an. Immerhin hatte ich gerade auf ihr gelegen. Sie verschwand unter dem weißen Schaum wie eine verirrte Tourengeherin im Winter, verschluckt von Eis und Schnee. Als nur mehr die Umrisse zu erkennen waren, tat sie mir plötzlich leid. Solange ich unter Anspannung stehe, ist das Empathiezentrum in mir blockiert. Mir geht es da wie den amerikanischen GIs, die, solange sie am Kämpfen und am Töten sind, kein Mitleid empfinden und die dann nach Jahren, als Veteranen, daheim durchknallen. Jetzt musste ich weinen. Das passierte mir manchmal und ich konnte es nicht kontrollieren. Ich musste aufpassen, dass ich nicht im Gerichtssaal in Tränen ausbrach.

Ich würde zu gern vergessen, wie es mich damals mitten in einer Scheidungsverhandlung überkommen war. Der Richter fragte sofort, ob etwas nicht In Ordnung sei, und ich musste eine Ausrede finden. Ich schützte vor, dass mir die armen Kinder unendlich leidtäten. Denn nach so einer Trennung waren sie entweder innerlich zerrissen oder sie würden als unnötiger Ballast hin und her geschoben werden. Das scheidungswütige Paar, das eben noch um die letzten stinkenden Socken gestritten hatte, fiel sich in die Arme und begann ebenfalls zu schluchzen. Die Scheidung wurde abgeblasen und ich verdiente viel weniger Geld. Das war der eigentliche Grund zum Weinen.

Jetzt war es Schneewittchen, die meine Emotion außer Kontrolle gebracht hatte. Mir tat aber auch leid, dass ich keinen Sex mit ihr gehabt hatte. Selbst als Leiche hatte sie noch ihren Reiz. Dieser Gedanke ließ mich den Kopf schütteln. Eine nekrophile Ader in mir wäre ebenso neu gewesen wie die des Gewalttäters, aber vielleicht zweifelte der Mörder an meiner Person und hatte deshalb ihre Schamlippen vernietet, um mich vom Sex mit einer Leiche abzuhalten?

Während ich diese Gedanken wälzte, war das Bett völlig unter der Decke aus Löschschaum verschwunden. Ich hoffte, dass ich nicht noch einen Feuerlöscher holen musste, weil der erste bald leer sein würde. Aber letztlich schaffte ich es, alles in dem Raum damit zu überziehen. Ich warf Schneewittchen einen letzten Blick zu, nahm ihre Tasche an mich, drückte dann am Gang das Glas für den Alarm ein, und während die Feuermelder ihr schrilles Pfeifen von der Decke warfen, nahm ich den Lift in die Garage. Unten fragte ich mich, wieso wir über die Garage kommen konnten, wenn wir doch mit dem Taxi zum Hotel gefahren waren.

4.

Vor dem Hotel reflektierten Glasscheiben die Blaulichter der Feuerwehrfahrzeuge. Ein paar Männer in Montur stampften mit schweren Schritten in die Lobby, aus der noch vereinzelte Menschen hetzten, Erstaunen und Verwunderung und vielleicht auch Angst um das in den Zimmern zurückgelassene Hab und Gut in den Gesichtern. Die Vorsichtigen hatten wohl das Wichtigste in die Bauchtaschen gestopft. Und die Raucher hatten ihre Zigaretten gerettet.

Ich empfand ein wenig Häme, als ich zwei Pärchen in sehr leichter Montur auf dem Gehsteig ausmachte. Die blonden Damen trugen Negligés und zeigten ihre Beine und sonstigen Reize, während deren Begleiter in Schlapfen unterwegs waren. Der eine hatte eine Jogginghose an, der andere Boxershorts und ein ärmelloses Shirt, aus dem vorne wie hinten schwarz gekräuselte Haare quollen. Ich betrachtete deren Visagen und war mir sicher, dass es sich um Russen handeln musste. Eine schiefe Nase wie Putin und ein aufgedunsenes Gesicht, Zeichen für zu viele Kartoffeln. Gekocht und auch in flüssiger Form. Und so einen Pelz auf Brust und Rücken braucht man nur in Sibirien.

Zwei Feuerwehrmänner mit Atemschutzmasken liefen an mir vorbei in die Garage. Ich drehte ab und überlegte nun, wie viel Zeit mir blieb. In gut zehn bis fünfzehn Minuten würden sie das Hotel soweit gecheckt haben, um zu wissen, dass kein Feuer ausgebrochen war. Dann würden sie den Melder prüfen, von dem der Alarm gekommen war, und die dortige Etage unter die Lupe nehmen. Das würde vielleicht zehn Minuten dauern und dann etwa weitere zehn, bis das Blaulicht der Polizei mit jenem der Feuerwehr Hochzeit feiern konnte. Eine halbe Stunde, in der ich so viel Distanz wie möglich zwischen Schneewittchen und mich bringen sollte. Es durfte keine Flucht sein, sondern es sollte wie das Bemühen, einen knappen Termin einzuhalten, erscheinen.

Ein Polizeifahrzeug näherte sich im Einsatz. Ich zwang mich, ihm nicht nachzusehen, drehte den Kopf aber doch leicht zurück. Als sich die Tonfolge immer weiter entfernte und die Töne tiefer wurden, eilte ich etwas entspannter weiter. Der Einsatz hatte nicht dem Hotel gegolten, zumindest noch nicht.

