Читать книгу: «Der Psychocoach 8: Zu viel Erziehung schadet!»
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Andreas Winter
Zu viel Erziehung
schadet!
Wie Sie Ihre Kinder
stressfrei begleiten
Mit Starthilfe-CD
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Andreas Winter
Zu viel Erziehung schadet!
Wie Sie Ihre Kinder stressfrei begleiten
ISBN 978-3-938396-79-7
(Druckausgabe: ISBN 978-3-938396-36-0, 1. Auflage 2010)
Mankau Verlag GmbH
Postfach 13 22, D - 82413 Murnau a. Staffelsee
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Lektorat: Ulrich Nigge, Lünen
Endkorrektorat: Dr. Thomas Wolf, MetaLexis
Gestaltung Umschlag: Hilden-Design, München
Gestaltung Innenteil: Heike Brückner, Grafikstudio, Regensburg
E-Book: Satzweiss.com Print Web Software GmbH
Hinweis des Verlags
Der Autor hat bei der Erstellung dieses Buches Informationen und Ratschläge mit Sorgfalt recherchiert und geprüft, dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr; Verlag und Autor können keinerlei Haftung für etwaige Schäden oder Nachteile übernehmen, die sich aus der praktischen Umsetzung der in diesem Buch dargestellten Inhalte ergeben. Bitte respektieren Sie die Grenzen der Selbstbehandlung und suchen Sie bei Erkrankungen einen erfahrenen Arzt, Psychologen oder Heilpraktiker auf.
Inhalt
| Vorbemerkung: Wozu und für wen ist dieses Buch? | 9 |
| I. Einführung | 13 |
| Kann man Erziehung rückgängig machen? | 15 |
| II. Menschenkenntnis | 19 |
| Was ist das Bestreben des Menschen? | 24 |
| Grundpersönlichkeit und Charakter | 26 |
| Ihr Einfluss beginnt im Mutterleib | 28 |
| Tierkreiszeichen – festgelegte Persönlichkeitsmerkmale? | 31 |
| Erworben und veränderbar: Der Charakter | 46 |
| Konditionierungen und Verhaltensmuster | 49 |
| Suggestionen – Trojanische Pferde im Kopf | 55 |
| III. Erziehung | 59 |
| Die Jugend von heute | 59 |
| Was ist Erziehung? | 61 |
| Die „Eimerkette“ der kulturellen Altlasten | 66 |
| Sie programmieren Seelen! | 69 |
| Der größte Feind Ihrer Kinder sind Sie selbst! | 71 |
| Auch „liebe“ Eltern können schaden | 74 |
| Die Motivationsfalle: Belohnung macht abhängig! | 80 |
| „Kevinismus“ oder: Nomen est Omen | 83 |
| Erziehungsfaktor Geschwisterkonstellation | 88 |
| Psycho-Test: Sind Sie ein gutes Vorbild? | 95 |
| IV. Stressfrei begleiten und fördern | 101 |
| Neue Erziehungsziele | 102 |
| 1) Erwachsensein – mündig und verantwortlich | 102 |
| 2) Kontextuelles Denken | 104 |
| 3) Risikobereitschaft – Angstfreiheit – Selbstsicherheit | 108 |
| 4) Frieden und Respekt | 110 |
| Reinlichkeitserziehung | 113 |
| Sexualerziehung | 115 |
| Vorsicht Falle: Geschlechterrollenerziehung | 118 |
| Glaubenserziehung | 121 |
| Lügende Kinder – wenn die Wahrheit zum Nachteil wird | 123 |
| „Der oberste Richter“ ... und wie man ihn wieder loswird! | 127 |
| Familie ist eine Burg | 129 |
| DOs and DON’Ts der Erziehung | 132 |
| Einfach mal cool bleiben | 138 |
| Gesundheitserziehung | 141 |
| Erkältung – Aberglaube aus der Kindheit | 142 |
| Belohnen Sie Ihre Kinder nicht fürs Kranksein | 146 |
| Essen, Naschen und Rauchen | 148 |
| Finanz- und Erfolgserziehung | 153 |
| Den eigenen Eltern verzeihen | 158 |
| V. Live aus der Praxis | 161 |
| Schülercoaching | 161 |
| ADHS – Zu gewollt ist auch daneben | 171 |
| Burnout-Syndrom: Sich brav halbtot arbeiten | 175 |
| Allergie gegen den eigenen Vater II | 178 |
| Erziehungsfolge Krebs | 184 |
| VI. Kindergeschichten | 189 |
| Andreas Winter: Der kleine Bach | 190 |
| Karin Fischer: Ella und Lisa oder: Wir ernten, was wir säen | 197 |
| Ricardo Steding: Marie Mäuschen ist krank | 200 |
| Bernhard Reicher: Grashalm und Eiche | 203 |
| Nachwort | 209 |
| Danksagung | 211 |
| Ausbildung zum Gesundheitsberater | 212 |
| Weitere Bücher aus der Reihe „Der Psychocoach“ | 213 |
Vorbemerkung
Wozu und für wen ist dieses Buch?
Dieses Buch ist kein Erziehungsratgeber! Sie bekommen von mir keine Tipps, keine Ratschläge und keinen Leitfaden, um Kinder zu erziehen. Vielmehr möchte ich aufdecken, wie Erziehung funktioniert und welche unbewussten Einflüsse das Eltern-Kind-Verhältnis beeinträchtigen können; zudem will ich Ihnen eine Hilfestellung geben, damit Sie von Ihren Kindern als „Entwicklungshelfer“ und nicht als „Problemerzeuger“ wahrgenommen werden.
Meine Buchreihe „Der Psychocoach“ behandelt Themen der Bereiche Gesundheit und Verhalten aus tiefenpsychologischer Sicht. Sie zeigt Ihnen Aspekte des Lebens, die Ihnen vielleicht zunächst etwas fremd vorkommen mögen. Daher hoffe ich, Andreas Winter, auf Ihre vorbehaltlose wissenschaftliche Offenheit und Neugier. Es wird manchmal ein unbequemes Lesen, und Sie werden womöglich im Anschluss Ihre eigenen Eltern in einem völlig anderen Licht sehen. Ich werde Ihnen in diesem Buch eine Menge abverlangen, doch es lohnt sich!
In meinem Institut Powerscout Wellness Coaching arbeite ich mit Analysen und Reflexionen, um unterbewusstes Verhalten und Empfinden bewusst zu machen. Diese Arbeit ermöglicht es unseren Kunden aus der ganzen Welt, sich aus schädlichen Verhaltensmustern und damit sogar von körperlichen Symptomen zu befreien. Uns suchen Menschen auf, die wissen, dass Tabletten, Skalpelle und monatelanges Drumherumreden nicht die Ursachen einer Störung beheben, sondern nur vorübergehend deren Symptome.
Nun gehört es in unserem Kulturkreis noch immer nicht zum selbstverständlichen Allgemeinwissen, dass es unterbewusste Gedanken gibt, die im Grunde unseren verborgenen Bedürfnissen und Glaubenssätzen entsprechen und unser Verhalten steuern. Wir erkennen oftmals nicht unsere Entscheidungsfreiheit und damit unsere eigene Verantwortung für unser Leben. Sondern wir neigen viel eher dazu, uns über unser Verhalten zu ärgern, uns dafür zu schämen, andere oder sogar uns selbst zu hassen, anstatt dieses Verhalten einfach zu ergründen und gegebenenfalls entsprechend zu ändern. Doch spätestens dann, wenn unsere eigenen Gedanken nicht nur uns selbst, sondern sogar anderen schaden, sollten wir die Gelegenheit ergreifen, unseren geistigen Horizont zu erweitern und die problematische Lebensweise damit zu regulieren. Hierfür braucht man übrigens weder Disziplin noch gute Vorsätze, sondern lediglich ein paar Erkenntnisse.
