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Axel Rudolph
Unaufgefordert erscheint
Kriminalroman
Saga
Unaufgefordert erscheint
German
© 1944 Axel Rudolph
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711445334
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1
„Was kann schon passieren!“ grient der kleine, vierschrötige Mann, der in dem nüchternen, hellen Amtszimmer vor dem Arbeitstisch des Polizeiinspektors Kollund steht. „Ne kleine Reise auf’s Land, was?“
„Diesmal wird’s wohl ’ne kleine Reise übers Wasser, Mortensen. Nämlich ins Zuchthaus nach Horsens. Wie oft sind Sie nun schon rückfällig geworden?“
„Na, Horsens ist auch vergänglich. Denn also auf Wiedersehen, Herr Kollund. So in ein — zwei Jährchen, was?“
Ein Beamter führt den Vernommenen ab. Inspektor Kollund lächelt ihm einen Augenblick nach. Er hat bei aller Strenge eine kleine Schwäche für „seinen“ Ole Mortensen, diesen Unverbesserlichen, den er nun schon zum Gott weiß wievielten Male wegen Diebstahls zwischen den Fingern hat.
„Das übrige können wir uns zusammenreimen“, wendet Kollund sich an den Assistenten Nörholm. „Nach dem, was Mortensen vorhin eingestanden hat, ist der Fall ja klar. Mortensen hat den Einsteigediebstahl in der Blaagaardsgade ausgeführt, Frandsen hat Schmiere gestanden, und „Kylling“ hat die Gelegenheit ausbaldowert und Mortensen von der Abwesenheit des Ladeninhabers benachrichtigt.“
„Wenn Mortensen die Wahrheit gesagt hat.“
„Doch, Nörholm, das Geständnis enthält sicher die Wahrheit. Ole Mortensen belügt mich nicht.“
„Hm. Sie trauen Ole ziemlich viel, Herr Kollund.“
Das stille Lächeln im Gesicht des Inspektors verfliegt. Auf einmal hat Kollund ein trockenes, nüchternes Beamtengesicht. „Wir haben Grund, ihm diesmal zu trauen, Nörholm. Ole Mortensen hofft, noch einmal am Zuchthaus vorbeizukommen. Daher sein bereitwilliges Geständnis. Er weiß, daß unser Bericht ausschlaggebend dafür sein wird, ob der Richter sich überhaupt überlegt, wie weit er noch einmal Gnade walten und auf eine Gefängnisstrafe erkennen soll. Mortensen wird uns bestimmt nicht verärgern wollen, indem er uns belügt und falsche Geständnisse auftischt.“
„Allerdings, Herr Kollund. Wenn man’s so nimmt ...“
„Geben Sie das neue Material an Oberwachtmeister Helmers. Er kann mal zum Vestergefängnis rausfahren und den Frandsen dort vornehmen. Unnötig, daß wir ihn deshalb noch mal hierher transportieren lassen.“
„Jawohl, Herr Kollund. Ich bin überhaupt gegen die ewigen Transporte. Unterwegs im Gefangenenwagen finden die Burschen immer wieder Gelegenheit, miteinander zu sprechen oder zu kassibern. Die Vernehmungen könnten ebensogut samt und sonders draußen in der Strafanstalt stattfinden.“
„Ganz Ihrer Meinung. Ich werde bei Gelegenheit mal mit dem Chef darüber reden.“ Kollund hat die Bogen mit dem Geständnis Ole Mortensens durchgesehen, mit einer kurzen handschriftlichen Bemerkung versehen und zusammengepackt. „So, das wäre für den Augenblick wohl alles. Oder haben Sie sonst noch was, Nörholm?“
„Nein. Höchstens wäre ... Haben Sie heute schon die ‚Politiken‘ gelesen, Herr Kollund?“
„Noch nicht.“ Der Inspektor langt nach der Zeitung, die druckfrisch und zusammengefaltet auf dem Tisch liegt. ‚Steht denn was Besonderes drin?“
„Hier, Herr Kollund.“
Inspektor Kollund liest die Stelle, die ihm der Assistent weist, zieht erst ein wenig die Brauen hoch und kneift dann ärgerlich die Lippen zusammen. Auch in Nörholms Gesicht steht schwer verhaltene Entrüstung.
„Wir gedenken zum Osterfest ein Preisausschreiben zu veranstalten“, wiederholt Nörholm erbittert die Zeitungsnotiz, die ihm Wort für Wort im Gedächnis geblieben ist. „Unsere verehrten Leser sollen uns einmal ihre Meinungen sagen, wo der noch immer nicht gefundene Mörder Ingrid Steegs seinen Ostersonntag verbringt. Jedermann kann sich beteiligen, — auch die Polizei!“
„Frech!“ fügt Assistent Nörholm hinzu. „Es ist eine Schande, daß diese Zeitungsskribenten alles schreiben dürfen, was sie wollen! Und lesen Sie nur mal weiter, Herr Kollund, was da über den Fall Ingrid Steeg noch verzapft wird!“
Der Inspektor liest bedächtig zu Ende und legt ruhig die Zeitung weg. „Ich bekomme da ordentlich eins auf den Hut. Ist ja auch verständlich, da ich nun mal den Fall in Händen habe. Übrigens ist das hier nicht der erste zarte Wink. Ich las schon vorige Woche in der ‚Nationaltidende‘ einen ähnlichen Erguß, in dem ich als Dummkopf und unfähiger Ignorant hingestellt werde. Das hier ist wenigstens noch leidlich witzig.“
„Aber man sollte ...“
„Recht, Nörholm. Man sollte mit solchen Dingen keine Witze treiben. Das Schicksal der armen Ingrid Steeg ist wirklich zu traurig für solche Zeitungsmätzchen.“
„Nein, man sollte beim Staatsadvokaten Antrag stellen auf Beleidigungsklage gegen den verantwortlichen Journalisten! Wegen grober Beleidigung der Kriminalpolizei!“
Inspektor Kollund fährt sich mit der Hand über die Stirn und unterdrückt einen Seufzer. „Es trifft uns nicht, lieber Nörholm. Wir haben unsere Schuldigkeit getan, und mehr als das. Die weisen Herren in den Redaktionen können uns glauben, daß wir ebenso zähneknirschend erbittert sind wie sie. Monate sind vergangen, und wir haben noch immer nicht die geringste Spur entdecken können, die uns zu dem Mörder Ingrid Steegs führt! Na, was hilft’s! Wir können nichts tun, als weiter die Augen offenhalten und hoffen, daß uns eines Tages der große Kollege Zufall zu Hilfe kommt. Sonst noch was, Nörholm?“
„Für unsere Abteilung nichts. Fällt mir nur ein — der junge Herr Frydendal sitzt draußen im Flur und wartet. Weil wir gerade vom Fall Steeg sprechen.“
„Frydendal?“ Kollund wirft einen fragenden Blick auf seinen Notizblock. „Haben wir den vorgeladen?“
„Nein. Er hielt mich vor einer Stunde an, als ich Mortensen zur Vernehmung geholt hatte, und fragte nach Ihnen. Meine Frage, ob er eine Aussage in Sachen Steeg machen wolle, verneinte er und sagte nur, er möchte Sie gerne sprechen, Herr Kollund. Da Sie gerade die wichtige Vernehmung in Sachen Mortensen hatten, ersuchte ich den jungen Mann, draußen zu warten. Wollen Sie ihn jetzt sprechen, falls er noch draußen ist?“
Inspektor Kollund nickt. „Gut, Nörholm. Holen Sie ihn mal herein.“
*
Ein vierundzwanzigjähriger junger Mann sitzt vor dem Inspektor Kollund, heiße Erregung in dem offenen, sympathischen Gesicht, verhaltene Spannung in seiner ganzen Haltung. Anker Frydendal ist in den ersten Tagen nach dem Verschwinden Ingrids mehrfach und ausführlich vernommen worden. Aber das geschah stets daheim im Hause seiner Eltern. Hier auf dem Polizeipräsidium ist er heute zum erstenmal. Fräulein Bendixen, die Sekretärin, wirft unwillkürlich einen verstohlen wohlwollenden Blick auf den gut gekleideten und noch besser aussehenden jungen Mann, während sie das Protokoll aus der Maschine nimmt und ihrem Chef hinüberreicht.
„Ich lese es Ihnen also noch mal vor, Herr Frydendal“, sagt Inspektor Kollund geschäftsmäßig und überfliegt mit den Augen die sauber beschriebenen Bogen.
„Unaufgefordert erscheint
der Student Anker Kai Frydendal, geboren am 6. Mai 1911 zu Kopenhagen, wohnhaft Hellerup, Cottagevej 17, evangelisch, ledig, nicht vorbestraft
und erklärt:
Ich bin der Sohn des Professors Harald Frydendal, in dessen Haus Ingrid Steeg lebte. Ingrid Steeg und ich sind wie Geschwister zusammen aufgewachsen. Wir standen zueinander in einem herzlichen, geschwisterlichen Verhältnis. Ich kenne Ingrid genau und weiß, daß sie keinerlei Liebschaften oder Liebeleien hatte. Ihre Herrenbekanntschaften erstreckten sich auf meinen eigenen Bekanntenkreis. Es ist ausgeschlossen, daß Ingrid Steeg freiwillig am Abend des 3. Februar zusammen mit einem unbekannten Manne in die Pension der Frau Jespersen gegangen und dort ein Zimmer genommen haben soll.
Am Tage vor der Auffindung der Leiche in der Pension Jespersen war Ingrid Steeg vormittags von 8 bis. 10 Uhr mit mir zusammen im Hallenschwimmbad Helgoland. Nachmittags war sie meines Wissens bei ihrer Freundin Karen Hansen. Wo sie den Abend verbracht hat, weiß ich nicht.
Den bei der Leiche gefundenen Ring und das Merkbuch habe auch ich gesehen, als sie meinen Eltern vorgelegt wurden, und habe beide Gegenstände gleichfalls als Eigentum Ingrid Steegs erkannt.“
Kollund hält inne und reicht dem jungen Mann das Blatt. „So, Herr Frydendal, wollen Sie das bitte unterschreiben.“
Als die Unterschrift vollzogen und abgetrocknet ist, reicht der Inspektor seiner Sekretärin den Bogen. „Zu den Akten Mordsache Steeg, Fräulein Bendixen. Und sehen Sie doch gleich mal zu, ob Sie bei der Staatspolizei Herrn Elk erwischen können. Ich möchte ihn in Sachen Hanke gern sprechen.“
Während die Sekretärin das Zimmer verläßt, betrachtet Inspektor Kollund nachdenklich den jungen Mann, der sich unschlüssig erhoben und nach seiner weißen Studentenmütze gegriffen hat.
