Читать книгу: «Im Licht betrachtet»
Bernd Berndsen
IM LICHT BETRACHTET
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
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Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Layout Kristina Berndsen
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Auf rauen Wegen zu den Sternen
Wo das Kleine das Allergrößte ist
Performance für alle
Die Letzten können die Ersten sein
Back to the roots
Ausbildung zum kleinen Heimwerker
Unordnung und großes Leid
Ende der Einsamkeit
Im Licht betrachtet
Sinnsammler
Wo man sich bettet, da liegt man
Bildung tut Not
Warten auf
Frauen sind anders. Männer auch
Von Fall zu Fall seh ich den Alten gern
Ihr werdet es erleben
Über den Umgang mit Geschriebenem
Deutschland singt nicht
Mein großer Freund C

Auf rauen Wegen zu den Sternen
Das Brautpaar saß vier Reihen vor mir in der ersten Bank, der Pastor agierte souverän, der Organist fast genauso, die Brautmutter schluchzte diskret in artigen Abständen, es war alles, wie es zu sein hat. Leider ausnahmslos alles, dachte ich. Und da ich die Zeit zum Denken hatte, unterdrückte ich es nicht, sondern machte mir bewusst, dass das Sitzmöbel ein überaus nützliches Produkt menschlicher Kreativität ist, wenn man es den Eigenarten und Bedürfnissen des menschlichen Körpers angepasst hat. Alle Versuche, es umgekehrt zu machen, sind gescheitert. Wo der Körper nicht das ihm Gemäße vorfindet, kommt es stets zu Schmerz und Pein. Betrachtet man aufmerksam die Geschichte der Formen von Stühlen, Sesseln, Sofas, Bänken durch die Jahrhunderte, so führte mein Geist diesen Ansatz fort, fällt auf, dass so manches, ja das meiste geschaffen worden ist unter Umgehung oder gar Missachtung der körperlichen Wünsche. Sogar so mancher Herrscherthron in seiner rechtwinkligen Zuordnung von rundungsfreier Sitzfläche und ebensolcher Rückenlehne lässt erahnen, dass Herrschen eine harte Angelegenheit gewesen sein muss. Besonders die Thronsessel in der Chefetage auf der Iberischen Halbinsel und in den Dependancen Lateinamerikas kümmerten sich nicht um die legitimen Wünsche jener Körperteile, die sich mit dem Möbel zu arrangieren hatten. Die Frage, in welchem Maße der Niedergang der spanischen Weltmacht im 18. Jahrhundert mit misslichen Rücken- und Gefäßmuskelproblemen Philipps II ursächlich in Verbindung stand, harrt noch der wissenschaftlich exakten historisch-orthopädischen Aufarbeitung.
Ich legte eine kurze Denkpause ein, schob meinen rechten Oberschenkel vorsichtig über den linken und nahm den Faden wieder auf. Als ein Beispiel auf anderer sozialer Ebene, dachte ich, bieten sich die engen, kantigen Schulbänke unserer Altvorderen an, die – getreu der Maxime „Für das Leben lernen wir“ – das Ihre dazu beigetragen haben, in lebensnaher Weise darauf vorzubereiten, dass es dem späteren Leben wohl an Freiheit, nicht aber an Härte mangeln werde.
Und mit einem dritten Beispiel veranschaulichte ich mir das Problem: Noch im Kontor der Buddenbrooks zogen es die Buchhalter vor, den Zehnstundenarbeitstag nicht sitzend auf dem Hocker zu bewältigen, sondern stehend zu überstehen. Was ihnen übrigens schon in der Kindheit trotz aller Härte und Konsequenz der Erziehung zugestanden wurde beim Stehen während der Mahlzeiten am elterlichen Tisch.
Heute aber thront die Kanzlerin auf einem ausgetüftelten Bürosessel, verstellbar in Höhe und Neigung und anderem, (ihre Sekretärin dürfte ihr nur um ein Geringes nachstehen), die Schüler nebst –innen räkeln sich auf zum Träumen verleitendem Gestühl, und die Schreiber im Büro stehen ihnen nicht nach – was die Sitzkultur betrifft.
Ganze Kollektive aus den Fachbereichen Architektur, Orthopädie, Design, Tischlerei und Sattlerei widmen ihre Arbeit der kongenialen Entwicklung neuer Erkenntnisse zum Thema Meublement fürs Sitzen und deren sorgfältig präziser Realisierung. So sind in den großen Fußballstadien die kümmerlichen Bänke aus schmalem Brett fürs Hinterteil und schmalerer Latte für den Rücken futuristischen Schalensitzen gewichen, die Lichtspielhäuser brauchen mit ihrer Besesselung nicht die Konkurrenten des Puschenkinos zu fürchten, und da reiht sich wenn auch in einigem Abstand sogar der ICE ein.
Behutsam verschob ich mein Schwergewicht von der einen auf die andere Seite, bevor ich im Geiste formulierte: Nur die Kirche hat einen Sonderweg eingeschlagen, genau gesagt: gar keinen Weg, sondern sie verharrt konsequent im Althergebrachten. Was aber nicht heißt: im Altbewährten. Die Kirchenbank ist, wie sie ist seit Anbeginn der Christenheit. Konsequenter Verzicht auf Armlehnen und Kopfstützen. Das hier und da eingeschnitzte Zierwerk in den seitlichen Begrenzungen am Gang vermag zwar das Auge zu erfreuen, jedoch Steiß und Po den Aufenthalt nicht zu erleichtern. Härte im Material und Reduktion auf das Wesentliche sind hier Markenzeichen. Zwei Bretter in der Zuordnung von genau oder annähernd 90° – unter dem Aspekt der Einfachheit zwar eine bestechende Lösung, aber selbst der schwankende Barhocker oder die rustikale Bank im Biergarten bieten ein Mehr an Kommodität. Wer hier auf die lange Bank geschoben wird, dem dehnt sich die gefühlte Zeit mit schmerzhaft gefühltem Steiß und Rückgrat in zunehmender Tendenz.
Ich versuchte, die Beine zu strecken, die Füße unter meinen Vordermann zu schieben, stieß aber da unten mit dem Schienbein auf Kantiges, presste die Lippen aufeinander, und mir fiel ein: Auf rauen Wegen zu den Sternen. Ad aspera ad astra. Das hatte mich die Schule über die alten Römer gelehrt. Und ich dachte verbittert: Ich bin ein Feigling wie die anderen auch. Das gesamte echte Kirchenvolk nebst allen, die nur durch Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten, Weihnachten oder durch Konzerte in die Kirchen gelockt oder gezerrt werden, nimmt ohne Murren, Klagen und Protest das Übel auf sich. Und das nimmt Wunder, denn immerhin kommt der Kirchsitzer mit nichts aus dem weiten Bereich der kirchlichen Welt so hautnah, so lange, so spürbar in Kontakt wie mit dem Holz, auf dem er sitzt und gegen das er sich lehnt. Dem er sich mühselig und beladen anvertraut und das ihn schroff und hart abweist, herzlos und ohn Erbarmen. Könnte sich beim Bankgeprüften da nicht mit der Zeit, vielleicht ungewollt und ohne böse Absicht, die Frage hervorwagen: Wollen die hier mich eigentlich? Wenn Fußballclubs und Kinos, sogar Schulen mit einladendem Gestühl um die Gunst ihrer Besucher werben, warum die Kirchen nicht? Haben sie der Besucher genug? Mit Verlaub: mitnichten!