Am Ende des Buches finden Sie eine rund 30-minütige Audio-CD, die Ihnen hilft, das Gelesene auf emotionaler Ebene nachzuvollziehen, damit Sie es im Alltag auch umsetzen können. Diese CD enthält ein Coachingprogramm. Ich verwende darin keine Suggestionen oder Informationen unterhalb der bewusst hörbaren Wahrnehmung (Subliminals), sondern arbeite einzig mit Ihrem wachen Verstand und Ihrer Vorstellungskraft. Hören Sie sich diese CD nach der Lektüre des Buches ganz bewusst an. Stellen Sie sich idealerweise dabei vor, ich würde tatsächlich mit Ihnen reden und Ihnen Fragen stellen, auf die Sie mir hörbar antworten. So erzeugen Sie den größtmöglichen Effekt an Bewusstmachung – ähnlich einem Coaching-Gespräch.
Dieses Buch richtet sich einerseits an Menschen, die noch Eltern werden wollen, andererseits an „praktizierende“ Eltern, in jedem Falle aber auch an Menschen, die einmal Eltern hatten, also an Sie alle. Ich möchte Sie zum Nachdenken anregen und zum Verstehen Ihrer eigenen Eltern einladen, weil ich glaube, dass die meisten Konflikte auf Missverständnisse zurückzuführen sind. Ich bin wirklich ganz fest der Ansicht, dass Menschen, die sich der Aufgabe des Elternseins stellen, größten Respekt verdienen; und Menschen, die sich durch diese Aufgabe überfordert fühlen, sollten eine Chance zur Vergebung bekommen. In diesem Buch, in meinen Coachings, Seminaren und Vorträgen versuche ich stets, beide Seiten einer Medaille zu beleuchten, weil ich denke, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur Standpunkte. Die Sichtweisen und Argumente der Kinder zu verdeutlichen und transparent zu machen, ist die Aufgabe, der ich mich hier stellen möchte.
Ich benutze teilweise eine recht schonungslose Ausdrucksweise, um verborgene oder verdrängte Themen zu verdeutlichen. Ich versichere Ihnen jedoch, dass ich dabei stets respektvoll und sachlich zu Ihnen sprechen möchte.
I. Einführung
Zu viel Erziehung schadet? In Anbetracht steigender Jugendkriminalität und erschreckender Zahlen bei Schulversagern und Jugendarbeitslosigkeit erscheint das zunächst paradox. Ist es denn nicht so, dass gerade deswegen, weil Eltern ihre Erziehungsaufgaben nicht wahrnehmen, der Nachwuchs keinen Bezug zu den Normen und Werten dieser Gesellschaft entwickelt? Geraten nicht Anstand und Ordnung in Vergessenheit, weil Eltern sich nicht ihrer Erziehungsverantwortung bewusst sind? Resultieren daraus nicht die gesamten Probleme unserer Gesellschaft? Müssten sich Eltern nicht sogar noch viel mehr erzieherisch engagieren, lenkend einbringen und um ihre Kinder kümmern?
Ich sage: Nein! Es sind oftmals gerade diejenigen Eltern, die mit ihrer eigenen Unreife und ihrem eigenen Unvermögen, ein positives Vorbild zu vermitteln, den Kindern das konfliktfreie Leben in unserer Gesellschaft erschweren. Überforderte und unsichere Eltern bewirken oftmals genau das Gegenteil von dem, was Erziehung eigentlich leisten sollte: Verantwortungsbewusstsein, Sozialkompetenz, eigenständiges und kreatives Handeln sowie Denken, Konfliktfähigkeit, Sachkompetenz und mehr. Doch ganz ehrlich: Von wem sollen Kinder das lernen? Wie viele Menschen kennen Sie, die ein optimales Beispiel für ein glückliches, zufriedenes Leben mit Erfolg, Gesundheit und Wohlstand abgeben und zudem auch noch die Kompetenz besitzen, dieses Denken vorbildhaft an ihren Nachwuchs zu vermitteln? Solche Menschen sind – nicht nur hierzulande – dünn gesät. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Kinder von ihren Eltern eher lernen können, wie man sich ein Leben lang unzulänglich, abhängig und bevormundet fühlt. Die Folge: fehlendes Verantwortungsbewusstsein, unangepasstes Sozialverhalten, chronische Krankheiten, dauerhafte Konflikte und Erfolglosigkeit. Wer nicht weiß, wie man glücklich, zufrieden und gesund lebt, wer glaubt, das Leben sei ein harter Kampf, der wird seinen Kindern nicht glaubwürdig ein positiveres Bild vermitteln können.
Erziehen ist Elternsache: Aber sinnvoll ist dies nur, wenn Eltern wirklich wissen, was Kinder zu erfolgreichen Erwachsenen macht, und dies zudem vermitteln können. Hinzu kommt, dass unsere Welt sich in einem rasanten Wandel befindet. Die Normen und Werte, mit denen die Generation der 1940er Jahre aufwuchs, sind für die kommenden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts oftmals veraltet und damit wertlos. Angepasst und unauffällig sein, sich zurückhalten und kritiklos Widerspruch hinnehmen – damit werden die Menschen der Zukunft wahrscheinlich weder glückliche Partnerschaften noch glanzvolle berufliche Karrieren haben, geschweige denn für andere Menschen unersetzlich und gesellschaftlich wertvoll werden. Doch die Eltern der Gegenwart sind von ihren eigenen Eltern mit genau diesen überkommenen Werten versehen worden. Deren Denken und Verhalten bezog sich auf die Normen vorangegangener Generationen – entweder mit Anpassung, Trotz oder mit Orientierungslosigkeit. Genauso wird es dann wiederum den Kindern gehen und so weiter.
Der Weg zu glücklichen, erfolgreichen und gesunden Kindern führt also über Sie selbst:
Befreien Sie sich zunächst von den schädlichen Spätfolgen der eigenen Erziehung und lernen Sie danach, wie man seinen Nachwuchs derart fördert und begleitet, dass es diesem mindestens genauso gut ergeht wie Ihnen selbst. Wie das funktioniert und dass dies möglich ist, ist die ungewöhnliche Botschaft dieses Buches.
Kann man Erziehung rückgängig machen?
Ich bin Diplom-Pädagoge. Seit mehr als 24 Jahren helfe ich Menschen mit scheinbar unlösbaren Verhaltensproblemen, davon zehn Jahre lang in meinem Beruf als Gesundheits-, Erziehungs- und Konfliktberater. In unser Institut kommen Männer und Frauen mit Stress- und Überforderungssymptomen, Ängsten und Depressionen, Übergewicht, Nikotin-, Alkohol- und Drogenproblemen, Straffälligkeiten, Finanz- und Partnerschaftskrisen, chronischen Krankheiten und Psychosen – allesamt auf der Suche nach einem Ausweg. Ich begleite Schüler auf dem Weg zum Beruf und Erwachsene durch die Midlife-Crisis. Selbst Senioren und Greisen konnte ich dazu verhelfen, ihre verloren geglaubte Lebensqualität wiederzuentdecken. Mehr als mein halbes Leben lang beschäftige ich mich mit der Frage: Wie kommt es eigentlich dazu, dass diese Menschen – alle durchweg intelligent und gebildet – solche Leidenswege gehen mussten?