„Ja, nun sagen Sie mal, Herr Frydendal, was versprechen Sie sich denn nun von Ihrer Erklärung?“
„Ich wollte die Polizei darauf hinweisen, Herr Inspektor, daß hier unbedingt eine irrtümliche Annahme in bezug auf Ingrid vorliegen muß. Ingrid kann unter keinen Umständen freiwillig in die Pension Jespersen gekommen sein.“
Kollund wiegt den Kopf und macht eine einladende Handbewegung nach dem Stuhl. „Nehmen Sie doch noch einen Augenblick Platz, Herr Frydendal. Ihren Glauben in Ehren. Uns selber ist es sehr unglaubhaft vorgekommen, daß Fräulein Steeg sich aus freien Stücken in dieses etwas anrüchige Fremdenheim begeben haben sollte. Über den Charakter und die Lebensweise Fräulein Steegs haben unsere Ermittelungen nur Gutes ergeben. Dennoch können wir uns vor den klaren Tatsachen nicht verschließen. Soll ich Ihnen die Aussage der Zimmervermieterin vorlesen? Frau Jespersen hat im Verhör ausgesagt, daß die Dame gegen 22 Uhr abends in Begleitung eines Mannes kam, der sich in das Fremdenbuch der Frau Jespersen als ‚Christian Larsen und Frau‘ eintrug. Die beiden haben dann das ihnen von Frau Jespersen angewiesene Zimmer Nr. 9 bezogen, das Zimmer, in dem Ingrid Steeg am nächsten Morgen ermordet aufgefunden wurde. Frau Jespersen bezeugt ferner, daß sie mindestens zehn Minuten mit den beiden Gästen gesprochen und sie auch persönlich in das Zimmer geführt hat. Wenn der Mann — wie Sie anzunehmen scheinen — irgendeinen Zwang auf Fräulein Steeg ausgeübt hätte, so müßte doch wohl die Vermieterin etwas davon gemerkt haben. Auch hätte Fräulein Steeg Gelegenheit genug gehabt, sich zu wehren oder um Hilfe zu bitten. Frau Jespersen erklärt aber ausdrücklich, daß die Dame sich ruhig und freundschaftlich mit ihrem Begleiter unterhielt.“
„Ich weiß, Herr Inspektor, und eben das will mir nicht in den Kopf. Kann diese Frau Jespersen nicht die Unwahrheit gesagt haben?“
„Den Einwand habe ich erwartet“, nickt Kollund. „Ich gebe gern zu, daß die Zeugin Jespersen nicht unbedingt glaubwürdig ist. Aber daß sie sich der Gefahr aussetzen sollte, durch lügenhafte Angaben in eine Mordsache verwickelt zu werden, das glaube ich nicht. Wir haben nichts unversucht gelassen und auch in bezug auf Frau Jespersen umfangreiche Ermittelungen angestellt. Es hat sich nichts ergeben, das auf eine Mittäterschaft oder Mitwisserschaft der Frau hindeuten könnte. Sie hat auch keinen Vorteil durch das Verschweigen von Tatsachen zu gewärtigen. Außerdem aber sind wir nicht auf ihr Zeugnis allein angewiesen. Das Hausmädchen Gerda Nielsen und der Logiergast Kaufmann Madsen haben beide ebenfalls das Paar gesehen. Letzterer kam gerade nach Hause, als Frau Jespersen im Flur mit ihnen sprach, und das Hausmädchen hat im Zimmer Nr. 9 in Gegenwart der beiden Gäste frische Handtücher ausgelegt. Beide Zeugen bestätigen, daß die Dame und der angebliche Christian Larsen in bestem Einvernehmen waren. Auch nachher, im Laufe der Nacht, haben die nebenan wohnenden Gäste nichts gehört, das auf einen Streit auf Zimmer Nr. 9 schließen ließ.“
Inspektor Kollund macht eine Pause und schüttelt dann ein wenig den Kopf. „Sie sehen also, Herr Frydendal, wir müssen schon davon ausgehen, daß Fräulein Steeg tatsächlich aus freien Stücken mit dem Unbekannten das Fremdenheim aufgesucht hat. Selbstverständlich kann es sich nur um jemand handeln, zu dem Fräulein Steeg seit längerer Zeit in einem — hm — sehr nahen Verhältnis stand. Und das ist der Punkt, an dem alle unsere Ermittelungen bisher versagt haben. Einen Christian Larsen gibt es im Bekanntenkreis Fräulein Steegs nicht. Nun, das will wenig besagen. Der Name ist natürlich fingiert. Pärchen, die sich abends in so einem Fremdenheim einlogieren, pflegen gern einen falschen Namen anzugeben. Aber auch sonst ... Ist Ihnen das Signalement des angeblichen Larsen bekannt, Herr Frydendal?“
„Ich kann es auswendig. Es hat ja an allen Litfaßsäulen gestanden. Ingrid kennt keinen Mann, der so aussieht!“
„Sie können uns da also auch keinen Fingerzeig geben?“
„Nein. Leider. Aber kann der Mörder nicht doch einen Zwang auf Ingrid ausgeübt haben? Hypnose? Suggestion?“
Kollund lächelt mitleidig. „Wir wollen uns nicht in Phantasien verlieren, Herr Frydendal. Wir wollen auch nicht vergessen, daß die Freundin Fräulein Steegs, die eben von Ihnen selbst erwähnte Karen Hansen, erklärt hat: Ich habe mich um 20 Uhr von Ingrid verabschiedet und sie bis zur Ecke Vodroffsvej-Vesterbro begleitet. Ingrid sagte, sie müsse heute abend noch jemand treffen, und tat sehr geheimnisvoll. Als ich sie neckte, dieser Jemand sei gewiß ein Herr, lächelte sie, wollte aber nichts weiter sagen. — Das sieht doch danach aus. daß Fräulein Steeg an jenem Abend tatsächlich eine Verabredung hatte, zu der sie höchst freiwillig ging. Oder halten Sie die Zeugin Hansen auch für unglaubwürdig?“
„Nein, sicher nicht. Fräulein Hansen ist ein ehrliches junges Mädchen.“
„Ja, dann weiß ich wirklich nicht, was Sie eigentlich zu mir geführt hat und warum Sie so sehr darauf bestanden, daß Ihre Aussage zu Protokoll genommen wurde.“
Das junge Gesicht Anker Frydendals sieht zerquält aus.
„Weil ich weiß, daß in diesem Falle von einer falschen Voraussetzung ausgegangen wird. Vielleicht erklärt sich dadurch die traurige Tatsache, daß man noch immer keine Spur des Mörders hat. Ich weiß genau, daß Ingrid nie und nimmer aus freien Stücken einem Mann in dieses Haus gefolgt ist!“
„Aber Sie können es leider nicht beweisen, Herr Frydendal. Wir hingegen haben klare Beweise dafür, daß es sich doch wohl so verhalten haben muß.“
„Herr Inspektor!“ Anker Frydendal ist hochgefahren und sieht den Beamten zornig an. „Ich dulde das nicht! Ich dulde nicht, daß man Ingrids Andenken schmäht! Ihr vorwirft, sie solle wie eine Straßendirne bei Nacht und Nebel mit einem fremden Manne ...“
„Nun mal ruhig, junger Freund“, unterbricht ihn Kollund begütigend. „Niemand denkt daran, den Ruf Fräulein Steegs anzutasten. Ich persönlich, das dürfen Sie mir glauben, habe inniges Mitgefühl mit der so unselig ums Leben Gekommenen.“
„Aber durch alle Zeitungen ist Ingrids Name geschleift worden! Überall berichtet man, das — dasselbe, was Sie sagen!“
„Traurig, aber nicht zu vermeiden, Herr Frydendal. Bedenken Sie, in einem Kopenhagener Fremdenheim wird ein junges Mädchen ermordet aufgefunden! Können Sie es der Öffentlichkeit verdenken, daß sie von diesem bei uns gottlob so seltenen Verbrechen alarmiert wird? Vielleicht hätte man Einzelheiten unterdrücken können, wenn es gelungen wäre, den Täter sofort zu fassen. Das war ja nun leider nicht der Fall, und auch Sie, Herr Frydendal, können uns also da nicht helfen. Übrigens — Sie standen zu Fräulein Steeg in einem besonders herzlichen Verhältnis? Sie haben sie — lieb gehabt?“
„Nein!“
Das klingt so schroff und bitter, daß Inspektor Kollund stutzt und bei sich beschließt, auf diesen Punkt vorläufig nicht weiter einzugehen.
„Und was sagen nun Ihre Eltern dazu?“ lenkt er rasch ab.
Anker Frydendals Mund verzieht sich schmerzlich. „Meine Eltern sagen das gleiche wie Sie, Herr Inspektor. Sie wissen nicht, daß ich hierhergegangen bin, um noch einmal mit Ihnen zu sprechen. Aber, mag die ganze Welt sagen, was sie will! Es ist nicht wahr! Ich, jawohl ich, Herr Inspektor, kannte Ingrid Steeg besser als sonst jemand! Sie war ein liebes, an Geist und Körper gesundes Mädel, ehrlich, offen und — rein.“
Leise, fast scheu kommt das letzte Wort. Inspektor Kollung empfindet etwas wie Rührung, als er in das heiße, erregte Gesicht des jungen Mannes sieht. Ach ja, das Leben schreibt grausame Tragödien, spielt oft genug höhnisch mit unseren heiligsten Gefühlen.
„Es ist nicht wahr!“ wiederholt Anker, den Kopf jäh in den Nacken werfend. „Ingrid hätte so etwas nie getan! Warum haben Sie den Mörder nicht finden können, Herr Inspektor? Warum hat die Polizei nach so langer Zeit noch nicht die leiseste Spur? Weil ihr alle von vornherein auf dem Holzwege gewesen seid! Weil der Schurke Ingrid durch irgendeinen teuflischen Betrug oder eine unbekannte Macht in das Mordhaus gelockt hat. Davon müssen Sie ausgehen! Dann finden Sie vielleicht den Schlüssel!“
Anker Frydendals Stimme bricht. Nur noch eine aufgebende, müde Handbewegung macht er. Die Tür geht. Die Sekretärin Bendixen kommt mit der Nachricht, Oberwachtmeister Elk werde in einer halben Stunde herüberkommen. Sie wirft einen neugierigen Blick nach dem offenbar sehr erregten jungen Mann und setzt sich in die andere Fensterecke an ihre Schreibmaschine.
Inspektor Kollund hat eben überlegt, daß es zwecklos sei, diese Unterredung fortzusetzen. Nur ein paar gute, aufmunternde Worte will er noch dem jungen Menschen da sagen. Da surrt der Fernsprecher auf Fräulein Bendixens Tisch.
„Herr Professor Frydendal möchte Sie sprechen, Herr Inspektor“, verkündet die Sekretärin und spricht, als Kollund nach seinem eigenen Apparat greift, wieder in die Muschel. „Einen Augenblick, Herr Professor. Ich verbinde.“
„Kollund.“ Der Inspektor hat seinen Hörer abgenommen. „Guten Tag, Herr Professor. Sie wollen wohl wissen, ob Ihr Sohn ...? Er ist noch hier bei mir und — Wie!?“
Kollunds Züge haben den Ausdruck höchster Spannung angenommen. Seine Augen, die über den Apparat hinweggehen, drücken grenzenloses Erstaunen aus, was bei ihm als altem Polizeibeamten selten genug vorkommt.
„Bitte noch einmal, Herr Professor! Ganz langsam und deutlich!“ Kollunds Hand greift seitwärts nach einem Bleistift, beginnt während des Abhörens eifrig zu schreiben. „Poststempel Neuyork? Und Sie sagen, die Schrift? Gut. Ich danke, Herr Professor ... Nein, etwas Bestimmtes kann man da noch nicht sagen. Es wäre mir lieb ... Jawohl, kommen Sie gleich her. Den Brief natürlich mitbringen! Gut, sehr gut. Ich erwarte Sie also in einer Stunde.“
„Das ist — allerhand!“ macht Kollund seinem Erstaunen Luft, als er den Hörer hingelegt hat. Seine Augen gehen in einer Pause scharfen Nachdenkens durch das Zimmer und bleiben an dem jungen Mann haften, der sich vorgebeugt und gespannt den ihm unverständlichen Bruchstücken des Ferngesprächs gelauscht hat. „Das ist wirklich ... Ja, Herr Frydendal, wenn Sie noch ein Stündchen hierbleiben wollen, können Sie gleich mit Ihrem Vater heimgehen.“
„Mein Vater will hierherkommen?“
„Ja.“ Kollund sieht wieder eine Minute wie geistesabwesend vor sich hin. „Da ist nämlich — Ihre Eltern haben vor einer knappen Stunde mit der Mittagspost einen Brief bekommen. Hm, ja — einen Brief, der angeblich von — Ingrid Steeg herrührt.“
„Ich — ich verstehe nicht! Einen — alten Brief Ingrids?“
„Nein, eben nicht. Der Brief ist erst vor acht Tagen in Neuyork aufgegeben worden und trägt auch dieses Datum. Jemand hat da an Ihre Eltern geschrieben.“ Kollund schaut nachdenklich auf die gemachten Notizen und liest mechanisch ab — „Ich ersehe eben aus einer Zeitung, daß Ihr mich für tot haltet. Zu Eurer Beruhigung kann ich Euch mitteilen, daß dies nicht der Fall ist. Ich lebe und bin gesund. Also beunruhigt Euch nicht und forscht bitte nicht weiter nach mir. Ich werde Euch bald wieder schreiben. — Unterzeichnet ist der Brief mit: Eure Ingrid.”
Anker Frydendal stößt einen leisen, heiseren Laut des Schreckens aus. „Das ist doch — unmöglich! Das ist ein — ein häßlicher Scherz!“
„Hm, ja. Ihre Eltern behaupten, dieser Brief trage unverkennbar die Schrift Ingrid Steegs.“
Weit offen stehen Anker Frydendals Augen. Ein kurzer, unartikulierter Laut preßt sich aus seiner Kehle, wird zu einem erlösten Schrei:
„Ingrid — lebt!!!“
„Ruhe! Ruhe, junger Freund!“ Kollund greift schnell zu, denn der Kopf Ankers ist vornübergesunken, droht mit seiner Schwere den ganzen Körper aus dem Stuhl zu reißen und zu Boden zu werfen. „Fassung! Wir wissen ja noch nicht — Fräulein Bendixen, ein Glas Wasser! — Hier, trinken Sie mal, Herr Frydendal!“
Gehorsam nippen Ankers zitternde Lippen an dem Glas, gehorsam reißt er sich zusammen und blickt den Inspektor an. Aber seine Augen sind noch verständnislos, meilenweit entfernt.
