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Anna Katherine Green

Schein und Schuld

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel. Ein schwieriger Fall.

Zweites Kapitel. Die Untersuchung nimmt ihren Anfang.

Drittes Kapitel. Das Verhör.

Viertes Kapitel. Ein Schwur.

Fünftes Kapitel. Die Aussage des Sachverständigen.

Sechstes Kapitel. Streiflichter.

Siebentes Kapitel. Mary Leavenworth.

Achtes Kapitel. Der Indizien-Beweis.

Neuntes Kapitel. Eine Entdeckung.

Zehntes Kapitel. Gryce empfängt eine neue Anregung.

Elftes Kapitel. Die Aufforderung.

Zwölftes Kapitel. Eleonore.

Dreizehntes Kapitel. Das Problem.

Vierzehntes Kapitel. Gryce in seiner Wohnung.

Fünfzehntes Kapitel. Henry Clavering.

Sechzehntes Kapitel. Das Vermächtnis eines Millionärs.

Siebenzehntes Kapitel. Große Ueberraschungen.

Achtzehntes Kapitel. Auf der Treppe.

Neunzehntes Kapitel. In meinem Bureau.

Zwanzigstes Kapitel. »Trueman! Trueman! Trueman!«

Einundzwanzigstes Kapitel. Ein Vorurteil.

Zweiundzwanzigstes Kapitel. Flickwerk.

Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Geschichte einer schönen Frau.

Vierundzwanzigstes Kapitel. Verhaltungsregeln.

Fünfundzwanzigstes Kapitel. Timothy Cook.

Sechsundzwanzigstes Kapitel. Gryce erklärt sich.

Siebenundzwanzigstes Kapitel. Amy Belden.

Achtundzwanzigstes Kapitel. Ein seltsames Begebnis.

Neunundzwanzigstes Kapitel. Die verschwundene Zeugin.

Dreißigstes Kapitel. Verbrannte Papiere.

Einunddreißigstes Kapitel. Frau Beldens Bedrängnis.

Zweiunddreißigstes Kapitel. Frau Beldens Erzählung.

Dreiunddreißigstes Kapitel. Ein unerwartetes Bekenntnis.

Vierunddreißigstes Kapitel. Gryce übernimmt wieder die Führung.

Fünfunddreißigstes Kapitel. Feine Arbeit.

Sechsunddreißigstes Kapitel. Die Fäden ziehen sich zusammen.

Siebenunddreißigstes Kapitel. Die Entscheidung.

Achtunddreißigstes Kapitel. Ein volles Bekenntnis.

Neununddreißigstes Kapitel. Die Folgen eines großen Verbrechens.

Impressum

Erstes Kapitel.
Ein schwieriger Fall.

Seit etwa einem Jahre war ich Teilhaber in der Anwaltsfirma Veeley, Carr und Raymond, als eines Morgens in Abwesenheit der Herren Veeley und Carr ein junger Mann in unser Bureau trat, dessen ganzes Aeußere eine solche Hast und Aufregung verriet, daß ich mich unwillkürlich erhob und ihm einige Schritte entgegenging.

»Was bringen Sie mir?« fragte ich, »hoffentlich nichts Schlimmes.«

»Ich möchte zu Herrn Veeley; kann ich ihn sprechen?«

»Nein,« antwortete ich, »er ist heute vormittag ganz unerwartet nach Washington gerufen worden und kann vor morgen nicht zurück sein. Wenn Sie mir aber Ihr Anliegen Mitteilen wollen –«

»Ihnen?« entgegnete er und maß mich mit kaltem, festem Blick; dann fuhr er, wie von seiner Musterung befriedigt, fort: »Ich sehe keinen Grund, warum ich es nicht thun sollte; ist doch der Zweck meines Hierseins kein Geheimnis. Ich komme, Sie zu benachrichtigen, daß Herr Leavenworth tot ist.«

»Herr Leavenworth?!« rief ich aus und trat einen Schritt zurück.

Herr Leavenworth war ein alter Klient unserer Firma und außerdem ein vertrauter Freund Veeleys.

»Jawohl, und zwar ermordet; von einer unbekannten Person, durch den Kopf geschossen, während er am Schreibtisch saß.«

»Ermordet? – Erschossen?« wiederholte ich und vermochte das Ungeheure kaum zu fassen.

Der joviale, herzensgute, alte Herr, der noch vor acht Tagen hier im Bureau gewesen war, mich gehänselt hatte, daß ich noch Junggeselle sei und hinzugefügt, er könne mir etwas Schönes zeigen, ich solle ihn doch besuchen – er ermordet!

Halb ungläubig starrte ich den Mann vor mir an. »Wie – wann?« brachte ich endlich hervor.

»In der verflossenen Nacht, so nehmen wir wenigstens an; erst heute morgen wurde die Leiche gefunden. Ich bin Herrn Leavenworths Privat-Sekretär und lebe mit der Familie zusammen. Es war ein furchtbarer Schlag,« fügte er hinzu, »besonders für die jungen Damen.«

»Furchtbar, in der That! Herr Veeley wird vollständig überwältigt davon werden.«

»Sie sind ganz allein,« fuhr er in leisem, geschäftsmäßigem Tone fort, der, wie ich später fand, eine Eigentümlichkeit des Mannes war, ohne die man sich ihn gar nicht denken konnte; »die Damen Leavenworth meine ich, die Nichten des Ermordeten. Da nun heute eine amtliche Untersuchung abgehalten werden wird, so ist es sehr wünschenswert, daß die beiden Fräulein nicht ohne Rechtsbeistand sind, und weil Herr Veeley der beste Freund ihres Onkels war, so schickten sie mich selbstverständlich ab, ihn zu holen. Leider muß er gerade verreist sein, und ich weiß wirklich nicht, was ich anfangen soll.«

»Ich bin den Damen zwar fremd,« erwiderte ich, »wenn ich ihnen aber von irgend welchem Nutzen sein kann, so gebietet mir die Achtung vor ihrem Oheim – –«

Der Ausdruck im Auge des Sekretärs machte mich verstummen. Sein Blick wich nicht von meinem Antlitz, aber sein Augapfel schien sich plötzlich zu erweitern, so daß es mir vorkam, als umfasse er meine Gestalt ganz. »Ich weiß nicht,« bemerkte er endlich, und ein leichtes Stirnrunzeln bewies, daß er nicht so ganz zufrieden mit der Wendung war, welche die Angelegenheit nahm, »indessen, – vielleicht ist es das beste, die Damen dürfen sich nicht selbst überlassen bleiben, und –«

»Es ist gut!« unterbrach ich ihn, »ich komme.« Ich setzte mich nieder, schrieb sofort eine Depesche an Herrn Veeley, traf rasch noch einige Vorbereitungen und ging mit dem Sekretär auf die Straße. »Jetzt,« forderte ich ihn auf, »erzählen Sie mir alles, was Sie von dem entsetzlichen Ereignis wissen.«

»Alles, was ich weiß? Das ist mit wenigen Worten abgethan. Als ich gestern abend meinen Chef verließ, saß er wie gewöhnlich an seinem Schreibtisch und heute morgen fand ich ihn an dem nämlichen Platze und fast in derselben Stellung, doch mit einem Loch im Kopfe, das so groß war wie die Spitze meines kleinen Fingers und von einer Pistolenkugel herrührte.«

»Tot?«

»Ganz tot.«

»Schrecklich!« rief ich aus; dann fragte ich nach kurzer Pause: »Kann es nicht Selbstmord gewesen sein?«

»Nein: das Pistol, mit welchem die That begangen wurde, ist nicht aufgefunden worden.«

»Wenn aber ein Mord vorliegt, so muß auch ein Beweggrund zu demselben nachgewiesen werden können. Deuten die Umstände vielleicht auf einen Raubmord hin?«

»Keinesfalls, es wird nicht das Mindeste vermißt; die Sache ist ein vollständiges Rätsel.«

»Ein Rätsel?«

»Bis jetzt ein undurchdringliches.«

Ich blickte dem Unglücksboten forschend ins Gesicht. Der Mitbewohner eines Hauses, in welchem ein geheimnisvoller Mord begangen worden, war für mich ein interessanter Gegenstand der Beobachtung. Aber das harmlose, wenig ausdrucksvolle Gesicht des Mannes rechtfertigte meine Neugier durchaus nicht, und indem ich meine rasche Musterung sofort wieder abbrach, fragte ich: »Die Damen sind wohl sehr aufgeregt?«

»Es würde ja ganz widernatürlich erscheinen, wenn es nicht der Fall wäre,« antwortete er; und war es nun der auffallende Wechsel seiner Mienen oder die Art und Weise meiner Fragestellung, – genug, ich fühlte, daß ich diesem unbedeutenden und doch selbstbewußten Sekretär gegenüber die Damen nicht erwähnen durfte, ohne – wie soll ich sagen? – ein heikles Thema zu berühren. Da ich schon früher gehört hatte, daß Herrn Leavenworths Nichten hochgebildet seien und sich in den ersten Kreisen der Gesellschaft bewegten, so berührte mich diese Entdeckung einigermaßen peinlich. Es überkam mich daher ein Gefühl der Erleichterung, als ich einen Omnibus herannahen sah.

»Wir wollen jetzt unsere Unterredung abbrechen,« sagte ich, »hier ist der Omnibus.«

Sobald wir erst einmal in demselben saßen, war jede Unterhaltung über einen derartigen Gegenstand unmöglich. Ich benutzte deshalb die Zeit, darüber nachzudenken, was ich von Herrn Leavenworth wußte, und fand meine ganze Kenntnis der Verhältnisse auf die Thatsache beschränkt, daß er ein Kaufmann war, der sich von den Geschäften zurückgezogen hatte, außergewöhnlichen Reichtum und eine hohe gesellschaftliche Stellung besaß, daß er ferner in Ermangelung eigener Kinder zwei Nichten in sein Haus aufgenommen hatte, von denen die eine bereits seine erklärte Erbin war. Veeley hatte zuweilen von Leavenworths Ueberspanntheit gesprochen und als Beispiel den Umstand erwähnt, daß er ein Testament zu Gunsten der einen Nichte mit gänzlichem Ausschluß der anderen aufgesetzt habe. Von seinen sonstigen Lebensgewohnheiten und seinen Verbindungen mit der Welt im allgemeinen wußte ich wenig oder nichts.

Als wir vor dem Hause ankamen, fanden wir es von einer großen Menschenmenge umdrängt. Ich hatte kaum Zeit zu bemerken, daß es ein Eckhaus von ungewöhnlicher Breite und Tiefe war, als mich das Gewühl auch schon erfaßte und mich bis an die unterste Stufe der breiten steinernen Freitreppe trug. Nachdem ich mich mit einiger Schwierigkeit aus dem Gedränge befreit hatte, da ein Stiefelputzer und ein Fleischerjunge sich an meine Arme klammerten in dem Glauben, sie würden auf diese Weise sich mit Leichtigkeit auf die Stätte des Trauerspiels schmuggeln können, sprang ich die Steinstufen hinauf, sah, daß mein gutes Glück den Sekretär an meiner Seite festgehalten hatte, und zog rasch die Glocke.

Gleich darauf öffnete sich die Thüre, und in derselben erschien ein Gesicht, welches ich als einem unserer städtischen Geheimpolizisten angehörig erkannte.

»Herr Gryce?« rief ich.

»Derselbe,« antwortete er; »treten Sie ein, Herr Raymond.« Ohne sich weiter um die draußen harrende Menge zu kümmern, über die er nur ein spöttisches Lächeln gleiten ließ, welches eine allgemeine Enttäuschung hervorrief, zog er uns in das Haus hinein und schloß die Thür hinter sich zu. »Ich denke, Sie werden sich über meine Anwesenheit hier nicht wundern,« sagte er mit einem Seitenblick auf meinen Begleiter, indem er mir die Hand reichte.

»Durchaus nicht,« entgegnete ich; dann fiel mir ein, daß ich ihm den jungen Mann, mit dem ich gekommen war, doch vorstellen müsse. »Erlauben Sie mir, daß ich Sie mit Herrn – Herrn – entschuldigen Sie, aber ich weiß Ihren Namen nicht,« sagte ich, zu meinem Begleiter gewendet; »der Herr ist der Privat-Sekretär des verstorbenen Leavenworth.«

»O, der Sekretär! der Coroner hat schon nach ihm gefragt.«

»Der Coroner ist bereits hier?«

»Jawohl, die Jury hat sich soeben hinaufbegeben, um den Leichnam in Augenschein zu nehmen; möchten Sie sich nicht den Geschworenen anschließen?«

»Nein,« erwiderte ich, »das ist nicht nötig; ich habe mich nur in der Hoffnung hier eingefunden, den jungen Damen vielleicht von einigem Nutzen sein zu können. Herr Veeley ist verreist.«

»Und da ist Ihnen die Gelegenheit, eine interessante Bekanntschaft zu machen, nicht unwillkommen, wie mir scheint,« bemerkte der Detektiv. »Nun Sie aber einmal hier sind, und der Fall sehr merkwürdig zu werden verspricht, sollte ich meinen, daß Sie als junger Advokat den Wunsch hegen müßten, sich mit demselben in allen seinen Einzelheiten bekannt zu machen. Doch folgen Sie nur Ihrem eigenen Urteile.«

Ich bemühte mich, meinen Widerwillen gegen eine persönliche Beteiligung an diesem Fall zu überwinden. »Ich werde mit Ihnen gehen,« versetzte ich.

Aber gerade als ich den Fuß auf die Treppe setzte, hörte ich die Jury herabkommen. Ich zog mich deshalb mit Herrn Gryce in eine Nische zwischen dem Empfangssalon und dem Wohnzimmer zurück, wo wir unser Gespräch fortsetzten.

»Der junge Mann behauptet, es könne unmöglich das Werk eines Einbrechers gewesen sein,« bemerkte ich.

»So –?« erwiderte er, das Auge auf die Thürklinke heftend.

»Man habe heute morgen nichts, gar nichts vermißt und –«

»Die Schlösser am Hause seien in der Frühe samt und sonders in Ordnung gewesen, nicht wahr?«

»Das hat er mir nicht mitgeteilt; wenn dem aber so ist, so muß sich ja der Mörder die ganze Nacht über im Hause aufgehalten haben.«

Gryce schielte wieder finster nach der Thürklinke hin.

»Das ist ja eine ganz fürchterliche Geschichte!« rief ich.

Gryce faßte die Klinke noch schärfer ins Auge. Und hier, geneigter Leser, gestatte mir zu erwähnen, daß Gryce kein langes hageres Individuum ist, dessen stechender Blick sich bis in das Mark Deines Wesens zu bohren und jedes dort verborgene Geheimnis zu lesen scheint, wie Du wahrscheinlich erwartet hast. Im Gegenteil! Gryce ist eine stattliche, wohlgenährte Persönlichkeit mit einem Auge, welches Dich niemals durchbohrt, das überhaupt niemals auf Dir ruht. Es verweilt überhaupt nur auf irgend einem gleichgültigen Gegenstand in der Umgebung, einer Vase, einem Tintenfaß, einem Buch oder etwas dergleichen. Diese Dinge scheint er in sein Vertrauen zu ziehen, sie zu Repositorien seiner Schlüsse zu machen, während Du selbst die Spitze eines Kirchturms sein könntest, so wenig scheinst du in den Zusammenhang seines Denkens zu gehören. Gegenwärtig war Gryce, wie schon bemerkt, in die andächtige Beobachtung der Thürklinke versunken.

»Eine furchtbare Geschichte,« wiederholte ich.

»Kommen Sie!« forderte er mich auf und musterte einen meiner Manschettenknöpfe.

Er ging voran, blieb aber auf dem obersten Treppenabsatz stehen. »Herr Raymond,« sagte er, »ich pflege nicht eben viel über die Geheimnisse meines Berufes zu schwatzen; aber in diesem Falle hängt alles davon ab, gleich zu Anfang die richtige Fährte zu finden. Hier haben wir es mit keiner gemeinen Schurkerei zu thun, ohne Zweifel ist dabei Genie thätig gewesen. Nun kommt es zuweilen vor, daß ein gänzlich unvoreingenommener Geist unwillkürlich auf eine Spur trifft, während der Fachmann im Dunkeln tappt. Sollte sich derartiges ereignen, dann denken Sie daran, daß ich der Mann für Sie bin. Verlieren Sie kein Wort an andere, sondern kommen Sie unverzüglich zu mir; denn wir stehen vor einem bedeutenden Fall, sage ich Ihnen, vor einem bedeutenden Fall – und jetzt folgen Sie mir.«

»Aber die Damen!«

»Sie haben sich in eines der oberen Zimmer zurückgezogen. Ihr Schmerz ist natürlich groß; doch sollen sie ziemlich gefaßt sein, wie ich höre.« Er trat an eine Thür, öffnete dieselbe und winkte mir.

Sobald sich meine Augen an die in dem Gemache herrschende Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte ich, daß wir uns im Bibliothekzimmer befanden.

