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Das Mädchen und der Maler

Barbara Cartland

Barbara Cartland E-Books Ltd.

Vorliegende Ausgabe ©2015

Copyright Cartland Promotions 1985

ISBN 9781782137641

Gestaltung M-Y Books

www.m-ybooks.co.uk

1880 ~ 1.

Die Osterblumen leuchteten im Schatten der alten Eichen so golden wie die Frühlingssonne. Die Vögel zwitscherten, ein leichtes Lüftchen spielte im jungen Laub der Bäume.

Margret summte ein Lied. Sie hatte es heute nicht eilig. Unerwartet früh war sie im Schloß fertig geworden und brauchte nicht wie sonst durch den Park zu hasten. Wie sie diesen Weg zum Dorf liebte! Zwischen den Baumstämmen schienen die Träume ihrer Kindheit zu hängen, und manchmal glaubte Margret, sie würden doch noch Wirklichkeit werden.

Sie war so in Gedanken versunken, daß sie die Staffelei erst im letzten Moment bemerkte. Oh Gott, dachte Margret, Mr. Oliver malt schon wieder ein Bild.

Mr. Oliver war pausenlos in finanziellen Schwierigkeiten, und Margrets gutherziger Vater, der Vikar, kaufte die Bilder, um dem Mann zu helfen. Das Geld für einen neuen Wintermantel war in Mr. Olivers Tasche gewandert, und das Hemdblusenkleid, auf das sich Margret nun schon seit Wochen freute, sah sie jetzt auch dahinschwinden. Ein gutes Dutzend von Gemälden stand schon auf dem Speicher, und eines war schlechter als das andere.

„Guten Tag, Mr. Oliver“, sagte Margret. „Schon wieder an einem Meisterwerk?“

Zu Margrets großem Erstaunen war der Mann, der hinter der Leinwand auftauchte, nicht etwa der kleine, grauhaarige Mr. Oliver, sondern ein Fremder.

„Tut mir leid, Mademoiselle“, sagte er. „Ich bin nicht Mr. Oliver.“

„Gott sei Dank nicht!“ rief Margret spontan.

Der Fremde lächelte. Er sprach offensichtlich fließend Englisch, hatte aber einen leichten Akzent. Außerdem hatte er Margret mit Mademoiselle angeredet.

„Ich habe Sie durch den Park kommen sehen“, sagte er. „Wie eine kleine Göttin sind Sie plötzlich aufgetaucht und über das Moos geschwebt.“

Zwei Grübchen bildeten sich in Margrets Wangen.

„Dabei bin ich ein ganz normaler Mensch mit einem ganz normalen Namen. Ich heiße Margret.“

„Das ist ein besonders schöner Name“, antwortete der Fremde.

Margret spürte, wie sie rot wurde. Noch nie hatte ein Mann sie mit so offenem, direktem Blick angesehen. Sie schätzte ihn auf achtundzwanzig. Er war groß, hatte breite Schultern und dunkle Haare, die glatt aus der Stirn gekämmt waren. Seine Züge waren klar, sein Mund energisch. Er sah blendend aus, der Fremde, in seinem grünen Samtanzug und der lässig gebundenen Krawatte.

„Sie sprechen ausgezeichnet Englisch, Sir“, sagte Margret, um von sich abzulenken. „Sie sind Franzose, nicht wahr?“

„Ja“, antwortete er, „aber meine Großmutter war Engländerin. Et vous, Mademoiselle, parlez-vous Français?“

Margret lächelte.

„Oui, Monsieur“, antwortete sie auf Französisch. „Meine Großmama war Französin.“

„C’est extraordinaire!“ rief der Franzose. „Ich hatte eine englische Kinderfrau. Sie vielleicht eine französische?“

„Ja“, erwiderte Margret. „Aber sie hielt nicht sonderlich viel von den komischen Leuten auf der anderen Seite des Kanals.“

Der Fremde lachte, und Margret stimmte in das Lachen ein. Plötzlich wurde ihr jedoch klar, daß sie sich sehr frei benahm, und wieder versuchte sie abzulenken.

„Ich darf Sie nicht von Ihrer Malerei abhalten“, bemerkte sie und wollte weitergehen.

„Bitte!“ rief der Fremde. „Sie dürfen mich nicht schon wieder allein lassen. Ich möchte noch so viel von Ihnen wissen.“

„Ich glaube, ich muß aber gehen“, antwortete Margret, Unsicherheit in der Stimme.

Der Fremde interessierte sie, aber gleichzeitig wußte sie, daß ihre Mutter mit ihrem Benehmen nicht einverstanden gewesen wäre. Mit einem Mann zu plaudern, dem man nicht vorgestellt war, das gehörte sich nun einmal nicht.

„Ein Jammer, daß die Zeit der Kinderfrauen längst vorbei ist“, meinte der Fremde, als habe er Margrets Gedanken gelesen. „Sie hätten uns bestimmt bekannt gemacht - und wenn nur, um miteinander klatschen zu können. Darf ich mich Ihnen vorstellen? Paul Beaulieu.“

Der Fremde deutete eine leichte Verbeugung an. Margret machte einen Knicks.

„Margret Lynton.“

„Und Sie sind die Prinzessin, die im Schloß wohnt?“ fragte Paul Beaulieu.

Margret schüttelte den Kopf.

„Nein“, antwortete sie. „Ich bin bloß die arme Verwandte.“

„Die arme Verwandte?“ wiederholte Paul Beaulieu.

„Ja. Die Prinzessin, wie Sie sie nennen, ist Lady Clementine Combe. Sie wohnt im Schloß und steht in dem Ruf, das schönste Mädchen Englands zu sein.“

„Und Sie?“ fragte Paul Beaulieu.

„Ich bin ihre Cousine und wohne im Dorf. Mein Vater ist der Vikar.“

Paul Beaulieu bewunderte die Bescheidenheit, mit der das Mädchen sprach. Margret hatte ein herzförmiges Gesicht mit großen graublauen Augen. Die hohe Stirn war von goldblonden Haaren umrahmt. Das schon etwas verwaschene Leinenkleid, aus dem Margret fast herausgewachsen war, unterstrich die gerade erblühte Figur des jungen Mädchens.

„Ich möchte Sie malen“, sagte Paul Beaulieu spontan. „Einem Künstler bietet sich selten die Chance, der Göttin des Frühlings zu begegnen. Bitte, gehen Sie noch nicht.“

„Aber Sie wollten doch sicherlich das Schloß malen“, antwortete Margret schnell. „Darf ich mir das Bild anschauen?“

„Ich bitte darum.“ Paul Beaulieu trat zur Seite.

Margret hatte schon viele Gemälde gesehen, auf denen der Blick auf das Schloß festgehalten war. Durch die Jahrhunderte hindurch war es von berühmten Künstlern gemalt worden. In der Bildergalerie des Schlosses hing eine ganze Reihe von diesen Gemälden.

Bei dem, was sich jetzt Margrets Blick bot, stockte ihr fast der Atem. Das Schloß, das auf den meisten Bildern wie auch in der Natur beinahe furchterregend aussah, wirkte auf dem Gemälde des Franzosen wie aus einem Märchen. Durch das Leuchten der Farben im Vordergrund wurde das Auge wie auf magische Weise zu der mystischen Großartigkeit des Schlosses hingeführt, dessen Turm sich stolz in den klaren Himmel streckte.

Paul Beaulieu hatte auf der Leinwand eine Atmosphäre eingefangen, die das Herz höher schlagen ließ. Die Farben schienen zu jubeln, jeder Stein schien durch das Licht, das auf ihn fiel, zu vibrieren.