Als ich gestern bei meinem Bruder schon mal über den mühsamen Einstieg in die Hochzeitsfeier klagte, sagte er lapidar: „Beschwer Dich beim Pastor.“ Beschwerden beim Pastor? Vielleicht gar mit Unterschriften der gesamten Gemeinde? Sinnlos, denn der muss da ja nicht sitzen. Er ist privilegiert, alle Phasen seiner Amtshandlung im Stand zelebrieren zu dürfen. Und von der Kanzel mitleidlos herunterzublicken auf die Leiden der hier unten, wie sie mühsam das Körpergewicht von der einen Pobacke auf die andere verlagern. Wer hoch oben thront, ist von der Basis viel zu weit entfernt, um ihren Kummer erfassen zu können.
Ich wollte und will der Kirche nicht unterstellen – zumal nicht als Gast in ihrem Hause, auf ihrer Bank! – sie verstehe sich als Auslaufmodell, für das sich Renovierungen nicht mehr lohnen oder dem Veränderungen nicht mehr helfen. Aber wenn sie sich weiterhin der Moderne verschließt – wohlgemerkt: was das Sitzen betrifft! – wird sie es sich bald gefallen lassen müssen, als Sitzenbleiber tituliert zu werden.
Angestachelt vom aggressiven Holz, spann ich den Faden weiter: Wie alles muss auch der Misstand seine Ursache haben. Wohlan: Wäre es möglich, man wolle den Besuchern nachdrücklich einprägen (in des Wortes doppelter Bedeutung), dass der Aufenthalt in dieser Welt und gerade an diesem Ort nicht gedacht ist, sich weltlichen Freuden hinzugeben, die dem Körper schmeicheln? Dass die Gedanken sich vom harten Hier und Jetzt lösen und auf den Weg machen sollen hinauf zu den Sternen und darüber hinaus? Ad aspera ad astra?
Dann waren sie fertig, da vorn, und das Brautpaar bog gemessenen Schrittes in den Mittelgang ein. Um unserer Ehrerbietung Ausdruck zu verleihen, vor allem aber, um Haupt und Glieder vorsichtig in die Senkrechte zu recken, erhoben wir uns alle, mühsam und schwerfällig, in gehöriger Feierlichkeit, was hier eine Sehne, da ein Gelenk dezent, aber doch vernehmbar zu knacken animierte. Ich sah mich gezwungen, wie meine Vorderfrau und wie auch der Herr an ihrer Seite, einige Sekunden in leicht gekrümmter Haltung zu verharren. Sodann begannen unsere Beine, sich tastend zu bewegen, als trauten sie noch nicht dem Glück der Rückkehr in die wiedergewonnene Freiheit der Alltagsnormalität. Und dann, Gesäß und Steiß unauffällig reibend, mit gekrümmten Knien und platt aufgesetzten Füßen, taten wir vorsichtig die ersten kleinen Schritte zum Ausgang hin.
Vor dem Café auf der anderen Straßenseite saß man behaglich und entspannt auf den dicken Kissen der Korbstuhlsessel, trank, plauderte, las, ließ es sich wohlergehen. In diesem Augenblick verstand ich und entschuldigte den auf dem platten Lande über Jahrhunderte und in manchem Dorf noch heute gepflegten und zum Ritus sublimierten Brauch, dass die Männer am Sonntagvormittag nach Verlassen der Kirche noch unter Glockengeläut schnurstracks über den Dorfplatz ins Wirtshaus streben. Nun ja, dachte ich da, immerhin können sich unsere Kirchen mit ihrer individuellen Art der Bestuhlung sicher sein, dass niemand hineingeht, der, von shopping oder sightseeing erschöpft, für eine kleine Weile zur Entspannung und Erholung malträtierter Füße und meuternder Wirbelsäule nichts anderes als eine Sitzgelegenheit sucht. Wer kommt, hat der Würde des Hauses angemessene Absichten. Es sei denn, ein Lehrer demonstriert seiner ungläubig staunenden Klasse, welchen Stühlen und Bänken die Vorfahren allüberall ausgeliefert waren. Ein modernes Museum, weil es nicht nur zeigt, sondern unmittelbar am lebendigen Objekt erleben lässt, wie’s einmal war.
Womit ich um des Himmels Willen nicht gedacht haben wollte noch will, dass die ganze Kirche ein Museum sei.
Wo das Kleine das Allergrößte ist
Schon so lange hatten wir darauf gewartet, meine Frau und ich, dass wir das Warten nicht mehr merkten. Kurz nach dem Weihnachtsfest geschah es unerwartet, plötzlich und ohne Vorspiel. Meine Tochter kam mit ihrem Freund, einem langjährigen, herein und verkündete ohne Umschweife, ohne Förmlichkeiten und Feierlichkeiten, dass sie heiraten wollten.
Meine Frau und ich umarmten zuerst uns stumm, dann sie, dann ihn, und als ich sah, dass die Augen meiner Frau sich mit Tränen gefüllt hatten, zog ich nach.
Das Fest hätten sie für den Mai angesetzt. 14 bis 18 Gäste. Nach der Standesamtlichen ein üppiges Essen bei unserem Griechen, Spaziergang an den See, dort im Restaurant an der Brücke Kaffeetrinken, abends hier im Haus fröhliches Beisammensein, vielleicht etwas Musik. Sakko und Krawatte erwünscht. Kirchliche Trauung? Nein, überflüssiger Ballast.
Ich holte die obligatorische Flasche Sekt, wir stießen an auf die Einrichtung der Ehe und auf diese bevorstehende im besonderen.
Im März fragte meine Frau unsere Tochter, ob wir Freunden und Verwandten bei passender Gelegenheit schon mal Andeutungen machen dürften über das Ereignis im Mai. „Natürlich, das müsst ihr“, sagte meine Tochter, „aber Mai ist vorbei.“ „Also schon April?“ fragte ich. „Nein, mitten im Hochsommer, im Juli, wenn die Rosen noch und die Hortensien schon blühen, die Tage warm und lang sind. Aber nicht in diesem Jahr schon, das wäre nicht zu schaffen.“ Sie sah unsere ratlosen Gesichter und erläuterte: Sie hätten alles umgeworfen, das heiße, viel sei ja gar nicht aufgebaut gewesen, aber jetzt planten sie ein Fest, das dem Anlass angemessen sei. „Wir haben das Gerüst, das Gerippe, die Struktur im Kern. Nach dem augenblicklichen Stand kommen 207 Gäste. Wir feiern 5 Tage lang. Standesamtliche hier im alten Rathaus. Kirchliche im gotischen Dom St. Johannis, Weltkulturerbe. Da muss der Bischof mal ran. Sonst streichen wir diesen Programmpunkt. Und anschließend mit offenen Kutschen der große Festzug ins Schloss, bis dahin hoffentlich auch Weltkulturerbe. Da wird gefeiert bis über den Morgen hinaus!“ Meine Frau und ich verdauten schweigend.
Die Details wurden uns in den folgenden Monaten in Fülle mitgeteilt. Vieles ergänzte das schon Vorhandene, manches warf das wieder über den Haufen. Die Kreativität meiner Tochter öffnete ein Arsenal bunter, prächtiger, einmaliger Accessoires, mit denen man eine Agentur für die Gestaltung großer Hochzeitsfeste hätte auftun können. Allein der geeignete Ort für das Jawort: auf der Cheopspyramide, das Heer der Gäste lässig drumherum gruppiert auf den sich türmenden Quadern. Oder die Zeremonie auf den glänzenden Rücken der Quadriga über dem Pariser Platz. Oder im kleinen Sonderzug der DB, streng privatissime, vom Hbf zu einem Sonderhalt auf der Museumsinsel, wo Trauung hoch oben auf dem Pergamonaltar, Gäste darunter auf dem breiten Berg der Stufen lagernd, Nofretete wird als Trauzeugin herübergetragen. Auf dem Rand des gütig grummelnden Ätna, auf der sicheren Insel im Kreis der fauchenden Formel I, in der Halbzeitpause Borussia-Schalke, im Kreis der Kuppel über dem Plenarsaal mit dem zur Sitzung versammelten – diesmal vollzählig! – Parlament.