Am Ring, ich ging gerade am Café Schwarzenberg vorbei, in dessen Schanigarten sich die Touristen um einen Platz rauften, fiel mir ein, dass ich ja gestern mit dem Auto gekommen war. Ich hatte es noch vor dem Volksgarten geparkt. Ich ging also vor bis zur Oper, und weil ich das Gefühl hatte, ein wenig wackelig auf den Beinen zu stehen, wollte ich dort in einen Ringwagen einsteigen, um mich die zwei Stationen bis zum Volksgarten bringen zu lassen. Ein Kaffee wäre ganz gut. Ich überlegte, die Ankerfiliale in der Passage aufzusuchen, um mir einen Cappuccino im Pappbecher zu besorgen. Ich betrat die Rolltreppe und plötzlich drehten sich nicht nur deren Antriebsräder.

Als ich die Augen aufschlug, sah ich in zwei besorgte Gesichter. Eine dunkelhäutige Frau, die ein Kopftuch über ihre Haare gebunden hatte, und ein Typ ungefähr in meinem Alter, wie ich an den silbern schimmernden Bartstoppeln auf seinen Wangen sehen konnte.

„Haben Sie sich wehgetan? Ist Ihnen nicht gut?“

Er reichte mir die Hand und ich sah ein Schlangentattoo auf seinem rechten Unterarm. Mit einem Ruck hatte er mir hochgeholfen. Ich musste gestürzt sein.

„Danke“, sagte ich und putzte den Staub von meinem Jackett. Die Bewegung verursachte leichten Schmerz, aber es schien nichts gebrochen zu sein, als ich loshumpelte. Der Mann gab meine Hand frei und die Frau legte mir ihre auf die Schulter.

„Wollen nicht besser setzen?“, fragte sie mit Akzent.

Ich schüttelte meinen Kopf. „Es geht schon“, sagte ich. „Ich brauche nur einen Kaffee.“

„Des glaub’ ich a“, sagte der Mann sardonisch. Offenbar sah man mir die schwere Nacht an. Seine Schlange war wieder in den Hemdsärmel gekrochen, dafür sah ich jetzt die Goldkettchen um Handgelenk und Hals.

Wenig später saß ich in einem Zug der Linie 1. Die Hände hatte ich um den warmen Becher geschlungen. Nach einigen Schlucken fühlte ich mich wieder der Welt um mich zugehörig. Offenbar hatten mir Stress und Aufregung weit mehr zugesetzt als gedacht.

Endlich hatte ich meinen Wagen erreicht. Ein alter 3er BMW, der nur mehr durch die liebevolle Wartung meines Mechanikers zusammengehalten wurde. Hinter dem Scheibenwischer begrüßte mich ein Liebesbrief der MA 67, der Magistratsabteilung für Parkraumbewirtschaftung.

Mein Auto war aber nicht das einzige, das am Vorabend vor dem Club stehen geblieben war. Links und rechts von meiner Karre prangten weitere Erlagscheine an den Windschutzscheiben. Mit Ausnahme des Wagens direkt rechts neben meinem. Ich konnte mich an den grauen SUV erinnern, weil er gestern schon dagestanden hatte und ich mich darüber ärgerte, dass er anderthalb Parkplätze für sich beanspruchte. Natürlich hatte so ein Bonzenfahrzeug keinen Strafzettel bekommen. Und ich hatte mich gestern so in die verbleibende Lücke hineingequetscht, dass der Fahrer des SUV seinen vermutlich fetten Bauch würde einziehen müssen, um einsteigen zu können.

„Fahren Sie weg?“

Ich drehte mich um und sah einen beleibten Mittvierziger mit Doppelkinn neben meinem Fenster stehen. Ich war zwischenzeitig ins Auto gestiegen und hatte die Seitenscheibe heruntergelassen. Ich nickte und ließ den Motor an. Als ich weiter vorne beim Burgtheater in den Ring einbog, fiel mir ein, dass es sich bei dem Typen um einen Politiker gehandelt hatte. Irgendein Bezirkspolitiker, der es mit seinen markigen Sprüchen immer wieder auf die Titelseiten schaffte. Wieso konnte der ohne Zeitlimit parken? Vielleicht mit Handyparken. Oder der Wagen war auf das Rathaus zugelassen. Ein fescher Dienstwagen. Politiker müsste man sein, dachte ich. Und dann fiel mir ein, dass er gestern an dem Tisch gesessen war, den Schneewittchen noch aufgesucht hatte, bevor sie mit mir abgezogen war. Und ihre Hand war die, die ich zuvor im Halbdunkel gesehen hatte. Die sich das Geld geholt hatte.

5.

Ich hatte den Wagen in der Paulanergasse gerade eingeparkt, als mein Telefon läutete. Ich zuckte zusammen. Aber nur, weil es sich mit dem Radio verbunden hatte und das Klingeln in einer infernalischen Lautstärke kam. Ich sah, wie sich in einem nahen Schanigarten einige Köpfe in meine Richtung drehten. Es war Dragana.

„Was willst du? Ich bin gleich da. Hab ich irgendwelche Termine versäumt?“, fragte ich unfreundlich.

„Deswegen rufe ich ja an. Die Verhandlung am Arbeitsgericht wurde vertagt, der Richter oder sein Praktikant haben in der Früh angerufen und sich entschuldigt, der neue Termin kommt mit Ladung und Stanisic hat die Besprechung am Nachmittag abgesagt, er hat heute angeblich keine Zeit. Wenn du mich fragst, hat er schon wieder die Stadt verlassen.“

„Ich frag’ dich aber nicht.“

Mirko Stanisic war einer der Klienten, mit denen ich ein paar Dinger drehte, nichts Großes. Immer wenn ihm das Pflaster hier in Wien zu heiß wurde, tauchte er für ein paar Tage unter. Vor allem der eine Clan aus dem Kosovo war nicht gut auf ihn zu sprechen, seit das mit den Schüssen beim Figlmüller war. Ich schien bei seinen Transaktionen zum Glück nirgends auf, konnte aber bei Gelingen durchaus die Hand aufhalten. Schade, sagte ich zu mir, ich hatte heute mit ein paar lila Scheinchen gerechnet. Solange es sie noch gab.