„Sie sind ja Impressionist!“ rief Margret begeistert.

„Sie kennen die Impressionisten?“ fragte Paul Beaulieu erstaunt.

„Ich habe zumindest über sie gelesen“, antwortete Margret. „Und von Papa weiß ich, daß sie in Paris abgelehnt werden.“

„Und was halten Sie von dem Bild?“

„Es ist wunderschön.“

„Ist das ehrlich gemeint?“

„Natürlich. Bei etwas so Wichtigem würde ich nie schwindeln, nicht einmal, um Ihnen zu schmeicheln.“

„Ich hätte nie gedacht“, sagte Paul Beaulieu, „daß eine Engländerin das anerkennen würde, was ein paar revolutionäre Künstler auf der Leinwand festzuhalten versuchen.“

„Von Papa weiß ich“, erwiderte Margret, „daß der Salon und die meisten Kunsthändler in Frankreich die Meinung vertreten, man könne erst dann von Kunst sprechen, wenn der entsprechende Maler nicht das festhält, was er sieht, sondern was man zu sehen hat. Und Sie, glaube ich, malen, was in Ihrem Herzen ist.“

„Sie haben sehr viel Einfühlungsvermögen“, meinte Paul Beaulieu bewundernd. „Bitte, lassen Sie sich von mir malen.“

„Ich muß aber doch nach Hause gehen. Sie warten auf mich.“

„Bitte! Sie würden mir einen großen Gefallen tun. Sie wissen gar nicht, wie sehr ich mir wünsche, Ihr Gesicht auf der Leinwand festzuhalten. Ich habe nie in meinem Leben ein lieblicheres Mädchen gesehen.“

Das Kompliment trieb Margret die Röte ins Gesicht. Vielleicht wollte ihr Paul Beaulieu aber auch bloß schöntun, weil er sich kein Modell leisten konnte.

Hatte ihr Vater nicht erzählt, daß die Impressionisten am Hungertuch nagten? Vielleicht verzichtete auch Paul Beaulieu auf Fleisch, um Farben kaufen zu können.

„Aber lange kann ich nicht bleiben“, sagte Margret.

Mit schlechtem Gewissen dachte sie an die Hühner, die gefüttert werden mußten. Die Pferde warteten auf das Heu, und im Haus gab es auch immer eine Menge zu tun.

Zum Glück war sie an diesem Tag im Schloß zeitig fertig gewesen. Cicely hatte sich eine Stunde früher hingelegt, weil ihr Bruder William am Abend aus Paris zurückerwartet wurde. Baron Cottesford war im Diplomatischen Dienst und meistens im Ausland.

Mama erwartet mich erst in einer halben Stunde, dachte Margret.

Paul Beaulieu hatte schon die Staffelei weiter in den Park hineingetragen und eine neue Leinwand aufgespannt.

„Und wo soll ich mich hinstellen?“ fragte Margret.

„Vor die Tannen“, antwortete Paul Beaulieu. „Ich möchte, daß es so aussieht, als kämen Sie aus dem Sonnenschein in die Kühle des Waldes.“

Er bat Margret, sich auf den moosbewachsenen Stamm eines gefällten Baums zu setzen. Ein Sonnenstrahl, der schräg durch die Zweige fiel, streifte ihr goldenes Haar und ließ ihre Augen im Grün der Bäume leuchten.

Paul Beaulieu hob die Palette aus dem Gras auf.

„Sprechen Sie“, sagte er. „Sie brauchen nicht unbeweglich dazusitzen. Erzählen Sie von sich. Warum sind Sie die arme Verwandte - wie Sie sich ausdrücken.“

„Mein Onkel Lionel, der Graf von Vinchcombe, ist Mamas Halbbruder“, erklärte Margret. „Er ist ein ziemlich strenger Mann und sehr einflußreich und wohlhabend. Papa und Mama hatten sich verliebt und durften nach langen Jahren des Wartens endlich heiraten. Aber wir sind sehr arm.“

„Macht es Ihnen etwas aus, arm zu sein?“ fragte Paul Beaulieu.

„Nein. Ich habe fast alles, was mein Herz begehrt. Meinem Bruder Bernhard fällt es nicht so leicht wie mir, denn er würde gerne zur Armee gehen, aber Papa kann das nicht bezahlen. Und dann habe ich noch zwei Schwestern - sie sind Zwillinge und heißen Emily und Edith. Die beiden jammern oft, daß es bei uns so bescheiden zugeht.“

„Aber es müßte für Sie doch ganz einfach sein, reich zu werden“, meinte Paul Beaulieu.

„Für mich? Wie denn?“

„Sie können einen reichen Mann heiraten.“

Margret lachte.

„Ich würde doch nie des Geldes wegen heiraten“, erwiderte sie.

„Also aus Liebe?“

„Nur“, sagte Margret.

„Und wenn Sie sich nie verlieben?“

„Dann muß ich eben als alte Jungfer sterben.“

„Um Gottes willen!“ rief Paul Beaulieu. „Das wäre ein Verbrechen gegen die Natur. Aber Sie werden sich eines Tages verlieben, und dann wird Ihr Leben voll von Leidenschaft, Hingabe und Treue sein.“

„Woher wissen Sie das?“ fragte Margret leise.

„Ich sehe es Ihrem Mund und Ihren Augen an“, antwortete Paul Beaulieu. „Frauen mit Lippen wie den Ihren schenken dem Mann, den sie lieben, Herz, Körper und Seele.“

Margret senkte die Augen. Die Röte stieg ihr in die Wangen.

„Sie sollten nicht mich malen, sondern meine Cousine Clementine“, sagte sie, um das Thema zu wechseln. „Sie ist wirklich hübsch.“

„Hübscher als Sie kann sie nicht sein“, bemerkte Paul Beaulieu mit völlig sachlicher Stimme.

„Sie wollen mich bloß necken“, sagte Margret. „So hübsch bin ich gar nicht. Aber Clementine sollten Sie sehen. Ihre Züge sind völlig regelmäßig, ihre Augen tiefblau und ihr Haar ist wie reifes Korn.“

„Sie scheinen sie wirklich zu bewundern“, sagte Paul Beaulieu. „Mögen Sie Ihre Cousine auch gern?“

Margret zögerte einen Moment.

„Clementine ist älter als ich“, antwortete sie dann, „und bewegt sich in den besten Kreisen. Wir haben wenig gemein. Wen ich wirklich von Herzen mag, das ist Cicely.“

„Und wer ist Cicely?“

„Sie ist Clementines Schwester - Lady Cicely Combe. Sie hatte vor einem Jahr einen Reitunfall und muß seitdem das Bett hüten. Die Ärzte hoffen zwar, daß sie eines Tages wieder gehen kann, aber sicher ist es noch nicht.“ Margret stieß einen kleinen Seufzer aus. „Die arme Cicely. Es ist ein schweres Schicksal. Können Sie sich vorstellen, wie hart das sein muß, wenn man mit sechzehn ans Bett gefesselt ist, während die anderen ausreiten und tanzen und all das tun, wonach man sich selbst sehnt?“

„Und deshalb leisten Sie ihr Gesellschaft?“

„Ja, ich sitze oft stundenlang an ihrem Bett und erzähle ihr. Cicely will alles wissen, was innerhalb und außerhalb des Schlosses passiert. Und ich lese ihr vor. Cicely ist ein sehr gescheites Mädchen. An ihr ist ein Junge verloren gegangen. Latein macht ihr nicht die geringsten Schwierigkeiten, und Griechisch bringe ich ihr gerade bei. Wir lesen zusammen Molière, Balzac und Goethe. Und natürlich auch Dickens und die Geschwister Brontë.“

„Das freut mich“, sagte Paul Beaulieu. „Ich meine, daß Sie auch die Geschwister Brontë erwähnen. Ich hatte schon Angst, daß Sie und Cicely zu den Blaustrümpfen gehören.“

„Würde Sie das schockieren?“ fragte Margret. „Mama sagt immer, daß Männer kluge Frauen hassen. Bei Partys soll man liebenswürdig und weiblich sein, meint sie, und bloß nicht zeigen, was man weiß.“

„Und folgen Sie ihrem Rat?“

Margret lachte und wieder tauchten die Grübchen auf.

