Читать книгу: «Mütter»
Anja Bagus (Hrsg.)
MÜTTER
Eine überraschende
Anthologie

Edition Roter Drache
1. Auflage März 2016
Copyright © 2016 by Edition Roter Drache für die Gesamtausgabe.
Edition Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel.
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Copyright © der einzelnen Geschichten verbleiben beim jeweiligen Autor.
Titelbild: Anja Bagus
Umschlaggestaltung: Edition Roter Drache
Satz: Holger Kliemannel.
Lektorat: Anne-Cathrin Rost
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des jeweiligen Autors reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 978-3-944180-78-6

Inhalt
Cover
Titel
Impressum
| Vorwort | ANJA BAGUS |
| Grüner Daumen | AXEL HILDEBRAND |
| Paula | ISA THEOBALD |
| Mutter der Drachen | BRIDA ANDERSON |
| Essen ist fertig | DÖRTE MÜLLER |
| Weihnachten haben wir Sex | LUCI VAN ORG |
| Das wundersame Bild | CHRISTIAN KRUMM |
| Der göttliche Keksteig | HEIKE SCHRAPPER |
| Als Heinrich in den Krieg zog … | MICHAELA KAISER |
| Fragmente einer Famili | SIGUNE SCHNABEL |
| Le mather mor | BENJAMIN KIEHN |
| Die Nacht von Samhain und ihre Wunder | TANJA SCHIERDING |
| Sie | RADANA MALIK |
| Mutter wohnt hier nicht mehr | ANNIKA SYLVIA WEBER |
| Ein Strich oder zwei Striche | GLORIA H. MANDERFELD |
| Schwestern | TOM DAUT |
| Apfelschalen | HANNAH KLASS |
| Reproduktion | DAVID PAWN |
| Blutmutter | CHRISTIAN VON ASTER |
| Kaffeekränzchen | MARCUS RAUCHFUSS |
| Hormone | ANJA BAGUS |
| Der ungehorsame Terry | GUIDO ROHM |
| Lichtgeschwindigkeit | MARIA HERRTING |
| Das Ende der Straße | EUSEBIUS VAN DEN BOOM |
| Mutter | SONJA RÜTHER |
| Queen Club | EDIE CALIE |
| Meine Mutter | ROMAN SHAMOV |
| Die Stars der Krabbelgruppe | CARMEN WEDELAND |
| Highway to Hell | ANDREA TILLMANNS |
| Mit Muttern im Baumarkt | SILKE VOGT |
| Nadel und Faden | DANIEL HUSTER |
| Mutter, sei nicht bös mit mir | DOROTHE REIMANN |

Der VEID e.V.

Vorwort
Als ich von meinem Verleger die Idee zur Mütter-Anthologie vorgetragen bekam, da war ich zunächst skeptisch. Ich hatte die Befürchtung, lauter poesiealbumsspruchsüße Geschichten zu bekommen. Das Thema bietet es ja.
Wie geht man heran, an seine eigene Mutter? Oder an sich als Mutter? Da darf man doch nicht dran tasten, oder? Aber ich bin überrascht worden. Ich bin beeindruckt von der Fülle der Möglichkeiten und nun auch reuig: Ich hätte mehr Vertrauen haben sollen.
Es gibt sie, die Künstler, die die vielen Schattierungen jenseits von Schwarz und Weiß, von Süß und Bitter und von Gut und Böse finden und einige davon sind hier versammelt.
Noch bevor ich die Geschichten gesichtet hatte, mussten wir uns um ein Cover kümmern. Das auf den ersten Blick liebliche Design lenkt dann auf den Kochlöffel, mit dem wir Frösche verfüttern.
Der Frosch steht für eine bittere Pille, eine Wahrheit, die wir schlucken müssen, bevor wir gesunden können. Genauso müssen wir als Kinder und Mütter oft bittere Erfahrungen machen. Haben wir das geschluckt und verarbeitet, so können wir es verarbeiten und zu einem Teil von uns machen. Was wir nicht brauchen, scheiden wir aus.
Ich präsentiere also auf dem hölzernen Löffel die unterschiedlichsten Frösche. Einige schmecken nach Nostalgie, andere reizen uns zum Lachen. Einige schmecken nach Tod und Blut. Und andere sind eher wie Glassplitter. Aber sie mundeten mir alle hervorragend und daher habe ich sie ausgewählt.
Guten Appetit!
Anja Bagus, Januar 2016
AXEL HILDEBRAND
geboren 1968 in Berlin. Verbrachte seine Jugend abwechselnd mit Schulbesuch und dem Drehen von Super-8-Filmen. Mitten in einem unerfreulichen Studium der Kommunikationswissenschaften an der TU Berlin begann er sich als Tagelöhner im Filmgeschäft durchzuschlagen. Seitdem dreht er seltsame Kurzfilme und Musikvideos und bereichert regelmäßig das Fernsehprogramm durch seine Drehbücher. Von Krankenhaus bis Krimi. Die vielen Jahre im Mainstream-TV lehrten ihn eines: Manche Ideen gehen einfach nicht. Die sind zu krank. Zu bescheuert. Die passen nirgendwohin. Das werden wir ja sehen, dachte er sich und begann mit der Arbeit an seinem zweiten Buch SOKO Bizarr, das 2017 bei Edition Roter Drache erscheinen wird. 2015 erschien von ihm im gleichen Verlag sein Buch AUSSEN - ASGARD - TAG. Die unverfilmten Drehbücher
von Loki & Thor. © Schwarze Gräfin


Grüner Daumen
(Teil des Buches „SOKO BIZARR“)
Feldsalat geht immer.
Deswegen kommt er in Käthes Buch auch nicht vor. Sie arbeitet jetzt seit 16 Jahren im Gewächshaus und mit Anfängerzeugs gibt sie sich nicht ab. Nicht mehr. Käthe ist inzwischen Expertin für alles, was man hinter Glaswänden ziehen kann – und nach Möglichkeit auch noch über den Winter kriegt. Lebend.
Es ist ihr drittes Buch, in dem sie die Feinheiten beschrieben hat. Die „Kür“ für Hobbygärtner mit Gewächshäusern. Das Fachwissen für die, die mehr wollen. Für die Garten-Gewinner.
Denn kaum jemand verfügt über so viel Erfahrung auf diesem Gebiet.
Was soll man auch machen, wenn man 20 Jahre im Gefängnis verbringen muss?

Käthe sitzt wegen Mehrfachmord. Und eigentlich wollte der Richter ihr noch eine „anschließende Sicherheitsverwahrung“ reindrücken. Also nach der Haft noch in die Klapsmühle. Oder zumindest unter ständige Beobachtung. Sowas machen sie gerne bei Pädophilen. Oder irren Axtmördern. Damit solche Gestalten nie wieder auf freien Fuß kommen. Beruhigt die Bild-Zeitungsleser da draußen total, weil sie sich dann sicher fühlen.
Aber Käthe weiß es besser.
Die, die wirklich gefährlich sind. Die, die morden, wie sie gerade Lust und Laune haben. Die sind sowieso nicht in Haft. Die sind frei und laufen zwischen diesen ganzen, beunruhigten Hosenscheißern rum. Weil solche Täter viel zu gut sind, um sich von den Bullen erwischen zu lassen.
Käthe zählt sich zu dieser Gruppe. Eigentlich. Denn eigentlich hat sie nur Pech gehabt.
Dass irgendeiner von der Umweltbehörde auf dem Grundstück Schadstoffe im Boden gefunden hat. Dass derjenige der Meinung war, man müsse das alles abtragen. 1,5 Meter tief. Die gute, nahrhafte Erde. Einfach ausbaggern und weg. Sondermüll.
Dabei wurde dann ihr erstes Beet gefunden.
Obwohl Käthe zu der Zeit schon gar nicht mehr in dem Haus wohnte. Da hatte sie längst eine Wohnung bezogen. Ohne Garten. Aber dafür mit großem Balkon.
Den hat die Polizei sich dann auch angesehen.
Und das endete mit 20 Jahren Haft. Zum Glück ohne anschließend noch in die Zwangsjacke gesteckt zu werden.
Käthe wird 63 sein, wenn sie raus kommt. Und da meinte der Richter, dass dann keine Wiederholungsgefahr mehr besteht.
Richter haben keine Ahnung.

Jule betritt die Schleuse. Legt Handy und Tablet ab. Nur den kleinen Digitalrecorder haben sie ihr erlaubt. Das ist praktischer, als mitzuschreiben.
Haben das die Kollegen früher wirklich so gemacht? Alles auf einen Block gekritzelt, was die Leute sagen? Wie kann man das später noch entziffern? Jule kann tippen. Aber ihre eigene Handschrift lesen? Lieber nicht.
Leute sagen viel, in Interviews. Die Masse an Worten quatschen leider immer die, die eigentlich nichts zu sagen haben. Interessante Interviewpartner sind eher maulfaul. Denen muss man alles aus der Nase ziehen.
Jule hatte mal einen Rentner, der aus Kartoffeln, Leinöl und Mais Treibstoff für seinen Rasenmäher herstellte. Vier Stunden hatte es gedauert, bis der endlich mal ein paar Details rausrückte.
Jule hofft, dass es heute anders wird.

Käthe Heuers Buch ist auf allen Sachbuch-Bestseller-Listen weit oben. Da lassen sich locker 2- bis 3000 Worte draus machen. Und dann wäre wenigstens die Handyrechnung von letztem Monat bezahlt. Jule träumt immer noch davon, eines Tages einen festen Job zu haben. Einen, der ihr kleines Leben finanziert. Und dieses Interview wird Jule wieder einen kleinen Schritt weiter in Richtung Redaktionsjob bringen.
Fast sechs Wochen lang hat sie Briefe in die Haftanstalt geschrieben.
Briefe!
Echt mal!
Den letzten Brief hat Jule in der sechsten Klasse geschrieben. Wo der Lehrer eine Stunde lang Zeit hatte, den Kindern das praktische Leben beizubringen. Brief schreiben. Überweisung ausfüllen. Pausenklingeln.
Herzlichen Glückwunsch, jetzt seid ihr reif für die böse Welt da draußen.

Schon damals hat niemand mehr wirklich Briefe geschrieben. Und Überweisungszettel ausgefüllt schon mal gar nicht. Alles online. Aber Lehrer gewöhnen sich nicht gerne ans digitale Leben. Lehrer sind im Grunde ihres Herzens analog.
Immerhin ist es Jule gelungen, mit ihren Briefen Käthe Heuers Vertrauen zu gewinnen. Das Interview zu bekommen.
Komische Tante, hat Jule mehr als einmal gedacht. Wie die sich angestellt hat. Und dauernd kamen Fragen über Jules Privatleben. Wo kommen Sie her? Wie geht’s Ihren Eltern? Was haben Sie für Hobbys?
Gibt’s im Knast keinen Fernseher? Müssen Mörderinnen ihren Besuch ausfragen?
Jule ist das wurscht. Sie hat der alten Eule brav geantwortet. Und sie hat den Termin. Und das Interview wird ziemlich gut bezahlt.
Mehr ist nicht wichtig.
Käthe erwartet ihren Besuch im Gewächshaus.
Das ist eigentlich nicht erlaubt. Dafür gibt es den Besucherraum. Aber inzwischen ist Käthe so eine Art „Attraktion“ im Gefängnis. Die, die sich besser um das Grünzeug kümmert, als jede andere zuvor. Die, die diese Bücher schreibt. Und zwar nicht darüber, wie der Knast sie von einer Bestie zu einem besseren Menschen verwandelt hat. Oder wie sie zu Gott gefunden hat oder den üblichen Scheiß.
Käthe schreibt übers Gärtnern. Das ist nett. Das ist friedlich. Das mögen die Leute. Und die JVA-Direktion mag es, wenn die Öffentlichkeit denkt, Resozialisierung würde funktionieren.
Eine aus Tausend.
Yeah.
Käthe genießt also jede Menge Vergünstigungen. Das Interview im Gewächshaus gehört dazu.

Jule betritt den Flachbau im hinteren Hof. Eine – teilweise ziemlich rostige – Konstruktion aus Metall. Die Wände gläsern. Sie sind ziemlich blind inzwischen, und teilweise ist eine fehlende Scheibe durch Plastikfolie ersetzt worden. Aber das ist egal. Es geht ja nur darum, dass das Sonnenlicht reinkommt und drin bleibt. Dass es sich aufheizt. Dass die kleinen Setzlinge auch in den kalten Monaten wachsen können. Die Grundlage fürs Gärtnern in Gewächshäusern.
Jule atmet die feuchte, stickige Luft ein. So, wie man nach dem Duschen im Bad atmet. Sofort hat man einen dünnen Film aus Feuchtigkeit auf der Haut. Tropisch, schon fast.
Nur leider eben kein warmes Duschwasser, sondern Schweiß. Wie kann man hier drin sein halbes Leben verbringen?
Andererseits befindet sich ohnehin ständig die „wie kann man nur“-Frage im Raum.
Wie kann man nur in diesem Dreckloch Salat und Gurken ziehen?
Wie kann man nur weiterleben, nachdem man vier Kinder getötet hat?
Wie kann man nur? Jule schiebt das weg.
Sie ist Profi.
„Hallo, Frau Heuer.“
„Sie können ruhig ‚Käthe‘ sagen. Und ‚Jule‘ ist für Sie auch in Ordnung?“
„Ja. Frau … ja, Käthe.“
„Du ist noch praktischer.“
„Also ich … äh …“
„Ich darf dir das Du anbieten. Ich bin die Ältere. Ich könnte deine Mutter sein.“
Und dann bekommt Jule ihre erste Gänsehaut. Denn Käthe lacht. Da muss man unwillkürlich mit dem Atmen eine Pause machen. Und das fühlt sich dann an, als ob man erstickt. Jule neigt eher weniger zu Panikattacken. Aber irgendwas macht dieses weiche, gluckernde Lachen, dass man sich vorkommt, als würde man an den Busen einer dicken Tante gedrückt – die brachiale Liebe drückt einem die Luft ab.
Notiz an mich selbst, denkt Jule: Bring diese Frau nicht zum Lachen.
Dann läuft es ganz gut. Jule und Käthe sind per du. Käthe berichtet begeistert, wie sie zu ihrem Buch gekommen ist. Wie wichtig die Briefe der Leser sind. Wie unendlich groß die Vielfalt von überdachten Beeten ist.
Bla, bla, bla.
Jules kleiner Rekorder läuft. Die Speicherkarte füllt sich. Was wird das wieder für ein Horror, das ganze Zeug abzuhören, um die zwei oder drei prägnanten Sätze rauszufischen, die zitat-tauglich sind. Na, schön.
„Tut mir leid, dass du so eine schwierige Kindheit hattest.“
Wie bitte?
„Ich werde nie verstehen, wie Leute ihre Kinder einfach wegwerfen können. Und andere bemühen sich ihr Leben lang, Kinder zu haben und bekommen keine.“
Jule muss schlucken. Ihr ist klar, dass sie zwei Fehler gemacht hat.
Erstens hat sie in dem endlosen Briefwechsel zu viele private Fragen beantwortet.
Zweitens hat Jule keinen anständigen Beruf gelernt. Man muss doch sein Geld auch anders verdienen können, als sich mit gestörten Gärtnerinnen zu unterhalten.
Jule denkt kurz nach. Will sie jetzt wirklich über ihre Kindheit sprechen? Und dann auch noch auf diese blöde Art? Oder kann Jule jetzt mal aufhören, nett und verbindlich zu sein?
Jule nimmt die zweite Möglichkeit:
„ … andere bemühen sich ein Leben lang …?
„Ja.“
„Warum sagst du sowas?“
„Weil Kinder ein Geschenk sind … das Größte …“
Jule wird jetzt echt unprofessionell. Und wütend. Und sie riskiert, dass die alte Hexe ihre Zustimmung nachträglich zurückzieht. Dass dieses ganze Interview jetzt gelaufen ist. Aber Jule muss es einfach sagen. Sie muss Käthe unterbrechen und ihre Frage nochmal stellen. Diesmal mit der richtigen Betonung:
„Warum sagst DU sowas?!“
Käthe zuckt zusammen. Lächelt kurz dieses komische Flacker-Lächeln, das Jule schon am Anfang nervös gemacht hat. Es fühlt sich an, wie das Zischen einer Zündschnur vor der Explosion. Wie das Knacken, bevor die Leitersprosse bricht.
Das Lächeln, das den Irrsinn ankündigt.
Zum Kotzen eklig.
Käthe weicht Jules Blick aus. Zupft an ihren erdigen, grünen Gärtnerhandschuhen rum, die sie nie auszieht.
„Ich war eine gute Mutter. Wenn du das meinst.“
Jule dreht sich weg. Steckt den Rekorder ein und Schluss. Das muss sie sich echt nicht geben. Der Tante auch noch zuhören, wie sie sich jetzt irgendwie rechtfertigt. Und das machen sie alle. Dazu haben sie im Knast die Zeit. Sich auszudenken, dass alles in Wirklichkeit ganz anders war.
In jedem Gefängnis lauter Unschuldige und Opfer.
„Ich muss los.“
Käthe hält sie fest. Am Ärmel. Käthe kommt ganz nah an Jules Gesicht.
Es riecht nach Feuchtigkeit und Dünger und Erde.
„Sie waren alle schon tot.“
Jule weiß, dass das nicht stimmt. In den Zeitungen stand damals, dass mindestens zwei von den vier Babys noch gelebt haben, als Käthe sie erst im Garten – und die restlichen dann im Blumenkasten verbuddelt hat.
In den ganz dunkeln Augenblicken im Kinderheim hat Jule an solche Geschichten gedacht. Und sie kam – obwohl sie damals erst sieben war – zu dem Ergebnis: Lieber keine Eltern, als Monster.
Monster-Käthe.
Da steht sie vor Jule und redet und redet und der Tonfall wird immer weinerlicher.
Dass sie nie gesunde Kinder bekommen konnte. Dass sie sich so sehr welche gewünscht hat. Dass sie extra immer verschiedene Männer ausprobiert hat. Weil man das auch im Garten so macht, wenn’s schief geht. Das Saatgut wechseln.
Es ging nicht. Wieder und wieder.
„Dann habe ich versucht, sie einzupflanzen.“
Jule hat mal kurz Probleme mit dem Luftholen.
„ … einzupflanzen …?!“
„Ja. Ich habe gehofft, dass Mutter Erde das hinkriegt, was mein Körper nicht schafft.“
Okay, der erste Preis für den beklopptesten Irren geht … mit weitem Vorsprung … an Käthe Heuer. Herzlichen Glückwunsch.
Jule versucht, sich loszureißen. Aber Käthe hält sie fest. Woher nimmt diese magere Olle so viel Kraft?
„Ich habe auch immer gegossen und gedüngt. Aber es hat nicht funktioniert. Aber was sollte ich machen?“
Erwartet sie darauf eine Antwort? Eher nicht. Denn Käthe redet weiter: Sie erzählt, dass sie immer alles gut gekonnt hat, was mit Pflanzen zu tun hat. Dass es einen Versuch wert war.
Und dass sie nicht verrückt ist!
Nein, nein. Eine Menge Leute pflanzen ihre Babys ein. Tot oder lebendig. Das hat schon beim ‚Friedhof der Kuscheltiere‘ total gut funktioniert. Super-Idee!
Aber Käthe ist immer noch nicht fertig.
„Ich bin geistig gesund. Du bist der Beweis.“
Jule wird schwindelig. Ihr wird klar, dass das alles hier kein Zufall ist. Dass die vielen Fragen nach ihrem Privatleben und ihrer Kindheit der Grund für dieses Interview sind. Käthe hat sie ausgesucht. Um Jule was genau zu sagen?
„Du bist der erste Versuch. Aber du warst keine Aussaat. Und ich dachte, du gehst nicht auf. Sonst wäre ich doch nie weggezogen. Wenn ich gewusst hätte, dass du doch noch was wirst.“
Käthe sieht Jule liebevoll an. So liebevoll, wie das eben bei einer vierfachen Kindsmörderin so geht. Die Finger im Gartenhandschuh streicheln Jules Wange.
„Und wunderschön bist du geworden.“
Jule fühlt sich nicht gut. Der Joghurt von heute früh steigt zusammen mit dem Müsli ihre Speiseröhre hoch.
Und als Jule schreien will … als sie sich losreißen will und Hilfe holen …
… da rechnet sie. Jule rechnet nach. Wie alt sie jetzt ist. Wann Käthe in dem Haus mit Garten gewohnt hat. Dann bezieht sie noch die wenigen Details mit ein, die sie über die Umstände ihres Auffindens weiß. Baby Jule wurde von einem Unbekannten vor die Polizeiwache gelegt. In einer Decke. Mit dicken Erdbrocken daran.
Scheiße!
Nicht dass Jule die Nummer jetzt glaubt. Dass sie ernsthaft glaubt, ein Spaziergänger hätte sie in einem verlassenen Beet gefunden.
Aber …
„Ich bin dein untoter Baby-Zombie?! Das ist es, was du denkst?“
Käthe schüttelt mütterlich den Kopf.
„Sei nicht albern.“
Jule schweigt. Sieht sie an. Und dann:
„Du bist natürlich nicht untot. Du bist so lebendig wie mein Efeu. Und meine Lilien.“
Jule nutzt die Gelegenheit. Käthes Griff hat sich gelockert und Jule kann zwei, drei Schritte rückwärts gehen. Abstand. Hauptsache Abstand.
Aber Käthe kommt ihr nicht nach. Sie steht da – und aus dem Flacker-Lächeln, das ihr runzeliges Puppengesicht durchrüttelt hat, ist ein breites Grinsen geworden.
„Was willst du von mir?“
„Kannst du dir das nicht denken?“
„Dass ich dir ab jetzt Karten zum Muttertag schreibe oder was?!“
Käthe schüttelt den Kopf:
„Du musst doch bei der Vorbereitung auf unser Interview auch etwas über Gärtner gelernt haben. Wie die so ticken. Dass sie immer sehen wollen, wie schön die Saat aufgegangen ist.“