„Sonst noch was?“, fuhr ich Dragana schroff an.

Sie brauchte das. Wenn ich sie zu gut behandelte, würde sie sich vielleicht eine besser und vor allem regelmäßig bezahlte Arbeit suchen, doch so traute sie sich nicht einmal über eine Kündigung nachzudenken.

„Ich wollte heute früher Schluss machen, wenn sonst nichts ansteht. Meine Tochter kommt mit der Kleinen vorbei.“

„Melanie?“

„Valerie!“

Wieder hatte ich vergessen, wie lange Dragana schon für mich arbeitete und wie lange es tatsächlich her sein musste, dass wir was miteinander laufen hatten. Das war vor ihren Töchtern gewesen. Und die Ältere der beiden hatte jetzt selbst schon ein Kind. Dragana war also eigentlich eine GRILF, eine #Granny I’d like to fuck#. Warum ihre Tochter das Kind ausgerechnet Valerie nennen musste, würde mir ewig ein Rätsel bleiben. Zu einem Nachnamen wie Pantelic hätte eine Sladjana oder von mir aus Silvija einfach besser gepasst.

„Wenn es auf deine Zeit geht, kannst du von mir aus eine halbe Stunde früher Schluss machen.“

„Bei dem, was du mir zahlst, hätte ich die letzten zehn Jahre zu Hause bleiben können.“

„Vorsicht“, warnte ich Dragana, „das kann schneller passieren, als dir lieb ist. Und was würde Ratko dann dazu sagen?“

„War ein Witz. Bis morgen.“

„Bis morgen, aber pünktlich.“

Ich hatte das letzte Wort und ich hatte die Chefkarte gezogen. Natürlich hätte ich sie auch nach Hause schicken können, zu tun gab es im Moment nicht viel, aber ein wenig Schikane entspannte mich. Dafür würde ich nicht früher gehen. Denn ich würde erst gar nicht kommen. Beschloss ich und startete den Motor. Die Fehlzündungen ließen ein paar Gastgartenbesucher blöd gaffen. Würde die Polizei bereits nach mir fahnden, würden die Bullen sicher zuerst in der Kanzlei antanzen.

Keine fünf Minuten später hatte ich mein Ziel erreicht. Ich war beim Mittersteig. Nicht bei der bekannten Strafvollzugsanstalt, sondern bei meinem Wohnhaus. Mittlerweile war ich es leid, zu betonen, dass ich nicht im Gefangenenhaus zu tun hatte, wenn ich nach Hause wollte und dem Taxler meine Adresse gab. Auch im Bekanntenkreis mache ich nur noch Scherze darüber, wenn einer sagt: „Das ist aber praktisch. Da bist du ja ganz in der Nähe von deinen Klienten.“

„Nur, wenn ich versagt habe und sie einsitzen müssen“, antworte ich dann meist. Und schiebe oft nach: „Aber das Beste ist: Die Kuchen, in die ich die Feile einbacke, sind meist noch warm, wenn ich sie rüberbringe.“

Es war weit nach Mittag und ich hatte Hunger. Also kehrte ich bei meinem Stammwirt ein. Sein Lokal am Eck betrieb er seit vielen Jahren und ebenso lang kannten wir uns. Früher hatte mich auch noch was anderes hingetrieben, doch das war jetzt vorbei. Ich betrat das Lokal und grüßte Severin, der hinter der Budel stand und gerade zwei Bier zapfte.

„Für mich kannst auch gleich eins machen“, rief ich ihm zu und suchte mir einen Platz etwas weiter hinten, nicht direkt am Fenster. Ich sitze nicht gern in der Auslage.

Die meisten Tische waren frei, lediglich ein Maler in seiner fleckigen Kluft und zwei Bauarbeiter, die ihre Mittagspause ausdehnten, saßen da. Am Tisch schräg mir gegenüber saß im Zwielicht, durch das sich dünnfadig die Rauchschwaden schlichen, ein Pensionist, der die Kronen Zeitung studierte. Ich hatte selbst auf das Blatt gespitzt, sagte mir dann aber, dass dort wohl noch nichts drinstehen würde. Dafür lief in der Ecke der Fernseher. Die Mittagsnachrichten würden gleich beginnen. Der Ton war auf leise gestellt und ich würde nicht den Fehler machen, den Wirt zu bitten, lauter zu stellen. Das waren genau die Indizien, die so manchen schon zu Fall gebracht hatten. Severin stellte das Bier vor mir ab und fragte, ob ich etwas essen wolle. Ich bejahte.

„Als Menü haben wir heut an g’selchten Schopf mit Kraut und Knödel oder sonst Augsburger mit g’röste Erdäpfel.“

„Dann will ich das Einser-Menü“, sagte ich.

„Den Schopf?“, vergewisserte sich Severin.

„Nein“, sagte ich, „ein Schnitzel.“

Severin grinste: „Geht klar, der Herr in der Panier will’s Fleisch in der Panier.“

Nachdem er die Bestellung in der Küche aufgegeben hatte, kam er mit einem Gewürzbord, auf dem sich in der Mitte tatsächlich noch eine braune Maggi-Flasche befand, und einem in eine große Papierserviette eingewickelten Besteck zurück und sagte, während er mit seinem Geschirrtuch ein paar Brösel vom Tischtuch fegte: „Warst lang nicht da. Wie läuft’s?“

„Nicht gut, ich kann nicht klagen“, sagte ich.

Severin machte einen grübelnden Gesichtsausdruck, bis der Anwaltswitz bei ihm durchgesickert war, dann lachte er.

