Читать книгу: «Pflegende Angehörige stärken»

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Die Autorin


Prof. Dr. Christa Büker, Gesundheitswissenschaftlerin (MPH), Dipl.-Pflegemanagerin, Krankenschwester. Sie arbeitet als Professorin für Pflegewissenschaft an der Fachhochschule Bielefeld.

Christa Büker

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3., erweiterte und überarbeitete Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-038686-0

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-038687-7

epub: ISBN 978-3-17-038688-4

mobi: ISBN 978-3-17-038689-1

Inhalt

1  Einleitung

2  1 Situation pflegender Angehöriger

3  1.1 Pflege in der Familie

4  1.2 Belastungen von pflegenden Angehörigen

5  1.3 Häusliche Pflege als Bereicherung

6  1.4 Notwendigkeit der Unterstützung pflegender Angehöriger

7  1.5 Unterstützungsmöglichkeiten und Inanspruchnahme

8  2 Rechtliche Grundlagen der Angehörigenunterstützung

9  2.1 Pflegeberufegesetz

10  2.2 Pflegeversicherungsgesetz – SGB XI

11  2.3 Krankenversicherungsgesetz – SGB V

12  2.4 Nationale Expertenstandards

13  3 Bausteine der Kompetenzförderung

14  3.1 Kompetenzförderung durch Information

15  3.2 Kompetenzförderung durch Schulung und Anleitung

16  3.3 Kompetenzförderung durch Beratung

17  4 Information pflegender Angehöriger

18  4.1 Grundsatz der verständlichen Informationsvermittlung

19  4.2 Evidenzbasiertheit von Informationen

20  4.3 Beurteilung von schriftlichen Informationsmaterialien

21  4.4 Erstellung von Informationsmaterialien

22  4.5 Informationen aus dem Internet

23  4.6 Hilfreiche Informationsportale für pflegende Angehörige

24  5 Einzelschulung pflegender Angehöriger

25  5.1 Schulungsprozess

26  5.2 Vorbereitung der Schulung

27  5.2.1 Organisatorische Vorbereitung

28  5.2.2 Sachanalyse

29  5.2.3 Zusammenstellung der Schulungsmaterialien

30  5.3 Orientierungsgespräch

31  5.3.1 Situationsanalyse

32  5.3.2 Feststellung von Vorwissen und Haltung

33  5.3.3 Vereinbarung von Lernzielen

34  5.4 Durchführung der Schulung

35  5.4.1 Vermittlung von Wissen

36  5.4.2 Demonstration

37  5.4.3 Einübung durch den Angehörigen

38  5.4.4 Beantwortung von Fragen

39  5.4.5 Aushändigung von Info-Material

40  5.4.6 Überprüfung der Zielerreichung

41  5.4.7 Feedback und Verabschiedung

42  5.5 Nachbereitung

43  5.5.1 Nachgespräch

44  5.5.2 Dokumentation des Schulungsverlaufs

45  5.5.3 Reflexion

46  5.6 Verschriftlichung des Schulungskonzepts

47  6 Gruppenschulung pflegender Angehöriger

48  6.1 Planung eines Pflegekurses

49  6.1.1 Kursziele

50  6.1.2 Zielgruppe und Gruppengröße

51  6.1.3 Zeitliche Gestaltung

52  6.1.4 Örtlichkeit und Ausstattung

53  6.1.5 Öffentlichkeitsarbeit

54  6.1.6 Kursleitung

55  6.1.7 Kursinhalte

56  6.1.8 Planung einer Kurseinheit

57  6.2 Durchführung einer Kurseinheit

58  6.2.1 Vorbereitung der Treffen

59  6.2.2 Begrüßung und Vorstellung

60  6.2.3 Klärung der Erwartungen und Vorstellung der Kursreihe

61  6.2.4 Regeln der Zusammenarbeit

62  6.2.5 Vermittlung der Sachinhalte

63  6.2.6 Feedback

64  6.2.7 Verabschiedung

65  6.3 Evaluation

66  6.4 Online-Pflegekurse

67  7 Beratung pflegender Angehöriger

68  7.1 Beratungsbedürfnisse pflegender Angehöriger

69  7.2 Formen der Beratung

70  7.3 Beratungsansätze

71  7.3.1 Systemischer Beratungsansatz

72  7.3.2 Lösungsorientierter Beratungsansatz

73  7.3.3 Ressourcenorientierter Beratungsansatz

74  7.4 Grundhaltung in der Beratung

75  7.5 Der Beratungsprozess

76  7.6 Gestaltung eines Beratungsgesprächs

77  7.6.1 Vorbereitung der Beratung

78  7.6.2 Durchführung der Beratung