Jule rennt den Weg bis zur Schleuse.
Rennt durch die Kontrolle.
Rennt auf die Straße zum Auto.
Jule parkt vor der Redaktion ein und sitzt dann noch lange im Wagen.
Sie denkt nach. Sie muss fast lachen. Für einen Moment … für einen kurzen Moment … da hat sie wirklich gedacht, es könnte was dran sein. An dieser irren Geschichte. Dass Käthe wirklich ihre Mutter sein könnte.
Aber das ist auch einfach. Waisenkinder sind – was das angeht – so wahnsinnig bedürftig. Der Wunsch, die Eltern kennenzulernen, ist einfach zu groß.
Aber jetzt … jetzt geht ihr Puls wieder normal. Und Jule grinst sich selbst im Schminkspiegel an. Sie muss an früher denken.
Und daran, dass sie es da schon kapiert hatte: Lieber keine Eltern, als ein Monster.
Und so soll es bleiben.
Aber in ihrem Kopf geistert noch immer eine Frage herum. Wie hat Käthe das wohl gemeint? Als sie gesagt hat: „Du warst keine Aussaat.“?

Hinter den hohen Mauern nutzt Käthe das restliche Licht. Wird ja immer schneller dunkel, in dieser Jahreszeit.
Käthe bereitet ein neues Beet vor. Frische Erde mit viel Dünger. Das beste Plätzchen an der sonnigsten Stelle.
Und Käthe zieht ihren linken Handschuh aus. Sie betrachtet den fehlenden Daumen. Die Narbe ist alt. Etwa so alt, wie Jule jetzt.
Käthe muss über sich selbst lachen. Wie albern sie war. Und wie naiv. Als ob ein Babykörper jemals richtig anwachsen würde. So ein Unsinn aber auch. Das alles hätte sie sich sparen können. Die Fehlversuche.
Das Warten.
Die Enttäuschung.
Ja, sogar die Haftstrafe.
Ihr erster Versuch war der Beste. Sieht man ja an Jule. Und als Käthe nach der Rosenschere greift …
… da weiß sie auch das Thema ihres nächsten Buches: Es wird davon handeln, wie man die besten Ergebnisse erzielt …
… mit Ablegern.
Und dieses Mal nimmt sie ihren Zeigefinger. Es soll ja ein Junge werden.

ISA THEOBALD lebt und arbeitet im Saarland, wo sie neben dem Schreiben auch noch kocht, Krimi-Dinner veranstaltet, Seifen siedet, mit Feuer tanzt, absonderliche Hobbys und ebensolche Menschen sammelt und im Großen und Ganzen sehr viel Freude am Leben hat. Geschichten von ihr sind unter anderem erschienen bei Ubooks, Verlag Torsten Low, UlrichBurger-Verlag, Charon-Verlag und Feder & Schwert.


Paula
„Eine kleine Dickmadame
Fuhr mal mit der Eisenbahn
Eisenbahn die krachte
Dickmadame die lachte“
Paulas Hände tanzten wie kleine Vögel durch die Luft, trafen Mamas Hände im perfekten Moment, während ihre Stimme quietschend immer lauter und schneller wurde. Mama hielt mit, sang lachend den Reim, bis Paulas Zunge sich verknotete und Mamas Hände die ihren in der Luft fingen – und hielten. Strahlend warf das achtjährige Mädchen sich in die Arme der dunkelhaarigen Frau und beide lachten, bis sie keine Luft mehr bekamen.

„Du warst wieder in diesem Haus.“ Die Stimme ihres Vaters klang hart und kalt, seine Augenbrauen waren so fest zusammengezogen, dass sie sich fast an der Nasenwurzel trafen. Paula schaute zu Boden.
„Schau mich an, Kind. Du brauchst es nicht zu leugnen, man sieht es deutlich genug an deinem Kleid.“ Paula starrte auf die staubig-grauen Flecken, die sich über den Saum des cremefarbenen Spitzenkleides zogen und wie verräterische Finger auf ihr leuchtend rotes Gesicht zu weisen schienen. Papa seufzte.
„Paula. Ich habe es Dir schon tausendmal erklärt.“ Er erstarrte, als das kleine Mädchen sich mit verkniffenem Gesicht die Ohren zuhielt. „Paula!“ brüllte er und zog ihre Arme nach unten.
Das Kind blickte ihn mit tränennassen Augen an.
„Paula, dieses Haus ist gefährlich.“, setzte er erneut an; bemüht, seine Stimme ruhig zu halten.
„Ist es nicht.“ Leise, aber bestimmt.
„Ein-sturz-ge-fähr-det!“ antwortete er und betonte jede Silbe, als ob sie taub wäre. Oder dumm. „Verstehst Du, was das heißt, Kind? Das bedeutet, dass der alte Kasten jederzeit in sich zusammenfallen kann.“ Seine Stimme wurde wieder lauter. Paula sah in sein Gesicht. Sie hatte dieses Gesicht einmal geliebt – die großen, braunen Augen unter den buschigen Brauen, der gewaltige Schnauzer, der zitterte wie ein ängstliches Tier, bevor der Papa lachte – oder brüllte. Früher hatte er nie gebrüllt. Früher. Vor der Frau.
„Ich bin dort sicher.“ entgegnete sie ihm.
„Bist Du nicht, Herrschaftszeiten! Egal, wie gut Du klettern kannst, wenn das Dach zusammenbricht, bist Du ganz sicher nicht sicher!“ Da. Da zitterte der Schnauzer. Gleich würde er wieder laut werden. Dann war es ja jetzt auch egal.
„Mama würde das niemals zulassen.“
Papa plusterte sich auf, schien immer größer zu werden. Paula stand ganz still, blickte zu Boden; gewillt, das Donnerwetter über sich hinweg gleiten zu lassen. Als aber kein Laut kam, blinzelte sie von unten herauf durch die Wimpern und beobachtete entsetzt, wie Papa in sich zusammenzufallen schien und immer kleiner wurde. Sein Schnauzer zitterte, aber nun schien er die lediglich Tränen einfangen zu wollen, die über Papas bleiche Wangen liefen. Was sollte sie jetzt tun? Sie wusste nichts zu sagen. Erwachsene weinten normalerweise nicht. Und Papa schon dreimal nicht. Aber jetzt war Paula verwirrt. Sie fürchtete sich. Papa schien etwas sagen zu wollen; er rang mit Worten, die einen Weg über seine Lippen hinweg zu suchen schienen, doch der Schnauzer hielt sie auf. Sein gebeugter Rücken streckte sich, er schüttelte sich unmerklich, gewann seine Fassung zurück und schickte Paula auf ihr Zimmer. Sie folgte, ohne Widerworte.

Paula saß mit untergeschlagenen Beinen vor ihrem Puppentisch. Das Teeservice hatte Staub angesetzt, ebenso wie das spitzenbesetzte Kleid der Puppe. Elise. Früher war Elise immer bei ihr gewesen, immer in ihren Armen. Früher. Vor der Frau.
Die Stimmen im Salon klangen angespannt. Aus dem unverständlichen Murmeln waren Worte geworden, die Paula nicht mehr aussperren konnte. Die Stimme der Frau fräste sich ihren Weg durch die verschlossenen Türen.
„Franz. Das Kind braucht Hilfe!“
„Sie ist nicht krank!“
„Nein. Sie ist nicht krank, sie ist verstört.“
„Meine Tochter ist nicht verrückt!“ Jetzt hatte der Schnauzer ganz sicher gezittert. Doch die Frau wich nicht zurück.
„Ach, ist sie nicht? Wie oft hast Du ihr denn schon verboten, sich in dieser Bruchbude herumzutreiben? Warum kehrt sie denn immer wieder dorthin zurück?“ Paula schlug sich die Hände über die Ohren, doch die Stimme der Frau schraubte sich immer höher. Schrill zwangen sich die Worte zwischen den zusammengepressten Fingern des Mädchens hindurch. Tränen strömten aus den weit aufgerissenen Augen des Kindes. Ach, könnte sie doch nur bei Mama sein! Sie sprang auf, warf sich auf ihr Bett, zog sich die Decke über den Kopf und schluchzte laut. Sie würden ihr Stubenarrest aufbrummen, sie einsperren, damit sie nicht zu Mama gelangen konnte. Das konnte sie nicht zulassen.
Sie wischte ihr verschmiertes Gesicht an der seidenen Bettdecke ab und stand leise auf. Ihr Reiseköfferchen stand in der Kammer neben dem Dienstbotenzimmer, da war kein Rankommen, also musste es anders gehen. Sie warf einige Kleidungsstücke auf das Bett, zwei Bücher, Elise und das silberne Armband, das die Großmutter ihr geschenkt hatte. All das wickelte sie in einen großen Schal, dessen vier Ecken sie zuknotete, um eine Tasche mit Halteschlaufe zu formen. Ihr Blick fiel auf die Fotografie auf ihrem Nachttisch, sie hielt kurz inne. Konnte sie Papa alleine lassen? Er hatte doch die Frau. Er brauchte sie nicht. Mama aber. Mama brauchte sie. Wie die Luft zum Atmen, sagte sie immer. Das unhandliche Bild in seinem schweren Rahmen konnte hierbleiben.
Paula griff nach ihrem roten Wollmantel mit den handgeschnitzten Hornknöpfen, warf sich ihre improvisierte Tasche über die Schulter und ließ sich langsam aus ihrem Fenster zu den Rosenrabatten hinunter, an denen sie sich hinab hangelte, um den Boden zu erreichen. Die Dornen stachen tief in ihre weichen Handflächen und zerkratzen ihr Beine und Gesicht, doch Paula bemerkte das kaum. Sobald ihre Füße den Boden berührten, rannte sie wie von Hunden gehetzt durch den gepflegten Park, in dem sie früher so gerne gespielt hatte. Sie schlich um das Gärtnerhaus herum, sorgsam darauf bedacht, nicht gesehen zu werden – niemand sollte ihretwegen Ärger bekommen – und machte sich dann daran, mit Hilfe der alten, schiefen Weide die große Mauer zu überwinden, die das Grundstück von der Außenwelt trennte. Es waren nur noch wenige Schritte bis zum Flussufer hinunter. Dort folgte sie dem alten Treidelpfad, der sie ungesehen an den Grundstücken der Nachbarn vorbeiführte. Erst am Ende der Straße stieg sie den kleinen Abhang wieder hinauf, schimpfte über die fiesen Brombeeren, die ihr die Strümpfe zerrissen, und näherte sich dem alten Haus zum ersten Mal durch den verwilderten Garten. Der Duft der wilden Rosen machte ihr Herz wieder leicht. Sie rannte über die zerbrochenen Steinplatten zu der nur noch zur Hälfte existierenden Terrasse und schob sich dort sehr vorsichtig durch die scharfen Überreste der Glastür.
„Mama! Mama! Ich bin wieder da! Mamaaaa …“ Paula konnte die geliebte Stimme singen hören. Eilig und ohne darauf zu achten, wohin sie ihre Füße setzte, jagte sie durch den Salon, sprang über den am Boden zersplitterten Kronleuchter und wand sich unter den in alle Richtungen stehenden Holzbalken der herabgestürzten Decke hindurch. Durch die Trümmer, die einstmals wohl die Zwischendecke gebildet hatten, konnte sie das einfallende Licht der großen Fenster im Kaminzimmer sehen. Dort würde ihre Mutter auf sie warten. Paula nahm all ihren Mut zusammen und sprang.

Sechs Schimmel hatten die schwarze Kutsche gezogen, in welcher der weiße Sarg noch kleiner wirkte, als er wirklich war. Sechs Schimmel mit schwarzen Federbüschen am Geschirr, genau wie bei ihrer Mutter. Über der Grube stand auf einem Holzgestell ein riesiger Kranz aus weißen Rosen, genau wie bei ihrer Mutter. In seinen großen Händen mit den glänzenden schwarzen Handschuhen wirkte ihre Puppe winzig. Franz legte Elise sanft auf den blumenbedeckten Sarg, dann brach er zusammen.
„Eine kleine Dickmadame
Fuhr mal mit der Eisenbahn
Eisenbahn die krachte
Dickmadame die lachte“
Paulas Hände tanzten wie kleine Vögel durch die Luft, trafen Mamas Hände im perfekten Moment, während ihre Stimme quietschend immer lauter und schneller wurde. Mama hielt mit, sang lachend den Reim, bis Paulas Zunge sich verknotete und Mamas Hände die ihren in der Luft fingen – und hielten. Strahlend warf das achtjährige Mädchen sich in die Arme der dunkelhaarigen Frau und beide lachten, bis sie keine Luft mehr bekamen.