Die traurige Antwort lautet fast immer: Oft ist es nicht etwa ein Schlag auf den Kopf, eine schwere Krankheit oder ein Unfall, der die Menschen in Lebenskrisen bringt. Es sind traumatische Erfahrungen mit den eigenen Eltern, die denen meist noch nicht einmal bewusst waren.
Die Lösung ist gottlob auch fast immer die gleiche: „emotional abnabeln“, die Eltern aus der Elternrolle entlassen, seine eigene Mündigkeit spüren und sich zudem bewusst machen, dass ein Kindheitstrauma natürlich auch keine Entschuldigung für ein unglückliches Leben ist.
Ich beschäftige mich also im ganz konkreten Sinne mit der Erziehung von Menschen jeden Alters, wenn Sie so wollen. Genauer gesagt, mache ich mit tiefenpsychologischen Methoden „rückgängig“, was die eigenen Eltern ihren nun erwachsenen Sprösslingen versehentlich angetan haben („Reframing“ – abgeleitet vom englischen „frame“ = Rahmen – nennt man diese Technik, mit welcher uralte Gefühlserinnerungen unschädlich gemacht und durch eine andere Sichtweise mit einem „neuen Rahmen“ versehen werden können). Wenn diese Erziehungsfolgen aufgelöst sind, die Menschen von ihren unterbewussten Verhaltensmustern befreit sind und das Selbstvertrauen wieder repariert ist, verändert sich schlagartig, innerhalb weniger Wochen das gesamte Leben zum Positiven. Partnerschaften funktionieren wieder, berufliche Chancen offenbaren sich, die körperliche Gesundheit kehrt zurück und somit die gesamte Lebensqualität. Das, was Eltern eigentlich von vornherein für ihr Kind wollten, wird dann endlich wahr: ein Leben als zufriedener und erfolgreicher Mensch.
Vorab: Ich selbst habe keine eigenen leiblichen Kinder, habe aber eine 11-jährige Ziehtochter. Meine „Studienobjekte“ in punkto Erziehung sind meine vielen erwachsenen Kunden. Daher kann ich Ihnen keine Tipps geben, sondern nur Transparenz schaffen, wie elterliches Verhalten Kindern auch noch im reifen Erwachsenenalter nachhängt. Ich untersuche bei meinen Kunden stets die frühkindlichen Abschnitte ihrer Biografie, um an Traumatisierungen heranzukommen. Viel zu oft, eigentlich so gut wie immer, finden wir in der Kindheit einschneidende Erlebnisse von zu starker Bevormundung, fehlendem Vertrauen und Überforderungen seitens der Eltern. Daher liegt der Schluss sehr nahe, dass ein Zuviel an Erziehung schadet. In den Coaching-Sitzungen führen wir die Menschen in ihrer Erinnerung zurück zum Ursprung ihrer heutigen Probleme. Unterbewusstes aus alten Kindertagen wird dabei zu Tage befördert und teilweise so nacherlebt, als sei es aktuell geschehen. Alte Gefühle brechen oft wieder auf und sogar gestandene, erwachsene Männer weinen dabei genau wie einst, als sie noch kleine, missverstandene Jungen waren. Daher weiß ich gut, wie Kinder fühlen und denken. Leider verdrängen viele Menschen, wie sie sich selbst als Kind gefühlt haben. Das mag vielleicht daran liegen, dass man uns allen oftmals das Gefühl gibt, kindliches Verhalten wäre wertlos und wir müssten uns davon distanzieren, was dann zu Konflikten führen kann.
Das Gegenteil ist der Fall: Wir können von Kindern lernen, wie man als Mensch glücklich und erfolgreich wird und dabei gesund bleibt. Kinder haben uns – die wir glauben, sie erziehen zu müssen – genau das voraus: das Wissen, wie man stressfrei immer reifer wird. Begleiten wir sie doch dabei.
II. Menschenkenntnis
Erinnern wir uns also gemeinsam daran, was wir einmal waren: ein ganz normaler Mensch mit all seinen Emotionen und Bedürfnissen. Es gibt uns als Gattung der Hominiden nun seit über sechs Millionen Jahren und als Spezies seit etwa 200.000 Jahren. Seit rund 10.000 Jahren haben sich Körperbau und Erbanlagen nicht nennenswert verändert. Wir Menschen sind die wohl hand-lungsfähigste Spezies auf der ganzen Erde, denn dank des aufrechten Ganges haben wir die Hände frei – und an diesen je einen Daumen, den wir den anderen Fingern gegenüberstellen können. Somit sind wir in der Lage, sehr differenziert zu greifen. Unser hochkomplexes Sprach- und Mitteilungsvermögen ermöglicht uns eine sehr vielschichtige Kommunikation, die weit über die aktuellen Befindlichkeitswahrnehmungen hinausgeht. Tierische Kommunikation ist auf aktuelle Anlässe begrenzt. Philosophieren, strategisches Lügen, prognostisches Kommunizieren und das Schwelgen in Erinnerungen scheinen nur uns Menschen vorbehalten zu sein. Wir können – wahrscheinlich als einzige Art – auf die sofortige Befriedigung unserer Bedürfnisse verzichten, zugunsten eines späteren, höheren Zieles. Das macht uns zu den wohl einzigen Geschöpfen auf der Erde, die aktiv Frieden herstellen können. Ich wiederhole das, weil es vielleicht etwas ungewöhnlich erscheint:
Wir Menschen mögen vielleicht über die ausgefeiltesten Kriegstechniken verfügen und können den Planeten tausendfach in die Luft sprengen. Aber wir, der Homo sapiens, haben als einzige Art durch Vorausschau auf die Zukunft (Antizipation) und Einfühlung in die Beweggründe des anderen (Empathie) die Fähigkeit, Feindschaft zu beenden, auf Kampf zu verzichten und aktiv Frieden zu schließen.
Dass wir diese Fähigkeiten noch nicht sämtlich nutzen, hat vermutlich denselben Grund wie die Tatsache, dass wir nicht alle Klavier spielen, mathematische Gleichungen ausrechnen oder sechs Fremdsprachen sprechen: Wir wissen gar nicht, dass wir das können, weil niemand diese Fähigkeiten in uns geweckt und kultiviert hat. Aber eigentlich können wir praktisch alles, was wir uns vornehmen. Zu diesem Zweck haben wir ein unglaublich leistungsfähiges Gehirn – einen „Hochleistungs-Großrechner aus Wasser“. Es kümmert sich um sämtliche Zellen und Funktionsvorgänge im Körper und schläft nie! Dennoch ist das Gehirn der am meisten unterschätzte Körperteil. Es ist unsere Kommandozentrale und kann alles veranlassen, was wir für möglich halten. Dies geschieht mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, die jeden noch so leistungsfähigen PC um das X-Tausendfache übertrifft. Daher können wir innerhalb von Sekundenbruchteilen herausfinden, ob uns ein Mensch bekannt vorkommt, sympathisch erscheint und wir seine Stimme mögen. Das schafft kein Computer – aber sogar ein Kind kann dies mühelos.
