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Bärbel Oftring, Thomas WassmannAn der Küste


Bärbel Oftring, Thomas Wassmann

An der Küste

Natur erleben – beobachten – verstehen


Bärbel Oftring ist Diplom-Biologin. Ihre Liebe zur Natur setzt sie heute als Autorin, Redakteurin und Herausgeberin von zahlreichen Sachbüchern für Kinder und Erwachsene sowie in verschiedenen Naturforscherprojekten in die Tat um. Ihre Bücher vermitteln auf anschauliche und interessante Weise, was es alles über Tiere und Pflanzen zu entdecken gibt. Sie wurden bereits in mehrere Sprachen übersetzt und mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Thomas Wassmann ist Meeresbiologe und Geowissenschaftler. Er ist in der Lehrerausbildung und -fortbildung tätig, mit besonderem Schwerpunkt in der Naturerlebnis- und Umweltpädagogik. Außerdem wirkt er in seinem Wohngebiet an mehreren Naturschutzprojekten mit.

1. Auflage: 2013

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-258-47733-6

Copyright © 2013 Haupt Bern

Jede Art der Vervielfältigung ohne Genehmigung des Verlages ist unzulässig.

Gestaltung und Satz: pooldesign.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

www.naturerleben.net in Partnerschaft mit www.naturgucker.net www.haupt.ch

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vorbereitung auf den Küstenausflug

An der Küste

Eine Einleitung

Meere, Küsten, festes Land

Strand und Küste

Meerwasser ist ganz anders

Die Nordsee – ein Randmeer vor unserer Tür

Brackwassermeer Ostsee

Im Rhythmus der Gezeiten

Lebensräume zwischen Land und Meer

Weltweit einzigartiges Watt

Frühling

Vogelgroßstadt Küstenfelsen

Wälder unter Wasser

Wie funktioniert eine Muschel?

Wohnen im Schneckenhaus: Aus dem Leben eines Einsiedler(krebse)s

Wenn die See schäumt

Krabben frisch vom Kutter

Kurzinformationen Frühling

Sommer

Bewegt und bewegend – die Dünenlandschaften

Quallen: Mit Schirm und Charme

Auf Wattwanderung

Auf Safari an der Küste

In der Salzwiese

Vögel im Watt und am Strand

Schätze vom Wellensaum

Kurzinformationen Sommer

Herbst

Alle sitzen lebenslänglich

Raststation Watt

Von Wasser, Wind und Wellen

Ein Besuch auf der Hallig

In hellen und in dunklen Scharen

Felsen mit Flecken

Aus dem Leben der Schnecken am Strand

Kurzinformationen Herbst

Winter

Wie das Meer am Festland nagt

Eisiges von Strand und Küste

Spuren in Sand und Schlick

Kurzinformationen Winter

Anhang

Fragen und Antworten

Zum Nachschlagen und Weiterlesen

Bildnachweis

Vorwort

Das Meer ist der mit Abstand größte Lebensraum. Seine Weiten und Tiefen erschließen sich natürlich nicht, wenn man im Flugzeug viele Kilometer darüber zwischen den Kontinenten unterwegs ist. Sie bleiben mit ihren vielen Geheimnissen auch dann verschlossen, wenn man sie mit dem Schiff überquert. Der dem Menschen normalerweise zugängliche Erlebnisraum Meer sind die Küsten, die vergleichsweise schmalen Grenzsäume zwischen Festland und Wasserwelt. Hier ist der Mensch als ständiger Bewohner eines Küstenortes oder als gelegentlicher Urlauber allerdings bestenfalls Zaungast, auch wenn er mit seinen Badeutensilien gegebenenfalls ein paar Dutzend Meter vor der Wasserlinie unterwegs ist.

«Faszinierend wie das Meer ist auch seine Küste», schwärmte die amerikanische Biologin Rachel Carson in ihrem erfolgreichen, schon vor über 50 Jahren geschriebenen Buch The Edge of the Sea, das in viele Sprachen übersetzt wurde. Dieser schlichten Aussage ist zunächst einmal nichts hinzuzufügen. Weil man diese wässrige Welt eben nicht täglich vor Augen hat, erscheint hier vieles außergewöhnlich, großartig und möglicherweise auch ein wenig befremdlich. Das lässt sich ändern. Allerdings bedürfen die auffälligen ebenso wie die vielen kleinen verborgenen Dinge der aktiven Wahrnehmung. Dabei möchte Ihnen dieses Buch helfen. Es spürt ungewöhnliche Sachverhalte auf, erklärt Ihnen Zusammenhänge, erzählt Geschichten und lädt zum Mittun ein.