BRIDA ANDERSON schreibt Urban Fantasy und Steampunk.
Wenn sie nicht gerade Feenwesen oder Adrenalin-getränkte Abenteuer erfindet, kann man Brida auf einer Matte beim Jiu Jitsu finden oder beim Versuch, ihre zwei Kinder und einen arabischen Kobold – der hartnäckig seine Tarnung als Kätzchen beibehält – unter der glühenden Sonne Katars zu zähmen.
Lest mal rein in Dornen-Spiele, den ersten Band von Bridas Urban Fantasy-Serie Astoria Files (http://bit.ly/AstoriaFiles).
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Mutter der Drachen
„Und dazu nehmen wir jeder ein Gläschen Sake und ein Glas Wasser“, beendete Oliver seine Großbestellung.
Miriam klappte den Mund wieder zu. Offenbar war es ganz unerheblich, was sie beim Chinesen geordert hätte. Oliver, ihr Blind Date für heute Abend, hatte in Windeseile eine Bestellung für sie beide heruntergerattert. Noch war Miriam mehr amüsiert als verärgert. Oliver hatte Gerichte bestellt, die sie gern mochte oder immer schon mal probieren wollte, also war sie ihm nicht ins Wort gefallen.
Wenn sie Oliver mit Blind Dates der Vergangenheit verglich, schnitt er bis jetzt ganz gut ab. Er war pünktlich, hatte ein nettes chinesisches Restaurant ausgesucht, das Miriam noch nicht kannte, und, was Miriam viel wichtiger fand, er sah tatsächlich so aus wie sein Foto im Datingportal – etwa Ende dreißig, mit schulterlangen braunen Haaren, einem hübschen, markanten Gesicht und breiten Schultern, die in einem blauen Polo-Hemd steckten. Da sein Foto der Wahrheit entsprach, war vielleicht auch der Rest der Infos, die sie vorab ausgetauscht hatten, nicht geflunkert gewesen. Wenn er jetzt auch noch so nett wie im Chat war … Dass er einen kleinen Spitzbart hatte, war allerdings schon mal nicht so Miriams Ding. Und dass Oliver meinte, sie mit einer Bestellung für zwei beeindrucken zu müssen, ohne sie vorher zu fragen, was sie überhaupt essen wollte, sprach auch nicht gerade für ihn.
Ihre Bedienung, eine junge Asiatin namens Mei mit einem Mund wie eine Kirschknospe, zischte ab und Miriam blies den Atem aus. „Erzähl mir doch mal was von dir.“ Sie faltete die Hände auf der weißen Tischdecke und sah Oliver abwartend an.
Er rieb sich nervös das Spitzbärtchen und lächelte sie dann an. „Puh. Keine Ahnung. Was gäbe denn ein paar Punkte bei dir?“
Sein Lächeln war echt und entwaffnend, was Miriam gefiel. Sie grinste zurück. „Lass die Punktevergabe mal meine Sorge sein.“ Sie streckte ihm die Zungenspitze raus.
Oliver lachte und seine blauen Augen funkelten.
„Schon mal ein Punkt für ihn“, dachte Miriam erleichtert. Laut sagte sie: „Ich erlös dich aus der Pein. Erzähl doch mal, was du für Hobbys hast.“
Oliver lehnte sich zurück. Wieder ein nervöser Griff zum Goatie. Der Bart war so kurz, was konnte man da noch richten? Und wen machte es nervös, über seine Hobbys sprechen zu müssen?
„Warte mal ab, bis du an der Reihe bist“, flüsterte eine Stimme in ihrem Hinterkopf. „Hexenkrimis lesen und bei Conventions in Korsett und Zylinder auf der Bühne herumtanzen sind auch nicht so die aalglatten Hobbys, mit denen du beim ersten Date ohne Nachfragen punkten kannst.“ Mit einem leichten Grinsen stellte Miriam fest, dass sie, wenn sie einen Bart gehabt hätte, diesen vermutlich allein bei dem Gedanken daran auch nervös kraulen würde. Verspätet merkte sie, dass Oliver ihr schon die ganze Zeit etwas erzählte.
„Und wenn ich genug zusammenhabe, kann ich mich an die Restaurierung machen“, sagte er gerade, während er nervös die Flasche mit der Sojasauce in Kreisen über das Tischtuch schob.
Miriam nickte wissend. „Schön.“ Verflixt, was war das Thema?
Oliver beugte sich eifrig näher zu ihr über den Tisch. „Als du geschrieben hast, dass du manchmal Reenactment machst, habe ich gehofft, dass du es spannend finden könntest. Und, was meinst du, ist das ein Hobby, mit dem du dich anfreunden könntest?“
„Uhm …“, Miriam dehnte das Wort. Meine Güte, wo waren sie gerade thematisch? Und Reenactment war nicht so ganz das treffende Wort für die Tanznummer, die sie mit ihren Bandkollegen bei Conventions aufführte. Spaß bis der Arzt kommt mit einem Hauch Goth und Victoriana träfe es schon eher. „Äh“, stotterte sie. „Vielleicht?“
„Die Frühlingsrollen für Sie“, erlöste Mei sie aus ihrem Dilemma. Die Bedienung stellte mit Schwung eine Platte vor Oliver ab. Die Vorspeise sah toll aus: Ein Dutzend winzige knusprige Frühlingsrollen lagen auf einem üppigen Salatbett, in dem Wasserkastanien mit der leichten Honigvinaigrette um die Wette glänzten. Sie waren bestimmt schön knackig.
Erwartungsvoll sah Miriam auf. „Und für mich?“
„Wie gewünscht die Drachenrollen“, flötete Mei und hielt Miriam einen Teller hin. Noch war er zu hoch, als dass Miriam hätte darauf schauen können, aber Oliver, der einen Kopf größer als sie war, sah plötzlich besorgt aus.
Ein Kellner rief Mei lauthals aus Richtung der Küche. Mei stellte flugs den Teller vor Miriams Nase ab und eilte im Laufschritt zurück in die Küche.
Oliver deutete mit den Essstäbchen auf den Teller. „Wenn du das lieber nicht kosten möchtest, kannst du von mir was abhaben. Ich fand, ‚Drachenrollen‘ klang auf der Karte so toll, aber …“ Er schüttelte sich.
Miriam sah auf ihren Teller hinab. Auweia. Der erste Anblick erinnerte an abgetrennte Gliedmaßen, die vor Maden wimmelten. Ihr Gehirn übersetzte tapfer den widerlichen Anblick in akzeptable Zutaten: Die beiden dicken Würste bestanden vermutlich aus rohem Glasnudelteig, der beim Nasswerden transparent wurde. So gab er den Blick frei auf die Füllung, mit der die Rollen bis zum Bersten vollgestopft waren. Die „Maden“ waren Meeresfrüchte, Shrimps und anderer Kleinkram, in winzige Stückchen gehackt. Kleine feuerrote Tentakel zogen sich unter der glasigen Hülle entlang. Der Rest der Füllung bestand aus allerlei Gemüse in grellgelben und sonnenuntergangsroten Farben und ein paar grob gehackten grünen und violetten Kräutern. Vermutlich war das Violette Thai-Basilikum, oder? Miriam hatte keine Ahnung, ob der violett war, aber was sollte es sonst sein?
Sie schluckte. Es nervte sie, wenn Leute Essen ablehnten, das sie nicht wenigstens einmal gekostet hatten. Da konnte sie ja jetzt nicht den Teller zurückgehen lassen, auch wenn es zugegebenermaßen recht widerlich aussah.
„Ich bin mutig“, sagte sie mit einem schiefen Grinsen zu Oliver.
Er nickte beeindruckt und knabberte noch eine von seinen Frühlingsrollen. „Respekt. Ich würde kneifen.“
Das würde sie auch gern, aber Miriam stach mit dem Messer in die Rolle, um sich ein Stück abzuschneiden. Mit einem Seufzen sackte die Wurst in sich zusammen. Miriam schluckte und säbelte an der Füllung und der überraschend zähen Hülle herum. Zum Glück bewegten sich die Tentakel tatsächlich nicht. Bestimmt irgendeine kleine Oktopus-Art. Während Miriam darüber nachdachte, in welchem Meer wohl ein feuerroter Oktopus zu Hause war, häufte sie alles auf die Gabel. Schnell schob sie sich diese in den Mund, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Ein Feuerwerk aus Aromen explodierte auf Miriams Zunge. Mhmm, ganz wunderbar. Für ein paar Sekunden genoss sie den Geschmack — bis die Schärfe zuschlug. Klar, die Dinger hießen ja auch Drachenrollen.
Unter Tränen stieß sie hervor: „Sind die scha-a-arf.“
Oliver drückte ihr hilfsbereit ihr Wasserglas in die Hand. „Aber wie schmeckt’s?“
Miriam setzte das Glas an, aber noch ehe sie einen Schluck genommen hatte, ließ die Schärfe genauso plötzlich nach, wie sie aufgetreten war.
Verdutzt setzte Miriam das Glas ab. „Lecker, wirklich.“ Sie häufte schon die nächste Gabel voll Essen. „Möchtest du kosten?“
„Nee, lass mal.“ Oliver wehrte mit einem Lächeln ab. „Hauptsache, dir schmeckt’s.“
Miriam war jetzt gewappnet und ließ sich vom nächsten Schärfe-Angriff nicht überwältigen. Wenn man die Augenblicke von Feuer im Rachen ignorierte, waren die Drachenrollen wirklich richtig lecker. Gabel um Gabel voll Haut und Füllung verschwand in Miriams Mund.
„Nein!“ Mei tauchte plötzlich mit einem Aufschrei neben ihr auf und packte Miriams Handgelenk, sodass die Gabel voll Füllung klappernd auf den Teller fiel. „Ein Versehen!“, rief sie laut, ganz außer sich. „Falsche Drachenrolle!“
Miriam blinzelte überrascht. Für einen Moment verschwamm das Restaurant vor ihren Augen. Sie hatte nicht das Gefühl, ohnmächtig gewesen zu sein, aber von einer Sekunde auf die nächste schwebte Olivers Gesicht direkt vor ihr und er griff besorgt nach ihren Händen. „Ist alles okay? Oh nein, du bist leichenblass!“
Von der anderen Seite beugte sich eine ältere Chinesin über Miriam. Ihre grauen Haare waren zu einer Kurzhaarfrisur geschnitten und fielen ihr in die eisgrauen Augen.
Mei rang die Hände. „Das Gericht war nicht für Sie bestimmt, Verzeihung. Falsche Drachenrolle. Alles in Ordnung?“
„Verzeihen Sie Meis Fehler“, sagte die alte Chinesin. „Darf ich Ihnen eine andere Vorspeise bringen?“ Sie zischte Mei etwas zu und das Mädchen duckte den Kopf.
„Verzeihung, Mama Wu“, flüsterte sie mit vor Furcht bebender Stimme, „Verzeihung, Verzeihung.“
„Es ist doch alles in Ordnung“, sagte Miriam energisch. „Es war wohl nur etwas zu scharf.“
„Sie haben nur wenig gegessen, was für ein Glück“, flüsterte Mei und zog Miriam den Teller weg.
„Wenig?“ Die Frau, die Mei als Mama Wu tituliert hatte, schüttelte den Kopf. „Fast eine ganze Drachenrolle!“ Sie legte die Hand auf Miriams Schulter. Ihre Finger waren warm und fühlten sich knochig an. „Fühlen Sie sich wirklich gut?“
Peinlich berührt pustete Miriam sich die Haare aus dem erhitzten Gesicht und lachte unsicher. „Es war nur ein wenig scharf. Können wir jetzt bitte mit dem Hauptgang weitermachen?“
Mama Wu und Mei deuteten eine Verneigung mit dem Kopf an. „Natürlich. Kommt sofort“, versprach Mama Wu. Beide Frauen zogen sich tuschelnd in die Küche zurück.
Miriam schüttelte mit einem peinlich berührten Lachen den Kopf. „Wo waren wir gerade?“ Sie zog ihr schwarzes Top etwas ab, um ein wenig Luft an ihren Körper zu lassen. Meine Güte, das Zeug war aber auch scharf gewesen. Am ganzen Körper brachen ihr jetzt Schweißperlen aus. Zum Hauptgang gab es bestimmt viel Reis, mit dem konnte sie den Brand hoffentlich etwas löschen.
„Beim Reparieren von Oldtimern”, entgegnete Oliver.
Puh, endlich wusste Miriam um welches mysteriöse Hobby es ging. „Ich habe noch nie einen Schraubenschlüssel geschwungen“, bekannte sie, „aber ich hätte Lust, es mal zu probieren.“
„Ich freu mich drauf.“ Oliver hob ein winziges Glas zum Toast. Miriam hatte gar nicht mitbekommen, dass der Sake serviert worden war. Sie toastete Oliver zu und ließ den süßen Wein über ihre Zunge rinnen. Feuer raste ihren Rachen hinunter und ein ungeheurer Niesreiz überkam sie. Bevor sie die Hand vor die Nase schlagen konnte, hatte er sich mit einem trompetenden „Ha-a-atschi“ Bahn gebrochen.
Peinlich berührt schlug Miriam sich die Hand vors Gesicht. Ihre Nase tat richtig weg. Sie tastete auf dem Tisch nach ihrer Serviette, als ein Aufschrei von Oliver ihren Blick hochfahren ließ. Sein Bart stand in hellen Flammen! Oliver sprang auf und sein Stuhl fiel krachend um. Er schrie weiter, während er sich die Hände ins Gesicht schlug, um die Flammen zu löschen.
Miriam sprang an seine Seite, um ihm zu helfen. Sie drückte die Serviette auf die Flammen, während sie vernehmlich die Nase hochzog. Mist, sie musste schon wieder niesen. Da sie mit beiden Händen die Serviette hielt, drehte sie nur den Kopf zur Seite und nieste. Ein dünner Feuerstrahl schoss aus ihrer Nase und setzte Olivers Polohemd in Brand.
Er entriss ihr die angekokelte Serviette und schlug auf seine Brust ein, während er mit Panik im Blick vor ihr zurückwich.
„Es tut mir Leid“, wollte Miriam eigentlich rufen, aber was aus ihr herauskam, war ein raues „Grrrrraaaaoooooooooooaaar“.
Mama Wu und eine Gruppe Chinesinnen kamen mit Decken und Tüchern angelaufen, um den Brand zu löschen. Bald lag Oliver am Boden und die Flammen waren erstickt.
Entsetzt räusperte Miriam sich, trotzdem brachten ihre Stimmbänder weiterhin keine Worte, sondern nur ein lautes Grollen hervor. Oliver starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Wo sein Bärtchen geprangt hatte, bildete sich eine dicke Brandblase.
Miriam streckte die Hand nach ihm aus. Die langen Ärmel ihres T-Shirts klebten schweißnass an ihren Armen.
Starke Hände packten Miriam von hinten. Sie trat aus und wehrte sich, aber sie wurde von einer Gruppe Frauen aus dem Raum geschleift. Es ging eine Treppe hinab, noch eine, diesmal mit schiefen Steinstufen, die in der Mitte ausgetreten waren. Dann ließen die Frauen sie so abrupt los, dass Miriam vornüber fiel. Sie konnte sich gerade noch mit den Händen abfangen. Als sie taumelnd wieder auf die Beine kam, war sie allein im Keller.
„Hallo?“, rief Miriam. „Ich glaube, es hackt. Das gibt so was von einer miesen Bewertung auf Tripadvisor.“
Sie stand in einem Kellergewölbe, dessen Decke bestimmt fünf Meter hoch war. Die Lampe an der Decke erhellte gerade noch die Treppe, der Rest des riesigen Raumes verlor sich in Dunkelheit. Ihre Schulterknochen juckten wie verrückt. Irgendwie beruhigte das Jucken Miriam. Kein Wunder, dass sie sich so komisch fühlte — sie war wahrscheinlich allergisch auf etwas im Essen gewesen.
Und das Feuer, das sie geniest hatte? Miriam schüttelte den Kopf. „Kann ja gar nicht sein.“ Sie würde nach Oliver sehen, ihn fragen, was wirklich passiert war und dann würden sie das Date um eine Woche verschieben, wenn Miriam sich nicht mehr so seltsam fühlte.
Als sie zur Treppe zurückstapfte, wurde der Juckreiz so stark, dass sie sich erst einmal am Treppengeländer schubbern musste.
„Dir sprießen Flügel“, sagte Mama Wus Stimme hinter ihr. „Lass es geschehen und wehr‘ dich nicht dagegen, dann geht es schneller vorbei.“
Miriam schnaubte verächtlich. „Ich habe keine bekifften Flügel und gehe jetzt nach Hause.“ Es interessierte sie nicht besonders, wie die alte Chinesin es geschafft hatte, aus dem Nichts zu erscheinen. Und sahen ihre Hände nicht länger aus, hier unten im Dämmerlicht? Fast so, als ob die zierliche alte Dame lange elfenbeinfarbene Klauen hätte …
„Ach was, alles nur Einbildung“, redete Miriam sich in Gedanken gut zu. Sie sprang auf die Kellertreppe. Der Griff, der sich von hinten um ihren Arm schloss und sie zurückhielt, war nicht gerade der einer zerbrechlichen alten Dame. Schraubzwinge traf es eher.
„Sie haben ja wohl einen Sprung in der Schüssel“, knurrte Miriam. „Ich gehe jetzt.“ Sie machte noch einen Versuch, aus Mama Wus Griff auszubrechen. Diesmal ließ die alte Chinesin sie los. Als Miriams Fuß die dritte Stufe betrat, riss der T-Shirt-Stoff auf ihrem Rücken. Mit einem lauten Knacken von Knochen entfalteten sich zwei riesige Flügel hinter ihr. Sie waren so groß, dass Miriam sie sehen konnte, wenn sie den Kopf zur Seite neigte. Die Spannbreite ihrer Flügel war enorm und die roten und grünen Schuppen sahen toll aus — sie schimmerten, als seien sie nass.
„Äh.“ Miriam starrte die Flügel an. Ihre Flügel? Mehr nebenbei fiel ihr auf, dass auch ihre Hände und Arme jetzt mit denselben schillernden Schuppen bedeckt waren. Im Essen waren Halluzinogene gewesen, anders war das überhaupt nicht zu erklären. Wenigstens juckten ihre Schultern nicht mehr.
„Also gut, ich gebe zu, dass ihr hier richtig guten Stoff habt“, stieß sie hervor. „Aber ich bin nicht interessiert.“ Sie hechtete die Treppe hoch. Die Flügel folgten ihrer Bewegung und gaben jedem ihrer Schritte einen angenehmen Auftrieb. Es fühlte sich in etwa so an, wie schwerelos im Wasser herumzuspringen.
Sie prallte gegen Mama Wu, die plötzlich über ihr auf der Treppe stand und den Weg blockierte. Wie war die so schnell hierhergekommen?
„Was habt ihr mir gegeben?“, knurrte Miriam sie an.
„Die Drachenrolle war nicht für dich bestimmt“, sagte Mama Wu und klang dabei ganz entspannt. Berauschte Kindergärtnerinnen, die sich für Drachen hielten und glaubten, ihre Blind Dates in Brand gesetzt zu haben, waren für Mama Wu offenbar Alltag. „Mei hat sie leider an den falschen Tisch geliefert.“
„Du wolltest jemand anderem die Drogen unterjubeln?“
Mama Wu lächelte amüsiert. „Ich würde niemals Drogen in meiner Küche dulden. Diese besondere Drachenrolle, einmal im Monat gegessen, verhindert, dass sich die Drachen gegen ihren Willen verwandeln.“
Miriam lachte und versuchte, sich an Mama Wu vorbeizuschieben. „Klar.“
Mama Wu war zwei Köpfe kleiner als Miriam und zart gebaut, aber sie stellte sich dennoch als ein unüberwindliches Hindernis heraus. Spielend wehrte sie Miriam ab und ließ sie nicht durch. „Wenn ein normaler Mensch sie isst, bewirken sie das Gegenteil. Für Minuten wird er zum Drachen. Aber das äußert sich meist nur in ein bisschen Rauch, vielleicht ein paar kleinen Feuerstößen.“
„Ein paar kleinen Feuerstößen …“, wiederholte Miriam matt Mama Wus Worte. Sie zeigte auf ihre Flügel.
Mit einem leisen Lachen zuckte Mama Wu die Schultern. „Du musst die Anlage zum Drachen in dir getragen haben, deshalb hast du dich verwandelt. Ab jetzt kommst du alle vier Wochen hierher und bestellt die … speziellen Drachenrollen.“ Bei den letzten zwei Worten blies sie zwei perfekte kleine Rauchkringel aus ihren Nasenlöchern. „Dann kannst du die Verwandlung kontrollieren.“
Miriam seufzte. Diese Frau Wu war komplett abgedreht. „Klar doch, ich hatte Drachengene in mir. Meine Eltern sind in ihrer Freizeit auch Drachen und haben nur vergessen, mich darüber zu informieren. Ich ruf sie gleich mal an.“ Sie zog ihr Handy aus der Hosentasche. „Ach, was für ein Zufall: Ich habe hier unten gar kein Netz.“ So langsam wurde Miriam richtig mulmig zu Mute.
„Nein, deine Eltern sind keine Drachen, sonst würde ich sie kennen.“ Mama Wu zuckte die Schultern. „Vielleicht Reinkarnation.“
„Klar, Reinkarnation.“ Miriam hielt das Handy mit gestrecktem Arm über den Kopf, um zu sehen, ob sie dann Empfang hatte. Sie ignorierte dabei standhaft den Anblick ihrer schuppigen Hand und der langen türkisen Klauen, die aus jedem Finger sprossen. Türkise Klauen? Also bitte. Wenn schon Klauen, konnten die dann nicht schwarz sein? Drachenmädchenklauen, du meine Güte.
„Alle kleinen Drachen finden ihren Weg zu Mama Wu.“ Die alte Frau lächelte – und wieder stiegen kleine Rauchwölkchen aus ihren Nasenlöchern. Sie hob beide Hände und legte sie sacht auf Miriams Schultern. „Schlaf jetzt, Drache, und vergiss, bis ich dich brauche. In vier Wochen kommst du heim zu deiner Mama Wu.“
Miriam blinzelte. Sie saß immer noch Oliver gegenüber am Tisch, zwischen ihnen stand eine Schüssel mit zwei Kugeln Grüntee-Eiscreme. Jeder von ihnen hielt einen Teelöffel in der Hand. Soweit so gut, aber irgendetwas stimmte nicht. Sie hatten sich über Olivers Oldtimer-Reparaturen unterhalten, während Miriam etwas aß, das viel zu scharf war. Und dann … Was war dann passiert?
Oliver unterbrach Miriams Grübeleien, als er einen Löffel voll sahnigem Eis auf ihren Mund zusteuerte. „Hier, zur weiteren Abkühlung.“
Er lächelte sie an und Miriam spürte ihr Herz schneller klopfen. Oliver sah wirklich gut aus, mit einem markanten Kinn, das eine kleine kreisrunde Narbe zierte. Er hatte sich extra für ihr Blind Date frisch rasiert. Miriam kostete das Eis.
„Nächstes Mal wollte ich dich eigentlich zum Mexikaner ausführen“, sagte Oliver und genehmigte sich auch einen Löffel der lindgrünen Eiscreme. „Aber wenn dir das Essen hier schon zu scharf ist, gehen wir vielleicht besser Burger essen.“
Schmale knochige Hände schlossen sich von hinten um Olivers Schultern. Mama Wu, die Besitzerin des Lokals, war an ihren Tisch getreten, ohne dass Miriam sie bemerkt hatte.
„Nein, ihr kommt natürlich wieder hierher“, sagte Mama Wu.
Oliver und Miriam nickten gehorsam.
„Natürlich“, sagte Oliver. „Das ist eine gute Idee.“
Miriam nickte zustimmend.
Mama Wu strich Miriam sacht übers Haar und flüsterte: „Hier ist der sicherste Ort für kleine Drachen wie dich. Hier bist du zu Hause.“
Miriam hörte die Stimme nicht, aber ihr Körper verstand.