Ebenso unvorstellbar hoch wie seine Rechenleistung ist die Speicherkapazität des menschlichen Gehirns. Auf CD-ROM gebrannt würden diese Daten einen Turm von rund 6,8 Millionen CDs mit 16 Kilometern Höhe und einem Gewicht von mehr als 1,2 Tonnen ergeben. Hinzu kommt, dass unser Gehirn vermutlich noch nicht einmal das einzige menschliche Datenverarbeitungsorgan ist. Nicht nur, dass unser gesamter Magen-Darmtrakt von einem Nervengeflecht umhüllt ist und seine eigenen Verdauungsregeln erstellt – sogar unser Herz, so glauben Neurobiologen, arbeitet autonom und kann in gewissem Rahmen „Entscheidungen“ zur Regulierung des Organismus fällen. Aber um Ihnen auch den allerneuesten Stand der Hirnforschung mitzuteilen: Wahrscheinlich ist unser Gehirn sogar in der Lage, auch ohne die Hilfe unserer Sinnesorgane Informationen „einzufangen“. Das bedeutet nichts anderes, als dass wir alle die Fähigkeit zur Wahrnehmung des physikalisch noch nicht Messbaren haben. Orientierung im Dunkeln oder das Registrieren von Gefahr gehören genauso dazu wie auch Vorahnungen von Tod oder Krankheit von Verwandten. Auch das Erdmagnetfeld wird vom Menschen unbewusst erspürt. Ob wir diese Fähigkeiten nutzen und trainieren, hängt selbstverständlich von Glauben, Kultur, Förderung, Interesse und Selbstsicherheit ab.
Es heißt, mit seinen Nervenzellen sei das Gehirn fähig, mehr Schaltstellen zu bilden, als Atome im Weltall sind, also fast unendlich viele. Bei jeder einzelnen gedanklichen Aktivität verschaltet unser Gehirn immerzu weitere neuronale Zellen. Hierdurch wird Denken und Lernen erst möglich. Über den genauen Grund für diese Verschaltungen herrscht in der Wissenschaft noch tiefe Dunkelheit. So gilt derzeit noch als unerklärlich, warum nicht alle Nervenzellen in einer Kettenreaktion plötzlich zusammenklumpen. Was „dosiert“ die Verschaltungen? Warum verbinden sich unsere Gehirnzellen nur unter bestimmten Umständen? Warum lernen wir nicht alle Wörter dieses Buches inklusive Seitenzahlen auswendig, so wie ein Computer es könnte? Die Antwort darauf bekommen wir, wenn wir davon ausgehen, dass ein Mensch das Bestreben nach Verwirklichung seiner eigenen Absicht, gemäß seiner Persönlichkeit hat: Die individuelle Bedeutung ist die Erklärung. Warum soll jemand die einzelnen Wörter auswendig lernen, wenn ihm dies keinen Verwirklichungsvorteil bringt? Was das Gehirn beim Lesen verschaltet, ist der Sinn eines Buches. So erlernen wir beispielsweise unsere Muttersprache wesentlich leichter und schneller als eine Fremdsprache, weil wir von unseren Eltern verstanden werden wollen. „Relevanz“ oder auch „Interesse“ heißt also dieser Filter des Bewusstseins.
Wenn Sie einem Kind etwas beibringen wollen, so muss es darin, dass es lernt, einen spürbaren Vorteil erkennen.
Was dieses Wunderwerk Gehirn noch so alles kann, habe ich in einigen meiner früheren Bücher ausführlicher beschrieben. Halten wir nur fest: Ein Mensch ist nicht dumm – im Gegenteil, er ist unglaublich lern- und speicherfähig. Er behält sein Leben lang alles Gelernte – und wenn er einen Fehler macht, so hat das immer einen Grund.
Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Ein Kind macht sich morgens fertig für die Schule. Es hat etwas verschlafen und ist somit spät dran. In hektischer Eile rennt es los und bemerkt erst kurz vor dem Eintreffen am Schulgebäude, dass es seinen Turnbeutel vergessen hat. Da in der ersten Stunde Sport unterrichtet wird, muss es nun noch einmal zurücklaufen und ist somit noch später im Unterricht. Das Vergessen des Beutels ist also scheinbar ein dummer Fehler. Doch diese Fehl-leistung kommt dadurch zustande, dass offenbar ein anderer Gedanke seinen „emotionalen Hauptspeicher“ blockiert hat, etwa die Ausrede, warum es zum wiederholten Male zu spät zur Schule kommt. Die Angst vor einem Urteil, vor Kritik und Zurückweisung, also vor der Einschränkung seiner Verwirklichungsabsicht, blockiert rationales Verhalten.
Unser Gehirn macht nicht nur keine Fehler und arbeitet Aufgaben in der Reihenfolge der Wichtigkeit ab, sondern es legt auch diese Reihenfolge nach der emotionalen Bedeutung fest. Wir vergessen, wenn wir das Haus verlassen, vielleicht den Turnbeutel, ja sogar den Haustürschlüssel, aber niemals unsere Kleidung – zu wichtig erscheint es uns, auf der Straße bekleidet zu ein, als dass wir darauf verzichten würden, selbst wenn wir es sehr eilig haben. Nur wenn beispielsweise das Haus brennt, ist die Rettung des eigenen Leben so wichtig, dass wir auf den Großteil der Kleidung bewusst oder in Panik verzichten – sie aber im eigentlichen Sinne nicht vergessen. Was nun die größte emotionale Bedeutung hat, richtet sich danach, ob das aus den Gedanken und Gefühlen resultierende Verhalten uns in unserer Absicht, unserem Bestreben weiterbringt oder blockiert. Blockaden meiden wir nach Möglichkeit.
Jegliches Verhalten folgt auf ein vorhergehendes Ereignis, ist somit erklärbar und zu verantworten – alles, was ein Mensch tut, hat immer einen Grund. Ihr Kind vergisst nichts. Es interessiert sich nur deswegen nicht für bestimmte Dinge, weil es entweder deren Bedeutung nicht erfasst oder sie aus Angst verdrängt. Wie schon gesagt, sicher sind Sie noch nie unbekleidet auf die Straße gegangen; wahrscheinlich haben Sie auch noch nie versehentlich Ihren Vornamen mit einem anderen verwechselt. Daran sehen Sie, dass die wirklich wichtigen Dinge vom Gehirn nicht überlagert werden, sondern nur Dinge von Relevanz zweiter Ordnung.
Doch was ist wichtig? Wonach richtet sich unser Verhalten aus?
Was ist das Bestreben des Menschen?
Überlegen Sie bitte einmal: Warum spielt jemand Lotto, obwohl die Gewinnchance verschwindend gering ist? Warum bringt ein Mensch sich oder andere um? Warum raucht ein Mensch, obwohl er weiß, dass der Qualm ihn krank macht, und warum schwänzt ein Schüler den Unterricht? Warum wird jemand depressiv und warum bekommt ein anderer vor Überarbeitung einen Herzinfarkt? Dass Menschen nicht dumm sind, haben wir im vorhergehenden Kapitel geklärt. Also was ist der logische und nachvollziehbare Grund für solches Verhalten?
Es gibt eine einzige Antwort auf alle diese Fragen.
Sie lautet: Weil ein Mensch bestrebt ist, seine eigene Absicht möglichst widerstandsfrei zu verwirklichen.
Der Wiener Arzt und Pionier der Individualpsychologie, Alfred Adler (1870 – 1937), beschrieb dies bereits in Ansätzen und nannte es „das Streben nach Macht“. Auf diesem Streben gründe, so Adler, jegliches menschliche Verhalten, ob pathologisch oder gesellschaftskonform. Da der Begriff „Macht“ bei uns Deutschen oft leider mit „Machtmissbrauch“ gleichgesetzt wird, obwohl „Handlungsfähigkeit“ eher das passende Synonym wäre, möchte ich für Adlers Beschreibung den etwas wertneutraleren Ausdruck „Algorithmus der Psyche“ verwenden. Diese Grundformel macht menschliches Verhalten so berechenbar wie das Wetter: noch nicht sehr exakt, aber zunehmend vorhersagbarer.
