Читать книгу: «Damaris (Band 2): Der Ring des Fürsten»

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Landkarte Altra

Karte Stadt Chakas

Kapitel 1 - CILIAN

Kapitel 2 - DAMARIS

Kapitel 3 - CILIAN

Kapitel 4 - DAMARIS

Kapitel 5 - DAMARIS

Kapitel 6 - DAMARIS

Kapitel 7 - DAMARIS

Kapitel 8 - CILIAN

Kapitel 9 - DAMARIS

Kapitel 10 - DAMARIS

Kapitel 11 - CILIAN

Kapitel 12 - DAMARIS

Kapitel 13 - ADRIÉN

Kapitel 14 - DAMARIS

Kapitel 15 - ADRIÉN

Kapitel 16 - DAMARIS

Kapitel 17 - DAMARIS

Kapitel 18 - DAMARIS

Kapitel 19 - CILIAN

Kapitel 20 - DAMARIS

Kapitel 21 - DAMARIS

Kapitel 22 - DAMARIS

Kapitel 23 - ADRIÉN

Kapitel 24 - DAMARIS

Kapitel 25 - CILIAN

Kapitel 26 - ADRIÉN

Kapitel 27 - CILIAN

Kapitel 28 - DAMARIS

Kapitel 29 - CILIAN

Kapitel 30 - CILIAN

Kapitel 31 - CILIAN

Kapitel 32 - DAMARIS

Kapitel 33 - CILIAN

Kapitel 34 - DAMARIS

Kapitel 35 - DAMARIS

Kapitel 36 - CILIAN

Kapitel 37 - DAMARIS

Kapitel 38 - CILIAN

Kapitel 39 - DAMARIS

Kapitel 40 - CILIAN

Kapitel 41 - DAMARIS

Nachwort der Autorin

Glossar

C. M. SPOERRI

Damaris

Band 2: Der Ring des Fürsten

Fantasy

Damaris (Band 2): Der Ring des Fürsten

Wer im Taumel des Glücks tanzt, vergisst schnell, die Augen auf den Horizont zu richten, und übersieht womöglich die dunklen Wolken, die ein nahendes Gewitter ankündigen.

War es für Damaris vor wenigen Monaten noch unvorstellbar, in Chakas glücklich zu werden, so ist sie nun überwältigt von den Gefühlen, die ihr Herz beflügeln. Doch ehe sie diese zu genießen vermag, wird ihr Leben aus heiterem Himmel erschüttert. Denn die Intrigen, die in der Hafenstadt lauern, sind gewaltiger, als sie auf den ersten Blick scheinen – und stellen nicht nur ihre Liebe, sondern auch ihre Loyalität auf die Probe.

Die Autorin

C. M. Spoerri wurde 1983 geboren und lebt in der Schweiz. Sie studierte Psychologie und promovierte im Frühling 2013 in Klinischer Psychologie und Psychotherapie. Seit Ende 2014 hat sie sich jedoch voll und ganz dem Schreiben gewidmet. Ihre Fantasy-Jugendromane (›Alia-Saga‹, ›Greifen-Saga‹) wurden bereits tausendfach verkauft, zudem schreibt sie erfolgreich Liebesromane. Im Herbst 2015 gründete sie mit ihrem Mann den Sternensand Verlag.

www.sternensand-verlag.ch

info@sternensand-verlag.ch

1. Auflage, Oktober 2020

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2020

Umschlaggestaltung: Alexander Kopainski

Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Natalie Röllig

Korrektorat 2: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick

Satz: Sternensand Verlag GmbH

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-161-1

ISBN (epub): 978-3-03896-162-8

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.


Vertrauen und Liebe muss man sich verdienen.

Doch nur die Götter entscheiden,

ob man am Ende wirklich beides festzuhalten vermag.

C.



Altra


Stadt Chakas


Kapitel 1 - CILIAN

Tag 2, Monat 9, 1 EP 10 923 – 333 Jahre zuvor …

Cilian, kommst du endlich? Das Abendessen wird kalt!«

Die Stimme, die an mein Ohr drang, ließ mich lächelnd das Buch über Wassermagie schließen, in welches ich seit Stunden versunken war. Ich hob den Blick und sah auf das Meer, das ruhig und still vor mir lag, fühlte den sanften Wind, der an meinem Haar zog und die Wärme etwas erträglicher machte. Das magische Licht, welches mir geholfen hatte, trotz der hereinbrechenden Dämmerung noch zu lesen, schwebte über mir, aber ich löschte es mit einer knappen Handbewegung aus, wandte mich in Richtung meines Hauses, das sich auf den Klippen, etwa eine Wegstunde von Chakas entfernt, befand.

Als mein Blick auf das helle Gebäude traf, das ich vor einem Jahr in aller Abgeschiedenheit hier hatte erbauen lassen, erkannte ich die schmale Silhouette meiner Gemahlin. So durfte ich sie seit sechs Monaten nennen und noch immer konnte ich mein Glück kaum fassen. Noch immer spürte ich dieses überwältigende Kribbeln im Bauch, wenn ich sie ansah. Vor allem, seit sie unter ihrem Herzen unser Kind trug.

Ja, die Götter hatten mich wahrlich gesegnet.

»Cilian!« Ihre Stimme wurde eindringlicher.

Ich erhob mich, ließ das Buch aber im Pavillon liegen – ich würde es morgen weiterlesen. »Bin schon unterwegs, Shaia!«, rief ich zurück und setzte mich in Bewegung.

Als ich näher kam, konnte ich das Funkeln in ihren wundervollen braunen Augen erkennen. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah mich tadelnd an. »Du und deine Bücher«, murmelte sie mit einem halbherzigen Lächeln. »Hätte ich gewusst, wie viel du liest, hätte ich …«

Ich unterbrach sie, indem ich sie an mich zog und auf den Mund küsste. »Was hättest du?«, raunte ich an ihren Lippen. »Mich nicht geheiratet?«

Sie stieß mich gespielt beleidigt von sich weg, aber ihr Lächeln wurde wärmer. »Als ob du das zugelassen hättest.«

»Hätte ich nicht.« Ich strich ihr mit dem Handrücken über die Wange, die stets etwas bleich wirkte und dadurch verriet, dass sie nicht aus Chakas stammte. Denn die Sonne bräunte sie nicht, sondern verbrannte sie. Ihr feuerrotes Haar bildete einen starken Kontrast zu ihrer hellen Hautfarbe, und ich hoffte sehr, dass unser gemeinsames Kind es von ihr erbte, denn ich mochte die Art, wie es im Sonnenschein funkelte. »Ich liebe dich, Shaia.«

»Ich dich auch«, antwortete sie, doch es kam zu schnell über ihre Lippen.

Mir war von Anfang an aufgefallen, dass ich sie mehr liebte als sie mich, aber das war mir gleichgültig. Solange sie an meiner Seite war, wusste ich, dass ich alles richtig machte, und nur das zählte.

»Komm rein, ich habe dein Lieblingsgericht gekocht«, sagte sie und wandte sich ab, um zurück ins Haus zu gehen.

»Hühnereintopf mit Reis und eingelegten Früchten?«, fragte ich, während ich ihr folgte.

Sie warf mir einen Blick über die Schulter zu und ich erkannte, wie sie ihre Stupsnase kräuselte. »Das andere.«

Ich roch den Schmorbraten und mir lief das Wasser im Mund zusammen, während mein Bauch ein leises Knurren von sich gab.

Natürlich hatte sie den Laut gehört und schenkte mir ein Schmunzeln. »Ich dachte, wenn ich dich von deinen Büchern losreißen will, dann muss ich gute Argumente vorbringen.«

»Höre ich da einen leisen Vorwurf?« Ich hob die Augenbrauen und betrachtete ihren Rücken, während sie zum Herd ging, um den Topf zu holen. Ich war im Eingang der kleinen Küche stehen geblieben, lehnte mich in den Türrahmen.

»Kein Vorwurf«, erwiderte sie und kam mit dem Schmorbraten zurück, ging an mir vorbei ins Esszimmer, wo sie den Tisch bereits gedeckt hatte. »Nur eine Tatsache.« Sie stellte den Topf hin und sah mich mit ihren braunen Knopfaugen an. »Manchmal wünschte ich, dass du mehr Zeit mit mir statt mit deinen Büchern verbringen würdest. Das ist alles.«

Ich trat zu ihr, zog sie mit dem Rücken an meine Brust und strich ihr über den Bauch, in dem unser Kind heranwuchs. »Ich tue das doch vor allem für euch beide«, murmelte ich an ihrem Ohr.

Sie seufzte leise. »Ich weiß. Deine Verpflichtungen im Zirkel und deinem Vater gegenüber.« Ihre Hand legte sich über meine. »Ich dachte, dass wir so weit von ihnen weg wohnen, hätte etwas geändert. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich dich mit jedem Tag, den wir ein Paar sind, mehr verliere.«

»Sag so etwas nicht.« Mein Herz zog sich zusammen und ich hielt sie fester. »Ich liebe dich und werde alles dafür tun, dass wir glücklich werden.«

Sie hob den Kopf ein wenig und sah mich an. »Versprochen?«

»Hoch und heilig.« Ich küsste sie auf die Wange, drehte sie zu mir herum und legte beide Hände an ihr Gesicht. »Sobald unser Kind da ist, gibt es nur noch euch beide in meinem Leben.«

Das Lächeln, das sich auf ihrem hübschen Mund ausbreitete, wärmte mein Innerstes. Oh ja, ich liebte sie. Liebte sie wie wahnsinnig. Und ich schwor mir, alles in meiner Macht Stehende zu tun, damit dieses Lächeln niemals erlöschen würde.

Was für ein Narr ich war …

Kapitel 2 - DAMARIS

Gegenwart

Es kommt mir wie ein Traum vor, als ich gähnend erwache und die Sonnenstrahlen betrachte, die sich langsam in den Pavillon schleichen. Noch immer liege ich auf den Kissen und Decken, welche Cilian hier ausgebreitet hat, ehe er mich verführte.

Der gestrige Abend war wunderschön. Zuerst wurde ich offiziell in den Greifenorden von Chakas aufgenommen und dann … Bei der Erinnerung, wie Cilian meinen Körper erkundete, stoße ich ein wohliges Stöhnen aus. Er hat mir gezeigt, was Liebe wirklich bedeutet, und ich kann es kaum erwarten, das zu wiederholen, was wir in der vergangenen Nacht getan haben.

Ich strecke mich wie eine Katze und drehe mich zur Seite, um Cilian anzusehen. Allerdings liegt er nicht neben mir, und auch als ich mich umsehe, kann ich ihn nirgendwo entdecken. Stirnrunzelnd setze ich mich auf, streiche mein zerzaustes Haar zurück und reibe mir die Augen.

Wie immer ist es hier in Chakas bereits morgens schon so warm, dass ich keine Kleider bräuchte, aber ich wickle das Laken, mit dem wir uns in der Nacht zugedeckt haben, um meinen Körper, da ich nicht weiß, ob wir auf den Klippen wirklich allein sind.

Als Cilian mich gestern Abend, nachdem die Aufnahmezeremonie im Greifenorden vorbei war, hergebracht hat, konnte ich zwar keine weiteren Häuser erkennen, aber es könnte durchaus sein, dass er irgendwelche Diener anwies, im Haus nach dem Rechten zu sehen oder für uns ein Frühstück vorzubereiten.

Mein Blick wandert über die Klippe zum Meer und da entdecke ich ihn. Eine einsame Gestalt, die seinem schwarzen Greif zusieht, welcher am Himmel seine Kreise zieht. Anscheinend ist Mondsichel auf der Jagd, denn immer mal wieder stößt er zu den Wellen hinunter, um Fische zu fangen.

Cilian trägt nur das weiße Untergewand seines Burnus und es weht schlackernd um seinen schlanken Körper. Wie er so am Rande der Felsen steht, die braunblonden Locken vom Wind verwuschelt, hat der Anblick beinahe etwas Poetisches.

Einen Moment lang betrachte ich ihn, versuche zu begreifen, dass dieser Mann nun zu mir gehört. Zu meinem Leben. Schmetterlinge breiten ihre Flügel in meinem Bauch aus, tanzen ihren Reigen. Er ist mir so nah wie noch kein Mann zuvor und ich hoffe, dass es für immer so bleibt.

Ja, ich habe mich in den Ordensleiter von Chakas verliebt. Und ich bete zu den Göttern, dass es ihm mit mir genauso geht.

Leise setze ich mich in Bewegung, gehe den schmalen Pfad entlang, der zu Cilian führt. Dicht hinter ihm bleibe ich stehen und strecke den Arm aus, berühre ihn sanft an der Schulter.

Er zuckt zusammen und dreht sich zu mir um. Für den Bruchteil einer Sekunde erkenne ich die Wehmut in seinen azurblauen Augen, die wohl bis eben noch seine Gedanken beherrscht hat, dann wischt ein warmes Lächeln diese Regung weg und er zieht mich an sich.

»Damaris«, murmelt er in mein Haar.

Es ist nur ein Wort, nur mein Name. Aber darin liegen so viel Liebe und Zuneigung, dass mein Herz sich weitet. Ich schlinge die Arme um ihn, drücke mich fest an ihn und spüre, wie er mich auf den Scheitel küsst.

Eine Weile bleiben wir so stehen, bevor er sich wieder von mir löst und mich gedankenversunken mustert. »Hast du gut geschlafen?«, fragt er leise. »Ich wollte dich nicht wecken, du sahst so friedlich aus.«

Ich nicke lächelnd. »Ich habe hervorragend geschlafen.« Dann lege ich den Kopf schief und sehe dunkle Schatten unter seinen Augen. »Du nicht?«

Er schließt kurz die Lider, atmet tief ein und aus. »Doch … aber die Nacht war etwas kurz.« Ein entschuldigendes Lächeln legt sich auf seine Lippen. »In solchen Momenten wird mir bewusst, dass ich nicht mehr der Jüngste bin.«

»Ach komm.« Ich stupse ihn mit dem Zeigefinger gegen die muskulöse Brust. »Du bist nicht alt, nur etwas eingerostet.«

Sein Lächeln wird breiter und seine Augen beginnen zu funkeln. »Eingerostet, ja?«

Ehe ich michs versehe, hat er mich gepackt und über seine Schulter geworfen. Ich stoße ein Quieken aus, das in Lachen endet, als ich merke, dass er mich zurück zum Pavillon trägt. Mit den Händen trommle ich auf seinen Rücken in einem halbherzigen Versuch, mich zu befreien, und wackle mit den Beinen in der Luft. Aber er setzt mich erst ab, als wir zurück bei den Kissen sind, und zieht gleichzeitig das Laken von meinem Körper, sodass ich wieder nackt vor ihm stehe.

Sein Blick wird dunkel, als er mich voller Begierde betrachtet, und ich schaudere wohlig unter seiner Musterung. Gestern noch war es mir unangenehm, mich nackt vor ihm zu zeigen, aber heute erscheint es mir das Natürlichste der Welt.

Ich schlinge die Arme um seinen Nacken und er gibt nach, als ich ihn nach unten auf die Kissen ziehe. Unsere Lippen verschmelzen zu einem hungrigen Kuss, ehe er beginnt, meinen Körper zu liebkosen.

Ich schließe seufzend die Augen, gebe mich seiner Zärtlichkeit hin. Von ihm begehrt zu werden, ist so schön. So wunderschön. Und ich würde alles dafür tun, dass es niemals aufhört.

Als wir verschwitzt nebeneinander im Pavillon liegen, streichelt er mein Gesicht, zeichnet mit dem Finger die Konturen nach.

»Damaris, egal was geschieht, ich möchte, dass du weißt, wie viel du mir bedeutest«, murmelt er, während er mich liebevoll betrachtet.

»Ich glaube, das hast du mir gerade gezeigt.« Ich grinse ihn an.

Er schüttelt den Kopf, sodass seine Locken wippen, und senkt den Blick. »Damaris, ich muss dir etwas sagen, es hat …«

»Cilian!« Der Ruf einer männlichen Stimme, die vom Haus zu uns herüberdringt, lässt uns beide zusammenfahren und gehetzt einander anstarren.

»Verdammt, wer …« Cilian setzt sich auf und verengt die Augen, um besser sehen zu können, wer sich uns nähert. »Bleib unten«, sagt er leise und ich gehorche ihm ohne Widerspruch, während er aufsteht und rasch sein Untergewand überstreift.

Auch wenn ich es am liebsten in die ganze Welt hinausschreien möchte, dass Cilian und ich zusammen sind, so respektiere ich, dass er es anscheinend langsamer angehen will.

Ich beobachte, wie er den Pavillon verlässt und dem Neuankömmling entgegengeht. Bald schon kann ich ihn nicht mehr sehen, also erhebe ich mich nun doch ein wenig, da ich neugierig bin, wer uns in dieser Abgeschiedenheit aufsucht. Ich muss die Augen verengen, um gegen das Sonnenlicht anzublinzeln, dennoch erkenne ich den jungen rothaarigen Greifenreiter, mit dem ich gestern Abend nach meiner Aufnahme in den Greifenorden von Chakas getanzt habe. Serge hieß er, wie mir jetzt wieder einfällt.

Was tut er hier?

Cilian hat ihn inzwischen erreicht und Serge erzählt ihm etwas. Dabei gestikuliert er wild, was Cilian dazu bringt, sich mit einer Hand an den Hinterkopf zu greifen. Er wirft einen Blick zum Pavillon, sieht daraufhin den Greifenreiter wieder an und nickt. Dieser nickt ebenfalls, ehe er seinen Greif herruft und sich auf dessen Rücken in die Luft erhebt.

Der besorgte Ausdruck auf Cilians Gesicht, als er zum Pavillon zurückkommt, gefällt mir gar nicht.

»Was ist los?«, frage ich, nachdem er wieder bei mir angekommen ist.

»Zieh dich an, wir müssen zurück«, sagt er kurz angebunden und sucht mein Kleid unter den Kissen hervor, das er mir zuwirft. Der Stoff ist zerknittert, aber das ist mir im Moment gleichgültig.

»Rede mit mir«, fordere ich, während ich versuche, die Stoffbahnen um meinen Leib zu schlingen.

Cilian tritt zu mir und hilft dabei – er scheint Übung darin zu haben, denn er hat das Kleid im Handumdrehen um meinen Körper drapiert. Eine Tatsache, die mir einen kleinen Stich verpasst und mich daran erinnert, dass er zwar der erste Mann in meinem Leben, ich aber definitiv nicht die erste Frau in seinem bin.

Wieso wird mein Herz gerade schwer?

Da Cilian immer noch nichts sagt, als ich angezogen bin, halte ich seine Hand fest und zwinge ihn, mich anzusehen. »Was ist los?«, wiederhole ich meine Worte von vorhin. Dieses Mal eindringlicher.

»Ich … erkläre es dir, sobald wir im Zirkel sind«, weicht er aus. Er kann mich dabei nicht ansehen, was mich noch misstrauischer werden lässt. »Hier ist nicht der richtige Ort dafür und wir müssen zurück.«

Bevor ich etwas entgegnen kann, stößt er einen schrillen Pfiff aus und im nächsten Moment landet Mondsichel neben uns. Cilian greift nach seinem Burnus, wirft ihn über und deutet dann auf seinen Greif.

»Bitte steig auf, Damaris«, sagt er in ruhigem Tonfall, der nicht zu seinem aufgewühlten Blick passen will.

