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Impressum
Anett Theisen »Charlys Sommer«
1. Auflage
www.edition-winterwork
© 2021 edition-winterwork
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Layout: edition winterwork
Druck/E-BOOK: winterwork Borsdorf
ISBN Print 978-3-96014-724-4
ISBN E-BOOK 978-3-96014-824-1
Charlys Sommer
Anett Theisen
edition winterwork
Gewidmet „meinen“ Männern
Leo
Rolf
Albi
Danke für alles.
Prolog
Die Straßenkreuzung war eine einzige Schlammwüste. Tiefe Spuren, teils mit Wasser gefüllt, führten in verschiedene Richtungen. Ein Wegweiser war nirgends zu sehen. Es war ein trüber Tag; zu allem Überfluss begann es aus dem grauen Nebel auch noch zu regnen.
Inmitten des Schlammes stand ein Pferd. Ursprünglich war es wohl weiß gewesen, nun waren Beine und Bauch des Tieres schwarzgrau und auch das dicke, zottige Fell am Rest des Körpers wies verschiedene dunkle Flecken auf. Mähne und Schweif waren zerzaust und starrten vor Dreck. Auch Sattel und Zaumzeug hatten schon deutlich bessere Tage gesehen.
Das Pferd hielt den Kopf gesenkt, hatte sein Hinterteil in den Wind gedreht und die Augen halb geschlossen. Es war dürr und wirkte müde.
Drei Schritte vor der Nase des Tieres stand eine schlanke Gestalt, in einen langen, dicken Umhang gehüllt, der jegliche Konturen verbarg. Unschlüssig sah sie sich um, dabei rutschte die Kapuze nach hinten und gab das Gesicht einer nicht mehr ganz jungen, aber sehr schönen Frau frei.
Langsam drehte sie sich in einem Halbkreis, als versuchte sie, sich für einen der Wege zu entscheiden. Plötzlich stutzte sie, trat einige Schritte weiter in den Schlamm hinein, ungeachtet dessen, dass ihre derben Stiefel bis über die Knöchel darin versanken, und hockte sich hin.
Inmitten des Schlammes blühte ein einzelner Löwenzahn. Kühn reckte sich die gelbe Blüte auf ihrem Stängel in die Höhe, die vier Blätter wiesen nahezu symmetrisch in die vier Himmelsrichtungen. Kleine Wassertropfen perlten auf den Blütenblättern, dann löste sich ein größerer Tropfen vom Rand der Blüte und platschte auf die Spurrille, auf deren Grat die Pflanze thronte, perfekt und rein inmitten der Verwüstung.
Die Frau streckte einen Finger aus und berührte sacht den gelben Blütenkopf. Einige Augenblicke hockte sie dort und schien über etwas nachzudenken. Abrupt erhob sie sich und drehte sich zu dem Pferd um. Zärtlich schob sie ihre Hand unter das zottige Maul des Tieres. Suchend sah sie in die Augen des Schimmels, bevor sie einige melodiöse Worte sprach.
Erneut sah sie sich um. Der Regen hatte nachgelassen, dafür senkte sich der Nebel tiefer auf die tropfnasse, duldsame Landschaft. Was blieb, war die Wegkreuzung und die von ihr wegführenden Fahrspuren, die sich nach wenigen Metern in grauer Ungewissheit verloren.
Mit sanftem, nach innen gerichtetem Blick strich die Frau über ihren Bauch, dann zog sie fröstelnd den Mantel enger um ihren Körper. Sie trat neben das Pferd und schwang sich in den Sattel. Ein letztes Mal schaute sie über die Kreuzung, dann drückte sie dem Pferd die Fersen in die Seite und folgte einem der Wege, ohne zurückzublicken. Lautlos wurde sie von der wattigen Stille verschluckt.
Part I
On the Road Again – Willie Nelson
Es war nachtschwarz. Charly hielt sich die gespreizten Finger der linken Hand vor die Augen, die andere glitt suchend über das kühle Laken außerhalb ihres kuscheligen Nestes aus Kissen und Decken. ‚Wo ist das Handy abgeblieben?’, tauchte als konkreter Gedanke aus ihrer diffusen Traumschwere auf. Noch während sie ihre Hand zu erkennen suchte, ahnte sie die Veränderung. Die Dunkelheit hatte jenen seltsam fahlen Schein angenommen, der die Morgendämmerung ankündigt.
Das Handy zeigte kurz vor vier.
***
Samstag, 16. Mai 2015, zeigten weiß leuchtende Ziffern auf dem Display vor dem knallroten Lack eines Motorradtankes im Hintergrund.
‚Ich brauche nicht zur Arbeit, könnte noch ein paar Stunden schlafen.’ Charly schwang die Beine aus dem Bett. Ohne Licht tappte sie barfuß hinunter in die Küche, schaltete die Kaffeemaschine ein und ging weiter ins Bad. Zehn Minuten später stand sie in ihrer Kombi an die Spüle gelehnt und drehte die halb volle Tasse in den Händen. Der intensive Geruch nach Leder mischte sich mit dem des Kaffees. Sinnierend blickte sie in die schwarze Flüssigkeit. ‚Wohin?’, überlegte sie. ‚In die Fränkische? Oder doch rauf nach Thüringen? Die Alpen wären schön, aber das lohnt sich wirklich nicht für zwei Tage, selbst, wenn ich vor fünf losfahre.’
Die Gedanken an die nötigen Aufgaben in Haus und Garten schob sie schuldbewusst beiseite. „Dieser Sommer steht im Zeichen von 110 Pferden“, sagte sie laut. ‚Das habe ich mir versprochen’, setzte sie, in Gedanken nur, hinzu.
Sie hob die Tasse an den Mund, trank und krauste ablehnend die Nase. Zu neu, zu steif war das Leder. Passend zum Motorrad hatte sie sich im vergangenen September das edle Stück geleistet, und während die Maschine durch den trockenen Winter bereits eine beeindruckende Zahl an Kilometern auf der Uhr hatte, war die dünne Sommerkombi kaum über eine Handvoll Ausritte hinaus gekommen. ‚Sie werden mich für einen Schönwetterfahrer halten’, schmunzelte sie. ‚Was soll’s. Den Irrtum merken sie früh genug.’ Achselzuckend stellte sie die Tasse in die Spüle.
Im Flur griff sie Tankrucksack und Helm vom Sideboard, trat aus dem Haus und ließ die Tür hinter sich zufallen. Vorfreude ließ ihr Herz schneller schlagen. Geräuschlos drehte der Schlüssel im Schloss und sie lächelte. Ihr Häuschen und das dazugehörige Grundstück waren zwar alt und malerisch verwittert und verwildert anzusehen, aber gut in Schuss. „Handwerklich macht mir keiner etwas vor“, sagte sie halblaut.
„Mrr-rrh-rrrrr“ – Ein dunkler Schatten strich durch die Rhododendren und umschmeichelte ihre Beine, dann irrlichterte Amadeus' weiße Schwanzspitze auf dem Weg zum Carport gespenstisch vor ihr her. Sie bezähmte den Drang, sofort in den Sattel zu steigen, hängte den Helm an den Spiegel und deponierte den Tankrucksack auf dem Sitz. Auf einem schmalen Trampelpfad umrundete sie das Haus.
An der Koppel brummelte ihr Napoleon, der große Braune, leise entgegen. Er stand als Einziger und wachte über den Schlaf seiner kleinen Herde, der beiden Esel und Mini-Pony Fred. Sie störte die Tiere nicht, kontrollierte Tränke und Taktgeber für den Weidedraht und schrieb eine Notiz ins Stallbuch. Peter, ihr Nachbar und seit kurzem pensioniert, schaute täglich hinein. So konnte sie kommen und gehen, wie es ihr beliebte, ohne ihn stören zu müssen, und er wusste trotzdem Bescheid, ein Auge auf Haus und Tiere zu haben. Nicht, dass es nötig war; die Pferde lebten ganzjährig im Offenstall und kamen problemlos zwei Tage ohne sie aus, aber es war beruhigend zu wissen.
Mit einem letzten prüfenden Blick über die Koppel ging sie zum Trampelpfad zurück. Amadeus war verschwunden. ‚Vermutlich hat er es sich auf dem Sims des Ostfensters bequem gemacht’, dachte sie und konnte der Versuchung nicht widerstehen. Sie schwenkte um den Fliederbusch.
Da saß er, blinzelte sie aus grünen Augen an und wartete bereits auf die Sonne. Bis zum Abend würde er sie an verschiedenen Lieblingsplätzen am Haus und im Garten ausgiebig genossen haben. Noch aber war sie nicht aufgegangen, obwohl es merklich heller geworden war.
Auch in den Tiefen des Carports schälten sich langsam die Konturen der Zweiräder aus dem Dunkel. „Vier sind drei zu viel. Eigentlich“, murmelte sie und rangierte ein gedrungenes Motorrad auf den Weg. Es schimmerte edel, auch wenn die Farben noch den düsteren Schatten der Nacht vorbehalten blieben. Kurz darauf bog sie auf die Straße gen Norden.
Im Wagen vor mir – Henry Valentino
Gereon blinzelte.
Er brauchte einen Moment, um die Informationen, die seinem Hirn zur Verfügung gestellt wurden, zu verdauen, dann sprang er fluchend aus dem Bett. Er hatte seinem Kumpel versprochen, beim Umzug zu helfen. In Berlin. Jetzt war es zwanzig vor fünf, die vereinbarte Zeit, acht Uhr in Kreuzberg, nicht mehr zu schaffen. Seine Klamotten lagen im halben Haus verteilt, da, wo sie ihm gestern nach dem Abend im Biergarten aus der Hand gefallen waren. ‚Ich werde mir von meiner Haushälterin wieder einige Bemerkungen über meinen Lebenswandel anhören müssen, aber aufräumen ist nicht mehr drin.’ Er griff ein T-Shirt aus dem Schrank, klaubte auf der Galerie die Jeans vom Boden, klatschte sich im Bad eine Handvoll Wasser ins Gesicht, auf die Dusche verzichtete er, aufs Abtrocknen ebenfalls, er fuhr sich lediglich mit dem Arm übers nasse Gesicht und trabte die freitragende Treppe hinunter in die Küche. Stellte die Doppelwandtasse unter die Hightech-Kaffeemaschine, drückte den ‚extra-stark’-Knopf, und während, oh Wunder, die Maschine ohne Nachfüll-, Leerungs- oder sonstige Forderungen den Kaffee ausgab, stieg er in die Jeans und zerrte sich das T-Shirt über den Kopf. Barfuß fuhr er in die ausgelatschten Joggingtreter. Riss die Tasse unter der Maschine weg und im Flur den Autoschlüssel vom Haken.
Kurz bedauerte er, nicht die Fireblade nehmen zu können. Mit ihr wäre es zu schaffen, aber er hatte versprochen, Werkzeug mitzubringen. Wenigstens das hatte er gestern schon zusammengesucht. Er trat in die ans Haus angeschlossene geräumige Doppelgarage, hob die Werkzeugkisten in den Gepäckraum, und während er darauf wartete, dass sich das Rolltor öffnete, ließ er auch das Verdeck aufklappen. ‚Die frische Luft wird helfen, mich wach zu halten.’
Nach rekordverdächtigen sieben Minuten seit dem ersten Blick auf die Uhr schoss er mit aufheulendem Motor auf die Straße und jenseits jeglicher Geschwindigkeitsbegrenzungen erst durchs Dorf, dann die gewundene Landstraße entlang. ‚Kein Mensch auf der Straße, außer mir. So macht Autofahren Spaß’, freute er sich. Kurz darauf lief er langsam, aber sicher, auf einen Motorradfahrer auf. ‚Der fährt ja fahrschulmäßig.’
‚Akkurat außen ansetzen, in den Scheitelpunkt reinziehen, rausbeschleunigen. Vorbildlich.’ Auch wenn es ihm nicht schnell genug ging, zeigte ein Blick auf die Geschwindigkeit, dass der da vorne nicht langsam unterwegs war. ‚Ganz und gar nicht.’
‚Zierlicher Kerl auf einer relativ großen Maschine.’
‚Dem Röhren nach eine Italienerin.’
‚Wahrscheinlich Ducati.’ Zufrieden mit seiner Logik, beschäftigten sich seine Gedanken müßig und angelegentlich mit dem möglichen Modell, während ihm allmählich einige Details des Fahrers ins Auge fielen. ‚Ist das überhaupt ein Kerl?’
‚Schmale Taille, die breiten Schultern könnten auch nur von den Protektoren herrühren.’
Plötzlich stoben vorn Funken auf.
‚Der hat die Fußras… verdammt!’ Er trat hart auf die Bremse und hatte danach einige Momente mit sich selbst zu tun, bis er wieder gleichmäßig auf der Straße lag. Sehr viel weiter vorn sah er den Motorradfahrer zügig durch die langgezogene Linkskurve fahren.
„Idiot!“, bellte er laut. „Verpennst die Schikane, selber schuld!“
‚Aber den Motorradfahrer habe ich unterschätzt. Nix mit fahrschulmäßig. Der hat es drauf.’ Sein Ehrgeiz war geweckt und er versuchte, den Biker einzuholen. ‚Ich will wissen, ob es ein Kerl oder ein Mädel ist!’
Kurz vor der Autobahnauffahrt hatte er ihn wieder. ‚Das Kennzeichen ist nicht von hier’, bemerkte er. ‚Ziemlicher Widerspruch zum Fahrstil, der Typ kennt die Strecke.’
Das Glück war ihm hold, die Ampel sprang vor ihnen beiden auf rot. Er bremste auf der Abbiegespur und schaute rechts rüber. Es war eine knackig sitzende Kombi, die ihm keinen Zweifel ließ.
Nicht er, sie.
Und sie nickte ihm grüßend zu! Er sah noch, wie sie die Kupplung schnappen ließ. Die Ducati stob davon.
Er stand noch einen langen Moment verdattert vor der grünen Ampel, schüttelte dann sein Staunen ab und fuhr auf die Autobahn. Während er den Wagen auf ein komfortables, sehr zügiges Tempo beschleunigte, kreisten seine Gedanken um Fahrerin und Kennzeichen und befeuerten seine Phantasie.
‚CAT 69.’
All I Have to Do Is Dream – The Everly Brothers
Blicklos starrte Gereon auf das Kennzeichen des vor ihm parkenden Wagens. Seit einigen Minuten schon, aber er merkte es nicht. Noch immer beschäftigten sich seine Gedanken mit den Widersprüchen der frühmorgendlichen Begegnung, bis ihm langsam bewusst wurde, dass er die gleiche Buchstabenkombination sah. Diese allerdings zierte das wuchtige Heck eines löwengelben Pick-ups amerikanischer Herkunft, der nicht nur durch seine Größe und die ungewöhnliche Farbe die Blicke der Passanten auf sich zog.
“Sag mal, pennst du noch?” Die Stimme seines Freundes Lars ließ ihn zusammenzucken. Der stand neben der Beifahrertür und musterte ihn interessiert. „Erst zu spät antanzen und dann träumend im Auto hocken. Ist was passiert?“
Er winkte ab und stieg aus, der Lack seines Wagens seidig warm unter seinen Fingerspitzen. Die Kühle des Morgens war frühsommerlicher Wärme gewichen.
„Du kannst gleich mit rüberfahren“, sagte Lars und deutete auf den Jeep.
„Damit? Wo hast du den denn aufgetrieben?“
„Beziehungen“, grinste Lars. „Außerdem, einem geschenkten Gaul … und so weiter. Auch nicht einem geliehenen Wagen, der mich allenfalls einen Kasten Bier kostet. Rein mit dir und wir stürzen uns in den Großstadtdschungel.“
Letztlich erwies sich der Wagen als goldrichtig. Das Wetter hielt, an der alten Parterrewohnung konnten sie alles durchs Fenster direkt auf die Ladefläche heben, und an der neuen Wohnung im zweiten Stock war mit wenig Aufwand eine einfache Rolle installiert. Ein guter Teil der unzerbrechlichen Sachen schwebte so überaus anstrengungslos hinauf. Insgesamt einer der vergnüglicheren Umzüge. Er begann sich auf den Abend – und endlich wieder eine Nacht in Berlin – zu freuen.
It’s a Beautiful Day – Michael Bublé
Sie fühlte sich wie Amadeus. Die Sonne schien wärmend und Charly unterdrückte im letzten Moment die Regung, sich genüsslich zu räkeln. Seit einer halben Stunde saß sie in der Morgensonne bei Kaffee und Kuchen. Die Begegnung an der Ampel ging ihr nicht aus dem Sinn. ‚Es war aber auch zu schön, das verdutzte Gesicht des Porsche-Fahrers. Gut ausgesehen hat er auch.’ Schon verlor sie sich wieder in Gedanken. Ihr Handy klingelte.
„Hi Dad.“
„Guten Morgen, Engel. Habe ich dich geweckt?“ Er klang besorgt.
„Dafür bist du gut fünf Stunden zu spät“, lachte Charly. „Was hast du auf dem Herzen?“
„Kannst du für mich einen T1 begutachten? Ein Kaff bei Quedlinburg. Muss noch heute sein.“
Sie nahm ihr Handy vom Ohr und warf einen Blick auf die Uhrzeit. „Kein Problem, gegen Mittag schaffe ich, schick mir die Adresse, ja?“
„Mach ich. Danke, Engel. Wo bist du überhaupt?“, fragte er.
‚Entweder hat er schon bei mir zu Hause angerufen oder wundert sich, warum ich so schnell dort sein kann’, dachte sie amüsiert. „Irgendein Café bei Suhl. Das erste warme Schönwetter-Wochenende verplempere ich doch nicht zu Hause!“, lachte sie.
„Und da hast du Zeit für einen Auftrag von mir altem Krüppel?“
Sie verdrehte die Augen. Ihr Vater störte sich sonst nicht an seinem Handicap, also musste etwas passiert sein. „Bist du aus dem Rollstuhl gefallen?“, fragte sie scherzhaft.
„Nein, vom Büro in die Werkstatt.“ Er hörte sich so an, als hätte er es ihr lieber verschwiegen.
„Whoa, ist dir was passiert?“
„Blaue Flecken.“ Er seufzte.
‚Da fehlt noch was’, dachte sie. Erwartungsvoll schwieg sie ins Telefon.
„Die Zehen tingeln“, gab er nach.
„Ist das gut oder schlecht?“
„Das wird mir am Montag hoffentlich der Doc sagen können.“
‚Er lacht wieder, gut. Vielleicht sollte ich trotzdem bei Steven nachhören’, überlegte sie und überhörte beinahe seine Frage nach Neuigkeiten. „Langsam gebe ich dir recht, das Kennzeichen der Monster zu ändern. Vorhin hat sich ein Porsche hinter mir verbremst und ich befürchtete schon, Notruf und Ersthilfe leisten zu müssen, aber er hat sich gefangen. Auffällige Farbe“, bemerkte sie noch. Natürlich gab er sich damit nicht zufrieden und sie diskutierten über das wahrscheinliche Modell. „Ich rufe dich an, wenn ich den T1 angeschaut habe“, sagte sie schließlich.
„Geht klar, Engel. Und ras‘ nicht!“
„Ich rase nie. Ich fahre zügig und bremse nur bei dringendem Bedarf“, schloss sie sehr würdevoll und legte schmunzelnd auf. Es war ihr Spruch, seit sie mit acht das erste Mal auf ein motorisiertes Zweirad gestiegen war.
Gerade wollte sie das Handy in die Tasche stecken, da fiel ihr Blick aufs Display. ‚Fünf Anrufe?’ Sie klickte auf die Rufliste. ‚Gitta, wer sonst?’ Sie winkte dem Kellner, bestellte einen doppelten Espresso, und erst, als der vor ihr stand, atmete sie tief durch und drückte den Rückruf.
„Schätzchen! Endlich meldest du dich, ich versuche schon den ganzen Vormittag, dich zu erreichen!“, tönte eine aufgeregte Stimme an ihr Ohr, kaum, dass es ein Mal geläutet hatte.
„Hi Mam, dir auch einen guten Morgen.“ Sie verkniff sich den Hinweis, dass der Vormittag erst halb vorüber war. Nicht gleich einen Streit vom Zaun brechen. Charly mochte ihre Mutter, aber sie hielt es nur dosiert mit ihr aus. Niedrig dosiert. „Was gibt‘s?“, fragte sie.
„Sag nicht nein. Du musst für eine Präsentation einspringen.“
„Schon gut, Mam, mach kein Drama draus. Wann und wo?“
„In zwei Wochen. Im Kaufhaus Görlitz. Ist von dir aus ja nicht allzu weit.“ Die Stimme ihrer Mutter klang schuldbewusst.
„Immerhin vier Stunden Fahrt!“, schnaubte Charly. „Ich mach‘s. Abgesehen davon, dass ich nicht nein sagen darf, mir gefallen Kaufhaus und Stadt. Aber nicht für lau. Du übernimmst die Kosten für zwei Nächte im Hotel meiner Wahl. Ohne Murren!“
„In Ordnung.“ Begeisterung hörte sich anders an, aber ihre Mutter wusste, wann sie am kürzeren Hebel saß. „Wann kommst du zur Anprobe? Es sind einige Kleider anzupassen.“
„Kommenden Donnerstag, nicht vor sechs.“
„Gut.“ Ihre Mutter zögerte kurz. „Schläfst du dann hier?“
„Es wird eine kurze Nacht. Halb fünf muss ich los.“
„Das schaffen wir.“
Sie hörte das Amüsement in der Stimme ihrer Mutter und schnaubte wieder, widerwillig ebenfalls amüsiert. „Das hoffe ich doch. Bis dann.“ Sie legte auf. Dann stürzte sie den inzwischen nur noch lauwarmen Espresso hinunter, zahlte und ging zu ihrem Motorrad. Sie suchte die Route nach Quedlinburg heraus und saß kurz darauf im Sattel. Vergnügt pfeifend schwang sie sich durch die Kurven des Thüringer Waldes, den Refrain sang sie laut: „Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling ...“ Zumal es derzeit absolut keinen Grund dafür gab.
Rusty Cage – Johnny Cash
Es war wirklich ein winziger Ort. Die einzige Straße bestand aus unregelmäßigen Feldsteinen, auf denen sich die Monster ihrem Namen gemäß benahm. Charly presste die Knie gegen den Tank und hob den Hintern vom Sattel, wie sie es bei Napoleon tat, wenn sie den Waldweg hoch galoppierten. Die Adresse war leicht zu finden und der große, ungepflasterte Hof allemal besser als die Straße, auch wenn die Gebäude arg heruntergekommen waren.
Erleichtert kurvte sie durchs Tor und stellte die Monster neben das silberne Mercedes-Coupé, das in der schäbigen Umgebung deplatziert wirkte. Eine unwirkliche Stille legte sich über den Hof. Sie nahm den Helm ab und steuerte das Wohnhaus an. Ehe sie es erreichte, kam ihr ein junger Mann entgegen. ‚Etwa mein Alter’, schätzte sie. Trotz des seriösen Anzugs und der gewandten Begrüßung fand sie ihn unsympathisch. „Ich will mir den T1 anschauen. Mein Vater hat mich sicher angekündigt“, erklärte sie steif.
„Natürlich. Hier entlang.“ Er ging voraus in die große, reparaturbedürftige Wellblechhalle. Die war vollgeramscht mit Fahrzeugen aller Art, hauptsächlich sehr alte, verrostete und verdreckte Karossen. Staubteilchen flimmerten in den Sonnenstrahlen, die durch das undichte Dach hereinfielen und das Innere streifig erhellten.
„Das steht alles zum Verkauf?“, fragte sie erstaunt.
Er nickte und schob eilig eine Erklärung nach: „Mein Urgroßvater hat sie zusammengesammelt. Er meinte, sie wären viel wert.“
„Da hat er nicht ganz unrecht“, antwortete sie. „Nur nicht in diesem Zustand.“
Der Anzugtyp zuckte mit den Schultern. „Das Gerümpel muss raus, so schnell es geht. Das Land ist mehr wert als die Schrotthaufen. Hier ist er“, erklärte er und blieb stehen.
Sie trat an den Wagen heran und spähte durch die verstaubte, halb blinde Heckscheibe. „Das ist kein T1, allerhöchstens eine Hülle. Da drin fehlt alles. Außen übrigens auch so einiges“, fügte sie hinzu, als sie an der Fahrerseite entlang sah.
„Aber es ist ein Samba“, konterte er stolz.
Sie erwiderte nichts, hockte sich neben die Karosse und spähte darunter. Die Bodenplatte war quasi nicht mehr vorhanden. „Was hatten Sie sich denn vorgestellt. Preislich.“
„Zwanzigtausend“, antwortete er wie aus der Pistole geschossen.
„Vergessen Sie‘s.“
Er blinzelte irritiert.
„Maximal die Hälfte, und nur wenn Sie einen Freak erwischen“, erklärte sie, klopfte sich pulverigen Dreck von den Händen und stand auf. „Darf ich mich noch ein wenig umschauen?“
„Ja, sicher“, stotterte er, sichtlich aus dem Konzept gebracht.
Sie nickte und schlenderte andächtig durch die Halle. Hier stand ein Vermögen, für den, der es instandzusetzen wusste. ‚Ich muss Dad nahelegen, selber herzufahren’, dachte sie. ‚Das darf er sich nicht entgehen lassen!’
Neben dem hinteren Tor fand sie einen Unimog. Sie ging zur Fahrerseite. Zwischen Kabine und Aufsatz stand eine Klappe offen und ein zerfetzter, ehemals wohl gepolsterter Hebel stand waagerecht heraus. Im Schacht dahinter schimmerte matt ein Hydraulikrohr. Versuchsweise zog sie an der Fahrertür, die sich knarrend öffnete. Verwirrt starrte sie ins Führerhaus. ‚Keine Pedale?’ Neben dem Lenkrad befanden sich mehrere Hebel, die sie an den Pick-up ihres Vaters erinnerten. ‚Behindertengerecht!’ Sie unterdrückte einen Jubelschrei. Stattdessen entsperrte sie die Verriegelung und hob die Motorhaube an. Darin schienen ganze Mardergenerationen gehaust zu haben. Sonst sah es verhältnismäßig gut aus. ‚Bei Unimogs ist meist das Getriebe kaputt’, rekapitulierte sie. ‚Aber das kriegt Dad locker hin.’ Sie ließ den Deckel herunterklappen und lugte auch hier unters Fahrzeug. Zum Schluss kletterte sie in den Aufbau. Zwei Schlafplätze, Kochnische, Sitzecke, sogar eine Durchstiegsluke zum Führerhaus. Einige Details, die sich auf langen Reisen als annehmlich erweisen könnten, fielen ihr ins Auge. ‚Da hat jemand gut mitgedacht oder war bereits beim Ausbau des Fahrzeugs expeditionserfahren. Vermutlich findet sich davon noch mehr.’ Ihre Aufregung stieg, was sich durch fallende Handtemperatur bemerkbar machte. Gewohnheitsmäßig rieb sie die Handflächen an den Oberschenkeln und traf auf kühles Glattleder. Angewidert verzog sie den Mund und schob die Hände in die Achselhöhlen. ‚Ich muss ihn haben, am besten für kleines Geld!’
Sie fand den Verkäufer vor der Halle. Rauchend. Bevor er ihr eine Zigarette anbieten konnte, schüttelte sie ablehnend den Kopf.
„Haben Sie etwas gefunden?“
„Vielleicht. Kommt drauf an, was Sie haben wollen.“ Sie pausierte kurz. „Der Unimog neben dem hinteren Tor.“
Gemeinsam gingen sie hinein. Neben dem Unimog blieb er stehen, zückte sein Handy und tippte eine ganze Weile darauf herum, während Charly geduldig wartete. Schließlich fragte er unsicher: „Was würden Sie mir denn geben wollen?“
„So, wie er da steht? Zweifünf.“
Er sah zwischen ihr und dem Gefährt hin und her. Dann hielt er ihr die Hand hin. „Ok, gehört Ihnen!“
Lächelnd schlug sie ein.
***
Langsam rollte Charly hinter einem teuren Wagen durch die verwinkelten Gassen der Quedlinburger Altstadt. Als er den Blinker setzte, seufzte sie schicksalsergeben und blieb stehen. Die Sonne brannte für Mitte Mai unbarmherzig vom blauen Himmel, den keine Wolke trübte, und vom Motor der Ducati stieg eine beachtliche Hitze empor.
‚Ein Eis wäre jetzt genau das Richtige’, dachte sie und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen.
Unerwartet zügig und akkurat wurde der Wagen auf den Hotelparkplatz gesetzt und ein Mann wand sich geschmeidig vom Fahrersitz.
‚Attraktiv, aber zu alt’, kategorisierte sie ihn, dann nahm sie Maß, schnippte mit Schwung auf den Gehsteig und nutzte die beiden freien Parkplätze für eine halbe Wende, zur ganzen reichte es nicht. Rangierte einen knappen Meter zurück, schlug erneut komplett ein und fuhr dicht neben das Geländer.
‚Seitenständer raus und langsam ab’, dachte sie, wachsam kontrollierend, dass ihr Motorrad nirgendwo „Anstoß nahm“. Nahe genug, dass sie es am Geländer würde anschließen können, und Lenker und Heck wunderbar frei. ‚Perfekt!’
Sie schwang sich ungelenk nach rechts vom Motorrad, gleichzeitig die Jacke der Kombi öffnend und den Helm abnehmend. Mit leisem Klappern fiel ihre Sonnenbrille zu Boden und sie unterdrückte den herzhaften Ausdruck, der ihr auf der Zunge lag. Stattdessen richtete sie hilfesuchend den Blick gen Himmel, schloss die Augen und verharrte so für einige lange Sekunden. „Eins nach dem anderen“, sagte sie halblaut.
„Richtig“, erwiderte eine amüsierte Männerstimme und sie wandte sich hastig in die Richtung des Herrn im gut sitzenden Anzug, der unaufdringlich eine Armeslänge neben ihr stand. Er hielt ihr die Brille entgegen. „Schicke Maschine, passt zu Ihnen.“
‚Interessantes Lächeln, das ihn noch attraktiver macht’, stellte sie fest. ‚Jünger als Dad’, dachte sie, als sie die dargebotene Brille entgegennahm. „Danke“, entsann sie sich der Höflichkeit und einer leichten Geste, die Brille und Motorrad umfasste, und wandte sich mit unverbindlichem Lächeln ab. Ihr Bedarf an Anzugtypen war für heute gedeckt.
Während sie die Schlösser aus dem Tankrucksack nahm, fühlte sie sich unbehaglich beobachtet, als ruhe sein Blick auf ihrem Rücken, doch nach wenigen Augenblicken klappte eine Autotür, dann schritt er mit einem freundlichen, aber distanziert grüßenden Lächeln die Straße hinunter und bog auf den Marktplatz. Trotzdem ließ sie sich viel Zeit, bevor sie ebenfalls zum Hotel schlenderte. Ihre Hoffnung erfüllte sich. Leer gähnte die Lobby gediegene Ruhe.
Die Rezeptionistin turnte vor ihr die Treppen hinauf ins Dachgeschoss, und als sie endlich in ihrem Zimmer stand, fragte sie sich kurz, ob sie den Weg hinunter wieder finden würde, so verwinkelt waren die Flure. Instinktiv zog sie den Kopf ein, denn sie konnte nicht nur mühelos die Balken erreichen, sondern auch die Decke dazwischen. Vorsichtige Versuche zeigten jedoch, dass sie sich ungeachtet der niedrigen Höhen frei bewegen konnte. Plötzlich eilig ließ sie den Tankrucksack in den heimeligen Oma-Ohrensessel fallen, warf die Jacke der Kombi aufs Bett und kehrte, schon halb aus der Tür, noch einmal zurück, um die kleinen Fensterchen aufzureißen.
Auf dem Markt holte sie sich am erstbesten Café eine Kugel Eis, und hastig das schnell schmelzende süße Zeug schleckend, wanderte sie zur Burg, ohne ihrer Umgebung viel Beachtung zu schenken. Sie hatte ihren Vater gebeten, Steven mit dem Krantransporter und dem vereinbarten Betrag zum Abholen des Fahrzeuges zu schicken und auf eine benachbarte Wiese gelümmelt dessen Ankunft erwartet. Seit sie Steven verabschiedet hatte, rechnete sie pausenlos nach, wann er mit seiner Fracht zu Hause sein könnte. Langsam wurde sie ungeduldig. Zu erwartungsvoll, um lange an einem Ort zu verweilen, streifte sie durch die Gassen und versuchte, die liebevoll gepflegten Blumen, das Summen der Bienen und die wärmende Sonne zu genießen. Schließlich fand sie sich auf den Stufen des Rathauses wieder. ‚Mach schon, melde dich’, dachte sie. Endlich klingelte ihr Handy.
„Hi Dad.“
„Du hast einen Unimog gekauft?“ Er klang nicht sonderlich begeistert. Schließlich gab es die wie Sand am Meer und die meisten waren ziemlich hinüber. Aber nicht dieser. Dieser war eine Fügung.
„Hast du schon reingeschaut?“ Atemlos hielt sie die Luft an.
„Wie denn? Erstens steht er noch auf dem Transporter …“
„Lad ihn ab, Dad!“, unterbrach sie ihn. Sie war aufgeregt wie ein kleines Kind zu Weihnachten. Ungeduldig wartete sie darauf, dass das Fahrzeug abgeladen wurde. Endlich sprach ihr Vater, noch immer grummelnd, die erlösenden Worte. „Steht unten.“
„Steven soll dir die Fahrertür aufmachen. Siehst du die Klappe zwischen Kabine und Aufsatz? Mach sie auf!“ Ihre Stimme vibrierte. Am anderen Ende blieb es eine Weile still. Dann klang ihr Vater genau so aufgeregt wie sie.
„Ist nicht wahr!“
„Doch!“, juchzte Charly unterdrückt. „Bau ihn auf, Dad! Wir gehen endlich auf Tour!“
Coming Home – Sasha
Charly zog schnell und routiniert durch die lange Rechtskurve, nahm das Gas weg und ließ den Motor die Maschine abbremsen, um die Rechts-Links-Kombination der Schikane mit größtmöglichem Schwung zu durchfahren. Als die Fußraste aufsetzte, schmunzelte sie. ‚Ein perfekter Abschluss für ein perfektes Wochenende.’
Ihre Entdeckung hatte sie im besten Hotel Quedlinburgs gefeiert. Zuerst mit einem luxuriösen Dinner. Allein, obwohl die Rezeptionistin ihr einen Briefumschlag gereicht hatte, mit einer höflich bittenden Einladung zum Abendessen. Noch während sie nachdenklich, den gefalteten Zettel auf den Daumen der linken Hand tappend, auf der Kante eines Sessels in der Lobby hockte, kam der Fremde vom Hotelparkplatz die Stufen der Treppe herab und hatte sie gesehen, bevor sie reagieren konnte. Ihm auszuweichen wäre einem Weglaufen gleichgekommen, und sie stand auf, um ihre Ablehnung nicht aus der völlig nachteiligen Sitzposition heraus formulieren zu müssen. Wenn er über ihre Absage enttäuscht war, so verbarg er es gut und folgte ihr zum Eingang des Restaurants. Sie konnte keine Reservierung vorweisen und der Kellner zuckte bedauernd die Schultern. Da griff ihr Begleiter ein und überließ ihr seinen Tisch, drehte auf dem Absatz um und verließ Restaurant und Hotel mit schnellen Schritten.
Obwohl sie während des Essens den Marktplatz im Auge behielt, sah sie ihn nicht zurückkehren, aber als sie zu ihrem Zimmer gehen wollte, saß er in der Lobby, scheinbar versunken in eine Tageszeitung. Zielstrebig ging sie auf ihn zu und er klappte raschelnd die Blätter zusammen. „Danke“, sagte sie einfach ohne weitere Erklärungen. „Darf ich Sie zu einem Glas Wein an der Bar einladen?“ Zufrieden registrierte sie die Überraschung, die kurz in seinen Augen aufblitzte.
Er fing sich schnell und erhob sich. In Jeans und Hemd erinnerte nichts mehr an den Anzugtypen; er wirkte sportlich, und kurz streiften ihre Gedanken die Frage, was er beruflich machen mochte.
