Читать книгу: «Das Leben ist ein Ponyhof»
ANJA LERZ (Hrsg.)
Das Leben
ist ein
Ponyhof
Tierisch turbulente Geschichten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86506-824-8
© 2015 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: fotolia Rita Kochmarjora
Satz: Brendow Web & Print, Moers
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.brendow-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Annekatrin Warnke
„Wir wollen keine Haustiere“
Christiane Müller
„ICH … chrrrrrr … BIN … chhhrrrrrrr … DEINE … chhhrrrrrrrrr … KATZE!“
Heike Wendler
Eine Hundehütte für Bello
Rainer Buck
Verkatert
Julia Pfläging
Philippus
Karin Ackermann-Stoletzky
Schopenhauers Hund
Elizabeta Karlstetter
Leonessa Gingko
Karla Schniering
Happy End für Kurz vor Sieben und Co.
Albrecht Gralle
Alma
Karin Ackermann-Stoletzky
Veni vidi vici
Marlis Büsching
Wenn schon kein Küken, dann doch ein Pferd!
Nicole Vogel
Die Mausefalle
Inken Weiand
Ein unverhofftes Glück
Claudia Althaus
Monty
Albrecht Gralle
Die Nacht der Tiere
Die Autorinnen und Autoren
„Wir wollen keine Haustiere!“
Annekatrin Warnke
Da waren der Gatte und ich uns ganz einig, als wir vor 30 Jahren sehr jung ins Eheleben starteten. Wir wussten damals noch nicht, dass manche hehren Grundsätze unterwegs versanden. Vor allem, weil Vieles ganz anders läuft, wenn man gemeinsam drei Kinder in die Welt gesetzt hat.
Also nicht, dass ich Tiere nicht mag! Wenn wir zum Beispiel auf dem Land spazieren gehen, müssen wir an jeder Pferdekoppel anhalten, damit ich die Pferdeflüsterin versuchen kann. Aber meine Kindheit hatte mir die Lust an eigenen Haustieren, für die man ständig verantwortlich ist, gründlich vermiest. Schuld daran war Flaps – ein weißer Zwergpudel, der in unsere Familie kam, als ich neun war. Alleine schon die Idee, sich ausgerechnet einen Zwergpudel anzuschaffen – in Weiß! Keine Ahnung, was meinen Paps damals geritten hat! Er hatte nämlich so ziemlich das Gegenteil dieses Minipudels mit in seine Ehe gebracht: Einen reinrassigen Schäferhund namens Rex. Der war gar nicht so begeistert, dass ich plötzlich als neues Mitglied in seinem „Rudel“ auftauchte. Solange ich in der Wiege lag, war meine Existenz für Rex ganz in Ordnung. Aber sobald ich laufen konnte, betrachtete er mich wohl als Konkurrenz. Anders ist es nicht zu erklären, dass er mich, wann immer er konnte, umgeworfen hat. Ich sehe mich heute noch auf meinen kurzen Beinchen die Außentreppe zum Balkon hoch rasen, um Rex das Balkontörchen vor der Nase zuzuschlagen. Diese Erinnerungen sprechen nicht gerade für die Fähigkeiten meines Papas in der Hundeerziehung. Obwohl Rex mir nie ernsthaft etwas getan hat, sollte er doch gelernt haben, dass man das Kind vom Rudelchef nicht einfach umwirft. Als ich vier war, kam mein kleiner Bruder zur Welt und das war meine Rettung. Mutter setzte sich durch und der Hund kam weg.
Knapp fünf Jahre später hatte ich dann diesen Pudel an der Backe. Natürlich hatte Papa den für uns gekauft und nicht, weil er unbedingt wieder einen Hund haben wollte … Und mein Bruder war zu klein, um Verantwortung zu übernehmen. Also blieb Vieles an mir hängen. Nach „Pudel“ sah Flaps übrigens nur aus, wenn er frisch vom Trimmen kam. Dann entsprach er mit seinem schicken weißen Krönchen ganz der Vorstellung, die man sich von seinem adeligen Stammbaum machte. Sein eingetragener Name lautete „Ferdinand Ludwig Anton“ und irgendetwas von und zu mit „P“ und „S“. Deswegen nannten wir ihn „Flaps“. Die weiße Pracht nach dem Trimmen hielt aber nicht mal einen Tag. In seinem Inneren war der Hund eben kein Pudel, sondern ein abenteuerlustiger Mischlingshund mit ADHS. Oder vielleicht lag es auch wieder daran, dass mein Papa keine Hunde erziehen konnte. Jedenfalls liebte dieses adelige Vieh nichts mehr, als im Dreck zu wühlen. Meistens sah er nicht weiß aus, sondern grau. Und er schlug Kapriolen vor Begeisterung, wenn wir Besuch bekamen. Sprang die Leute an, schleckte sie ab, kläffte quietschend vor Freude. Er war einfach nur peinlich! Am Schlimmsten war aber seine Abenteuerlust. Flaps hatte Spaß daran, abzuhauen. Keine Ahnung, wie er das immer wieder schaffte, aber er büxte ständig aus. Ich war zehn – und während andere Kinder fröhlich spielten, rannte ich durch unser Dorf am Rande des Sauerlandes und versuchte, den Hund wieder einzufangen. Ich war elf – und rannte über die „Rauhe Hardt“ (ein hügeliges Waldgebiet in der Umgebung des Dorfes) und versuchte, den Hund wieder einzufangen. Ich war zwölf und … na ja.
Und dann wurde Flaps plötzlich sehr krank. Die Diagnose lautete: Gehirnstaupe. Offensichtlich hat man adelige Pudel Anfang der Siebziger nicht dagegen geimpft. Eines Tages war Flaps dann nicht mehr da. Papa hat gesagt, eine wohlhabende Witwe, die sich gerne um kranke Tiere kümmert, habe ihn aufgenommen, und dort habe er es jetzt gut. Die Geschichte habe ich damals nur zu gerne geglaubt. Sehr viel später wurde mir klar, dass unser Hund eingeschläfert worden war. Mein Papa war schon immer gut darin, sich schöne Geschichten auszudenken. Mit zwölf habe ich Papas Fabulierkunst aber nicht weiter hinterfragt, sondern war einfach nur froh, die Verantwortung für Flaps los zu sein, ohne trauern zu müssen.
Viele Jahre später war ich selbst erwachsen und musste so einen schmerzhaften Abschied durch Einschläfern ganz bewusst ertragen. Aber das ist erst das Ende einer Geschichte mit eigenen Haustieren, zu denen ich immer kam wie die Jungfrau zum Kind – ungewollt und unerwartet.
Es begann mit zwei Zwergkaninchen, einem tragischen Unfall und einem Ehekrach.
Unsere Kinder waren knapp drei, fünf und sieben und wir waren nach sechs Jahren in Bayern frisch in die Nähe von Hamburg gezogen. Meinen Mann, der recht spontan ist, hatte irgendwie das schlechte Gewissen gepackt. Er war beruflich sehr eingespannt, dazu kam die Verpflanzung der Kinder. Eines Tages stand er nach Feierabend mit einem großen Indoor-Käfig auf der Matte. Darin saßen zwei entzückende junge Zwergkaninchen, eines war schwarz und das andere schneeweiß. Leider hatte er völlig vergessen, dieses Geschenk mit mir abzusprechen. Ja – selbst die besten Ehemänner der Welt schaffen es, hin und wieder handfeste Gründe für einen Ehekrach zu liefern, der sich gewaschen hat! Aber was sollte ich tun? Die Kaninchen waren da und ich konnte sie den Kindern nicht einfach wieder wegnehmen.
Leider hat das weiße Kaninchen unsere Familie nur einen Tag überlebt. Wir waren alle in einem Kinderzimmer versammelt, und ich tat zumindest so, als ob ich mich über den Familienzuwachs freute, der munter durch den Raum flitzte. Unser Dreijähriger freute sich wirklich und hüpfte vor Begeisterung auf seinem Kinderbett auf und ab. Das krachte dann im ungünstigsten Augenblick zusammen und erschlug das weiße Kaninchen. Da gab es viel Geschrei und Tränen. Die Beerdigungszeremonie im Garten stellte ich ganz in die Verantwortung des Gatten. Er hatte uns das schließlich eingebrockt!