Ich zögere, nicke dann aber. Wenn er mir nicht sagen will, was los ist, bringt es nichts, es aus ihm herauskitzeln zu wollen. Mit einem flauen Gefühl im Magen schwinge ich mich auf den schwarzen Greif und warte, bis Cilian sich hinter mich gesetzt hat.

Den ganzen Flug zurück überlege ich, was es sein könnte, das ihn derart beunruhigt hat. Was hat ihm Serge gesagt? Wieso brechen wir Hals über Kopf auf, um in den Zirkel zurückzukehren?

Doch meine Fragen werden immer noch nicht beantwortet, als wir auf dem Balkon meiner Gemächer landen. Nur am Rande fällt mir auf, dass meine Dienerin Auralie anscheinend die Blumen, welche Cilian mir gestern Abend als Geburtstagsgeschenk ins Zimmer stellte, wieder weggeräumt hat. Viel mehr ist mein Blick auf den Ordensleiter gerichtet, der sich gerade fahrig mit der Hand durch die Locken streicht und mir nicht in die Augen sehen kann.

»Damaris … Lass mich noch kurz etwas klären, dann komme ich zu dir und erzähl dir alles, in Ordnung?« Er sieht mich flehend an.

Ich nicke langsam, auch wenn ich diese Geheimniskrämerei kaum aushalte. Er drückt mir einen raschen Kuss auf den Mund, ehe er sich wieder auf Mondsichel schwingt und davonfliegt.

Das leise Knurren, das hinter mir erklingt, lässt mich zusammenschrecken, doch dann merke ich, dass es Schneeflocke ist, der auf dem Bett liegt, und entspanne mich. Nur um im nächsten Moment erneut zusammenzufahren, denn die Tür meines Zimmers wird kurzerhand aufgerissen, und als ich den Mann sehe, der dort im Türrahmen steht, wird das flaue Gefühl in meinem Magen zu einem regelrechten Krampfanfall.

Es liegt nicht an der Art, wie er mich ansieht. Ich kenne dieses düstere Funkeln inzwischen. Auch nicht daran, dass sein einst langes schwarzes Haar nun kurz geschnitten ist, was seine kantigen Züge noch stärker betont. Nein, es ist die Tatsache, dass er überhaupt da ist. Im Zirkel. Obwohl Cilian ihm verboten hat, diesen zu betreten. Nicht nur das, der Ordensleiter hat ihn in die Stadt verbannt und von seinem Greif Silbersturm getrennt.

»Adrién«, hauche ich.

Sein Blick gleitet hinter mich, aber es ist unmöglich, dass er Cilian noch gesehen hat. Dann schaut er mich wieder an und stößt das Schnauben aus, das ich bereits von ihm gewohnt bin.

»Was hast du hier zu …«

»Suchen?«, unterbricht er mich und tritt nun endgültig in mein Zimmer, schließt die Tür hinter sich.

Schneeflockes Knurren wird lauter, da der Greif meine Anspannung spürt, und ich gebe ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er das lassen soll.

»Ich dachte, du lebst in der Stadt und …«

»Habe ich auch«, fällt er mir erneut ins Wort. »Doch jetzt bin ich wieder hier. Und ich wollte sehen, ob es wirklich stimmt, was meine Schwester Auralie mir erzählt hat.«

»Was stimmt?«, frage ich verwirrt.

»Du hast immer noch keinen Plan, oder?« Seine Mundwinkel heben sich zu einem arroganten Grinsen. »Bist Greifenreiterin, schläfst mit dem Ordensleiter und trotzdem bist du die Letzte, die es erfährt.«

»Was erfährt?!«, fahre ich ihn an. So langsam habe ich die Schnauze wirklich voll davon, dass sogar Adrién über etwas Bescheid zu wissen scheint, was Cilian mir nicht sagen wollte.

»Dein werter Ordensleiter hat dich ans Messer geliefert.« Der Tonfall, in dem Adrién das sagt, lässt alles in mir gefrieren, noch ehe ich die Worte richtig begriffen habe. »Hast du wirklich geglaubt, du bedeutest ihm mehr als der Orden? Dass es reicht, die Beine für ihn breit zu machen, um …«

Weiter kommt er nicht, denn ich bin zu ihm getreten und verpasse ihm eine Ohrfeige, die so laut klatscht, dass selbst ich zusammenzucke.

Adrién greift mit der Hand an seine Wange, und sein Blick wird noch düsterer als ohnehin schon. »Das ist eine Angewohnheit, die du dir dringend wieder abgewöhnen solltest«, knurrt er. »Gewalt ist nie eine Lösung.«

»Aber sie bringt dich wenigstens zum Schweigen!«, erwidere ich nicht minder finster.

»Trotzdem ändert es nichts an den Tatsachen.« Er beugt sich zu mir herunter und ein paar seiner schwarzen Strähnen, die jetzt etwa noch so lang wie mein Daumen sind, fallen ihm in die Stirn.

»Du lügst doch, wenn du den Mund aufmachst!«, schreie ich ihn an.

»Ach, hab ich dich schon jemals angelogen?«, fragt er mit hochgezogenen Augenbrauen und beantwortet seine Frage direkt. »Hab ich nicht, denn das habe ich nicht nötig.«

Ich hole erneut aus, aber dieses Mal fängt er meinen Arm in der Luft ab, hält mein Handgelenk fest.

»Lass mich los!«, rufe ich erbost und Schneeflocke hinter mir knurrt wieder.

»Nein«, entgegnet er und seine grauen Iriden blitzen. »Du hast keine Ahnung, wo du da hineingeraten bist, und es ist an der Zeit, dass dir jemand die Augen öffnet.«

»Was verdammt noch mal ist los?«, will ich wissen und spüre, wie die Kraft, die mich eben noch durchflutet hat, aus meinem Körper weicht. »Was … sollen deine Worte … wieso hat Cilian … wie …« Dass Tränen meinen Blick verschleiern, fällt mir erst auf, als Adriéns Gesicht vor mir verschwimmt.

»Cilian hat eingewilligt, eine Art Wettkampf zwischen Greifenreitern und Magiern zu veranstalten«, erklärt er. Noch immer hält er mein Handgelenk fest, aber sein Griff lockert sich ein wenig. »Daher hat man mich in den Zirkel zurückgeholt, denn auch ich habe das Vergnügen, eine Marionette zu spielen. Ebenso wie du.«

»Was … bedeutet das?«, frage ich verstört.

»Das bedeutet, dass wir wieder einmal für die Machenschaften der Magier unsere Köpfe hinhalten dürfen«, antwortet er und lässt mich endlich los. »Sie wollen Beweise, dass der Greifenorden seine Daseinsberechtigung hat, und wir sollen sie liefern. Aber nicht in einem einfachen Zweikampf. Nein. Das wäre ja zu langweilig.« Er stößt ein Knurren aus, das jenem von Schneeflocke verdammt nahe kommt. »Wir sollen in die Wüste und dort irgendwelche Aufgaben erledigen.«

»In die Wüste?«, hake ich nach.

Ich begreife gar nichts mehr … Wann hat Cilian das entschieden? Gestern? Hat er es schon gewusst, als ich in den Greifenorden aufgenommen worden bin? Als er mit mir auf den Klippen die Nacht verbracht hat?

Wieso verdammt hat er mir nichts gesagt?!

Mein Kopf schwirrt vor Gedanken und ich gehe wie betäubt zu meinem Bett, setze mich darauf.

Adrién verschränkt die Arme vor der Brust. »Scheiße, du hattest wirklich keine Ahnung, oder?«, fragt er und sein Tonfall klingt fast schon mitleidig.

Mechanisch schüttle ich den Kopf, starre auf einen Punkt am Boden.

»Tut mir leid für dich«, murmelt er und ich spüre, wie sich die Matratze neben mir senkt, als er sich ebenfalls hinsetzt. »Aber ich habe dich gewarnt. Cilian …«

»Kannst du bitte damit aufhören?«, frage ich ihn matt. »Ich … ertrag das gerade nicht.«

Er stößt leise die Luft aus, sagt jedoch nichts mehr.

Eine Weile bleibt er noch neben mir sitzen, bevor er sich erhebt. »Ich weiß, wir sind keine Freunde oder so, aber wenn du jemanden zum Reden brauchst …«

Ich nicke, ohne ihn anzusehen.

Adrién zögert sichtlich, dann spüre ich seine Hand auf meiner Schulter. »Tut mir wirklich leid für dich«, wiederholt er, ehe er seufzt. »Ich schick meine Schwester zu dir, sie kann so was besser als ich …«

Nachdem er gegangen ist, lasse ich meinen Tränen freien Lauf.

Kapitel 3 - CILIAN

Verdammt, verdammt, verdammt!

Marona, die Rätin des Feuerzirkels, hat keine Zeit verschwendet und bereits alles für die Wettkämpfe in die Wege geleitet – ohne meine Zustimmung!

Wann genau hat sie das geplant? Wieso konnte sie so gut vorbereitet sein? Es scheint, als hätte ich ihr mit meinem Vorschlag, einen Wettkampf zu veranstalten, ohne es zu ahnen, in die Hände gespielt.

Wütend schleudere ich eine Eiskugel gegen die Wand meines Arbeitszimmers und raufe mir das Haar.

Ich habe keine Ahnung, wie ich Damaris erklären soll, dass sie schon in wenigen Tagen in die Wüste aufbrechen muss, um vor Herausforderungen gestellt zu werden, die ihr Wissen bei Weitem übersteigen. Ich dachte, ich könnte es ihr schonend beibringen und die Aufgaben für den Wettkampf so auswählen, dass sie zumindest den Hauch einer Chance hat.

Nicht einmal meinem Vater gelang es, verflucht! Wie soll dann sie – eine unerfahrene Greifenreiterin – das schaffen?!

Doch jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um den Kopf in den Sand zu stecken. Ich muss das Schlimmste verhindern, nämlich dass sie die falschen Schlüsse daraus zieht.

So rasch ich kann, verlasse ich mein Arbeitszimmer, in welchem mir Serge die Pläne des Zirkelrates vorgelegt hat, die sich bestimmt rasend schnell im Zirkel verbreiten werden. Es sind noch keine Details bekannt, nur dass es sich um einen Wettkampf handelt. Wer sich den Aufgaben stellen soll, wurde allerdings bereits ausgelost und von den anderen Zirkelräten abgesegnet. Beim Gedanken daran gefriert alles in mir. Im letzten Moment konnte ich noch verhindern, dass viel zu viele Teilnehmer ausgewählt wurden. Fünf Magier, fünf Greifenreiter. Das muss genügen.

Und jetzt muss ich zu Damaris, um ihr alles zu beichten.

Als ich vor ihrer Zimmertür stehe und anklopfe, spüre ich, dass etwas nicht stimmt. Die Antwort, die von drinnen kommt, ist viel zu leise und klingt erstickt, fast so, als ob …

Noch ehe ich eintreten kann, wird die Tür geöffnet und ich sehe mich Auralie gegenüber. Die dunkelhaarige Dienerin bedenkt mich mit einem undurchsichtigen Blick, bevor sie die Lider senkt und ohne einen Gruß an mir vorbeigeht. Normalerweise eine Respektlosigkeit, die sich kein Diener erlauben dürfte, aber das ist mir gerade vollkommen gleichgültig. Denn aus Damaris’ Zimmer vernehme ich ein leises Schluchzen und trete, ohne zu zögern, ein.

Da ihre Gemächer nicht wie meine über ein Wohnzimmer verfügen, das sich vom Schlafzimmer abgrenzt, fällt mein Blick direkt auf das Mädchen mit den kurzen schwarzen Haaren, das den Kopf in den Händen vergraben hat und auf dem Bett sitzt. Damaris’ Schultern beben. Sie weint …

Verflucht … hat sie … wie ist das … hat Auralie …?

Ich schließe die Tür, damit wir keine ungebetenen Zuhörer haben. Ihr weißer Greif sitzt hinter ihr auf dem Bett und hebt aufmerksam den Kopf, sieht mich mit seinen roten Adleraugen prüfend an.

»Damaris«, sage ich vorsichtig und höre, dass meine Stimme heiser klingt.

Sie zuckt zusammen, als ich ihren Namen nenne, reißt den Kopf hoch und starrt mich mit geröteten Augen an, ehe sie aufspringt und mir mit wütenden Schritten entgegenkommt.

Knapp vor mir bleibt sie stehen und ich sehe ihre Hand zucken, erwarte beinahe schon eine Ohrfeige, aber sie stößt ihre Finger stattdessen hart gegen meine Brust, sodass ich leise aufkeuche. So viel Kraft hätte ich in diesem zarten Körper nicht erwartet.

»Wann?!«, schreit sie mich an. »Wann hast du entschieden, mich in deine Machenschaften zu verstricken?!«

Ich hebe beschwichtigend die Hände. »Damaris, ich …«

»Ich will keine Ausflüchte hören!«, unterbricht sie mich und ihre Augen sind nun grün vor Zorn. »Raus mit der Sprache! War es, bevor oder nachdem du mich in den Greifenorden aufgenommen hast? Bevor oder nachdem du mich entjungfert hast? Wann?!«

Ich spüre einen Stich in meiner Brust bei diesen harschen Worten. »Hör zu, ich …«

»Keine weiteren Lügen!«, fällt sie mir erneut ins Wort. »Ich bin kein kleines naives Kind, das du mit belanglosen Floskeln beruhigen kannst, kapiert?! Und ich will die Wahrheit hören: Wann hast du entschieden, dass ich eine verfluchte Marionette von dir werden soll?!«

Ich hole leise Luft und versuche, ihr in die Augen zu sehen – was mir verdammt schwer fällt. Denn dieser Zorn, der auf mich gerichtet ist, trifft mich bis ins Innerste. Schon einmal hat mich eine Frau mit so viel Wut und Enttäuschung angesehen … und was darauf folgte, werde ich mir nie verzeihen.

»Wusstest du es?«, fährt sie fort, als ich nicht antworte. »Wusstest du es, als du mit mir geschlafen hast?!«

Mein Nicken fällt knapp aus und ich richte den Blick zu Boden. Die Ohrfeige, die mich nun doch noch trifft, fühlt sich fast schon wie eine Erlösung an, trotzdem brennt mein Herz stärker als meine Wange.

»Ich wollte dich nicht mit solch einer Nachricht beunruhigen«, murmle ich. »Ich wollte …«

»Mich beschützen?« Sie speit mir das Wort entgegen. »Das ist es doch, was du die ganze Zeit behauptest! Und trotzdem spannst du mich, ohne mit der Wimper zu zucken, für deine Zwecke ein. War es das, was du von Anfang an geplant hast? War das der Grund, wieso du mich so intensiv trainiert hast, obwohl du immer sagst, du hättest keine Zeit für solche Dinge? War das der Grund, wieso du mich trotz meiner Verfehlungen und Unfähigkeiten im Zirkel geduldet hast?!«

Ich schüttle entsetzt den Kopf und sehe sie wieder an. »Nein«, entgegne ich mit Bestimmtheit. »Ich hatte nie vor, dich …«

»Zu verletzen? Zu enttäuschen?!« Sie verzieht ihren schönen Mund, und der Blick, den sie mir schenkt, ist eisig. »Tja, dann habe ich Neuigkeiten für dich, Cilian: Dein Plan ist reichlich in die Hose gegangen! Du willst mich testen? Wie wäre es, wenn ich einfach abhaue und nie mehr wiederkehre? Wirst du mich dann verfolgen und töten lassen? Oder hast du auch dazu nicht den Mumm?!«

Die Kälte, mit der sie spricht, zerschneidet meine Seele wie eisige Dolche. »Damaris, ich bitte dich«, beginne ich mit matter Stimme, aber sie unterbricht mich erneut.

»Auralie hat mir erzählt, was ihr mit den Greifenreitern und Magiern vorhabt. Es geht das Gerücht, dass die Aufgaben, die ihr uns stellt, unseren Tod bedeuten könnten. Ist dir das bewusst?! Und du behauptest, dass du mich liebst – einen Scheiß tust du! Man liefert nicht die Frau, die man liebt, ans Messer. Oder ist das hier in Chakas so üblich?! Wenn man eine Frau im Bett hatte, lässt man sie in den Tod gehen? Bist du wirklich so krank? So verdammt herzlos?!«

Ich halte ihre harten Anschuldigungen nicht länger aus, ergreife ihre Schultern. »Bitte hör mir endlich zu«, fordere ich energisch. »Es war nie meine Absicht, dass du dich solchen Aufgaben stellst. Das musst du mir bitte glauben! Ich liebe dich und würde dir niemals …«

»Hast du aber!«, fährt sie mich an und entwindet sich meinem Griff. »Du hast mir wehgetan, und zwar verdammt fest!« In ihren Augen bilden sich wieder Tränen und sie wischt sie unwirsch weg, als sie ihr über die Wangen rinnen.

»Ich wollte nicht, dass so etwas geschieht«, sage ich kraftlos.

»Ach? Dann war es etwa nicht deine Idee?« Sie zieht die Augenbrauen hoch und schnaubt abfällig. »Auralie sagte mir, dass dieser ganze Scheiß auf deinem Mist gewachsen ist. Stimmt das etwa nicht?«

Ich lasse die Schultern sinken und weiche ihrem Blick aus.

»Das ist mir Antwort genug«, bemerkt sie in messerscharfem Tonfall. »Wenn du mich wirklich liebst, dann sorge dafür, dass ich nicht in diese verdammte Wüste muss. Denn sollte das der Fall sein, verspreche ich dir hier und jetzt, dass ich keine Sekunde lang daran denken werde, mitzuspielen. Ich werde in die Talmeren zurückkehren und weder dir noch dem Greifenorden eine Träne nachweinen!«

Verflucht noch mal … ich kann ihr diesen Wunsch nicht erfüllen. Nicht ohne den Greifenorden zu verlieren, denn ihre Teilnahme ist daran gebunden.

Sie stellt mich gerade vor eine Wahl, die Marona wohl einkalkuliert hat. Wenn ich Damaris von der Teilnahme befreie, wird der Greifenorden für immer geschlossen, und das ganze Herzblut, das ich in so vielen Jahrzehnten hineingesteckt habe, war umsonst. Die Magier werden irgendwann wieder unkontrolliert über die nicht magischen Menschen herrschen und das Schicksal Altras wird sich wiederholen. Ganz zu schweigen davon, dass ich keine Ahnung habe, was aus den Greifenreitern und den Tieren werden soll.

Aber wenn ich Damaris in den Wettkampf ziehen lasse, verliere ich sie. Was schlimmer ist, vermag ich gar nicht zu sagen.

Die Machtlosigkeit, die mich ergreift, ist überwältigend.

Ich habe schon jetzt verloren. So oder so – ich kann nicht die richtige Entscheidung treffen. Aber vielleicht kann ich Damaris beschützen und ihr irgendwann alles erklären. Wenn sie nicht mehr so wütend auf mich ist. Wenn ich die Möglichkeit erhalte, in Ruhe nochmals mit ihr zu sprechen. Womöglich kann sie mir verzeihen und …

Ich erkenne selbst, wie dämlich sich diese Gedanken anhören. Aber eine andere Wahl bleibt mir nicht.

»Das wollte ich nicht«, murmle ich. »Das musst du mir glauben.«

Dann wende ich mich um und verlasse schnellen Schrittes das Zimmer, während mein Herz um die Liebe weint, die ich gerade verloren habe.