»Hier genau auf derselben Stelle ist er ermordet worden,« bemerkte der Detektiv, indem er seine Hand auf den Rand eines mit Tuch überzogenen Tisches legte, der mit dem dazu gehörigen Stuhl die Mitte des Zimmers einnahm. »Sie sehen, daß sich der Schauplatz des Verbrechens direkt jener Thür gegenüber befindet,« fuhr er fort, schritt über den Fußboden und stand vor der Schwelle eines engen Ganges still, der in ein dahinter liegendes Gemach führte. »Da nun der Ermordete in seinem Stuhle sitzend angetroffen wurde, also mit dem Rücken dem Gange zugekehrt, so muß der Mörder durch jene Thür gekommen sein, um seinen Schuß abzugeben, und wird etwa hier Posto gefaßt haben.« Mit diesen Worten bezeichnte Gryce eine bestimmte Stelle auf dem Teppich, die etwa einen Fuß von der vorher erwähnten Stelle entfernt war.

»Aber –« warf ich ein.

»Hier giebt's gar kein Aber,« unterbrach er mich, »ich habe die ganze Situation aufs genaueste untersucht.« Und ohne sich weiter über diesen Gegenstand auszulassen, wandte er sich schnell um und schritt durch den Gang. »Hier stehen die Weinflaschen, da ist der Kleiderschrank und dort der Waschtisch nebst Zubehör,« setzte er mir auseinander, seine Erklärungen durch Handbewegungen erläuternd. »Leavenworths Schlafzimmer,« schloß er, als sich dieses Gemach vor uns in seiner ganzen Eleganz aufthat.

Wir näherten uns dem durch schwere Vorhänge verhüllten Bett; Gryce zog sie zurück, und auf den Kissen lag ein kaltes, ruhiges Gesicht, welches so ganz unentstellt war, daß ich einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken konnte.

»Sein Tod kam zu plötzlich, als daß er die Züge irgendwie hätte verändern können,« belehrte mich mein Begleiter, indem er das Haupt des Toten emporhob und mir eine Wunde im Hinterkopf zeigte. »Ein solches Loch befördert den Getroffenen aus der Welt, ohne daß er Zeit hat, davon Notiz zu nehmen. Der Arzt wird Ihnen beweisen, daß ein Selbstmord eine absolute Unmöglichkeit ist.«

Entsetzt fuhr ich zurück; da fiel mein Blick auf eine Thür, die mir gegenüber auf den Korridor führte. Mit Ausnahme des Ganges, den wir durchschritten hatten, schien dies der einzige Ausweg aus dem Bibliothekzimmer zu sein. »Sollte der Mörder nicht diese Thüre benutzt haben?« dachte ich bei mir.

Gryce hatte jedenfalls meinen Blick bemerkt, obwohl der seinige auf einem Armleuchter haftete; er beeilte sich, meine stumme Frage zu beantworten. »Jene Thür wurde von innen verschlossen gefunden, so daß es zweifelhaft bleibt, ob der Thäter durch sie eingedrungen ist.«

»Wen beargwöhnen Sie?« flüsterte ich.

Er betrachtete aufmerksam meinen Ring. »Jeden und niemanden,« antwortete er, »es ist nicht meine Sache zu verdächtigen, sondern zu entdecken.« Darauf ließ er die Vorhänge in ihre frühere Lage zurückfallen und verließ mit mir das Zimmer.

Da die Untersuchung durch den Coroner Ein Beamter, welcher die Ursache plötzlicher Todesfälle unter Zuziehung von Geschworenen zu untersuchen hat. gerade jetzt im Gange war, konnte ich mich nicht enthalten, ihr beizuwohnen, und ersuchte Gryce, die Damen zu benachrichtigen, daß ich anstatt des abwesenden Herrn Veeley erschienen sei, um ihnen in dieser traurigen Angelegenheit jeden nur möglichen Beistand zu leisten.

Alsdann begab ich mich nach dem unteren Wohnzimmer und nahm einen Sitz unter den dort versammelten Personen ein.

Zweites Kapitel.
Die Untersuchung nimmt ihren Anfang.

Die Umgebung, in welcher die Untersuchung vorgenommen werden sollte, rief in ihren scharfen Kontrasten einen höchst eigentümlichen Eindruck bei dem Beschauer hervor. Der palastähnliche Bau, die fürstliche Einrichtung, die Erinnerungen an das friedliche Leben des gestrigen Tages, so z. B. der Anblick des offenen Pianos, das durch einen zierlichen Damenfächer am Notengestell festgehaltene Musikheft, – fesselten meine Aufmerksamkeit in gleichem Maße wie das düstere Bild der heute zusammengewürfelten und ungeduldigen Schar, die sich um mich drängte.

Ganz besonders zog mich auch ein lebenswahres Porträt an, welches an der Wand mir gegenüber hing; es war ein reizendes, von poetischem Duft überhauchtes Gemälde. Das Bild einer jungen, goldlockigen, blauäugigen Schönen im Kostüme des ersten Kaiserreichs. Sie stand auf einem Waldpfade und schaute über die Schulter zurück, als ob ihr jemand folge, mit so schelmischem Auge und so frischem Kindermunde, daß es mir wie eine getreue Nachahmung der Wirklichkeit erschien. Hätte sie nicht das ausgeschnittene Kleid mit der hohen Taille und die kurzgeschnittenen Löckchen auf der Stirn gehabt, ich würde das kleine Kunstwerk für das wohlgetroffene Porträt einer der Damen des Hauses gehalten haben.

Von dieser lieblichen Mädchengestalt glitt mein Blick auf das tiefernste, kluge und aufmerksame Gesicht des Coroners sowie auf die Gruppe der Geschworenen und auf die zitternden Gestalten der sich in einer Ecke zusammendrängenden Dienerschaft des Hauses, endlich auf den blassen, schäbig gekleideten Reporter, der an einem kleinen Tische saß und mit geschäftsmäßiger Hast seine Notizen machte.

Der Coroner Hammond war mir von früher her bekannt; er galt für einen Beamten von außergewöhnlichem Scharfsinn, der seines schwierigen Berufes mit großer Gewissenhaftigkeit, Gewandtheit und Umsicht waltete.

Was die Geschworenen anbelangt, so trugen sie im großen und ganzen das bei derartigen Gelegenheiten gewöhnliche Gepräge.

Wie es der Zufall brachte, waren sie von den Straßen aufgelesen, aber von solchen Straßen, in denen sich der Hauptverkehr regt; sie machten den Eindruck von intelligenten Geschäftsleuten, welche, voll Entrüstung über den Mord, im Begriff standen, ihre Bürgerpflicht zu erfüllen. Nur ein einziger von ihnen schien ein wirkliches Interesse an der Untersuchung selbst zu empfinden.

Als erster Zeuge wurde der Arzt aufgerufen, welcher von der Familie des Verstorbenen herbeigeholt worden war. Derselbe sagte hauptsächlich über die Wunde aus, die sich an dem Kopfe des Ermordeten befand. Er hatte den Toten, auf einem Bette im Vorderzimmer des zweiten Stockwerkes liegend, angetroffen, wohin man denselben offenbar aus einem anstoßenden Gemach einige Stunden nach seinem Ableben gebracht hatte. Die Wunde am Hinterkopfe war die einzige, die man am Körper entdeckte. Die Kugel hatte der Arzt herausgezogen und übergab sie jetzt den Geschworenen; sie war unten an der Basis der Schädeldecke in das Gehirn eingedrungen und hatte, einen augenblicklichen Tod herbeiführend, die medulla oblongata getroffen.

Die Beschaffenheit des Loches in der Schädeldecke sowie die Richtung, welche die Kugel genommen hatte, schlossen jede Möglichkeit eines Selbstmordes aus, zumal das Aussehen des die Wunde umgebenden Haares die Thatsache feststellte, daß der Schuß in einer Entfernung von drei bis vier Fuß abgefeuert sein mußte. Zog man ferner den Winkel in Betracht, in welchem die Kugel die Hirnschale durchbohrt hatte, so war es offenbar, daß der Entseelte zur Zeit der That nicht nur in seinem Stuhl gesessen hatte, sondern auch in einer Beschäftigung begriffen war, bei der er das Haupt vorwärts gesenkt hielt. Wäre nämlich die Kugel in den Kopf eines aufrecht sitzenden Mannes in einem Winkel von 45° wie hier eingedrungen, so hätte der Mörder das Pistol in einer eigentümlichen Lage und sehr niedrig halten müssen; hatte jedoch der Getroffene beim Schreiben den Kopf vornüber geneigt, so konnte der Mörder mit gekrümmtem Ellenbogen den Schuß sehr leicht in der erwähnten Richtung abgeben.

Als der Arzt über den Gesundheitszustand des Herrn Leavenworth befragt wurde, antwortete er, der Verstorbene habe sich, seiner Ansicht nach, zur Zeit seines Todes im besten körperlichen Wohlsein befunden; da er jedoch nicht Hausarzt gewesen sei, könne er sich ohne vorherige Untersuchung darüber nicht aussprechen. Eine Pistole habe er übrigens weder auf dem Fußboden des Zimmers, in welchem der Mord geschehen, noch in einer der anstoßenden Räumlichkeiten entdeckt. Aus den weiteren Aussagen des Arztes ging noch folgendes als unzweifelhaft hervor: Die Gruppierung des Tisches, des Stuhles und der dahinter liegenden Thür bewies, daß der Mörder unter den obwaltenden Umständen auf oder vor der Schwelle des Ganges gestanden haben mußte, der in das andere Zimmer führte. Da ferner die Kugel klein und aus einem gezogenen Lauf abgefeuert worden war und infolgedessen beim Durchdringen des Knochens leicht nach rechts oder links hätte abweichen können, erschien es dem Arzt als sicher, daß das Opfer keine Bewegung gemacht hatte, um aufzustehen oder den Kopf nach seinem Angreifer umzuwenden. Daraus ergab sich der zwingende Schluß, daß der Tritt des Thäters ein dem Ermordeten wohlbekannter, daß also die Anwesenheit des Meuchlers in dem Gemache keine ungewöhnliche oder unerwartete war.

Nachdem der Arzt seine Aussage beendigt hatte, nahm der Coroner die vor ihm auf dem Tisch liegende Kugel, rollte sie einen Moment überlegend zwischen den Fingern, zog dann einen Bleistift aus der Tasche, warf rasch einige Zeilen auf ein Blatt Papier, rief einen Polizisten zu sich herein und übergab ihm dasselbe, indem er ihm zugleich im Flüsterton einen Befehl erteilte.

Der Sicherheitsbeamte nahm das Billet in Empfang, sah mit einem verständnisvollen Aufblitzen des Auges die Adresse an, setzte sich den Hut auf und verließ den Saal. In der nächsten Minute verkündete ein lautschallendes ›Hurra‹ der Straßenjugend, daß er vor die Hausthür getreten war.

Von meinem Sitze aus hatte ich die volle Aussicht durch das Eckfenster. Ich bemerkte, daß der Polizist einen Fiaker anrief, schnell hineinsprang und in der Richtung nach dem Broadway hinwegfuhr.

Drittes Kapitel.
Das Verhör.

Als ich meine Aufmerksamkeit dem Verhör wieder zuwandte, sah ich, wie der Coroner durch sein goldenes Augenglas in ein Notizbuch blickte. »Ist der Hausmeister da?« fragte er.

Sofort regte es sich unter der in der Ecke gruppierten Dienerschaft. Ein mit einem gewissen Selbstbewußtsein auftretender Irländer drängte sich aus der Mitte hervor und stellte sich den Geschworenen gegenüber.

»Oh,« dachte ich bei mir, als ich die sorgfältig gepflegten Bartkoteletten, das sichere Auge und die achtungsvolle, aber keineswegs demütige Haltung des Mannes einer Prüfung unterwarf, »das ist ein Musterdiener und wahrscheinlich auch ein Musterzeuge!« Und darin sollte ich mich nicht getäuscht haben.

Der Coroner, auf welchen er wie auf alle anderen im Saale einen günstigen Eindruck gemacht zu haben schien, schickte sich ohne Zögern an, ihn zu verhören. »Sie heißen Thomas Dougherty?«

»Das ist mein Name, Herr.«

»Wie lange haben Sie schon die gegenwärtige Stelle inne, Thomas?«

»Es werden wohl so etwa zwei Jahre sein.«

»Sie waren der erste, welcher Herrn Leavenworths Leiche entdeckte.«

»Ja, Herr; ich und Herr Harwell.«

»Wer ist Herr Harwell?«

»Der Privat-Sekretär, der die Schreibereien für Herrn Leavenworth besorgte.«

»Zu welcher Tages- oder Nachtzeit machten Sie jene Entdeckung?«

»Gegen acht Uhr des Morgens.«

»Und wo?«

»Im Bibliothekzimmer, das mit dem Schlafgemach in Verbindung steht. Wir waren ängstlich, da der Herr gegen seine Gewohnheit nicht beim Frühstück erschien, und mußten die Thür aufbrechen.«

»Sie war also verschlossen?«

»Ja, Herr.«

»Von innen?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen; denn es steckte kein Schlüssel in der Thür.«

»Wo lag Herr Leavenworth, als Sie ihn fanden?«

»Er lag gar nicht, sondern saß an dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers, den Rücken dem Schlafgemach zugekehrt, den Oberkörper nach vorn geneigt, den Kopf auf die Hände gesenkt.«

»Wie war er gekleidet?«

»In dem Anzuge, welchen er gestern bei Tisch trug.«

»Waren Anzeichen eines vorhergegangenen Kampfes im Zimmer vorhanden?«

»Nein, Herr.«

»Lag eine Pistole auf dem Tisch oder auf dem Boden?«

»Nein, Herr.«

»Haben Sie Grund zu vermuten, daß ein Raubmord stattfand?«

»Nein; Herrn Leavenworths Uhr und Portemonnaie befanden sich noch in seiner Tasche.«

Auf die Frage, wer zur Zeit der Entdeckung im Hause anwesend war, antwortete er: »Die beiden Fräulein Mary und Eleonore Leavenworth, Herr Harwell, Kate, die Köchin, Molly, das Zimmermädchen, und ich.«

»Sind das alle Mitglieder des Haushaltes?«

»Ja, Herr.«

»Wessen Amt ist es, allabendlich das Haus zu schließen?«

»Das meinige.«

»Haben Sie dieser Pflicht auch gestern genügt?«

»Ja, wie immer.«

»Und wer hat heute morgen die Thüren geöffnet?«

»Ich selbst, Herr.«

»Wie fanden Sie dieselben?«

»Genau so, wie ich sie am Abend verlassen hatte.«

»War kein Fenster, keine Thür offen? Besinnen Sie sich genau, bevor Sie antworten!«

»Nein, Herr.«

In diesem Moment hätte man das Fallen einer Nadel gehört, so bänglich still war es in der Versammlung geworden. Die Ueberzeugung, daß der Mörder, wer es nun auch sein mochte, das Haus nicht verlassen hatte, wenigstens nicht bevor es am Morgen geöffnet worden war, schien schwer auf den Gemütern aller Anwesenden zu lasten. Obgleich mir diese Thatsache bereits vorher bekannt gewesen, empfand ich doch eine gewisse Aufregung, als jetzt der Beweis dafür geliefert wurde, und indem ich das Gesicht des Hausmeisters scharf beobachtete, suchte ich nach irgend einem Zeichen in demselben, welches mir vielleicht verriete, ob er nicht, um eine Pflichtvernachlässigung zu verdecken, so nachdrücklich gesprochen habe. Aber der Ausdruck seiner Mienen war ebenso freimütig als fest, und er begegnete allen auf ihn gerichteten Blicken mit der Ruhe eines Felsens.

Auf die Frage, wann er Herrn Leavenworth zuletzt lebend gesehen habe, antwortete Thomas: »Gestern abend beim Essen.«

»Es hat ihn aber jemand noch später gesehen, nicht wahr?«

»Jawohl. Herr Harwell sagt, er sei noch um halb elf Uhr bei ihm gewesen.«

»Welches Zimmer bewohnen Sie hier im Hause?«

»Ein Stübchen im Erdgeschoß.«

»Und wo schlafen die anderen Mitglieder des Haushaltes?«

»Zum größten Teil im dritten Stock; die Damen in den großen Hinterzimmern, Herr Harwell in einem kleinen nach vorn gelegenen Gemach, die Dienstmädchen schlafen oben.«

»Es befand sich also niemand mit Herrn Leavenworth in derselben Etage?«

»Niemand.«

»Um welche Zeit begaben Sie sich zur Ruhe?«

»Etwa um elf Uhr.«

»Erinnern Sie sich gar nicht, vor oder nach dieser Zeit ein Geräusch im Hause vernommen zu haben?«

»Nicht das geringste,« lautete die bestimmte Antwort.

Aufgefordert, einen ausführlichen Bericht seiner Entdeckung im Bibliothekzimmer zu geben, wiederholte Thomas alle Einzelheiten mit der größten Genauigkeit, und ohne sich auch nur in den geringsten Widerspruch zu verwickeln.

»Und wie nahmen die Damen jene Entdeckung auf?« fragte der Coroner, nachdem der Hausmeister seine Schilderung beendet.