Schon bald entschloss ich mich, Buch zu führen, und manchmal schlich sich mir die Frage in den Vordergrund: Haben wir unsere eigene Hochzeit verpennt? Aber ich war glücklich, in der ersten Reihe die Geburt zu erleben einer perfekt geplanten Inszenierung eines extravaganten und spektakulären Events, mit dem das Herkömmliche als abgegriffene Standartware eines nüchternen Verwaltungsaktes demaskiert wurde.
Ich muss gestehen, dass ich anfangs Ängste empfand, schien es doch, als wachse etwas zur Lawine, die uns alle überrollen und verschlingen würde, und meine Frau vertraute sich mir an, ihr werde von zwei Befürchtungen die Vorfreude verdorben. Würden die Beiden sich in finanzielle Ausgaben stürzen, die sie für den Rest ihres Lebens zu Schuldnern machten? Und wenn die Eheschließung noch über ein Jahr warten müsste, sei doch die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass unser ersehnter und schon jetzt geliebter Enkel ein unehelicher werden könnte. Ich konnte sie beruhigen, denn für das finanzielle galt, beide waren Unternehmensberater. Und für das Baby: Die Beiden waren mit den Vorbereitungen so ausgefüllt, dass sie für nichts Anderes Zeit hätten.
Aber auch mich ließ das alles nicht kalt. Ich träumte drei- oder viermal – darüber führte ich kein Buch – den gleichen Traum. Ich sitze in einem prächtigen, schwach erleuchteten Konzertsaal, ich als einziger mitten im Parterre. In den Händen Stift und Tafel, die in wohl 20 gleich große Felder unterteilt ist, in deren linker oberer Ecke eine Nummer steht. Trompeten schmettern eine Ouvertüre wagnerschen Kalibers, von einem engen Lichtstrahl eingefangen, tänzelt ein allerliebster pausbäckiger Engel mit goldenen Locken auf die Bühne, hebt eine Tafel mit einer 1 über den Kopf und verschwindet flugs hinter dem Vorhang. Und da gleitet ein lebendes Bild herein. Hoch oben auf dem Scheitelpunkt einer prächtigen Brücke das ausnehmend glückliche Paar, links und rechts auf den Stufen freudig gestimmte Menschen, fast ausgelassen, alle in festlich-feiner Kleidung. Unter ihnen ein schier unentwirrbarer Gondelwust. Die Gondolieri rufen ihr Vivat hinauf, so voller Inbrunst, dass sie fast den Vivaldi des Kammerorchesters am Fuß der Brücke ersticken.
Mit einer lässigen Handbewegung bedeute ich dem Spektakel den Abgang, und sofort gleitet alles davon. Der Engel schwebt mit der 2 vorüber, gleich darauf kommt und so weiter und so fort. Schließlich der Kleine mit der goldenen Aufschrift Fines Operis, einige Herren in dunklen Anzügen schreiten herbei, ordnen sich zu einem Halbkreis, blicken zu mir herüber, mir wird klar, ich soll die Entscheidung geben, das Urteil fällen – der Schweiß bricht aus, die Luft wird knapp, gerade noch gelingt mir durch den Saal zu schreien:„Ich kann es nicht!“, meine Frau wischt mir den Schweiß von Stirn und Wangen, hat sich über mich gebeugt, fragt mich liebevoll: „Was kannst du nicht?“
Ich wollte mich mit der passiven Rolle des Zuschauers und bloßen Registrators nicht begnügen und bot meinem künftigen Schwiegersohn an, das Fotografieren zu übernehmen. Er klopfte mir auf die Schulter, nickte anerkennend und lobte mich, aber es sei ihnen schon gelungen, in ihren Bekanntenkreisen drei Kameramänner aufzutreiben und einen Fotojournalisten. Die würden das gesamte Geschehen vom Anfang bis zum Ende filmen und fotografieren und sofort nach dem Ende des Festes noch in der Nacht das gesamte Material sichten, schneiden und zusammenfügen und mit Musik garnieren. Aber wenn ich schon tätig werden wolle, ich könnte mir ja mein Outfit vornehmen. Ich wisse ja, die Kleiderordnung verlange Smoking und Zylinder. Ich gebe zu, dass ich aufatmete und gerade noch verhindern konnte, mich zu bedanken.
Im Hutgeschäft sagte ich freundlich: „Ich möchte einen Zylinder.“
Der Verkäufer sah mich ratlos an und fragte: „Einen was?“
„Einen Zylinder.“
Er grinste: „Mein Herr, man befindet sich hier in einem Geschäft für Kopfbedeckungen und nicht in einem Kostümverleih.“
Ich verließ ohne Gruß das Geschäft und bediente mich im Internet.
Den Smoking bekam ich ohne blöde Bemerkungen in einem Salon für gehobene Herrenkleidung. Die Preise entsprachen dem Attribut. Einige Tage später sah ich in der Lokalpresse das Angebot dunkler Anzug, Weste, zwei Hosen, dezent gemustertes Hemd und ebensolche Krawatte für 159,99 €. Für einige Wochen hatte ich den Spaß an meinem Smoking verloren.
Ein Element der geplanten Vorführung gefiel mir am besten. Einmal gab ich zu bedenken:„Und wenn es dann regnet? Oder gießt? Dann fallen die Abendkleider, Blumenbouquets, Zylinder, Schimmel und Kutschen einfach ins Wasser? Das ist Spiel mit dem Risiko als der besondere Kick?“
Meine Tochter wurde richtig böse. „Für wie blöd hältst du uns! Noch nie was von Silberjodit gehört? Mannomann, wenn gefährliche Wolken auftauchen, werden sie mit Silberjodit behandelt, und dann verhalten sie sich gesittet.“
„Nässen überhaupt nicht?“
„Kein Tropfen.“
„Kennst du etwa jemanden, der das schon einmal versucht hat?“
„Natürlich!“, sie wurde ungeduldig. „Bei der Olympiade in Peking 2008 die Eröffnungsfeier. Kein Regentropfen hat da was kaputtgemacht.“
„Eine letzte Frage …“
„Ja, los doch!“
„Also: Wie teuer ist … oder wie preiswert ist so ein Einsatz?“
„Mit einer fünfstelligen Summe müssen wir rechnen.“
Ich zog mir einen Stuhl heran.
„Aber für die Gäste ist das doch ein ganz besonderes Erlebnis. Nicht nur, dass sie trocken bleiben. Auch dabei zu sein, wenn es gemacht wird, zu sehen, wie es gemacht wird, ist doch aufregend!“
Ja, sie hatte Recht. Neben Frau Holle im Sessel sitzen und erleben, wie sie Wetter produziert. Live! Ich malte mir aus, wie am Horizont eine dunkelblau, violett geballte Wolkenmasse sich heraufschob, unheimlich lautlos oder auch mit donnernder Ouvertüre im Tiefflug über uns heranglitt – das Brautpaar, meine Frau und ich waren fast damit überfordert, hin- und her zu springen, um die hysterisch aufspringenden Gäste in die Gartensessel zurückzudrücken. Ein erhebendes Gefühl, dass ein paar Meter weiter oben einige militärisch ausgediente Kampfjets, eine Mirage, eine Phantom, eine MIG, in Tuchfühlung über das Brodeln der Wolkendecke kurvten, und durch die geöffneten Luken schaufelten starke Männer in Kampfanzügen der deutschen Luftwaffe dieses hellglänzende Silberzeug in die dunkelblaue Watte unter ihnen, wo es lautlos versank und in geheimnisvoller Weise seine Aufgabe erfüllte.
