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Die Autorinnen

Prof’in Dr’in Beate Aschenbrenner-Wellmann lehrt seit 2004 mit den Schwerpunkten Soziale Arbeit und Migration sowie Gemeinwesen- und Sozialraumorientierung an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Sie ist Leiterin des Instituts für Antidiskriminierungs- und Diversityfragen und wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Fort- und Weiterbildung. Sie ist Dipl. Sozialpädagogin (FH), M. A. Ethnologie, Soziologie und DaF sowie promovierte Erziehungswissenschaftlerin.

Lea Geldner ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Antidiskriminierungs- und Diversityfragen und Lehrbeauftragte für den Themenbereich Interkulturalität, Migration und Integration. Sie ist Religions- und Gemeindepädagogin (B. A.) und Sozialarbeiterin (B. A.) und verfügt außerdem über einen Abschluss M. A. Soziale Arbeit.

Beate Aschenbrenner-Wellmann Lea Geldner

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-033068-9

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-033069-6

epub: ISBN 978-3-17-033070-2

mobi: ISBN 978-3-17-033071-9

Inhalt

1  Einleitung

2  Teil I: Von den klassischen Differenzkategorien zu Bedeutungs- dimensionen und Ebenen der Diversität – die Entwicklung eines analytisch-reflexiven Modells

3  Einleitung Teil I

4  1 Rahmenbedingungen der Diversität

5  1.1 Diversität in der Sozialen Arbeit

6  1.2 Ambivalenz und Vielfalt in der Postmoderne

7  2 Lesarten und Bedeutungsdimensionen von Diversität

8  2.1 Begriffsannäherungen

9  2.1.1 Diversität im angloamerikanischen Raum mit Fokussierung auf Managing Diversity (MD)

10  2.1.2 Diversitäts-Mainstreaming im deutschsprachigen Raum

11  2.1.3 Diversität außerhalb des ökonomisch-organisa- torischen Kontexts: machtsensible Diversitätsansätze im Kontext des Sozialen

12  2.2 Bedeutungsdimensionen

13  2.2.1 Diversität als Unterschiede und Gemeinsamkeiten (deskriptiv-klassifizierende Bedeutungsdimension)

14  2.2.2 Diversität im Anerkennungs- und Gerechtigkeitsdis- kurs (normativ-regulierende Bedeutungsdimension)

15  2.2.3 Diversität als Chance oder Belastung (evaluative Bedeutungsdimension)

16  2.2.4 Diversität und soziale Ungleichheit (ungleichheits- kritische Bedeutungsdimension)

17  2.2.5 Diversität und gesellschaftlicher Zusammenhalt (integrationspolitische Bedeutungsdimension)

18  2.2.6 Diversität als Lehr- und Lernherausforderung (didaktische und entwicklungsbeeinflussende Bedeutungsdimension)

19  2.3 Exkurs: Notwendigkeit einer intersektionalen Betrachtung von Diversität

20  3 Der Umgang mit Diversität auf verschiedenen Analyse-Ebenen

21  3.1 Die Ebene des Individuums

22  3.2 Die Ebene der Gruppe

23  3.3 Die Ebene der Organisation

24  3.4 Die Ebene des Sozialraums

25  3.5 Die Ebene der Gesellschaft

26  4 Anerkennende Strategien und Praxen des Umgangs mit Vielfalt

27  4.1 Beobachtung, Minimierung, Akzeptanz, Maximierung

28  4.2 Ambivalenz-Kontrolle und Ambivalenz-Akzeptanz

29  4.3 Dekonstruktive Perspektiven

30  4.4 Die Bedeutung der ungleichheits- und struktursensiblen Haltung im Anerkennungsdiskurs

31  4.5 Kritisch-reflexive Haltungen als Voraussetzung für erfolgreiche Praxen

32  5 Grenzen der Vielfalt – Die Funktionsweisen von Ausgrenzungs- mechanismen und Soziale Arbeit als Grenzgängerin

33  6 Zwischenfazit

34  7 Literaturverzeichnis

35  Teil II: Vom interkulturellen zum diversitätsorientierten Lernen mit heterogenen Gruppen – fokussiert am Beispiel der Gemeinwesenarbeit (GWA)

36  Einleitung Teil II

37  Teil A: Theorie

38  8 Begriffsannäherungen

39  8.1 Interkulturalität

40  8.2 Vom Interkulturellen zum Diversitätsorientierten Lernen

41  Teil B: Theorie und Praxisverknüpfung

42  9 Zentrale Themenfelder des Interkulturellen und Diversitäts- orientierten Lernens

43  9.1 Von der Interkulturellen Kompetenz zur Diversitäts- kompetenz

44  9.2 Interkulturelle und diversitätsorientierte Haltung

45  9.3 Partizipation und Teilhabe

46  9.3.1 Partizipation

47  9.3.2 Teilhabe

48  9.4 Interkulturelle Begegnungen und Kommunikation

49  9.5 Antidiskriminierungsarbeit am Beispiel des Anti-Bias-Ansatzes

50  Teil C: Praxis

51  10 Interkulturelles und Diversitätsorientiertes Lernen am Beispiel der Gemeinwesenarbeit (GWA)

52  10.1 Annäherung an den Terminus Gemeinwesenarbeit (GWA)

53  10.2 Chancen und Herausforderungen im heutigen Gemeinwesen

54  10.3 Interkulturelles und Diversitätsorientiertes Lernen in der Gemeinwesenarbeit (GWA)

55  10.3.1 Ebene der Fachkräfte

56  10.3.2 Strukturelle Ebene

57  10.3.3 Mesoebene im Gemeinwesen am Beispiel öffentlicher Räume

58  10.3.4 Beispiel zur Durchführung einer interkulturellen und diversitätsorientierten Lerneinheit

59  11 Literaturverzeichnis

60  Teil III: Diversität in Organisationen – Ein Change-Prozess von der Monokultur zur Inklusiven Diversität

61  Einleitung

62  12 Ausgangslage und Zielsetzung

63  Teil A: Theoretische Grundlagen

64  13 Begriffsannäherung Diversität im Kontext von Organisationen

65  14 Zentrale Indikatoren der Organisationsentwicklung

66  14.1 Organisationskultur

67  14.2 Führungskraft

68  14.3 Individuum und Team

69  15 Diversität in Organisationen

70  15.1 Wieviel Vielfalt braucht eine Organisation?

71  15.2 Diversitätsmanagement (DiM), Managing Diversity (MD) oder Diversitäts-Mainstreaming?

72  16 Begriffsannäherung zu Resonanz in Bezug auf Diversität und Organisationen

73  16.1 Resonanz als Beziehungsmodus

74  16.2 Resonanzachsen, Resonanzräume und Resonanzdrähte in ihre Wechselwirkung

75  16.3 Resonanzperspektive als abschließende Form des Change-Prozesses

76  17 Zusammenfassende Bewertung des bisherigen Forschungstands und Konzeption des Change-Prozesses »Von der Exklusiven über die Integrative zur Inklusiven Diversität«

77  Teil B: Forschungsteil: Change-Prozesse in Non-Profit-Organisationen (NPOs)

78  18 Forschungstheoretischer Rahmen

79  18.1 Forschungsdesign

80  18.2 Empirische Erhebung

81  18.3 Auswertungsstrategie

82  19 Ergebnisse der empirischen Forschung

83  19.1 Phasenmodell der Organisationskultur: Zusammenfassende und strukturierte Darstellung der Interviewinhalte

84  19.2 Phasenmodell der Diversität: Zusammenfassende und strukturierte Darstellung der Interviewinhalte

85  19.3 Phasenmodell der Resonanzausprägung: Zusammenfassende und strukturierte Darstellung der Interviewinhalte

86  19.4 Überprüfung der Hypothesen des Change-Prozesses

87  19.5 Chancen und Herausforderungen von Vielfalt in Organisationen

88  Teil C: Schlussbetrachtung

89  20 Überlegungen zu einem Auditierungsverfahren für den Change-Prozess von Vielfalt in Organisationen

90  21 Fazit und Ausblick

91  22 Literaturverzeichnis

92  Anhang

93  Tabellen- und Abbildungsverzeichnis, Abkürzungsverzeichnis

94  Tabellenverzeichnis

95  Abbildungsverzeichnis

96  Abkürzungsverzeichnis

97  Anlagen

98  Anlage 1: Indikatorenkatalog Kulturphasen

99  Anlage 2: Indikatorenkatalog Diversitätsausprägung

100  Anlage 3: Indikatorenkatalog Resonanzausprägung

101  Anlage 4: Überarbeiteter Indikatorenkatalog Organisationskultur

102  Anlage 5: Überarbeiteter Indikatorenkatalog Resonanzausprägung

Einleitung

»Wir leben in einer pluralisierten Gesellschaft. Das ist nicht nur ein relativ neues Faktum. Das ist auch ein unhintergehbares Faktum: Es gibt keinen Weg zurück in eine nicht-pluralisierte, in eine homogene Gesellschaft. Das ist eine einfache Feststellung. Nicht ganz so einfach ist die Klärung der Frage, was das genau bedeutet« (Charim 2019: 11). Homogen ist eine Gesellschaft nicht, wenn es keine Unterschiede zwischen den Menschen mehr gibt, sondern wenn diese als nachrangig angesehen werden. Wie gehen wir mit der bestehenden Unterschiedlichkeit in der gegenwärtigen Zeit in einer von starken Wandlungsprozessen gekennzeichneten, postmodernen Gesellschaft um? Diversität und Diversitätsmanagement (DiM) haben in diesem Zusammenhang seit einigen Jahren Einzug in die bundesrepublikanische Diskussion über Gleichstellungspolitik, Antidiskriminierungsarbeit und in Praxiskonzepte der Sozialen Arbeit zur Überwindung von Ausgrenzung und Benachteiligung von Minderheiten gehalten. Die Wertschätzung von Vielfalt setzt dabei eine Anerkennung von Differenzen voraus, ohne dass dies zur Diskriminierung der einzelnen Menschen führen darf. Die bereits vorhandene Diversität umfasst jedoch nicht nur die klassischen Differenzmerkmale wie Geschlecht, Alter oder ethnische Zugehörigkeit, sondern auch nicht direkt erkennbare wie religiöse Überzeugung, sexuelle Orientierung oder kultureller Hintergrund. Für die Soziale Arbeit erfordert die Akzeptanz von Vielfalt einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel: Anderssein ist nicht mehr gleichbedeutend mit Defizite haben, und Diversität stellt von daher keine Bedrohung für den Zusammenhalt von Organisationen, Gemeinwesen und Gesellschaft dar.

Der Zustand unserer Gesellschaft im Sommer/Herbst 2020 ist gekennzeichnet durch die Veränderungen und Verwerfungen der Corona-Pandemie, die seit sechs Monaten unser Leben bestimmt hat und uns neue Rahmenbedingungen für das Zusammenleben aller auferlegt. In diesen Krisenzeiten kommen nicht nur Solidarität und Rücksichtnahme der Menschen aufeinander zum Tragen, sondern vermehrt auch Abgrenzung, Abwertung von anderen Lebensentwürfen, Ablehnung von Anderssein und Rückzug in die eigene Sphäre der Sicherheit und Isolation. Die Diskurslinien reichen von obskuren Verschwörungstheorien wie der einer jüdischen Weltherrschaft über Ängste vor eingewanderten Fremden, die das Virus mitbringen, bis hin zur Forderung von unbedingt notwendigen Demonstrationen gegen die angebliche Beschneidung von Freiheitsrechten in sog. Coronaprotesten durch eindeutige Verfassungsfeinde. Der Angriff auf die Synagoge in Halle und Aufmärsche von Neonazis stehen dabei für eine Zunahme rechter Ideologie und Judenhass. Wie reagiert der Staat darauf und wie agieren wir alle als Bürger_innen? Der alte Hass und bestehende Ressentiments scheinen salonfähiger zu werden und in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein.

A. Reckwitz antwortet in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung (Reckwitz 2020: 12) auf die Frage nach der Bedeutung der Krise für unseren Gemeinsinn:

»Dass die Gesellschaft keine homogene Gemeinschaft mehr ist, bedeutet jedenfalls nicht, dass so etwas wie Gemeinsinn in der Moderne nicht mehr möglich oder nötig wäre, im Gegenteil. Eine Gesellschaft, auch wenn sie noch so differenziert und individualisiert ist, kommt offensichtlich nicht ohne ein Mindestmaß an sozialer Integration aus, das heißt an zivilen Normen, die alle teilen. Fehlen solche Normen der Gewaltlosigkeit, bricht das Soziale zusammen. Genauso wichtig ist für die liberale Demokratie, die ja auf der Pluralität unterschiedlicher Interessen und Werte beruht, dass sie auf grundlegender Ebene ein gemeinsames Anliegen teilt«.

Doch was kann dieses gemeinsame Anliegen sein? Vielleicht geht es hier um die Akzeptanz einer universellen Verwundbarkeit von uns allen in diesem Ausnahmezustand und nicht nur um eine Fokussierung auf besonders vulnerable Gruppen wie Alte, Arme oder Geflüchtete. Sollten wir angesichts der antirassistischen Proteste in USA (Black Lives Matter) nach der Ermordung von George Floyd durch amerikanische Polizisten die Gelegenheit nutzen eigene Vorurteile und bestehende Rassismen zu reflektieren? Ja, denn »Rassismus beginnt dort, wo es einen Unwillen gibt, sich mit Unbekanntem auseinanderzusetzen. Auch wenn es Mühe macht«, so E. Girth, Rassismusbeauftragter für das deutsche Gesundheitssystem, in einem Beitrag der SZ (in Verschwele 2020: 31)

In dieser Zeit des Umbruchs und der Unruhe erscheint nun die vorliegende Veröffentlichung zu einem reflexiven und analytischen Umgang mit Diversität in der Sozialen Arbeit im Kontext von Gemeinwesen und Organisationen; ein Werk, das sich bewusst von den schlagwortartigen Argumentationen und gängigen Betrachtungsweisen von Vielfalt – sortiert nach den bekannten Dimensionen Geschlecht, Alter oder Hautfarbe – unterscheidet und einen vertieften Einblick in Chancen, aber auch Grenzen der Vielfalt aufzeigt. Notwendig ist diese Auseinandersetzung in jedem Fall, denn – wie eingangs formuliert – ein Zurück zu einer homogenen Gesellschaft gibt es nicht. Wo Krisen den Alltag bestimmen und das Ende des Funktionierens des Vertrauten droht, können wir aktiv eine neue Normalität herstellen und alte Gewohnheiten zugunsten neuer Denk- und Verhaltensweisen überwinden.

Hierzu benötigen alle Menschen – in dieser Veröffentlichung sind besonders Studierende und Fachleute der Sozialen Arbeit angesprochen – erweiterte Kompetenzen für einen professionellen Umgang mit Diversität und zwar jenseits einer Dramatisierung und Zuspitzung (»Vielfalt zerstört unseren Zusammenhalt«) oder einer Schönfärberei nach dem Motto »Bunt ist beautiful«. Denn unumstritten ist, die reflexive Gestaltung von vielfältigen Begegnungssituationen erfordert ein umfangreiches und systematisches Hintergrundwissen, genauso wie eine offene und zugewandte Haltung für die Spezifika von Vielfaltsbegegnungen und bedeutet sicherlich eine fortlaufende diversitätsgerechte Verständigungsarbeit von allen Beteiligten. Um einen erfolgreichen Verlauf der notwendigen gesellschaftlichen und organisationalen Veränderungsprozesse begleiten und steuern zu können, haben wir für die Leser_innen drei miteinander verknüpfte Grundlagenteile formuliert.

Im ersten Teil werden zunächst unterschiedliche Lesarten von Diversität im angloamerikanischen und deutschsprachigen Bereich aufgezeigt, um auf dieser Begriffsdiskussion aufbauend Bedeutungsdimensionen von Diversität im Sinne eines prozessanalytisch-reflexiven Erklärungsmodells zu entwickeln ( Teil I). Diversität wird dabei systematisch aufgeschlüsselt und mit relevanten Diskurslinien wie dem Anerkennungs- und Gerechtigkeitsdiskurs, der Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit oder der Bedeutung des gesellschaftlichen Zusammenhalts verknüpft. Für die Leser_innen wird dadurch deutlich, welchen konkreten Erklärungswert und welche Reichweite Diversität für normativ-regulierende, integrationspolitische oder ungleichheitskritische Argumentationen haben kann. Im Anschluss daran beschreiben wir den professionellen Umgang mit Diversität auf den verschiedenen Ebenen der Vielfalt: Individuum, Gruppe, Organisation, Sozialraum und Gesellschaft. Darauf aufbauend werden anerkennende Strategien und Praxen des Umgangs mit Vielfalt erörtert, um eine zielführende Theorie-Praxis-Verknüpfung herstellen zu können. Grenzen von Vielfalt sowie Widersprüche und Herausforderungen werden dabei nicht ausgespart, sondern analysiert; so wird zum Nachdenken über bestehende Interdependenzen anhand von lernbegleitenden Fragestellungen angeregt.

Teil II widmet sich den Entwicklungen vom Interkulturellen Lernen zum diversitätsorientierten Lernen mit heterogenen Gruppen am Beispiel der Gemeinwesenarbeit ( Teil II). Im Zentrum stehen dabei wesentliche Themenfelder dieser Lernprozesse, wie bspw. die hierfür erforderliche Kompetenz und Haltung, Partizipation und Teilhabe als notwendige Rahmenbedingungen und die Bedeutung von Interkulturellen Begegnungen mit den entsprechenden Kommunikationsverläufen sowie Konzepte der Antidiskriminierungsarbeit. Ausgangspunkt ist dabei die Devise »Nicht Kulturen begegnen sich, sondern Menschen«, denn nur unter Berücksichtigung dieser Leitlinie führen Lernprozesse zu effektiven und förderlichen Veränderungen und verhindern Stereotypen- und Vorurteilsbildung. Am Beispiel der Gemeinwesenarbeit werden dann Chancen und Grenzen interkultureller und diversitätsorientierter Lernprozesse aufgezeigt und systematisch auf die Ebene von Fachkräften sowie auf strukturelle und intermediäre Ebenen übertragen, denn Integration und Zusammenhalt finden wesentlich im lokalen Bereich statt. Beispiele zur Durchführung einer interkulturellen Lerneinheit runden dieses Kapitel ab und ermöglichen einen erleichterten Praxistransfer.

Im abschließenden Teil III werden unter dem Titel »Diversität in Organisationen – ein Change-Prozess von der Monokultur zur Inklusiven Diversität« zunächst zentrale Indikatoren einer Organisationsentwicklung dargestellt und anschließend der Frage nachgegangen, wieviel Vielfalt Organisationen benötigen, um erfolgreich in globalen Zeiten agieren zu können ( Teil III). Antworten auf diese Fragestellung werden sowohl durch ein theoriebasiertes Erklärungsmodell für den Veränderungsprozess von Organisationen, der von der Exklusiven über die Integrative hin zur Inklusiven Diversität verläuft, als auch forschungsbasiert durch eine Erhebung in unterschiedlichen Non-Profit-Organisationen (NPOs) gegeben. Dabei erfolgt eine Verknüpfung der theoretischen Grundannahmen zum Verlauf des Change-Prozesses mit den Ergebnissen ausgewählter Expert_inneninterviews. Zielsetzung dieses Kapitels ist es, Verantwortliche in Organisationen für die Chancen und Grenzen von Vielfalt zu sensibilisieren und zu einer strukturierten Analyse des Ist-Zustands ihrer Organisation im Sinne eines Auditierungsverfahrens einzuladen. Hierdurch wird ein Prozess der Organisations-, Personal- und Qualitätsentwicklung ermöglicht, der allen Mitarbeiter_innen die gleiche Teilhabe an den Entwicklungen der Organisation eröffnen kann.

Die vorliegende Veröffentlichung betrachten wir als einen Beitrag zur Förderung eines professionellen, weltoffenen und respektvollen Umgangs mit Vielfalt, Verschiedenheit und Unterschiedlichkeit, verbunden mit dem Ansatz möglichst vielen Menschen eine Partizipation an den gegenwärtigen gesellschaftlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu ermöglichen. Diversität sollte zunehmend als gesellschaftliche »Normalität« anerkannt und wertgeschätzt werden. In diesem Prozess der Anerkennung darf es weder um das Festschreiben von Unterschieden noch um ein Aufheben von Differenz gehen, sondern um eine reflektierte und analytische Gestaltung der notwendigen Veränderungsschritte bei Einzelnen, Organisationen und der Gesamtgesellschaft.

»Nun aber, da diese Tage böse sind, genügt für den Augenblick die Mahnung, dich nicht ganz und nicht immer deinen Tätigkeiten zu widmen, sondern einen Teil deiner Person, deines Herzens und deiner Zeit für die Wertschätzung aufzusparen« (Bernhard von Clairvaux, De consideratione, zitiert nach C. Pelluchon 2019: 9).

Denn es ist das individuelle Bewusstsein, das über das Schicksal von Gesellschaften entscheidet (ebd. 11).


Herbst 2020Beate Aschenbrenner-Wellmann, Lea Geldner

Literatur

Charim, Isolde, 2019. Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert. Wien: Paul Zolnay.

