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ARTHUR SCHOPENHAUER

wurde 1788 in Danzig geboren und starb 1860 in Frankfurt am Main. Er gilt heute als einer der bedeutendsten und eigenwilligsten Nachfolger der Lehre Kants. Sein Einfluss auf die Kulturgeschichte ist unschätzbar: Von Wagner und Nietzsche zu Tucholsky, von Hermann Hesse bis zu Thomas Mann beeinflusst sein Denken Künstler und Schriftsteller bis heute.

Zum Buch

Während das Werk Arthur Schopenhauers in der akademischen Welt wie eh und je ein Randdasein fristet, fällt es nicht schwer, die nicht nachlassende Begeisterung bei allen anderen Philosophie-Interessierten nachzuvollziehen. Schopenhauers einzigartige Position in der Philosophiegeschichte folgt vor allem aus der ungewöhnlichen Verbindung von östlichem Buddhismus und deutschem Idealismus. Seine pessimistische Lebensphilosophie geht - für die deutsche Tradition ungewöhnlich - davon aus, dass der Welt ein irrationales Prinzip zugrunde liegt und das Leben letztlich Leiden bedeutet. Diese Annahme führt ihn jedoch nicht zu einem intellektualisierten Zynismus, sondern zu einer altruistischen Mitleidsethik, die auch heute noch die philosophische Grundlage für ein vernünftiges Lebenskonzept bieten kann.

Die vorliegende Auswahl zeigt Schopenhauer als Meister der sprachlich verdichteten Lebensweisheit: Sein virtuoser Sprachgebrauch, seine genaue Beobachtungsgabe und sein polemisches Talent machen Arthur Schopenhauer nicht nur zu einem der literarisch herausragendsten deutschen Philosophen, sondern sind ein Beispiel dafür, dass Philosophie kein trockenes Handwerk sein muss.

"In Hinsicht auf die Schätzung der Größe eines Menschen gilt für die geistige das umgekehrte Gesetz der physischen: Diese wird durch die Ferne verkleinert, jene vergrößert." Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer

Die Wahrheit kann warten

Arthur Schopenhauer

Die Wahrheit kann
warten,

denn sie hat ein langes Leben vor sich

Auswahl kleiner

philosophischer Schriften

Herausgegeben von

Bruno Kern


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2014

Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2013

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH

Bildnachweis: Federpflanze, Gemälde von Paul Klee

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0333-5

www.marixverlag.de

INHALT

„Das Leben ist eine missliche Sache!“

Über Philosophie und ihre Methode

Einige Betrachtungen über den Gegensatz des Dinges an sich und der Erscheinung

Einige Worte über den Pantheismus

Zur Philosophie und Wissenschaft der Natur

Zur Ethik

Zur Rechtslehre und Politik

Zur Lehre von der Unzerstörbarkeit unseres wahren Wesens durch den Tod

Nachträge zur Lehre von der Nichtigkeit des Daseins

Nachträge zur Lehre vom Leiden der Welt

Über den Selbstmord

Nachträge zur Lehre von der Bejahung und Verneinung des Willens zum Leben

Über Religion

Über das Schöne

Über Gelehrsamkeit und Gelehrte

Selbstdenken

Über Schriftstellerei und Stil

Über Lesen und Bücher

Psychologische Bemerkungen

Gleichnisse, Parabeln und Fabeln

Einige Verse

„DAS LEBEN IST EINE MISSLICHE SACHE!“
DIE WEISHEIT EINES GELASSENEN PESSIMISTEN

Er ist wahrscheinlich der meistgelesene Philosoph im deutschen Sprachraum überhaupt. Bis heute erfreut sich Arthur Schopenhauer einer schier unglaublichen Popularität, während er doch innerhalb der akademischen Philosophie eher ein Randdasein fristet – zu Unrecht, wie hoffentlich auch an diesem Band deutlich wird. Wenn man Kants Kritik der reinen Vernunft nachsagte, sogar die Friseurlehrlinge hätten sie seinerzeit verschlungen, dann passt dieses Diktum in unseren Tagen am ehesten noch auf Schopenhauers Hauptwerk, Die Welt als Wille und Vorstellung.

Sein Vater hatte für ihn eigentlich eine Karriere als Kaufmann vorgesehen und stellte ihm die Finanzierung einer Weltreise in Aussicht, falls er sich diesem Berufswunsch unterordnen würde. Der junge Schopenhauer akzeptierte den Deal, um freilich nach des Vaters Tod dessen Bedingung nicht zu erfüllen, seine Lehre abzubrechen, in schon fortgeschrittenem Alter ein Gymnasium zu besuchen und schließlich seine akademische Laufbahn mit einer Habilitation in Berlin zu krönen. Der innere Antrieb zur Philosophie aber erwuchs ihm zunächst aus der Erfahrung des Lebens selbst. Das biografische Schlüsselerlebnis, das ihn zum Nachdenken über das Dasein veranlasste, war das Leid von Galeerensklaven, das er in der französischen Hafenstadt Toulon erlebte. Der Anfang der Philosophie – für Aristoteles bekanntermaßen das Staunen – ist für ihn die Erfahrung des Leids der geschundenen Kreatur. Dies wird einen bleibenden Impetus seines Denkens bilden und begründet wohl auch seine Beschäftigung mit fernöstlichen Lehren wie dem Buddhismus.

Die Philosophie seiner Tage steht ganz im Zeichen von Kants „kopernikanischer Wende“. Kants „Transzendentalphilosophie“ wendet sich dem Nachdenken über die Bedingungen unseres Erkennens selbst zu, macht die Erkenntnistheorie anstelle der alten Metaphysik zur „prima philosophia“, zum Ausgangspunkt aller Philosophie. Mit den Anschauungsformen von Raum und Zeit und den Verstandeskategorien ist unser Erkennen Kant zufolge streng auf den Bereich der Erscheinungen beschränkt. Die objektive Ursache dieser immer schon von den subjektiven Voraussetzungen unserer Erkenntnisfähigkeit überformten Erscheinungen allerdings, das „Ding an sich“, bleibt unerkannt, das „ignotum X“, das man zwar eben als die Ursache der Erscheinungen postulieren muss, aber nicht „erkennen“ kann. Kant wird zum Ausgangspunkt der weiteren Entwicklung philosophischen Denkens, näherhin des Deutschen Idealismus, der in Hegel seinen Höhepunkt findet. Die Denker des Deutschen Idealismus arbeiten sich auf je ihre Weise an den verbleibenden Widersprüchen, unbefriedigenden Erklärungen und „dogmatischen Resten“ bei Kant ab, die sie mit ihren Systemen überwinden wollen. Unbefriedigend zum Beispiel ist bei Kant das nahezu beziehungslose Nebeneinanderbestehen von theoretischer und praktischer Vernunft. Einen Widerspruch stellt es dar, wenn Kant das „Ding an sich“ als Ursache der Welt der Erscheinungen postuliert und damit die Kategorie der Kausalität, die nur im Bereich der Erscheinungen ihre Gültigkeit hat, außerhalb dieses Bereiches anwendet. Nicht geklärt ist auch die Rolle dessen, was der subjektiven Erkenntnis die letzte integrierende Einheit verleiht, Kants „transzendentale Apperzeption“, usw.