Und weil die Natur nichts Statisches ist, sondern das Resultat von Vernetzungen und gegenseitigen Abhängigkeiten, und weil das Erkunden ja auch Spaß machen soll, finden Sie überall Verweise auf andere, verwandte Themen im Buch sowie auf Geräusche, Filme und zusätzliche Bilder auf der Website www.naturerleben.net. Zahlreiche Watvögel lassen sich leichter anhand ihrer Stimme als an ihrem Äußeren unterscheiden – prägen Sie sich die entsprechenden Tonspuren ein. Oder schauen Sie sich den Film über das Wattenmeer oder die Ostseeküste an. Wenn Sie eigene Beobachtungen oder Fotos mit anderen teilen möchten, können Sie dies dank unserer Partnerschaft mit www.naturgucker.net auch ganz einfach auf unserer Website tun.

Film

Tonspur

Ab all dem Kreuz und Quer und Hin und Her zwischen Buchkapiteln und Website soll auch etwas hängen bleiben – mit den Quizfragen können Sie locker prüfen, wie viele Geheimnisse Sie schon gelüftet haben.

Fotos

Seit November 2011 gibt es noch eine weitere Dimension zu entdecken: Mit der iPhone-App zur Buchreihe können zum Beispiel die häufigsten Tier- und Pflanzenarten an der Nord- und Ostseeküste bestimmt und das Auge und die Ohren durch die Beantwortung der Quizfragen für die Natur geschärft werden.

Viel Spaß beim Beobachten, Entdecken und Erleben der Natur wünschen die Autorin, der Autor und Ihr Haupt Verlag!

Vorbereitung auf den Küstenausflug

An der Küste erwartet Sie eine große Vielfalt unterschiedlicher Lebensräume, die von steilen Felshängen bis zu ausgedehnten Sandstränden reichen. Wo auch immer Sie unterwegs sind, sollten Sie stets achtsam und respektvoll mit den Pflanzen, Tieren und Ihren Mitmenschen umgehen. Schließlich sind Sie «nur» Gast in deren Lebensumfeld.

Tiere

Halten Sie sich von brütenden Vögeln und von ruhenden Robben fern und halten Sie auch bei Aktivitäten mit Lenkdrachen oder ähnlichen Gerätschaften genügend Abstand, damit die Tiere nicht beunruhigt werden. Scheuchen Sie keine Tiere auf. Möchten Sie Wassertiere keschern und in einem (meer)wassergefüllten Eimer oder einer Becherlupe beobachten, so sorgen Sie dafür, dass sich das Wasser nicht erwärmt. Entlassen Sie die Tiere nach wenigen Minuten wohlbehalten wieder in die Freiheit.

Pflanzen

Um Pflanzen näher zu betrachten oder zu bestimmen, müssen Sie sie nicht ausreißen. Belassen Sie sie besser am Wuchsort, denn Pflanzen bieten Tieren Nahrung, Schutz, Unterschlupf, Brut- und Nistmöglichkeiten. Zudem könnten sie selten sein und unter Artenschutz stehen.

Abfälle

Bitte nehmen Sie Ihre Abfälle wieder mit und hinterlassen Sie diese nicht in der Natur Flaschen, Dosen und anderer Müll wurden schon für viele Tiere zu tödlichen Fallen. Müll gehört in den Abfalleimer!

Hunde

Halten Sie sich unbedingt an die Leinenpflicht in Naturschutzgebieten: Ein einziger frei laufender Hund kann beispielsweise dazu führen, dass Kiebitze einen angestammten Brutplatz nicht mehr aufsuchen – fatal in unserer eh schon verarmten Natur, in der die Lebensräume für Pflanzen und Tiere immer kleiner werden. Auch darf Ihr Hund keine Tiere aufscheuchen oder Ruhe, Brut und Jungenaufzucht stören. Sind Jung- und Wildtiere in der Nähe, sollten Sie Ihren Hund stets an die Leine nehmen.