„Gern.“
Es blieb nicht bei einem Glas. Sie fand ihn interessiert, mochte, dass er ihr zuhörte und genauso bereitwillig von sich erzählte. Es wurde spät und allmählich begann sie, die Auswirkungen ihres frühen Starts und des Weins zu spüren. Suchend blickte sie über den Tresen und er kam ihr mit dem Herbeiwinken des Kellners zuvor und zahlte seine letzten beiden Gläser. „Ihre Einladung bezog sich schließlich nur auf ein Glas Wein“, hob er verschmitzt lächelnd hervor und sie zahlte ihre eigene Rechnung und sein erstes Glas, mit dem üblichen generösen Trinkgeld. „Obwohl ich es sonst bevorzuge, Damen in meiner Begleitung einzuladen.“
Sie ließ ihm einen warnenden Blick zukommen, zog es aber vor, nicht zu antworten. Nebeneinander stiegen sie die ersten zwei Stockwerke hinauf; das Hotel verfügte über keinen Aufzug. Dann blieb er stehen und bedankte sich für die Zeit, die sie mit ihm verbracht hatte. „Soll ich Sie noch zu ihrem Zimmer begleiten?“, fragte er und sie warf lachend den Kopf in den Nacken.
„So hat es auch noch niemand formuliert.“
„Nun, bei jeder anderen Formulierung hätten Sie mir Hintergedanken unterstellt.“ Ernst sah er sie an, nur ein leichtes Schmunzeln umspielte seine Lippen.
„Haben Sie welche? Hintergedanken, meine ich?“, fragte sie. Ihr dämmerte, dass es vielleicht die falsche Frage war. Zu spät.
Sein Schmunzeln wurde breiter. „Darf ich?“ Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern griff ihre Hand und hauchte einen Kuss auf ihre Fingerknöchel, kaum dass seine Lippen ihre Haut berührten.
„Gute Nacht.“ Eilig entzog sie ihm die Hand und unter seinem Blick stieg sie die letzte Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Erst als sie auf den Flur einbog, hörte sie seinen Gute-Nacht-Gruß. Aber sie war sich sicher, dass er dort wartete, bis ihre Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war.
***
Sie hatte bestens geschlafen und auf den Sonnenaufgang auf dem Burgberg verzichtet. Stattdessen war sie, in alle Kissen und Decken des geräumigen Doppelbettes gekuschelt, erst lange nach Sonnenaufgang erwacht und hatte noch eine gute Stunde mit ihrem Handy in ihrem gemütlichen Nest verbracht.
Dann hatte sie die Wasserkosten des Hotels kräftig in die Höhe getrieben und die Flasche guten Rotweins, die sie für den vorhergehenden Abend gekauft hatte, sicher im Tankrucksack verstaut, damit sie nach dem Frühstück sofort starten konnte. So faul begann sie selten den Tag und angesichts des strahlenden Sonnenscheins packte sie die Unruhe. Bestes Motorradwetter und sie vertrödelte die Zeit!
Sie verließ ihr Zimmer und flitzte die Treppen hinab. Das Geländer fiel ihr einladend ins Auge, aber darauf hinabzurutschen wagte sie nicht.
Er hatte auf sie gewartet. Das Telefon am Ohr und mit angespanntem Gesichtsausdruck schien er in eine Argumentation vertieft, doch er unterbrach das Gespräch und sprang auf, kaum, dass er ihrer ansichtig wurde. Der Frühstücksraum war ungefährliches Terrain, die Bezahlfrage stellte sich nicht und sie würde in spätestens einer guten Stunde unterwegs sein. Leichten Gemütes nahm sie seine Bitte, ihm beim Frühstück Gesellschaft zu leisten, an. Entgegen ihrer ursprünglichen Absicht nach einem schnellen Kaffee und einem Brötchen auf die Hand, dehnte sie ihr Frühstück zu einer mehr als ausgiebigen Plünderung des Büffets aus.
„Woher wussten Sie, dass Sie nicht umsonst warten?“, fragte sie schließlich.
„Sie würden wohl kaum ohne Ihr Motorrad abreisen. Das stand unverändert an seinem Platz. Ich habe nachgesehen.“ Er wirkte verlegen und sie begann zu schmunzeln, versteckte es aber gleich hinter ihrer Serviette. Ihrem Einwand kam er zuvor.
„Ihre Anwesenheit war das Risiko, umsonst zu warten, allemal wert, genauso wie die Geduld.“
Jetzt wich sie doch seinem Blick aus und faltete übertrieben sorgfältig ihre Serviette zusammen. „Danke“, fiel ihr verspätet ein.
„Ich danke Ihnen“, betonte er eindringlich und verwirrt sah sie auf.
„Wofür?“
„Ich bin beruflich sehr oft auf Reisen. Glauben Sie mir, ein Abend in solch angenehmer Gesellschaft wie der Ihren ist eine Sternstunde und eine Fortsetzung am Frühstückstisch fast zu schön, um wahr zu sein.“
Sie spürte, wie ihre Wangen zu brennen begannen, aber sie hielt am Tisch aus, gesenkten Blickes. Erst, als sie sich sicher war, nicht doch dem übermächtigen Wunsch nach Flucht nachzugeben, sah sie ihn an. Mit liebevollem und nahezu väterlichem Lächeln beobachtete er ihren Kampf um Fassung. ‚Väterlich?’ Mit sichtlichem Ruck und aufsteigender Irritation warf sie ihre Serviette auf den Teller und erhob sich nun doch. „Was das anbetrifft, ich muss los.“ Sie haschte nach ihrem Zimmerschlüssel, der auf dem Tisch lag.
„Nach …“, er zögerte, „… Hause?“ Ohne Hast erhob er sich ebenfalls und zeigte allenfalls mildes Interesse.
Ihr Magen schickte ein warnendes Tingeln durch ihren Körper und sie nickte nur. „Und Sie?“
„Berlin und anschließend Hamburg. Die andere Richtung.“ Sein Tonfall war leicht und irgendwie beruhigend und sie lachte.
„Oh, ich fahre nicht direkt, es gibt hier einige nette Treffs, die einen Stopp wert sind.“ Und ungefährlich, weil dort genügend Menschen sein würden.
Ihm voraus ging sie in die Lobby und zögerte am Fuß der Treppe. Sie wollte nicht unhöflich sein und ohne Abschied gehen, aber sie wusste auch nicht recht, was er als Abschied erwartete. Reichte ein unverbindlicher Gruß? Sie sah zurück, aber er bedeutete ihr, dass er auf sie warten würde. Kurz darauf stand sie neben ihm, komplett in Kombi, Tankrucksack und Helm in der Linken, ihre Kreditkarte in der Rechten, am Tresen des Empfangs.
Die Rezeptionistin schüttelte den Kopf. „Ist bereits erledigt.“
Verärgert schob Charly die Karte in die Tasche und angelte stattdessen einen zerknautschten grünen Schein hervor, den sie ihm unmissverständlich auffordernd entgegenhielt.
„Denken Sie beim Tanken an mich“, lächelte er und hob eine elegante Laptoptasche vom Boden auf. Mit einem freundlichen Gruß zu der Frau hinterm Tresen, die mit sichtlichem Unbehagen die Situation beobachtete, drehte er auf dem Absatz um und verhinderte so, dass Charly ihm effektvoll das Geld vor die Füße werfen konnte. Mit wenigen schnellen Schritten holte sie ihn ein und wollte ihm gerade den Schein recht unzeremoniell in die Hand drücken, als äußerst unpassend sein Handy klingelte.
Sie verpasste ihm einen Seitenblick der Kategorie ‚den Trick kenne ich’ und ging weiter zu ihrem Motorrad. Er war stehen geblieben und sie konnte ihn nicht mehr sehen, aber undeutlich hören. Sie spitzte die Ohren. Worte konnte sie keine unterscheiden, aber seine Stimme wechselte zwischen langmütiger Geduld und kompromissloser Argumentation. Sie war bereit, sich in den Sattel der Monster zu schwingen, als ihr die Gelegenheit bewusst wurde. Vorsichtig den Schein, den sie ärgerlich achtlos in den Tankrucksack gestopft hatte, glättend, ging sie zu seinem Wagen. Den Scheibenwischer bereits gelüpft, zögerte sie. Dienstreisen seien einsam, hatte er gesagt. Langsam ging sie zurück zu ihrem Motorrad. Sie suchte und fand einen Zettel und einen Stift, und im Portemonnaie noch einen Fünfziger.
Nach drei Zeilen wickelte sie Papier und Geld zusammen und platzierte beides gut sichtbar. Mit einem Blick aufs Kennzeichen des Wagens tippte sie die Kombination in ihr Handy und schickte die Nachricht an ihren Vater. ‚Bin gespannt, ob er was herausbekommt’, schmunzelte sie.
Der Fremde telefonierte noch immer. Eilig nun zog sie den Helm über die Ohren, saß auf und startete die Maschine. Im Losfahren sah sie, wie er mit enttäuschtem Gesichtsausdruck neben dem Geländer auftauchte und hob kurz grüßend die Linke vom Lenker.
Wenige Straßenzüge später war alles vergessen. Vor ihr lagen kleine, kurvige Landstraßen bei bestem Motorradwetter.
***
Der Umweg nach Stiege und anschließend sogar noch rauf nach Torfhaus war ein Muss, das sich gelohnt hatte. Selten war ihr so viel Aufmerksamkeit zuteil geworden. Sie nahm die Linke vom Lenker, grüßte einen entgegenkommenden Motorradfahrer und klopfte seitlich an den Tank der Monster. ‚Den Großteil verdanke ich dir’, dachte sie liebevoll an ihr Motorrad gerichtet. ‚Erstaunlich, wie schnell man in Kategorien verschwindet. Letztes Jahr war es die Anfänger-Kategorie. Nichts war ich weniger als das. Aber kaum einer hat es bemerkt, weil sie mich übersehen haben. Bis sie das Nachsehen hatten, im wahrsten Sinne des Wortes.’ Sie lachte unwillkürlich. ‚Jetzt bin ich aufgestiegen und werde gesehen. Prompt hagelt es Respekt, Zweifel, Neid und Missgunst. Immerhin alles selbst verdient. Finanziell und fahrtechnisch.’
Stolz durchrieselte sie.
‚Das ‚Spiel’ hat mit der Kleinen immer Spaß gemacht, aber mit dir ist es unvergleichlich. Auch da merke ich die Unterschiede. Sie wurde nie ernst genommen, heute haben mir mehr Opfer Paroli geboten als sonst. Oder es zumindest versucht. Das Wasser reichen konnte mir keiner.’ Noch immer schmunzelnd nahm sie das Gas weg, weil sie auf einen dahindümpelnden Sportwagen auflief. Das Überholen war hier verboten und im Allgemeinen achtete sie die Verkehrsregeln. Es war auch nicht mehr weit bis zum Abzweig.
Insgeheim hatte sie gehofft, den Fremden doch noch einmal zu treffen, hatte an beiden Treffs die Parkplätze der Autos kontrolliert, bevor sie gefahren war. ‚Na, vielleicht kann Dad mir da Infos beschaffen.’
Allmählich drang die Umgebung stärker in ihr Bewusstsein, das Spiel der Sonnenstrahlen und Schatten auf der Straße, das Grün der Buchen über ihr und das unverwechselbare niedertourige Schnurren ihrer Monster, das vom satten Klang des Wagens vor ihr fast überlagert wurde. ‚Schöner Sound’, bemerkte sie. ‚Ist das etwa der Porsche von der Ampel gestern? Die Farbe jedenfalls kommt hin und ist selten.’ Nur der gelangweilte Fahrstil passte nicht so recht. ‚Komm Junge, fahr zu, ich muss aufs Klo’, dachte sie und rutschte näher an den Tank.
Sie setzte den Blinker und bog ab ins Dorf. Wenig später schloss sie die Haustür auf. Sie hatte kaum Helm und Tankrucksack auf dem Sideboard deponiert, als das Telefon zu läuten begann. „Du musst jetzt warten“, sagte sie und verschwand hastig im Bad.
***
Gereon freute sich auf zu Hause. Er war platt. Weniger vom Umzug denn von der durchzechten Nacht. In der Schikane fiel ihm sein Verbremser vom Vortag ein. Kurz darauf tauchte ein Motorrad hinter ihm auf. ‚Wieso überholt der nicht? Ich bin wirklich nicht schnell unterwegs. Ach ja, Überholverbot. Na, der nimmt das aber genau.’
‚Moment, ist das nicht die Monster von gestern?’ Noch ehe er alle Implikationen dieser Feststellung begriff, bog das Motorrad ab. Die Straße hinter ihm war leer. Gereon trat auf die Bremse und wendete.
Filmreif.
Sekunden später bog auch er ins Dorf. Es gab nur eine einzige, kurvige Straße. Still und leer. Am Ortsausgang konnte er sie bis zu seinem Heimatort überblicken. Genauso leer. Er wendete wieder, langsam diesmal. Im Schritttempo fuhr er die Dorfstraße entlang und spähte in die Einfahrten. Die Monster war verschwunden.
***
Nur wenige Minuten später schloss sich langsam das Rolltor hinter seinem Porsche.
A Good Heart – Feargal Sharkey
Das Telefon läutete noch immer.
“Charly? Beatrix hier. Entschuldige den Überfall, ich habe dich reinfahren sehen. Kommst du bitte rüber? Ich habe ein kleines Problem.”
„Ich schau erst nach den Pferden und sage meinem Vater Bescheid, dass ich zu Hause bin, ok?“
„Sicher, bis gleich.“
***
„Da hast du dir einen interessanten Mann geangelt“, begrüßte sie Stevens Stimme, kaum dass der Rufton einmal erklungen war.
„Inwiefern? Und wie geht’s Dad?“, fragte sie und balancierte das Handy ungelenk zwischen Schulter und Ohr, während sie versuchte, den Deckel von der Packung Katzenfutter abzuziehen.
„Bestens“, rief ihr Vater aus dem Hintergrund. Konferenzschaltung also, und Steven hatte es nur wieder nicht erwarten können, ihr die Neuigkeiten vor den Bug zu setzen. Sie lauschte seiner Aufzählung an Stationen und Posten.
„Er könnte dein Vater sein“, beendete er schließlich die beeindruckende Auflistung.
„Ich hätte ihn jünger geschätzt als Dad“, antwortete sie, defensiv.
„Er ist reichlich fünf Jahre älter als ich“, ertönte die amüsierte Stimme ihres Vaters.
„Er hat mein Zimmer bezahlt“, knurrte sie ins Telefon.
„Abgesehen davon, dass er sich das leisten kann …,“ antwortete er, plötzlich ernst, und fuhr mit verändertem Tonfall fort: „Ich kenne ihn persönlich.“ Er machte eine Pause, als wolle er mehr sagen und sie wartete ab. „Ich hoffe, du hast ihm seine fürsorgliche Geste nicht zu heftig um die Ohren gehauen?“
„Wieso?“, fragte sie mit einem unbehaglichen Kribbeln zwischen den Schulterblättern.
Ihr Vater antwortete nicht sofort und sie sah ihn vor sich, wie er mögliche Antworten überdachte.
‚Was ist es?’, dachte sie hektisch. „Ist er gefährlich?“, brach sie die Stille.
„Nein“, antwortete er ohne zu zögern, aber auch nicht übertrieben schnell, und eine Spannung, die sie bisher nicht gespürt hatte, fiel von ihr ab.
„Er mag es, junge Frauen ein Wochenende lang wie eine Königin zu behandeln und ihnen alles zu bieten, was ihr Herz begehrt. Ohne Gegenleistung“, betonte er.
‚Er verschweigt mir etwas’, dachte sie, beschloss aber, es nicht weiterzuverfolgen. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass alles Nachbohren vergeblich sein würde. „Da hatte er sich mit mir die Falsche ausgesucht“, lachte sie und erzählte nicht ohne Stolz ihre Lösung. „Wobei ich zu gern sein Gesicht gesehen hätte …“
„Man kann nicht alles haben“, mischte sich Steven lapidar ein. „Was stand denn auf dem Zettel?“
„Geht dich nichts an, Bruderherz“, flötete sie ins Telefon und legte mit einem kurzen Gruß auf, ehe er antworten konnte.
***
Eine Viertelstunde später stand sie mit Beatrix auf deren kleinem Hof. Der rappelvoll war mit Pferden. Elendsgestalten, mager, zerzaust und verdreckt.
„Dir ist klar, dass ich sie nicht alle nehmen kann?“
„Ich dachte, du könntest den Hengst nehmen“, Beatrix wies auf einen nervösen Schimmel.
„Und vielleicht zwei oder drei der Wallache. Weiß der Himmel, wo ich die anderen unterbringen soll.“ Sie seufzte.
„Hmmm“, brummelte Charly. In ihren Gedanken reifte eine Idee. Um Zeit zu schinden, fragte sie nach der Herkunft der Pferde.
„Standen in einem nicht mehr fahrtüchtigen Viehtransporter auf dem Waldparkplatz neben der Autobahnauffahrt. Ohne Wasser. Ohne Futter. Mindestens seit Freitag. Sind vermutlich aus Polen. Die Jungs vom Tierschutzverein haben sie heute Mittag rausgeholt“, berichtete Beatrix im Telegrammstil.
„Hmmm.“ Das Problem war nur, dass sie sich nicht wieder trennen konnte. So war sie zu Fred gekommen und zu den beiden Eseln. Sie fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. „Lass mich kurz telefonieren, ja?“
***
"Ich nehme sie doch alle. Peter überlässt mir die Bachwiese. Er geht mir seit Jahren auf den Geist, dass ich die übernehme. Also soll es wohl so sein.“ Bevor Beatrix etwas dazu äußern konnte, fragte sie weiter: „Du übernimmst die Vermittlung der Pferde?“
„Ja, das mache ich. Einer vom Verein schaut auch täglich nach ihnen, du musst dich nicht um sie kümmern.“
Charly nickte abwesend, noch immer mit ihren Gedanken beschäftigt. „Ich möchte ein Vorkaufsrecht. Ich kenne mich", erklärte sie.
„Das ist kein Problem.“ Beatrix lachte befreit laut auf.
Sie besprachen die Überführung der Pferde auf die Weiden für den nächsten Tag, um die müden Tiere nicht noch einmal aufzuscheuchen, zumal die Dämmerung eingesetzt hatte. Dann zögerte Beatrix. „Allerdings gibt es noch einen Haken: Zu dem Schimmel gehört ein Hund.“ Sie wies auf eine Art Schäferhund, den Charly nicht bemerkt hatte, weil er unbeweglich zu Füßen des Hengstes im Schatten lag.
„Na bravo, Amadeus wird sich freuen ...“
***
Der erwartete sie bereits an der Haustür und schlüpfte mit ihr ins Haus. Sie fütterte ihn, fischte sich einen Apfel aus der Obstschale und packte den Tankrucksack für den nächsten Morgen. Mit Handy, Buch und Decke machte sie es sich auf ihrem Big Sofa bequem.
Got My Mind Set on You – George Harrison
Der nächste Morgen hielt eine unliebsame Überraschung für sie bereit. Ihr Transportesel, die kleine schwarze GS 500 E, sprang nicht an. Noch nicht mal “Klack” machte es, als sie den Zündschlüssel drehte.
Ehe Charly einen bewussten Gedanken fassen konnte, griff sie automatisch den Schraubenschlüssel vom Bord und war dabei, die Batterie auszubauen. Als sie dies erledigt hatte, räumte sie den Schlüssel zurück an seinen Platz, drückte die Sitzbank in die Halterung und trabte zum Haus. ‚Lästig, aber nicht wirklich ein Problem. Ich hänge sie eben in der Werkstatt an den Strom und morgen läuft sie wieder.’
Mit zwei Einkaufskörben am Arm kehrte sie zurück und ging zu dem großen Seitengebäude, dessen Stirnseite die Rückwand des Carports bildete. Die zur Straße gewandte Längsseite bestand aus zwei riesigen Schiebetoren. Charly stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen den rechten Flügel und langsam rollte das schwere Tor auf. Dahinter herrschte Dunkelheit. Sie packte Körbe und Tankrucksack ins Auto, kletterte auf den Fahrersitz und parkte aus. Mühsam zerrte sie das Tor wieder zu und kurvte aus der Einfahrt.
‚Mit dem Tor muss ich mir etwas einfallen lassen – entweder saubermachen und ölen oder in eine neue Führung und Rollen investieren. Das eine ist zeitlich aufwendiger, das andere finanziell. Wenn ich meine Arbeitsstunden mit ansetze, kommt es wahrscheinlich auf das Gleiche raus’, überlegte sie. ‚Kaum bin ich rum, geht es am anderen Ende wieder los.’ Sie seufzte.
***
"Hoi, Mopped kaputt?", wurde sie von den Kollegen begrüßt.
„Batterie“, nickte Charly.
„Na, man gut, dass du den Bus erwischt hast“, brummte Sepp, der Älteste unter ihnen, und alle lachten. Nur der Azubi schaute irritiert von einem zum andern. „Hier fährt doch gar kein Bus.“
„Meiner schon“, grinste Charly schelmisch, obwohl ihr der Bursche leidtat. Aber so war es nun mal: Die Azubis hatten es auf der Baustelle nicht leicht, und das bisschen Neckerei schadete nicht. ‚Ich habe es schließlich auch überlebt.’
„Ganz einwandfrei“, betonte sie noch.
Die Männer lachten wieder.
„Sie fährt einen Transporter“, erbarmte sich Sepp schließlich des Jungen, der immer noch verständnislos dreinschaute.
„Kann ich doch nicht wissen“, maulte der.
„Jetzt weißt du es ja“, antwortete Charly begütigend. „Ich geb dir heute Mittag was aus. Komm, sei ein Gentleman und pack mit an!“ Sie hievte sich einen der Balken für die Dachkonstruktion auf die Schulter. Gemeinsam bugsierten sie ihn nach oben.
Der Vormittag verging in komfortabler Zusammenarbeit. Für den Nachmittag war das Richtfest geplant, das Wetter schön, die Aussicht auf die Fränkische Schweiz atemberaubend. Charly liebte die Bauzimmerei und das Dachstuhlsetzen ganz besonders. Auch wenn es oft schwere Arbeit war. Die Männer achteten darauf, dass es für sie nicht zu viel wurde; manchmal musste sie die Jungs eher bremsen, dass sie ihr nicht zu viel abnahmen. Anfangs hatten sie sich gegenseitig misstrauisch beäugt, aber inzwischen hatte sie sich Respekt und Achtung erarbeitet und ihren Platz im Team gefunden. Pfeifend hämmerte sie einen unterarmlangen Nagel in den Dachfirst, als unten ein blauer Porsche bremste und neben ihrem Bus parkte. Sie stutzte, der Hammer verfehlte sein Ziel – und ihre Hand – nur um Haaresbreite. ‚Das ist der Porschefahrer von der Ampel und gestern Abend’, stellte sie fest. ‚Was, zum Henker, macht der hier?’
„Sepp?“, fragte sie halblaut.
„Hm?“
Sie wies beiläufig mit dem Kinn nach unten.
„Der Architekt. Kennst du den nicht?“
Sie schüttelte den Kopf. Dann kletterte sie eilig zum Giebel, hielt sich mit einer Hand am Dachfirst fest und beugte sich so weit wie möglich vor, um dem Mann nachzusehen. ‚Ich will nicht, dass er mich sieht, dem will ich auf der Straße begegnen!’ Das Bild stand ihr lebhaft vor Augen. Im Prinzip eine ähnliche Hetzjagd wie am Samstag, gerne noch etwas flotter, aber nicht mit verschiedenen Richtungen endend, sondern mit einem gemeinsamen Abend im Biergarten.
‚Romantisch im Sonnenuntergang’, dachte sie ironisch. ‚Ich wusste gar nicht, dass ich so kitschig sein kann.’
„Soll ich dich vorstellen?“, schmunzelte Sepp, der sie offensichtlich amüsiert beobachtet hatte.
Wieder schüttelte sie den Kopf. „Eher das Gegenteil.“
Sepps Augenbrauen schnellten in die Höhe. „Ab mit dir, für kleine Mädels. Ich pfeif, wenn die Luft rein ist.“
When Will I See You Again – The Three Degrees
Gereon schaute auf die Uhr und sprang die letzten vier Stufen mit einem Satz hinunter. Er war spät dran. Zügig umrundete er den braunen Transporter, als sein Blick aufs Kennzeichen fiel. „CAT 2014.“
‚Zufall?’ – Er blickte zum Neubau zurück, zögerte, sah erneut auf die Uhr und stieg ins Auto. ‚Nachher, beim Richtfest’, sagte er sich.
***
Bei den nächsten Terminen war er unkonzentriert und hibbelig. Schließlich setzte er sich aufatmend in den Porsche. Am Neubau erwartete ihn jedoch eine herbe Enttäuschung.
Der Bus war weg.
Und die anwesenden Männer der verschiedenen Gewerke schwiegen sich auf seine vorsichtigen Nachfragen hin auffällig eisern aus.
Ridin’ Easy with the Sun – Sons of the San Joaquin
Charly bog in ihre Einfahrt, parkte den Bus vor der Scheune und sprang aus dem Auto. Ihr erster Weg führte ums Haus. Amadeus, der sonst das Empfangskommitee auf dem Sims des Küchenfensters stellte, war nirgends zu sehen. An der Koppel erwartete sie eine Überraschung. Beatrix und Peter standen am Zaun, dahinter trabte nervös der Schimmel auf und ab. Der Hund lag zwischen den beiden und beäugte Charly aufmerksam.
‚Das erklärt Amadeus‘ Abwesenheit.’
Auch die anderen Pferde vom Transport waren auf zwei Koppeln verteilt, fünf unter den alten Obstbäumen in Peters weitläufigem Garten, der Rest auf der Bachkoppel vorm Waldrand.
„Wir haben sie schon rübergebracht. Der Doc war grade da und einige Helfer. Ich hoffe, das ist ok?“, erkundigte sich Beatrix. „Es sind alle gesund, entwurmt und geimpft haben wir sie trotzdem. Der Hengst verträgt sich auch gut mit deinen Tieren.“
„Passt schon. Ich bin ganz froh, jetzt nicht noch fremde Rösser herumführen zu müssen“, antwortete sie und lehnte sich mit verschränkten Armen auf die oberste Latte des Koppelzaunes. Das Holz war rissig und rau, aber noch sonnenwarm. „Habt ihr Amadeus gesehen?“
Peter deutete zum Apfelbaum. Dort saß der Kater in einer Astgabel, seine grünen Augen leuchteten misstrauisch durchs Laub und die weiße Schwanzspitze kräuselte sich aufgeregt hin und her. Charly ging zu ihm und hob ihn herunter, behielt ihn jedoch im Arm. Als sie zu den anderen zurückkehrte, knurrte er missbilligend und krallte sich in ihre Weste. Der Hund sah aufmerksam zu ihnen hoch, rührte sich aber nicht.
„Du wirst dich mit ihm anfreunden müssen, Amadeus, oder zumindest abfinden“, sagte sie zum Kater, trug ihn dann zur Haustür, ließ ihn hinein und kehrte mit einer Decke, einem Sack Hundefutter und zwei Schüsseln zurück. Sie deponierte die Decke neben der Futterkiste, füllte eine Schüssel mit Wasser, die andere mit Futter und stellte sie daneben.
„Ich hoffe, es gefällt dir hier, Hund. Demnächst überlegen wir uns einen Namen für dich. Und für deinen großen Kumpel.“
Peter schmunzelte. „Der wird sich bald wie zu Hause fühlen. Ich schau morgens und abends nach den Pferden, damit du nicht soviel extra Arbeit hast.“
„Danke“, lächelte sie zurück. „Ist mir ganz recht, ich werde die nächsten Wochenenden unterwegs sein. Ach, und am Donnerstag bleibe ich über Nacht weg. Ich besuche meine Mutter“, erklärte sie schuldbewusst.
Beatrix lachte. „Mach dir keine Sorgen. Ich bin auch noch da. Nach deinen Pferden zu schauen, kriegen wir so eben hin, und einen Haus- und Hofhund hast du jetzt auch, der ungebetene Besucher fernhält.“
Peter legte den Kopf schief. „Hoffentlich wagt sich überhaupt noch jemand her. Charly ist ein bisschen jung fürs Einsiedlerleben.“
Sie zuckte die Schultern. „Ich kann keinen herbeizaubern.“
Sie trennten sich mit einem kurzen Gruß.
***
Charly baute die Batterie in die Suzuki, fütterte Amadeus, der im Haus schmollte, machte sich selbst etwas zu essen und setzte sich damit auf die Terrasse, um den Pferden zuzusehen.
Ihre Gedanken lungerten unbehaglich oft in der Nähe eines gut aussehenden, Porsche fahrenden jungen Mannes herum.
Nachdem sie das Geschirr ins Haus gebracht hatte, holte sie Napoleon von der Koppel, putzte und sattelte ihn und ritt Richtung Aussichtsturm. ‚Napoleon ist zwar kein nervöses Pferd, aber vor mich hinträumen kann ich nicht. Das ist ganz gut so.’
Who Is She – Patrick Doyle
„Ja, sicher bewege ich Flori für dich.“ … „Nein, das wird mir nicht zu viel.“ … „Ehrlich gesagt, kommt es mir ganz recht.“ … „Soll ich vorher bei dir vorbeikommen?“ … „Ganz sicher?“ Gereon lauschte dem Tohuwabohu am anderen Ende der Leitung.
‚Was ist bei meinem Schwesterchen nur wieder los? Wer’s woas, werd’s wiss’n,’, dachte er ‚vielleicht erzählt sie es mir später.’
„Ok, dann schau ich nachher bei dir rein.“ Kopfschüttelnd unterbrach er die Verbindung, ließ den Porsche im Hof stehen, hetzte ins Haus, zog sich um, wieder landeten die Kleidungsstücke verstreut im Haus und markierten seinen Weg durch die Wohnung, dann sprang er in Reitklamotten ins Auto und schoss zurück auf die Straße.
Der Chef des Reitstalls erwartete ihn mit der geputzten, gesattelten und warm gerittenen Florentine, er brauchte nur noch in den Sattel zu steigen. Zügig ritt er zum Aussichtsturm hoch. Er hatte Hunger und die kleine Ausflugsgaststätte dort bot gutes Essen an.
Am Anbindebalken stand bereits ein großer Brauner und brummelte ihnen freundlich entgegen. Er band Florentine mit etwas Abstand neben ihm an, klopfte beiden Pferden den Hals und setzte sich im Biergarten so, dass er sie im Blick hatte. Prüfend musterte er die anderen Gäste, einige ältere Wanderer, niemand, der als Reiter zu dem Braunen passte.
Er bestellte ein Weizen, alkoholfrei, und während er aufs Essen wartete, entspannte er sich und ließ seine Gedanken wandern. Aus dem Räucherofen quoll weißer, verheißungsvoll duftender Rauch und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sein Magen knurrte. Die Bedienung war flott und bald stand die hier obligatorische Räucherplatte nebst Obazdn und Brezn vor ihm.
Über dem Essen vergaß er kurzzeitig die Pferde, bis er bei ihnen eine Bewegung wahrnahm. Ein Mädchen, ‚Nein, eine junge Frau’, korrigierte er sich, hatte den Braunen losgebunden und sprach nun mit Florentine, die gegen die Entführung ihres Kameraden protestierte. Beruhigend kraulte sie der Stute den Hals, schwang sich dann behände in den Sattel und ritt in den Wald, ohne sich noch einmal umzusehen. Bedauernd sah er auf seinen Teller und entschied, dass das Essen zu gut war, um es stehen zu lassen, und während er ihn leerte, sinnierte er darüber, warum er in letzter Zeit den entscheidenden Augenblick zu spät zu sein schien.
Eine Stunde später führte er Florentine in den Stall. Diesmal versorgte er sie selbst, räumte das Sattelzeug auf und sah ihr noch eine Weile beim Fressen zu, die Ellbogen auf die Tür und das Kinn auf die verschränkten Daumen gestützt. Schließlich löste er seine Haltung und wandte sich zum Gehen. Halb in Gedanken grüßte er beiläufig die drei Mädchen, die ihn aus der Box eines Schulpferdes heraus anstrahlten. Kichernd tauchten sie fluchtartig hinter das bedächtig kauende Pferd, das sich durch die Unruhe nicht beeindrucken ließ. Draußen schüttelte er sein Unbehagen über die Reaktion der Mädchen ab.
Er mochte es nicht, angehimmelt zu werden. Kurz verspürte er die vertraute Sehnsucht nach einer Frau, die ihm mit Selbstsicherheit und Respekt begegnete, bevor er sich den Erfordernissen der Realität zuwandte. ‚Noch kurz bei Maja vorbeischauen, dann habe ich mir den Feierabend redlich verdient.’
Das bisschen Haushalt – Johanna von Koczian
Maja empfing ihn zerzaust und sichtlich erschöpft im Flüsterton. Wohlweislich hatte er nicht die Klingel benutzt, sondern auf ihrem Handy angerufen. Seit die Zwillinge auf der Welt waren, hielt er dies für die bessere Variante.
„Du bist der Einzige, der sich darüber Gedanken macht, ob das Schellen gerade angebracht ist“, begrüßte sie ihn mit einer flüchtigen Umarmung. „Komm rein. Pass auf, wo du hintrittst und entschuldige die Unordnung.“
Unordnung war weit untertrieben; die Wohnung sah aus wie explodiert. „Ist Michael nicht da?“, fragte er.
„Auf Dienstreise.“
Er zog die Augenbrauen hoch.
„Angeblich. Ich vermute, er kann mal wieder mit Familie, Haus und Hof nichts anfangen und hat sich bei einem Freund einquartiert.“ Maja ließ sich schwer auf einen Küchenstuhl fallen und sah ihn von unten herauf an. Mit einer schwachen Handbewegung umfasste sie das Chaos ringsum. „Ich würde manchmal auch gern alles stehen und liegen lassen.“
„Wann hast du zuletzt was gegessen?“
„Frühstück?“, war ihre vage Antwort.
„Ok, du erzählst mir, was los ist, ich mach dir was zu essen und bringe Küche und Wohnzimmer halbwegs in Ordnung. Um neun schmeißt du mich raus und gehst ins Bett.“
Vierzig Minuten später hatte er sämtliche sichtbaren Kinderspielsachen aus dem Wohnbereich ins Spielzimmer verfrachtet, die Spülmaschine brummte eifrig, er war über die komplette Situation im Bilde und konnte Maja leider auch nur bestätigen, was sie schon wusste, nämlich, dass der Trockner den Dienst verweigerte.
„Bestell dir einen neuen. Pack mir jetzt das Wichtigste ein, ich stecke es zu Hause in meinen und bringe es dir morgen früh vorbei.“
„Du bist ein Schatz!“ Maja umarmte ihn.
Gemeinsam stiegen sie zum Kinderzimmer hoch. Die beiden Jungs lagen in einem Bett, die blondgelockten Köpfe dicht beieinander, alle Gliedmaßen von sich gestreckt, die Decke weggestrampelt am Fußende des Bettes.
Ein Bild des Friedens.
Zärtlich lächelnd betrachtete er seine Neffen, hob den Blick und begegnete den wissenden Augen seiner Schwester. Ertappt wandte er sich ab und seine verbindliche Ader gewann die Oberhand. Mit einem flüchtigen Kuss auf Majas Wange verabschiedete er sich.
A Horse with No Name – America
Charly und Peter standen am Koppelzaun. Der Hengst lahmte. Hinten rechts.
„Es hilft nix. Ich muss mir das anschauen. Hier, lenk ihn ein bisschen ab.“
Damit drückte sie Peter die Leckerli in die Hand, holte den Hufkratzer und schlüpfte durch den Zaun. In den letzten beiden Tagen hatte der Schimmel schon gelernt, wo es Leckereien zu holen gab und machte auch gleich einen langen Hals. Ohne zu mucken hob er das Hinterbein an, Charly umfasste den Huf im Sicherheitsgriff, ihre Schulter gegen sein Sprunggelenk gestemmt, und hob ihn auf ihr Knie.
Der Übeltäter, ein Stein, war augenscheinlich. Sie hebelte ihn heraus, während der Hengst kaum einmal zuckte, beide vertieft in ihr Tun. Im Dorf brummte ein Motorrad.
Das Knallen einer Fehlzündung zerriss die abendliche Ruhe. Der Hengst zuckte zusammen, schlug aus und preschte aufgeregt über die Koppel. Fluchend rappelte Charly sich auf. Der Stoß hatte sie zwar von dem Hengst wegkatapultiert, aber im Verlauf der improvisierten Rolle rückwärts hatte sie sich den Hufkratzer gegen die linke Augenbraue geschlagen, wie auch immer sie das geschafft hatte.
„Kruzitürken! Ist dir was passiert?“, rief Peter. „Verrückter Gaul, dammicher!“
Sie winkte ab. „Halb so wild.“ Schnell duckte sie sich durch den Zaun, trat zum Wassertrog, hielt einen Zipfel ihres Hemdes hinein und klatschte sich den tropfnassen Stoff auf die schmerzende Partie.