Arthur Schopenhauer beschreitet – fernab von denen, die die philosophische Szene beherrschen – hierbei seinen eigenen, höchst originellen Weg. Das unserer Vorstellung von der Welt zugrunde liegende Reale, das kantische Ding an sich, ist für ihn der Wille als universales Lebensprinzip! Bestimmend für diese Einsicht ist es, dass sich der Mensch nicht nur als erkennendes Subjekt, sondern unmittelbar in seiner Leiblichkeit erfährt! Dieser Wille nun manifestiert sich innerhalb der gesamten Natur in immer höheren Stufen der Objektivation, bis er schließlich im Intellekt des Menschen selbst die Voraussetzungen seiner eigenen Anschauung hervorbringt. Unsere Welt, in der wir leben, ist also zugleich ihrem ganzen Wesen nach durch und durch Wille und durch und durch Vorstellung. Der Wille als universales Prinzip der Natur ist das tragende Fundament. In unserem Intellekt wird diese Welt als Wille zur Vorstellung.1

Mit diesem höchst originellen Ansatz, Kants Erkenntnisphilosophie weiterzudenken, blieb Schopenhauer ein Außenseiter. Sein Hauptwerk, das er im Jahr 1818 abschloss, erwies sich als „Flopp“ und wurde eingestampft. Nur einmal bekam er in Berlin die Gelegenheit, sein philosophisches System innerhalb eines Semesters vorzutragen – vor einer Zuhörerschaft, die nahezu an einer Hand abzuzählen war. Gegen den großen Star Hegel hatte Schopenhauer keine Chance. Lange Zeit lebte er völlig zurückgezogen in Frankfurt am Main. Erst am Ende seines Lebens wurde ihm doch noch die Anerkennung zuteil, die sein Werk allemal verdient. Und bis heute bleibt er für eine große Zahl von Menschen, die nie eine philosophische Vorlesung besucht haben, der nahezu einzige Mystagoge ins Nachdenken über die menschliche Existenz und die Welt.

Erste öffentliche Aufmerksamkeit erlangte Schopenhauer durch eben jenes Werk, aus dem dieser Band eine kleine Auswahl besonders schöner Kostproben bietet.2 Die Parerga und Paralipomena (wörtlich etwa: „Nebenarbeiten und Nachträge“) boten in zwei recht voluminösen Bänden allgemein verständliche Formulierungen seiner Weltanschauung, illustrierende Beobachtungen dazu, Reflexionen zu vielen Aspekten des Daseins, die in seinem Hauptwerk nur knapp zur Sprache kommen, und nicht zuletzt eine erfrischende Polemik gegen die etablierte Gelehrtenwelt, die institutionalisierte Religion etc. Schopenhauer vereinigt mehrere Talente in sich: Kants scharfe Analyse, Lichtenbergs geschliffene Polemik und die Weisheit eines Buddha finden sich in ihm gleichermaßen. Überdies erweist er sich auch als ein Meister der „Introspektion“, das heißt der Beobachtung und Analyse innerer psychischer Prozesse am Beispiel seiner selbst.

Diese kleine Auswahl will natürlich zunächst mit Schopenhauer selbst vertraut machen und hat sich deshalb bemüht, möglichst viele seiner Facetten zum Funkeln zu bringen. Ich habe mich nicht gescheut, auch kleine Texte aufzunehmen, die die Grundgedanken seiner Weltanschauung wiedergeben: Hier sind sie nämlich besonders konzise auf den Punkt gebracht und geeignet, Appetit auf Schopenhauers Hauptwerk zu machen. Ein leitender Gesichtspunkt der Auswahl war allerdings – ganz im Sinne Schopenhauers –, beim Leser und bei der Leserin die Lust am „Selbstdenken“ zu wecken. Schopenhauers „Erfolgsrezept“ liegt meines Erachtens vor allem darin begründet, dass er nicht nur ein „System“ vorlegt, sondern dass er in seinem Denken wie Leben zur „philosophischen Existenz“ ermutigt. Es gibt kaum einen Philosophen, bei dem Denken und Leben – sein Vegetarismus, seine anrührende Tierliebe, seine Empfindsamkeit für das Leid anderer, bis hin zu seinen liebenswürdig-kauzigen Seiten – so sehr in Einklang sind. Und entsprechend erfahrungsgesättigt und lebensdurchtränkt sind seine Gedanken. Selbst dann noch, wenn man glaubt, ihm entschieden widersprechen zu müssen, wird man von ihm lernen. Und selbst sein allseits bekannter Pessimismus erweist sich als wirksames Antidot gegen den gerade heutzutage herrschenden Terror des „positiven Denkens“.

So soll dieser kleine Auswahlband nicht nur das Lesevergnügen beflügeln, sondern mit Schopenhauer verführen zu einem philosophischen Leben und zu gelebter Philosophie überhaupt.

Bruno Kern

1Ein sehr plattes populäres Missverständnis hat Schopenhauer die Leugnung der Außenwelt, also einer objektiven Realität außerhalb unseres Bewusstseins, unterstellt. Diese Frage hat Schopenhauer allerdings als völlig irrelevant von sich gewiesen.

2Verwiesen sei an dieser Stelle an den ersten Auswahlband: Arthur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit, Wiesbaden 42012.

ÜBER PHILOSOPHIE UND IHRE METHODE

§ 1 Der Grund und Boden, auf dem alle unsere Erkenntnisse und Wissenschaften ruhen, ist das Unerklärliche. Auf dieses führt daher jede Erklärung, mittels mehr oder weniger Mittelglieder, zurück; wie auf dem Meer das Senkblei den Grund bald in größerer, bald in geringerer Tiefe findet, ihn jedoch überall zuletzt erreichen muss. Dieses Unerklärliche fällt der Metaphysik anheim.

§ 3 Zum Philosophieren sind die zwei ersten Erfordernisse diese: erstlich, dass man den Mut habe, keine Frage auf dem Herzen zu behalten; und zweitens, dass man alles das, was sich von selbst versteht, sich zum deutlichsten Bewusstsein bringe, um es als Problem aufzufassen. Endlich auch muss, um eigentlich zu philosophieren, der Geist wahrhaftig müßig sein: Er darf keine Zwecke verfolgen und also nicht vom Willen gelenkt werden, sondern muss sich ungeteilt der Belehrung hingeben, welche die anschauliche Welt und das eigene Bewusstsein ihm erteilen. –

Philosophieprofessoren hingegen sind auf ihren persönlichen Nutzen und Vorteil und was dahin führt bedacht: Da liegt ihr Ernst. Darum sehen sie so viele deutliche Dinge gar nicht, ja kommen nicht ein einziges Mal, auch nur über die Probleme der Philosophie, zur Besinnung.