Und ich stand unten, lächelnd, locker, souverän. Ja, das sind die unseren da oben. Ich blickte in die Runde der kopfschüttelnden, ungläubig und ratlos, ja, dümmlich und blöde lächelnden Gesichter. Ich lauschte noch, als das Gewitterdonnern in der Ferne abzog und das Geheul der Maschinen schwächer wurde, während sie in elegantem, weitem Bogen abdrehten.
Von nun an hatte sich meine erwartungsvolle Vorfreude zur Hochspannung gesteigert. Wir hatten noch 7 Monate, bis der große Tag aus dem Ei schlüpfen sollte. Ich wünschte mir so sehr, es möge ein Tag mit dauerhaftem Landregen oder mit einer breiten Gewitterfront werden. Das war so spannend! Diese Hochzeit hatte einen neuen Akzent bekommen.
Am 1. Aprilsonntag trat meine Tochter mit forschem Schritt ins Haus, zog meine Frau und mich in die Sessel, ließ sich aufs Sofa fallen und verkündete, die Entscheidung sei gefallen. Endgültig. Die Hochzeit solle ja ein besonderes Ereignis werden. Abseits des Trends, es sei halt Mode in dieser Zeit, ein aufwendiges, kostspieliges, abenteuerliches Event von atemberaubenden Dimensionen aufzutürmen. „Was wir machen, hat in den vergangenen 10 Jahren niemand gemacht und wird uns in den nächsten 10 Jahren niemand nachmachen. Also: 12 Gäste, Standesamt am frühen Nachmittag, Spaziergang an den See, nach halber Strecke Kaffeetrinken im Café an der Brücke. Abendessen bei uns: Klare Suppe, Schweinebauch mit Rotkohl und Kartoffelklößen, Eis mit geschlagener Sahne. Ausklang: zwei alte Videofilme aus dem Familienfundus. Plaudern. So wird’s gemacht, bitte keine Widerrede. Und ihr könnt mir glauben: Das wird Aufsehen erregen, damit kommen wir groß raus. Ich bin ich.“
Ich unterließ die Frage, ob wenigstens die silbersprühenden Flieger zum Einsatz kämen und, ach ja, mein Smoking. Aber für ihn fiel mir sofort eine glänzende Lösung ein. Meine Frau hatte im Herbst gesagt, es sei peinlich, wenn die Nachbarn sähen, wie ich bei der Gartenarbeit meine alten Anzüge auftragen würde. Das sollte schon ab morgen sich ändern. Zumindest im Vorgarten. Wenn es nicht regnet.
Performance für alle
Es geschah mir im Flughafen Suvarnabhumi. In Bangkok. Dem internationalen, dem neuen Koloss. In einem der langen Gänge vom Gate zur Passkontrolle hastete er keuchend zwischen uns hindurch, überwand behände Familienzusammenballungen und unsicher sich aneinander drängende Touristen, legte sich in die Kurven, drehte dabei die rechte oder die linke Schulter nach vorn, schlängelte sich geschmeidig an allen vorbei, ohne jemanden ernsthaft zu touchieren. Er schien in solchen Slalomläufen trainiert, nahm das „Hey! Hey!“ und „Nono!“ hinter sich in Kauf. In der Schlange vor den Kabinen der Zollbeamten musste er sich eingliedern. Unruhig trat er von dem einen Bein auf das andere, blickte auf die Uhr, tat einen kleinen Ausfallschritt, um an der Reihe vorbei nach vorne zu blicken, schüttelte den Kopf. In der Hand hielt er den Pass, aufgeschlagen.
Fünf Minuten später sah ich ihn wieder – er war angekommen. Ein anderer geworden. Regungslos stand er da, nur die Rechte schob in kurzen Abständen eine Zigarette an den Mund. Dort ließ er etwas sich entwickeln, das dann als ein graues Weißes durch Mund und Nase hervorquoll. Liebevoll verfolgte er, wie es, sich sanft rundend und drehend, entschwebte. Dann richtete er den Blick auf eine unfassbare, unendliche Weite, entspannt dem Augenblick hingegeben. Das dauerte nicht lange. Er kehrte ins Hier und Jetzt zurück, er hob die rechte Hand zum Mund, schloss, um sich von nichts ablenken zu lassen, die Augen und nahm erneut einen tiefen Zug aus der Zigarette.
Ich bemerkte, dass er in einer Gruppe stand von Leuten, die in gleicher Weise kundtaten, dass sie ihr Glück gefunden hatten. Dicht gedrängt alle auf Tuchfühlung. Ansonsten kein Kontakt, kein Wort, kein Nicken, kein Blick.
Und alle, das war das Seltsamste, alle hinter Glas. Ein kleiner Raum, vielleicht 20 Quadratmeter, mit gläsernen Wänden. Sie reichten von den Füßen bis zum Hut. In der einen Ecke ein schmaler Zutritt. Weder Stuhl noch Sessel noch Sofa, nur Stehplätze. Aber das schien die da drinnen nicht zu stören. Sie strahlten eine tiefe, ungetrübte Zufriedenheit aus. Zwanzig oder dreißig mochten das sein, die den gläsernen Kasten bevölkerten. Nicht nur Männer, auch Frauen waren darunter, gar nicht so wenig, etwa zwanzig Prozent, eine Quote, die dem uns Gewohnten entspricht.
Diese Leute präsentierten sich als eine Mischung aus den verschiedensten Ländern, aus allen Kontinenten. Die Gesichter zeigten sich blass hellgrau, kernig braun, freundlich gelb oder bedrohlich dunkel, die Farbe der Haare reichte von nordeuropäischem Weiß oder Rot bis zum exotischen Schwarz. Ich sah Kleider und Kopfbedeckungen aus Arabien, aus Indien und aus unserem lieben Bayern, der Israeli stand neben dem Palästinenser, die ordenbeladene Brust des russischen Offiziers fügte sich neben das aufgeknöpfte Hemd des texanischen Farmers.
Sie blieben alle nicht länger als drei bis fünf Minuten. Aber durch die schmale Öffnung traten immer wieder neue hinein. Es war ein ständiges Kommen und Gehen in ungleichmäßiger Folge. Meistens kamen sie einzeln, aber hin und wieder zwei oder gar drei gemeinsam. Diese Fluktuation bewirkte, dass trotz leichter Schwankungen die Anzahl der Figuren annähernd die gleiche blieb.
Es war beeindruckend, mit welchem Eifer sie von allen Seiten her ihrem Auftritt zustrebten, behände, eilig, hastig, manche hektisch, immer ziel- und pflichtbewusst. Weder abzulenken noch aufzuhalten durch Caféstuben und Zeitungs- und Buchläden, Bars und Parfüms oder die Shops mit riesigen Batterien von Alkoholika aller Arten. Nicht einmal durch schöne Menschen beiderlei Geschlechts war ihr Tempo zu drosseln.