„Wir haben sie doch begraben“, stöhnt er vor sich hin. „Ingrid — sie schläft doch draußen auf dem Vesterkirchhof. Wir haben ihre Kleider erkannt — ihren Ring — ihr kleines, blaues Merkbuch — tot ist sie — tot — und nun soll ein Brief gekommen sein — eine Botschaft — aus dem Jenseits —?“
„Lassen Sie uns mal in Ruhe darüber sprechen“, sagt Inspektor Kollund und fühlt, daß er selber diese Aussprache nötig hat, um seine Gedanken zu ordnen. „Die Post aus dem Jenseits kommt nicht in Kopenhagen an. Der Brief kam aus Neuyork. Ob er wirklich von Ingrid Steeg herrührt, muß sich erst herausstellen. Ich fürchte, es steckt eine dumme, häßliche Mystifikation dahinter, obwohl ich mir nicht denken kann, weshalb jemand —“
„Aber Sie sagten doch eben, meine Eltern hätten gesagt —“, stammelt Anker verwirrt. „Vater und Mutter kennen doch Ingrids Schrift genau!“
„Ihre Eltern nehmen an, daß es wirklich Ingrid Steegs Schrift ist, und sind natürlich in schwerster Erregung. Eine Ähnlichkeit muß die Schrift also jedenfalls aufweisen. Aber jedermann kann sich täuschen. Wir müssen die Schrift erst haargenau untersuchen, bevor wir ein Urteil fällen können.“
„Ingrid lebt!“ Anker klammert sich wie ein Ertrinkender an die beiden Worte. „Dann wäre also — Sagen Sie mir doch, Herr Inspektor, wer um Gottes willen ist dann die andere? Die wir begraben haben? Kann denn ein Irrtum —?“
Kollund starrt sinnend auf seine Bleistiftnotizen. „Hm, ja. Die Leiche der Ermordeten war durch Vitriol bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Die Identifizierung gelang nur durch Kleider, Ring und Merkbuch. Allerdings stimmten auch Größe und Gestalt. Ihre Eltern, Herr Frydendal, und auch Ihr Hausarzt Dr. Monsen erklärten die Leiche für die sterblichen Überreste Ingrid Steegs. Dazu kommt das Zeugnis der Frau Jespersen, die in dem Lichtbild Ingrid Steegs die Dame erkannte, die als Frau Larsen bei ihr wohnte. Scheint also kaum möglich, daß — aber immerhin, irren ist menschlich.“
„Man hat also —“, sagt Anker atemlos, „man hat also eine — eine andere ermordet und als Ingrid ausstaffiert!“
„Eine Möglichkeit“, sagt Kollund bedächtig, „aber nicht sehr wahrscheinlich. Wie käme der Mörder dann an Kleider und Wertsachen Fräulein Steegs? Vor allem aber: Herr Frydendal, können Sie sich einen Grund denken, warum Ingrid Steeg heimlich nach Amerika gegangen sein und sich bis jetzt verborgen haben sollte?“
„Nein, weiß der Himmel, das kann ich nicht!“
„Hat sie jemals von Amerika gesprochen? Mit jemand drüben Briefe gewechselt? Eine Vorliebe für dortige Verhältnisse gehabt?“
Anker schüttelt verzweifelt den Kopf. „Nein, nichts von alledem, Herr Inspektor. Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum Ingrid nach Neuyork gereist sein sollte! Noch dazu in solcher Heimlichkeit. Wenn sie unbedingt eine Reise machen wollte, hätte sie es uns doch sagen können!“
„Sehen Sie“, atmet Kollund auf, „das ist der Haken. Und darum glaube ich nicht daran, daß dieser geheimnisvolle Brief von Ingrid Steeg stammt.“
„Sie meinen, daß Ingrid nicht —?“
„Ich meine nach wie vor, mein junger Freund, daß Ingrid Steeg in ihrem Grabe der ewigen Ruhe entgegenschläft. Aber vielleicht kann uns dieser merkwürdige Brief auf irgendeine Spur des Mörders bringen. Nun, wir wollen abwarten, bis wir das Objekt hier haben und unter die Lupe nehmen können. Fräulein Bendixen, verbinden Sie mich mal gleich mit dem Erkennungsdienst und dann mit dem Graphologen Doktor Sjömod. Rufen Sie auch mal Nörholm an. Er wird im Sekretariat sein. Soll mir gleich die Akten Steeg herbringen. Was Sie anbelangt, Herr Frydendal, - fühlen Sie sich wieder gekräftigt?“
„Ja, danke. Ich war nur vorhin — es nahm mich sehr mit. Aber jetzt fühle ich mich ganz wohl.“
„Dann haben Sie die Freundlichkeit, draußen auf dem Flur noch etwas zu warten, bis Ihr Vater kommt. Ich muß jetzt noch einiges —“
Mit einer kleinen Verbeugung, noch immer völlig wirr im Kopf, verabschiedet sich Anker Frydendal. Die Sekretärin spricht bereits im Fernsprecher mit dem Erkennungsdienst.
2
Inspektor Kollund ruft von seinem Büro aus seine Frau an.
„Hallo, Dagmar? Tut mir leid, aber heute komme ich wieder mal nicht zum Mittagtisch nach Hause. Nein, unmöglich. Ich muß schon hierbleiben. Auch heute abend wird’s wahrscheinlich spät werden. Ja, schade, sehr schade um die Frikadellen. Weißt du was, heb mir ein paar davon auf. Ich eß sie kalt, wenn ich heut abend heimkomme. Geht wirklich nicht anders, mein Lieb. Wie, bitte? Nein, nein, ich bleibe hier im Büro und laß mir aus der Kantine etwas zu essen holen. Was los ist? Du weißt doch, so was kann ich dir am Fernsprecher nicht erzählen. Du meinst ...? Ja, hast richtig geraten. Der Fall ist es. Auf Wiedersehen also.“
Mittagspause. Fräulein Bendixen, die Sekretärin, ist zum Mittagessen gegangen. Assistent Nörholm ist unterwegs. Die meisten Beamten vom Innendienst sind in der Kantine oder auf einen Sprung nach Hause. Nur der wachthabende Kriminalbeamte sitzt im Vorzimmer und teilt seine Aufmerksamkeit zwischen einem vor ihm liegenden Bericht und einer halben Flasche Carlsberger.
Inspektor Kollund rückt sich in seinem Stuhl zurecht und greift nach dem Aktenband, den Nörholm vor seinem Weggang auf den Schreibtisch gelegt hat. Mordsache Steeg. Bericht der Mordkommission. Fotos vom Tatort. Gutachten der Ärzte und Sachverständigen. Ermittlungsberichte. Vernehmungsprotokolle. Meldungen. Dienstliche Anordnungen. Der Steckbrief gegen Christian Larsen. Sorgfältig registrierte Fingerabdrücke, mit Anmerkungen des Erkennungsdienstes versehen. Alles ist gut und reichlich geordnet. Nichts fehlt, — nichts, als die Spur des Mörders.
Es ist ja leider nicht das erstemal, daß die Polizei vor einem Rätsel steht, aber noch nie hat Kollund die Unzulänglichkeit des menschlichen Hirns und aller menschlichen Maßnahmen so bitter empfunden wie in diesem Fall. Denn noch nie hat ein Fall die Gemüter so aufgeregt wie der Mord an Ingrid Steeg. Dänemark ist ein kleines Land. Kopenhagen, obwohl Großstadt, besitzt zum Glück keine Gangsterbanden oder ähnliche Errungenschaften der Zivilisation. Die „Kunden“ der Polizei sind allesamt bekannt, und meistens weiß man ziemlich genau, wo sie sich gerade befinden. Es sind nur wenige darunter, denen man überhaupt einen Mord zutrauen könnte, und schwere Jungens aus dem Ausland verlaufen sich selten hierher. Kopenhagen ist kein London oder Neuyork, in dem man unauffindbar untertauchen kann, und die Grenzen sind leicht zu überwachen.
Solange Kollund im Amt ist, hat sich in „des Königs Kopenhagen“ kein Fall ereignet, in dem einer der einheimischen Verbrechergilde einen Mord begangen hätte. Wohl kommen von Zeit zu Zeit solche Kapitalverbrechen vor. Aber dann handelt es sich stets um Tragödien, die sich außerhalb der bekannten beruflichen Verbrecherwelt abgespielt haben. Mord aus persönlichem Haß, Versicherungsmord, Mord aus Eifersucht, Lustmord, Verbrechen, bei denen sich die Fahndung sofort auf einen kleinen Personenkreis beschränken kann, Fälle, die durch die Ergreifung des Täters rasch und restlos aufgeklärt werden.
Keiner dieser früheren Fälle hat jedoch ein solches Aufsehen erregt wie die Ermordung Ingrid Steegs. Ein zwanzigjähriges junges Mädchen, Pflegetochter eines bekannten und angesehenen Kopenhagener Gelehrten, auf bestialische Weise in einem übel beleumundeten Fremdenheim ermordet! Kein Wunder, daß ein Schrei der Entrüstung durch Kopenhagen ging. Kollund denkt seufzend an die ersten acht Tage nach dem Mord, als Hunderte und aber Hunderte von Meldungen auf die Polizeidirektion niederregneten. Anzeigen, Hinweise, Beobachtungen, Denunziationen, vertrauliche Mitteilungen. Er hat damals drei Leute von Jörgensens Abteilung sich ausborgen müssen, um die Flut der einlaufenden Mitteilungen bewältigen, die sich zu Dutzenden meldenden Zeugen vernehmen zu können. Mitarbeit des Publikums? Sehr schön, aber in diesem Falle hat sie leider auch nicht den geringsten Erfolg gebracht.
Dabei sah der Fall zunächst kriminalistisch so klar und einfach aus. Ein Pärchen hatte sich abends in dem Fremdenheim eingemietet, natürlich als „Ehepaar“. Am nächsten Morgen war der Mann verschwunden, das Mädchen ermordet. Vielleicht Lustmord, vielleicht auch Eifersuchtstragödie oder einfacher Raubmord. Das Motiv würde sich schon herausstellen. Über den Täter war man sich ja im klaren. Das Signalement des verschwundenen „Ehegatten“ stand fest, sogar ein verhältnismäßig sehr gutes Signalement. Wenn auch der Name natürlich falsch war, man würde den Burschen schon bald kriegen.
Erste Enttäuschung, als die Ermordete als die Pflegetochter des Professors Frydendal identifiziert wurde. Erste bedenkliche Frage: Wie kam diese junge Dame in das üble Fremdenheim? Inspektor Kollund hat damals dieser Frage nicht den gleichen entscheidenden Wert beigelegt wie der junge Anker Frydendal es tut. Er hat schon zu viel Merkwürdiges erlebt. Auch die Feststellung, daß der angebliche Christian Larsen ein älterer Herr und durchaus kein Adonis gewesen sei, hat ihn nicht sonderlich erschüttert. Er hatte sich als nüchterner Kriminalist an die Tatsachen gehalten. Ingrid Steeg war im besten Einvernehmen mit dem angeblichen Larsen in das Fremdenheim gekommen, ohne zu ahnen, was ihr bevorstand.
Von da ab jedoch waren alle Spuren hoffnungslos im Sande verlaufen. Christian Larsen? Es gibt eine Menge Leute dieses Namens in Dänemark. Da, bei den Akten, liegt die Liste aller Christian Larsens. Trotz ihrer Überzeugung, daß dieser Name nur fingiert sei, hat die Polizei gewissenhaft Ermittlungen eingezogen über alle Leute dieses Namens. Keiner davon kommt in Frage. Was noch schlimmer ist: Nirgends hat man in den Kreisen der vielen Christian Larsens einen Anhaltspunkt finden können, der mit dem wirklichen Mörder oder mit Ingrid Steeg in Beziehung gebracht werden könnte.
Der Verdacht gegen Frau Jespersen, die Pensionsinhaberin, hat sich auch nicht aufrechterhalten lassen. Ebensowenig ein paar andere Verdachtsmomente, die im Laufe der Ermittlungen auftauchten.
So sind die Monate vergangen. Rastlose Arbeit, aber nicht der geringste Erfolg. Die Überreste Ingrid Steegs sind längst zur letzten Ruhe bestattet worden. Die Stimmung der öffentlichen Meinung aber ist mit jeder Woche gereizter geworden gegen eine Polizei, die unfähig war, ein solch scheußliches Verbrechen aufzuklären und zu sühnen.
Die Monate sind vergangen und haben neue Arbeit gebracht. Natürlich lief die Fahndung im Falle Steeg automatisch weiter. Zwei der besten Beamten der Kopenhagener Kripo waren ausschließlich auf diese Spur gesetzt worden. Kollund selber hatte immer wieder neue Ermittlungen und Vernehmungen durchgeführt. Aber der Tag verlangte sein Recht. Neue Fälle waren zu bearbeiten. Das tägliche Arbeitspensum mußte erledigt werden. Als auch die letzte Hoffnung versandete, die Möglichkeit, durch die ausländischen Polizeizentralen, denen das Signalement Christian Larsens übermittelt worden war, auf eine Spur gebracht zu werden, hatte Inspektor Kollund ganz im geheimen das Hoffen aufgegeben und dafür die trübe Überzeugung gewonnen, daß der Fall Steeg fortan nur in der Liste der „unaufgeklärten Fälle“ sein Leben weiterführen werde.