Die eigene Absicht möglichst widerstandsfrei zu verwirklichen, erklärt die menschliche Vorliebe für Fernbedienungen, Distanzwaffen, Autos, Werkzeuge und alles, mit dem man mit geringem Aufwand eine große Wirkung erzeugen kann. Hierbei wird die Absicht (ich will zum Spielplatz) durch die Persönlichkeit bestimmt und der subjektiv empfundene Widerstand (ich muss erst meine Hausaufgaben machen) durch den Grad der Entfaltungsmöglichkeit.
Zur Verwirklichung einer Absicht stehen dem Menschen drei verschiedene Strategien zur Verfügung: die Offensive, die Defensive und die Akzeptanz. Das bedeutet, entweder begegnet man dem Widerstand mit Gegendruck, mit Rückzug oder mit Diplomatie. Kinder haben nur die ersten beiden Strategien zur Verfügung. Bei Einschränkungen reagieren sie entweder mit Trotz und Protest oder Kuschen und Schmollen. Beide Strategien tragen selbstverständlich nicht zur Lösung eines Konfliktes bei, sondern dienen lediglich dem Vermeiden von Grenzberührungen. Als Grenze bezeichne ich alles, was vom Menschen subjektiv als Widerstand empfunden wird: Ablehnung, Unvermögen, Hinderung und dergleichen. Welche Strategie letztlich bei welcher Art von Grenze zur Anwendung kommt, entscheidet der Charakter.
Grundpersönlichkeit und Charakter
Grundsätzlich unterscheide ich zwischen erworbenen und fixen Eigenschaften, also zwischen dem frei variablen Charakter und der nicht veränderbaren, sondern nur entwicklungsfähigen Grundpersönlichkeit. Sie können einem Kind beibringen, wie es sich verhalten soll (Charakter), aber nicht, wie es sich dabei zu fühlen hat (Grundpersönlichkeit). Diese Unterscheidung ist insofern angebracht, als durch die Persönlichkeit des Menschen seine Absicht definiert wird – und diese zu verwirklichen trachtet er stets.
Sehen wir uns doch einmal an, wie Persönlichkeit und Charakter bestimmt oder beeinflusst werden.
Ein Mensch hat ein hochdifferenziertes Verhaltensrepertoire zur Verfügung. Es gibt wahrscheinlich keine Reaktionsvariante, die ausgeschlossen ist. Ob sich ein Kind über ein Geschenk freut, ärgert oder es ignoriert, ob es bei einer Schulhofschlägerei mitmacht, schlichtet oder weggeht und petzt – alles ist denkbar. Menschen aller Epochen waren sich dessen bewusst und versuchten, Charaktertypologien zu erstellen. Doch grundsätzlich ist jegliches Verhalten eine Folge aller Einflüsse, denen ein Mensch unterliegt – und die beginnen bereits, bei und kurz nach der Zeugung auf das Kind einzuprasseln. Der Mensch sammelt dabei alle Eindrücke und sortiert sie unterbewusst nach den Kriterien „Absicht“, „Widerstand“, „Effekt“ und den Oberbegriffen „Interesse“ und „Bedeutung“ (Relevanz). Meiner Erfahrung nach liegt der überwiegende Teil aller zwischenmenschlichen Konflikte darin begründet, dass wir weder uns noch unser Gegenüber kennen und korrekt einschätzen können. Genau das ist der Punkt, warum das oben erwähnte psychologische Werkzeug des „Reframing“ eine solch hohe Effizienz hat: Dieselbe Situation aus der Sichtweise der Gegenseite zu betrachten erzeugt eine andere Meinung und damit auch ein anderes Verhalten. Mit diesem erweiterten Bewusstsein über die Motive des vermeintlichen Kontrahenten stehen bei einem Konflikt nun alternative Möglichkeiten offen. Stellen Sie sich vor, Sie wüssten plötzlich genau, warum Ihre Eltern Sie damals ungerecht behandelt haben, begreifen nun also deren Sichtweise, dann ändert sich auch das bisherige Empfinden. Angenommen, Sie wünschten sich als fünfjähriges Kind ein bestimmtes Spielzeug, das Sie aber trotz Bitten, Betteln und Bravsein einfach nicht bekommen haben. Ihrem kleinen Geschwisterchen aber wurde drei Jahre später so gut wie jeder Wunsch quasi von den Augen abgelesen und erfüllt – für Sie damals unverständlich. Wenn Sie nach intensivem Einfühlen in die Motive der Eltern herausfänden, dass diese womöglich aufgrund ihrer damals schlechten finanziellen Lage sparen mussten, Ihnen gegenüber jedoch ein solch schlechtes Gewissen hatten, dass sie es beim nächsten Kind einfach besser machen wollten, dann ändert das augenblicklich Ihr Denken und Fühlen angesichts des vermeintlichen Unrechts. Was vorher unfair erschien, wird nun nachvollziehbar, logisch und damit verzeihbar. „Denkst du anders, lebst du anders“, sage ich dazu. So erleben wir in der Kindheit viele Dinge, die uns beeinflussen, aber nicht für immer und ewig prägen müssen. Unser Charakter ist formbar – in die eine, aber auch in die andere Richtung.
Wie komplex Persönlichkeit und Charakter sein können und wodurch sie zustande kommen, habe ich erstmals in meinem Buch „Liebe, Sex und Partnerschaft“ beschrieben. Hier möchte ich aber noch ein paar für die „Kindesbegleitung“ wesentliche Punkte vertiefen.