79  7.6.3 Abschluss und Nachbereitung der Beratung

80  7.7 Telefon- und Online-Beratung

81  7.8 Beratung zur Gewaltprävention in der Pflege

82  8 Gestaltung des Lernklimas

83  8.1 Leitidee der »Hilfe zur Selbsthilfe«

84  8.2 Beachtung der Grundsätze der Erwachsenenbildung

85  8.3 Lernförderliche Faktoren

86  9 Qualitätsmanagement

87  9.1 Qualitätskriterien der Angehörigenschulung und -beratung

88  9.2 Evaluationsmethoden

89  9.3 Gestaltung eines Fragebogens zur Evaluation

90  9.4 Reflexion der Evaluationsergebnisse

91  10 Handlungsfelder der Kompetenzförderung pflegender Angehöriger

92  10.1 Tägliche Pflegepraxis

93  10.2 Entlassungsmanagement

94  10.3 Pflegeberatungseinsätze

95  10.4 Pflegekurse

96  10.5 Häusliche Einzelschulungen

97  10.6 Beratungsstellen und Pflegestützpunkte

98  10.7 Case Management

99  10.8 Patienteninformationszentren

100  10.9 Pflegegeleitete Entscheidungsberatung

101  11 Schlüsselqualifikationen beruflicher Handlungskompetenz

102  11.1 Qualifikationsprofil

103  11.1.1 Fachkompetenz

104  11.1.2 Methodenkompetenz

105  11.1.3 Sozialkompetenz

106  11.1.4 Personale Kompetenz

107  11.1.5 Systemkompetenz

108  11.2 Qualifikationsanforderungen der Kostenträger

109  11.3 Qualifizierungsmöglichkeiten

110  12 Bedeutung für die Professionalisierung der Pflege

111  Anhang

112  Anlage: Häusliche-Pflege-Skala HPS (BSFC: Burden Scale for Family Caregivers) ( Kap. 1.2)

113  Literaturverzeichnis

114  Stichwortverzeichnis

Einleitung

Tagtäglich kümmern sich Millionen Angehörige um hilfe- und pflegebedürftige Familienmitglieder. Dank ihrer Unterstützung können pflegebedürftige Menschen trotz ihres Hilfebedarfs ein weitgehend selbstständiges und selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden führen. Pflegende Angehörige erbringen damit eine Leistung, die von der Gesellschaft mehr oder weniger stillschweigend erwartet, in ihrer Bedeutung jedoch kaum angemessen gewürdigt wird. Nur selten finden sie für ihre Probleme und Sorgen ein offenes Ohr. Wen interessiert es schon, wenn der demenzkranke Vater sich nicht mehr zurechtfindet und keinen Moment aus den Augen gelassen werden kann? Wer möchte hören, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege kaum noch möglich ist? Mit wem kann man über den Schmerz und die Trauer reden, die durch das langsame Abschiednehmen von einem geliebten Menschen zu bewältigen sind?

Das ständige Gebundensein an eine pflegebedürftige Person führt oftmals dazu, dass eigene Bedürfnisse stark vernachlässigt werden. Ein Großteil der pflegenden Angehörigen ist ausgebrannt und erschöpft, ohne dass dies von ihrer Umgebung wahrgenommen wird. Dabei benötigen Angehörige selbst Unterstützung, um auf Dauer den Belastungen des Pflegealltags standhalten zu können. Der pflegebedürftigen Person kann es nur gut gehen, wenn es auch den sie versorgenden Angehörigen gut geht.

Um die Gesundheit und Ressourcen von Angehörigen zu erhalten und zu fördern, bedarf es einer stärkeren Beachtung ihrer Bedürfnisse sowie wirkungsvoller Unterstützungsmaßnahmen. Dazu gehören Information und Schulung zur Förderung der Pflegekompetenz. Auf diese Weise wird den Familien der eigenverantwortliche und selbstbestimmte Umgang mit Krankheit und Pflegebedürftigkeit im Alltag erleichtert. Ein weiterer Bereich ist die Beratung, z. B. zum Umgang mit problematischen Verhaltensweisen einer pflegebedürftigen Person oder über Möglichkeiten der Selbstpflege und Entlastung. Letzteres ist besonders wichtig, da pflegende Angehörige oftmals regelrecht ermutigt werden müssen, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und zuzulassen.