Und nun soll die Ermordete gar nicht Ingrid Steeg gewesen sein?
Kollund blättert in dem Aktenband. Noch einmal den ganzen Fall durcharbeiten! Sich jede Einzelheit ins Gedächtnis rufen. Das ist jetzt das Wichtigste.
Die Durchsicht der einzelnen Meldungen und Berichte kann er sich sparen. Wo ist denn ...? Vernehmungsbericht Jespersen. Vernehmung des Kaufmanns Jörgen Madsen, Aussage des Professors Frydendal — aha, hier haben wir’s ja! Zusammenfassender Bericht für die Staatsanwaltschaft. Kollund biegt den Aktendeckel um, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und vertieft sich in diesen Bericht.
*
„Am 4. Februar morgens 9 Uhr wurde im Fremdenheim der Frau Jespersen, Jakobsgade 35, durch die dort in Stellung befindliche Hausangestellte Gerda Nielsen, im Zimmer Nr. 9 eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche gefunden.
Die Mordkommission stellte fest, daß es sich um die Leiche einer jungen Frau oder eines jungen Mädchens handelte. Sie war nicht verbrannt, sondern durch Vitriol entstellt. Gesicht, Haar, Hände und Hautgewebe waren völlig unkenntlich. Blutspuren auf dem Bett und an den Wänden deuteten darauf hin, daß außer der ätzenden Säure noch eine andere Waffe angewendet worden war. Eine Wunde war zunächst infolge der Zerstörung der Hautgewebe nicht zu erkennen. Bei der Obduktion stellte jedoch der Polizeiarzt fest, daß der Hals der Toten von einem scharfen Instrument, wahrscheinlich einem Messer, durchbohrt worden war. Nach dem Gutachten der Ärzte ist der Tod durch diese Stichwunde verursacht, die Leiche erst später durch Übergießung von Vitriol unkenntlich gemacht worden.
In einer im Mordzimmer gefundenen Damenhandtasche wurde ein in blaues Leder gebundenes kleines Merkbuch gefunden, in dem unter anderem die Verabredung mit einer gewissen Karen Hansen notiert war. Die noch am gleichen Tage ermittelte Kindergärtnerin Karen Hansen, Vodroffsvej 71, erkannte in dem Merkbuch das Eigentum ihrer Schulfreundin Ingrid Steeg, Pflegetochter des Professors Frydendal in Hellerup. Professor Frydendal, dessen Frau und die Hausangestellte Jensine Kramm erkannten sowohl in dem gefundenen Ring wie in den Kleidungsstücken der Toten das Eigentum Ingrid Steegs. Durch Messungen, die der hinzugezogene Hausarzt der Familie Frydendal, Dr. Monsen, vornahm, wurde die Übereinstimmung der Leiche mit den Größenverhältnissen der Ingrid Steeg festgestellt. Ein Zweifel an der Identität erschien um so weniger möglich, als sowohl Frau Jespersen wie die Hausangestellte Gerda Nielsen ohne Zögern in dem vorgelegten Bild der Ingrid Steeg die Dame wiedererkannten, die das Zimmer Nr. 9 in der letzten Nacht bewohnt hatte.
Nach diesen Feststellungen wurde die Leiche polizeilicherseits zur Bestattung freigegeben.
Über den mutmaßlichen Täter sagte Frau Jespersen aus:
‚Am Abend gegen 22 Uhr klingelte an meiner Tür ein Herr, der fragte, ob ich ein Doppelzimmer frei habe. In seiner Begleitung befand sich eine junge Dame. Ich führte die Herrschaften in die Diele und legte ihnen pflichtgemäß das Fremdenbuch vor. Der Herr, den die Dame mehrfach ‚Christian‘ nannte, trug eine Binde um den rechten Handballen. Er sagte mir, er habe sich beim Schließen der Autotür geklemmt und bat mich, der Einfachheit halber selber seine Personalien einzutragen. Dies tat ich auch. Nach seinem Diktat schrieb ich in das Fremdenbuch: Christian Larsen, geboren 12. 10. 1883 zu Vordingborg, Kaufmann, wohnhaft Vordingborg. Wie gebräuchlich wurden die Personalien seiner Frau nicht aufgeschrieben, sondern nur der Vermerk ‚mit Ehefrau‘ gemacht.
Während dieser Zeit unterhielten sich die beiden Gäste leise und anscheinend sehr lustig miteinander, denn die Dame lachte mehrmals. Ich führte die Herrschaften dann zu dem freien Zimmer Nr. 9 und wünschte ihnen gute Ruhe. Herr Larsen sagte mir noch, er wolle am nächsten Morgen nicht geweckt werden. Er bezahlte auch im voraus den geforderten Zimmerpreis für die Nacht. Das Geld, einen Fünfkronenschein, entnahm er einer dunkelbraunen, sehr großen Brieftasche.
Wenige Minuten später schickte ich meine Hausangestellte in das Zimmer Nr. 9, um frische Handtücher auf den Ständer neben dem Waschtisch zu hängen. Sie hat das Ehepaar Larsen in ruhigem Gespräch angetroffen, im Begriff, sich für die Nachtruhe fertig zu machen. Gepäck führten die Gäste nicht mit sich.
Ich hatte keinen Grund, an der Richtigkeit der angegebenen Personalien zu zweifeln.
Herr Larsen mochte etwa 50 Jahre alt sein. Er hatte graumeliertes, kurzgeschnittenes Haar, bartloses Gesicht, einen sehr dünnen Mund, dessen Winkel in zwei scharfen Falten endigten und ihn so unverhältnismäßig breit erscheinen ließen, graue Augen und starkknochige Hände, auf denen die Adern sehr hervortraten. Bekleidet war er, soviel ich sehen konnte, mit einem schwarzen Mantel, einem zweireihigen dunkelgrauen Anzug, braunen Schuhen mit Gummisohlen, weichem, dunklem Filzhut und hellbraunem, weißgetupftem Selbstbinder.
Seine Frau war etwas größer als er und sehr schlank. Sie muß mindestens zwanzig Jahre jünger gewesen sein als ihr Mann, hatte blondes, welliges Haar, lebhafte, braune Augen und war weder geschminkt noch gepudert. Ihre Bekleidung bestand aus einem dunkelblauen Jackenkleid, weißem kurzem Sportpelz, einer sportlichen weißen Mütze und grauen Handschuhen. An die Farbe der Schuhe kann ich mich nicht erinnern.
Ob Herr und Frau Larsen Trauringe trugen, habe ich nicht bemerkt.‘
Die Aussage der Frau Jespersen wurde zunächst mit Vorbehalt aufgenommen, da die Jespersen der Polizei bekannt ist und bereits mehrfach im Verdacht der Kuppelei gestanden hat. Ihr Fremdenheim gilt allgemein als eine Art Absteigequartier und wird meist von Liebespärchen besucht.
Da der Verdacht einer Mitwisserschaft oder Begünstigung vorlag, wurde Frau Jespersen zunächst in Haft behalten.
Weitere Ermittlungen ergaben indes, daß auch die Aussagen der unbescholtenen Hausangestellten Gerda Nielsen sowie eines zufälligen Logiergastes, des unbescholtenen Kaufmanns Madsen, mit der Darstellung der Jespersen übereinstimmten. Gleichfalls wurde festgestellt, daß die Jespersen die ganze Nacht über im gleichen Zimmer wie ihre Hausangestellte geschlafen und dieses Zimmer nicht verlassen hatte.
Daraufhin wurde die Entlassung der Frau Jespersen verfügt.
Die Zeugin Karen Hansen erkannte in den Kleidern der Ermordeten die gleichen Kleidungsstücke, die ihre Freundin Ingrid Steeg am Mordtage getragen hatte. Auch die Handtasche gehörte unzweifelhaft der Ingrid Steeg.
Die Zeugin Hansen sagte ferner aus:
‚Ingrid Steeg, mit der ich seit Jahren befreundet bin, kam um 18 Uhr zu mir in meine Wohnung. Etwas Besonderes konnte ich ihr nicht anmerken. Sie war freundlich und gelassen wie immer. Wir aßen zusammen Abendbrot und sprachen über meinen Kindergarten und über Sport. Ingrid erzählte mir, sie sei am Vormittag wieder im Schwimmbad Helgoland gewesen und habe heute im Kraulen Rekord geschwommen. Ich wollte sie bereden, noch länger zu bleiben, aber um 20 Uhr erklärte Ingrid, sie müsse nun eilig fort, denn sie habe noch eine wichtige Verabredung. Ich begleitete sie bis zur Ecke Vesterbro und suchte sie noch einmal umzustimmen, da ich gern noch eine Stunde mit ihr geplaudert hätte. Als Ingrid wieder auf ihre Verabredung hinwies, neckte ich sie damit, daß sie gewiß von einem Herrn erwartet werde. Dazu lächelte sie, ließ sich jedoch nicht weiter darüber aus.‘
Weitere Ermittlungen haben ergeben:
1 Über die Person der Ermordeten läßt sich feststellen, daß es sich um ein unbescholtenes junges Mädchen handelt, das allerseits den besten Ruf genoß. Ingrid Steeg betätigte sich sportlich, besonders im Schwimmen und Turnen. Sie hat vor zwei Jahren zusammen mit ihrem Pflegebruder Anker Frydendal einen Gymnastikkursus in Niels Buckhs Hochschule zu Ollerup absolviert. Im Hause ihrer Pflegeeltern versah sie die Pflichten einer Haustochter und führte gewissermaßen die Oberaufsicht über die Küche. Sie hat ihr Präliminarexamen gemacht und zeigte besonderes Interesse für Gartenbau und Botanik. Liebschaften Ingrid Steegs sind nicht bekannt. Ihr Verkehr bestand aus einigen etwa gleichaltrigen Schulfreundinnen, ihren Sportkameraden, einigen Schulfreunden ihres Pflegebruders sowie den im Hause Frydendal verkehrenden Bekannten, letztere meist ältere Herren und Damen. Aus diesem Bekanntenkreis kommt, wie die Ermittlungen ergeben haben, niemand als Täter in Frage. Weder die Pflegeeltern noch sonstige Freunde haben etwas von einer geheimen Bekanntschaft oder einem Liebesverhältnis Ingrid Steegs wahrgenommen.
2 Über den angeblichen Christian Larsen hat sich bisher nichts ermitteln lassen. Die im Fremdenheim Jespersen angegebenen Personalien treffen zu auf den in Vordingborg ansässigen Fischer Christian Larsen. Es wurde sofort einwandfrei festgestellt, daß der genannte Fischer Larsen nicht mit dem Begleiter der Steeg identisch sein kann. Fischer Larsen, dessen Signalement in keiner Weise dem des mutmaßlichen Täters entspricht, hat seinen Wohnsitz in Vordingborg um die fragliche Zeit nicht verlassen. Am kritischen Tage und in der darauffolgenden Nacht befand er sich in seinem Heim in Vordingborg im Kreise seiner Familie und zweier Berufskameraden, die bei ihm in Kost und Logis wohnen. Er kennt weder die Familie Frydendal noch Ingrid Steeg. Auch vermag er nicht anzugeben, wie der mutmaßliche Täter zu seinen Personalien gekommen ist, da er niemand kennt, der dem Signalement entsprechen könnte. Fischer Larsen ist im Juni 1933 zum letztenmal in Kopenhagen gewesen. Bei Frau Jespersen hat er nie gewohnt.
Die umfangreiche Fahndung nach ‚Christian Larsen‘ hat bisher zu keinem Ergebnis geführt.
Die im Mordzimmer gefundenen Fingerabdrücke rühren sämtlich von früheren Gästen her.
Die Einvernahme der Pflegeeltern der Ermordeten hat folgendes zutage gebracht:
Ingrid Steeg ist die uneheliche Tochter der verstorbenen amerikanischen Bürgerin dänischer Abstammung Eline Steeg. Die Mutter war seit vielen Jahren Haushälterin des Mr. F. O. Andrige in Neuyork, dessen Tochter May im Jahre 1910 den Professor Frydendal heiratete und nach Kopenhagen übersiedelte.
Als F. O. Andrige im Jahre 1921 starb, nahm Frau Frydendal, geborene May Andrige, im Einverständnis mit ihrem Mann die kleine Ingrid Steeg in ihr Heim auf. Das Ehepaar Frydendal reiste damals selbst nach Neuyork, um den Nachlaß des Schwiegervaters zu regeln und das Kind abzuholen.