»Sie folgten uns in das Zimmer, in welchem der Mord geschehen war; Fräulein Eleonore wurde beim Anblick der Leiche ohnmächtig.«

»Und die andere Dame? Fräulein Mary, glaube ich, heißt sie –«

»Ich weiß mich dessen nicht mehr zu erinnern, da ich beschäftigt war, Wasser für Fräulein Eleonore zu holen.«

»Wann wurde Herr Leavenworth in das Schlafzimmer geschafft?«

»Unmittelbar nachdem Fräulein Eleonore sich erholt hatte.«

»Und das geschah?«

»Sobald das kalte Wasser ihr Gesicht benetzte.«

»Wer gab den Befehl, die Leiche wegzubringen?«

»Fräulein Eleonore; sie trat an den Toten heran, dabei schauderte sie zusammen und bat dann Herrn Harwell und mich, ihn auf das Bett zu legen und einen Arzt zu holen. Wir thaten, wie sie uns geheißen.«

»Begab sie sich mit Ihnen in das anstoßende Gemach?«

»Nein, Herr.«

»Was that sie denn?«

»Sie blieb am Tisch im Bibliothekzimmer stehen.«

»Und was machte sie dort?«

»Das konnte ich nicht sehen, da sie mir den Rücken zukehrte.«

»Wie lange verweilte sie dort?«

»Bei unserer Rückkehr war sie nicht mehr da.«

»Nicht mehr am Tisch?«

»Ueberhaupt nicht mehr im Zimmer.«

»Hm. – Wann sahen Sie das Fräulein wieder?«

»Sie trat wieder ein, als wir das Bibliothekzimmer verlassen wollten.«

»Hatte sie etwas in der Hand?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Vermißten Sie irgend etwas auf dem Tisch?«

»Darum habe ich mich gar nicht gekümmert.«

»Wen ließen Sie im Zimmer zurück, als sie hinausgingen?«

»Die Köchin, Molly und Fräulein Eleonore.«

»Fräulein Mary nicht?«

»Nein, Herr.«

»Hat die Jury noch irgendwelche Fragen an den Zeugen zu richten?«

Bei dieser Frage machte sich eine Bewegung unter den Geschworenen bemerkbar.

»Ich hege allerdings die Absicht,« sagte ein kleiner, aufgeregter Mann, der schon geraume Zeit auf seinem Sitz unruhig hin und her gerückt war, als könne er es nicht erwarten, den Gang der Untersuchung zu unterbrechen.

»Ich stehe zu Diensten,« antwortete Thomas.

Als jedoch der Geschworene sich räusperte, um sein Verhör zu beginnen, ergriff ein großer selbstgefälliger Mann, der ihm zur Rechten saß, die Gelegenheit, ihm das Wort vom Munde wegzunehmen.

»Da Sie, Ihrer Aussage nach, zwei Jahre in dieser Familie gedient haben, so werden Sie uns auch wohl mitteilen können, ob es in derselben stets friedlich und einträchtig zugegangen ist.«

»Soweit mir bekannt ist, ja,« antwortete der Hausmeister, ernst um sich blickend.

»Standen die jungen Damen mit ihrem Oheim immer auf gutem Fuße?«

»Ganz gewiß.«

»Und wie war das gegenseitige Verhältnis der beiden Damen unter sich?«

»Ein vortreffliches, soviel ich weiß; übrigens erlaube ich mir darüber kein Urteil.«

»Soviel Sie wissen? Sollten Sie Grund zu einer anderen Annahme haben?«

Thomas zögerte einen Augenblick; als aber sein Inquirent im Begriff stand, die Frage zu wiederholen, nahm er eine straffe Haltung an und antwortete: »Durchaus nicht, Herr!«

Der Geschworene schien die Verschwiegenheit eines Dieners zu achten, welcher es ablehnt, sich über so delikate Angelegenheiten auszulassen. Er zog sich zufrieden auf seinen Platz zurück und gab durch eine Handbewegung zu verstehen, daß er nichts mehr zu sagen habe.

Sogleich erhob sich der vorhin erwähnte, kleine Mann und fragte: »Um welche Zeit haben Sie heute morgen das Haus aufgeschlossen?«

»Etwa um sechs Uhr.«

»Hätte jemand nach dieser Zeit das Haus ohne Ihr Wissen verlassen können?«

Thomas warf bei dieser Frage einen unruhigen Blick auf die anderen Mitglieder der Dienerschaft, antwortete aber schnell und ohne Rückhalt: »Ich glaube nicht, daß es jemandem möglich wäre, nach sechs Uhr aus dem Hause zu gehen, ohne daß ich es bemerkte oder die Köchin. Die Leute pflegen doch nicht am hellen, lichten Tage aus dem zweiten Stockwerke zu springen, außerdem schließt die Vorderthür mit einem solchen Geräusch, daß man es im ganzen Hause hört; wer aber durch die Hinterthür und den Garten hinausgehen will, der muß am Küchenfenster vorbei und würde jedenfalls von der Köchin bemerkt werden.«

Diese Erklärung brachte bei allen Anwesenden einen sichtbaren Eindruck hervor. Man hatte das Haus verschlossen gefunden, und späterhin konnte es niemand verlassen haben; nach dem Mörder mußten wir also ganz in der Nähe suchen.

Der Geschworene, welcher die letzte Frage gestellt hatte, schaute mit einer gewissen Selbstgefälligkeit ringsum; als er das von neuem erregte Interesse auf allen Gesichtern sah, mochte er die Wirkung seiner Frage nicht durch ein fortgesetztes Verhör abschwächen und nahm seinen Sitz wieder ein.

Da niemand Lust zu haben schien, Thomas noch weiter zu inquirieren, verlor dieser ein wenig die Geduld, fragte jedoch respektvoll: »Wünscht einer der Herren noch etwas von mir zu wissen?«

Als sich keiner meldete, warf er einen Blick der Erleichterung auf seine Kollegen und zog sich mit einer Hast und Befriedigung zurück, über die ich mir in jenem Moment keine Rechenschaft zu geben vermochte.

Da jedoch der nächste Zeuge kein anderer war als mein neuer Bekannter von heute morgen, Harwell, der Geheim-Sekretär und die ›rechte Hand‹ des Ermordeten, wandte sich meine ganze Aufmerksamkeit diesem zu, so daß ich Thomas' auffälliges Benehmen vorläufig vergaß.

Harwell trat mit der Ruhe und Entschiedenheit eines Mannes vor die Jury hin, der sich dessen bewußt ist, daß Leben oder Tod von seinen Worten abhängt. Die Ruhe und Würde seines Benehmens stimmten alle günstig, und auch ich verlor das Vorurteil, welches ich bei unserer ersten Unterredung gegen ihn gefaßt hatte. Er besaß in seinem Aeußern nichts, was für oder gegen ihn eingenommen hätte; es war eines jener Alltagsgesichter mit glatt gestrichenem, sorgfältig gepflegtem, dunklem Haar und Backenbart; nur war über sein ganzes Wesen eine gewisse Düsterheit ausgegossen, wie sie einem Manne eigen ist, der in seiner ganzen Vergangenheit mehr Kummer als Freude, mehr Entbehrungen als Wohlleben erfahren hat.

Ohne sich weiter bei der Musterung der äußeren Erscheinung des Sekretärs aufzuhalten, begann der Coroner sein Verhör. »Ihr Name?«

»James Trueman Harwell.«

»Ihr Geschäft?«

»Ich habe bei Herrn Leavenworth während der letzten acht Monate das Amt eines Privat-Sekretärs bekleidet.«

»Sie sind der letzte gewesen, der den Ermordeten noch am Leben gesehen hat?«

Der junge Mann erhob den Kopf mit einer hochmütigen Bewegung. »Keineswegs!« antwortete er, »bin ich doch nicht der Mann, der ihn getötet hat.«

Diese Entgegnung, welche eine Untersuchung, deren hohen Ernst wir alle begriffen, wie eine Posse behandelte, erschien der Versammlung so anstößig, angesichts der bereits enthüllten und noch zu enthüllenden Thatsachen, daß sich die anfänglich günstige Gesinnung gegen diesen Mann in ihr Gegenteil verkehrte. Ein Gemurmel der Mißbilligung lief durch den Saal, und durch diese eine Bemerkung verlor James Harwell alles, was er vorher durch sein sicheres Auftreten gewonnen hatte. Er schien das auch selbst einzusehen; denn er reckte den Kopf noch höher.

»Ich meinte,« rief der Coroner, den es offenbar empört hatte, daß der junge Mann ihm eine solche Erwiderung geben konnte, »Sie seien der letzte gewesen, der Herrn Leavenworth vor seiner Ermordung durch eine bis jetzt unbekannte Persönlichkeit gesehen hat.«

Der Sekretär kreuzte die Arme über die Brust. Ich vermochte nicht zu unterscheiden, ob er damit ein Zittern, das ihn ergriffen hatte, verbergen oder nur einen Augenblick zur Ueberlegung gewinnen wollte.

»Mein Herr,« entgegnete er endlich, »ich kann Ihnen darauf keine ganz bestimmte Antwort geben. Aller Wahrscheinlichkeit nach war ich der letzte, der ihn lebend gesehen hat; aber in einem so großen Hause, wie dieses ist, kann ich nicht einmal solche einfache Thatsache mit voller Ueberzeugung behaupten.« Als er nach diesen Worten die unbefriedigten Mienen der Anwesenden bemerkte, fügte er langsam hinzu: »Meine Stellung brachte es mit sich, daß ich ihn noch zu später Stunde sah.«

»Ihre Stellung als Sekretär, nicht wahr?«

Der Gefragte nickte ernst mit dem Haupte.

»Herr Harwell,« fuhr der Coroner fort, »das Amt eines Privat-Sekretärs ist kein begrenztes; wollen Sie uns auseinandersetzen, welches Ihre Pflichten in dieser Eigenschaft waren, – kurz, wie Herr Leavenworth Sie beschäftigte?«

»Sehr gern. Der Verstorbene besaß, wie Ihnen wohl bekannt sein wird, großen Reichtum; da er mit vielen Gesellschaften, Klubs und Instituten in Verbindung stand, da er ferner weit und breit den Ruf eines freigebigen und wohlthätigen Mannes genoß, so empfing er täglich zahlreiche Briefe und Bittschriften, die ich öffnen und beantworten mußte. Seine Privat-Korrespondenz war stets mit einem Zeichen versehen, welches sie von den übrigen unterschied.

»Das war indes nicht alles, was mir zu thun oblag. Da mein Chef früher den Theehandel betrieben und aus diesem Grunde mehrere Reisen nach China gemacht hatte, so interessierte er sich sehr für die Verkehrsfrage zwischen jenem Lande und dem unsrigen. Um den Amerikanern ein besseres Verständnis des chinesischen Volkes, seiner Eigentümlichkeiten und des vorteilhaftesten Handelsbetriebes mit dem Reich der Mitte beizubringen, war er seit einiger Zeit beschäftigt, ein Buch über diesen Gegenstand zu schreiben. Bei der Abfassung dieses Buches leistete ich ihm insofern Beistand, als ich täglich drei Stunden lang nach seinem Diktat schrieb. Die letzte Stunde war von halb zehn bis halb elf des Abends angesetzt. Herr Leavenworth war ein sehr methodischer Mann, der sein Leben und das seiner Umgebung mit fast mathematischer Genauigkeit einhielt.«

»Sie sagten, daß Sie allabendlich nach seinem Diktat geschrieben hätten, – thaten Sie das auch am verflossenen Abend?«

»Wie gewöhnlich.«

»Was können Sie uns von seinem Aussehen und Benehmen während jener Zeit erzählen, war es in irgend einer Weise auffallend?«

Des Sekretärs Stirn runzelte sich. »Da er wahrscheinlich keine Vorahnung seines Todes hatte, wie hätte da in seinem Benehmen eine Aenderung eintreten können?«

Der Coroner ergriff die Gelegenheit, sich für das Betragen des Zeugen von vorhin schadlos zu halten, und sagte in strengem Ton: »Es ist Sache des Zeugen, Fragen zu beantworten, aber nicht solche zu stellen.«

Der Sekretär errötete vor Aerger, und die Rechnung war ausgeglichen.

»Sehr wohl. Also, wenn Herr Leavenworth irgendwelche Todesahnungen fühlte, so hat er sie mir nicht offenbart, im Gegenteil schien er mehr als sonst in seine Arbeit vertieft zu sein. Eines seiner letzten Worte, die er zu mir sprach, war: »Bevor ein Monat vergangen ist, werden wir das Buch in der Presse haben, nicht wahr, James?« Ich erinnerte mich gerade dieser Einzelheit, weil er dabei sein Weinglas füllte; er trank regelmäßig ein Glas Wein, ehe er sich in sein Schlafgemach zurückzog. Ich hatte soeben die Hand auf der Thürklinke und antwortete auf seine Bemerkung: »Ich hoffe es auch, Herr Leavenworth.« »Dann lassen Sie uns darauf anstoßen,« sagte er und schenkte mir ein. Ich trank mein Glas auf einen Zug ans, wogegen Herr Leavenworth das seinige nur halb leerte. Es war noch halb voll, als wir ihn heute morgen tot fanden.«

Die Schilderung dieses letzten Auftritts mußte James doch in hohem Grade erregt haben, denn er zog sein Taschentuch hervor und wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn. »Das ist das letzte, was ich den Verstorbenen thun sah; denn als er das Glas niedersetzte, wünschte ich ihm ›Gute Nacht‹ und verließ das Zimmer.«

Der Coroner blieb der Erregtheit des jungen Mannes gegenüber durchaus gleichgültig; er lehnte sich auf seinen Sitz zurück und maß den Zeugen mit prüfendem Blick. »Und wohin verfügten Sie sich dann?« fragte er.

»Auf mein Zimmer.«

»Sind Sie unterwegs niemandem begegnet?«

»Keinem Menschen.«

»Hörten oder sahen Sie nicht etwas Ungewöhnliches?«

Des Sekretärs Stimme sank ein wenig, als er antwortete: »Nein, mein Herr.«

»Besinnen Sie sich noch einmal, Herr Harwell; können Sie es mit gutem Gewissen beschwören, daß Sie weder jemand trafen, noch etwas Auffälliges hörten oder sahen?«

Das Gesicht des Zeugen wurde ängstlich, zweimal öffnete er die Lippen, um zu sprechen, und ebenso oft schloß er sie wieder, um zu schweigen. Endlich entgegnete er mit Anstrengung: »Allerdings bemerkte ich etwas, das zu unbedeutend schien, um erwähnt zu werden; aber außergewöhnlich war es, und ich mußte unwillkürlich daran denken, als Sie mich zum Nachsinnen aufforderten.«

»Was war es?«

»Eine Thür stand halb offen.«

»Wessen Thür?«

»Fräulein Eleonore Leavenworths.« Die Stimme des Sekretärs war bei dieser Antwort fast nur ein Flüstern.

»Wo befanden Sie sich, als Sie das gewahrten?«

»Das kann ich Ihnen nicht genau sagen; wahrscheinlich an meiner eigenen Thür, da ich mich nicht entsinne, unterwegs stehen geblieben zu sein. Wäre das gräßliche Ereignis nicht eingetreten, so würde ich an einen so geringfügigen Umstand überhaupt nicht wieder gedacht haben.«

»Schlossen Sie beim Betreten Ihres Zimmers die Thür ab?«

»Gewiß, mein Herr.«

»Wann gingen Sie zu Bett?«

»Sofort.«

»Hörten Sie gar nichts, bevor Sie einschliefen?«

Wieder jenes unerklärliche Zögern. »Wirklich gar nichts,« sagte er endlich.

»Vernahmen Sie keinen Fußtritt auf dem Korridor?«

»Das könnte wohl sein.«

»Sie haben also einen Fußtritt vernommen?«

»Ich vermöchte es nicht zu beschwören.«

»Glaubten Sie es wenigstens?«

»Es ist möglich; gerade als ich im Einschlafen begriffen war, erinnere ich mich dunkel, etwas wie das Rauschen eines Gewandes und Fußtritte vernommen zu haben; doch es machte keinen besonderen Eindruck auf mich, und bald war ich eingeschlafen.«

»Weiter nichts?«

»Etwas später erwachte ich plötzlich, als hätte mich etwas erschreckt; was es aber gewesen ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß nur noch, daß ich mich im Bett aufrichtete und mich rings umschaute. Da ich jedoch weder etwas hörte, noch sah, versank ich bald wieder in Schlaf und erwachte erst heute morgen wieder.«

Nachdem Harwell die Aussagen des Hausmeisters in allen Einzelheiten bestätigt hatte, fragte ihn der Coroner, ob er den Tisch im Bibliothekzimmer bei seinem Weggange in Augenschein genommen habe.

»Ein wenig wohl,« lautete die Antwort.

»Was befand sich darauf?«

»Die gewöhnlichen Gegenstände: Bücher, Papier, eine Feder mit eingetrockneter Tinte, die Flasche und das Weinglas, aus welchem der Ermordete vorher getrunken hatte.«

»Sonst nichts?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Bezüglich des Glases,« fiel hier einer der Geschworenen ein, »sagten Sie ja wohl, daß es in demselben Zustande aufgefunden worden sei, in welchem es war, als Sie Herrn Leavenworth verließen?«

»Jawohl.«

»Und doch pflegte er sonst das Glas ganz auszutrinken?«

»Gewiß.«

»Es muß also gleich nach Ihrem Weggange eine Unterbrechung stattgefunden haben?«

Eine fahle Blässe überzog plötzlich das Gesicht des jungen Mannes; er zuckte zusammen und sah einen Moment lang aus, als habe ihn ein schrecklicher Gedanke ergriffen. »Das folgt gerade nicht daraus,« brachte er endlich mühsam hervor. »Herr Leavenworth mag –« hier brach er ab, als sei es ihm unmöglich, weiter zu sprechen.