„Ich gehe nur ganz selten zu Partys“, antwortete sie. „Und wenn ich einmal auf einer bin, dann vergesse ich, liebenswürdig und weiblich zu sein. Vielleicht habe ich deshalb so wenig Verehrer.“

„Sind die Männer in England denn blind?“ fragte Paul Beaulieu.

„Nein. Aber sie haben nur Augen für Clementine. Ihnen ginge es auch nicht anders, wenn Sie sie sehen würden. Sie würden nicht mehr mich, sondern meine Cousine malen.“

„Das bezweifle ich“, entgegnete Paul Beaulieu. „Ich bin Ihnen sehr dankbar, meine kleine Göttin, daß ich Sie malen darf.“

„Vielleicht würde ein Impressionist Clementines Schönheit gar nicht gerecht werden“, sagte Margret.

„Eben. Sie sollte in weißer Seide mit Perlen und Rosen in der Hand gemalt werden. Die goldblonden Haare und die tiefblauen Augen kommen vor einem blauen Samtvorhang am besten zur Geltung.“

Der Sarkasmus in der Stimme des Franzosen entging Margret nicht.

„Genauso ist sie bereits portraitiert worden“, sagte sie lachend. „Zweimal sogar. Die Gemälde hängen im Schloß. Ich wollte, ich könnte sie Ihnen zeigen.“

„Ich würde sie gerne sehen. Sie sind bestimmt das beste Beispiel dafür, wie man am schnellsten zu einem Namen und Vermögen kommt.“

„Wollen Sie es denn zu einem Vermögen bringen?“

„Nein, nicht unbedingt“, antwortete Paul Beaulieu. „Aber ich möchte, daß mehr Menschen verstehen, was die Impressionisten vermitteln wollen. Der Meister, bei dem ich studiert habe, schaffte es im letzten Jahr, daß ein Bild von ihm im Salon akzeptiert wurde, aber er ist so arm, daß er alles versetzt hat, was nicht niet- und nagelfest ist.“

„Wie schrecklich!“ rief Margret. „Wie heißt Ihr Meister?“

„Claude Monet“, antwortete Paul Beaulieu.

„Tatsächlich? Ich habe eines seiner Bilder gesehen. Natürlich nicht das Original, sondern eine Abbildung davon. Es heißt Frühlingslandschaft.“

„Das Bild hat Monet vor sechs Jahren gemalt. Gefällt es Ihnen?“

„Unheimlich gut“, sagte Margret.

Paul Beaulieu legte seine Palette weg und sah Margret erstaunt an.

„Sie sind nicht nur hübsch, sondern auch ein bemerkenswertes Mädchen.“

Margret blickte den Maler mit großen Augen an. Etwas schwang in seiner Stimme mit, was ihr völlig fremd war. Und plötzlich schien etwas zwischen ihm und ihr zu geschehen, was sie noch nie erlebt hatte, was aber denselben Zauber zu besitzen schien wie das Bild von Monet. Es war etwas Anziehendes und etwas Faszinierendes und gleichzeitig etwas, was Angst einflößte.

Sie stand auf.

„Ich - ich muß jetzt aber wirklich gehen“, stammelte sie. „Mama erwartet mich. Es ist sicher schon spät.“

„Kommen Sie morgen wieder?“

„Ich weiß es noch nicht“, antwortete Margret. „Es kommt darauf an, ob ich Zeit habe.“

„Bitte, versuchen Sie es einzurichten.“

Paul Beaulieu stand plötzlich direkt vor ihr, und sie sah zu ihm auf. Er war ein gutes Stück größer als sie. Sie hatten sich zwar eben erst getroffen, aber Margret hatte das Gefühl, diesen Mann schon ewig zu kennen.

„Bitte kommen Sie“, sagte er und sah ihr direkt in die Augen. „Ich kann Sie nicht gleich wieder verlieren. Vielleicht macht mich das Gemälde berühmt. Wenn es unvollendet bleibt, dann müssen Sie sich vielleicht lebenslang den Vorwurf machen, meine Karriere auf dem Gewissen zu haben.“

Seine Stimme klang ernst, aber in seinen Augen saß der Schalk.

„Sie schmeicheln mir, damit ich von meiner Wichtigkeit überzeugt bin“, entgegnete Margret. „Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich bloß die arme Verwandte bin.“

„Eine Göttin sind Sie“, sagte Paul Beaulieu.

Margret lächelte.

„Ich werde versuchen, zu kommen. Aber möglicherweise kann ich nicht lange bleiben.“

„Ich werde voll Ungeduld auf Sie warten.“

Er nahm ihre Hand und küßte sie.

Sie hatte nicht damit gerechnet. Ein Schaudern lief ihr über den Rücken. Dann eilte sie in den Wald, der an den Park anschloß.

Paul Beaulieu blickte ihr nach, bis sie verschwunden war, dann machte er sich mit Eifer an seine Arbeit.

Es war schon Viertel vor fünf, als Margret im Dorf ankam. Um lästigen Fragen zu entgehen, lief sie direkt in den Hühnerstall, fütterte das Federvieh und sammelte die frischgelegten Eier in den Korb. Anschließend gab sie den Pferden Heu und frisches Wasser, stellte die Eier in der Küche ab und ging ins Wohnzimmer.

Lady Evelyn, ihre Mutter, saß auf dem Sofa und stopfte Strümpfe.

„Da bist du ja, Margret!“ rief sie. „Ich habe mir schon Gedanken gemacht, wo du nur bleibst.“

„Ich habe die Hühner und die Pferde gefüttert, Mama“, sagte Margret, „und wollte eben Papa daran erinnern, daß sich der Kirchenrat um fünf Uhr trifft.“

„Mein Gott, das habe ich ja ganz vergessen“, rief Lady Evelyn. „Zum Glück hast wenigstens du daran gedacht. Lauf schnell zu Papa, Margret, und achte darauf, daß er eine Krawatte trägt und nicht wieder in Hausschuhen weggeht.“

„Ja, Mama.“

Froh, daß keine Fragen gestellt worden waren, lief sie ins Arbeitszimmer ihres Vaters und erinnerte ihn an seine Pflichten.

„Muß ich denn da hin?“ fragte der Vikar unwillig. „Ich bin gerade an einem sehr interessanten Gedankengang, und wenn ich herausgerissen werde ...“

„Du mußt, Papa“, fiel ihm Margret ins Wort. „Die Kosten für die Reparatur des Kirchturms stehen auf der Tagesordnung, und das ist wichtig. Laß dich bloß nicht von der gräßlichen Lady Boddington mundtot machen. Sie will sich immer bloß aufspielen.“

Der Vikar legte widerstrebend die Feder weg.