Dabei stellte sich heraus, daß das Vermögen F. O. Andriges bedeutend größer gewesen war, als man angenommen hatte. Den Frydendals fiel ein nicht unbedeutender Teil zu. Testamentarisch hatte jedoch F. O. Andrige bestimmt, daß am Tage der Vermählung der kleinen Ingrid Steeg die Hauptmasse des Vermögens — es handelt sich um etwa zwei Millionen Dollar — abzüglich einiger Legate auf Ingrid übergehen solle.
Befragt, wie er sich dieses sonderbare Testament erkläre, sagt Professor Frydendal aus:
‚Mein Schwiegervater, Mr. Andrige, hatte in seinem Leben reichlich den Fluch des Geldes kennengelernt. Als ich um May warb, gewann ich vor allem die Zuneigung Andriges dadurch, daß ich von vornherein erklärte, ich lege auf Vermögen keinen Wert, da ich in meinem Beruf genug verdiene, um meine Familie ernähren zu können und nicht daran dächte, meine Wissenschaft aufzugeben. May war durchaus mit mir einverstanden. Mit meinem Schwiegervater standen wir in dauerndem herzlichen Briefwechsel. Er freute sich, daß wir im Rahmen unserer Verhältnisse glücklich und zufrieden lebten. Trotzdem überhäufte er uns jedes Jahr mit kostbaren Geschenken, die wir nicht ablehnen konnten, ohne ihn zu kränken. Wie groß sein Vermögen war, erfuhren May und ich erst bei der Testamentseröffnung.
Für seinen Enkel, unseren Jungen, zeigte Andrige stets großes Interesse. In seinen letzten Briefen schrieb er unter anderem, er hoffe, Anker und Ingrid würden eines Tages ein Paar werden. Wir wußten damals nicht, ob er dies im Ernst oder scherzhaft meinte. Durch seinen Anwalt und Testamentsvollstrecker erfuhren wir jedoch, daß es tatsächlich ein Lieblingsgedanke des alten Herrn gewesen war, eines Tages seinen Enkel und Ingrid Steeg als Paar zu sehen. Ich nehme daher an — und auch der Anwalt ist dieser Meinung — daß mein Schwiegervater gehofft hat, durch die Art seines Testaments werde eines Tages sein Vermögen beiden Kindern — sowohl Anker wie Ingrid — zugute kommen.
Von dieser Testamentsbestimmung wußten nur der Anwalt des Erblassers und wir, also meine Frau und ich. Wir hielten es für richtig, Ingrid vorläufig noch nichts von dem sie erwartenden Reichtum zu sagen, um ihre Entwicklung nicht zu beeinflussen.
Übrigens soll laut Testament bei einem etwaigen vorzeitigen Tode Ingrids meine Frau als Universalerbin gelten.‘
Die Polizei ist dieser Spur, die zunächst ein Tatmotiv darzustellen schien, in weitem Umfange nachgegangen.
Der Verdacht, die Frydendals könnten Ingrid Steeg aus dem Wege geräumt haben, um in den Besitz des Vermögens zu kommen, mußte fallen gelassen werden. Professor Frydendal und seine Frau leben in guten, durchaus geordneten Verhältnissen und haben nie Begehrlichkeit nach größerem Vermögen gezeigt. Beiden Personen ist nach ihrem ganzen Charakter und ihrem Lebenslauf ein derartiges Verbrechen nicht zuzutrauen. Auch hat das Ehepaar Frydendal jetzt, nachdem ihnen durch den Tod Ingrid Steegs das Vermögen zugefallen ist, die Bestimmung getroffen, daß dieses gesamte Vermögen gemeinnützigen Stiftungen zugeführt werden soll.
Die Frage, ob jemand Ingrid Steeg ermordet hat, um sich in den Besitz der Erbschaft zu setzen, muß verneint werden. Ein Täter würde in diesem Falle sein Vorhaben nicht ausgeführt haben, bevor das Testament in Kraft getreten war, also bevor Ingrid Steeg verheiratet wäre. Allen Ermittlung zufolge stand die Ermordete jedoch keineswegs im Begriff, sich in absehbarer Zeit zu verehelichen. Es sind auch nach dem Tode der Steeg weder hier noch in Neuyork Ansprüche geltend gemacht worden, die sich etwa auf eine heimliche Trauung stützen.
Die Annahme, daß die Ermordung der Steeg direkt mit dem Testament zusammenhängt, muß daher als unwahrscheinlich bezeichnet werden. Wahrscheinlicher erscheint die Annahme, daß es sich im Falle Steeg um einen Lustmord handelt. Auch ein Raubmord erscheint nicht ausgeschlossen, da in der Handtasche der Ermordeten weder Geld noch Wertsachen gefunden wurden, Frau Frydendal jedoch versichert, ihre Pflegetochter habe immer in ihrer Handtasche einen Betrag für unvorhergesehene kleine Ausgaben sowie ihre goldene Taschenuhr mitgeführt.“
*
Inspektor Kollund legt den Aktenband hin und grübelt. Ja, das war der Fall Steeg. Daß doch immer die Fälle, die am einfachsten aussehen, die schwersten Rätsel aufgeben! Was ist nicht alles versucht und getan worden, um diese Mordsache aufzuklären! Kollund selber hat mit fast pedantischer Genauigkeit alle Einzelheiten im Leben der Frydendals erforscht, hat seine Ermittlungen auf sämtliche Bekannten der Familie ausgedehnt, auch auf solche, die seit vielen Jahren nicht mehr mit den Frydendals in direktem Verkehr standen. Er ist den Spuren Ingrid Steegs nachgeschlichen wie ein verliebter Schuljunge. Er hat das gesamte „fliegende Korps“, die beste Abteilung der Kriminalpolizei, auf die Fährte des angeblichen Christian Larsen gehetzt. Vergeblich alles. Das Ehepaar Frydendal hat nichts zu verbergen, und in ihrem Bekanntenkreis ist niemand, der als Täter auch nur in Frage kommen könnte. Ingrid Steegs junges Leben bietet gleichfalls keine Geheimnisse. Sie hat Freundschaften geschlossen, sowohl mit andern jungen Mädchen wie mit einigen jungen Männern. Wenn man will, kann man einige der letzteren als harmlose Jugendliebeleien bezeichnen. Nirgends aber die Spur eines ernsthaften Verhältnisses, und noch viel weniger eine Andeutung von Abenteuerlust oder geheimen Trieben.
Alles, aber auch alles ist ergebnislos geblieben. Die Beamten Kollunds haben Männer genug ringsum in Dänemark aufgestöbert, deren Äußeres dem Signalement des angeblichen Larsen entsprach. Alle jedoch vermochten ein einwandfreies Alibi beizubringen, oder sie kamen ihrer ganzen Persönlichkeit nach nicht in Betracht, oder Frau Jespersen und ihre Hausangestellte erklärten bei der Gegenüberstellung, die Betreffenden seien nicht identisch mit dem Mann in Ingrid Steegs Begleitung.
Eine besondere Hoffnung hatte Kollund auf das Vitriol gesetzt. Die Drogerien und Apotheken in Kopenhagen, in der Provinz, selbst jenseits des Sundes von Malmö bis Göteborg sind durchgekämmt worden. Nirgends ist man auf die Spur einer Person gestoßen, die Vitriol bezogen hat und auch nur entfernt mit dem Mörder verglichen werden konnte.
Denunziationen sind eingelaufen. Ein paar Tage lang hat Kollund sogar aufatmend geglaubt, den Faden in der Hand zu halten. Eine der Polizei wohlbekannte Frauensperson aus dem Nörrebroviertel hat behauptet, einer ihrer früheren Bekannten, ein gewisser Jens Skovgaard, besser unter dem Spitznamen „Casanova“ bekannt, habe den Mord begangen und sei seither verschwunden. In der Tat, dieser „Casanova“ kam in Betracht. Er war schon Mitte der Vierzig, jedoch ein gut und solide aussehender Bursche, gewandt und von guten Formen, der schon oft auf jüngere Mädchen einen unheilvollen Einfluß ausgeübt hatte. Er war mehrfach wegen Heiratsschwindeleien vorbestraft, und einige seiner Opfer hatten sogar sehr guten Kreisen angehört. Auch wegen eines Sittlichkeitsdeliktes war er bereits bestraft. Vor allem aber: Dieser „Casanova“ war tatsächlich verschwunden. Nirgends in Dänemark vermochte man ihn festzustellen. Die Polizei schien endlich den Faden in der Hand zu halten. Dann aber war der Tag gekommen, an dem Inspektor Kollund aus München die niederschmetternde Nachricht erhielt, daß der dänische Staatsangehörige Jens Skovgaard, alias Casanova, wegen mehrerer Betrügereien und Schwindeleien im Gefängnis zu Weilheim saß, und zwar schon seit vier Monaten. Die Denunziantin, scharf ins Verhör genommen, gestand denn auch ein, daß sie ihrem früheren Freunde „Casanova“, der sie schmählich hatte sitzenlassen, nur aus Rache „eins auswischen wollte“.
Lange hatte Inspektor Kollund sich an die Geschichte mit der Erbschaft des Mr. F. O. Andrige geklammert. Aber auch hier führte nichts zu dem Mord an Ingrid Steeg hin. Die Angaben des Professors Frydendal haben sich in jeder Beziehung als richtig erwiesen. Ingrid Steeg hat nichts von der ihr bevorstehenden großen Erbschaft gewußt und also auch niemand davon erzählen können.
Diese Ingrid Steeg! — Kollund sucht aus dem Aktenband die Photographie der Ermordeten heraus, ein Bild, das erst wenige Wochen vor dem gräßlichen Ereignis aufgenommen worden war, und betrachtet es lange. Das Bild eines schlanken, frischen Mädels. Keine ausgesprochene Schönheit, aber doch anziehend und hübsch. Mutwillig sich um Stirn und Schläfen ringelndes Blondhaar, die schlanken, festen Linien eines sportlich trainierten Körpers, klare, lustig dreinblickende Augen. Nur der Mund paßt nicht ganz zu diesem Bild unbeschwerter Jugend. Um den Mädchenmund liegt ein herber, willensstarker Zug. Kein Zweifel, Ingrid Steeg war imstande gewesen, ihren Willen durchzusetzen. Auf den Mordfall angewandt hieß das: Ingrid Steeg war bestimmt kein Mädel, das sich von irgendeinem Mann beschwatzen ließ, ihm zu folgen. Darin hatte der junge Frydendal schon recht: Es lag ein Geheimnis dahinter, wie Ingrid Steeg in später Abendstunde mit einem Manne in das Fremdenheim Jespersen gehen konnte, um dort zu übernachten.
Wenn sie wirklich die Ermordete war!
Denn das war jetzt der Kardinalpunkt des ganzen Falles. Da, auf dem Schreibtisch, noch uneingeheftet, liegen die Briefe. Der geheimnisvolle Brief aus Neuyork, frühere Briefe Ingrids, die Professor Frydendal vorsorglich zum Vergleich mitgebracht hat. Dicht daneben liegt das ausführliche Gutachten des Schriftsachverständigen, der sofort den Neuyorker Brief einer eingehenden Untersuchung unterzogen hat. Kollund greift noch einmal danach und liest es nachdenklich.
„Die mir übergebenen Schriftproben der Ingrid Steeg und des mit ‚Ingrid‘ unterzeichneten Neuyorker Briefes stimmen in allen wesentlichen Merkmalen überein. Beide zeigen in Raumverteilung, Druckbetonung und Buchstabenbildung eine ungewöhnliche Ähnlichkeit. Die Anbringung der Interpunktionszeichen ist in beiden Schriftproben die gleiche, ebenso die typische ‚d‘-Bildung sowie die Neigung, den letzten Bindestrich von ‚n‘ und ‚m‘ linksschräg zu stellen und unter die Zeile zu ziehen.
Das gleiche gilt für den Arkadenduktus. Die Flüssigkeit der Schrift widerspricht der Vermutung, daß es sich bei dem Neuyorker Brief um eine Fälschung oder eine verstellte Handschrift handelt. Alle Anzeichen für eine absichtliche Schriftverstellung fehlen.
Entscheidend ist für mich der Buchstabe ‚g‘. In den Briefen der Ingrid Steeg erscheint die Schleife des Buchstaben ‚g‘ in der normalen Schrift fast durchweg völlig vernachlässigt. In zwei Fällen (innerhalb von fünf verschiedenen Briefen) weist jedoch das ‚g‘ eine ausgesprochene Schleife auf. Auch in dem Neuyorker Brief findet sich das gleiche Symptom. Das ‚g‘ ist nur einmal mit Schleife geschrieben, sonst durchweg ohne. Beide Schreiber haben also die wahrscheinlich unbewußte Angewohnheit, den Buchstaben ‚g‘ ab und zu mit einer Schleife zu versehen. Unbedingt zu folgern ist daraus, daß der Schreiber des Neuyorker Briefes zum mindesten die Schrift der Ingrid Steeg ungewöhnlich genau kennen muß und ihm nicht etwa nur eine einzelne Schriftprobe zur Nachahmung vorgelegen haben kann.