Hall, Stuart, 2018. Das verhängnisvolle Dreieck. Rasse, Ethnie, Nation. Berlin: Suhrkamp.

Pelluchon, Corine, 2019. Ethik der Wertschätzung. Tugenden für eine ungewisse Welt. Darmstadt: wbg Academic.

Reckwitz, Andreas, 2020. Ein Zurück zur Gemeinschaft ist eine Illusion. Süddeutsche Zeitung Nr. 147 vom 29.06.2020, 12.

Verschwele, Lina, 2020. Der Fremde in der Praxis. Süddeutsche Zeitung Nr. 187 vom 14.–16.08.2020, 31.

Wulf, Christoph, 2006. Anthropologie kultureller Vielfalt. Interkulturelle Bildung in Zeiten der Globalisierung. Bielefeld: transcript.

Teil I Von den klassischen Differenzkategorien zu Bedeutungsdimensionen und Ebenen der Diversität – die Entwicklung eines analytisch-reflexiven Modells

Einleitung Teil I

Der Terminus »Diversität« als Bezeichnung für die Verschiedenheit von Menschen, Gruppen oder Organisationen hat mittlerweile den Mainstream gesellschaftspolitischer Debatten erreicht und ist als Diversitätsmanagement (DiM) in vielen Profit- und Non-Profit-Organisationen etabliert worden. Aus Sicht der Sozialen Arbeit kann es jedoch nicht um ein rein funktionales Verständnis von Vielfalt als ökonomisch relevantes Faktum oder um den politisch-rechtlichen Antidiskriminierungsdiskurs, der bspw. im AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) selektiv einzelne Vielfaltsmerkmale wie Alter, Geschlecht oder Herkunft aufgreift, gehen. Vielmehr muss in einer analytisch-reflexiven Weise die Bedeutung von Diversität bspw. im Sinne einer normativ-regulierenden Einflussgröße bezüglich vorherrschender Normalitätsvorstellungen bei der Anerkennung von Vielfalt und deren Grenzen oder bezüglich der vorherrschenden Gerechtigkeitsvorstellungen innerhalb der Gesellschaft ins Blickfeld genommen werden. Darüber hinaus sind einzelne Betrachtungsebenen der Wirksamkeit von Diversität wie z. B. die Ebenen von Individuum, Gemeinwesen oder Gesellschaft für ein umfassendes und praxisorientiertes Verständnis von Vielfalt entscheidend. Die systematische Kombination von Bedeutungsdimensionen und Ebenen der Relevanz stellt von daher den Kernbestand dieses einleitenden Kapitels dar. Diese Vorgehensweise unterscheidet sich bewusst von anderen Publikationen im Kontext von Diversität und Sozialer Arbeit, die vor allem die Beschreibung von Vielfalt in den einzelnen Differenzkategorien fokussieren, und ist insofern als weiterführende Betrachtungsoption zu sehen. Denn die Frage nach einem professionellen Handeln in Kontexten der Verschiedenheit durchzieht gleichermaßen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Sozialer Arbeit. Dies gilt sowohl für innergesellschaftliche Verschiedenheit wie bei der Verteilung von Reichtum und Armut als auch für den gesellschaftsübergreifenden, globalen Zusammenhang in den Bereichen Migration und Flucht.

Diversität wird in dieser Publikation als analytisch-reflexives Modell konzipiert, das die Akteur_innen der Sozialen Arbeit dabei unterstützt eigene Vorstellungen von »Normalität« und Praktiken der Normalisierung kritisch zu hinterfragen und wertschätzend auf die vielfältigen und spezifischen Bedürfnisse und Ressourcen von Menschen einzugehen. Es leistet somit einen Beitrag zur Weiterentwicklung und zum Erhalt eines demokratischen Gemeinwesens im Sinne der Förderung der Teilhabechancen Einzelner und ist dem Anspruch verpflichtet, dass kein Mensch aufgrund seiner Herkunft, seines Geschlechts oder ganz allgemein der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen Nachteile und Exklusion erfahren darf.

Im nachfolgenden Modell werden im Sinne eines Überblicks die ausgewählten Bedeutungsdimensionen ( Abb. 1) mit den Ebenen der Wirksamkeit von Diversität sowie möglichen Strategien des Umgangs mit Vielfalt verflochten. Die im Eingangskapitel formulierte Entwicklung des Modells dient als Orientierungsrahmen für theorie- wie praxisorientierte Leser_innen und findet in den Folgekapiteln II und III ihre Anwendung im Kontext von Lernprozessen in heterogenen Gruppen sowie im Bereich der Diversität in NPOs.


Abb. 1: Das Mehrebenenmodell mit Bedeutungsdimensionen (eigene Darstellung)

Bevor auf die verschiedenen Bedeutungsdimensionen, Ebenen und Strategien des Modells im Einzelnen eingegangen wird, werden zunächst im Sinne einer theoretischen Fundierung Rahmenbedingungen und Begriffsannäherungen zu Diversität in der Sozialen Arbeit dargestellt.

1 Rahmenbedingungen der Diversität

In Anlehnung an U. Beck 2004 geht man davon aus, dass im Zeitalter der reflexiven Moderne bzw. der Postmoderne die Wirklichkeit selbst kosmopolitisch und global ausgerichtet worden ist, sich nationalstaatliche Grenzen und Unterschiede zunehmend auflösen und für diese Welt ein neuer Standpunkt seitens der Beobachter_innen gefunden werden muss, der »kosmopolitischer Blick« genannt werden kann. Was bedeutet das genau?

»Weltsinn, Grenzenlosigkeit. Ein alltäglicher, ein historisch wacher, ein reflexiver Blick, ein dialogischer Blick für Ambivalenzen im Milieu verschwimmender Unterscheidungen und kultureller Widersprüche. Er zeigt nicht nur die ›Zerrissenheit‹, sondern auch die Möglichkeiten auf, das eigene Leben und Zusammenleben in kultureller Melange zu gestalten« (ebd.: 10).

Im einleitenden Kapitel werden wesentliche Rahmenbedingungen für diesen veränderten Blick, in dem das hier entwickelte, analytisch-reflexive Modell seine Wirksamkeit entfalten kann, skizziert.

1.1 Diversität in der Sozialen Arbeit

Durch zahlreiche Phänomene der Postmoderne wie Globalisierung, Migration oder Individualisierung wird unsere Gesellschaft vielfältiger und heterogener. Doch wie gehen Gesellschaften, Organisationen oder Einzelpersonen mit der »Andersartigkeit« und mit Grenzverschiebungen und -ausweitungen um? Beck (2004: 77ff) nennt hier als Umgangsmodi »Universalismus«, »Relativismus«, »Ethnizismus«, »Nationalismus«, »Kosmopolitismus« und »Multikulturalismus«. Während im Universalismus andere als prinzipiell gleichwertig respektiert, also die Grenzen zu kulturell Fremden aufgehoben werden, konstruieren relativistische Herangehensweisen neue Grenzen und heben Unterschiede sogar hervor. Die verschiedenen Strategien im Umgang mit Andersheit schließen sich nicht aus, sondern ergänzen oder korrigieren sich. Im Kern geht es beim Kosmopolitismus um die Anerkennung von Andersheit im Inneren der Gesellschaft wie nach außen, ohne hierarchische Anordnung der Unterschiede, und um Akzeptanz des Verschiedenen. Diese Betrachtungsweise hat Konsequenzen für die Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft und zwar in Theorie und Praxis. Daher müssen Wege aufgezeigt werden, wie mit Diversität adäquat umgegangen und ihre Anerkennung in der Gesellschaft gefördert werden kann, denn die Achtung und Wertschätzung von Vielfalt stellt einen zentralen Aspekt der Sozialen Arbeit dar. So definiert der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH):

»Soziale Arbeit fördert als praxisorientierte Profession und wissenschaftliche Disziplin gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen.

Die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlage der Sozialen Arbeit.

Dabei stützt sie sich auf Theorien der Sozialen Arbeit, der Human- und Sozialwissenschaften und auf indigenes Wissen.

Soziale Arbeit befähigt und ermutigt Menschen so, dass sie die Herausforderungen des Lebens bewältigen und das Wohlergehen verbessern, dabei bindet sie Strukturen ein« (DBSH 2016).

Die wesentlichen Aufgaben der Sozialen Arbeit liegen darin, »individuelle Verwerfungen bei sog. Globalisierungsverlierer_innen auszugleichen, Verbesserungen von Lebenslagen zu bewirken, Verstehensprozesse zu initiieren und voranzutreiben und weltweite Veränderungsprozesse mit lokalen Betroffenheiten in Verbindung zu bringen« (Aschenbrenner-Wellmann 2009: 212). Um dies umzusetzen, benötigt es neben Wissen, Haltungen, Einstellungen und Handlungsfähigkeiten auch einen angemessenen Umgang mit Vielfalt, Verschiedenheit und Ungleichheit auf individueller, gruppenbezogener und gesellschaftlicher Ebene. Diese Fähigkeit kann als Diversitätskompetenz bezeichnet werden (ebd.).

Häufig wird Diversität als Konzept für den Umgang mit Unterschiedlichkeit eingesetzt. Sie kann aber auch als Haltung betrachtet werden, »die mit der bewussten Wertschätzung aller unterschiedlicher Attribute von Menschen und deren Einfluss auf die zwischenmenschlichen Beziehungen verbunden wird« (ebd.: 213). So ist es möglich, Diversitätskompetenz mit den Schlagwörtern Respekt, Wertschätzung, Akzeptanz und Einbeziehung zu beschreiben. Ziel dieser Kompetenz ist es, einen gesellschaftlich verbesserten Zustand zu erreichen, indem man ohne Angst verschieden sein kann.

Je nach Betrachtungsweise kann Verschiedenheit in der Sozialen Arbeit als Unterschiedlichkeit, Ungleichheit oder Vielfalt wahrgenommen werden. Die verschiedenen Lesearten von Diversität führen wiederum zu diversen Handlungsanforderungen an traditionelle und innovative Querschnitts-Arbeitsfelder innerhalb der Sozialen Arbeit. Da der Alltag von Sozialarbeiter_innen geprägt ist von unterschiedlichen Adressat_innen, die fremd sind, andere Kulturen und Äußerungsformen besitzen und aus einem anderen Milieu oder einer anderen Lebenswelt stammen, ist eine Neuausrichtung der Sozialen Arbeit erforderlich: Die Vorstellung, dass Anderssein bedeutet, Defizite zu haben, oder dass Verschiedenheit eine Bedrohung darstellt, muss einer Vorstellung der Wertschätzung von Verschiedenheit weichen (Aschenbrenner-Wellmann 2009: 216).

Um dies zu verdeutlichen, soll ein bereits früher erstelltes Schaubild herangezogen und für das neue analytisch-reflexive Modell weiterentwickelt werden (in Anlehnung an Aschenbrenner-Wellmann 2009b: 69) ( Abb. 2).


Abb. 2: Diversität in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit (eigene Darstellung)

Mit Blick auf das Schaubild wird deutlich, dass Verschiedenheit aus Perspektive des_der Beobachter_in als Unterschiedlichkeit, Ungleichheit oder Vielfalt wahrgenommen werden kann. Daraufhin erfolgt eine weitere Differenzierung in die verschiedenen Bedeutungsdimensionen von Diversität, auf die im Einzelnen unter Punkt 2 eingegangen wird. So können der Unterschiedlichkeit die Dimensionen ›Deskriptiv-klassifizierend‹ und ›Integrationspolitisch‹, der Vielfalt die Dimensionen ›Evaluativ‹ und ›Didaktik‹ und der Ungleichheit die Dimensionen ›Normativ-regulierend‹ und ›Ungleichheitskritisch‹ zugeordnet werden. Diese verschiedenen Arten von Diversität, die auf den Ebenen des Individuums, der Gruppe, Organisationen, dem Sozialraum als auch der Gesellschaft beobachtbar sind, führen zu diversen Handlungsanforderungen und -möglichkeiten in den vielfältigen Arbeitsbereichen der Sozialen Arbeit (in Anlehnung an Aschenbrenner-Wellmann 2009b: 65).

»Eine gute Praxis braucht eine gute Theorie«, so Otto auf dem Bundeskongress Soziale Arbeit 2005. Für die theoretische Fundierung zieht Aschenbrenner-Wellmann (2009: 65) die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession, Soziale Teilhabe und globale Soziale Arbeit heran. »Erstere beschreibt Menschenrechte als common sense der sich bildenden Weltgesellschaft, der als einziger Normenkatalog global anerkannt wird […], [die zweite] verweist auf Solidarität, Inklusion und die Herstellung sozialer Gerechtigkeit, auf ein Recht zur Teilhabe« (ebd.). Anstelle einer globalen Sozialen Arbeit wird im neuen Modell der Begriff ›resonanzorientierte Soziale Arbeit‹ in Anlehnung an die aus der Soziologie stammenden Resonanztheorie nach Hartmut Rosa (2016) aufgenommen. Im Kern geht es dabei um eine über Kompetenzen hinausreichende Soziale Arbeit, die Resonanzerfahrungen als Beziehungsmodi versteht und den Fokus auf Selbstwirksamkeitserfahrungen und gelingende Weltbeziehungen legt und als Antwort bzw. Lösung auf die heutige beschleunigte Welt gesehen wird. Auf diese Theorie wird in Teil III im Hinblick auf NPOs vertiefend eingegangen ( Teil III).

Diese theoretischen Ansätze lassen sich mit den Ausprägungsformen von Verschiedenheit in Form von Kombinationspaaren verbinden:

• Ungleichheit – soziale Teilhabe;

• Vielfalt – Menschenrechtsprofession;

• Unterschiedlichkeit – resonanzorientierte Soziale Arbeit.

Diese Verhältnisse werden nachfolgend skizziert.

In der Kombination Ungleichheit – Soziale Teilhabe geht es »einerseits um Teilhabe der Profession an den aktuellen Veränderungen des Sozialstaats, andererseits um die Partizipation der KlientInnen in der Sozialen Arbeit« (Aschenbrenner-Wellmann 2009b: 66). Daher braucht es

• soziale Gerechtigkeit als übergreifenden Wert sowie eine angemessene Diskussions- und Aktionsbasis für die Soziale Arbeit;

• die Einsicht, dass eine Verpflichtung zur Teilnahme keinen Ersatz für das Recht auf Teilhabe sein kann;

• die Einsicht, dass soziale Teilhabe Solidarität und soziale Inklusion bedeutet (ebd.).

Innerhalb der Verbindung zwischen Vielfalt und Menschenrechtsprofession steht zum einen die Toleranz, die gewährt oder auch entzogen werden kann, und zum anderen die Anerkennung im Mittelpunkt. Unter Anerkennung ist eine Beziehung zu verstehen, die auf Gleichwertigkeit und wechselseitiger Akzeptanz beruht, um Menschenrechte zu verwirklichen (ebd.).

Das Kombinationspaar Unterschiedlichkeit und resonanzorientierte Soziale Arbeit berührt folgende Aspekte (in Anlehnung an ebd. und Rosa 2016):

• Durch Globalisierung, Individualisierung und Pluralisierung entsteht eine Gesellschaft mit unterschiedlichsten Milieus und Lebensentwürfen. Somit entwickeln sich unzählige Optionen für Individuen, was die Welt unbestimmter, unübersichtlicher und widersprüchlicher macht, das Leben beschleunigt und Beziehungen erschwert.

• Soziale Arbeit muss daher ihren Fokus erweitern: Der Blick darf nicht ausschließlich auf Ressourcen ruhen, sondern muss auf Beziehungen zur Welt und Selbstwirksamkeitserfahrungen – resonanzorientiert – ausgerichtet werden.

• So können strukturelle Analysen der Weltzusammenhänge und Weltbeziehungen mit der Alltagswelt Einzelner verknüpft werden.

Diversität bedeuten in diesem Sinne »eine Verabschiedung von der Eindeutigkeit bzw. die Akzeptanz der unaufhebbaren Zwei- oder Mehrdeutigkeit. Diversity ist verbunden mit der Bereitschaft loszulassen, sich auf Neues einzustellen und damit die Chance und das Risiko des Übergangs und der Transformation« (Aschenbrenner-Wellmann 2009b: 67) zu nutzen. Diese Sichtweise ist zentral, denn »Überleben ist in der Welt der Kontingenz und Diversität nur möglich, wenn jede Differenz die andere Differenz als notwendige Bedingung für die Bewahrung der eigenen anerkennt« (Baumann 1999: 312).

Dieser geforderte Paradigmenwechsel ist in der Praxis allerdings schwer umsetzbar, beurteilen doch Menschen ihr Umfeld immer noch gerne danach, was ihnen vertraut ist. Sie suchen sich möglichst ähnliche Personen und gehen Veränderungen nur zögerlich an. Daher gehört in den Mittelpunkt einer zukunftsorientierten Praxis und Ausbildung der Sozialen Arbeit die Kompetenz im Umgang mit Verschiedenheit in den Ausprägungen: Ungleichheit, Vielfalt und Unterschiedlichkeit – auch wenn Diversität in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen einzelne Menschen wie auch Systeme überfordert. Deshalb »ist für jede Situation, jede Organisation etc. jeweils zu klären, welche Aspekte von Diversity wann fokussiert werden und wie das Gesamtkonzept zur besseren Handbarkeit reduziert werden kann« (Aschenbrenner-Wellmann 2009: 214).

Neben der Sicht von Professionellen und Organisationen ist für die Soziale Arbeit die Sicht der Klient_innen von großer Bedeutung. Auch diese muss in den Blick genommen werden – vor allem, wenn Lebensweltorientierung ernstgenommen werden soll. Für die Adressat_innen ist es wichtig innerhalb der Sozialen Arbeit und bei ihren Angeboten ein Gefühl von Akzeptanz und Zutrauen zu spüren. Daher muss von Seiten der Sozialarbeiter_innen erwartet werden, dass sie ihrem Gegenüber respektvoll begegnen – unabhängig von Handlungsweisen, Hintergründen, Denk- und Lebensentwürfen. Akzeptanz kann als vierstufiger Prozess dargestellt werden (vgl. Löcherbach/Puhl 2016: 121):

1. Stufe: Orientierung – das Interesse an anderen Menschen. Dies bedeutet die Auseinandersetzung mit ihnen und damit, dass sie anders sind als wir selbst.

2. Stufe: Kenntnis – die generelle Kenntnis der Lebenswirklichkeit der Adressat_innen.

3. Stufe: Akzeptanz – das Anderssein von Menschen akzeptieren und nicht als Widerspruch zu sich selbst und den eigenen Lebensvorstellungen zu interpretieren.

4. Stufe: Toleranz – Anderssein und die Vielfalt als wichtig erachten und nicht verändern wollen.

Innerhalb dieses Prozesses spiegelt sich die Anerkennung einer vielfältigen Gesellschaft mit unterschiedlichen Lebenswelten wider. Diese Stufen müssen laut Löcherbach und Puhl auf Seiten der Professionellen bereits durchlaufen sein, bevor sie ihre Adressat_innen in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit treffen (ebd.). Daher ist der Umgang und die Auseinandersetzung mit Diversität in unterschiedlichen Bedeutungsdimensionen für eine professionelle, zeitgemäße Soziale Arbeit bereits innerhalb des Studiums unerlässlich.

Um der angestrebten komplexen vielfältigen Sichtweise von Diversität gerecht werden zu können, sollen in Kapitel 2 verschiedene Lesearten und Dimensionen von Diversität betrachtet werden ( Kap. 2). Zielsetzung ist dabei die jeweils angesprochenen Aspekte von Diversität zu fokussieren und in den Praxisalltag einzubeziehen.

1.2 Ambivalenz und Vielfalt in der Postmoderne

Wie zuvor beschrieben, sind postmoderne Gesellschaften zunehmend »von mehrdeutigen (ambigen) Phänomenen gekennzeichnet. Die Ein- und Zuordnung dieser Ambiguitäten mit den Instrumenten traditioneller sozialwissenschaftlicher Theorien und Klassifikationssysteme scheint ein zunehmend schwieriges Unterfangen zu sein und gelingt oft nur unzureichend« (Effinger 2012: 255). Für Z. Bauman (2000) sind diese Ambivalenzen untrügliches Kennzeichen der postmodernen Zeiten oder der »verflüssigten Moderne«. Ambivalenzen stellen nicht nur Theorien vor Herausforderungen, sondern auch die Suche nach Bewältigungsstrategien für die Praxis des Umgangs mit Vielfalt, Unterschiedlichkeit und Ungleichheit.

Eine Vielzahl von Theorien versucht, die komplexen Wandlungsprozesse zu erfassen: Moderne, postmoderne Gesellschaft (Etzioni), postindustrielle Gesellschaft (Bells), Postmoderne (Welsch), reflexive Moderne (Beck/Giddens), flüchtige Moderne (Bauman) stellen unterschiedliche gesellschaftstheoretische Konzepte dar, die die Lebenssituation der Menschen beschreiben (Vahsen/Mane 2010). Bei einer Analyse der Lebensbedingungen wird dabei zunehmend eine staatenübergreifende transnationale und transkulturelle Perspektive notwendig (Pries 1997).