So kurz das Leben des einen Tieres war, so lang war das des anderen. Maxi wurde eine Art Methusalem unter den Zwergkaninchen. Für mich bedeutete das, viele Jahre Käfig ausmisten und Streu aus dem Supermarkt schleppen. Es bedeutete Angst und Sorge. Maxi war ja ein „Drinnenkaninchen“. Für schöne Tage hatte der Gatte ihm einen großen Auslaufkäfig für draußen gebastelt. Leider ist mein Mann kein Heimwerker und der Käfig war entsprechend wackelig und schief. Ich hatte ständig Angst, eine der Nachbarskatzen würde den Kleinen töten, wenn er draußen ist. Und dann immer die Frage: Wohin mit dem Tierchen, wenn wir in Urlaub fahren? Maxi wurde so alt, dass unsere Kinder das Interesse an ihm verloren. Also blieb es an mir hängen, ihm ein schönes Leben zu machen. Beim Fernsehen hatte ich ihn jeden Abend auf dem Schoß. Zum Glück war er ein Kaninchen, das Streicheleinheiten wirklich genossen hat! Gestorben ist er dann, als meine Nachbarin ihn hütete. Er ist einfach kurz und schmerzlos vor Altersschwäche umgefallen. Das Grab musste die Nachbarin dann in unserem Garten schaufeln. Wir waren ja im Urlaub.
Aber nicht, dass wir dann endlich wieder ohne Haustiere gewesen wären! Da waren ja noch die zwei Wellensittiche, die auch ohne meinen Entschluss zur Familie gehörten. Und das war so gekommen:
Als unsere Älteste in der achten Klasse war, hatte ein rühriger Lehrer Kontakte zu einer Schule in der Ukraine geknüpft. Nun suchte er Schüler an seinem Gymnasium, die an einem Schüleraustausch interessiert waren. Unsere abenteuerlustige Große hatte natürlich Interesse daran und flog mit 14 Jahren nach Kiew, um dort zwei Wochen in einer Gastfamilie zu verbringen. Sie kam begeistert zurück. Sie liebte ihre Gastschwester und erzählte lebhaft von Begegnungen mit großartigen Menschen. Dass der Lebensstandard weit unter ihrem gewohnten Level war, hat sie kein bisschen gestört. Die wunderbare Gastfreundschaft hatte sie einfach umgehauen. Ein Jahr später kam der Gegenbesuch. Gastschwester Anja war zehn Tage bei uns. Anjas Papa wollte unbedingt ein Gastgeschenk mitschicken. Er war Hobbyzüchter von Wellensittichen. Also baute er einen winzigen Käfig um eines seiner Zuchttiere drum herum und steckte ihn – mit Vogel – in eine Plastiktüte. Denn damals musste ein lebendes Tier über die Grenzen geschmuggelt werden. Jedenfalls, wenn kein Geld für ordentliche Impfungen und Ausweise vorhanden war. Leider, leider konnten sich die ukrainischen Kinder keine Flüge leisten. Sie kamen mit dem Europabus. Nun kann man sich ja leicht vorstellen, dass eine fast dreitägige Reise in einem winzigen Käfig, der in einer Plastiktüte steckt, an einem Vogel nicht spurlos vorübergeht. Als der Wellensittich endlich bei uns angekommen war, hatte er einen gewaltigen Sprung in der Schüssel! Natürlich bin ich sofort losgezogen und habe ihm einen richtig großen Käfig gekauft. Wieder einmal musste ich ja um der Kinder willen gute Miene zum bösen Spiel machen.
Der große Käfig hat den armen Vogel leider auch nicht therapiert. Er wollte einfach nicht herauskommen und wellensittichmäßig durch das Zimmer fliegen. Es war, als ob er Angst hätte, sein neues Zuhause aufzugeben und wieder in den winzigen Reisekäfig eingesperrt zu werden. Das war jedenfalls meine laienhafte Psychoanalyse. Nicht, dass ich wirklich gewusst hätte, wie geschädigte Wellensittiche so ticken! Zumal ich ja kein Fan bin von Käfigvögeln, die einfach nur viel Dreck machen. Aber das Tier war nun mal da – und ich fühlte mich verantwortlich. Nicht umsonst nennt man mich in meiner Familie „Mutter Beimer“. Und genau deshalb bin ich dann in unser heimisches Zoogeschäft gestiefelt und habe einen zweiten Wellensittich gekauft. Das war ein Weibchen, und wir tauften es „Kira“. Unser Gastgeschenk hatte ja schon einen Namen gehabt, einen russischen natürlich: Kesha. „Kesha und Kira“ – das klingt nach einem exotischen Liebesroman. Und so etwas wie eine Romanze wurde es unter den Vögeln wohl tatsächlich. Zumindest vertrugen sie sich gut. Und der Psychovogel Kesha fing tatsächlich wieder an zu fliegen. Mit dem positiven Ergebnis meiner Psychotherapie habe ich die Verantwortung für die Vögel dann abgegeben. Sie gehörten ja unserer Großen, und somit wurde der Käfig auch in ihrem Zimmer geparkt. Sie war fortan zuständig für die Reinigung des Vogelheims und ihres Zimmers. Eine Aufgabe, die man Teenagern wirklich zumuten kann. Als Mutter lernt man dann auf jeden Fall, die Toleranzgrenze bezüglich Sauberkeit ein wenig auszudehnen …
Unsere Große hatte ihr Abi bestanden, erfolgreich ihre Ausbildung absolviert und zog aus. Kesha und Kira zogen mit. Seitdem sind mein Mann und ich endlich wie geplant haustierlos.
Zwischendurch haben wir allerdings für ein gutes Jahr noch einen Kater beherbergt. Den hatte ich mir auch nicht selbst ausgesucht, Elvis hat sozusagen uns adoptiert. Und er war das erste und einzige Haustier, in das ich von ganzem Herzen verliebt war – von Anfang an. Aber der Reihe nach:
Eines schönen Frühsommertages kam ich vom Einkaufen nach Hause. Das war eine ganze Weile, bevor Maxi das Zeitliche segnete und lange, bevor Kesha und Kira auszogen. Auf der Fußmatte vor unserer Haustür lag ein schwarz-weißer Hauskater. Damals dachte ich noch, er sei eine schwangere Katze, weil das Tier recht zierlich war und ein sehr rundes Bäuchlein hatte. Als ich mich der Tür näherte, sprang die vermeintliche Katze auf, maunzte freundlich und strich mir schmeichelnd um die Beine. Ich war sofort verliebt. Was auch an dem ziemlich bescheuerten, aber irgendwie liebreizenden Katzengesicht lag. Selbst bei geschlossenem Maul hing die Zungenspitze von Elvis immer ein Stückchen heraus. Man muss das wohl gesehen haben, um die Wirkung zu verstehen! Er war eben besonders.
Obwohl ich damals immer noch kein Experte bei Tieren war, ahnte ich: Sobald ich die Katze ins Haus lasse, haben wir verloren. So schlug ich ihr schweren Herzens erst einmal die Tür vor der Nase zu. Als die Kinder jeweils aus der Schule kamen, zog das Tier seine Schmeichelnummer nach und nach noch einmal durch. Und ein letztes Mal am Abend, als der Gatte von der Arbeit kam. Dann hatte Elvis gewonnen, und wir ließen ihn immerhin schon mal in die Diele. Am nächsten Morgen bin ich dann gleich zum Tierarzt. Alles war in Ordnung, die Katze ein kastrierter Kater, und ich kaufte die Entwurmungskur. Außerdem ein Katzenklo. Weitere zwei Tage später hatte unsere Hintertür dann eine Katzenklappe. Wir hatten instinktiv gespürt, dass unser Zulauf ein Freigänger war. Und tatsächlich benutze Elvis das Katzenklo höchst selten. Seine Geschäfte erledigte er hauptsächlich auf seinen nächtlichen Streifzügen.
Tagsüber liebte er unsere Nähe. Und er liebte es, abends mit mir auf dem Sofa zu kuscheln. Und ich liebte das auch.