§ 4 Der Dichter bringt Bilder des Lebens, menschliche Charaktere und Situationen vor die Fantasie, setzt das alles in Bewegung und überlässt nun jedem, bei diesen Bildern so weit zu denken, wie seine Geisteskraft reicht. Deshalb kann er Menschen von den verschiedensten Fähigkeiten, ja Toren und Weisen zugleich genügen. Der Philosoph hingegen bringt nicht in jener Weise das Leben selbst, sondern die fertigen, von ihm daraus abstrahierten Gedanken, und fordert nun, dass sein Leser ebenso und ebenso weit denke, wie er selbst. Der Dichter ist demnach dem zu vergleichen, der die Blumen, der Philosoph dem, der die Quintessenz derselben bringt. […]

§ 5 Der philosophische Schriftsteller ist der Führer und sein Leser der Wanderer. Sollen sie zusammen ankommen, so müssen sie, vor allen Dingen, zusammen ausgehen: Das heißt, der Autor muss seinen Leser aufnehmen auf einem Standpunkt, den sie sicherlich gemein haben: Dies aber kann kein anderer sein als der des uns allen gemeinsamen empirischen Bewusstseins. Hier also fasse er ihn fest an der Hand und sehe nun, wie hoch über die Wolken hinaus er, auf dem Bergespfade, Schritt für Schritt, mit ihm gelangen könne. So hat es auch noch Kant gemacht: Er geht vom ganz gemeinen Bewusstsein, sowohl des eigenen Selbst als auch der andern Dinge, aus. – Wie verkehrt ist es hingegen, den Ausgang nehmen zu wollen vom Standpunkte einer angeblichen intellektualen Anschauung hyperphysischer Verhältnisse, oder gar Vorgänge, oder auch einer das Übersinnliche vernehmenden Vernunft. Denn das alles heißt vom Standpunkte nicht unmittelbar mitteilbarer Erkenntnisse ausgehen, wo daher, schon beim Ausgange selbst, der Leser nie weiß, ob er bei seinem Autor stehe oder meilenweit von ihm.

§ 7 Weder unsere Kenntnisse noch unsere Einsichten werden jemals durch Vergleichen und Diskutieren des von andern Gesagten sonderlich vermehrt werden; denn das ist immer nur, wie wenn man Wasser aus seinem Gefäß in ein anderes gießt. Nur durch eigene Betrachtung der Dinge selbst können Einsicht und Kenntnis wirklich bereichert werden: Denn sie allein ist die stets bereite und stets naheliegende lebendige Quelle. Demnach ist es seltsam anzusehen, wie seinwollende Philosophen stets auf dem ersteren Wege beschäftigt sind und den andern gar nicht zu kennen scheinen, wie sie immer es vorhaben mit dem, was dieser gesagt hat und was wohl jener gemeint haben mag, sodass sie gleichsam stets von Neuem alte Gefäße umstülpen, um zu sehen, ob nicht irgendein Tröpfchen darin zurückgeblieben sei, während die lebendige Quelle vernachlässigt zu ihren Füßen fließt. Nichts verrät so sehr wie dieses ihre Unfähigkeit und zeiht ihre angenommene Miene von Wichtigkeit, Tiefsinn und Originalität der Lüge.

§ 11 […] Das, was man weiß, hat doppelten Wert, wenn man zugleich das, was man nicht weiß, nicht zu wissen eingesteht. Denn dadurch wird Ersteres von dem Verdacht frei, dem man es aussetzt, wenn man, wie zum Beispiel die Schellingianer, auch das, was man nicht weiß, zu wissen vorgibt.

§ 14 […] Die Religionen haben sich der metaphysischen Anlage des Menschen bemächtigt, indem sie teils solche durch frühzeitiges Einprägen ihrer Dogmen lähmen, teils alle freien und unbefangenen Äußerungen derselben verbieten und verpönen, sodass dem Menschen über die wichtigsten und interessantesten Angelegenheiten, über sein Dasein selbst, das freie Forschen teils direkt verboten, teils indirekt gehindert, teils subjektiv durch jene Lähmung unmöglich gemacht wird, und dergestalt die erhabenste seiner Anlagen in Fesseln liegt.

§ 15 Um uns gegen fremde, der unsrigen entgegengesetzte Ansichten tolerant und beim Widerspruch geduldig zu machen, ist vielleicht nichts wirksamer als die Erinnerung, wie häufig wir selbst über denselben Gegenstand sukzessive ganz entgegengesetzte Meinungen gehegt und solche, bisweilen sogar in sehr kurzer Zeit, wiederholt gewechselt, bald die eine Meinung, bald wieder ihr Gegenteil, verworfen und wieder aufgenommen haben; je nachdem der Gegenstand bald in diesem, bald in jenem Licht sich uns darstellte.

Desgleichen ist, um unserem Widerspruche gegen die Meinung eines anderen bei diesem Eingang zu verschaffen, nichts geeigneter als die Rede: „Dasselbe habe ich früher auch gemeint, aber …“ usw.

§ 16 Eine Irrlehre, sei sie aus falscher Ansicht gefasst oder aus schlechter Absicht entsprungen, ist stets nur auf spezielle Umstände, folglich auf eine gewisse Zeit berechnet; die Wahrheit allein auf alle Zeit, wenn sie auch eine Weile verkannt oder erstickt werden kann. Denn sobald nur ein wenig Licht von innen oder ein wenig Luft von außen kommt, findet sich jemand ein, sie zu verkündigen oder zu verteidigen. Weil sie nämlich nicht aus der Absicht irgendeiner Partei entsprungen ist, so wird zu jeder Zeit jeder vorzügliche Kopf ihr Verfechter. Denn sie gleicht dem Magneten, der stets und überall nach einem absolut bestimmten Weltpunkte weist; die Irrlehre hingegen einer Statue, die mit der Hand auf eine andere Statue hinweist, von welcher einmal getrennt sie alle Bedeutung verloren hat.

§ 17 Was der Auffindung der Wahrheit am meisten entgegensteht, ist nicht der aus den Dingen hervorgehende und zum Irrtum verleitende falsche Schein, noch auch unmittelbar die Schwäche des Verstandes, sondern es ist die vorgefasste Meinung, das Vorurteil, welches, als ein After-Apriori, der Wahrheit sich entgegenstellt und dann einem widrigen Winde gleicht, der das Schiff von der Richtung, in der allein das Land liegt, zurücktreibt, sodass jetzt Steuer und Segel vergeblich tätig sind.

EINIGE BETRACHTUNGEN ÜBER DEN GEGENSATZ DES DINGES AN SICH UND DER ERSCHEINUNG

§ 61 Ding an sich bedeutet das unabhängig von unserer Wahrnehmung Vorhandene, also das eigentlich Seiende. Dies war dem Demokritos die geformte Materie; dasselbe war es im Grunde noch dem Locke; Kanten war es = x; mir Wille. […]

§ 62 Wie wir von der Erdkugel bloß die Oberfläche, nicht aber die große, solide Masse des Innern kennen, so erkennen wir empirisch von den Dingen und der Welt überhaupt nichts als nur ihre Erscheinung, das ist die Oberfläche. Die genaue Kenntnis dieser ist die Physik, im weitesten Sinne genommen; dass aber diese Oberfläche ein Inneres, welches nicht bloß Fläche sei, sondern kubischen Gehalt habe, voraussetzt, ist, nebst Schlüssen auf die Beschaffenheit desselben, das Thema der Metaphysik. Nach den Gesetzen der bloßen Erscheinung das Wesen an sich selbst der Dinge konstruieren zu wollen ist ein Unternehmen dem zu vergleichen, dass einer aus bloßen Flächen und deren Gesetzen den stereometrischen Körper konstruieren wollte. Jede transzendente dogmatische Philosophie ist ein Versuch, das Ding an sich nach den Gesetzen der Erscheinung zu konstruieren, welcher ausfällt wie der, zwei absolut unähnliche Figuren durch einander zu decken, welches stets misslingt, indem, wie man sie auch wenden mag, bald diese, bald jene Ecke hervorragt.