„Ich bin gerade beim Einfluß der Ägypter auf die frühgriechische Zivilisation, und das ist ein höchst interessantes Thema.“

„Du mußt mir vorlesen, was du geschrieben hast, Papa“, sagte Margret. „Aber nicht jetzt.“

„In Gottes Namen.“ Der Vikar seufzte. „Dann gehe ich eben. Daß ich aber auch immer im wichtigsten Moment unterbrochen werden muß! Das macht mich rasend!“

„Ich weiß, Papa. Aber es ist nun einmal nicht zu ändern.“ Margret wollte ihren Vater gerade aus dem Zimmer schieben, als sie den Korb stehen sah. „Papa?“ fragte sie. „War Henry Gordon nicht heute da und hat von seiner Mutter etwas ausgerichtet?“

„Doch, ich glaube schon“, meinte der Vikar.

„Aber Papa“, sagte Margret und schüttelte verzweifelt den Kopf. „Du hättest ihm doch die Tinktur mitgeben sollen, die Mama extra für Mrs. Gordon gemacht hat.“

„Ach, du meine Güte!“ Er faßte sich an den Kopf. „Das habe ich total vergessen.“

„Dann bringe ich ihr es schnell“, sagte Margret. „Mrs. Gordon schwört auf Mamas Kräutermixtur.“

Wenn Margret schnell ging, konnte sie in zwanzig Minuten dort sein, und ihre Mutter merkte dann vielleicht nicht, daß ihr Vater wieder einmal total in seiner Welt versunken gewesen war und alles um sich herum vergessen hatte. Nicht, daß Lady Evelyn ihrem Mann je böse gewesen wäre. Sie liebte ihn wie am ersten Tag, war jedoch manchmal traurig, daß er wegen des Buchs, das er gerade schrieb, die Dorfbewohner vernachlässigte.

Wenn Papa mit seinen Büchern wenigstens etwas Geld verdienen würde, dachte Margret, als sie mit dem Korb am Arm quer über die Felder ging. Doch die Gedanken an Geld waren schnell verweht. Sie befaßten sich jetzt mit dem großen, fremden Mann.

Paul Beaulieu war ganz anders, als Margret sich einen Künstler vor gestellt hatte. Kein Bart, kein affektiertes Benehmen, keine Allüren. Der Franzose war selbstsicher, fast autoritär, ohne dabei bestimmend zu wirken. Margret war überzeugt davon, daß ihm alles gelang, was er anpackte.

Vielleicht würde ihn die Welt eines Tages als Genie anerkennen. Vielleicht würde ihr Portrait ihm tatsächlich Ruhm und Vermögen einbringen. Sie mußte ihn wiedersehen! Sie mußte alles versuchen, wenigstens eine Stunde Zeit für ihn zu haben.

Die Sonne stand bereits tief am Himmel, als Margret sich wieder auf dem Heimweg befand. Sie war so in Gedanken versunken, daß sie die offene Kutsche, die vor dem Pfarrhaus stand, erst im letzten Moment bemerkte. Was wollte denn der Schloßherr zu so ungewöhnlicher Stunde bei ihren Eltern? Margret konnte sich den Besuch nicht erklären, war jedoch überzeugt davon, daß es nur Onkel Lionel sein konnte, denn niemand in der Gegend außer ihm besaß ein so teures und elegantes Gefährt.

Vor dem Spiegel in der Diele strich sich Margret schnell die Haare aus der Stirn. Ob sie sich umziehen sollte? Der Saum ihres Kleides war staubig. Ach was, dachte sie. Er ist schließlich mein Onkel.

Margret öffnete die Tür zum Wohnzimmer und ging hinein. Zu ihrem Erstaunen war auch ihr Vater da. Den Mann, der bei ihren Eltern saß, erkannte Margret nicht sofort. Erst als sie die Ähnlichkeit mit Onkel Lionel feststellte, wußte sie, daß es nur ihr Cousin William, der Baron Cottesford, sein konnte, den sie seit drei Jahren nicht gesehen hatte.

Wenn William zu Hause gewesen war, hatte er nie Zeit für seine Cousine Margret gehabt. Sie war ihm lästig gewesen.

„Margret!“ rief Lady Evelyn. „Wo warst du denn?“

„Bei Mrs. Gordon“, antwortete Margret. „Ich habe ihr schnell die Tinktur gebracht, Mama.“

„Das ist lieb von dir, mein Kind“, sagte Lady Evelyn, legte einen Arm um Margrets Schultern und küßte sie.

Nicht nur Margrets Mutter strahlte, sondern auch der Vikar machte einen glücklichen und zufriedenen Eindruck. Sein Blick ruhte auf William, den Margret nie so recht gemocht hatte. Der Cousin sah älter aus. Er mußte inzwischen gut achtunddreißig sein.

Margret hatte sich immer etwas gefürchtet vor William, sie mußte aber zugeben, daß er im Moment so freundlich aussah wie nie zuvor.

„Was ist denn?“ fragte Margret. „Ist etwas passiert?“

„Etwas Wundervolles ist passiert, mein Kind“, antwortete Lady Evelyn. „Etwas, was dich ebenso glücklich machen wird wie Papa und mich.“

„Was ist es denn?“ fragte Margret ahnungslos.

„Dein Cousin William“, erklärte Lady Evelyn, „hat eben bei Papa um deine Hand angehalten.“

2.

Später konnte sich Margret nicht daran erinnern, ob sie überhaupt etwas gesagt hatte.

Sie konnte sich nur an das glückliche Gesicht ihrer Mutter erinnern und an den kritischen Blick ihres Cousins. Natürlich hatte er den Staub an ihrem Rocksaum bemerkt.

Ihr Vater hatte einen Arm um ihre Schultern gelegt.

„Wir wollen doch nur dein Glück, Margret.“

William hatte Lady Evelyn, den Vikar und Margret zum Abendessen ins Schloß eingeladen. Es sei noch viel zu besprechen, hatte er gesagt. Seine Mutter würde dann alles weitere erklären. Eine Kutsche stehe um halb acht bereit.

Lady Evelyn hatte den Cousin zur Tür begleitet, und Margret hatte sich mit fragendem Blick an den Vater gewandt.

„Du wirst bestimmt glücklich mit deinem Cousin“, hatte Margrets Vater gemeint. „Er ist ein bemerkenswert intelligenter Mann und hat es im Diplomatischen Dienst schon zu etwas gebracht.“

„Ich weiß, Papa“, hatte Margret entgegnet.

Und jetzt stand Margret in ihrem Zimmer, und die Zwillinge, die natürlich an der Tür gelauscht hatten, hüpften aufgeregt um sie herum.

„Bis Onkel Lionel stirbt, bist du erst einmal Baronin“, rief Emily aufgeregt. „Nach seinem Tod wirst du Gräfin und wohnst im Schloß, und Tante Louise muß in die Orangerie ziehen.“

Margret hörte nicht zu. Sie hatte die Schranktür aufgemacht und überlegte, was sie zu dem Dinner anziehen sollte. Seit sie denken konnte, erbte sie die alten, abgetragenen Kleider ihrer Cousine Clementine, die vom teuersten Hofschneider in London angezogen wurde, und ihre Sachen trug, bis sie ihr fast vom Leib fielen. Zum Glück war Margret drei Zentimeter kleiner als Clementine und auch schmaler gebaut, so daß der meist durchgewetzte Saum gekürzt und die fadenscheinigen Stellen an den Hüften eingehalten werden konnten.