So schmusig Elvis tagsüber veranlagt war, so kämpferisch war der kleine Kerl nachts unterwegs. Er hat unser Grundstück höchst energisch gegen jeden Katzeneindringling aus der Nachbarschaft verteidigt. Über ein Jahr lang gab es keinen Katzenkot auf unserer Wiese. Immer wieder kam Elvis allerdings auch mit Blessuren und oberflächlichen Wunden nach Hause. Die präsentierte er stolz wie ein Ritter der Tafelrunde. Und entsprechend habe ich meinen „Lanzelot“ gewürdigt, gesalbt und gepflegt.
Ein gutes Jahr, nachdem Elvis bei uns eingezogen war, begann das Elend. Immer öfter erbrach er sich – wohlerzogen, wie er von irgendwem war – in sein Katzenklo. Er wurde zusehends dünner. Die tierärztliche Diagnose war niederschmetternd: Inoperabler Tumor, der den Magen abschnürt. Deshalb also hatten wir anfangs gedacht, Elvis sei eine trächtige Katze. Der Tumor war schon da gewesen, hatte ihn aber noch nicht beeinträchtigt. Nun begann Elvis sich zu quälen.
„Je eher Sie ihn einschläfern lassen, desto weniger muss er leiden“, sagte die Tierärztin.
Und ich beschloss, dass mein Abschiedsschmerz weniger wiegt als die Qual meines Freundes. Ich handhabte den Abschied anders als mein Paps vor vielen Jahren und gab den Kindern einen Tag, um ganz bewusst Abschied zu nehmen. Dann war es an mir, diesen schrecklichen Gang mit Elvis in seinem Katzenkörbchen anzutreten. Still und ergeben lag er auf dem Untersuchungstisch der Praxis. Ich hielt seinen Kopf, als er die Beruhigungsspritze bekam, kraulte seinen Nacken – und er schnurrte dabei wohlig wie immer. Schläfrig leckte er mit seiner rauen Zunge über meine Hand. Dann bekam er die Todesspritze, und schnell und schmerzlos war alles vorbei. Ich konnte sofort sehen, dass Elvis uns verlassen hatte und da nur noch eine Hülle auf dem Tisch lag. Den Kadaver habe ich nicht mehr mit nach Hause genommen. Ich wollte, dass alle den lebendigen Elvis in Erinnerung behalten. Die ersten Wochen ohne ihn waren schwer. Wir erwarteten tagsüber ständig, dass unser Freund auf leisen Pfoten um die Ecke kam, um uns freudig zu begrüßen.
Dafür, dass wir nie Haustiere haben wollten, trauerten mein Mann und ich sehr intensiv um Elvis. Dabei war er nur ein gutes Jahr bei uns gewesen! Erstaunlich, wie schnell man sich an einen liebenswerten Hausgenossen gewöhnen kann! Und plötzlich konnte ich auch den Dichter Erich Fried besser verstehen. Von bittersüßen Liebeserfahrungen mit Männern bin ich ja verschont geblieben. Deshalb konnte ich so manches Liebesgedicht zwar schön finden, aber nicht unbedingt nachvollziehen. Dank Elvis wurden diese Zeilen plötzlich für mich lebendig:
„Das Leben wäre vielleicht einfacher, wenn ich dich gar nicht getroffen hätte. Weniger Trauer …., wenn wir uns trennen müssen … Das Leben wäre vielleicht einfacher, wenn ich dich nicht getroffen hätte. Es wäre nur nicht mein Leben.“
Aber selbst Kesha und Kira, Maxi und das weiße Kaninchen, das nicht lange genug lebte, um von uns einen passenden Namen zu bekommen, haben mich viel über das Leben gelehrt. Vor allem, dass Gott sich etwas dabei denkt, wenn er uns „zwangsbeglückt“ – also mit Unerbetenem und Ungewolltem beschenkt. Durch diese Tiere habe ich trainiert, Verantwortung zu übernehmen, die ich gar nicht gesucht habe. Deshalb kann ich heute gut für Menschen da sein, die ich mir auch nicht ausgesucht habe. Gott weiß schon, welche Leute er zusammenbringt!
Außerdem ist mir deutlich geworden, dass manchmal Dichter und Denker Sätze formulieren, die so voller Weisheit sind, dass sie genauso in der Bibel stehen könnten. Manchmal benutzt Gott auch eine nichtfromme Weise, um Wahrheiten unter das Volk zu streuen!
Der Pudel, der Kater, die Kaninchen und Vögel, die ungebeten in mein Leben gekommen sind, haben mir gezeigt, wie wahr diese berühmte Aussage in Der kleine Prinz ist: „Du bist ein Leben lang verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast.“
Allerdings spitze ich den Satz nach meinen Erfahrungen noch mal so zu: „Du bist ein Leben lang verantwortlich für die, mit denen du vertraut gemacht wurdest.“
Und ich möchte gerne hinzufügen, dass so eine „Zwangsverantwortung“ auch immer beglückende Erfahrungen im Gepäck hatte. Wie schön ist das heute, mit den erwachsenen Kindern Familienanekdoten auszutauschen! Zu den „Weißt du noch?“ gehören auch die ungebetenen Hausgenossen Maxi, Kesha, Kira und Elvis. Wir kichern dann über den „Methusalem-Hasen“ oder den „russischen Psycho-Vogel“. Und ich stelle mir gerne vor, Oma zu sein und die Familientiergeschichten einem staunenden Enkelpublikum farbenprächtig ausgeschmückt zu präsentieren. Ganz in der Tradition meines Papas. Der von Tieren zwar wenig Ahnung hatte, aber wunderbare Geschichten über sie erzählen konnte.
„ICH … chrrrrrr … BIN … chhhrrrrrrr … DEINE … chhhrrrrrrrrr … KATZE!“
Christiane Müller
„Auuuua!!!!“
Ich erwache, jäh aus den Träumen gerissen, mit einem grellen Schmerzensschrei, völlig desorientiert im Dunkeln. Mein rechter Fuß steht in Flammen. Sekundenbruchteile später weiß ich jedoch zum Glück, wer und wo ich bin. Die Leuchtzifferanzeige des Radioweckers zeigt 5 : 47 Uhr. Heute ist Samstag. Ich befinde mich im Schlafzimmer des Pfarrhauses der Lutherkirche zu Lauerstadt an der Laber. Ich bin seit knapp einem Jahr die Pfarrerin dieser Gemeinde. Und Jessy, meine völlig bescheuerte rotbraune Tigerkatze, hat soeben im frühmorgendlichen Jagd-und Spieltrieb meinen rechten Fuß attackiert. Wahrscheinlich habe ich mich im Halbschlaf geräkelt. Dabei hat sich meine große Zehe unvorsichtigerweise unter der Bettdecke hervorgeschoben. Und dann gab es für Jessy kein Halten mehr. Was sich im Dunkeln bewegt, wird attackiert! Auf ihn mit Gebrüll! Wo ist die Übeltäterin jetzt? Vermutlich unterm Bett. Ich beuge mich vorsichtig über die Kante und luge darunter. Ein grünes Augenpaar leuchtet mir entgegen.
„Doofes Vieh!“, knurre ich heiser.
Noch leicht benommen, stehe ich leise fluchend (der Herr möge mir verzeihen) auf, humple ins Badezimmer und betrachte die Misere. Vier feine blutige Striemen zieren meinen Fußrücken. Es könnte schlimmer sein. Ich streiche etwas Wundsalbe darauf, lege mich wieder hin und döse ein wenig ein.
Doch bald hat es mit der Ruhe ein Ende.
„Chrrr …“ macht es unter dem Bett. Ein kehliger, asthmatischer Laut.