»Fahren Sie fort, Herr Harwell, und lassen Sie hören, was Sie noch zu sagen haben,« bemerkte der Coroner.

»Ich habe Ihnen nichts mehr hierüber mitzuteilen,« bemerkte der Sekretär, als kämpfe er mit einer heftigen Erregung.

Mehrere der Anwesenden warfen sich bei dieser Antwort argwöhnische und bedeutsame Blicke zu, als glaubten sie, in der Aufregung des jungen Mannes einen Schlüssel zur Lösung des Geheimnisses gefunden zu haben.

Der Coroner nahm indessen keine weitere Notiz davon und fuhr in seinem Verhör fort: »Wissen Sie, ob der Schlüssel zum Bibliothekzimmer, als Sie dasselbe gestern abend verließen, im Schlosse steckte oder nicht?«

»Ich habe nicht darauf geachtet.«

»Sie sind aber der Ansicht, daß er darin war?«

»Ich muß es allerdings annehmen.«

»In jedem Falle war aber die Thür heute morgen verschlossen und der Schlüssel verschwunden?«

»Jawohl, mein Herr.«

»So muß also derjenige, der den Mord begangen hat, beim Verlassen des Zimmers die Thür verschlossen und den Schlüssel mitgenommen haben.«

»Es hat den Anschein.«

Der Coroner schaute die Geschworenen mit ernsten Blicken an. »Meine Herren,« sagte er, »das Verschwinden des Schlüssels ist ein Geheimnis, das notwendigerweise aufgeklärt werden muß.«

»Erlauben Sie mir eine Frage,« ließ sich jetzt der kleine Geschworene wieder vernehmen, »man erzählt uns, daß beim Aufbrechen des Bibliothekzimmers die beiden Nichten des Herrn Leavenworth Ihnen in das Gemach folgten; war dem so, Herr Harwell?«

»Nur eine begleitete uns: Fräulein Eleonore.«

»Ist diese die voraussichtliche Universalerbin des Ermordeten?« forschte der Coroner.

»Nein, das ist Fräulein Mary.«

»Auch ich möchte Herrn Harwell eine Frage vorlegen,« ließ sich jetzt ein Geschworener vernehmen, der bisher noch nicht gesprochen hatte. »Man hat uns eine ausführliche Schilderung von der Auffindung der Leiche gegeben; nun wird aber doch niemals ein Mord ohne bestimmte Absicht verübt. Weiß der Sekretär vielleicht, ob Herr Leavenworth einen geheimen Feind gehabt hat?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Stand jedermann im Hause mit ihm auf gutem Fuße?«

»Ja, mein Herr.« Doch kam die Antwort ein wenig zögernd heraus.

»Lag kein Schatten zwischen ihm und irgend einem Mitglied der Familie?« fragte der Geschworene.

»Das kann ich mit Bestimmtheit nicht sagen,« erwiderte der Zeuge ängstlich und scheu, »es mag vielleicht ein Schatten –«

»Zwischen ihm und wem?«

Eine lange Pause entstand; endlich antwortete der Sekretär: »Und einer der Nichten.«

»Welcher?«

»Fräulein Eleonore.«

»Können Sie uns den Grund davon angeben?«

»Nein, mein Herr.«

»Sie öffneten Herrn Leavenworths Briefe?«

»Das that ich allerdings.«

»Können Sie sich nicht erinnern, daß in einem der jüngst an den Ermordeten eingelaufenen Schreiben etwas gestanden hat, das einiges Licht auf diese dunkle That werfen könnte?«

Es hatte fast den Anschein, als wollte der Zeuge darauf überhaupt nicht antworten; überlegte er nur seine Antwort, oder war er wirklich wie in Stein verwandelt?

»Herr Harwell!« drängte der Coroner, »haben Sie die Frage des Geschworenen nicht vernommen?«

»Gewiß! Ich dachte nur über dieselbe nach. – Mein Herr,« erwiderte er endlich, indem er dem Geschworenen voll in das Gesicht sah, »ich habe wie gewöhnlich auch in den letzten Wochen Herrn Leavenworths Briefe geöffnet, vermag mich aber nicht zu entsinnen, in denselben etwas gefunden zu haben, was mit diesem Verbrechen auch nur im geringsten in Verbindung stände.«

Der Mann log, das merkte ich sofort; seine linke Hand zitterte, als er diese Aussage machte; dann aber ballte sie sich fest zusammen, als sei er zu einem Entschluß gekommen.

»Das mag nach Ihrer Meinung wahr sein, Herr Harwell,« warf der Coroner ein; »man wird indes die Korrespondenz des Ermordeten ganz genau darnach durchforschen.«

»Das finde ich vollständig in der Ordnung,« lautete die ruhige Entgegnung des Sekretärs.

Diese Bemerkung beendete Harwells Verhör für heute, und als er sich niedersetzte, notierte ich mir vier Punkte: Harwell hegte aus einem nicht angegebenen Grunde irgend einen Verdacht, den er nicht einmal sich selbst gestehen mochte. Ein weibliches Wesen war mit in die That verwickelt, wie aus dem Rauschen des Gewandes und den Fußtritten, welche der Zeuge gehört hatte, hervorging. Vor nicht langer Zeit war hier im Hause ein Brief eingetroffen, der wahrscheinlich einiges Licht in das Dunkel des Geheimnisses warf; und endlich kam der Name Eleonore Leavenworth nur zögernd von den Lippen des Sekretärs, so oft er gezwungen war, denselben zu nennen.

Viertes Kapitel.
Ein Schwur.

Jetzt wurde die Köchin des Hauses aufgerufen, eine stattliche, wohlgerundete Gestalt mit rotem, gutmütigem Gesicht.

Als sie mit großer Eilfertigkeit vortrat, prägten sich in ihren Zügen Neugier und Furcht aus, und es fiel den Anwesenden schwer, beim Anblick dieser komischen Person ein Lächeln zu unterdrücken.

»Ihr Name?« fragte der Coroner sofort.

»Katharine Malone, Herr.«

»Seit wie lange sind Sie in Herrn Leavenworths Diensten, Katharine?«

»Es sind gute zwölf Monate her, daß ich auf Herrn Wilsons Empfehlung in dieses Haus kam und –«

»Warum sind Sie aus dem Dienst der Frau Wilson getreten?«

»Sie entließ mich, weil sie nach Irland zurückging und –«

»Also seit einem Jahre befinden sie sich in der Familie des Ermordeten?«

»Jawohl, Herr.«

»Und sind gern in Ihrer Stellung. War Herr Leavenworth ein freundlicher Herr?«

»Ich habe niemals einen besseren gehabt. Fluch dem Schurken, der ihn tötete! Er war gütig und hochherzig, und oftmals habe ich zu Hannah gesagt –« Sie brach mit einem plötzlichen Schrecken ab und blickte auf das andere Gesinde hin, als habe sie unvorsichtigerweise etwas Dummes geredet.

Der Coroner bemerkte es und fragte rasch: »Hannah? – Wer ist Hannah?«

Die Köchin zuckte krampfhaft mit ihren dicken Fingern, machte eine Anstrengung, gleichgültig zu erscheinen, und antwortete dann dreist: »Hannah ist nur das Kammermädchen, Herr.«

»Aber ich sehe niemanden dieses Namens hier. Sie haben doch von keiner Hannah gesprochen, die zum Dienstpersonal des Hauses gehörte?« fügte der Coroner, zu Thomas gewandt, hinzu.

»Das allerdings nicht,« entgegnete der Gefragte mit einer Verbeugung und einem strafenden Seitenblick auf die rotbäckige Köchin. »Sie haben von mir nur wissen wollen, wer zur Zeit der Entdeckung des Mordes im Hause anwesend war, und das habe ich Ihnen mitgeteilt.«

»Ah, so!« bemerkte der Coroner spöttisch; dann kehrte er sich wieder der Köchin zu, die sich unterdessen in stummem Schrecken im Saale umgesehen hatte, und fragte: »Und wo ist Hannah jetzt?«

»Sie ist fort.«

»Seit wie langer Zeit?«

Die Köchin atmete schwer. »Seit gestern nacht.«

»Wie spät war es, als sie das Haus verließ?«

»Meiner Treu, Herr, das weiß ich nicht, – ich weiß überhaupt nichts davon.«

»Ist sie entlassen worden?«

»Nicht, daß ich wüßte, ihre Sachen sind noch hier.«

»Ah, ihre Sachen sind hier! Um welche Zeit vermißten Sie das Mädchen?«

»Ich habe sie gar nicht vermißt; sie war gestern abend hier, und heute morgen fehlt sie; daraus schließe ich, daß sie fortgegangen ist.«

»Hm,« meinte der Coroner, sich langsam im Zimmer umblickend, während jeder der Anwesenden aussah, als sei er plötzlich auf eine Thür gestoßen, die ihm bis dahin verborgen gewesen. »Wo pflegte das Mädchen zu schlafen?«

Die Köchin, welche unruhig mit ihrer Schürze gespielt hatte, blickte auf. »Wir alle schlafen im obersten Stock des Hauses.«

»In demselben Zimmer?«

»Jawohl, Herr,« lautete die zögernde Entgegnung.

»Ist Hannah in der verwichenen Nacht hinaufgekommen?«

»Gewiß.«

»Um welche Stunde?«

»Wir gingen alle um zehn Uhr zu Bett; ich hörte die Stunde schlagen.«

»Haben Sie in ihrem Aeußeren irgend etwas Ungewöhnliches entdeckt?«

»Sie litt an Zahnschmerzen!«

»So! – an Zahnschmerzen! – Erzählen Sie mir alles, was Sie wissen.«

»Aber sie hat es ganz gewiß nicht gethan!« versicherte die Köchin, in Thränen und Schluchzen ausbrechend, »glauben Sie es mir, Hannah ist ein gutes Mädchen und so ehrlich wie eine. Auf die Bibel will ich es schwören, daß sie niemals die Hand auf die Thürklinke seines Zimmers gelegt hat; sie ging nur deshalb hinab, um sich einige Tropfen von Fräulein Eleonore auszubitten.«

»Schon gut!« unterbrach sie der Coroner, »es fällt mir ja gar nicht ein, Hannah anzuklagen. Ich habe Sie nur danach gefragt, was Hannah that, nachdem Sie Ihr Zimmer aufgesucht hatten. Sie ging die Treppe hinab, sagen Sie; geschah dies lange Zeit nachher, nachdem Sie sich zur Ruhe begeben hatten?«

»Darüber vermag ich Ihnen wirklich keine Auskunft zu geben; aber Molly erzählt –«

»Was Molly erzählt, geht uns hier nichts an. Sie haben sie nicht hinabgehen sehen?«

»Nein, Herr.«

»Auch nicht zurückkommen?«

»Nein, Herr.«

»Auch heute morgen nicht?«

»Wie hätte ich das können? Sie war ja fort.«

»Aber gestern abend haben Sie bemerkt, daß sie an Zahnschmerz zu leiden schien?«

»Ja, Herr.«

»Gut. Jetzt erzählen Sie mir, wie und wann Sie von dem Tode des Herrn Leavenworth erfuhren.«

Ihre Antworten auf diese Frage waren so breit und enthielten so wenig Neues, daß der Coroner schon im Begriff war, das Verhör mit ihr abzubrechen, als einer der Geschworenen sich erinnerte, daß die Köchin gesagt hatte, sie habe Fräulein Eleonore wenige Minuten, nachdem der Ermordete in das anstoßende Zimmer gebracht worden war, aus der Bibliothek treten sehen. Er fragte, ob ihre Herrin in jenem Augenblick etwas in der Hand gehalten habe.

»Ich weiß es nicht, Herr. – Meiner Treu!« rief sie plötzlich aus, »ich glaube, sie hatte ein Stück Papier in der Hand. Jawohl! Jetzt entsinne ich mich auch sehr deutlich, daß sie dasselbe in die Tasche schob.«

Als nächste Zeugin folgte Molly, das Zimmermädchen. Molly O'Flanagan war ein rotwangiges, schwarzhaariges, flinkes Mädchen von etwa 18 Jahren, die unter gewöhnlichen Umständen auf jede Frage eine Antwort gewußt hätte; aber zuweilen schüchtert die Furcht selbst das unerschrockenste Herz ein, und Molly bot, wie sie jetzt vor dem Coroner stand, keineswegs einen mutigen Anblick dar. Ihre von Natur roten Backen erblaßten bei dem ersten an sie gerichteten Wort, und der Kopf sank ihr zaghaft auf die Brust.

Soviel sie wußte, war Hannah ein ungebildetes Mädchen von irländischer Abkunft, das vom Lande gekommen war, um als Zofe und Näherin bei den Damen Leavenworth einzutreten. Sie hatte schon einige Zeit vor Molly in der Familie gedient, und, obwohl von Natur sehr schweigsam, besonders hinsichtlich ihrer Vergangenheit, hatte sie es doch verstanden, sich bei allen Mitgliedern des Haushalts beliebt zu machen. Im übrigen war sie »melancholisch und träumerisch wie eine Lady,« meinte Molly.

Da dies eine seltsame Gewohnheit ist für ein Mädchen in solcher Stellung, so bemühte man sich, Näheres hierüber aus der Zeugin herauszulocken. Molly jedoch schüttelte den Kopf und beschränkte sich auf die gegebene Aussage, indem sie hinzufügte, daß die Vermißte des Nachts öfter aufzustehen und sich ans Fenster zu setzen pflegte. Bezüglich der Ereignisse des vergangenen Abends gab sie an, Hannah habe zwei Tage oder länger ein geschwollenes Gesicht gehabt, und ihre Schmerzen seien in der verflossenen Nacht so heftig geworden, daß sie aufgestanden sei und sich vollständig angezogen habe. Hier wurde Molly scharf befragt, ob sich Hannah wirklich ganz angekleidet, und sie bestand darauf, daß dies von Kopf bis zu Fuß geschehen sei; dann hätte sie eine Kerze angezündet und ihre Absicht kund gegeben, zu Fräulein Eleonore hinunterzugehen.

»Warum zu Fräulein Eleonore?« fragte einer der Geschworenen.

»Weil diese es war, welche etwaige Arzneien an die Dienstboten verabfolgte.«

Auf weitere Fragen erklärte das Mädchen, es sei dies alles, was sie wisse; Hannah sei nicht zurückgekommen, noch habe sie sich zur Frühstücksstunde im Hause eingefunden.

»Sie sagten, daß sie eine Kerze mit hinunter genommen hätte,« forschte der Coroner, »steckte dieselbe in einem Leuchter?«

»Nein, Herr!«

»Warum nahm sie überhaupt eine Kerze; brannte Herr Leavenworth nicht Gas in den Korridoren?«

»Gewiß; aber wir löschen das Licht aus, wenn wir zu Bett gehen, und Hannah fürchtet sich im Dunkeln.«

»Wenn sie eine Kerze nahm, so muß dieselbe doch irgendwo im Hause liegen geblieben sein; hat jemand eine solche gefunden?«

»Ich erinnere mich nicht.«

»Ist es diese?« rief eine Stimme über meine Schultern hinweg.

Es war Gryce, der eine halbverbrannte Paraffin-Kerze emporhielt.

»Gewiß; aber mein Gott, wo haben Sie den Stumpf gefunden?«

»Auf dem Rasen des Hofes, auf dem halben Wege von der Küche nach der Straße,« antwortete er ruhig.

Unter den Anwesenden entstand eine allgemeine Aufregung. Endlich hatte man doch eine Spur, etwas, das jenen geheimnisvollen Mord mit der Außenwelt zu verbinden schien. Sofort wurde die Hinterthür der Hauptgegenstand des Interesses; die im Hof aufgefundene Kerze lieferte den Beweis, daß Hannah, bald nachdem sie aus dem Zimmer gegangen, das Haus verlassen haben mußte, und zwar durch die Hinterthür, welche nur wenige Schritte von dem auf die Querstraße gehenden Eisengitter entfernt war.

Als Thomas indessen wieder aufgerufen ward, wiederholte er seine Versicherung, daß nicht nur die Hinterthür, sondern auch alle unteren Fenster des Hauses, als er sie um 6 Uhr des Morgens besichtigt habe, fest verschlossen gewesen seien. Hieraus ergab sich der zwingende Schluß, daß jemand sie hinter dem Mädchen zugemacht und verriegelt hatte.

Wer war aber dieser Jemand? das drängte sich jetzt als ernste, brennende Frage in den Vordergrund.

Fünftes Kapitel.
Die Aussage des Sachverständigen.

Inmitten der allgemeinen Spannung, welche sich der Anwesenden bemächtigt hatte, erklang der helle Ton der Hausglocke. Sofort richteten sich aller Augen auf die Thür, diese öffnete sich langsam, und der Polizist, der vor etwa einer Stunde in so geheimnisvoller Weise vom Coroner fortgesandt worden war, trat in Begleitung eines jungen Mannes ein, dessen schlanke Gestalt, intelligentes Auge und Vertrauen erweckendes Aussehen ihn als das erscheinen ließen, was er auch in der That war, den Vertrauensmann und Sachverständigen eines bedeutenden kaufmännischen Geschäftes.

Ohne das geringste Zeichen von Verlegenheit, obwohl jedes Auge im Saal mit lebhafter Neugierde auf ihn geheftet war, trat er auf den Coroner zu und machte ihm eine leichte Verbeugung. »Sie haben nach Bohn und Comp. geschickt, mein Herr,« begann er.