Ihr Einfluss beginnt im Mutterleib
Bereits in der dritten Schwangerschaftswoche – zu dieser Zeit weiß eine Mutter meist noch gar nicht, dass sie überhaupt schwanger ist – beginnt unser Herz zu schlagen und unsere ersten Nervenzellen entwickeln sich. Mit Letzteren sind wir in der Lage, chemische Unterschiede aus dem mütterlichen Blut in unserer Umgebung zu registrieren. Allerdings gibt es in der Gebärmutter noch nicht allzu viele spürbare Unterschiede – es ist für den Follikel immer einigermaßen gleich warm und gleich dunkel. Doch ab diesem Zeitpunkt ist der kleine Zellknubbel, der zweieinhalb Wochen später unser Nervenzentrum ist, bereits in der Lage zu spüren, ob sich Stresshormone, Glückshormone, Schlafhormone oder etwa Drogen in seiner Umgebung befinden. Das Kind tritt in Interaktion mit dem mütterlichen Körper. Es beginnt, im weitesten Sinne, zu denken! Nach etwa weiteren sechs Wochen nennt man diesen kleinen „Haufen“ von Nervenzellen, der sich stetig weiterentwickelt, bereits „Gehirn“. Im Alter von etwa fünf Monaten bekommt das Kind sogar eine ganz genaue Vorstellung davon, ob es im Bauch willkommen ist oder etwa ungewollt. Es braucht sich lediglich beim mütterlichen Organismus bemerkbar zu machen, etwa indem es sich herumdreht oder von innen gegen Mutters Bauchdecke tritt. Das tut es ab diesem Zeitraum für gewöhnlich und bekommt darauf die Antwort seiner Mutter in Form von Neurotransmittern, die durch die Nabelschnur direkt zum embryonalen Gehirn rasen und ihm die gleichen Gefühle ermöglichen, die seine Mutter empfindet. Entweder sie freut sich, ihr Kind zu spüren, dann bekommt dieses einen Endorphinstoß, der als Glücksgefühl wahrgenommen wird; oder sie ist verzweifelt, weil sie gar kein Kind will, dann spürt der Embryo einen Adrenalinstoß. Dieses Stresshormon wird von einem Ungeborenen fast wie ein Stromschlag empfunden. Wenn das Kind diese Erfahrung ein paar Mal gemacht hat, schlussfolgert es, dass es offenbar eine ganz schlechte Idee ist, sich allzu deutlich bemerkbar zu machen. Depressionen und Introvertiertheit nehmen somit ihren Ursprung bereits vor der Geburt, bedingt durch die sich zunehmend ausbildende Verschaltungsfähigkeit, „Intelligenz“ genannt. Wenn Sie also ein Kind gezeugt haben, dann seien Sie als Mutter vorsichtig mit dem, was Sie dem Kind gegenüber empfinden, und dem, was Sie überhaupt empfinden. Das Beste wäre, Sie vermeiden angstmachende Situationen während der gesamten Schwangerschaft. Marlies Simon, eine befreundete, sehr erfahrene Hebamme, erklärte mir einmal, dass allein das „besorgte Herumgewiesel“ eines unerfahrenen Arztes eine junge Mutter derart unter Stress setzen könne, dass das Kind vorzeitig die Wehen auslöst. Zur Erklärung sollte man wissen, dass die Geburt tatsächlich vom Embryo mittels eines chemischen Signals veranlasst wird und nicht vom mütterlichen Organismus. Der junge Mensch registriert, wann seine Entwicklungsmöglichkeiten in seiner bisherigen Umgebung erschöpft sind, und entscheidet, sein Dasein an einem anderen Ort fortzusetzen. Ich begreife das embryonale Auslösen der Geburt als eine Art Selbstmord. Der Embryo hat selbstverständlich keine Todesabsicht, aber die hat ein Suizidaler ebenso nicht. Er will lediglich die Bedingungen des Jetzt verändern und nimmt dafür alles in Kauf. Die Geburt ist damit, so zeigt sich in der täglichen Praxis durch Befragung in Hypnose, ein notwendiges Übel, das man nicht noch verschlimmern sollte. Doch genau das geschieht in den zivilisierten Ländern zumeist. Hierdurch wird oft bereits den kleinen Neuankömmlingen in unserer Gesellschaft ein Trauma bereitet, welches man mit psychologischen Analyseverfahren noch bis ins hohe Alter nachweisen kann. Der Charakter mit all seinem Konfliktpotenzial entstammt quasi unserer frühesten Kindheit. Die meisten unserer Verhaltensmuster werden in dieser Zeit unterbewusst entworfen. Übrigens: Natürlich streite ich nicht ab, dass Erbanlagen ebenfalls ihren Anteil am Erscheinungsbild eines Menschen haben, da aber die DNS, der Speicherort unserer Erbanlagen, sich ebenfalls durch die Lebensweise verändern kann, lege ich mein Augenmerk lieber auf „das Huhn“ und nicht auf „das Ei“. Ich siedele die Charakterbildung also beim bereits gezeugten Menschen an. Die Grundpersönlichkeit hingegen nimmt ihren Ursprung möglicherweise durchaus noch deutlich früher: bei der Zeugung.
Tierkreiszeichen –
festgelegte Persönlichkeitsmerkmale?
Genau das sollten wir uns bewusst machen, bevor wir von Erziehung reden: Kinder sind zur Geburt bei Weitem kein unbeschriebenes, weißes Blatt mehr.
Bei meinen Analysegesprächen lasse ich mir immer das Tierkreiszeichen des Kunden nennen, um somit einen einfachen analogen Rückschluss auf seine grundsätzlichen Eigenschaften anbieten zu können. Das ist natürlich nur ein kleiner Aspekt seines Wesens, aber wenn man sich etwas damit auskennt, ein sehr nützlicher. Ich empfehle Ihnen daher dringend, sich mit der Grundpersönlichkeit Ihres Kindes zu befassen, denn allein mit diesem Wissen werden Sie bereits eine Vielzahl von Konflikten umgehen können. Machen Sie mit mir also nun einen Abstecher in ein Gebiet, das von den meisten Wissenschaftlern aus ideologischen Gründen ignoriert oder gar negiert wird, aber der Charakterisierung eines Menschen durchaus zuträglich sein kann.
Ich begreife mich selbst als Naturforscher und sage daher standesgemäß: Beobachtbares muss erklärbar sein und Erklärbares ist anwendbar. Nur weil wir derzeit noch nicht die Erklärung für das Zustandekommen von Sternzeichen-Eigenschaften kennen, heißt das noch lange nicht, dass man diese ignorieren kann. Schließlich ist es bislang auch noch keinem Physiker gelungen zu erklären, aus welchem kausalen Grund ein Magnet Eisen anzieht. Die Begründung endet immer bei irgendwelchen Kräften – doch damit ist noch nicht geklärt, warum es diese Kräfte gibt und wie sie zustande kommen. Die astrologischen Eigenschaften sind beobachtbar und sogar kultur-, erziehungs-, spezies- und geografieunabhängig. Sie finden diese bei Mensch und Tier auf der ganzen Erde, sagen diejenigen, die sich damit auskennen. An der Universität hörte ich einmal eine psychologische Erklärung für die „Sternzeichen-Eigenschaften“, die davon ausgeht, dass die Geburts-Jahreszeit eine Rolle bei der Persönlichkeitsbildung spiele. So registriert ein Wintergeborener in den ersten Monaten seines Lebens, dass die wahrnehmbare Welt um ihn herum zunächst dunkel, kalt und trostlos ist und parallel zu seiner eigenen Entwicklung immer heller, wärmer und reizvoller wird. Im Gegensatz dazu würde ein im Spätsommer geborenes Kind die genau gegenteilige Beobachtung machen: Je mehr es sich entwickelt, desto eingeschränkter wird die Welt um ihn herum, weil es im Winter kälter, dunkler und ungemütlicher wird. Das war zugegebenermaßen eine sehr verlockende Erklärung dafür, warum die im Januar/Februar geborenen Wassermänner Entwickler und die Jungfrauen Bewahrer sein sollen – doch leider greift dieses Modell nicht auf der Südhalbkugel der Erde. Da ist im September nämlich Winter und die Jungfrauen erleben, dass die Welt langsam aufblüht. Und dennoch sind auch auf der anderen Seite der Erde die Grundpersönlichkeiten analog zu den Eigenschaften, die den Tierkreiszeichen zugesprochen werden!
Da ich selbst kein Astrologe bin, empfehle ich für detaillierte Ausführungen das Buch „Sternenkompass“ der australischen Astrologin Mystic Medusa[1]. Sie beschreibt treffend und humorvoll mit scharfer Beobachtungsgabe und kosmopolitischem Background die Eigenschaften der Tierkreiszeichen.
Da angeborene Persönlichkeitsmerkmale oftmals im Verdacht stehen, nicht gesellschaftskonformes Verhalten zu begünstigen (so heißt es, die Widder seien Sturköpfe und die Löwen eitel), werden sie meist erzieherisch unterdrückt. Sie sind aber nach meiner Erfahrung immer vorhanden und niemals zu überwinden. Und damit sind sie weder gut noch schlecht.