Eine zentrale Rolle in der Förderung der Kompetenzen von Angehörigen kommt der professionellen Pflege zu. Als größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen hat sie häufig den intensivsten Kontakt zu pflegebedürftigen Menschen und ihren Familien. Anliegen des Buchs ist es daher, professionell Pflegende stärker für die Situation betroffener Familien sowie für die Bedeutung der Kompetenzförderung pflegender Angehöriger durch edukative Aktivitäten zu sensibilisieren. Außerdem soll Pflegefachpersonen praxisorientiertes Wissen für die konkrete Ausgestaltung von Information, Schulung und Beratung an die Hand gegeben werden.

Nach einer kurzen Einführung in die Situation pflegender Familien werden zunächst die rechtlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen der Angehörigenunterstützung vorgestellt. Der Hauptteil des Buchs ist den verschiedenen Bausteinen der Kompetenzförderung gewidmet: In vier Kapiteln werden die Grundlagen der Information, Einzelschulung, Gruppenschulung sowie Beratung pflegender Angehöriger behandelt. Dabei werden auch neuere Interventionsformen wie Online-Schulungen, Online-Beratung oder die pflegegeleitete Entscheidungsberatung vorgestellt. Weitere Kapitel widmen sich der Gestaltung des Lernklimas, der Qualitätssicherung, den verschiedenen Arbeitsfeldern der Angehörigenunterstützung sowie den dafür erforderlichen Schlüsselqualifikationen. Abschließend soll die Bedeutung edukativer Aktivitäten für die Professionalisierung der Pflege thematisiert werden.

Das Buch richtet sich in erster Linie an Praktizierende in der Pflege. Zielgruppe sind Pflegefachpersonen, die in Bereichen mit häufigen Angehörigenkontakten tätig sind: in der ambulanten Pflege, im Krankenhaus- und Rehabilitationsbereich und in der stationären Langzeitversorgung. Ebenso zur Zielgruppe gehören Mentor*innen1 und Praxisanleiter*innen in der Pflegeausbildung sowie Pflegende, die bereits im Beratungsbereich tätig sind (Beratungsstellen, Pflegestützpunkte, Case Management etc.).

1 In diesem Werk wird überwiegend der »Gender-Stern« genutzt, um alle Geschlechter anzusprechen. Wenn bei bestimmten Begriffen, die sich auf Personengruppen beziehen, nur die männliche Form gewählt wurde, so ist dies nicht geschlechtsspezifisch gemeint, sondern geschah ausschließlich aus Gründen der besseren Lesbarkeit.

1 Situation pflegender Angehöriger

Zum besseren Verständnis der Bedarfs- und Problemlagen pflegender Angehöriger soll in diesem ersten Kapitel ein kurzer Einblick in ihre Lebens- und Belastungssituation gegeben werden. Zugleich wird aufgezeigt, in welchen Bereichen Angehörige am dringendsten einer Unterstützung bedürfen.

»Angehörige« und »Familie« – begriffliche Klärung

Zuvor gilt es noch zu klären, wer nachfolgend gemeint ist, wenn von »Angehörigen« gesprochen wird. In diesem Buch wird nicht generell ein enges Verwandtschaftsverhältnis zwischen einer pflegebedürftigen Person und den Personen, die sich um sie kümmern, vorausgesetzt. Hilfeleistungen erfolgen in zunehmendem Maße auch durch Wahlverwandte, Lebenspartner, Freunde, Nachbarn und andere nahe Bezugspersonen aus dem privaten Umfeld. Demzufolge schließt der Terminus »Angehörige« alle Personen ein, die sich einem pflegebedürftigen Menschen verwandtschaftlich und/oder emotional verbunden fühlen und im Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Verpflichtung (Bauernschmidt & Dorschner 2018, S. 307) Hilfe, Pflege und Betreuung leisten. Ebenso ist der Begriff der »Familie« zu betrachten, entsprechend der Definition von Friedemann & Köhlen (2017), nach der die Familie einer bestimmten Person aus all jenen Mitmenschen besteht, mit denen sich die Person verbunden fühlt und Kontakt pflegt. Auch hier ist nicht unbedingt die unmittelbare verwandtschaftliche Beziehung ausschlaggebend für das Zusammengehörigkeitsgefühl von mehreren Personen als Familie.