Die Grenzen zwischen Moderne und Postmoderne verlaufen dabei fließend. Der Begriff Postmoderne wird ab den 1960er Jahren vor allem in der Kunst, Architektur und Literatur verwendet und bedeutet in diesem Kontext vor allem die Vielfalt von Konzeptionen und die sich daraus ableitenden Kombinationsmöglichkeiten. Im Anschluss daran entwickeln sich die philosophisch-wissenschaftstheoretischen und die gesellschaftstheoretischen Diskurse der Postmoderne. In diesen Denkbewegungen werden diskriminierende Macht und Herrschaftsprozesse, Fortschrittsgläubigkeit und Machbarkeitsvorstellungen in Frage gestellt. Postmoderne umfasst hier einen Prozess und ein (vorläufiges) Ergebnis der Veränderung der Grundannahmen und Aussagen der Moderne (Frankenberger 2007). Stellvertretend für die Diskurse in der Philosophie, kann die poststrukturalistische Machtanalyse und Vernunftkritik von Foucault (Foucault/Martin 1993) genannt werden; der Aspekt der Postmoderne als gesellschaftliches Phänomen wird mit den Autoren Bell (1975), Sennett (2002) oder Beck (Beck/Bonß 2001) in Verbindung gebracht.

Kennzeichen der postmodernen Gesellschaft sind demnach:

• Enttraditionalisierung, Auflösung überkommener Sozialstrukturen, Werte-, Normen- und Verhaltensmuster;

• Pluralisierung von Werten, Normen, Lebensformen, Kulturen;

• Emanzipation, Infragestellung geschlechterspezifischer Aufgaben- und Rollenverteilung;

• Globalisierung von Wirtschaft, Politik, Kultur;

• Zunahme der Kommunikationsmöglichkeiten, Technisierung, Digitalisierung etc.;

• Krise von Erwerbsarbeit und Wohlfahrtsstaatlichkeit;

• Flexibilisierung, Mobilisierung von Arbeit, sozialen Beziehungen und Lebensorten;

• neue Formen der Spiritualität und Religiosität;

• Neofundamentalismus, vernetzter Rechtsextremismus und globalisierter Terrorismus.

Und genau für dieses Agieren in postmodernen Gesellschaften wurde das hier vorliegende analytisch-reflexive Modell von Diversität entwickelt, das neben der notwendigen Klarheit und Struktur auch Ambivalenzen und Irritationen zulässt.

Für Welsch (1987/2008) ist neben intensiver und extensiver Pluralität vor allem Hybridität das Strukturmerkmal der Postmoderne und Irritation ihr wichtiges Ziel. Handelt es sich um Phänomene, die »durch Unbestimmtheit, Unklarheit, Neuheit, Offenheit, Komplexität, Überdeterminiertheit, Widersprüchlichkeit oder Paradoxie gekennzeichnet sind« (Jekeli 2002: 95f), wird in diesem Zusammenhang von Ambivalenz oder Mehrdeutigkeit gesprochen. In den soziologischen Diskursen wird immer häufiger auf das Konzept der Ambivalenz verwiesen, das sich allerdings schon als Grundelement in der Soziologie Georg Simmels findet. Er geht dabei davon aus, dass durch die Vergesellschaftungsprozesse der Moderne eine Zunahme an sozialer, psychischer, ontologischer und erkenntnistheoretischer Ambivalenz resultiert, die für bestehende soziologische (Ordnungs-)Theorien als Herausforderung betrachtet werden muss. Auch von Bauman (1995) wird Ambivalenz als Möglichkeit definiert, einen Gegenstand oder ein Ereignis mehr als einer Kategorie zuzuordnen. Jede Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen ist dann eine Beschäftigung mit den ihr innewohnenden Ambivalenzen und der Herstellung eines Gleichgewichts zwischen Ordnung und Chaos. Der Übergang von der Moderne zur Postmoderne ist demnach mit einem Verlust an kultureller Deutungsmacht, mit dem Pluralismus der Kulturen, kultureller Diversität verbunden. Es entsteht eine Vielfalt an Deutungsmöglichkeiten mit Spielräumen für Einzelne, aber auch Verunsicherung und dem Wegfall einer institutionellen Ordnungsgarantie (Junge 2000: 197). »Ambivalenzen sind aufgrund des notwendigen Versagens der Nenn-Trenn-Funktion der Sprache ein dauerhaftes Merkmal von Vergesellschaftungsprozessen und stellen nicht nur eine Bedrohung der Ordnungshaftigkeit dar, sondern sie gelten auch als Chance der Emanzipation von der tendenziellen Univalenz kultureller Ordnung« (Junge 2000: 199). Ambivalenz wird somit zu einer Alltagserfahrung der Menschen in der Postmoderne, da sich in der Lebenssituation häufig gleichzeitig vertraute und bekannte Phänomene und Prozesse mit neuen und unbekannten Entwicklungen überschneiden.

In diesem Sinne erfordert ein reflexiver Umgang mit dem Diversitätsbegriff und die Entwicklung eins sozialarbeitswissenschaftlichen und alltagstauglichen Konzepts von den Verfasserinnen die Einnahme einer Perspektive experimenteller Multiperspektivität. Dies bedeutet bspw. die Rücknahme universaler theoretischer Geltungsansprüche und eine Deutung lediglich als mögliches Interpretationsangebot – und der bewusste Verzicht auf konkrete Handlungsempfehlungen im Sinne von Rezeptwissen für die Praxis der Sozialen Arbeit.

2 Lesarten und Bedeutungsdimensionen von Diversität

Das Phänomen Diversität einheitlich zu bestimmen oder zu verstehen, ist in vielerlei Hinsicht weder möglich noch wünschenswert, denn »people define diversity in different even conflicting ways. Consequently, an increasing diverse workforce is variously viewed as opportunity, threat, problem, fad, or even nonissue« (Dass/Parker 1999: 68). Diversität als Begriff und Konzept ist nicht einfach vorhanden und beschreibbar, sondern wird diskursiv erzeugt, d. h., in Fachartikeln oder Vorträgen von Expert_innen aus Wissenschaft und Praxis wird unterschiedliches und oft auch widersprüchliches Wissen über Diversität, wesentliche Kategorien oder wirksame Umsetzungsmaßnahmen vermittelt (Krell/Riedmüller/Sieben 2007).

In diesem Kapitel soll dennoch der Versuch unternommen werden, mit Hilfe von Begriffsklärungen in einer internationalen und interdisziplinären Perspektive sowie durch die Konstruktion relevanter Bedeutungsdimensionen – trotz vorhandener Komplexität und Ambivalenz des Phänomens – eine klare Analysestruktur für die Leser_innen zu ermöglichen. Ein diesbezüglicher Strukturierungsversuch liegt von Scherr vor. Er unterscheidet:

• »ein funktionales Verständnis von Diversity als ökonomisch relevantes Faktum, das für das Personalmanagement ebenso relevant ist wie für die Produktplanung

• ein politisch-rechtlicher Anti-Diskriminierungsdiskurs, der selektiv bestimmte Aspekte von Ungleichbehandlung akzentuiert

• eine kritische Perspektive, die die Verschränkung sozialer Klassifikationen mit sozioökonomischen Ungleichheiten sowie politischen Macht- und Herrschaftsbeziehungen in den Blick rückt« (Scherr 2011: 84).

Nach einer Diskussion möglicher Begriffsannäherungen werden diese Bedeutungsperspektiven aufgegriffen, weitere Dimensionen und Aspekte hinzugefügt und zu einem eigenständigen analytisch-reflexiven Modell weiterentwickelt.

2.1 Begriffsannäherungen

Der Begriff Diversität stammt wie viele Konzepte der Gegenwartssoziologie (z. B. auch Hybridität) aus der Pflanzenbiologie. Dort bezeichnet er ursprünglich unter dem Terminus Biodiversität die Vielfalt von Arten und Ökosystemen. Auch wenn der Gebrauch der Begriffe Diversität, Diversity oder Vielfalt noch relativ neu ist, kann angemerkt werden, dass sich die Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften schon seit langem mit der Frage auseinandergesetzt haben, wie Differenzierungsprozesse in Gesellschaften analysiert werden können. »Sei es in der Frage nach der Entwicklung totalitärer Regime wie etwa bei Hannah Arendt (1951) oder des Ausbruchs von Revolutionen bei Theda Skocpol (1979), der Ausgleich divergierender Interessen – und damit die Frage nach Kohäsion – steht im Zentrum der Analyse« (Salzbrunn 2014: 13).

Heute bezeichnet der Begriff »Diversität« sowohl ein Konstrukt als auch Konzepte des ›richtigen‹ Umgangs mit dieser Vielfalt und Unterschiedlichkeit.

»Auch aufgrund der unterschiedlichen disziplinären Herkünfte und Zugehörigkeiten der Teilnehmenden handelt es sich bei der wissenschaftlichen Erkundung von Diversity nicht um eine gemeinsame Expedition. Die Teilnehmenden starten von diversen Ausgangspunkten, zu diversen Zeitpunkten mit diversen An- und Absichten sowie Schwerpunktsetzungen« (Krell 2013: 62–63).

Im Folgenden soll deshalb zunächst auf die Entwicklung des Begriffs im angloamerikanischen Raum und dann im deutschsprachigen Bereich eingegangen werden.

2.1.1 Diversität im angloamerikanischen Raum mit Fokussierung auf Managing Diversity (MD)

Obwohl es nicht den Erfinder oder die Erfinderin des DiM gibt, lassen sich einige Grundlagenpublikationen auflisten, die die Debatte und Theorieentwicklung im Bereich Diversität stark beeinflusst haben.

Roosevelt R. Thomas gründete bereits 1983 das American Institute for Managing Diversity; er machte in den amerikanischen Diskursen schon früh darauf aufmerksam, dass Affirmative Action Programme nicht mehr ausreichen, um das Potential heterogener Mitarbeiter_innen ausreichend zum Einsatz zu bringen und wertzuschätzen. In seinem Beitrag »Beyond Race and Gender« (1991) weist er darauf hin, dass es nicht genügt, sich mit den genannten offensichtlichen Diversitätsmerkmalen auseinanderzusetzen, sondern dass auch andere, nicht so leicht wahrnehmbare Differenzmerkmale wie z. B. Bildung, sexuelle Orientierung oder persönliche Werte beachtet werden müssen. In seinem weiterführenden Beitrag »Redefining Diversity« von 1996 spricht er sich für eine sehr breite Diversitätsdefinition aus: »Diversity refers to any mixture of items characterized by differences and similarities« (1996: 5).

Der bewusste Umgang mit Diversität, das MD, bedeutet für Thomas vor allem eine Veränderung der Organisationskultur: »Managing diversity is a comprehensive managerial process for developing an environment that works for all employees« (Thomas 1991: 10). MD wird hier als Konzept der Organisationsentwicklung verstanden und fokussiert vor allem die Frage, wie das vorhandene Potential der Vielfalt für den Erfolg der Organisation genutzt werden kann. Auf individueller Ebene bezeichnet Thomas die zu erreichende personale Kompetenz als »Diversity-Reife« und meint damit sowohl Wissen über Vielfalt und die entsprechenden Konzepte und Dynamiken als auch eine positive Einstellung zu Vielfalt und ein produktiver Umgang mit dieser.

Ebenso wie Thomas ordnen auch M. Loden und J. Rosener (1991) die Entstehung von Diversitätsansätzen in ihrem grundlegenden Artikel »Diversity as a Vital Resource« den Veränderungen auf dem US-Arbeitsmarkt zu. Ein besonderes Augenmerk fällt dabei auf Aspekte des demografischen Wandels und auf die zunehmende Heterogenität der Mitarbeitenden in den Unternehmen.

»Die vielfältig gelagerten Unterschiede, betonen die Autorinnen, werden von den ArbeitnehmerInnen zunehmend bewusster wahrgenommen und sollen nicht mehr – im Sinne von Anpassung – verleugnet werden. Daraus ergibt sich für Führungskräfte die Anforderung sich mit den daraus entstehenden Herausforderungen auseinander zu setzen resp. auf diese angemessen zu reagieren« (Schür 2013: 97).

Im Sinne des DiM ergeben sich dabei für die Autorinnen die folgenden drei Schritte:

• Zunächst geht es um die Wahrnehmung der enormen kulturellen und ethnischen Vielfalt an amerikanischen Arbeitsplätzen,

• In einem nächsten Schritt soll das ganze Spektrum an Vielfalt wertgeschätzt werden,

• Im sich anschließenden Stadium sollen dann Gemeinsamkeiten gefunden werden auf deren Grundlagen vertrauens- und respektvolle Beziehungen entstehen (vgl. Loden/Rosener 1991).

Allerdings bestehen auf dem Weg zur Umsetzung der Strategie, Diversität als vitale Ressource zu sehen, einige Hindernisse. Bspw. neigen Menschen dazu, sich mit anderen Personen zu umgeben, die ihrer Kernidentität möglichst ähnlich sind. Zusätzlich besteht eine lange Tradition darin, Vielfalt eher als bedrohlich und störend zu empfinden statt als schätzens- und anerkennenswert; diese Betrachtungsweise bestimmt nach Ansicht der Autorinnen auch noch unser derzeitiges Verständnis und den Umgang mit Vielfalt. Loden und Rosener sprechen hier vom sog. Homogenen Ideal, das in vielen Organisationen vorherrscht. In diesem Zusammenhang werden zahlreiche Praktiken und Mechanismen entwickelt, die der Aufrechterhaltung und Förderung der Homogenität dienen und in ihrer Folge die Anpassung von Angehörigen von Minderheitenkulturen an die Werte und Leitbilder der dominanten Gruppe erfordern. Als weiterer Störfaktor für die Erreichung eines respektvollen Miteinanderumgehens erweisen sich vorhandene Stereotype, Vorurteile und Rassismen, die Kommunikation und Begegnungen beeinflussen.

Wesentlich für einen produktiven Umgang mit Vielfalt ist für die Autorinnen auch die Unterscheidung in primäre und sekundäre Dimensionen von Diversität. Primäre Dimensionen wie bspw. Hautfarbe, Geschlecht oder sexuelle Orientierung haben demnach einen entscheidenden Einfluss auf das Selbstbild der Menschen und auf ihr Gruppenverhalten, da persönliche Erfahrungen, Gefühle etc. entscheidend durch diese Faktoren geprägt werden. Die sekundären Dimensionen (Bildungshintergrund, Einkommen, Status usw.) werden dagegen als grundsätzlich veränderbar betrachtet, geben dem jeweiligen Selbstbild seine Konturen, sind aber nicht so bedeutsam für die Kernidentität der Person. Trotz dieser Unterscheidung verweisen die Autorinnen auf zahlreiche Interdependenzen zwischen den Dimensionen und damit zumindest implizit auf das Phänomen der Intersektionalität.

Einen weiteren Meilenstein bei der Klärung des Diversitätsbegriffs und zur Beachtung der mit ihm verbundenen Komplexität stellen die Ausführungen von L. Gardenswartz und A. Rowe (1998) zu den »Four Layers of Diversity« dar. Die beiden Organisationberaterinnen gehen – ähnlich wie R. Thomas – von einem Verständnis von Diversität als Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten und Verbindendes zwischen den Menschen aus. In ihrem Vier-Schichten-Modell unterscheiden sie zwischen den Ebenen »Personality«, »Internal Dimensions«, »External Dimensions« und »Organizational Dimensions« ( Abb. 3).


Abb. 3: Four Layers of Diversity nach Gardenswartz/Rowe 1998 (aus: Plett, A., 2002. Managing Diversity – Theorie und Praxis der Arbeit von Lee Gardenswartz und Anita Rowe. In: I. Koall, V. Bruchhagen und F. Höher, Hrsg. Vielfalt statt Lei(d)tkultur. Managing Gender & Diversity. Münster: Lit, 99–112, hier 111)

Die Persönlichkeit, als einzigartiger Kern jedes Menschen, durchdringt dabei alle weiteren Ebenen des Modells. Unter den inneren Dimensionen werden Faktoren wie Geschlecht, Alter oder Hautfarbe angeführt, die wenig beeinflussbar sind, aber gleichzeitig große Auswirkungen auf das Denken und Handeln der Menschen haben. Die externen Faktoren entsprechen den sekundären Dimensionen von Loden und Rosener (1991). Auf der äußeren Ebene werden organisatorische Aspekte wie Management-Status, Arbeitsgruppe, Organisationseinheit angesiedelt, die das konkrete Verhalten und die Beziehungen innerhalb der Organisation beeinflussen. Aus ihrer jahrelangen Praxiserfahrung schlussfolgern die Autorinnen, dass die vorhandene Diversität einer Organisation sowohl zu Kreativität als auch zu Konflikten führen kann. »Welche dieser Dimensionen für eine konkrete Benachteiligung oder Privilegierung jeweils eine Rolle spielen, ist jedoch immer kontext- und situationsabhängig (Dreas 2019: 10).

Um die Vorteile einer heterogenen Belegschaft nutzen zu können, ist ein bewusster und effektiver Umgang mit Vielfalt notwendig. Hierzu stellen Gardenswartz und Rowe eine Reihe anwendungsorientierter Tools zur Verfügung, deren erfolgreiche Anwendung letztendlich zum Ziel einer inklusiven Umgebung führen soll.

T. Cox jr. (1993) entwickelte ebenfalls in den 1990er Jahren ein interaktionales Modell für den Umgang mit »Cultural Diversity«; er konzentriert sich dabei insbesondere auf die Differenzmerkmale Hautfarbe, Geschlecht und Nationalität, bezieht aber auch andere Dimensionen wie Religion, Alter oder physische Fähigkeiten mit ein. Cultural Diversity bedeutet für ihn »the representation, in one social system, of people with distinctly different group affiliations of cultural significance« (ebd.: 6). Einen entscheidenden Einfluss auf den Umgang mit Vielfalt besitzt seiner Ansicht nach die Identitätsstruktur des_der Einzelnen, wobei die spezifische Ausprägung kultureller Identität Auswirkungen auf das persönliche Vorankommen in der Organisation hat und gleichzeitig die Effektivität der Organisation von den vorhandenen kulturellen Teilidentitäten beeinflusst wird. Nach einer ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Diversitätsklima einer Organisation, das durch die individuelle, gruppenbezogene und organisationale Ebene bestimmt wird, entwirft der Autor sein Idealbild einer »Muticultural Organization«, in der alle Mitglieder unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund ihr ganzes Potential entfalten können. Das Diversitätsklima der Organisation wird auf der individuellen Ebene vor allem durch Stereotypen und Vorurteile bestimmt, denn diese determinieren die Art des Umgangs miteinander und führen ggf. zu Benachteiligungen und Diskriminierungen. Auf der gruppenbezogenen Ebene haben kulturelle Unterschiede, Ethnozentrismus sowie Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen Einfluss auf die Effektivität der Organisation. Diese Prozesse sollen durch DiM bewusst gemacht und dadurch das gegenseitige Verständnis füreinander gefördert werden. Auf organisationaler Ebene soll Vielfalt generell bspw. in einem entsprechenden Leitbild akzeptiert werden und zur Unterstützung u. a. informelle Netzwerke aufgebaut werden (ebd.).

Die Zielgröße »multikulturelle Organisation« beschreibt Cox (1993) durch folgende Merkmale:

• eine Kultur der Wertschätzung von Vielfalt;

• Pluralismus im Sinne eines Akkulturationsprozesses;

• ganzheitliche strukturelle Integration;

• Etablierung informeller Netzwerke;

• das Fehlen einer institutionellen kulturellen Schieflage im Human Ressource Management und in den Umsetzungsbereichen;

• wenige Intergruppen-Konflikte bedingt durch proaktives DiM.

Um diesen Zielzustand zu erreichen, ist neben einem diversitätssensiblen Führungskräftepool vor allem eine explizite Kommunikationsstrategie der Organisation zu den Zielen und zum Stand des Diversitäts-Prozesses notwendig sowie Maßnahmen zu einer kontinuierlichen Evaluation von Misslingens- und Gelingensfaktoren. Bei einer zusammenfassenden Bewertung der wegweisenden konzeptionellen Ansätze aus dem angloamerikanischen Raum fällt auf, dass diese alle auf den Mehrwert von Diversität im Kontext einer Organisation und von interkulturellen Teams ausgerichtet sind. Diversität wird kaum gesellschafsbezogen im Kontext der Antidiskriminierung oder im Zusammenhang mit Gerechtigkeitsvorstellungen sowie Macht- bzw. Herrschaftsverhältnissen verwendet.

2.1.2 Diversitäts-Mainstreaming im deutschsprachigen Raum

Im deutschsprachigen Raum hat in den 1990er Jahren in Anlehnung an die Entwicklungen im anglo-amerikanischen Kontext eine Auseinandersetzung mit Diversität im Bereich von Organisationen im Profit- und Non-Profit-Bereich begonnen. Diskurslinien haben sich insbesondere seit den späten 1990er Jahren weiterentwickelt und ausdifferenziert. So bestehen eine ganze Reihe unterschiedlicher, teilweise konkurrierender Diversitätsverständnisse und Managementansätze. Auf diese Ansätze wird in Teil III im Zusammenhang mit der Entwicklung eines neuen Modells für Diversität in NPOs eingegangen ( Teil III). Daher erfolgt an dieser Stelle eine Auseinandersetzung mit Diversitäts-Mainstreaming, das für ein reflexives Verständnis von Diversität in der Sozialen Arbeit besonders bedeutsam ist.