§ 63 Weil jegliches Wesen in der Natur zugleich Erscheinung und Ding an sich, oder auch natura naturata und natura naturans3, ist, so ist es demgemäß einer zweifachen Erklärung fähig, einer physischen und einer metaphysischen. Die physische ist allemal aus der Ursache, die metaphysische allemal aus dem Willen; denn dieser ist es, der in der erkenntnislosen Natur sich darstellt als Naturkraft, höher hinauf als Lebenskraft, im Tier und Mensch aber den Namen Willen erhält. […]

§ 64 Alles Verstehen ist ein Akt des Vorstellens, bleibt daher wesentlich auf dem Gebiete der Vorstellung. Da nun diese nur Erscheinungen liefert, ist es auf die Erscheinung beschränkt. Wo das Ding an sich anfängt, hört die Erscheinung auf, folglich auch die Vorstellung, und mit dieser das Verstehen. An dessen Stelle tritt aber hier das Seiende selbst, welches sich seiner bewusst wird als Wille. Wäre dieses Sichbewusstwerden ein unmittelbares, so hätten wir eine völlig adäquate Erkenntnis des Dinges an sich. Weil es aber dadurch vermittelt ist, dass der Wille den organischen Leib und, mittels eines Teiles desselben, sich einen Intellekt schafft, dann aber erst durch diesen sich im Selbstbewusstsein als Willen findet und erkennt, so ist diese Erkenntnis des Dinges an sich erstlich durch das darin schon enthaltene Auseinandertreten eines Erkennenden und eines Erkannten und sodann durch die vom zerebralen Selbstbewusstsein unzertrennliche Form der Zeit bedingt, daher also nicht völlig erschöpfend und adäquat. […]

§ 66 Der Grundcharakter aller Dinge ist Vergänglichkeit. Wir sehen in der Natur alles, vom Metall bis zum Organismus, teils durch sein Dasein selbst, teils durch den Konflikt mit anderen, sich aufreiben und verzehren. Wie könnte dabei die Natur das Erhalten der Formen und Erneuern der Individuen, die zahllose Wiederholung des Lebensprozesses, eine unendliche Zeit hindurch aushalten, ohne zu ermüden, wenn nicht ihr eigener Kern ein Zeitloses und dadurch völlig Unverwüstliches wäre, ein Ding an sich, ganz anderer Art als seine Erscheinungen, ein allem Physischen heterogenes Metaphysisches? – Dieses ist der Wille in uns und in allem.

In jedem Lebewesen ist das ganze Zentrum der Welt. Darum ist seine Existenz ihm alles in allem. Darauf beruht auch der Egoismus. Zu glauben, der Tod vernichte es, ist höchst lächerlich, da alles Dasein von ihm allein ausgeht. […]

3Etwa: gewirkte (geschaffene) und wirkende (schaffende) Natur.

EINIGE WORTE ÜBER DEN PANTHEISMUS

§ 68 Die in jetziger Zeit unter den Philosophieprofessoren geführte Kontroverse zwischen Theismus und Pantheismus könnte man allegorisch und dramatisch darstellen durch einen Dialog, der im Parterre eines Schauspielhauses in Mailand während der Vorstellung geführt würde. Der eine Kollokutor, überzeugt, sich in dem großen, berühmten Puppenspieltheater des Girolamo zu befinden, bewundert die Kunst, mit welcher der Direkteur die Puppen verfertigt hat und das Spiel lenkt. Der andere sagt dagegen: Ganz und gar nicht! Sondern man befände sich im Teatro della Scala, der Direkteur und seine Gesellen spielten selbst mit und steckten in den Personen, die man da vor sich sehe, wirklich drin; auch der Dichter spiele mit.

Ergötzlich aber ist es zu sehen, wie die Philosophieprofessoren mit dem Pantheismus wie mit einer verbotenen Frucht liebäugeln und nicht das Herz haben, zuzugreifen. Ihr Verhalten dabei habe ich bereits in der Abhandlung über die Universitätsphilosophie geschildert, wobei wir an den Weber Bottom im Johannisnachtstraum erinnert wurden. – Ach, es ist doch ein saures Stück Brot, das Philosophieprofessorenbrot! Erst muss man nach der Pfeife des Ministers tanzen, und wenn man nun das recht zierlich geleistet hat, da kann man draußen noch angefallen werden von den wilden Menschenfressern, den wirklichen Philosophen: Die sind imstande, einen einzustecken und mitzunehmen, um ihn als Taschenpulcinello zur Aufheiterung bei ihren Darstellungen gelegentlich hervorzuziehen.

§ 69 Gegen den Pantheismus habe ich hauptsächlich nur dieses: dass er nichts besagt. Die Welt Gott nennen heißt nicht, sie erklären, sondern nur die Sprache mit einem überflüssigen Synonym des Wortes Welt bereichern. Ob ihr sagt „Die Welt ist Gott“ oder „Die Welt ist die Welt“ läuft auf eins hinaus. Zwar wenn man dabei von Gott, als wäre er das Gegebene und zu Erklärende ausgeht, also sagt: „Gott ist die Welt“, da gibt es gewissermaßen eine Erklärung, sofern es doch ignotum auf notius4 zurückführt; doch ist es nur eine Worterklärung. Allein wenn man von dem wirklich Gegebenen, also der Welt, ausgeht und sagt „Die Welt ist Gott“, da liegt am Tage, dass damit nichts gesagt oder wenigstens ignotum per ignotius5 erklärt ist.

Daher eben setzt der Pantheismus den Theismus als ihm vorhergegangen voraus: Denn nur sofern man von einem Gott ausgeht, also ihn schon vorweg hat und mit ihm vertraut ist, kann man zuletzt dahin kommen, ihn mit der Welt zu identifizieren, eigentlich, um ihn auf eine anständige Art zu beseitigen. Man ist nämlich nicht unbefangen von der Welt als dem zu Erklärenden ausgegangen, sondern von Gott als dem Gegebenen. Nachdem man aber bald mit diesem nicht mehr wusste wohin, da hat die Welt seine Rolle übernehmen sollen. Dies ist der Ursprung des Pantheismus. Denn von vornherein und unbefangenerweise diese Welt für einen Gott anzusehen wird keinem einfallen. Es müsste ja offenbar ein übel beratener Gott sein, der sich keinen besseren Spaß zu machen verstände, als sich in eine Welt wie die vorliegende zu verwandeln, in so eine hungrige Welt, um daselbst in Gestalt zahlloser Millionen lebender, aber geängstigter und gequälter Wesen, die sämtlich nur dadurch eine Weile bestehen, dass eines das andere auffrisst, Jammer, Not und Tod ohne Maß und Ziel zu erdulden, zum Beispiel in Gestalt von sechs Millionen Negersklaven, täglich, im Durchschnitt, sechzig Millionen Peitschenhiebe auf bloßem Leibe zu empfangen und in Gestalt von drei Millionen europäischer Weber unter Hunger und Kummer in dumpfigen Kammern oder trostlosen Fabriksälen schwach zu vegetieren und dergleichen mehr. Das wäre mir eine Kurzweil für einen Gott, der als solcher es doch ganz anders gewohnt sein müsste!