Im Nationalpark

Beachten Sie die Hinweise und Schilder in den Nationalparks, die ein besonders geschütztes Gebiet sind.

Sicherheit

Beaufsichtigen Sie kleine Kinder an Strand und Küste. Halten Sie zum Meer und Wellengang angepasst ausreichend Abstand. Meiden Sie bei Gewitter die Nähe zum Wasser. Baden Sie nur an dafür vorgesehenen Stellen (Badestrand), gefährliche Strömungen könnten Ihnen rasch zum Verhängnis werden. Halten Sie sich dort an die vorgegebenen Anweisungen.

Sicherheit im Watt

Eine Wanderung im Watt kann bei einsetzender Flut gefährlich werden. Deshalb müssen Sie besondere Hinweise beachten: Gehen Sie niemals allein ins Watt, sondern vertrauen Sie sich einem kundigen Wattführer an. Priele, Senken und andere Örtlichkeiten können rasch lebensgefährlich werden, wenn Sie die Lokalitäten und den Gezeitenrhythmus nicht kennen. Kinder unter 8 Jahren haben im Watt ohne Begleitung durch Erwachsene nichts zu suchen. Informieren Sie sich vor einem Besuch im Watt über weitere Verhaltens- und Sicherheitsregeln, an die Sie sich strikt halten sollten.

Ausrüstungsliste

Auch ohne besondere Ausrüstung können Sie die Küste mit ihren Pflanzen und Tieren erkunden und beobachten – aber mit ein paar Hilfsmitteln können Sie mehr entdecken. Dann kommt richtig Freude auf!


das wichtigste Utensil: Fernglas
Kamera (evtl. spritzwasser- oder wasserdicht)
Pflanzen- und Tierbestimmungsbücher
Kescher, (durchsichtiger) Eimer oder Becherlupe
Notizbuch und Schreibzeug
Taschenmesser
wettertaugliche Kleidung, Schuhwerk und Sonnenschutz
Reiseapotheke mit Pflaster und Desinfektionsmittel
Zwischenmahlzeit und Getränk




Brandung an der Ostsee

Meere, Küsten, festes Land

Bach- und Flussufer haben für Naturfreunde zweifellos ihren besonderen Reiz. Stille Weiher und größere Seen finden ebenfalls ihre erklärten Liebhaber, und selbst der Garten- oder Parkteich verkörpert eine völlig eigene und spannende Welt. Aber nirgendwo prallen die Elemente der Erdoberfläche so unvermittelt aufeinander wie an den Meeresküsten. Vom Flutsaum bis zum Horizont breitet sich die endlos erscheinende und nicht überschaubare Wasserfläche aus. Hier können Begegnungen mit oft sehr ursprünglicher Natur stattfinden, insbesondere dann, wenn die Wellen nicht so sanft plätschern wie im Swimmingpool, sondern der Wind auf breiter Front gewaltige Wasserberge gegen die Ufer schiebt.

Wattenmeerküste

Boddenküste

«Wie das Meer am Festland nagt»

Das Meer ist der größte Lebensraum

Der Blick auf einen gewöhnlichen Schulglobus müsste angesichts der beeindruckenden Land-Wasser-Verteilung ziemlich nachdenklich stimmen. Tatsächlich ist der größte Teil der Erde vom Wasser der Ozeane und ihrer Rand- bzw. Nebenmeere bedeckt. Rund 71 % oder knapp 372 Mio. km2 der insgesamt 510 Mio. km2 messenden Erdoberfläche sind Meeresgebiete. Die Außenfassade der Erde ist somit unstrittig eine überwiegend wässrig dominierte Angelegenheit.