Und dann noch einmal etwas lauter: „Chrrr …“
Es klingt wie Darth Vader vor dem ultimativen Showdown: „Chrrrrrrr … ICH … chrrrrrr … BIN … chhhrrrrrrr … DEINE … chhhrrrrrrrrr … KATZE … chhhhrrrrrr …!“
Meine, pardon, Jessys Tierärztin Frau Dr. Gabler hat auch keine Ahnung, was mit der Stimme sein könnte: „Es klingt seltsam, Frau Müller. Aber ich glaube, bei Ihrer Jessy ist irgendwie die Schnurrfunktion kaputt. Im Röntgenbild sieht man nichts. Das ist sehr eigenartig, aber offenbar geht es ihr gut damit. Vielleicht hat sie irgendetwas mit der Luftröhre, aber solange sie normal frisst und munter ist, würde ich da mal nichts weiter machen.“
Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt. Andere Katzen schnurren. Jessy macht mit halboffenem Maul „Chrrr“. Zumindest kann ich dank dieses „Chrrr“ immer sehr genau orten, wo sie gerade steckt. Nun nähert sich das Geräusch. Und ich weiß genau, was jetzt kommt. Gleich wird sie zu mir ins Bett springen und es sich auf der Bettdecke bequem machen. Erst am Fußende. Dann wird sie sich immer weiter nach oben arbeiten, sich auf meiner Brust niederlassen, mir tief in die Augen schauen und mir dabei ihren Pestodem ins Gesicht blasen. Dem entkomme ich, ihrer Majestät ergebene Dienerin, nur dann, wenn ich mich von meinem Lager erhebe und ihr das Frühstück bereite.
Es hat also alles keinen Sinn. Die Nacht ist vorbei. Ich seufze ergeben, werfe mir den Bademantel über und tappe kurzsichtig in die Küche. Ein schwarzer Tee und Müsli für mich. Whiskas für Madame. Ich setze Teewasser auf und will mich eben auf dem Sofa niederlassen. Da höre ich aus der Küche ein leider nur allzu vertrautes Geräusch.
Bitte nicht. Bitte nicht vor sieben Uhr am Samstagmorgen!
Es klingt etwa wie: Hhhhhnnnnggggggg … hhhhhnnnnggggg …
Ich stürze zurück in die Küche, packe meine würgende Katze im Nackenfell und manövriere sie ins Badezimmer.
Und noch einmal macht sie HHHHHNNNNGGGG-GGG … …
Und dann: HHHUUUUÄÄÄÄÄÄHH!!!
Mein Chef, der Dekan von Coburg, selbst Besitzer eines stattlichen Katers (eines vierpfotigen) meinte einmal: „Das Wort Katze ist eine Krasis aus Kratzen und Kotzen.“
Ziemlich angewidert wickle ich den hochgewürgten Haarballen in mehrere Lagen Klopapier und versenke ihn in der Biotonne. Der Appetit ist mir vergangen, als ich endlich zu meinem merklich abgekühlten Tee und meinem Müsli zurückkehre. Ich frühstücke.
Jessy kommt ins Wohnzimmer, kratzt an der Terrassentür, und wirft mir einen auffordernden Blick zu. Ich öffne die Tür. Madame schlendert in den Garten. Drei Minuten später will sie wieder rein. Tür auf. Katze rein. Tür zu. Ich widme mich der Zeitung. Zwei Minuten später dasselbe Spiel: Jessy sitzt vor der Terrassentür und guckt auffordernd.
„Nein.“
„Mau.“
„NEIN!“
„MAAAUU!“
Also gut. Tür auf. Katze raus. Tür zu.
Kurz darauf will sie wieder rein.
Mir reicht es. Ich lasse die Jalousie so weit herunter, dass eine Katze gerade eben hindurch schlüpfen kann, und öffne die Terrassentür. Zu dumm, dass man in eine Glastür keine Katzenklappe einbauen kann.
Ich fahre einkaufen. Da wir hier auf dem Land sind, ist das immer ein größerer Akt. Mal schnell eine Tüte Milch oder ein Stück Butter holen geht nicht. Anschließend mache ich noch kurz zwei Geburtstagsbesuche bei älteren verdienten Gemeindemitgliedern.
Wieder zu Hause, erwartet mich eine böse Überraschung. Die Küche schwimmt in einem dreiviertel Liter H-Milch. Ich habe wohl vorhin nach dem Frühstück vergessen, den angebrochenen Tetrapack katzensicher im Kühlschrank zu verstauen. Madame hat ihn von der Anrichte gefegt und sich einen kleinen Drink genehmigt. Nun sitzt sie mitten in der weißen Pfütze, duckt sich schuldbewusst und macht große Augen, während ich mein Donnerwetter loslasse. Mit dem Bauch am Boden und hängendem Schwanz schleicht sie betreten von dannen, und ich habe sofort ein schlechtes Gewissen.
Immer noch leise schimpfend, putze ich die Küche. Dann widme ich mich der Predigt für den morgigen Sonntag. Gedanklich ganz vertieft in das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, will ich eben meinen Laptop aufklappen und loslegen, da höre ich von draußen ein ungemein triumphales, hohes und helles „MIIIIAUU-UUUU!!!!“
Zu Deutsch: „Guck mal, was ich hier Tolles habe!“
Ich springe auf, renne zur Terrassentür und hoffe, dass es mir gelingt, sie zu schließen, bevor …
Es ist leider schon zu spät. Die Mörderin im Tigerfell ist schon im Wohnzimmer. Sie trägt ein zappelndes Etwas im Maul, ganz vorsichtig, um es ja nicht zu beschädigen, und setzt es mir vor die Füße. Es ist eine Wühlmaus, die sofort in heller Panik unter das Sideboard flitzt. Jessy schaut ihr hinterher. Dann sieht sie mich vorwurfsvoll-resigniert an. Wenn sie könnte, würde sie genervt die Augen verdrehen und sagen:
„Du ungeschickter, plumper Zweibeiner! Nicht mal, wenn ich sie dir frei Haus liefere, bist du schnell genug, sie zu fangen!“
Ich weiß, dass ich sie nicht schimpfen darf. Sie meint es ja so gut und ist immer so stolz. Also lobe ich sie überschwänglich, was bleibt mir auch anderes übrig. Jessy schmiegt sich begeistert schnurrend an meine Beine und folgt mir ins Arbeitszimmer. Irgendwann heute Abend muss ich halt sehen, wie ich die Maus einfange und wieder an die Luft setze. Möglichst so, dass die Katze es nicht merkt und sie mir gleich wieder zurückbringt.
Wieder am Schreibtisch, vertiefe ich mich in den Wust an Notizzetteln, der bei mir jedes kreative Arbeiten begleitet. Jessy setzt sich mir zu Füßen und stößt einen zärtlichen gutturalen Laut aus, wie ein hohes Gurren oder Zirpen: „Brrrp!“
Dann nimmt sie einen kurzen Anlauf und springt auf die Rückenlehne meines Schreibtischstuhls. Behaglich schmiegt sie sich an mich, wie eine lebendige Nackenrolle. Und dann, direkt in mein linkes Ohr: „Chrrr … chrrr … chrrr …“
Diese Momente seliger Zweisamkeit sind es, die mich für hochgewürgte Haarballen, Mäuse unterm Sideboard und stinkendes Katzenfutter in der Küche entschädigen.
Und so eine schlafende Katze im Genick hat auch ganz konkrete Vorteile. Für die Dauer des Katzennickerchens bin ich nämlich am Schreibtisch festgenagelt. Dank meiner Mieze schaffe ich es, mich zwei bis drei Stunden auf meine Predigt, meinen Unterrichtsentwurf oder meinen Haushaltsplan zu konzentrieren, ohne der Versuchung zu erliegen, in der Wohnung herumzuwandern oder mal schnell mit einer Freundin zu telefonieren. Nur, dass ich nicht aufs Klo gehen kann, ist manchmal etwas hinderlich.
Heute komme ich gut voran. Es ist Samstag, 16 Uhr 30. Und ich bin, dank kätzischer Unterstützung, fast fertig mit meiner Predigt. Jetzt merke ich, dass sich etwas rührt in meinem Genick. Madame ist aus dem Schlafe erwacht. Gähnt und räkelt sich und springt dann in einem anmutigen Satz auf den Schreibtisch.
„Na, Süße? Ein bisschen muss ich noch arbeiten.“
„Brrrp …“, macht sie zärtlich.
Dann legt sie den Kopf schief, lagert sich elegant neben meinen Laptop und beobachtet interessiert meine tippenden Hände. Ich halte beim Tippen inne und bemerke die verräterisch zuckende Schwanzspitze und das gesträubte Nackenfell. Sie lauert! Und die arme ahnungslose Beute sind diesmal meine Finger.
„Jessy! Untersteh dich!“
Zu spät. Mit ausgefahrenen Krallen wirft sich das Raubtier auf den Laptop und auf meine armen Hände, begeistert von der für sie so eindeutigen Aufforderung zu dem heiteren Gesellschaftsspiel „Zehn kleine Mäuschen hüpfen auf und ab“.