Da jedoch in dem Neuyorker Brief alle typischen Fälschungsanzeichen fehlen, komme ich zu der Überzeugung, daß sowohl dieser Brief wie die Briefe der Ingrid Steeg von ein und derselben Person geschrieben sein müssen.
Das Gegenteil müßte das Werk einer geradezu genialen Nachahmungskunst sein, wie sie die Erfahrungen der Graphologie bisher nicht kennt.
Dr. Sjömod,
vereidigter Sachverständiger.“
Inspektor Kollund läßt das Schriftstück langsam sinken und blickt fragend auf. Assistent Nörholm hat die Tür des Nebenzimmers geöffnet.
„Herr Professor Frydendal und sein Sohn sind draußen.“
„Gut, Nörholm. Lassen Sie die Herrschaften rein.“
Professor Frydendal, ein Mann, dessen aufrechter Haltung man die Jahre nicht ansieht, nimmt etwas hastig auf dem angebotenen Stuhl Platz und fährt sich nervös mit dem Zeigefinger in den Kragen. „Es ließ mir keine Ruhe, Herr Kollund. Haben Sie den Brief schon prüfen lassen? Sie sagten ...“
Ein bestätigendes Nicken macht die weiteren Worte unnötig. Kollund blickt noch eine volle Minute grübelnd auf die Schriftstücke, die vor ihm liegen, hebt dann den klaren, ruhigen Blick zu dem Besucher.
„Damit wir uns recht verstehen, Professor — diese Briefe hier, die alten, die Sie mir brachten, hat also unzweifelhaft Ingrid Steeg geschrieben?“
„Ich verstehe nicht ... Natürlich sind das Ingrids Briefe.“
„Ich meine, eine Verwechslung kann da nicht vorliegen?“
„Wie sollte denn das möglich sein? Sehen Sie, das hier — das ist ein Brief, den Ingrid an uns geschrieben hat, als sie in Ollerup auf dem Gymnastikkursus war. Es steht auch noch ein Gruß von meinem Sohn Anker darunter, wie Sie sehen.“
„Jawohl“, fällt Anker rasch ein. „Ich kann sogar bezeugen, daß Ingrid diesen Brief in meiner Gegenwart geschrieben hat.“
„Das genügt allerdings. Wir haben ja auch die Schriftproben aus dem bei der Leiche gefundenen blauen Merkbuch Ingrid Steegs zum Vergleich. Ich fragte nur, um jeden Irrtum auszuschließen. Ja, hm — demnach ...“ Kollund macht eine kleine Pause und sieht den Professor unverwandt an. „Das Gutachten des Sachverständigen liegt vor. Es lautet dahin, daß Ingrid Steeg wirklich die Schreiberin des Neuyorker Briefes ist.“
Anker Frydendal stößt einen kurzen, wilden Laut aus. Sein Atem keucht. „Hörst du’s, Vater? Also — also lebt Ingrid noch! Ingrid lebt!“
Das Gesicht des Professors sieht fast verstört drein. „Ich hab doch gleich Ingrids Schriftzüge erkannt. Mutter auch. Aber dennoch, ich — ich kann mir noch immer nicht vorstellen, daß Ingrid, die wir als tot beweint und begraben haben, noch unter den Lebenden weilen soll. Das ist — geradezu phantastisch ist das!“
Inspektor Kollund nickt dem Erregten zu. „Es fällt schwer, daran zu glauben, nicht wahr? Ich muß gestehen, ich für mein Teil glaube auch noch nicht daran.“
„Aber das Gutachten?“ fährt Anker auf. „Halten Sie denn Ihren eigenen Sachverständigen nicht für kompetent, Herr Inspektor?“
„Nur ruhig“, winkt Kollund freundlich ab. „Natürlich setze ich in das Gutachten keinen Zweifel. Dr. Sjömod ist eine anerkannte Autorität auf graphologischem Gebiet. Übrigens verstehe ich mich auch selber ein wenig auf Handschriften. Ich hätte vielleicht gezweifelt, wenn das Gutachten im gegenteiligen Sinne ausgefallen wäre. So aber stimmt es mit meiner eigenen Überzeugung vollkommen überein.“
„Nun also! Dann ...“
„Bitte, beherrsche dich, Anker“, wehrt Professor Frydendal dem Ungestüm seines Sohnes. „Was ist Ihre Meinung, Herr Kollund?“
„Nun, ich glaube, daß der Neuyorker Brief allerdings von Ingrid Steeg geschrieben worden ist“, sagt Kollund langsam und bedächtig, gleichsam, als überprüfe er noch einmal eine Gedankenreihe. „Aber es erscheint mir voreilig, daraus den sicheren Schluß zu ziehen, daß die Schreiberin noch lebt. Die Möglichkeit ist vorhanden, daß Ingrid Steeg diesen Brief bereits viel früher geschrieben hat.“
„Aber warum in aller Welt sollte sie das getan haben?“
„Ja, das ist wohl schwer zu sagen. Man könnte sich vorstellen, daß jemand sie gezwungen hat, diesen Brief zu schreiben. Etwa in der Nacht, da sie ermordet wurde. Dieser Jemand kann den Brief dann später in Neuyork zur Post gegeben haben.“
„Also um den Anschein zu erwecken, daß Ingrid noch lebe?“
„Ganz recht.“
„Und aus welchem Grunde?“
„Diese Frage, lieber Professor, werde ich Ihnen beantworten können, sobald wir das Motiv wissen, aus dem Ingrid Steeg ermordet wurde. Vorläufig nur eine Gegenfrage: Wenn amtliche Zweifel an dem Tode Ingrid Steegs laut würden, so würde das die Auszahlung der Erbschaft an Sie beziehungsweise Ihre Gattin verhindern?“
„Natürlich. Aber meine Frau und ich, wir wünschen dieses Erbe ja gar nicht. Wir haben ja bereits dem Anwalt in Neuyork geschrieben, welchen Stiftungen es zugute kommen soll.“
„Also haben Sie die Erbschaft immerhin angetreten und darüber verfügt. Aber auch diese Verfügungen würden wohl aufgeschoben werden durch die Nachricht, daß Ingrid Steeg noch lebt oder daß ihr Tod zum mindesten zweifelhaft ist?“
„Ja, das mag wohl sein. Der Anwalt wird in diesem Falle wohl jede Auszahlung zurückhalten. Aber ich begreife nicht, Herr Kollund, warum Sie immer auf diese Testamentsgeschichte zurückkommen. Sie wissen doch, uns liegt gar nichts daran. Es ist wirklich ganz gleichgültig für uns, ob die Erbschaft bei dem Anwalt meines verstorbenen Schwiegervaters liegen bleibt oder nicht.“
„Ihnen vielleicht, lieber Professor. Es mag aber Leute geben, denen das nicht so gleichgültig ist.“
„Ingrid lebt!“ stößt Anker Frydendal heraus, unfähig, sich länger zu beherrschen. „Vor wenigen Stunden, als ich von der Möglichkeit eines hypnotischen Einflusses auf Ingrid sprach, haben Sie das ins Reich der Phantasie verwiesen, Herr Inspektor. Und nun kommen Sie selber mit einer Theorie, die genau so phantastisch ist!“
„Wir wollen auf der Erde bleiben, junger Freund“, meint Kollund sanftmütig. „Ich gebe zu, daß meine Theorie, Ingrid Steeg könnte zum Schreiben dieser Zeilen gezwungen worden sein, ebenfalls etwas Phantastisches hat. Aber inzwischen haben sich ja auch die Tatsachen erheblich geändert. Inzwischen liegt uns nämlich dieser geheimnisvolle Neuyorker Brief vor.“
„Ließe es sich nicht feststellen, wo und von wem der Brief in Neuyork aufgegeben worden ist?“
„Wir werden unser möglichstes tun, Professor, und sofort die amerikanische Polizei um entsprechende Recherchen ersuchen. Der Erfolg bleibt abzuwarten.“
„Und ich sage noch einmal: Ingrid lebt!“ ruft Anker mit dem ganzen Ungestüm seiner Jahre. „Stellen Sie lieber gleich mal fest, wer die Unbekannte ist, die wir begraben haben!“
Kollund runzelt leicht die Stirn. „Sie wissen doch, die Leiche war so entstellt, daß eine Indentifizierung seitens der Behörde aussichtslos ist. Ein besonderes Merkmal am Körper hatte Ingrid Steeg nicht, außer einer winzigen Narbe an der linken Schläfe. Nun, das Gesicht der Toten war so zerfressen und unkenntlich, daß keine Hoffnung besteht, diese Narbe zu finden. Auch die Hände waren leider so zerfressen, daß Fingerabdrücke nicht in Frage kommen. Ich fürchte daher, die Staatsanwaltschaft wird einen Antrag auf Exhumierung als zwecklos ablehnen. Es sei denn, daß Sie, Herr Professor, die bündige Erklärung abgeben können, daß Sie Ihre frühere Aussage zurücknehmen und nun nicht mehr davon überzeugt sind, daß die Tote Ihre Pflegetochter Ingrid Steeg ist?“
„Ja, nach dem Brief da ...“
„Einen Augenblick, lieber Professor. Stellen Sie sich vor, daß dieser Brief nicht gekommen wäre. Wie gesagt, er kann trotz allem eine Fälschung in dem vorhin angedeuteten Sinne sein. Vergessen Sie ihn also einmal völlig oder geben Sie sich wenigstens Mühe, es zu tun. Und dann antworten Sie mir nach bestem Wissen und Gewissen: Sind Sie der festen Überzeugung, daß sowohl Sie wie Ihre Familienmitglieder und Ihr Arzt sich damals geirrt haben? Daß die Tote nicht Ingrid Steeg war?“
Eine Minute herrscht tiefes Schweigen. Dann sagt Professor Frydendal, sich über die Stirn streichend, leise: „Sie haben recht, Herr Kollund. Nein, ich vermag als gewissenhafter Mensch die Versicherung nicht zu geben.“
„Aber ich!“ braust Anker abermals auf und ballt unwillkürlich die Fäuste. „Herr Inspektor Kollund, ich, Anker Frydendal, erkläre hiermit ausdrücklich, daß ich mich damals geirrt habe, als auch ich die Tote als meine Jugendgespielin Ingrid identifizierte! Ich bin heute der festen Überzeugung, daß Ingrid lebt!“
„Ja, ja, die Jugend“, nickt Kollund begütigend, als der Professor seinem Sohn die Heftigkeit verweisen will. „Ihr Gefühl in Ehren, junger Freund, aber haben Sie außer dem Brief da irgend etwas, auf das sich Ihre Überzeugung stützt?“
„Ich sollte meinen, der Brief Ingrids genügt!“
„Uns nicht“, sagt Kollund achselzuckend. „Und der Staatsanwaltschaft wird er auch nicht genügen. Trotzdem will ich mich gern für eine Exhumierung einsetzen. Obwohl ich nicht glaube, daß mehr an der Leiche festzustellen ist, als was wir bereits festgestellt haben.“
Professor Frydendal erhebt sich. „Tun Sie, was Sie für richtig halten, Herr Kollund. Nur — Sie begreifen die Aufregung, in der meine Frau und ich nun wieder sind — nicht wahr, Sie benachrichtigen uns, wenn irgend etwas Neues vorliegt?“
„Gern, lieber Professor. Darauf können Sie sich verlassen.“
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„Arbeit für Sie, Nörholm“, sagt Inspektor Kollund, als die Besucher ihn verlassen haben. „Notieren Sie sich, bitte, mal: 1. Diensttelegramm an die Polizeizentrale Neuyork, Abteilung Erkennungsdienst. Ersuchen um Feststellung, ob eine Ingrid Steeg, Personalien und so weiter, in den Vereinigten Staaten lebt oder gelebt hat. — 2. Flugpostsendung des Briefumschlags an die Neuyorker Polizei. Ersuchen um Nachforschungen, wann, wo und von wem der Brief aufgegeben worden ist. Herkunft des Papiers. Untersuchung des Fingerabdrucks, der sich auf dem Briefumschlag befindet. Na, Sie wissen ja, worauf es ankommt. Haben Sie’s?“
„Jawohl, Herr Kollund.“
„Dann 3. Genaue Untersuchung des Schreibzeugs in der Pension Jespersen. Der Brief ist mit einer sehr spitzen Feder geschrieben. Stellen Sie fest, ob es solche Federn bei der Jespersen gibt oder gegeben hat. — 4. Informieren Sie unsere gesamte Abteilung von den neuen Tatsachen im Falle Steeg. Die Fahndung nach Christian Larsen ist unter Berücksichtigung dieser Tatsachen energisch weiter zu betreiben. Hol mich der Böse, wenn wir doch nur diesen Burschen einmal packen könnten!“
„Wird schon kommen“, tröstet der Assistent, der ob seiner phlegmatischen Ruhe in Kollegenkreisen „Buster“ genannt wird. „Wir wissen ja, wie so was geht. Monatelang tappen wir ganz verzweifelt im Dunkel und dann — fallen wir sozusagen plötzlich über den Gedanken. Wird alles schon kommen.“
„Gott geb’s! Halt, Nörholm, da wäre noch eines. Sie können auch gleich mal an den Anwalt des Mr. Andrige schreiben. Teilen Sie ihm die Sachlage mit und bitten Sie ihn, die Erbschaft an niemanden auszuzahlen, bevor er von uns weitere Nachricht erhält.“
„Geht in Ordnung, Herr Kollund.“
„Monatelang tappen wir im Dunkel, und dann fallen wir plötzlich über den Gesuchten“, wiederholt sich im Geiste Kollung die Worte, als der Assistent im Nebenraum verschwunden ist. Ja, es ist manchmal, als ob das Schicksal sich den unziemlichen Scherz mache, mit einer hohen Polizeibehörde zu spielen. Da hat er schon recht, der Nörholm. Aber mir scheint ... hm, mir scheint, als ob es uns diesmal doch selbst gelingen sollte, Licht in das Dunkel zu bringen. Der Brief, dieser geheimnisvolle Brief, ist unschätzbar. Gehen wir mal von der Testamentsgeschichte aus. Jawohl, für mich ist es sicher, daß der Tod der armen Ingrid irgendwie mit den Dollarmillionen zusammenhängt. Überlegen wir mal! Da ist jemand, der Absichten auf den fetten Brocken hat. Er kann Ingrid Steeg nicht einfach verschwinden lassen, also bringt er sie um. Logisch. Um zu verhindern, daß die Erbschaft an Professor Frydendal ausgezahlt wird, muß er aber begründete Zweifel an dem Tode Ingrids erregen. War von vornherein seine Absicht. Also zwingt er die Unglückliche durch Drohungen oder durch einen verdammten Trick, eigenhändig diese Zeilen zu schreiben, bevor er sie ins ewige Dunkel schickt, und sorgt dafür, daß der Brief später dem Professor Frydendal, also damit der Polizeibehörde, in die Hände kommt. Wieder logisch. Der Verdacht, daß Professor Frydendal und dessen Frau — die einzigen, die aus dem Tode Ingrids einen Vorteil haben — die Urheber des Mordes sind, scheidet dann gänzlich aus. Stimmt genau mit meiner Überzeugung überein, denn ich glaube nun und nimmer, daß die Frydendals solche Banditen sind. Hm, die Kette scheint logisch und folgerichtig geschlossen. Halt, nein! Verflucht und zugenäht, da ist noch ein Loch! Meine Theorie vorausgesetzt, warum beläßt der Täter dann seinem Opfer Wertgegenstände und Kleider, die seine Identität verraten müssen, obwohl er den Körper unkenntlich entstellt hat? Wenn die Tote aus der Pension Jespersen nicht als Ingrid Steeg erkannt, sondern besagte Ingrid nur einfach verschwunden wäre, so müßte es doch viel leichter sein, sie später wieder auftauchen zu lassen. Auch ein Brief von ihr würde dann viel eher Glauben finden.