„Ich habe alte Kleider satt!“ hatte Margret bei der letzten Sendung gejammert, die aus dem Schloß geschickt worden war.

„Ich weiß, Darling“, hatte ihre Mutter entgegnet. „Wenn die Sachen wenigstens gewaschen wären, bevor man sie aus dem Haus gibt.“

Margret hatte sich über die Bemerkung gewundert, denn sie hatte ihre Mutter noch nie Kritik üben hören. Lady Evelyn beschwerte sich normalerweise nicht mit einem Wort über die Art und Weise, wie sie von ihrem Halbbruder und dessen Frau behandelt wurde.

Margret entschloß sich schließlich für ein Kleid aus weißem Musselin, das einen Riß im Rock gehabt hatte, sonst aber noch kaum getragen gewesen war. Clementine mußte damit irgendwo hängengeblieben sein, und geflickte Sachen zog sie natürlich nicht an.

„Jetzt wirst du auf alle großen Bälle in London eingeladen“, plapperte Edith. „Vielleicht sogar auf Windsor Castle. Stell dir bloß vor, dann siehst du die Königin!“

„Die kann mir im Moment gestohlen bleiben“, bemerkte Margret nervös. „Hauptsache, ich bin rechtzeitig fertig. Emily, such doch bitte meine Abendschuhe. Und Edith, kannst du mir mit meinen Haaren helfen?“

Emily dachte nicht daran, die Schuhe zu suchen. Sie war zu sehr mit der großen Neuigkeit beschäftigt, um sich durch irgendetwas ablenken zu lassen.

„Hast du gesehen, wie elegant William angezogen war, Edith?“ fragte sie die Schwester, die Margret tatsächlich mit viel Geschick die Haare hochsteckte. „Bernhard würde vor Neid platzen, wenn er die Jacke sehen würde. Und nicht eine Falte in der Krawatte.“

„Ja, elegant angezogen ist er, das muß man ihm lassen“, entgegnete Emily, die vor dem Spiegel stand und sich kritisch betrachtete. „Aber alt ist er. Er wird neununddreißig, und Margret ist erst neunzehn. Zwanzig Jahre Unterschied - das wäre mir zu viel.“

Zwanzig Jahre Unterschied, dachte Margret immer wieder, als sie mit ihren Eltern in der Kutsche saß und zum Schloß fuhr.

„Auch für die Zwillinge ist es ein Segen“, bemerkte Lady Evelyn unterwegs. „Du wirst deinen Schwestern so manches zukommen lassen können, Margret, und auch deinem Bruder Bernhard. Onkel Lionel finanziert zwar sein Studium in Oxford, aber Taschengeld gibt er ihm keines. Bernhard leidet sehr darunter, daß er der ärmste unter seinen Kommilitonen ist.“

„Warten wir es doch erst einmal ab, Evelyn“, meinte der Vikar. „Wir wissen doch noch gar nicht, welche Absprachen getroffen werden und ob William unserer Tochter so viel Geld zur Verfügung stellt, daß sie auch etwas für ihre Geschwister tun kann.“

„Mein geliebter Donatus“, sagte daraufhin Lady Evelyn, „es ist deine Aufgabe, dafür zu sorgen, daß Margret genügend Geld bewilligt bekommt. Du weißt, wie wichtig es ist, daß derlei Dinge bis ins Detail besprochen werden.“

„Ich werde mein Bestes tun, meine Liebe“, antwortete der Vikar. „Da ich Margret aber keine Mitgift geben kann, bin ich nicht gerade in der besten Position, um an der eventuell mangelhaften Großzügigkeit des Bräutigams herumzumeckern.“

Lady Evelyn wollte etwas erwidern, beherrschte sich jedoch und biß die Zähne zusammen.

Sie waren schon fast angekommen, als Margret endlich die Frage zu stellen wagte, die ihr schon die ganze Zeit auf den Lippen brannte.

„Mama“, sagte sie. „Warum heiratet mich mein Cousin William?“

Lady Evelyn zögerte einen Moment, und Margret wußte, daß sie nach den richtigen Worten suchte.

„Weil er dich, wie er sagte, schon immer sehr gern gemocht hat“, antwortete sie.

„Das stimmt nicht!“ rief Margret. „Er hat nie auch nur das Wort an mich gerichtet. Höchstens, wenn er Cicely und mich in den ersten Stock scheuchen wollte.“

„Dann mußt du ihn selbst fragen, Margret“, meinte Lady Evelyn schnell.

Margret gab es auf. Sie würde schon irgendwie die Wahrheit erfahren, davon war sie überzeugt.

Sie waren angekommen und hatten das Schloß noch kaum betreten, als Margret klar war, daß die Dienstboten Bescheid wußten. Die Verbeugung des Butlers war tiefer und unterwürfiger denn je.

Lady Evelyn und Margret wurden zum Ablegen der Mäntel in einen kleinen Salon im ersten Stock geführt. Cicelys Zimmer war am Ende des langen Gangs.

„Wart einen Moment, Mama“, bat Margret. „Ich möchte Cicely schnell gute Nacht sagen.“

„Gut, aber komm gleich wieder, Darling“, entgegnete Lady Evelyn. „Es ist fünf vor acht, und du weißt, daß dein Onkel wütend wird, wenn man ihn warten läßt.“

„Ja, Mama.“ Margret raffte die Röcke und lief über den Gang.

Sie wollte gerade die Tür zu Cicelys Zimmer öffnen, als jemand ihren Namen rief. Margret drehte sich um und sah ihre Tante auf sich zukommen.

Über und über mit Schmuck behängt, war Lady Vinchcombe trotz ihrer sechzig Jahre eine auffallend schöne Frau. Sie strahlte jedoch eine derartige Kälte aus, daß sie von den meisten Menschen gefürchtet wurde.

„Guten Abend, Margret“, sagte sie.

„Guten Abend, Tante Louise“, erwiderte Margret und machte einen Knicks.

Mit fast zufriedener Miene - wie es Margret schien - musterte sie Margret in dem abgelegten Kleid ihrer Tochter.

„William hat mir erzählt, daß ihr verlobt seid“, fuhr sie fort. „Ich hoffe, daß du das Glück zu schätzen weißt, das dir widerfahren ist.“

„Natürlich, Tante Louise.“

„Du willst zu Cicely reinschauen, nehme ich an“, fuhr die Gräfin fort. „Sie weiß noch nichts davon. Wir sagen es ihr zusammen.“

Sie öffnete die Tür. Cicely lag flach auf dem Rücken und sah in dem riesigen Bett wie ein Häufchen Elend aus.

„Hallo, Mama!“ rief sie. „Margret - so eine Überraschung. Ich habe gar nicht gewußt, daß du heute Abend zum Dinner geladen bist.“

„Margret hat eine große Neuigkeit für dich“, sagte die Gräfin. „William hat um ihre Hand angehalten.“

„Das freut mich aber“, sagte Cicely nach kurzem Zögern. „Dann wird Margret meine Schwägerin.“

Margret merkte es sofort. Cicely verstellte sich. Sie hatte sicherlich schon von dem Heiratsantrag gewußt.

„Wir müssen jetzt runtergehen“, sagte die Gräfin.

„Ihr beiden Mädchen könnt morgen alles besprechen. Cicely, du mußt jetzt schlafen.“

„Also, dann bis morgen.“ Margret beugte sich über Cicely und küßte sie.

„Ich muß dir so viel erzählen“, flüsterte in dem Moment die Cousine.

Margret folgte ihrer Tante.