1.1 Pflege in der Familie

Pflegebedürftige Menschen in Deutschland

In Deutschland gelten 4,1 Millionen Menschen als pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes (Statistisches Bundesamt 2020). Seit 1999 hat sich ihre Zahl verdoppelt. Diese Entwicklung ist zum einen der demografischen Entwicklung, zum anderen aber auch der vor einigen Jahren erfolgten Änderung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs geschuldet. Die zunehmende Alterung unserer Gesellschaft wird mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren weiter erhöht. Der weitaus größte Teil von ihnen sind ältere Menschen: 80 % von ihnen sind 65 Jahre und älter, 34 % sind 85 Jahre und älter. Bei der Gruppe der 85- bis unter 90-jährigen sind 49 % pflegebedürftig (ebd.). Daran wird sichtbar, dass mit zunehmendem Alter das Risiko, pflegebedürftig zu werden, steigt.

Pflege zu Hause und im Heim

Mehr als 3,3 Millionen der als pflegebedürftig anerkannten Menschen (80 %) werden zu Hause versorgt; ca. 818.000 Pflegebedürftige (20 %) leben in Heimen (ebd.). Von den häuslich versorgten Personen erhalten wiederum ca. 2,2 Millionen ausschließlich Pflegegeld, d. h. sie werden in der Regel allein durch Angehörige oder sonstige Pflegepersonen versorgt und betreut. Knapp 983.000 Pflegebedürftige werden durch ambulante Pflegedienste unterstützt, aber auch hier ist es in vielen Fällen die Familie, die den Großteil der Versorgung leistet.

Hervorgerufen wird die Pflegebedürftigkeit oftmals durch chronisch-degenerative Erkrankungen; viele der Betroffenen sind mehrfach erkrankt (Multimorbidität). Langjährige Krankheitsverläufe sind keine Seltenheit, mit entsprechenden Konsequenzen für die Versorgungsgestaltung und das Leben der gesamten Familie (Schaeffer 2006). Der Hilfebedarf gestaltet sich häufig sehr umfangreich und umfasst die Hilfe bei der Haushaltsführung, körperbezogene Unterstützung und spezielle pflegerische Maßnahmen, Begleitung zu Arztbesuchen, Ermöglichung sozialer Kontakte, emotionale Unterstützung sowie – im Falle kognitiver Beeinträchtigung – eine mitunter permanente Beaufsichtigung.

Stabilität häuslicher Pflegearrangements

Die Pflegebereitschaft von Familien zeigt sich seit etlichen Jahren ungebrochen hoch. Betrachtet man Tab. 1, wird ein Trend zur professionellen Pflege in Pflegeheimen oder durch ambulante Pflegedienste nicht erkennbar:

Tab. 1: Pflegebedürftigkeit und Versorgungsform im Zeitvergleich (Statistisches Bundesamt 2001 und 2020)


19992019

Diese nüchternen Zahlen entkräften das hartnäckige Vorurteil, pflegebedürftige Menschen würden häufig in ein Heim »abgeschoben«. Sie zeigen vielmehr, dass die meisten Pflegebedürftigen so lange wie möglich in der Familie versorgt werden und die häuslichen Pflegearrangements bemerkenswert stabil sind. Inwieweit sie als Beleg für den Erfolg gesundheitspolitischer Maßnahmen im Sinne des Grundsatzes »ambulant vor stationär« gewertet werden können, muss allerdings dahingestellt bleiben, denn es ist weniger das Angebot an ambulanten Dienstleistungsstrukturen, welches den Verbleib pflegebedürftiger Menschen in der häuslichen Umgebung sichert, sondern die beeindruckend hohe Pflegebereitschaft von Familien. Inwieweit diese in Zukunft jedoch aufrechterhalten werden kann, darf angesichts gesellschaftlicher und demografischer Entwicklungen bezweifelt werden.

Hauptpflegeperson

Im Durchschnitt sind in den Familien zwei Personen an der Betreuung eines pflegebedürftigen Menschen beteiligt, bei einem Drittel der Fälle ist es sogar nur eine Person (Gräßel & Behrndt 2018; Rothgang & Müller 2018). Hierin spiegelt sich die soziale Veränderung unserer Gesellschaft: Immer kleiner werdende Familien und die räumliche Trennung der Generationen führen dazu, dass die »Last der Pflege« sich auf eine Hauptpflegeperson konzentriert.