Aber ich werde Damaris mit allem, was ich habe, beschützen, das schwöre ich, während ich die Treppen hinuntereile.

Ich spüre, wie jeder Schritt, den ich mich von ihr entferne, das zarte Band, das wir in den vergangenen Monaten zwischen uns geknüpft hatten, zerreißen lässt.

Kapitel 4 - DAMARIS

Noch lange stehe ich da und starre zur Tür, durch die Cilian fluchtartig verschwunden ist. Mein Inneres ist taub. Da ist keine Wut mehr. Keine Trauer. Nur noch Fassungslosigkeit.

War das derselbe Mann, in den ich glaubte, mich verliebt zu haben? War das derselbe Mann, der mir vor wenigen Stunden noch auf den Klippen gezeigt hat, wie ekstatisch sich Liebe anfühlen kann? War das überhaupt Liebe?

Mein Kopf schwirrt, während mein Herz versucht, die vielen Teile, in die es zerrissen wurde, zusammenzukratzen, um weiterzuschlagen. Wie konnte ich mich nur so in Cilian täuschen? Wieso habe ich mich von seiner strahlenden, attraktiven Fassade so blenden lassen?

Adrién hatte die ganze Zeit recht: Cilian ist ein Magier und folgt nur seinen eigenen Interessen. Er geht über Leichen. Im wahrsten Sinn des Wortes.

Ich komme mir vor wie ein dummes kleines Mädchen, das ich wahrscheinlich auch bin. Ich habe geglaubt, dass Cilian mir den Himmel auf Erden zu Füßen legt, dabei hat er die ganze Zeit nur nach seinen eigenen Interessen gehandelt.

Ja, ich weiß, dass das Bestehen des Greifenordens an meine Teilnahme bei den Wettkämpfen geknüpft ist. Auralie hat es mir erzählt, da sie das von einer anderen Dienerin aufgeschnappt hat. Wenn ich nicht teilnehme, wird der Greifenorden so oder so geschlossen. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass ich gehofft hatte, Cilian würde sich, ohne mit der Wimper zu zucken, für mich – für uns – entscheiden.

Es ist nur ein verdammter Orden. Ich glaubte, das, was wir beide hatten, wäre viel mächtiger gewesen. Viel bedeutender.

War das naiv? Egoistisch? Überheblich? Verblendet?

Wahrscheinlich alles miteinander. Aber die Vorstellung, dass ich in die Wüste gehe und irgendwelche Aufgaben erledige, die meinen Tod bedeuten könnten, da ich noch zu wenig Erfahrung habe, ist ebenso absurd.

Cilian entschied sich für den Greifenorden und gegen mich. Ich konnte es in seinen Augen sehen. Den Kampf, den er in seinem Inneren für die Dauer eines Wimpernschlags ausfocht. Und aus dem ich als Verliererin hervorging.

Ein leises Gurren hinter mir lässt mich zusammenzucken, und das Bild eines Edelweiß – Schneeflockes Lieblingsblume – erscheint in meinem Geist.

Ich atme tief ein und aus. Was jetzt noch zählt, ist Schneeflocke. Denn seine Liebe ist bedingungslos und die werde ich niemals verlieren.

»Dann ist es entschieden«, murmle ich und wende mich meinem Greif zu, der mich mit seinen roten Adleraugen mustert. »Wir verlassen diesen verdammten Ort. Dieses Mal wirklich.«

So rasch ich kann, suche ich meine Siebensachen zusammen, ziehe die Reisekleidung an, die ich in einer Truhe verstaut hatte, und trete auf den Balkon. Mir ist es gleichgültig, wenn mich alle davonfliegen sehen. Wie wollen sie mich daran hindern, den Zirkel zu verlassen? Mit Feuerbällen auf mich schießen?

Ich lächle grimmig. Das sollen sie mal ruhig probieren, Schneeflocke wird jedem von ihnen ausweichen.

Mein Greif wartet, bis ich auf seinen Rücken aufgestiegen bin, dann erhebt er sich in die Lüfte. Als seine Pfoten vom Balkon abstoßen, wird der Druck in meinem Herzen geringer.

In einigen Wochen werde ich zurück in den Talmeren sein und das alles, was ich hier erlebt habe, wird sich wie ein böser Traum anfühlen. Ein böser Traum mit bittersüßen Erinnerungen, aber ich werde wieder in meinem alten Leben sein. Ohne Magier und Ordensleiter, die mich für irgendwelche Intrigen einspannen wollen.

Ein befreites Lachen entweicht meiner Kehle, als wir die Zirkelmauern überfliegen und Schneeflocke sich den Spaß erlaubt, seinen Darm direkt über dem Eingang zu entleeren.

»Wir scheißen auf euch! Ihr könnt uns alle mal!«, rufe ich nach unten, auch wenn ich ziemlich sicher bin, dass mich niemand hören kann, denn dafür sind wir bereits zu weit entfernt.

Schneeflocke beschreibt eine Kurve in Richtung Süden, um an der Küste entlangzufliegen, und ich lege den Kopf in den Nacken, schließe die Augen und atme tief durch.

Ja, so fühlt sich Freiheit an – und diesen Zirkel hinter mir zu lassen, ist die beste Entscheidung meines Lebens.

Ich habe genug gelernt, um niemanden mehr in Gefahr zu bringen.

Jetzt bin ich dran. Mein Leben.

Und das werde ich definitiv ohne irgendeinen Cilian führen, der mich bei der erstbesten Gelegenheit an den Galgen liefert und unsere Liebe verrät.

Wir fliegen zwei Stunden, ehe wir an einem Fluss an der Küste landen. Das Gewässer schlängelt sich zwischen einer kargen Steppenlandschaft in Richtung Meer, das zu unserer Rechten liegt. Ein paar Bäume sowie höhere Sträucher befinden sich in der Nähe, und der Strand mit hellem Sand lädt zum Verweilen ein. Es ist alles so friedlich und ruhig, dass ich kaum glauben kann, erst gerade noch im magischen Zirkel von Chakas gewesen zu sein.

Ich lösche meinen Durst am Fluss. Zwar könnte ich auch mit meiner Magie Wasser aus dem Boden holen, aber das ist zeitaufwendig und anstrengend. Und ich werde meine Kräfte noch für den Rest der Reise benötigen. Unser Weg wird nach Süden bis zu den ersten Ausläufern der Talmeren führen und danach in Richtung Osten über das Gebirge zurück nach Oshema. Zurück nach Hause.

Nachdem ich fertig getrunken habe, gibt mein Magen ein leises Knurren von sich und erinnert mich daran, dass ich mich in den vergangenen Monaten viel zu sehr an regelmäßige Mahlzeiten gewöhnt habe. Es ist zwar erst eine Nacht her, seit ich etwas aß, doch der Hunger nagt an mir.

Ich habe keinen Proviant mitgenommen – dafür war meine Abreise zu überstürzt –, doch sowohl Schneeflocke als auch ich mussten noch nie Hunger leiden, weil wir uns nicht zu helfen wussten.

Auch wenn ich kein Blut oder frische Wunden sehen kann, so hatte ich glücklicherweise bei erlegtem Wild bisher keine Probleme. Das scheint eine Art Schutzmechanismus von mir zu sein, dass ich Tiere, die ich zum Verzehr gejagt habe, ausnehmen kann, ohne dass mir schwarz vor Augen wird oder ich mich übergeben muss. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ich von klein auf gelernt habe, zu jagen und damit Essen auf den Tisch zu bringen. Essen darf bluten. Wieso auch immer mein Gehirn das begriffen hat – ich bin froh darüber, dass es Ausnahmen machen kann. Sonst würde ich wohl auch einmal im Monat für mehrere Tage dauerohnmächtig werden, wenn ich meine Menstruation habe. Und dass das sinnbefreit ist, hat sogar mein kaputter Kopf begriffen.

Nun schicke ich Schneeflocke in Gedanken ein Bild von einem Hasen und er versteht, fliegt mit einem Laut los, der an das Bellen eines Hundes erinnert, um nach einer Mahlzeit für uns zu suchen.

Da es hier unten am Meer viel heißer als oben in der Luft ist, ziehe ich die Weste aus, die mir den Wind auf dem Greifenrücken vom Leib hält, sodass ich nun nur noch meine lederne Hose sowie mein geschnürtes Hemd trage, welches aus dichtem Stoff besteht.

Dann beginne ich, ein paar Beeren zu sammeln, die an struppigen Sträuchern in Küstennähe wachsen und die ich mit Magie trocknen werde, damit wir sie für später mitnehmen können. Ich lege sie fein säuberlich auf ein Tuch, das ich auf den Steppengräsern neben dem Fluss ausbreite, greife nach meiner Zauberkraft und ziehe vorsichtig das Wasser aus den kleinen Früchten.

Etwas, das mir nun, da ich meine Kräfte besser beherrsche, problemlos gelingt. Früher habe ich oft zu viel Magie gewirkt, sodass die Früchte ungenießbar wurden, weil sie trocken wie Staub waren. Aber nun schaffe ich es, gerade genügend Wasser drin zu lassen, damit wir sie später auf unserer Reise verzehren können.

Just als ich fertig bin, fällt mein Blick auf eine kleine Schildkröte, die in Flussnähe durch das Steppengras krabbelt und wohl ebenfalls ihren Durst stillen möchte. Oder aber sie hat sich verirrt, denn wahrscheinlich sollte sie im Meer schwimmen.

Eine Weile beobachte ich das Tierchen, ehe ich seufze. Wenn ich eine Schildkröte wäre, bestände mein größtes Problem darin, Steppengras zur Seite zu schieben. Welch erstrebenswertes Leben.

Gedankenversunken tauche ich meine Hände ins kühle Wasser des Flusses und benetze meinen Nacken, Gesicht und Hals, denn es ist bald Mittag und daher inzwischen erdrückend heiß geworden.

Ich bin so abgelenkt, dass ich die Präsenz, die mich wohl die ganze Zeit betrachtet hat, zu spät bemerke. Nämlich erst, als eine schattenartige Gestalt hinter einem der höheren Büsche, die den Fluss säumen, hervorprescht. Direkt auf mich zu.

Vor lauter Schrecken fehlt mir die Zeit, um festzustellen, worum es sich genau handelt – aber das Knurren, das die Kreatur ausstößt, ist Grund genug, einen Schutzschild zu bilden. Keine Sekunde zu früh, denn schon schabt eine krallenbestückte Klaue zwei Mal quer über meine Brust, genau an der Stelle, wo mein Herz sitzt.

Ohne Schutzschild wäre ich jetzt aufgeschlitzt!

Keuchend stolpere ich nach hinten und kann gerade so das Gleichgewicht halten. Dass ich dabei das Tuch mit den Beeren mit mir reiße, bekomme ich nur am Rande mit.

Nachdem ich den ersten Schock überwunden habe, fokussiere ich den Blick auf das Wesen, das mich angriff, und erschaudere. Es handelt sich um eine Art Echse, die jedoch auf zwei Beinen geht und einen schwarz geschuppten Körper besitzt, der dem eines Menschen nicht unähnlich scheint. Was mich allerdings am meisten erschreckt, ist, dass rund um ihre Gestalt ein nebelartiger Schleier weht, der aussieht, als würden Schattenwesen um sie herum ihre Finger ausstrecken. Diese Schatten verschlingen jegliches Sonnenlicht, das auf die Kreatur fallen würde, und lassen die dunklen Schuppen an ihrem Körper stumpf wirken.

Ich habe keine Ahnung, was mir da gegenübersteht, aber auch keine Zeit, zu überlegen, denn die rot glühenden Echsenaugen richten sich auf mich, und der Hass, der darin brennt, lässt eine Gänsehaut über meinen Rücken rinnen.

Dieses Wesen ist nicht von dieser Welt – ganz sicher nicht …

Gerade so weiche ich einer zweiten Attacke aus, ehe ich zum Gegenangriff übergehe. Ich forme mit meiner Magie Wasserpfeile und schleudere drei davon auf die Kreatur. Doch statt das Wesen zu verletzen, fliegen die Geschosse einfach durch es hindurch. Meine Augen weiten sich, als ich merke, dass ich ihm keinerlei Schaden zufügen kann. Denn auch meine Eispfeile verfehlen jegliche Wirkung.

Wenn das Wesen so etwas wie Lippen besitzt, dann grinst es jetzt und setzt zum Sprung an. Es trifft mich so hart mit den Beinen, die es mir in den Bauch stößt, dass ich mit einem schmerzerfüllten Laut zu Boden gehe. Nur mein Schutzschild verhindert, dass die Klauen, die auf meinen Kopf schlagen, mir nicht Schlimmeres als dröhnende Kopfschmerzen verpassen.

Ich schirme mit meinen Armen weitere Angriffe ab, doch mein Schutzschild wird nicht ewig halten, solange Schneeflocke noch nicht zurück von der Jagd ist. Und das kann eine Weile dauern, wie ich weiß, denn mein Greif neigt dazu, mit seiner Beute erst ausgiebig zu spielen, ehe er sie erlegt. Ich versuche, ihn in Gedanken zu erreichen, aber er ist schon zu weit entfernt, um meinen Ruf zu hören.

Die Kreatur hat sich nun über mir aufgebaut und lässt ihre Krallen fast schon genüsslich über meinen Schild gleiten. Dabei stößt sie einen kehligen Laut aus, der sowohl Knurren als auch hämisches Lachen sein könnte.

Wo wir gerade bei Spielen sind …

Ich schließe die Augen und konzentriere mich einzig und allein auf meinen Schutzschild. Ohne ihn werde ich in den nächsten Minuten sterben, so viel ist gewiss. Denn dieses Monster wird nicht aufgeben, ehe ich meinen letzten Atemzug getan habe. Das war in seinen hasserfüllten Augen deutlich zu sehen.

Noch einmal mobilisiere ich all meine Kräfte, bäume mich auf und stoße mit beiden Händen gegen die beschuppten Arme des Monsters, um es von mir wegzudrücken. Doch wie meine Pfeile vorhin gleiten meine Finger einfach durch die Kreatur hindurch. Was man von ihren eigenen Klauen allerdings nicht behaupten kann, denn diese dringen mit einem Mal in meinen Schutzschild und reißen mir die Haut an der Brust auf. Ein brennendes Gefühl breitet sich dort aus, wo sie mich verletzt, und ich schreie vor Schmerz. Blut quillt aus den Wunden hervor und ehe ich michs versehe, wird mir speiübel und schwummrig.

Ich hasse Blut …

Das ist der letzte Gedanke, bevor ich merke, wie mein Schutzschild aufflimmert und erlischt, da ich mich nicht mehr darauf konzentrieren kann.

Ich starre der Gestalt entgegen, die sich über mich beugt, und nun kann ich tatsächlich so etwas wie einen Mund in dem schattenhaften Echsengesicht ausmachen. Allerdings einen ohne Lippen, dafür aber mit messerscharfen, spitzen Zähnen, die sich darauf freuen, in mein Fleisch zu beißen. Erneut treibt mir die Kreatur die Klauen in die Brust, dieses Mal auf der anderen Seite.

»Götter, helft mir«, flehe ich, ehe ich die Augen schließe.

Ich spüre den heißen Atem der Bestie, der mein Gesicht streift, und rieche den bestialischen Gestank, der von seinem Schlund ausgeht. Nach faulen Eiern und Eisen. Eine Kombination, die mich noch stärker würgen lässt.

Hastig drehe ich den Kopf zur Seite, um mich nicht an meinem Erbrochenen zu verschlucken, und übergebe meinen Mageninhalt dem Steppenboden. Tränen schießen mir in die Augen, als ich ein drittes Mal Krallen spüre, die meinen Oberarm aufschlitzen. Langsam, beinahe genießerisch, zerreißen sie mein Oberteil und ritzen die Haut darunter auf.

Erneut schießt ein feuriger Schmerz durch meinen Körper, und ich wimmere vor Qual, reiße die Augen wieder auf. Nur um in das Gesicht der Kreatur zu blicken, die mich in den nächsten Sekunden töten wird.

Das Blut ist überall. Mein Blut. Doch mein Blick fällt auf etwas, das ich kaum gehofft hatte, noch einmal zu sehen. Einen dunklen Punkt am Himmel über uns.

»Schneeflocke«, hauche ich und versuche sofort, eine Verbindung zu ihm herzustellen.

Aber mein Geist ist zu schwach – oder es liegt daran, dass die Dunkelheit an mir nagt, mich zu sich holen will. Es gelingt mir nicht.

Ein letztes Mal starre ich zu Schneeflocke empor. Er soll das letzte Lebewesen sein, das ich vor meinem Tod erblicke. Nicht dieses grässliche Ungeheuer, das mich in den nächsten Sekunden verschlingen wird.

Tränen verschleiern meine Sicht, verformen den dunklen Punkt über mir zu einem breiten Fleck. Dann schließe ich die Augen und lasse mich in die Dunkelheit fallen, die schon die ganze Zeit darauf wartet, mich zu sich zu holen.

Kapitel 5 - DAMARIS

Wenn man stirbt, ist einem vor allem eines: hundeelend. Mein Magen rebelliert immer noch, als ich im Totenreich erwache. Da, wo ich nun für immer bleiben werde.

Ich liege auf einer Decke, starre zu den leuchtenden Sternen empor und neben mir brennt ein Lagerfeuer.

Eigentlich gar nicht so schlimm, wäre da nicht diese Übelkeit, die in mir nachhallt. Und der Schmerz an meinem Oberarm sowie quer über der Brust, der mich fast wahnsinnig macht.

»Da bist du ja endlich«, höre ich eine tiefe Stimme und fahre zusammen, als ich den Kopf drehe und ausgerechnet in das Gesicht schaue, das ich noch weniger sehen wollte als jenes von Cilian.

»Adrién«, murmle ich krächzend, da sich mein Hals rau anfühlt.

»Trink.«

Im nächsten Moment spüre ich, wie ein Wasserschlauch an meine Lippen gedrückt wird, und schlucke reflexartig die Flüssigkeit, die in meinen Mund fließt. Sie ist viel zu warm, aber es ist Wasser und benetzt meine trockene Kehle.

Dass ich wieder mal nicht tot bin, ist mir natürlich klar. Adrién muss mich vor diesem Wesen – was auch immer es war – gerettet haben. Wahrscheinlich ist er mir nachgeflogen, um mich zurück in den Zirkel zu bringen. Die Tatsache, dass Cilian nicht einmal die Eier hat, dies selbst zu tun, verpasst mir einen Stich in der Brust, der beinahe noch mehr wehtut als die Verletzung der Kreatur.

Aber wieso hat Adrién mich an den Strand gebracht und auf eine Decke gelegt, wenn er mich geradeso gut hätte zurückbringen können?

Ich richte mich ein wenig auf und spüre Schneeflocke schon in meinem Geist, ehe ich ihn neben dem Lagerfeuer liegen sehe. Er hat den Kopf gehoben und mustert mich mit seinen roten Adleraugen, bevor er ein leises Seufzen von sich gibt und mir das Bild einer Ente schickt zum Zeichen, was er davon hält, dass ich schon wieder ohnmächtig geworden bin. Beinahe kann ich ihn »Tollpatsch« murmeln hören. Aber ich kann ihm nicht böse sein, ich liebe ihn über alles und bin einfach nur froh, dass er unversehrt wieder bei mir ist.