In der Zwischenzeit war am Bildschirm der Nachrichtensprecher erschienen und ich versuchte, zumindest die Headlines zu verstehen. Nach einem Bericht über einen EU-Gipfel und den nächsten Skandal um das neu errichtete Krankenhaus im Norden Wiens kamen die Lokalnachrichten. Ich trank einen Schluck Bier und das Glas blieb an meinen Lippen hängen, als der nächste Beitrag über den Fund einer Frauenleiche in einem Wiener Hotel berichtete. Man sah sie zwar nicht, aber Schneewittchen hatte es in die Nachrichten geschafft. Keine besonders erstrebenswerte Form der Publicity. Ich würde hier nicht auftreten wollen. Und das Einzige, was das verhindern konnte, war, die Aufklärung dieses Verbrechens in die eigene Hand zu nehmen. Ich musste den Täter finden.

Severin erschien mit einem Teller aus der Küche.

„Sicher eine Nutte, die ihr Zuhälter gemacht hat“, sagte er, den Kopf leicht nach hinten in Richtung Bildschirm gedreht, als er das Schnitzel vor mir abstellte. Der Duft der Zitronenspalte und der gebackenen Brösel stiegen mir in die Nase.

„Ich habe nicht aufgepasst“, log ich und griff nach dem Besteck und wandte mich meinem Essen zu.

Während ich durch die knusprige Panier schnitt, rechnete ich nach, bei welchem Ermittlungsschritt die Kriminalisten jetzt sein mussten. Hatten sie die familiären Verhältnisse schon durchleuchtet und Eltern oder Ehemann schon ihre Aufwartung gemacht? Mit ernster Miene mitgeteilt, dass die Tochter oder Ehefrau einem Verbrechen zum Opfer gefallen war? Und dann gleich in den damit aufgerissenen Wunden weitergebohrt und nach möglichen Tätern gefragt: „Hatte Ihre Tochter Feinde?“ Oder den Partner nach möglichen Motiven ausgehorcht: „Können Sie sich erklären, warum Ihre Frau in dem Hotel war? Wo waren eigentlich Sie?“

Ein plumper Ermittler konnte mir richtig viel Zeit verschaffen, weil die meisten Hinterbliebenen auf solche Fragen zunächst verstockt reagierten und in den distanzlosen Kriminalisten die realen Feinde sahen, die sich nun in ihren Intimbereich einmischen und dort herumschnüffeln wollten. Womöglich würden sie aber zunächst den Arbeitsplatz aufsuchen. Was hatte Schneewittchen wohl gearbeitet? Ich ließ den sonderbaren Abend Revue passieren und konnte mich nicht daran erinnern, dass wir darüber gesprochen hätten, also über das, was jeder von uns machte. Sie behauptete, Maria zu heißen, und mir fiel wieder ihre hanebüchene Geschichte über Schneewittchen ein.

„Schmeckt’s dir heut’ nicht?“, fragte Severin und ich stellte fest, dass ich mehr Gedanken als mein Schnitzel gekaut hatte.

„Aber natürlich, nur wenn ich langsamer ess’, legt sich’s nicht so an, hab ich wo gelesen“, sagte ich, worauf Severin Drahdiwaberl zitierte und sagte: „Schnallt’s den Gürtel enger, dann halt es Schnitzel länger.“

Stefan Weber, der Sänger von Drahdiwaberl hatte hier in der Nähe gewohnt. Doch Weber war tot und seine Band fast in Vergessenheit geraten, selbst wenn der legendäre Falco dort in seinen Anfangszeiten einmal Mitglied gewesen war. Ich kaute wieder ein paar Bissen und überlegte, was ich als Nächstes zu tun gedachte. Ich kannte einen Journalisten, der auch Gerichtsreporter war. Sicher würde dessen Anruf bei der Polizei mehr herausbringen als meiner. Doch bevor ich ihn anrufen und um ein Treffen bitten konnte, läutete mein Telefon.

Zwei Arten von Anrufen gibt es, die jeder Anwalt fürchtet: Kategorie eins – die der Kammer. So ein Anruf bringt meist Probleme, weil denen wieder irgendetwas nicht passt. Etwa weil man sich nicht an die Standesregeln gehalten hat. Oder man sich disziplinar unkorrekt verhalten hat. Am besten man pfeift auf das, was sie wollen, weil es meist an Schwachsinn grenzt oder diese Grenze eindeutig überschritten hat. Aber man darf es auch nicht übertreiben mit dem Ignorieren. Womöglich verliert man die Zulassung und muss dann wie viele ehemalige Kollegen in der Illegalität weitermachen. Nicht, dass das, was ich praktiziere, alles legal wäre, aber es hat zumindest den Anschein. Und die zweite Kategorie sind die unzufriedenen Mandanten und davon sind die Schlimmsten jene, die auf ihr Geld warten. An der Nummer des jetzigen Anrufers erkannte ich sofort, dass es der Typ war, dessen Prozesserfolg mich gestern aus der Bredouille geholt und dessen Geld ich zwischen Dragana und mir aufgeteilt hatte.

„Was sind Sie eigentlich für ein Anwalt?“, eröffnete er das Gespräch.

„Ihrer“, gab ich zurück.