Demnach ist der vermeintliche große Fortschritt vom Theismus zum Pantheismus, wenn man ihn ernstlich und nicht bloß als maskierte Negation, wie oben angedeutet, nimmt, ein Übergang vom Unerwiesenen und schwer Denkbaren zum geradezu Absurden. Denn so undeutlich, schwankend und verworren der Begriff auch sein mag, den man mit dem Worte Gott verbindet, so sind doch zwei Prädikate davon unzertrennlich: die höchste Macht und die höchste Weisheit. Dass nun ein mit diesen ausgerüstetes Wesen sich selbst in die oben beschriebene Lage versetzt haben sollte, ist geradezu ein absurder Gedanke. Denn unsere Lage in der Welt ist offenbar eine solche, in die sich kein intelligentes, geschweige denn ein allweises Wesen versetzen wird. – Pantheismus ist notwendig Optimismus und daher falsch. Der Theismus hingegen ist bloß unerwiesen, und wenn es auch schwer zu denken fällt, dass die unendliche Welt das Werk eines persönlichen, mithin individuellen Wesens, dergleichen wir nur aus der animalischen Natur kennen, sei, so ist es doch nicht geradezu absurd. Denn dass ein allmächtiges und dabei allweises Wesen eine gequälte Welt schaffe, lässt sich immer noch denken, wenngleich wir das Warum dazu nicht kennen. Daher, selbst wenn man demselben auch noch die Eigenschaft der höchsten Güte beilegt, die Unerforschlichkeit seines Ratschlusses die Ausflucht wird, durch welche eine solche Lehre immer noch dem Vorwurf der Absurdität entgeht. Aber bei der Annahme des Pantheismus ist der schaffende Gott selbst der endlos Gequälte und, auf dieser kleinen Erde allein, in jeder Sekunde einmal Sterbende, und solches ist er aus freien Stücken. Das ist absurd. Viel richtiger wäre es, die Welt mit dem Teufel zu identifizieren. […]

Offenbar geben diese Pantheisten dem Sansara6 den Namen Gott. Denselben Namen geben hingegen die Mystiker dem Nirwana. Von diesem erzählen sie jedoch mehr als sie wissen können, welches die Buddhisten nicht tun, daher ihr Nirwana eben ein relatives Nichts ist. – In seinem eigentlichen und richtigen Sinn gebrauchen das Wort Gott die Synagoge, die Kirche und der Islam. Wenn unter den Theisten welche sind, die unter dem Namen Gott das Nirwana verstehen, so wollen wir um den Namen mit ihnen nicht streiten. Die Mystiker sind es, welche es so zu verstehen scheinen. Re intellecta, in verbis simus faciles.7

Der heutzutage oft gehörte Ausdruck „Die Welt ist Selbstzweck“ lässt unentschieden, ob man sie durch Pantheismus oder durch bloßen Fatalismus erkläre, gestattet aber jedenfalls nur eine physische, keine moralische Bedeutung derselben, indem, bei Annahme dieser letzteren, die Welt allemal sich als Mittel darstellt zu einem höheren Zweck. Aber eben jener Gedanke, dass die Welt bloß eine physische, keine moralische Bedeutung habe, ist der heilloseste Irrtum, entsprungen aus der größten Perversität des Geistes.

4 Das Unbekannte auf Bekannteres.

5 Das Unbekannte durch das noch Unbekanntere.

6 Immerwährender Zyklus des Seins bzw. Kreislauf der Wiedergeburten in den indischen Religionen (Hinduismus, Jainismus, Buddhismus).

7 Etwa: Wenn das Verständnis der Sache gegeben ist, dann mögen wir nicht um Worte streiten.

ZUR PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT DER NATUR

§ 70 Die Natur ist der Wille, sofern er sich selbst außer sich erblickt, wozu sein Standpunkt ein individueller Intellekt sein muss. Dieser ist ebenfalls sein Produkt.

§ 72 Wenn man betrachtet, wie die Natur, während sie um die Individuen wenig besorgt ist, mit so übertriebener Sorgfalt über die Erhaltung der Gattung wacht, mittels der Allgewalt des Geschlechtstriebes und vermöge des unberechenbaren Überschusses der Keime, welcher, bei Pflanzen, Fischen, Insekten, das Individuum oft mit mehreren Hunderttausenden zu ersetzen bereit ist, so kommt man auf die Vermutung, dass, wie der Natur die Hervorbringung des Individuums ein Leichtes ist, so die ursprüngliche Hervorbringung einer Gattung ihr äußerst schwer werde. Demgemäß sehen wir diese nie neu erstehen […] und die höchst wenigen untergegangenen Species der jetzt die Erde bevölkernden Fauna […] vermag die Natur, obwohl sie in ihrem Plan gelegen haben, nicht wieder zu ersetzen – daher wir stehen und uns wundern, dass es unserer Gier gelungen ist, ihr einen solchen Streich zu spielen.

§ 74 Unter philosophisch rohen Leuten, denen alle die beizuzählen sind, welche die kantische Philosophie nicht studiert haben […], welche getrost auf der Grundlage ihres Katechismus philosophieren, besteht noch der alte, grundsätzliche Gegensatz zwischen Geist und Materie. […]

In Wahrheit aber gibt es weder Geist noch Materie, wohl aber viel Unsinn und Hirngespinste in der Welt. Das Streben der Schwere im Stein ist geradeso unerklärlich wie das Denken im Menschlichen Gehirn, würde also aus diesem Grund auch auf einen Geist im Stein schließen lassen. Ich würde daher zu jenen Disputanten sagen: Ihr glaubt eine tote, das heißt vollkommen passive und eigenschaftslose Materie zu erkennen, weil ihr alles das wirklich zu verstehen wähnt, was ihr auf mechanische Wirkung zurückzuführen vermögt. Aber wie die physikalischen und chemischen Wirkungen euch eigenständig unbegreiflich sind, solange ihr sie nicht auf mechanische zurückzuführen wisst, geradeso sind diese mechanischen Wirkungen selbst, also die Äußerungen, welche aus der Schwere, der Undurchdringlichkeit, der Kohäsion, der Härte, der Starrheit, der Elastizität, der Fluidität usw. hervorgehen, ebenso geheimnisvoll wie jene, ja, wie das Denken im Menschenkopf. Kann die Materie, ihr wisst nicht warum, zur Erde fallen, so kann sie auch, ihr wisst nicht warum, denken. Das wirklich rein und durch und durch, bis auf das Letzte, Verständliche in der Mechanik geht nicht weiter als das rein Mathematische in jeder Erklärung, ist also beschränkt auf Bestimmungen des Raumes und der Zeit. Nun sind aber diese beiden, samt ihrer ganzen Gesetzlichkeit, uns a priori bewusst, sind daher bloße Formen unseres Erkennens und gehören ganz allein unseren Vorstellungen an. Ihre Bestimmungen sind also im Grunde subjektiv und betreffen nicht das rein Objektive, das von unserer Erkenntnis Unabhängige, das Ding an sich selbst. Sobald wir aber selbst in der Mechanik weiter gehen als das rein Mathematische, sobald wir zur Undurchdringlichkeit, zur Schwere, zur Starrheit oder Fluidität oder Gaseität kommen, stehen wir schon bei Äußerungen, die uns ebenso geheimnisvoll sind wie das Denken und Wollen des Menschen, also beim direkt Unergründlichen: Denn ein solches ist jede Naturkraft. Wo bleibt nun also jene Materie, die ihr so intim kennt und versteht, dass ihr alles aus ihr erklären, alles auf sie zurückführen wollt? – Rein begreiflich und ganz ergründlich ist immer nur das Mathematische, weil es das im Subjekt, in unserem eigenen Vorstellungsapparat Wurzelnde ist. Sobald aber etwas eigentlich Objektives auftritt, etwas a priori nicht Bestimmbares, da ist es auch sofort in letzter Instanz unergründlich. Was überhaupt Sinne und Verstand wahrnehmen, ist eine ganz oberflächliche Erscheinung, die das wahre und innere Wesen der Dinge unberührt lässt. Das wollte Kant. Nehmt ihr nun im Menschenkopf, als Deus ex machina, einen Geist an, so müsst ihr, wie gesagt, auch jedem Stein einen Geist zugestehen. Kann hingegen eure tote und rein passive Materie als Schwere streben oder als Elektrizität anziehen, abstoßen und Funken schlagen, so kann sie auch als Gehirnbrei denken. Kurz, jedem angeblichen Geist kann man Materie, aber auch jeder Materie Geist unterlegen, woraus sich ergibt, dass der Gegensatz falsch ist. […]