Ich schreie und springe auf. Während ich nach Heftpflastern suche und meine malträtierten Hände verarzte, bricht der Wahnsinn sich Bahn. Meine Katze heißt eigentlich Jessy. In Momenten wie diesem nenne ich sie Lady Gaga. Gaga im Sinne von total bekloppt.
Wie eine wild gewordene Hummel fegt sie miauend durchs Haus, rast treppauf, treppab, rauf auf den Kleiderschrank, runter vom Kleiderschrank, einmal quer durch die Küche, rauf auf den Küchentisch, haarscharf am Rotwein vorbei, runter vom Küchentisch, mit irrem Blick unterm Sofa durch. Es folgen ein halbes Dutzend Luftsprünge. Einfach so, mit allen Vieren gleichzeitig, aus dem Stand über einen Meter hoch. Mit einem Riesensatz wirft sie sich schließlich auf den Flickenteppich in der Diele und schlittert damit drei Meter übers Parkett, bevor die geschlossene Schlafzimmertür ihren wilden Ritt zum Stoppen bringt. Die verrückten fünf Minuten enden genauso abrupt, wie sie begonnen haben. Wie aus einer Trance erwacht, sieht sie sich blinzelnd um. Ganz erstaunt, als könne sie selbst nicht fassen, was da eben mit ihr passiert ist. Schüttelt nacheinander alle vier Pfoten kurz aus, springt auf den Laserdrucker im Arbeitszimmer, rollt sich zusammen und schläft ein. Manchmal bin ich fest überzeugt: Meine Katze spinnt. Aber angeblich haben alle Katzen ab und zu diese Anfälle von Raserei. Nur nicht jeden Tag, so wie meine.
Von dem Schreck muss ich mich erstmal erholen. Meine Hände hat es leider ziemlich erwischt. Ich mache mir noch einen Tee, setze mich aufs Sofa und telefoniere mit meiner Mutter in München.
„Na“, will sie wissen, „was macht dein Kind?“
„Naja, ganz so ist es ja nicht. Jessy ist immer noch meine Katze. Und nicht mein Kind. Und manchmal kann sie einfach tierisch nerven.“ Ich erzähle von der Attacke am Schreibtisch.
„Ich weiß ja, dass sie nur spielen will. Aber ich habe nun mal kein dickes Katzenfell. Manchmal würde ich sie echt am liebsten verwursten!“
Meine Mutter lacht.
„Komm, tu doch nicht so. Wenn du die nicht hättest, würdest du aber ganz schön alt aussehen, so allein in diesem Riesenhaus in deinem Käsenest da oben!“
Und im Stillen muss ich ihr Recht geben.
Als Pfarrerin in den ersten Amtsjahren konnte ich mir meinen Einsatzort leider nicht aussuchen und landete ganz im Norden von Bayern. Und meine wenigen Möbel, die eine Zwei-Zimmer-Wohnung in München-Englschalking gut gefüllt hatten, wirkten auf den 135 Quadratmetern des Pfarrhauses genauso verloren, wie ich mich fühlte.
Die einzige Konstante war Jessy. Mein Seelenzwilling im Katzenfell. Gemeinsam haben wir unser neues Revier erobert. Und während ich langsam von der Theologiestudentin zur gestandenen Pfarrerin mutierte, wurde aus dem zahmen Stubentiger eine halbwilde Freigängerin, die jetzt lebendige Beute mit nach Hause bringt, obwohl sie vorher nur Stoffmäuse gejagt hatte.
Außerdem wurde sie für jedermann am Ort zur Pfarrkatze. Sonntags folgt sie mir bis zur Kirchentür. Dort wartet sie, bis der Gottesdienst vorbei ist, und nimmt anschließend die Huldigungen meiner Gemeindeglieder gnädig entgegen, die ihr ab und zu eine Kleinigkeit zustecken, zum Beispiel eine Kieler Sprotte oder ein Katzenleckerli.
Einmal jedoch ist es ihr gelungen, hinter mir in die Kirche zu schlüpfen. Diese Predigt war im wahrsten Sinne des Wortes für die Katz. Kein Mensch kann sich auf eine Predigt konzentrieren, während eine braune Tigerkatze mit geschäftiger Miene im Altarraum hin und her läuft und neugierig jeden Winkel erkundet.
Als liebsten Schlafplatz hat sie sich inzwischen meinen Talarkoffer erkiest, der innen wie außen liebevoll eingehaart wird. Auf Schwarz machen sich rotbraune Katzenhaare ganz wunderbar. Ich besitze zwar inzwischen drei Fusselrollen, die auch eifrig zum Einsatz kommen, aber die Katzenhaare sind einfach überall: In der Wohnung, auf meinen Kleidern, auf dem Talar, in meiner Beerdigungsagende, sogar am Aufgang zur Kanzel, weil sie sich da immer mit besonderer Hingabe reibt.
Im Konfirmandenunterricht will ich am Dienstag das Thema Schöpfung behandeln. Jessy liegt immer noch anmutig zusammengerollt auf dem Laserdrucker. Ein Bild völliger Entspannung. Ich lächle und fahre den Laptop wieder hoch.
„Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“, steht in den Psalmen.
Heiter und gelassen, trotz brennender Hände, mache ich mich an meinen Unterrichtsentwurf. Ich werde die Konfirmanden wohl von ihren Haustieren erzählen lassen. Und leite dann über zum Lob des Schöpfers bei Franz von Assisi.
Inzwischen ist es Zeit für das Abendessen. Schwester Katze hat das Nickerchen auf dem Laserdrucker beendet. Sobald ich mich in der Küche zu schaffen mache, steht sie auf der Matte. Jedes Mal.
„Jessy, das ist Menschenfutter. Kein Katzenfutter. Dein Napf ist noch halbvoll.“
„Mau.“
„Ach, du arme, arme Mieze! Den ganzen Tag noch nichts gefressen. Dein böses Frauchen lässt dich bei lebendigem Leibe verhungern. Was für eine Gemeinheit.“
„Mau.“
„Also gut. Aber nur aus reiner Gnade!“
Ich werfe ihr also ein Stück Hühnchen hin, das – chrrr … – sofort dankbar verschlungen wird.
Es ist dunkel geworden. Ich schließe die Terrassentür und lasse die Jalousien herunter. Überflüssig zu erwähnen, dass Lady Gaga trotz später Stunde alsbald wieder an der Tür kratzt und raus will. Und dann wieder rein. Und wieder raus. So wird es gehen bis zum Jüngsten Tag. Katzen sind immer auf der falschen Seite der Tür.
Ich mache es mir gemütlich, zünde eine Kerze an, lege die Brandenburgischen Konzerte von Bach auf und setze mich mit einem guten Buch und einem Glas Rotwein aufs Sofa. Morgen ist Gottesdienst, gut, den Tag besinnlich ausklingen zu lassen.
Schrapp, schrapp, schrapp.
Ich stehe auf, das offene Buch in der Hand, und öffne lesend die Terrassentür. Katze rein. Gefühlt zum 97. Mal am heutigen Tag. Sie springt aufs Sofa, putzt sich und kratzt sich dann lange und hingebungsvoll hinterm Ohr. Dann setzt sie sich ganz aufrecht hin und legt den Schwanz in einem ordentlichen Kringel um sich herum. Sie schaut mir direkt in die Augen und blinzelt ganz langsam. Ich lege das Buch zur Seite, schaue ihr meinerseits tief in die Augen und blinzle zurück. Das Blinzeln ist das Lächeln der Katze. Ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt, wie viel Intensität im Blick einer Katze liegt. Einem Menschen freundlich und direkt in die Augen schauen, das macht, soweit ich weiß, kein anderes Tier.
So langsam erreiche ich Bettschwere. Ich bestücke eine Lebend-Mausefalle, die ich extra für solche Anlässe gekauft habe, mit zwei Rosinen aus meinem Müsli und stelle sie neben das Sideboard. Morgen werde ich die Wühlmaus auf freien Fuß setzen. Heute Nacht ist sie sicher, vorausgesetzt, sie geht in die Falle. Jessy beobachtet diese Aktion höchst interessiert. Dass Mäuse in diese Fallen gehen, weiß sie. Wie man so eine Falle öffnet und an den Inhalt kommt, zum Glück nicht.