Der Duft von frischem Braten dringt in meine Nase und als ich den Kopf wende, erblicke ich einen Hasen, der über dem Feuer gebraten wird. Schneeflocke war bei seiner Jagd also erfolgreich und Adrién hat dafür gesorgt, dass wir bald etwas zu essen haben.

Mein Magen wird flau, als ich an meinen blutverschmierten, zerrissenen Kleidern herunterblicke. Allerdings ist das Blut nun getrocknet und dadurch etwas besser zu ertragen.

Adrién hat sich inzwischen wieder erhoben und sticht gerade seinen Dolch in den Hasenbraten, um zu prüfen, ob das Fleisch schon durch ist.

»Wieso bin ich noch hier?«, frage ich, während ich seinen Rücken mustere.

»Weil ich dich gerettet habe«, antwortet er, ohne sich zu mir umzudrehen.

Ich hole leise Luft. »Ich meine … wieso bin ich am Strand und nicht im Zirkel? Du bist doch gekommen, um mich zurückzuholen, oder?« Ich versuche, das schmerzhafte Brennen meiner Verletzungen zu ignorieren, das entsteht, als ich mich etwas aufrechter hinsetze.

Jetzt wirft er mir doch noch einen Blick über die Schulter zu. »Wieso glaubst du das?«

»Weil du mir gefolgt bist, vielleicht?« Ich verdrehe die Augen und keuche, da ich mich aus Versehen auf dem verletzten Arm abstütze. »Könntest du mich mal bitte heilen? Und ehe du rumnörgelst – ich habe das ›Zauberwort‹ benutzt.«

Er wendet sich mir zu und verschränkt die Arme vor der Brust. »Erstens wäre ein ›Danke‹ angemessener, als mich dumm anzumachen, denn ich habe dir das Leben gerettet. Zweitens bin ich dir nicht gefolgt, um dich zurückzuholen, sondern um dafür zu sorgen, dass du nicht hirnlos in der Gegend rumfliegst, nur weil dir dein kleines Herzchen gebrochen wurde. Und drittens kann ich das da …« Er deutet auf meinen Oberkörper. »… nicht heilen, solange du das Oberteil anhast. So ausgefeilt sind meine Heilkünste dann auch wieder nicht. Und wenn ich es dir ausgezogen hätte, während du bewusstlos warst, hättest du mich danach verdroschen, oder?«

Ich verenge die Augen und mustere ihn mit mindestens so einem finsteren Blick wie er mich. »Erstens: Stimmt, ein bisschen Dankbarkeit wäre durchaus angebracht. Also: Danke. Zweitens: Ich brauche keinen Beschütz…« Adrién hebt beide Augenbrauen. »Gut, das nehme ich zurück. Aber dass dieses … Ding … mich angriff, hat nichts damit zu tun, dass ich ›hirnlos‹ rumgeflogen bin. Und drittens: Ich hätte dich nicht nur verdroschen, sondern dir die Eier abgeschnitten. Mit einem stumpfen Messer.«

Adrién stößt ein kehliges Lachen aus, ehe er in die Hocke geht und mit mir auf Augenhöhe ist. »Schade, dass dir das ›Ding‹ nicht deine Kratzbürstigkeit herausgeschnitten hat.« Ich schnaube entrüstet, was ihn schmunzeln lässt. »Da du jetzt wach bist, kann ich dich heilen.« Er macht eine kunstvolle Pause, und sein Blick gleitet über mein Gesicht nach unten zu meinem Oberkörper. »Dir ist klar, dass ich gleich deine Brüste sehen werde?« Das Funkeln, das in seinen Iriden aufleuchtet, als er mir wieder in die Augen sieht, bereitet mir eine Gänsehaut. Ob von der guten oder schlechten Sorte, kann ich nicht sagen, denn dafür bin ich zu sehr von dem Grinsen abgelenkt, das sich auf seine Lippen legt. »Zieh dich aus. Dann werde ich mir deine … Wunden genauer ansehen.«

»Du genießt das, oder?«, knurre ich, bevor ich beginne, mein Hemd aufzuschnüren.

Adrién legt den Kopf schief. »Ja«, sagt er freiheraus und grinst dreist weiter.

Immer noch knurrend streife ich mein Oberteil über den Kopf und sehe den schwarzhaarigen Greifenreiter herausfordernd an. Anders als erwartet lenkt er seinen Blick nicht direkt auf meinen nackten Oberkörper, sondern sieht mir weiterhin in die Augen.

»Das war verdammt knapp«, murmelt er, ehe er die Hand hebt und wie beiläufig meinen gesunden Arm berührt. »Du solltest dringend besser auf dich achtgeben.«

»Jaja«, murre ich und weiche seinem Blick aus. »Jetzt mach schon, es ist nicht gerade angenehm, so entblößt dazusitzen.«

»Dem muss ich widersprechen«, entgegnet Adrién schmunzelnd. Dann wird er wieder ernst. »Also, das könnte jetzt etwas brennen, ich muss zuerst die Wunden reinigen.«

Ich beiße die Zähne zusammen, als er beginnt, mit Meerwasser, das er aus einem Becher holt, meine Brust abzutupfen. Das Salz brennt wie Feuer, aber ich gebe nur ein leises Zischen von mir. Nachdem er mit dem Oberkörper fertig ist, folgt der Arm und ich frage mich, woher er eigentlich den Becher hat. Hat er etwa mit einer längeren Reise gerechnet?

Ich schiele zu seiner vollgepackten Satteltasche, die neben Silbersturm liegt, welchen ich erst jetzt bemerke. Adriéns Greif hat sich gegenüber von Schneeflocke ans Lagerfeuer gelegt und döst vor sich hin.

»So, das wäre geschafft«, sagt Adrién und lenkt damit meine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

Als ich den Blick nach unten richte, erkenne ich, dass er alles Blut weggewaschen hat, sodass nun tiefe Kratzspuren quer über meine Brüste sowie an meinem Arm zu erkennen sind. Beinahe hätten die Klauen Rahrins Anhänger erwischt, den er mir gestern geschenkt hat und den ich immer noch um den Hals trage. Zum Glück ist dem Schmuckstück nichts passiert.

Einen Moment lang verliere ich mich in dem Gedanken, dass ich mich von meinem Nachhilfelehrer und Freund hätte verabschieden müssen. Aber nun ist es zu spät dafür.

Als ich Adrién wieder ansehe, merke ich, dass er mich gemustert hat. Allerdings wieder nicht meine Brüste, sondern mein Gesicht.

»Was ist?«, frage ich. »Wieso heilst du mich nicht?«

Adrién schüttelt leicht den Kopf, als wollte er ebenfalls einen Gedanken loswerden, dann nickt er und deutet mit der Hand auf meinen Oberkörper. »Ich werde dich jetzt da berühren«, sagt er und ich bin erstaunt, dass seine Stimme belegt klingt, was er schnell korrigiert, indem er sich räuspert. »Wehe, du schlägst mich dafür.«

Ehe ich antworten kann, spüre ich seine Hand, die sich fest über meine rechte Brust legt, und dann eine wohlige Wärme, die sich von meiner Haut durch den Körper ausbreitet. Reflexartig schließe ich die Augen und genieße das Gefühl, das seine heilende Magie in mir auslöst. Die Schmerzen weichen und werden durch ein angenehmes Kribbeln ersetzt. Ein leises Seufzen entfährt mir, während er zu meiner anderen Brust wechselt.

»Damaris, hör auf damit«, knurrt er leise.

»Entschuldige«, murmle ich und reiße die Augen auf, schaue direkt in seine.

Die grauen Iriden sind fast nicht mehr zu sehen, denn sein Blick hat sich verdunkelt. Noch immer hält er die Hand auf meiner Brust, obwohl seine Magie versiegt ist.

Doch die Wärme hält weiter an und ich fühle, wie sein Daumen sanft über meine Brustwarze streicht. Nur ganz kurz, nur federleicht, doch ich erschaudere unter der Berührung.

Er räuspert sich erneut, ehe er den Blick von mir abwendet und sich meinem Oberarm widmet. Aber ich starre ihn dennoch unverwandt an.

Was sind das für verwirrende Gefühle, die er gerade in mir hervorgerufen hat? Wieso habe ich das Bedürfnis, seine Lippen zu betrachten, die er konzentriert zusammenpresst?

Ich schüttle den Kopf, um meine Befangenheit loszuwerden.

Als Adrién fertig ist, sind nur noch Narben auf meiner Haut, die zwar etwas rötlich wirken, jedoch hoffentlich bald verblassen werden.

Der Greifenreiter richtet sich auf, sodass er vor mir kniet, und sieht auf mich herunter. Dann, ohne Vorwarnung, streift er sein eigenes Oberteil ab und ich schnappe leise nach Luft, als sich sein muskulöser Oberkörper gegen den Feuerschein hinter ihm abzeichnet. Ich bin sicher, dass er gerade mit mir spricht, aber meine Augen haften an den definierten Bauchmuskeln, die er mir in Augenhöhe präsentiert.

»Damaris!«, reißt er mich aus den Gedanken.

Ich hebe den Blick und sehe ihn blinzelnd an. »Hä? Hast du was gesagt?«

Er verdreht die Augen, ehe er mit seinem Oberteil vor mir herumwedelt. »Ich sagte: Zieh das an und hör auf, mich wie ein verliebtes Reh anzuglotzen«, knurrt er mürrisch. »Ich wasche dein Oberteil und hänge es zum Trocknen über das Feuer.«

Ohne abzuwarten, ob ich es auffange, wirft er mir den Stoff zu, sodass mein Kopf darunter vergraben und mir die Aussicht auf seinen Körper genommen wird. Sein Geruch nach frisch gefälltem Holz dringt mir in die Nase und ich halte unwillkürlich die Luft an, bevor ich rasch sein Oberteil überstreife.

Adrién ist inzwischen zu einem Fluss gegangen, der etwas entfernt von uns ins Meer fließt, und ich kann seine Silhouette in der Dunkelheit kaum mehr ausmachen. Worüber ich aber auch nicht unglücklich bin, denn diese Anziehung, die ich mit einem Mal zu ihm spüre, verwirrt mich zugegebenermaßen. Und wenn ich etwas nicht gebrauchen kann, dann ist es Chaos in meinem Herzen, das gerade erst von Cilian auf derart gemeine Weise gebrochen wurde.

Als er zurück ans Lagerfeuer kommt, hängt er mein Hemd wortlos an drei Ästen auf, die er fachmännisch zu einer Art Gestell zusammenbaut und in den Sand rammt.

»Der Hase ist fertig«, sagt er, ohne mich anzusehen.

Ja, auch er hat die Veränderung zwischen uns wahrgenommen …

Da es mir wieder besser geht, helfe ich, den Hasen zu zerteilen, und setze mich neben Adrién, während wir unser Mahl stumm verschlingen. Dann starren wir in die Flammen und keiner scheint zu wissen, was er sagen soll.

»Es ist deine Schuld, dass es jetzt so komisch zwischen uns ist«, murmle ich schließlich, ohne ihn anzuschauen. »Du wolltest unbedingt meine Brüste sehen.«

Ich höre ihn leise schnauben, eine Regung, die mir schon fast ein Schmunzeln beschert, ist sie doch so typisch für ihn. »Ich hätte deine Brüste nicht sehen ›wollen‹, hättest du dich nicht in Gefahr gebracht und wieder mal geheilt werden müssen«, knurrt er ungehalten.

»Als ob ich das absichtlich gemacht hätte!«

»Ich hab das Gefühl, dass es dir regelrecht Freude bereitet, ohnmächtig und von irgendjemandem gerettet zu werden«, entgegnet er. »Vorzugsweise von einem attraktiven Mann – gut, dass ich gerade in der Nähe war.«

»Ha! Als ob ich dich attraktiv fände«, stoße ich hervor und beiße mir selbst auf die Zunge für diese Lüge.

»Und ob du das tust«, kommt prompt die Antwort. »Sonst könntest du mich ansehen, ohne wie ein kleines Mädchen zu erröten, nur weil ich kein Oberteil trage.«

»Sagt der Heiler, der keine Brüste anfassen kann, ohne wuschig zu werden.«

»Ich bin nicht …« Er unterbricht sich und seufzt. »Okay, das wäre eine Lüge.«

»Stimmt, und du lügst ja nie, oder?« Nun wende ich ihm doch noch meinen Kopf zu und konzentriere mich extra darauf, nicht auf seinen nackten Oberkörper, sondern nur in seine Augen zu sehen, die mich nachdenklich mustern.

»Lügen führt nie zu etwas.« Ich vermeine, einen Schatten zu erkennen, der über sein Gesicht gleitet. »Aber manchmal fällt einem das Leben damit leichter.«

»Bist du jetzt unter die Philosophen gegangen?« Ich hebe die Augenbrauen.

Er schnaubt erneut. »Du hast das Feingefühl eines Trampeltiers, Damaris.«

»Ris«, korrigiere ich ihn. »Nenn mich bitte Ris.«

Er wirft mir einen schiefen Blick zu. »Nennt dich Cilian so?« Stumm schüttle ich den Kopf, was ihn nicken lässt. »In Ordnung, dann nenne ich dich so.«

Kapitel 6 - DAMARIS

Nachdem ich eine Weile ins Feuer gestarrt habe, atme ich tief durch. »Was war das, was mich angegriffen hat?«, stelle ich eine Frage, die mir auf der Zunge brennt. »Und wie bei den Göttern hast du es besiegt? Es war vollkommen immun gegen meine Magie und ich konnte es auch nicht anderweitig verletzen.«

»Du nicht, ich schon«, entgegnet Adrién, der etwas entfernt die Knochen des Hasen im Sand vergräbt. »Ich habe ihm ein paar Giftgase in die hässliche Nase gesprüht und ihn dann unter einem Felsen begraben.« Unwillkürlich schaue ich mich um. »Ich habe uns etwa eine halbe Stunde weiter weg gebracht«, erklärt er, als ich nirgendwo einen Felsbrocken sehe, der groß genug wäre, diese Bestie zu zermalmen.

»Das ist gut.« Ich schlinge die Arme um meinen Leib, da ich mit einem Mal friere.

»Leider habe ich ebenfalls keine Ahnung, was es war«, erklärt er nachdenklich und kehrt zu mir zurück. »Vielleicht irgendein Geist oder Dämon? Wobei ich mich frage, wie der hierherkam. Normalerweise werden diese Biester mit grauer Magie beschworen.«

Ich fröstle, als ich daran denke, dass mich ein Dämon angegriffen haben könnte. »Nun, wichtig ist, dass er weg ist«, erwidere ich. »Ist er doch, oder?« Ich sehe Adrién forschend an.

Dieser nickt langsam, aber in seinen Augen erkenne ich etwas, das mir nicht gefällt. Doch bevor ich es richtig benennen kann, ist es verschwunden.

»Wirst du nun in die Talmeren zurückfliegen?«, wechselt er das Thema.

»Ja«, antworte ich freiheraus. »In Chakas hält mich nichts mehr.« Als er nichts antwortet, atme ich erneut tief durch. »Was? Du willst doch etwas sagen, das sehe ich dir an.«

Adrién zuckt mit den Schultern und fährt sich mit der Hand durch das kurze Haar. Eine Geste, die mich an Cilian erinnert und mein Herz schwer werden lässt. »Ich finde es nicht richtig, dass du Chakas den Rücken kehrst«, murmelt er und sein Blick trifft auf meinen. »Du weißt, dass das gleichbedeutend ist mit dem Untergang des Greifenordens?«

Jetzt ist es an mir, zu schnauben. »Ach komm, als ob du dem Greifenorden nachtrauern würdest«, stoße ich aus. »Ich werde bestimmt nicht in meinen sicheren Tod gehen dafür. Zudem sollte es dir doch zugutekommen, oder? Du wärst frei, könntest tun, was du willst. Vielleicht in Altra rumreisen, Abenteuer erleben …«

»Du scheinst vergessen zu haben, dass Silbersturm an diese Gegend gebunden ist. Er will Chakas nicht verlassen, also muss auch ich hierbleiben.« Er wischt eine kleine Fliege, die es sich auf seinem Oberarm bequem gemacht hat, zur Seite. Dabei fällt mein Blick wieder auf seinen nackten Oberkörper und ich beiße mir unwillkürlich auf die Unterlippe. »Zudem will ich meine Schwester und meinen Bruder nicht im Stich lassen.«

»Trotzdem bist du hier und nicht bei ihnen«, gebe ich zu bedenken. »Wieso eigentlich? Müssten wir nicht damit rechnen, dass Cilian jede Minute hier aufkreuzt? So wie er uns schon bei der Steinrochenhöhle aufgespürt hat?«

Adrién schüttelt den Kopf. »Ich habe ihm von Auralie ausrichten lassen, dass ich nach dir suche. Er hat genug mit den Vorbereitungen des Wettkampfes zu tun, sodass er dir nicht hinterherfliegen kann.«

Erneut fühle ich dieses Stechen in meiner Brust, das definitiv nicht von der Dämonenklaue rührt. Cilian hat sich wirklich für den Zirkel und gegen mich entschieden. Noch vor einer Woche hätte er alles stehen und liegen gelassen, um mir zu folgen, aber nun … kümmert er sich lieber um seinen blöden Wettkampf und darum, den Greifenorden zu retten. Was ihm nicht gelingen wird – und ein bisschen fühle ich die Genugtuung dabei, dass ich ihm damit, dass ich zurück in die Talmeren fliege, einen Strich durch die Rechnung machen werde.

Ja, es ist gemein – aber er hat es nicht anders verdient, wenn er so rücksichtslos mit dem Leben und den Gefühlen anderer spielt.

»Wie konntest du mich überhaupt finden?«, will ich wissen.

Adrién sieht mich von der Seite an. »Das war nicht so schwer, ich musste dafür nicht einmal deine Fährte aufnehmen. Dass du klug genug bist, nicht durch die Wüste in die Talmeren zu fliegen, war mir klar. Und dann bleibt nur noch der Weg an der Küste entlang. Nicht viele Greifenreiter sind hier unterwegs – daher war es ein Leichtes, dich aufzuspüren.«

»Hm … dir ist klar, dass ich nicht nach Chakas zurückkehren werde?«, frage ich.

Adrién seufzt. »Ja. Dafür hast du einen zu harten Dickkopf.«

»Und hänge zu sehr an meinem Leben«, ergänze ich.

Eine Weile schauen wir ins Feuer, dann springe ich unvermittelt auf und Adrién fährt zusammen.

»Was zum Henker …«, stößt er hervor, während er mir perplex dabei zusieht, wie ich die Stiefel ausziehe.

Ich werfe ihm einen schiefen Blick zu. »Ich war noch nie im Meer«, erkläre ich. »Und ehe ich zurück im Gebirge bin, will ich wenigstens einmal hineingehen.«

»In all den Monaten warst du nie im Wasser?« Er zieht verblüfft die Augenbrauen hoch. »Es ist doch dein Element, du müsstest dafür brennen, da reinzugehen.«

»Tue ich auch.« Ich kremple die Hosenbeine hoch. »Aber dass ich keine Gelegenheit dazu hatte, habe ich unter anderem dir zu verdanken.«

»Ich kann nichts dafür, dass du unerlaubterweise den Zirkel verlassen hast«, brummt er. »Zumindest nicht fürs erste Mal.«

Ohne ihn noch einmal anzusehen, gehe ich schnurstracks auf das Wasser zu, das in leisen Wellen an den Strand spült. Es liegt schwarz und mystisch vor mir, wird nur vom Mondlicht erhellt.