In Anlehnung an Gender Mainstreaming geht es bei Diversitäts-Mainstreaming um eine Strategie, alle Strukturen, Ablaufprozesse und Entscheidungsprozeduren in Politik und Verwaltung so zu gestalten, dass unterschiedlichste Lebensentwürfe und die Interessen aller Beteiligten – unabhängig von einzelnen Diversitätsdimensionen – berücksichtigt werden. Damit zielt Diversitäts-Mainstreaming auf die Veränderung von Organisationskulturen und Entscheidungsprozessen und trägt damit zu Chancengleichheit bei (Dreas 2019: 36). Diversitäts-Mainstreaming legt im Gegensatz zu den weitverbreiteten DiM Ansätzen den Fokus auf soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und Chancengleichheit.

Ausgehend von der Frage, ob DiM-Ansätze in der Lage sind, neue sozial- und gesellschaftswissenschaftliche Forschungsergebnisse zu reflektieren oder ob es ihnen nicht eher um betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnungen geht, die Differenzkategorien von gesellschaftlichen Machtfragen abkoppeln (Amstutz 2010: 16), steht im Mittelpunkt des Diversitäts-Mainstreamings ein analytisches Verständnis der Diversitätsdimensionen. Somit geht es vor allem darum, »Kategorien als analytische Kategorien zu verstehen und dadurch ihre Konstruktions- und Funktionsweise in Ordnungen, Diskursen und Machtverhältnissen offen zu lesen« (ebd.). Daher fordert Amstutz eine vergleichbare Rigorosität im Verständnis der Kategorien als Analyseinstrument, wie es bereits für die Kategorie ›Gender‹ erfolgt ist. Vor allem im Bereich ›Kultur‹, ›Behinderung‹ und ›sexueller Orientierung‹ sieht sie Handlungsbedarf (ebd.).

Gertrude Krell ist mit ihren »Diversity Studies« (Krell u. a. 2007) eine Grenzgängerin, die sowohl im Unternehmensbereich als auch bei sozialen Organisationen oder Bildungsträgern wie bspw. Hochschulen mit ihren Aussagen Gehör findet. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zum Diversitätsansatz und zu seiner interdisziplinären Verortung sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Konzept des Gender Mainstreamings. Da der Autorin zufolge ein einheitliches Verständnis von Diversität in Deutschland fehlt, schlägt sie zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen vor. Zum einen geht es um eine Betrachtung von Vielfalt als Unterschiedlichkeit, zum anderen sollen unter dem Begriff »Diversität« Gemeinsamkeiten und Unterschiede verstanden werden. Vielfalt als Unterschiedlichkeit verweist dabei auf die Tatsache, dass es keine zwei identischen Individuen gibt, wobei es Krell nicht um die Betonung der Unterschiede an sich geht, sondern um die Beantwortung der Frage wie diese Unterschiede gemacht werden. Der Ansatz Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu betrachten schützt nach Krell (2003) eher vor Stereotypen und Schubladendenken, da hierin darauf verwiesen wird, dass Menschen immer gleichzeitig Angehörige mehrere Gruppen sind (Frauen, Migrantinnen, Mütter etc.). Ein besonderes Verdienst von Gertraude Krell ist die Herausgabe des Sammelbandes »Diversity Studies« (2007), in dem Forschungs- und Theorieansätze aus unterschiedlichen Disziplinen wie z. B. Soziologie, Betriebswirtschaft, Ethnologie, Politik- und Rechtswissenschaft und Medizin vorgestellt werden und durch den eine integrierende Forschungssicht auf das Phänomen Diversität im deutschsprachigen Raum ermöglicht werden sollte. Hierdurch sollte nicht nur ein Zugewinn an Wissen erfolgen, sondern auch Synergieeffekte entstehen. Die Autor_innen des Sammelbandes positionieren sich mit folgendem Resümee:

»Schlussendlich zielen Diversity Studies darauf ab, Ausgrenzungen und Diskriminierungen entgegenzusteuern, die Qualifikationen und Potentiale der vielfältigen Menschen zu maximieren und ihre Zusammenarbeit und ihr Zusammenleben reibungsloser zu gestalten« (Krell u. a. 2007: 14).

In einem Vortrag zum Thema »Vielfältige Hochschulen – einfältige Hochschulpolitik« am 5. Dezember 2012 (Tagung Vielfalt als Gewinn CEDIN Consult, Düsseldorf) fasste Krell gängige Vorurteile gegen Diversitätskonzepte zusammen, formulierte grundlegende theoretische und organisationale Zugänge und verwies in diesem Zusammenhang auf die »Fabrikation von Diversity als Konstrukt«. Zu häufig vorgebrachten Vorbehalten gegen Diversitätskonzepte zählen demnach Argumente wie: Diversität sei nur von und für Unternehmen gemacht, nur ökonomisch begründet, es bestehe kein Unterschied zum Gender Mainstreaming und zur Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik, Menschen würden aufgrund von Zugehörigkeiten in Schablonen gesteckt, Diversitätskonzepte seien essentialisierend und naturalisierend ausgerichtet. Dieser Gefahrenliste stellt Krell einen Katalog an Anforderungen entgegen, die bei einer theoriebasierten Auseinandersetzung mit dem Konzept Berücksichtigung finden müssen. Zunächst einmal dürfen Diversitätskonzepte nicht als fertig vorhanden, sondern müsste als diskursiv erzeugt betrachtet werden. Das bedeutet, dass unterschiedliches und widersprüchliches Wissen über Vielfalt durch Vorträge und Fachpublikationen von Expert_innen aus Wissenschaft und Praxis vermittelt wird. Es gibt also immer auch eine interessensgeleitete Wahrnehmung, Interpretation und Anpassung von Diversitätskonzepten, je nach Standort der Betrachter_innen. Diversität im Sinne von Konzepten, Politik und Strategien ist nach Krell (2012) für jede Organisation geeignet, denn mit der Grundidee, Probleme, die mit Vielfalt verbunden sind, zu reduzieren und Chancen zu realisieren, geht die Schaffung einer Organisationskultur einher, von der letztendlich alle profitieren. Merkmale dieser Organisationskultur sind in Anlehnung an Cox (2001) Pluralismus und Wertschätzung von Vielfalt, strukturelle und informelle Integration und zwar unabhängig von Zugehörigkeiten/Zuschreibungen, der gelungene Abbau von Vorurteilen und Diskriminierungen sowie das Vorhandensein von wenigen Intergruppenkonflikten.

Betrachten wir Diversität als Konstruktion, kann nach Krell (2012) einerseits auf gruppenbildende Kategorisierungen (wie Geschlecht, Alter, Nationalität, Ethnie etc.), andererseits auf individuelle Attribute oder Zuschreibungen wie Werte, Einstellungen, Interessen und Verhaltensweisen rekurriert werden. In diesem Zusammenhang stellt sich auch noch einmal die Frage nach der Berücksichtigung nur der Unterschiede oder der Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie ihrer Betrachtung als quasi naturgegebene Eigenschaften oder als konstruierte Unterscheidungen und Zuschreibungen. Betrachten wir Vielfalt nur als Identitätskategorie oder auch als ungleichheitsrelevante Strukturkategorie? Gerade letztere Frage und die notwendige Positionierung ist entscheidend. Hier sollen nicht nur Diversitätsmerkmale als Beschreibungsfaktoren einzelner Menschen betrachtet werden, sondern gleichermaßen alle Strukturkategorien, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt beeinflussen.

2.1.3 Diversität außerhalb des ökonomisch-organisatorischen Kontexts: machtsensible Diversitätsansätze im Kontext des Sozialen

Obwohl der Diversitätsbegriff sowohl im deutschen als auch im angloamerikanischen Raum fest im ökonomischen und organisationalen Kontext verankert ist, haben sich besonders im letzten Jahrzehnt weitere Begriffsverwendungen herauskristallisiert. Eine Grundidee von Diversitätskonzepten ist es, die mit Vielfalt verbundenen Probleme zu reduzieren und vorhandene Chancen zu realisieren. Hierzu ist es einerseits erforderlich, Diversität als Konzept des Managements eines Umgangs mit Verschiedenheit (MD) innerhalb von Organisationen zu etablieren und Diversitätskompetenz bei Mitarbeiter_innen im Sinne einer Schlüsselqualifikation in Zeiten der Globalisierung zu stärken. DiM beschreibt die Gesamtheit der Maßnahmen, die dazu beitragen, dass Verschiedenheit in einer Organisation anerkannt und wertgeschätzt wird. Es geht somit um die Herstellung von Bedingungen, die es allen Personen unabhängig von ihren unterschiedlichen Merkmalen ermöglicht, ihr Potential positiv zur Geltung zu bringen. Dies soll sich jedoch nicht auf Organisationen beschränken, sondern in der Gesamtgesellschaft zur Anwendung kommen. »Längerfristig beinhaltet eine chancenorientierte Diversity-Orientierung die Vision von einem staatlichen und gesellschaftspolitischen Selbstverständnis einer ›Einheit in der Vielfalt‹. Der Schutz vor Diskriminierungen, ein ressourcenorientierter Potentialansatz, die Förderung von Chancengleichheit und Gleichbehandlung und wirtschaftliche Vorteile können so miteinander verbunden werden« (Merx 2013: 241).

In einer pragmatischen Annäherung an den Diversitäts-Begriff greift Schwarzer folgende verbreitete Sichtweise auf: »Durch eine Diversity-Perspektive sollen die Unterschiedlichkeiten von Menschen wahrnehmbar und diese als etwas Positives für die Gruppe, die Organisation und die Gesellschaft gesehen werden. Heterogenität wird als Bereicherung für alle und Unterschiede als Stärke gewertet« (Schwarzer 2015a: 196). Zur Beschreibung von Unterschieden wird häufig sowohl der Begriff »Vielfalt« als auch »Differenz« verwendet; in der Regel jedoch mit recht gegensätzlichen Konnotationen. »Vielfalt wird tendenziell verwendet, wenn in positiv konnotierter Form über Verschiedenheit gesprochen werden soll. Gemeint ist eine Verschiedenheit, die Unterschiedlichkeit als Teil des gesellschaftlichen Ganzen begreift. Differenz dagegen wird eher eingesetzt, um eine Abgrenzung zu markieren und wenn die Eigenständigkeit im Gegensatz zum Gesamten betont werden soll« (Brettländer/Köttig/Kunz 2015: 7). Gemeinhin wird der Diversitätsbegriff also für den positiven, wertzuschätzenden Aspekt von Vielfalt verwendet, für eine Vielfalt, die auf Zugehörigkeit ausgerichtet ist, während Differenz bestehende Unterschiede bspw. im Bereich der Klassenzugehörigkeit thematisiert, die nicht so leicht überwunden werden können oder sollen und somit als dauerhafte Bestandteile und Konstruktionsmechanismen sozialer Ungleichheit dienen.

Entsprechend eindeutig melden sich Kritiker_innen des Diversitätskonzepts zu Wort:

»Verliert sich Antidiskriminierungsarbeit […] in der Auflistung der Differenzen, in deren Bewahrung, in deren neuer Verpackung (wie es z. B. in dem Zurzeit Konjunktur feiernden Konzept Diversität der Fall ist), um diskriminierte Individuen und Gruppen noch nützlicher, sozioökonomisch noch verwertbarer zu machen, dann haben wir es mit nichts anderem zu tun als mit einer depolitisierenden verwaltungstechnischen Maßnahme, einem zusätzlichen Instrument zur Erhaltung der Herrschaft« (Bratic 2008: 158).

Diversitätskonzepte sollen deshalb, so die Empfehlung von Hormel und Scherr (2004: 212), gesellschaftlich ablaufende Normalisierungsprozesse kritisch in den Blick nehmen und vorhandene Ausschlussmechanismen nicht einfach reproduzieren.

»Vielmehr kommt es darauf an:

• Strukturen und Prozesse durchschaubar zu machen, durch die Unterschiede zwischen sozial ungleichen Gruppen hervorgebracht werden;

• zur Kritik unzulässiger Generalisierung von Stereotypen und Vorurteilen zu befähigen sowie dafür zu sensibilisieren, dass jedes Individuum ein besonderer Einzelner ist;

• begreifbar zu machen, dass Gruppenzuordnungen keine klaren und eindeutigen Grenzen zwischen unterschiedlichen Menschentypen etablieren, sondern durch übergreifende Gemeinsamkeiten und quer zu den Gruppenunterscheidungen liegende Differenzen überlagert und relativiert werden;

• Kommunikations- und Kooperationszusammenhänge zu ermöglichen, in denen die Irrelevanz etablierter Gruppenunterscheidungen erfahren werden kann.«

Erst durch eine differenzierte Betrachtung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden kann der Diversitätsansatz in einen kritisch zu betrachtenden Gesellschaftsdiskurs eingebettet werden. »Diversity zielt also auf die demokratische Öffnung aller gesellschaftlichen Räume für alle Menschen ab. Unabhängig von dem jeweiligen kulturellen Hintergrund, Religion, Hautfarbe, Alter, Geschlecht, Geschlechterrolle, sexuelle Orientierung, Klasse, körperlicher Verfasstheit etc. und unabhängig von der ›Nützlichkeit‹ des jeweiligen Menschen« (Czollek u. a. 2009: 61).

Für die Bundesregierung ist im Hinblick auf die Etablierung des Diversitätsdiskurses festzustellen, »dass es sich hierbei keineswegs primär um einen Effekt des Einflusses von politischen Strömungen und sozialen Bewegungen handelt, die sich in einer emanzipatorischen Perspektive für die Rechte von Minderheiten einsetzen oder die eine gegenüber Konzepten einer nationalen ›Leitkultur‹ kritische Programmatik eines Multikulturalismus vertreten. Vielmehr handelt es sich um einen von angelsächsischen Entwicklungen inspirierten Import einer Semantik bzw. Programmatik, deren zentraler politischer Akteur die EU-Administration ist« (Scherr 2011: 81), deren Kampagnen-Motto lautet: »For Diversity – against Discrimination«. Die maßgeblichen EU-Richtlinien (2000/43 und 2000/78) sind seit 2006 im bundesrepublikanischen AGG verankert worden. Diversität wird zwar durch das Steuerungsinstrument Recht gesellschaftspolitisch relevant, aber nur im negativen Sinne durch das Verbot rechtlich nachweisbarer Diskriminierungsfälle. Alltägliche Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung in der Interaktion zwischen Personen können hiermit nicht aufgegriffen bzw. überwunden werden.

»Im Unterschied hierzu hat sich die Diversity-Diskussion in den USA, Kanada und Großbritannien im Zusammenhang mit politischen Forderungen von Minderheiten entwickelt. Gegenstand sozialwissenschaftlicher Diversity-Studien […] sind dementsprechend die Lebensstile und die Identitätsprojekte unterschiedlicher Minderheitengruppen, wobei die Verschränkungen und Überlagerungen von identitätsrelevanten Kategorien mit sozialer Ungleichheit und Ausgrenzung und politischen Machtverhältnissen in den Blick gerückt werden« (Scherr 2011: 81).

Politisch-rechtliche Antidiskriminierungskonzepte, Strategien international operierender Konzerne sowie soziale Bewegungen und wissenschaftliche Positionen, die sich kritisch mit Problemlagen von Minderheiten auseinandersetzen, scheinen auf den ersten Blick übereinstimmenden Argumenten zu folgen.

»Unter Bedingungen transnationaler Netzwerke der Kapitalakkumulation (Castells 2001) bzw. eines sich globalisierenden High-Tech-Kapitalismus (Haug 2003) verändern sich die Bedingungen des Einbezugs von Arbeitskräften und Konsumenten in den wirtschaftlichen Prozess in einer Weise, die es, jedenfalls für diejenigen, die sich als politische und ökonomische Akteure oder als Profiteure des politisch-ökonomischen Wandels begreifen können, als dysfunktional erscheinen lässt, an tradierten geschlechtsbezogenen, rassialisierenden und ethnisierenden Stereotypen festzuhalten« (Scherr 2011: 82).

Allerdings ist unseres Erachtens die Übereinstimmung von Wissenschaft, Politik und Ökonomie im Diversitätsdiskurs begrenzt. Dies betrifft sowohl die relevanten Dimensionen von Vielfalt, die Berücksichtigung finden sollen, als auch die Frage nach geeigneten Umsetzungsstrategien oder nach dem Einfluss von Macht und sozialer Ungleichheit. »Auch wenn Diversity-Konzepte sich den Anschein geben, jegliche Art von Vielfalt wertzuschätzen, ist zu fragen, ob sie de facto nicht doch nur bestimmte Differenzkategorien zu schätzenswerten konstruieren, diese als quasi natürlich gegeben voraussetzen, d. h. essentialisieren und ideologisieren und andere mögliche Differenzkategorien wie Arme, Alte, Ungebildete, Kranke, körperlich und geistig Behinderte ignorieren« (Nestvogel 2008: 23).

Über Vielfalt können wir uns fachübergreifend nur verständigen, wenn wir

• uns auf einen bestimmten gesellschaftlichen Bereich, wie bspw. das gesellschaftliche Zusammenleben, konzentrieren, um für diese zielgerichtete Aussage machen zu können;

• explizite Vorstellungen darüber entwickelt haben, was ein vielfältiges Zusammenleben ausmacht;

• die unterschiedlichen Themen, die in Diskursen und Debatten oft miteinander vermischt werden, auf ihren spezifischen Kontext hin prüfen, um soziale, kulturelle, religiöse (u. a.) Diversität differenziert betrachten zu können;

• die verschiedenen Aspekte des Alltagslebens im größeren Zusammenhang und über einen längeren Zeitraum hin betrachten, weil nur dann beobachtet wird, dass Vielfalt oft eine Halbwertzeit besitzt, nach der sie entweder zur Normalität wird oder in etwas Neuem aufgegangen ist;

• davon ausgehen, dass wir uns in einem gesellschaftlichen Transformationsprozess befinden, in dem die traditionellen Gesellschaften, die Moderne mit ihren Institutionen, großen Theorien und geregelten Normalvorstellungen in Frage gestellt werden können (Bukow 2011: 229).

»Machtsensible Diversity-Ansätze sind in der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft gegenwärtig sowohl institutionell als auch personell stärker vertreten als affirmative Diversity Management Ansätze« (Walgenbach 2014: 103). Vertreter_innen dieser Konzepte verweisen auf theoretische Bezüge, vor allem aus den machtkritischen Diversitätsdiskursen der klassischen Einwanderungsländer wie USA und Kanada sowie in der Theorietradition der Migrationspädagogik, der Geschlechterdiskurse und der Integrations- und Inklusionspädagogik im deutschsprachigen Raum (Leiprecht 2008; Hormel/Scherr 2004). Machtkritische Ansätze betrachten soziale Identitäten und Zugehörigkeiten als Produkte von Herrschaftsverhältnissen, die zu Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Islamfeindlichkeit führt: Die Relevanz dieser Perspektive betont A. Scherr (2008: 61 nach Walgenbach 2014: 104):

»Sie besteht erstens in der Aufforderung, Machtbeziehungen und Ungleichheiten in ihrer Verschränkung mit diskriminierenden Klassifikationen differenziert in den Blick zu nehmen und offensiv zu thematisieren. Dies erfordert zweitens eine kritische Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlich einflussreichen Diversitäts-Diskurs, der diese Verschränkungen systematisch ausblendet und auf eine Überwindung tradierter Stereotype und Vorurteile zielt, der aber den sozioökonomischen Zusammenhang systematisch ausklammert.«

Wesentlich für die Argumentationsstränge in machtsensiblen Diversitätsdiskursen ist außerdem der Verweis auf die Konstruktion von Zugehörigkeiten und ihre Dekonstruktionsmöglichkeiten jenseits biologischer Festschreibungen.

Insofern sollten gerade die machtsensiblen Diversitätsbetrachtungen handlungsleitend für die Soziale Arbeit als Disziplin und Profession werden. Im folgenden Kapitel werden daher für den sozialen Bereich wesentliche Bedeutungsdimensionen der Diversitätsdiskurse in einer analytisch-reflexiven Weise aufgegriffen, um den Leser_innen ›Handwerkszeuge‹ für professionell-reflektierte Interventionen im Kontext Diversität und Soziale Arbeit zu ermöglichen.