Sofort gab sich unter den Versammelten eine starke Aufregung kund; Bohn und Comp. war ein wohlbekanntes Pistolen- und Munitionsgeschäft am Broadway.

»Jawohl, mein Herr,« antwortete der Coroner; »hier ist eine Kugel, die wir gern von Ihnen untersucht haben möchten. Sie sind mit allem, was Ihr Warenlager betrifft, vollständig bekannt?«

Der junge Mann warf ihm nur einen bedeutsamen Blick zu, nahm die ihm dargereichte Kugel und wog sie nachlässig in der Hand.

»Können Sie uns wohl sagen, welcher Fabrik das Pistol entstammt, aus dem jene Kugel abgeschossen worden ist?«

Der junge Mann rollte das Geschoß langsam zwischen Daumen und Zeigefinger und legte es dann wieder auf den Tisch. »Es ist eine Kugel Nummer 30,« erklärte er, »und wird gewöhnlich mit dem kleinen Revolver zusammen in der Fabrik von Smith und Wesson verkauft.«

»Ein kleiner Revolver!« erwiderte der Hausmeister, von seinem Sitz aufspringend; »der Herr pflegt in seinem Bureau ein kleines Pistol aufzubewahren; ich habe es oft genug gesehen, und wir alle kennen es.«

Wieder entstand eine allgemeine Aufregung, besonders unter dem Dienstpersonal. »So ist es!« hörte ich eine Stimme rufen, »ich hab' es selbst einmal gesehen, als der Herr es reinigte.« Es war die Köchin, welche diese Worte sprach.

»In seinem Bureau?« fragte der Coroner.

»Jawohl, am Kopfende seines Bettes.«

Sogleich wurde ein Polizist zur Untersuchung des Bureaus abgeschickt. Nach wenigen Minuten kehrte er mit einem kleinen Revolver zurück, den er auf den Tisch des Coroners niederlegte.

Sofort war jedermann auf den Füßen, um die Schußwaffe zu betrachten; doch der Coroner überreichte dieselbe dem Sachverständigen mit der Frage, ob der Revolver aus der von ihm bezeichnten Fabrik stamme.

»Gewiß, er ist von Smith und Wesson!« antwortete dieser ohne Zögern, »Sie können sich selbst davon überzeugen.«

»Wo fanden Sie den Revolver?« fragte der Coroner den Polizisten.

»In der obersten Schublade eines Toilettentisches am Kopfende von Herrn Leavenworths Bett; der Revolver lag in einem mit Sammet ausgeschlagenen Kasten zugleich mit einer Schachtel Patronen, von denen ich hier eine Probe mitgebracht habe,« erwiderte der Mann und legte die letztere neben die Kugel.

»War das Schubfach verschlossen?«

»Jawohl; aber den Schlüssel hatte man nicht herausgezogen.«

Die Spannung erreichte jetzt ihren Höhepunkt, und von allen Lippen erklang es durch das Gemach: »Ist der Revolver geladen?«

Der Coroner runzelte die Stirn und bemerkte mit Würde: »Ich selbst wollte diese Frage thun; aber zuvörderst muß ich dringend um Ruhe bitten.«

Sogleich trat eine allgemeine Stille ein, jedermann interessierte sich zu sehr für die Frage, als daß er seine Neugier nicht so bald als möglich hätte befriedigen wollen.

»Nun, mein Herr,« rief der Coroner.

Der Sachverständige nahm den Cylinder heraus und hielt ihn empor. »Die Waffe hat sieben Kammern und alle sind geladen,« versetzte er.

Ein Murmeln der Enttäuschung folgte dieser Versicherung.

»Aber,« fügte der junge Mann nach kurzer Prüfung des Cylinders hinzu, »nicht alle sind gleich lange geladen gewesen. Eine Kugel ist vor kurzem aus einer der Kammern abgeschossen worden.«

»Woher wissen Sie das?« fragte einer der Geschworenen.

»Woher ich das weiß?« entgegnete er, »wollen Sie die Güte haben, den Zustand des Revolvers zu untersuchen,« fügte er hinzu, indem er jenem Herrn die Waffe übergab. »Blicken Sie zuerst in den Lauf, er ist rein und glänzend, und Sie finden keine Spur davon, daß ihn vor kurzem eine Kugel durchflogen hätte; das kommt aber daher, weil er seitdem gereinigt worden ist. Nun prüfen Sie jedoch den Cylinder. Was sehen Sie dort?«

»Ich bemerke einen schwachen Schmutzstreifen an einer der Kammern.«

»Jener schwache Schmutzstreifen am Rande einer der Kammern ist das verräterische Zeichen, meine Herren; eine abgeschossene Kugel läßt immer etwas Schmutz hinter sich zurück. Derjenige, welcher aus diesem Rohr gefeuert hat, wußte das; er reinigte den Lauf, vergaß aber den Cylinder.« Nach diesen Worten trat der junge Mann zur Seite und kreuzte die Arme.

»Der Tausend!« ließ sich eine derbe, kräftige Stimme vernehmen, »das ist wirklich wunderbar!« Sie gehörte einem Landmann an, der soeben von der Straße her eingetreten war und staunend in der Thür stand.

Es war eine ungeschickte, aber nicht unwillkommene Unterbrechung; ein flüsterndes Lachen ging durch den Saal, und jedermann schien freier zu atmen.

Nachdem die Ruhe wieder hergestellt war, wurde der Polizist aufgefordert, die Stellung des Toilettentisches und seine Entfernung vom Tisch im Bibliothekzimmer genau anzugeben.

»Der Bibliothektisch steht in dem einen Zimmer, der Toilettentisch in einem andern. Um ersteres von letzterem aus zu erreichen, wäre man gezwungen, Herrn Leavenworths Schlafgemach in diagonaler Richtung zu durchschreiten, dann durch den Korridor, welcher die beiden Stuben trennt, zu gehen, und –«

»Warten Sie einen Augenblick. Wie steht dieser Tisch zu der Thür, die vom Schlafzimmer in die Halle führt?«

»Man könnte durch jene Thür gehen, direkt um das Fußende des Bettes auf den Toilettentisch zuschreiten, sich in den Besitz des Revolvers setzen und die Hälfte des Weges bis zum Gange zurücklegen, ohne von einer Person gesehen zu werden, die im Bibliothekzimmer sitzt oder steht.«

»Heilige Jungfrau!« rief die erschreckte Köchin aus, indem sie sich die Schürze über den Kopf warf, als wolle sie eine schreckliche Vision nicht sehen. »Hannah hätte so etwas niemals thun können.«

Doch Gryce legte seine schwere Hand auf die Frau und drückte sie auf ihren Sitz zurück, sie mit erstaunlicher Geschicklichkeit zugleich tadelnd und beruhigend.

»Ich bitte um Verzeihung,« entschuldigte sich die Köchin den Anwesenden gegenüber; »aber Hannah hat das ganz gewiß nicht gethan, – ganz gewiß nicht!«

Nachdem der Gehilfe aus der Bohnschen Waffenhandlung entlassen worden war, nahmen die Versammelten die Gelegenheit wahr, ihre Plätze und Stellungen ein wenig zu wechseln, dann wurde Harwell wieder aufgerufen. Derselbe erhob sich mit offenbarem Widerstreben; die soeben erfolgte Aussage mußte entweder seine Ansicht von dem Verbrechen geändert oder einen ihm unangenehmen Verdacht bestätigt haben.

»Herr Harwell,« hob der Coroner an, »man hat uns von dem Vorhandensein eines, Herrn Leavenworth gehörigen Revolvers erzählt, und als wir darnach suchten, haben wir ihn in seinem Zimmer entdeckt; wußten Sie etwas von dem Besitz dieser Waffe?«

»Gewiß.«

»War diese Thatsache im Hause allgemein bekannt?«

»Es scheint so.«

»Wie kommt das? Hatte der Verstorbene die Angewohnheit, den Revolver umherliegen zu lassen, daß jedermann die Waffe sehen konnte?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen; ich vermag Ihnen nur mitzuteilen, auf welche Weise ich selbst davon Kenntnis erhielt.«

»Gut, so erzählen Sie.«

»Wir hatten einst ein Gespräch über Feuerwaffen. Ich verstehe etwas davon und habe immer ein Taschenpistol bei mir geführt; als ich dies meinem Prinzipal gegenüber äußerte, stand er auf, holte das seinige aus dem Schubfach und zeigte es mir.«

»Wie lange ist das her?«

»Einige Monate.«

»Er besaß das Pistol also längere Zeit?«

»Jawohl!«

»War dies die einzige Gelegenheit, bei der Sie die Waffe gesehen haben?«

»Nein,« antwortete der Sekretär zögernd, »ich habe sie seitdem noch einmal gesehen.«

»Wann?«

»Vor etwa drei Wochen.«

»Unter welchen Umständen?«

Der Sekretär ließ den Kopf sinken, und ein seltsamer Ausdruck machte sich plötzlich auf seinem Gesicht bemerkbar; er preßte die Hände zusammen, indem er dem Coroner fest ins Antlitz schaute, und sein halb geschlossener Blick hatte etwas wie eine Bitte. »Meine Herren,« fragte er nach kurzem Zaudern, »wollen Sie mir nicht die Antwort hierauf erlassen?«

»Es ist unmöglich,« versetzte der Coroner.

Harwells Miene wurde noch blasser und flehender. »Ich muß den Namen einer Dame nennen,« sagte er stockend.

»Wir sind sehr gespannt darauf,« erwiderte der Coroner.

Der junge Mann richtete sich entschlossen auf und rief: »Fräulein Eleonore Leavenworth!«

Bei diesem auf solche Weise ausgestoßenen Namen zuckte jedermann zusammen, nur Gryce nicht, der ruhig seine Fingerspitzen mit einander berührte, als ginge ihn die ganze Sache gar nichts an.

»Sicherlich ist es gegen die Regeln des Anstandes und der Achtung, welche wir alle für jene Dame empfinden, wenn wir ihren Namen in diese Verhandlung hineinziehen,« fuhr Harwell eifrig fort; als aber der Coroner darauf bestand, daß er seine Aussage vervollständige, kreuzte er die Arme, – was bei ihm das Zeichen eines endgültigen Entschlusses zu sein schien, – und begann in leisem gezwungenem Ton: »Es ist weiter nichts als dies, meine Herren: Vor drei Wochen hatte ich eines Nachmittags Gelegenheit, zu ungewöhnlicher Stunde das Bibliothekzimmer zu betreten. Als ich von dem Kaminsims mir ein Federmesser nehmen wollte, das ich aus Vergeßlichkeit am Morgen dort hatte liegen lassen, vernahm ich in dem anstoßenden Gemach ein Geräusch. Da ich wußte, daß Herr Leavenworth nicht zu Hause war, und glaubte, die Damen seien mit ihm gegangen, nahm ich mir die Freiheit, einmal nachzuschauen, und erblickte zu meinem Erstaunen Fräulein Eleonore neben dem Bette ihres Onkels, diesen Revolver in der Hand haltend. Bestürzt über meinen Vorwitz, wollte ich mich unbemerkt zurückziehen; als ich jedoch den Fuß auf die Thürschwelle setzte, wandte sich die Dame um, bemerkte mich und rief mich bei Namen. Ich trat auf sie zu, und sie bat mich, ihr den Revolver zu erklären. Um dies zu thun, meine Herren, war ich genötigt, die Waffe in die Hand zu nehmen, und das war die zweite und letzte Gelegenheit, bei welcher ich Herrn Leavenworths Revolver sah und berührte.« Nach diesen Worten ließ der Zeuge das Haupt sinken und wartete in unbeschreiblicher Aufregung auf die nächste Frage.

»Sie bat Sie, ihr die Waffe zu erklären; was wollte sie damit sagen?«

»Ich meine,« entgegnete er zögernd und sich mühsam zu anscheinender Ruhe zwingend, »wie man sie laden, wie man zielen und abfeuern müsse.«

Ein Schein wie das Aufleuchten eines plötzlichen Blitzes zuckte über die Gesichter aller Anwesenden, selbst der Coroner verriet Zeichen der Bewegung und starrte auf die gebeugte Gestalt und das blasse Antlitz des vor ihm stehenden Mannes mit einem eigentümlichen Blick bestürzten Mitleids, der seine Wirkung nicht verfehlen konnte, weder auf den jungen Mann selbst, noch auf alle, die ihn sahen.

»Herr Harwell,« fragte er endlich, »haben Sie Ihrer Aussage noch etwas hinzuzufügen?«

Der Sekretär schüttelte traurig den Kopf.

»Gryce,« flüsterte ich, indem ich ihn beim Arm ergriff und zu mir niederzog, »versichern Sie mir, ich bitte Sie darum,« – aber er ließ mich nicht ausreden. »Der Coroner ist im Begriff, die jungen Damen vorzuladen,« unterbrach er mich schnell, »wenn Sie Ihre Pflicht gegen dieselben erfüllen wollen, so halten Sie sich bereit; – das ist alles.«

Meine Pflicht erfüllen! Diese einfachen Worte brachten mich schnell zur Besinnung. Woran hatte ich nur in aller Welt gedacht? Sofort schwand vor meinen Augen die Gegenwart mit ihrem Zweifel und ihrem Entsetzen wie ein düsterer Schleier, und ich sah nur das rührende Bild der lieblichen Nichten, die sich in tiefem Schmerz zu den irdischen Ueberresten desjenigen hinabbeugten, der ihnen so teuer wie ein Vater gewesen war.

Als darauf nach Eleonore und Mary Leavenworth verlangt wurde, trat ich vor, erklärte, daß ich als Freund der Familie, – eine Lüge, die man mir hoffentlich verzeihen wird, – um die Erlaubnis bitten möchte, die jungen Damen aufsuchen und sie herunterbegleiten zu dürfen.

Sofort richteten sich ein Dutzend Augen auf mich, und ich fühlte eine Verlegenheit wie sie jemand überkommt, der durch eine unerwartete Aeußerung oder Handlung die Aufmerksamkeit einer ganzen Versammlung auf sich gelenkt hat.

Mein Wunsch wurde indessen ohne weiteres gewährt; eine Sekunde später befand ich mich, vor Aufregung glühend und mit klopfendem Herzen, in der Halle, während mir Gryces Worte in die Ohren klangen: »Dritte Etage, Hinterzimmer, erste Thür am Kopf der Treppe; die jungen Damen erwarten Sie.«

Sechstes Kapitel.
Streiflichter.

Ich stieg die erste Treppe empor und schauderte beim Anblick der Wand des Bibliothekzimmers, die mir über und über mit rätselhaften Zeichen beschrieben schien; dann ging ich langsam weiter hinauf und dachte während dessen über so manches nach, ganz besonders über eine Warnung meiner Mutter, die sie mir vor langer Zeit gegeben hatte: »Mein Sohn, denke daran, daß eine Frau mit einem Geheimnis auf dem Herzen wohl ein sehr anziehendes Studium sein mag; aber eine getreue, eine befriedigende Lebensgefährtin kann sie niemals werden.«

Ohne Zweifel war dies ein sehr weiser Ausspruch, paßte jedoch gar nicht auf die augenblicklichen Verhältnisse; denn ich hegte ganz gewiß nicht die Absicht, mich für eine jener beiden Frauen zu interessieren. Aber trotz aller Anstrengung, den Gedanken an die mütterliche Warnung zu verscheuchen, verfolgte mich dieselbe, bis ich vor der Thüre stand, die mir bezeichnet worden war.

Ich blieb auf der Außenschwelle nur so lange stehen, bis ich mich für das Bevorstehende gesammelt hatte. Eben erhob ich die Hand, um die Klinke niederzudrücken, als ich von innen eine volle, klare Stimme vernahm, und die unheilkündenden Worte deutlich an mein Ohr schlugen: »Ich klage deine Hand nicht an, obwohl ich keine andere weiß, die dies gewollt oder gethan haben kann; aber dein Herz, deinen Kopf, deinen Willen, – die klage ich an, muß ich im geheimen wenigstens anklagen, und es ist gut, daß du es weißt.«

Wie vom Schlage getroffen, stolperte ich zurück. Guter Gott, welche Abgründe des Entsetzens und der Verderbtheit sollten sich da vor mir aufthun! Zusammenschauernd zögerte ich, als ich plötzlich eine Berührung meines Armes fühlte und, mich umwendend, Gryce erblickte, der, den Finger auf der Lippe, dicht neben mir stand, während nur noch ein Schatten von Erregung über sein ruhiges, fast mitleidiges Antlitz flog.

»Kommen Sie! – kommen Sie!« flüsterte er, »ich sehe, Sie fangen an zu begreifen, in was für eine Welt Sie eintreten wollen. Fassen Sie sich, und denken Sie daran, daß man unten wartet.«

»Aber wer ist es? Wer war es, der dort sprach?«

»Das werden wir bald erfahren,« antwortete er kurz, und ohne meinen bittenden Blick zu beachten, stieß er die Thüre weit auf.

Sogleich verbreitete sich der Zauber einer wundervollen Farbenpracht über mich; blaue Vorhänge, blaue Teppiche, blaue Tapeten, – es war, als schaue der azurne Himmel urplötzlich hinein in die Tiefen eines düsteren Kerkers.