§ 93 Das Leben lässt sich definieren als der Zustand eines Körpers, darin er, unter beständigem Wechsel der Materie, seine ihm wesentliche (substanzielle) Form allezeit behält. – Wollte man mir einwenden, dass auch ein Wasserstrudel oder Wasserfall seine Form unter stetem Wechsel der Materie behält, so wäre zu antworten, dass bei diesen die Form durchaus nicht wesentlich, sondern, allgemeine Naturgesetze befolgend, durch und durch zufällig ist, indem sie von äußeren Umständen abhängt, durch deren Veränderung man auch die Form beliebig ändern kann, ohne dadurch das Wesentliche anzutasten.

§ 99 Mir hat die Ansicht gar sehr eingeleuchtet, dass die akuten Krankheiten, von einigen Ausnahmen abgesehen, nichts anderes sind als Heilungsprozesse, welche die Natur selbst einleitet, zur Abstellung irgendeiner im Organismus eingerissenen Unordnung; zu welchem Zwecke nun die vis naturae medicatrix8, mit diktatorischer Gewalt bekleidet, außerordentliche Maßregeln ergreift, und diese machen die fühlbare Krankheit aus. Den einfachsten Typus dieses so allgemeinen Hergangs liefert uns der Schnupfen. Durch Erkältung ist die Tätigkeit der äußeren Haut paralysiert und hierdurch die so mächtige Exkretion mittels der Exhalation9 aufgehoben, welches den Tod des Individuums herbeiführen könnte. Da tritt alsbald die innere Haut, die Schleimhaut, für jene äußere vikarierend10 ein: Hierin besteht der Schnupfen, eine Krankheit. Offenbar ist aber diese bloß das Heilmittel des eigentlichen, aber nicht fühlbaren Übels, des Stillstandes der Hautfunktion. Diese Krankheit, der Schnupfen, durchläuft nun dieselben Stadien wie jede andere: den Eintritt, die Steigerung, die Akme11 und die Abnahme. Anfangs akut, wird sie allmählich chronisch und hält nun als solche an, bis das fundamentale, aber selbst nicht fühlbare Übel, die Lähmung der Hautfunktion, vorüber ist. Daher ist es lebensgefährlich, den Schnupfen zurückzutreiben. Derselbe Hergang macht das Wesen der allermeisten Krankheiten aus, und diese sind eigentlich nur das Medikament der vis naturae medicatrix. […]

8 Die heilende Kraft der Natur.

9 Ausscheidung mittels Ausdünstung.

10Stellvertretend.

11Höhepunkt.

ZUR ETHIK

§ 108 Physikalische Wahrheiten können viel äußere Bedeutsamkeit haben, aber die innere fehlt ihnen. Diese ist das Vorrecht der intellektuellen und moralischen Wahrheiten, welche die höchsten Stufen der Objektivation des Willens zum Thema haben, während jene die niedrigsten. Zum Beispiel wenn wir Gewissheit darüber erlangen, dass, wie man jetzt nur mutmaßt, die Sonne am Äquator Thermoelektrizität, diese den Magnetismus der Erde und dieser das Polarlicht verursacht, so wären diese Wahrheiten von vieler äußeren Bedeutsamkeit, an innerer aber arm. Beispiele von dieser letzteren hingegen liefern nicht nur alle hohen und wahren Philosopheme, sondern auch die Katastrophe jedes guten Trauerspiels, ja auch die Beobachtung menschlichen Handelns in den extremen Äußerungen der Moralität und Immoralität desselben, also der Bosheit und Güte: Denn in allen diesen tritt das Wesen hervor, dessen Erscheinung die Welt ist, und legt, auf der höchsten Stufe der Objektivation, sein Inneres zutage.

§ 109 Dass die Welt bloß eine physische, keine moralische Bedeutung habe, ist der größte, der verderblichste, der fundamentale Irrtum, die eigentliche Perversität der Gesinnung, und ist wohl im Grunde auch das, was der Glaube als den Antichrist personifiziert hat. Dennoch und allen Religionen zum Trotz, welche sämtlich das Gegenteil davon behaupten und solches in ihrer mythischen Weise zu begründen suchen, stirbt jener Grundirrtum nie ganz auf Erden aus, sondern erhebt immer, von Zeit zu Zeit, sein Haupt von Neuem, bis ihn die allgemeine Indignation abermals zwingt, sich zu verstecken. […]

§ 114 Immer von Neuem fühlt sich, wer unter Menschen lebt, zu der Annahme versucht, dass moralische Schlechtigkeit und intellektuelle Unfähigkeit eng zusammenhängen, indem sie direkt einer Wurzel entsprössen. […] Jener Anschein, der bloß daraus entspringt, dass man beide so gar oft beisammen findet, ist gänzlich aus dem sehr häufigen Vorkommen beider zu erklären, infolgedessen ihnen leicht begegnet, unter einem Dache wohnen zu müssen. Dabei ist aber nicht zu leugnen, dass sie einander zu gegenseitigem Vorteil in die Hände spielen, wodurch denn die so unerfreuliche Erscheinung zustande kommt, welche nur zu viele Menschen darbieten, und die Welt geht, wie sie geht. Namentlich ist der Unverstand dem deutlichen Sichtbarwerden der Falschheit, Niederträchtigkeit und Bosheit günstig, während die Klugheit diese besser zu verhüllen versteht. Und wie oft hindert andererseits die Perversität des Herzens den Menschen, Wahrheiten einzusehen, denen sein Verstand ganz wohl gewachsen wäre.