Das ist aber noch nicht alles. Auf dem Festland, in unserem ureigensten Milieu, reicht der von Lebewesen ständig besiedelte Bereich von den tiefsten Wurzelspitzen der Bäume bis hinauf zu ihren höchsten Wipfeln. Das sind im Normalfall nur ein paar Dutzend Meter (wenn man von den wenigen Längenrekordhaltern unter den hochwüchsigen Baumarten einmal absieht). Räumlich gesehen, schrumpft die festländische Biosphäre demnach auf eine hauchdünne Schicht. Im Meer ist das völlig anders. Schon lange vor den ersten systematischen Tiefenlotungen war bekannt, dass sich unter der Meeresoberfläche Abgründe auftun. Wie tief sie tatsächlich hinabreichen, wurde erst so richtig klar, als man in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Meeresforschung in großem Stil zu betreiben begann.


Krabbenkutter im Hafen von Fedderwardersiel, Niedersachsen.

Am Rande des Geschehens

Vom Saum zwischen Land und Meer geht eine große Faszination aus: Europas Küsten sind die in Urlaub und in der Freizeit mit Abstand am stärksten aufgesuchten Räume. Die anmutigen Mittelgebirge und beeindruckenden Alpen können hier nicht mithalten. Es ist offenbar die grandiose Andersartigkeit des gesamten Ambientes, die ein besonders intensives Erleben der Natur ermöglicht. Das elementare Kräftespiel von Wind und Wasser, die erosiv am Land nagende Brandung, die unvertraute Pflanzen- und Tierwelt sind eine echte, das Gemüt stark ansprechende Kontrasterfahrung, die weder eine Stadtrandsiedlung noch eine quirlige City bieten kann. Hinzu kommen die im Gezeitenrhythmus wechselnden Wasserstände, die im Bereich größerer Flussmündungen schwankenden Übergänge vom Salzwasser des Meeres zum Süßwasser des Binnenlandes und der an allen Küstentypen andersartige gesamtlandschaftliche Eindruck.

Nordseeküste

«Im Rhythmus der Gezeiten»


Den Wellen zuzuschauen, ist für viele Menschen ein großartiges Naturschauspiel.

Strand und Küste

Fragen Sie doch einmal im Umkreis Ihrer Bekannten und Freunde kritisch nach, was eigentlich eine Küste ist und worin der Unterschied zum Strand besteht. Geografen und Geomorphologen bemühen sich zu Recht um eindeutige, wenngleich nicht immer besonders handliche Fachdefinitionen. Im Fall der Küste hat man sich auf das Gebiet zwischen der obersten bzw. äußersten landseitigen und der untersten bzw. äußersten seewärtigen Einwirkung der Brandung verständigt. «Küstenlinie» darf man nach Einschätzung von Sprachpuristen nicht sagen, weil Küste immer etwas Linienhaftes einschließt. Die Geowissenschaftler kümmern sich aber nicht um solche Empfindlichkeiten und legen mit dieser Bezeichnung den Verlauf des mittleren Wasserstandes bzw. bei Gezeitenküsten die Linie des mittleren Tidehochwassers (MThw-Linie, vgl. Tabelle S. 28) fest. Ein Strand ist im Sprachgebrauch der Geografen ein flacher Uferstreifen aus Sand oder Geröll, auf dem man problemlos einen Strandkorb oder ein sonstiges Urlaubs-Tagesdomizil etablieren kann.

«Von Wasser, Wind und Wellen»

Man kann es auch einfacher ausdrücken: Unter Küste versteht man die gesamte Landschaft im Übergangsbereich zwischen Meer und Land. Sie schließt damit den gesamten Raum ein, den das Meer direkt beeinflusst, und besteht aus Ufer und Schorre. Zum Ufer gehört der Strand, zur Schorre die vorgelagerte Flachwasserzone. Das Salzwasser bestimmt die natürliche landseitige Grenze des Ufers. Gischt und Hochwasser bringen Salz in die Böden und beeinflussen damit die Vegetation. Die amtlich gezogene Grenze des Uferbereichs legt der Küstenschutz fest, gegebenenfalls mit der gewählten Deichhöhe über dem Meeresspiegel.

«In der Salzwiese»

Innerhalb dieser im Prinzip leicht überschaubaren Grenzziehung breitet sich nun eine beachtliche Bandbreite unterschiedlicher Landschaften und Lebensräume aus. Fast überall auf der Erde und auch an Nord- und Ostsee zeigen die Küstenabschnitte unverwechselbare regionaltypische Züge. Wo Klippen oder andere aus Hartgestein aufgebaute Steilküsten aufragen, hat die Natur einzigartige Szenerien geschaffen, aber selbst die auf den ersten Blick vielleicht etwas monotonen Sandstrände mit ihren anschließenden Dünenserien sehen überall ein wenig anders aus.