Fast geblendet von dem unerwarteten Glanze, trat ich ungestüm vor, blieb aber sofort stehen, überwältigt von dem sich mir darbietenden Anblick.

In einem Armstuhl von reich gesticktem Atlas, von ihrer ruhenden Lage sich halb erhebend, erschien mir ein wundersames Frauenbild. Nach ihrer Haltung mußte sie es sein, die soeben eine furchtbare Beschuldigung ausgesprochen hatte, – schön, bleich, stolz, zart, sah sie wie eine Lilie aus, in ihrem gelbweißen Morgenüberwurf, der um die herrlich gebaute Gestalt in plastischem Faltenwurf flutete. Die reine Stirn war griechisch geschnitten und von blonden Flechten gekrönt; die eine bebende Hand hielt die Lehne des Stuhles umklammert, die andere war ausgestreckt und wies auf einen entfernteren Gegenstand im Zimmer, – die ganze Erscheinung war so prachtvoll, so überraschend, so außerordentlich, daß ich erstaunt den Atem anhielt und in jenem Moment wirklich zweifelte, ob ich ein lebendes Wesen erblickte oder eine jener berühmten Prophetinnen des Altertums, die in einer furchtbaren Gebärde die äußerste Entrüstung empörter Weiblichkeit ausdrückt.

»Fräulein Mary Leavenworth,« flüsterte die allgegenwärtige Stimme über meine Schulter.

»Ah – Mary Leavenworth!« wiederholte ich in Gedanken, und ein plötzliches Gefühl der Erleichterung überkam mich. Dieses herrliche Geschöpf war also nicht Eleonore, die ein Pistol laden, zielen und abfeuern konnte!

Ich wandte den Kopf um und folgte der Richtung jener emporgehobenen Hand, die jetzt wie zu Stein erstarrt war vor Schrecken darüber, sich mitten in einer entsetzlichen verhängnisvollen Enthüllung plötzlich unterbrochen zu sehen; ich erblickte –

Aber nein! Hier entsinkt mir die Feder. Eleonore muß von einer anderen Hand geschildert werden als von der meinigen. Ich könnte den halben Tag sitzen und über die feine Anmut, die bleiche Pracht, die Vollendung der Gestalt und der Züge schreiben, die Mary Leavenworth zum Wunder für alle diejenigen erheben, welche sie betrachten; aber Eleonore –! Berückend, schrecklich, großartig, leidenschaftlich that sich diese überirdische Erscheinung vor mir auf; sofort schwand die mondbeglänzte Lieblichkeit ihrer Cousine aus meinem Gedächtnis, und ich sah nur Eleonore, – nur Eleonore, jetzt und immerdar!

Als mein erster Blick auf sie fiel, stand sie neben einem kleinen Tisch, das Antlitz ihrer Cousine zugekehrt, die eine Hand gegen die Brust gepreßt, die andere auf den Tisch gestützt, in der Haltung einer kampfbereiten Gegnerin. Bevor jedoch das Angstgefühl, welches mich beim Anblick ihrer Schönheit durchzuckte, gewichen war, wandte sie das Haupt, und ihr Auge traf das meinige. Das ganze Entsetzen ihrer Lage hatte sie erfaßt, und anstatt eines stolzen Weibes, das bereit ist, die gräßliche Anschuldigung zurückzuweisen, sah ich – ach! ein zitterndes, geängstigtes Menschengeschöpf, welches sich bewußt war, daß ein Schwert über seinem Haupte hing, und das kein Wort der Verteidigung besaß, den Streich aufzuhalten.

Es war eine traurige Veränderung, eine herzzerreißende Offenbarung, und ich kehrte mich davon ab wie von einem Geständnis.

Da aber trat ihre Cousine, die zuerst ihre Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte, auf mich zu, streckte mir die Hand entgegen und fragte: »Nicht wahr, Sie sind Herr Raymond? – Wie gütig von Ihnen, zu kommen. Und Sie,« wandte sie sich an Gryce, »wollen uns gewiß ankündigen, daß man uns unten erwartet?«

Es war die Stimme, welche ich durch die Thüre gehört hatte, nur zu einem milden, anmutenden, fast schmeichelnden Ton moduliert.

Als ich schnell nach Gryce hinschaute, um mich zu vergewissern, welchen Eindruck die Szene auf ihn gemacht hatte, verbeugte er sich, leicht grüßend, vor der jungen Dame, und das Lächeln, mit welchem er ihrem Blick begegnete, war zugleich abbittend und beruhigend. Ihre Cousine sah er nicht an, obwohl ihre schuldbewußten Augen sich mit einer Frage auf ihn hefteten, die angstvoller erschien, als es ein Aufschrei gewesen wäre.

Da ich Gryce kannte, so fühlte ich, daß nichts schlimmer und bezeichnender war als jene durchsichtige Nichtbeachtung einer Person, welche das Gemach mit ihrer Angst und Pein anzufüllen schien. Von Mitleid ergriffen, vergaß ich, daß Mary Leavenworth gesprochen hatte, vergaß sogar ihre Anwesenheit, und indem ich mich umwandte, trat ich einen Schritt auf ihre Cousine zu.

Da fiel Gryces Hand auf meinen Arm und gebot ein Halt. »Fräulein Leavenworth spricht mit Ihnen,« sagte er.

Das brachte mich zur Besinnung. Ich wandte derjenigen, die mich so interessiert hatte, obwohl sie mich abstieß, den Rücken, stotterte der Schönen vor mir eine Entschuldigung, bot ihr meinen Arm und geleitete sie zur Thüre.

Sogleich milderte sich der Ausdruck in dem blassen, stolzen Antlitz Mary Leavenworths fast bis zu einem Lächeln, – und ich habe niemals ein Weib gesehen, das so lächeln konnte und gelächelt hat wie Mary Leavenworth. Sie schaute mich mit offener, rührender Bitte an und murmelte: »Sie sind sehr gütig; ich fühle das Bedürfnis einer Stütze, der Anlaß ist gar zu schrecklich, und meine Cousine dort,« – dabei sprach eine innere Unruhe aus ihren Augen – »ist heute so seltsam.«

»Wo,« dachte ich bei mir, »ist die gewaltige, entrüstete Prophetin mit dem unbeschreiblichen Zorn und der stolzen Drohung in Miene und Haltung, wie ich sie beim ersten Betreten ihres Zimmers erblickte? Versucht sie jetzt etwa, uns von unserem Argwohn abzuleiten, oder ist es möglich, daß sie sich so sehr selbst täuscht, um zu glauben, die furchtbare Anklage, die wir in jenem kritischen Moment hörten, habe keinen Eindruck auf uns gemacht?«

Bald aber nahm Eleonore Leavenworth, die sich auf den Arm des Detektivs lehnte, meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Auch sie hatte mittlerweile ihre Selbstbeherrschung wiedererlangt, wenn auch nicht so vollständig wie ihre Cousine; ihr Fuß wankte, als sie zu gehen versuchte, und die auf Gryces Arm ruhende Hand zitterte wie Espenlaub.

»Wollte Gott, ich hätte dieses Haus nie betreten!« sagte ich zu mir, und doch war ich merkwürdigerweise auch wieder dankbar, daß gerade ich und kein anderer in dieses Geheimnis eingedrungen war und jene schwerwiegende Aeußerung gehört hatte. Nicht etwa, daß meine Seele die geringste Nachsicht gegen jene Schuld empfunden hätte; niemals war mir das Verbrechen so schwarz entgegengetreten, niemals waren mir Rache, Selbstsucht, Haß, Habgier abscheulicher erschienen, und doch, – aber wer vermag es, seine Gefühle in solchen Momenten zu zergliedern?

Genug, indem ich die schwankenden Schritte des einen Mädchens stützte, während mein Interesse sich zu dem andern hingezogen fühlte, stieg ich die Treppe des Leavenworthschen Hauses hinab und betrat wieder den Saal, in welchem die gefürchteten Inquisitoren des Gesetzes ungeduldig unseres Erscheinens harrten.

Als ich die Schwelle überschritt und die gespannten Gesichter derer erblickte, die ich vor kurzer Zeit verlassen hatte, kam es mir vor, als seien Jahre dazwischen verflossen. So viel kann ein Menschenherz in der kleinen Spanne weniger, hochbedeutsamer Minuten erfahren.

Siebentes Kapitel.
Mary Leavenworth.

Wer hätte nicht schon die Wirkung des Sonnenlichtes beobachtet, welches hinter einer schweren, schwarzen Wolkenmasse plötzlich über die Erde hereinbricht? So ungefähr war der Eindruck, den die beiden schönen Damen bei ihrem Eintritt in den Saal hervorriefen. Sie hätten in jeder Versammlung die bewundernden Blicke aller Anwesenden auf sich gelenkt; in einem weit höheren Grade mußte dies hier geschehen, inmitten dieser furchtbaren Tragödie und unter Männern solchen Schlages!

Ich führte meine zitternde Gefährtin nach der entlegensten Ecke, die ich auffinden konnte, und sah mich dann nach ihrer Cousine um, – doch Fräulein Eleonore, so schwach sie mir oben in ihrem Zimmer erschienen war, zeigte jetzt weder Zaudern noch Verlegenheit. Auf den Arm des Detektivs gestützt, trat sie vor und betrachtete einen Augenblick die sich vor ihr entfaltende Szene, dann verneigte sie sich vor dem Coroner mit einer Anmut und Herablassung, welche diesen sofort auf denselben Fuß mit einem höflich geduldeten Eindringling in dieses vornehme Haus zu stellen schien, nahm einen Lehnstuhl ein, den ihr die Dienerinnen eilig herbeibrachten, und entwickelte überhaupt eine Unbefangenheit und Würde, welche mehr an die Triumphe einer Dame im Salon als an das Benehmen einer Schuldbewußten vor dem Untersuchungsrichter erinnerten.

Es war dies offenbar ein Theatercoup; aber er verfehlte seine Wirkung nicht. Sofort verstummte das Geflüster, die lästigen Blicke senkten sich, und auf den Gesichtern aller Anwesenden zeigte sich etwas wie ein erzwungener Respekt.

Selbst ich, der ich doch noch den Eindruck ihres vorherigen, gänzlich verschiedenen Benehmens empfand, hatte ein Gefühl der Erleichterung. Desto unangenehmer überraschte es mich, als ich das Auge der neben mir sitzenden Dame mit einem fragenden Ausdruck auf ihre Cousine gerichtet sah, der mich keineswegs ermutigte.

Da ich die Wirkung dieses Blickes auf die Umgebung fürchtete, ergriff ich Mary Leavenworths Hand, die, krampfhaft geballt, über die Lehne des Stuhles hing, und wollte sie eben ermahnen, vorsichtig zu sein, als ihr Name, der vom Coroner ausgesprochen wurde, sie aus ihrer Versunkenheit erweckte. Schnell wandte sie das Auge von ihrer Cousine, erhob den Blick zur Jury, und ich sah denselben so kühn und entrüstet aufleuchten wie bei unserer ersten Begegnung. Doch dieser Blitz erlosch wieder, und mit dem Ausdruck großer Bescheidenheit machte sie sich bereit, der Aufforderung des Coroners nachzukommen und die wenigen einleitenden Fragen zu beantworten.

Niemand vermag sich die Angst, die ich in diesem Moment fühlte, auszumalen. Freilich sah sie jetzt sanft aus; aber ich hatte es erfahren, daß sie eines gewaltigen Zornausbruches fähig war. Würde sie wohl jetzt ihren Verdacht wiederholen? – haßte sie ihre Cousine ebenso sehr, wie sie ihr mißtraute? – würde sie es wagen, in dieser Versammlung und vor der Welt zu behaupten, was sie in der Zurückgezogenheit ihres eigenen Gemaches und vor den Ohren der einzigen Person geäußert hatte, welche es betraf?

Ihr Antlitz verriet mir nichts von ihrer Absicht, und in meiner Angst schaute ich noch einmal nach Eleonore hin. Diese befand sich in einer Furcht und Aufregung, die ich leicht begriff; bei dem ersten Anzeichen, daß ihre Cousine sprechen wollte, war sie entsetzt zurückgewichen, und jetzt saß sie so da, daß man ihr Gesicht nicht erblicken konnte; aber ihre Hände hatten die Blässe des Todes.

Mary Leavenworths Zeugnis war kurz. Nach einigen Fragen, die sich meist auf ihre Stellung im Hause und ihr Verhältnis zu dem Ermordeten bezogen, wurde sie aufgefordert zu erzählen, was sie von dem Morde selbst und seiner Entdeckung durch ihre Cousine und die Dienerschaft wußte.

Indem sie ihre Stirn erhob, die noch kein Schatten einer Sorge oder eines Kummers getrübt zu haben schien, und ihre Stimme ertönen ließ, die, obwohl leise und sanft, dennoch mit Glockenton durch den Saal klang, entgegnete sie: »Sie legen mir da eine Frage vor, meine Herren, die ich aus eigener Anschauung nicht beantworten kann; von dem Morde und seiner Entdeckung weiß ich nichts, als was mir von andern berichtet worden ist.«

Mein Herz hüpfte vor Freude und Erleichterung; ich sah Eleonores Hände von ihrer Stirn niederfallen, während ein Hoffnungsschimmer über ihr Gesicht glitt und wieder erlosch wie ein Sonnenstrahl, der über Marmor flieht.

»So sonderbar es Ihnen erscheinen mag,« fuhr Mary ernst fort, und wieder verdüsterte ein Schatten ihr Antlitz, »ich habe das Zimmer noch nicht betreten, in welchem mein Onkel liegt; mein Gefühl gebot mir, zu meiden, was so entsetzlich und herzzerreißend ist; aber Eleonore ist dort gewesen und kann Ihnen sagen –«

»Wir werden Fräulein Eleonore später verhören,« unterbrach sie der Coroner freundlich; offenbar hatte die Anmut und Eleganz des reizenden Mädchens auch auf ihn ihren Eindruck nicht verfehlt. »Was wir wissen wollen, ist, was Sie gesehen haben. Sie behaupten, daß Sie uns nichts davon erzählen können, was in jenem Zimmer zur Zeit der Entdeckung vorging?«

»Nein, mein Herr!«

»Nur, was sich in der Halle ereignete?«

»In der Halle hat sich nichts ereignet,« bemerkte sie unschuldig.

»Ging nicht die Dienerschaft durch die Halle, und kam Ihre Cousine nicht von dort her, nachdem sie sich von der Ohnmacht, welche sie bei dem ersten Anblick Ihres Onkels überwältigt, erholt hatte?«

Mary Leavenworths Veilchenaugen öffneten sich verwundert. »Gewiß!« sagte sie. »aber dabei ist doch nichts Auffallendes!«

»Aber Sie entsinnen sich noch, wie Ihre Cousine aus dem Zimmer in die Halle trat?«

»Jawohl, mein Herr.«

»Mit einem Papier in der Hand?«

»Papier?« fragte sie, wandte sich dann plötzlich um und schaute ihre Cousine an. »Hattest du ein Papier, Eleonore?«

Es war ein Moment der höchsten Spannung. Eleonore Leavenworth, die bei der ersten Erwähnung des Wortes ›Papier‹ merklich zusammengezuckt war, stand bei dieser naiven Frage auf, öffnete die Lippen und war im Begriff zu sprechen, als der Coroner, der Gerichtsordnung gemäß, mit Entschiedenheit die Hand erhob und sprach: »Wir brauchen Ihre Cousine vorläufig noch nicht zu verhören, aber lassen Sie uns wissen, was Sie selbst beobachtet haben.«

Sofort sank Eleonore Leavenworth auf ihren Sitz zurück; auf jeder ihrer Wangen brannte ein dunkelroter Fleck: durch die Versammlung ging ein leises Murmeln, welches die Enttäuschung derjenigen zeigte, denen mehr an der Befriedigung ihrer Neugier als an der Beobachtung der gerichtlichen Form lag.

Nachdem die Ruhe vollständig wiederhergestellt war, wiederholte der Coroner seine Frage: »Bitte, sagen Sie mir, ob Sie dergleichen in ihrer Hand sahen.«

»Ich – nein. Ich habe nichts gesehen!«

Als sie dann über die Ereignisse der vergangenen Nacht verhört wurde, zeigte sie sich außer stande, irgendwie neues Licht über das Dunkel zu verbreiten. Sie räumte ein, daß ihr Onkel beim Essen vielleicht etwas verschlossen gewesen sei, aber nicht mehr als jemand, der sich nicht ganz wohl fühle, oder den eine alltägliche Sorge drücke. Später hatte sie den Verstorbenen nicht wiedergesehen; die letzte Erinnerung, welche sie von ihm hatte, war die, als er oben am Familientisch saß.

Es lag etwas so Rührendes, so Wehmütiges und doch so Ungezwungenes in ihrem einfachen Bericht, daß sich in den Mienen aller Anwesenden ein Ausdruck der Sympathie zeigte; nur Eleonore blieb regungslos.

»Stand Ihr Onkel mit irgend jemandem auf schlechtem Fuße? Hatte er Wertpapiere oder Geldsummen in seinem Besitz verborgen?«

Auf alle diese Fragen antwortete sie in gleicher Weise verneinend.