Trotz aller Unterschiede im äußeren Erscheinungsbild demonstrierten sie mit dieser Art, ihre Bühne zu erobern, dass Wesensgleiches sie verband. Das trat im Bühnenraum noch eindringlicher hervor. Gerade die großen Kontraste im Äußeren ließen das ihnen Gemeinsame sich so eindrucksvoll entfalten. Denn was auch immer sie sonst tun, denken, fühlen mochten, wie kontrastreich sie sich kleideten oder frisierten, hier zeigten sie Einheit, Gleichheit, vielleicht gar Brüderlichkeit. Sie hielten mit angewinkeltem rechten Arm in der Hand zwischen Zeige- und Mittelfinger die Zigarette, führten sie in kurzen Abständen an die Lippen, nahmen Arm, Hand und Zigarette zurück in die Ausgangsstellung, und bald darauf ließen sie die ansehnliche Qualmwolke aus Mund oder Nase oder aus beiden zugleich hervorquellen. Sie starrten irgendwo hin, offenbar ohne etwas wahrzunehmen, und dann wiederholte sich die Sequenz und wiederholte sich. Bis das Requisit verraucht und verbraucht war. Der Akteur lockerte dann seine steife Haltung, nahm Notiz von seiner unmittelbaren Umgebung und schob sich zwischen den Mitspielern hindurch zum Ausgang und verließ zufrieden, gefestigt, gestärkt die Bühne.
Drinnen nahm das Spiel gleichmäßig seinen Fortgang. Und als ich einige weitere Minuten zugeschaut hatte, wurde mir klar, dass nicht nur die Reduzierung der dargebotenen Handlung auf die knappen, synchron geschalteten Bewegungen alle Unterscheidungsmerkmale der Darsteller verblassen ließ. Auch der dicke, zähe Qualm, der wabernd, in zögerndem Kreisen und Schwanken das ganze Kabinett gleichmäßig ausfüllte, dämpfte Farben und Konturen, verschleierte Unterscheidungsmerkmale.
Ich begriff den tieferen Sinn der Darbietung: Der modernen Verherrlichung des Ich, seiner Subjektivität, seinem liberalen Selbstverwirklichungswahn in der eigenen Profilierung, in der Missachtung des anderen, in selbstverliebtem Streben nach Unterscheidung und Absetzung vom Du und Ihr wurde eine klare Absage erteilt.
Eine Absage aber auch dem Aufgehen des Einzelnen im alles verschlingenden Wir ohne Ich und Du. Niemand ist allein, aber nicht jene, das Individuum missachtende, selbstvergessene Hingabe an den großen Chor in der Fußballarena, auf dem Kirchentag, im Popkonzert.
Vielmehr wurde mir vor Augen geführt das friedvolle Nebeneinander von Individuen, die alles genießen, was sie brauchen, aber nichts gewinnen auf Kosten des anderen. Die alles unterlassen, was den anderen verärgern oder beschämen, herabwürdigen oder ins Nachteil setzen könnte.
Und nicht nur diese Idee machte mich glücklich. Ich bewunderte die Mittel, mit denen sie lebendig gemacht wurde. Keine dramatischen Dialoge, keine ermüdenden Monologe, nicht ein einziges Wort. Ein Minimum an Requisiten. Verzicht auf Kostüme und Kulisse, auf spektakuläre Beleuchtungseffekte, auf Balletteinlagen und auf Musik. In symbolhafter Verdichtung eine Reduzierung auf das Wesentliche, das sich gerade darum so eindrucksvoll mitteilen konnte.
Das war ein schöner Tag.
Nur einige Wochen später hatte ich wieder ein beglückendes Erlebnis. Auf einem Bahnhof unserer Republik. Ich wartete geduldig wie die anderen am Gleis 7 auf das Ende der Verspätungszeit meines Zuges und sah weit hinten ein Element der Unruhe. Ein Mann kämpfte sich heran, mal beängstigend dicht an der Bahnsteigkante, mal im Zickzack zwischen den Reisenden und Kofferstapeln hindurch. Als er an mir vorbeikam, sah ich sein von großer Konzentration und Anstrengung verzerrtes Gesicht, mit der Linken schleppte er sein Gepäck, mit der Rechten eine Zigarette. Zwanzig Schritte weiter tauchte er ein in eine Gruppe, über deren Köpfen der Rauch eines kleinen Schwelbrandes waberte.
Ich war alarmiert, machte mir mit einer Rücksichtslosigkeit, die ich an mir noch nicht kennengelernt hatte, den Weg frei zu jenem Ort. Tatsächlich, es war genauso wie auf Suvarnabhumi, die Performance auch hier. Nun ja, genauso war es nicht, denn auf die gläserne Ummantelung hatte man verzichtet und statt ihrer ein Rechteck hergestellt aus breiten gelben Streifen. Vielleicht um eine eigene Note zu bringen, vielleicht weil diese Lösung preiswerter war – die Bahn muss ja sparen. Aber das schränkte die Übereinstimmung nicht ein. Auch hier das geschäftige Kommen und entspannte Gehen, das Nebeneinander von ölbeflecktem Blaumann und grauem Nadelstreifen, von Student und Rentner, hier Bild, da FAZ unter den Arm geklemmt. Schulter an Schulter ein Einsinken in ein tiefes Glücksgefühl. Die Versöhnung des Pariser Parfüms einer sichtlich Begüterten mit dem Makrelenduft einer bescheidenen Fischverkäuferin, vermischt zu einer Kreation, die nur hier zu genießen war. Alles äußerlich zusammengehalten durch die gelbe Einfriedigung, innerlich verbunden durch die hingebungsvolle Darstellung eines Beisammenseins der Gleichgesinnten.
Nur Kinder, die durften offenbar nicht mittun. Zumindest noch nicht. Aber was soll’s. Der Andrang der Protagonisten war so groß, dass schon jetzt die Bühne fast zu klein war. Außerdem wären Kinder vielleicht nicht mit dem Ernst bei der Sache, den die Erwachsenen hier an den Tag legten.
Beifall auf offener Szene liegt mir nicht, dennoch ging es diesmal mit mir durch. Ich setzte meinen Koffer ab und klatschte kräftig. Die Umstehenden sahen mich verwundert an, mehrere aus dem Karrée starrten befremdet zu mir herüber, und einer überschritt die gelbe Linie und kam mit großen, energischen Schritten und brennender Zigarette stracks auf mich zu, nahm eine drohende Haltung ein und fragte gereizt, was mir einfalle, ob ich Streit suche. Er sprang heraus aus seiner kontemplativen Rolle und schrie mich an, ob ich eine Tracht Prügel wolle. Ich hob besänftigend die Hände und bat, meine Störung der Veranstaltung zu entschuldigen. Ein uniformierter Bahnbeamter tauchte auf, mein Gegenüber merkte, dass er das brennende Requisit noch in der Hand hielt, und kopfschüttelnd ging er in die Einfriedigung zurück.
Ich schämte mich, dass ich unbeherrscht wie ein arger Kunstbanause dazwischengefahren war. Dann wurde mir an der Reaktion des Mannes bewusst, mit welchem Ernst er sein Spiel betrieben und wie sehr ihm meine Störung zugesetzt hatte. Chapeau, dachte ich erfreut und nickte anerkennend hinüber.
Was für Menschen waren das, die da so einsatzfreudig und gewissenhaft am Werk waren. Welcher kreative und kunstsinnige Kopf hatte dieses Oeuvre ersonnen, wer hatte es in Szene gesetzt. Weltweit! Und völlig uneigennützig. Eintritt frei, keine Blechdose, kein Hut.
Als ich im anfahrenden Zug langsam an ihnen vorbeifuhr, hob keiner von ihnen den Blick zu mir hinauf, so versunken waren sie in ihrem Spiel. Und du, sagte ich mir, du bist nicht dabei, weder hier noch in Bangkok. Ich fasste spontan den Entschluss: Ich habe noch nie geraucht, aber jetzt fange ich an, und dann überschreite ich die gelbe Grenze und trete ein in das Glashaus, und schon bin auch ich ein Lebenskünstler!