„Das sah gefährlich aus“, erklang hinter ihr die Stimme des Tierarztes und Charly fuhr erschreckt zusammen. Gemeinsam mit Beatrix trat er an die Koppel. „Darf ich einen Blick drauf werfen?“
„Sicher. Bei meiner Rossnatur sind Sie genau der Richtige“, grinste Charly zurück. „Ich schätze, das wird eine nette Beule und schlimmstenfalls blau. Ich werde es überleben“, meinte sie achselzuckend und nahm das Hemd vom Gesicht. Doktor Schnellenbach widmete der Begutachtung ihres Auges genauso viel Sorgfalt, wie sie es von ihm im Umgang mit seinen tierischen Patienten gewohnt war.
„Durchaus akkurate Einschätzung, meine Liebe, mit einer Einschränkung. Das wird ganz sicher blau. Du musst sowieso zu meinem Kollegen für den Spezialfall Mensch.“
„Wieso?“ Charly zog fragend die Augenbrauen hoch und scharf die Luft zwischen die Zähne.
„Krank schreiben kann ich dich nicht.“
„Ist sowieso keine Option. Ich habe zu viel vor in den nächsten Tagen.“ Verschmitzt blinzelnd zuckte sie die Schultern und verpasste dem Hengst, der leise an den Zaun herangetreten war und an ihrer Schulter schnupperte, ihrerseits einen Nasenstüber. „Sorry, Großer, ich habe dich nicht bemerkt.“
Er schnoberte durch ihr Gesicht.
„Schaust du dir an, was du angerichtet hast? Keine Sorge, ich bin dir nicht böse. Ist in ein paar Tagen alles vergessen“, redete sie auf den Schimmel ein, kraulte ihn unterm Kinn und klopfte seinen Hals. Dann folgte sie den anderen, die bereits in Peters Garten neben einer der Stuten standen.
„Lange wird es nicht mehr dauern. Ihr erreicht mich jederzeit übers Handy. Ruft lieber einmal zu oft an als zu wenig“, sagte Doktor Schnellenbach gerade.
Alle drei nickten unisono, dann verabschiedeten sie sich und Charly blieb allein zurück. Am Törchen zu ihrem Grundstück wartete der Hund auf sie. Noch immer namenlos.
Sie stellte ihm Futter hin. Wie in den vergangenen Tagen auch blieb er genau außerhalb ihrer Reichweite. Mit einem kurzen Gute-Nacht-Gruß sammelte sie Amadeus aus dem Apfelbaum ein und nahm ihn mit ins Haus. Sie packte die Alukisten der BMW für die kommenden Tage, kochte Nudeln, feuerte nebenher den Kamin an und machte es sich nach dem Essen im Wohnzimmer mit einem Buch gemütlich.
Blaue Augen – Ideal
Als Charly kurz vor sechs erwachte, war es bereits hell. Ausgiebig geduscht wanderte sie, sich genüsslich streckend, in die Küche, goss Kaffee in den Becher und trat auf die Terrasse hinaus. Beim Blick über die Koppel vergaß sie den Kaffee.
„Der Hengst ist weg!“
***
"Ruhe bewahren!", ermahnte sie sich selbst, stellte den Pott achtlos auf dem Terrassentischchen ab und lief zur Koppel. Auch auf der dahinter liegenden Bachkoppel war er nicht zu sehen. ‚Wo ist der Hund?’
Mit wenigen Schritten war sie beim Unterstand. Er lag auf der Decke und sah ihr mit schräg gelegtem Kopf aufmerksam entgegen. Irritiert blickte sie wieder über die Koppel. Hinter ihr ertönte ein halblautes „Wuff“. Sekunden später antwortete ein Wiehern aus Peters Garten und der Kopf des Hengstes erschien über der Feldsteinmauer.
„Was in aller Welt ...“
Das Törchen knarrte, dann stand sie auf Peters Obstwiese und staunte. Unter dem alten Birnbaum stakste auf langen Beinen ein wolliges, hellbraunes Fohlen neben seiner sichtlich erschöpften Mutter her und suchte eifrig unter deren Bauch herum. Der Hengst drehte aufgeregt Runden um die beiden, hielt die anderen Pferde fern und baute sich dann drohend zwischen Charly und der Stute auf.
Der Hund war ihr gefolgt und hatte sich in die Toröffnung gesetzt. Er schien zu wissen, dass der Hengst jetzt niemanden in der Nähe dulden würde. Letzterem gut zuredend und ihn nicht aus den Augen lassend ging Charly vorsichtig zurück zum Törchen und schloss es hinter sich. Der Hengst beruhigte sich sichtlich.
Sie benachrichtigte Peter, den Tierarzt und Beatrix. Nacheinander trafen sie an der Koppel ein und bestaunten das Schauspiel, das der Hengst ihnen bot. Noch immer umkreiste er Mutterstute und Fohlen, zwischendurch trat er an die Stute heran, beschnoberte sie und beknabberte ihren Rücken, kam aber nie dem Fohlen zu nahe.
„Ein Geburtshelfer“, schmunzelte Dr. Schnellenbach. „Kann man gelegentlich bei Wildpferden oder nahezu wild gehaltenen Pferden bei Nomaden beobachten. Die meisten Hengste passen nur auf, dass sich die Stute zur Geburt nicht zu weit von der Herde entfernt, aber manche kümmern sich rührend um Mutter und Kind. Mit dem Nachteil, dass man bei Komplikationen an beide nicht rankommt.“ Er pausierte mit nachdenklich geschürzten Lippen. „Aus der Ferne sieht alles normal aus. Ich bleibe eine Weile hier und beobachte das Trio. Auch danach sollten sie nicht unbeaufsichtigt bleiben.“ Der Tierarzt sah fragend in die Runde.
Charly schüttelte den Kopf, aber Peter nickte bestätigend und Beatrix fügte hinzu: „Ich löse dich nachmittags ab, Pit.“
Charly verabschiedete sich und wandte sich zum Gehen, kehrte jedoch nach wenigen Schritten zurück. „Beatrix? Ich will die drei haben. Machst du die Papiere fertig? Ich komme heute Nachmittag vorbei.“ Bevor ihre Nachbarn und der Tierarzt sich von ihrer Überraschung erholen konnten, war sie verschwunden. Sie war spät dran.
***
Die Kollegen saßen bereits zur Frühstückspause zusammen, als Charly die BMW an der Baustelle abstellte. Sie kletterte in den Firmentransporter, zog sich um und hockte sich dazu.
"Kneipenschlägerei?", fragte Sepp mit einem Kopfnicken zu ihrem blauen Auge hin.
"Klar, im Dorfkrug. Hast du gestern Abend verpasst", grinste sie und Sepp lachte.
Zur Erheiterung aller berichtete sie die Ereignisse des Abends und des Morgens und musste sich den Rest des Arbeitstages die Sticheleien ihrer Kollegen gefallen lassen. Sie war froh, als sie aufs Motorrad steigen und losfahren konnte. Sie holte Geld von der Bank und fuhr zu Beatrix. Das erledigt, sah sie auf ihr Handy. Sie hatte jetzt überhaupt keinen Nerv für ihre Mutter. Aber es musste sein.
I Knew You Were Trouble – Taylor Swift
Der Motorradtreff kam in Sicht. Charly bremste kurz entschlossen scharf ab und bog in den Parkplatz ein, fuhr gemächlich zum hinteren Ende, wendete halb und ließ die BMW rückwärts in eine breite Lücke rollen. Der Parkplatz war zum Rand hin abschüssig und sie brauchte nur leicht mit den Fußspitzen zu steuern.
Auf der Straße röhrte ein Porsche vorbei. ‚Blau.’
Sie bemerkte ihren Fehler sofort und stemmte sich gegen die Maschine, die ihre Unaufmerksamkeit ausgenutzt hatte und sich gen Erde neigte. Unaufhaltsam, wie sich zeigte.
‚Verdammt!’ Charly gab auf und sprang zur Seite, die GS krachte zu Boden. Plastik splitterte. Fluchend riss sie sich den Helm vom Kopf und hob den Fuß, zielte aufs Hinterrad, überlegte es sich im letzten Moment anders und trat heftig gegen den Findling, der als Parkplatzbegrenzung schräg neben ihr lag. Mit einer fließenden Bewegung hängte sie ihren Helm an den Jägerzaun dahinter und umrundete die BMW, die halbmast auf der Ecke des Koffers hing. Sie registrierte, dass ein großer, breitschultriger Mann aus der gegenüberliegenden Parkreihe auf sie zusteuerte, beachtete ihn aber nicht und wuchtete ihr Motorrad erst in die Senkrechte und weiter auf den Hauptständer. ‚Wut ist mitunter ganz nützlich.’
Der Koffer hatte größere Schäden verhindert, nur der Handprotektor war zersplittert. Wie immer hatte sie ihr Bordwerkzeug schnell zur Hand und schraubte ihn bereits ab, als der Fremde sie ansprach.
“Kann ich dir helfen?”
Ohne aufzusehen schüttelte sie ablehnend den Kopf. “Ich komme klar.” Sie klang schroffer als beabsichtigt und die Abfuhr tat ihr leid, kaum dass sie sie ausgesprochen hatte. “Trotzdem danke für das Angebot”, setzte sie deshalb hinzu und sah zu ihm auf. Braune Augen und ein freundliches Lächeln, das sofort aus seinem Gesicht verschwand und einem eigenartigen Ausdruck Platz machte.
‚Mitleid’, dachte sie. ‚Mitleid und mühsam gezügelter Ärger.’
“Wer hat dir das Veilchen verpasst?”, fragte er scharf.
Charly verkniff sich mühsam die genervte Reaktion und antwortete so gleichmütig wie möglich: “Ein Pferd.”
Sie sah ihm an, dass er ihr nicht glaubte und beschäftigte sich angelegentlich mit dem Zusammenpacken des Werkzeugs. Er blieb, offenbar unschlüssig, ob er eine weitere Abfuhr riskieren sollte, neben ihr stehen und beobachtete ihre Handgriffe. Sie klaubte die Plastiksplitter vom Boden auf, bot ihm ein vages “Ich hol mir einen Kaffee” an und ging zum Kiosk.
Auf dem Weg versenkte sie den zerbrochenen Protektor im Mülleimer. Dabei warf sie einen verstohlenen Blick über ihre Schulter. Er musste gezögert haben, aber er folgte ihr mit langen Schritten und holte auf.
***
Melli, ihre Freundin, war wie erhofft im Dienst und reichte ihr einen Pott Kaffee, ohne die Bestellung abzuwarten.
„Wenn du schon ein blaues Auge hast, wie sieht dann dein Gegner aus?“, fragte Melli auch prompt.
„Groß, weiß und unversehrt. Es war keine Absicht.“
Der Mann neben ihr stieß ein unbestimmbares Knurren aus und Charly sah zu ihm auf. Er trug den gleichen besorgt wirkenden Gesichtsausdruck wie Melli, nur dass ihr Anflug von Schuld bei ihm durch Aggression ersetzt wurde.
„Es war ein Pferd“, seufzte sie. „und er hat sich erschreckt.“
Charly umriss die Ereignisse. Ab und zu warf sie einen schnellen Blick zu dem Fremden. Mit einer seltsamen Wachsamkeit blieb er an ihrer Seite, weit genug entfernt, dass sie es nicht als aufdringlich empfand, aber nahe genug, dass sie sich eigenartig geschützt fühlte.
Mit einem leichten Heben der linken Augenbraue schnellte Mellis Blick zu ihm. ‚Kennst du ihn?’, hieß das.
Unschlüssig hob Charly halb die Schultern und deutete ein Kopfschütteln an.
Melli nickte unauffällig.
Charly trank ihren Kaffee aus, signalisierte noch ein baldiges Telefongespräch zu Melli, verabschiedete sich mit einer kurzen Entschuldigung in Richtung des Fremden und schritt weit ausgreifend zu ihrem Motorrad. Als sie losfuhr, hob der dunkelhaarige Motorradfahrer lässig grüßend die Hand. Sie grüßte zurück.
An der Ausfahrt passierte sie eine blau-weiße Fireblade.
‚Die würde ich auch gern mal über die Rennstrecke jagen’, dachte sie. ‚Ob Dad bald einen Renntermin hat? Der letzte liegt schon einige Zeit zurück.’
Just Met a Man – Anouk
Gereon bog auf den Parkplatz des Motorradtreffs ab und fuhr suchend durch die Reihen, bis er die Maschine seines Freundes gefunden hatte. Er stellte die Fireblade daneben und holte sich vom Kiosk einen Kaffee. Die weitere Suche blieb ihm erspart; sein Freund hatte es sich auf der Bank daneben bequem gemacht und hob träge grüßend die Hand.
Er trat zu ihm, klopfte ihm auf die Schulter und gratulierte den üblichen Summs von Gesundheit, Glück, Erfolg, lalala zum Geburtstag. Dann stutzte er. „Welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?“
„Anraunzer bekommen“, war Christians einsilbige Antwort.
„Von wem?“, fragte er weiter, ohne sich beeindrucken zu lassen.
„Einem Mädel.“
‚Das gibt’s nicht! Das muss eine seltene Erscheinung sein’, dachte er. „Hier?“ Seine Augenbrauen schnellten nach oben. Ohne es richtig zu bemerken, ließ er den Blick abschätzend über die verschiedenen Grüppchen schweifen.
„Ist eben weggefahren.“
Christians Haltung war eine Nuance zu wegwerfend. Gereon hörte auf, in seinem Kaffee zu rühren und betrachtete ihn eingehend. „Erzählst du es mir freiwillig, oder muss ich dir jeden Satz aus der Nase ziehen?“
Statt einer Antwort stand sein Freund auf, ging zum Kiosk und sprach einige Zeit mit der Bedienung. Noch brummiger und mit einem weiteren Kaffee kam er zurück und schilderte, was sich ereignet hatte. Er deutete mit dem Kopf zum Tresen. „Sie will mir weder den Namen noch die Telefonnummer ihrer Freundin sagen.“
„Wie sieht sie aus? Was fährt sie? Hast du das Kennzeichen?“, fragte er langsam und deutlich, als spräche er mit einem geistig Minderbemittelten. „Dann halte ich mit die Augen offen.“
„Hübsch. Motorrad. Nein“, antwortete Christian knapp. „Aber danke. Wie war es in Berlin?“
‚Oha! Entweder hat sie einen Nerv getroffen oder er hat sich prompt in sie verguckt. Ich lasse ihn lieber in Ruhe, bis er bessere Laune hat. Vielleicht morgen Abend, nach dem ersten Bier.’ Er berichtete seinerseits, dann hingen sie beide ihren Gedanken nach.
Christian erhob sich als Erster. „Wir sehen uns morgen.“
„Klar, Party! Lasse ich mir doch nicht entgehen“, zwinkerte Gereon ihm zu.
Zu verkaufen ein schneeweißes Brautkleid – Jürgen Renfordt
Charly gönnte sich zunächst auf der Pottensteiner Strecke ein paar Kurven, zum einen, um ihre Gedanken aufs Fahren zu konzentrieren, zum anderen, um die Begegnung mit ihrer Mutter noch ein wenig hinauszuzögern. Schließlich aber fuhr sie doch auf der Autobahn zügig nach Süden. Wenigstens war die Wohnung ihrer Mutter im Norden Münchens und recht weit außerhalb, so dass sie vor Einbruch der Dunkelheit ankam. Sie stellte das Motorrad ab und hörte den Türöffner brummen, noch ehe sie abgestiegen war. ‚Ungeduldig wie immer’, ärgerte sie sich und verdrehte die Augen.
Gitta erwartete sie im Atelier.
„Sag nichts! Es war ein Pferd!“, begrüßte sie ihre Mutter und legte ihren Helm ab.
Die zog die Augenbrauen hoch. „Hoffentlich ist es in zehn – nein, neun – Tagen wieder weg!“
Charly konnte sich ein teuflisches Grinsen nicht verkneifen. „Dann hat deine Make-up Artistin wenigstens eine Herausforderung.“
Ihre Mutter sah hilfesuchend gen Himmel, beließ es aber dabei. „Kann’s losgehen?“
„Ja.“ Charly schälte sich aus der Textilkombi und ließ sich in eines der Kleider helfen. Die nächsten Stunden vergingen mit unablässigem An- und Ausziehen.
Ihre Mutter konnte sehr anstrengend sein, aber hier im Atelier, zwischen ihren Entwürfen, den edel schimmernden Stoffen und der punktuellen Beleuchtung, kurz, in ihrer Welt, war sie glücklich und ausgeglichen. Und sie, Charly, liebte es, in den ausgefallenen oder verträumten, aber immer eleganten Kreationen ihrer Mutter vor dem Spiegel zu stehen und sich wie eine Prinzessin zu fühlen, während deren schlanke, kühle Finger an ihr herumzupften, Falten und Nähte arrangierten und Maße absteckten. Ein Rausch aus Taft, Tüll und Seide, der sie oft noch die nächsten Tage begleitete.
Zwischendrin orderte ihre Mutter Pizza, weil man Charly ja ‚nirgends mit hinnehmen konnte, so wie sie aussah’. Ihr war es recht. Sie zog die cremeweiße Atelier-Prinzessinnenwolke jedem Münchner Szeneschuppen vor.
***
Nach nur vier Stunden Schlaf fuhr Charly wieder gen Norden. Der Arbeitstag verging ruhig, sie inspizierten eine neue Arbeitsstelle, ein kleines Schlossensemble, das umfangreich instand gesetzt werden sollte. Einem frühen Feierabend stand nichts im Wege.
So saß sie bereits um kurz nach zwei wieder im Sattel, auf dem Weg nach Chemnitz. Diesmal ließ sie sich Zeit, kurvte über Landstraßen durchs Fichtelgebirge, überdachte auf einer ausgiebigen Wiesenrast die vergangene Woche und schmiedete Pläne, machte noch einen Umweg, damit sie in einem kleinen, guten Restaurant essen konnte und fuhr erst im Licht der untergehenden Sonne auf den großen Hof vor der Werkshalle, die ihrem Vater als Lager, Werkstatt und Wohnung diente.
Sie begrüßte ihren Vater und Steven, dann wanderte sie ziellos durch die Halle und begutachtete die verschiedenen Fahrzeuge, die in unterschiedlichsten Stadien ihrer Wiederherstellung entgegensahen. Ganz rechts, im Übergang zum Lagerbereich, stand der Unimog. Die beiden Männer ließen sie in Ruhe.
Raindrops Keep Fallin’ on My Head – B.J. Thomas
„Dein Protektor liegt im Büro.“
„Prima, danke.“
Ihr Vater Arved und ihr Adoptivbruder Steven hatten die Arbeit beendet und es sich draußen neben der Halle gemütlich gemacht. Dort stand ein Bauwagen, innen über und über mit vergilbten Fotos und Postkarten übersät, die Arved von seinen Reisen in die ganze Welt mitgebracht hatte. Er war vor dem Unfall, der ihn in den Rollstuhl gezwungen hatte, gern und viel gereist, und hatte sich auch danach nicht davon abhalten lassen. Finanziert hatte er sein Leben mit dem Ankauf und der Aufbereitung aller möglichen Fahrzeuge. Seit Jahren war er in den einschlägigen Kreisen bekannt und verdiente gut.
Charly beendete ihren Rundgang, holte sich Werkzeug und den Protektor und komplettierte ihr Motorrad wieder. Dann hockte sie sich zu den beiden Männern. „Ich habe mir drei Pferde gekauft“, sagte sie in deren behagliches Schweigen hinein. Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: „Und einen Hund.“
Ihr Vater und Steven wechselten einen Blick, der ihr nicht entging.
„Was sagt Amadeus dazu?“, fragte Arved.
Sie lachte. „Der sitzt fast nur noch im Apfelbaum.“
„Wie hast du eigentlich den Protektor ramponiert?“, wechselte Steven das Thema.
„Ach“, sie spürte ihre Wangen heiß werden. „War unkonzentriert, beim Parken“, nuschelte sie und drehte angelegentlich den Korkenzieher in den Korken der Rotweinflasche.
„Weswegen denn?“, fragte Steven unschuldig, aber zielsicher.
Arved nahm ihr die Weinflasche aus der Hand, zog den Korken heraus und hielt ihr die Flasche wieder hin. Sie füllte die Gläser und antwortete, den Blick auf den einfließenden Wein gerichtet. „Wegen eines Autos.“
„Wegen des Autos“, echote Steven „oder des Fahrers?“
Sie schnappte den Korken vom Tisch und warf ihn in Stevens Richtung. Der versuchte, ihn zu fangen und kippte dabei mit seinem Campingstuhl um.
„Geschieht dir recht“, grummelte sie.
Ihr Vater hatte das Schauspiel amüsiert verfolgt.
„Irre ich mich oder war es ein blauer Porsche?“
„Es war ein blauer Porsche.“
Ihr Vater nickte. „Hat er dir das Bike aufgehoben?“
Sie schnaubte. „Das schaffe ich schon selber. Außerdem könnt ihr euch das Verhör sparen, ich hab den Typen zwar ein paar Mal gesehen, aber immer nur von weitem.“
Wieder wechselten die Männer einen bedeutungsvollen Blick.
„Den anderen habe ich sofort vergrault, weil ich ihn angemault habe, als mir die BMW umgefallen ist“, fuhr sie fort und funkelte beide an.
„Gleich zwei Männer in einer Woche? Hast einen ganz ordentlichen Verschleiß.“ Steven kringelte sich vor Lachen und Charly erwog kurzzeitig, ihm eine Rotweindusche zu verpassen. Sie warf einen Blick aufs Etikett und ließ es bleiben. ‚Zu teuer.’
„Drei, wenn du den Hengst mitzählst, der mir das blaue Auge verpasst hat … vier, das Fohlen“, antwortete sie betont gleichmütig. „Wie viele Mädels hast du kennengelernt?“, erkundigte sie sich süffisant.
„Vertragt euch“, mahnte Arved milde. „Habt ihr Pläne fürs Wochenende? Ist schließlich ein langes.“
Charly stutzte. „Ach ja, Pfingsten. Das hatte ich ganz vergessen. Ich wäre glatt Sonntagabend wieder abgehauen.“ Sie überlegte eine Weile, überschlug die Möglichkeiten, gedankenverloren den Wein im Glas schwenkend. Tief atmete sie seinen samtenen Duft ein. „Ich hatte mich auf Basteln eingestellt. Wie soll denn das Wetter werden?“
„Durchwachsen. Nicht mehr so warm.“
„Kletterhalle? Sauna?“
Arved schmunzelte. „Morgen basteln, abends klettern. Sonntag fahren wir ins Gebirge in die Sauna und Montag ausschlafen und klettern. Alle einverstanden?“
Steven und sie nickten.
***
Ein klasse Wochenende neigte sich dem Ende zu. Sie liebte es, gemeinsam mit Steven und ihrem Vater an den verschiedenen Fahrzeugen herumzuschrauben, sich Kniffe abzuschauen. Beim Klettern war ihr endlich an einer 8er-Route ein Erfolg gelungen, und sich in der Sauna zu aalen, war einfach nur himmlisch gewesen. Nur jetzt, da sie auf dem Heimweg war, regnete es in Strömen. Eklig nass schmiegten sich die Handschuhe um ihre klammen Finger; da halfen weder die Protektoren noch die Griffheizung besonders viel. Dazu wehte ein böiger Wind und ließ jede Vorbeifahrt an einem größeren Fahrzeug zu einem Balanceakt werden.
Sie hatte gehofft, über die Autobahn schnell voranzukommen. Doch Stau reihte sich an Stau. Sie mogelte sich durch, mit den Alukoffern nicht die leichteste Übung. Aufatmend bog sie schließlich auf die Landstraße ab. An Kurvenjagd und Fußrastenschleifen war heute nicht zu denken; sie fuhr auf Sicherheit. Nach einer gefühlt endlosen Fahrt schob sie die BMW auf ihren Platz unterm Dach und rief noch von da aus ihren Vater an. Er hörte sich genauso erleichtert an, wie sie es war.
***
Die Pferde standen triefend, die Hinterteile in den Wind gedreht, geduldig im Regen und zuckten kaum mit den Ohren. Das Fohlen hatte den besten Platz abbekommen. Es passte genau unter den Hengst, der dicht neben der Mutterstute stand. Weitgehend trocken zappelte es unter ihm herum und streckte mal die Nase raus in den Regen, nieste, schnappte nach den Schweifhaaren des Hengstes, knabberte an dessen Beinen und war dem langmütigen Gesichtsausdruck des Schimmels nach ein rechter Plagegeist.
‚Spielkamerad besorgen und Unterstand bauen’, notierte sie sich mental. Auch wenn letzterer wahrscheinlich genauso ungenutzt bleiben würde wie der bereits bestehende. Wenigstens der Hund lag darin, wie üblich. Nein, nicht ganz, sacht klopfte die Rute auf die Decke, immerhin ein Fortschritt in ihrer Beziehung. Dann legte er mit einem tiefen Seufzer den Kopf wieder zwischen die Pfoten, beobachtete aber jede ihrer Bewegungen argwöhnisch, während sie ins Stallbuch schaute und ihm frisches Futter hinstellte.
Amadeus fehlte. Kein Wunder bei diesem Wetter. Er hatte sich vermutlich in einer der Scheunen des Dorfes ein gemütliches Plätzchen gesucht und würde nach dem Regen wieder auftauchen, kuschelsüchtig und nach Heu duftend.
***
Am nächsten Morgen war sie sehr früh wach. Der Wind wehte kräftig und warm in ihr Schlafzimmer. Aber was sie geweckt hatte, war Amadeus. Er lag der Länge lang auf ihrem Bauch und tatzte mit den Pfoten gegen ihr Kinn. Sie kuschelte ein paar Minuten mit ihm und sprang aus dem Bett.
Einige Handgriffe im Haushalt, dann schaute sie nach den Pferden. Der Hengst kam ihr wiehernd bis zum Törchen entgegen. Vom Regen, der stellenweise den Dreck aus seinem Fell gewaschen hatte, sah er ganz streifig aus, wie ein Zebra.
Sie holte das Putzzeug, trat zu ihm auf die Koppel und begann zuerst vorsichtig, aber bald routinierter, ihn zu putzen. Er ließ es sich gern gefallen. Unterm Bauch war er kitzelig, an den Beinen putzte sie zunächst nur das Gröbste und sehr wachsam. Nur an den Kopf ließ er sie gar nicht heran. Schließlich trat sie zurück und betrachtete ihr Werk. „Na, vorher war’s einheitlicher. Siehst aus wie ein Schwarzkopfschaf. Heute Nachmittag bist du dran, Gesicht, Füße und Haare waschen.“ Er lauschte aufmerksam ihrer Stimme. Sie belohnte ihn mit einigen Leckerchen für seine Geduld, packte das Putzzeug weg und ging selber unter die Dusche. Kurz darauf war sie auf dem Weg zur Arbeit.
Free Fallin’ – Tom Petty and the Heartbreakers
Charly stand auf einem niedrigen Seitengebäude des Schlosses und deckte gemeinsam mit Sepp und dem Azubi das Dach ab. Sie war die Leichteste und hatte die zweifelhafte Ehre, auf dem maroden Dachstuhl herumzusteigen.
Sie waren am Ende des Gebäudes angelangt, die Giebelwand war teilweise weggebrochen, der Dachstuhl mit zwei Stützen abgesichert. Vorsichtig tastend arbeitete sie und horchte auf das Knarren des Balkens unter ihren Füßen. Nur noch wenige Handgriffe, dann war es geschafft. Als sie den letzten Dachziegel vom First angelte, spürte sie, wie die Konstruktion sich zu verschieben begann.
„Achtung!“ Sie warf Sepp den Dachziegel zu und hechtete zur Mauer, während der Balken schon unter ihr wegbrach. Sie erwischte die Mauerkrone passgenau, aber ihr Momentum war zu hoch. Mit beiden Händen packte sie die rauen Ziegel und ließ sich an der Außenseite hinabgleiten, stemmte sich mit dem linken Fuß von der Mauer weg und ließ los. Landete knappe drei Meter weiter unten im Gras auf den Füßen, rollte rückwärts über die Schulter ab und stand wieder, als Sepp kreidebleich neben ihr auftauchte. So sah er auch, dass sie das Gesicht verzog, als sie die Arme bewegte.
„Ab zum Arzt! Keine Widerrede.“ Er schob sie zum Transporter.
***
„Charly, welch seltener Anblick“, wurde sie vom Arzt begrüßt.
„Arbeitsunfall“, knurrte sie unwillig und er lachte.
„Sonst wärst du wohl kaum hier. Schnellenbach kommt mir ja immer zuvor.“
Sie seufzte. Die Blaue-Augen-Story war also schon bis hierher gedrungen. Zudem war es nicht das erste Mal, dass sie sich mit der Einschätzung des Tierarztes begnügt hatte.
„Wo zwackt’s?“
„Flügellahm“, antwortete sie wortkarg.
Mit der Diagnose ‚leichte Schulterprellung’ und dem Arm zur Schonung in einer Schlinge stand sie eine halbe Stunde später wieder auf der Straße. Krank geschrieben für nur eine Woche, weil sie dem Doc versprochen hatte, die zweite Woche Urlaub zu nehmen. Allerdings mit Kletterverbot. Reiten und Motorradfahren hatte er ausdrücklich auf „zuverlässige Untersätze“ beschränkt und ihr auf die Schulter geklopft.
Auf die unversehrte wohlgemerkt.
Sepp hatte ihren Bus am Ortsrand geparkt, sie konnte ihn von hier aus sehen. Sie rief ihn an, dann ihren Chef, dann Melli. Mit dem Handy am Ohr wanderte sie langsam Richtung Bus, als es neben ihr heftig rumpelte. Im nächsten Augenblick bellte sie ein riesiger Schäferhund von oben herab an.
„Meine Güte, hast du mich erschreckt!“ Sie nahm das Handy vom Ohr und wandte sich dem Hund, der mit zuckender Nase schnupperte, zu.
Aus dem Garten erklang ein scharfer Befehl, es polterte wieder und der Hund verschwand, dafür schaute ein Mann über die Mauer, die hier das Grundstück begrenzte.
„Entschuldigen Sie… oh, hallo!“
Braune Augen blickten sie erstaunt an. ‚Der hilfsbereite Motorradfahrer‘, erkannte sie. Sein Blick erfasste sie – und natürlich die bandagierte Schulter.
„Schon wieder vom Pferd?“, fragte er argwöhnisch und durchaus ironisch.
„Hi.“ Sie fuhr sich verlegen durch die Haare. ‚Was wird der von mir denken?’
„Äh, nein. Bin vom Dach gefallen“, antwortete sie.
„Und was bitte machst du auf dem Dach?“
Sie lachte. „Meine Brötchen verdienen. Ich bin Zimmermeisterin.“ Sie deutete auf ihre Kluft. „Ich heiße Charly“, setzte sie hinzu. „Sorry für den Anraunzer letzte Woche. Ich hasse es, wenn mir das Motorrad umkippt.“
„Christian.“ Er zuckte die Schultern. „Schon okay.“
Sie zögerte. Mittlerweile spürte sie die Nachwirkungen ihres Sturzes und grub in der Hosentasche nach dem Autoschlüssel. „Ich muss nach Hause.“
Er musterte sie eingehend. Was er sah, schien ihn zu beunruhigen. „Wo ist denn ‚zu Hause’? Ich fahre dich besser“, bot er an.
Gerührt über seine Fürsorglichkeit schüttelte sie dennoch ablehnend den Kopf. „Im nächsten Dorf. Passt schon, die paar Meter schaffe ich. Mein Auto steht da vorn.“ Sie lächelte ihn an und hoffte, dass sie kompetent genug aussah.
„Wie du willst.“
She Works Hard for the Money – Donna Summer
Charly zerrte den Sitzsack auf die Terrasse und fläzte sich hinein.
Nach wenigen Minuten stand sie auf, ging ins Haus und kam kurz darauf mit Stift, Papier und einem Kaffee wieder heraus.
Rutschte hin und her, um die bequemste Position zu finden.
Stand auf und fügte ihrer Sammlung eine Flasche Wasser, Sonnenbrille und Sonnencreme sowie eine Tafel Schokolade hinzu, überlegte kurz und verschwand noch einmal im Haus.
Mit einem zusammengelegten Sonnensegel kehrte sie zurück, hängte es in die Haken am Haus ein und spannte es zum Apfelbaum.
Räumte die Terrasse um und ließ sich endlich im Schatten wieder in den Sitzsack fallen. Genoss ihren Kaffee und den Blick über Garten und Koppeln und widmete sich dann ihrer To-Do-Liste. Binnen kurzem notierte sie die Punkte:
• Namen aussuchen
• Hengst waschen / Helfer?
• Frühjahrsputz Haus
• Werkstatt aufräumen
• Spielkamerad für Fohlen / Reitverein?
• Unterstand bauen
• Caddy verkaufen
• Gespräch Chef
• neues Winterprojekt organisieren
Bei diesem Punkt verweilte sie.
‚Ob ich noch einmal nach Quedlinburg fahren soll? Mit dem Bus und Hänger? Dort standen ein paar interessante Fahrzeuge. Zwar deutlich älter als das, was ich sonst in den Fingern habe, aber warum nicht? Dad oder Steven helfen mir, wenn ich nicht klarkomme.’
‚Aber eigentlich wollte ich was Modernes, Schnelles. An so was kommt auch Dad nicht ohne weiteres ran, und wenn, dann ist meist nicht mehr viel zu retten.’
‚Oder wieder eine Auftragsarbeit wie den Umbau des Expeditionsjeeps damals, war auch cool. Am besten, ich spreche mit Dad, der kann mir vielleicht was vermitteln. Es hat ja noch Zeit.’
‚Zuerst gibt es naheliegendere Dinge zu organisieren.’ Charly seufzte, überlegte und nahm einen neuen Zettel, den sie mit „Unterstand“ überschrieb:
• mit Peter klären
• Bauvoranfrage/Baugenehmigung?
• mobil / zerlegbar / Teile für mich händelbar
• Verankerung?
• Dichtigkeit Dach?
• Verbindungen stabil, rostfrei, „eselsicher“
Darunter fügte sie eine Skizze hinzu, die den Unterstand in der Seitenansicht zeigte. Dann ließ sie Zettel und Stift sinken und lehnte sich zurück. Wie gerufen tauchte Amadeus auf und machte es sich schnurrend auf ihrem Bauch bequem.
***
Eine knappe Stunde später erwachte Charly. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal derart königlich Mittagsschlaf gehalten hatte, wenn auch sehr verspäteten Mittagsschlaf. Sie streckte sich, was Amadeus ungehalten quittierte, indem er seine Krallen in ihren Bauch schlug.
„Autsch!“, protestierte sie, aber er sah sie nur aus unergründlich grünen Augen an.
Ergeben nahm sie ihre Schlafhaltung wieder ein und begann, den Kater zu kraulen. Ihre Gedanken wanderten.
„Was machst du denn für Sachen?!“
Charly zuckte zusammen, Amadeus schoss erschreckt von ihrem Bauch herunter, nicht ohne sie wiederum seine Krallen spüren zu lassen, und stolzierte mit ärgerlich wippender Schwanzspitze zum Apfelbaum.
„Hi Peter.“ Sie rieb sich die malträtierte Mitte. „Halb so wild. Hat Sepp es dir erzählt? Ich dachte, deine Skatrunde ist donnerstags?“
„Ist sie auch. Ich habe Sepp beim Einkaufen getroffen“, nickte Peter.
„Gut, dass du da bist.“ Sie reichte ihm das Blatt mit der Skizze. „Die drei in deinem Garten brauchen einen Unterstand.“
Peter angelte umständlich seine Lesebrille aus der Brusttasche seines Hemdes, setzte sie auf und studierte Charlys Notizen. „Nichts dagegen einzuwenden.“ Er sah auf.
Charly schnaubte. „Wegen Punkt eins hatte ich auch keine Bedenken. Ich hoffte, du könntest mir bei Punkt zwei behilflich sein?“
Er schmunzelte. „Dachte ich mir schon. Auch kein Problem. Ich vermute, es soll möglichst schnell gehen?“
„Ja, wäre nicht schlecht. Wobei ich sowieso nicht gleich loslegen kann.“ Sie hob die bandagierte Schulter und seufzte. „Dabei hatte ich heute so viel vor.“
„Ein bisschen Ruhe schadet dir nicht.“ Peter betrachtete sie. „Was gibt’s zum Abendessen?“
Sie deutete auf die Schokolade.