»Hat Ihr Onkel in letzter Zeit einen Fremden empfangen oder während der letzten Wochen einen Brief erhalten, der Licht auf dieses Geheimnis werfen könnte?«

Mit einem leichten Zögern in der Stimme entgegnete sie: »Soviel ich weiß, – nein!« Hier warf sie einen verstohlenen Blick auf Eleonores Gesicht, und in demselben mußte sie etwas Beruhigendes gelesen haben; denn sie beeilte sich hinzuzufügen: »Ich glaube sogar, ich kann noch weiter gehen und mit einem bestimmten Nein antworten; mein Oheim pflegte mir zu vertrauen, und ich würde es wissen, wenn ihm etwas von Bedeutung begegnet wäre.«

Nach Hannah gefragt, stellte sie derselben das beste Zeugnis aus; sie hatte keine Ahnung, was jene zu ihrem seltsamen Verschwinden veranlaßt hätte, ebensowenig vermochte sie sich vorzustellen, auf welche Weise das Mädchen mit dem Verbrechen in Verbindung stehen könne. Nach Marys Wissen hatte sie niemals einen Liebhaber besessen, noch Besuche empfangen. Als sie zum Schluß gefragt wurde, wann sie zum letztenmal Herrn Leavenworths Pistol gesehen habe, erwiderte sie, daß es ihr nur einmal zu Gesicht gekommen sei, und zwar an dem Tage, an welchem der Verstorbene es gekauft habe. Uebrigens sei Eleonore und nicht sie mit der Oberaufsicht über die Gemächer des Onkels betraut gewesen.

Bei dieser letzten Behauptung fiel mir auf, daß Eleonore einen scharfen, prüfenden Blick auf die Sprecherin warf.

Jetzt richtete einer der Geschworenen an die junge Dame eine Frage. »Hat Ihr Oheim jemals ein Testament aufgesetzt?«

Sofort horchte jeder der Anwesenden auf, und auch Mary konnte ein leichtes Erröten beleidigten Stolzes nicht unterdrücken. Doch ihre Antwort war fest und ohne ein Zeichen des Gekränktseins. »Ja, mein Herr,« erwiderte sie einfach.

»Mehr als eins?«

»Ich habe stets nur von einem einzigen gehört.«

»Sind Sie mit dem Wortlaut dieser letztwilligen Verfügung bekannt?«

»Er machte aus seinen Absichten gegen niemand ein Geheimnis.«

»Vielleicht können Sie mir dann sagen, wer von seinem Tode den größten Vorteil hat?« forschte der Geschworene, sie durch sein Augenglas betrachtend.

Die Roheit dieser Frage war so verletzend, daß sie nicht ungeahndet bleiben durfte; es war kein Mensch im ganzen Saale, der seine Mißbilligung darüber nicht offen gezeigt hätte.

Doch Mary Leavenworth richtete sich stolz auf, sah dem unverschämten Inquirenten ruhig ins Gesicht und beschränkte sich darauf, zu entgegnen: »Wer am meisten dadurch verliert, das will ich Ihnen sagen: es sind die beiden Kinder, die er aus Hilflosigkeit und Not rettete, die jungen Mädchen, die er mit seiner Liebe und seinem Schutz umgab, so oft ihre Unselbständigkeit der Liebe und des Schutzes bedurfte, und die, selbst als die Kindheit weit hinter ihnen lag, sich stets auf seine Leitung und seinen Rat verließen. Für sie ist sein Tod ein Verlust, mit dem verglichen alle übrigen Verluste unbedeutend sind.«

Es war dies eine edle Antwort auf eine Frage, wie sie nur einer niedrigen Gesinnung entspringen konnte, und der Geschworene zog sich beschämt und gedemütigt zurück.

Jetzt erhob sich ein anderes Mitglied der Jury, das einen ungleich würdigeren Eindruck machte, und fragte mit ernster, eindringlicher Stimme: »Fräulein Leavenworth, der Menschenverstand kann nun einmal nicht umhin, sich Vermutungen zu bilden und Schlüsse zu ziehen. Hegen Sie irgend einen, wenn auch unbestimmten Verdacht bezüglich der Persönlichkeit des Mörders Ihres Oheims?«

Es war ein entsetzlicher Moment nicht nur für mich, sondern auch für eine andere Person. Würde ihr der Mut sinken, würde sie ihrem Entschluß, die Cousine zu schützen, auch trotz der Mahnung von Pflicht und Recht treu bleiben? Ich wagte nicht, es zu hoffen.

Mary Leavenworth erhob sich, schaute dem Richter und der Jury ruhig ins Angesicht und erwiderte mit klarer und scharfer Betonung: »Nein! Ich hege keinen Verdacht, noch habe ich Grund zu einem solchen. Der Mörder meines Onkels ist mir nicht nur gänzlich unbekannt, sondern ich habe auch nicht die leiseste Ahnung davon, wer der Thäter sein mag.«

Es war als ob eine drückende Schwüle aus dem Saal wich. Während alles aufatmete, trat Mary Leavenworth beiseite, und Eleonore wurde auf den Zeugenstand gerufen.

Achtes Kapitel.
Der Indizien-Beweis.

Jetzt hatte die Spannung ihren Höhepunkt erreicht; der Schleier, welcher das schreckliche Trauerspiel in Dunkel hüllte, schien sich alsbald zu lüften, wenn nicht ganz zu heben, und ich fühlte das Verlangen, die Szene zu fliehen, den Ort zu verlassen, und nichts mehr zu erfahren.

Nicht, daß ich eine besondere Furcht hegte, Eleonore könne sich selbst verraten; die kalte Ruhe ihres Gesichtes, die Regungslosigkeit ihrer Züge boten mir eine genügende Sicherheit gegen die Möglichkeit einer solchen Katastrophe. Wenn aber der Verdacht ihrer Cousine nicht aus Haß entsprang, sondern auf Thatsachen beruhte, wenn ihr schönes Antlitz wirklich nur eine Maske war, was sich nach den Worten ihrer Cousine und ihrem eigenen Benehmen hinterher kaum anders annehmen ließ: wie konnte ich es da über das Herz bringen, noch länger hier zu sitzen und mit anzusehen, wie die tückische Schlange der Lüge und der Sünde aus dem Kelch dieser weißen Rose hervorkroch?

Und doch ist der Bann der Ungewißheit so mächtig, daß, obwohl die Mienen vieler der Anwesenden meine eigenen Gefühle wiederspiegelten, kein einziger aus der ganzen Versammlung die Absicht verriet, sich zu entfernen, am allerwenigsten ich.

Der Coroner, auf welchen die Anmut Marys zu Eleonorens offenbarem Nachteil einen so guten Eindruck hervorgebracht hatte, war der einzige im ganzen Saal, der sich in diesem Moment unbewegt zeigte; er wandte sich der Zeugin mit einem Blicke zu, der zwar achtungsvoll war, aber doch etwas Strenges hatte, und begann: »Sie sind von Ihrer Kindheit an ein Mitglied der Familie Leavenworth gewesen?«

»Von meinem zehnten Jahre an,« lautete die Antwort.

Es war das erste Mal, daß ich ihre Stimme hörte, und es überraschte mich, daß dieselbe derjenigen ihrer Cousine so ähnlich und doch auch wieder so unähnlich klang; gleich im Ton, fehlte ihr, sozusagen, das Modulationsfähige, sie traf das Ohr ohne Vibration und verklang ohne Widerhall.

»Seit jener Zeit sind Sie wie eine Tochter behandelt worden?«

»Jawohl, mein Herr, wie eine Tochter; kein Vater hätte mehr für uns thun können.«

»Sie und Fräulein Mary Leavenworth sind Cousinen, glaube ich. Wann ist letztere in die Familie eingetreten?«

»Zu derselben Zeit als ich, unsere beiderseitigen Eltern waren Opfer des nämlichen Unglücks; hätte sich der Onkel nicht unserer angenommen, so wären wir als Kinder in eine fremde Welt geschleudert worden. Aber er –« hier hielt sie inne, und ihre feinen Lippen zitterten merklich, – »er nahm uns in der Güte seines Herzens in seine Familie auf und gab uns, was wir beide verloren hatten, – einen Vater und eine Heimat.«

»Sie sagen, er sei Ihnen sowohl als auch Ihrer Cousine ein Vater gewesen, er habe Sie beide adoptiert; wollen Sie damit andeuten, daß er Sie nicht nur mit dem gegenwärtigen Luxus umgab, sondern daß er Ihnen dasselbe auch für die Zukunft in Aussicht stellte, mit einem Wort, daß er beabsichtigte, Ihnen einen Teil seines Vermögens zu hinterlassen?«

»Nein, mein Herr! Er gab mir von Anfang an zu verstehen, daß sein Besitztum dereinst auf meine Cousine übergehen würde.«

»Ihre Cousine war ihm nicht näher verwandt als Sie selbst, Fräulein Leavenworth. Hat er nicht einmal einen Grund für diese Parteilichkeit angegeben?«

»Nur seine Vorliebe, mein Herr.«

Ihre Antworten über diesen Punkt waren so kurz und befriedigend gewesen, daß an Stelle der unbehaglichen Zweifel, welche von Anfang an den Namen und die Person dieses Mädchens umschwebt hatten, ein allmählich wachsendes Zutrauen trat. Bei dieser Aussage zumal, die mit so ruhiger leidenschaftsloser Stimme abgegeben wurde, fühlte die Jury sowohl wie ich, der ich doch mehr Grund zum Argwohn hatte, daß der bisher gehegte Verdacht bei einem so gänzlichen Fehlen eines Motives zur That, wie jene Aeußerung bekundete, sehr stark erschüttert werden mußte.

Mittlerweile fuhr der Coroner fort: »Wenn Ihr Oheim alles das für Sie that, was Sie mir erzählt haben, so empfanden Sie wohl eine große Zuneigung zu ihm?«

»Jawohl,« entgegnete sie, und um ihren Mund lagerte sich ein Zug großer Entschiedenheit.

»Sein Tod muß also ein schwerer Schlag für Sie sein?«

»So ist es.«

»Schwer genug, um Sie beim ersten Anblick der Leiche in Ohnmacht sinken zu lassen.«

Eleonore nickte stumm mit dem Kopf.

»Und doch schienen Sie darauf gefaßt zu sein.«

»Gefaßt?«

»Die Dienstboten sagen, Sie wären sehr aufgeregt gewesen, als Ihr Onkel beim Frühstück nicht erschien.«

»Die Dienstboten?« Ihre Zunge schien ihr am Gaumen zu kleben; sie war kaum im stande zu sprechen.

»Als Sie aus dem Bibliothekzimmer zurückkehrten, sollen Sie sehr blaß gewesen sein.«

Begann sie es zu ahnen, daß in dem Geiste des Mannes, der sie mit solchen Fragen angriff, ein Zweifel über sie oder gar ein wirklicher Verdacht bestand? So aufgeregt hatte ich sie seit jenem denkwürdigen Moment im oberen Zimmer nicht gesehen; doch ihr Mißtrauen, wenn sie überhaupt ein derartiges Gefühl hegte, konnte von keiner langen Dauer sein. Mit sichtbarer Anstrengung beherrschte sie sich und antwortete mit ruhiger Handbewegung: »Das ist nichts Auffallendes, mein Oheim war ein sehr methodischer Mann, die geringste Veränderung in seinen Gewohnheiten würde bei uns sicherlich Befürchtungen hervorgerufen haben.«

»Sie waren also beunruhigt?«

»Bis zu einem gewissen Grade – ja.«

»Wer hat die Oberaufsicht über die Gemächer Ihres Onkels, Fräulein Leavenworth?«

»Ich, mein Herr.«

»Dann kennen Sie auch ohne Zweifel einen gewissen Toilettentisch, der in seinem Schlafzimmer steht und ein Schubfach enthält?«

»Gewiß.«

»Wie lange ist es her, daß Sie an jenes Schubfach gegangen sind?«

»Gestern.« Sie zitterte merklich bei diesem Geständnis.

»Um welche Zeit?«

»Um die Mittagsstunde – soviel ich weiß.«

»Lag der Revolver, welchen er besaß, zu jener Zeit an seiner gewohnten Stelle?«

»Ich glaube wohl, beachtet habe ich es nicht.«

»Drehten Sie den Schlüssel um, als Sie das Schubfach öffneten?«

»Jawohl.«

»Zogen Sie den Schlüssel heraus?«

»Nein, mein Herr.«

»Fräulein Leavenworth, der Revolver, wie Sie vielleicht schon bemerkt haben werden, liegt vor Ihnen auf dem Tisch; wollen Sie ihn gefälligst einmal ansehen?« Er nahm die Waffe auf und reichte sie ihr hin.

Wenn er die Absicht gehegt hatte, sie durch diese plötzliche Aufforderung zu erschrecken, so hatte er seinen Zweck vollkommen erreicht. Beim ersten Anblick der mörderischen Waffe schrak sie zurück, und ein entsetzter, aber schnell unterdrückter Aufschrei entfuhr ihren Lippen. »O nein! nein!« stöhnte sie, mit den Händen abwehrend.

»Ich muß darauf bestehen, daß Sie sich den Revolver ansehen, Fräulein Leavenworth,« beharrte der Coroner; »als man ihn fand, waren alle Kammern geladen.«

Sofort wich der Ausdruck des Schreckens von ihrem Antlitz. »O dann –« Sie sprach nicht weiter, sondern streckte die Hand nach der Waffe aus.

Der Coroner jedoch, sie fest ansehend, fuhr fort: »Trotzdem ist vor kurzer Zeit aus demselben gefeuert worden. Die Hand, welche den Lauf reinigte, vergaß die Patronenkammer, Fräulein Leavenworth.«

Sie schrak nicht wieder zurück; aber ein hoffnungs- und hilfloser Ausdruck legte sich über ihr Antlitz, und sie schien dem Umsinken nahe. Doch schnell kam die Reaktion, und sie erhob das Haupt mit einer Kraftanstrengung, wie ich sie noch niemals bei einem Weibe beobachtet hatte; dann rief sie aus: »Nun – und was soll das?«

Der Coroner legte den Revolver hin; Männer und Frauen schauten einander an, und alles schien vor dem zu bangen, was jetzt folgen würde.

Ich hörte einen zitternden Seufzer an meiner Seite, und als ich mich umwandte, sah ich, wie Mary mit heißem Erröten nach ihrer Cousine hinstarrte, als würde sie sich jetzt erst der Thatsache bewußt, daß außer ihr noch andere fühlten, wie ein gewisses Etwas Eleonore umschwebte.

Endlich fand der Coroner den Mut fortzufahren: »Sie fragen mich. Fräulein Leavenworth, was das soll? Darauf muß ich Ihnen erwidern, daß kein Einbrecher, kein gedungener Meuchelmörder sich dieses Revolvers zu seiner That bedient und sich dann die Mühe genommen haben würde, denselben nicht nur zu reinigen, sondern auch von neuem zu laden und ihn wieder in das Schubfach zu schließen, aus welchem er ihn genommen hatte.«

Sie gab darauf keine Antwort; aber ich sah, wie Gryce sich mit einem bedeutsamen Nicken des Kopfes eine Notiz machte.

»Auch würde es,« fügte der Coroner noch ernster hinzu, »für jemanden, der nicht daran gewöhnt war, zu allen Stunden in Herrn Leavenworths Zimmer aus- und einzugehen, unmöglich gewesen sein, so spät in der Nacht in das Zimmer des Verstorbenen zu gelangen, sich den Revolver von dem Aufbewahrungsorte zu nehmen, das Gemach zu durchschreiten und Herrn Leavenworth so nahe zu schleichen, wie dies laut Feststellung des Thatbestandes geschehen sein muß, ohne ihn zu veranlassen, wenigstens den Kopf nach einer Seite zu wenden. Das kann er nach der Erklärung des Doktors nicht gethan haben.«

Es war ein furchtbarer Verdacht, und alles blickte auf Eleonore.

Doch das Aufwallen äußerster Entrüstung that sich nicht bei ihr kund, sondern bei ihrer Cousine; Mary fuhr empört von ihrem Sitze auf, warf einen raschen Blick um sich und öffnete die Lippen, um zu sprechen.

Eleonore dagegen kehrte sich ihr halb zu, winkte ihr, sich in Geduld zu fassen, und entgegnete mit kalter, berechnender Stimme: »Sie können nicht so unbedingt gewiß sein, daß sich alles zutrug, wie Sie behaupten. Hätte mein Onkel selbst aus irgend einem Anlaß, sagen wir gestern, den Revolver abgefeuert, – was doch sicher möglich, wenn nicht wahrscheinlich ist, – so würden Sie dieselben Resultate beobachtet und dieselben Schlüsse gezogen haben.«

»Fräulein Leavenworth,« fuhr der Coroner fort, »die Kugel ist aus dem Haupte ihres Oheims entfernt worden!«

»Ah –«

»Sie entspricht den im Toilettentisch aufgefundenen Patronen und trägt die Nummer derjenigen, die man bei diesem Pistol gebraucht.«

Nach diesen Worten ließ sie den Kopf sinken; ihre Augen suchten den Boden, und ihre ganze Haltung drückte die äußerste Entmutigung aus.

Als der Coroner dies sah, wurde er noch ernster. »Fräulein Leavenworth,« fuhr er fort, »ich habe Ihnen noch einige Fragen bezüglich des vergangenen Abends vorzulegen. Wo haben Sie denselben verbracht?«

»Allein auf meinem Zimmer.«

»Sie haben Ihren Onkel und Ihre Cousine noch im Laufe des Abends gesehen?«

»Nein, mein Herr. Nachdem ich vom Tische aufgestanden war, habe ich niemand mehr gesehen – Thomas ausgenommen,« fügte sie nach kurzer Pause hinzu.