Die Letzten können die Ersten sein
Ich helfe gern. Auch im Haushalt. Ja, selbst da. Natürlich bei der einen Arbeit lieber als bei der anderen. Zur letzteren Art gehört das Einkaufen. Dabei bietet diese Beschäftigung durchaus mehrere Annehmlichkeiten. Sie schmutzt nicht, ich befinde mich immer im Trocknen oder im Schatten, einfühlsame Musik umschmeichelt mich, und manchmal treffe ich Bekannte. Und ich muss keinen Kittel tragen. Zudem bewege ich mich zwischen den Regalen sehr routiniert, gehöre nicht der Gruppe jener Männer an, die, den Einkaufszettel am angewinkelten Arm 40 cm vor der Brust, mit irrem Blick auf verzweifelter Suche nach einem Produkt durch die Gänge hasten, wobei sie ihren Einkaufswagen als Rammbock vor sich herstoßen und die Grundregel Rechtsvorlinks missachten. Nein, ich habe im Sektor Einkaufen schon so oft geholfen, dass ich weiß, wo Bunter Zuckerstreusel und Geriebener Emmentaler, Basmatireis und Papiertaschentücher ihren Platz haben.
Meine Frau hat alles auf einen Zettel geschrieben, so wie es ihr eingefallen ist, teils der plötzlichen Eingebung, teils dem Zwang einer konkreten Mangelsituation folgend. Sie legt fest, ich führe aus.
Wenn die Stunde des Aufbruchs für mich gekommen ist, nehme ich diesen kreuz und quer und in Blau, Schwarz und Rot schwungvoll beschriebenen sowie küchenmäßig angeschmuddelten Zettel und begebe mich in die Ruhezone meines Schreibtisches und ergreife einen makellosen weißen, glatten Bogen und schreibe alles noch einmal ab. Nicht weil mich der Fettfleck stören würde, nein, nein, ein Spießer bin ich nicht. Ich schaffe vielmehr Folgendes: Die ungeordnete Sammlung bringe ich in eine Ordnung. In ein sinnvolles, praktisches System. Einen Führer durch den Irrgarten des Konsums. Ein Navigationssystem für Konsumenten. D. h.: Ich schreibe Butter, Zucker, Milch und Mehl in der Reihenfolgeuntereinander, wie sie in meinem Supermarkt angeordnet sind, vom Eingang durch das rechtwinklige Labyrinth bis zu den Kassen. So etwas spart Zeit, schützt vor jenem lächerlichen hechelnden Herumhasten. Gibt Übersicht und Selbstbewusstsein. Ich bin abgesichert.
So macht der Einkauf Freude. Ich arbeite das Programm ab, nicht überhastet, aber zügig, konzentriere mich auf die Vorgaben meines Zettels und bin stolz, auf diese Weise gegen alle Verführungen gewappnet zu sein, hier noch eine Tafel Edelbitter, dort zusätzlich eine mit Zimt verfeinerte Pflaumenmarmelade aufzuladen.
Dann aber kommen Ort und Augenblick, die zu beherrschen mir nicht gegeben ist (zumindest noch bin ich nicht so weit): das Gelände vor den fünf Kassen. Wenn an jeder eine junge Dame ihr Werk verrichtet, ist alles gut. Und wenn ich dabei manchmal an einen jungen Mann gerate, der meine Einkäufe gezielt über den Scanner schiebt, enttäuscht mich das nicht, ich bin ja zum Arbeiten hier. Aber heute muss ich beim Einkurven in den Aufmarschplatz einmal wieder zur Kenntnis nehmen, dass die Lage an diesem kritischen Punkt just in diesen Minuten nicht unproblematisch ist, vielmehr sich krisenhaft zugespitzt hat. Nur die Kassen Nr. zwei und Nr. vier sind bestückt mit je einer Kassiererin. Also zwei Schlangen, lange Schlangen. Zu lang. Einen Rückzug in die Warteschleifen der bergenden Schluchten aus gestapelten Waschmitteln oder Feingebäck verbietet die Selbstachtung. Und dann ist es soweit. Die Kassiererin hinter Kasse zwei beugt sich vor, schätzt die Schlangenlänge und kommt zum gleichen Ergebnis wie ich: zu lang.
Damit man mich richtig versteht: Nicht weil ich die mit der Ordnung auf meinem Zettel herausgeschlagenen sechs Minuten wieder verliere, ist sie mir zu lang. Das nähme ich gern in kauf, bliebe mir erspart, was nun zwangsläufig seinen Lauf nimmt von elektrisierender Unruhe bis zum explodierenden Chaos. Die Kassiererin nämlich ergreift noch im Zurücklehnen ihr Mikro, zieht es zu sich heran und spricht die bedeutungsschweren Worte „Kasse bitte!“. Alle sind mit einem Schlag hellwach. Wann kommt die dritte Kollegin? Aus welchem Gang kommt sie? An welche Kasse geht sie? Kundinnen und auch Kunden mit Einfallsreichtum und Routine dirigieren ihren Wagen in zentimeterkurzem Vor- und Zurückschieben um ein Stückchen zur einen Seite hinaus, und selbst stellen sie sich schräg neben das Gefährt auf die andere, sodass Hinterfrau und Hintermann nicht ohne Umweg schnurstracks an ihnen vorbeischießen können. Ein anderes bewährtes Mittel ist das Ausfahren der Ellenbogen durch Abstützen der Arme auf den Hüften. Wer noch jung oder einfach nur physisch stabil ist, verlässt sich auf sein Reaktionsvermögen, seine Schnelligkeit und Stoßkraft. Die Neue könnte ohne Umwege und -schweife einen der leeren Kassenplätze ansteuern und dort Platz nehmen. Sie bremst aber plötzlich ab und macht eine Kehrtwendung, um noch ein Wort zu wechseln mit einer ihrer beiden Kolleginnen. Unter uns hat der unübersichtliche Bewegungsablauf der jungen Frau mehrere zu Fehlstarts verleitet mit daraus resultierendem Rückstau, der zu kleineren Verwerfungen führt mit ersten Bodychecks. Aber da die im Rahmen des Unvermeidlichen bleiben, nimmt keiner übel, verteilt und erwartet niemand über beiläufig Gemurmeltes hinaus ernst gemeinte Entschuldigungen., Zumal der Blick alleweil nach vorn gerichtet bleibt. Bleiben muss. Konzentriert auf den Augenblick, da die da vorn sich setzt. Sie tut es. Das ist der Startschuss: In Drängen und Schieben, Stoßen und Stürmen explodiert die angestaute Energie im entschlossenen Kampf um einen der vorderen Plätze der neuen Reihe. Fast lautlos wird gekämpft, schweigend, aber verbissen. Auch du hast eine Chance, also los, nutze sie, sage ich mir. Aber ich bleibe mal wieder eher passiv, lasse mich unentschlossen stoßen, drängen, schieben, hierhin und dorthin. Autoscooterei. Nicht einmal auf dem Jahrmarkt mag ich das. Alten Mitbürgern und Kindern bleibt nichts, als den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen, die Füße in den Steinfußboden zu bohren und den Griff des Einkaufswagens zu umklammern. Der zurückhaltende Mensch aus der Querstraße, mit dem ich in der vergangenen Woche so nett über Farbe und Duft der neuen Rosenzüchtung geplaudert habe, zieht mit dynamischem Antritt an mir vorbei. Auf der rechten Spur!