Wie jedes Mal, wenn sie im Schloß eingeladen war, war Margret heilfroh, als sich die Damen nach den vielen Gängen endlich zum Kaffee in den kleinen Blauen Salon zurückzogen.

„Hat dir William erzählt, daß wir morgen einen sehr wichtigen Gast erwarten?“ fragte die Gräfin Margrets Mutter.

„Nein, er hat nichts erwähnt“, antwortete Lady Evelyn.

„Der Duc d’Abencom kommt zu uns“, berichtete die Gräfin. „Du hast vielleicht schon von ihm gehört. Er ist der beste Freund und Cousin des Prinzen Alexander von Vallon.“

„Ich dachte, daß Vallon nach dem Abzug der Deutschen von Frankreich annektiert worden ist“, sagte Lady Evelyn.

„Das stimmt auch“, bemerkte die Gräfin. „Es wundert mich immer wieder, Evelyn, daß du bei dem Leben, das du führst, doch so gut informiert bist.“

„Weil man im Dorf wohnt, muß man deshalb nicht systematisch abstumpfen.“ Lady Evelyns Wangen röteten sich.

„William hat große Neuigkeiten mitgebracht“, sagte die Gräfin. „Vallon soll wieder ein unabhängiges Fürstentum werden.“

„Phantastisch!“ rief Lady Evelyn. „Ich fand es immer unfair, daß man dem Ländchen die Unabhängigkeit genommen hat.“

„Großbritannien hat sich sehr für Vallon eingesetzt“, fuhr die Gräfin fort, „und deshalb ist dem Prinzen Alexander nahegelegt worden, sich, falls Vallon weiterhin von England unterstützt werden soll, eine Engländerin zur Frau zu nehmen.“

„Eine Engländerin“, wiederholte Lady Evelyn.

„Ja. Und der Duc will mit uns über eine eventuelle Heirat zwischen dem Prinzen und Clementine sprechen.“

„Das ist ja fabelhaft!“ rief Lady Evelyn. „Du bist sicher sehr stolz.“

„Ich habe schon immer gefunden, daß Clementine etwas Königliches an sich hat“, bemerkte die Gräfin. „Sie ist einfach zu gut für einen ebenbürtigen Mann, ganz gleich, wie wichtig seine Stellung in der Gesellschaft ist. William sagt, daß Prinz Alexander ein Traum von einem Mann ist. Wie dem auch sei, morgen werden wir von dem Duc mehr erfahren.“

„Sicherlich“, sagte Lady Evelyn.

„Ich werde übrigens bald mit Clementine nach Paris reisen müssen“, fuhr die Gräfin fort. „William hat mich gebeten, Margret mitzunehmen.“

Margret, die sich bisher nicht an der Unterhaltung beteiligt hatte, richtete sich in ihrem Sessel auf.

„Soll das heißen, daß ich wirklich mitkommen darf, Tante Louise?“ fragte sie.

„Das habe ich doch eben gesagt, Margret. Hörst du denn nie richtig zu?“ Die Tante schickte einen gelangweilt verzweifelten Blick zur Decke. „Ich persönlich finde es höchst unnötig, daß du die Reise mitmachst, aber William besteht darauf. Er will dich den Freunden vorstellen, mit denen er in den letzten Jahren zusammengearbeitet hat. Du solltest also spätestens in einer Woche reisebereit sein, Margret.“

„Aber Louise!“ rief Lady Evelyn. „Margret hat doch nichts zum Anziehen.“

„Das ist mir schon klar“, bemerkte die Gräfin spitz. „Sobald der Duc wieder abgereist ist, fahre ich mit Clementine nach London zum Einkaufen. Ich werde etwas für Margret mitbringen. Außerdem schicke ich euch morgen alte Sachen ins Pfarrhaus. Du mußt dich eben gleich ans Ändern machen, Evelyn.“

„Wenn die Sachen nicht zu sehr aus der Mode sind, dürfte das Ändern kein Problem sein.“

Margret hatte ihre Mutter selten so scharf zurückgeben hören. Die Gräfin wollte es ihr mit einer bösen Bemerkung heimzahlen, aber in dem Moment ging zum Glück die Tür auf, und die Herren kamen herein. Margret sah ihrem Vater auf den ersten Blick an, daß er sich von dem Grafen hatte überfahren lassen.

Auch Lady Evelyn schien es sofort gemerkt zu haben. Wie um ihrem Mann zu beweisen, daß auf dieser Welt nur ihre Liebe und die gemeinsame Familie wirklich Gewicht hatte, ging sie zu ihm und legte ihm eine Hand auf den Arm.

„Wir sollten dich nicht zu lange um deinen Schlaf berauben, der dir doch so wichtig ist“, sagte sie zu ihrem Halbbruder.

„Eben!“ erwiderte der Graf laut lachend. „Abends früh ins Bett und morgens früh raus, das war schon immer meine Devise. Soll ich die Kutsche kommen lassen?“

„Ja, bitte, Lionel“, entgegnete Lady Evelyn.

William kam auf Margret zu.

„Ich möchte dir etwas zeigen“, sagte er und ging ins Nebenzimmer voran.

Der Raum war ziemlich kalt und schlecht beleuchtet. Lediglich zwei Petroleumlampen brannten. Als sich William in der Mitte des Zimmers zu Margret umdrehte, sah er durch die Schatten auf dem Gesicht um Jahre älter aus.

„Wenn du in Paris bist, dann möchte ich, daß du diesen Ring trägst.“

Er zog ein kleines Etui aus der Tasche und klappte es auf.

Margret erkannte den Ring sofort. Sie hatte ihn oft an der Gräfin gesehen. Der große, prachtvoll geschliffene Smaragd war von vielen kleinen Brillanten eingerahmt.

„Ist das mein Verlobungsring?“ fragte Margret.

„Ich hoffe, er gefällt dir“, sagte ihr Cousin steif.

„Er ist wundervoll!“ erwiderte Margret schnell. „Vielen Dank.“

„Du wirst sehen, daß der Ring von jedem bewundert wird.“ William nahm Margrets Hand und steckte ihr den Ring an. „Mama wird dir beim Einkauf von Kleidern helfen, Margret. Du wirst noch eine Menge lernen müssen, wirst aber feststellen, daß mein Leben und meine Karriere sehr interessant sind.“

„Davon bin ich überzeugt“, bemerkte Margret.

Sie wollte William fragen, warum er sie überhaupt zur Frau erwählt habe, kam aber nicht dazu, weil er ihre Wange mit einem flüchtigen Kuß streifte.

Seine Lippen waren kalt. Oder bildete sie es sich nur ein? Margret kam kaum zum Überlegen, schon hatte William die Tür zum Blauen Salon wieder geöffnet.

„Die Kutsche wartet“, sagte er.

Margrets Eltern standen neben dem Kamin und warteten auf sie. Margret wußte nicht, was sie sagen sollte, also streckte sie einfach die Hand mit dem Ring aus.

„Oh!“ rief Lady Evelyn. „Dein Verlobungsring. Was für ein prachtvolles Schmuckstück.“ Sie sah ihre Schwägerin an. „Wie großzügig von dir, Louise, daß du dich davon getrennt hast. Du hast den Ring doch so oft getragen.“

„Es war schon immer Williams Lieblingsring“, entgegnete die Gräfin kalt.

„Die Kutsche steht bereit“, meldete der Butler.

Margret küßte ihre Tante pflichtschuldig auf die Wange, verabschiedete sich mit einem Knicks von ihrem Onkel und hielt William die Hand entgegen.