„Daran muss ich zweifeln. Ich habe vorhin mit dem gegnerischen Anwalt telefoniert und der teilte mir nicht nur mit, dass ich gewonnen habe, sondern auch, dass er den eingeklagten Betrag bereits an Sie überwiesen hätte. Wieso erfahre ich das nicht von Ihnen?“

„Ich habe heute den Brief diktiert. Und das Geld wird ihnen spätestens morgen überwiesen.“

Er machte eine Pause. Ich konnte sein nunmehr entspanntes Schnaufen in der Leitung hören. „Dann ist es ja gut“, sagte er, und bevor er auflegte fragte ich ihn noch: „Warum haben Sie eigentlich zuerst die Gegenseite und nicht mich angerufen?“

„Hab ich ja, aber ich konnte Sie nicht erreichen und Ihre Sekretärin hat mich auch nur vertröstet.“

Er legte auf und ich hatte ein weiteres Problem. Ich musste irgendwie an Geld kommen. Jetzt war es dringend, denn ich musste den Klienten bezahlen, bevor er Wirbel schlug und damit meine Absenz zum Thema machte. Entweder Geld eintreiben bei Leuten, bei denen das nicht gesund ist, oder Geld ausborgen bei solchen, bei denen das noch weniger gesund ist. Ich schob den Teller beiseite. Das Schnitzel war kalt, die Panier von der Zitrone aufgeweicht und mein Appetit vergangen.

„So legt es sich ganz sicher nicht an“, sagte Severin, als er den Teller mit dem übrig gebliebenen Stück abservierte. Ich bestellte noch einen Kaffee, und als ich dann zahlen wollte, beugte er sich zu mir hinab und flüsterte: „Komm, ich muss dir was zeigen, du warst ja wirklich lange nicht da.“ Er grinste, als würde er mir die Stelle verraten, wo der Zaun eines Nacktbads bei den Frauen ein Loch hat.

Ich erhob mich und folgte ihm. Wir kamen an den Toiletten vorbei, wo sich der brennende Geruch des Salmiaks der Duftsteine ausbreitete. Er schloss eine Tür mit der Aufschrift „Unbefugten Zutritt verboten“ auf, und kaum hatte ich den Raum betreten, befand ich mich in einem Märchen aus Blinken und mechanischem Rattern.

„Ganz neue Maschinen“, sagte Severin und ich blickte auf eine Batterie an einarmigen Banditen.

Das Leuchten der Anzeigen spiegelte sich in meinen Augen und ich spürte, wie meine Hände feucht wurden. Das war die Chance, ich wusste es. Damit würde ich meine finanziellen Sorgen lösen.

6.

Als ich heimkam, standen mir die Tränen in den Augen. Nicht wegen des verlorenen Geldes, das war ja nicht meines gewesen, es war noch immer wegen Schneewittchen. Als ich in den Lift stieg und die Taste für das Dachgeschoss drückte, hatte ich ihr Bild vom Vortag vor Augen. Niemand sollte mich mit nassen Augen sehen, also verschwand ich schnell in meiner Wohnung.

Man darf jetzt keine übertriebenen Vorstellungen haben, wenn man sich die Bleibe eines Rechtsanwalts unter dem Dach eines Hauses in Wien Margareten vor Augen führt. Als ich die Wohnung vor über zwanzig Jahren bezog, war die Gegend um einiges günstiger als heute und ich habe sie von einem Künstler übernommen. Allein mit dem Pfand der Bierflaschen, die ich in allen möglichen Ecken und Winkeln fand, konnte ich einen Monat lang die Betriebskosten zahlen. Schade, dass man für Schnapsflaschen nichts erhält, denn mit denen hätte ich auch noch die Miete gehabt.

Ich weiß nicht, welche Art Kunst der Mann gemacht hat, auf den paar großformatigen Bögen, die ich zwischen den Flaschen gefunden habe, klebten nur weibliche Genitalansichten, die er zu Hunderten aus Magazinen ausgeschnitten haben musste. Viele hatte er dann nachgemalt. Das Seltsame war, dass diese Collagen, aus der Ferne betrachtet, aussahen wie eine Galerie an Köpfen. Das Geschlecht war das Gesicht und die Schamhaare umkränzten es wie Frisur und Bart. Das Auge glaubte tatsächlich, eine Galerie männlicher Köpfe mit Bärten zu sehen, das war vielleicht die Botschaft, die der Künstler vermitteln wollte.

Ich fand auch noch ein paar Fotos, die bei seinen Ausstellungen entstanden sein mussten. Er posierte nackt auf den ganzen Frauenmösen. Die Plakate lagen um ihn herum am Boden. Der alte Mann hatte buschige Augenbrauen, lange, dünne Haare und einen dafür umso volleren Bart, der fast bis zum Nabel reichte. Sein Penis war klein und schrumpelig, wahrscheinlich vom vielen Alkohol verdorrt. Er übergoss sich dann mit einer klebrigen Flüssigkeit und wälzte sich auf den Plakaten, wo er mit seinem Bart wie mit einem Pinsel wilde Striche und Kleckse hinterließ.

Ich habe über den Mann weder einen Wikipedia-Eintrag gefunden noch den geringsten Hinweis, dass er je einen Preis erhalten hat. Offenbar ein echter Künstler, dessen Interesse nur seinem Werk, aber nicht dem Erfolg galt. An seinem siebzigsten Geburtstag hat er sich aus dem Fenster auf die Straße gestürzt und ich konnte die Wohnung günstig übernehmen. Zwei seiner Bilder habe ich sogar an der Wand hängen. Eines davon erinnert an eine Blume.

Ich kam traurig und pleite in die Wohnung, die sich seit meinem Einzug nur wenig verändert hatte. Weder hatte ich am Dach die Terrasse bauen noch im hohen Wohnraum die vom Makler empfohlene Galerie einziehen lassen. Neues Bad, Klo und Küche und ausmalen, das war’s gewesen. Für alles andere fehlte mir das Geld und tut es bis heute noch. Der Nachmittag hatte ein weiteres Loch in mein Budget gerissen, aber ich kann einfach nicht an so einem Spielautomaten vorbeigehen. Dabei dachte ich, dieses Laster endlich im Griff zu haben.