Gestaltungselemente an der Nordseeküste

Meerwasser ist ganz anders

Für einen Küstenurlauber ist auch das Meerwasser etwas Besonderes. Wegen seiner höheren Dichte trägt es beim Planschen und Schwimmen deutlich besser als das Wasser im heimischen Freibad oder Baggersee. Mit seiner enormen Salzfracht schmeckt es auch ganz anders als das Leitungswasser oder Mineralwasser. Aus Abenteuerberichten über Schiffbrüchige weiß man allerdings, dass das gegebenenfalls im Überfluss vorhandene Meerwasser das normale Trinkwasser absolut nicht ersetzen kann und überraschend schnell auch lebensbedrohlich wirkt.

Das Salz auf meiner Haut

Der mittlere Salzgehalt des Meeres ist beträchtlich: Eintrocknende Wassertropfen auf der Haut nach einem erfrischenden Bad werden durch allmähliches Auskristallisieren ihrer löslichen Bestandteile (Ionen) zunächst milchig trüb und hinterlassen schließlich eine kleine Kruste. Die Salzbefrachtung des Meerwassers (d. h. der Massenanteil von Salz) beträgt rund 35 g in 1 kg (nicht Liter!) oder 35 kg in 1 m3 Wasser. Fachmännisch bezeichnet man den Salzgehalt als «Salinität» und gibt ihn in Promille (%o) resp. der zahlengleichen Einheit psu (= practical salinity unit) an. Demnach beträgt der globale Durchschnittswert der Salinität des Meeres also 35 %o oder 35 psu. Verdunstung und Niederschläge bedingen aber in den Weltozeanen deutliche regionale Unterschiede. Im Mittelmeer liegen die Salinitätswerte wegen der negativen Wasserbilanz deutlich über dem Durchschnitt – an der Straße von Gibraltar bei 36,25 ‰ und in der Ägäis bei 39 ‰. Im Persischen Golf, der sich durch eine hohe Verdunstungsrate und geringe Flusseinläufe auszeichnet, liegt die Salinität sogar bei 42 psu. Andererseits führen Eisbildung und Schmelze in den Polarzonen ebenfalls zu Verschiebungen. Im Nordpolarmeer ist eine besonders starke Abnahme des Salzgehaltes zu verzeichnen. Hoher Niederschlag in der Äquatorialzone und starke Verdunstung in den Subtropen erklären weitere Abweichungen im Salzgehalt vor allem an der Oberfläche der Meere. In der Nordsee liegt die Salinität wegen des relativ bedeutsamen Süßwassereinstroms von Rhein, Weser und Elbe nur bei 33 ‰.

«Eisiges von Strand und Küste»

Brackwasser – ein ungewöhnliches Nass

Etwas vereinfacht ausgedrückt, ist Brackwasser verdünntes Meerwasser. Als Brackwasser bezeichnet man Meerwasser unter 18 psu. Beim Baden ist es sehr angenehm, weil es nur wenig nach Salz schmeckt und nicht so heftig in den Augen brennt. Die Ostsee mit ihren flachen, schmalen Korridoren zur Nordsee oder das Schwarze Meer mit seinem schmalen Zugang zum Mittelmeer bei Istanbul sind gute Beispiele für Brackwassermeere. Sie zeichnen sich durch mancherlei hydrografische und biologische Besonderheiten aus.

«Brackwassermeer Ostsee»

«Die Nordsee – ein Randmeer vor unserer Tür»


Auskristallisiertes Meersalz am Strand


Lockeres Strandgeröll – kein Lieferant des Meersalzes

Und woher kommt das Salz?