Jedoch, es erhebe sich keiner. Wie jeder, auch das größte Genie, in irgendeiner Sphäre der Erkenntnis entschieden borniert ist und dadurch seine Stammverwandtschaft mit dem wesentlich verkehrten und absurden Menschengeschlecht beurkundet, so trägt auch jeder moralisch etwas durchaus Schlechtes in sich, und selbst der beste, ja edelste Charakter wird uns bisweilen durch einzelne Züge von Schlechtigkeit überraschen, gleichsam, um seine Verwandtschaft mit dem Menschengeschlecht, unter welchem jeder Grad von Nichtswürdigkeit, ja Grausamkeit, vorkommt, anzuerkennen. Denn gerade kraft dieses Schlechten in ihm, dieses bösen Prinzips, hat er ein Mensch werden müssen. Und aus demselben Grunde ist überhaupt die Welt das, als was mein treuer Spiegel derselben sie gezeigt hat. […]

Daher eben kommen die vierbeinigen Freundschaften so vieler Menschen besserer Art: Denn freilich, woran sollte man sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen, wenn die Hunde nicht wären, in deren ehrliches Gesicht man ohne Misstrauen schauen kann? – Ist doch unsere zivilisierte Welt nur eine große Maskerade. Man trifft daselbst Ritter, Pfaffen, Doktoren, Advokaten, Priester, Philosophen und was nicht alles an! Aber sie sind nicht, was sie vorstellen: Sie sind bloße Masken, unter welchen, in der Regel, Geldspekulanten (moneymakers) stecken. Doch nimmt auch wohl einer die Maske des Rechts, die er sich dazu beim Advokaten geborgt hat, vor, bloß um auf einen anderen tüchtig losschlagen zu können; wieder einer hat, zum selben Zweck, die des öffentlichen Wohls und des Patriotismus gewählt; ein Dritter die der Religion, der Glaubensreinigkeit. Zu allerlei Zwecken hat schon mancher die Maske der Philosophie, wohl auch der Philanthropie und dergleichen mehr vorgesteckt. […]

Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustand der Bändigung und Zähmung, welche Zivilisation heißt. Daher erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur. Aber wo und wann einmal Schloss und Kette der gesetzlichen Ordnung abgefallen und Anarchie eintritt, da zeigt sich, was er ist. – Wer inzwischen auch ohne solche Gelegenheit sich darüber aufklären möchte, der kann die Überzeugung, dass der Mensch an Grausamkeit und Unerbittlichkeit keinem Tiger und keiner Hyäne nachsteht, aus hundert alten und neuen Berichten schöpfen. […]

Gobineau (des races humaines12) hat den Menschen l’animal méchant par excellence13 genannt, welches die Leute übel nehmen, weil sie sich getroffen fühlen. Er hat aber recht. Denn der Mensch ist das einzige Tier, welches anderen Schmerz verursacht ohne weiteren Zweck als eben diesen. Die anderen Tiere tun es nie anders, als um ihren Hunger zu befriedigen, oder im Zorn des Kampfes. Wenn dem Tiger nachgesagt wird, er töte mehr, als er auffresse, so würgt er alles doch nur in der Absicht, es zu fressen, und es liegt bloß daran, dass, wie die französische Redensart es ausdrückt, ses yeux sont plus grands que son estomac14. Kein Tier jemals quält, bloß um zu quälen, aber dies tut der Mensch, und dies macht den teuflischen Charakter aus, der weit ärger ist als der bloß tierische. Von der Sache im Großen ist schon geredet, aber auch im Kleinen wird sie deutlich, wo denn jeder sie zu beobachten täglich Gelegenheit hat. Zum Beispiel wenn zwei junge Hunde miteinander spielen, so friedlich und lieblich anzusehen – und ein Kind von drei bis vier Jahren kommt dazu, so wird es sogleich mit seiner Peitsche oder seinem Stock heftig dareinschlagen, fast unausbleiblich, und dadurch zeigen, dass es schon jetzt l’animal méchant par excellence ist. Sogar auch die so häufige zwecklose Neckerei und der Schabernack entspringen aus dieser Quelle. Zum Beispiel hat man etwa über irgendeine Störung oder sonstige kleine Unannehmlichkeit sein Missbehagen geäußert, so wird es nicht an Leuten fehlen, die sie gerade deshalb zuwege bringen: l’animal méchant par excellence! Dies ist so gewiss, dass man sich hüten soll, sein Missfallen an kleinen Übelständen zu äußern, sogar auch umgekehrt sein Wohlgefallen an irgendeiner Kleinigkeit. Denn im letzteren Fall werden sie es machen wie jener Gefängniswärter, der, als er entdeckte, dass sein Gefangener das mühsame Kunststück vollbracht hatte, eine Spinne zahm zu machen, und an ihr seine Freude hatte, sie sogleich zertrat: l’animal méchant par excellence! Darum fürchten alle Tiere instinktmäßig den Anblick, ja die Spur des Menschen – des animal méchant par excellence. Der Instinkt trügt auch hier nicht: Denn allein der Mensch macht Jagd auf das Wild, welches ihm weder nützt noch schadet. […]

Wirklich also liegt im Herzen eines jeden ein wildes Tier, das nur auf Gelegenheit wartet, um zu toben und zu rasen, indem es andern wehe tun und, wenn sie gar ihm den Weg versperren, sie vernichten möchte: Es ist eben das, woraus alle Kampf- und Kriegslust entspringt; und eben das, welches zu bändigen und einigermaßen in Schranken zu halten die Erkenntnis, sein beigegebener Wächter, stets vollauf zu tun hat. Immerhin mag man es das radikale Böse nennen, womit wenigstens denen, welchen ein Wort die Stelle einer Erklärung vertritt, gedient sein wird. Ich aber sage: Es ist der Wille zum Leben, der, durch das stete Leiden des Daseins mehr und mehr erbittert, seine eigene Qual durch das Verursachen der Fremden zu erleichtern sucht. Aber auf diesem Wege entwickelt er sich allmählich zur eigentlichen Bosheit und Grausamkeit. Auch kann man hierzu die Bemerkung machen, dass, wie – nach Kant – die Materie nur durch den Antagonismus der Expansions- und Kontraktionskraft besteht, so die menschliche Gesellschaft nur durch den des Hasses, oder Zorns, und der Furcht. Denn die Gehässigkeit unserer Natur würde vielleicht jeden einmal zum Mörder machen, wenn ihr nicht eine gehörige Dosis Furcht beigegeben wäre, um sie in Schranken zu halten; und wiederum diese allein würde ihn zum Spott und Spiel jedes Buben machen, wenn nicht in ihm der Zorn bereit läge und Wache hielte.

Der schlechteste Zug in der menschlichen Natur bleibt aber die Schadenfreude, da sie der Grausamkeit eng verwandt ist, ja eigentlich von dieser sich nur wie Theorie und Praxis unterscheidet, überhaupt aber da eintritt, wo das Mitleid seine Stelle finden sollte, welches, als ihr Gegenteil, die wahre Quelle aller echten Gerechtigkeit und Menschenliebe ist. In einem andern Sinne dem Mitleid entgegengesetzt ist der Neid, sofern er nämlich durch den entgegengesetzten Anlass hervorgerufen wird: Sein Gegensatz zum Mitleid beruht also zunächst auf dem Anlass, und erst infolge hiervon zeigt er sich auch in der Empfindung selbst. Daher eben ist der Neid, wenngleich verwerflich, doch noch einer Entschuldigung fähig und überhaupt menschlich, während die Schadenfreude teuflisch und ihr Hohn das Gelächter der Hölle ist. Sie tritt, wie gesagt, gerade da ein, wo Mitleid eintreten sollte; der Neid hingegen doch nur da, wo kein Anlass zu diesem, vielmehr zum Gegenteil desselben vorhanden ist; und eben als dieses Gegenteil entsteht er in der menschlichen Brust, mithin so weit noch als eine menschliche Gesinnung: Ja, ich befürchte, dass keiner ganz frei davon befunden werden wird. Denn dass der Mensch beim Anblick fremden Genusses und Besitzes den eigenen Mangel bitterer fühle, ist natürlich, ja unvermeidlich; nur sollte dies nicht seinen Hass gegen den Beglückteren erregen. Gerade hierin aber besteht der eigentliche Neid. […]