Die Hauptpflegeperson gehört in aller Regel zum engeren Kern der Familie. Bei verheirateten Pflegebedürftigen pflegt häufig der Ehepartner, bei verwitweten die Tochter oder der Sohn, bei pflegebedürftigen Kindern ist es die Mutter, die sich für das Pflegegeschehen zuständig zeigt. In etwa zwei Drittel aller Fälle ist die Hauptpflegeperson weiblich. Der Anteil der Männer nimmt seit einigen Jahren zu. Sie treten zumeist in Erscheinung, wenn es sich um die Pflege ihrer Ehefrau/Partnerin handelt.

Die meisten Hauptpflegepersonen befinden sich im Alter zwischen 50 und 70 Jahren, das Durchschnittsalter beträgt 59 Jahre (ebd.). Damit pflegt gar nicht mehr unbedingt die so genannte »Sandwich-Generation«, also jene, die sowohl noch eigene, jüngere Kinder als auch die Eltern zu versorgen hat. Vielmehr findet Pflege hauptsächlich innerhalb der älteren Generation statt. Es sind in erster Linie Menschen in der »dritten Lebensphase«, die jene in der »vierten Lebensphase« pflegen (Schneekloth 2006, S. 408). Dementsprechend steht der größte Teil der pflegenden Angehörigen nicht (mehr) im Erwerbsleben. Allerdings sind es immerhin noch 30–40 % der Hauptpflegepersonen, die in mehr oder weniger großem Umfang einer Berufstätigkeit nachgehen und damit einer Mehrfachbelastung von Arbeit, Familie, Haushalt und Pflege unterliegen. Nicht wenige Angehörige reduzieren wegen der Pflege ihre Arbeitszeit oder müssen sie ganz aufgeben. Ein nicht unerheblicher Teil der Hauptpflegepersonen (ca. 10 %) ist übrigens älter als 80 Jahre. Dabei geht es in aller Regel um die Partnerpflege. Diese Pflegearrangements mit hochaltrigen Beteiligten werden – bezogen auf die Unterstützungsleistungen – viel zu wenig beachtet, obwohl sie ausgesprochen fragil sind und jederzeit zusammenbrechen können.

Pflege als Selbstverständlichkeit

Die Übernahme der Pflege wird von den Familien und der Gesellschaft häufig als Selbstverständlichkeit betrachtet. Zentrale Motive sind Liebe und Zuneigung zur pflegebedürftigen Person, Vertrautheit und Familienzusammenhalt, aber auch Pflichtgefühl sowie der Wunsch, etwas zurückgeben zu wollen (Bestmann et al. 2014). Weitere Gründe liegen in religiösen Überzeugungen bzw. Wertvorstellungen oder finanziellen Erwägungen vor dem Hintergrund der hohen Kosten einer professionellen Versorgung. Eine Rolle spielen ferner die Erwartungen anderer, sowohl der übrigen Familienmitglieder oder Nachbarn als auch die des Pflegebedürftigen selbst. Ein Großteil der pflegebedürftigen Menschen lehnen es ab, von jemand anderem gepflegt zu werden (Rothgang & Müller 2018).

Häufiges Fehlen einer bewussten Entscheidung zur Übernahme der Pflege

Eher selten wird der Entschluss zur Pflege bewusst gefällt, insbesondere wenn sich Pflegebedürftigkeit schleichend entwickelt. Geht es zunächst nur darum, häufiger als früher nach dem Rechten zu sehen oder Einkäufe zu erledigen, entwickelt sich allmählich ein immer umfassenderer Hilfebedarf bis hin zur Unterstützung beim Waschen, Anziehen oder Toilettengängen. Aber auch bei plötzlicher Pflegebedürftigkeit, z. B. bedingt durch einen Schlaganfall, ist die Übernahme der Pflege oftmals keine bewusste Entscheidung, vielmehr werden Angehörige mit der neuen Aufgabe förmlich überrumpelt. Unter Umständen liegt in dieser fehlenden Entscheidungsfreiheit bereits ein gewichtiger Faktor für die Schwere der empfundenen Belastung durch die Pflege.

2 802,38 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
18 декабря 2025
Объем:
253 стр. 40 иллюстраций
ISBN:
9783170386884
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

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