DÖRTE MÜLLER, geboren 1967, lebt zurzeit mit ihrer Familie in den Niederlanden. Sie schreibt Kurzgeschichten, Kinder- und Jugendbücher, die im AAVAA Verlag erscheinen.


Essen ist fertig
„Mami, gehst du mit mir aufs Klo?“
„Geh’ allein, ich koche gerade!“
„Allein traue ich mich aber nicht …!“
„Ich kann jetzt wirklich nicht mitkommen, ich bin gerade am Kochen …! Frag doch deine Schwester!“
„Nee, die frage ich nicht!“
„Katha, geh mal mit Max aufs Klo!“
Schnell runter in den Keller, ich brauch noch das Gemüse. Oje, die Milch kocht über … Was riecht hier so angebrannt? Jetzt das Pulver rein, Topf von der Herdplatte … Wo sind eigentlich die Bratwürstchen? Noch im Kühlschrank, stimmt ja!
„Mama, ich kann bald nicht mehr aufhalten!“
„Dann geh doch endlich! Es ist nicht gut, wenn man aufhält!“
„Ich habe aber Angst!“
„Angst? Vor wem denn?“
„Da ist ein Monster im Badezimmer!“
„Quatsch! Es gibt keine Monster! Und schon gar nicht um zwölf Uhr mittags … Katha, jetzt geh’ doch endlich mit Mäxchen auf die Toilette!“
„Hab’ keine Zeit, ich bin gleich auf Level drei!“
„Ich muss kochen! Kann mir jemand mal aus dem Keller das Gemüse holen? Der Pudding brennt gerade an! Ulrich! Hilf mir mal schnell mit den Kindern!“
„Elke, ich habe ein Problem. Hast du zufällig meine Brille gesehen? Eben hatte ich sie noch …!“
„Im Badezimmer … Ulrich, kommst du mal schnell?“
„Aber im Badezimmer ist sie nicht!“
„Katha, lauf mal schnell in den Keller!“
„Ich kann jetzt wirklich nicht, Mama! Wieso muss ich immer in den Keller?“
„Wollt ihr Kartoffelbrei oder lieber einfach nur Weißbrot zu den Würstchen?“
„Ich will endlich aufs Klo!“
„Na gut, aber dann schnell, schnell, beeil dich!“
„Nee, jetzt will ich nicht mehr!“
„Dann bleib eben da sitzen! Willst du lieber Kartoffelbrei oder Weißbrot?“
„Ich esse gar nichts! Doofe Mama!“
„Telefon! Kann mal einer dran gehen?“
„Hat jemand von euch meine Brille gesehen? Sie kann doch nicht weg sein …!“
Schnell noch den Tisch decken … die Würstchen sind gleich fertig. Jetzt noch Kartoffelbrei anrühren … wo ist mein Gemüse? Mist, ich muss ja noch in den Keller …!
„Kann mal einer das verdammte Telefon abnehmen?“ Dann geh ich eben selber.
„Meier? … Katha, ist für dich!“
„Mann! Jetzt bin ich draußen!“
(Etwa sieben Minuten später)
„Essen ist fertig!“
„Ohne meine Brille bin ich halb blind. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie furchtbar das ist …!“
(Etwa fünf Minuten später)
„Essen!“
(Etwa drei Minuten später)
„Alles wird kalt!“
„Ich habe meine Brille wiedergefunden. Stellt euch vor, ich hatte sie die ganze Zeit auf …!“
(Etwa zwei Minuten später – alle fassen sich an den Händen)
„Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb!“
„Mäxchen, jetzt komm unter dem Tisch hervor, die Pfütze machen wir später weg …!“

LUCI VAN ORG
Berlinerin Jahrgang 1971, trat schon im Alter von 12 Jahren als Sängerin in Blues-Clubs auf. Mit 16 unterschrieb sie ihren ersten Plattenvertrag, sang mit 19 als EENA den Titelsong zum Film Go Trabi Go und war nebenher Kunst- und Anglistikstudentin. 1994 wurde sie mit LUCILECTRIC (Mädchen) mal kurz zum gefeierten Popstar. Heute ist sie als Musikerin die weibliche Hälfte von MEYSTERSINGER und Bandleaderin von ÜEBERMUTTER. Wenn sie nicht gerade Musik macht, illustriert die praktizierende Heidin Bücher wie Thors Hammer -Ein Kinderbuch, schreibt Romane, Drehbücher oder Theaterstücke und ist Schirmfrau des VEID. e. V. Als verheiratete Mutter eines elfjährigen Sohnes hat sie die folgende Geschichte selbstverständlich vollkommen frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten zu realen Vorkommnissen und lebenden Personen sind unbeabsichtigt und wären rein zufällig.

© Victor Hildebrand

Weihnachten haben wir Sex
„Du …“
„ … Hmja?“
„Klingt jetzt vielleicht … irgendwie blöd, aber … sollten wir nicht … langsam mal wieder …?“
„Aber … unbedingt! Was dachtest du denn?“
„Phh … dass wir … halt schon sehr lange nicht mehr …“
„Sooo lange ja nun auch nicht.“
„Seit elf Wochen, genau genommen.“
„Das ist aber doch wohl nicht meine Schuld! Ich hatte neulich ja wohl nicht meine Tage?“
„Erstens habe ich gar nicht gesagt, dass das deine Schuld ist und zweitens kann ich ja wohl nichts dafür, wenn mir da unten was rausläuft.“
„Früher hat dich das auch nicht gestört.“
„Da war ich ja auch besoffen.“
„Du warst immer besoffen, wenn wir Sex hatten …?“
„Nein, Mann! Nur wenn ich gleichzeitig auch meine Tage hatte. Nach drei Gin Tonic tat der Bauch nicht mehr so weh.“
„Wir haben noch Gin. Von Silvester.“
„Ich hab aber nicht meine Tage.“
„Du hast doch gerade gesagt, wir sollten mal wieder.“
„Aber doch nicht so!“
„Besser so als gar nicht.“
„Maaann! Wenn wir schon nur noch alle paar Wochen, dann doch wohl bitte nicht so zwischen Tür und Angel.“
„Wir können ja morgen noch mal richtig.“
„Sehr witzig, morgen ist Elternabend in der Kita. Beim letzten Mal konntest du dich danach drei Tage nicht mehr bewegen vor Rückenschmerzen.“
„Diese Zwergenstühle sind eben nix für ‘n Einsneunzig-Mann.“
„Heißt das, ich muss alleine da hin?“
„Och, bitte! Wenn du wiederkommst, erwarte ich dich auch nackt unter der Decke und vom gesparten Geld für den Kindersitter kaufen wir ne Flasche Wein.“
„Nüchtern wäre das ja auch nicht zu ertragen.“
„Was?“
„Echt mal, ich meine, kannst du dir vorstellen, noch geil zu werden, nachdem du dich vorher zwei Stunden über Laternenumzüge, Kuchenbasar und prügelnde Vierjährige unterhalten hast? Und dann dieser Geruch. Gekochte Möhren und Kinderkacke. Da musst du ne Stunde am Stück duschen, bis das wieder weggeht.“
„Kannste doch machen. Und hinterher kommst Du nackt zu mir ins Bett.“
„Dann isses aber elf.“
„Ja, und?“
„Max muss am Donnerstag um halb acht in der Kita sein. Die fahren doch da auf diesen Bauernhof.“
„Von elf bis halb acht ist ne Menge Zeit.“
„Wir müssen aber spätestens um halb sechs aufstehen, wenn wir pünktlich sein wollen.“
„Wollen wir denn?“
„Also wirklich! Max freut sich total auf den Ausflug!“
„Und wenn schon. Früher haben wir doch auch bis Sonnenaufgang durchgefickt und sind danach arbeiten gegangen.“
„Sagt der, der morgens neben das Klo pinkelt, weil er im Stehen noch schläft …“
„Sagt die, die beim Vorabendprogramm aufm Sofa einpennt …“
„Da muss man wenigstens nix putzen danach.“
„Nur falls es dich interessiert, jetzt habe ich auch keinen Bock mehr.“
„Dann bin ich ja beruhigt.“
„Darf ich dich nochmal daran erinnern, dass du mit dem Thema angefangen hast?“
„Ich habe gesagt, wir sollten ‘mal wieder’. Nicht ‘jetzt sofort’.“
„Gut, bitte, mach doch n Vorschlag.“
„Freitagabend. Wir könnten Max früh ins Bett bringen und den Wäschetrockner anmachen, damit er nichts hört.“
„Und wenn wir wieder neben Max einschlafen? Wie letzten Samstag?“
„Dann machen wir es, wenn wir wieder aufwachen.“
„Nach ner halben Nacht im Kinderbett? Ich hab von der letzten jetzt noch Rückenschmerzen.“
„Sind Rückenschmerzen jetzt die Migräne das Mannes, oder was?“
„Glaubst du etwa, ich will mich drücken? Nein, will ich nicht! Ich will Dich! Ich finde dich sexy!“
„Ich dich doch auch!“
„Ich bin nur …“
„ … so müde. Ich weiß. Ich doch auch.“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Jetzt bin ich aber irgendwie erleichtert.“
„Wieso?“
„Weil ich dachte, nur ich hab keinen Bock. Ich hab mich halt … schuldig gefühlt, irgendwie.“
„Brauchst du nicht. Echt nicht. Ich meine, ich hab ja auch keinen B …, also … du weißt schon.“
„Ja, natürlich. Schlaf gut, Schatz. Ich liebe Dich.“
„Ich dich auch. Gute Nacht.“

„Und … wenn wir ausschlafen und den Wäschetrockner am Samstagmorgen anschalten?“
„Ja, morgens wär super! Da sind wir dann ja auch wieder fit.“
„Alles klar! Also waschen wir einfach abends noch was und stopfen es nach dem Aufwachen gleich in die Trommel.“
„Und davon wacht Max dann auf und kommt rein.“
„Wieso?“
„Der Trockner läuft doch sonst nie so früh.“
„Und wenn schon. Dann erkläre ich ihm einfach, dass es Mama gar nicht schlecht geht, obwohl sie so schreit.“
„Wenn Max plötzlich beim Ficken reinkommt, geht’s mir aber schlecht.“
„Dann schließen wir eben die Tür ab.“
„Als ob du noch einen hochkriegst wenn du weißt, dass dein Sohn an der Tür lauscht.“
„Vielleicht hast du Recht. Ich meine, ich will ja auch nicht, dass er Angst bekommt.“
„Angst?“
„Na, Mama quiekt und kreischt so komisch und die Tür ist zu. Also mir wäre das nicht wirklich geheuer gewesen, so mit vier.“
„Als ob du dabei keine Geräusche machst.“
„Nicht so laute wie du.“
„Von wegen! Kurz bevor du kommst, bist du total laut.“
„Wie bitte? Das würde ich doch wohl mitkriegen.“
„Tust du aber nicht.“
„Also echt! Ich werde ja wohl am besten wissen, was ich für Geräusche …“
„Und wieso wache ich dann nachts immer auf, wenn du kommst?“
„WAS?“
„Nu werd doch nich gleich rot. Ich mach‘s mir doch auch ab und zu, wenn ich nicht schlafen kann.“
„Wirklich?“
„Klar, du wachst davon nur nie auf.“
„Obwohl du immer so schreist?“
„Mache ich dann doch gar nicht.“
„Wie? Du kannst das auch … ganz ohne?“
„Vergiss es. Ohne Ton macht’s absolut keinen Spaß.“
„Warum tust du’s dann?“
„Was soll ich denn sonst machen, wenn wir wochenlang nicht ficken?“

„Und wenn wir es machen, nachdem wir Max in den Kindergarten gebracht haben?“
„Im Auto vor der Arbeit?“
„Viele Menschen vögeln im Auto.“
„Wenn sie keine eigene Wohnung haben.“
„Haben wir ja auch nicht mehr. Irgendwie …“

„Wir müssen es einfach schaffen, dass Max endlich auch mal bei Finn pennt und nicht diese kleine Kröte nur jedes zweite Wochenende bei uns.“
„Max will aber nun mal nicht woanders schlafen.“
„Warum zählt immer nur, was Max will? Man muss Kindern auch mal Grenzen setzen.“
„Das mit dem Abholen machst du dann, wenn er abends um Elf immer noch heult.“
„Bei Oma hat er immer gern geschlafen.“
„Hör auf! Wenn ich da dran denke fang ich an zu heulen.“
„Tut mir leid.“
„Wie schnell das alles ging. Nicht zu fassen.“
„Dieses Arschloch!“
„Phhh … Gerald ist aber schon sehr nett zu Oma. Und auch zu Max.“
„Nett? Den Platz in Omas Bett hat er ihm weggenommen, der Scheißkerl!“
„Erstens kann Gerald nichts dafür, dass Max woanders noch nicht alleine schläft und zweitens ist Oma total aufgeblüht, seit er da ist. Gestern waren sie bei ner Grateful-Dead-Covershow und haben zusammen einen gekifft, hat sie erzählt.“
„Während wir hier festhängen. Streu nur Salz in meine Wunden.“ „Wir werden uns dran gewöhnen müssen. Ich meine, vierundachtzig ist ja kein Alter, heutzutage.“

„Du …?“
„Ja?“
„Klingt jetzt vielleicht bisschen blöd, aber … Lina und Martin gehen doch immer in diesen Swinger-Club drüben an der Ecke.“
„Vergiss es!“
„Nun sei doch nicht so verklemmt.“
„Bin ich doch gar nicht. Es ist nur …“
„Was..?“
„Oma und Gerald gehen da hin.“

„Es reicht! Gerald muss weg!“
„Wie willst du das denn machen?“
„Was weiß ich! Koks, Geld, Nutten …, jeder Mensch ist käuflich.“
„Und Oma heult sich die Augen aus.“
„Ach, komm! Die sagt doch selbst immer, dass es in Geralds Alter jeden Moment vorbei sein kann und dass jeder Tag ein Geschenk ist und so.“
„Einen Mann zu Grabe tragen ist aber was anderes, als von ihm verlassen zu werden.“
„Echt?“
„Warte mal!“
„Was denn?“
„Gerald ist Diabetiker!“
„Ja, und?“
„Und wenn er Mittagsschlaf macht, schafft es nicht mal Max, ihn aufzuwecken. Ich meine, so‘n kleiner Pieks is ‘n Scheiß gegen Max.“
„Was …?“
„Ne Überdosis Insulin kannste nicht nachweisen, Mann! Vollkommen sichere Sache.“
„Sag mal, verstehe ich das gerade richtig, dass du …? Das wäre Mord!“
„Aber Gerald wäre weg.“
„Und Oma?“
„Die hat bisschen Stress mit der Beerdigung und Weihnachten ist alles wieder gut.“
„Meinst du?“
„Klar. Und man soll ja auch aufhören, wenn’s am schönsten ist.“

„Weihnachten ist erst … in sieben Monaten.“
„Weißt Du noch letztes Jahr? Da hat Max am Dreiundzwanzigsten bei Oma übernachtet und Heiligmorgen hatten wir so richtig geilen, entspannten Sex.“
„Wir … sind Ostern bei denen eingeladen, oder?“
„Jepp.“
„Und Weihnachten … haben wir dann Sex?“
„Ja. Weihnachten haben wir Sex.“

CHRISTIAN KRUMM
geboren 1977 in Krefeld, ist promovierter Historiker und Heavy-Metal-Autor. Seine Bücher geben Einblicke hinter die Kulissen der Szene und stets ist er auf der Suche nach Themen, die bislang unbeachtet geblieben sind. Zusammen mit Holger Schmenk schrieb er 2010 Kumpels in Kutten. Heavy Metal im Ruhrgebiet, ein Buch über die Szene der Metal-Metropole Ruhrpott. Das Buch Do It Yourself. Die Geschichte eines Labels (2012) portraitiert die Dortmunder Plattenfirma CENTURY MEDIA. Dass der Metal auch exzellenten Romanstoff bietet, bewies er mit At Dawn They Sleep (2014). Mit Morgoth Uncursed lieferte er 2015 in der Edition Roter Drache seine ersten Bandbiografie ab. Zeitgleich mit dieser Anthologie erscheint im gleichen Verlag sein Buch Traumschrott, eine Sanmmlung mit 12 Kurzgeschichten.