Ich zog die Jalousie zu und stellte den Fernseher an, während ich aus den Kleidern schlüpfte. Aus der Küche holte ich mir einen Gin Tonic, ließ aber den Gin weg, da ich jede Minute mit meiner Verhaftung rechnete. Ich hatte genug Strafverfahren geführt, dabei oft wahre Verbrecher herausgeboxt, zugleich aber auch wiederholt erfahren, wie Unschuldige von den Mühlen der Justiz zermalmt wurden. Geld und Glück entschieden oft genug über das Schicksal von Menschen. Ich hatte weder das eine noch das andere. Die Fakten sprachen gegen mich und selbst das kleine Ablenkungsmanöver im Hotel würde mich nicht lange retten können. Die Leiche war gefunden und spätestens heute Abend oder morgen würde die Kriminalpolizei die letzten Stunden Schneewittchens rekonstruiert haben.

Als ich mich vor dem Fernseher niederließ, lief der erwartete Bericht über eine heute Morgen in einem Wiener Hotel gefundene Frauenleiche. Man kenne die Identität des Opfers, sagte der junge Fernsehsprecher mit eindringlichem Blick in die Kamera, der bei mir den Eindruck erweckte, als wollte er direkt zu mir sprechen. Maria Schneider habe als Treuetesterin für eine Agentur gearbeitet, sprach der Ansager weiter und die Polizei sei auf der Spur des letzten Opfers der als Lockvogel tätigen Frau. Ich drückte mein Glas fester in der Hand und zwang mich ganz ruhig weiter zu atmen. Kontrolle war wichtig. Ich vermeinte die Glocke läuten zu hören und dazu die Worte: Cosinus Gauß, ich nehme Sie wegen des dringenden Verdachts des Mordes an Maria Schneider fest. Doch das war nur meine Fantasie, die mir den Blick in diese meine nächste Zukunft offenbarte. Dann wurde ein verschwommenes Standbild aus einer Überwachungskamera eingeblendet, das mich am Gang mit dem Löscher zeigte. Das Bild wurde gegen eine scharfe Aufnahme ausgetauscht. Ein Profilbild aus Facebook. Doch das war nicht ich. Daneben das Insert: Erste Spur führt zu Verdächtigem aus Wirtschaft.

Ich stellte mein Glas am Couchtisch ab, bevor es Gefahr lief, endgültig in meiner Hand zerdrückt zu werden. Die Polizei habe sich auf die Spur der letzten Zielperson des Opfers gemacht: ein gut vernetzter Immobilientycoon, der aber für eine Befragung noch nicht greifbar gewesen sei. Ich kannte den Mann: Sigurd Renko. Das war jener Finanzjongleur, der taumelnde Kaufhausketten in sprudelnde Geldquellen verwandeln konnte und ein Großprojekt nach dem anderen durchzog. Einkaufszentren, Fußballstadien oder Luxushotels. Zuletzt jedoch war er finanziell selbst in Schieflage geraten, wie man in Insiderkreisen munkelte. Es war mein Glück, dass Dragana ein Society-Freak war und immer den neuesten Klatsch aus der Welt des Adels und der Hochfinanz kannte. Sie behauptete immer, ich müsste einen dieser Fische an Land ziehen, dann hätten wir ausgesorgt.

Mir fiel ein, dass sie erzählt hatte, dass Renko auf Freiersfüßen wandelte und dass bald die Hochzeit mit Sylvie Vangurten, der Erbin einer Kaufhauskette, anstehen würde. Wenn die Gerüchte stimmten, dann war das auch die nötige Kapitalspritze für sein Imperium. Schwer zu sagen, was an den Gerüchten stimmte, doch so ergab das alles für mich ein schlüssiges Bild. Der Mann brauchte Geld, die Braut brachte das Geld und die argwöhnische Verwandtschaft wandte sich an eine Lockvogelagentur, um die Zuverlässigkeit des anstehenden Familienmitglieds zu testen oder, wenn man ihm die Freiheit eines Seitensprungs vielleicht sogar noch zugestehen wollte, um ihn im Zuge des Liebesgeflüsters über seine wirtschaftlichen Pläne auszuhorchen. Man wollte sicher nicht den Judas zum Messias machen. Ich stellte mir vor, was ich nach einer Hochzeit mit so einer schwerreichen Braut mit den dann zur Verfügung stehenden unbeschränkten Mitteln alles anstellen würde. Warum ist der Lockvogel ausgerechnet an mich geraten?

Mein Telefon läutete und die Nummer am Display bereitete mir umgehend Unbehagen. Es gibt nicht nur zwei Arten von Anrufen, die der Anwalt fürchtet, es gibt noch eine dritte Kategorie, die man als Mann fürchtet: Anrufe der eigenen Mutter.

Offenbar fühlen sich Mütter gerade bei alleinstehenden Männern bemüßigt (oder sie nehmen sich das Recht heraus), immer über jeden Schritt ihrer Sprösslinge informiert zu sein, wenn diese in ihren Augen familientechnisch gescheitert sind oder zumindest nicht ihren Ansprüchen genügen. Weil ich ihr weder Eheweib noch Nachwuchs bieten konnte, dachte sie wohl, ich wäre schwul oder aber nicht für eine längerfristige Partnerschaft geeignet. Dieses womöglich eigene Scheitern wurde also ständig hinterfragt und sie rief mich bei allen möglichen unpassenden Gelegenheiten an. Im Verhandlungssaal, wenn der Richter seine Kappe aufsetzte, um meinen Mandanten für zwanzig Jahre hinter Gitter zu bringen, oder eben jetzt, wo ich jede Minute mit meiner Verhaftung rechnete.