Der Prophet Jesaja prophezeit ja, dass eines Tages im Reich Gottes die Löwen bei den Lämmern liegen und Kalb und Bärenjunges friedlich nebeneinander weiden werden. Wie das wohl für Katz und Maus ausgehen wird? Vielleicht gibt’s im Neuen Jerusalem Plantagen, auf denen vegetarische Mäuse angebaut werden? Karottenmäuse oder Kohlrabimäuse?
Ich spreche mein Abendgebet und gehe ins Bett. Und ja, ich gebe es zu: Ich bete nicht nur jeden Abend für die Nöte dieser Welt, sondern auch darum, dass Gott mir meinen Stubentiger noch möglichst lange erhält. Denn ohne ihn sähe ich wirklich ganz schön alt aus in diesem Käsenest und allein in diesem riesigen Pfarrhaus.
Ich knipse das Licht aus. Dann schlage ich meine Bettdecke sorgfältig um meine Füße, bevor ich sanft ins Reich der Träume gleite.
Eine Hundehütte für Bello
Heike Wendler
Seit fast fünfundzwanzig Jahren versuche ich nun schon, Grundschüler im Werkunterricht für die Dinge zu begeistern, die man mit seinen eigenen Händen geschaffen hat. Doch während sie früher ihre selbstgebastelten Schätze noch voller Stolz nach Hause trugen, bemerke ich seit einigen Jahren ein Nachlassen der Begeisterung. Alles, was nicht blinkt, kreischt oder wenigstens mit einem Stromkabel betrieben werden muss, findet kaum noch Anklang. Woran das liegt, wurde mir klar, als mich zu Beginn des neuen Schuljahres mein frischgebackener Zweitklässler Ferdinand mit dem Spruch überraschte:
„Mein Papa sagt, ich soll studieren, dann muss ich mir die Hände nicht dreckig machen und kann außerdem mehr Geld verdienen!“
Tagelang bekam ich diesen blöden Spruch nicht mehr aus dem Kopf. Er verdarb mir fast die Vorfreude auf meinen Unterricht. Vermutlich, resümierte ich in meinem Ärger, hatte er daheim auch das Kochen und Knopfannähen digitalisiert oder zumindest delegiert. Eine App fürs Handy oder das Tablet zum Bestellen von Pizza gibt es ja schon, wie mich mein Mann neulich aufklärte. Vielleicht kommt demnächst bei aufgeplatzten Nähten schnell mal eine Nadel aus dem Handy geschossen und bringt den Schlamassel wieder in Ordnung?
Ich ärgerte mich also, und Bernhard, mein Mann, hatte alle Mühe, mich wieder von meiner Palme herunterzukriegen.
„Du wirst die Kinder schon motivieren! Glaub mir, es wird so sein wie jedes Jahr! Da beschwerst du dich am Anfang des Schuljahres, dass die Kinder nichts als Flausen und ihre Computerspiele im Kopf haben, und dann zauberst du eine deiner genialen Ideen aus dem Hut – und voilà – sie sind begeistert, und dein Unterricht wird ein voller Erfolg! So war es schon immer, und das wird sich auch nicht ändern!“, versuchte er mich aufzubauen.
Seit fast dreiundzwanzig Jahren sind wir nun schon verheiratet, eigene Kinder sind uns leider versagt geblieben.
„Ich werde mir also wieder etwas einfallen lassen müssen!“, stellte ich sachlich fest, und Bernhard nickte.
„Natürlich, Marianne, so wie jedes Jahr! Glaub mir, du schaffst das schon!“
Auch wenn es mir noch ein Rätsel war, wie ich diese Bande bewegungsunwilliger kleiner Spielegenies für meinen Werkunterricht begeistern sollte, hatte ich schon eine Idee.
„Was haltet ihr davon, wenn wir ein Vogelhäuschen bauen und es draußen im Schulgarten aufhängen? Dort könnten wir dann über den Winter die Vögel füttern und mit etwas Glück im Frühjahr beobachten, wie dort eine Vogelfamilie nistet!“
Mein Plan schien genial, tierlieb waren sie alle, egal wie groß ihre Klappe war. Doch ein Blick in die Runde ließ mich zweifeln. Achtzehn kleine Schnuten verzogen sich wie auf Kommando gleichzeitig und signalisierten mir damit ihren Unwillen.
„Nee, das ist echt langweilig!“, kommentierte Ferdinand meinen Vorschlag.
„Ja, ein Vogelhaus ist blöd, das hat mein Opa mit mir schon in den Frühjahrsferien gebaut und ehrlich, ich hab da noch nie einen Vogel drin gesehen!“, wandte Franziska, eine aufgeweckte Rothaarige mit lustigen Sommersprossen, ein, die normalerweise schnell zu begeistern war. „Und mein Opa ist ein echter Profi!“, stellte sie sicherheitshalber klar.
Das betretene Schweigen in der Klasse gab mir die Gelegenheit nachzudenken. Okay, dachte ich, das Vogelhaus war durchgefallen, ich brauchte einen neuen Plan, und zwar ganz schnell!
„Vielleicht fanden die Vögel das Haus nicht hübsch genug?“, meldete sich etwas verspätet Konstantin zu Wort. „Ich meine, habt ihr euch mal umgesehen?“ Er schaute fragend in die Runde, registrierte ich anerkennend. Ein ziemlich cleverer Bursche, und was das Reden anging, ein echtes Naturtalent.
„Es steht praktisch in jedem Vorgarten ein Vogelhäuschen! Und an jedem zweiten Baum hängt eins. Wahrscheinlich, weil alle Opas auf die gleiche Idee kommen. Da haben die Vögel praktisch die Wahl, wo sie einziehen wollen! Und wer da mit seinem Haus optisch nicht mithalten kann, tja, der hat Pech und kriegt keine Vogelfamilie ab. Ich meine, wir ziehen doch auch lieber in schöne Häuser als in hässliche, oder?“
Triumphierend sah sich Konstantin um und erntete zustimmendes Kopfnicken, während ich mir ein Grinsen verkniff. Der kindlichen Logik war nicht beizukommen, so viel stand fest.
Als ich am Abend Bernhard von dem Ergebnis unserer Vogelhausdiskussion berichtete, brach er in schallendes Gelächter aus.
„Siehst du, Marianne, das hast du nun davon!“, lachte er. „Du und deine pädagogischen Ansätze! Früher hätte die Lehrerin einfach beschlossen, dass ein Vogelhaus gebaut wird und damit basta! Und heute fragst du – und wunderst dich, dass sie nicht wollen!“
Ich schnappte nach Luft, beschloss aber, im Sinne unseres ehelichen Friedens auf ein Streitgespräch zu verzichten. Stattdessen merkte ich nur leicht verkniffen an, dass man früher eben nicht mit heute vergleichen kann.
„Früher gab es auch kein Internet!“, setzte ich sogar noch einen oben drauf, wohlwissend, dass nicht nur meine Zweitklässler ganz versessen auf Computerspiele waren.
In der nächsten Werkstunde schlug ich meinen Schülern etwas Neues vor. Ich war erst am Morgen darauf gekommen, als ich gedankenversunken über den Schulweg geschlendert und fast mit Bello, dem inzwischen ausgewachsenen Schäferhund unseres Hausmeisters, Herrn Messerschmidt, kollidierte.
„Was haltet ihr davon, wenn wir für Bello eine Hundehütte bauen?“, fragte ich und hoffte inständig, dass meine langjährig erprobte Strategie, die Kinder in die Entscheidung mit einzubeziehen, um ihre Motivation anzuheizen, sich auch dieses Mal bewähren würde. Gespannt beobachtete ich die kleinen Gesichter, nein, Ablehnung sah anders aus. Gut, himmelhochjauchzende Begeisterung auch, aber abgeneigt waren sie eindeutig nicht.
„Hat er denn keine?“, fragte Magdalena schüchtern. Die kleine Dunkelhaarige fiel meist wegen ihrer Schweigsamkeit auf und sagte nur selten etwas.