Das wundersame Bild
Die blonde Frau in den übergroßen Jeans und der weiten Joggingjacke wurde von dem Polizisten aufgefordert, sich zu erheben und zog damit die Aufmerksamkeit des jungen Thor auf sich. Während er sie durch das Schaufenster mit der Aufschrift „Antiquariat Koreander“ beobachtete, fiel ihm auf, dass ihr blondes Haar unter ihrer grauen Stoffmütze herausragte. Es schimmerte rotgolden in der winterlichen Nachmittagssonne, was einen eigenartigen Kontrast zu ihren Ringen in der Nase, den Lippen, den Ohren und den Augenbrauen bewirkte. Sie muss ein schwieriges Leben haben, dachte Thor, und alleine die Tatsache, dass die Frau kein Geld von ihm haben wollte, hinterließ bei ihm ein Gefühl der Unzulänglichkeit. Es mochte wohl in der ganzen Stadt keinen sensibleren Menschen gegeben haben als ihn, und unglücklicherweise hatte ihm seine Mutter beigebracht, dass man immer selbst daran schuld war, wenn man zurückgewiesen wurde.
Während Thor noch dem Polizisten und seiner unfreiwilligen Begleitung nachsah, griff der alte Herr Koreander nach dem elektronischen Bilderrahmen, der auf einem Tisch zwischen einer überteuerten Ausgabe von Kellers „Die Leute von Seldwyla“ und einer strahlend weißen Reiterfigur Friedrichs des Großen stand.
„Na, mein Junge“, sagte der Trödler, „willst du tatsächlich dieses alte Ding? Und zwanzig Euro sind dir nicht zu teuer? Für ein wenig mehr bekommst du einen neuen.“
„Ja, ich finde es schön, es passt in mein … in meine Wohnung.“
„Soso, in deine Wohnung. Ich dachte, du wohnst noch bei deiner Mutter.“
Mutter, schon wieder musste Thor an seine Mutter denken und natürlich fielen ihm dabei die Wurstbrote wieder ein, die noch in seinem Rucksack lagen. Herr Koreander ging langsam hinter die mechanische Kasse und hämmerte mit seinen knorrigen Zeigefingern auf die Tasten ein. Thor hatte die Brote wieder nicht gegessen, weil er die Wurst schon lange nicht mehr mochte. Doch hielt er seine Mutter für zu sensibel, als dass er es ihr hätte sagen können. Immerhin handelte es sich bei diesen Broten um eine seiner wenigen noch erhaltenen Gewohnheiten aus der Zeit, da sein Vater noch bei ihnen gewohnt hatte. Es gab darüber hinaus nicht viel, an das sich seine Mutter erinnern konnte, ohne dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Deshalb nahm Thor die Brote noch immer jeden Tag mit.
„Die Besitzer dieses Rahmens haben den Preis festgesetzt“, sagte Herr Koreander, „sie bestanden darauf. Er stand lange im Schaufenster. Ich habe ihnen gesagt, dass ich das Ding für diesen Preis nicht loswerde. Aber sie sagten, das wäre nicht schlimm. Dieses Ding sei ein Fluch, sagten sie. Es könnte ruhig für immer hier bleiben.“
„Stimmt denn etwas damit nicht?“
„Nun, wer weiß? Vielleicht ist er von Dämonen besessen. Aber mach dir keine Sorgen. Die ganze Familie war noch gesund und wohlauf. Sie sagten nur, es sei nicht gut, diesen Rahmen im Haus stehen zu haben. Ganz besonders nicht für junge Männer.“
„Und warum?“
„Ja, das weiß der Himmel. Wenn du mich fragst, Junge, dann müssen Sachen nicht hundert Jahre alt sein, um verzaubert zu sein. Glaub mir, unsere Welt hat ihren Zauber nicht verloren. Die meisten Menschen sind nur blind dafür geworden. Es gibt bestimmt einen Grund, warum sie den Rahmen zurückgegeben haben. Weißt du was? Ich verkaufe ihn dir für fünf Euro. Die tauchen ohnehin nie wieder hier auf und wenn doch, sage ich ihnen, er sei gestohlen worden.“
„Ja, wenn das geht.“
„Natürlich. Es ist ein alter Digitalrahmen, für Leute in Deinem Alter gehört so ein Ding wahrscheinlich ins Museum. Also, fünf Euro und er gehört dir.“
Herr Koreander gab Thor eine löchrige Plastiktüte mit der Aufschrift „Metzgerei Honigblut“, kehrte ihm den Rücken zu und beugte sich ohne ein weiteres Wort über sein Kassenbuch. Er zählte nicht einmal die Münzen, die Thor ihm auf die kleine Plastikschale neben der Kasse gelegt hatte – was den jungen Mann, der mit einem auffordernden „Auf Wiedersehen“ den Laden verließ, zwangsläufig denken ließ, der alte Trödler hätte sich nur für ein Verkaufsgespräch so nett und redselig gegeben. Eine solche Kaltblütigkeit, dachte Thor, ließe sich niemals mit dem feinsinnigen Gespür für alte Dinge in Einklang bringen, das ein Trödler von Natur aus haben müsse, und er kam nicht umhin, sich trotz des Preisnachlasses betrogen und ausgenutzt zu fühlen.
Auf die Passanten, die sich in den Abendstunden noch in den Straßen aufhielten, muss Thor einen seltsamen Eindruck gemacht haben. Er hielt das in Plastik eingewickelte Ding wie ein Tablett vor sich und schritt bedächtig über die große Straße, ohne das Läuten der Straßenbahn zu bemerken, die ihn um nur knapp drei Meter verfehlte. Erst als er an der Metzgerei Honigblut vorbeikam, verflog das beklemmende Gefühl und die Freude über den Bilderrahmen stieg. Wahrscheinlich war Herr Koreander einfach zu beschäftigt gewesen und hatte ihn deswegen ohne viele Worte aus dem Laden gehen lassen.

Zuhause an seinem Schreibtisch legte er die Wurstbrote neben sich, um sie noch zu essen, bevor seine Mutter ihn zum Abendessen rufen würde. Doch er vergaß sie bald, wie er auch den Rest der Welt um sich stets vergaß, wenn er als „Aegon Targaryen“ einen Text in einem der vielen Internet-Foren für Fantasygeschichten und Rollenspiele schrieb, galt er doch in diesen Kreisen als eine maßgebliche Autorität. Mittlerweile existierten, fein säuberlich nummeriert, an die hundert Profile mit seinem Namen. Aber bis auf „Aegon Targaryen42“, der über gewisse Aspekte esoterischer Fragen zu den Religionen der HALO-Allianz äußerst umfassend informiert war, hatte keiner je einen solchen Status erreicht wie Thor. Heute ging es um die vorab veröffentlichte Betaversion der sechsten World-Of-Warcraft-Erweiterung „Legions“, über deren Qualität man sich innerhalb unterschiedlicher Communities stritt. Der Bilderrahmen stand zwischen seinen Schätzen, die auf den Kommoden und Regalen seines Zimmers aufgereiht waren: Figuren und Bilder von Sagengestalten mystischer Welten, Tiere, Menschen, Elfen, Zwerge, Ungeheuer und tapfere Krieger. Alles, was diese bestimmte Sehnsucht in ihm auslöste; alles, was ihn sich fragen ließ, warum die Wirklichkeit nicht genau so faszinierend und voller Zauber sein konnte, wollte er stets um sich haben.
Erst nach dem Abendessen, als er sicher war, dass seine Mutter nun nicht mehr in sein Zimmer kommen würde, begann er damit, Fotos auszusuchen und spann bis tief in die Nacht schöne Geschichten um sein Leben herum, in denen er mutig, klug, geachtet und begehrt war.

Als Thor am nächsten Morgen aufwachte, sah er verträumt auf die wechselnden Bilder des Rahmens; die vielen Fotos von Rollenspielen, Conventions und Network-Partys. Sein Kopf lag schwer auf seinem Unterarm, während er die Abende in sein Gedächtnis zurückrief, wie bei einer Hommage, die auf ihn anlässlich der Auszeichnung für sein Lebenswerk gehalten wurde. Als der Rahmen schließlich eine Serie von Bildern der letzten Spielemesse zeigte, die er unsortiert eingefügt hatte, erhob er sich und ging in die Küche. Ein Zettel seiner Mutter lag auf dem Tisch. Er beugte sich neugierig darüber und stellte fest, dass es sich um eine Einkaufsliste handelte. Zu seinem Unmut hatte seine Mutter wieder ‚Wurst‘ mit aufgeschrieben. Ganz unten war außerdem der Satz notiert: „Thor einen Zettel schreiben“, und er bekam für einen kurzen Moment ein schlechtes Gewissen, weil sie sich doch solche Mühe gab. Dann erinnerte sich Thor wieder daran, was er in der Küche wollte, nahm eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank und ging wieder in sein Zimmer. Schon im Türrahmen hielt er inne. Etwas fehlte auf seinem Schreibtisch. Dort, wo er gestern die Wurstbrote hingelegt hatte, stierte ihn nur noch Darth Vader von seinem Mousepad entgegen, als wollte er sagen: Auch wenn Du es Dir noch so wünschst, ich bin nicht Dein Vater. Ja, dachte Thor, dabei hätte ich von Darth Vader als Vater wenigstens noch etwas lernen können, statt nur, wie man seine Mutter von ihrer gescheiterten Ehe ablenkt. Er nahm einen Schluck Cola und wollte fast würgen. Sie schmeckte abgestanden und bitter.
Während er noch überlegte, wie er seiner Mutter erklären sollte, warum er die Brote nicht gegessen hatte, wechselte der Rahmen auf seiner Kommode wieder das Bild. Thor erstarrte, als er es sah. Das Foto, das nun nach den Spielemesse-Bildern angezeigt wurde, war keines aus seiner Sammlung. Unverkennbar war er selbst die Person auf dem Bild, doch saß er in einer mittelalterlichen Kriegsmontur auf einem sich aufbäumenden Pferd. Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck von Kampfeslust und Siegeswillen, sein Schwert schien – vielmehr als eine Waffe – ein Werkzeug der Gerechtigkeit und des Anstands zu sein. Es war eine Szenerie, die in der realen Welt so niemals stattgefunden hatte, höchstens in seinen Träumen. Er und sein Pferd waren eins, gleich einem Zentauren, und jeder musste wissen, dass, sobald er das Schlachtfeld betreten würde, die Schlacht unwiederbringlich entschieden war.
Je länger er das Bild ansah, desto unwirklicher kam es ihm vor, bis er zuletzt selbst vor den Spiegel in seinem Zimmer trat, um ganz sicher zu gehen, dass er und der Mensch auf dem Pferd tatsächlich wesensgleich waren. Es bestand kein Zweifel.
Als seine Mutter vom Einkaufen nach Hause kam, überfiel sie ihn wie üblich mit etlichen Erzählungen; dass sie sich Sorgen um seinen Appetit mache, dass der neue Bilderrahmen ihr gefiele, obwohl sie nichts von diesem ganzen Elektronikkram verstünde und dass ihr neuer Nachbar geklingelt und mit ihr einen Kaffee getrunken habe. Thor hörte diese Geschichten und es war, als erlebe er sie durch ein Fenster aus einer anderen Welt, als säße er als Herr auf seinem Schloss und lenke sich nur ein wenig ab, bis er sich wieder seinen eigenen Angelegenheiten widmen musste.

Dieses Gefühl begleitete ihn noch immer, als er schließlich zur Universitätsbibliothek kam, wo er neben seinem Germanistikstudium mit Schwerpunkt Mittelalterliche Literatur als EDV-Berater arbeitete. An seinem Arbeitsplatz angekommen, fand er seine Kollegen Hendrik und Vanessa in Aufruhr vor. Das zentrale System war abgestürzt. Während Hendrik sich um die zahlreichen Beschwerden kümmerte, versuchte Vanessa sich an einer ersten Diagnose. Die Schlange der Studenten, die wegen ihres VPN-Clients oder ihrer Mailquota um Rat fragen wollten, wurde immer länger. Von hinten riefen die Ersten, wann es denn endlich einmal weiterginge. Einige schimpften, wieder andere machten sich über die Unfähigkeit der Angestellten lustig. Als Thor Vanessas Gesicht sah, hatte sie Tränen in den Augen. Direkt vor ihr stand ihr Ex-Freund, mit dem sie erst vor ein paar Tagen Schluss gemacht hatte, zeterte laut und sah Vanessa dabei mit vor Wut verzerrtem Gesicht an. Da ging Thor hinter dem Beratungstisch hervor, stellte sich vor die versammelte Meute und rief:
„So, Leute, wir haben hier Probleme mit dem Server, falls es jemand noch nicht mitbekommen hat. Wir wissen noch nicht, woran es liegt oder was genau kaputt ist. Im Moment können wir eure Anfragen nicht bearbeiten. Also macht irgendetwas anderes, geht in die Cafete oder in die Lesesäle, ihr müsst eben einen Nachmittag mal ohne Internet auskommen.“
In der Menge tuschelte es und einige riefen immer noch Beschwerden. Doch Thor wich nicht von der Stelle und nach und nach verschwanden die Studenten, bis schließlich der Platz vor dem Beratungstisch leer war. Hendrik sah verwundert aus und Vanessa lächelte Thor an.
„Hendrik, lass das Telefon erst einmal klingeln“, sagte Thor, „versuch, jemanden von der Serverfirma zu erreichen. Vanessa, du überprüfst mit dem Diagnosetool, ob ein Software-Fehler vorliegt und ich gehe in den Serverraum und schaue, ob dort alles in Ordnung ist.“
Im Serverraum fand Thor sofort die Ursache für die Störung. Eine Ratte hatte sich dort eingenistet und einige Kabel angenagt. Nachdem er die Kabel ersetzt und die Ratte in die Freiheit entlassen hatte, ging er über den Campus zurück zur Bibliothek. Er spürte einen Anflug von der Energie, die ihn häufiger beim Schreiben eines Forumsbeitrags befiel; ein unzweifelhaftes Gefühl, dass die Dinge nur so sein konnten, wie er sie sah, und nicht anders, als müsse man sie nicht mehr überdenken.
Mitten in diesem Moment der Klarheit begann sein Herz plötzlich kräftiger zu schlagen. Von weitem sah er Fiona Gratmüller auf sich zukommen. Sie war die schönste Frau auf dem Campus und seit Monaten heimlich Thors heftiger Schwarm. Er senkte den Kopf und schaute aus dem Augenwinkel auf ihr blondes Haar und den eleganten Schwung, mit dem sie ihre mit den Buchstaben „LV“ bedruckte Tasche am Ende ihres Armes baumeln ließ. Einen einzigen Wortwechsel hatte es bisher zwischen ihnen gegeben, als sie ihre Unterlagen mit den Worten „Kannst du da mal eben drauf aufpassen?“ auf Thors Arbeitstisch gelegt hatte und sofort weitergegangen war. Auf dem obersten Papier hatte er ihren Namen gelesen. Das Blut war ihm in den Kopf geschossen, als sie ein paar Minuten später alles wieder abholte und ihm bezaubernd lächelnd ein „Danke“ zuhauchte. Seitdem sah er sie fast jeden Tag am Kopierer stehen, und von seinem Schreibtisch aus musste Thor sie einfach anschauen, so oft es möglich war. Nun begegneten sie sich außerhalb der Bibliothek und da sonst kein Mensch zu sehen war, mussten sie sich unweigerlich beachten. Er konnte sehen, dass sie den Kopf gesenkt hielt, während sie auf ihn zukam. Bloß nicht hinschauen, aber es auch bloß nicht verpassen, falls sie schaut, schoss ihm immer wieder durch den Kopf. Er wollte es und wollte es nicht, kam sich klein und unbedeutend vor angesichts dieser Frau, die ihn eigentlich gar nicht ansehen konnte, ansehen sollte, weil … nun, der Grund lag wohl im Aufbau dieses Universums selbst, das so viel weniger magisch war, als all die anderen, die Thor kannte. Wieso nur war ausgerechnet er im unmagischsten aller existierenden Universen gelandet? Fiona hatte sich bis auf wenige Meter genähert, da schaute sie plötzlich hoch und lächelte. Thors Herz schien stehen zu bleiben und er quetschte ein heiseres „Hallo“ aus seiner Kehle. Als er daraufhin auf ihren Lippen eine leichte Bewegung sah, die ein „Hallo“ zu formen schien, strömte ein wohliger Schauer durch seinen ganzen Körper. Er sah ihr noch einmal hinterher und war sich sicher, dass auch sie sich kurz zuvor nach ihm umgedreht hatte.