Als ich davorstehe, atme ich tief die salzige Luft ein.

Das Element in mir regt sich, scheint mich regelrecht dazu bringen zu wollen, in die Fluten zu gehen. Es ist wie ein Sog, der mich da hineinzieht und mein Herz vor Aufregung zum Stolpern bringt.

Ein bisschen bereue ich es, dass es Nacht ist und ich den Horizont nur erahnen kann. Wäre es Tag, würde ich vor lauter Freude wohl jubeln.

Mit einem weiteren Atemzug hebe ich einen Fuß und setze ihn auf den feuchten Sand. Im nächsten Moment wird er vom Wasser umspült und ich keuche erschrocken, da es viel kälter ist, als ich gedacht hätte. Trotzdem trete ich auch mit dem zweiten Fuß ins Meer und gehe ein paar Schritte hinein.

»Du solltest am Ufer bleiben«, höre ich Adrién vom Lagerfeuer her rufen. »Das Meer ist in der Nacht tückisch.«

»Keine Sorge, ich werde schon nicht ertrinken«, gebe ich zurück, ohne mich umzudrehen.

»Das würde ich dir auch nicht raten«, erklingt seine Stimme, dieses Mal direkt neben mir. »Noch einmal werde ich dich nicht retten.«

Ich wende mich ihm zu und bemerke, dass auch er seine Stiefel ausgezogen und die Hosenbeine hochgekrempelt hat. Wie er so dasteht und das Licht des Mondes auf seinen nackten Oberkörper fällt, muss ich widerwillig zugeben, dass er wirklich gut aussieht. Das kurze Haar steht ihm noch besser als das lange und seine Augen funkeln mich geheimnisvoll an.

»Was ist? Hast du Angst, dass ein Fisch kommt und dich frisst?«, necke ich ihn und gehe demonstrativ so weit ins Wasser, dass es mir bis zu den Knien reicht.

Er zieht die Augenbrauen zusammen und folgt mir. »Um mich mache ich mir keine Sorgen.«

»Und um mich musst du dir ebenfalls keine machen«, erwidere ich.

»Schon klar«, murmelt er.

Aus einer Eingebung heraus beginne ich, meine Hose auszuziehen. Adriéns Hemd ist lang genug, um alles Nötige zu verdecken.

»Was tust du da?«, fragt er perplex.

»Wonach sieht es denn aus?«, gebe ich zurück und werfe meine Hose in einem weiten Bogen zurück an den Strand. »Ich will baden.«

»Das wirst du bleiben lassen«, sagt er in energischem Tonfall.

»Hindere mich doch daran.« Ich strecke ihm die Zunge raus und als er tatsächlich nach mir greifen will, mache ich einen Satz ins tiefere Wasser, das mir nun bis zur Mitte der Oberschenkel reicht. »Dreh dich um«, fordere ich.

»Du willst …« Seine Augen gleiten über meinen Körper und ich schmunzle.

»Will ich.« Ich beginne, das Hemd aufzuschnüren.

»Ris, das solltest du nicht tun«, versucht er mich von meinem Vorhaben abzubringen.

»Wie gesagt, du musst dir um mich keine Sorgen machen«, entgegne ich.

»Das ist es nicht.« Er kommt mir mit einem Gesichtsausdruck entgegen, der mich mitten in der Bewegung innehalten lässt. »Aber wenn du dich ausziehst, werde ich es ebenfalls tun.«

Unwillkürlich gleitet mein Blick über seinen Oberkörper nach unten zu seinem Hosenbund, an den er beide Hände gelegt hat.

»Ich habe schon nackte Männer gesehen«, erwidere ich, wenngleich etwas weniger mutig, als ich eigentlich wollte.

»Ich weiß.« Seine Stimme ist eine Oktave tiefer geworden.

»Wenn du glaubst, du jagst mir damit Angst ein …«

»Tu ich nicht«, raunt er und bleibt knapp vor mir stehen. »Also?« Er sieht mich mit schief gelegtem Kopf an. »Ziehst du das durch?«

Ich schlucke und starre auf seine Brustmuskeln, die sich anspannen, als er tatsächlich beginnt, seine Hose aufzuschnüren.

Er will mich herausfordern und sehen, wie weit ich gehen werde. Das ist mir klar. Doch da ist auch diese Anziehung zu ihm. Dieser Wunsch, die Hände auf seine Brust zu legen, mich an ihn zu schmiegen.

Mist, ich muss damit aufhören, solange ich noch kann. Und das ist jetzt!

Ohne ein weiteres Wort gehe ich an ihm vorbei zurück zum Strand. Hinter mir höre ich ein leises Lachen und knurre in mich hinein.

Ja, er hat gewonnen. Doch nur für den Moment. Ich werde ihm schon noch zeigen, dass ich keine Angst vor ihm habe – irgendwann. Aber nicht heute Abend.

Als ich die Hose und Stiefel wieder trage, setze ich mich erneut ans Feuer und wärme meine Hände daran auf. Dabei ignoriere ich die Tatsache, dass Adrién sich dichter zu mir setzt als vorhin. Stattdessen starre ich in die Flammen.

So habe ich mir mein erstes Bad im Meer definitiv nicht vorgestellt …

Nachdem wir eine Weile still nebeneinandergesessen haben, bricht Adrién das Schweigen.

»Die Bedingung ist lediglich, dass du an dem Wettkampf teilnimmst«, murmelt er. »Du musst nicht gewinnen oder dein Leben riskieren. Du kannst auch einfach in der Wüste rumsitzen und Däumchen drehen – das ist ziemlich ungefährlich. Sogar für jemanden mit so viel Ohnmachtspotenzial, wie du ihn besitzt.«

Ich verenge die Augen und wende mich ihm zu. »Du gibst nicht auf, oder?«

Sein Mund verzieht sich zu einem leichten Lächeln. »In keinerlei Hinsicht.« Schon wieder funkeln seine Augen so sehr, dass ich ihn nicht länger anschauen kann.

Was will er mir damit sagen? Dass er sich ebenfalls zu mir hingezogen fühlt? Was ist das nur zwischen uns?

Rasch bringe ich das Gespräch wieder auf ein anderes Thema. »Auralie hat etwas von Aufgaben erzählt, die schwierig zu bewältigen seien«, sage ich so unbefangen wie möglich. »Weißt du mehr darüber, was für Aufgaben es sein werden?«

»Ich habe versucht, es herauszufinden, bin mir aber nicht sicher«, antwortet Adrién stirnrunzelnd und beginnt, mit einem Ast in den Flammen vor uns herumzustochern, dass die Funken stieben. »Ich weiß, dass fünf Greifenreiter und fünf Magier ausgewählt wurden. Anscheinend wird jeder von ihnen einen Gegenstand erhalten. Die Magier dürfen eine Woche früher in die Wüste aufbrechen, da wir sie mit unseren Greifen sonst überholen würden. Sie reiten auf Kelmen, die wochenlang ohne Wasser auskommen können.«

»Wir müssen also erst in einer Woche aufbrechen?«, hake ich nach.

»Sofern meine Informationen stimmen, ja.« Er sieht mich mit schmalen Augen an. »War das etwa eine Zustimmung?«

Rasch schüttle ich den Kopf. »Mit Sicherheit nicht.«

Er nickt und holt tief Luft. »Dein Leben wird nicht in Gefahr sein – ich werde auf dich aufpassen.«

»Und das soll mich jetzt beruhigen, weil du mich ja bisher noch nie in Gefahr gebracht hast?« Ich hebe eine Augenbraue.

Er senkt den Kopf ein wenig, sodass er mir nun näher ist, und ich bin mir erneut bewusst, dass er halb nackt neben mir sitzt. »Ich habe dir lediglich geholfen. Das mit den Draugr in den Tunneln wusste ich nicht. Ich hätte dich sonst niemals dorthin geführt. Und dass dein Greif in die Steinrochenhöhle flog und du dich in der Taverne fast selbst in Eis verwandelt hättest, geht nicht auf meine Kappe. Das habt ihr zwei ganz alleine geschafft.«

»Trotzdem bin ich in deiner Gegenwart viel zu oft ohnmächtig«, erwidere ich. »Keine gute Voraussetzung, um diese dämliche Wettkampf-Sache in der Wüste heil zu überstehen.«

»Du sitzt jetzt immerhin geheilt neben mir, statt im Totenreich zu wandeln«, entgegnet er.

»Erwartest du schon wieder ein Danke?« Ich werfe ihm einen mürrischen Blick zu. »In meinen Augen genießt du das Held-Sein eeeetwas zu sehr.«

Er lacht leise und starrt in den Himmel, sodass ich sein Profil zu sehen bekomme. Mir ist noch nie aufgefallen, wie gerade seine Nase ist. Und wie voll seine Lippen wirken. Das liegt bestimmt am neuen Haarschnitt – sicher nicht daran, dass ich mit einem Mal diese komische Anziehung zwischen uns empfinde.

»Ich hatte gehofft, dass du mit mir in die Stadt zurückkehrst«, murmelt er.

»Mit dir?« Ich schenke ihm einen ungläubigen Blick. »Sosehr ich mich geschmeichelt fühle, aber …«

Er wendet mir den Kopf wieder zu und zieht die Augenbrauen zusammen. »Doch nicht meinetwegen«, knurrt er. »Sondern wegen des Ordens.«

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. »Hä? Aber du bist doch der, der den Orden und die Magier so hasst.«

Adrién senkt den Blick. »Die Magier, ja. Aber der Greifenorden …« Er kratzt sich mit der Hand an der linken Schulter. Wahrscheinlich wurde er gerade von einer Mücke gestochen. »Der Greifenorden hat ein Potenzial, das man nicht unterschätzen sollte. Wenn es Cilian gelingt, Greifenreiter in ganz Altra zu verteilen, dann könnte das verhindern, dass die Magier jemals wieder zu mächtig werden und Normalsterbliche unterdrücken.«

»Und wieso wäre es besser, wenn Greifenreiter an der Macht sind?«, will ich wissen. »Sie sind auch Magier.«

»Das stimmt«, lenkt Adrién ein. »Aber sie sind an Greife gebunden. Zudem gibt es keinen einzigen Greifenreiter, der nach purer Macht strebt. Wir sind keine geborenen Tyrannen, sonst würde sich kein Greif mit uns verbinden. Denn diese Wesen sind edel und gerecht.«

Ich mustere ihn nachdenklich. Was er sagt, ergibt Sinn. Wenn Greifenreiter die Magier unter Kontrolle halten, könnte es das Gleichgewicht in Altra für immer stabilisieren. Ich weiß zwar nicht genau, wie das Leben vor dem Umbruch war, da meine Schwester und ich fernab von anderen Menschen aufwuchsen, aber mir ist bekannt, dass die Magier die Nicht-Magier unterdrückt haben.

»Ist es das, was Cilian die ganze Zeit bezwecken will?«, hake ich nach.

»Jetzt sag nur, dass ihr nie darüber gesprochen habt«, antwortet Adrién mit ungläubigem Gesichtsausdruck. »Habt ihr euch etwa nur im Bett vergnügt, ohne euch über ernstere Themen zu unterhalten?«

Ich verfinstere meine Miene. »Wir haben uns sehr wohl unterhalten. Und wir haben nur einmal miteinander geschlafen. Und zwar gestern, ehe …« Ich unterbreche mich selbst. »Wieso erzähle ich dir das überhaupt?! Das geht dich absolut nichts an!«

Adrién verzieht den Mund zu einem Grinsen, das jedoch freudlos wirkt. »Da hast du so was von recht.« Er schließt kurz die Augen und richtet sie dann wieder auf mich. »Also, dann bleibt die Entscheidung, welche nur du treffen kannst: Wirst du mit mir in die Stadt zurückkehren und verhindern, dass der Greifenorden geschlossen wird? Oder wirst du die verschmähte Geliebte spielen, die gekränkt in die Berge auswandert und nie wieder einen Mann ansieht?«

»Zu deiner Information: Ich wohne in den Bergen. Das ist mein Zuhause dort. Ich kann also nicht dorthin ›auswandern‹«, fahre ich ihn an. »Und ich hänge nun mal an meinem Leben!«

Er zuckt mit den Schultern. »Es werden auch andere Magierlehrlinge in den Wettkampf geschickt.«

»Und das soll mich jetzt überzeugen, weil …?«

»Weil du mit dem Rumflennen aufhören und endlich mal Rückgrat zeigen sollst. Zudem wäre ich ziemlich enttäuscht von dir, wenn du das Leid anderer in Kauf nimmst, nur weil ein Kerl zu dumm ist, zu sehen, was er an dir hat.« Adriéns finstere Miene wird noch düsterer. »Denn dann wärst du selbstsüchtig und herzlos – was dich von den Magiern nicht mehr unterscheiden würde.«

Ich starre ihn einen Moment lang perplex an, ehe ich den Blick senke und auf meine Finger sehe. »Ich muss eine Nacht darüber schlafen«, murmle ich.

»Du hast Glück, es ist Nacht – viel Erfolg.« Damit erhebt er sich und geht zu seinem Greif, um im Rucksack zu wühlen. Als er ein weiteres Hemd herauszieht und sich kurzerhand überstreift, fällt mir die Kinnlade runter.

»Sag bloß, du hast das die ganze Zeit dort drin gehabt«, stoße ich entgeistert aus.

Er legt den Kopf schief. »Bloß, du hast das die ganze Zeit dort drin gehabt«, echot er meine Worte und grinst. »Aber wenn ich es eher angezogen hätte, hätte ich nicht gesehen, wie du dich windest, nur um mich nicht anzustarren. Den Spaß war es mir wert. Und jetzt gute Nacht, Ris, ich bin müde vom Dich-Retten und Dich-Heilen.«

Noch während ich ihn sprachlos ansehe, holt er eine zweite Decke aus seinem Gepäck und breitet sie aus, ehe er sich darauflegt und mir den Rücken zudreht.

Dieser Kerl ist einfach die Höhe! Und ich werde mit Sicherheit nicht mit ihm zurück in den Zirkel fliegen! Das kann er sich so was von abschminken!

Kapitel 7 - DAMARIS

»War doch gar nicht so schwer, die richtige Entscheidung zu treffen, oder?«, ruft mir Adrién von Silbersturm aus zu, während er neben mir in Richtung Norden fliegt.

Ich brumme und starre nach vorn.

Die halbe Nacht habe ich kein Auge zugetan und mich von einer Seite zur anderen gewälzt. Die Entscheidung, zurück in den Zirkel zu gehen, fiel mir absolut nicht leicht.

Einerseits treibt mich alles von Chakas weg. Nein, nicht von Chakas. Cilian ist es, den ich nicht mehr sehen will. Ich kann nicht länger in seiner Nähe sein und wissen, dass ich nur die zweite Wahl in seinem Leben bin. Ein kleiner Zeitvertreib, den er sich gegönnt hat. Es macht mich unglaublich wütend, dass er so leichtfertig mit dem, was wir hatten, umgegangen ist.

Ja, ich bin gekränkt. Und ja, ich bin enttäuscht.

Dennoch nagt an mir das schlechte Gewissen. Hat es sich im ersten Moment gut angefühlt, ihm und seinem blöden Greifenorden den Rücken zu kehren und Letzterem damit den Todesstoß zu versetzen, so bin ich mir nun, nach dem Gespräch mit Adrién, nicht mehr sicher, ob das wirklich der richtige Weg ist. Denn wenn ich Chakas verlasse, bin ich keinen Deut besser als Cilian. Dann stelle ich ebenfalls mein Wohl über das anderer. Und bin vielleicht sogar mitverantwortlich dafür, wenn irgendwann wieder Normalsterbliche von Magiern unterdrückt werden.

Zudem war es noch nie meine Art, vor einer Herausforderung einzuknicken und davonzurennen. So bin ich nicht. War ich nie – und werde ich auch nicht wegen Cilian sein. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als über meinen Schatten zu springen und mit Adrién zusammen zurückzufliegen.

Als ich ihm heute Morgen die Entscheidung verkündet habe, hat er mich mit seinen unergründlichen grauen Augen gemustert und dann stumm genickt, ehe er die Sachen packte und sich auf Silbersturm schwang.

Schon hatte ich geglaubt, dass er den Triumph nicht auskosten würde – aber sein Spruch von eben belehrt mich eines Besseren. Doch wenn er denkt, dass ich ihm die Genugtuung gebe, dann hat er sich geschnitten.

Nach zwei Stunden erkenne ich die Landzunge mit der schneeweißen Stadt und beiße mir auf die Unterlippe, um keinen Fluch auszustoßen. Chakas ist mit seinem Hafen und den hellen Häusern wunderschön, keine Frage. Aber ich habe am eigenen Leib erfahren, dass eine schöne Fassade oft über hässliche Seiten täuscht. Cilian ist das beste Beispiel dafür.

Adrién fliegt mit mir zusammen zu den Greifenstallungen, wo er Silbersturm zurücklässt, bevor er Schneeflocke und mich in mein Zimmer begleitet.

»Ich will sicher sein, dass du es dir nicht doch noch anders überlegst«, ist seine knappe Antwort, als ich ihm sage, dass ich sehr wohl allein zurück in meine Gemächer finden werde.

Auralie erwartet mich dort bereits und schließt mich kurzerhand in die Arme, drückt mich fest an sich, ehe sie sich ihrem Bruder zuwendet. »Du hast sie tatsächlich zurückgebracht«, sagt sie. »Ich weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Aber ich bin froh, euch beide wohlbehalten wiederzusehen.«

Ich nicke und senke den Blick. Auralie trifft es noch schwerer als mich, denn ihr Bruder wurde ja für den Wettkampf auserwählt. Ich habe keine Ahnung, wie lange die ganze Farce dauern wird, aber ziemlich sicher einige Wochen. Und in dieser Zeit muss sich Auralie ganz allein um Adriéns Zwillingsbruder Egon kümmern, dessen Geist von Cilians Vater ins Stadium eines Kleinkindes verfrachtet wurde.

Dennoch lächelt mich die Dienerin gerade an und zeigt mir mit dieser selbstlosen Geste auf, wie egoistisch und kindisch ich mich verhalten habe, als ich einfach abgehauen bin.

»Was wird mit Egon geschehen, wenn Adrién wegmuss?«, frage ich leise.

»Ich darf in der Zeit, in welcher der Wettkampf stattfindet, in der Stadt wohnen«, antwortet Auralie lächelnd. »Ich erhalte sogar weiterhin meinen Lohn, sodass es uns an nichts mangeln wird.«

Das beruhigt mich ein wenig.

»Ich werde Cilian Bescheid geben«, meint sie und streicht mir sanft über den Arm. »Heute Abend findet auf dem Zirkelplatz eine Versammlung statt, bei der die Auserwählten vorgestellt und die Aufgaben erklärt werden.« Sie verzieht ihren Mund und nun hat sie tatsächlich Ähnlichkeit mit ihrem Bruder. »Wenn ihr mich fragt, ist das Ganze vollkommen sinnlos und unnötig.«

»Dem stimme ich zu, Schwesterchen«, brummt Adrién, der in der Tür stehen geblieben ist und die Arme vor der Brust verschränkt hat. »Aber es bringt nichts, sich gegen die Machenschaften der Magier aufzulehnen.« Sein Blick streift mich. »Das führt nur dazu, dass es einem am Ende noch dreckiger geht.«

Auralie seufzt und lächelt mir noch einmal zu, bevor sie raschen Schrittes mein Zimmer verlässt.