Im Folgenden finden Sie eine grob vereinfachte Typisierung. In einigen Tabellen gibt es teilweise unterschiedliche Anfangsdaten der Tierkreiszeichen – meiner Erfahrung nach können Sie das vernachlässigen, wenn wir in den Übergangszeiten von „Mischtypen“ ausgehen. Im Internet finden Sie unter http://www.urbia.de/services/horoskop_kindes_charakter eine Seite mit Kinder-Sternzeichen, die in Details von meinen Ausführungen zwar etwas abweichen, aber im Allgemeinen weitestgehend übereinstimmen und sehr trefflich beschrieben sind.
Grundsätzlich haben wir es bei den Erdzeichen mit „Machern“, bei den Luftzeichen mit „Denkern“, bei den Wasserzeichen mit „Fühlern“ und den Feuerzeichen mit „Stürmern“ zu tun. Die meisten Astrologen messen dem Aszendenten (das ist der Aspekt, der durch die Geburtsstunde angezeigt wird) ohnehin mehr Bedeutung bei als dem Sonnenzeichen (dem, was wir im Allgemeinen Sternzeichen nennen). Dennoch glaube ich: Es kann nicht schaden, ein wenig über die Sonnenzeichen Bescheid zu wissen, um in bestimmten Situationen weniger überrascht zu sein. Zur Veranschaulichung: Wenn Sie mit Ihrem Auto auf eine große Kreuzung zufahren und plötzlich biegt aus dem Gegenverkehr ein Fahrzeug links ab und zieht in Ihre Spur – was tun Sie? Sie fluchen und ärgern sich vielleicht – aber nicht, wenn das Fahrzeug vorher links blinkte, denn dann wissen Sie ja, was Sie erwartet. Damit Sie also in etwa wissen, wie Ihr Kind grundsätzlich tickt, schlagen Sie in der folgenden Tabelle nach. Die Angaben beziehen sich auf den jeweils mittleren Drittelabschnitt des Zeitraumes (mittlere Dekade).
Steinbock (21.12. – 19.01. [2] / Erde)
Frage: Was macht ein Steinbock-Kind mit einem Apfelbaum?
Antwort: Es sägt aus Brettern einen Stand und verkauft die Äpfel an seine Freunde.
Der Steinbock baut nicht auf Sand, sondern setzt auf solides Fundament. Er sichert seinen eigenen Standpunkt. Rutscht jemand neben ihm in die Tiefe, erntet dieser vom Steinbock bestenfalls Bedauern. Der Steinbock ist taktisch und furchtlos und hat einen Hang zum materiellen Luxus. Er möchte etwas erreichen, wobei ihm seine Ausdauer dabei ein nützlicher Begleiter ist. Der Steinbock ist verantwortungs- und pflichtbewusst und kann sich erst dann entspannen, wenn sein Tagespensum erreicht ist. Das Problem dabei ist nur, dass es selten erreicht wird, da er sich zu viel vornimmt. Tiefsinnige Gespräche lassen sich mit einem Steinbock gut führen. Er ist potenzieller Unternehmenskapitän, der andere arbeiten lassen kann. Verschlossen und diszipliniert, muss er sich aber alles erarbeiten. Braucht viele Kuscheleinheiten, um seine Selbsthärte auszugleichen.
Konfliktpotenzial: Der Steinbock ist materiell und wenig kompromissbereit.
Wassermann (20.01. – 19.02. / Luft)
Frage: Was macht ein Wassermann-Kind mit einem Apfelbaum?
Antwort: Es klettert in die Krone, denkt sich ein Baumhaus und beobachtet die Sterne.
Der Wassermann sprengt Grenzen. Alles Skurrile und Außergewöhnliche zieht ihn magisch an. Er ist schwer einzuschätzen und manchmal auch unberechenbar, aber niemals langweilig. Die große Stärke ist sein Ideenreichtum, allerdings fehlt es ihm an Durchhaltevermögen. Wassermänner blicken weit voraus. Eine seiner sympathischsten Eigenschaften ist die Kameradschaftlichkeit, allerdings auch völlige Unverbindlichkeit. Der Wassermann ist hilfsbereit und für seine Freunde immer da. Ein kreativer Denker, der leider seinen Körper oft ignoriert, da ihm der Geist wichtiger ist. Jedes Gesetz wird auf Tauglichkeit geprüft und gegebenenfalls durch eine sinnvollere Regel ersetzt – notfalls auch ohne die Zustimmung der anderen. Ist bestrebt, etwas für die Ewigkeit zu schaffen, zweifelt diese jedoch per se an. Das Auswendiglernen eines Gedichts können Sie beim Wassermann-Kind vergessen – doch wenn es will, überfliegt es den Inhalt, begreift diesen und fasst ihn mit drei Sätzen zusammen. Lassen Sie es früh viel entscheiden, pochen Sie nicht auf Autorität. Visuelle Hilfen sind günstig beim Lernen!
Konfliktpotenzial: Der Wassermann fühlt sich oft durch Regeln bevormundet und unterschätzt.
Fische (20.02. – 20.03. / Wasser)
Frage: Was macht ein Fische-Kind mit einem Apfelbaum?
Antwort: Es träumt, es wohne im Inneren des Baumes mit einem Baumgeist.
Fische sind emotional und sensibel. Inspiration und Eingebung sind ihre Stärken. Der Fische-Geborene ist sehr fantasievoll und hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und Gutmütigkeit. Ein Forscher im Dienste der Menschheit. Familie ist nicht seine Stärke. Für Spirituelles durchaus zu begeistern. Feinfühlig und verträumt. Will alles ergründen – ist kein Befehlsempfänger und völlig glaubensresistent gegenüber neuen Erkenntnissen. Neigt bei Konflikten eher zum Rückzug in die tiefsten Nischen. Braucht ein eigenes Zimmer und Harmonie. Kein teures Spielzeug nötig, aber möglichst viele Kuscheltiere!
Konfliktpotenzial: Die Fische ziehen sich bei Kritik sehr zurück und verweilen dort auf unbestimmte Zeit.
Widder (21.03. – 20.04. / Feuer)
Frage: Was macht ein Widder-Kind mit einem Apfelbaum?
Antwort: Es rennt dagegen, schlägt sich die Nase auf und klettert hoch, fällt wieder herunter, verstaucht sich ein Bein und humpelt zufrieden nach Hause.
Der Widder ist entschlusskräftig und strebt immer nach vorn. Ist dabei oft ungestüm. Macht seine Spielregeln selbst. Schwer zu führen. In jedem Widder steckt der Glaube an seine eigene Kraft. Er ist energiegeladen und voller Mut. Komplizierte Zusammenhänge liegen ihm nicht besonders, da er schnell aktiv am Geschehen beteiligt sein will. Ein Widder ist risikobereit und schätzt ehrliche und offene Worte. Neigt zu Verletzungen. Will seine Grenzen erweitern, indem er an sie stößt. Kommen Sie nicht auf die dumme Idee, einen Widder mit einem geplanten Kaiserschnitt zu holen oder mit wehenunterdrückenden Mitteln an der Geburt zu hindern – sein Trotz verfolgt Sie bis ins Grab! Wacher Geist, ordnet sich aber schwer ein. Günstig: Lernwettkämpfe für Vokabeln und Experimente.
Konfliktpotenzial: Der Widder fühlt sich durch die Vorsicht anderer oft ausgebremst.
Stier (21.04. – 21.05. / Erde)
Frage: Was macht ein Stier-Kind mit einem Apfelbaum?