„Was sagst du zu Wildschweinschinken und Hirschsalami?“, fragte er. „Nicht zu vergessen, frisches Brot?“
Charly blinzelte schelmisch. „Ich sage, ich decke den Tisch und denke, es findet sich bei mir ein guter Rotwein dazu.“
‚Abendessen in Gesellschaft, besser geht’s nicht’, dachte sie vorfreudig.
Who’s That Girl? – Eurythmics
Christian schwang sich aufs Fahrrad und pfiff Napoleon zu sich. Begeistert stob dieser von seinem Schattenplatz auf ihn zu und sprang schwanzwedelnd um ihn herum. Er nahm den Wirtschaftsweg, der am Waldrand zum Nachbardorf hinüberführte. Den ganzen Nachmittag über hatte er gegrübelt, aber trotzdem keine Idee, wo sie ‚hingehörte‘. Vielleicht konnte Peter ihm weiterhelfen.
Nur schien der nicht zu Hause zu sein, obwohl sein kleiner roter Golf in der Einfahrt stand. ‚Oder hört er die Klingel nicht, weil er im Garten zugange ist?’
Kurz entschlossen umrundete Christian die Hausecke und fand sich unversehens vor breitem, weißem Weidedraht wieder. Dahinter hatte sich ein großer Schimmel in unmissverständlich drohender Haltung aufgebaut. Naja, Kopf und Beine des Tieres waren eher gräulich-schwarz. Außen am Draht entlang führte eine Trampelspur im Gras zu einem neuen kleinen Tor in der Feldsteinmauer, durch das soeben Peter hereinkam.
„Grüß dich, Christian, was verschafft mir die Ehre?“
Bevor er antworten konnte, tauchte im Nachbargarten ein löwengelber zottiger Schäferhund auf, schlüpfte durch das neue Törchen und setzte sich abwartend neben die Pferdekoppel. Napoleon kannte keine solche Zurückhaltung und rannte auf den fremden Hund zu, der sich zu Christians Erleichterung sofort demütig auf den Rücken fallen ließ, dann Napoleons Aufforderung zum Spiel Folge leistete und mit ihm durch Peters Garten tobte. Nur wenn sie der Pferdekoppel nahe kamen, änderte sich die Haltung des Fremden zu argwöhnischer Wachsamkeit.
Das Zwischenspiel mit den Hunden hatte ihn abgelenkt.
„Eigentlich nur eine Frage …“
„Schieß los!“ Peter winkte ihm zu folgen, trat ins Haus und reichte ihm aus der Vorratskammer einen nach frischem Holzrauch duftenden Schinken und eine Salami, während er seiner Beschreibung lauschte.
„Du hoffst, dass ich dir sagen kann, wo sie wohnt?“
Etwas ratlos und verwirrt ob Peters augenscheinlichem Amüsement rieb Christian sich übers Kinn. „Das war mein Gedanke.“
„Und dann?“ Peter nahm ihm die Lebensmittel ab und trat aus dem Haus.
‚Ja, was dann? Bei ihr klingeln? Versuchen, sie abzupassen? Bin ich für solche Spielchen nicht langsam zu alt?’ Diesmal rieb er sich den Nacken, merkte es und schob die Hände in die Hosentaschen. „So weit war ich noch nicht.“
„Aha. – Komm mal mit.“
Gehorsam folgte er Peter in den Nachbargarten. Er sah sich nach den Hunden um und pfiff Napoleon zu sich; der fremde Hund folgte, hielt aber Abstand zu ihm. Derweil hatte Peter den lila blühenden Fliederbusch umrundet und sprach mit jemandem. Er beeilte sich und betrat die Terrasse in dem Augenblick, als sie, ‚Charly’, erinnerte er sich, mit Tellern, Besteck und Rotweingläsern aus der Tür trat. Sie schien überrascht, ihn zu sehen, fing sich aber sofort und grinste ihn an.
„Du hast mich ja schnell gefunden!“
„Ah, ihr kennt euch schon?“ Peter schaute erstaunt von ihr zu ihm. „Auch gut. Dann können wir uns die Formalitäten sparen und gleich essen.“
„Du kannst mich doch nicht bei ihr einladen!“, protestierte er.
„Kann er schon. Genau genommen ist es sein Essen, ich stelle nur die Lokalität. Wenn es dich beruhigt, ich würde mich freuen, wenn du bleibst.“ Sie beschäftigte sich scheinbar beiläufig damit, den Korkenzieher in den Korken einer Weinflasche zu drehen.
Let Me Help – Billy Swan
„Dann bleibe ich gerne.“ Seine Stimme war tief und warm wie seine Hand, die ihre streifte, als er ihr die Flasche aus der Hand nahm und den Korken herauszog. Sie verfolgte es amüsiert, und als er ihr die Flasche zurückreichte, fragte sie in leichtem Tonfall: „Woran liegt es, dass Männer meinen, eine Frau könne keinen Korken aus der Flasche ziehen?“
„Was andere Männer betrifft: keine Ahnung. Ich will meine gute Erziehung zur Schau stellen“, konterte er.
Sie lachte.
Während des Essens herrschte zunächst hungrige Stille. Dann deutete Peter mit der Gabel in Richtung ihrer Notizen. „Magst du Christian deine Unterstandsüberlegungen zeigen? Er ist Ingenieur und hat vielleicht noch die eine oder andere Idee dazu.“
Ohne zu zögern schob sie ihm ein Blatt zu. Er überflog es und stellte noch einige Fragen. „Bis wann brauchst du das?“
„Ich wollte den Unterstand kommende Woche bauen.“
„Hm. Was dagegen, wenn ich mir deine Notizen abschreibe und in Ruhe darüber nachdenke?“
Sie schüttelte den Kopf und reichte ihm Block und Stift. In seine Aufzeichnungen vertieft fragte er angelegentlich: „Gibt’s sonst noch was, wo ich dir behilflich sein könnte?“
Charly bedachte ihn mit einem verkniffenen Blick. „Ich bin lädiert, nicht invalid“, antwortete sie; den Rest des Gedankens, ‚Ich komm sehr gut alleine klar, mein Freund!’, schluckte sie mühsam hinunter.
„Seit wann bist du denn so widerborstig?“, staunte Peter.
„Bin ich das?“, schoss Charly zurück.
Peter hob nur vielsagend die Augenbrauen.
Seufzend schob sie noch ein Blatt über den Tisch. „Meine To-Do-Liste, nicht spannend und kein Geheimnis.“
***
Nachdem Christian die Zeilen überflogen hatte, war er da ganz anderer Meinung. Trotzdem, sie hatte ihm die Liste nicht freiwillig überlassen.
‚Will sie keine Hilfe? Oder will sie nur keine Hilfe von mir?’ Er ließ den Zettel auf den Tisch sinken und überlegte, wie er gleichzeitig mehr über sie und die interessanten Punkte der Liste erfahren konnte, inklusive eines baldigen Wiedersehens natürlich, ohne sie stärker in die Verteidigung zu drängen.
Peter kam ihm zuvor und fragte Charly nach ihrem Vater.
‚Auch gut’, dachte Christian, lehnte sich zurück und überließ die beiden ihrem Gespräch. Er beobachtete sie und ließ die Umgebung und die Stimmung auf sich wirken. ‚Der Wein ist wirklich gut.’
Die Hunde hatten sich ausgetobt und zu ihnen zurückgefunden. Napoleon lag zu seinen Füßen, der andere demonstrativ zwischen ihm und Charly. Ab und an banden Charly und Peter ihn, Christian, in ihr Gespräch ein, meist mit einer kurzen Erklärung, damit er ihnen weiterhin folgen konnte. Er erkannte es als Angebot, und als sie zu allgemeinen Themen wechselten, beteiligte er sich häufiger am Gespräch. ‚Es scheint sie nicht zu stören.’
***
‚Schade, jetzt hat er es bemerkt’, dachte Charly, als Christians Augen auf ihre Frage hin schmal wurden und seine Antwort überlegter ausfiel als die vorherigen. Sie hob die Weinflasche an, die zweite bereits, um nachzuschenken, stellte fest, dass sie leer war und hielt sie fragenden Blickes in die Höhe.
Peter schüttelte ablehnend den Kopf. „Reicht für heute. Sag mir noch, wann ich im Anzug erscheinen soll, dann lassen wir dich in Frieden.“
„Was willst du denn im Anzug bei mir?“, fragte sie vollkommen perplex.
„Na, zur Taufe unseres Nachwuchses will ich vernünftig aussehen, oder hast du dir noch keine Namen überlegt?“
„Habe ich nicht. Steht ganz oben auf der Liste.“ Charly nickte zu dem vergessen auf dem Tisch liegenden Zettel hin. „Ich mache darum kein großes Trara.“
„Was? Keine zelebrierte Taufzeremonie?“ Peter hob gespielt entrüstet die Hände.
„Soll ich ihnen ein Glas Sekt über den Kopf schütten oder gar die Flasche an die Hinterhand knallen?“
Die Männer lachten.
„Schade um den guten Alkohol“, schüttelte Peter den Kopf.
„Ich stelle mich als Taufpate zur Verfügung, wenn ich den Sekt trinken darf“, ergänzte Christian kichernd.
Entnervt betrachtete Charly die beiden Männer auf ihrer Terrasse, die sich gar nicht wieder beruhigen wollten. Sie verdrehte die Augen, machte eine eindeutige Wedelbewegung mit der Hand vor ihrem Gesicht und entschloss sich dann, die immer noch glucksenden Herren zu ignorieren. Stattdessen fasste sie den ersten Punkt ihrer To-Do-Liste ins Auge. „Zur Taufe braucht man Namen. Mein Dad hat mich auf die griechische Mythologie verwiesen. Wobei ich teilweise auch schon so weit war.“
Das Stichwort griechische Mythologie brachte die Männer abrupt zur Ruhe.
„Fürchte, da kann ich dir nicht weiterhelfen“, enthob sich Christian. „Es sei denn mit Recherche.“ Er deutete auf sein Handy.
„Hast du schon Vorstellungen?“, fragte Peter, die Stirn in konzentrierte Runzeln gelegt.
Charly schmunzelte. Peter konnte man direkt ansehen, wie sich die Gedankenmaschinerie in Gang setzte. „Also, für den Hengst dachte ich an ,Phoenix’.“
„Passt. Ist sogar noch angekokelt an den Ecken“, antwortete Christian trocken.
‚Von wegen nicht weiterhelfen können’, dachte Charly, schnaubte und warf ihm einen herausfordernden Blick zu. Sie ignorierte ihn dann aber und blickte sinnend ins Dunkel von Peters Garten, in dem sich schemenhaft die Pferde vor dem Schwarz der Bäume abhoben. Lau strich ein sanfter Wind durch den Fliederbusch und ließ dessen Blätter leise rascheln. Eine Welle süßen Duftes überrollte sie. „Für die Mutterstute hätte ich gern eine Göttin. Nichts Jugendliches oder Schönes wie Diana oder Aphrodite. Gibt’s eine Göttin des Alters?“
„Wie gefällt dir ‚Athene’?“, fragte Peter nach einigem Überlegen.
Christian tippte den Namen in sein Smartphone. „Die Dame war für einiges zuständig“, meinte er kurz darauf. „Unter anderem Göttin der Weisheit. Würde doch passen.“
„Gefällt mir“, befand Charly. Von weitem schlug die Kirchturmuhr und sie wartete, bis der letzte Ton verklungen war. „Bleiben der Hund und das Fohlen. Bei Letzterem denke ich immer an ‚Puck’.“
„Wenn es dir gefällt, dann belass es doch dabei.“
„Und wenn er erwachsen ist und es passt nicht mehr?“
„Es wird passen. Ansonsten deklarierst du es einfach als Abkürzung für irgendeinen hochoffiziellen Namen. Der mir jetzt aber grad nicht einfällt“, gähnte Christian.
„Fürst Pückler zum Beispiel“, warf Peter ein.
„Raffinierte Idee“, stimmte Charly lachend zu. „Also ‚Puck’. Für den Hund schwanke ich zwischen ‚Castor’ und ‚Pollux’, weil er so auf den Hengst aufpasst.“
Christian tippte, überflog den Text und fasste die Informationen kurz zusammen. Sie hörte mit leicht geneigtem Kopf konzentriert zu.
„Pollux. Passt besser“, entschied sie.
„Sehe ich auch so“, bestätigte Christian und Peter nickte.
„Punkt erledigt.“ Christian beugte sich zu Peter, zog ihm den Kugelschreiber aus der Brusttasche und strich den ersten Eintrag auf der Liste durch. Er hielt das Blatt ins funzelige Licht der Öllampe auf dem Tisch und las den nächsten Eintrag vor. „Ich stelle mich als Helfer zur Verfügung.“ Er sah sie an.
‚Hartnäckig ist er, das muss ich ihm lassen’, dachte sie. Aber der Wein hatte sie auch milde gestimmt. Sie lächelte. „Danke. Lieb gemeint. Leider hat der Hengst was gegen Männer. Jüngere Männer“, korrigierte sie. „Von Peter nimmt er Leckerli, aber mehr auch nicht. Das mache ich mit Beatrix zusammen.“ Sie nahm ihm das Blatt aus der Hand, warf einen Blick darauf und seufzte dann. „Ich werde die Liste diese Woche auf Eis legen. Immerhin bin ich krankgeschrieben. Ich erledige ein paar Sachen für meinen Dad, auf dem Tablet herumtippseln sollte kein Problem sein.“
Peter begann, die Lebensmittel einzupacken. Sie stellte Teller und Besteck zusammen und trug sie durch die dunkle Wohnung in die Küche. Christian folgte ihr mit den Gläsern und den leeren Flaschen auf dem Fuße. Sie lächelte, nahm sie entgegen und bedankte sich. Schweigend gingen sie zurück auf die Terrasse und verabschiedeten sich.
Er war in Peters Kielwasser schon fast um den Fliederbusch herum verschwunden, als Charly ihn noch einmal zurückrief.
„Du kannst gern wieder vorbeischauen.“ Verdutzt starrte er sie einen Moment an. ‚Das hat er nicht erwartet’, dachte sie. „Wenn dein Hund jemanden zum Toben braucht“, setzte sie hinzu. „Gute Nacht.“ Sie drehte sich um, trat ins Haus und schloss die Terrassentür, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen.
***
Als sie kurz darauf barfuß in ihr Schlafzimmer tappte, hatte Amadeus sich schon in ihrem Bett breit gemacht. Sie kuschelte sich zu ihm und überdachte den Abend. Es war schön gewesen. Sie fand, Christian passte gut auf ihre Terrasse. Über diesen Gedanken schmunzelnd schlief sie ein.
Money, Money, Money – ABBA
Müde und verärgert stülpte sich Christian den Helm über den Kopf und zog die Handschuhe an. Die Strahlen der tief stehenden Sonne fielen auf den Firmenparkplatz, als er sich aufs Motorrad schwang und losfuhr. Einerseits war ein Riesenberg Arbeit da und immer Not am Mann, andererseits sollte er seine Überstunden abfeiern. Nur deshalb war er gestern tagsüber zu Hause gewesen. Und heute gleich wieder zwölf Stunden. ‚So wird das nichts.’
‚Konzentriere dich’, ermahnte er sich selbst, fand langsam in seinen Rhythmus und fuhr reichlich dreißig Minuten später auf seinen Hof, gedanklich noch immer bei der Arbeit. Napoleon freute sich über seine Rückkehr, er kraulte ihn ausgiebig, trat ins Haus, rannte, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hoch, zog sich um und ging durch den Garten zum rückwärtigen Tor. Ein Pfiff schreckte ihn auf. Sein Nachbar stand auf dem Balkon und hielt eine Weinflasche in die Höhe. Er nickte, signalisierte eine halbe Stunde und trabte mit Napoleon los. Die kleine Waldrunde musste heute reichen.
***
Gereon saß in der herabsinkenden Dämmerung auf dem Balkon, als er das leise Klacken von Hundepfoten auf den Fliesen hinter sich hörte. Kurz darauf schob sich Napoleons feuchte Hundenase unter seine Hand. Jetzt tauchte auch Christian nass geschwitzt auf, zerrte sich das Funktionsshirt vom Leib, hängte es auf die Balkonbrüstung und ließ sich in den Sessel neben ihn fallen. Gereon schob ihm die Wasserflasche zu und schenkte ein zweites Glas Wein ein.
„Nur das eine, ich bleib nicht lange.“ Christian zog einen Zettel aus der Tasche und hielt ihm diesen entgegen. Es war eine Kopie einiger Notizen in Christians Handschrift.
„Ein Pferdeunterstand?“ Erstaunt sah er zu seinem Freund auf.
„Nicht für mich. Für eine Bekannte. Es geht nur um die Besonderheiten. Den Rest kriegt sie selber hin. Ist Zimmermeisterin“, erklärte der.
‚Frauen in Männerberufen’, dachte Gereon unwillig und brummte etwas Unverständliches.
„Lass uns Montag Abend darüber sprechen. Ich fahre morgen wieder nach Berlin und bleibe übers Wochenende weg.“
***
Charly saß in der Morgensonne auf der Terrasse, das Tablet auf den Knien, und suchte nach Fahrzeugteilen. Über die letzten Tage war die Liste ihres Vaters kräftig angewachsen; das untrüglichste Zeichen für schönes Wetter. Arved aktualisierte sie im Ein- bis Zwei-Tages-Rhythmus, die eiligsten Sachen ganz oben und rot markiert. Hatte sie etwas gefunden und bestellt oder wartete sie auf die Versteigerung, bekam er eine Kopie der Eingangsbestätigung und am Ende ihrer Bestellsessions die aktualisierte Liste: Grün markiert, was bestellt und ersteigert war und sich im Versand befand, blau, was noch eine Wartefrist hatte. Lieferung direkt zu ihm, Bezahlung über eins seiner Firmenkonten, das er extra zu diesem Zweck eingerichtet hatte. Über die Jahre hatten sie ihr System ausgefeilt und nur selten lief etwas schief.
Charly hatte einiges geschafft. Die roten Zeilen waren abgearbeitet, das meiste davon schon unterwegs, sogar ein paar Schnäppchen waren dabei. Nur zwei Reminder waren offen, die im Laufe des Tages fällig wurden. Sie sah auf die Uhr. Kurz vor zehn. ‚Vier Stunden, reicht für heute’, dachte sie, schickte ihrem Vater die Liste zurück und legte das Tablet zur Seite. Fast gleichzeitig hob Pollux, der ihr Gesellschaft geleistet hatte, mit aufmerksam gespitzten Ohren den Kopf und deutete mit einem halb verschluckten „Wuff“ einen Besucher an. Peter umrundete den Fliederbusch und hielt ihr einen Notizzettel entgegen.
„Bzgl. Unterstand, reicht Montag Abend? Gruß, Christian“, las sie. Darunter eine Handynummer.
With a Little Help from My Friends – Joe Cocker
Etwa zur gleichen Zeit wie am Vortag stieg Christian auf seine BMW und trat den Heimweg an. Er war enttäuscht. Auf dem Handy war keine Nachricht. Er hatte den Zettel frühmorgens in Peters Briefkasten gesteckt, weil er sie nicht wecken wollte und sich nicht sicher war, ob Pollux ihn schon zum auf dem Grundstück erwünschten Personenkreis zählte. Der Hund machte einen zu misstrauischen Eindruck. Tagsüber hatte er keine Zeit gehabt, aufs Handy zu schauen und war sich sicher gewesen, abends eine Info von ihr zu haben. ‚Habe ich ihre Neugier und ihre Blicke falsch interpretiert?’ In Gedanken versunken und langsamer als sonst fuhr er die Landstraße entlang. ‚Bei ihr klingeln?’, überlegte er, verwarf jedoch den Gedanken. ‚Sie ist dran. Ich werde erst am Montagabend bei ihr auf der Matte stehen.’
***
Es war Donnerstag, kurz vor Sonnenuntergang und Charly sauer. So selten sie Hilfe brauchte: Wenn es doch so weit war, war keiner greifbar. Sie hatte sich vom Bauern Heu und Stroh nachliefern lassen, der hatte ihr das wie immer ordentlich am Unterstand gestapelt. So weit alles paletti.
Auch die paar Säcke Pferdefutter einzukaufen war kein Akt; die Männer im Lager des Futtermittelmarktes kannten sie und hatten ihr ohne großes Aufhebens die Säcke in den Kofferraum des Transporters gehievt. Nur jetzt war keiner da, der beim Ausladen mit anpacken konnte. Peter nicht, und bei Beatrix hatte sie gerade vergeblich geschellt. Alleine mehrere Halbzentner-Säcke ums Haus zu schleppen wagte sie nicht ihrer Schulter zuzutrauen. Sie schritt Beatrix’ Einfahrt zur Straße zurück und fischte ihr Handy aus der Tasche.
‚Melli oder Sepp?’ Im Telefonbuch war noch der letzte Eintrag geöffnet. ‚Christian.’ Sie hatte morgens seine Handynummer in ihre Kontakte getippt.
Sie drückte die Ruftaste und wartete. ‚Nichts, er geht nicht ran.’ Enttäuscht ließ sie das Handy sinken. ‚Nachricht schreiben?’ Am Straßenrand blieb sie stehen und blickte unschlüssig auf ihr Telefon, als neben ihr ein Motorrad hielt. Sie sah auf und begann zu lächeln.
***
„Hi, ich hab grad versucht, dich anzurufen.“
„Ja?“ Er freute sich wie ein Schneekönig. „Was gibt’s?“
„Ich brauche Hilfe, um das Pferdefutter zum Stall zu bringen.“ Sie deutete nach gegenüber, auf einen schmalen, dunklen Tunnel aus Rhododendronbüschen.
„Kein Problem.“ Er kurvte in die Einfahrt, die leicht nach links bog und in ein Rondell mündete, in dem eine mächtige Blutbuche stand. Daneben parkte ein brauner VW-Bus.
Dahinter, etwas zurückgesetzt und ebenfalls von Rhododendren, allerdings niedrigeren, gesäumt, stand das Haus mit der Breitseite zu ihm. Flach und langgestreckt lag es in das umgebende Grün eingeduckt wie eine Katze im Gras.
Links von ihm führten die Fahrspuren weiter zu einem großen offenen Carport, der mehrere Motorräder beherbergte, und einer großen Scheune.
„So habe ich mir immer das Dornröschenschloss vorgestellt“, sagte er, als Charly zu ihm aufschloss. „Mit Türmchen allerdings“, ergänzte er.
Sie lachte. „Mein ganz persönliches Dornröschenschloss. Zwar ohne Türmchen, aber mit Pferd. Nur der Prinz fehlt.“
„Was nicht ist, kann ja noch werden“, antwortete er leichthin.
„Ach, höre ich da etwa Interesse?“, fragte sie ihn und öffnete den Kofferraum.
„Vielleicht?“, ging er auf ihren neckischen Tonfall ein.
„Gut zu wissen“, antwortete sie gleichmütig.
‚Na toll, das klingt nicht nach großer Begeisterung’, dachte er.
Sie zeigte ihm den Trampelpfad ums Haus herum zum Stall. Während er die Säcke vom Auto zum Stall trug und auf die geschlossene Seite der Futterkiste hievte, riss sie diese mit geübtem Griff auf und ließ den Inhalt hineinrinnen.
„Hast du schon was gegessen?“, fragte sie, als er mit dem letzten Sack hereinkam, ihn ablud und ihr beim Verstauen zusah.
„Nein.“
„Magst du mir Gesellschaft leisten?“
„Gerne.“ Er lächelte. ‚Ihre unkomplizierte Art gefällt mir’, dachte er. ‚Ist länger her, dass mich eine Frau zum Essen eingeladen hat. Auch wenn sie sich sonst nicht in die Karten schauen lässt.’
Gemeinsam kehrten sie zum Rondell zurück, sie ging weiter zur Scheune und schob einen der riesigen Torflügel auf. In der Dunkelheit darin waren ein zweiter, alter, bunt bemalter VW-Bus zu erkennen, daneben ein Rasentraktor und ein kleiner Schlepper. Ganz hinten in der anderen Hälfte der Scheune schimmerte etwas.
‚Das sieht aus wie … Heckflossen?’ Er blinzelte ungläubig. ‚Wie kommt sie an solch einen Wagen?’, fragte er sich erstaunt.
Sie hatte derweil den Bus geparkt.
„Du hast einen Cadillac?“
„Mein Winterprojekt“, antwortete sie sichtlich stolz. „Ich hab ihn aufgebaut. Jetzt muss ich nur noch einen gut zahlenden Käufer dafür finden.“
Langsam erholte er sich von seiner Überraschung. Ihre To-Do-Liste fiel ihm ein und es fügte sich zu einem Bild.
Er war im dämmerigen Schein der alten Lampe vorsichtig weiter ins Duster hineingetreten. Charly ging an ihm vorbei und drückte einen Schalter. Zwei moderne Werkstattleuchten tauchten die Scheune in gleißendes Licht und er kniff die Augen zusammen, bis sie sich an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten. Ehrfürchtig umrundete er den Cadillac.
‚Babyrosa lackiert und chromglänzend. Weiße Lederpolster. Das Auto ist ein Traum.’ Probeweise zog er am Griff der Fahrertür. Klackend öffnete sie sich. „Darf ich?“
„Sicher“, genehmigte sie.
Er setzte sich vorsichtig, schnappte die Schnallen an den Stiefeln auf und zog die Füße heraus. In Socken tastete er nach den Pedalen. „Bist du schon damit gefahren?“
Sie stieg neben ihm ein. „Natürlich. Ich muss doch testen, ob er läuft und heute Morgen habe ich Fotos gemacht.“
Er brannte darauf, den Wagen zu fahren.
Sie lächelte. „Wenn es nächste Woche schön ist, können wir eine Runde drehen“, bot sie ihm an. „Am Wochenende bin ich nicht da.“
Mühsam riss er seine Aufmerksamkeit vom Cadillac los und wandte sich ihr zu. „Motorradtour?“
„Jein. Ich fahre zwar mit der BMW hin, aber ich muss für meine Mam zu einem Fotoshooting in Görlitz. Sie entwirft Abend- und Brautkleider“, erklärte Charly.
„Hast du noch mehr Überraschungen zu bieten? Dann zähle sie am besten auf, ich bin gleich komplett überfordert.“
‚Ungelogen’, setzte er in Gedanken hinzu.
Charly lachte. „Ich weiß ja nicht, was für dich als Überraschung gilt. Für mich ist das alles normal. Komm, hilf mir, den Caddy abzudecken, ich habe Hunger.“
„Darf ich noch kurz …“, begann er scheu.
„Unter die Haube schauen? Klar!“
Summer Wine – Ville Valo & Natalia Avelon
Nachdem sie gemeinsam den Cadillac zugedeckt hatten, schob er das Scheunentor zu und wunderte sich, wie sie den schweren Flügel überhaupt bewegen konnte.
Im Haus lief eine breite Diele bis zur gegenüberliegenden Außenwand und einer weiteren Tür; ab der Hälfte führte eine alte, ausgetretene Holztreppe nach oben. Ebenfalls alte, breite Dielenbretter bedeckten den Boden. Links zog sich über die gesamte Länge der Diele eine gusseiserne Hakenleiste, an der mehrere Kombis hingen, darüber auf einem Bord mehrere Helme. Rechts stand ein schweres, dunkles Sideboard, darüber hing an einem Haken ein Jagdgewehr.
Die Küche war modern, hell und italienisch anmutend, das Wohnzimmer geräumig über die gesamte Breite am Südende des Hauses und über große französische Flügeltüren mit der ihm schon bekannten Terrasse verbunden. Ein moderner Kamin bildete einen interessanten Gegensatz zur sonst regionalen, gemütlichen Einrichtung.
„Was willst du trinken? Alkoholfreies hab ich nur Weizen und Wasser aus der Leitung“, rief Charly aus der Küche.
„Weizen klingt gut.“
„Hell oder dunkel?“
„Dunkel.“
Sie kam mit schnellen Schritten ins Wohnzimmer und stellte zwei Flaschen auf den rustikalen Esstisch. „Du machst Feuer, ich Essen“, wies sie an. Damit verschwand sie erneut in der Küche.
Zehn Minuten später saßen sie bei knisterndem Kaminfeuer im Wohnzimmer und futterten Nudeln mit Gorgonzolasauce.
„Sind das Spaghetti?“
„Capellini. Die brauchen nur drei Minuten“, grinste Charly. „Wenn ich Hunger habe, muss es schnell gehen.“
„Das werde ich mir merken“, schmunzelte er. „Schmeckt jedenfalls sehr gut.“
„Freut mich.“
„Woher wusstest du, was ich fragen wollte, in der Scheune?“
Sie lachte. „Weil jeder Mann unter die Motorhaube eines Caddys schauen will. Ich habe in Kuba jeden Taxifahrer verrückt gemacht, weil ich vor oder nach der Fahrt unbedingt den Motor sehen wollte. Das machen sonst nur Männer.“
„Du warst in Kuba?“
„Mit meinem Dad. Ist fast zehn Jahre her.“
Schweigend machten sie sich über ihre Portionen her. Sie besetzten die gegenüberliegenden Ecken des riesigen Big Sofas und er beobachtete sie während des Essens.
‚Sie beobachtet mich auch’, bemerkte er, ‚aber unauffälliger.’
„Ich wundere mich, dass wir uns noch nie gesehen haben“, eröffnete er ein unverfängliches Thema. ‚Sie wohnt neben meinem Patenonkel, fährt eine Handvoll auffälliger Fahrzeuge und wir haben uns noch nie gesehen? Das kann es eigentlich nicht geben!’ wunderte er sich insgeheim.
„Ich bin entweder zur Arbeit, bastele zu Hause oder bin auf Tour. Der einzige Motorradtreff, den ich hier in der Gegend anfahre, ist der, wo wir uns das erste Mal gesehen haben. Meist auch nur, wenn Mellis Motorrad muckt oder ich dringend einen Kaffee brauche.“
„Sie ließ sich partout nicht überreden, mir deine Telefonnummer zu geben“, schmunzelte er. „Du hast doch sicher Freunde?“
„Ist eine gegenseitige Abmachung aus der Zeit, als wir beide allein gewohnt haben.“
‚Bilde ich es mir ein, oder hat sich ein Schatten über ihre Züge gelegt?’, überlegte er. Ihre nächsten Worte lenkten ihn von seinen Betrachtungen ab.
„Freunde allgemein, oder einen Freund im Besonderen?“, neckte sie mit schelmischem Lächeln.
„Sowohl als auch“, ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen.
„Ich habe hier ein paar Leute, mit denen ich klettern gehe. Unter anderem Melli. In Chemnitz bin ich ein bisschen in der Clique meines Adoptivbruders verbandelt, aber einen festen Freund habe ich nicht“, gab sie preis.
Er lachte. „Jede Antwort von dir wirft drei neue Fragen auf, mindestens.“
„Dann frag doch. Wenn ich etwas nicht beantworten will, sage ich dir das schon.“
Er nahm sie beim Wort und fragte sie leidlich aus. Auch sie war neugierig und stellte so manche Frage. Nach dem Essen hielt sie ihr leeres Glas fragend in die Höhe. „Noch eins?“
Er streckte sich, zögerte. Er war müde und hatte überhaupt keine Energie mehr, sich jetzt aus der kuscheligen Kaminwärme aufs Motorrad zu setzen und nach Hause in seine kalte Wohnung zu fahren. ‚Noch nicht’, dachte er. „Ich sage nur eben meinem Vater Bescheid, dass es später wird.“
Sie nickte und brachte das Geschirr in die Küche. Solange er sprach, beschäftigte sie sich da und kehrte mit zwei vollen Bierflaschen zurück. Sie hatte es sich eben wieder gemütlich gemacht, als draußen ein heller Blitz aufzuckte, gefolgt von einem krachenden Donnerschlag, dann rauschte Platzregen herab.
„Verdammt, mein Helm!“ Er schoss vom Sofa hoch, aber sie war schneller. Als er bei der Haustür ankam, schlüpfte sie gerade in Stiefeln und Regenponcho hinaus, schnappte den Helm vom Spiegel und die Handschuhe aus dem Cockpit, kam zurück und packte beides aufs Sideboard.
„Ich mache dir unterm Dach Platz!“ Schon war sie wieder draußen. Er folgte ihr. Als er am Carport ankam, hatte sie eine kleine schwarze Suzuki in die hintere Ecke verfrachtet. Er trabte zu seiner BMW und schob sie in die entstandene Lücke. Dann rannten sie zusammen zurück ins Haus. Lachend drückte sie ihm ein Handtuch in die Hand. „Siehst aus wie ein nasser Hund.“ Sie lüpfte sein T-Shirt, das an seinem Oberkörper klebte wie eine zweite Haut. „Zieh es aus, ich stecke es in den Trockner.“
Als er zögerte, schnaubte sie ungeduldig. „Ich werde vom Anblick deines nackten Oberkörpers weder umfallen noch dich anfallen.“
„Schade“, grinste er und zog sich das Shirt über den Kopf. ‚Letzteres fände ich durchaus interessant’, dachte er. Es laut auszusprechen wagte er jedoch nicht.
***
‚Himmel, hat der Mann einen Körperbau!’ Sie musste sich arg zusammenreißen, um ihren letzten Satz nicht auf der Stelle zu revidieren. ‚Unverfängliches Thema!’ Aber ihr Kopf war wie leer gefegt. Zurück im Wohnzimmer fiel ihr Blick auf die noch ungeöffneten Bierflaschen. „Die oder lieber einen Wein?“
„Ist das jetzt die Einladung, über Nacht zu bleiben?“, fragte er prompt und ließ ihr keine Zeit zur Antwort. „Dann gerne Wein.“
Entspannt stand er im Türrahmen. Sein Lächeln war eindeutig lasziv, bevor es verschwand und er mit langsamen Schritten auf sie zukam, die nackten Füße lautlos auf den alten Dielen.
‚Stop, das geht mir zu schnell!’ Gehetzt sah sie sich im Zimmer um und entdeckte ihren iPod auf dem Tisch. Sie drückte das Gerät in seine Hand. „Such dir was aus, ok?“ Dann flüchtete sie in den Keller.
‚Charly, jetzt reiß dich zusammen!’, schalt sie sich lautlos. ‚Ja, er sieht verdammt gut aus. Ja, er hat mir geholfen und ich habe ihn eingeladen. Und er ist geblieben’, betonte sie. ‚Das muss aber nichts zu sagen haben. Mach nicht mehr daraus, als es höchstwahrscheinlich ist. Behalte die Nerven.’
Als sie zurückkam, lief „Hello“ von Lionel Ritchie und er war immer noch mit dem Gerät zugange. Er sah nur kurz auf. „Ich habe eine neue Liste erstellt bzw. bin noch dabei. Du hast interessante Songs.“
„Zum Beispiel?“, fragte sie atemlos. Hoffentlich bezog er es darauf, dass sie gerade die Kellertreppe hochgerannt war. Sie setzte den Korkenzieher an, als er geschmeidig wie eine Katze vom Sofa schnellte und ihr die Flasche abnahm. Erschreckt trat sie einen Schritt zurück. Bis jetzt war es ein Spiel, aber plötzlich wurde ihr bewusst, dass er sehr viel größer war als sie.
‚Schwerer.’
‚Und stärker.’
Und sie waren allein.
Ihre Nackenhärchen stellten sich auf.
***
‚Ich habe sie erschreckt. Aber da ist noch etwas in ihrer Haltung’, dachte Christian. Er musterte sie prüfend, während er die Flasche öffnete und den Wein eingoss, darauf bedacht, keine abrupten Bewegungen zu machen. Er reichte ihr eines der Gläser.
Sie nahm es mit einem Lächeln.
Was auch immer es gewesen war, es war verschwunden. „Sofa oder Bett?“ Er lächelte ein langsames, verheißungsvolles Lächeln.
„Hättest du wohl gern.“ Sie tippte ihm auf die Brust. „In meinem Bett schlafen nur Amadeus und ich.“
‚Moment, wer ist Amadeaus?’, fragte er sich, verfolgte die Frage aber nicht weiter. Zeit genug, später. „Du weißt nicht, was dir entgeht“, schäkerte er sacht, zog sich aber in seine Sofaecke zurück.
„Ich habe es die ganze Zeit vor Augen.“ Bedeutungsvoll wanderte ihr Blick über seinen nackten Oberkörper.
‚Ah, dir gefällt, was du siehst? Nun, ich würde auch gern mehr sehen.’ Es war der falsche Gedanke und eilig griff er auf seine Überlegung von eben zurück. „Wer ist Amadeus?“
„Mein Kater. – Trainierst du?“
„Zwei bis dreimal die Woche Krafttraining. Gelegentlich joggen. Und klettern.“ Er erwartete, dass auch sie in ihre Ecke zurückkehren würde. Stattdessen kuschelte sie sich neben ihn. Aber ihre Reaktion von vorhin gemahnte ihn zur Vorsicht.