Inspektor Kollund zieht eine Weile gedankenvoll die Unterlippe zwischen die Zähne. Oho, auch dafür gibt es Erklärungen! Der Täter kann die Absicht gehabt haben, durch die verhältnismäßig rasche Identifizierung der Toten uns davon abzuhalten, allzu gründliche Nachforschungen nach dem Verbleib Ingrids anzustellen. Oder er hat einfach keine Möglichkeit mehr gehabt, Kleider und Wertsachen der Toten mitzunehmen. Er kann gestört worden sein oder sich gestört geglaubt haben. Selbst der abgebrühteste Verbrecher begeht so eine Scheußlichkeit nicht mit ganz kaltem Blut. Nein, die Kette ist richtig. Sollte mich gar nicht wundern, wenn demnächst bei dem Neuyorker Anwalt eine falsche Ingrid Steeg frischlebend auftaucht und Anspruch auf die Erbschaft erhebt.
Inspektor Kollund nickt seiner Sekretärin, die von der Mittagspause zurückkommt, zu und geht langsam zum Fenster. Blickt auf die Straße hinaus, ohne etwas zu sehen von dem Verkehrstrubel da draußen.
Wenn wir nur eine Spur des angeblichen Christian Larsen hätten, gehen seine Gedanken weiter. Freiwillig folgt so ein sauberes, gesund empfindendes Mädel wie Ingrid Steeg nicht einem Unbekannten abends in ein Fremdenheim. Die Auffassung des jungen Frydendal hat etwas für sich — hm — hat etwas für sich. Bei dem Täter kann es sich also nur um jemand aus dem engeren Bekanntenkreis der Steeg handeln, jemand, dem sie vertraut hat, denn an Hypnose glaub ich nicht. Menschen, die unter schwerer Hypnose stehen, zeigen Symptome, die sowohl Frau Jespersen wie den andern Zeugen aufgefallen sein müßten.
Aber wer zum Geier könnte das sein? Wir haben doch den ganzen Bekanntenkreis durchgekämmt, ohne auch nur auf den Schatten eines Verdachts zu stoßen. Wäre es möglich, daß die Tote wirklich nicht Ingrid Steeg ist? Daß die Leiche eben deshalb unkenntlich gemacht wurde, um dies zu verbergen? Wenig wahrscheinlich. Die Frydendals, der Hausarzt, alle waren damals der Überzeugung, Ingrid Steeg vor sich zu haben. Und nicht nur der Kleider wegen. Das sonst unbegreifliche Verschwinden der Steeg, die Zeugenaussagen aus der Pension Jespersen, alles sprach dafür. Professor Frydendal glaubt es heute im Innersten noch, trotz des seltsamen Briefes aus Neuyork. Laß sehen. Der oder die Täter — hm — müßten, wenn meine Theorie richtig ist — ein Interesse daran haben, daß man an die Echtheit des Briefes glaubt, also daß Ingrid Steeg noch lebt.
Noch lebt! So betonte der junge Frydendal ja so sehr energisch. Hm, hm. Der junge Mann ist der einzige, der felsenfest davon überzeugt ist, daß die Botschaft aus Neuyork stimmt. Möchte mir diese Überzeugung auch aufdrängen. Sollte am Ende dieser junge Mann ...? Merkwürdig, auf was für Gedanken man so kommt. Der junge Anker Frydendal? Aber das geht doch nicht so! Das muß erst mal ruhig und gründlich durchgedacht werden.
Inspektor Kollund dreht sich mit einem Ruck um und stürzt sich, um seinen plötzlich wie toll kreisenden Gedanken zu entgehen, kopfüber in die praktische Arbeit.
„Fräulein Bendixen, rufen Sie mal die ‚Forenede Dampskibs Selskab‘ an. Bitten Sie um eine Liste aller Passagiere, die seit dem 4. Februar mit einem der Überseedampfer nach Neuyork ausgereist sind. Dann Anruf an die Staatspolizei. Ich bitte um Bericht, ob es festzustellen ist, wieweit die an den Grenzübergangsstellen visierten Pässe der seit dem 4. Februar Ausgereisten ein USA.-Visum trugen. Jawohl, sämtliche Grenzübergangsstellen.“
3
Ein sehr aufgeregter junger Mann stürzt, den Clerk beiseite schiebend, in das Büro des Anwalts und Notars Warren C. Stevenson im achten Stock des Hauses Nr. 224 in der Lexington-Avenue zu Neuyork. Der junge Mann trägt einen hellgrauen, zweireihigen Anzug, der erheblich von der gerade in Neuyork üblichen Herrenuniform abweicht, hat eine weiche Reisemütze auf dem Kopf und hält ein Exemplar des „New York Herald“ in der Hand.
„Ist es wahr, Mr. Stevenson?“ ruft der erregte junge Mann, sich ohne weiteres an den einen der beiden grauhaarigen Herren wendend, die in den breiten Klubsesseln neben dem Schreibtisch sitzen und beim Hereinstürmen des Fremden nur leicht verwundert aufgesehen haben. „Stimmt das, was hier in der Zeitung steht?“
„Mr. Frydendal, wenn ich nicht irre?“ sagt der eine der beiden Herren gelassen. „Well, ich hoffe, Sie haben eine gute Überfahrt gehabt.“
„Sagen Sie mir doch vor allem, Mr. Stevenson: Ingrid ist also wirklich da? Sie war bei Ihnen?“
„Also sind Sie in der Tat Mr. Frydendal aus Kopenhagen“, nickt als Antwort der grauhaarige Herr mit dem gutmütigen, breiten Mopsgesicht. „Ihr Vater hat uns ein Kabel geschickt, daß Sie herüberkommen werden, um nach Miß Steeg zu forschen. Well, dürfte ich der Form halber mal Ihren Paß sehen, Mr. Frydendal?“
Während der Mops in dem rasch hervorgezogenen und hingereichten dänischen Reisepaß blättert, bändigt Anker Frydendal mühsam seine Erregung. Er sieht wohl, sie hat keinen Zweck. Hier in diesem Neuyorker Anwaltsbüro, vor diesem gelassenen alten Herrn da, gibt es keine Aufregung und keine Überstürzung.
„Danke“, sagt der Mops, den Paß zurückgebend. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Frydendal. Das da ist Mr. Stevenson.“
Das Mopsgesicht macht mit dem Kinn eine kleine Bewegung nach dem neben ihm sitzenden Herrn, der aufgestanden ist und mit väterlich-freundlichem Lächeln dem bestürzten Anker die Hand hinhält.
„Was kann ich für Sie tun, Mr. Frydendal?“
„Verzeihen Sie, ich dachte — ich nahm an —“
„Ich bin der Anwalt Ihres Großvaters.“ Stevenson weist leicht auf die Zeitung hin, die Anker noch immer in der Hand hält. „Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich vermute, daß Ihre Frage vorhin sich auf eine gewisse Nachricht in diesem Blatt bezieht.“
„Ja, Herr Stevenson.“ Anker tut einen tiefen Atemzug und läßt sich in den Sessel fallen, den das Mopsgesicht stillschweigend herangerollt hat. „Meine Eltern kamen überein, daß ich selber nach Neuyork fahren und nach Ingrid forschen solle. Vor einer knappen Stunde bin ich am Hoboken-Pier gelandet. Und das erste, was ich hörte, ist die tolle Nachricht, die mir die Zeitungsjungen entgegenschreien: Die verschwundene Pflegetochter F. O. Andriges hat sich bei dem Notar Stevenson gemeldet! Hier!“ Ankers Finger fahren fieberhaft nach dem Zeitungsblatt, um es zu entfalten, aber Stevenson winkt ruhig ab.