Wenn man nun aber, wie hier geschehen, die menschliche Schlechtigkeit ins Auge gefasst hat und sich darüber entsetzen möchte, so muss man alsbald den Blick auf den Jammer des menschlichen Daseins werfen und wieder ebenso, wenn man vor diesem erschrocken ist, auf jene: Da wird man finden, dass sie einander das Gleichgewicht halten, und wird der ewigen Gerechtigkeit inne werden, indem man merkt, dass die Welt selbst das Weltgericht ist, und zu begreifen anfängt, warum alles, was lebt, sein Dasein abbüßen muss, erst im Leben und dann im Sterben. So nämlich tritt das malum poenae15 mit dem malum culpae16 in Übereinstimmung. […]

§ 117 Man hat die Frage aufgeworfen, was zwei Menschen, die in der Wildnis, jeder ganz einsam, aufgewachsen wären und sich zum ersten Male begegneten, tun würden: Hobbes, Pufendorf, Rousseau haben sie entgegengesetzt beantwortet. Pufendorf glaubte, sie würden sich liebevoll entgegenkommen; Hobbes hingegen, feindlich; Rousseau, schweigend aneinander vorübergehen. Alle drei haben recht und unrecht: Gerade da würde sich die unermessliche Verschiedenheit angeborener moralischer Disposition der Individuen in so hellem Lichte zeigen, dass hier gleichsam der Maßstab und Gradmesser derselben wäre. Denn Menschen gibt es, in denen der Anblick des Menschen sogleich ein feindliches Gefühl aufregt, indem ihr Innerstes den Ausspruch tut: „Nicht-Ich!“ – Und andere gibt es, bei welchen jener Anblick sogleich freundliche Teilnahme erregt; ihr Inneres sagt: „Ich noch einmal!“ – Dazwischen liegen unzählige Grade. – Aber dass wir in diesem Hauptpunkt so grundverschieden sind, ist ein großes Problem, ja ein Mysterium. […]

§ 119 Das Beispiel wirkt zunächst entweder hemmend oder befördernd. Ersteres, wenn es den Menschen bestimmt, zu unterlassen, was er gern täte. Er sieht nämlich, dass andere es nicht tun, woraus er im Allgemeinen abnimmt, dass es nicht rätlich sei, also wohl der eigenen Person, oder dem Eigentum, oder der Ehre Gefahr bringen müsse: Daran hält er sich und sieht sich gern eigener Untersuchung überhoben. Oder er sieht gar, dass ein anderer, der es getan hat, schlimme Folgen davonträgt: Dies ist das abschreckende Bespiel. Befördernd hingegen wirkt das Beispiel auf zweierlei Weise: nämlich entweder so, dass es den Menschen bewegt, zu tun, was er gern unterließe, jedoch ebenfalls besorgt, dass die Unterlassung ihm irgendwelche Gefahr bringen oder ihm in der Meinung anderer schaden könne; oder aber es wirkt so, dass es ihn ermutigt, zu tun, was er gern tut, jedoch bisher aus Furcht vor Gefahr oder Schande unterließ: Dies ist das verführerische Beispiel. Endlich kann auch noch das Beispiel ihn auf etwas bringen, das ihm sonst gar nicht eingefallen wäre. Offenbar wirkt es in diesem Fall zunächst nur auf den Intellekt. Die Wirkung auf den Willen ist dabei sekundär und wird, wenn sie eintritt, durch einen Akt eigener Urteilskraft oder durch Zutrauen auf den, der das Beispiel gibt, vermittelt werden. – Die gesamte, sehr starke Wirkung des Beispiels beruht darauf, dass der Mensch in der Regel zu wenig Urteilskraft, oft auch zu wenig Kenntnis hat, um seinen Weg selbst zu explorieren, daher er gern in die Fußstapfen anderer tritt. Demnach wird jeder dem Einfluss des Beispiels umso mehr offenstehen, je mehr es ihm an jenen beiden Befähigungen gebricht. Diesem gemäß ist der Leitstern der allermeisten Menschen das Beispiel anderer, und ihr ganzes Tun und Treiben, im Großen wie im Kleinen, läuft auf bloße Nachahmung zurück: Nicht das Geringste tun sie aus eigenem Ermessen. Die Ursache hiervon ist ihre Scheu vor allem und jedem Nachdenken und ihr gerechtes Misstrauen gegen das eigene Urteil. Zugleich zeugt dieser so auffallend starke Nachahmungstrieb im Menschen auch von seiner Verwandtschaft mit dem Affen. Nachahmung und Gewohnheit sind die Triebfedern des allermeisten Tuns der Menschen. Die Art der Wirkung des Beispiels aber wird durch den Charakter eines jeden bestimmt: Daher dasselbe Beispiel auf den einen verführerisch, auf den andern abschreckend wirken kann. Dies zu beobachten geben gewisse gesellschaftliche Unarten, welche, früher nicht vorhanden, allmählich einreißen, uns leicht Gelegenheit. Beim ersten Wahrnehmen einer solchen wird einer denken: „Pfui, wie lässt das! Wie egoistisch, wie rücksichtslos! Wahrlich, ich will mich hüten, je Dergleichen zu tun.“ Zwanzig andere aber werden denken: „Aha! Tut der das, darf ich‘s auch!“

In moralischer Hinsicht kann das Beispiel, eben wie die Lehre, zwar eine zivile oder legale Besserung befördern, jedoch nicht die innerliche, welches die eigentliche moralische ist. Denn es wirkt stets nur als ein persönliches Motiv, folglich unter Voraussetzung der Empfänglichkeit für solche Art der Motive. Aber gerade dies, ob ein Charakter für diese oder für jene Art der Motive überwiegend empfänglich sei, ist für die eigentliche und wahre, jedoch stets nur angeborene Moralität desselben entscheidend. Überhaupt wirkt das Beispiel als ein Beförderungsmittel des Hervortretens der guten und schlechten Charaktereigenschaften, aber es schafft sie nicht; daher Senecas Ausspruch velle non discitur17 auch hier Stich hält. Dass das Angeborensein aller echten moralischen Eigenschaften, der guten wie der schlechten, besser zur Metempsychosenlehre18 der Brahmanisten und Buddhisten, derzufolge „dem Menschen seine guten und schlechten Taten aus einer Existenz in die andere, wie sein Schatten, nachfolgen“, als zum Judentum passt, welches vielmehr erfordert, dass der Mensch als moralische Null auf die Welt komme, um nun, vermöge eines undenkbaren liberum arbitrium indifferentiae19, sonach infolge vernünftiger Überlegung, sich zu entscheiden, ob er ein Engel oder ein Teufel oder was sonst etwa zwischen beiden liegt, sein wolle – das weiß ich sehr wohl, kehre mich aber durchaus nicht daran: Denn meine Standarte ist die Wahrheit. Bin ich doch eben kein Philosophieprofessor und erkenne daher nicht meinen Beruf darin, nur vor allen Dingen die Grundgedanken des Judentums sicherzustellen, selbst wenn solche aller und jeder philosophischen Erkenntnis auf immer den Weg verrennen sollten. Liberum arbitrium indifferentiae, unter dem Namen „die sittliche Freiheit“, ist eine allerliebste Spielpuppe für Philosophieprofessoren, die man ihnen lassen muss – den geistreichen, redlichen und aufrichtigen.

12Über die menschlichen Rassen.

13Das schlechterdings böse Tier.

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