„Halle oder draußen?“, fragte sie.
„Beides.“
Sie fachsimpelten. Zuerst über Schwierigkeitsgrade und Routen in der Fränkischen, dann gingen sie die Kletterhallen der Region durch. Nach einiger Zeit wagte er es, den Arm um sie zu legen. Sie schmiegte sich an ihn und legte ihre Hand auf seinen Bauch. Sanft streichelnd, Kreise und Kringel malend, während sie sprachen, wurden ihre Bewegungen immer träger, bis sie ganz aufhörten und ihr regelmäßiger Atem verriet, dass sie eingeschlafen war.
Er betrachtete sie ungläubig. ‚Das hat auch noch keine geschafft, mich bis unter die Decke zu jagen und dann mir nichts, dir nichts einzuschlafen.’ Er wand sich unter ihrem Arm hervor, suchte und fand das Bad und kehrte zu ihr zurück. ‚Gehen oder bleiben?’
Er brachte es nicht übers Herz, sie allein zu lassen und schob sich vorsichtig wieder zu ihr aufs Sofa. Umständlich zog er eine der Decken heran und deckte sie beide zu, dann glitt auch er zu den getragenen Klängen von John Lennon’s „Imagine“ in den Schlaf.
***
Ein kühler Luftzug strich um seine Nase. Er lag auf einem ihm fremden Sofa und brauchte einen Moment, um sich die Ereignisse des letzten Abends in Erinnerung zu rufen. Statt Charly hatte es sich ein glänzend schwarzer Kater an seiner Seite bequem gemacht. „Du bist dann wohl Amadeus“, sprach er das Tier an und bot ihm einen Zeigefinger zum Schnuppern. Schnurrend rieb Amadeus den Kopf an seiner Hand, forderte mit ekstatischem Genuss mehr Zuwendung. Schmunzelnd gewährte er sie. „Auch wenn ich lieber dein Frauchen kraulen würde“, vertraute er ihm leise an und sah sich nach ihr um. Die Wohnung jedoch schien leer.
Die Terrassentür stand offen, die bodenlangen Vorhänge bewegten sich sanft im Luftzug. Sehr zum Missfallen des Katers erhob er sich und trat in den kühlen Morgen hinaus. Tau glitzerte auf dem Gras.
Auf dem Gartentisch stand eine dampfende Tasse, der verheißungsvoller Duft nach Kaffee entströmte. Im Vorbeigehen nahm er sie mit und ging zur Koppel hinunter, auf der Charly einhändig den großen Braunen putzte. Der brummelte ihm freundlich entgegen und sie unterbrach ihre Arbeit. „Guten Morgen. Gut geschlafen?“, begrüßte sie ihn.
„Bestens“, erwiderte er. „Nur etwas einsam aufgewacht.“
Sie schmunzelte. „Ich bin zu zappelig, um lange im Bett zu bleiben, wenn ich wach bin“, erklärte sie. „Ich wollte dich nicht wecken. Napoleon und die anderen warten auf mich.“
„Napoleon?“, fragte er zurück.
Sie deutete auf den Braunen neben sich.
„Netter Zufall. Mein Hund heißt auch so.“
Sie schwiegen sich eine Weile unbehaglich an, dann hielt er die Kaffeetasse in die Höhe.
„Trink du. Solange er noch heiß ist. Ich putze ihn eben fertig“, winkte sie ab.
Er ging auf die Terrasse zurück und beobachtete sie aus der Ferne. Es dauerte etwa zehn Minuten, bis sie sich durch den Koppelzaun duckte und ebenfalls zur Terrasse kam. Er folgte ihr ins Haus.
„Frühstück?“, bot sie an.
Bedauernd schüttelte er den Kopf. „Ich muss zur Arbeit.“
„Wie du willst“, akzeptierte sie ungerührt.
‚Ich werde nicht schlau aus ihr’, dachte er. Sie nicht aus den Augen lassend zog er seine Motorradjacke an. „Dann sehen wir uns Montag“, stellte er fest, sorgsam darauf bedacht, es nicht als Frage erscheinen zu lassen.
Sie hielt ihm die Haustür auf und lächelte. „Ich freu mich drauf.“
„Pass auf dich auf, ja?“
„Mach ich“, versprach sie.
Im Losfahren sah er, wie sie ihm eine Kusshand zuwarf.
Objekt der Begierde – Rosenstolz
Charly stand im Hotelzimmer und erwog die Risiken, zweihundert Meter ohne Helm bis zum Parkplatz zu fahren versus extra wegen des Helmes noch einmal ins Zimmer zurückkehren zu müssen. Sie entschied sich für die erste Variante und war danach gerade auf dem Weg zur Peter-und-Paul-Kirche, als sie hinter sich das charakteristische Röhren eines Porsche vernahm. PS-vernarrt, wie sie war, drehte sie sich um und erkannte Fahrzeug und Fahrer sofort. Er bog gerade auf den Hotelparkplatz ein.
„Was macht der hier?“ Erschrocken über ihren lauten Ausruf schlug sie die Hand vor den Mund. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und sie sah sich um. Niemand war in der Nähe. Kurz darauf kam der Mann auf sie zu.
‚Ruhig bleiben, er kennt mich nicht. Für ihn bin ich irgendeine junge Frau. Also bleibe ich stehen und schau, was er macht.’ Sie wandte sich eilig zum Gemäuer des Nikolaiturmes um und tat, als studiere sie die daran befindliche Infotafel. Er grüßte, sie grüßte beiläufig zurück. Dann folgte sie ihm mit dem Blick und einem kleinen, aufgeregten Triumphgefühl im Magen. ‚Er hat gegrüßt!’
Als ihr die Peter-und-Paul-Kirche ins Auge fiel, beeilte sie sich, ihm zu folgen. Er bog zum Hotel ab, sie überholte ihn und schlüpfte durchs Kirchenportal. Gerade noch rechtzeitig zum Beginn des Orgelkonzertes.
Als sie anschließend die Kirche verließ und die Neißebrücke ansteuerte, bemerkte sie, dass er ebenfalls aus der Kirche trat und ihr langsam in einigem Abstand folgte. Unauffällig sah sie zurück. ‚Macht er das absichtlich?’
‚Charly, er ist Architekt’, sagte sie sich, die Hand auf dem Geländer und den Blick auf das beruhigend gleichmäßig fließende Wasser gerichtet. ‚Er schaut sich vermutlich die Stadt an.’ Sie grübelte noch einige Minuten, dann nahm sie sich zusammen. ‚Ich vergesse jetzt, dass es Männer gibt, und genieße es, endlich wieder hier zu sein.’
Tief atmete sie ein. Auf dem Berg thronte die Kirche und sie spürte das vertraute Glücksgefühl. ‚Wieder hier’, dachte sie mit tiefer Dankbarkeit. Sie hielt sich nicht mehr lange auf der Brücke auf, sondern kehrte auf die deutsche Seite zurück. Ursprünglich war ihr Plan gewesen, über die Ochsenbastei zurückzugehen, aber sie hatte Hunger, also kürzte sie ab und steuerte den Untermarkt an. Wenigstens zum Flüsterbogen wollte sie.
***
„Ich fühle mich verfolgt!“
„Von wem?“ Instinktiv trat Gereon schützend vor die junge Frau und spähte ins Halbdunkel des Torbogens, aus dem sie herausgetreten war.
„Von Ihnen!“ Die Hände in die Seiten gestützt und den Kopf forschend schräg gelegt, sah sie ihn an. Etwas schwang in ihrer Stimme mit.
‚Distanz?’
‚Herausforderung?’
‚Oder … Flirt?’
„Oh …“, ertappt fuhr er sich durch die Haare und fügte ein verspätetes „Das tut mir leid“ an.
Sie musterte ihn scharf von oben bis unten, lächelte dann und antwortete leichthin: „Ok.“
Fasziniert beobachtete er, wie sich ihre Lippen um das kleine Wörtchen kräuselten.
***
Charly amüsierte sich. Er war ihr durch die halbe Altstadt gefolgt und konnte jetzt den Blick nicht von ihr wenden. Sie wollte ihn nicht auslachen und ihn auch nicht verletzen, doch die Situation war zu schön, um sie nicht zu genießen. ‚Er sieht aber auch gut aus.’
Die bisherigen kurzen Begegnungen hatten nicht zuviel versprochen. Durchtrainiert, mit schmalen Hüften und breiten Schultern, trotzdem kein Muskelprotz, sondern eher schlank. Die Ärmel des T-Shirts umspannten den Bizeps und unter dem Shirt konnte sie das Sixpack erahnen. Und er war deutlich größer als sie. ‚Genau, wie ich es mag.’
Sie wies auf den Torbogen. „Wissen Sie, was das ist?“
***
Gereon lächelte. ‚Wer, wenn nicht ich?’, dachte er und antwortete: „Ein Flüsterbogen. Die Biegung überträgt die Schallwellen so, dass Sie Worte, die an einem Ende geflüstert werden, am anderen Ende deutlich verstehen.“
Sie lachte. „So steht es im Reiseführer. Aber nachprüfen konnte ich es noch nie.“
Endlich hatten seine Synapsen wieder Kontakt gefunden und arbeiteten präzise. ‚Aha, nicht von hier, aber schon mehrmals hier gewesen – und offenbar immer allein’, speicherten seine grauen Zellen in Windeseile ab. „Möchten Sie es ausprobieren?“
Ihre Augen funkelten kurz auf. “Gerne!“ Sie kletterte auf den Prellstein und lauschte erwartungsvoll.
Schmunzelnd stieg Gereon seinerseits auf den anderen. „Sie haben wunderschöne Augen.“ Er lauschte dem Schweigen am anderen Ende, dann klang ein leises „Danke“ zurück.
***
Befangen sprang Charly vom Prellstein herunter. Es war nicht das erste Mal, dass sie vor dem Flüsterbogen stand und es bedauerte, dass eine zweite Person für den Flüstertest fehlte. Sie hatte eine Belanglosigkeit erwartet, kein Kompliment.
Ihr Magen enthob sie der Gedanken über den weiteren Verlauf, indem er laut und vernehmlich knurrte.
„Hunger?“, drang seine Stimme an ihr Ohr und sie sah zu ihm auf. Seine Augen waren grün, ihr Ausdruck unergründlich.
„Ja“, antwortete sie. „Ich gehe zurück zum Hotel. Vielen Dank für … das Experiment.“ Sie nickte in Richtung Flüsterbogen.
„Gerne.“
***
‚Verdammt, ich bin zu früh, zu direkt gewesen. Das Kompliment hat sie irritiert. Kein Mädel, das sich von schönen Worten blenden und um den Finger wickeln lässt’, schalt er sich innerlich. „Wo ist Ihr Hotel?“, fragte er schnell, ehe sie sich abwenden konnte.
Ihr Blick, eben nur irritiert und nachdenklich, wurde schlagartig misstrauisch.
„Nicht, dass Sie sich wieder von mir verfolgt fühlen“, erlaubte er sich einen leichten, flirtigen Tonfall. Erleichtert sah er, wie sie sich entspannte und lächelte. Irgendwie sogar schelmisch.
„Neben der Kirche, ein paar Schritte die Straße rauf.“ Sie wies in die entsprechende Richtung.
„Da übernachte ich auch.“ Er konnte es kaum glauben. ‚Sie wohnt im selben Hotel?’
***
Charly musste sich zusammenreißen, um nicht zu lachen; das übermütige Grinsen konnte sie sich allerdings nicht verkneifen. Womit sie ihn noch mehr verwirrte. „Dann begleiten Sie mich doch. So bin ich vor jeglicher Verfolgung sicher.“
‚Und ich weiß, dass er Interesse an mir hat’, frohlockte sie.
Schweigend gingen sie nebeneinander den schmalen Gehsteig entlang. Verstohlen warf sie ihm ab und zu einen Blick zu. ‚Eigentlich wollte ich noch irgendwo essen. Ob ich ihn fragen soll?’
Da waren sie auch schon am Hotel angekommen, er hielt ihr die Tür auf und ließ sie eintreten. Sie fischte ihren Zimmerschlüssel aus der Jeans und ging zur Treppe.
***
Auf der zweiten Stufe drehte sie sich um.
„Darf ich Sie zum Essen einladen?“, setzte Gereon alles auf eine Karte und wies zum hoteleigenen Restaurant.
„Das wollte ich Sie auch gerade fragen“, antwortete sie trocken.
Er lachte. „Dann sind wir uns ja einig.“
Sie lächelte. „Ich ziehe mich nur eben um. Bin in zehn Minuten wieder hier.“
„Viertelstunde!“, rief er ihr nach und schritt seinerseits durch den Gewölbegang, um die hintere Treppe zu seinem Zimmer zu nehmen. Berlin war erfolgreich gewesen, die Fahrt entspannt und jetzt hatte ihm der Zufall sogar noch eine Verabredung beschert. ‚Nun gut, ich habe nachgeholfen.’
Trotzdem. Der Abend ließ sich gut an.
***
Knapp fünfzehn Minuten später stand er wieder am Fuß der Treppe, geduscht und das T-Shirt gegen ein Hemd getauscht. Er lauschte nach oben, alles still. ‚Dann schaue ich derweil auf die Speisekarte.’
Das Klappern von Absätzen auf den obersten Treppenstufen schreckte ihn aus seinem Lesestoff, der ihm den Mund wässrig gemacht hatte. Er blickte hoch und fühlte seine Kinnlade nach unten klappen. Mit etwas Mühe machte er den Mund zu und starrte wie hypnotisiert auf das Wesen, das, eine Hand leicht auf dem Geländer liegend, die Treppe herabstieg. In Jeans, Turnschuhen und der locker sitzenden Hemdbluse war sie attraktiv, jetzt … ‚Eine Göttin!’
Rote High Heels – ‚das sind mindestens zehn Zentimeter’ – dazu ein schulterfreies Sommerkleid, der obere Teil weiß, ab der Taille einzelne Blüten, der Rock eine prächtige bunte Sommerwiese. ‚Züchtig bis zu den Knien.’ Eine schöne Oberweite, die Taille so schmal, dass er meinte, sie mit beiden Händen umfassen zu können. ‚Ich werde es früher oder später ausprobieren’, versprach er sich selbst. ‚Lieber früher denn später. Tolle Beine’, schloss er seine Inventur ab. In seinem Kopf überschlugen sich Bilder, die nichts an Eindeutigkeit vermissen ließen. ‚Langsam’, ermahnte er sich.
Auf der untersten Stufe blieb sie stehen, fast Aug in Auge mit ihm. Er musste sogar etwas zu ihr aufsehen. ‚Komplett ungewohnt.’
„Wow!“, war das Einzige, was ihm einfiel, und er versuchte auch gar nicht, die Atemlosigkeit aus seiner Stimme herauszuhalten. „Sehr …“
Er hatte ‚sexy‘ sagen wollen, als ihm einfiel, dass sie sich kaum kannten, sich siezten und er noch nicht einmal ihren Namen wusste.
***
“Sexy?“, vervollständigte Charly nach einer kleinen Pause seinen angefangenen Satz.
Er hatte nicht gewagt, es auszusprechen, aber sie konnte es nicht lassen. Mochte er denken, dass sie leicht zu haben war. Sie würde ihm das Gegenteil beweisen.
Er schluckte. Nickte.
„Schön, dass es Ihnen gefällt. Ich habe nicht oft Gelegenheit, es auszuführen.“
Er hielt ihr die Tür zum Restaurant auf.
Sie wählte einen ruhigen Ecktisch und glitt auf die Bank.
Er nahm ihr gegenüber Platz.
Die Bedienung brachte ihnen die Karten und fragte auch gleich, wie die Rechnung ausgestellt werden solle. Ihre Antworten fielen gleichzeitig – und konträr.
„Ich weiß die Geste zu schätzen und freue mich über Ihre Gesellschaft,“, erklärte sie charmant lächelnd an ihn gewandt, „aber mein Essen bezahle ich selbst. - Getrennt“, bekräftigte sie bestimmt in Richtung der Bedienung und vertiefte sich in ihre Speisekarte.
***
Er musterte sie über den Rand der seinigen hinweg und wusste nicht, ob er sich ärgern oder amüsieren sollte. Er mochte selbstbewusste und unabhängige Frauen, die ihm auf Augenhöhe begegneten, aber er verwöhnte gern, und ein etwas altmodisches Rollenverständnis konnte er nicht leugnen. ‚Dazu gehört, dass ich im Restaurant die Rechnung übernehme.’
Da klappte sie die Karte zu, nahezu gleichzeitig stand die Bedienung neben ihm und sie sah ihn fragend an. Er nickte.
„Den kleinen Salat und ein Wasser, bitte.“
‚Typisch’, seufzte er innerlich. Er spürte seine Begeisterung in sich zusammensacken wie einen undichten Luftballon.
Sie sprach bereits weiter. „… Angus Rib Eye Steak, englisch …“
‚Ich habe mich verhört! Rib Eye? Englisch?’
Sie war noch nicht fertig. „… und die Crème brûlée. Bitte.“
‚Was?’ Er staunte sie an.
Sie klappte die Karte zu, nahm die Weinkarte und bestellte ein Glas des gleichen Rotweins, den er im Visier hatte.
„Gern. – Für Sie?“, fragte ihn die Bedienung.
***
„Was führt Sie nach Görlitz?“, fragte er, als seine Bestellung aufgegeben war. Dreist hatte er den Wein auf eine Flasche aufgerundet, die seiner Rechnung zuzufügen sei. Was sie kommentarlos akzeptierte. ‚Interessant.’
„Das Notwendige mit dem Angenehmen verbinden“, antwortete sie kryptisch, legte abwägend den Kopf schräg und fragte ihrerseits: „Kennen Sie ‚Mein Haus, mein Auto, meine Yacht’?“
„Wenn Sie auf die Fernsehwerbung anspielen, ja, auch wenn ich nicht weiß, wofür.“ ‚Worauf will sie hinaus?’, fragte er sich.
„Das weiß ich auch nicht mehr“, gab sie zu. „Es ist ein Spiel, das wir in unserer Clique spielen, wenn wir neue Leute kennenlernen. Ist lustiger, als sich auszufragen.“
„Sie gehen also davon aus, dass ich Sie ausfragen werde?“
„Sie haben schon angefangen!“, lachte sie ihn an.
‚Ertappt. Schon wieder’, dachte er unbehaglich. „Wenn es ein Spiel ist, gibt es Spielregeln?“, konzentrierte er sich auf sie.
Es gab nur zwei Bedingungen. Die Antwort musste der Wahrheit entsprechen. Ansonsten konnte sie als Foto, Schlagwort oder allgemeinverständliche Geste, hier hatte er sie noch intensiver beobachtet als sowieso schon, erfolgen. Das Thema wurde wechselseitig vorgegeben, aber es mussten beide ein Statement abgeben.
„Dann fangen Sie an“, forderte er sie auf.
„Mein Haus“, antwortete sie prompt.
Das Bild, das sie ihm auf ihrem Smartphone entgegenhielt, ließ keine Aussage über ihren Herkunftsort zu.
‚Ländlich, aber nichts, das ich regionaltypisch zuordnen kann. Marke, Modell und Zustand des Telefons sind da schon aufschlussreicher. Aktuell, gepflegt und – teuer.’
Sie betrachtete das Foto seines Hauses aufmerksam und stellte einige Fragen.
Dann war es an ihm. Er wählte statt des naheliegenden Autos Motorrad. Zum einen wollte er mit dem Porsche nicht mehr angeben als nötig, zum anderen interessierte ihn ihre Reaktion aufs Motorradfahren. Sein Foto zeigte hauptsächlich den Hinterreifen, nach einem Wochenende auf dem Nürburgring.
Ein unergründliches Lächeln umspielte ihre Mundwinkel und kräuselte ihre Lippen. „Sieht so aus, als sei ein neuer Reifen fällig.“
„Schon drauf“, antwortete er, lehnte sich zurück und versuchte, ihre Antwort einzuschätzen. ‚Sie kennt sich offenbar aus, gut genug jedenfalls, um einen abgefahrenen Reifen zu erkennen.’
Sie deutete ein Daumen hoch an und schien unschlüssig zu sein. „Wo war das?“, fragte sie.
‚Täuscht mein Eindruck, oder will sie von sich ablenken, Zeit gewinnen?’, überlegte er.
Sie nickte leicht abwesend zu seiner Antwort.
‚Als ob sie damit gerechnet hätte. Nun gut, so viele Rennstrecken gibt es in Deutschland nicht.’
Ihre Finger tippten auf dem Touchscreen. Dann sah sie ihm in die Augen und reichte ihm das Telefon. Das Bild zeigte eine kleine Enduro im Gelände, starrend vor Dreck, der Helm auf dem rechten Spiegel, der linke hing in unnatürlichem Winkel herunter, sie stand auf den Fußrasten und grinste breit in die Kamera. Da sie genauso dreckig war wie das Motorrad, musste sie es selber gefahren haben.
„Sieht so aus, als habe es Spaß gemacht.“
„Hat es“, gab sie knapp zurück. „Jedenfalls bis etwa zwei Sekunden nach dem Foto“, ergänzte sie mit einem eigenartigen Zug um die Mundwinkel. Halb lächelnd, halb ärgerlich.
„Wieso?“, erlaubte er sich ein halbes Schmunzeln.
„Dann bin ich mit dem Ding umgekippt.“ Widerwillig lächelte auch sie.
„Ich hätte Sie gern aufgehoben.“ Er sah ihr in die Augen, bis sie den Blick senkte. ‚Errötet sie? Es ist im gedämpften Licht nicht auszumachen.’
„Zweifellos“, antwortete sie mit einem frechen Zug um die Mundwinkel.
‚Wie schafft sie es, so cool zu bleiben?’, bewunderte er sie. „Fahren Sie öfter?“
„Wenn es sich anbietet“, wich sie aus.
‚Das Motorradfahren scheint ein heikles Thema zu sein.’ Er beschloss, es vorerst nicht weiter zu verfolgen.
„Mein Pferd“, fügte sie an und hielt ihm ein neues Bild hin. Es war ein winziges Pony, das frech unter einem Wust Schopfhaare in die Kamera blickte. Unwillkürlich musste er lachen. „Der Hund meines Kumpels ist größer.“
„Keine Kunst. Freddy hat grade mal zweiundsiebzig Zentimeter Stockmaß.“
„Was machen Sie mit ihm? Mit ins Bett nehmen?“ Er hob anzüglich grinsend eine Augenbraue.
„Der Job ist vergeben.“ Sie lächelte unschuldig zurück.
‚Wie soll ich das verstehen? Vor allem, drauf antworten?’, überlegte er.
Sie ließ ihn nicht aus den Augen, offenbar gespannt auf seine Reaktion.
„Oh, und an wen, sofern ich fragen darf?“
„Sie dürfen.“ Sie lachte jetzt richtig. Nahm ihm das Handy ab und hielt es ihm gleich darauf mit einem neuen Foto entgegen. Eine schwarze Katze mit riesigen grünen Augen. Er hob seinen Blick zu den ihren. ‚Blau.’
Sie hatte sich vorgebeugt, jetzt lehnte sie sich zurück und ihre Augen wurden im schummerigen Licht wieder dunkler und unbestimmbarer.
„Meine Wärmflasche. Amadeus“, erklärte sie. „Sie sind dran.“
„Ich fürchte, ich muss passen. Ich habe weder Pferd noch Katze. Auch keine Wärmflasche.“ Er ließ seine Stimme ein paar Töne tiefer wandern. „Auch sonst niemanden zum Wärmen.“
Die Härchen auf ihren Armen hoben sich, beobachtete er mit Genugtuung. Aber sie hatte sich gut im Griff; ihre Antwort war leicht, unbeschwert, wenn auch flirtig. „Was nicht ist, kann noch werden.“
‚Oha, ist das ein Angebot?’ Die Ankunft der Bedienung enthob ihn einer sofortigen Reaktion. Die Atempause war bitter nötig. Das Mädel verwirrte ihn schneller, als er es je von einer Frau für möglich gehalten hätte.
***
Die Vorspeise wurde serviert. Charly atmete langsam aus.
‚Ruhig!’, ermahnte sie sich. ‚Übertreibe es nicht.’ Sie konzentrierte sich auf ihr Essen, warf ihm nur gelegentlich einen verstohlenen Blick zu. Ihre Gedanken rasten.
‚Was ist ein unverfängliches Thema? Bei diesem Tempo werde ich morgen allen guten Vorsätzen zum Trotz im falschen Zimmer aufwachen.’
‚Ich habe einen leichten Vorteil’, überlegte sie. ‚Immerhin weiß ich, wer er ist. Er dagegen bringt mich sehr wahrscheinlich nicht mit der Motorradfahrerin von der Ampel vor einigen Wochen in Verbindung. Auf meine Kollegen ist Verlass; die haben nichts verraten, obwohl er sich zum Richtfest nach meinem Bus erkundigt hat, wie Sepp berichtete. Ob er den Bogen dahin schlägt, wenn ich meinen Beruf offenbare?’
„Womit verdienen Sie Ihre Brötchen?“, fragte sie unvermittelt.
***
Er konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. ‚Sie will beeindrucken. Und nicht viel preisgeben. Was mich betrifft, so hat sie diese Ziele bisher übertroffen. Ihre Antworten haben mehr Rätsel aufgeworfen, als sie gelöst haben. Ihre letzte Frage allerdings verrät mir mehr, als ihr vermutlich lieb ist. Sie ist also doch nicht so cool, wie sie vorgibt.’ Er schob ihr sein Handy hin. „Mein Schreibtisch.“
Sie studierte das Bild auf dem Display und ließ sich Zeit. „Ist das ein Modell der Dresdner Frauenkirche?“
Erstaunt betrachtete er sie. Das Modell war auf dem Bild nur sehr verschwommen im Hintergrund zu sehen, noch dazu war es angeschnitten und es zeigte nur etwa ein Drittel davon. Ihr erwartungsvoller Blick erinnerte ihn, dass er noch nicht geantwortet hatte und er nickte.
„Dann tippe ich auf Architekt.“ Sie sah ihn fragend an.
„Stimmt“, fing er sich rechtzeitig. „Und Sie?“
Das Bild, das sie ihm reichte, ließ nicht viel Aussage zu. Ein atemberaubender Blick über eine waldreiche, trotzdem abwechslungsreiche Hügellandschaft, die ihm vage bekannt vorkam. „Offensichtlich kein Bürojob.“
„Blättern Sie eines weiter. Das ist zwar älter und woanders, aber aussagekräftiger.“ Ihre Stimme klang amüsiert.
Es war ein beeindruckendes Foto. Ein dramatischer Wolkenhimmel, darunter hohe, schneebedeckte Berge, davor ein See. Ganz im Vordergrund war ein kleiner Teil eines Dachfirstes im Rohbau zu sehen – und sie in Zimmermannskluft, die darauf stand und sich zum Fotografen umwandte.
„Wie hoch war das?“ Er merkte selbst, dass er sich aggressiv anhörte.
„Zehn, zwölf Meter. Noch nichts, wo ich Herzklopfen bekomme.“ Ihre Antwort war spielerisch leicht, enthielt aber einen warnenden Funken.
‚Reiß dich zusammen!’ Er schluckte den Kommentar, der ihm auf der Zunge lag, hinunter und wechselte abrupt das Thema. „Womit verbringen Sie Ihre Freizeit?“ Er konnte nicht verhindern, dass auch aus dieser Frage eine gewisse Schärfe klang.
„Es wird Ihnen nicht gefallen“, verhieß sie ihm.
Er sah auf das Foto und spürte sein Herz stolpern. Es war ein Fallbild beim Klettern. ‚Vorstieg. Pendelsturz.’ Er lehnte sich tief durchatmend zurück. „Sie haben recht. Es gefällt mir nicht. Aber da sind Sie wenigstens gesichert. – Im Übrigen ein Hobby, das wir teilen.“
Sein Foto ließ keine Fragen zu seinem muskulösen Oberkörper offen. Sie betrachtete es unter gesenkten Lidern.
‚Schau mich an, Kleine. Ich will wissen, wie dir gefällt, was du siehst!’ Leider tat sie ihm diesen Gefallen nicht.
„Sächsische Schweiz?“, fragte sie.
„Fränkische“, korrigierte er.
Während des Hauptganges blieben sie zunächst beim Bergthema und schweiften später zu verschiedenen Ausflugs- und Urlaubszielen Deutschlands und deren Besonderheiten ab.
***
„Sie sind viel unterwegs“, stellte er zusammenfassend fest.
„An den Wochenenden. Unter der Woche, eher lazybones“, antwortete sie.
„Wie darf ich mir das vorstellen?“ Diesmal verhinderte er nicht, dass seine Stimme einen verführerischen Singsang annahm.
„Hmm“, wurde auch ihre Stimme dunkler. „Decke, Buch, Wein, Kater, Feuer. – Und Schokolade“, fügte sie hinzu. „Und selbst?“
Er imitierte ein gelangweiltes Lümmeln und Zappen im Sekundentakt.
Sie lachten gemeinsam.
***
Sie genoss ihr Dessert sichtlich.
Er genoss es, ihr dabei zuzusehen.
„Waren Sie schon im Jugendstil-Kaufhaus?“, fragte sie plötzlich.
Überrascht schüttelte er den Kopf.
„Möchten Sie rein?“
„Würde ich gerne“, zuckte er die Schultern. „Geht aber nicht.“
„Was haben Sie morgen vor?“, fragte sie unbeirrt weiter.
„Nichts Konkretes.“ – ‚Worauf will sie hinaus?’, wunderte er sich.
„Vielleicht kann ich was arrangieren. Etwa am frühen Nachmittag.“ Sie pausierte kurz und ihre stahlblauen Augen fixierten ihn über ihren Löffel hinweg. „Sofern Sie eine Handynummer für mich haben.“
‚Und ich grübele die ganze Zeit, wie ich an ihre Nummer komme, ohne plump zu fragen. Raffiniert, das Mädel.’ Er reichte ihr seine Visitenkarte. „Ich freue mich darauf.“
***
Die Tür des Hotels stand offen und sie trat aufatmend in den milden Frühsommerabend hinaus.
„Ich mache noch einen Spaziergang zur Kirche.“
„Darin?“ Zweifelnd nickte er in Richtung ihrer High Heels und zog die Augenbrauen hoch.
„Natürlich.“ Anmutig schritt sie über die großen Pflastersteine aufs Kirchenportal zu.
‚Atemberaubend. Ihre Silhouette: perfekt.’ Seine Gedanken begannen sich damit zu beschäftigen, was sie wohl darunter tragen mochte.
Ohne viel zu sprechen, umrundeten sie die Kirche halb. Eine Mauer begrenzte den Kirchhof zum Fluss hin. An deren Innenseite verlief eine Erhöhung. Sie stieg die Stufen hinauf, legte eine Hand auf die Mauerkrone, blickte auf den Fluss hinunter und folgte weiter dem Verlauf der Mauer.
„Ich liebe den Ausblick von hier oben“, hörte er sie sagen.
Er brummte etwas Unverständliches. Er war viel zu sehr mit ihrem Anblick und dem, was seine Phantasie daraus machte, beschäftigt. ‚Entweder trägt sie etwas drunter, das weder einschneidet noch aufträgt, oder …’
Jetzt blieb sie stehen und lehnte sich über die Mauer. Zentimeter für Zentimeter glitt der Saum ihres Rockes höher, wenn auch nur bis auf halbe Höhe der Oberschenkel.
‚Macht sie das absichtlich?’ Er sah sich um. Sie waren allein. ‚Wie sie sich wohl anfühlen mag, bewegungsunfähig zwischen Mauer und mir …’ Er würgte den Gedankengang ab.
Sie trat auf die Stufen zu und er hob die Hand, um ihr Unterstützung anzubieten. Entschied sich anders, umfasste ihre Taille und hob sie kurzerhand von dem Podest herunter. Sie fiepste kurz, ein erschrockener, atemloser Ton, und er ließ sie sofort, nachdem er sie vorsichtig auf die Füße gestellt hatte, los. Sie deutete einen Knicks an und wandte sich zurück zum Hotel.
***
„Ich begleite Sie zu Ihrem Zimmer“, erklärte Gereon entschieden, als sie das Hotel betraten. „Ich möchte sichergehen, dass Sie unbeschadet da ankommen.“ Unmissverständlich besitzergreifend legte sich seine Hand auf ihre Taille und sein herausfordernder Blick streifte zwei nicht mehr ganz junge Herren, die sie seinem Empfinden nach kalkulierend betrachteten, während sie die Bar ansteuerten.
Sie war seinem Blick gefolgt und akzeptierte sein Ansinnen ohne Widerspruch, wenn auch mit irritiertem Schnauben.
***
Charly drehte den Schlüssel im Schloss und öffnete die Tür. Im Grunde war es egal, was sie tat. Sie würde es bereuen, so oder so. „Danke für den interessanten Abend.“ Sie sah zu ihm auf.
***
Seine Hände senkten sich auf ihre Hüften, seine Lippen auf die ihren. Er küsste sie leidenschaftlich, seine rechte Hand wanderte über ihren Rücken in ihren Nacken, er presste sie fest an sich. Halbherzig abwehrend lagen ihre Hände auf seiner Brust, aber sie verharrte in seiner Umarmung.
Er drängte sie in Richtung ihres Zimmers, schob die Tür weiter auf. Sie suchte Halt am Türrahmen. Plötzlich verstärkte sich der Druck ihrer Hände auf seiner Brust deutlich, sie schob ihn von sich, war mit einem atemlosen „Gute Nacht!“ durch den Türspalt geschlüpft und hatte ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen, ehe er sie daran hindern konnte.
Verdattert stand er noch einen langen Moment dort, dann schritt er weit ausgreifend zu seinem Zimmer, ließ die Tür unsanft hinter sich ins Schloss fallen und riss sich die Kleidung vom Körper. Sekunden später stand er unter der Dusche und lehnte kurz darauf zitternd die Stirn gegen die Fliesen. Atmete tief und stellte die Temperatur auf eiskalt.
All I Wanna Do Is Make Love to You – Heart
Charly lehnte sich gegen die geschlossene Tür und ließ sich daran herabgleiten, bis sie auf dem Teppich hockte. Ihr Herz raste, das Blut dröhnte in ihren Ohren.
‚Ich bereue es jetzt schon, die Nacht nicht mit ihm zu verbringen, aber ich weiß genau, dass ich es bereuen werde, wenn ich die Nacht mit ihm verbringe’, dachte sie. ‚Dann doch lieber Reue ohne schlechtes Gewissen.’
Sie rappelte sich auf, fummelte sich aus dem Kleid und stand kurz darauf unter der Dusche. Ein Handtuch um die tropfnassen Haare geschlungen, kroch sie anschließend ins Bett. Sie war hundemüde, drehte sich aber schlaflos von einer Seite auf die andere.
***
Schließlich stand sie auf und holte seine Visitenkarte.
Sachlich, dezent edel. „Gereon von Leuwenstein.“
Erst durch den Klang ihrer eigenen Stimme wurde ihr bewusst, dass sie seinen Namen laut gelesen hatte. Sie schob die Visitenkarte flach unters Kopfkissen und ließ ihre Hand darauf liegen, fühlte die Erhebungen der Broschierung unter ihren Fingerspitzen. Als habe sie die Nähe, die ihr fehlte, hergestellt, glitt sie in einen erholsamen Schlaf.
***
Pünktlich stand er an der unscheinbaren Tür, die sie ihm beschrieben hatte. Ihm blieb gerade genug Zeit, in einem nahe gelegenen Schaufenster seine Erscheinung zu überprüfen, da öffnete sie sich und Charly ließ ihn hinein. Ein mit ihm etwa gleichaltriger Mann fuhr einen Kleiderständer mit Kleidersäcken heran.
„Zwanzig Minuten, dann will ich los“, gab der ihnen mit auf den Weg.
„Geht klar.“ Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn in die Mitte des Kaufhauses. Etwa die Hälfte der Zeit begleitete sie ihn, dann ließ sie ihn allein. Als er sich wieder an der Tür einfand, fiel sie dem Typen gerade um den Hals und verabschiedete sich mit zwei Wangenküssen, fragte „Fertig?“ in seine Richtung und nahm, als er nickte, den letzten verbliebenen Kleidersack. „Gale, danke, dass du mir dein Handy geliehen hast“, wandte sie sich noch einmal an den Fremden.
‚Und ich habe mich gefreut, ihre Telefonnummer zu haben.’ Er seufzte verstohlen.