Er küßte sie, aber es war bloß eine Formsache. Margret mußte an Paul Beaulieu denken. Wie warm hatten sich seine Lippen auf ihrer Haut angefühlt! Das ist heute schon der zweite Handkuß, dachte sie. Aber der erste hat mir viel mehr bedeutet. Beim Gedanken, daß William sie auf den Mund küssen könnte, schauderte sie. Frauen mit Lippen wie den Ihren hatte Paul Beaulieu gesagt, schenken dem Mann, den sie lieben, Herz, Körper und Seele. Seine Stimme klang in ihren Ohren. Würde sie William ihr Herz, ihren Körper und ihre Seele schenken wollen?

Und so stellte sich Margret auf dem Heimweg immer wieder die Frage, warum William sie überhaupt heiraten wollte. Lady Evelyn und der Vikar schwiegen. Sie waren wohl beide müde, was allerdings kein Wunder war. Die Einladungen im Schloß waren immer eine Qual.

Als Margret schließlich zu Hause im Bett lag und an die dunkle Decke starrte, dachte sie nicht etwa an William und das kostbare Geschenk, das sie abgestreift und auf den Nachttisch gelegt hatte, sondern an Paul Beaulieu. Hatte er ihr bloß schmeicheln wollen, oder fand er sie wirklich so schön, wie er gesagt hatte? Margret hatte keine Ahnung, was für Menschen die Franzosen waren. Das wenige, was sie über dieses Volk wußte, hatte sie aus Büchern.

Eine Göttin hatte Paul Beaulieu sie genannt, und wenn Margret daran dachte, wurde es ihr warm ums Herz. Erst jetzt, in der Dunkelheit ihres Zimmers, wagte sie sich einzugestehen, wie sehr der Künstler sie beeindruckt hatte und wie sehr er ihr gefiel.

Aber sie mußte doch an William denken. Er hatte um ihre Hand angehalten, und seine Frau würde sie werden, so unwirklich ihr das auch vorkam. Margret fühlte sich wie in einem Alptraum, aus dem sie nicht aufwachen konnte.

In der Nacht fand sie keinen Schlaf. Sie hörte die Kirchenuhr zu jeder Stunde schlagen. Wo Paul Beaulieu wohl übernachtete? Das Gasthaus im Dorf hatte zwar ein paar Fremdenzimmer, aber sie waren winzig und nur spärlich möbliert.

Um sechs Uhr, Margret hatte zwischendurch nur ein bisschen geschlummert, stand sie schließlich auf.

Margret kam an dem Tag eine halbe Stunde früher als gewöhnlich ins Schloß. Cicely wartete schon auf sie.

„Ich wußte, daß du früher kommst.“

Margret küßte die Cousine auf die Wange und setzte sich auf den Bettrand.

„Und jetzt erzähl“, bat sie.

Zu ihrem Erstaunen zögerte Cicely einen Moment.

„Willst du die Wahrheit wissen?“ fragte sie schließlich, „oder bloß das, was sich angenehm anhört?“

„Die Wahrheit natürlich“, entgegnete Margret. „Wir haben uns doch immer die Wahrheit gesagt.“

„Sie wird dir aber nicht gefallen.“

„Ich möchte wissen, warum er mich heiraten will. Und du weißt es offensichtlich.“

Cicely nickte.

„Das habe ich gestern Abend schon gemerkt“, sagte Margret.

„Aber Mama nicht, oder?“

„Was?“ fragte Margret.

„Daß ich es bereits wußte. Sie hat nämlich gedacht, daß ich schlafe.“

„Jetzt erzähl doch endlich, Cicely“, bettelte Margret. „Alles - von Anfang an.“

„Du erinnerst dich doch“, begann Cicely, „wie die Nurse gestern reingekommen ist und gesagt hat, daß du gehen mußt, weil ich wegen Williams Ankunft früher ruhen sollte.“

„Natürlich erinnere ich mich.“

„Und daß ein Telegramm gekommen und Mama ganz aufgeregt war, weißt du auch.“

„Ja, das weiß ich. Wenn William kommt, ist Tante Louise ja immer völlig aus dem Häuschen. Sie liebt ihn über alles.“

„Allerdings“, bemerkte Cicely. „Er ist der einzige Mensch, der ihr wirklich etwas bedeutet. Wie dem auch sei, sie haben mich wie immer auf den Balkon vor Mamas Schlafzimmer gelegt, die Nurse hat mich zugedeckt und gesagt, ich solle jetzt versuchen zu schlafen.“ Cicely schnitt eine Grimasse. „Mama schlich auf Zehenspitzen durch ihr Zimmer, um mich ja nicht zu stören, und ich war auch gerade eingeschlafen, als plötzlich die Tür aufging und William auf der Schwelle stand. Und dann kam folgende Unterhaltung:

„,William’! hat Mama gerufen. ,Wir haben dich erst heute Abend erwartet.’

,Ich habe das frühere Boot bekommen’, hat William gesagt, ist auf Mama zugekommen und hat sie geküßt.

,Du siehst fabelhaft aus, mein Junge, und so elegant.’

,In Paris muß man besonders auf das Äußere achten, Mama. Verzeih, wenn ich mit der Tür ins Haus falle, aber ich habe so viel mit dir zu besprechen und leider nur sehr wenig Zeit.’

,Du kannst also nur kurz bleiben?’

,Ja, ich muß gleich wieder nach Paris zurück. Dort passieren im Moment sehr wichtige Dinge, und ich brauche deine Hilfe.’

,Meine Hilfe?’

,Ja, Mama, ich brauche nämlich eine Frau.’

,Eine Frau? Das dürfte doch wohl nicht dein Ernst sein!’

,Doch, Mama, es ist mein heiliger Ernst.’

,Aber du hast doch immer gesagt, daß du nie heiraten willst, und wir wissen, daß es die Schuld dieser - dieser Frau ist, die dein Leben ruiniert hat.’

,Mama, lassen wir jetzt Lady Trenton aus dem Spiel.’

,Ist die Affäre endlich vorbei?’ hat Mama gefragt.

,Ich habe nicht die Absicht, über meine privaten Dinge zu reden, Mama. Wir haben vor drei Jahren des langen und des breiten darüber gesprochen, und du und Papa, ihr habt mir eindeutig zu verstehen gegeben, daß ihr mich hier bei euch nicht zu sehen wünscht, solange die Affäre, wie du dich ausdrückst, anhält.’

,Das war Papas Wunsch, nicht meiner’, hat Mama schnell gesagt. ,Du weißt, wie sehr ich dich liebe und daß ich nur dein Glück will.’

,Wenn du mein Glück willst, dann hilf mir jetzt, eine Frau zu finden. Ich muß mich auf der Stelle verloben.’

,Ich freue mich natürlich, wenn du heiraten willst, William, aber warum soll ich dir denn eine Frau suchen? Meinst du nicht, das solltest du selbst tun?’

William stapfte im Zimmer auf und ab.

,Ich will ehrlich sein, Mama’, hat er nach einer Weile gesagt. ,Ich kenne keine jungen Mädchen, denn ich bin in den vergangenen drei Jahren nicht in Kreisen verkehrt, wo man sie kennenlernt. Meine Freunde sind samt und sonders verheiratet, und die ledigen Frauen, die ich kenne, passen nicht in die Rolle der Frau eines zukünftigen Botschafters.’

,William!’ hat Mama aufgeregt gerufen. ,Soll das heißen, daß du Chancen hast, Botschafter zu werden?’