„Hast du gerade die Nachrichten gesehen?“

Jetzt wurde sie mir unheimlich und sofort reimte sich mein Hirn zusammen, dass sie hinter der Sache mit Maria Schneider stecken könnte. Ein Test, um meine sexuelle Orientierung zu erkunden.

„Ja“, sagte ich, „warum?“

„Hast du das mit diesem schrecklichen Mord an dem armen Mädchen gesehen?“

Also doch!

„Ja, warum?“

„Ist dir dabei nichts aufgefallen?“

Ich schüttelte den Kopf. Auf einmal war ich wieder der kleine Bub, der vergessen hatte, sein Jausenbrot zu essen, und dafür Schimpfe bekam. Nach einer Schrecksekunde sagte ich gefasst: „Was soll mir dabei aufgefallen sein?“

Natürlich war mir was aufgefallen. Ich war in den letzten zwei Tagen wiederholt vom Mordopfer angesprochen worden, ich hatte die Nacht neben ihr verbracht und ich war neben ihrer Leiche aufgewacht. Man müsste ein Meister der Verdrängung sein, um das alles nicht bemerkt zu haben, aber das sagte ich nicht.

„Dieser Sigurd Renko sieht fast so aus wie du!“

„Aber der ist doch fett“, antwortete ich jetzt empört, ohne nachzudenken.

„Aber mein Bärchen, ihr seht eben beide stattlich aus.“

Sinnlos, über den verklärten Blick einer Mutter zu diskutieren. Ich konnte nicht anders, als mich zu erheben und zum Spiegel im Vorraum zu gehen. Der gehörte wieder einmal geputzt, war mein erster Gedanke, als ich mein Ebenbild in den Schlieren betrachtete.

„Vielleicht hast du recht“, sagte ich, bevor ich mich verabschiedete und auflegte. Ich stand noch einige Minuten vor dem Spiegel und knetete an meinen Rundungen. Ich fragte mich, ob die Gefängniskost entsprechend kalorienarm sein würde, wusste aber um das Bild einiger ehemaliger Klienten, die an diesem Ort noch dicker geworden waren.

Leider hatte meine Mutter nicht ganz unrecht, wenn sie mir eine optische Ähnlichkeit zu Renko zumaß. Wir hatten beide diese Backen, die das Gesicht kreisrund erscheinen lassen, wie man das von Kinderzeichnungen kennt. Mein Kinn war vielleicht etwas ausgeprägter und länger, doch auch die eher kleine und knubbelige Nase hatten wir gemein. Renko hatte zwar eine andere Frisur und Haarfarbe, aber auch das eher dünne Haar, das sich um den Kopf legte, teilten wir. Bei schlechtem Licht hätten wir als Brüder durchgehen können.

Mein Telefon läutete abermals. Wieder meine Mutter. Bevor sie noch etwas sagen konnte, hatte ich das Wort ergriffen: „Du musst dich vorhin völlig getäuscht haben. Ich und Renko, wir haben optisch nicht viel gemein.“ Und auch sonst nichts, sagte ich zu mir, als ich an seine Millionen dachte.

„Deswegen hab ich jetzt gar nicht angerufen“, sagte meine Mutter. „Ich habe vorhin vergessen, dir zu sagen, dass ich morgen bis zum Wochenende wegfahre. Es wäre toll, wenn sich in der Zeit jemand um Papa kümmern könnte. Red’ dich mit deinem Bruder zusammen.“

Das hatte gerade noch gefehlt. Weder hatte ich Lust, den alten Trottel, der nur mehr vor sich hin sabberte, zu besuchen, noch wollte ich mit meinem Arschloch von Bruder deswegen reden müssen. Ich hatte jetzt etwas anderes zu tun. Ich musste mich auf die Spur von Maria Schneider machen. Und diese Spur führte mich zuerst zu Sigurd Renko.

Ich rief Dragana an. Die war es gewohnt, dass ich sie öfter des Abends anrief. Meist war ich dann betrunken und versuchte sie zu überreden, mit mir zu schlafen. Es klappte nie. Vermutlich sehnte ich mich auch gar nicht nach Sex, sondern wollte nur mit jemandem reden und dabei eine vertraute Stimme hören.

„Bist du um diese Zeit schon dicht?“, fragte sie anstelle einer Begrüßung.

„Warum?“ entgegnete ich. „Wie kommst du darauf?“

„Wenn du am Abend bei mir anrufst, dann nur, weil du mit mir bumsen willst.“

Ich lachte ins Telefon und sagte: „Nein. Ich brauch etwas anderes von dir. Du kennst dich doch in der High Society so gut aus. Was weißt du über Sigurd Renko?“

Ich hörte sie ins Telefon atmen und konnte bildlich die Zahnrädchen in ihrem Hirn rattern sehen, als sie sich jetzt vermutlich fragte, ob das ein Ablenkungsmanöver sein könnte, um sie letztlich doch wieder ins Bett zu bekommen. Bevor die Pause zu lang wurde, sagte sie: „Ziemlich viel. Ich hoffe, du hast Zeit.“

Zum Glück musste ich nicht weit fahren. Es war ein typisches Häuschen in einer Wiener Vorstadtgegend. Die Hecken hoch, die Gärten klein und die Garagen auch. Und da jeder hier einen Zweitwagen hatte, waren die engen Gassen auf beiden Seiten zugeparkt. In den meisten Wohnzimmern war der Fernseher an.