***
Gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg zum Hotel. Sie hatte sich den Kleidersack auf den Rücken geschwungen und schritt zielstrebig über den Marienplatz. Dabei begann sie, leise zu pfeifen. Einige Töne kamen ihm bekannt vor und er lauschte konzentrierter. ‚Tatsächlich, das ist „Über den Wolken.“’ Nahezu übergangslos wechselte sie zum nächsten Lied. Diesmal war es „Ich war noch niemals in New York“, danach folgte „Liebeskummer lohnt sich nicht“. Das nächste kannte er nicht, dann, als sie den Flüsterbogen passierten, „Tausendmal berührt“.
‚Moment mal, ist das Absicht?’ Er musterte sie von der Seite. Wohl eher nicht; sie schien mit den Gedanken ganz woanders zu sein, ihn gänzlich vergessen zu haben, und er spürte Eifersucht, auf was auch immer ihre Aufmerksamkeit fesselte, in sich aufsteigen. Sie waren fast am Hotel angekommen. Abgelenkt von seinen eigenen Gefühlen hatte er nicht bemerkt, dass sie wieder das Lied gewechselt hatte.
Er erkannte die Melodie und sein Puls beschleunigte. Sie pfiff doch tatsächlich „Ohne Dich schlaf ich heut Nacht nicht ein“.
***
„Darf ich Sie beim Wort nehmen?“
Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken.
„Oder vielmehr, beim Pfiff?“
Verwirrt blieb sie stehen und sah ihn an. Sein Blick war intensiv, belustigt und noch etwas anderes, das sie nicht deuten konnte. Sie spürte ihre Wangen heiß werden. ‚Was, verflixt noch mal, habe ich gepfiffen?’, überlegte sie hastig. „Ich habe darüber nachgedacht, was ich zu Hause alles erledigen will und gar nicht bemerkt, dass ich überhaupt gepfiffen habe“, antwortete sie ihm hilflos und schuldbewusst; schließlich hatte sie ihn gerade vollkommen vergessen.
„Was haben Sie heute noch vor?“, fragte er abrupt.
‚Das nächste brisante Thema’, seufzte sie innerlich.
Nach dem halben Tag mit ihrer Mutter wollte sie nur noch auf ihr Motorrad und ein paar schöne Kurvenstrecken unter die Reifen nehmen. Aber dazu musste sie ihn loswerden. Was ganz sicher nicht in seine Pläne passte, so wie er aussah, und sie scheute sich, es ihm direkt zu sagen. Seufzend zuckte sie mit den Schultern und wich seinem Blick aus. „Am liebsten raus aus der Stadt, ins Grüne. Ich brauche ein bisschen Ruhe.“
„Vor mir?“ Sein jungenhaftes Grinsen war eindeutig frech.
‚Baut er mir eine goldene Brücke oder was hat er vor?’ Ehe sie jedoch antworten konnte, fuhr er fort: „Oder darf ich mich als Chauffeur anbieten?“
***
Fasziniert sah Gereon, wie schlagartig ihre Augen zu leuchten begannen und sie ihn anstrahlte. Er lächelte zurück. „Dann hole ich mein Auto und Sie überlegen sich, wo Sie hinwollen. Viertelstunde bis Abfahrt?“
Sie nickte und schlüpfte durch die Hoteltür.
Seinerseits pfeifend ging er zum Hotelparkplatz und holte den Porsche. ‚Welches wohl ihr Fahrzeug ist?’
Direkt an der Einfahrt thronte noch immer die BMW, rückwärts geparkt und auf den Hauptständer gestellt. Das sah man selten und war ihm deshalb schon gestern ins Auge gefallen. Er ließ seinen Blick weiterschweifen. ‚Der kleine rote Audi würde gut zu ihr passen’, spekulierte er.
***
Als sie kurz darauf die Hoteltreppe herunterkam, hörte sie draußen den Porsche vorfahren. Den charakteristischen Sound hatte sie schon im Ohr. Er hielt direkt vor der Tür, mit etwa einem Meter Abstand vom Bordstein, der hier ziemlich hoch war, das Verdeck heruntergeklappt.
„Wow!“ Beeindruckt fuhr sie mit der Hand die elegante Seitenlinie nach. Zeit genug für ihn, aus dem Wagen zu springen und ihr die Beifahrertür aufzuhalten.
„Nun, wohin?“ fragte er, während er wieder ins Auto einstieg.
„Oybin“, antwortete sie, die Augen aufs Display des Navis gerichtet, während sie den Ortsnamen eingab. „Waren Sie schon mal da?“
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf.
„Lassen Sie sich überraschen!“
***
Ihre Vorfreude war unübersehbar. Aber die Fahrt verlief schweigsam. Ab und zu schaute er zu ihr hinüber. Ein paar Mal warnte sie ihn vor fest installierten Blitzern. ‚Kennt sie sich hier so gut aus, oder ist sie einfach nur konzentrierter als ich?’, überlegte er.
Sie kamen erst kurz vor Ende der Einlasszeit an; die Dame an der Kasse bereitete gerade den Feierabend vor. Nachsichtig lächelnd ließ sie sie noch ein.
Jetzt war er beeindruckt. „Wow! Die Überraschung ist Ihnen gelungen.“
Sie lachte. „Ich hab’s nicht gebaut. – Kannten Sie es wirklich noch nicht?“
„Davon gehört und gelesen schon“, gab er zu. „Es selbst zu sehen, ist etwas ganz anderes.“
Gemeinsam strolchten sie durch die Ruinen und Durchgänge. Stiegen auf den Kirchturm. In der Klosterkirche hallten leise gregorianische Gesänge von den Mauern wider und bildeten mit ihrer getragenen Melancholie einen Kontrapunkt zum unbeschwerten Gezwitscher der Vögel.
In einem der schmalen Felsengänge berührte er sie an der Schulter. Sie drehte sich zu ihm um.
„Danke“, sagte er leise.
Hier im Schatten waren ihre Augen dunkel. Vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken, legte er seinen Zeigefinger unter ihr Kinn, beugte sich zu ihr und küsste sie. Es war ungeplant, ein Impuls. Zu seinem Erstaunen küsste sie ihn zurück. Scheu und kurz, nur eine flüchtige Berührung ihrer Zunge, die ihm einen Schauer über den Rücken jagte und alle Härchen seines Körpers aufrichtete. Dann sah sie ihm in die Augen. Etwas verlegen ließ er seine Hand sinken.
Sie begann zu lächeln. „Gerne“, antwortete sie, drehte sich um und schlenderte weiter, als sei nichts geschehen.
***
Charly war vollkommen durcheinander. Nach dem gestrigen Abend hatte sie sich auf direkte, unmissverständliche Kontaktversuche seinerseits eingestellt und war auf diesen harmlosen, zarten Kuss überhaupt nicht vorbereitet. Sie beherrschte sich mühsam, um sich ihm nicht hier und jetzt an den Hals zu werfen. Auf dem Weg zum Auto brachte sie ihre Gefühle langsam unter Kontrolle.
Auf der Rückfahrt fanden sie unterwegs ein Restaurant, und während des Essens versuchte er, etwas über ihre Pläne für den nächsten Tag zu erfahren. Sie antwortete nur vage. Heimreise, vielleicht noch ihren Vater besuchen. Die Ortsnamen verschwieg sie. Er bemerkte schnell, dass sie nicht darüber sprechen wollte und sie wandten sich anderen Themen zu.
Als sie den kleinen Landgasthof verließen, standen neben dem Eingang zwei historische Motorräder. Charly streifte sie zunächst nur mit einem kurzen Blick und ging weiter, drehte aber nach einigen Schritten um und sah sich beide Maschinen genauer an. ‚Tatsächlich.’ Sie fischte ihr Handy aus der Tasche und fotografierte sie. Inzwischen war auch Gereon neben sie getreten und sie zeigte ihm, was sie entdeckt hatte: Eine Maschine zierte das übliche blau-weiße BMW-Emblem, die andere das rot-weiße EMW-Emblem. „Jetzt wäre nur noch spannend zu wissen, wann die ‚echte’ BMW gebaut wurde – und wo“, meinte sie. „Die EMW ist zwischen 1950 und 52 gebaut worden, weil sie noch die gleiche Gabel hat wie die BMW auch. Vorausgesetzt, sie wurde nicht im Nachhinein originaler aufgebaut als sie ursprünglich war“, überlegte sie laut.
***
„Ganz recht, junge Dame“, ertönte eine Altherrenstimme von der Terrasse. Stühle scharrten, dann kamen zwei Männer, etwa Mitte siebzig und in altmodischer Lederkleidung, zu ihnen auf den Parkplatz, stolz auf ihre Motorräder und neugierig auf die junge Frau, die ein Detail entdeckt hatte, das selbst vielen Männern nicht sofort auffiel.
„Sie kennen sich gut aus“, bemerkte der eine und der andere fügte hinzu: „37 in München, um Ihre Frage zu beantworten.“
Gereon konnte nur noch staunen. Er trat ein wenig an den Rand der Szene und beobachtete, wie sie angeregt mit den beiden Herren fachsimpelte. Wie angetan diese von ihr waren.
Schließlich verabschiedete sie sich, kam auf ihn zu und entschuldigte sich, dass sie ihn warten lassen habe.
***
Natürlich fragte er sie auf dem verbleibenden Weg zum Hotel aus. Oder zumindest versuchte er es. Charly wand sich, so gut sie konnte, ohne ihn zu sehr vor den Kopf zu stoßen, um genauere Erklärungen herum, verwies darauf, dass es mit ihrem Vater zusammenhing, der gerne an alten Fahrzeugen bastele, und dass es eine längere Geschichte sei. Seine Einladung auf einen Drink an der Bar lehnte sie ab mit der Begründung, dass es ein langer Tag war und sie schlafen müsse.
Don’t Lose My Number – Phil Collins
„Sehen wir uns beim Frühstück?“ Er sah sie bittend an.
Sie zögerte. „Vielleicht. – Vielen Dank für den Ausflug und gute Nacht.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und war in ihr Zimmer geschlüpft.
Mit dem Gefühl, etwas Wichtiges versäumt zu haben, ging er zu seinem eigenen. Er schlief unruhig, träumte wild und saß sehr früh im Frühstücksraum. Sie war nicht da und kam auch nicht, so lange er sein Frühstück auch ausdehnte. Schließlich ging er zur Rezeption und fragte nach. Bereits abgereist, war die einzige Auskunft, die er erhalten konnte.
Ziellos und gedankenverloren wanderte er durch die Stadt, bis er sich am frühen Nachmittag entschied, den Freizeitpark anzuschauen, von dem sie gesprochen hatte. Vielleicht war es was für Maja und die Jungs. Fürst Pückler und seinen Park hob er sich für den nächsten Tag auf.
Auf dem Parkplatz fiel ihm auf, dass die gelbe BMW fehlte. ‚War das etwa ihre? War sie deshalb so vorsichtig, als es ums Motorradfahren ging, weil sie nicht wollte, dass ich es weiß? Warum nicht?’, grübelte er. ‚Und warum bin ich nicht auf den Gedanken gekommen, aufs Kennzeichen zu schauen? Im Grunde weiß ich nichts von ihr.’
Als er in den Porsche einsteigen wollte, stutzte er. An der Scheibe der Fahrertür steckte eine Visitenkarte. ‚Meine eigene.’
Sein Herz sank. ‚Sie will meine Kontaktdaten nicht haben und ich Depp habe sie nicht einmal nach ihrem richtigen Namen gefragt. Es war ein Abenteuer, ach, nur eine vergnügliche Episode’, dachte er. ‚Ich werde sie nie wiedersehen.’ Unerklärlicherweise stimmte ihn dieser Gedanke traurig.
Er wusste selber nicht, warum, aber er drehte die Karte um. Auf der Rückseite prangten in blauem Kugelschreiber eine Zahlenreihe und darunter „CU Charly“.
***
Charly war schon vor der Frühstückszeit fertig bepackt an der Rezeption. Sie wollte es nicht riskieren, das Motorrad vor die Tür zu fahren und doch noch auf Gereon zu treffen. So schleppte sie lieber den Tankrucksack und beide Alukoffer bis zum Parkplatz. Sie fuhr über Landstraßen durch die Lausitzer Heide- und Teichlandschaft Richtung Hoyerswerda, frühstückte in einem Café und bummelte durch die Stadt, bevor sie weiterfuhr nach Torgau. An Schloss Hartenfels saß sie lange am Wendelstein und dachte nach. Sie teilte ihr Mittagessen, zwei Äpfel, mit den Bären im Burggraben.
Am späten Nachmittag schneite sie bei ihrem Vater herein. Sie war unruhig und wäre am liebsten sofort nach Hause gefahren, erinnerte sich jedoch rechtzeitig daran, dass zu Hause der Kühlschrank leer und es Sonntag war und blieb letztlich doch über Nacht. Morgens verbummelte sie sich, schraubte hier, putzte da. So war es früher Nachmittag, bis sie auf dem Heimweg war. Via Autobahn, es war nun einmal der direkteste Weg und die Gegend zu zersiedelt, als dass sie viel Spaß an der Überlandfahrt hatte. Kurz vor zu Hause hielt sie an einem Supermarkt. Kaum hatte sie ihn betreten, warf sich vor ihr ein etwa zweijähriger, blondgelockter Junge in einer trotzigen Haltung auf den Boden.
„Hallo, junger Mann“, sprach sie ihn an und bot ihm ihren Korb an. „Magst du mir beim Einkaufen helfen?“
Aus dem Konzept gebracht, blickte er sie an und nickte dann.
„Frag schnell deine Mama, ob ihr das auch recht ist“, ermunterte sie ihn und half ihm beim Aufstehen.
Die Mutter, einen zweiten Lockenkopf im selben Alter im Einkaufswagen, nickte ihr dankbar zu. Ungefähr im gleichen Tempo wie sie dirigierte Charly den Jungen durch den Laden. An der Obsttheke fragte sie ihn, ob er sich etwas aussuchen wollte.
„E-mee-nee“, nickte er und zeigte auf die Himbeeren.
“Und für Deinen Bruder?”
“E-mee-nee”, wiederholte er.
Schmunzelnd ließ sie ihn zwei Packungen Himbeeren in ihren Einkaufskorb legen. Sie verließen das Geschäft gemeinsam und Charly reichte der Mutter das Obst. Sie hatte die ganze Zeit gegrübelt, woher sie die Frau kannte.
„Täusche ich mich, oder gehört Ihnen die Fuchsstute mit der Blesse, die aussieht wie ein Fragezeichen?“, sprach sie die Frau an.
„Das klingt nach Florentine“, antwortete diese.
„Dann habe ich Sie erst vor kurzem am Aussichtsturm gesehen“, erläuterte Charly. „Zumindest Florentine.“
„Gut möglich. Mein Bruder reitet sie gelegentlich. Die beiden lassen mir keine Zeit mehr dazu.“
„Das glaube ich gern. Wollt ihr auf meinem Motorrad sitzen, während eure Mama die Einkäufe ins Auto packt?“, fügte sie an die Jungen gewandt hinzu, die begeistert aufschrien und wild herumzuhüpfen begannen. Sie nahm einen an jede Hand und steuerte sie zur BMW, die sie glücklicherweise in einer ruhigeren Ecke geparkt hatte. Mit je einer Hand an jedem Kind fragte Charly sich, wie man mit Zwillingen in diesem Alter überhaupt irgendetwas erledigt bekam.
Während sie begeistert auf der Maschine herumrutschten, überboten sich die Kleinen darin, ihr zu berichten, dass Onkel „Geo“ auch ein Motorrad habe, imitierten eifrig das Brummen eines Motors und wollten unbedingt die Hupe drücken.
„Das dürfen sie auf dem Motorrad meines Bruders auch immer“, bemerkte die Mutter entschuldigend, die unbemerkt neben sie getreten war.
„Ist ja nichts Schlimmes“, lachte Charly. „Onkel Geo?“ fragte sie.
„Er heißt Gereon.“
Charly stutzte kurz, ließ sich aber nichts anmerken. ‚Konnte es tatsächlich sein, dass sie ausgerechnet die Schwester des Mannes traf, mit dem sie am Wochenende…, ja, was eigentlich?’, überlegte sie. „Gut, jeder ein Mal“, sagte sie streng.
Die Jungen nickten, drückten andächtig auf die Hupe und freuten sich über das misstönende „Miep“. Dann ließen sie sich unter Protest von ihrer Mutter zu deren Auto ziehen. Charly winkte ihnen nach und befestigte den Tankrucksack. Sie überlegte kurz und folgte ihnen. „Entschuldigen Sie, dass ich noch einmal störe.“
„Kein Problem, Sie haben mir beim Einkauf so sehr geholfen“, antwortete die Frau freundlich.
„Ihr Bruder fährt einen blauen Porsche?“, vergewisserte sie sich.
„Ja.“ Die junge Mutter lächelte fragend.
„Falls Sie ihn sprechen, grüßen Sie ihn bitte von Charly“, antwortete sie, nickte abschließend und ging zu ihrem Motorrad.
***
„Würdest du mir einen Gefallen tun, kleiner Bruder?“
„Was denn, große Schwester?“ Gereon war auf dem Heimweg und hatte kurz bei seinem Schwager angehalten, um seine Neffen und Maja zu besuchen.
Maja packte ihm einen dicken Stoß Zeitschriften vor die Nase. Obenauf lag ein Hochzeitsmagazin.
„Die zum Altpapiercontainer mitnehmen?“
„Mache ich. – Ist es dafür nicht ein bisschen spät?“, fragte er, ließ sich aufs Sofa fallen und hob die Hochzeitsbroschüre hoch.
„Nicht von mir“, schnaubte Maja. „Eine Freundin hat mir von Designerkleidern vorgeschwärmt.“
Gereon blätterte angelegentlich in dem Heft herum, es fiel an einer oft geknickten Seite auf. Verwirrt starrte er auf ein Bild von … Charly … in einem eleganten Brautkleid.
„Gereon, was ist?“ Maja musste ihre Frage wiederholen, ehe ihr Sinn zu ihm durchdrang.
Er drehte die Zeitschrift so, dass sie das Foto sehen konnte. „Ich habe mit dieser Frau so quasi das Wochenende verbracht“, kiekste er in unnatürlich hoher Stimmlage und räusperte sich. Er berichtete in wenigen Sätzen.
Jetzt sah Maja irritiert auf das Foto. „Ich habe sie heute Nachmittag beim Einkaufen getroffen. Sie hat mir mit den beiden Rabauken geholfen. Sie durften sogar auf ihrem Motorrad sitzen.“
„Motorrad? Was für eins?“ Elektrisiert rutschte er auf die äußerste Sofakante und sah zu ihr hoch. Sie zuckte die Schulter, hatte nie seine Leidenschaft dafür geteilt.
„Es war gelb“, fügte sie hinzu, als sie bemerkte, wie sehr er sich wünschte, mehr zu wissen. „Ziemlich groß für sie.“ Maja maß die ungefähre Höhe von Sitz, Tank und Lenker ab.
‚Etwa doch die BMW aus Görlitz?’, überlegte er.
„Eins hat mich verwundert“, sprach sie weiter.
„Ja?“
„Das Kennzeichen war nicht von hier. Sie hat aber, ich sag mal ‚normal’, eingekauft, auch Kühlsachen und nicht nur was zum Knabbern, wenn du verstehst, was ich meine?“ Sie zwinkerte ihm zu.
Er nickte.
„Singlehaushalt, den Mengen nach“, sagte sie verschmitzt lächelnd.
„Das Kennzeichen?“, hakte er nach.
„Aus Chemnitz. Die anderen Buchstaben weiß ich nicht mehr, und die Zahl hab ich nur behalten, weil es der Geburtstag der Jungs ist. Vierzehn“, erklärte sie. „Ach, und sie hat Florentine am Aussichtsturm gesehen.“
‚Natürlich, die junge Frau mit dem Braunen!’ Schlagartig begriff er, warum sie ihm bekannt vorgekommen war. „Kennst du jemanden, der einen großen und recht schweren Braunen hat?“ Er versuchte, sich an besondere Kennzeichen des Wallachs zu erinnern. „Abgesehen von der Größe war er recht unauffällig.“ Jetzt war er es, der die Schultern zuckte.
„Nicht direkt. Ich höre mich um und im Reitstall fragst du, wenn du Florentine das nächste Mal bewegst.“
„Hm, ja.“
„Übrigens, ehe ich es vergesse, sie bat mich, dich von Charly zu grüßen.“
‚Ich werd nicht wieder. Sie lässt mich in Görlitz sitzen, trifft hier ausgerechnet meine Schwester beim Einkaufen und lässt auch noch grüßen! Raffiniertes kleines Luder, ich kriege dich! Auch wenn ich zugeben muss, dass mir dein Versteckspiel Spaß macht.’
Me and You and a Dog Named Boo - Lobo
Charly schaute noch schnell bei Melli vorbei. Ihre Freundin sah verheult und zerzaust aus; ihr Freund Enrico, Charly mochte ihn nicht, und das beruhte auf Gegenseitigkeit, war nicht da, so dass sie länger blieb und versuchte, Melli aufzumuntern.
Es war spät, als sie tief durchatmend auf ihr Motorrad stieg. Im Nachbarort legte sie plötzlich eine Vollbremsung hin, ließ die BMW mit laufendem Motor mitten auf der Straße stehen und lief ein paar Schritte zurück. Stand, den Helm in der Linken, die Rechte in die Seite gestützt, im geöffneten Tor zum Grundstück eines zurückgesetzten, modernen und noch neuen Hauses, auf dessen gepflastertem Hof ein blauer Porsche parkte.
‚Nein, das ist jetzt nicht wahr!’, weigerte sie sich, die Offenbarungen zu akzeptieren. ‚Aber Haus und Porsche sind eindeutig. Ich muss mir ausgerechnet die beiden Männer anlachen, die Nachbarn und wahrscheinlich nicht nur das sind. Na, noch ist nichts passiert.’ Ihr Blick wanderte zwischen Haus, Porsche und Nachbargrundstück hin und her und ihre Gedanken überschlugen sich, als vom Haus her ein helles Jappen erklang. Da stürmte auch schon der große dunkle Schäferhund heran. „Hi, Großer!“, sprach sie ihn an und wehrte seine freudige Begrüßung nach kurzer Zeit ab.
Sie legte ihren Helm auf den Boden, packte ihn mit beiden Händen bei der Mähne und schickte ihn mit einem eindringlichen „Geh zum Herrchen!“ zurück. Dann schnappte sie sich ihren Helm, flitzte zur BMW und beeilte sich, nach Hause zu kommen.
***
Gereon hatte ein Déjà-vu. Kurz überlegte er, ob man es anders nannte, wenn es sich nicht aufs Sehen, sondern aufs Hören und Fühlen bezog. Wie beim letzten Besuch hörte er erst Napoleons Pfoten auf den Fliesen klacken, dann spürte er dessen feuchte Nase, ehe sein Freund nahezu lautlos auf den Balkon trat. „Du schleichst dich ganz schön an“, meinte er und reichte Christian ein Blatt mit Notizen. „Wein?“
„Nein.“ Christian schüttelte den Kopf und überflog seine Anmerkungen. „Hab versprochen, ihr das heute noch vorbeizubringen. – So ähnlich habe ich das auch.“
Sie diskutierten ein paar Minuten darüber, kombinierten ihre Überlegungen.
Auf dem Tisch lag das Hochzeitsmagazin, das er bei Maja mitgenommen und nicht übers Herz gebracht hatte, in den Papiercontainer zu entsorgen. Eine ihm völlig unbekannte Sentimentalität. Er nahm den Notizzettel vom Cover.
„Seit wann liest du Hochzeitsmagazine? Habe ich was verpasst?“, neckte Christian.
„Hab ich von Maja“, lenkte er von sich ab und drehte den Zettel in den Händen.
„Was hast du da?“ Christian nickte in Richtung seiner Hände.
„Ach. Eine Auflistung.“ Wegwerfend zuckte er mit den Schultern. Aber sein Freund kannte ihn zu gut.
„Wovon?“, insistierte Christian.
„Fahrzeugkennzeichen.“
Christian setzte sich nun doch.
„Wenn du meinst, dass das was erklärt, muss ich dir sagen: Nein, das tut es nicht“, erklärte er langsam und bedächtig.
Gereon seufzte. „Ich hab dir doch von der Monster erzählt. Und dem Bus.“
Christian nickte geduldig.
„Irgendwie verfolgt mich diese Buchstabenkombination. Inzwischen sind es schon vier, vielleicht fünf Kennzeichen. Kannst du dir vorstellen, dass eine junge Frau drei Motorräder und einen Transporter besitzt?“ Er hielt seinem Freund den Zettel hin. ‚Und was ist mit dem Pick-up in Berlin oder war das nur Zufall?’, überlegte er. „Ich habe schon versucht, übers Internet was rauszufinden, aber nix Plausibles gefunden. Nur eine Firma in Chemnitz mit den passenden Initialen, gehört aber einem Mann. – Kennst du was davon?“
Christian warf einen Blick darauf. „Wie war’s in Görlitz?“, fragte er, den Blick aufs Papier gerichtet.
Gereon grinste. „Spannend.“
***
Christian studierte die Einträge:
CAT 69 Ducati Monster, rot (900?)
CAT 2014 VW T5, braun
C(AT?) 14 gelb (BMW 800 GS?)
CAT 2 GS 500 E, schwarz
Er sah von dem Zettel auf, musterte seinen Freund und lehnte sich erwartungsvoll zurück. „Erzähl!“
Gereon fasste die Ereignisse vom Wochenende zusammen.
Christian überlegte. ‚Gereons Beschreibung nach ist es eindeutig Charly. Ganz offensichtlich hat sie ihm aber nicht viel von sich verraten. Warum? Außerdem bin ich ziemlich sicher, dass alle Fahrzeuge der Liste ihr gehören. Der Bus ist ganz eindeutig, die gelbe kann nur ihre BMW sein, obwohl ich da nicht aufs Kennzeichen geachtet habe. Die Suzuki passt dazu. War die ganz links im Carport eine Monster?’
‚Möglich’, entschied er. ‚Auch der bunte Bulli und der Cadillac haben Kennzeichen, die mit CAT beginnen. Darf ich ihr vorgreifen und Gereon ihre Identität enthüllen? Spielt sie nur mit ihm?’
‚Spielt sie mit mir?’, fragte er sich. Er überdachte die Gespräche mit ihr, die Nacht, in der nichts passiert war auf ihrem Big Sofa. Unbewusst begann er zu lächeln.
„Woran denkst du?“, unterbrach Gereon seine Gedanken.
„Eine Nacht mit einer aufregenden Frau“, antwortete er wahrheitsgemäß.
„Oha! Es sieht wohl eher danach aus, als hätte ich etwas verpasst?!“
„Es ist nichts passiert“, sagte Christian. ‚Auch wenn du mir das nicht glauben wirst.’
***
Gereon maß Christian mit ungläubigem Blick. Christian war ein paar Zentimeter größer als er selbst, sah gut aus und war muskulös und trainiert. Ihnen beiden war es nie schwergefallen, Mädchen kennenzulernen. Sie hatten jede Chance weidlich genutzt. „Das soll ich dir glauben?“
Christian hob die Schultern. „Wie du meinst, es ändert nichts an der Tatsache.“
Von der Straße her erklang das sonore Brummen eines Motorrads. Unterm Tisch hob Napoleon lauschend den Kopf, sprang dann jappend auf, so dass der Tisch bedenklich kippelte und beide Männer reflexartig zufassten. Nahezu im gleichen Moment setzte Napoleon auch schon über die Balkonbrüstung, landete rumpelnd auf den Mülltonnen und stob um die Hausecke. Auf Christians Pfiff reagierte er überhaupt nicht. Der folgte seinem Hund eilig auf zivilerem Weg durchs Haus, nicht ohne ihrer beider Notizen zum Unterstand mitzunehmen.
***
Als Christian kurz darauf selbst um die Hausecke bog, kam ihm Napoleon bereits wieder entgegen, machte jedoch sofort kehrt und lief zu einer Stelle in der Einfahrt zurück. Er schnupperte dort kurz, setzte sich und wartete, bis er fast bei ihm war, dann sprang er auf, rannte auf die Straße, blieb dort wieder schnuppernd und schwanzwedelnd stehen, sah zu ihm zurück und jaulte kurz, bevor er sich erneut hinsetzte.
„Verstehe, wer will, was du mir sagen willst,“, sagte er zu seinem Hund. „Ich tue es nicht. Komm, wir bringen noch die Skizzen zu Charly und du kannst mit Pollux toben.“ Er ging über den Hof zurück, rief einen Abschiedsgruß zu Gereon hinauf und trat durch das Gartentor auf sein Grundstück. Holte den Helm, auf die Kombi verzichtete er und schickte Napoleon auf den Gehsteig. Gemächlich tuckerte er ins Nachbardorf. Napoleon wetzte nebenher, im Ort auf dem Gehweg, auf der Landstraße im Feldrain. Im nächsten Dorf trabte er hechelnd quasi bei Fuß, bis sie bei Charly in die Einfahrt einbogen, dann rannte er voraus.
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Charly hatte wohl eben die Alukoffer und den Tankrucksack ins Haus getragen, als Napoleon wie ein Blitz an ihr vorbeischoss und auf den Trampelpfad zum Stall einbog. Sie schob die BMW unters Dach und sah ihm dann abwartend entgegen.
„Gut, dass du kommst, ich muss mit dir reden“, begrüßte sie ihn.
„Sind wir schon so weit?“, grinste er zurück. ‚Was kommt denn jetzt?’, fragte er sich.
„Der Name Gereon sagt dir was?“
‚Aha, daher weht der Wind.’ Seine verspielte Laune erhielt einen Dämpfer. „Mein Nachbar?“
Sie nickte. „Dein Freund?“
„Mein bester Kumpel, ja.“
Sie schien mit dieser Antwort gerechnet zu haben, und sie gefiel ihr ganz offensichtlich nicht. „Na, bravo.“ Sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne und überlegte.
‚Was sie mir sagen will, oder ob sie es mir sagen will?’, dachte er zynisch.
„Ich habe ihn in Görlitz kennengelernt“, informierte Charly ihn. Holte tief Luft, und ehe er sich eine Antwort zurechtlegen konnte, fuhr sie fort: „Ich mag ihn.“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Ich werde die Finger nicht von ihm lassen können.“
„Aber von mir schon?“ Er versuchte nicht, seinen Ärger zu verbergen. ‚Verdammt, Mädchen, hast du die geringste Ahnung, was du mir da eben gesagt hast? Dass er wieder mal die Nase vorn hat? Wie oft habe ich ihm zuliebe zurückgesteckt? Soll ich wieder warten, bis er auch dich abgelegt hat und mir überlässt?’ In aufgebrachte Gedanken verstrickt, starrte er sie an.
Sie wich seinem Blick aus. Seine BMW stand zwischen ihnen, und sie begann, auf der Sitzbank Kreise zu malen.
Er erinnerte sich an das Gefühl, als sie das auf seinem Bauch gemacht hatte. ‚Damn, ist das erst vier Tage her?’ Ihm fielen die Blicke, mit denen sie seinen nackten Oberkörper gemustert hatte, ein. ‚Sie findet mich attraktiv. Dachte ich. Sollte ich mich so gründlich getäuscht haben? Und das nach dieser Nacht mit dir? Der bisher einzigen Frau, neben der ich in der ersten Nacht wirklich nur geschlafen habe?’
Kurz bevor das Schweigen unerträglich wurde, antwortete sie leise: „Nein, nicht wirklich“, hob den Kopf und sah ihn an.
Das verschlug ihm die Sprache und das Denken gleich mit. Um Zeit zu gewinnen, zog er die zusammengefalteten Zettel aus der Hosentasche und reichte sie ihr. „Wie versprochen.“ Seine Stimme war rau und er räusperte sich.
„Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht.“ Sie blätterte beide Zettel auf, breitete sie auf der Sitzbank aus und beugte sich darüber. Nach einiger Zeit tippte sie auf eine Stelle. „Das ist eine klasse Idee, und das“, sie zeigte auf eine andere, „habe ich so ähnlich. Danke!“ Sie steckte die Zettel ein und strahlte ihn an.
‚Zum Teufel mit Gereon’, dachte er sehr deutlich, beugte sich zu ihr und küsste sie.
***
Charly warf alle Bedenken über Bord, schloss die Augen und küsste ihn zurück. Spürte, wie Christian seine Linke in ihren Nacken schob und die Finger in ihre Haare wühlte. Sie langte über die BMW hinweg, zerrte mit beiden Händen sein Hemd aus der Jeans und fuhr darunter. Er zuckte zusammen, als ihre kalten Hände seinen nackten Bauch berührten.
„Sorry“, hauchte sie an seinem Mund.
***
„Egal, mach weiter.“ Dieser Aufforderung hätte es nicht bedurft.
Sie war zielstrebig. „Dein Mopped stört.“
„Festhalten!“ Unwillig, sie loszulassen, umfasste er ihre Taille und hob sie über den Sattel.
„Komm!“ Rückwärts gehend lotste sie ihn in Richtung Haus, ohne ihren Kuss zu unterbrechen. Die Haustür stand halb offen. Sie waren kaum in der Diele, die Tür noch nicht richtig hinter ihnen zugefallen, da riss sie ihm bereits das Hemd über den Kopf.
‚Holla! Wird das wirklich das, wonach es sich gerade anfühlt? Dann hat sie es plötzlich ziemlich eilig. Aber mir soll es recht sein.’
Ihre Motorradjacke rauschte zu Boden.
Er schob seine Hände in ihre Hose, umfasste ihren Hintern, zog sie an sich und küsste sie erneut. Lange und genüsslich.
Sie hatte es währenddessen irgendwie geschafft, die Schnallen ihrer Stiefel zu öffnen und schleuderte sie von den Füßen. Der Nierengurt flog in eine Ecke.
***
‚Es ist mir egal, was er von mir denkt. Ich will ihn, jetzt, hier und sofort!’
***
Er fasste sie an den Hüften und schob sie sanft ein kleines Stück von sich weg. „Langsam.“ Er lachte leise. „Ich lauf dir nicht weg.“
„Weiß ich’s?“, antwortete sie, hatte ihre Hände in seiner Jeans und gleich darauf fühlte er ihre kühlen Finger.
Sie dirigierte ihn rückwärts ins Wohnzimmer, klaubte unterwegs ein Kondompäckchen aus dem Medizinschrank und ging vor ihm in die Knie.
„Nein!“
„Doch!“
‚Nein, das halte ich nicht aus!’
Ihr Mund löste ihre kühlen Hände ab, er stöhnte auf, wühlte beide Hände in ihre Haare, schloss die Augen, dirigierte sanft. Er brauchte all seine Selbstbeherrschung, um dem Vergnügen kein schnelles Ende zu setzen. Er atmete tief durch, als sie mit einem unschuldigen Augenaufschlag absetzte und ihm das Kondom überstreifte.
„Das wirst du büßen“, verhieß er ihr.
„Gerne.“ Sie grinste ihn herausfordernd an und hielt ihm einen Fuß hin. „Dafür musst du mir erst aus der Kombi helfen.“
Das war in wenigen Sekunden erledigt.
Sie wollte sich das T-Shirt ausziehen.
„Lass mich“, bremste er sie. ‚Ich will auch was davon haben.’ Genießerisch und langsam zog er ihr das T-Shirt über den Kopf, ließ es aufs Sofa fallen. Er legte seine Hände auf ihre Hüften und ließ sie langsam an ihren Seiten emporwandern, während er sie noch einmal küsste. Routiniert schnippte er den BH-Verschluss auf. ‚Meine Lieblingsbeschäftigung. Es gibt nichts, was ich mehr liebe, als dieses ‚Schnipp’.’
Sie legte die Hand auf seine Brust und schob ihn rückwärts aufs Sofa. Glitt geschmeidig wie eine Katze über ihn und ließ sich langsam auf ihn sinken, bis sie festsaß. Offensichtlich hatte sie die Luft angehalten, denn jetzt atmete sie langsam aus und seufzte dabei so wohlig, dass er sich schleunigst die unliebsamsten Erlebnisse des letzten Monats in Erinnerung rief und mit beiden Händen erneut ihre Hüften packte, um zu verhindern, dass sie sich bewegte. ‚Verdammt, es ist zu lange her, dass ich mit einer Frau im Bett war!’ – „Nicht bewegen. Wenn du noch was davon haben willst.“
Sie kicherte. „So schlimm? Sag Bescheid, ja?“
Wieder malte sie Kringel auf seinem Bauch. Es kitzelte und trug tatsächlich dazu bei, die Spannung zu mildern. Nach einiger Zeit lockerte er seinen Griff, und sie begann, sich leicht zu bewegen. Ein sehr langsamer Rhythmus und nicht viel ‚Hub’, wie er es innerlich grinsend bezeichnete. Er merkte schnell, dass sie das nicht unbedingt seinetwegen machte. Nein, sie kümmerte sich komplett egoistisch um sich selbst. Fasziniert beobachtete er sie, die kleinen Veränderungen in ihrer Haltung, sah, wie sich an ihrem Hals kleine rote Flecken bildeten, hörte, wie sich ihr Atem beschleunigte. Er rührte sich kaum, darauf bedacht, sie so wenig wie möglich zu stören.