Dieses Erdbeben dauert nicht länger als zwanzig Sekunden. Dann ist die Harmonie einer neuen Menschenkette nebst fahrbaren Vorsätzen aus entfesselten Urkräften geboren, die wir längst gebändigt wähnten. Den ersten da vorn im neuen Glied sehe ich auch von hinten die Freude darüber an, dass sie mit eigener Kraft das Wort umzusetzen vermochten, die Letzten würden die Ersten sein. Derweil pendelt ganz hinten das Nachbeben in gesittetem Aufrücken und friedlichem Ausgleich unterschiedlicher Längen der drei Stränge harmlos aus.
Die Ordnung in meinem Wagen ist etwas derangiert, gewisse Verschiebungen zwischen Gemüse und Backwaren und das Türmchen aus Joghurtbechern ist eingestürzt, aber das kriege ich beim Aufsetzen auf das Laufband wieder hin.
Ich trete ins Freie, die Sonne scheint in meinen gefüllten, übersichtlich gepackten Wagen, ich habe den Tumult ohne nennenswerten Schaden überstanden. Es ist schön, eine Aufgabe zur eigenen Zufriedenheit gelöst zu haben. Im Schutz des aufgeklappten Kofferraumdeckels reibe ich unauffällig in zart massierendem Auf und Ab die Stoßstelle am Steiß, es ist nicht arg. Voriges Mal der Schlag gegen den Hüftknochen war schlimmer, sogar ein kleiner Bluterguss. Oder im März die Abschürfung an der rechten Achillessehne nebst Loch im Socken.
Statistisch gesehen, habe ich nun 4,7 Einkäufe ohne Turbulenzen vor mir. Und dazugerechnet werden kann, dass meine Frau so ungefähr jeden fünften Einkauf tätigt.
Doch, ich helfe gern.
Back to the roots
Freund Herbert hatte es so erfasst: „Das Archaische kommt wieder heraus. Der Homo Heidelbergensis in Dir wird erweckt. Wird hellwach sein. Renaissance des Animalischen. Verstehst Du?“ Er sprang auf und stellte sich breitbeinig vor mich, hob beschwörend die Hände. „Verstehst Du mich? Du wächst empor zum das Feuer zügelnden, die Flammen zähmenden Prometheus. Das Urelement sich zu Diensten zwingen – Junge, das ist es, das ist Leben!“ Sein Unterkiefer schob sich nach vorn, die Lippen entblößten die Zahnreihen, eine dicke Haarsträhne glitt vor die Stirn, die Augen glühten, mir wurde Angst.
Meine Frau versuchte, Ehrgeiz und Ehre anzusprechen. „Alle machen es“, sagte sie. „Nur wir nicht“, sagte ich und straffte meine Haltung. „Das ist es ja“, setzte sie nach. „Das ist es ja. Willst du zum Außenseiter werden? Zum verspotteten Sonderling?“ In diesem Falle dachte ich „Ja“ und sagte: „Nein, das natürlich nicht. Aber diesen Rückfall in primitive Urzeiten mache ich nicht mit!“ Und ich sah das Bild, wie ich als kleiner Junge eine kleine Kuhle ins Feld buddelte, Steine ringsherum legte, mühsam zwischen ihnen einen Haufen aus Holzabfall, Papier und Lumpen entzündete und dann mit tränenden Augen die aufgespießten Kartoffeln darüber hielt. Und als ich nach Haus kam, schimpfte meine Mutter: „Wie kann man sich nur so einsauen!“ Meine Frau war sichtlich empört: „Primitiv? Primitive Urzeiten? Ein Grill, das ist heutzutage ein bis ins letzte ausgeklügeltes technisches System. Also morgen kaufen wir einen Grill!“ Ich stampfte mit dem Fuß auf und setzte den Schlusspunkt: „Morgen nicht und nie!“
Am späten Nachmittag des folgenden Tages fuhren wir also zum Fachhändler. Auf dem Parkplatz machte ich noch einen Versuch. „Wenn es alle machen“, sagte ich, „dann kannst du es ja übernehmen.“ „Hast du schon eine Frau beim Grillen gesehen“, empörte sie sich, „für den Mann ist das die Rückkehr zu den Wurzeln, die Rückbesinnung auf …“ „Also doch der Rückfall ins Archaische?“, nahm ich reaktionsschnell den Pass auf. „Du suchst Streit“, sagte sie und stieg aus.
„American outdoor living“ prangte über dem Eingang, darunter „Grillen war gestern“ – was mich einen kaum unterdrückten Jubelschrei entfahren ließ, dem aber der folgende Satz den Boden entzog: „ … heute ist Barbecue!“ Was genau damit gemeint war, wusste ich nicht, aber es verhieß nichts Gutes, und ich dachte, es wäre vielleicht besser gewesen, wenn wir schon gestern gekommen wären. Ein Herr in grünen Hosen, die ihm knapp über die Knie reichten, und mit einer grünen Schürze vor dem Bauch führte uns in einen weitläufigen Raum, der gefüllt war mit einer Fülle unterschiedlicher blitzender Gerätschaften nebst etlichen künstlichen Palmen. Der Beschürzte hatte schnell erfasst, dass er mit uns Anfänger zu behandeln hatte. „Dann fangen wir mal ganz von vorne an“, sagte er und rieb sich die Hände, froh offenbar, eine richtige Aufgabe vor sich zu haben. Er holte Luft und begann gestenreich die Einführung in sein Reich.
Ich hatte nach wenigen Minuten Übersicht und Zusammenhang verloren, und er wandte sich zunehmend mehr und schließlich nur noch meiner Frau zu. Die machte sich auf ihrem Schreibblock Notizen, und er dozierte über Grill und Smoker, Iron Cooking und Grilling Topp, über Grill Baskits und Tools und Togs. „Unser Smoky Joe Silver“, schwärmte er und legte liebevoll die flache Hand auf ein glänzendes, futuristisches Gebilde, das so aussah, wie ich mir ein Raumschiff aus fernen Galaxien vorstellte. „Mit der seitlichen Feuerbox bieten sich Ihnen die verschiedensten Grillmethoden für eine genussreiche Zubereitung ihres Grillguts“, pries er, und ich dachte, das ist ein großes Versprechen, befürchtete aber, dass er sich versprochen und nicht die Zubereitung, sondern das Zubereitete als genussreich deklariert habe. „Grillen Sie mühelos für bis zu 18 Personen“, stellte er das nächste Objekt vor, und bei „mühelos“ horchte ich wieder auf.
Und er zeigte farbig angepasste Seitenteile aus Aluminiumguss und feststellbare Lenkrollen an stabilem Untergestell aus Rundrohr mit grifffesten Kunststoffrädern sowie Grill-out-Grifflicht und fixierbare Lenkrollen – ich war beeindruckt, mit dergleichen kann mein Auto nicht aufwarten. Und der Schürzenmann steigerte sich in einen Rausch aus höhenverstellbarem Feuerrost mit variabler Luftzufuhr, aus doppelwandigen Deckeln von Edelstahl mit Zierleiste und glasfaserverstärktem Duroplastgriff, aus justierbaren Lüftungsscheiben und einem in die Grillhaube mittig integrierten Thermometer.