2.2 Bedeutungsdimensionen

»Ludwig Wittgenstein lehrt uns, dass sich die Bedeutung eines Begriffs am besten aus der Art seiner Verwendung folgern lässt. Der Diversitätsbegriff ist zurzeit allgegenwärtig. [Wir treffen] auf ihn in öffentlichen Debatten ebenso wie in grundverschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wie Kulturanthropologie, Mikroökonomie und Biogenetik. […] Diversität ist keine vorsoziale Kategorie und daher stets mit zugeschriebenen Bedeutungen beladen« (Faist 2013: 91). In einer häufig verbreiteten Lesart des Begriffs wird Diversität als von den Beteiligten konstruiert betrachtet und dabei meist auch in einem positiven Blickwinkel im Sinne von Effektivität, Kreativität und der Wertschätzung von Vielfalt gesehen. Es sind allerdings auch andere Zuschreibungen möglich. So kann bspw. eine hohe ethnische Diversität wie in den USA als eine der Begründungslinien für den dort wenig ausgeprägten Wohlfahrtsstaat gesehen werden. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Solidarität gehen nicht immer einher mit heterogener Zusammensetzung der Bevölkerung.

Wie bereits unter Kapitel 1.1 beschrieben, sind Diversitätsverständnisse (Vielfalt, Verschiedenheit, Unterschiedlichkeit) auch innerhalb der Sozialen Arbeit je nach wissenschaftlichem Standort, Praxisverortung, Organisations- und Umgebungskultur sehr unterschiedlich ausgeprägt ( Kap. 1.1). Mit dem Begriff ist deshalb kein kohärentes Programm verbunden. Daher sollen im nächsten Schritt in Anlehnung und Weiterführung an Scherr (2011) und Walgenbach (2014) unterschiedliche Zugänge zum Phänomen mit Hilfe ausgewählter Bedeutungsdimensionen dargestellt werden, um zu einem analytisch-reflexiven Begriffsverständnis zu gelangen sowie eine Orientierung in einem komplexen Theorie- und Handlungsfeld zu ermöglichen. Dies ist nur möglich durch eine vielschichtige Betrachtung von Diversität, die jeweils passende Aspekte fokussiert sowie in die Handlungsfelder der Sozialen Arbeit im Sinne eines Theorie-Praxis-Diskurses einfließen lässt. Aufgrund dieses Diversitätsverständnisses können einzelne Bedeutungsdimensionen für einen Arbeitsbereich als relevanter bewertet sein als andere. Daher wurden zu den einzelnen Dimensionen Praxisbeispiele aufgenommen, die die Umsetzungsmöglichkeit im Alltag der Sozialen Arbeit erleichtern sollen. Im Anschluss an die Darstellung jeder Dimension wird eine Lernfrage stehen, um den Leser_innen eine selbstständige Evaluation des Lernzuwachses zu ermöglichen.

2.2.1 Diversität als Unterschiede und Gemeinsamkeiten (deskriptiv-klassifizierende Bedeutungsdimension)

Aus einer individualisierungstheorethischen Perspektive ist unsere heutige Gesellschaft von diversen Lebensstilen und Lebensformen geprägt. So gibt es vielfältige Familienformen, Milieu- und Religionszugehörigkeiten, Werte und Normen. Aber auch durch die Globalisierung und Migration entstehen gesellschaftliche Entwicklungsprozesse, die die Pluralisierung von Lebensformen beeinflussen. Hierdurch wird die Gesellschaft stets heterogener (Walgenbach 2014: 36).

In der deskriptiven Bedeutungsdimension werden diese Unterschiede innerhalb der Vielfalt ins Blickfeld genommen. Wichtige Differenzlinien stellen dabei Geschlecht, Ethnizität oder Alter dar. Die Frage, ob es sich bei den aufgezählten Unterschieden um essenziell vorhandene Persönlichkeitsmerkmale oder eher um Differenzen, die aufgrund gesellschaftlicher Veränderungsprozesse wie z. B. Pluralisierung und Globalisierung entstanden sind, handelt, wird je nach Autor_in recht unterschiedlich beantwortet. Viele Diversitätsansätze nehmen jedoch Bezug auf diese sozialen Gruppenzugehörigkeiten und -identitäten und konzentrieren sich daher auf diese unterschiedlichen Differenzlinien bei der Beobachtung, Klassifizierung und Diagnostizierung von Vielfalt (Walgenbach 2014).

Praxisbeispiel für Diversität als Unterschiede

Innerhalb der Gemeinwesenarbeit gibt es als Begegnungspunkt ein Café, das einmal pro Woche für alle im Stadtteil Lebenden geöffnet hat. Um dieses Angebot bezüglich der Diversität analysieren und evaluieren zu können, nutzen die Sozialarbeiter_innen die Dimensionen Alter, Geschlecht und kulturelle Herkunft.

→ Damit liegt der Fokus auf den Unterschieden in der Gruppe – auch wenn es innerhalb dieser Gruppe Gemeinsamkeiten geben kann.

»‹Diversität‹, verstanden als soziale und kulturelle Vielfalt, begegnet uns als sozialer Tatbestand. Es scheint offensichtlich, dass Menschen in unterschiedliche Identitätsgruppen, kulturelle und soziale Kategorien unterteilt werden können, Kategorien, deren Unterschiede zu mehr oder weniger antagonistischen Spannungen und Spaltungen führen. Die kategoriale Vielfalt scheint in den Augen vieler besonders hoch in spät- oder postmodernen wie postkolonialen Gesellschaften, die von den neuen Weisen der Globalisierung und Mobilität geprägt sind« (Fuchs 2007: 17).

Wichtig ist jedoch in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass Vielfalt nicht einfach als vorgegeben und gesetzt behandelt werden darf, sondern als das Ergebnis von interpretativen Handlungen, d. h. von Differenzierungen oder Differenzhandlungen angesehen werden muss. Hinzu kommt, dass aus dem Vorhandensein von Diversität per se keine sozialen Konsequenzen folgen. Entscheidend ist vielmehr, wie wir alle mit Diversität umgehen, wie wir Differenzierungen vornehmen und wie wir uns auf Unterschiede beziehen.

Eine Fokussierung auf die Unterschiede kann laut Walgenbach in manchen Bereichen »in eine produktive Wechselbeziehung mit dem Abbau von sozialer Ungleichheit treten«, bspw. dann, wenn eine Gruppe durch eine bewusste Jahrgangsheterogenität zum Lernen motiviert wird. Jedoch können aus Unterschieden auch soziale Ungleichheiten entstehen, wenn bspw. »Kinder von alleinerziehenden Müttern einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt sind« (Miller/Toppe 2009 zitiert nach Walgenbach 2014: 36).

Thomas stellt daher parallel zu einer Leseart, die sich allein auf die Unterschiede fokussiert, fest: »Diversity refers to any mixture of items characterized by differences and similarities« (Thomas Jr. 1995: 246, zitiert nach Vedder 2003: 18, zitiert nach Heidsiek 2009: 42). Dementsprechend hat sich, flankierend zur Fokussierung allein auf die Unterschiede, eine Lesart von Diversität entwickelt, die trotz bestehender Unterschiedlichkeit auch Gemeinsamkeiten zwischen Menschen hervorhebt.

Praxisbeispiele für Diversität als Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Ein Integrationsmanager möchte die gesellschaftliche Integration vor Ort unterstützen, indem er ein Sportangebot für junge Erwachsene ins Leben ruft.

→ Der Fokus liegt trotz Unterschiedlichkeiten (kulturelle Herkunft, Milieuzugehörigkeit …) auf der Gemeinsamkeit: dem Interesse am Sport.

Eine Schulsozialarbeiterin möchte durch ein erlebnispädagogisches Angebot die Klassengemeinschaft stärken.

→ Gemeinsamkeiten und Unterschiede haben ihren Platz: Schüler_innen im selben Alter besuchen gemeinsam eine Klasse. Gleichzeitig unterscheiden sich die einzelnen Schüler_innen (z. B. in Geschlecht, Herkunft, Milieuzugehörigkeit, Leistung, Neigungen, Motivation etc.).

Indem Gemeinsamkeiten in das Verständnis von Diversität integriert werden, soll ein besserer Schutz vor Stereotypisierung erreicht werden. Zusätzliche wird das Ziel verfolgt, Individuen nicht auf ausgrenzende Merkmale zu reduzieren, sondern verbindende Merkmale stärker zu berücksichtigen (ebd.). Dieser Leseart entsprechend kann schlussgefolgert werden, »dass es bei gleicher gruppenbezogener Merkmalskonstellation unterschiedliche individuelle Verhaltensweisen, Einstellungen und Werte auch innerhalb einer ethnischen Gruppe geben kann« (Heidsiek 2009: 42f., zitiert nach Thomas 1995: 246, zitiert nach Vedder 2003: 18). Denn erst durch die Betrachtung von Diversität als bestehend aus Unterschieden und Gemeinsamkeiten wird eine Identifizierung von Gemeinsamkeiten in vermeintlich heterogenen Personengruppen möglich, ohne die Unterschiede aus dem Blick zu verlieren (ebd.). Dies ist essenziell, denn »even if organizational participants are homogeneous with respect to race and gender, diversity can still exist in significant ways along other dimensions« (Thomas, R. R. 1992: 307, zitiert nach Liebrich 2008: 22).

Nur durch den Blick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede wird es in der Sozialen Arbeit möglich, Verschiedenheit nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Möglichkeit des Gestaltens zu sehen. Daher gehört die Kompetenz im Umgang mit Verschiedenheit in ihren Ausprägungen, ihrer Ungleichheit, Vielfalt und Unterschiedlichkeit als Kernkompetenz in den Mittelpunkt einer zukunftsorientierten Praxis der Sozialen Arbeit (Aschenbrenner-Wellmann 2009: 214). Heterogenität im Sinne von Unterschieden und Gemeinsamkeiten wird dabei systematisch wahrgenommen und bearbeitet. Die vorhandene Diversität kann dabei sowohl als im Individuum verortet (Persönlichkeitsmerkmale) als auch als Effekt gesellschaftlicher Entwicklungen (religiöse Pluralität, Mehrsprachigkeit etc.) betrachtet werden.

Lernfrage

Welche Vor- und Nachteile hat die Einnahme einer deskriptiv-klassifizierenden Bedeutungsdimension im Vergleich zu einer unstrukturierten Betrachtungsweise von Vielfalt als Bereicherung?

2.2.2 Diversität im Anerkennungs- und Gerechtigkeitsdiskurs (normativ-regulierende Bedeutungsdimension)

Da die Gegenwart stark von einem ›Sein-Sollen‹ geprägt ist, wird eine Auseinandersetzung mit dem Thema der Normativität im Umfeld der Sozialen Arbeit immer wichtiger. Hierbei geht es um die Suche nach Gründen, Wegen und Legitimationsverfahren für ein richtiges, gutes, ein wirksames und legitimes Handeln und Leben. Gerade in unübersichtlichen Zeiten mit Digitalisierung, Globalisierung und Individualisierung suchen Menschen erneut nach verbindlichen Normen und einem festen Grund, auf dem diese stehen; denn durch jene Normen treten Orientierungspunkte auf, wodurch Aussagen, was richtig oder falsch ist, zugelassen werden können (Meseth/Casale/Tervooren/Zirfas 2019: 3f.). Somit wird ein Sollen und ein Wollen formuliert, das jedoch oft mit einer offenen und vielfältigen Gesellschaft kollidiert, denn nicht jedes Individuum ist in der Lage den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen – wenn es dies denn möchte. So erklärt auch H. Thiersch in seinem Grundsatzartikel zum Zusammenhang zwischen Diversität und Lebensweltorientierung:

»Die Gestaltung der Lebenswelt ist bestimmt durch die Ressourcen, die jeweils verfügbar sind, es gibt die Unterschiede nach Geld und Zugangsgerechtigkeit, es gibt die unterschiedlichen Lebenswelten der Armen, der Reichen oder der verschiedenen ethnischen Kulturen. Die Bewältigungsaufgaben in der Lebenswelt sind bestimmt durch ihren Status im Gefüge der Lebenswelten in der machtbestimmten Hierarchie der Gesellschaft« (2011: 53).

Da sich die Soziale Arbeit am Kriterium der Alltagsnähe zu ihren Adressat_innen bewähren muss, braucht es im Umgang mit Diversität auch eine normativ regulierende Dimension, welche besagt:

»Die Differenzierung von sozialen Gruppen beruht auf gesellschaftlich-sozialen Prozessen und ist historisch gewachsen und eingebettet. Diese konstruierten Unterscheidungen sind im Wandel und in gesellschaftliche Aushandlungsprozesse eingelassen. Das bedeutet, dass Differenzierungsprozesse im jeweiligen zeitlichen, geographischen und gesellschaftlichen Kontext Funktionen erfüllen« (Schwarzer 2015b: 37).

Entsprechend der etablierten gesellschaftlichen Normen wird zwischen »normal« und »nicht normal«, zwischen Norm und Abweichung unterschieden. Die Norm wird dabei als das »Wir« definiert und die zugeschriebenen Eigenschaften werden als positiv bewertet: »sauber«, »zivilisiert«, »modern« etc. Die Abweichung hingegen wird mit Zuschreibungen wie »dreckig«, »unzivilisiert«, »rückständig« belegt.

Beispiel: Assimilation (Anpassung) im Hinblick auf Geflüchtete

Eine Vielzahl deutscher Bürger_innen ist der Auffassung, dass sich Geflüchtete in Deutschland an die deutschen Normen anpassen müssen, da diese die ›besseren‹ und ›zivilisierteren‹ seien. Hierdurch können jedoch Ressourcen der Geflüchteten nicht in ihren Hilfs- und Integrationsprozess mit einbezogen werden, und eine wechselseitige Integration scheitert.

Im Hinblick auf eine produktive Bearbeitung der oben genannten negativen Zuschreibungen, die in der Praxis schnell diskriminierende Züge annehmen können, wird ein Anerkennungs- und Gerechtigkeitsdiskurs notwendig. Denn Soziale Arbeit wirkt auch in die Gesellschaft hinein und hat daher eine wesentliche Funktion: Die Verbesserung und Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen sozialer Problemlagen (Schilling/Zeller 2012: 208). Innerhalb eines anzustrebenden Diskurses nimmt in Anlehnung an N. Fraser und A. Honneth (2003) die Politik der Anerkennung von Vielfalt einen hohen Stellenwert ein, da diese eng mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen im Sinne von Chancengleichheit und Gleichstellung zusammenhängt.

Beispiel für die Förderung einer Ankerkennung von Vielfalt

Ein Dienstleistungsunternehmen schult seine Mitarbeiter_innen durch ein Seminar zur »Interkulturellen Kompetenz«.

→ Hierbei geht es darum, »effektiv mit Menschen, die über andere kulturelle Hintergründe verfügen, umzugehen und zusammenzuarbeiten« (IKUD o. J.). Daher werden Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt, um das eigene kulturelle Orientierungssystem zu reflektieren und die eigenen Regeln als eine unter vielen anzuerkennen. Gleichzeitig wird eine Haltung der Achtsamkeit sowie »Diversität leben« eingeübt (Kircher 2003: 3).

Nach Fraser soll gesellschaftliche Diversität auch in der Diversitätspolitik spiegelbildlich repräsentiert sein; zusätzlich sollen spezifische Erwartungen und Bedürfnisse von Gruppen abgebildet werden. Für Fraser ist die Frage der Anerkennung untrennbar mit der Frage nach Gerechtigkeit verbunden, dies gilt insbesondere für den Bereich der politischen Partizipation. Im Gegensatz zu Honneth geht Fraser jedoch nicht davon aus, dass allein durch wirtschaftliche Umverteilung Anerkennung generiert werden kann. Politische Forderungen, deren Ziel die Umverteilung von Macht und Ressourcen ist, werden stets durch Gleichheit begründet; die Forderung nach Anerkennung kultureller Unterschiede begründet sich aber in der Anerkennung von Differenz. Wie kann dieses Dilemma zwischen der notwendigen Anerkennung von Unterschieden und ihrer angestrebten Auflösung im Sinne von Gleichheit gelöst werden? Die Prinzipien von Gleichheit und Differenz sind für Fraser unauflösbar miteinander verbunden. Umverteilung und Anerkennung haben in Bezug auf das Erreichen der Gleichheit bspw. zwischen den Geschlechtern, Einheimischen und Zugewanderten usw. das gleiche politische Ziel. Dabei geht Fraser von einer intersektionalen Betrachtungsweise aus: Geschlechtergerechtigkeit muss im Zusammenhang mit anderen Achsen der Ungleichheit (wie Diskriminierung von Migrant_innen oder ungleichen Zugängen zu Ressourcen aufgrund unterschiedlicher Klassenzugehörigkeit) betrachtet werden (Salzbrunn 2014: 32).

Unterschiede führen zwar nicht automatisch zu einem Ausschluss von gesellschaftlichen Teilhabeprozessen und zu Ungerechtigkeiten, allerdings geht mit Unterscheidungen auch ein Risiko für Hierarchisierung und soziale Ungleichheitsverhältnisse einher. Als Unterscheidungen, die den Unterschied machen, gelten nach Schwarzer (2015) alle wichtigen Diversitätsdimensionen wie Geschlecht, Klasse, Herkunft, Alter etc. In der Debatte um gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten spiegeln sich drei Betrachtungsweisen des Umgangs mit Unterschieden wider: Einerseits geht es um den Kampf um Anerkennung von Unterschieden, andererseits um den Kampf um die Anerkennung der Bedeutungslosigkeit von Differenzierungen und um gleichberechtigte Teilhabe aller und drittens um den Kampf um Anerkennung von Unterschieden im Rahmen einer gleichberechtigten Teilhabe.

»Der grundlegende Unterschied zwischen den ersten beiden Strömungen liegt in deren Ziel. Während die erste Strömung vor allem das Recht auf Anerkennung der Unterschiedlichkeiten und damit auch die herrschenden Normen in Frage stellt, betont die zweite Strömung die gleichberechtigte Teilhabe jenseits und unabhängig von Strukturkategorien. Während die zweite Strömung das Erreichen von allgemeingültigen und für alle gleichen Bedingungen und Strukturen anstrebt, hält die erste Strömung dies für kaum erreichbar. Die dritte Strömung verbindet die ersten beiden und plädiert für eine Anerkennung von gesellschaftlich hergestellten Differenzierungen, ohne dass diese zu Diskriminierungen in Bezug auf die Teilhabe führen« (Schwarzer 2015a: 42).

Anerkennung darf generell nicht auf der Ebene der Anerkennung individueller Unterschiede verhaftet bleiben: Auch Czollek zufolge betrifft sie »sowohl die partizipative Anerkennung im politischen Sinne von Menschen als auch die affirmativ-transformative Anerkennung im ethisch-politischen Sinne« (Czollek u. a. 2009: 53). Erstere meint Anerkennungsgerechtigkeit, also die Vorstellung und Schaffung einer Gesellschaft, in der niemand strukturell, kulturell und individuell diskriminiert wird, sondern gleichberechtigt teilhaben kann. Letztere liegt vor, »wenn das Gegenüber in seinem Verschieden- und Anders-Sein wesentlich bejaht wird und Zustimmung findet, und gleichzeitig eine Trennung zwischen dem Subjekt als Subjekt und seinen Handlungen gemacht wird. Transformative Anerkennung meint die Möglichkeit der Veränderung durch Andere, insofern die eigene Sichtweise durch den Anderen verändert wird, und umgekehrt« (ebd.).

Für ein vertiefendes Verständnis der Anerkennungsdiskurse ist eine Betrachtung der Aspekte »Identitätskonstruktionen« und »Strukturen/Institutionen« notwendig. Die Ebene der Identitätskonstruktion umfasst die Selbstdefinition, aber auch Gruppenzuschreibungen, die einen Menschen erreichen. Wichtig ist dabei zu beachten, dass Identitäten nicht einfach essentialistisch vorhanden sind, sondern ständig neu konstruiert werden. Hierzu zählt bspw. auch das Wiedererwachen sog. neuer Identitäten wie z. B. nationale, ethnische oder lokale Identitäten.

Berücksichtigung müssen außerdem gesellschaftliche, politische und sozio-ökonomische Strukturen finden, die bereits vorhandene Strukturkategorien wie Geschlecht und Klasse aufrechterhalten und weiterbestehen lassen. »Gesellschaftlich konstruierte Differenzierungen sollten nicht verleugnet oder unterdrückt werden. Im Gegenteil: Unterschiedliche Lebenspraxen und -auffassungen müssen einen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft finden. Wichtig ist aber, dass der Zugang zu Ressourcen oder der Grad gesellschaftlicher Anerkennung und Partizipation nicht dadurch bestimmt werden« (Schwarzer 2015a: 46). Dies gilt jedoch nicht für die Anerkennung alter und neuer Nationalismen und für rechtsradikale Abgrenzungsbestrebungen, die die derzeitige bundesrepublikanische Realität bestimmen. U. Beck (2004) hat deren Absichten »exklusives Unterscheiden« genannt. Dieses »wird als anthropologisch, biologisch, politologisch und logisch notwendiges Prinzip angesehen, das … die Abgrenzung zwischen Gruppen aller Art – Ethnien, Nationen, Religionen, Klassen, Familien – erzwingt. […] Das Eigene muß sich gegen das Fremde ab- und eingrenzen, damit Identität, Politik, Gesellschaft, Gemeinschaft, Demokratie möglich werden.« (ebd.: 13). (Mentale) Grenzen sollen dazu dienen Identität und gesellschaftliche Kohäsion zu schaffen.