Sie atmete immer tiefer, die roten Fleckchen erblühten zusehends, dann bäumte sie sich auf, grub ihre Finger in seine Brustmuskeln und sandte einen Schauer aus Gänsehaut über seinen Körper, bis in die Finger- und Zehenspitzen.
***
Sie hatte ihre Haare über die Augen geschüttelt und langsam atmete sie ruhiger. Er ließ ihr noch ein wenig Zeit, ehe er die Hüften bewegte. Nach kurzem Zögern antwortete sie vorsichtig. Zufrieden sah er, wie die roten Fleckchen, die inzwischen verlaufen waren, sich wieder andeuteten. Er schlang einen langen Arm um ihre Taille und drehte sie ohne Kontaktverlust auf den Rücken. Er hatte nichts gegen die Ausblicke, die eine Reiterin ihm bot und in diesem Fall war es sogar noch sehr lehrreich. ‚Trotzdem, im Bett bevorzuge ich die dominante Position. Und jetzt bin ich dran.’ Er unterdrückte ein Knurren.
Er verschränkte seine rechte mit ihrer linken Hand und zog sie über ihren Kopf. Dann widmete er sich ihren Brüsten. Spielerisch und leicht wie eine Feder zeichnete er deren Form nach, kreiste und streichelte, ohne die Nippel zu berühren. Langsam begann sie, um Berührungen zu betteln, wölbte ihm ihren Körper entgegen. Er beugte sich zu ihr, nahm die linke Brustwarze zwischen die Lippen und saugte kräftig. Sie stöhnte auf. Er hatte währenddessen versucht, ihren langsamen Rhythmus beizubehalten. Langsam steigerte er zunächst den Hub, dann das Tempo. Ein paar Mal fasste sie ihn mit der freien Hand an der Hüfte und korrigierte seine Position ein wenig. Er zog ihren Arm noch etwas höher über ihren Kopf, streckte sie noch mehr unter sich. Schob, als die Flecken erblühten, seine linke Hand unter ihre Schulter, packte ins „Nackenfell“ und zog sanft ihren Kopf nach hinten. Ließ seine Zunge über ihre Kehle wandern.
Sie erschauerte. Wand sich. „Bitte …“
„Was bitte?“, flüsterte er an ihrem Ohr, seine Stimme heiser vor Erregung. ‚Sag mir, dass du mich willst.’
Sie hob sich ihm entgegen, öffnete sich noch mehr. „Bitte!“
‚Mich.’ – „Ja?“
Fast lautlos flüsterte sie: „Nimm mich.“
„Lauter.“ – Seine Stimme war sanft und verführerisch. ‚Nicht ihn.’
Sie wich seinem Blick aus.
Er lachte leise. „Entweder lauter oder du siehst mich an.“ – ‚Mich!’
Sie knurrte. Inzwischen spürte er auch, dass sie zitterte.
„Ich warte …“ Er hatte nicht viel Härte in seine Stimme gelegt, aber es zeigte sofortige Wirkung.
„Nimm mich endlich!“, fauchte sie ihn mit funkelnden Augen an, und er nutzte sein ganzes Gewicht, presste sich tief zwischen ihre Schenkel, wieder und wieder. ‚Ja! Mich!’ dachte er triumphierend.
Diesmal war sie laut. Sie bäumte sich unter ihm auf, mit einer Kraft, die er nicht vermutet hatte.
Er verstärkte seinen Griff in Hand und Haar. Als Charly aufschrie, senkte er seine Zähne in ihre Halsbeuge und stöhnte selbst kehlig auf. ‚Mich.’
Er hielt sie unbeweglich, solange er es wagte. Dann löste er zuerst seinen Biss, dann die Hand aus ihren Haaren. Beugte sich über sie und küsste sie. Lange und zärtlich. ‚Mich.’
Er ignorierte ihre Befreiungsversuche, bis er schließlich widerstrebend von ihr herunterrollte und ihre Hand losließ. Stattdessen zog er sie rücklings an seine Brust, sie dockte ihren Hintern in seinen Schoß, gemeinsam zerrten sie eine Decke zurecht, und binnen weniger Minuten war Charly eingeschlafen.
‚Mich, Kätzchen’, dachte er, tief befriedigt, sanft und zärtlich. Er wartete geduldig, bis er sicher war, dass er sie nicht wecken würde, dann stand er auf und schlüpfte in seine Jeans.
***
Barfuß ging er zum Stall. Pollux und Napoleon lagen nebeneinander auf Pollux´ Decke. Er stellte beiden Futter hin, reinigte den Wassernapf und sah nach den Pferden.
Zurück im Haus inspizierte er das Medizinschränkchen, fand tatsächlich noch ein Kondompäckchen und kroch wieder zu Charly unter die Decke. Sie murmelte leise und schmiegte sich an ihn. Gerührt küsste er sie in die Halsbeuge, wo sich noch immer sein Biss abzeichnete. Er schlang Arme und Beine um ihren Körper in dem unsinnigen Wunsch, sie vor allem Übel der Welt beschützen zu wollen. ‚Oh Gott, sie ist viel zu unschuldig für mich.’
***
Charly erwachte weit nach Mitternacht. Sie schreckte hoch. „Die Pferde! Pollux! – Und Napoleon!“, fiel ihr verspätet ein.
„Sind gefüttert und wohlauf“, erwiderte er schläfrig.
„Wirklich?“, fragte sie zweifelnd, ihr Körper unter seiner Hand gespannt und bereit, vom Sofa zu springen.
„Nachdem du eingeschlafen warst, bin ich raus und hab sie gefüttert, nach den Pferden gesehen und den Schlüssel von meiner Maschine abgezogen“, erläuterte er und gähnte.
„Danke.“ Sie schien noch einen Augenblick unentschlossen, ob sie sich selbst überzeugen sollte, dann kuschelte sie sich zurück an seine Brust. „Du bist so schön warm.“
Er lachte leise. Schlaftrunken ließ er seine Hand über ihren Körper wandern. Umschloss ihren Venushügel mit der ganzen Hand. Sie öffnete ihre Beine.
Er konnte nicht widerstehen und begann sanft zu kreisen. Sie verspannte sich. Langsam, unendlich langsam bewegte er seinen Finger, und nach und nach fiel die Spannung von ihr ab. Schließlich fasste sie nach hinten und revanchierte sich. Er machte einen tiefen, zufriedenen Knurrlaut in der Kehle, den sie mit einem ähnlichen Geräusch erwiderte.
Er unterbrach seine Liebkosungen, um sich das Kondom überzustreifen, dann schob er seine Linke unter ihrem Körper durch, um sie weiterhin berühren zu können, und hob mit der Rechten ihren Oberschenkel an. Sie gab seinem sanften Druck nach und zog das Knie fast bis an die Brust. Behutsam drang er in sie ein. Spürte, wie sie zusammenzuckte.
„Schon wund?“ In seiner Stimme lag ein Hauch von Neckerei. Sie schnaubte und machte halbherzig eine abweisende Bewegung. „Ich zerre nicht dauernd Männer vom Motorrad auf mein Sofa.“
„Nichts anderes hatte ich gedacht“, versicherte er ihr ernsthaft. ‚Aber das darfst du gerne noch mal machen. Jederzeit. Mit mir’, dachte er. ‚Und wenn das dein kleines Abenteuer ist, mit einem Fremden ins Bett zu gehen, dann hast du dir zumindest keinen Falschen ausgesucht.’
Sie schnaubte wieder, sog dann scharf die Luft ein und grub ihre Finger in seinen Oberschenkel. „Du tust mir weh!“ Sie wollte sich ihm entziehen.
Sofort hörte er auf, sich zu bewegen, fasste sie jedoch an der Hüfte und verhinderte, dass er aus ihr herausglitt. „Shhh, Charly, vertrau mir. Ich bewege mich erst wieder, wenn du es willst.“ Er sprach leise, beruhigend, ignorierte aber gleichzeitig ihren Versuch, sich zu befreien. ‚Ich tu dir nicht weh, Kätzchen. Ich werde sanft sein, zärtlich, und ich nehme mir alle Zeit, die du brauchst, aber du wirst mich nicht abweisen. Niemals.’
Ohne ihr die Gelegenheit zu geben, sich ihm zu entwinden, setzte er seine Berührungen fort, streichelte und küsste sie, knabberte an ihrer Schulter und registrierte zufrieden, wie nach einiger Zeit ihre verunsicherte Haltung in wohliges Räkeln überging und sie selbst begann, sich zu bewegen. Sehr, sehr vorsichtig beantwortete er ihre Bewegungen, bis sie in einen sanften gemeinsamen Rhythmus fanden, den sie fortsetzten, bis Charly laut aufseufzend in seinen Armen erschauerte.
Er verhielt wieder seine Bewegungen, lehnte seine Stirn an ihre Schulter und konzentrierte sich aufs Atmen.
„Was brauchst du?“ Ihre Stimme war nur ein Flüstern.
„Hältst du ein paar schnelle Stöße aus?“ Er zögerte. Jede Faser seines Körpers schrie nach Erlösung. „Es muss aber nicht sein.“
Sie fasste nach seiner Hand, führte sie zwischen ihre Beine; gemeinsam tasteten sie nach ihrer Verbindung.
„Es muss nicht sein?“ Der Hauch ihres Lachens glitt durch die Dunkelheit. „Beweg dich, ich will dich stöhnen hören!“, forderte sie laut.
Er brauchte nur einige Bewegungen, stöhnte auf und presste Charlys Körper an den seinen.
„Halt mich fest …“ Der Rest ihres Satzes endete in unverständlichem Murmeln.
***
Er erwachte von einem kühlen Luftzug, der ihm um die Nase wehte. Die Terrassentür stand offen, die bodentiefen Vorhänge wirbelten dramatisch in den Raum.
Er war allein.
‚Das reinste Déjà-vu. Halt, nicht ganz.’
Auf der Lehne des Big Sofas lag ein akkurat gefaltetes Duschtuch, seine Jeans und sein Hemd waren verschwunden.
***
Er hatte geduscht. Als er nur in seinen Shorts aus dem Badezimmer trat, sah er Charly an der Spüle hantieren.
„Kaffee?“, fragte sie.
„Immer.“ – ‚Frag: ‚Sex’’, dachte er.
Ihr Blick streifte über seinen Körper, dann stieg sie aus seiner Jeans und hielt sie ihm entgegen. Während er umständlich die von ihr hoch gekrempelten Umschläge entfaltete, stellte sie ihm einen Pott Kaffee auf die Arbeitsplatte, lehnte sich mit ihrer Tasse in den Händen rücklings an die Spüle und beobachtete ihn. „Es war schön letzte Nacht“, eröffnete sie das Gespräch.
Er hielt in der Bewegung inne. Sie trug jetzt noch sein Hemd, es reichte ihr knapp bis zur Mitte der Oberschenkel. Sie hatte es nicht zugeknöpft, sondern vor dem Bauch zusammengerafft; unmöglich zu sagen, ob sie etwas darunter trug. ‚Vermutlich nicht.’ Das bot Raum für verschiedenste Möglichkeiten. „Mir hat es auch gefallen“, grinste er frech.
Der Anflug eines ähnlich frechen Grinsens erschien um ihren Mund, aber sie blieb ernst. „Wir können es gern mal wiederholen.“
‚Stopp!’ Er starrte sie an. ‚Ich habe schon einiges an Avancen erlebt, aber das noch nicht. Es fehlen die Erwartungen. Alle Mädels haben Erwartungen’, überlegte er. ‚Hier ist gar nichts! Oder doch?’ Er versuchte, ihre Haltung zu entziffern. „Aber …?“, soufflierte er.
Sie sah ihm zu, wie er in seine Jeans stieg, seufzte und zuckte die Schultern. „Nichts aber.“
Er zog die Augenbrauen hoch. „Ok, anders gefragt: Mit Betonung auf ‚gern‘ oder ‚mal‘?“
„Beides.“
Er verschränkte die Arme und lehnte sich ebenfalls rücklings an die gegenüberliegende Küchenzeile. Betrachtete sie. ‚Worauf will sie hinaus?’ – „Es klingt alles nicht nach großer Begeisterung“, sagte er laut und war überrascht, als sie lachte.
„So war es nicht gemeint. Ich will nur keine feste Beziehung. Dir keine Hoffnungen machen, die ich nicht halten kann. Das ist alles.“ Sie sah ihn aufmerksam an, offensichtlich gespannt auf seine Reaktion.
„Wegen Gereon?“, fragte er direkt. Es nützte nichts, um den heißen Brei herum zu reden.
„Nein. Oder vielmehr, nicht hauptsächlich. Ihm würde ich das Gleiche sagen, stünde er jetzt hier, an deiner Stelle.“
„Ach ja?“ Eine eindeutig zynische Nuance schlich sich in seinen Ton.
„Beziehungsweise, werde ich das Gleiche sagen. So oder so.“
‚Langsam verstehe ich gar nichts mehr’, dachte er.
Sie seufzte und holte tief Luft. „Ich will im Augenblick niemanden, der mich bindet.“ Sie beugte sich vor und sah ihm eindringlich in die Augen. Die Wirkung verpuffte durch den gleichzeitigen tiefen Ausblick in ihr Dekolleté.
„Dich nicht. Und Gereon nicht. – Auch sonst niemanden“, fügte sie mit wegwerfender Handbewegung an. „Ich bin für – fast – alles zu haben. – Wenn du damit klarkommst. Sonst lassen wir es lieber“, setzte sie nach einem Augenblick der Überlegung hinzu, lehnte sich wieder zurück und widmete sich ihrem Kaffee.
Er musterte sie aus schmalen Augen. ‚Plausibel so weit. Die vorletzten beiden Sätze wiederum lassen eine Menge offen. Teilen kann ich, mit Gereon allemal. Und vielleicht …’ Er würgte den aufkeimenden Gedanken ab. ‚Das hier ist Sex. Sehr schöner Sex. Mehr, als ich die letzten Jahre hatte. Warum irgendetwas überstürzen?’, fragte er sich. ‚Ich will es. Sie will es. Das reicht.’
Sie wartete geduldig auf seine Antwort.
‚Nein’, korrigierte er sich. ‚Nicht geduldig, auch wenn sie es gut verbirgt.’ – „Nachvollziehbar.“ Er löste seine angespannte Haltung und griff nach seinem Kaffee. „Prinzipiell habe ich damit kein Problem“, hörte er sich sagen. „Motorradfahren mit Bettoption ohne sonstige Verpflichtung bekommt man nicht jeden Tag angeboten“, grinste er frech, „und das ‚ – fast – alles’ interessiert mich.“
Sie verschluckte sich an ihrem Kaffee und hustete. Ihre Wangen färbten sich rot und sie mied seinen Blick. Er nahm einen Schluck aus seiner Tasse. Der Kaffee war überraschend stark. Ein weiterer Pluspunkt für sie.
Nach seinen deutlichen Worten breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus und etwas unbehaglich standen sie sich gegenüber, als im Flur Charlys Handy klingelte.
She’s Got Nothing On (But the Radio) – Roxette
Charly war aus der Küche geflitzt, kurz darauf ertönte ein atemloses “Hi Dad”, und sie kehrte mit dem Handy am Ohr zurück. “Weder noch”, sagte sie gerade, “Hab doch Urlaub.” Sie machte eine betretene Miene. “Alles ok, Dad. Hab’s vergessen. Tut mir leid. Ich weiß ja, dass du dich sorgst.”
“Sachsenring? Immer doch! Was hast du für mich? Und wann überhaupt?”
„Dienstag geht, dann nehme ich noch zwei Tage Urlaub. Kein Akt.“ Sie lauschte konzentriert, streifte ihn mit einem nachdenklichen Blick. „Kann noch jemand mitkommen?“
„Ok, geht klar. Bis später. Bye, Dad.“
‚Vergiss es, Rennstrecken sind nicht mein Ding’, dachte er. ‚Falls du überhaupt an mich gedacht hast bei dieser Frage.’
Sie legte auf. Zog ein Blatt Papier und einen Stift aus einer der Schubladen und schrieb einige Stichpunkte auf. Gerade, als sie sich ihm zuwandte, klingelte das Handy noch einmal. „Melli, was gibt’s?“, meldete sie sich kurz angebunden. „Klettern darf ich noch nicht, sichern kann ich dich, wann und wo?“
„Ja, see you. – Moment, Melli? Bist du noch dran? Kommenden Dienstag, Sachsenring, wie immer?“
„Ok, see you.“ Sie ergänzte ihre Liste um einen Punkt.
Das Handy klingelte wieder.
„Was ist denn heute los?“, wunderte sie sich, schaute aufs Display, vermied es, ihn anzusehen und zögerte einen Augenblick, bevor sie das Gespräch annahm. „Hi.“
Aus der Antwort erkannte er die Stimme seines Freundes, auch wenn er keine Wörter ausmachen konnte.
Charly lachte. „Dafür müssen Sie früher anrufen.“
‚Interessant. Sie siezt sich mit Gereon’, dachte er. Ihm fiel dessen Zettel ein. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der selber darauf kam, wer sie war. Hoffentlich verstrickte sie sich nicht zu sehr in ihr Versteckspiel. Auch wenn Gereon so was liebte. ‚Nun, immerhin weiß ich, dass sie mir gegenüber mit offenen Karten spielt. Das ist viel wert.’
„Ja, danke der Nachfrage, ich bin gut nach Hause gekommen“, sagte sie mit einem Seitenblick auf ihn.
Ihr war es sichtlich unangenehm, dass er sie bei diesem Gespräch beobachtete und mithörte. Er konnte sich ein diabolisches Lächeln nicht verkneifen.
„Ich weiß nicht“, sagte sie eben und zuckte unschlüssig die Schultern.
Ihr Handy gab eine Reihe von Pieptönen von sich, sie entschuldigte sich und sah einige Nachrichten an, bat Gereon dann, ob er sie später noch einmal anrufen würde und legte mit einem kurzen Gruß auf. Rief jemanden an; dem Gesprächsverlauf nach hatte ihr Vater einen Auftrag für sie. Sie verhandelte ein paar Minuten mit ihm und legte das Handy weg. „Alle verrückt geworden. – Wären wir bei Plan C“, kommentierte sie ihre Änderung auf ihrer Liste.
„Plan C?“, fragte er amüsiert.
Sie deutete an ihm vorbei auf eine Holztafel, die in geschwungenen Buchstaben verhieß: „If Plan A doesn’t work, the Alphabet has 25 more letters.“
„Sieht nach einem durchgeplanten Vorgehen aus.“
„Im Grunde ist es ganz einfach.“ Sie sah ihn an und lachte übermütig. „Plan A geht sowieso immer schief, deshalb ist Plan B: ‚Es gibt keinen Plan und irgendwie wird’s trotzdem’.“
Er schmunzelte. „Damit kann man sich die restlichen 24 Buchstaben gleich ganz sparen.“
„Oder man belegt sie schon mit verschiedenen Plänen, damit man hinterher genau sagen kann, was nicht funktioniert hat und welche Optionen offen bleiben.“
„Meine Optionen sind im Moment jedenfalls recht eingeschränkt, und für die meisten brauche ich mein Hemd“, gab er zu bedenken.
Das Handy klingelte wieder. Für einen Moment sah sie so aus, als wolle sie es aus dem Fenster werfen, nahm dann aber ab. Sie lauschte einem aufgeregten Wortschwall, zog dabei einen neuen Zettel aus der Schublade und füllte ihn in kurzer Zeit mit Daten und Ortsnamen.
„Ich gleiche es mit meinen Plänen ab und melde mich dann. Vermutlich nicht vor morgen Abend. Ach, und alles zum üblichen Stundensatz sowie Auslagen für Anreise und Übernachtung und 75 Euro, wenn ich dir die Übernachtungskosten einspare, in Frankfurt zum Beispiel.“ Während sie der Antwort lauschte, verdrehte Charly die Augen. „Tja, Profis kosten nun mal Geld“, lachte sie dann. „Was das betrifft, bin ich ein sehr kostengünstiger Profi, das weißt du selber. Bye, Mam!“
Sie hatte kaum aufgelegt, da klingelte es schon wieder. Es war Gereon. So, wie sie sich wand, schien er auf ein Wiedersehen zu drängen und sie wollte ihm nichts von sich preisgeben. Schließlich gab sie insofern nach, dass sie ihm erzählte, abends in Magdeburg zu sein. Dann beendete sie das Gespräch recht schnell und stützte sich nachdenklich auf die Arbeitsplatte. „Alle verrückt geworden. Sagte ich das schon?“ Sie blickte auf, ihre Augen fokussierten auf ihn und sie stutzte. „Du wolltest dein Hemd wiederhaben. Sorry.“
Sie ließ es von den Schultern gleiten und reichte es ihm. Stand vor ihm. Nackt.
Sein Herzschlag überschlug sich. Wie in Trance, den Blick unverwandt auf ihren schlanken Körper gerichtet, nahm er ihr sein Hemd aus der Hand. Sie trat an ihm vorbei über den Flur ins Bad und schnappte sich dort eine Jeans vom Boden, wobei sie ihm eine äußerst verführerische Rückansicht präsentierte. Zog die Jeans an ohne sich um Unterwäsche zu bekümmern. Mit einem gewissen Bedauern sah er zu, wie sie den Reißverschluss hochzog. Dann verschwand sie hinter der Tür, und als sie in sein Blickfeld zurückkehrte, trug sie bereits einen BH und hatte sich ein Hemd übergeworfen, an dem sie eine Handvoll Knöpfe schloss, die Zipfel nachlässig in den Bund der Jeans stopfte und ein mehr als großzügiges Dekolleté zur Schau stellte. Sie warf einen Blick in sein Gesicht und schloss noch einen Knopf mehr.
Er fasste nach ihrem Handgelenk, zog sie an sich und küsste sie, fordernd. „Schade“, flüsterte er an ihrem Ohr. „Ich wollte noch die Erinnerungen der Nacht auffrischen.“ Seine Hände waren eifrig mit ihrem Po beschäftigt.
Sie lachte auf, ein wenig rau und kehlig. „Zu spät, ich muss los. Soll ich Napoleon bei dir rausschmeißen?“
„Gute Idee.“ Widerstrebend ließ er sie los und sie schob ihn zur Haustür.
***
Charly hielt gerade lange genug, dass er Napoleon aus dem Bus lassen konnte. Er sah ihr kopfschüttelnd nach, wie sie mit einem Kavaliersstart die Dorfstraße hinauffuhr und um die nächste Kurve verschwand.
‚Ich fasse es nicht’, dachte er. ‚Die Jungs träumen seit Jahren davon, dass ein Motorrad fahrendes Mädel daherkommt und direkt vom Bike mit ihnen in die Kiste steigt. Genau so lange erzähle ich ihnen, dass es so was nur in Pornos gibt. Männerphantasien eben.’
‚Wem passiert’s?’
‚Mir.’
‚Schade eigentlich, dass sie nie erfahren, dass es so was doch gibt.’
Er brachte Napoleon bei seinem Vater unter, vergewisserte sich, dass es dem alten Herrn an nichts fehlte und saß kurz darauf wieder im Sattel seiner BMW, diesmal auf dem Weg zur Arbeit. Er war bei weitem kein Langschläfer wie Gereon, aber so früh war er selten unterwegs. Er genoss die frühsommerliche Stimmung, die Kühle der Luft und die wärmenden Strahlen der Sonne. Pfeifend stellte er das Motorrad auf dem Firmenparkplatz ab und steuerte beschwingt sein Büro an. Noch ehe er es erreicht hatte, brachen die ersten Hiobsbotschaften über ihn herein. Aber heute konnte ihn nichts erschüttern.
Jede Stunde – Karat
Charly parkte den Bus am Sägewerk. Alles war noch still. Sie öffnete die Schiebetür, kramte ein kleines Fläschchen aus dem Handschuhfach, hockte sich in die Türöffnung und lackierte sich die Fußnägel. Dies erledigt, lehnte sie sich an die Rückbank, streckte die Füße nach draußen und genoss die Morgensonne.
Selten hatte sie sich so wohl gefühlt wie jetzt. Ihre Gedanken glitten zurück zur Nacht. ‚So habe ich Sex noch nie erlebt’, dachte sie. ‚Nicht, dass ich viel Erfahrung hätte, aber sonst war es … Sex. Diesmal … eher, was ich mir unter ‚Liebe machen’ vorstellen würde.’ Ein Schauer überlief sie und sie überließ sich der Erinnerung an Christians Hände und seine Stimme, bis sie Schritte hörte.
Der Chef des Sägewerkes kam auf sie zugestapft und begrüßte sie in seiner gewohnt poltrigen Art. „Na, Charly, bist wohl aus dem Bett gefallen?“
„Ich war gar nicht erst drin“, antwortete sie verschmitzt und er zog die Augenbrauen hoch. Sie hielt ihm einen Zettel unter die Nase. „Könnt ihr mir das morgen Nachmittag liefern?“
„Für dich immer“, sagte er und steckte den Zettel ein, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen. „Um zwei?“ Er hielt ihr seine schwielige Pranke entgegen.
„Perfekt!“ Charly schlug ein.
***
Als Nächstes fuhr Charly zum Baumarkt, dann heim. Sie ließ die Einkäufe im Bus und bepackte die Monster. Schwang sich auf die kleine Schwarze und fuhr zu ihrem Chef. Die zwei zusätzlichen Urlaubstage waren kein Problem; sie hatte sowieso noch viel zu viel Urlaub übrig. Zu ihrem weiteren Ansinnen sagte ihr Chef zunächst nichts, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, betrachtete sie und überlegte. Charly wartete. Jede verstreichende Minute machte sie zusehends nervöser. Normalerweise war Alois nicht so zurückhaltend und überlegt.
„Nein“, beschied er und ihr Herz sank. „Innerhalb des nächsten Jahres, sagst du?“
Sie nickte. „Wahrscheinlich.“
„Dann mache ich dir einen anderen Vorschlag: Wir ändern jetzt gar nichts, du sagst mit mindestens vier Wochen Vorlauf Bescheid, wir rechnen zunächst alle dann noch übrigen Urlaubstage und Überstunden an und zahlen die restliche Zeit dein übliches Gehalt fort. Anschließend besprechen wir deine Gehaltserhöhung, die längst überfällig ist.“
Charly fehlten die Worte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie kam mit ihrem Geld gut aus. Zusätzliche Wünsche finanzierte sie aus ihren Winterprojekten oder den Gelegenheitsaufgaben für ihre Eltern, die trotz ordnungsgemäßer Anmeldung als Nebenjobs für ein solides Polster gesorgt hatten. Deshalb hatte es sie auch nie gestört, dass sie kaum mehr verdiente als im letzten Lehrjahr. Es war perfekt, und es war ein mehr als großzügiges Angebot. Sie bedankte sich ausführlich und wollte sich verabschieden, als ihr Chef sie noch einmal zurückrief.
„Charly, eine Sache noch.“
„Ja?“, fragte sie, die Hand schon auf der Klinke.
„Hast du schon darüber nachgedacht, wie deine berufliche Laufbahn weitergehen soll?“
Charly ließ die Klinke los und ging zu ihrem Stuhl zurück. „Noch nicht viel, nein. Ich wollte nach dem Meister erst eine Weile arbeiten und hier und da mal Urlaub machen. Das Leben genießen halt. – Weshalb fragen Sie?“
„Nun“, begann ihr Chef bedächtig. „Ich war damals nicht sicher, ob der Beruf für dich das Richtige ist. Als junge Frau auf dem Bau. Aber deine Entschlossenheit hat mich beeindruckt, und von deiner Zielstrebigkeit und Arbeitsweise können sich die jungen Kerls alle was abschauen. So gesehen bist du mein bester ‚Mann’.“
Charly setzte sich wieder. ‚Das höre ich gern’, dachte sie. ‚Wo ist das Aber?’
„Aber du möchtest sicher irgendwann eine Familie haben. Nicht mehr den ganzen Tag bei welchem Wetter auch immer auf fremden Dächern herumhampeln wollen.“ Er formulierte seine Gedanken ungewohnt vorsichtig. „Gibt es etwas, das dich interessiert im Sinne einer Weiterbildung?“
Charly überlegte. ‚Manövriere ich mich ins Abseits, wenn ich jetzt etwas Bestimmtes bekenne, oder will er mir neue Perspektiven eröffnen?’ Sie beschloss, es auf unbeschwerte Art anzugehen. „Also, für die Familie fehlt noch eine klitzekleine Voraussetzung, das dürfte nicht ganz so schnell gehen.“
Er lachte dröhnend.
„Was die beruflichen Perspektiven angeht: Restauration interessiert mich und Bauzeichnerei auch. Wenn es etwas artfremder sein darf, auch Kartographie.“ Sie sah ihn abwartend an. Auf seinem Schreibtisch welkte ein Strauß Sommerblumen vor sich hin, sie fegte mit der Hand die herabgefallenen Blütenblätter auf und ließ sie in den Papierkorb fallen.
„Wie sieht es mit Buchhaltung aus?“
Sie zog eine Schnute. „Das kann ich, in Grundzügen. Aber es wäre eher ein Notnagel.“
Er lachte wieder.
Charly verlor langsam die Geduld. „Alois, worauf wollen Sie hinaus?“
„In absehbarer Zeit brauche ich einen Nachfolger“, antwortete er schlicht.
Charly schluckte.
„Du hast das Zeug dazu. Ich kann dich nach und nach einarbeiten und würde dir auch nach meinem Rückzug aus dem Geschäft als Berater zur Verfügung stehen. Du musst dich nicht jetzt entscheiden, es hat noch Zeit.“
„Ich werde darüber nachdenken.“
Er nickte und sie schüttelten sich die Hände.
Als sie sein Büro verließ, hörte sie das Klappen einer Autotür, erhaschte durch das Flurfenster einen Blick auf den Hof und sah Gereon auf die Tür zusteuern. Rasch huschte sie in ihr persönliches Umkleidekämmerchen und ließ die Tür nur angelehnt. Sie hielt den Atem an und hörte Gereon das Haus betreten. Er klopfte einmal kurz am Büro und trat ein, schloss jedoch nicht die Tür hinter sich. Langsam atmete sie aus und wartete ungeduldig. Ihren Händen entströmte der unverwechselbar modrige Geruch abgeblühter Blumen, aber sie wagte nicht, die Hände zu waschen, um sich nicht zu verraten. Es dauerte zum Glück nicht lange, bis beide Männer den Gang betraten und zur Haustür gingen.
„Wem gehört die schwarze Suzuki?“, hörte sie Gereon fragen.
„Einer Mitarbeiterin.“
„Wo kann ich sie finden?“
„Keine Ahnung. Sie hat Urlaub, stellt aber gelegentlich ihr Fahrzeug hier ab, wenn sie etwas erledigen will. Also müssen Sie entweder warten, bis sie zurückkommt …“
‚Bloß nicht’, dachte Charly halb entsetzt, halb amüsiert.
„… oder sie verraten mir ihren Namen und ihre Adresse“, führte derweil Gereon das Gespräch im Flur fort.
Erneut hielt sie den Atem an.
„Geben Sie mir Ihre Visitenkarte und ich werde ihr ans Herz legen, sich bei Ihnen zu melden.“
Sie hörte Gereon seufzen, dann verabschiedete er sich. Als sie den Porsche starten hörte, atmete sie auf und trat aus ihrem Kämmerchen.
„Vielleicht geht es mit Familie schneller als gedacht – du hast einen Verehrer“, schmunzelte ihr Chef und reichte ihr Gereons Karte.
Sie drehte sie um.
‚Ich möchte Sie treffen. Bitte. G’, las sie.
„Sieht ganz so aus.“
***
Charly fuhr in Schrittgeschwindigkeit auf das Gelände des Reitvereins. Eine junge Frau führte eine Fuchsstute mit auffällig gekrümmter Blesse zum Außenreitplatz, Charly grüßte und parkte ihr Motorrad vor dem Büro. Die Tür war nur angelehnt und sie klopfte. Sie rechnete mit keiner Antwort, aber es ertönte gleich darauf ein kräftiges „Herein“.
Sie trat ein. Der Chef des Reitvereins war etwa im Alter ihres Vaters, ein mittelgroßer, schlanker Mann mit ruhigem Naturell. Sie kannte ihn flüchtig vom Sehen.
„Was kann ich für Sie tun?“ Er legte die Papiere, in denen er geblättert hatte, beiseite, und winkte sie zu einem Sessel der Besuchersitzgruppe.
„Ich möchte ein etwas ungewöhnliches Anliegen besprechen“, begann Charly.
Mit ermutigender Handbewegung setzte er sich ebenfalls.
„Ich habe ein Fohlen und brauche einen Spielkameraden für ihn. Die Mutterstute stammt von einem Schlachttransport, der vor einiger Zeit vom Tierschutzverein unterbrochen wurde.“
„Also noch nicht alt?“
„Anderthalb Wochen. Die Mutter ist schon ziemlich betagt und noch sehr dünn, trotz Zufütterung, und bräuchte ab und an etwas Ruhe vor dem Quälgeist.“
Nachdenklich strich er sich über den grau melierten Drei-Tage-Bart. Er sah müde aus. „Ich dachte schon, Sie seien die Antwort auf ein dringendes Problem, aber der zweite Teil ihrer Erklärung hört sich eher nach weiteren Schwierigkeiten an. Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen, was ich meine.“
Sie verließen das Bürogebäude über eine rückwärtige Tür und gingen zu einem der kleineren Nebenställe. In der letzten Box lag ein sehr kleines Fohlen zu einem Oval eingeringelt unter einer Wärmelampe und rührte sich auch bei ihrer Annäherung kaum.
„Der ‚Kleine Prinz’ wurde viel zu früh geboren, die Stute war gestürzt und musste nach der Geburt eingeschläfert werden. Wider Erwarten hat er die ersten Tage überlebt. Im Moment füttern wir ihn mit der Flasche und Ersatzmilch. Wir bräuchten dringend eine Ammenstute, aber bisher hat keine den Kleinen angenommen.“
Charly überlegte. „Ich würde es ja darauf ankommen lassen…“, dachte sie laut.
„Aber?“, soufflierte er.
„In dem Transport war ein Hengst, der ganz eifersüchtig über die Stute und ihr Fohlen wacht. Selbst wenn die Stute willig wäre, bleibt die Frage, wie der Hengst reagiert und ob man bei Schwierigkeiten an den Kleinen wieder herankäme, wenn der Hengst ihn akzeptieren sollte. Vom Transportproblem ganz abgesehen. Das Fohlen und die Stute bekäme ich noch in einen Hänger, aber den Hengst?“, äußerte Charly ihre Bedenken.
„Also müssten wir den Kleinen zu Ihnen bringen?“
„Ich müsste die Koppeln tauschen, dann könnte der Kleine in den Unterstand. Ich bin allerdings über Nacht unterwegs, kann also die Bande nicht beobachten“, überlegte Charly weiter.
Er schmunzelte. „Das kriege ich grade noch geregelt. ‚Versuch macht klug’, heißt es so schön. Dann packen wir den Burschen ein und schauen, was Ihre Stute dazu sagt.“
Er reichte ihr einen Autoschlüssel, trat in die Box und hob das Fohlen auf seine Arme. Sie hielt ihm die Türen auf und er wies auf einen großen Geländewagen. Im Heck des Wagens stand eine weich ausgepolsterte Wanne, in die er das Fohlen vorsichtig hineinsetzte.
„Es ist nicht seine erste Fahrt.“ Er deckte das Fohlen mit einer weiteren Decke zu und klappte einen Gitterdeckel über die Wanne. „Auf geht’s.“
Charly fuhr langsam voraus. Auf ihrem Hof angekommen trugen sie das Fohlen auf die Koppel und stellten es auf die Beine. Sie mussten es stützen, damit es nicht umfiel. Der Hengst kam als Erster heran, um zu erkunden, was auf seiner Koppel vor sich ging, und beschnupperte das Fohlen ausgiebig. Der Kleine wurde etwas lebendiger, wandte sich dem Hengst zu und machte leise, quietschende Geräusche. Der Hengst wandte sich ab und schob die Stute auf das Fohlen zu. Auch sie beschnupperte den Kleinen. Dann wandte sie ihm die Flanke zu. Sie dirigierten das Fohlen zu ihrem Euter und gleich darauf hörten sie schmatzende Geräusche, die auf der anderen Seite Nachahmung fanden. Charly legte die Hand auf den zarten Körper des Fohlens und fühlte, wie dessen Bauch rund wurde. Dann ließ sich der kleine Hengst erschöpft auf den Boden sinken. Die Mutterstute trat daneben und begann das Fohlen abzulecken.