Ich schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein, leider nicht mehr. Am Anfang hatte er gar keine, weil Herr Messerschmidt den Bello als Welpen eher zufällig aufgenommen hat. Der Hund hat ursprünglich bei Herrn Messerschmidts Schwester gelebt, doch dann hat die ein Baby bekommen. Damals habe ich mit meiner Klasse für den Welpen Bello eine Hundehütte gebaut. Aber die ist inzwischen ziemlich baufällig, außerdem zu klein. Bello benutzt sie schon seit einer ganzen Weile nicht mehr!“
Magdalena gab sich mit meiner Erklärung zufrieden, Konstantin jedoch wollte es nun ganz genau wissen.
„Wir haben daheim auch einen Hund!“, erklärte er uns. „Er ist fünf und genauso lange bei uns. Und meine Mama hat vor drei Jahren meinen Bruder bekommen. Aber weggeben würden wir unseren Troll nie!“
Ja, super, dachte ich, nun hatte ich diese Diskussion auch noch am Hals! Ich lächelte und hoffte, dass mir ganz schnell etwas einfallen würde, um meine lieben Kleinen wieder in die richtige Richtung zu lenken. Und ganz unverhofft kam mir Ferdinand zu Hilfe.
„Ja, das ist aber auch was Anderes!“, stellte der nämlich klar. „Euer Troll ist ja auch ein kleiner Yorkshire Terrier! Aber Bello ist ein richtiger großer Schäferhund!“
Die meisten in der Klasse kicherten, während Konstantin nun seinen Mund hielt und sich das Thema erledigt hatte. Ich stellte also das Projekt vor und malte meine Vorstellung von der perfekten Hundehütte an die Tafel.
„Aber wir müssen sie von außen unbedingt hübsch dekorieren!“, erinnerte Isabella, eine meiner eifrigsten Schülerinnen, „erinnert euch daran, was Konstantin über die Vogelhäuschen gesagt hat! Wenn es Bello nicht gefällt, dann zieht er nicht ein!“
Ich verkniff mir die Bemerkung, dass es dem Hund vermutlich herzlich egal ist, wie seine Hundehütte von außen angemalt ist, außerdem hat er – anders als die Vögel offensichtlich – keinerlei Auswahl. Wenn er sie nicht benutzen wollte, würde er ohne leben müssen. Doch das behielt ich natürlich für mich, denn inzwischen entbrannte ein richtiger Wettstreit um die extravaganteste Farbgestaltung der Außenwände. Immerhin, meine Schüler waren mit einem Schlag begeistert dabei – Bello brauchte ein richtiges Zuhause, das reichte ihnen als Motivation.
Am liebsten hätten sie sofort mit der aktiven Phase der Hundehüttenbauarbeiten losgelegt, aber das ging natürlich nicht.
„Wir müssen zunächst die Hütte entwerfen, dann müssen wir uns überlegen, wie viel Baumaterial wir benötigen und wo wir es herbekommen!“, erklärte ich die Vorgehensweise. Lernen, zum Beispiel planbares Handeln, sollten sie ja auch noch dabei.
„Mein Papa arbeitet in einem Baumarkt, der hilft uns bestimmt!“, erklärte mir Sebastian eifrig. Der kleine Blondschopf hielt sich sonst gern zurück, wenn es darum ging, Extraaufgaben zu übernehmen, aber mit einem Papa, der – wie sich nun herausstellte – sogar Leiter eines Baumarktes war, zudem des größten in der Region, war er nun der Star der Klasse.
„Ich rufe ihn heute Abend gleich an!“, versprach ich den Kindern. „Lasst uns jetzt lieber überlegen, wie die Hundehütte aussehen soll. Sonst weiß ich doch gar nicht, was ich da heute Abend eigentlich absprechen soll!“
Das wirkte, und wie! Tausend Vorschläge wurden gemacht, und die Stunde war viel zu schnell um. Bis zur nächsten hatte ich mein Vorhaben, mit Sebastians Vater zu sprechen, schon in die Tat umgesetzt und konnte meinen aufgeregten Schülern berichten, dass er uns natürlich gern unterstützen wollte.
„Ich vermute“, hob ich an und deutete mit meinem Kopf in Sebastians Richtung, „du hattest deinem Papa schon erzählt, was wir vorhaben?“
Er nickte aufgeregt, sodass ich nicht umhin kam, ihn ausgiebig zu loben.
„Auf jeden Fall wird Sebastians Papa uns das nötige Holz zur Verfügung stellen und es auch schon auf die richtigen Maße zuschneiden lassen. Wir müssen dann nur noch die Hütte bauen und natürlich anmalen!“
Besonders Letzteres rief die Mädchen wieder auf den Plan, die sich mit diversen kreativen Ideen praktisch überschlugen.
„Ich schlage vor, ihr notiert alles, malt es vielleicht sogar schon mal auf, damit ihr es nicht vergesst, und wir bauen zunächst die Hundehütte!“, beendete ich das Thema, bevor sie sich noch vollends in die Haare bekamen. Denn leider hatten sie völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, wie eine Hundehütte von außen auszusehen hatte. Die eine wollte sie einfach mit grafischen Motiven verzieren, die nächste eine Geschichte erzählen und wieder eine andere glaubte, die Lieblingsfarbe von Bello zu kennen. Alles zusammen raubte ihren männlichen Mitstreitern jedenfalls den letzten Nerv, und ich hatte Mühe, ernst zu bleiben.
Damit Bello nicht bis zum Ende des Schuljahres auf seine neue Hundehütte warten musste, hatten die Kinder mich breitgeschlagen, den Bau an einem Stück durchzuziehen, und zwar an einem schönen Samstagnachmittag.
„Sonst muss Bello doch den Winter über frieren!“, war ihr Hauptargument. Sie waren schlichtweg nicht zu bremsen.
„Sei doch froh, dass sie so begeistert sind!“, ermutigte mich auch mein Mann.
Also ließ ich mich darauf ein, immerhin hatte ich – und darauf war ich echt stolz – es mal wieder geschafft, verwöhnte und technikfixierte Zweitklässler zu handwerklicher Arbeit zu motivieren.
Wir trafen uns praktischerweise auf dem Gelände der Schule, und auch wenn ich es bedauerte, dass unser Hausmeister just bei unserer Ankunft mit Bello weggefahren war, so war ich nach einer Weile wirklich froh darüber, dass wir dadurch ungestört und die Kinder durch die Anwesenheit des Hundes nicht abgelenkt waren. Denn, da wir die Hundehütte ja heute fertigstellen wollten, hatte so ziemlich jedes Kind auch ein Leckerli für Bello dabei. Wir begannen also mit dem Bau, und es dauerte nicht lange, bis es das erste Gezanke gab.
„Frau Bergmann, ich will auch einen Nagel einschlagen!“, beschwerte sich Isabella. „Nur die Jungs arbeiten mit den Werkzeugen! Wir sollen dann hinterher alles ausmalen! Das ist unfair! Ich kann auch einen Nagel einschlagen, und ich treffe auch ganz sicher nicht meinen Finger!“
Ich fand eine salomonische Lösung, indem ich den Kindern erklärte, dass jeder mal dran war mit dem Hämmern.
„Zumindest die, die es möchten!“, betonte ich. „Und zwar einer nach dem anderen, dann gibt es auch keinen Streit, habt ihr verstanden?“
Einmütiges Gemurmel bestätigte, dass sie zumindest zugehört hatten.
„Sebastian, überprüfe doch noch mal die Maße des Eingangs, ich denke, das sieht ein bisschen klein aus!“, forderte ich den kleinen Baumeister auf.
Da ich von Franziska, die bereits dabei war, ein neues Design für den Außenanstrich zu entwickeln, abgelenkt wurde, verließ ich mich auf den Jungen. Ein kapitaler Fehler, wie sich bei der nächsten Inspektion herausstellte.
„Das sieht aber ein bisschen klein aus für Bello!“, stellte ich fest und zeigte auf den bereits fertig ausgebauten Eingang der Hundehütte. „Glaubt ihr wirklich, dass der Bello da durchpasst?“
Nun hatte ich das Tier im Vorfeld natürlich nicht vermessen, aber mein Augenmaß täuscht mich selten, und ich wurde das hässliche Gefühl nicht los, dass der Eingang idealerweise doppelt so groß hätte sein müssen. Doch meine Schüler protestierten prompt, vor allem Sebastian, der den Fehler nicht eingestehen wollte.