In dieser gesellschaftlichen Gemengelage ist nun die Soziale Arbeit besonders herausgefordert. Ihr Ausgangspunkt ist häufig der Unterschied zwischen einer konstatierten oder ausgehandelten Lebensnorm und einer davon abweichenden Lebensrealität. Die Frage, was angesichts der festgestellten Pluralisierung der Lebenswelten, der Individualisierung von Lebensentwürfen, einer alten und neuen Unübersichtlichkeit und der aktuellen Herausforderung durch Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit aus Sicht der Profession getan werden kann, kann mit Hilfe der normativ-regulierenden Bedeutungsdimension zumindest reflektierend beantwortet werden. Als »moralische Leitplanken« dienen hierzu die Menschenrechte.

Lernaufgabe

Erläutern Sie die drei Betrachtungsweisen des Umgangs mit Unterschieden und gehen Sie hierauf diskursiv ein!

2.2.3 Diversität als Chance oder Belastung (evaluative Bedeutungsdimension)

In der evaluativen Bedeutungsdimension wird Diversität nicht im Sinne einer Tatsachenbeschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit betrachtet, sondern in bewertender Weise analysiert. Diversität kann in diesem Zusammenhang als Herausforderung gesehen werden, die bearbeitet werden muss, und mit Problemen behaftet wahrgenommen wird – oder aber durch eine positive Bewertung als Chance und als Ressource, die einen produktiven Umgang mit Vielfalt ermöglicht.

Praxisbeispiel (in Anlehnung an Walgenbach 2017: 26f.): Inklusionsschulklasse


Herausforderung:Durch die vorhandene Diversität können Lehrer_innen überlastet werden. Häufige Reaktion der Schulen: Schüler_innen werden an Fachleute überwiesen, Zusatzlehrkräfte werden nötig, damit die Inklusionsschüler_innen den Unterricht nicht stören.
Chance:Schüler_innen lernen in einer Inklusionsklasse soziale, kognitive, emotionale, politische und interkulturelle Fähigkeiten, die sie in einer Regelschule so nicht erfahren würden.

Die gegenwärtigen sozial-, gesellschafts- und erziehungswissenschaftlichen Diskussionen um Vor- und Nachteile von Diversität lassen sich vereinfachend zwei Traditionslinien zuordnen: affirmativ orientierte DiM-Ansätze oder machtsensible Diversitätskonzepte. Während erstere vor allem handlungs- und umsetzungsorientiert auf die Gestaltung von Vielfalt im Sinne der Produktivität und Effizienz für die betreffende Organisation und auf die Förderung und Wertschätzung individueller Talente der Mitarbeitenden ausgerichtet ist, werden unter dem Stichwort »machtsensible Differenz« alternative Zugänge zum Phänomen und Konzept von Diversität diskutiert, die sich jenseits der Machbarkeits-, Ressourcen- und Mehrwertdiskussionen ansiedeln lassen. Diese Zugänge kommen überwiegend aus dem sozial- und erziehungswissenschaftlichen Kontext und haben eine starke Resonanz und auch eine Weiterentwicklung auf dem Gebiet der Sozialen Arbeit erfahren.

Da Diversität unter machtsensibler Betrachtungsweise keinen Nutzen oder Zweck erfüllen muss, werden hier vor allem die Ressourcen und Potentiale in den Vordergrund gestellt. So z. B. innerhalb neuerer Integrationsverständnisse mit dem Ziel einer multiethnischen Gesellschaft: Hier wird bspw. die Kultur (Mehrsprachigkeit, Orientierungssystem, Lösungsstrategien, Werte, Praktiken etc.) der Einwander_innen als Ressource angesehen, die durch wechselseitige Aushandlungsprozesse zwischen Einwander_innen und Mehrheitsgesellschaft Integration in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen fördern kann.

Im affirmativen Ansatz hingegen, der vor allem im betriebswirtschaftlichen Kontext vertreten ist, kann Vielfalt als Chance oder Belastung auftreten. Jackson und Joshi (2011) haben in ihrer Studie die Auswirkungen von Diversität in Teams z. B. auf die interne Kommunikation, den Zusammenhalt der Gruppen, die allgemeine Teamleistung oder die Fluktuation der Mitarbeitenden herausgearbeitet. Je nach Art der Vielfalt, Umgangsmethode, Abteilung oder Geschäftszweig können verschiedene Arten von Diversität sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die Produktivität, die wirtschaftliche Leistung und die Kultur eines Unternehmens besitzen. Dieser Ansatz birgt die Gefahr, dass »Vielfalt nur dann gefördert wird, wenn es sich rechnet. Gerechtigkeit und Solidarität stehen erst an zweiter Stelle« (Rastetter/Dreas 2016: 321, zitiert nach Dreas 2019: 41f.). Zudem entsteht hierbei das Risiko einer Entpolitisierung, denn wenn Vielfalt zur Unternehmensstrategie wird, erscheint Ungleichheit nicht mehr als Problem, wodurch Interessensgegensätze sowie Machtasymmetrien ausgeblendet werden (Mecheril/Vorrink 2012: 95, nach Dreas 2019: 41f.). Gerade in der heutigen Zeit ist der affirmative Ansatz zur Betrachtung von Diversität auch eine Modeerscheinung. Viele Organisationen nutzen das DiM als Aushängeschild oder Legitimitätsfassade (Süß/Kleiner 2006, nach Dreas 2019: 42).

Die Nutzbarkeit affirmativer DiM-Ansätze für den Bereich der Sozialen Arbeit oder für das Bildungswesen wird häufig unter dem Verweis auf die Nicht-Anwendbarkeit ökonomischer Profitlogik verworfen:

»Diversity Management in seiner ökonomischen Logik folgt einem zweckrationalen Ansatz. Die Gestaltung von Vielfalt ist Mittel zum Zweck: Sie hat die Funktion, mit der Berücksichtigung von Unterschieden zum Erfolg des Unternehmens beizutragen, den Prozess der Wertschöpfung zu verbessern, höhere Gewinne zu erzielen, Wettbewerbsvorteile beim Kampf um die besten Arbeitskräfte ebenso zu erreichen wie bei der Gewinnung von Kundinnen und Kunden. Für die Soziale Arbeit mit interkultureller Orientierung dagegen ist die Gestaltung von Vielfalt schon selbst ein Zweck. Die sensible Berücksichtigung von Unterschieden trägt zum Erhalt des sozialen Friedens bei, zur Gleichbehandlung und sozialen Gerechtigkeit, zur gleichberechtigten Teilhabe sowie zur Integration und Inklusion« (Schröer 2012: 7).

Unabhängig von einer Bewertung von Diversität als Chance oder Risiko ist eine Auseinandersetzung mit der Frage, wieviel und welche Vielfalt können Menschen, Gruppen, Organisationen und Gesellschaften vertragen, ohne an Zusammenhalt und Stabilität zu verlieren, Gegenstand der Diskurse in der Sozialen Arbeit und wird von daher explizit noch einmal in Teil III am Beispiel von Organisationen aufgegriffen ( Teil III).

Vielleicht wäre es unter dem Aspekt der Bewertungsdimension strategisch machbar, die binäre Logik des Entweder-Oder (Vor- oder Nachteil) zu verlassen und stattdessen auf eine Sowohl-als-auch-Perspektive und zu einem kosmopolitischen Blick zu wechseln. Dieser erfordert nach Beck (2004: 16) bestimmte normativ-philosophische wie auch empirisch-soziologische Prinzipien, die im Folgenden kurz umrissen werden:

1. das Prinzip der Anerkennung weltgesellschaftlicher Differenzen und die daraus entstehenden Konfliktoptionen;

2. das Prinzip einer notwendigen Empathie und eines Perspektivwechsels;

3. das Prinzip weltgesellschaftlicher Krisenerfahrungen und eine Interdependenz, die die Grenzen zwischen Wir und den Anderen aufhebt;

4. das Prinzip der Unlebbarkeit einer grenzenlosen Weltgesellschaft, mit dem daraus entstehenden Drang alte und neue Grenzen aufzubauen;

5. das Melange-Prinzip, in dem sich lokale, nationale, ethnische, religiöse und kosmopolitische Kulturen durchdringen und wechselseitig beeinflussen.

Erst dieser kosmopolitische Blick ermöglicht ein inklusives Unterscheiden als »Gegenbild zur territorialen Gefängnistheorie von Identität und Politik« (ebd.: 16). Er ist von Grund auf ambivalent, reflexiv und prozesshaft und passt von daher zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, die eine differenzierte Argumentation seitens der Sozialen Arbeit statt Pro-und-Kontra-Parolen erfordern. Denn die Gesellschaft der zweiten Moderne bzw. der Postmoderne ist gekennzeichnet von einem hohen Grad an Vielfalt, unabhängig von vorgenommenen persönlichen oder politischen Bewertungen.

Lernfragen

Welche Vor- bzw. Nachteile hat der affirmative Ansatz gegenüber dem machtsensiblen Ansatz? In welchem dieser beiden Ansätze kann Diversität eher als Chance gesehen werden und warum?

2.2.4 Diversität und soziale Ungleichheit (ungleichheitskritische Bedeutungsdimension)

In dieser Bedeutungsdimension wird Diversität nicht als mögliche Chance gesehen, sondern als ein gesellschaftliches Problem. Diversität wird dabei als »Produkt sozialer Ungleichheiten in modernen Gesellschaften reflektiert« (Walgenbach 2014: 29). Soziale Ungleichheit bedeutet »gesellschaftlich verankerte Formen der Begünstigung oder Bevorrechtigung einiger, der Benachteiligung und Diskriminierung anderer« (Kreckel 2001: 1730).

Praxisbeispiele Dreigliedriges Schulsystem

Hier stellt die Schule und ihr System selbst eine Ungleichheit her. Leicht werden z. B. Schüler_innen, die eine Hauptschule besuchen, als ›dumm‹ oder ›schlechter‹ dargestellt.

Stereotype Auswahlstrategien bei der Beschäftigung von Personal

In der Jugendgerichtshilfe werden ausschließlich Männer mittleren Alters eingestellt, da davon ausgegangen wird, dass diese mit Jugendlichen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, besser umgehen können als bspw. junge Frauen.

Häufig ereignen sich Diskriminierungsmechanismen entlang der Differenzlinien Geschlecht, Nationalität oder Hautfarbe. Benachteiligung oder Begünstigung bezieht sich auf gesellschaftlich als »normal« oder erstrebenswert angesehene Güter und Positionen z. B. im Bereich der Erwerbsarbeit, Bildung oder bei Netzwerken und Wohnen. Die ungleichheitskritische Betrachtungsweise steht damit konträr zur Bedeutungsdimension Diversität als Chance, da hier Unterschiedlichkeit und ihre Auswirkungen kritisch hinterfragt werden.

M. Köttig (2015: 123) zufolge kann sich die Verschiedenheit von Menschen »auf alle nur denkbaren Merkmale und Erfahrungshintergründe von Menschen beziehen und ist in allen sozialen Kontexten gegeben«. Würde diese Beschreibung als Zielsetzung einer demokratischen Gesellschaft in die Wirklichkeit umgesetzt werden, könnte dieser Zustand in Anlehnung an A. Prengel (2001) als »egalitäre Differenz« bezeichnet werden. »Die begriffliche Perspektive egalitäre Differenz eröffnet eine Perspektive, in der nach Verschiedenheit und Gleichberechtigung von Menschen gefragt wird. Egalität und Differenz werden nicht mehr als gegensätzlich, sondern als einander wechselseitig bedingend verstanden« (Prengel 2001: 93). Dies erscheint jedoch als kaum möglich, da einzelne Differenzmerkmale, Erfahrungshintergründe etc. mit Bewertungen verbunden sind, die zu In- und Exklusionsprozessen bzw. zu einer Auf- oder Abwertung von Menschen oder Personengruppen führen. Welche Merkmale gut angesehen und welche eher als wenig erstrebenswert gelten, bestimmen die gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen und die herrschenden Normen und Werte. »Differenzen können und müssen analytisch damit weniger als anerkennenswerte Qualitäten an sich, sondern zutreffender als machtvolle Zuschreibungspraxen und Benachteiligungsmuster ungleichheits(re)produzierender Strukturen betrachtet werden« (Heite 2010: 190).

Seit einigen Jahren zielen sozialwissenschaftliche Forschungen darauf ab, die Komplexität und Verwobenheit sozialer Veränderungsprozesse und individueller Entwicklungen mit dem Fokus auf Ungleichheitsrelationen besser verstehen und beschreiben zu können.

»In besonderer Weise interessiert dabei der Versuch, […] Klasse, Geschlecht und ethnische Herkunft/Ethnizität, aber auch Alter, Sexualität, Gesundheit […] als aufeinander bezogene und ineinander wirkende, wechselweise einander gewichtende differentielle Entwicklungskräfte zu analysieren und die darin wirksamen Überschneidungspotentiale verschiedener Diskriminierungsrelationen zu thematisieren« (Fleßner 2011: 61).

Scherr (2011) geht von einem unmittelbaren Zusammenhang zwischen kultureller Diversität und sozio-ökonomischen Ungleichheiten aus:

»In zahlreichen Fällen sind sozioökonomische Ungleichheiten und soziokulturelle Klassifikationen ineinander verschränkt und bedingen sich wechselseitig. […] Ethnisierende und rassistische Klassifikationen, die den so Klassifizierten die Fähigkeit und das Recht bestreiten, vollwertige und gleichberechtigte Gesellschaftsmitglieder zu sein, sind sowohl Ausdruck als auch Legitimationsmittel von sozioökonomischen Hierarchien und Positionszuweisungen. In vergleichbarer Weise hat die Geschlechterforschung aufgezeigt, dass die ungleiche Bewertung männlicher und weiblicher Arbeit sowohl patriachalische kulturelle Wertmuster voraussetzt als auch zu einer sozioökonomischen Ungleichheitsbewertung führt und damit Ungleichheiten verfestigt, die wiederum Ungleichwertigkeitsvorstellungen plausiblisieren können« (Scherr 2011: 87).

Praxisbeispiel: Ungleiche Bezahlung für Männer und Frauen im selben Beruf

Auch heute gibt es noch zahlreiche Berufe, in denen Frauen – trotz gleicher Fähigkeiten und gleicher Arbeitsstelle – gegenüber Männern finanziell benachteiligt werden. Das wiederum kann zu der Annahme innerhalb der Gesellschaft führen, dass Frauen in diesen Berufen auch weniger ›wert‹ sind. Dies bedingt die Festigung des bisherigen Klischees sowie die Akzeptanz einer schlechteren Bezahlung für Frauen.

Als Ergebnis sozialer Ungleichheit kommt es zu sozialer Benachteiligung, d. h. zu einem dauerhaft eingeschränkten Zugang zu sozialen Gütern und Positionen, der auch mit ungleichen Macht- und Interaktionsmöglichkeiten verbunden ist (Kreckel 2001; Munsch 2010).

Die Analyse dieser sozialen Ungleichheiten ist gerade für die Soziale Arbeit zentral, denn Klient_innen der Sozialen Arbeit sind primär »ausstattungsarme Menschen«. Das bedeutet, dass sie über weniger Einkommen, Wissen und Bildung und aufgrund dessen auch über weniger Status als etablierte Gesellschaftsmitglieder verfügen. Hierdurch werden sie häufig weiter benachteiligt im Vergleich zu den Schnellen, Gebildeten, mit Statusmacht ausgestatteten, die die besser vergüteten Arbeitsstellen erhalten und sich so Privilegien sichern können. Daher fordern Löcherbach und Puhl, dass die Soziale Arbeit für gerechte Austauschstrukturen eintreten und insbesondere den Zusammenhang zwischen individueller Benachteiligung und Ungleichheit und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen thematisieren muss. Denn aus dem Sozialstaatsprinzip leitet sich eine Sozialpolitik mit dem Auftrag an die Soziale Arbeit ab, Beeinträchtigungen zu kompensieren und Diskriminierung zu verhindern oder abzumildern (Löcherbach/Puhl 2016: 50).

Lernfrage

Welche Vorteile kann eine Betrachtung von Diversität in Bezug auf soziale Ungleichheit vor allem im Hinblick auf die Praxis in der Sozialen Arbeit haben?

2.2.5 Diversität und gesellschaftlicher Zusammenhalt (integrationspolitische Bedeutungsdimension)

Migration als allgemeines Phänomen der Moderne betrifft alle gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Lebenszusammenhänge. Hieraus folgt, dass die Unterstützung bei Integrationsprozessen inzwischen ein bedeutendes Feld in der Sozialen Arbeit geworden ist, da sie als professionelle Praxis mit der Bearbeitung von Migrationsfolgen – also der Integration – befasst ist (Filsinger 2017: 6). Durch vermehrte Migrationsbewegungen rückte auch der Zusammenhang zwischen vorhandener Vielfalt und gesellschaftlicher Kohäsion in den näheren Fokus der Betrachtung. Die entstehende Unübersichtlichkeit von Situationen und Handlungsoptionen kollidiert dabei mit einer bestehenden Sehnsucht nach Komplexitätsreduktion bei allen Beteiligten.

»Vielfalt ist also nicht nur Zugewinn, sondern auch Zumutung. Dieser Zumutung wird begegnet mit verstärkten Formen des Zusammenhalts. Die Erfahrung von entgrenzten Arbeits- und Lebenssituationen geht einher mit dem Knüpfen von neuen, vor allem aber dem Festhalten an alten Bindungen; soziale Bindungen verlieren nicht an Bedeutung, im Gegenteil« (Manning/Wolf 2005; Gottschall/Henninger 2005). Wie kann unter diesen Bedingungen gesellschaftlicher Zusammenhalt hergestellt werden? Strategien zur Förderung der Kohäsion könnten wir bei den Überlegungen zur System- und Sozialintegration bei J. Habermas (1988) und H. Esser (2001a) finden. Um Systemintegration zu erreichen sind nach Esser sowohl die materielle Abhängigkeit der unterschiedlichen Akteur_innen auf den Märkten (spezialisierte Dienstleistungen, Produktion von Gütern) als auch die vertikale Organisation durch steuernde Institutionen und eine bestimmte Orientierung der Akteur_innen z. B. in Form von Loyalität notwendig. Sozialintegration bezieht sich in erster Linie auf die Eingliederung einzelner Menschen und durchläuft idealtypischer Weise die Stadien der Kulturation, d. h. des Erwerbs von Wissen und Fertigkeiten wie bspw. der Sprache, der Platzierung im Sinne der Übernahme von Positionen und der Verleihung von Rechten, der Interaktion in Form der Aufnahme sozialer Beziehungen in Alltagssituationen sowie der Identifikation, also der emotionalen Zuwendung zum System.

Kritisch ist allerdings anzumerken, dass es sich hierbei im Wesentlichen um ein Modell der Assimilation handelt. Für Esser (2001) bedeutet Integration eine Angleichung an die Einwanderungsgesellschaft über mehrere Generationen hinweg, die in die vier Dimensionen der kulturellen, strukturellen, sozialen und emotionalen Assimilation unterschieden werden kann; Mehrfachintegration (in Herkunftsgesellschaft und Aufnahmeland) und Marginalisierung (Fehlen jeder Sozialintegration) sowie Segmentation (dauerhafte Etablierung eines eigenen gesellschaftlichen Systems der Einwanderungsgruppe) sind nach Esser eher seltene Integrationsverläufe (ebd.: 2).

Hier wird deutlich, dass der Integrationsbegriff häufig synonym mit dem Assimilationsbegriff verwendet wird; genaugenommen stellt letzterer aber nur eine Unterkategorie des Integrationsprozesses mit einem sehr hohen Ausprägungsgrad von Integration dar. Parallel zum Mainstreamdiskurs über Integration haben sich andere Sichtweisen zu Integrationsprozessen wie bspw. die multiethnische Gesellschaft in Anlehnung an Benhabib (Grote 2011) entwickelt. Unter dem Terminus multiethnische Gesellschaft sind verschiedene Forschungsstränge zu verstehen, die sich klar gegenüber Assimilationstheorien abgrenzen. Sie sind aus der Kritik an diesen heraus entstanden und werfen ihnen vor, »noch zu ethnozentrisch und zu sehr auf die Bringschuld der Einwander_innen konzentriert zu sein« (Hoesch 2018: 93). Die Grundidee einer multiethnischen Gesellschaft ist die »Wertschätzung von Diversität und die Anerkennung unterschiedlicher Kulturen als gleichwertig« (Hans 2016: 39). Gerade dies sieht Hans für das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft in einer Gesellschaft als zentral an, da hierbei religiöse Minderheiten gefördert sowie deren kulturelle Eigenständigkeit und Lebensweise unterstützt werden können (ebd.: 39). Dennoch gibt es auch Grenzen, denn bspw. autoritäre und diskriminierende Praktiken wie Kinder- oder Zwangsverheiratungen sind auch in diesem Integrationsverständnis stets zu verurteilen (Bielefeldt 2007: 18f.). Eine multiethnische Gesellschaft zielt darauf ab, dass verschiedene ethnische Gruppen unter einem politischen bzw. staatlichen Dach koexistieren und ihre kulturelle Eigenständigkeit behalten können, ohne diskriminiert zu werden. Als Basis hierfür müssen die Grund- und Menschenrechte angesehen werden. Somit fördert diese Form der Sozialintegration Teilhabe, Partizipation und Chancengleichheit.