Meine Frau nickte beeindruckt und anerkennend, fast ehrfurchtsvoll. Dann wandte er sich noch einmal mir zu und runzelte die Stirn, schien einen Augenblick zu überlegen, welcher Information es noch bedürfe, mich gleichfalls zu gewinnen, und plötzlich schien ihm einzufallen, welche Taktik mir angemessen sein dürfte, denn sein Gesicht strahlte. Er kam einen Schritt auf mich zu, legte seine Rechte auf meine Schulter und ballte die andere zur Faust.„Das ist unser Revier“, raunte er, und mit einem Seitenblick auf meine Frau: „Nur unseres. Da ist der Mann noch Mann.“ Er lockerte die Faust und wies mit weit ausholender Bewegung über das Raffinement seiner Apparaturen, wobei er schwärmte: „Da kann die Tür zum unverfälscht Ursprünglichen viel tausendjähriger Lebensweise noch geöffnet werden.“
An die Mauer war ein großes Plakat geklebt, „Grillmeisterschaft 2015 – teilnahmeberechtigt am Wettbewerb des Deutschen Grillverbandes sind volljährige Personen mit Wohnsitz in Deutschland. Die Vorentscheidungen …“ „Kann man sich hier bei Ihnen anmelden?“, fragte ich artig, um überhaupt auch etwas zu sagen. „Das ist in diesem Jahr für Dich noch zu früh“, fuhr meine Frau dazwischen. „Aber Du wirst sehen, schon im nächsten Jahr bist Du bestimmt so weit.“ Er klopfte mir anerkennend auf die Schulter.
Während meine Frau die Entscheidung traf und zahlte, schweifte mein Blick noch einmal über das Barbecueparadies, und mir wurde klar: „So also haben die damals in Heidelberg gelebt.“
Am Abend nahm ich die Gebrauchsanweisung mit ins Bett, fand auf dem Kopfkissen in mit einer Schleife anmutig umwickeltem Geschenkpapier das Büchlein „Der kleine Grillmeister“ und las abwechselnd in beiden bis in die späte Nacht hinein. Am Nachmittag des nächsten Tages gelang es mir unter dem Vorwand quälender Zahnschmerzen, das Büro früher zu verlassen. Ich kaufte zwei Würstchen und einen Maiskolben für meine Generalprobe, wurde aber durch ein heftiges Gewitter auf die theoretischen Studien zurückverwiesen.
Vom dann folgenden Ernstfall ist nichts Ruhmreiches zu berichten. Das Raffinement meiner Ausrüstung überforderte mich, statt mir zu helfen. Schon bei der Aufgabe, das Monstrum zusammenzusetzen, war ich über das Befreien der Einzelteile von Papp-, Kunststoff- und Plastikummantelungen nicht hinausgekommen – unserem Nachbarn sei an dieser Stelle noch einmal von ganzem Herzen gedankt. Man hätte noch einen freien Vorbereitungstag haben sollen, um etwas Distanz und Ruhe zu gewinnen, einen freien Tag für Sammlung, Konzentration und Rekapitulation, aber es ist immer wieder derselbe Fehler: Man lernt für die Prüfung bis zum letzten Augenblick.
Ich war noch hektisch mit dem Aufstellen und Zurechtrücken der Utensilien beschäftigt, da hörte ich das Klingeln an der Haustür, und dann versammelten sich die männlichen Gäste, Fachleute der eine wie der andere, in engem Kreis um mich und meine Arbeitsgeräte und mein Grillgut. Eine Phalanx strenger Prüfer. Mein kleines bisschen Mut verrieselte im Rasen. Sie aber ließen mich hochleben als einen der ihren, der Spätentwickler nun endlich doch in ihrer Mitte, und sie banden mir ihre Gabe, eine alberne Schürze, um den Körper, bunt und mit Insignien des Grillhandwerks bedruckt. Und die Gaben der guten Ratschläge dieser langjährigen Profis fielen auf mich herab, ich erhaschte „Marinade doch nicht vor dem Grillen“, „vergolden statt verbrennen“, „Benspyren“, „Holzkohlengrill und Kugelgrill“, „Fleisch nur nicht in die Flamme.“ „Komm“, sagte einer zu mir, legte das Jackett über den Liegestuhl, streifte die Ärmel unter die Achselhöhlen, „Komm Junge, da packen wir alle an!“ Er rieb sich die Hände, ein anderer entwand mir die Zange. Zwei stürzten sich auf die Schüsseln mit den Schweinenackensteaks in Paprika und Knoblauch und mit den Rib-Eye-Steaks, einer auf die Rostbratwürstchen, ein vierter auf die Spareribs, ich wollte schon bescheiden zurücktreten, da schritt energisch meine Frau ein, rief mit ausgebreiteten Armen „Zurück, zurück, das Spiel mit dem Feuer lässt er sich nicht aus der Hand nehmen!“, und murrend kapitulierten sie. Sie aber flüsterte mir aufmunternd ins Ohr: „Und wenn du das dann gut gemacht hast – wir wollen mal sehen, was dem Weihnachtsmann dazu noch so alles einfällt“, und sie stieß mich mit einem mittelschweren Knuff zwischen die Schulterblätter in den Ring.
Was sich dann an meinem Arbeitsplatz abspielte, stand in krassem Widerspruch zu der Barbecueverheißung im chromblitzenden Saal vor zwei Tagen – fettige Ascheflocken auf Kleidung und Haar, beißender Rauch in den Augen und in der Nase ein penetranter Geruch von Schweiß und verbranntem Fleisch, zu dem auch die gefährdeten Bereiche meiner Hände gehörten. Hustenanfall. Das also war der verheißene Salto rückwärts zu den Heidelbergern im Neandertal. Und die neue Grillschürze wies schon nach kurzer Zeit ein Brandmal auf. Der Kampf mit Auflegen, Wenden, Würzen, Bestreichen, Abnehmen, Gluthüten gehört zum Aufregendsten des vergangenen Jahres. Wenn ich die Steaks bestrich und bestreute, ermahnte meine Frau mich, die Höhenverstellbarkeit des Feuerrosts nicht zu vergessen, und wenn ich die stufenlos verstellbare Luftzufuhr regulierte, wies sie mich an, endlich das Bier über die Koteletts zu träufeln. Mal fiel was auf den Boden, mal vergaß ich das Curry, mal qualmte ein Stück verkohlt an einem Ende und glänzte blutig am anderen, und die in Folie verpackten Kartoffeln vergaß ich allesamt. Je länger es dauerte – und es dauerte lange – umso flächendeckender überzogen Rußpartikel und Tropfen und Spritzer in einer ekelhaften Kombination aus Fetten und Marinaden, Öl, Schweiß und Rotwein meine Kleidung, meine Hände, mein Gesicht. Dass ein gewisser Prometheus sich aufmüpfig erkühnt hatte, dieses menschenfeindliche Element gegen den Willen der Oberen von oben herunterzuholen und uns als großes Geschenk zu übergeben, brachte ihm, völlig zu Recht, die qualvolle Bestrafung durch die beleidigten Götter ein, aber diese, so sinnierte ich, war noch viel zu milde, ich hätte ihn zu lebenslanger Sklavenarbeit am Grill verdammt. Als der Kampf beendet war, raunte meine Frau mir ins Ohr: „Wie kann man sich nur so einsauen?“
Die Nacht gewährte mir nur einen aus Erschöpfung und nervöser Überreizung gemischten unerquicklichen Schlaf, durchsetzt mit überflüssigen Träumen. Ich erspähte unter den Zweigen des Weihnachtsbaums den Wälzer „Grillen für Fortgeschrittene“. Ich hockte als kleiner Junge vor zwei Steinen, zwischen denen auf artiger Glut drei Kartoffeln zischten, ohne gierige Zuschauer vom Fach und ohne Grill-out-Grifflicht und Lüftungsscheiben. Und ohne meine Frau. Dann wieder lümmelte ich mich gemütlich, ein Glas Rotwein in der Hand, auf einem Küchenstuhl vor dem Herd, der die leckersten Gerüche eines brutzelnden Bratens entweichen ließ.
Im frühen Morgenlicht las ich in der Küche auf dem Kalenderblatt die Weisheit für den Sonntag: „Wer spricht von Siegen – Überstehn ist alles. Rainer Maria Rilke.“ Gut der Mann.
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