„Frau Bergmann!“, plusterte er sich vor mir auf. „Wenn der Eingang zu groß ist, dann zieht es doch rein und Bello friert den ganzen Winter. Außerdem kann dann alles Mögliche mit hineinspringen!“
Ja, das mit dem Springen war das nächste Problem, ich hatte es nur noch nicht angesprochen. Aus einem mir nicht einleuchtenden Grund hatten sie den Eingang der Hundehütte nicht ebenerdig angelegt, obwohl unsere Zeichnung das durchaus so vorsah. Er prangte direkt in der Mitte des vorderen Brettes. Akkurat in der Mitte, um es genau zu sagen. Nur leider wurde das Loch auch dadurch nicht größer, dass es höher angebracht war, im Gegenteil. Bei genauerer Betrachtung erkannte ich, dass es eigentlich noch viel kleiner war, als es der erste Anschein vermuten ließ.
„Das passt schon!“, versicherte mir nun auch Konstantin, der mir stolz erklärte, dass der höherliegende Eingang seine Idee war. „Dann kann da nichts reinschwappen, wenn es mal regnet!“
Eigentlich ganz logisch, es sah trotzdem sehr seltsam aus. Ich ging ein paar Schritte zurück und stellte fest, dass der seltsame Anblick nicht allein durch den versetzten Eingang ausgelöst wurde. Die Mädchen, allen voran Franziska, malten mit Begeisterung die Außenwände an. In Pink und Weiß verzierten sie, wie ich unschwer erkennen konnte, alle Seiten mit kleinen, süßen Katzen! Ich war echt sprachlos angesichts dieser weiteren Planabweichung.
„Wenn die Jungs den Bauplan ändern dürfen, dann ändern wir eben das Design!“, erklärte mir Franziska ernsthaft. „Das Braun sah irgendwie langweilig aus. Wer will schon in einem braunen Haus wohnen? Das hier ist jetzt echt chic! Bello ist ein Hund, und er mag es bestimmt, wenn draußen auf seiner Hütte hübsche Katzen drauf sind. Dann denkt er, dass er sie jagen kann! Ich bin sicher, ihm gefällt das total!“
„Aber Bello ist ein Hund, und keine Katze, außerdem ist Pink was für Mädchen, und Bello ist ein Junge!“, wagte Konstantin einen Einwand.
„Du hast ja keine Ahnung!“, wurde er jedoch sofort von Magdalena zur Räson gebracht.
„Misch dich bloß nicht in unsere Farbgestaltung ein!“, zischte Isabella ihm zu. Und Konstantin war gut beraten, sich zu verziehen.
Ich schnappte nach Luft – und ließ sie weiter malen. Bello, so meine Annahme, war es ganz bestimmt völlig egal, welche Farbe seine Hundehütte von außen hatte. Auch wenn das Pink in Verbindung mit dem Weiß schon sehr auffällig war. Verfehlen, so meine Überlegung, konnte sie eigentlich nun niemand mehr. Der zu klein geratene Eingang machte mir jedenfalls mehr Sorgen, und das blümerante Gefühl in meinem Magen, auf das ich mich eigentlich immer hatte verlassen können, wurde stärker. Nein, gestand ich mir ein, ehe die Situation noch völlig aus dem Ruder lief, musste ich einschreiten. Allein das wurde durch die Tatsache verhindert, dass wir unsere Holzvorräte bereits aufgebraucht hatten. Klar, alles war exakt vermessen und vom stolzen Baumarktleiter-Papa auch so geliefert worden. Also musste ich mich wohl oder übel darauf verlassen, dass es irgendwie passte und Bello notfalls den Bauch einziehen würde.
Es war schon dämmerig, als Herr Messerschmidt mit Bello zurückkam. Und natürlich war unsere Hundehütte längst fertig, selbst die Farbe war fast trocken. Die Kinder hüpften ganz aufgeregt durcheinander, und der arme Bello wusste gar nicht, wie ihm geschah. Alle stürzten sich auf ihn. Zum Glück ist er wirklich eine Seele von Hund und nicht schreckhaft. Viele kleine Kinderhände grabschten gleichzeitig nach ihm und steckten ihm immer wieder mitgebrachte Leckerlis ins Maul. Dann wurde er liebevoll Richtung Hundehütte gelockt.
Dort bestätigte sich dann mal wieder mein Bauchgefühl: Der Eingang war zu klein, und zwar gewaltig. Durch die nach oben versetzte Öffnung schaffte es Bello zwar, einen Blick hineinzuwerfen, nur Springen, noch dazu in ein für ihn enges, dunkles Loch, war zu viel, er ließ sich nicht einmal überreden, es zu probieren. Die allgemeine Enttäuschung war riesengroß, zumal er sich auch nicht für den Außenanstrich interessierte.
„Na, der Schuss ging wohl nach hinten los!“, stellte Herr Messerschmidt mit aufrichtigem Bedauern in der Stimme fest. „Vielleicht könnt ihr den Eingang ja noch größer machen? Das Brett einfach ganz rausnehmen, dann ist es vorn eben offen. Überlegt es euch, okay?“
Er wollte nett sein und den Kindern Mut machen, denn die guckten wirklich reichlich deprimiert. Selbst zum Streiten waren sie nicht mehr aufgelegt, was mir doch zu denken gab.
„Wir überdenken die Konstruktion, und dann fangen wir einfach noch mal von vorn an!“, erklärte ich ihnen, bevor wir uns verabschiedeten. „Wir haben noch reichlich Unterrichtsstunden vor uns, und ich bin sicher, wenn wir alles richtig abmessen, uns dann exakt an die Maße halten sowie auf Improvisationen aller Art verzichten, wird Bello am Ende des Jahres die schönste Hundehütte der Welt haben!“
Ich lobte alle noch einmal für ihren Einsatz und hoffte, dass der Misserfolg ihren Eifer nicht vollständig abwürgte.
Es war Sonntagnachmittag, als mich Herr Messerschmidt per Telefon aus meiner Routine riss.
„Los, kommen Sie her, schnell!“, verlangte er. So aufgeregt hatte ich ihn noch nie erlebt. Schnell sprang ich ins Auto und fuhr zur Schule, wo er mich schon mit seiner Digitalkamera bewaffnet am Eingangstor empfing.
„Das müssen Sie sich ansehen!“, lachte er und zog mich in den Garten.
Bello sah ich schon von Weitem vor seiner neuen, pink-weiß-bemalten Hütte stehen. Doch er versuchte nicht, hineinzukommen. Stattdessen schien ihn sehr zu interessieren, was sich im Inneren der Hütte befand.
„Kommen Sie, da herüber!“, forderte mich Herr Messerschmidt auf und zog mich zu einer Stelle, von der aus wir ins Innere blicken konnten.
Neben mir hörte ich die Kamera klicken.
„Das müssen Sie morgen unbedingt Ihren Schülern zeigen, das glauben die sonst nie!“
Und ja, da konnte ich ihm nur Recht geben – denn mitten in der zu klein geratenen Hundehütte hatte es sich eine weiße Katze bequem gemacht, die keinen Zweifel daran aufkommen ließ, wer der neue Herr im Hause war. Und Bello? Der schien seinen neuen Mitbewohner sofort zu akzeptieren. Denn auch wenn ich kein Hundeexperte bin, so war sein freudiges Schwanzwedeln selbst für mich unübersehbar.
„Ja“, sagte ich, „da werden meine Schüler sich sicher freuen, dass ihr Haus nicht lange leer stand. Und Bello, der bekommt bis zum Ende des Schuljahres auch noch sein Haus, versprochen!“
Herr Messerschmidt und ich beobachteten die beiden neuen Nachbarn noch eine Weile, sie kamen wirklich gut miteinander aus. Und so ist es auch geblieben. Seit jenem schicksalsträchtigen Sonntag im Herbst hat Herr Messerschmidt nicht nur einen Schäferhund, sondern auch noch eine Katze. Meine Schüler haben sie in ungewöhnlichem Einvernehmen Mausi genannt. Und Mausi lebt in ihrem eigenen pink-weiß-verzierten, wetterfesten Katzenhaus – dem einzigen weit und breit.
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