Aschenbrenner-Wellmann (2003: 68f.) geht jedoch einen Schritt weiter, indem sie zu bedenken gibt, dass auch eine multiethnische Gesellschaft von einem statischen und geschlossenen Kulturbegriff geprägt ist, wodurch eine gegenseitige Annäherung und Veränderung der Individuen erschwert ist. Da es innerhalb einer multiethnischen Gesellschaft lediglich um das ›Nebeneinander-her-Leben‹ und nicht um das voneinander und miteinander Lernen geht, sind wechselseitige Integrationsprozesse in dieser Form immer nur begrenzt möglich. Nach Aschenbrenner-Wellmann (2003: 37) muss es jedoch darum gehen, dass Migrant_innen »weder unter dem Primat der formalen Gleichheit als unvollkommene Deutsche betrachtet noch Multikulturalismus als ein Nebeneinander verschiedener Gruppen mit teilweise unterschiedlichen bzw. gegensätzlichen Werten präferiert werden [dürfen]. Vielmehr geht es um eine Politik der Anerkennung, die den Eigenwert kultureller Differenz und die darauf aufbauende Identität schätzt«. Insofern muss der Begriff Interkulturalität aufgenommen werden, der Prozesse »des Austausches, der Verständigung, der Konstruktion, der Irritation wie auch Prozesse der Selbstvergewisserung, der Deformation, der Erweiterung und des Wandels [bezeichnet], die dann bedeutsam werden, wenn Kulturen auf der Ebene von Gruppen, von Individuen und Symbolen in Kontakt miteinander treten« (Mecheril 1998: 287). Unter Interkulturalität wird also ein gegenseitiger Prozess des Austauschs der Interaktion und der Interpretation verstanden, der dann relevant wird, wenn Individuen und Gruppen miteinander agieren und nicht über dieselben Wertorientierungen, Bedeutungssysteme und Wissensbestände verfügen (Barmeyer 2012: 81).

Ziel der Auseinandersetzung mit Interkulturalität in der Sozialen Arbeit sind vor allem gegenseitige Lernprozesse sowie die Gestaltung einer multiethnischen Gesellschaft, in der Herkunftsdeutsche und Neubüger_innen gleiche Rechte und Chancen haben (Freise 2017: 68). Gleichzeitig hilft diese Auseinandersetzung, Tendenzen zur gegenseitigen Abschottung von Mehr- und Minderheiten abzubauen, wechselseitige Akzeptanz gegenüber kultureller Besonderheiten weiterzuentwickeln und Probleme, die sich aus der Zuwanderung für Migrant_innen und die Aufnahmegesellschaft ergeben, auf der Grundlage humanitärer Grundsätze zu bearbeiten (FH Düsseldorf 2004, zitiert nach Freise 2007: 19). Interkulturalität ist aber auch gerade für eine postmoderne Gesellschaft wichtig, da »heutzutage […] Kulturen nicht isoliert und losgelöst voneinander [existieren], sondern […] in ständigem Kontakt und Austausch miteinander [sind]« (Aschenbrenner-Wellmann 2003: 64).

Bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Themenfeld »Integration« sollte es nicht vorrangig um politische Zielvorstellungen, die Formulierung von Sollens-Vorstellungen für die Zukunft der Gesellschaft oder um die Bewertung von Zuständen der Integration oder Desintegration gehen. Vielmehr sollen in reflexiver Weise die Positionen bestimmter Gruppen im gesellschaftlichen Kontext beschrieben und verstanden werden und betrachtet werden, wie und warum sich Lebenslangen von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund unterscheiden, inwieweit Menschen in die gesellschaftlichen Funktionsbereiche (Arbeitsmärkte, wohlfahrtsstaatliche Strukturen, Kulturbetrieb etc.) einbezogen oder ausgeschlossen sind. Der Integrationsbegriff (aber auch der Inklusions- oder Inkorporationsbegriff) ist nicht frei von Assoziationen zu normativen Vorstellungen von einer einseitigen Anpassung. Sinnvoller wäre es jedoch von einem bereichs- und teilhabeorientierten Integrationsverständnis auszugehen: Integration ist die »empirisch messbare Teilhabe an den zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Sie reicht von Erziehung, Bildung beruflicher Ausbildung und Zugang zum wirtschaftlichen Leben, insbesondere zum Arbeitsmarkt, über die sozialen Schutz- und Sicherheitssysteme bis hin zur (statusabhängigen) politischen Partizipation« (Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration 2012: 17).

Integration ist unserem Verständnis nach ein langfristig angelegter, wechselseitiger Prozess, an dem einzelne Personen oder Gruppen und die sog. Mehrheitsgesellschaft aktiv beteiligt sind. Dabei verändern sich sowohl die Migrant_innen als auch die Mehrheitsgesellschaft. F. Heckmann geht es unter dem Stichwort »ethnischer Pluralismus« um das gleichberechtigte Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft (Heckmann 1992). Das Zusammenleben der Menschen beruht dabei auf einer Politik der Anerkennung kultureller Vielfalt und auf einer anzustrebenden Einheit in der Verschiedenheit, wobei unabdingbar für eine multikulturelle Gesellschaft die politische Auseinandersetzung und Strategien gegen Diskriminierung sind. Ziel ist hierbei »die bestmögliche Gestaltung der Lebensverhältnisse von Zuwanderern unter den gesellschaftlichen Gegebenheiten in Deutschland. Dabei soll die nationale, kulturelle und religiöse Identität der Zuwanderer gewahrt bleiben« (Aric 2001: 4). Es geht also keinesfalls um die Anpassung einer Minderheit an die herrschende Mehrheit oder die Herstellung von Gleichartigkeit. Die Grundidee ist vielmehr die »Wertschätzung von Diversität und die Anerkennung unterschiedlicher Kulturen als gleichwertig« (Hans 2016: 39).

Chancengerechtigkeit und Partizipation sind damit Schlüsselbegriffe zur Beschreibung erfolgreicher Integrationsprozesse. »Übertragen auf die Ebene konkreter Lebenswelten bedeutet Integration, dass Einzelpersonen oder ganze Gruppen gleichberechtigte Möglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und der Artikulation ihrer Interessen erhalten und vor individueller und kollektiver Ausgrenzung geschützt werden. Integrationspolitik ist im Kern Herstellung von Chancengleichheit« (Piening 2005).

Teilhabe bzw. Partizipation ist ein demokratietheoretischer Begriff und bezeichnet die Beteiligung und bewusste Mitwirkung von Einzelnen und Gruppen an Entscheidungen und Entscheidungsprozessen. Sie ist sowohl im alltäglichen sozialen wie auch im politischen Leben möglich. Zusammenfassend handelt es sich bei Partizipation um einen Prozess von der Nichtinformation über Information, Mitsprache und Mitbestimmung hin zur Selbstbestimmung. Betroffene zu Beteiligten zu machen schafft Identifikation und Bindung. Somit kann Partizipation definiert werden »als verantwortliche Beteiligung der Betroffenen an der Verfügungsgewalt über ihre Gegenwart und Zukunft« (Stange/Tiemann 1999: 215). Hierzu muss die Gesellschaft jedoch gewillt sein,

»sich als Gefüge von Vielfältigkeiten zu verstehen und sich auf die Eigenheiten der jeweiligen Lebenswelten einlassen, sie muss die in ihnen erbrachten spezifischen und eigensinnigen Bewältigungsleistungen respektieren. Das scheint trivial, ist es aber in gegebenen Verhältnissen durchaus nicht. Die Eigenheit von Lebenswelten muss behauptet werden gegen die Normierungszwänge im Zeichen einer dominanten Lebenswelt; wie schwierig das ist, zeigen die Auseinandersetzungen um Integration und Leitkultur« (Thiersch 2011: 54).

In Zeiten der Globalisierung und gesellschaftlicher Wandlungsprozesse kann heute nicht mehr von einer »Leitkultur« ausgegangen werden. Denn es bestehen »verschiedene Normen und Werte nebeneinander, die durch Schicht- und Milieuzugehörigkeit, bestimmte Interessenslagen oder Lebenseinstellungen geprägt sind, […] die sich stetig ändern. Auch Migranten sind keine einheitliche kulturelle Gruppe« (Brinkmann/Sauer 2016: 5). Doch »die herrschende Kultur ist die Kultur der Herrschenden […]. Dominanz macht rücksichtslos und stark« (Thiersch 2011: 54).

Praxisbeispiel: Möglichkeiten der Partizipation mit Geflüchteten (z. B. in der Einzelfallhilfe)

Anstehende Entscheidungen werden zwischen Sozialarbeiter_in und Geflüchteten besprochen und abgestimmt. Geflüchtete nehmen ihr Recht wahr, in bestimmten Bereichen Entscheidungen eigenständig zu treffen. Geflüchtete treffen alle wichtigen Entscheidungen selbst, können sich jedoch bei Bedarf Beratung einholen.

→ Wie weit das Recht auf Mitbestimmung reicht, ist jeweils abhängig vom Individuum!

Die Bertelsmann-Stiftung hat in ihrer Studie »Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt. Messen was verbindet« aus dem Jahr 2014 das Ausmaß gesellschaftlichen Zusammenhalts in verschiedenen europäischen Ländern evaluiert. Für die vorliegende Publikation von besonderer Bedeutung ist hierbei die schwache Ausprägung bei der Akzeptanz gesellschaftlicher Diversität. Im Untersuchungszeitraum 1998 bis 2003 lag Deutschland in dieser Kategorie noch in der Spitzengruppe (ebd.: 6); in der neueren Untersuchung aus dem Jahr 2014 findet es sich nur noch im Mittelfeld wieder. Gerade aber die Akzeptanz von Vielfalt stellt ein herausragendes Kriterium für den gesellschaftlichen Zusammenhalt heterogener und moderner Gesellschaften dar. Wie weit wir davon entfernt sind, zeigen die ansteigende Zahl an Anschlägen auf Asyl- und Flüchtlingsheime seit dem Jahr 2015 und die Bedrohung, Beschimpfung von sowie Anschläge auf Politiker_innen, die sich für Deutschland als Einwanderungsland stark machen. In der Untersuchung der Bertelsmann Stiftung ist ebenfalls ein leichter Abwärtstrend bei den Dimensionen »Solidarität« und »Hilfsbereitschaft« zu verzeichnen. Auch dies sind Hinweise auf einen geschwächten gesellschaftlichen Zusammenhalt in einem »entsicherten Jahrzehnt«, wie auch in den Studien der Bielefelder Forscher_innengruppe um W. Heitmeyer zur »gruppengezogenen Menschenfeindlichkeit« diagnostiziert wurde (Bertelsmann Stiftung 2014).

Gemeint ist hiermit, »daß das zurückliegende Jahrzehnt von Entsicherung und Richtungslosigkeit im Sinne einer fehlenden sozialen Vision markiert ist, in dem auch die schwachen sozialen Gruppen sowie solche mit spezifischen Lebensstilen eine Ideologie der Ungleichwertigkeit sowie psychische und physische Verletzungen erfahren haben« (Heitmeyer 2012: 19). Damit einher gehen Gefühle der Unüberschaubarkeit und Unkalkulierbarkeit der Märkte, Kontrollverluste der Politik und eine Entmachtung, die sich schließlich mit einer politischen und kulturellen Richtungslosigkeit sowie einem Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts verbindet (ebd.).

Neben der Forderung nach einer Wertschätzung von Vielfalt und der Akzeptanz Deutschlands als Migrationsgesellschaft können in Anlehnung an die Studie der Bertelsmann Stiftung als positive Rahmenbedingungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt ein höherer ökonomischer Wohlstand, größere Einkommensgleichheit und die Etablierung einer modernen Wissensgesellschaft angesehen werden. Wohlstand bedeutet in diesem Zusammenhang: im Wesentlichen eine gerechte Einkommensverteilung; unter diesen Voraussetzungen stellen laut Meinung der Bertelsmann-Autor_innen Globalisierung und Zuwanderung keine Hindernisse für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar (Bertelsmann Stiftung 2014: 8).

Lernaufgabe

Überprüfen Sie, inwieweit sich »Ausländerfeindlichkeit«, Antisemitismus, Homophobie über unterschiedliche gesellschaftliche Schichten verteilt und begründen Sie Ihre Ergebnisse.

2.2.6 Diversität als Lehr- und Lernherausforderung (didaktische und entwicklungsbeeinflussende Bedeutungsdimension)

Für die Soziale Arbeit ist die Auseinandersetzung mit einer didaktischen Bedeutungsdimension von Diversität unerlässlich. Denn auf der einen Seite soll Soziale Arbeit Problemlösungen in zwischenmenschlichen Beziehungen fördern und dort eingreifen, wo Menschen mit ihrer Umgebung interagieren (Wendt 2017: 16). Um diese (Lern-)Prozesse zu gestalten braucht es auch immer eine Nähe zur und eine Auseinandersetzung mit der Didaktik. Zum anderen ist interkulturelle Soziale Arbeit inzwischen eine Querschnittaufgabe jeglicher Sozialer Arbeit geworden, da es durch die gesellschaftliche Globalisierung kein Handlungsfeld mehr gibt, das nicht von einer kulturellen Pluralität gekennzeichnet ist (Freise 2017: 20).

Innerhalb der vorliegenden Bedeutungsdimension geht es zunächst einmal um die Frage, welche handlungspraktischen Konsequenzen die Akzeptanz von Diversität für Organisationen und die Gestaltung von Lernprozessen hat (Wischer 2009: 69, in Walgenbach 2014: 43). Hierbei sind Parallelen zu den Chancen von Diversität ( Kap. 2.2.3) zu erkennen, da diese Dimension auch für eine Anerkennung von Diversität plädiert. Wichtig für das pädagogische Handeln mit vielfältigen Gruppen ist immer auch die Auseinandersetzung mit den anderen beschriebenen Bedeutungsdimensionen von Diversität und eine Klärung bestehender Interdependenz-Verhältnisse.

Praxisbeispiel: Heterogene Schulklasse

Das Lehrpersonal adaptiert die Lernangebote an die Heterogenität der Schüler_innen, z. B. durch eine Differenzierung anhand verschiedener Methoden oder den vier verschiedenen Lerntypen (visuell, auditiv, haptisch, kommunikativ). Aber auch die bewusste Zusammensetzung von heterogenen Lerngruppen kann eine Möglichkeit sein, Vielfalt in den Lernprozess einzubeziehen (z. B. Kinder mit und ohne Assistenzbedarf oder mit und ohne Migrationshintergrund).

Im Hinblick auf einen erfolgreichen Umgang mit Diversität, bspw. in Schulen und Hochschulen, bedeutet diese Betrachtungsweise eine langfristige Veränderung der Lehrmethoden durch neue Inhalte und Lernansätze sowie eine Veränderung der Rahmenbedingungen von Bildungseinrichtungen im Sinne einer Interkulturellen Öffnung. Um eine Nachhaltigkeit zu gewährleisten, müssen alle (hoch-)schulischen Bereiche wie Curricula, Materialien sowie Aus- und Weiterbildung von Dozierenden und Lehrkräften in Bezug auf die Vermittlung einer Interkulturellen und Diversitäts- Kompetenz berücksichtigt werden. Dabei soll insbesondere der Umgang mit paradoxen und irritierenden Situationen thematisiert werden. »Ambivalenz ist eine Folge der Komplexität, der Vielschichtigkeit und Multikausalität der Welt« (Jekeli 2002: 8). Gute Lehre muss den Lerner_innen demnach die Möglichkeit geben, diese Komplexität eigenverantwortlich und aktiv zu erfahren, neue Denkmuster kennenzulernen und sich Lösungsräume zu erschließen. Dazu müssen Lehrinhalte und Lernumgebungen anhand dieser Zielsetzungen geplant und Lernprozesse gesteuert werden.

Von besonderer Bedeutung ist unserer Meinung nach dabei die Ausbildung einer Diversitätskompetenz. Diese setzt sich aus einer Kombination aus Wissen, Einstellungen und Haltungen sowie konkreten Fähigkeiten und Fertigkeiten zusammen, deren konkrete Inhalte häufig in Merkmalslisten (Aschenbrenner-Wellmann 2003: 212) dargestellt werden. Wichtig ist darüberhinausgehend jedoch eine prozesshafte und situationsbezogene Betrachtungsweise, die Diversitätskompetenz als Ergebnis eines Lern- und Veränderungsprozesses sieht, die aber je nach Begegnungssituation und Prozessbeteiligten sowie Rahmenbedingungen (Macht, Strukturen der Organisation, rechtliche Konstellationen etc.) unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Durch diese Diversitätskompetenz soll ein Abbau von Stereotypen und Vorurteilen bewirkt werden. Eine Kombination von methodischen und haltungsmäßigen Bestandteilen wie z. B. von Reflexivität, Partizipation und Empowerment begünstigt die Entwicklung hin zu einer Gesamtkompetenz (Aschenbrenner-Wellmann 2009).

Ebenso wie Lernsettings können auch Organisationen in sehr unterschiedlicher Weise mit der vorhandenen Diversität umgehen. Ignorieren und negieren ist ebenso möglich wie der bewusste Umgang mit Vielfalt oder die Akzeptanz von Diversität und Differenz als Lernherausforderung. Je nach Diversitätsreife und Organisationskultur ergeben sich sehr unterschiedliche Anforderungen an Managing-Diversity-Prozesse, da Lernorte, Kontexte, individuelle Lernpraxen und organisationale Veränderungsprozesse in jeweils unterschiedlicher Ausprägung angesprochen und involviert sind ( Teil III). Grundsätzlich lassen sich Top-down- und Bottom-up-Ansätze unterscheiden. »Während zu Beginn eine von der Unternehmensführung getragene top-down Einführung unerlässlich ist, um den klaren Willen zur Implementierung herauszustreichen, wird vor allem in der Phase des Mainstreamings eine bottom-up Implementierung und damit eine partizipative, von einer breiten MitarbeiterInnenschaft getragene Unternehmensgestaltung wichtig für den Erfolg« (Gitzi/Köllen 2006: 25). Als praktisches Problem stellt sich dabei heraus, dass in größeren Organisationen nicht alle Mitarbeiter_innen an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden können und damit die Gefahr verbunden ist, dass die Kompetenzen und Interessen der Nicht-Partizipierenden keine Berücksichtigung finden. Unter Kosten-Nutzen-Argumenten wird zudem häufig der hohe Zeitaufwand für Beteiligungsverfahren aufgeführt. Dennoch bleibt ein starkes Argument für die Umsetzung von Partizipation innerhalb der Organisation aus psychologischer Sicht der Bereich der Selbstwirksamkeit, Motivation, Wertschätzung; Aspekte, die mit einer unmittelbaren Einflussnahme verbunden sind und im Hinblick auf den Erfolg von Diversitätslernen nicht vernachlässigt werden dürfen.

Neben der Akzeptanz der Vielfalt innerhalb einer Gruppe oder Organisation als Lernherausforderung hat sich innerhalb dieser Bedeutungsdimension das Diversitätslernen sowie das Interkulturelle Lernen als eigene Disziplin entwickelt. Auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden Konzepten wird ausführend in Teil II eingegangen ( Teil II).

Praxisbeispiel: Interkulturelles Lernen

Sie bieten als Sozialarbeiter_in ein offenes Treffen für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund an.

→ Innerhalb dieser Treffen können alle Beteiligten miteinander in Kontakt kommen, die verschiedenen Kulturen, deren Praktiken und Werte kennen und verstehen lernen und hierdurch mit- und voneinander lernen.

Praxisbeispiel: Diversitätslernen

Sie besuchen oder leiten als Sozialarbeiter_in einen »Anti-Bias-Workshop«.

→ Ziel dieser Workshops ist es, »sich der eigenen Vorurteile bewusst zu werden und auf dieser Grundlage diskriminierendem Handeln entgegenzuwirken« (Trisch 2015: 5). Dieser Ansatz richtet sich an alle Menschen und soll Raum schaffen, in dem Reflexionsprozesse möglich sind und Handlungsmöglichkeiten hin zu einer diskriminierungsfreien Gesellschaft in den Blick genommen werden (Schmidt 2012: 43).

Diversitätslernen unterscheidet sich vom Lernen unter homogenen Bedingungen hinsichtlich der Lerninhalte, des Lernkontexts und der Lernanreize (Breitenbach 1975). Die Intention des Diversitätslernens ist es, vorschnelle Kategorienbildungen sowie »Essentialisierungen, festlegende Zuschreibungen, pauschalierende Negativbewertungen, Ausgrenzungen und Diskriminierung« abzubauen (Leiprecht 2008: 108). Im Prozess des Diversitätslernens reflektieren die Beteiligten in einer gestaltungsoffenen und heterogen verlaufenden, Bildungsfortschritte ermöglichenden Lernkultur ihre eigenen Wirklichkeitsvorstellungen und -konstruktionen durch die Begegnung und Auseinandersetzung mit Anderen. Dabei wird vorausgesetzt, dass neuen Lehr- und Lerninhalten durch die Veränderung von bereits gelernten Erfahrungsmustern begegnet werden muss. Diese Bereitschaft, bereits Erlerntes zu ändern oder zu erweitern, ist bei jeder bzw. jedem von uns in unterschiedlichem Maße und in jeweils unterschiedlicher Qualität gegeben. Das erforderliche Aushalten der Verunsicherung und der Vorläufigkeit ist einerseits grundlegende Fähigkeit, andererseits aber auch Voraussetzung für ein erfolgreiches Diversitätslernen.