„Jetzt, da mein Ex endlich weg ist, können wir uns wieder häufiger treffen“, sagte Vanessa, als sie später nebeneinander an ihren Arbeitstischen saßen und Ruhe eingekehrt war, „das war ja fürchterlich mit seiner Eifersucht. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich nur zuhause gesessen.“
„Wir haben uns ja immerhin noch auf der Arbeit gesehen.“
„Ja, aber das wird jetzt wieder anders. Lass uns wieder DVD-Abende machen, so wie früher. Du warst der einzige, mit dem das wirklich Spaß gemacht hat.“
Thor erinnerte sich gut an die Abende mit Vanessa, nachdem sie seine Arbeitskollegin geworden war: die gemeinsame Zeit auf dem Sofa; das Beobachten, das Näherrutschen, die Hoffnungen und Träume, die diese Abende immer wieder in ihm genährt hatten und die vielen Stunden, in denen er sich Gedanken darüber gemacht hatte, wie er Vanessa dazu bringen könnte, sich in ihn zu verlieben. Als er sie kennengelernt hatte, konnte er es kaum glauben, wie perfekt sich ihre Vorlieben und ihre Charaktere ergänzten. Doch letztlich war es nur Schmerz. Immer wieder. Thor musste an das Bild vom „Dies Academicus“ denken, das er in seinem Bilderrahmen gespeichert hatte. Es war das einzige, auf dem er und Vanessa zusammen zu sehen waren und der Tag, an dem das Bild entstanden war, für ihn der Höhepunkt einer Reihe von Treffen mit ihr. Er hätte schwören können, dass es sich jenes Mal um eine Art Rendezvous gehandelt hatte. Wie gut erinnerte er sich noch an das schwarze Kleid, das sie getragen und um wie viel hübscher sie dadurch auf ihn gewirkt hatte. In einem Festzelt auf dem Campus war eine Leinwand aufgebaut gewesen, weil ein Spiel der Weltmeisterschaft in Brasilien übertragen wurde. Sie saßen nebeneinander. Vanessa sang aus vollem Hals „Atemlos durch die Nacht“ und hatte den Arm um ihn gelegt; das erste und das letzte Mal. Danach hatte sich ein Poetry-Slammer neben sie gesetzt und sie die nächste Zeit so gut unterhalten, dass die beiden zur zweiten Halbzeit des Spiels nicht mehr zurückgekommen waren. Die Beziehung hatte nicht lange gehalten, ebenso wie die mit ihrem letzten Freund. Doch Thors Hoffnungen, ihre gemeinsamen Interessen würden die perfekte Basis für eine Beziehung bilden, wie so viele Frauen in so vielen Situationen ja immer wieder betonten (obwohl sie genau wie Thor sehr gut wussten, dass sie hier nur einem Idealbild zusprachen und in Wahrheit sehr viele niedere Instinkte ihre Auswahl diktierten), waren mit jeder von Vanessas Kurzzeitbeziehungen mehr und mehr ausgeblutet. Irgendwann hatte er sie aufgegeben.
„Die Abende waren wirklich schön“, sagte er.
„Ich fand’s echt super. Einfach so alle drei Herr der Ringe hintereinander oder Star Wars. Das kann ich mit niemandem sonst machen, weil die ganze Welt denkt, DVD-Abend bedeutet ficken.“
„Ja, das verstehe ich auch nicht.“
„Im besten Fall denken sie noch, es ist ein Date. Meine Güte! Ich bin eine Frau und ich will schön ausgeführt werden, Essen oder Kino, und dann bis zur Haustür gebracht werden und nichts passiert außer, dass der Typ sagt, er ruft mich die nächsten Tage an und dann warte ich und frage meine beste Freundin, wann er sich wohl melden wird. Das ist echt. Ich meine, eine Beziehung, die auf der Couch beginnt, kann ja wohl nichts sein. Da sitzt man hinterher noch häufig genug!“

Thor versuchte noch später im Kopf ihre Worte wie kleine, lästige Insekten abzuwehren, um die Gedanken an die schmerzvolle Vergangenheit loszuwerden. Als er schließlich am Abend nach Hause kam, fand er eine Nachricht von seiner Mutter vor, in der stand, dass sie gegen zehn Uhr wieder zuhause sei. Er ließ sich müde auf sein Bett fallen und war insgesamt zufrieden mit seinem Tag. Der Bilderrahmen zeigte wieder das eigentümliche Bild des Ritters, der ihm so ähnlich sah. Plötzlich fiel es ihm auf. Heute hatte er die Dinge selbst in die Hand genommen, alle hatten auf ihn gehört und alles hatte funktioniert. Er war tatsächlich wie der Feldherr auf dem Foto gewesen.
Da sprang er vom Bett auf, zog die Speicherkarte aus dem Rahmen, um zu überprüfen, ob sich das Bild wirklich auf der Karte befand. Er konnte es nicht finden. So schob er die Karte wieder in den Rahmen und wartete. Wie groß war sein Erstaunen, als zwar nicht das Bild des Kriegers auf dem Pferd erschien, stattdessen aber ein anderes, auf dem derselbe Mann von einem König zum Ritter geschlagen wurde. Es musste eine ehrenvolle Zeremonie gewesen sein. Der Ausdruck im Gesicht des Königs zeigte Stolz und Hochachtung; der des Mannes Respekt und Demut – so, wie man nur aussehen kann, wenn man weiß, dass man eine Auszeichnung wirklich verdient hat.
Und wieder war jenes Gesicht zweifellos sein eigenes. Thor entfernte den Stick aus dem Rahmen und durchsuchte ihn wiederum von vorne bis hinten, von oben bis unten. Dann versuchte er, im Internet Bilder von sich aufbäumenden Pferden oder Ritterzeremonien zu finden. Vielleicht hatte irgendjemand sein Gesicht in so ein Bild montiert und es dann auf seinen Stick geladen, um ihm einen Streich zu spielen. Er fand nichts. Immer wieder lud er die Bilder auf den Rahmen und immer wieder erschien das Bild der Zeremonie. Schließlich stellte er den Rahmen auf seinen Nachttisch, um das Bild zu betrachten, und schlief irgendwann spät nachts endlich ein.

Am nächsten Tag wurde er zu seinem Abteilungsleiter ins Büro gerufen. Thor verließ nervös seinen Arbeitsplatz, befürchtete er doch, für den gestrigen Tag eine Rüge zu bekommen, weil er sich mit den Studenten angelegt hatte. Ja, sie sollten immer höflich sein, dachte er, egal was sie sich von den Leuten auch anhören mussten; sollten immer sachlich bleiben und sich möglichst alles gefallen lassen, denn sonst würde sich am Ende noch jemand beschweren. Was für eine Katastrophe! Man kann nie vorsichtig genug sein; darüber schien sich die gesamte Führungsebene der Bibliothek stets einig.
Doch sein Abteilungsleiter war überraschenderweise allerbester Laune. Er gratulierte ihm zu seinem Einsatz und eröffnete, dass er ihn zum Leiter des Beratungsteams machen wolle, da er offenbar in Krisensituationen einen kühlen Kopf behalte und der Sache mit den Internetproblemen ohne zu zögern auf den Grund gegangen sei. Tatsächlich bekäme er dafür sogar mehr Geld und einen eigenen Schreibtisch. Er wäre zudem nicht mehr verpflichtet, die ganz späten Schichten zu übernehmen und könne jeden Tag pünktlich Feierabend machen. Mit den Worten, er sei froh, einen solchen Mitarbeiter in seinem Team zu haben, entließ der Abteilungsleiter ihn wieder.
Als Thor zu seinem Tisch zurückkam, berichtete er Vanessa sofort von seiner Beförderung. Sie freute sich und erzählte ihrerseits, dass der gestrige Tag ihr die Augen über ihren Ex geöffnet habe und sie sich nun nicht mehr länger Vorwürfe mache, die Beziehung beendet zu haben. Thors Aufmerksamkeit verflog schnell, denn am Kopierer stand Fiona Gratmüller. Sie hob den Kopf und lächelte ihm zu. Plötzlich bewegte sie sich vom Kopierer weg und kam geradewegs zu seinem Tisch. Dies nahm Thor wie in Zeitlupe wahr, und als er schon dachte, sie würde ihn ansprechen, tippte ihr jemand von hinten auf die Schulter. Sie wandte sich ab.
„Hallo, bist du noch da?“, fragte Vanessa.
„Ja, entschuldige, ich war gerade in Gedanken.“
„Also, wie sieht es mit morgen aus? DVD-Abend bei mir?“
„Ja, ich weiß nicht recht. Aber klar, machen wir.“
„Was hat dich denn gerade so irritiert? Die Blonde?“
„Nein, ich muss mich nur an den Gedanken mit dem neuen Job gewöhnen.“

Sobald er an diesem Tag nach Hause kam, setzte er sich vor den Bilderrahmen und grübelte etliche Stunden lang. Nach dem Bild, auf dem er zum Ritter geschlagen wurde, hatte man ihn befördert. Wie schon das Bild am Vortag hatte es wie eine Prophezeiung gewirkt. Wenn also das Kriegerbild und das, auf dem er zum Ritter geschlagen wurde, tatsächlich die Dinge vorausgesagt hatten, so war es gut möglich, dass auch heute wieder ein neues Bild erschien. Und plötzlich sah er es. Das neue Bild zeigte wiederum den Mann, der ihm so ähnlich sah, dieses Mal mit einer wunderschönen Frau an seiner Seite – offenbar bei ihrer Hochzeit. Und Thor erkannte auch sie. Es war Fiona.
Sein Herz machte einen Luftsprung. Fiona war die Antwort auf alle seine Fragen, alle Entbehrungen der letzten Jahre, die er hatte ertragen müssen. Schon als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, war ihm klar geworden, dass diese Frau zu seinem Leben gehörte. Vielleicht hatte sie ja mitbekommen, dass er sich nun durchsetzte und dass er befördert worden war. Inzwischen lächelte sie jedes Mal, wenn sie ihn sah. Thor nahm den Bilderrahmen hoch wie einen Pokal und nannte ihn ein „wunderbares Zauberding“, denn endlich würde sein Leben so sein, wie er es sich immer vorgestellt hatte.

Der nächste Tag war ein Samstag und Thor hatte zusammen mit Vanessa seine letzte Vormittagsschicht am Wochenende. Ständig schaute er zum Eingang in freudiger Erwartung, dass Fiona kommen würde. Den Bilderahmen hielt er bei sich, und wenn er nicht zur Tür sah, musste er auf das Foto starren. Endlich erschien sie am Kopierer. Thor ahnte, dass nun der Moment gekommen war. Er stellte sich den Ritter auf dem Foto vor, bekam Schwung in seine Bewegungen und schritt ehrerbietig auf den Kopierer zu. Es wunderte ihn nicht, dass er diesmal keinen großen Mut aufbringen musste, zu ihr hinzugehen und sie anzusprechen, und so sagte er mit feierlich tiefer Stimme:
„Hallo.“
„Hallo, kann ich dir helfen?“
„Nein, also, ich dachte, ich könnte dir helfen. Hast du Probleme mit dem Rechner?“
„Nein.“
„Aber mit dem Kopierer?“
„Nein, gar nicht. Sehe ich so aus?“
„Ja, also ich dachte, wahrscheinlich hast du sie. Aber vielleicht ist das mit dem Rechner auch gar nicht wichtig. Aber falls du Hilfe brauchst, bin ich für dich da.“
„Danke, aber ich brauche wirklich keine Hilfe. Ich muss nur hiermit heute fertig werden.“
„Ach so, ja, wenn du fertig bist, gehen wir einen Kaffee trinken?“
„Warum sollten wir das?“
„Naja, ich dachte, wenn es vielleicht doch irgendwelche Probleme gibt, dann kann man die ja am besten bei einem Kaffee besprechen.“
„Hör zu, ich weiß jetzt nicht, was das soll. Aber wenn ich Probleme mit dem Computer habe, frage ich meinen Freund. Und jetzt entschuldige mich, ich muss das hier fertig machen.“
In seiner Brust spürte Thor ein höllisches Ziehen und sein Magen krampfte sich zusammen. Die Wirklichkeit, nein, die Menschheit kannte wirklich keinen Zauber mehr, dachte er. Wie ein Aussätziger stand er noch ein paar Sekunden neben dem Kopierer, dann ging er verschämt zurück zu seinem Arbeitsplatz.
Vanessa hielt gerade den Bilderrahmen in der Hand und fragte ihn, was das für einer sei. Doch Thor antwortete nicht, nahm seinen Rahmen und verschwand aus der Bibliothek.

Den Rahmen wie das Foto einer vermissten Person vor sich haltend, rannte Thor ziellos durch die Straßen. Die Braut sah Fiona ähnlich, aber vielleicht hatte er sich auch getäuscht. Der Bilderrahmen hatte ihn bisher nicht im Stich gelassen, deshalb konnte es einfach nur so sein, dass eine andere Frau gemeint war. Am Trödelladen von Herrn Koreander sah er wieder das Mädchen, das von der Polizei abgeführt worden war, als er den Rahmen gekauft hatte. Und da Thor in den letzten Tagen gelernt hatte, auf das Schicksal zu vertrauen, fiel ihm sofort auf, dass auch sie der Frau auf dem Foto ähnlich sah, dachte man sich die Ringe aus ihrem Gesicht weg und stellte sie sich mit ihren blonden Haaren ohne Mütze vor. Natürlich, dachte er. Ihr Schmuck, ihre Kleidung, sie waren wie eine Maske, in Wahrheit steckte eine ganz andere Frau in ihr, die darauf wartete, dass man anklopfte und sie hinaus bat. Es konnte kein Zufall sein, dass sie da war, gerade als der Rahmen in sein Leben getreten war. Er sah Herrn Koreander durch das Schaufenster mit dem Rücken zu ihm stehen, als er sich vor die Frau stellte.
„Hallo, möchtest du vielleicht mit mir mitkommen?“
„Mitkommen? Was bist du denn für einer?“
„Ich möchte dir helfen. Möchtest du etwas zu essen?“
„Ich habe schon gegessen.“
„Dann vielleicht etwas trinken oder sonst etwas?“
„Nein, lass mich in Ruhe!“
„Aber dir geht es doch nicht gut. Das sieht man. Wenn du …“
„Was willst du von mir? Du hast sie doch nicht alle!“
„Ich habe dich vor ein paar Tagen gesehen, als du von der Polizei abgeführt wurdest.“
„Ach so einer bist du. Jetzt mach bloß, dass du verschwindest. Als ob ich mit jedem Arsch mitgehen würde. Das habe ich nicht nötig. Also, verpiss dich!“
Zutiefst beschämt schritt er weiter und sah sich nicht um, bis er sich hinter der nächsten Ecke befand. Doch war sein Glaube noch nicht gebrochen. Es zog ihn weiter durch die Stadt. Eigentlich musste er sich einfach nur treiben lassen, dachte er, musste es dem Zufall überlassen, dass er heute – und wann sonst, wenn der Rahmen es ihm prophezeite – seiner Traumfrau begegnen würde; einer Frau, die wie eine Königin aussah. Vielleicht traf er sie in einem Brautgeschäft, oder auf der Königsstraße in der Innenstadt, vielleicht war es die Verkäuferin mit der schwarzen Brille und der Tätowierung auf dem Oberarm im Games Workshop oder eine, die sich zufällig neben ihn stellen würde, wenn er an der Ampel stand.
Thor lief lange durch die Straßen, ohne dass irgendetwas geschah. An diesem Nachmittag stieß er einige Flüche aus. Zunächst verfluchte er Fiona, die ihm mit ihrem Lächeln falsche Träume eingeflößt und so in sein Schicksal eingegriffen hatte, dann die Frau von der Straße, die lieber in der Gosse lag, als mit ihm zu gehen. Er verfluchte die Verkäuferin und schließlich alle Frauen, die jemals nett zu ihm gewesen waren und ihn so auf eine falsche Fährte gelockt hatten. Aber irgendwann verfluchte er nur eins: Den Bilderrahmen, der ihm all diese falschen Illusionen gezeigt und ihn dazu gebracht hatte, dass er nun mit nichts dastand. Er wollte ihn zerstören, wegschmeißen, einschmelzen, in Beton eingießen und am tiefsten Grunde des Ozeans versenken.
Doch als er schließlich zuhause angekommen war, ließ er ihn ganz. Er schrieb Vanessa und sagte den DVD-Abend ab, dann stellte er den Bilderrahmen an seinen Platz. Er hatte endlich verstanden, was er ihm sagen wollte.