Viele Lehrbücher der Geochemie vertreten die Einschätzung, dass der Ionen- bzw. Elementgehalt des Meerwassers die Endstadien der Gesteinsverwitterung auf dem Festland widerspiegelt. Rinnsale, Bäche, Flüsse und Ströme sammeln demnach die freigesetzten, löslichen Bestandteile und führen sie allmählich dem Meer zu. Die Stofffracht der Flüsse reicht angeblich sogar aus, in rund 25 Millionen Jahren so viel Salz in die Meere einzuschwemmen, wie aktuell darin gelöst ist. So weit die schöne Theorie. Diese hat aber ein paar Schönheitsfehler: Tatsächlich ist der heutige Salzgehalt der Meere, die immerhin 97 % des Gesamtwasservorrats der Erde ausmachen, immer noch ein stoffliches Erbe aus ihrer Frühzeit, als sich erstmals eine Hydrosphäre entwickelte. Das Meer war schon oft Entstehungsort von Gesteinen, die im Laufe ihrer weiteren Genese irgendwann einmal Bestandteile des Festlands wurden – so beispielsweise die Silt- und Sandsteine des Rheinischen Schiefergebirges oder die meist nicht einmal halb so alten Sedimentgesteine der nördlichen Alpen. Nicht das Festland ist das Liefergebiet für die mineralischen Bestandteile des Meerwassers, sondern eher umgekehrt.

«Wie das Meer am Festland nagt»

Fragen


Große Teile des Festlandes waren früher einmal Meeresboden. Welche bekannte Küstenregion Deutschlands gehört dazu?
In welcher Jahreszeit hat das Wasser der Nordsee den geringsten Salzgehalt ?

Antworten

Die Nordsee – ein Randmeer vor unserer Tür

Die Nordsee ist in geografischer, historischer und wirtschaftlicher Hinsicht das für Mitteleuropa mit Abstand bedeutsamste Meer, wobei sie, genau genommen, eigentlich «nur» ein Nebenmeer ist. Als «Nebenmeer» bezeichnet man breite Buchten, die sich weit in kontinentales Gebiet erstrecken, vom offenen Ozean zwar getrennt sind, damit aber dennoch im direkten Austausch stehen. Die Öffnung der Nordsee zum Nordatlantik misst an der engsten Stelle zwischen dem ostschottischen Kinnairds Head und dem westnorwegischen Stavanger rund 450 km. Mit insgesamt rund 575 200 km2 Fläche gehört die Nordsee zu den kleineren Nebenmeeren. Im Kartenbild nimmt sie ungefähr die Form eines Rechtecks von rund 1000 km Länge und bis zu 600 km Breite ein. Ihre Wasserfüllung beträgt immerhin 54 069 km3 und enthält die ansehnliche Menge von 1838 142 000 t Meersalz.

Deutsche Nordseeküste

Durch die etwa 100 km breite Öffnung zwischen den Orkney- und den Shetland-Inseln nordöstlich von Schottland führt der Fair-Isle-Strom dem Nordseebecken jährlich etwa 9000 km3 Wasser aus dem offenen Atlantik zu. Ein deutlich stärkerer Einstrom mit rund 51000 km3 führt über die rund 900 km lange Norwegische Rinne. Davon verlässt der überwiegende Teil den Nordseeraum wieder mit dem Baltischen Strom entlang der norwegischen Küste. Etwa 3400 km3 Wasser erhält die Nordsee über den Ärmelkanal, der an der engsten Stelle zwischen Calais und Dover nur 34 km breit ist. Mit dem Niederschlag treffen weitere 380 km3 ein. Das hört sich nach sehr viel an, entspricht aber mit etwa 660 mm/m2 (oder 660 l/m2) eher dem unteren Durchschnitt der jährlichen Niederschlagsmenge über Mitteleuropa. Diese Wasserversorgung von oben gleicht die jährliche Verdunstung von ca. 325 km3 recht gut aus. Die Nordseezuflüsse Rhein, Weser und Elbe tragen der Nordsee jährlich etwa 300 km3 Süßwasser zu. Das Flusswasser macht damit insgesamt nur etwa 0,5 % des Nordseewassers aus. Der Rhein ist daran mit etwa 2200 m3/s beteiligt, die Elbe mit 856 m3/s. Die fluviatilen und marinen Wasserkörper durchmischen sich allerdings nur zögerlich: Das Wasser aus Rhein und Elbe ist noch bis Nordwestdänemark anhand des verminderten Salzgehaltes klar von typischem Meerwasser zu unterscheiden. In knapp zwei Jahren tauscht die Nordsee ihr gesamtes Wasser mit dem Nordatlantik aus.