»Kann ich dich allein lassen, oder wirst du erneut mit deinem Greif das Weite suchen?«, fragt Adrién mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Ich bleibe hier«, brumme ich. »Wenn ich schon in ein paar Tagen in die Wüste muss, werde ich noch einmal ein ausgiebiges Bad nehmen und mir so richtig Schlaf gönnen. Den Unterricht schwänze ich heute – der kann mir gestohlen bleiben.«

Einen Moment lang mustert er mich stumm, ehe er nickt. »Bis heute Abend.«

»Bis dann.« Ich warte, bis er die Tür zugezogen hat, bevor ich mich auf mein Bett setze und zu Schneeflocke sehe. Er hat es sich wieder in seinem viel zu kleinen Sessel gemütlich gemacht. »Wo sind wir da nur hineingeraten?«, murmle ich.

Den Nachmittag verschlafe ich tatsächlich, nachdem ich wie geplant gebadet habe. Dabei versuchte ich, nicht zu sehr auf die Narben zu starren, die vom Angriff dieses schwarzen Wesens zeugen. Allein bei der Erinnerung schaudere ich und hoffe, dass sie rasch verblassen werden.

Ich liege auf dem Bett, als es an meiner Tür klopft. Müde blinzle ich und wische mir über die Augen. Draußen ist bereits die Dämmerung hereingebrochen und ich bin erstaunt, dass ich gar keinen Hunger verspüre. Womöglich liegt es daran, dass mit dem Erwachen auch die Nervosität vor heute Abend wiederkommt, welche mich während des Badens unvermittelt übermannt hat.

Auralie war so lieb und hat mir dennoch ein Tablett mit Essen hingestellt. Ein paar Früchte und etwas Brot. Ein leerer Teller zeigt mir, dass da noch weitere Köstlichkeiten auf mich gewartet hätten, aber so zufrieden wie sich Schneeflocke gerade in seinem Sessel rekelt, sind sie meinem Greif zum Opfer gefallen.

Erneut klopft es und ich erhebe mich seufzend vom Bett.

»Komm ja schon«, murmle ich und öffne – nur um die Tür gleich wieder zuzuschmeißen. »Hau ab!«, blaffe ich das vergoldete Holz an, hinter dem der Mann steht, den ich bis vor zwei Tagen als neuen Mittelpunkt meiner Welt angesehen habe.

»Damaris«, ertönt Cilians gedämpfte Stimme. »Bitte lass uns reden.«

»Nein«, erwidere ich und verschränke die Arme vor der Brust, auch wenn er das nicht sehen kann.

»Ich würde dir gern erklären, wieso …«

»Du musst mir gar nichts erklären!«, fauche ich. »Für mich ist alles sonnenklar!«

»Bitte. Ich wollte dir nie wehtun. Ich liebe dich.«

»Ha!«, entgegne ich. »Du hast doch keine Ahnung, was Liebe ist! Das Einzige, was du liebst, sind du selbst und deine verfluchten Greife. Alle anderen sind dir egal!«

Als daraufhin Stille herrscht, denke ich schon, er wäre gegangen, aber dann wird die Tür von außen geöffnet und ich verfluche mich, dass ich nicht abgeschlossen habe.

Ich weiche einen Schritt zurück, während Cilian ungebeten mein Zimmer betritt und hinter sich die Tür schließt. Ein Schauer fährt mir über den Rücken, als ich in seine azurblauen Augen blicke, die nun wild wie ein Sturm auf dem Meer sind.

»Ich will nicht, dass du jemals wieder so etwas über mich sagst oder denkst.« Seine Stimme ist zwar ruhig, aber die Stärke, mit der er spricht, lässt mich erbeben. »Du bist verdammt wichtig für mich und ich wollte nie zwischen dir und dem Greifenorden wählen müssen. Aber die Zirkelräte haben mich dazu gezwungen.« Er kneift die Augen ein wenig zusammen, sodass sein Blick noch dunkler wird. »Dass ich mich für den Greifenorden entschied, ändert nichts an meiner Liebe zu dir. Du bist seit Jahrhunderten die erste Frau, die ich in mein Herz gelassen habe, und der Platz, den du dort erobert hast, gehört dir und wird dir immer gehören – sofern du ihn noch haben möchtest.«

Während er sprach, habe ich ihn atemlos angestarrt. Nun hole ich Luft und blinzle ungläubig. »Du glaubst, wenn du mir deine Liebe erklärst, wäre alles wieder gut?«, erwidere ich scharf. »Du hast dich noch nicht einmal entschuldigt!«

Sein Blick ist weiterhin auf mich gerichtet und ich kann in seinen Augen Schmerz aufflackern sehen. »Das, was ich getan habe, ist nicht zu entschuldigen. Das könnte und möchte ich nicht von dir verlangen.«

Ich nicke und wende den Kopf etwas zur Seite, um ihn nicht mehr ansehen zu müssen. »Dann hast du ja deine Antwort«, sage ich und spüre, wie etwas in mir zerbricht.

Er bleibt noch ein paar Sekunden regungslos vor mir stehen, ehe seine Schultern merklich absacken. Sein Mund öffnet sich und es wirkt, als ob er mir noch etwas sagen möchte. Doch dann presst er die Lippen zusammen und wendet sich ohne ein weiteres Wort ab, öffnet die Tür.

Bevor er mein Zimmer verlässt, dreht er sich noch einmal zu mir um. »Hier, das wollte ich dir wiedergeben.«

Ich erkenne, wie er die Münze des Greifenordens auf die Kommode neben der Tür legt, dann verlässt er wortlos meine Gemächer. Als das Holz hinter ihm ins Schloss fällt, zucke ich bei dem Geräusch zusammen und spüre einen scharfen Schmerz, der durch mein Herz schießt. Meine Beine geben einfach unter mir nach und ich sacke in die Knie. Tränen rinnen über meine Wangen und ich vergrabe mein Gesicht in den Händen.

Liebe ist so etwas Beschissenes! Ich hasse sie! Und ich hasse mich dafür, dass ich das Gefühl habe, soeben falsch gehandelt zu haben.

Kapitel 8 - CILIAN

Tag 15, Monat 3, 1 EP 10 930 – 326 Jahre zuvor …

Dass es draußen bereits dunkel geworden war, fiel mir erst auf, als ich den Kopf hob und die magische Kugel betrachtete, die ich unbewusst über mir gebildet hatte, um die Pergamente besser lesen zu können.

Wie lange saß ich schon in meinem Arbeitszimmer hier im Zirkel von Chakas? Vier Stunden? Fünf? Womöglich sogar länger.

Ich kaute auf meiner Unterlippe herum und dachte daran, wie Shaias Gesicht aussehen würde, wenn ich zu unserem Haus auf den Klippen zurückkehren würde. Sie würde wieder einmal mit mir schimpfen, weil ich meine Arbeit im Zirkel so ernst nahm. Wir hätten ziemlich sicher wieder einen Streit darüber, was in ihren Augen mehr Prioritäten hätte und dass sie sich das Leben an meiner Seite anders vorstellte, als den ganzen Tag mit zwei Kindern darauf zu warten, dass ich nach Hause käme.

Wie oft wir diesen Streit schon hatten … und es wurde noch schlimmer, seit mein zweiter Sohn auf der Welt war.

Ja, ich liebte meine Gemahlin und unsere beiden Kinder. Liebte sie von ganzem Herzen. Aber ich hatte auch Verpflichtungen und die konnte ich nicht einfach zur Seite schieben.

Dass ich nicht mehr allein in meinem Arbeitszimmer war, erkannte ich erst, als sich jemand räusperte. Ich sah mich um und erblickte meinen Vater, der in der Tür lehnte. Seine Locken und die azurblauen Augen hatte ich von ihm geerbt. Ich war beinahe sein Ebenbild, das war mir bewusst.

»Darf ich reinkommen?«, fragte er.

»Natürlich.« Ich nickte mit dem Kinn zu einem freien Stuhl vor meinem Schreibpult. »Kann ich etwas für dich tun?«

Er schüttelte den Kopf und sah mich lächelnd an, während er meiner Aufforderung nachkam. Ich wusste, dass seine Vaterliebe vor allem daher rührte, dass er meinen Ehrgeiz mochte. Für ihn zählte Leistung und sowohl meine Schwester als auch ich wetteiferten förmlich um seine Gunst. Mal mehr, mal weniger erfolgreich.

»Du wirst bald dreißig«, sagte er, nachdem er sich gesetzt hatte. »Ich dachte, wir sollten das gebührend feiern.«

»Ich weiß nicht so recht«, murmelte ich und seufzte. »Feste bedeuten mir nicht so viel.«

Mein Vater lachte. »So kannst du reden, wenn du so alt bist wie ich«, erwiderte er und spielte mit dem schwarzen Amulett, das er stets um den Hals trug und das ihn als Zirkelleiter von Chakas auszeichnete. »Dann hast du nämlich Mühe, dir dein Alter zu merken, da du dich schon viel zu oft verjüngt hast.«

Ich wusste, dass mein Vater schon weit über hundert Jahre alt war, aber er sah dank seiner Magie aus, als wäre er gerade mal dreißig. Dass meine Schwester und ich überhaupt noch gezeugt werden konnten, war meiner Mutter zu verdanken, die sich noch nicht so oft verjüngt hatte wie er.

»Na gut«, lenkte ich ein. »Was schwebt dir denn vor?«

»Mein Bruder ist in der Stadt und er wird sich freuen, mit uns zu feiern«, erklärte mein Vater.

»Onkel Ramor ist hier?« Meine Augenbrauen hüpften nach oben. Ich mochte Vaters Bruder sehr, da er eine ruhige und freundliche Ausstrahlung besaß. Seine stille, beinahe verschlossene Art war mir schon immer sympathisch gewesen, denn auch ich neigte eher dazu, mich vor der Welt zurückzuziehen, als dazu, sie wie mein Vater oder meine Schwester mit offenen Armen zu empfangen.

»Wusste ich doch, dass du dich über diese Nachricht freust.« Mein Vater schmunzelte. »Er kam vorhin an und hat nach dir gefragt. Ich sagte ihm, dass du ziemlich sicher noch in deinem Arbeitszimmer bist, womit ich auch recht behielt.« Er erhob sich. »Ich denke, es wäre ihm eine Freude, noch kurz mit dir zu reden, bevor du nach Hause reitest.«

Rasch legte ich die Pergamente, die ich bis eben noch bearbeitet hatte, zur Seite und stand ebenfalls auf. »Ich gehe gleich zu ihm.«

»Tu das, er ist in seinen Gemächern«, rief mir mein Vater hinterher.

Auch wenn Ramor nicht mehr bei uns im Zirkel lebte, so bewohnte er immer, wenn er in der Stadt war, seine alten Zimmer. Ansonsten reiste er viel herum, um seine Heilkünste mittellosen Menschen anzubieten. Diese selbstlose Ader hatte er von meiner Großmutter geerbt, die ich nur kurz kennengelernt hatte, ehe sie an Altersschwäche starb. Sie war zwar eine mächtige Magierin gewesen, allerdings war ihr Herz gebrochen, nachdem mein Großvater von uns gegangen war, und sie hatte aufgehört, sich zu verjüngen, um endlich sterben und ihm ins Totenreich folgen zu können. Manchmal war es kein Segen, sondern vielmehr ein Fluch, sich endlos verjüngen zu können.

Ich eilte durch die Gänge zum Stockwerk, in welchem die Gemächer meines Onkels lagen. Dort angekommen, klopfte ich rasch an und mein Herz hüpfte, als ich seine Stimme hörte.

»Bin gleich da.«

Kurz darauf stand er vor mir: Ramor, mein Onkel und der Bruder des Zirkelleiters von Chakas. Wie immer trug er sein schwarzes Haar kurz und das Gesicht war glatt rasiert. Die Ähnlichkeit mit meinem Vater war unverkennbar, obwohl er dunkelbraune Augen und glatte Haare besaß. Und das Lächeln, das er mir schenkte, wirkte um vieles wärmer als das meines Vaters. Es war echt. Womöglich war das der Grund, wieso ich ihn so mochte.

»Cilian«, rief er aus und zog mich in eine herzliche Umarmung. »Mein Junge, du wirst immer hübscher.«

Ich lachte an seiner Schulter und schob ihn etwas von mir weg. »Das mit dem ›Jungen‹ solltest du dir langsam abgewöhnen«, erwiderte ich belustigt. »Ich werde bald dreißig.«

Ramor nickte und schenkte mir ein Schmunzeln. »Für deine Eltern und mich wirst du immer der kleine Junge bleiben, der vom Fliegen träumt und mit Tieren redet, als könnten sie ihn verstehen.«

Ich lachte ebenfalls und strich mir die Locken nach hinten. »Bisher hat noch keines geantwortet, aber vielleicht ändert sich das irgendwann.«

»Bei deiner Ausdauer mit Sicherheit.« Ramor klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. »Komm rein und lass uns über gute alte Zeiten reden. Ich habe einen Wein aus Arganta mitgebracht, den du unbedingt probieren musst.«

Nur zu gerne folgte ich seiner Aufforderung und ließ mich in einem der bequemen Sessel in seinem Zimmer nieder.

»Wie geht es deiner Familie?«, fragte mein Onkel, während er uns den Wein einschenkte. »Und den beiden Jungs?«

»Gut«, antwortete ich, konnte jedoch nicht verhindern, dass mein Lächeln etwas zu künstlich ausfiel – was ihm natürlich nicht entging.

»Ärger im Paradies?«, hakte er nach und prostete mir zu.

»Manchmal denke ich, dass ich Frauen nicht verstehe«, brummte ich, ehe ich einen Schluck trank. »Der ist wirklich vorzüglich«, lobte ich den Weingeschmack meines Onkels.

»Habe ich von einem Händler in der Nähe von Arida«, verriet er. »Falls du mal dort bist, besuch unbedingt sein Weingut ›Goldkehle‹ – er macht den Weinen aus Fayl mächtig Konkurrenz.«

»Das werde ich.«

»Und nun erzähl, was du an Frauen nicht verstehst«, forderte mich mein Onkel auf. »Vielleicht kann ich dir helfen. Oder zumindest mit einem offenen Ohr dienen.«

Mit Ramor konnte ich so frei sprechen wie sonst mit niemandem. Er war ein guter Zuhörer und hatte meist einen passenden Rat.

Daher nahm ich nun nochmals einen Schluck von dem vorzüglichen Wein und sah ihn nachdenklich an. »Mir ist bewusst, dass Shaia mich vor allem auch geheiratet hat, weil sie die Tatsache mochte, dass ich der Sohn des Zirkelleiters bin. Doch als wir dann im Zirkel lebten, gefiel es ihr nicht. Also ließ ich uns ein Haus auf den Klippen bauen. Und nun, da sie dort lebt, gefällt es ihr wiederum nicht, dass ich im Zirkel meiner Arbeit nachgehen muss. Sie wirft mir vor, dass ich zu wenig Zeit für sie habe, obwohl ich das doch alles in erster Linie für sie und unsere Kinder tue.« Ein leises Seufzen entfuhr mir. »Kann man es denn Frauen niemals recht machen?«

Mein Onkel lachte laut auf. »Klingt ganz nach einer normalen Ehe«, meinte er und prostete mir erneut zu. »Auch wenn ich da noch keine eigene Erfahrung habe, aber mein Bruder spricht oft ähnlich von deiner Mutter.«

Obwohl Ramor ein gut aussehender und einflussreicher Magier war, so hatte er in den vergangenen Jahren nur selten eine Frau an seiner Seite gehabt. Die meisten hielten sein sprunghaftes Gemüt nicht aus, das ihn immer wieder in die Ferne trieb. So war er zu einem ewigen Junggesellen geworden.

»Also ist das normal?«, hakte ich nach.

»Zumindest in unserer Familie scheint es normal zu sein«, antwortete er schmunzelnd. »Aber wie gesagt, mir fehlen da die Erfahrungswerte, da ich noch keine Frau fand, die es mit mir aushielt. So traurig das klingt … vielleicht bin ich einfach nicht dafür geschaffen, ein Familienvater zu sein.«

»Wem sagst du das?«, murmelte ich in mein Glas. Dann hob ich den Blick. »Aber du findest bestimmt auch noch die Richtige.«

»Mit der ich mich dann streiten kann, wo wir leben und wie wir unser Leben zu führen haben.« Ramor lachte erneut. »Bei den Göttern, ich hoffe es.«

Noch eine Weile saßen wir zusammen und mein Onkel erzählte mir von seiner Reise durch Arganta. Einerseits beneidete ich ihn, weil er so viel herumkam, andererseits war ich auch froh darüber, hier in Chakas zu leben. Ich liebte diese Stadt und wollte mein Zuhause um nichts in der Welt eintauschen.

Endlich gab ich mir einen Ruck und verabschiedete mich von meinem Onkel. Ich würde ihn in den nächsten Tagen bestimmt noch des Öfteren sehen und bald wäre mein Geburtstag, den wir alle zusammen feierten. Jetzt, da Ramor da war, freute ich mich sogar darauf, ein kleines Fest zu geben. Ich konnte es kaum erwarten, es meinen beiden Söhnen zu sagen. Die zwei mochten ihren Großonkel fast genauso sehr wie ich und würden vor Freude juchzen.

Gut gelaunt verließ ich den Zirkel auf meinem Pferd, um zurück zu den Klippen zu reiten. Ich hoffte, dass Shaia schon schlief, sodass ich mir ihre Standpauke erst morgen anhören müsste.

Doch als ich bei unserem Haus ankam, erkannte ich, dass noch Licht brannte.

Stirnrunzelnd stieg ich vom Pferd und übergab es einem Stalljungen, der mir entgegeneilte, um es in seine Box zu bringen.

Vor dem Haupteingang stand eine Kutsche, was mich noch stutziger machte.

Nachdem ich unser Haus betreten hatte, wandte ich mich zum Wohnzimmer, aus welchem ich leises Weinen hörte. Mitten in der Tür blieb ich wie angewurzelt stehen, denn das, was ich sah, ließ alles in mir gefrieren.

»Shaia?«, fragte ich, nachdem ich mich vom ersten Schock erholt hatte. »Was … hat das zu bedeuten?« Ich zeigte auf unsere Kinder, die ihre Reisekleidung trugen – ebenso wie meine Gemahlin.

Mein kleiner Sohn rannte mir tränenüberströmt entgegen und schlang die Arme um mich. Ich strich ihm gedankenverloren über die feuerroten Locken, während ich versuchte zu begreifen, wann die Liebe aus dem Blick meiner Frau gewichen war.