„Hallo Thor“, sagte Vanessa, als er am folgenden Vormittag neben ihr Platz nahm, „Hast du heute nicht frei? Hast du gestern noch Deine Beförderung gefeiert?“
„Nein, das nicht gerade.“
Vanessa sah ihn an, als erwarte sie, dass er noch etwas sage. Dann ließ sie von der Tastatur ab und wandte sich ihm zu.
„Nachdem du gegangen warst, habe ich mir schon gedacht, dass du nicht mehr zu mir kommst. Ich dachte, irgendwas wäre passiert. Du siehst heute ja schon wieder viel besser aus, nur ein wenig übermüdet.“
„Ja, das stimmt, es tut mir leid, dass ich so kurzfristig abgesagt habe. Aber gefeiert habe ich nicht. Ich habe mich gestern bescheuert aufgeführt. Keine Ahnung, was los war. Doch, eigentlich weiß ich es.“
„Hatte es vielleicht etwas mit dem Bilderrahmen zu tun, den du bei dir hattest?“
„Was? Wie kommst du darauf?“
„Das ist ein komisches Ding. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es einmal meinem Bruder gehört hat.“
„Deinem Bruder?“
„Ja, aber wir haben ihn zum Trödler gegeben, also den Rahmen, nicht meinen Bruder.“
Vanessa lächelte und das gefiel Thor.
„Dann ward ihr die Familie, die ihn zu Herrn Koreander gebracht hat?“
„Das waren wohl wir.“
„Und warum? Der Trödler hat gesagt, an dem Rahmen wäre etwas Sonderbares.“
„Nun, ich weiß nicht, aber es ist schon etwas sonderbar damit. Wir haben den Rahmen gekauft und mein Bruder hat ihn sich ins Zimmer gestellt. Er ist stundenlang, manchmal ganze Tage nicht aus seinem Zimmer gekommen und muss wohl nur diesen Bilderrahmen angestarrt haben.“
„Und warum?“
„Das weiß ich nicht. Er wollte es nicht sagen. Damals war er in der Pubertät und ich bin sicher, er hat sich Bilder von nackten Frauen draufgeladen oder so. Denn keiner durfte mehr zu ihm ins Zimmer. Aber zugeben wollte er es nicht. Kein Wunder … Wieso fragst du?“
„Ach, nichts. Ich glaube, ich werde den Rahmen auch wieder zurückgeben.“
„Du willst ihn zurückgeben? Warum?“
„Ich brauche ihn nicht. Bei mir steht eh schon so viel rum. Ich brauche mehr Platz. In meinem Leben muss sich langsam einmal etwas ändern. Das gilt übrigens auch für unseren DVD-Abend.“
„Das willst Du auch ändern? Schade, aber ok, wenn du keine Lust hast.“
„Nein, ich möchte dich lieber einladen. Zum Essen, oder so.“ „Du meinst, wir kochen zusammen?“
„Nein. Also, Vanessa, willst du mit mir … also … dass wir beide zusammen etwas Essen gehen und vielleicht hinterher ins Kino oder spazieren?“
Vanessa lächelte.
„Also kein DVD-Abend?“
„Nein, nicht zuhause. Draußen. Und dann bringe ich dich nach Hause bis vor deine Tür und komme nicht mehr mit rein, sondern bleibe auf der Schwelle stehen, und am nächsten Tag rufe ich dich an und frage dich, wie es war und wenn es dir gefallen hat, dann gehen wir noch einmal Essen …“
„ … und am nächsten Tag erzähle ich dann meiner besten Freundin, dass ich darauf warte, dass du dich meldest, und du lässt mich noch warten, aber dann meldest du dich doch oder stehst mit einem Strauß Rosen vor meiner Tür. So etwa?“
„Vanessa, seitdem wir uns kennen, möchte ich …“
„Nein, sag nichts, wir machen das so. Wohin gehen wir?“

Thor blieb nicht mehr lange sitzen. Kurz hatte er sich gefragt, ob er Vanessa alles erzählen sollte, aber vielleicht würden sich dafür noch andere Gelegenheiten ergeben. Als er in die Wohnung trat, saß seine Mutter auf dem Sofa im Wohnzimmer und sah fern.
„Hallo Thor, so früh schon unterwegs? Du hattest doch noch gar nicht gefrühstückt.“
„Ja, ich habe Vanessa bei der Arbeit besucht. Und eins wollte ich Dir noch sagen, Mama; inzwischen schmecken mir die Wurstbrote nicht mehr so gut.“
„Gut, dann mache ich sie nicht mehr. Früher hast du sie aber sehr gemocht.“
„Ja, früher, aber inzwischen, also, manchmal ändern sich halt gewisse Dinge.“
„Ich verstehe schon. Irgendwie habe ich mir das auch gedacht.“
Thor kam näher an das Sofa und fragte sich einen Moment, ob eine Spur von Verletztheit in ihrer Stimme gelegen hatte. Doch sie schien ganz ruhig, weder beleidigt noch geknickt. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie in den letzten Tagen viel unterwegs gewesen war. Hatte sie nicht von ihrem neuen Nachbarn erzählt? Thors Finger umspielten das harte Plastik des Bilderrahmens, den er in der Hand hielt, seitdem er sich von Vanessa in der Bibliothek verabschiedet hatte. Die Bilder wechselten weiter von einem zum nächsten. Wieso hatte er die ganze Zeit erwartet, dass seine Mutter traurig sein würde, nur weil er die Brote nicht mehr essen wollte? Vielleicht, dachte er sich, sind Erwartungen so ähnlich wie die Bilder des Rahmens. Sie verstellen den Blick für das Wahrhaftige, das Wirkliche, für den Zauber, den die Welt eben nicht verloren hat, sondern der eben nur so gänzlich anders ist, als er ihn sich vorstellte.
„Warum trägst du eigentlich seit Tagen diesen Bilderrahmen mit dir herum?“, fragte seine Mutter.
„Das ist … ich wollte ihn zur Reparatur bringen, er ist wohl etwas kaputt.“
„Heute, am Sonntag? Komisch, vorgestern hat er noch einwandfrei funktioniert.“
„Woher weißt du das?“
„Ach, ich habe mir einen kleinen Scherz erlaubt. Weil du ja so viele Fotos von dir drauf gemacht hast, habe ich eines unserer alten Hochzeitsfotos hinzugefügt. Ich wollte wissen, ob du es erkennst. Ah, da ist es ja.“
Thor erkannte es sofort und starrte fassungslos auf das Hochzeitsbild und auf die Frau, die er zuerst für Fiona, dann für die blonde Obdachlose gehalten hatte.
„Das bist du? Und du hast das Bild eingefügt? Woher weißt du denn, wie man damit umgeht?“
„Ja, Deiner Mutter kannst du so einiges zutrauen. Dein Vater und ich hatten das Motto ‚Mittelalter‘ auf unserer Hochzeit. Gott, Du siehst ihm so ähnlich. Witzig, oder? Ich meine, weil du ja diese ganzen Mittelalter-Sachen auch so magst.“
Sie erzählte dies mit einem Lächeln; keine Träne war in ihrem Auge zu sehen.
„Nein, mal im Ernst. Wie hast du gelernt, mit sowas umzugehen?“
„So schwer ist das ja nicht. Unser neuer Nachbar hat es mir gezeigt. Er ist spontan auf einen Kaffee vorbeigekommen.“
„Schon wieder?“
„Ja, und morgen gehen wir essen.“
„Nun gut. Aber, hast du auch noch andere Bilder in den Rahmen eingefügt? Zum Beispiel eins mit einem Ritter auf einem Pferd oder wie er zum Ritter geschlagen wird?“
„Nein, nur das eine. Wieso fragst Du?“
„Ach nichts, schon gut.“
Seine Mutter lachte und schaute wieder zum Fernseher. Thor ging in sein Zimmer. Wenn das Bild mit der Hochzeit von seiner Mutter war, so musste er das richtige, prophezeiende Bild gestern übersehen haben. Voll gespannter Erwartung setzte er sich vor den Rahmen und wollte die ganze Serie noch einmal durchsehen. Doch schlief er dabei immer wieder ein. Ein neues Bild tauchte nicht mehr auf.
Stattdessen erwachte er mitten in der Nacht noch einmal und sah in dem Rahmen das Bild von Vanessa und ihm auf dem Dies Academicus. Da hoffte er nur noch eins – dass sie zu ihrer Verabredung dasselbe schwarze Kleid anziehen würde, das sie auf dem Foto trug.
Ende
HEIKE SCHRAPPER aus Hemer im Sauerland schreibt Kurzgeschichten von Trash bis Tiefsinn, übersetzt, korrigiert und lektoriert und ist gern auf Veranstaltungen der deutschen Fantastik-Szene unterwegs. Ihre Geschichte „Gotteskrieger“ erlangte 2014 den dritten Platz beim „Deutschen Phantastik Preis“.


Der göttliche Keksteig
Als die Göttin 200 000 Jahre nach der vereinbarten Zeit immer noch nicht beim Kaffeekränzchen erschienen war, beschloss die Nachbarin, mal anzurufen und zu fragen, wo sie bleibe.
„Ach, Schatz, das tut mir wirklich total leid“, antwortete die Göttin (die Nachbarin fand, dass sie etwas gehetzt klang), „aber ich wollte dir so gerne ein paar selbst gebackene Kekse mitbringen. Und sie werden und werden einfach nicht perfekt.“
Die Nachbarin seufzte. Sie kannte die hohen Ansprüche, die die Göttin immer an ihre Kreationen stellte.
„Was ist denn das Problem?“, fragte sie.
„Tja, ich habe mir zuerst ein Rezept überlegt. Das Beste aller möglichen Rezepte natürlich. Dann habe ich alle Zutaten im Bioladen besorgt, sie gemischt, zu einem göttlichen Keksteig verknetet und angefangen, daraus die Kekse zu formen. Aber sie sind alle so verschieden! Nicht zwei von ihnen enthalten genau die gleiche Menge an Elementarteilchen von auch nur einer einzigen Zutat. Geschweige denn, dass sie alle von jeder Zutat genau den ihnen zustehenden Anteil enthielten … Jetzt habe ich schon zigtausend Mal den Teig zu Keksen geformt, und nie waren sie bereit zum Backen. Immer musste ich sie wieder neu verkneten. Hätte ich doch bloß direkt einen Kuchen gemacht …“
„Und wenn du sie einfach so backst, wie sie …“, begann die Nachbarin, aber natürlich wurde sie sofort unterbrochen.
„Ich habe doch diesen ganzen Aufwand nicht für unperfekte Kekse veranstaltet!“, rief die Göttin entrüstet. „Ich bin die Göttin! Ich trage Verantwortung. Mir bedeutet das Wort Berufsethos noch etwas. Ich …“
„Sicher, Liebes, sicher“, beeilte sich die Nachbarin zu beschwichtigen. „Aber gerade weil du so gewissenhaft bist, sind es bestimmt jetzt schon ganz hervorragende Kekse. Frag sie doch einfach mal; vielleicht sind sie ja völlig zufrieden damit, wie sie sind. Vielleicht warten sie seit Jahrtausenden darauf, endlich gebacken zu werden.“
„Was weiß ein unperfekter, roher Keks denn schon von der Kunst des Backens?!“, schnaubte die Göttin. „Die meinen doch, wenn sie einigermaßen gleichmäßig geformt sind und nicht sofort auseinanderfallen, dann können sie sich direkt aufs Blech legen. Glaubst du vielleicht, die denken auch nur ansatzweise an das Gelingen des Gesamtrezeptes? Wie auch? Die kennen das Rezept ja nicht einmal. Aber solange sie dermaßen unvollkommen sind, kann man auch nicht erwarten, dass sie Verantwortung für ihre Mitkekse übernehmen. Ich muss einfach noch ein bisschen länger kneten und formen. Irgendwann wird es schon werden, das hab ich im Gefühl. Ein paar waren schon fast richtig.“ Die Göttin klang jetzt verhalten optimistisch.
„Na, dann wollen wir mal hoffen, dass der ganze Teig nicht vorher explodiert“, sagte die Nachbarin munter. „Was schätzt du denn, wie lange es wohl noch dauert, bis du rüberkommst?“
„Vielleicht bin ich in zehn-, zwanzigtausend Jahren schon bei dir. Sobald die Kekse im Ofen sind, ziehe ich mich um. Huch – ich glaube, einer von ihnen hat mir gerade zugezwinkert.“
„Wie schön. Aber falls sie nichts werden, mach dir bloß keinen Stress. Ich habe Teilchen vom Bäcker geholt.“ Die Göttin und die Nachbarin beendeten ihr Telefongespräch.
Zu dieser Zeit fühlten ungefähr zwanzig Prozent der Kekse eine seltsame Mischung aus Unzufriedenheit, Hoffnung und dem Verdacht, etwas Entscheidendes nicht zu durchschauen. Etwa dreißig Prozent glaubten, sie wären bereits gebacken. Alle anderen wussten nicht, dass sie Kekse waren.
Ende
MICHAELA KAISER, Jahrgang 1955 und in Berlin geboren, lebt und arbeitet seit nunmehr zehn Jahren in Beckum. In ihrer Kindheit reiste sie mit ihren Eltern, Artisten aus Leidenschaft, mit einer renommierten Reitertruppe in verschiedenen Circus-Unternehmen durch ganz Europa. Die Themen ihrer Bücher sind also eine logische Folge ihres Berufes und ihrer Vorlieben. Die Pferde hat sie mittlerweile aufgegeben und sich mit ihrem Lebensgefährten, ihrem Vater und drei Hunden in der Püttstadt niedergelassen. Nach einem sehr bewegten und unruhigen Lebensabschnitt genießt sie die beschauliche Ruhe in Beckum und hat sich nun ganz ihrem früheren Hobby, dem Schreiben, zugewandt.


Als Heinrich in den Krieg zog …
Eine Familiengeschichte nach einer wahren Begebenheit.
Gerda blickt auf die Tür, die sich hinter ihrem Sohn schließt und lässt sich zurück in die Kissen sinken. Sie ist so unendlich müde, dass ihr sogar das Denken schwer fällt. Die wenigen Stunden, in denen es ihr gelingt, wach zu bleiben, sind schon ohne die geringste Bewegung so anstrengend, dass sie nur noch einen einzigen Wunsch hat: Dieses beschwerliche und so schmerzhafte Dasein soll doch bitte endlich ein Ende haben.
Die Lider sind schwer, doch sie zwingt sich dazu, die Augen offen zu halten. Denn wenn sie sie schließt, dann wird sie einschlafen, und sie muss doch überlegen, muss nachdenken, muss sich endlich darüber klar werden, ob sie ihrem Sohn die Wahrheit sagen oder diese doch lieber mit ins Grab nehmen soll.
Gerda seufzt und schließt nun doch die Augen. Augenblicklich schläft sie ein.

Ludwig sinkt vor dem Krankenzimmer auf einen Stuhl. Wie er dieses Krankenhaus hasst! Bei jedem Besuch scheint seine Mutter ein Stückchen weniger zu werden, immer zerbrechlicher und dünner wirkt sie. Nicht nur, dass der in ihr wütende Feind sie von innen aufzufressen scheint, nein, auch dieses sterile und unfreundliche Krankenhaus scheint ihr alle Energie zu rauben. Er wünscht sich, dass sie zu Hause hätte bleiben können, dort, in ihrem vertrauten Umfeld; doch nach dem Sturz und der gebrochenen Hüfte kann er sie nicht mehr alleine pflegen. Was soll er nur tun, was nur?
Eine Schwester kommt mit geschäftigem Schritt den Gang entlang geeilt.
„Na, wie geht es uns denn heute?“
Ihre aufgesetzt muntere Miene löst eine wilde Aggression in ihm aus; am liebsten würde er ihr all seine Wut und Frustration so lange um die Ohren schlagen, bis dieses Grinsen aus ihrem Gesicht weicht. Zornig blickt er sie an. Sie wird eine Spur bleicher und geht schnell weiter.
Ludwig weiß, dass seine Mutter bald sterben wird, er kann es nicht verhindern, er kann ihr nicht helfen. Er weiß aber auch, dass jeder Besuch ihn ein Stück seiner eigenen Lebenskraft kostet und ebenso, dass er nicht mehr oft kommen kann. Nicht, wenn er selber weiter funktionieren soll; seiner eigenen Familie weiterhin eine Stütze sein soll. Stöhnend erhebt er sich und verlässt eilig den Flur, das Krankenhaus; flieht vor der Mutter, vor der Krankheit.

Rolf hält vor seinem Elternhaus und steigt aus dem Wagen. Seit die Mutter im Krankenhaus liegt, bewohnt der ungeliebte Bruder das große Haus alleine. Eigentlich steht es ja ihm zu, schließlich ist er der Ältere, wenn auch nicht der leibliche Sohn, aber immerhin der Ältere. Und als solcher hat er doch die älteren Rechte, oder? Das muss ein für alle Mal geklärt werden, jetzt und hier. Ludwig muss das doch einsehen.
Auf sein Klingeln hin öffnet sein Bruder. Rolf macht kein Federlesen über seine Absichten.
„Hör mal, wir müssen über das Erbe sprechen, das muss doch rechtzeitig …!“
„Was? Bist du von Sinnen? Mutter lebt noch, wie kannst du da schon …?“
„Wir müssen das jetzt klären, das Haus hier zum Beispiel …!“
„Hör du mal genau zu, du abgedrehter Spinner, Vater hat dir dein Haus finanziert und an diesem hier hast du gar keine Rechte, also verzieh dich!“
Entschlossen drängt Rolf sich an seinem Gegenüber vorbei. Ludwig ist so verblüfft, dass er keine Anstalten macht, den Bruder daran zu hindern.
Durch das laute Wortgefecht ist auch die Frau auf den Besuch aufmerksam geworden und kommt, mit dem jüngsten Sohn auf der Hüfte, aus dem Wohnzimmer.
„Warum schreit ihr denn so herum, jetzt ist Marco aufgewacht!“
„Dein Mann will nicht …!“
„Rolf will unbedingt …!“
Beide reden gleichzeitig und funkeln sich dabei zornig an.
„Es geht doch gar nicht nur um das Haus, aber Mutter hat doch noch andere Wertsachen. Das Konto und der Schmuck, da muss doch rechtzeitig eine Aufstellung angefertigt werden, sonst kommt da noch was weg!“
Die Kontrahenten stehen sich im Flur gegenüber und keiner weicht einen Schritt zurück.
„Solange wie ich dich damit nicht alleine lasse, kommt da auch nichts weg!“
„Willst du damit sagen, dass ich davon was unterschlagen würde?“
„Aber ganz sicher!“
Rolf wird ganz blass und fängt an zu stottern.
„Das ist eine böswillige … eine unglaubliche … wie kannst du nur … und ich habe … und immer …“
„Halt die Klappe und hör mir zu: Du wirst keine Aufstellung von irgendwas machen, wenn, dann machen wir das zusammen und was das andere betrifft, ich erinnere dich an den Kredit, den Vater dir …“
„Das Geld hat er mir geschenkt!“, kreischt Rolf.
„Hat er nicht, es war bloß dein Glück, dass er tot war, bevor du es zurückzahlen solltest und dass Mutter dir das erlassen hat, aber es war nie ein Geschenk. Also, hör zu, und wenn du nochmal dazwischen redest, schmeiße ich dich eigenhändig raus. Du wirst keine Aufstellung anfertigen und du wirst auch deine Hände von Mutters Konto lassen. Lilo und ich, wir haben uns um Mutter gekümmert und wir hatten auch die Kosten. Wenn noch was da sein sollte, wenn diese ganze Sache ausgestanden ist, dann teilen wir, aber nicht vorher, hast du das verstanden? Und jetzt mach, dass du nach Hause kommst! Weiß deine Frau eigentlich, was du so treibst?“
Damit öffnet er die Tür mit unmissverständlicher Geste. Rolf zögert noch einen Moment, dann marschiert er hindurch und Ludwig schließt die Eingangstür mit einem heftigen Knall.
„Na, das war ja wieder mal typisch!“ erklärt Lilo und schiebt sich den Jungen auf die andere Hüfte.
„Lass den bloß nicht ins Haus, wenn ich nicht hier bin. Auf keinen Fall darf der alleine hier herum spazieren. Der bringt das fertig und macht Mutter deswegen im Krankenhaus an, ich fasse es nicht!“
Damit verlässt Ludwig den Flur und verschwindet in seiner Werkstatt. Heute muss er noch einen Auftrag erledigen, das Wohnzimmer von Reuters wartet auf einen neuen Anstrich; na, er ist froh, dass er sich damit verspätet hat, sonst wäre Rolf in die Wohnung gekommen, während er nicht da gewesen wäre. Nicht auszudenken; Lilo hätte ihn sicherlich auch ins Zimmer der Mutter gelassen, unter irgendeinem Vorwand hätte er sich da schon Zutritt verschafft. Die ganze Situation belastet Ludwig mehr und mehr.