Die friesische Sichtweise

Der Name «Nordsee» geht vermutlich auf die an den Küsten ansässigen Friesen zurück, aus deren Perspektive das Meer in nördlicher Richtung direkt vor ihrer Haustür liegt. Die Hanse übernahm diese Einschätzung und setzte zudem für das östlich anschließende Großgewässer die Bezeichnung «Ostsee» durch.

«Brackwassermeer Ostsee»

Während der Eiszeiten wurde das Nordseebecken mehrmals von den Gletschern der nordischen Vereisung überfahren. Auf dem Höhepunkt des letzten Glazials, der Weichsel-Eiszeit, war das Inlandeis über Skandinavien stellenweise bis zu 5 km mächtig und der Meeresspiegel wegen der Eisschilde weltweit etwa 120 m unter dem heutigen Niveau. Die gesamte südliche Nordsee war daher Festland. Vor etwa 10 000 Jahren lag der Meeresspiegel nur noch bei 35 m unter Normalnull (NN), etwa um die Zeitenwende hatte er NN erreicht. Über die letzten 7500 Jahre stieg er um durchschnittlich 35 cm/Jahrhundert. Das löst Diskussionen um die weitere Entwicklung der Küstenlinie an der südlichen Nordsee aus, zumal man während der letzten 100 Jahre einen bisher ungebremsten Anstieg bis 25 cm (oder gegenwärtig etwa 2,4 mm/Jahr) beobachtet.


Typische Landschaft an der deutschen Nordseeküste: Westerhever auf der Halbinsel Eiderstedt


Luftbild eines Priels im Wattenmeer

Brackwassermeer Ostsee

Betrachtet man die Landkarte Nordeuropas einmal genauer, müsste man eigentlich die Ostsee als Nordsee bezeichnen. Sie liegt zwar östlich des Nordseebeckens, erstreckt sich mit ihren entferntesten Ausläufern jedoch viel höher in den Norden: Während die Nordsee ungefähr zwischen dem 52. und dem 60. Breitengrad liegt, reicht die Ostsee immerhin vom 54. bis zum 63. Breitengrad und damit von ihrem südlichsten Punkt im Greifswalder Bodden über 1300 km bis fast an den nördlichen Polarkreis.

«Die Nordsee – ein Randmeer vor unserer Tür»

Da sie vergleichsweise schmal und rundum von Festland eingeschlossen ist, gilt sie in der modernen Ozeanografie als kontinentales Mittelmeer. Die direkte Verbindung zur Nordsee ist am Skagerrak zwischen Südostnorwegen und dem dänischen Nordjütland mit rund 130 km relativ schmal. Noch enger wird es mit nur 63 km am Eingang zum Kattegat zwischen Jütland und Südwestschweden. Nur drei enge Öffnungen bilden eine direkte Verbindung zum Kattegat und von dort über das Skagerrak zur Nordsee – der gerade einmal 600 m breite Kleine Belt zwischen Jütland und Fünen, der 22 km breite Große Belt zwischen Fünen und Seeland und der etwa 4 km breite Øresund zwischen Kopenhagen und Malmö.


Blick über das Achterwasser, Insel Usedom

Beobachtungstipp – Der Wind legt das Watt frei

Anderes als beim Wattenmeer an der Nordsee bestimmen an der Ostsee der Wind und nicht die Gezeiten das Geschehen in den Flachwassergebieten. Starker Wind kann beispielsweise im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaften das Wasser aus den Buchten in die offene Ostsee hinausdrücken und besonders flache Bereiche trockenfallen lassen. Solche unter Windwirkung zeitweilig trockenfallende Bereiche bezeichnet man als Windwatten.