Um Lernprozesse in dieser Weise organisieren und gestalten zu können sowie das Interesse der Lerner_innen an selbstreferenziellen Lernprozessen zu erhöhen, ist eine neue Lernkultur notwendig, die auf Vertrauen, Verantwortung und Reflexivität aufbaut und durch offene Kommunikationssettings Raum für Begegnung, Gestaltung, Entwicklung und Veränderung gibt (Aschenbrenner-Wellmann 2009; Koall/Bruchhagen 2005).

Interkulturelles Lernen hingegen findet dann statt, wenn eine Person bestrebt ist, im Umgang mit Menschen einer anderen Kultur deren spezifisches Orientierungssystem der Wahrnehmung, des Denkens, Wertens und Handelns zu verstehen, in das eigenkulturelle Orientierungssystem zu integrieren und auf ihr eigenes Denken und Handeln im fremdkulturellen Umfeld anzuwenden. Eingeschlossen ist hierbei die Reflexion des eigenkulturellen Orientierungssystems. Interkulturelles Lernen ist diesem Verständnis nach erfolgreich, wenn eine handlungswirksame Synthese zwischen den unterschiedlichen Orientierungssystemen erreicht wird (Thomas 1993: 382). Adressat_innen interkultureller Lernprozesse sind alle in einer multikulturellen Gesellschaft zusammenlebenden Menschen und nicht nur Migrant_innen und Flüchtlinge. Interkulturelles Lernen ist weniger ein Fach als vielmehr ein Prinzip, und seine wesentlichen Ziele sind die Begegnung mit anderen Kulturen, die Beseitigung von kontaktverhindernden Barrieren und die Herbeiführung von interkulturellen Austauschsituationen (Hohmann 1989: 16). Als Lernprinzipien werden Teilnehmer_innen-, Situations- und Wissenschaftsorientierung genannt; sie sollen gesellschaftskritisch-innovatorisch, pragmatisch und bedürfnisorientiert ausgerichtet sein (Linke 1996: 141). Erfahrungsoffenheit und Handlungsbezogenheit (Luchtenberg 1995) werden ebenso als wesentliche Prinzipien genannt wie Empathie, Toleranz, Begegnung, Anerkennung von Gleichwertigkeit und Respekt (Auernheimer 2010).

Die meisten Konzepte zum Interkulturellen Lernen und zur interkulturellen Pädagogik (z. B. Auernheimer 1990; Prengel 1995) gingen bzw. gehen davon aus, dass Einwander_innen Fremde sind, deren Fremdheit durch ihre Herkunftsländer bzw. die Entwicklung eigenständiger Einwander_innenkulturen in der jeweiligen Aufnahmeregion bedingt ist. Diese Fremdheit soll verstanden und akzeptiert werden. Kritiker_innen dieser Programmatik der interkulturellen Pädagogik (wie z. B. Hartmut Griese 1984; Frank-Olaf Radtke 1991; Franz Hamburger 1994; Doron Kiesel 1996; Albert Scherr 1998) argumentieren dagegen u. a. damit, dass die wesentliche Ursache von Konflikten in Einwanderungsgesellschaften nicht kulturelle Unterschiede seien, sondern Strukturen und die Praxis von ökonomischer, politischer und rechtlicher Ungleichbehandlung, sozialer Ausgrenzung und Benachteiligung von Migrant_innen.

Lernfrage

Wo liegen die Unterschiede zwischen und die jeweiligen Vor- und Nachteile von einem Interkulturellen Lernen zu einem Diversitätslernen?

Die vorliegende analytisch-reflexive Diskussion der unterschiedlichen Bedeutungsdimensionen von Diversität soll einen Orientierungsrahmen für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit bieten, mit dessen Hilfe in von Diversität geprägten Situationen relevante Zugänge, Betrachtungsweisen und Handlungsoptionen im Sinne eines bewussten und strategisch ausgerichteten Vorgehens abgeleitet werden können. Natürlich kommen die einzelnen Bedeutungsdimensionen oft in der Praxis nicht isoliert voneinander zum Tragen, sondern stehen häufig in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Diese Interdependenz wird bislang vor allem im Bereich der Differenzlinien bzw. der Diversitätskategorien (Alter, Geschlecht, Hautfarbe, etc.) unter dem Stichwort »Intersektionalität« diskutiert. Daher erfolgt im nachstehenden Exkurs eine kurze Replik auf die Vorteile der Betrachtung bestehender Wechselwirkungen.

2.3 Exkurs: Notwendigkeit einer intersektionalen Betrachtung von Diversität

Da es in der Praxis der Sozialen Arbeit nur wenige Konstellationen gibt, in denen die ausschließliche Wirkung nur einer Differenzkategorie (Geschlecht, Alter, Ethnizität etc.) zu beobachten ist, müssen die wechselseitigen Abhängigkeiten und Beziehungen der Kategorien beleuchtet werden.

Eine Möglichkeit hierfür stellt der Intersektionalitätsansatz dar. Dieser besagt, dass Menschen an unterschiedlichen Schnittstellen von Vielfalt leben und hierdurch in unterschiedlicher Weise mit den verschiedenen Differenzkategorien zu tun haben. Durch die Intersektionalitätsanalyse kann herausgefunden werden, wie die unterschiedlichen Differenzlinien in einer konkreten Konstellation zusammenwirken. Kategorienübergreifende Diversitätskonzepte machen jedoch fachspezifische Zugänge bspw. aus der Interkulturellen Pädagogik oder der Geschlechterpädagogik nicht überflüssig.

»Eine diversitätsbewusste Perspektive kann diese speziellen Disziplinen nicht ersetzen. Sie sind unverzichtbar, nicht nur, weil ein besonderes und vertieftes Wissen zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte und Aktualität der jeweiligen Differenzlinien notwendig ist, sondern auch, weil es in allen Fachdebatten […] qualifizierte Stimmen geben muss, die die allgemeine Berücksichtigung dieses besonderen Wissens begründen und einklagen können« (Leiprecht 2011: 38).

Was sind nun die Vorteile des Intersektionalitätsansatzes?

»Der Begriff Intersectionality wurde erstmals 1989 von der US-amerikanischen Juristin Kimberle Crenshaw eingeführt (Crenshaw 1989). Der Terminus Intersektionalität ist damit historisch in einem antidiskriminierungsrechtlichen Kontext verortet mit Bezügen zum Black Feminism und der Critical Race Theory (Chebout 2011). Aufgrund seiner Herkunft wird Intersektionalität vor allem in den Gender Studies aufgegriffen. Intersektionalität hält allerdings auch Einzug in weitere theoretische und praktische Arenen wie Cultural Studies, Diversity Education oder Menschenrechtsdiskursen der United Nations« (Walgenbach 2014: 54).

Crenshaw erläutert hierzu, dass Intersektionalität eine Linse sei, »die erlaubt zu sehen, woher Macht kommt und auf wen oder was sie prallt, wo es Verknüpfungen und wo es Blockaden gibt. Es gibt nicht einfach ein Rassismus-Problem hier und ein Gender-Problem dort und ein Klassen- oder LBGTQ-Problem woanders. Häufig löscht das dominante Framing aus, was Menschen wirklich passiert« (Crenshaw 2016, zitiert nach Gunda-Werner-Institut 2019: 12). Es geht Crenshaw folglich um das Zusammenwirken und die Verschränkung aller Kategorien (Bronner/Paulus 2017: 81).

Im deutschsprachigen Raum haben Helma Lutz (2001) und Gudrun-Axeli Knapp (2005) den Intersektionalitätsdiskurs für die Erziehungswissenschaften nutzbar gemacht. Die nachfolgende Definition von Walgenbach (2014: 5) stellt eine von mehreren Möglichkeiten auf dem Weg der Begriffsklärung dar:

»Unter Intersektionalität wird verstanden, dass historisch gewordene Macht- und Herrschaftsverhältnisse, Subjektivierungsprozesse sowie soziale Ungleichheiten wie Geschlecht, Sexualität/Heteronormativität, Race/Ethnizität/Nation, Behinderung oder soziales Milieu nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren ›Verwobenheiten‹ oder ›Überkreuzungen‹ (intersections) analysiert werden müssen. Additive Perspektiven werden überwunden, in dem der Fokus auf das gleichzeitige Zusammenwirken von sozialen Kategorien bzw. sozialen Ungleichheiten gelegt wird. Es geht demnach nicht allein um die Berücksichtigung mehrerer sozialer Kategorien, sondern ebenfalls um die Analyse ihrer Wechselwirkungen«.

Von der analytischen Vorgehensweise ist der Intersektionalitätsansatz offen für unterschiedliche Methodologien und kann verschiedene Theorieansätze integrieren. Allerdings ist das Diskursfeld – anders als der Diversitätsansatz allgemein – eng mit der Thematik sozialer Ungleichheit und Macht verbunden. So finden bspw. die Diversitätsdimensionen »Fachkompetenz« oder »Leistungsdifferenz« keinen forschungsmäßigen Niederschlag in den Intersektionalitätsdebatten (Walgenbach 2014: 55).

Ein großer Vorteil der Intersektionslitätsdiskurse liegt darin, dass sie analytisch die Wirkungsweise von Macht und Herrschaftsverhältnissen auf unterschiedlichen Ebenen (Institution, soziale Praktiken, Subjekte etc.) beschreiben. Diese Betrachtungsweise wird im folgenden Kapitel in Form eines Mehrebenen-Modells der Wirkungsweisen von Diversität (Individuen, Gruppen, Organisation, Sozialraum, Gesellschaft) aufgesplittet und für die Praxis der Sozialen Arbeit anwendbar gemacht.

Lernaufgabe

Nennen Sie Argumente für die Notwendigkeit einer intersektionalen Betrachtungsweise von Diversität.

3 Der Umgang mit Diversität auf verschiedenen Analyse-Ebenen

Für ein professionelles Gestalten diversitätsgeprägter Handlungssituationen innerhalb der Sozialen Arbeit genügt es nicht, sich ausschließlich mit den verschiedenen Bedeutungsdimensionen von Diversität zu befassen. Auch die reflexive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Analyseebenen der Wirksamkeit von Diversität ist zielführend zum Verständnis des komplexen Phänomens Diversität im Kontext der Sozialen Arbeit.

Für die vorliegende Publikation wurden zunächst in Anlehnung an die Sozialstrukturanalyse Mikro-, Meso, und Makroebene als Analyseeinheiten herangezogen.

1. Mikroebene: Auf der Mikroebene geht es zunächst um eine Betrachtung des individuellen, menschlichen Verhaltens. Denn häufig steht in der Sozialen Arbeit der einzelne Mensch im Mittelpunkt von Interventionen. Da jeder Mensch stetig in Interaktion mit anderen Personen tritt, darf auch die Ebene der Gruppe nicht außer Acht gelassen werden. Hier erfolgt dann der Übergang zur nächsten Ebene.

2. Mesoebene: Hierbei wird vorrangig die formelle Organisation des menschlichen Zusammenlebens sowie soziale Netzwerke ins Blickfeld genommen. Gerade für die Soziale Arbeit ist diese Ebene wichtig, da sich Soziale Arbeit an der Lebenswelt ihrer Adressat_innen und der Gestaltung ihrer Sozialräume ausrichten soll.

3. Makroebene: Auf dieser Ebene ist die Gesellschaft, Kultur oder auch Zivilisation zu verorten. Wie bereits dargestellt, bewegt sich Soziale Arbeit auch immer im Spannungsfeld gesellschaftlicher Veränderungen und deren Auswirkungen, weshalb diese Ebene auch für die Analyse von Diversität bedeutungsvoll ist.

Aus diesen drei Strukturmöglichkeiten kann man fünf Analyseebenen ableiten, auf welche im weiteren Verlauf ausführlicher eingegangen wird: Die Ebene des Individuums, der Gruppe, der Organisation, des Sozialraums und der Gesellschaft.

3.1 Die Ebene des Individuums

Die Ebene des Individuums ist für die Soziale Arbeit als Profession von großer Bedeutung, da sie sich als einen ihrer fachlichen Standards der Prämisse einer adressat_innenbezogenen Perspektive verpflichtet hat. Dies bedeutet eine Orientierung am Subjekt. Demnach steht der einzelne Mensch im Mittelpunkt. »Dieser einzelne Mensch ist höchst eigensinnig, entwickelt sehr eigene und individuelle Vorstellungen davon, was sein ›Wohlbefinden‹ kennzeichnet, wofür es lohnt, sich einzusetzen, und muss dies in einer als individualisiert beschriebenen Gesellschaft auch zwingend tun. In diesem Eigensinn verwirklichen sich Menschen als Subjekte, als Gestalterinnen ihres eigenen Lebens und nicht als Objekte fremder Vorstellungen […]« (Wendt 2017: 30). Die Soziale Arbeit ist daher zunächst einmal verpflichtet, Respekt gegenüber jedem Subjekt und dessen eigener Vorstellung vom Leben zu entwickeln. Dies bedeutet jedoch nicht, sich als Fachkraft nicht auch kritisch mit den Chancen und Grenzen der Kund_innensicht auseinanderzusetzen (ebd.).

Zudem braucht jeder Mensch zu seiner Genese auch andere Menschen. Die Konstellationen zwischen Ich und Anderen ist konstituierend für den sozialen Charakter des Menschen. »Die Akzeptanz des Anderen erfordert Selbstüberwindung; erst die Selbstüberwindung erlaubt die Erfahrung des Anderen. Die Fremdheit des Anderen erleben zu können setzt die Bereitschaft voraus, auch den Anderen in sich selbst kennen lernen zu wollen. Kein Individuum ist eine Einheit; jeder Einzelne besteht aus fragmentarisierten und auch widersprüchlichen Teilen mit eigenen Handlungswünschen« (Wulf 2006: 42).

Die Identität und Individualität bestehen also aus keinem gleichbleibenden Kern, sondern ist selbst voller Widersprüche, Ambivalenzen und Paradoxien. Jeder Mensch ist zur Entwicklung seines Selbst auf andere angewiesen; ihre Wertschätzung, Anerkennung oder Ablehnung entscheidet über und verändert das jeweilige Selbstverständnis. Individuen der modernen Gesellschaft bewegen sich zwischen den Rahmenbedingungen der Individualisierung, Globalisierung und Pluralisierung. Gerade in Folge der Modernisierungs- und Globalisierungsprozesse sind viele (ehemalige) Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten des Lebens in Frage gestellt worden.

Dies erfordert individuelle Reflexion und Entscheidungsfindung. Unter den Bedingungen der »reflexiven Moderne« (Beck 1998) kommt der Begegnung mit Anderen eine besondere Bedeutung zu. Durch die Verunsicherung von Einzelnen, die den Unterschied zwischen sich und Fremden erkennen und aushalten müssen, entwickeln sich Tendenzen, diese Unsicherheit in scheinbare Gewissheiten umzuwandeln und mit den Mechanismen der Reduktion und Verdrängung beherrschbar zu machen. Auf diese ego- und ethnozentrischen Verkürzungen hat bereits B. Waldenfels (1990) aufmerksam gemacht. Die Strategie, den Anderen durch Verstehen aufzulösen, ist nur teilweise erfolgreich; oft werden die vorhandene Unsicherheit und empfundene Gefährdung nicht verringert. Auch eine Ausweitung des Wissens über (bisher) unbekannte Phänomene muss nicht unbedingt zu mehr Erkenntnis und Einsicht in die Komplexität der Zusammenhänge führen. »Die Ambivalenz der Subjektkonstruktion zeigt sich darin, dass der ihr inhärente Egozentrismus einerseits als Überlebens-, Aneignungs- und Machtstrategie, andererseits als Reduktions- und Nivellierungsstrategie dient. Der in der Zentrierung auf die Ich-Kräfte liegende Versuch, den Anderen auf seine Nützlichkeit, seine Funktionalität und seine Verfügbarkeit zu reduzieren« (Wulf 2006: 48). Ein aktuelles Beispiel hierfür sind die Versuche unterschiedlicher Forschungsinstitute (z. B. Fuchs/Weber 2015; Brücker u. a. 2014; Glitz 2012; Hinte/Rinne/Zimmermann 2012; Bonin 2006), die »Wirtschaftlichkeit« von Zuwanderung und eine »Verwertbarkeit« von Flüchtlingen für den deutschen Arbeitsmarkt unter Berechnungen des Mehrwerts für die Sozialkassen und das Bruttoinlandsprodukt zu beweisen. »Egozentrismus, Logozentrismus und Ethnozentrismus greifen als Strategien der Transformation des Anderen ineinander und verstärken sich wechselseitig. Ihr Ziel ist die Assimilation des Fremden ans Eigene und seine damit verbundene Beseitigung« (Wulf 2006: 50).

H. Thiersch zufolge ist Andersheit aber »in der je individuellen Geschichte der Lebensbewältigung nur ein Moment. Es braucht die Rekonstruktion der Einzelkonstellation, es braucht den kasuistischen, auf die jeweilige Situation bezogenen Blick. Jede Lebenswelt ist eigen, jede hat einen Anspruch, in ihrer Eigensinnigkeit ernst genommen zu werden« (Thiersch 2011: 55). Da Identität ohne Alternation nicht gedacht und gelebt werden kann, kommt den Möglichkeiten gegenseitigen Lernens und Begegnens im Sinne von Interkulturellem und Diversitätslernen – wie in Kapitel 2.2.6 beschrieben – eine besondere Bedeutung zu ( Kap. 2.2.6). »In der Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, mit dem Anderen in der eigenen Kultur und dem Fremden in der eigenen Person soll die Fähigkeit entwickelt werden, vom Fremden bzw. vom Anderen her wahrzunehmen und zu denken. Durch diesen Perspektivenwechsel gilt es, die Reduktion des Fremden auf das Eigene zu vermeiden« (Wulf 2006: 45).

Aber auch die Individualisierung ist eine zentrale Herausforderung für die Mitglieder der modernen Gesellschaft. Individualisierung stellt keinen eindeutigen Prozess dar, sondern ist durch Ambivalenzen gekennzeichnet. Zum einen umfasst sie sowohl Auf- als auch Ablösungsaspekte: Während unter dem Auflösungsaspekt vor allem traditionelle Werte Wandlungen durchlaufen haben, entstehen im Rahmen von Ablösungsaspekten neue Werte, die dann in Zeiten der Modernisierung Gültigkeit für die betroffenen Menschen und Gesellschaften erlangen. Aus einer Bedrohung der Tradition kann damit die Chance für Selbstverantwortung und Freiwilligkeit entstehen. Zum anderen ist Individualisierung bei all der angestrebten Einmaligkeit immer auch mit Standardisierung verbunden. So entsteht ein Zwang zur Wahl verbunden mit der Übernahme der persönlichen Verantwortung für Lebenskrisen wie bspw. Arbeitslosigkeit oder Überschuldung. Individualisierungsprozesse implizieren also zahlreiche Risiken, die das Gefühl von Sicherheit und Verlässlichkeit reduzieren, während gleichzeitig wirtschaftliche und soziale Prozesse durch die zunehmende Globalisierung immer unübersichtlicher werden. Die Studiengruppe um W. Heitmeyer spricht in diesem Zusammenhang vom »entsicherten Jahrzehnt« ( Kap. 2.2.5). Aufgrund dieser Entwicklung gewinnen derzeit rechtspopulistische Parteien mit diskriminierenden Programmen weiter an Zustimmung; denn Teile der Bevölkerung sehen keine faire Behandlung im gesellschaftlichen Verteilungsmechanismus. Gleichzeitig scheint für sie keine der traditionellen Parteien in der Lage zu sein, die brisanten Themen der Zeit tatsächlich abzudecken. Rechtspopulistische Parteien nutzen dies, um die Identitäts- und Sinnkrisen der Mehrheitsbevölkerung und sich abgehängt fühlender Schichten ausschließlich an Migrationsprozessen, Fluchtbewegungen und dem erreichten Stand gesellschaftlicher Diversität festzumachen.

Bezogen auf die individuelle Analyseebene kommen also drei der dargestellten Dimensionen von Diversität eine besondere Bedeutung zu: Die Chancen von Diversität in den Blick zu nehmen ( Kap. 2.2.3) und nicht nur die Herausforderungen zu sehen; Diversität in Bezug auf den Zusammenhalt der Gesellschaft zu betrachten ( Kap. 2.2.5), um Integrationsprozesse zu ermöglichen sowie den sozialen Ungleichheiten (z. B. Diskriminierung, schlechtere Arbeitsmöglichkeiten …), die aus der Diversität entstehen können, entgegenzuwirken ( Kap. 2.2.4).

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
18 декабря 2025
Объем:
482 стр. 55 иллюстраций
ISBN:
9783170330702
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Bookwire
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