„Ich kenne die Nachricht, Mr. Frydendal. Vor acht Tagen habe ich auf Wunsch Ihres Vaters in allen großen Zeitungen unseres Landes einen Aufruf erlassen und Miß Ingrid Steeg ersucht, sich bei mir zu melden. Das wissen Sie ja, nicht wahr? Well, vorgestern abend erschien in der Tat bei mir eine junge Dame, die behauptete, die gesuchte Ingrid Steeg zu sein.“
„Es ist also wahr?“ Anker springt gegen seinen Willen wieder aus dem bequemen Stuhl auf, was ihm einen leise mißbilligenden Blick der beiden ruhigen alten Herren einträgt. „Wo ist sie, Herr Stevenson? Sagen Sie mir nur schnell, wo Ingrid Steeg ist!“
„Sie bewohnt zur Zeit ein Appartement im Carlton-Hotel“, nimmt an Stelle des Anwalts der Herr mit dem Mopsgesicht das Wort. „Zimmer 316—317 im fünften Stock. Sie heißt Monica Tromm, Tochter des aus Skandinavien stammenden, verstorbenen Plantagenbesitzers Frederik Tromm aus Charleston, geboren am 9. Januar 1915 in Charleston. Mrs. Monica Tromm war mit einem Kaufmann James H. Putney verheiratet, hat aber seit der Scheidung ihrer Ehe im Jahre 1932 wieder ihren Mädchennamen angenommen. Yes, das ist einwandfrei festgestellt.“
„Was soll das alles?“ Anker greift sich unwillkürlich an den Kopf. „Was geht mich diese Monica Tromm an, Herr — Herr —“
„Erlauben Sie, daß ich Ihnen Mr. Murphy vorstelle“, lächelt der Anwalt Stevenson ruhig. „Das hier ist Mr. Murphy, Herr Frydendal, den ich, gleichfalls auf Ersuchen Ihres Vaters, mit der Sache Steeg betraut habe. Mr. Deventer Murphy, der zweitbeste Detektiv, den wir in den Staaten haben.“
„So?“ Das gutmütige Mopsgesicht vermag auch die Zähne zu fletschen. „Darf ich fragen, wer der beste ist, Stevenson?“
„Der Detektiv Zufall“, lächelt der alte Anwalt beruhigend und wendet sich wieder an Anker, mit einer verbindlichen Handbewegung auffordernd, wieder Platz zu nehmen. „Mr. Murphy wollte Ihnen eben sagen, wie es um die hier aufgetauchte, angebliche Ingrid Steeg steht. Seine Ermittlungen sind unbezweifelbar richtig und so fix beschafft, daß selbst ich darüber erstaunt war.“
„Kein Kunststück“, brummt das Mopsgesicht ärgerlich. „Hätten Sie selbst ebenso rasch ermitteln können, Stevenson.“
Anker Frydendal blickt verwirrt von einem zum andern. „Es ist also nicht Ingrid? Ich meine, Sie halten die — die Dame für eine Betrügerin?“
Wir wollen unterscheiden, Mr. Frydendal“, sagt der Anwalt bedächtig. „Daß die Dame nicht die gesuchte Ingrid Steeg ist, werden Sie am besten feststellen können, wenn Sie einen Besuch im Carlton machen und sich etwas mit ihr unterhalten. Eine Monica Tromm, geboren in Charleston, USA., kann natürlich nicht identisch sein mit Miß Ingrid Steeg. Was aber den Vorwurf des Betrugs anbelangt, — well, ein Betrug setzt voraus, daß jemand einen Dritten zu schädigen versucht oder sich unrechtmäßigerweise durch falsche Angaben einen Vermögensvorteil verschafft. Das scheint hier nicht der Fall zu sein. Mrs. Tromm hat keinerlei Ansprüche an das Erbe meines lieben, verstorbenen Freundes geltend gemacht. Augenscheinlich weiß sie von dieser Erbschaft überhaupt nichts. Sie hat auch nicht den Wunsch ausgesprochen, auf fremde Kosten nach Kopenhagen geschickt zu werden, noch sonst irgendwelche materiellen Wünsche geäußert. Ebensowenig hat sie gefälschte Papiere vorgelegt. Mrs. Tromm hat lediglich behauptet, Ingrid Steeg zu sein, und sich eine Stunde lang sehr eingehend mit mir über das Verschwinden der Ingrid Steeg unterhalten. Das ist alles.“
„Aber — was bezweckt diese Mrs. Tromm denn damit?“
„Sensationslust“, brummt das Mopsgesicht, sich eine Zigarre anzündend. „Was wird’s denn sonst schon sein! Monica Tromm hat schon allerlei Sensationen hinter sich. Trauung mit 17 Jahren. Scheidungsprozeß. Zweiter Preis im Schönheitswettbewerb von Palm Beach. Diebstahl eines Perlenhalsbandes. Das heißt, das Halsband wurde ihr gestohlen, unter dramatischen Umständen im Schlafwagen des Pacific-Expreß. Nachher fand es sich doch unter ihrer Wäsche im Handkoffer. Kenne das. Passen Sie auf, morgen können Sie in allen Zeitungen das Bild der angeblichen Ingrid Steeg sehen. In geschmeichelter Aufmachung natürlich. Und damit ist ja wohl der Zweck dieser ganzen Komödie erreicht.“
„Das begreife ich nicht. Sie muß doch damit rechnen, daß gegen sie Anzeige bei der Polizei erstattet werden könnte!“
Ein dünnes Lächeln zuckt um die Mundwinkel der beiden alten Herren. „Mr. Frydendal, man merkt, daß Sie erst eine Stunde in unserm großen und erleuchteten Lande sind“, verkündet das Mopsgesicht, höflich das derbere Wort „Grünhorn“ verschluckend, das ihm auf den Lippen schwebt. „Anzeige bei der Polizei! Verhör! Sensationsprozeß! Das könnte Monica Tromm gerade so passen! Damit die Presse sich nicht einmal, sondern wochenlang mit ihrer holden Persönlichkeit beschäftigen könnte! No, den Gefallen tun wir ihr nicht. Jedenfalls nicht, ohne daß sie dafür anständig bezahlt.“
„Das ist auch ein Punkt, der Mr. Murphys Meinung bestätigt“, fällt der Anwalt ein. „Mrs. Tromm lebt in sehr guten Verhältnissen. Die Auskunft der Banken schätzt ihre Einnahmen auf rund achtzigtausend Dollar jährlich.“
„Ich werde die Dame jedenfalls aufsuchen und mit ihr sprechen.“ Man merkt den Worten Ankers deutlich an, daß doch noch eine leise Hoffnung in ihm lebt, in Monica Tromm die verschwundene Ingrid zu finden. „Darf ich fragen, ob Sie sonst etwas Neues erfahren haben?“
„Nichts Sonderliches, Mr. Frydendal. Unser Aufruf hat bisher keine greifbaren Resultate gebracht. Mehrere Steegs leben zwar in den Staaten und haben sich auch auf den Aufruf hin gemeldet. Es ist aber keine Miß Ingrid darunter, noch sonst jemand, der in Frage käme. Über unsere sonstigen Ermittlungen wird Ihnen Mr. Murphy am besten Auskunft geben.“
„Monica Tromm hat überhaupt keine Ahnung von dem ganzen Fall“, quetscht das Mopsgesicht heraus, den fragenden Blick Ankers erwidernd. „Sie weiß lediglich, was die Zeitungen hier darüber gebracht haben. Also bedeutend weniger als wir. Sie zum Beispiel, Mr. Frydendal, kennt Monica Tromm überhaupt nicht. Das haben wir im Gespräch mit ihr einwandfrei festgestellt, ohne daß sie selbst es merkte. Was aber die ganze Sache selbst betrifft: Well, ich halte die Theorie, daß Miß Steeg noch leben soll, für Nonsens. Unsere Gangster kenne ich. Die hätten nicht Monate verstreichen lassen, bevor sie den Versuch machten, das Erbe zu beanspruchen. Mußten doch damit rechnen, daß das Geld inzwischen bereits ausgezahlt wäre. No, Sir. Statt hier nach der imaginären Miß Steeg zu forschen, sollten Sie lieber in Dänemark nach dem Mörder des armen Mädchens fahnden.“
„Aber der Brief aus Neuyork! Der läßt sich doch nicht wegdisputieren!“
„Will ja auch keiner, Mr. Frydendal. Kann ein blödsinniger Witz sein, den sich irgendein Esel gemacht hat. Ihr Gutachter in Ehren, aber wir haben hier Schriftfälscherspezialisten, die auch die tollsten Dinge fertigbringen. Wenn’s nicht meinem alten Freund Stevenson zuliebe wäre, hätte ich mich überhaupt nicht mit dieser Sache befaßt. Habe Besseres zu tun.“
„Dann — verstehe ich nicht, Mr. Murphy, warum Sie sich doch noch mit dem Fall Steeg beschäftigen. Denn das tun Sie doch, wie ich sehe.“
„Hallo, junger Mann!“ Das Mopsgesicht blickt eine Sekunde scharf und interessiert in das Gesicht Ankers. „Die Frage war für Ihre Jahre und für die innere Aufregung, in der Sie sich befinden, gar nicht so dumm. Warum ich mich noch damit beschäftige? Well, weil die Möglichkeit besteht, daß Monica Tromm eben die Absenderin jenes geheimnisvollen Briefes ist. Und weil ich, wenn das der Fall sein sollte, gern dahinterkommen möchte, mit welcher Fälscherzentrale sie arbeitet. Denn selbst hat sie diese geschickte Fälschung bestimmt nicht zustandegebracht.“ Mr. Murphy drückt den Stummel seiner Zigarre aus und erhebt sich, stöhnend und prustend wie ein verschlafenes Walroß. „Ich überlasse Sie jetzt meinem Freunde Stevenson, Mr. Frydendal. Merke doch, er brennt schon darauf, Ihnen die Andenken an seinen Freund Andrige, Ihren Großpapa, zu zeigen. Wo haben Sie übrigens Ihr Gepäck gelasen?“
„Es ist vom Schiff aus direkt zum Carlton-Hotel gebracht worden. Vater hatte mir dieses Hotel empfohlen.“
„Soso. Wohnen also auch im Carlton. Das trifft sich ja sehr gut. Da haben Sie doppelt gute Gelegenheit, mit Monica Tromm in Verbindung zu kommen.“
Mr. Murphy setzt seinen Hut auf und reicht den beiden seine kurze, fette Hand. „So long, Stevenson. Auf Wiedersehen, Mr. Frydendal.“
*
„Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Frydendal.“
Die leise, ganz leise Hoffnung, die Ankers Füße beschwingt zum Carlton-Hotel getragen hat, zerbricht. Die junge Dame, die da vor ihm steht und mit gewinnendem Lächeln auf einen Sessel deutet, ist nicht Ingrid Steeg. Verhaltener Zorn ist in seiner Stimme, als er sich mühsam die ersten Worte abringt.
„Sie nennen sich Steeg?“
„Ganz recht, ich nenne mich so“, lächelt die Dame unbefangen und mustert dabei ungeniert ihr Gegenüber. „In diesem Lande ist es erlaubt, inkognito zu reisen. Daß ich in Wirklichkeit Monica Tromm heiße, wird Ihnen Anwalt Stevenson sicher schon gesagt haben. Oder der große Murphy, der seit gestern hier um das Hotel herumspioniert.“
„Mögen Sie sich nennen, wie Sie wollen“, sagt Anker ärgerlich. „Aber warum machen Sie das alles? Liegt Ihnen wirklich so viel daran, unter falscher Etikette in den dummen Zeitungen zu erscheinen?“
Monica Tromm hat sich in einen Sessel dem Besucher gegenüber geworfen und wippt mit ihrem schmalen Fuß. „Das auch, Mr. Frydendal. Es ist sehr spannend, zu lesen, was die Zeitungen alles für einen Unsinn über mich zusammenschreiben. Finden Sie nicht?“
Monica Tromm ist hübsch. Von ihrem gepflegten Äußeren geht ein diskreter, köstlicher Duft aus. Ihr eigensinnig sich um Stirn und Schläfen ringelndes Blondhaar, ihre großen, ausdrucksvollen Augen sind fast ebenso schön wie Haare und Augen Ingrid Steegs. Anker Frydendal kann nicht umhin, das zu bemerken.
„Als ob Sie diese Effekthascherei nötig hätten!“ stößt er unwillig hervor.
Ein perlendes Lachen antwortet ihm. „Herzlichen Dank für die gute Meinung, Mr. Frydendal. Ich will ehrlich sein, und Ihnen sagen, daß es in der Tat nicht mein einziger Beweggrund ist. Der Fall Steeg interessiert mich. Was so in den Zeitungen steht, davon kann man immer nur die Hälfte glauben. Und dann weiß man nicht mal, welche Hälfte man glauben soll. Die Polizei gibt keine Auskünfte an Privatpersonen. Ich wollte aber über diese Sache genaue Auskunft haben. Darum ging ich zu Anwalt Stevenson.“
„Aber es war doch nicht nötig, daß Sie sich ihm dabei fälschlich als Ingrid Steeg vorstellten!“
„Doch“, sagt Monica Tromm ruhig, „das war sehr nötig. Ich wollte sehen, wie der alte Stevenson darauf reagieren würde. Zwei Millionen Dollar sind viel Geld. Es könnte selbst einen angesehenen Anwalt zu einem großen Coup verlocken.“
Anker Frydendals Kopf fährt in die Höhe. „Sie hegen einen Verdacht gegen Herrn Stevenson?“
„Jetzt nicht mehr. Er hat sich genau so benommen und genau so gehandelt, wie er als Mann von gutem Gewissen es tun mußte. Übrigens habe ich dafür gesorgt, daß ihm mein Auftauchen auch nicht lange Kopfzerbrechen machen konnte. Oder glauben Sie, wenn ich wirklich die Absicht gehabt hätte, mich ernstlich für Ingrid Steeg auszugeben oder sonst einen Betrug zu begehen, so würde ich persönlich, ohne auch nur mein Äußeres etwas zu verändern, hier nach Neuyork gekommen sein? No, Mr. Frydendal, ich wußte natürlich, daß Anwalt Stevenson binnen vierundzwanzig Stunden wissen würde, daß ich Monica Tromm aus Charleston bin. Er hätte dazu nicht den großen Murphy zu bemühen brauchen.“
Genau, was mir Stevenson und Herr Murphy vorhin gesagt haben, denkt Anker und sucht verwirrt nach einer ihm verständlichen Lösung für das rätselhafte Auftreten dieser jungen Dame.
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