Kalksburg war vor allem wegen seiner Trinker bekannt, jener Alkoholaffinen, die es übertrieben hatten und jetzt auf Entzug dorthin kamen. „Genesungsheim Kalksburg“ hatte diese Sonderanstalt bei der Eröffnung im Jahr 1961 geheißen, was doch eine sehr drollige Umschreibung für den Zweck dieser Klinik war. Die Säufer hatten sich das Hirn vom Hochprozentigen zersetzen lassen und wurden hier wieder mit Wasser aufgefüllt und waren dann – oh Wunder – genesen. Wie bei einer Dialyse wurde hier der Alkohol aus den Adern herausgespült und durch reines Hochquellwasser ersetzt.

Eine frische Brise kam auf und trug den Duft der blühenden Hecken zu mir. Ich näherte mich im schwankenden Licht der Straßenlaternen der Eingangstür jenes Hauses, das mir Dragana als die richtige Adresse genannt hatte. Sie bezog sich dabei auf ein sehr frühes Interview des Latifundienmoguls, worin er auf seine Jugend zu sprechen kam. Damals sei er mit seinem besten und einzigen Freund durch dick und dünn gegangen. Auch die eine oder andere Jugendsünde habe man dabei begangen. Doch mit den Jahren sei der Kontakt letztlich abgebrochen.

„Wenn er irgendwo abgetaucht ist, dann nur bei Josef Frantisek“, hatte Dragana behauptet.

Angeblich waren die beiden als Jugendliche beim Dealen am Schulhof erwischt worden und Frantiseks Vater, ein leitender Beamter beim Magistrat, hatte das dann irgendwie ins Reine bringen müssen. Ich dachte mir, dass einem ein Talent für das Handeln und Geschäftemachen in die Wiege gelegt sein musste. Renko hatte diese Gabe offenbar von klein auf gespürt und sich schon damals nicht von Gesetzen oder Konventionen leiten lassen. Nur so kommt man weiter, dachte ich mir, bevor Dragana erzählte, dass sich die Sache aber schnell glattbügeln ließ, weil die beiden Kumpane nur getrocknete Kräuter angeboten hatten. Sie habe die Geschichte einmal von einem Polizisten erfahren. Der meinte aber, dass die beiden durchaus noch andere Sachen am Kerbholz hätten, jedoch nichts, das sich beweisen lasse.

„Wenn du irgendwo untertauchen musst, dann tust du das nicht bei jemandem, dem du vertraust, nein, das tust du bei jemandem, den du in der Hand hast. Macht zumindest mein Mann immer so“, hatte Dragana dann die Unterhaltung beendet.

Ich fragte mich, ob sie etwas mit diesem Polizisten hatte, und gestand mir ein, in diesem Moment so etwas wie Eifersucht zu verspüren.

Vor einem Gartentor aus grau lackierten Metallstreben und mit einem hässlichen Türknauf, wie man sie selbst vor dreißig Jahren nur mehr an ganz wenige Menschen verkaufen konnte, kam ich zu stehen. Frantisek stand neben der Glocke und ich betätigte diese trotz der vorgerückten Stunde. Durch einen der Gitterstäbe konnte ich sehen, wie sich etwas im Haus bewegte. Ein besonders schlauer Zeitgenosse schob einen Vorhang etwas zur Seite und blickte zum Gartentor. Ich drückte nochmals den Knopf. Diesmal so lange, dass ich das Summen bis zu mir auf die Straße hören konnte. Kein Wunder, hier war es so ruhig, dass ein Mäusefurz als nächtliche Ruhestörung zur Anzeige gebracht worden wäre. Der Vorhang fiel in seine Ausgangsposition zurück.

„Gehen Sie weg, sonst hole ich die Polizei!“, tönte eine blecherne Stimme aus dem Lautsprecher.

„Machen Sie das, die freut sich sicher, Herrn Renko endlich verhören zu können.“

Ein Summen ertönte und ich konnte die Tür aufdrücken. Ich ging über einen mit Steinplatten ausgelegten Weg auf drei Stufen zu, die in das Haus führten. Die Eingangstür, in deren Blatt einige bunte Milchglasscheiben eingelassen waren, wurde von einem Mann um die vierzig geöffnet. Er trug ein altes, ausgewaschenes T-Shirt und Boxershorts. An den Füßen Sandalen. Er fuchtelte mit der Rechten durch die Luft und zischte in meine Richtung: „Schnell, machen Sie schon, nicht dass Sie jemand sieht.“

Ich liebe diese Wiener Außenbezirke. Jeder behält den anderen im Auge. Untertags lächeln sich die Nachbarn freundlich zu und am Abend zerreißen sie sich das Maul über den andern. Rundumüberwachung. Nicht einmal der Innenminister in einem Polizeistaat würde so etwas derart lückenlos und flächendeckend hinbekommen. Frantisek zog mich ins Haus und drückte eilig die Tür zu. Er musterte mich. Ich war unrasiert, mein hellblaues Jackett sicher zerdrückt und mein Hemd hatte am Hals seit dem Mittagessen einen Fleck. Aber es ging hier nicht um mich.

„Was wollen Sie?“, fragte Frantisek.

„Er will zu mir.“

Renko tauchte in der Tür hinter dem Hausherrn auf. Wir sahen uns einen Moment schweigend an und ich nehme an, Renko ist es ähnlich gegangen wie mir. Als ob man ein verzerrtes Spiegelbild in einem dieser Kabinette im Prater betrachten würde. Man ist es und dann doch wieder nicht. Der Anflug eines Lächelns zeichnete sich auf Renkos Lippen ab. Und auch ich verzog meine Mundwinkel. Was hätte ich für Vorteile aus diesem Look-Alike ziehen können? Mein Bankberater, der mit mir Geduld aufbrachte wie mit einem unehelichen Sohn, hätte als Zeuge dieses Aufeinandertreffens sicher gern meinen Kontorahmen aufgestockt. Einem wie Sigurd Renko warf man das Geld nach und zur Not auch einem, der wenigstens so aussah wie Renko.

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