Gerda öffnet die Augen und blinzelt in den trüben Morgen. Wie spät ist es, welcher Tag ist es, Morgen oder Abend, wo bin ich, denkt sie. Dann fällt es ihr wieder ein. Der Krebs, der Sturz und jetzt das Krankenhaus. Ein Blick zur Wanduhr zeigt ihr halb sechs, draußen alles still, also ist es wahrscheinlich Morgen. Welcher Tag? Gestern war Ludwig da, vielleicht Montag? Oder war das schon vorgestern? Sie weiß es nicht und das Denken erschöpft sie. Sie will die Augen wieder schließen, als ihr der wieder alles in den Hintergrund drängende Gedanke durch den Kopf schießt. Das Problem! Sie muss das Problem lösen! Was soll sie tun! Wem nützt es, die Wahrheit zu wissen, wem schadet es? Soll sie überhaupt etwas sagen oder weiterhin schweigen, so wie all die Jahre, so wie es abgemacht gewesen war? Doch jetzt, am Ende ihres Weges, drängt es sie, dem Sohn die Wahrheit zu gestehen, ihm, dem Einzigen, wenigstens ihm – doch, ja, er soll alles wissen.
Sie beginnt zu träumen, ja, damals … als ihre junge Ehe von der Kinderlosigkeit überschattet war … die beiden Fehlgeburten, nach denen ihr Arzt ihr geraten hatte, jede weitere Schwangerschaft zu vermeiden, …“Das wird eh nichts mehr!“ waren seine Worte, … und dann der Mann … fort, im Krieg, und alles wurde anders …

Gerda öffnete die Türe und rief laut: „Paul? Paul, bist du schon da?“ Seit Heinrich, ihr Ehemann, im Krieg war, wohnte Paul bei ihr, ihr jüngerer Bruder. Paul hatte eine schiefe Hüfte, deswegen durfte er bleiben, während die gesunden Männer eingezogen wurden. Er war nur ein paar Jahre jünger als sie und trotz seines Hinkens sah er unverschämt gut aus. Seit einem halben Jahr war er mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft verlobt und manchmal verbrachte er die Abende bei ihr. Doch heute hatte er ihr versprochen, früher da zu sein.
„Wir sind hier!“ kam es aus dem Nebenzimmer; dort hatte Paul sich eingerichtet.
Wir, dachte Gerda; hat er die Erna mitgebracht? Die kommt doch sonst nie mit? Mit zwei schnellen Schritten war sie an seiner Tür und öffnete diese. Dort saß Paul auf seinem Bett und spielte mit einem kleinen Jungen. „Schau mal, Rolf, das ist die Tante Gerda, sag ‚Hallo, Tante Gerda!‘“ „Hallo, Tante Gerda!“ echote der Knirps ohne sein Spiel mit dem kleinen Holzauto zu unterbrechen. Über seinen Kopf hinweg traf ihr Blick den Pauls und sie signalisierte ihm stumm:
„Wer ist das?“
Paul erhob sich und sagte zu dem Kleinen:
„Spiel schön weiter, ich muss was mit der Tante Gerda besprechen, bist du auch lieb, wenn ich weg bin?“
Der Junge nickte nur, warf Gerda einen Blick zu und wandte sich wieder seinem Auto zu, das er mit viel „Brumm-brumm“ über imaginäre Täler und Berge lenkte.
„Gerda, schau mal …“ begann Paul, doch Gerda unterbrach ihn.
„Wo kommt der Junge her? Wo sind seine Eltern, oder hast du …?“
„Der Kleine ist der Sohn von Ernas Kusine, deren Mann ist gefallen, sie hat gestern die Nachricht bekommen. Darüber hat sie sich so aufgeregt, dass sie zusammengebrochen ist und ins Krankenhaus musste. Man weiß noch nicht, wie lange sie dort bleiben muss und sie hat außer der Erna keine anderen Verwandten. Und wie soll Erna ganz alleine den Jungen versorgen? Ich hab gesagt, ich frage dich, sonst muss er ins Heim.“
„Wie, du fragst mich, soll ich mich um ihn kümmern?“
„Ja, du könntest ihn offiziell als Pflegekind aufnehmen, hab mich schon erkundigt, du würdest auch ein kleines Gehalt dafür bekommen, vom Jugendamt, du musst dich nur als Pflegestelle registrieren lassen und ich helfe dir natürlich …“

So kam Rolf zu ihr; übergangsweise, wie sie glaubte. Seiner Mutter ging es aber nicht besser, sie schwand dahin wie eine welke Blume und verlor mit ihrer Lebensenergie auch jedes Interesse an dem Kind. Aus einem halben Jahr, wie ursprünglich vorgesehen, wurde ein Jahr und wenige Monate danach brachte Paul die Kunde, dass die Mutter des Jungen an dem heftig wütenden Grippevirus verstorben war. Er, Paul, hatte sich als Vormund des Jungen angeboten und Gerda konnte so die Pflegschaft behalten. Sie schrieb all diese Neuigkeiten an Heinrich, doch seine Antworten kamen spärlich. Das war 1944, und der Krieg tobte immer noch an allen Fronten. Kurz nach der Dauerpflegschaft schrieb Heinrich, dass er gefangen genommen und in ein Lager in Ostpreußen gebracht worden war. Er hatte nur einen Brief schreiben dürfen und er wusste nicht, wann er sich wieder würde melden können. Gerda verbrachte die nächsten beiden Jahre in Ungewissheit über sein Schicksal. Doch der Krieg war schließlich zu Ende, die mühsame Aufbauarbeit hatte begonnen und im Winter 1946/47 wurde das Leben erst sehr schön und dann sehr kompliziert …

Wieder schläft Gerda ein. Sie träumt von Rolf, von dem kleinen, verlassenen Jungen, den sie schon beim ersten Anblick in ihr Herz geschlossen hatte. Mit seinen glatt gekämmten, blonden Haaren, den kurzen Hosen und dem weißen Hemd, wie er da auf Pauls Bett saß und so konzentriert mit seinem Auto spielte. Seine kleine Hand in ihrer, sein kleiner Körper an ihrer Seite, wenn er nicht einschlafen und noch ein wenig in ihrem Bett kuscheln wollte. Sie träumt, wie es damals gewesen war, nur sie und Paul und der Kleine …

Im Frühjahr 1947 hatte sie immer noch keine Nachricht von Heinrich, doch sie hoffte, dass er bald kommen würde. Sie war nun alleine mit Rolf, denn Paul hatte seine Erna geheiratet und lebte am anderen Ende der Straße. Um über die Runden zu kommen, hatte sie in ihrem Wohnzimmer eine Schneiderwerkstatt eingerichtet und nähte für andere Leute. Trotzdem reichte das Geld nicht wirklich und es war oftmals erschreckend kalt in der Wohnung; sie konnte sich einfach nie genug Kohlen kaufen. Rolf hatte eine Erkältung bekommen, sie hielt schon seit vier Wochen und es wollte und wollte nicht besser werden. Ende März, als es schon wärmer zu werden begann, gesellte sich der Husten hinzu. Der Junge sollte eigentlich eingeschult werden, konnte jedoch mit dieser Erkältung in keine Klasse aufgenommen werden.
Gerda hatte alle Hausmittel ausprobiert, die sie kannte und die ihr von Bekannten empfohlen worden waren. Nichts half lange; immer wieder kehrten die laufende Nase, der Husten zurück. Schließlich raffte sie sich dazu auf, mit dem Bus ins Nachbardorf zu fahren und den dort ansässigen Kinderarzt aufzusuchen. Der Bus fuhr nur unregelmäßig und manchmal gar nicht, doch an dem Tag hatten sie Glück. Pünktlich hielt der schnaufende Diesel an der Haltestelle und sie stiegen ein. Obwohl bereits Frühling in der Luft lag, wehte doch ein eisiger Wind und sie hatte den Jungen warm eingepackt, mit einem zusätzlichen Schal und einer dicken Wollmütze. Auch im Bus war es kalt und sie fror, bis sie nach einer Stunde endlich ankamen. Der Kinderarzt war ein sehr netter, sehr adretter und höflicher Mann. Er war von hochgewachsener Gestalt, hager und mit dichtem Haar. Seine grünen Augen musterten sie eindringlich, dann wandte er sich Rolf zu. Gerda zog ihm den Schal vom Gesicht.
„Er plagt sich schon ein paar Wochen, manchmal wird es besser, dann wieder schlechter. Und jetzt noch dieser Husten …“
Wie auf Bestellung keuchte der Junge ein paar Mal.
„Na, das hört sich ja gar nicht gut an. Dann komm mal her, setz dich hier hin … ja, genau da, und jetzt mal tief einatmen …!“
„Isst er genug? Scheint mir ein bisschen dünn auf den Rippen!“ meinte der Doktor, während er mit seinem Stethoskop Rolfs Rücken abhorchte.
„Seit er den Husten hat, nicht, na ja, Kohl und Kartoffeln sind ja auch nicht wirklich nach seinem Geschmack!“
„Dann erzähl mir doch mal, was du gerne isst? Magst du denn Pudding? Oder möchtest du gerne einen Apfel? Hier, ein Schokoladenbonbon, magst du so was?“
Rolf strahlte und stopfte sich die klebrige Süßigkeit gleich in den Mund.
Der Arzt ließ das Stethoskop sinken.
„Gott sei Dank, eine Lungenentzündung hat er nicht, aber die Bronchien sind ziemlich verschleimt; hier, ich gebe Ihnen etwas, das sollte ihm helfen. Können Sie nächste Woche noch einmal vorbei kommen?“
Gerda zögerte. Natürlich wollte sie, dass Rolf gesund wurde, aber noch so eine teure Fahrt mit dem Bus …
Der Arzt bemerkte ihr Zögern und fragte auch gleich, wo sie denn wohne.
„Ach so, das trifft sich gut, ich hab schon einige Patienten dort, ich sage Ihnen was; ich komme bei Ihnen vorbei, dann kann ich mir den Rolf noch mal anschauen und Sie brauchen die lange Fahrt mit dem Bus nicht noch einmal zu machen. Ist ein Weg, machen Sie sich keine Sorgen, Sie müssen für den Hausbesuch auch nichts extra zahlen, das wird schon …!“
So lernte Gerda Martin Rochland kennen. Und sie genoss seine Gegenwart, seine Aufmerksamkeit, seine Männlichkeit. Martin kam einmal in der Woche, anfangs um nach Rolf zu schauen, dem es kontinuierlich besser ging, doch er stellte seine Besuche auch nicht ein, als der Junge wieder gesund war. Und dann merkte sie, dass sie wieder schwanger war …

Fast erschrocken kehrt Gerda in die Gegenwart zurück. Sie sieht sich um; nein, sie ist alleine, niemand ist Zeuge ihrer Träume gewesen. Trotzdem ist sie verwirrt, sie hat Schwierigkeiten, die jetzige Gegenwart von der Vergangenheit zu trennen; wie lange ist das alles schon her? Letztes Jahr, zwei Jahre … nein, es muss länger her sein, denn sie erinnert sich daran, dass Ludwig vor wenigen Tagen noch hier war und der ist ja auch schon größer, sind da nicht auch schon Enkel? Und seine Frau, richtig, wie heißt sie noch gleich? Der Name will ihr nicht einfallen, Lotte … Lore … Luise … Verdammte Schmerzmittel, hoffentlich, hoffentlich … Und wieder driftet Gerda in die schmerzlose, selige und wunderschöne Traumwelt ihrer Vergangenheit zurück.

Als erstes vertraute sie sich Paul an, ihm konnte sie immer alles sagen und er würde sie verstehen. Sie wollte dieses Kind unbedingt haben; nach den schmerzlichen Verlusten am Anfang ihrer Ehe würde sie es austragen, komme da, was wolle. Doch sie wusste auch, dass sie sich, Heinrich und den kleinen Rolf vor bösen Zungen behüten musste. Nun, Gerede würde nicht ausbleiben, aber sie wollte dem vorbeugen, wenigstens so weit, dass es niemand wagen würde, öffentlich an Heinrichs Vaterschaft zu zweifeln. Paul hatte eine rettende Idee. Sie sollte der aktuellen „Straßenzeitung“ Irene, einer schrecklich geschwätzigen Nachbarin, „vertraulich“ mitteilen, dass sie ihren Mann besuchen würde, er habe eine Möglichkeit gefunden, für einige Stunden das bewachte Gelände zu verlassen, sie dürfe es aber niemandem sagen; nicht, dass der Plan verraten würde. Sie sehne sich so sehr nach Heinrich und wolle ihm doch endlich den Bub zeigen, das Pflegekind, er habe schon so oft nach ihm gefragt. Dann würde sie mit Rolf für einige Tage zu Tante Alma nach Königswinter fahren. So könne sie in einigen Monaten, wenn die Schwangerschaft sichtbar würde, eine plausible Erklärung für ihren Zustand haben und Irene würde das ihre tun. So würden nur Paul, Tante Alma und Heinrich die Wahrheit wissen. Ach, Heinrich, was würde er dazu sagen? Doch sie schrieb ihm die Wahrheit und bat ihn um Verzeihung. Heinrich schrieb zurück, er wisse immer noch nicht, wann er wieder nach Hause käme, aber wenn, dann freue er sich auf sie und die Kinder. Fast fünf Jahre war er nun fort; der Krieg war doch schon lange vorbei, warum nur konnte er nicht endlich nach Hause kommen? Er durfte jetzt jeden Monat zwei Briefe schreiben, wisse aber nicht, wie es weiter ginge. Wenn er wieder da wäre, würde sich schon alles zum Guten wenden, sie sollte sich keine Sorgen machen.

Gerda wird wach und sieht Rolf an ihrem Bett sitzen. Zuerst denkt sie, es ist Heinrich, aber dann fällt ihr ein, dass ihr Ehemann schon vor vier Jahren diesen Unfall hatte, damals, als das Auto ihn auf dem Fahrrad überrollte. Und dann wurde sie krank. War das vor oder nach Heinrichs Heimkehr gewesen? Ach nein, Heinrich kam ja im Frühjahr nach Ludwigs Geburt aus dem Lager wieder und dann hatte er eine Anstellung als Maler bekommen und sie hatte weiter genäht; ja, genau, und Ludwig und Rolf waren zur Schule gegangen … und Rolf sitzt nun hier und ist ein Mann … also ist das alles schon länger her.
„Hallo, Mutter …!“ sagt Rolf, doch sie driftet schon wieder davon.

Ludwig steht auf dem Krankenhausflur und zögert. Er will die Mutter besuchen, doch er fürchtet sich vor ihrem Anblick. Dieses knochige Häufchen Elend in dem viel zu großen Bett, die vielen Schläuche, der Geruch; nein, das ist nur noch die Hülle der lebenslustigen Frau, die er als seine Mutter kannte. Nimmt sie ihn überhaupt noch wahr? Die beiden letzten Male, als er hier war, ist sie nicht aufgewacht und er ist, beinahe erleichtert, nach nur zehn Minuten wieder gegangen, fast geflüchtet. Er setzt sich, steht wieder auf, läuft ein paar Schritte hierhin, dann dorthin; geht in die Cafeteria, trinkt einen Kaffee, kommt wieder, steht vor der Türe und kann sich nicht überwinden, hineinzugehen. Wie viele Wochen liegt sie nun schon hier, schwindet dahin, wird immer weniger. Als sie letzte Woche bei Bewusstsein war, da hat sie ihn immer so durchdringend angeschaut, als wollte sie ihm etwas sagen. Ludwig hat nur ihre Hand gehalten und zum Fenster hinaus geschaut. Aber was sollte sie ihm denn schon sagen wollen, es ist doch alles schon besprochen worden. Dass er und Rolf nun völlig zerstritten sind, das weiß sie glücklicherweise nicht und er wird es ihr auch nicht sagen.

Nun fasst er sich doch ein Herz und öffnet vorsichtig die Tür. Im Krankenzimmer der Mutter ist es still, die schmale Gestalt liegt reglos im Bett und ohne die Geräusche der Maschinen wüsste er nicht, ob sie noch atmet. Erleichtert und doch mit schlechtem Gewissen schließt er die Tür wieder und geht. Was bringt es, wenn er sich an ihr Bett setzt? Sie schläft oder ist bewusstlos, in jedem Fall merkt sie nicht, ob er da ist oder nicht.

Gerda öffnet die Augen, als sie den schwachen Luftzug von der sich schließenden Tür verspürt. Hoffnungsfroh schaut sie zur Tür, doch niemand ist da. Dabei hatte sie so sehr gehofft, dass ihr Sohn endlich kommen würde, denn sie hat sich ganz fest vorgenommen, wenn er das nächste Mal da ist, dann wird sie ihm die Wahrheit sagen. Sie wird ihm sagen, dass Heinrich nicht sein Vater war, sie wird ihm sagen, wie das damals wirklich war und sie wird ihm sagen, dass er noch zwei Halbschwestern hat; Martins Töchter, viel jünger als er, und sie wird ihm sagen, wo er seinen leiblichen Vater finden kann. Danach kann sie in Frieden einschlafen und sie hofft, dass sie nicht mehr aufwachen muss. Nicht mehr diese Schmerzen ertragen, die ständigen Medikamente, die Erniedrigung der Pflege durch fremde Hände. Sie wird ihrem Sohn auch das Versprechen abnehmen, mit seinem Wissen vorsichtig umzugehen und sie wird ihm sagen, dass sie nun sterben möchte. Keine weiteren Medikationen, keine weiteren Untersuchungen, bitte!!
Sie seufzt und schließt enttäuscht die Augen. Dann eben morgen; morgen wird er sicher kommen, morgen wird sie es ihm sagen, morgen wird alles entschieden sein, alles gesagt, alles getan. Und Rolf soll noch einmal kommen, einmal noch möchte sie ihn sehen, seine Hand halten, auch wenn er nicht immer der Sohn war, den sie sich gewünscht hatte, so war er doch immer ihr Sohn gewesen. Zufrieden und erleichtert, dass sie nun endlich die wichtige Entscheidung getroffen hat, gibt sie sich dem Schlaf hin, lässt sich fallen, tiefer und tiefer, und ihr letzter Gedanke ist – wo hatte sie das nur gelesen? – dass der Schlaf der kleine Bruder des Todes ist.

Der Anruf reißt Ludwig und Lilo um halb sechs Uhr morgens aus dem Schlaf. Die Stationsschwester informiert ihn darüber, dass seine Mutter an diesem Morgen um 5 : 05 Uhr verstorben ist. Gesagt? Nein, gesagt habe sie nichts mehr, sie sei einfach eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht.

Бесплатный фрагмент закончился.