»Ich verlasse dich«, sagte sie in ruhigem Tonfall. Doch in ihren dunklen Augen erkannte ich, dass es in ihrem Inneren stürmte. »Ich will nicht länger mit dir zusammen sein. Nicht auf diese Weise.«

»Das kannst du nicht tun«, stieß ich aus. »Du kannst mir nicht die Kinder wegnehmen!«

Sie schenkte mir einen Blick, der pure Enttäuschung ausdrückte. »Deine Kinder«, schnaubte sie. »Ich bin dir egal. Du liebst in erster Linie dich und deine Arbeit. Irgendwann kommen die Kinder und dann ist lange Zeit nichts mehr, ehe ich vielleicht noch eine Rolle spiele!« Sie verzog den Mund. »Ich habe genug davon. Genug von dir und deiner falschen Prioritätensetzung!«

»Ich liebe dich«, presste ich hervor. »Tu mir das bitte nicht an!«

»Du hast mir schon viel mehr angetan«, antwortete sie. »Hast mir versprochen, für mich da zu sein. Für unsere Familie da zu sein. Doch du verkriechst dich im Zirkel, verpasst es, wie unsere Söhne aufwachsen. Warst du da, als sie ihre ersten Worte sagten? Als sie ihre ersten Schritte taten? Nein.« Tränen bildeten sich in ihren Augen und sie blinzelte sie unwirsch weg. »Du warst nie da, Cilian. Weder für mich noch für unsere Kinder. Keines deiner Versprechen hast du eingehalten und jetzt ist Schluss damit. Meine Geduld ist am Ende und mein Entschluss steht fest. Ich reise zurück nach Fayl zu meinen Eltern! Leb wohl, Cilian.«

Damit ergriff sie die Hand meines älteren Sohnes und kam zu mir, um den Kleinen ebenfalls von mir wegzuziehen.

Ich stand da wie erstarrt, unfähig, etwas zu tun oder zu sagen. Sah untätig dabei zu, wie sie mit unseren Kindern das Haus verließ, in die Kutsche stieg und davonfuhr.

Hätte ich in dem Moment nur gewusst, dass es das letzte Mal war, dass ich sie lebend sah. Dass ich meine Kinder lebend sah … ich hätte mich wohl anders entschieden und um sie gekämpft. So aber dachte ich, ich lasse sie erst mal zur Ruhe kommen und sie würde sich schon wieder einkriegen. Ihre Drohung nicht wahr machen.

Das war unverzeihbar … und unendlich dumm.

Gegenwart

Es wiederholt sich … es wiederholt sich alles. Ich bin einfach nicht dafür geschaffen, eine Frau zu halten, das wird mir bewusster denn je, als ich mit dem Rücken zur Tür stehe, hinter der ich Damaris zurückgelassen habe.

Ich wollte es dieses Mal anders machen. Wollte um sie kämpfen.

Und habe alles nur noch schlimmer gemacht.

Wieso nur fallen mir nie die richtigen Worte ein? Wieso gelingt es mir nicht, das zu sagen, was ich wirklich sagen will?

So lange ist es her – so viele Jahrhunderte sind vergangen. Und noch immer fühle ich mich wie der neunundzwanzigjährige Idiot, der nichts dazugelernt hat. Doch die Wut, diese Abneigung und Enttäuschung in ihren Augen … ich konnte sie nicht ertragen, ohne mich selbst noch mehr zu hassen. Dafür, dass ich der Grund für ihre Gefühle bin. Dafür, dass ich es wieder einmal komplett verbockt habe.

Damaris hat recht: Es braucht viel mehr als nur ein Liebesgeständnis. Viel mehr als nur eine Entschuldigung. Ich habe ihr Vertrauen verloren und das wieder zurückzugewinnen, wird ein Kampf, wie ich ihn noch nie ausgefochten habe.

Aber ich werde nicht zulassen, dass sich meine Geschichte wiederholt. Ich werde kämpfen. Um sie, um ihr Leben, um ihre Liebe. Das schwöre ich mir, während ich das Gebäude des Greifenordens verlasse, um mich für die Zeremonie heute Abend umzuziehen.

Die Aufgaben, die den Auserwählten gestellt werden, sind nicht unmöglich, das wurde mir klarer, je mehr ich mich damit beschäftigt habe. Seit heute Morgen habe ich nichts anderes getan, als mich in Schriftrollen und Bücher einzulesen, um möglichst viel herauszufinden. Und das Wissen, das ich nun besitze, wird mir helfen, Damaris durch diesen verfluchten Wettkampf zu bringen. Und wenn mir das gelingt, werde ich mich nicht nur bei ihr entschuldigen, sondern sie auch zurückerobern.

Kapitel 9 - DAMARIS

Ich weine immer noch, als Auralie zu mir kommt, um mich für die Versammlung heute Abend zurechtzumachen. Aufgrund der vielen Tränen meinerseits eine wahre Herausforderung, denn die Gesichtsfarbe, die sie mir auftragen will, verschmiert immer wieder.

Schließlich stehe ich vor dem Spiegel und betrachte mich widerwillig. Dass sie mich so herausgeputzt hat für etwas, das ich verabscheue, behagt mir nicht. Gleichzeitig muss ich da durch, ob ich will oder nicht.

Ich streiche mit den Händen über das weiß-goldene Kleid, das eng anliegt, und zupfe ein paar Strähnen aus der Stirn. Mein Haar ist seit meiner Ankunft hier im Zirkel schon um einiges länger geworden.

»Bereit?«, fragt Auralie, die hinter mir steht.

»Muss ich wohl«, murmle ich. »Schneeflocke?« Ich wende mich zu meinem Greif, der sich in dem Sessel zusammengerollt hat.

Er gibt ein leises Murren von sich, das mir zeigt, dass er ebenfalls keine Lust auf diese Versammlung hat.

»Dann gehen wir«, sagt Auralie und legt mir die Hand aufs Schulterblatt, um mich zur Tür zu schieben.

Schneeflocke blinzelt schläfrig und schickt mir ein Bild vom Zirkelplatz. Ich verstehe, dass er zu mir stoßen wird, da er direkt vom Balkon aus dorthin fliegt.

Im Gebäude ist es ungewöhnlich still, womöglich sind die meisten Greifenreiter bereits auf dem Innenhof. Mir wird mulmig zumute, als ich daran denke, was mir gleich bevorstehen wird. Nicht nur, dass ich Cilian wiedersehe, ich werde auch endlich erfahren, welche Aufgaben uns erwarten und wer außer Adrién und mir sonst noch ausgewählt wurde.

Zu meiner Nervosität gesellt sich nun Neugierde, was keine gute Mischung für meinen Magen darstellt, den ich mir dann doch noch mit den Früchten und dem Brot gefüllt habe.

Als wir auf dem Zirkelplatz ankommen, fällt mir fast die Kinnlade herunter. Mir war nicht bewusst, dass es so viele Magier im Zirkel gibt. Sie alle haben festliche Kleidung angezogen, sodass nun ein bunter Haufen vor mir steht. Der Innenhof ist zum Bersten voll und aufgrund der eintretenden Dämmerung schweben Dutzende von magischen Lichtern über unseren Köpfen. Die Szene hat etwas Unwirkliches, beinahe Bedrohliches.

In der Mitte des Platzes befindet sich ein erhöhtes Podest, auf welchem sich die fünf Zirkelräte eingefunden haben.

Meine Aufmerksamkeit fällt sofort auf Cilian, der in seiner blauschwarzen Magierrobe, welche die Farbe seiner Augen unterstreicht, zum Niederknien aussieht.

Gerade als ich den Blick von ihm abwenden will, sieht er mich ebenfalls an und für einen kurzen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Sein Gesicht ist unergründlich, doch in seinen Augen glaube ich, wieder diesen alten Schmerz zu lesen, den er mit sich herumträgt.

Mit dem nächsten Blinzeln ist die Gefühlsregung allerdings verschwunden und ich senke rasch den Kopf, um ihn nicht länger anzustarren. Dennoch spüre ich seinen Blick weiterhin auf mir, als wäre er ein glühender Strahl, der mich verbrennt.

Auralie führt mich durch den Gang, der die Magiermenge teilt, zu dem Podest, sodass ich in der ersten Reihe stehe.

Als ich zum Himmel hochschaue, bemerke ich viele Greife, die über uns kreisen, und kann unter ihnen Schneeflockes weißen Löwenkörper ausmachen. Er bleibt in sicherer Entfernung, da ihm diese Versammlung alles andere als geheuer ist. Was ich gut nachempfinden kann.

Nachdem sich Auralie von mir verabschiedet hat, schaue ich mich weiter um und entdecke Adrién, der ebenfalls in der ersten Reihe steht – allerdings so weit entfernt, dass ich keine Chance habe, mit ihm zu sprechen. Er hat sich umgezogen und trägt nun ein schlichtes schwarzes Gewand, das seine Aura noch dunkler erscheinen lässt als ohnehin schon. Nur ein flüchtiger Blick von ihm streift mich. Wenn ich nicht wüsste, dass er mir extra hinterhergeflogen ist, um mich zurückzuholen, würde ich anhand seines Gesichtsausdruckes vermuten, dass er mich verabscheut. Was er womöglich auch tut. Keine Ahnung, aus ihm werde ich einfach nicht schlau.

Als ich den Blick weiter schweifen lasse, fällt dieser auf Rahrin, den ich gerade noch so hinter dem Podest ausmachen kann, um das die Magier einen Kreis gebildet haben. Er schenkt mir ein kurzes Lächeln, das mich nicht wirklich beruhigt. Ich hoffe, die Tatsache, dass er ebenfalls in der ersten Reihe steht, ist nicht darauf zurückzuführen, dass er auch zu den Auserwählten zählt.

Adrién meinte, dass andere Magierlehrlinge ausgesucht wurden. Ist er einer davon?

Mein Herz beginnt wie wild zu pochen, als Marona, die Rätin des Feuerzirkels, nun vortritt und die Menge augenblicklich verstummt. Sie wirkt rein äußerlich wie Mitte dreißig, hat ihr kurzes braunes Haar, das ihr bis in den Nacken fällt, streng nach hinten gekämmt. Ihr Gesicht besitzt etwas von einem Huhn, ist schmal und spitz.

Nein, sie ist mir nicht sympathisch, war sie schon nicht, als ich sie das erste Mal im Speisesaal sah. Auch sie trägt eine edel wirkende Robe, die dunkelrote Stickereien auf schwarzem Stoff aufweist.

Unvermittelt fällt mein Augenmerk erneut auf Cilian, der mich immer noch ansieht und mir kaum merklich zunickt. Wahrscheinlich will er mir damit Mut machen, erreicht jedoch nur, dass ich mich noch unwohler fühle.

Als Marona das Wort ergreift, wird meine Aufmerksamkeit wieder auf sie gelenkt.

»Ich heiße Euch willkommen, Magier von Chakas«, spricht sie mit einer etwas zu kratzigen Stimme, die jedoch über den gesamten Platz schallt. »Wie Ihr gestern erfahren habt, steht die Daseinsberechtigung des Greifenordens infrage.« Meine Augen schweifen zu Cilian, dessen Kiefermuskeln sich deutlich anspannen. »Daher haben wir Zirkelräte beschlossen, ihn auf eine Probe zu stellen.«

Gemurmel wird unter den Magiern laut und ich verlagere unruhig das Gewicht von einer Seite auf die andere. Die Version, die Marona erzählt, passt nicht ganz zu dem, was Auralie mir berichtet hat.

Kann es sein, dass Cilian doch die Wahrheit sprach und der Wettkampf aus einer Art Not heraus entstanden ist? Wieso aber hat er dann nicht verhindert, dass ich dafür auserwählt wurde? Und warum hat er nichts darüber gesagt?

Marona greift in ihre Robe und holt eine Handvoll kleiner schwarzer Säckchen hervor. »In diesen Beuteln befinden sich zehn Phiolen«, erklärt sie. »Jede dieser Phiolen enthält eine Flüssigkeit, die demjenigen, der sie trinkt, einen Ort in der Wüste zeigt, wo ein Artefakt begraben ist. Diese Artefakte zu finden, wird die erste Aufgabe unserer zehn Auserwählten sein. Sie dürfen keine Hilfe erhalten, um dorthin zu gelangen.«

»Worum handelt es sich bei diesen Artefakten?«, will ein Magier mittleren Alters wissen, den ich noch nie gesehen habe.

»Es sind uralte Gegenstände aus den Zeiten der Wüstenzwerge«, antwortet die Feuermagierin bereitwillig.

Erneut tuscheln die Zuschauer, dieses Mal lauter. Ich habe noch nie von Wüstenzwergen gehört, bin im Talmerengebirge nur ein einziges Mal überhaupt einem Zwerg begegnet. Einem finsteren Kerl, der etwa gleich groß wie ich damals war und einen beeindruckenden Bart sowie mindestens ein Dutzend Ketten mit wertvoll wirkenden Edelsteinen trug. Ich werde mich erkundigen müssen, was es mit diesen Wüstenzwergen auf sich hat.

»Die Artefakte weisen auf den Standort einer ihrer untergegangenen Städte hin«, fährt Marona fort. »Und in dieser Zwergenstadt liegt ein Relikt von unbeschreiblichem Wert. Es wird der ›Ring des Fürsten‹ genannt und gehört dem Sieger. Sollte ein Magier gewinnen, wird der Greifenorden von Chakas geschlossen. Falls aber ein Greifenreiter gewinnt, darf er weiterhin bestehen bleiben.«

Spätestens jetzt wird mir klar, dass diese Aufgaben nicht erst seit gestern erfunden sein konnten. Das muss jemand – Cilian? – von langer Hand geplant haben.

»Wieso hat noch niemand versucht, diesen Ring des Fürsten zu finden?«, fragt eine junge Magierin.

»Es gab Versuche, aber bisher sind sie leider gescheitert«, antwortet Marona. »Wir setzen unsere Hoffnung in die zehn Auserwählten.«

Ich sehe mit schmalen Augen zu Cilian, aber als er meinen Blick auf sich spürt, schüttelt er nur leicht den Kopf. Ich habe keine Ahnung, was diese Geste bedeuten soll, und knurre unbefriedigt in mich hinein.

»Zudem ist es kein ungefährlicher Weg zu den zehn Artefakten«, fährt Marona fort. »Daher werden nur die fähigsten Magier und Greifenreiter entsendet. Sowie zwei Schüler, da das Gerücht geht, dass der Ring des Fürsten nur von einer reinen Seele gefunden werden kann. Und wer könnte reiner sein als zwei Kinder?«

Ich vermeine, sie kurz in meine Richtung blicken zu sehen, und eine Gänsehaut breitet sich trotz der abendlichen Wärme auf meinen Armen aus.

Dass sie mich ›Kind‹ nennt, lässt meinen Magen rumoren. Sie drückt damit nicht nur ihre Geringschätzung mir gegenüber aus, sondern auch, was sie davon hält, dass Cilian und ich uns nähergestanden haben. Dass er mit einem ›Kind‹ geschlafen hat, lässt das, was wir hatten, schmutzig und pervers erscheinen – was es nicht war!

»Kommen wir nun zu den Auserwählten«, sagt sie. »Cilian, wenn Ihr so nett wärt …«

Es ist mucksmäuschenstill geworden und alle Augen haben sich auf den Ordensleiter gerichtet, der sich nun räuspert und ebenfalls vortritt. »In meiner Doppelaufgabe als einer der Zirkelräte sowie Leiter des Greifenordens von Chakas fällt mir die Aufgabe zu, die Auserwählten auf die Tribüne zu bitten«, beginnt er und lässt seinen Blick über die Magier schweifen, ehe er kurz an mir hängen bleibt. Dann holt er eine Pergamentrolle hervor, die er öffnet. »Als Lehrlinge wurden auserwählt …« Er holt leise Luft und sieht mich fest an. »Damaris, Greifenreiterin von Chakas. Bitte tritt vor und empfange deine Phiole.«

Ich schlucke den Kloß herunter, der sich in meiner Kehle bilden will. Jetzt ist es offiziell. Ich muss in die Wüste, um diesen dämlichen Ring zu finden.

Mit zittrigen Beinen erklimme ich das Podest und als ich direkt vor Marona stehe, meine ich, ein gehässiges Funkeln in ihren braunen Augen zu lesen. Seit sie Cilian und mich in der Arena beim Küssen erwischt hat, weiß ich, dass sie mich nicht mag. Ich habe es schon damals in ihrem Gesichtsausdruck gesehen. Aber diese Antipathie beruht auf Gegenseitigkeit.

Mit spitzen Fingern überreicht sie mir ein schwarzes Säckchen.

Als ich den Beutel öffnen will, hält mich Cilian davon ab, indem er die Hand ein wenig hebt. »Erst, wenn es an der Zeit ist«, murmelt er.

Ich nicke, ohne ihn anzusehen, und stelle mich an den Platz, den Marona mir auf der Tribüne zuweist.

»Des Weiteren wurde Rahrin, Magierlehrling des Wasserzirkels, ausgewählt«, fährt Cilian fort und mein Herz will stillstehen, als sich meine Befürchtung bewahrheitet.

Mein Blick schnellt zum Schüler mit dem langen rotblonden Haar. Er zuckt jedoch nicht einmal mit der Wimper, während er ebenfalls auf das Podest steigt, um von Marona das zweite schwarze Säckchen zu empfangen. Anscheinend hat er sich seinem Schicksal bereits ergeben. Er stellt sich neben mich, doch als ich seinen Blick suche, weicht er mir aus.

»Damit ist gewährleistet, dass keiner der teilnehmenden Magierlehrlinge im Nachteil ist«, ergreift Marona, die neben Cilian steht, wieder das Wort. »Denn beide beherrschen das Wasser, und Rahrin hat Damaris in den vergangenen Monaten unterrichtet.«

Wie diese verdammten Magier sich immer alles so hinbiegen, damit sie gerecht dastehen! Zum Kotzen!

Nur mit Mühe unterdrücke ich einen Fluch.

»Aufseiten der Magier wurden ferner ausgewählt«, fährt Cilian fort, »Rekon, ein Wasser- und Kampfmagier.« Ein untersetzter Mann, der definitiv kein Schüler mehr ist, betritt die Bühne und nimmt das dritte Säckchen in Empfang. »Dragora, eine Erdmagierin und Heilerin hier im Zirkel.« Eine schlanke junge Frau tritt vor, um ebenfalls ihren Beutel zu erhalten. »Preíz, ein Feuer- und Kampfmagier.«

Ich spüre, wie sich Rahrin neben mir versteift, als der Soldat vortritt, der uns damals aus der Stadt ließ. Die beiden scheinen sich näherzustehen. Mit stoischer Miene nimmt der bullige Mann das Säckchen entgegen, das ihm Marona reicht.

»Sowie Kolid, ein Luft- und ebenfalls Kampfmagier«, beendet Cilian seine Aufzählung.

Ein älterer Magier mit schütterem Haar und einer Miene wie zehn Tage Regenwetter tritt auf die Bühne.

Cilian hebt den Blick vom Pergament und lässt ihn erneut über die Menge schweifen. Obwohl ich von meiner Position aus sein Gesicht sehen kann, vermag ich keinerlei Regung mehr darin zu erkennen.

Mit fester Stimme spricht er weiter: »Aufseiten der Greifenreiter wurden ausgewählt: Serge, ein Feuermagier.« Der rothaarige junge Mann, mit dem ich getanzt habe, tritt vor und schenkt Cilian ein respektvolles Nicken, ehe er von Marona sein Säckchen in Empfang nimmt. »Laora, eine Luftmagierin.«

Als eine schwarzhaarige junge Frau vor ihm steht, erinnere ich mich daran, dass es dieselbe sein muss, deren Greif von Adrién vom Himmel geschossen wurde.

Das kann ja heiter werden …

Laora stellt sich neben Serge, während Cilian fortfährt: »Adrién, ein Erdmagier und Heiler.«

Nichts in Adriéns Miene verrät, dass er Magier hasst, während er ein Säckchen von Marona bekommt. Laora wirft ihm allerdings einen flammenden Blick zu. Er ignoriert sie, indem er stoisch in die Menge schaut und dort irgendeinen Punkt fixiert.