Erdgeschichtlich betrachtet, ist die Entwicklung der Ostsee so alt wie Europa selbst. Ihre derzeitigen Küsten entstanden allerdings erst in geologisch jüngster Zeit durch die letzten Eiszeiten. Mehrmals schoben sich mächtige, von Norden ausgehende Eisschichten über die norddeutsche Tiefebene. Da die Gletscher jahrzehntausendelang die ursprünglichen skandinavischen Hochgebirge auf das Maß von Mittelgebirgen abgeschliffen haben, verfrachteten sie auch Unmengen von Schotter und größeren Steinen nach Süden. Streng genommen, lebt man in Norddeutschland also auf skandinavischem Boden. Das Abschmelzen der Gletscher setzte vor etwa 15 000 Jahren ein. Diese Phase hinterließ die gewellte Küstenhinterland-Hügellandschaft Schleswig-Holsteins und Mecklenburg-Vorpommerns.

Erdgeschichtlich gliedert man die jüngere Geschichte der Ostsee in sechs Stadien, die sich vor allem im Salzgehalt des Ostseewassers und den davon abhängigen Leitorganismen unterscheiden. Praktischerweise verwendet man dazu die relativ dauerhaften Schalen bzw. Gehäuse von Muscheln (überwiegend die Phasen mit Meerwasser) oder Schnecken (überwiegend die Zeitabschnitte mit Süßwasser), die gleichsam als geschichtete Geschichte in den jeweiligen Bodensedimenten stecken. Entsprechend unterscheidet man also Yoldia-Meer, Ancylus-See, Littorina-Meer, Lymnaea-See und Mya-Meer. Das derzeitige Stadium erhielt den Namen nach der Sandklaffmuschel (Mya arenaria). Diese Art kam erst im Mittelalter (16. Jahrhundert] aus Nordamerika zu uns. Es ist eine marine Art, die jedoch Brackwasser toleriert und heute bis in den Bottnischen Meerbusen vorkommt.

Tauchgang in der Ostsee

Die Ostsee ist also ein Brackwassermeer, das langsam aussüßt. Ein Wasseraustausch mit der Nordsee kann nur über die vergleichsweise schmalen Zuflüsse – Kleiner und Großer Belt sowie Øresund – stattfinden. Nur gelegentlich dringt Nordseewasser in die Ostsee ein, während Ostseewasser fast ständig in die Nordsee abfließt. Die Flüsse im Einzugsgebiet der Ostsee führen dem Ostseebecken jährlich etwa 480 km3 Süßwasser zu. Die Hälfte dieser Flusswassermengen spenden die sieben Flüsse Newa (Russland), Weichsel (Polen), Düna (Lettland), Memel (Litauen), Kemi- joki (Schweden), Oder (Polen) und Lule älv (Schweden).


Kreideklippe im Nationalpark Jasmund auf der Insel Rügen

Salzwasser ist spezifisch schwerer als Süßwasser. Sein Einstrom in die Ostsee von der Nordsee wird durch Schwellen am Meeresboden behindert. Deutliche Hindernisse bilden die Drodgenschwelle im Øresund mit nur 7,2 m Tiefe und die Darßer Schwelle zwischen dem Darß und Falster (Dänemark) mit 18 m Tiefe. Nur bei starkem Einstrom schwappt das Nordseewasser über diese Schwellen und kann in die Becken der Ostsee vordringen. Das Salzwasser verteilt sich am Boden der Becken, sodass ein deutlich geschichteter Wasserkörper entsteht. Die Sprungschicht als Grenze zwischen diesen beiden Wasserkörpern liegt in der westlichen Ostsee etwa bei 20 m und in den tiefen Becken weiter östlich bei 70 m. In der Kieler und Mecklenburger Bucht baut sich eine Sprungschicht nur während der Sommermonate auf. Ein vertikaler Austausch von Stoffwechselgasen zwischen den Wasserkörpern findet jedoch kaum statt. Folglich wird verbrauchter Sauerstoff in der unteren Schicht nicht ersetzt. Nachschub kommt nur über den langen horizontalen Weg aus der Nordsee.

«Meerwasser ist ganz anders»


Die Leitarten der Ostseestadien: Links die Spitz-Schlammschnecke (Lymnaea stagnalis), rechts oben die Sandklaffmuschel (Mya arenaria) und rechts unten die Gemeine Strandschnecke (Littorina littorina)

954,42 ₽

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271 стр. 169 иллюстраций
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9783258477336
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