»Und wie kam es, daß Sie ihn sahen?«

»Er brachte mir die Karte eines Herrn.«

»Darf ich nach seinem Namen fragen?«

»Auf der Karte stand der Name ›Le Roy Robbins.‹«

Die Sache schien bedeutungslos; aber das plötzliche Zusammenzucken der neben mir sitzenden Dame bewirkte, daß sie mir in Erinnerung blieb.

»Wenn Sie auf Ihrem Zimmer sind, Fräulein Leavenworth,« fragte der Coroner weiter, »pflegen Sie da Ihre Thür offen zu lassen?«

Eleonore erschrak, faßte sich aber schnell wieder. »Das ist nicht meine Gewohnheit, mein Herr.«

»Warum ließen Sie die Thür in der vergangenen Nacht offen?«

»Es war mir zu warm.«

»Aus keinem andern Grunde?«

»Ich bin außer stande, einen anderen anzuführen.«

»Wann schlossen Sie dieselbe?«

»Als ich mich zur Ruhe begab.«

»War das ehe die Dienstboten hinaufgingen oder nachher?«

»Nachher.«

»Hörten Sie es, als Herr Harwell das Bibliothekzimmer verließ und sich auf sein Zimmer begab?«

»Allerdings.«

»Wie lange ließen Sie danach die Thür noch offen?«

»Ich – ich – einige Minuten, ich kann es nicht genau sagen,« stotterte sie.

»War es länger als 10 Minuten?«

»Ja.«

»Länger als zwanzig?«

»Vielleicht.« – Wie blaß ihr Gesicht war und wie sehr sie zitterte!

»Fräulein Leavenworth! Nach dem Befunde erfolgte der Tod Ihres Oheims nicht sehr lange, nachdem Herr Harwell ihn verlassen hatte. War Ihre Thür offen, so konnten Sie nicht umhin, zu hören, wenn jemand in sein Zimmer ging, oder ein Pistol abgefeuert wurde, haben Sie etwas gehört?«

»Ich habe keinen Lärm gehört, nein, gewiß nicht!«

»Haben Sie nichts gehört?«

»Keinen Pistolenschuß.«

»Entschuldigen Sie meine Beharrlichkeit, Fräulein Leavenworth; aber haben Sie wirklich gar nichts gehört?«

»Ich hörte eine Thür schließen.«

»Welche Thür?«

»Die zum Bibliothekzimmer führende.«

»Wann?«

»Das weiß ich nicht,« entgegnete sie, krampfhaft die Hände zusammenpressend, »ich kann es Ihnen nicht sagen. Warum legen Sie mir so viele Fragen vor?«

Ich sprang auf: denn sie schwankte und war einer Ohnmacht nahe. Doch bevor ich sie erreichen konnte, hatte sie sich wieder aufgerichtet und ihre frühere Fassung wiedergewonnen.

»Entschuldigen Sie.« sagte sie, »ich bin heute morgen etwas verwirrt; was war es doch, wonach Sie mich fragten?«

»Ich wollte wissen,« entgegnete der Coroner, und seine Stimme wurde scharf, offenbar zeugte ihr gegenwärtiges Benehmen wider sie. »wann Sie das Bibliothekzimmer schließen hörten?«

»Ich vermag nicht, die Zeit genau anzugeben; aber es war, nachdem Herr Harwell heraufgekommen war und ich meine eigene Thür geschlossen hatte.«

»Einen Pistolenschuß haben Sie nicht gehört?«

»Nein, mein Herr.«

Der Coroner warf einen raschen Blick auf die Jury, und fast alle Geschworenen senkten die Augen zu Boden.

»Fräulein Leavenworth, man hat uns berichtet, daß Hannah, eine der Dienerinnen, in der verflossenen Nacht zu Ihnen ging, um sich eine Arzenei zu holen. Ist sie bei Ihnen gewesen?«

»Nein, mein Herr.«

»Wann hörten Sie zuerst von ihrem seltsamen Verschwinden?«

»Heute morgen vor dem Frühstück. Molly begegnete mir in der Halle und fragte mich, wo Hannah sei; nachdem wir einige Worte mit einander gewechselt hatten, kamen wir zu dem Schluß, daß sie das Haus heimlich verlassen haben müsse.«

»Was dachten Sie sich, als Ihnen diese rätselhafte Flucht bekannt wurde?«

»Ich wußte nicht, was ich davon denken sollte.«

»Brachten Sie diesen Vorfall mit der Ermordung Ihres Onkels nicht in irgend welchen Zusammenhang?«

»Ich wußte damals noch nichts von dem Morde.«

»Aber nachher?«

»Es mag mir wohl der Gedanke gekommen sein, die Verschwundene könnte von der That etwas gewußt haben; aber ich kann es jetzt nicht mehr mit Bestimmtheit behaupten.«

»Können Sie mir etwas aus dem Vorleben des Mädchens erzählen?«

»Nicht mehr, als Ihnen meine Cousine mitgeteilt hat.«

»Wissen Sie nicht, warum sie des Abends so traurig war?«

Ueber Eleonores Wange huschte ein zorniges Rot. »Nein mein Herr!« versetzte sie kühl abweisend, »ich bin nicht die Vertraute ihrer Geheimnisse gewesen.«

»Dann können Sie uns wohl auch nicht sagen, wohin sie von hier aus gegangen sein mag?«

»Gewiß nicht.«

»Fräulein Leavenworth, wir sind genötigt, Ihnen noch eine andere Frage vorzulegen. Nach den Zeugenaussagen sind Sie es gewesen, welche den Befehl gab, die Leiche Ihres Oheims von der Stelle, wo sie gefunden worden war, in das nächste Zimmer zu schaffen.«

Sie neigte zustimmend den Kopf.

»Wissen Sie nicht, daß es ungesetzlich ist, den Körper eines tot angetroffenen Menschen aus der Lage zu rücken, in welcher er sich befand, ausgenommen in Gegenwart und auf Geheiß des zuständigen Beamten?«

»In dieser Hinsicht habe ich nicht nach meinem Verstande, sondern nach meinem Gefühl gehandelt.«

»Dann war es wohl auch Ihr Gefühl, welches Sie antrieb, an dem Tische, vor dem Ihr Oheim ermordet ward, stehen zu bleiben, anstatt der Leiche zu folgen und für deren Verbringung an einen geeigneten Platz zu sorgen, oder Sie waren vielleicht,« fuhr er mit erbarmungslosem Spott fort, »viel zu sehr damit beschäftigt, ein Stück Papier beiseite zu schaffen, statt an das zu denken, was die Sachlage von Ihnen gefordert hätte.«

»Ein Stück Papier?« wiederholte sie, das Haupt entschlossen hebend, »wer behauptet, ich hätte ein Stück Papier vom Tisch genommen? Ich bin mir nicht bewußt, das gethan zu haben.«

»Ein Zeuge hat beschworen, daß er sah, wie Sie sich über den Tisch beugten, auf welchem verschiedene Schriftstücke lagen, während eine Zeugin Ihnen wenige Minuten später in der Halle begegnete und bemerkte, daß Sie ein Stück Papier in die Tasche schoben. Daraus ergiebt sich die Berechtigung meines Schlusses, Fräulein Leavenworth.«

Das war ein direkter Angriff, und aller Augen richteten sich auf Eleonore, um zu sehen, wie sie ihn aufnahm; aber ihre stolzen Lippen zuckten nicht einen Moment. »Sie haben den Schluß gezogen,« entgegnete sie kühl, »an Ihnen liegt es auch, die Thatsache zu beweisen.«

Eine solche Antwort hatte niemand erwartet, selbst der Coroner war ein wenig verwirrt; doch bald faßte er sich wieder und sagte: »Fräulein Leavenworth, ich muß Sie noch einmal danach fragen, ob Sie vom Tisch etwas weggenommen haben oder nicht?«

Sie kreuzte die Arme über die Brust. »Ich lehne es ab, Ihnen darauf eine Antwort zu erteilen,« sagte sie ruhig.

»Verzeihen Sie mir,« versetzte er; »aber es ist nötig, daß Sie es thun.«

»Sollte sich ein verdächtiges Blatt Papier in meinem Besitz vorfinden,« sprach sie, und ein Zug der Entschlossenheit legte sich um ihren Mund, »dann wird es für mich an der Zeit sein, zu erklären, auf welche Weise ich dazu gekommen bin.«

Diese trotzige Weigerung schien den Coroner stutzig zu machen. »Begreifen Sie auch, was man aus Ihrer Weigerung schließen wird?«

Sie senkte das Haupt. »Ich fürchte, ja,« antwortete sie.

Gryce faßte mit der Hand nach der Troddel des Fenstervorhanges und spielte nachlässig mit derselben.

»Und Sie bestehen auf Ihrer Weigerung?« fragte der Coroner.

Sie verschmähte es gänzlich, darauf zu antworten, und auch der Coroner drang nicht mehr in sie.

Es war jetzt allen klar geworden, daß Eleonore nicht nur auf ihre Verteidigung bedacht war, sondern daß sie ihre Lage durchaus begriff und gerüstet war, ihre Stellung zu behaupten. Selbst ihre Cousine, die bis jetzt ihre äußere Ruhe und Fassung bewahrt hatte, verriet eine starke, unbezwingbare Aufregung. Es schien ihr doch etwas anderes zu sein, selbst eine Anklage zu erheben, als es mit anzusehen, wie dieselbe sich auf den Gesichtern aller Anwesenden mehr oder minder deutlich zeigte.

»Fräulein Leavenworth,« begann der Coroner wieder, seine Angriffsweise ändernd. »Sie hatten immer freien Zutritt zu den Gemächern Ihres Onkels, nicht wahr?«

»Jawohl.«

»Sie hätten also sein Zimmer spät in der Nacht betreten, es durchschreiten und sich an seine Seite stellen können, ohne ihn auch nur in einem Grade zu stören, daß er den Kopf nach Ihnen umgewandt hätte?«

»Ohne Zweifel,« antwortete sie, die Hände krampfhaft in einander pressend.

»Der Schlüssel zum Bibliothekzimmer fehlt, Fräulein Leavenworth.«

Sie gab keine Antwort darauf.

»Es ist durch Zeugenaussagen erhärtet worden, daß Sie vor der wirklichen Entdeckung des Mordes allein nach der Thür des Bibliothekzimmers gingen, wollen Sie mir wohl mitteilen, ob damals der Schlüssel im Schlosse steckte?«

»Er steckte nicht darin.«

»Sind Sie dessen gewiß?«

»Vollkommen.«

»Hatte jener Schlüssel vielleicht etwas Eigentümliches an sich in Größe oder Gestalt?«

Sie bemühte sich, den plötzlichen Schreck zu unterdrücken, welchen diese Frage ihr verursachte, ließ ihre Blicke anscheinend unbefangen über die Gruppe der Dienstboten gleiten und murmelte endlich zitternd: »Er unterschied sich allerdings ein wenig von den andern.«

»In welcher Beziehung?«

»Der Griff war abgebrochen.«

»Ah, meine Herren, der Griff war abgebrochen,« bemerkte der Coroner, sich an die Jury wendend; »Sie würden denselben also wiedererkennen, Fräulein Leavenworth, falls er Ihnen vorgezeigt würde?«

Sie warf einen scheuen Blick auf ihn, als ob sie erwartete, den Schlüssel in seiner Hand zu sehen; da dies aber nicht der Fall war, so faßte sie wieder Mut und antwortete gleichgültig: »Das würde ich wohl, mein Herr.«

»Gut denn,« versetzte er mit einer entlassenden Handbewegung; »das ist alles, meine Herren,« fügte er hinzu, sich an die Geschworenen wendend, »Sie haben die Aussagen der Mitglieder des Hauses gehört und –«

In diesem Augenblick trat Gryce leise auf ihn zu und berührte seinen Arm. »Nur einen Moment,« sagte er und flüsterte dem Coroner einige Worte ins Ohr; dann zog er sich wieder zurück, schob die rechte Hand in die Brusttasche und heftete die Augen auf den Kronleuchter.

Ich wagte kaum zu atmen. Hatte er dem Coroner die Worte wiederholt, die er oben in der Halle zufälligerweise vernommen?

»Fräulein Leavenworth,« sagte der Coroner, sich ihr zuwendend, »Sie haben erklärt, Sie wären gestern abend nicht bei Ihrem Onkel gewesen, hätten sein Zimmer überhaupt nicht betreten; bleiben Sie bei dieser Behauptung stehen?«

»Gewiß!«

Er schaute auf Gryce, der aus seiner Brusttasche ein seltsam beschmutztes Taschentuch hervorzog.

»Es ist merkwürdig,« fuhr er fort, »daß dieses Ihnen gehörige Tuch, welches der Beamte dort in der Hand hält, sich heute morgen in jenem Zimmer vorfand.«

Während Marys Gesicht den Ausdruck tiefster Verzweiflung zeigte, preßte Eleonore die Lippen fest zusammen und erwiderte: »Ich kann darin nichts Auffallendes erblicken, ich war heute morgen in dem Zimmer.«

»Und ließen es dort liegen?«

Ein Zug der Entmutigung glitt über ihr Gesicht, und sie antwortete nicht.

»So beschmutzt, wie es hier ist,« fuhr der Inquirent fort.

»Ich weiß von keinem Schmutz. Was ist es? Lassen Sie mich sehen!«

»Sogleich; doch zunächst wünschen wir zu erfahren, auf welche Weise es in das Zimmer Ihres Onkels gekommen ist.«

»Das kann auf sehr verschiedene Arten geschehen sein. Es ist vielleicht schon einige Tage her, daß ich es dort ließ, ich erzählte Ihnen ja, daß ich das Zimmer öfters zu besuchen pflege; aber zunächst lassen Sie mich einmal nachsehen, ob es auch wirklich mein Taschentuch ist,« bat sie und streckte die Hand danach aus.

»Dem muß wohl so sein; denn man sagte mir, Ihre Anfangsbuchstaben seien in eine der Ecken gestickt,« entgegnete er, während Gryce ihr das Tuch reichte.

»Diese Schmutzflecken,« rief sie entsetzt, »sie sehen aus wie –«

»Wie das, was sie in der That sind,« ergänzte der Coroner. »Wenn Sie jemals ein Pistol gereinigt haben, so müssen Sie es wissen, Fräulein Leavenworth.«

Mit dem Ausdruck des tiefsten Abscheus schleuderte sie das Tuch aus der Hand und starrte es unverwandt an, als es auf dem Boden lag. »Ich weiß nichts davon, meine Herren,« sagte sie, »es ist allerdings mein Taschentuch; aber –« Sie sprach den Satz nicht aus, sondern wiederholte nur: »Ich weiß in der That nichts davon, meine Herren!«

Damit war ihr Verhör geschlossen.

Jetzt wurde Kate, die Köchin, abermals aufgerufen und gefragt, wann sie das Taschentuch zum letztenmal gewaschen habe.

»Dieses Taschentuch? O, an irgend einem Tage der Woche.« stotterte sie und warf einen wie um Vergebung flehenden Blick auf ihre Herrin.

»An welchem Tage?«

»Ich wünschte, ich könnte es vergessen, Fräulein Eleonore, aber ich kann es nicht; es ist das einzige derartige Tuch im ganzen Hause; vorgestern erst habe ich es gewaschen.«

»Wann bügelten Sie es?«

»Gestern morgen,« kam es stockend über ihre Lippen.

»Und wann haben Sie es auf Fräulein Leavenworths Zimmer gebracht?«

Die Köchin fuhr sich mit dem Zipfel der Küchenschürze nach den Augen. »Gestern nachmittag mit der übrigen Wäsche, kurz vor dem Essen. Ich konnte wirklich nicht anders, Fräulein Eleonore,« schluchzte sie, »es ist die Wahrheit!«

Nachdem der Coroner die Zeugin entlassen hatte, wandte er sich wieder an Eleonore mit der Frage, ob sie über diesen Punkt noch etwas hinzuzufügen oder zu erklären habe.

Sie rang stumm die Hände, schüttelte langsam den Kopf und sank lautlos und ohnmächtig auf ihren Stuhl zurück.

Während der nun folgenden Aufregung machte ich die Bemerkung, daß Mary ihrer Cousine nicht zu Hilfe kam, sondern es Molly und Kate überließ, ihre Herrin zum Bewußtsein zurück zu bringen. Nach wenigen Sekunden war dies insoweit geschehen, daß sie dieselbe nach ihrem Zimmer geleiten konnten. Als sie dies thaten, bemerkte ich, wie ein hochgewachsener Mann ihnen folgte.

Hierauf trat ein peinliches Schweigen ein; dann erhob sich ein Geschworener und schlug vor, die Jury für heute zu vertagen. Dies schien mit den Wünschen des Coroners übereinzustimmen; denn er stand auf und setzte den Fortgang der Untersuchung auf 3 Uhr am nächsten Nachmittag fest, die Erwartung aussprechend, daß alsdann alle Geschworenen zur Stelle sein würden.

Jetzt entfernten sich alle, und in wenigen Minuten war der Saal leer bis auf Mary Leavenworth, Gryce und mich.

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