»Sowie Prixantia, eine Wassermagierin«, nennt Cilian die letzte Auserwählte, welche sogleich das Podest erklimmt.

Prixantia ist vielleicht Mitte zwanzig, hat kurzes blondes Haar, bleiche Haut und wirkt schüchtern. Sie kann Marona kaum ansehen, während sie das letzte Säckchen entgegennimmt. Fast schon empfinde ich Mitleid mit ihr.

Nun stehen wir alle hier oben – zehn Auserwählte, die sich auf die Suche nach einer verschollen geglaubten Zwergenstadt machen sollen. Verhaltener Applaus wird laut, der jedoch verstummt, als Marona ein weiteres Mal das Wort ergreift.

»Morgen Mittag werden die Auserwählten erneut zusammengerufen, damit wir Euch erklären können, wie und wann Ihr die Flüssigkeit in den Phiolen einnehmen dürft«, sagt sie und schenkt uns einen Blick, der wohl freundlich wirken soll. »Damit ist die Versammlung beendet und …«

Sie wird von Cilian unterbrochen, der die Hand hebt. »Bevor Ihr die Versammlung schließt, Marona, möchte ich noch etwas loswerden.«

Die Feuermagierin nickt stirnrunzelnd, denn ihr bleibt nichts anderes übrig. Sie kann ihm ja schlecht vor aller Augen das Wort verbieten.

Cilian tritt etwas weiter vor und ich bemerke, wie sich sein Brustkorb hebt, als er durchatmet, ehe er spricht. »Dieser Wettkampf soll zeigen, was die Besten unseres Ordens bewirken können«, sagt er mit lauter Stimme. »Daher stelle ich hiermit den Antrag, als fünfter Greifenreiter und in Vertretung des Elementes Wasser teilnehmen zu dürfen – und damit Prixantias Platz einzunehmen.« Die blonde Greifenreiterin atmet sichtlich auf und schenkt ihrem Ordensleiter einen dankbaren Blick. Dieser fährt mit eindringlichem Tonfall fort. »Ich berufe mich auf das Gesetz der Mehrheitswahl, welches besagt, dass bei einer Versammlung aller Magier eines Zirkels von Altra jeder der Anwesenden eine gleichberechtigte Stimme abgeben darf und damit den Beschluss des Zirkelrates überstimmen kann.« Er schaut abermals in die Menge und strafft die Schultern. »Wer also dafür stimmt, dass nicht die vom Zirkelrat auserwählte Greifenreiterin in den Wettkampf soll, sondern ich, hebe nun die Hand.«

Nicht nur ich, sondern alle Magier sehen ihn mit offenem Mund an. Anscheinend hat Cilian eine Gesetzeslücke gefunden, mit welcher er die Entscheidung des Zirkelrates aushebeln kann. Dass er sich freiwillig dem Wettkampf stellt, lässt mich mit einem Mal daran zweifeln, dass er von Anfang an vorhatte, mich dorthin zu schicken.

Oder will er diesen Ring des Fürsten für sich selbst? Wieso nimmt er nicht meinen Platz ein? Er scheint einen Plan zu haben und aus irgendeinem Grund vertraue ich ihm.

Noch während ich ihn anstarre, sieht er in meine Richtung und ich meine, ein entschuldigendes Lächeln auf seinem Gesicht auszumachen. Aber es ist so schnell wieder der steinernen Maske gewichen, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich es mir nur eingebildet habe.

Ohne darüber nachzudenken, hebe ich die Hand und merke, wie andere um mich herum es mir gleichtun. Schließlich hat die Mehrheit der Magier, die sich auf dem Zirkelplatz versammelt haben, die Arme in die Luft gestreckt – viel mehr als die Hälfte, sodass Cilians Antrag als genehmigt gilt.

Er nickt der Menge dankend zu, ehe er das Pergament zusammenrollt und von Prixantia, die sich mit einem leichten Knicks vor ihm verbeugt, das schwarze Säckchen entgegennimmt. Dann wendet er sich den Magiern wieder zu.

»Der Zirkelrat möchte, dass die Greifenreiter demonstrieren, dass sie eine Daseinsberechtigung haben«, fährt er fort. »Da ich nun als ein Mitglied des Zirkelrates und einer der mächtigsten Magier Altras in den Wettkampf ziehe, würde dies zu einem Ungleichgewicht gegenüber den Magiern führen.« Er macht eine kurze Pause, in welcher ich mich kaum getraue, Luft zu holen. »Damals, als der Zirkelrat gegründet wurde, haben wir die fähigsten Magier für diese Posten ausgewählt. Demnach beantrage ich, dass auch aufseiten der Magier jemand aus dem Rat teilnimmt. Nur schon, um zu gewährleisten, dass alles mit rechten Dingen zugeht und keinerlei Vorteil seitens der Greifenreiter besteht.« Er wendet sich abrupt zu Marona, die immer noch überrumpelt neben ihm steht und ihn entgeistert anstarrt. »Marona, ich denke, es wäre in Eurem Interesse, dass Ihr am Wettkampf teilhabt und damit den Platz von Feuermagier Preíz einnehmt. Ihr seid eine fähige Kampfmagierin, ausgebildet hier im Zirkel von Chakas. Wer, wenn nicht Ihr, könnte demonstrieren, dass Magier den Greifenreitern das Wasser reichen können?«

Rahrin neben mir stößt leise die Luft aus und ich bemerke, dass er mit Preíz einen raschen Blick tauscht. Der Soldat scheint froh über die Möglichkeit zu sein, dem Wettkampf zu entkommen.

Cilians Augen funkeln herausfordernd die Feuermagierin an, welche keine andere Wahl hat, als zu nicken, wenn sie ihr Gesicht nicht verlieren will. Falls das kein abgekartetes Spiel ist, dann ist sie soeben von Cilian vorgeführt worden.

Erneut schießen mehr als die Hälfte der Hände in die Höhe und erneut zeigt die Menge damit an, dass sie mit Cilians Vorschlag einverstanden ist.

Und ich bin mir nun absolut sicher, dass meine Niederlage vorprogrammiert ist. Gegen so viele fähige Magier und Greifenreiter – und sogar gegen Cilian – zu gewinnen, kann mir nicht gelingen. Doch ich muss an die Worte von Adrién denken, der nur ein paar Schritt neben mir steht: Dann werde ich eben Däumchen drehen, bis das Ganze überstanden ist. Denn die Chance, dass ich gewinne, ist gerade von ›vernichtend gering‹ zu ›nicht vorhanden‹ gesunken.

Kapitel 10 - DAMARIS

Während die Magier die Verkündung des Wettkampfes mit einem kleinen Fest auf dem Zirkelplatz feiern, kehre ich in meine Gemächer zurück. Mir ist ganz und gar nicht nach Feiern zumute. Cilian muss allerdings in seiner Rolle als Ordensleiter noch eine Weile dortbleiben, was mir zumindest die Gewissheit gibt, dass er mich heute Abend nicht nochmals aufsuchen wird.

Adrién ist ebenso schnell verschwunden wie Rahrin und Preíz. Ich hätte mit meinem ehemaligen Nachhilfelehrer gern gesprochen, doch er scheint durch die Tatsache, dass wir nun Konkurrenten sind, von mir Abstand zu nehmen.

Gedankenversunken lasse ich mich aufs Bett nieder und nestle an dem Säckchen, um die Phiole herauszuholen. Die schwarze Flüssigkeit darin wirkt abschreckend auf mich, sie ist vollkommen undurchsichtig.

Und das soll ich trinken?

Schneeflocke landet auf dem Balkon und schickt mir das Bild eines Nagels, was mich wohl aufmuntern soll, da er es mit ›Standhaftigkeit‹ verknüpft. Seufzend streiche ich ihm über den Kopf, den er auf meine Beine legt, und verstaue die Phiole wieder im Säckchen.

Während ich versuche, zu begreifen, was genau heute Abend geschehen ist, werde ich immer müder.

Schließlich lege ich mich hin und nehme mir vor, meine Fragen auf morgen zu verschieben. Heute werde ich ohnehin keine Antworten mehr erhalten.

Am nächsten Tag werde ich gegen Mittag von Auralie abgeholt und in einen Raum des Hauptzirkelgebäudes geführt, der sich in einem der Kellerstockwerke befindet. Er ist kahl und wirkt ein bisschen wie ein leerer Weinkeller, wäre da nicht eine riesige Steintafel in seiner Mitte, auf welcher Namen eingraviert sind. Die Namen der zehn Auserwählten, die in die Wüste geschickt werden. Davor steht ein Tisch mit zehn schwarzen Schalen, die vielleicht die Größe einer Handfläche besitzen.

Der Raum ist aufgrund der Tatsache, dass er sich unter der Erde befindet, sehr kühl. Nur ein paar Fackeln erhellen das Innere und verbreiten damit eine schaurige Stimmung, die mich zusätzlich frösteln lässt.

Die anderen Auserwählten sowie die restlichen drei Zirkelräte haben sich bereits versammelt und scheinen nur noch auf mich gewartet zu haben. Sie stehen im Halbkreis vor der Tafel und ich verfluche die Tatsache, dass Auralie mich nicht ein wenig früher abgeholt hat. Jetzt sind alle Augen auf mich gerichtet, nachdem ich eingetreten bin.

Die Dienerin verabschiedet sich mit einem leichten Lächeln von mir und nickt in Richtung ihres Bruders, der uns mit gewohnt finsterer Miene betrachtet.

Cilian, der in seiner Nähe steht, sieht mich ebenfalls prüfend an. Anscheinend will er herausfinden, wie ich die ganzen Informationen von gestern aufgenommen habe. Doch ich setze eine regungslose Miene auf und stelle mich neben Laora, die sich etwas entfernt von Adrién positioniert hat. Die schwarzhaarige Greifenreiterin sieht mich mit schmalen Augen an, wendet sich dann aber Marona zu, die das Wort ergreift.

»Da wir nun endlich alle versammelt sind, ist es an der Zeit, Euch ein paar Dinge über den Wettkampf zu erzählen«, beginnt sie. »Dinge, die diesen Raum nicht verlassen dürfen.« Sie sieht jedem von uns fest in die Augen, bis wir nickend unser Versprechen gegeben haben. Dann fährt sie fort. »Da uns die Mittel fehlen, Boten zwischen den Auserwählten und dem Zirkel hin- und herzuschicken, um zu ermitteln, wie es allen geht, hat der Zirkelrat beschlossen, auf eine uralte Magie zurückzugreifen: Blutmagie.«

»Blutmagie?«, stößt Laora neben mir aus. »Aber … das ist doch verboten.«

»Für bestimmte Zwecke ist sie unerlässlich«, erklärt Cilian mit ruhiger Stimme.

Ich schiele zu Adrién rüber, dessen Miene sich noch mehr verfinstert hat. Sein Blick ist zwar stur zu Boden gerichtet, aber es ist offensichtlich, dass er Cilians Worte missbilligt. In meinem Geist kann ich förmlich hören, wie er gerade über die Doppelmoral der Magier schimpft.

Der ältere Luftmagier, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, schnaubt leise. »In Karinth ist Blutmagie gang und gäbe«, brummt er. »Nur wir hier in Altra machen so ein Geschiss darum.«

Ich wende mich ihm mit großen Augen zu – das war mir neu.

»Jeder von uns Auserwählten wird nun einen Blutstropfen in eines dieser Gefäße geben.« Marona deutet auf den kleinen Tisch, auf welchem sich die schwarzen Schalen befinden, und mir wird beim Gedanken an Blut mulmig im Magen. »Damit wird unser Name auf der Steintafel rot eingefärbt.« Sie zeigt auf die eingravierten Namen. »Wenn es uns gut geht, bleiben die Buchstaben blutrot. Je schlechter es Euch geht, desto dunkler werden sie. Und wenn sie schwarz sind …« Sie lässt den Satz unvollendet, denn dass wir dann tot sein werden, muss sie nicht erst aussprechen.

»Wird uns jemand zu Hilfe kommen, wenn unser Name schwärzer wird?«, will ich wissen.

Marona sieht mich fast schon mitleidig an. »Kind, wie stellst du dir das denn vor? Bis jemand in der Wüste und bei dir ist, wird es zu spät sein. Die Tafel dient lediglich dazu, zu überprüfen, ob alle zurückkommen, die zurückkommen können.«

Ich beiße mir auf die Zunge, um mich selbst daran zu hindern, ihr die Worte, die mir darauf brennen, ins Gesicht zu speien. Mein glühender Blick trifft Cilian, in dessen Miene ich eine unausgesprochene Entschuldigung lesen kann.

Also stimmt es doch, dass diese verdammten Magier einfach mal so mit unserem Leben spielen! Und obwohl sie wissen, wenn es uns nicht gut geht, werden sie keinen Finger rühren, um etwas daran zu ändern und unseren Tod zu verhindern!

Gerade als ich wutschnaubend aus dem Raum rennen will, räuspert sich Adrién, und mein Blick gleitet zu ihm. In seinen grauen Augen kann ich eine Mahnung erkennen und muss an seine Worte denken. Ich tue das hier nicht für mich und auch nicht für Cilian, sondern für die Zukunft der Menschen. Damit sie nicht mehr von Magiern unterdrückt, sondern von Greifenreitern geleitet werden können.

Ich kaue wütend auf meiner Unterlippe, nicke aber stumm und schaue zu Boden, während Cilian das Wort ergreift.

»Ich werde beginnen«, sagt er und ich sehe aus dem Augenwinkel, wie er einen Dolch zieht und zu den Schalen geht.

Natürlich kann ich nicht hinsehen, bekomme nur am Rande mit, wie er sein Blut in die Schale gibt.

Einer nach dem anderen tut es ihm gleich, bis nur noch ich übrig bin. Der Gedanke, mich selbst zu schneiden und dann auch noch mein Blut in ein Gefäß zu tropfen, lässt meine Eingeweide gefrieren. Mir ist speiübel.

»Damaris«, höre ich Cilians sanfte Stimme. »Du bist an der Reihe.«

Ich presse kurz die Augen zusammen, dann atme ich tief durch und trete zu den Schalen, versuche, nur die anzusehen, in der noch kein Blut ist. Dennoch gleitet mein Blick zu den anderen Gefäßen und ich spüre, wie sich die Übelkeit verstärkt.

Scheiße, ich hasse Blutmagie!

Ich ergreife den Dolch, den irgendjemand vor mir auf den Tisch gelegt hat. Meine Finger beben und als ich den Griff umschließe, breitet sich das Zittern auf meinen Körper aus. Ich bemerke eine Bewegung zu meiner Rechten, wo Cilian steht, doch da umfasst bereits eine warme Hand die meine und ich wende den Kopf nach links, sehe direkt in die grauen Iriden von Adrién.

»Bevor du wieder umkippst, werde ich das für dich übernehmen«, sagt er leise, als er mir den Dolch aus der Hand nimmt.

Ich drehe mich ihm zu, starre in seine Augen, die meinen Blick festhalten, während er meine Handfläche nach oben dreht.

»Sieh nicht hin«, weist er mich an.

Ehe ich nicken kann, spüre ich einen scharfen Schmerz in meinem Zeigefinger und schließe die Augen. Adrién dreht meine Hand herum, massiert leicht den Finger von hinten nach vorne. Ich fühle, wie mein Blut tropft, und dann nehme ich eine wohlige Wärme wahr, die in mich eindringt.

Adriéns Magie. Er heilt mich.

Als ich blinzle und ihn wieder ansehe, ruht sein Blick auf mir.

»Danke«, hauche ich.

Er nickt bloß und lässt meine Hand los, bevor er den Kopf ein wenig hebt und jemanden hinter mir ansieht. Augenblicklich wird seine Miene wieder finster und ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, wessen Hände mich gerade an der Schulter berühren und behutsam vom Tisch wegziehen.

»Geht es dir gut?«, höre ich Cilians Stimme leise an meinem Ohr und würde mich am liebsten zu ihm umdrehen, um ihm ins Gesicht zu brüllen, dass es mir definitiv nicht gut gehen kann, wenn ich mein Blut für irgendwelche blöden Rituale hergeben muss. Die ja doch nur einer Komödie dienen, denn sie werden mein Leben nicht retten. Niemand wird das!

Stattdessen nicke ich knapp und trete rasch zurück an meinen Platz, sodass Cilian meine Schultern loslassen muss. Als ich die Steintafel betrachte, leuchten nun alle zehn Namen rot – auch meiner.

Gruselig …

Cilian sagt noch ein paar Worte, aber ich höre ihm nicht zu.

Als ich merke, dass sich alle Augen erneut auf mich richten, runzle ich die Stirn. Irgendetwas habe ich verpasst.

»Damaris, gibst auch du das Versprechen, dass du ab sofort und bis zum Aufbruch in die Wüste deine Gemächer nicht mehr verlässt?«, fragt mich Cilian.

Ich starre den Ordensleiter verdattert an. »Ist das dein Ernst?«, stoße ich aus und ignoriere die Tatsache, dass die Zirkelräte ob der informellen Anrede die Augenbrauen hochziehen.

»Nur so ist gewährleistet, dass sich keiner einen Vorteil herausholt«, meint Marona mit schnippischem Tonfall. »Oder es sich … anders überlegt.« Ihr Blick bohrt sich in meinen.

»Wie lange soll das sein?«, frage ich entgeistert.

»Hättest du zugehört, wüsstest du es«, erwidert Marona und verzieht missbilligend die Mundwinkel. »Die Magier werden morgen aufbrechen – die Greifenreiter in einer Woche. Bis dahin bleibt die Phiole, die du bekommen hast, unangetastet. Erst eine Stunde vor Aufbruch darf der Inhalt getrunken werden. Er wird uns allen das jeweilige Ziel offenbaren, an das jeder von uns alleine und ohne Hilfe gelangen muss.«

Wer stellt nur so dämliche Regeln auf?!

Ich schnaube leise und bemerke, dass Cilian mich eindringlich ansieht. »Meinetwegen«, knurre ich. »Ich bleibe bis zum Aufbruch in meinem Zimmer.«

Ein leichtes Nicken des Ordensleiters ist alles, was ich für mein Versprechen ernte.

»Cilian, Ihr werdet dafür sorgen, dass die Greife ebenfalls nicht ihre Stallungen verlassen«, wendet sich Marona an ihn. »Jeder Greif soll in einer Box angekettet werden, um zu verhindern, dass sie Ausflüge unternehmen.«

Ich ziehe scharf die Luft ein und bemerke, dass Cilian meinem Blick ausweicht.

Nein … das kann er nicht tun … Schneeflocke kann doch nicht im Stall untergebracht …

»Ich werde dafür sorgen«, sagt er an die Feuermagierin gewandt.

Meine ich es nur, oder wirft sie mir gerade ein höhnisches Lächeln zu?

Mein Herz gefriert, während ich Cilian anstarre und versuche, zu begreifen, was er gerade getan hat. Er hat mir gesagt, dass Schneeflocke bei mir im Zimmer bleiben darf, bis wir uns eingelebt haben! Wieso bricht er sein Wort?! War überhaupt irgendetwas von dem, was er mir in den vergangenen Monaten erzählte, wahr?!

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353 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783038961628
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Bookwire
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