„Das ging ja fast zu einfach“, stellte der Chef des Reitstalles fest. Er hielt ihr die Hand hin. „Bernd.“
„Charly. – Dann bringen wir den Kleinen in den Unterstand. Ich gehe davon aus, dass Phoenix“, sie deutete auf den Schimmel, „die Stute und ihr Fohlen hinter uns herscheuchen wird.“
Er nickte und hob den Kleinen Prinz wieder auf seine Arme, die Mutterstute folgte aus eigenem Antrieb, dann ihr Fohlen, der Hengst bildete das Schlusslicht. Im Gänsemarsch gingen sie durch das alte Törchen bis zum Eingang der alten Koppel. Charly schlüpfte durch den Zaun, schnappte aus dem Unterstand Halfter und Führstricke und hatte binnen kurzem Napoleon, Freddy und die beiden Esel außen am Zaun angebunden. Die kleine Kavalkade marschierte auf die Koppel und Charly schloss aufatmend den Zaun. Sie polsterten gemeinsam ein kuscheliges Strohnest aus und hoben das Fohlen hinein.
„Ich hole die Wärmelampe. Sie sollten derweil außerhalb der Koppel warten, der Hengst ist unberechenbar bis offen aggressiv gegenüber Männern.“
Er wandte sich um und musterte den gleichgültig hinter ihm stehenden Schimmel erstaunt, folgte jedoch ihrem Vorschlag. Sie installierte die Wärmelampe, währenddessen telefonierte er und organisierte die Beobachtung der Pferde. Schließlich brachte sie noch ihre Tiere auf der improvisierten Koppel auf Peters Grundstück unter. Als sie zurückkehrte, lag Pollux neben dem neuen Fohlen. Der Hengst stand eine Armeslänge vor Bernd und schien mit ihm Zwiesprache zu halten.
„Die Überraschungen nehmen kein Ende“, stellte sie fest.
Er antwortete nicht sofort. Erst, als der Hengst seine Aufmerksamkeit von ihm abwandte, sah er Charly an. „Man weiß nie, was Tiere auf einem solchen Transport erlebt haben, oder, wie die Stute, in ihrem langen Leben davor. Wie verhalten sie sich dir gegenüber?“
„Ich lasse sie weitgehend in Ruhe. An die Stute habe ich mich noch nicht herangewagt, außer zum Füttern. Sie ist nicht direkt scheu, eher zurückhaltend, mitunter desinteressiert. Als wolle sie möglichst keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Der Hengst ist mir gegenüber recht aufgeschlossen, wachsam zwar, und schreckhaft, aber nicht aggressiv. Lässt sich auch gerne putzen. Den Männern, die ihn und die anderen Pferde aus dem Transporter geholt haben, hat er jedoch ziemliche Schwierigkeiten bereitet, gebissen und geschlagen. Wie mir berichtet wurde, konnten sie ihn nur zu viert und mit Führstangen handhaben. Von meinem Nachbarn nimmt er Leckerchen, meiner Nachbarin begegnet er in etwa wie mir. Mehr Erfahrungen haben wir noch nicht miteinander, von meinem blauen Auge abgesehen. Aber das war ein Unfall, und ich denke, es tat ihm leid, wenn man das so nennen kann.“ Sie erzählte die Begebenheit.
„Er hat einen starken Beschützerinstinkt und er scheint dir zu vertrauen – oder dich als Teil seiner Herde zu betrachten. Was ich von ihm gesehen habe, weist auf einen umgänglichen Grundcharakter hin, der von dir beschriebenen Aggressivität würde ich schlechte Erfahrungen mit Männern zugrunde legen. Vorsicht im Umgang mit ihm ist sicher angebracht, aber als gefährlich schätze ich ihn nicht ein.“
„Ganz meine Meinung“, bekräftigte eine Stimme hinter ihr und Charly fuhr erschreckt herum. Dr. Schnellenbach reichte ihr entschuldigend die Hand. „Dann will ich das Quartett im Auge behalten“, fuhr er fort und stellte im Schatten des Apfelbaumes einen Klappstuhl auf.
„Quintett“, verbesserte Charly. „Und überlegen Sie sich was, wie ich die Stute ein bisschen aufpäppeln kann, je ein Pfund Gerste und Pellets morgens und abends haben keinen nennenswerten Erfolg gebracht.“ Sie warf einen Blick auf ihr Handy. „Jetzt muss ich mich leider empfehlen.“
***
Eine halbe Stunde später als verabredet betrat Charly die Kletterhalle. Das Mädel an der Rezeption grüßte sie und wies in Richtung des Boulderbereiches. Melli brach ihre Route ab, als sie Charly bemerkte.
„Hi, alles ok? Ich hab mir Sorgen gemacht.“
Sie umarmten sich.
„Bestens“, erwiderte Charly. „Im Gegensatz zu dir.“ Vielsagend berührte sie einen faustgroßen blauen Fleck auf Mellis Unterarm.
„Ich bin beim Klettern abgerutscht.“ Melli wandte sich schnell ab. „Was war los, du bist sonst nicht unpünktlich, und wenn, sagst du Bescheid.“
Es war ein Ablenkungsmanöver, aber Charly nahm es an. Sie wusste aus Erfahrung, dass Melli alle anderslautenden Vermutungen abstreiten würde. Sie ließ sich auf die Matte fallen. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“
„Am Anfang?“, suggerierte Melli spitz.
„Selbst der ist zu kompliziert.“
„Sag mir wenigstens, worum es geht!“ Melli verdrehte die Augen.
„Meine Stute hat zu ihrem eigenen Fohlen noch ein Adoptivkind, mein Chef will mich als Nachfolger haben, ich muss für meinen Dad ein Auto besorgen, meine Mutter hat eines ihrer Mädels vergrault und ich soll den Sommer über einspringen, und ich hab einen Verehrer und einen Liebhaber. Das alles seit heute Morgen“, zählte sie die Ereignisse des Tages auf.
„Verehrer und Liebhaber?“ Mellis Augen wurden rund.
„Nicht ein- und derselbe Mann“, bekannte Charly.
„Der Dunkelhaarige vom Moppedtreff …
„… ist der Liebhaber“, beendete Charly mit einem verträumten Lächeln den Satz.
„Und der Verehrer?“
„Heißt Gereon und fährt einen blauen Porsche.“
„Wer ist der Favorit?“
Charly ließ sich Zeit mit der Antwort. „Keiner … beide …“ Sie zuckte mit den Achseln. Dann gewann ihr übliches schelmisches Selbst die Oberhand. „Frag mich das noch mal, wenn ich die anderen Punkte geklärt hab.“ Charly sprang auf und stieg in ihren Klettergurt. „Welche Routen willst du klettern?“
The Lady in Red – Chris De Burgh
Charly schnappte den Lippenstift zu und spitzte die Lippen zum Kuss. Ihre Mutter hatte sich mit dem roten Kleid selbst übertroffen. High Heels und Lippenstift passten perfekt dazu. Beschwingt verließ sie das Hotel und strebte zur Straßenbahnhaltestelle. Ihr folgte so mancher Blick, aber Charly ignorierte es. In der Stadt wechselte sie die Bahn und stieg knapp eine halbe Stunde später an einem Gewerbegebiet aus. Das Autohaus lag nur wenige Schritte von der Station entfernt.
Sie betrat den Verkaufsraum. Der einzige anwesende Verkäufer staunte sie mit offenem Mund an. Sie grüßte und wandte sich einem Fahrzeug zu, das direkt vor ihr auf einem Podest thronte. Ehrfürchtig betrachtete sie den Oldtimer, während dieser langsam um sich selbst rotierte.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“ Der Verkäufer war unbemerkt neben sie getreten.
Sie wies auf den Wagen vor sich. „Ich möchte ihn kaufen.“
Zum zweiten Mal klappte ihm der Kiefer nach unten.
„Er steht doch zum Verkauf, nicht wahr?“, vergewisserte sie sich.
Er nickte. „Einen Augenblick, bitte. Ich hole den Chef.“
Dieser war ein hochgewachsener Mann Mitte fünfzig, der ihr reserviert die Hand reichte. „Sie interessieren sich für den Isabella?“
„Ich bin hier, um ihn zu kaufen.“
Er nickte und wies ihr den Weg zu einem der Schreibtische. „Üblicherweise interessieren sich nur deutlich ältere Semester als Sie für einen Borgward.“
Charly setzte sich und lächelte. „Meine Urgroßmutter hat diesen Wagen gefahren, er hat ihr sehr viel bedeutet“, improvisierte sie. Es war noch nicht einmal gelogen. „Sozusagen ihr zu Ehren möchte ich ihn haben.“
Er legte die Fingerspitzen seiner Hände aneinander und betrachtete sie nachdenklich.
‚Ich hätte einen Hut aufsetzen sollen’, dachte sie. ‚Hinter Krempen kann man so schön die Augen verstecken. Ganz ruhig bleiben’, mahnte sie sich. ‚Ich mache nichts Illegales. Nur ein bisschen Schauspielkunst à la Mam zugunsten Dad´s.’ Sie wartete geduldig und ohne eine Miene zu verziehen.
Schließlich nickte er leicht und zog die Tastatur seines Rechners zu sich heran.
„Es gibt nur eine Kleinigkeit zu klären“, fuhr Charly fort.
„Die wäre?“
„Inwieweit sie mir mit dem Preis entgegenkommen würden. Ich habe alle meine Konten abgeräumt, aber es reicht leider nicht ganz.“ Erwartungsvoll sah sie ihn an.
Er schmunzelte. „Wie viel haben Sie denn?“
Charly zog eine Geldbörse aus ihrer Handtasche und legte sie auf den Schreibtisch. „Das sind genau siebenundfünfzigtausendneunhundertdreiundzwanzig Euro und zweiundsechzig Cent.“
„Darf ich?“
Sie nickte.
Er zählte das Geld ab und legte alle Fünfhundert-Euro-Scheine auf einen Stapel zu seiner Rechten, die Geldbörse mit dem Kleinkram und die vier Einhundert-Euro-Scheine reichte er ihr zurück. „Ihren Ausweis, bitte.“ Er stutzte kurz, als er ihren Namen auf das Verkaufsformular übertrug.
‚Na, fragt er nach Dad oder fragt er nicht?’ Aufgeregt knautschte sie den Trageriemen ihrer Handtasche.
„Wann wollen Sie ihn abholen?“
„Gleich mitnehmen, dachte ich“, erwiderte sie unschuldig.
Er sah auf die Uhr, nahm den Telefonhörer und wählte. „Ich habe hier eine Kundin, die den Isabella sofort mitnehmen möchte. Geht das noch?“ Er lauschte.
„Wunderbar“, er legte auf und nahm ein Blatt aus dem Drucker, das er ihr hinschob.
Charly las es aufmerksam durch und unterschrieb. Derweil war ein Mechaniker erschienen, hatte die Türflügel des Verkaufsraumes aufgeschoben und fuhr den Isabella auf den Hof. Der Verkäufer begleitete sie hinaus. Sie verabschiedete sich, bedankte sich und stieg ins Auto.
„Eine Frage noch“, hielt er sie auf, als sie nach dem Schlüssel griff. „Da Sie den gleichen Familiennamen tragen: Kennen Sie Arved Thelen?“
Charly lächelte. „Das ist mein Vater.“ Sie startete und fuhr los. Im Rückspiegel sah sie noch, wie er ärgerlich die geballte Rechte in die Linke schlug. ‚Zu spät gefragt, Junge!’
***
Ihr Telefon klingelte. Sie fuhr an der nächsten Bushaltestelle rechts ran und nahm das Gespräch an. Ihr Vater. „Ich hab ihn!“, rief sie grußlos ins Telefon.
„Zu welchem Preis?“
„Errätst du nie“, flötete sie. „Wann und wo holt Steven ihn ab?“
„Hauptbahnhof. Ich setze ihn jetzt gleich in den Zug, er dürfte gegen acht da sein.“
„Ok, see you later, Dad.“
***
Auf dem Display wurde ein Anruf in Abwesenheit angezeigt. Sie drückte die Ruftaste. Es hatte kaum einmal geklingelt, da meldete sich Gereon.
„Hi. Hier ist Charly.“
„Schön von Ihnen zu hören. Sie sind in Magdeburg?“
„Ja“, schmunzelte sie.
„In welchem Hotel?“
„Verfolgen Sie mich wieder?“, neckte sie ihn.
„Ich möchte Sie wiedersehen.“
Sie nannte ihm das Hotel. „Wann werden Sie da sein?“, fragte sie.
„In zwanzig Minuten laut Navi.“
„Diesmal möchte ich Sie zu einer kleinen Ausfahrt einladen und anschließend zum Essen, ich habe etwas zu feiern.“
„Ausfahrt ist ok, über das Essen reden wir noch“, kündigte er an.
Sie lachte.
„Was feiern Sie denn?“
„Das sehen Sie gleich.“
„Wo treffen wir uns?“
„18 Uhr am Hoteleingang. See you.“
***
Pünktlich stand Gereon vor dem Foyer. Ein cremeweißes Oldtimer-Cabriolet bog in die Auffahrt und hielt vor ihm. Darin Charly in einem raffiniert geschnittenen, roten Kleid.
„Hi!“
Ihre Stimme setzte die Zeit wieder in Gang, die irgendwann stehen geblieben sein musste. „Wo haben Sie denn dieses Schmuckstück aufgetrieben?“ Er wusste selbst nicht, was er meinte, Fahrzeug oder Kleid.
„Soeben erst erstanden.“
Überrascht musterte er sie. ‚Woher nimmt sie das Geld, oder habe ich mich verschätzt?’
Als habe sie seine Gedanken gelesen, sagte sie: „Er ist für meinen Dad. Ich kaufe öfter Fahrzeuge in seinem Auftrag.“
‚OK, das erklärte einiges’, dachte er.
„Haben Sie Wünsche, wo wir hinfahren? Um acht muss ich den Wagen am Hauptbahnhof abgeben“, holte sie ihn ins Gespräch zurück.
„Ich überlasse mich ganz Ihrer Führung“, blieb er absichtlich zweideutig. Sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne und beobachtete schweigend, wie er zu ihr ins Auto stieg. „Sie sagen gar nichts?“
„Ich versuche, mich für eine der unzähligen attraktiven Möglichkeiten zu entscheiden.“
‚Ihre Antwort ist auch nicht gerade eindeutig’, überlegte er und sah zu ihr hinüber. Sie hatte den Blick von ihm abgewandt und fuhr los. Ihre Wangen glühten.
‚Welche ‚attraktiven Möglichkeiten’ sie wohl erwogen hatte?’, fragte er sich.
Sicher lenkte sie den Wagen durch den Feierabendverkehr, ließ sich von einer Navigations-App ihres Handys leiten, das sie im Schoß liegen hatte. Etwa eine halbe Stunde später stoppte sie den Wagen auf einem Parkplatz.
***
„Schloss Hundisburg“, verkündete sie.
Sie betrachteten den imposanten Schlossbau von außen und schlenderten durch den Park. Ihre Unterhaltung drehte sich sorgfältig nur um Belanglosigkeiten und erst im Verlauf des Spazierganges machte er ihr ein vorsichtiges Kompliment. Es war unnötig. Sein Blick sprach Bände. Zeitweise fragte sie sich, ob er von Schloss und Park überhaupt etwas wahrnahm, so stark fokussierte er seine Aufmerksamkeit auf sie.
Schließlich kehrte sie bedauernd dem wunderschönen Park den Rücken.
***
Sie wählte für die Rückfahrt eine andere Strecke und er stellte sich moralisch darauf ein, gleich ihrem Vater gegenüberzustehen. Die letzte ähnliche Begegnung lag einige Jahre zurück. Sehr viel Erfahrung hatte er damit sowieso nicht. Während des Studiums waren seine Beziehungen meist nur oberflächlich gewesen und selten lang genug, dass er den Eltern vorgestellt wurde. Danach hatte er sich in die Arbeit gestürzt, woran auch die zwei, drei Beziehungen recht früh gescheitert waren, die er seitdem gehabt hatte.
‚Immerhin kann ich dem Zusammentreffen mit Charlys Vater gelassen entgegensehen, war ich doch noch nicht mit ihr im Bett. Nicht, dass es an mir gelegen hätte …’ Er grinste in sich hinein.
Charly brachte den Isabella in der Bahnhofszufahrt zum Stehen, sprang aus dem Auto und schlang die Arme um den Hals eines jungen Mannes, der unmöglich ihr Vater sein konnte. Mit einem Anflug von Eifersucht beobachtete Gereon, wie dieser sie im Kreis schwenkte und sie ihn mit einem Wangenkuss bedachte, als sie wieder auf den Füßen stand.
„Steven, das ist Gereon“, sagte sie. „Gereon, darf ich Ihnen Steven vorstellen? Mein Bruder.“
Sein Gegenüber abschätzend, schüttelte er dem jungen Mann die Hand. ‚Jünger als ich, älter als Charly’, dachte er. ‚Groß, gutaussehend, harmonisch gebaut, sparsame, effiziente Bewegungen. Und überhaupt keine Ähnlichkeit mit ihr.’
Sie angelte ihre Handtasche aus dem Wagen, nahm einige Scheine aus der Geldbörse und drückte sie Steven in die Hand. Er zählte sie durch.
„Du hast siebeneinhalbtausend rausgeholt?“
„Ja.“ Charly schmunzelte selbstzufrieden.
Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Wie machst du das?“
„Ein paar Zentimeter mehr an der richtigen Stelle können Wunder wirken.“
„Tatsächlich? Ich dachte immer, weniger?!“ Gewandt wich er ihr aus und setzte sich ans Steuer.
„Falsch gedacht“, lachte sie.
„Mehr Zentimeter“, murmelte Gereon vor sich hin. „Das aus dem Munde einer Frau …“
„Fahr vorsichtig“, gab sie Steven mit auf den Weg.
„Pass auf dich auf und mach keinen Unsinn“, antwortete der. Ein letzter misstrauischer Blick galt ihm, dann setzte Steven aus der Parklücke und fuhr davon.
„Hunger?“ Charly sah zu ihm auf.
„Ich könnte schon was vertragen“, bestätigte er.
„Es ist nicht weit.“
***
Kurze Zeit später saßen sie auf einem kleinen Platz und prosteten sich zu. Er war ihrer Empfehlung gefolgt und hatte das gleiche Bier bestellt wie sie. Eine gute Wahl, wie er nach dem ersten Schluck feststellte.
Charly war sichtlich unruhig. Zappelig schlug sie die Beine übereinander, und keine zwei Minuten später andersherum. Sie zog ihr Handy aus der Tasche, tippte ein paar Mal darauf, packte es weg, nur um es ein paar Sekunden später wieder herauszuwühlen. Er beobachtete sie dabei und konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren. Sie wurde noch nervöser.
Gerade als er sie aus ihrer Verlegenheit erlösen wollte, wurde die Vorspeise serviert. Knoblauchsuppe.
Immerhin, sie hatte ihn vorgewarnt und er war ihr auch in diesem Punkt nur zu gern gefolgt. Erstens mochte er Knoblauch und zweitens, wenn sie darüber nachdachte, so hieß das doch, dass er früher oder später mindestens mit der Möglichkeit zu einem Kuss rechnen durfte – oder gar mehr.
***
Charly ärgerte sich. Über sich selbst. Sie hatte, in aller Vorfreude auf Gereon und mit einem Anflug schlechten Gewissens, wenn sich dabei Christian in ihre Gedanken schlich, das rote Kleid und die High Heels in den Tankrucksack gepackt, aber keinen Gedanken an weitere Kleidung verschwendet. Soeben war ihr eingefallen, dass sie sich nicht noch einmal ums Frühstück drücken konnte, zumindest nicht ohne plausible Ausrede. ‚Die ich nicht habe. Abgesehen davon ist das Frühstück im Hotel viel zu gut, um darauf zu verzichten.’ Mühsam zwang sie ihre Gedanken von ihrer Bredouille weg. „Waren Sie schon hier?“
„Sie haben ein Händchen für die weißen Flecken auf meiner Landkarte“, antwortete er.
„Hm, was gibt es hier zu sehen?“, überlegte sie laut. „Den Dom, das Kloster, diverse Kirchen, nicht zu vergessen das Hundertwasserhaus.“ Sie probierte vorsichtig die Suppe, leckte genießerisch den Löffel ab und sprach weiter. „Der Elbauenpark nebst Jahrhundertturm – oder Jahrtausend?“, unterbrach sie sich selbst. „Ich vertue mich da immer.“ Sie kniff schelmisch die Augen zusammen. „Unser Hotel, dessen Park und die Elbe. Mehr kenne ich selbst noch nicht.“
„Für heute Abend sollte es reichen“, schmunzelte er. „Da genügt mir Ihr Hotelzimmer. Von innen.“
Charly lachte. „Das dürfte nicht viel anders aussehen als Ihr eigenes.“
„Es hat einen ganz entscheidenden Unterschied.“
Sie legte fragend den Kopf schräg.
„Sie.“
Sie spürte, wie sich ihr ganzer Körper mit Gänsehaut überzog und ihr die Hitze in die Wangen stieg. Verlegen wandte sie den Blick ab und knüllte die Serviette in der Hand zusammen. Wieder rettete sie die Ankunft des Kellners, der den Hauptgang servierte. Sie aßen schweigend.
„Nachtisch?“, fragte er.
„Natürlich, Palatschinken lasse ich mir doch nicht entgehen!“ Sie kam ihm mit dem Heranwinken des Kellners zuvor und bestellte nicht nur den Nachtisch, sondern auch einen Slivovitz.
„Für mich auch, bitte“, schloss er eiligst an und verlangte die Rechnung.
Charly kniff verärgert die Augen zusammen. ‚Ich hasse es, von einem Mann eingeladen zu werden’, dachte sie. ‚Hat er dann nicht ein Recht darauf, dass ich ihm mehr entgegenkomme? Hat er dann nicht ein Recht … auf die Nacht mit mir?’ Sie fühlte sich so … ‚käuflich’, pulsierte der unangenehme Gedanke.
Als ob er ihren inneren Widerstreit gefühlt hätte, legte er seine Hand auf ihren Arm und sagte eindringlich: „Charly, bitte lassen Sie mir die Freude, Sie einzuladen.“
Sie zögerte, sah auf den leeren Teller vor sich.
***
„Ich bin nicht gerne jemandem verpflichtet“, sagte sie leise.
‚Herrje! Sie denkt doch nicht etwa, dass ich mir damit eine Nacht mit ihr erkaufen will?!’, dachte er innerlich kopfschüttelnd.
Auf einmal wirkte sie jung und verletzlich.
‚Wie alt sie wohl sein mag?’, überlegte er, nicht zum ersten Mal. „Sehen Sie es als Beitrag zu den Fahrtkosten mit dem Isabella.“ Er lehnte sich entspannt zurück und lächelte sie offen an.
Sie sah zu ihm auf, schien noch einen Moment abzuwägen, dann nickte sie. Sein jungenhaft strahlendes Lachen war offenbar ansteckend, denn sie lächelte zaghaft. Er hob den Slivovitz. „Auf den Isabella!“
Sie nickte und wiederholte den Spruch, dann stürzten sie beide den Schnaps hinunter.
„Und jetzt? Was zeigen Sie mir heute?“
“Lassen Sie sich überraschen!“
Er freute sich über ihre schelmische Antwort.
***
Sie spazierten zum Dom. Wie erwartet konnten sie ihn nur von außen betrachten; die Öffnungszeit war längst vorüber. Hand in Hand gingen sie die Breite Straße zurück, nahmen nebenher das Hundertwasserhaus in Augenschein und waren schon fast an der Straßenbahnhaltestelle, als Charly auffiel, dass das große Einkaufscenter noch ungewöhnlich stark frequentiert wurde.
Sie stutzte. ‚Tatsächlich! Die Geschäfte sind geöffnet’, jubelte sie still, wurde jedoch sofort unsicher. ‚Wie soll ich ihm beibringen, dass ich jetzt noch einkaufen will?’ Sie wandte sich zu ihm, nur um zu bemerken, dass er sie schmunzelnd beobachtet hatte.
„Shopping?“, fragte er.
„Wenn es Sie nicht stört?“
„Woran dachten Sie denn?“
„Jeans und ein Shirt. Vielleicht noch einen Bikini.“
„Dann los.“ Seine Miene war unlesbar, aber sie meinte, ein belustigtes Schmunzeln in seinen Augen zu entdecken.
***
Mit einem dezent angedeuteten Knicks trat sie an ihm vorbei in die Karusselltür. Mit dem Finger auf dem Überblicksplan an der Scheibe vor ihnen drehte sie zwei Runden und verließ die Drehtür dann zielstrebig in Richtung eines Jeans-Stores. Er ließ sie vorausgehen und hielt sich beobachtend im Hintergrund.
Die Billigjeans würdigte sie keines Blickes, am Sale-Ständer verharrte sie kurz und sah sich einige Sachen an, dann fing sie den Blick einer Verkäuferin auf und signalisierte Beratungsbedarf. Nannte ihr eine Marke und die benötigte Größe, die er sich vorsorglich einprägte; wer wusste denn, wozu er das Wissen noch brauchen konnte?
Derweil war Charly der Frau in den hinteren Teil des Raumes gefolgt, nahm zwei blaue Jeans entgegen und verschwand in der Umkleidekabine. Tauchte kurz darauf mit hochgerafftem Kleid in einer knackig sitzenden Jeans auf, drehte sich zweimal vor dem Spiegel, warf einen prüfenden Blick zu ihm und war verschwunden, ehe er es geschafft hatte, den Blick von ihrem Po loszureißen. Die zweite Jeans führte sie gar nicht vor, sondern reichte sie mit dem Kommentar „Sitzt nicht“ heraus, wies das Angebot nach weiteren Hosen ab und trabte, wieder mit nackigen Beinen, zur Kasse.
Die Einkaufstüte schwingend schwebte sie weiter durch das Einkaufszentrum. Er bemerkte die Blicke anderer Männer, die sie entweder ignorierte oder wirklich nicht wahrnahm. Auch nicht wenige Frauen blickten ihr mehr oder weniger offen neidisch nach. Die Auswahl des Oberteiles erfolgte ähnlich flott und unspektakulär wie die der Jeans.
Als Nächstes huschte sie tatsächlich in ein Dessous-Geschäft! Die Preise im Schaufenster wiesen auf die gehobene Klasse hin und wieder fragte er sich, wie sie dies finanzierte. Als er die Boutique betrat, wurde Charly bereits von einer älteren Dame bedient. Eine Handvoll Bikinis lagen vor ihr auf einem Tisch ausgebreitet und jetzt fügte die Dame noch einige BHs dazu, die eindeutig nicht in die Kategorie Strandmode fielen.
Charly ignorierte ihn geflissentlich, aber er beugte sich leicht über ihre Schulter, wies auf ein sündig rotes Set und raunte leise neben ihrem Ohr: „Für heute Nacht? - Schatz?“
„Oh, ist das ihr Freund, Liebes?“, sprach die Dame Charly an.
Die lächelte zurück.
„Ein“, betonte sie. „Freund.“
„Ach, was nicht ist, kann ja noch werden“, leutselig tätschelte die Dame Charlys Arm und zwinkerte ihm zu.
Charly wurde nun doch rot. Sie schnappte einige Teile vom Tisch und entfleuchte in die Umkleidekabine.
Diesmal allerdings wartete er vergebens. Sie zeigte sich ihm nicht und sie rief ihn auch nicht zu sich. Zu gerne hätte er einen Blick zu ihr hineingeworfen.
Und sie ließ sich Zeit. Er sah auf seine Uhr. Mindestens zwanzig Minuten war sie nun schon verschwunden. Eine Bewegung ließ ihn aufblicken. Sie stand vor ihm.
„Sie haben es geschafft. Ab zur Kasse!“
Dort angekommen klappte ihm der Kiefer nach unten, ob des stolzen Preises, den Charly zu zahlen hatte. Ihre Einkäufe waren bereits eingepackt und keine Chance für ihn, noch einen Blick zu erhaschen.
Auf dem Weg aus dem Einkaufszentrum zur Straßenbahnhaltestelle kamen sie an einem kleinen Motorradladen vorbei. Ebenfalls geöffnet.
„Ich brauche neue Handschuhe“, bemerkte er und steuerte das Geschäft an.
Charly folgte ihm und sondierte das Angebot, während er verschiedene Modelle anprobierte. Er war nicht bei der Sache, sondern beobachtete sie verstohlen. Plötzlich stand sie neben ihm.
***
„Sie waren mit dem Motorrad in Görlitz?“
Sie zog fragend die Augenbrauen hoch. ‚Mist! Hat er mich etwa doch irgendwo gesehen?’, überlegte sie hastig. ‚Oder wo habe ich den Fehler gemacht?’
„Meine Schwester hat mir die Grüße ausgerichtet und sagte, Sie wären ein großes gelbes Motorrad gefahren, meine Neffen hätten sogar darauf sitzen und die Hupe drücken dürfen. – Auf dem Hotelparkplatz stand eine gelbe 800 GS“, erklärte er. „Ich hatte Ihnen ja eher den kleinen Audi angedichtet.“
Charly lachte erleichtert. „Der gefällt mir auch. Ja, das war meine.“
„War?“
„Ist“, gab sie zu. ‚Meine Güte, er nimmt es aber genau’, dachte sie.
„Haben Sie noch mehr Motorräder?“, fragte er weiter.
Sie lächelte. „Reicht eines nicht?“, antwortete sie mit einer Gegenfrage.
„Normalerweise ja“, erwiderte er sanft. „Ich kann mich nur des Eindrucks nicht erwehren, dass für Sie ‚normale’ Maßstäbe nicht gelten.“
Seine Augen ruhten auf ihr, während er eines der Handschuhpaare packte und es dem Verkäufer über den Tresen reichte.
Sie schluckte und wusste keine Antwort.
***
Eine halbe Stunde später betraten sie das Foyer des Hotels. Charly nahm zunächst die Treppe, dann forderte sie den Aufzug an. Die Türen öffneten sich sofort. Die kurze Fahrt lohnte kaum. Charly lehnte sich diskret an den Handlauf und er vermutete, dass ihr die High Heels unbequem waren. ‚Ich bin beeindruckt, wie lange sie mit diesen klaglos auf den Beinen ist.’
Als der Aufzug mit einem leisen Glöckchenton stoppte, hielt er ihr die Hand entgegen. Sie nahm sein Angebot an. Er ließ sich von ihr führen und nur wenige Sekunden später standen sie vor der letzten Tür des kurzen Querganges.
‚Ihr Zimmer. Direkt neben meinem eigenen.’
Sie hielt die Schlüsselkarte an den Leser und drückte die Tür auf.
„Danke für das Abendessen und die Geduld beim Einkaufen.“ Sie lächelte zu ihm auf.
Am anderen Ende des Ganges klappte geräuschvoll eine Tür zu, dann erklangen eilige, vom dicken Teppichboden gedämpfte Schritte in ihre Richtung. Reflexartig sah er sich um und gab dabei Charly den Blick in den Gang frei. Sie erstarrte mitten in der Bewegung.
„Mutter! Was machst du hier?“
Sein Blick zuckte zwischen Charly und der elegant und teuer gekleideten Frau Anfang vierzig, die erstaunt stehen geblieben war, hin und her. ‚Mutter?’
Die erfasste die Situation und kam näher. „Das frage ich dich!“, gab sie mit einem strengen Ausdruck an Charly gewandt zurück. Ein bedeutungsvoller Blick streifte seine Person.
Charly trat an ihm vorbei und begrüßte ihre Mutter mit einer flüchtigen Umarmung. „Urlaub. – Mutter, das ist Gereon. Gereon, meine Mutter, Gitta Thelen.“
Charlys Mutter reichte ihm eine kühle, kleine Hand und erwiderte seinen Händedruck fest. Unverkennbar abschätzend musterte sie ihn.
Impulsiv hob er ihre Hand leicht an und beugte sich zu einem Handkuss darüber. Als er sich aufrichtete, sah er die Überraschung in ihren Augen. „Darf ich die Damen zu einem Drink an die Bar einladen?“
„Sie dürfen“, erwiderte Charlys Mutter, und jetzt, da er sich von der überraschenden Wendung erholt hatte, fiel ihm deren Stimme auf.
‚Ungewöhnlich’, fasste er seine Gedanken vorsichtig zusammen und hoffte, dass beiden Frauen das leichte Heben der Härchen auf seinen Armen entgangen war.
Kommentarlos schnappte Charly die Tüte aus seiner Hand, ließ sie zusammen mit ihren Einkäufen in ihrem Zimmer achtlos zu Boden sinken und zog die Tür wieder zu.
Er bot Charlys Mutter den Arm, aber diese wies ihn weiter an Charly, die, offensichtlich unsicher, wie sie mit der Situation umgehen sollte, sich vage bei ihm einhakte. Kurz darauf saßen sie, Charly in der Mitte, am ruhigen hinteren Ende der Bar.
„Whisky, doppelt“, bestellte Charly als Erste, mit rauer Stimme, räusperte sich, sondierte eilig das Angebot der aufgereihten Flaschen und verfeinerte: „Bowmore.“
Charlys Mutter entschied sich für einen Calvados, er überlegte, ob er Charly wiederum folgen sollte, ließ es aber bei der milderen Variante, Glenmorangie, einfach.
Sie stießen an und Charly stürzte die Hälfte des Glasinhaltes in einem Zug hinunter.
Gitta schüttelte missbilligend den Kopf. „Du benimmst dich unmöglich!“
„Wenn ich dich unvorbereitet aushalten muss, brauche ich das“, feuerte Charly zurück.
„Das nehme ich als Kompliment“, lachte Gitta und Charly verdrehte die Augen, nippte aber vorsichtiger an ihrem Getränk.
„Du siehst bezaubernd aus.“
„Du hast dich selbst übertroffen.“
Mit zufriedenem Lächeln überließ er die Frauen ihrem Gespräch und genoss einfach Charlys Nähe.
***
Charlys Mutter sah auf ihr Handy und entschuldigte sich. Sie glitt vom Barhocker, wandte sich mit „Mach keinen Unsinn!“ an ihre Tochter, bedachte ihn mit einem warnenden Blick, der in starkem Kontrast zu ihrer gewandten Verabschiedung stand, und war verschwunden, noch ehe er und Charly es so richtig begriffen hatten.
In unsicherem Schweigen tranken sie die Neigen aus ihren Gläsern, er zahlte und Charly sprang von ihrem Hocker und hob ihre Schuhe auf, die sie während des Gesprächs mit ihrer Mutter von den Füßen gestreift hatte. Barfuss ging sie vor ihm her, verzichtete diesmal auf den Aufzug und nahm die Treppe, dann standen sie wiederum vor ihrer Tür.
Schnurrend entriegelte der Kartenleser und sie drückte die Tür auf. Elegant hob sie seine Einkaufstüte vom Boden auf.
Er nahm sie entgegen, und bevor sie sich in ihr Zimmer flüchten konnte, hatte er einen langen Arm um ihre Taille geschlungen und küsste sie. Sie schmeckte warm und rauchig nach Whisky, ein bisschen süß nach Toffee. Er konnte gar nicht genug von ihr bekommen. Atemlos ließ er schließlich von ihr ab. „Bitte“, flüsterte er in ihr Haar. Er wusste selbst nicht, worum er bat. Widerstrebend ließ er sie los, um ihr in die Augen schauen zu können. Sie waren dunkel.
Charly leckte sich über die Lippen, ein Anblick, der ihm fast den Verstand raubte. Er schloss die Augen und kämpfte mit eisernem Willen um seine Selbstbeherrschung. Ihre Hand auf seinem Arm machte seine Anstrengung um ein Haar zunichte. Er öffnete die Augen.
Charly stand ganz dicht vor ihm. Sichtlich selbst um Haltung bemüht, schüttelte sie den Kopf. „Nicht, wenn meine Mutter ein paar Zimmer weiter … wohnt“, schloss sie lahm.
Er spürte, wie ihre Hand zitterte.
„Sieben Uhr Frühstück?“, drang ihre Stimme zu ihm.
Er nickte.
„Gute Nacht“, flüsterte Charly nahezu lautlos, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn flüchtig, dann schloss sich leise die Tür hinter ihr.
Бесплатный фрагмент закончился.