,Nicht nur Chancen, Mama, sondern die Gewißheit. Deshalb brauche ich ja so dringend eine Frau und muß wenigstens verlobt nach Paris zurückkommen.’

,Das mußt du mir genauer erklären, William.’

,Du weißt doch, Mama, daß ich mich zusammen mit Sir Heatherington Houghton für die Wiedereinführung der Unabhängigkeit des Fürstentums Vallon eingesetzt habe. Sir Heatherington war vor der Besetzung durch die Deutschen und der darauffolgenden Annektierung Frankreichs Botschafter in Vallon. Wir sind immer wieder, und das mit Nachdruck, bei der französischen Regierung vorstellig geworden, aber man blieb unnachgiebig. Vor einem Jahr wurde dann ein neuer Präsident gewählt, und dieser Mann, ein Monsieur Jules Grevy, hat sich unserer Sache erstaunlich aufgeschlossen gezeigt. In der kommenden Woche bekommt Vallon die Unabhängigkeit zurück und wird offiziell wieder zum selbständigen Herzogtum erklärt.’

,Das ist ja phantastisch, William!’ hat Mama gerufen. ,Du bist sicher sehr stolz auf euren Erfolg.’

,Mehr als das, Mama. Sir Heatherington möchte sich zur Ruhe setzen. Er wird bald siebzig, und es ist nicht verwunderlich, daß er sein Amt niederlegen will. Er hat mich beim Auswärtigen Amt als seinen Nachfolger vorgeschlagen.’

,William! Dann bist du Botschafter!’

,Der jüngste Botschafter in ganz Europa, Mama, und du weißt, was das bedeutet. Vallon ist das Sprungbrett, dann kommen Wien, Rom und Paris. Du kannst stolz auf mich sein.’

,Das bin ich auch, mein Sohn - mehr, als ich beschreiben kann.’

,Aber Mama, ein Botschafter muß verheiratet sein. Wenigstens, was Vallon anbelangt. Das Auswärtige Amt schickt nur einen verheirateten Mann in ein Land, das seine Verfassung und Gesellschaftsordnung erst wieder aufbauen muß.’

Mama hat eine Hand an die Stirn gelegt.

,Aber William’, hat sie gestöhnt, ,wo soll ich denn so schnell eine Braut für dich herbekommen?’

,Das ist noch nicht alles, Mama. Ich muß dir noch erzählen, Sir Heatherington hat den Ministerrat von Vallon und sogar den Prinzen selbst wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß es nach all den Bemühungen Großbritanniens und den bevorstehenden Handelsverträgen mit unserem Land angebracht wäre, wenn der Prinz eine Engländerin zur Frau nehmen würde.’

,Eine Engländerin!’ hat Mama gerufen und die Hände zusammengeschlagen.

,Ja, eine Engländerin’, hat William wiederholt. ,Du wirst dich daran erinnern, Mama, daß Sir Heatherington bei seinem letzten Besuch in London Clementine kennengelernt hat. Er war sehr angetan von ihrer Schönheit und hat vorgeschlagen, daß der Cousin des Prinzen, ein Duc d’Abencom, mit dir und Papa über eine eventuelle Heirat Clementines mit dem Prinzen verhandeln soll.’

,Mein Gott, William!’ hat Mama gerufen, ,das wäre ja phantastisch. Clementine so zu verheiraten, davon habe ich immer geträumt!’

,Wenn dein Traum in Erfüllung gehen soll, Mama, dann mußt du nur allem, was der Cousin des Prinzen vorschlägt, beipflichten, und so schnell wie möglich mit Clementine nach Paris reisen.’

,Aber etwas Zeit zum Überlegen muß man uns schon lassen, William.’

,Da darf nicht lange überlegt werden, Mama. Sobald öffentlich bekanntgegeben wird, daß Vallon die Unabhängigkeit wiedererlangt hat, bieten alle Königshäuser Europas ihre heiratsfähigen Töchter an. Und was mich anbelangt, Mama, so muß ich eine Frau auftreiben und morgen oder spätestens übermorgen wenigstens verlobt nach Paris zurückkehren.’

,Aber mein lieber William, das ist doch einfach unmöglich’, hat Mama völlig verzweifelt gesagt. ,Laß mich nachdenken. Da ist die Älteste von den Somerton-Töchtern, aber du weißt so gut wie ich, daß sich Lord Somerton nie auf eine so überstürzte Angelegenheit einlassen würde. Er ist sehr konventionell, besonders, was seine Töchter anbelangt.’

,Ich glaube, ich kenne das Mädchen, von dem du sprichst, Mama. Die ist doch mindestens dreißig und hat ein Gesicht wie ein Pferd - was nicht weiter erstaunlich ist, denn sie denkt bloß ans Reiten und Jagen. Die würde ich nie nehmen. Nicht für Geld und gute Worte.’

,Dann gibt es noch die Tochter von Lord Loveday, aber das Mädchen ist noch nicht in die Gesellschaft eingeführt, und von der Schulbank weg kannst du sie schlecht heiraten.’

,Bitte, Mama!’ hat William gerufen, ,zähl mir nicht auf, wen ich nicht heiraten kann, sondern überleg dir, was es für Möglichkeiten gibt.’

,Du brauchst jemand, der standesgemäß ist. Ein Mädchen, dessen du dich nicht schämen mußt. Mir fällt aber beim besten Willen niemand ein, der Rang und Namen hat und es zulassen würde, daß seine Tochter jemand heiratet, den sie noch nie im Leben gesehen hat und dessen Namen sie bloß aus dem Gesellschaftsklatsch kennt.’

,Soll das wieder eine Anspielung auf Lady Trenton sein, Mama?’ hat William gefragt und dabei gestöhnt. ,Die Sache ist seit sechs Monaten vorbei - du kannst es mir glauben.’

,Da bin ich aber froh, William.’

,Das habe ich mir gedacht. Aber zurück zur Liste der Mädchen, die in Frage kommen.’

,Ich weiß beim besten Willen. ..’ Und dann hat Mama gestockt und plötzlich einen ganz undamenhaften kleinen Pfiff ausgestoßen. ,Das ist natürlich nicht die Ideal-Lösung, aber sie kommt wenigstens aus einer guten Familie.’

,An wen denkst du, Mama?’ hat William gefragt.

,An Margret! An deine Cousine Margret, die Tochter der armen Evelyn. Sie ist neunzehn und hat sich recht hübsch herausgewachsen. Evelyn verwöhnt ihre Kinder zwar auf die absonderlichste Weise, aber Margret ist wenigstens gut erzogen - und sogar ziemlich gebildet. Sie spricht mehrere Sprachen, was für die Frau eines Botschafters nur von Vorteil sein kann.’

,Ich erinnere mich an sie’, hat William gesagt. ,Wenn du sonst niemand weißt, dann eben diese Margret. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, jemand zu heiraten, der einem dankbar sein muß. Dann bekommt man wenigstens nicht dauernd seinen Lebenswandel von früher vorgeworfen.’

,Das würde doch kein Mädchen wagen!’ hat Mama indigniert gerufen.

,Sobald ich Papa begrüßt habe, fahre ich ins Pfarrhaus. Dann kann ich wenigstens gleich wieder abreisen, und du bringst Margret dann mit nach Paris.’

Er hat Mama geküßt, ist aus dem Zimmer gegangen und hat die Tür hinter sich zugemacht.“

Cicely holte tief Luft.

„So, Margret, sagte sie. „Jetzt weißt du alles.“

Margret nickte.

„Ja“, entgegnete sie. „Jetzt weiß ich alles.“

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9781782137641
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