Antwort: Es breitet eine Decke aus, setzt sich gemütlich an den Stamm, isst in Seelenruhe alle Äpfel auf und lässt sich von den Sägegeräuschen hinter sich erst stören, wenn der Baum umfällt. Rastet dann allerdings aus.
Ein Stier ist ein sinnlicher Mensch mit Geschmack und ein Genießer. Er kann sehr realistisch, also an der sinnlich erfassbaren Realität orientiert sein, strebt nach Besitz und Sicherheit. Arbeitet hart an seinen Zielen, bis er sie erreicht hat – und immer schön eines nach dem anderen. Geduld und Kreativität sind seine Stärken, allerdings kann diese Geduld manchmal in Unflexibilität ausarten. Der Stier ist derart leistungsbereit, dass er sich oft zu viel Arbeit auflädt. Neigt zu Übergewicht und Konsum, wenn man ihn an seiner Verwirklichung hindert. Liebt alles Körperliche, also auch Sport, Tanz und Sex, und versäumt, seine Mitmenschen rechtzeitig vor deren Grenzüberschreitungen zu warnen – und dann kann es oft zu Wutausbrüchen kommen. Geht gern zur Schule; lernt langsam, aber gründlich. Ermuntern Sie ihn, zu viel Druck schadet nur.
Konfliktpotenzial: Der Stier verliert die Beherrschung, wenn er keine Zeit und Ruhe für seine Aufgaben bekommt.
Zwillinge (22.05. – 21.06. / Luft)
Frage: Was macht ein Zwillinge-Kind mit einem Apfelbaum?
Antwort: Es geht zum Birnenbaum.
Zwillinge sind ein wenig wie Schmetterlinge: unberechenbar und flatterhaft. Der Zwillinge-Geborene braucht Abwechslung. Größte Stärke: Kontakte knüpfen. Ihn zu beurteilen ist schwierig, da er selbst nicht genau weiß, was er im nächsten Moment tun wird. Vielseitig, aber auch unruhig und ungeduldig. Deshalb wechselt der Zwilling gern seine Überzeugung oder auch den Beruf. Ist ständig in Bewegung, daher oft viel schneller als andere, erledigt viele Dinge auf einmal. Schmusebedürftig, aber auch zickig. Lästert gerne. Wird oft missverstanden, weil der Zwilling, ähnlich wie der Stier, zu spät auf Grenzen hinweist. Anstrengende Diskussionen. Freut sich auf die Schule, ist voller Ideen (auch für Streiche). Braucht viele Anregungen.
Konfliktpotenzial: Der Zwilling ist unberechenbar und entflieht der Eintönigkeit.
Krebs (22.06. – 21.07. / Wasser)
Frage: Was macht ein Krebs-Kind mit einem Apfelbaum?
Antwort: Es sammelt die heruntergefallenen Äpfel ein und pustet tröstend auf deren Druckstellen, umarmt den Baum, erfasst dabei intuitiv dessen Alter und fühlt sich dadurch klein, unwichtig und somit geborgen.
Der Krebs ist anhänglich, fürsorglich, harmoniebedürftig, lernbegeistert, wenn man ihn nicht zum Pauken zwingt. Bereit zu verzeihen und Opfer zu bringen. Sucht die Fehler bedauerlicherweise immer zuerst bei sich statt bei anderen. Krebschen ist schüchtern und vorsichtig. Will nie richtig erwachsen werden und tut sich mit dem Loslassen schwer. Loyal, intelligent, aber sehr leicht zu verletzen. Zielstrebig, wenn er sich in Sicherheit fühlt, scheut seine Grenzen, überrascht durch Energieausbrüche. Will zunächst ungern in Kindergarten und Schule, sondern lieber zuhause bleiben. Sie sollten Ihren Krebs viel loben und unterstützen.
Konfliktpotenzial: Der Krebs reagiert auf Kritik und Harmoniestörungen mit Rückzugsstrategien und Minderwertigkeitsgefühlen.
Löwe (22.07. – 22.08. / Feuer)
Frage: Was macht ein Löwe-Kind mit einem Apfelbaum?
Antwort: Es schnitzt seinen Namen in den größten Baum und lässt sich damit fotografieren, derweil er großzügig Opas Äpfel verschenkt.
Der Löwe genießt den Mittelpunkt. Will eine Wirkung auf Menschen haben. Herrscht über andere als gütiger Regent und ist loyal – verlangt auch Loyalität. Schafft mit viel Herz Strukturen und Regeln. Hat Prinzipien und ist daher etwas stur. Ist gerne erwachsen, wenn man ihm seine Bühne lässt, die er spielerisch und gestenreich betritt. Trägt häufig nicht zu bändigendes Haupthaar. Ignorieren Sie ein Löwenkind, stehen Sie auf seiner Negativliste. Eigenständig, übernimmt früh Verantwortung, aber überschätzt sich dabei. Viel loben, zum Beispiel Urkunden an die Wand hängen.
Konfliktpotenzial: Der Löwe verkraftet es nicht, Rangletzter sein zu müssen, und lässt sich jedes Mittel recht sein, um dies zu kompensieren.
Jungfrau (23.08. – 22.09. / Erde)
Frage: Was macht ein Jungfrau-Kind mit einem Apfelbaum?
Antwort: Es beobachtet, wie die anderen Kinder hochklettern, übt an einem Klettergerüst, geht pünktlich nach Hause und beschließt, morgen Nachmittag auf den Baum zu klettern.
Die Jungfrau ist akribisch, sehnt sich nach Struktur und Ordnung, kritisiert oft und fühlt sich schnell alleingelassen und unverstanden. Sucht die Fehler zunächst bei anderen. Sucht Sicherheit in äußeren Strukturen. Eine Jungfrau braucht ganz konkrete Anleitungen. Ist zuverlässig und detailversessen. Kann komplizierte Dinge auswendig lernen, ohne sie begreifen zu müssen. Leicht zu erschüttern, außer sie kann sich an etwas Stabilem festhalten. Sehr interessiert an Naturwissenschaften, gut organisiert. Frühe Einschulung günstig. Zu Gesprächen und Sport ermuntern. Kritisiert oft vor sich hin.
Konfliktpotenzial: Die Jungfrau wendet sich von Undurchsichtigem und Chaotischem ab, verteidigt dabei aber sehr vehement ihren Standpunkt.
Waage (23.09. – 22.10. / Luft)
Frage: Was macht ein Waage-Kind mit einem Apfelbaum?
Antwort: Es fegt um ihn herum alle Blätter weg, schneidet herunterhängende Zweige ab und lädt seine Freunde zu einer Apfel-Party ein.
Die Waage versucht, gutmütig und ausgleichend zu sein. Hat einen extremen Gerechtigkeitssinn, was oft zu vorschnellen Urteilen führen kann. Denkt und tüftelt gerne und ist harmoniebedürftig. Wird oft als unloyal missverstanden, da ihr Gerechtigkeit über Freundschaft geht. Glaubt, es gäbe nur eine Wahrheit – ihre. Arbeitet gerne mit dem Kopf und den Händen. Große Liebe zu Ästhetik, Ordnung und Eleganz. Braucht die Geselligkeit. Meist ohne Probleme im Schulunterricht; benötigt manchmal Hilfe, um bei Konflikten das rechte Maß zu behalten!
Konfliktpotenzial: Die Waage kann bei fehlender Fairness unverhältnismäßig selbstgerecht werden.
Skorpion (23.10. – 22.11. / Wasser)
Frage: Was macht ein Skorpion-Kind mit einem Apfelbaum?
Antwort: Es weiß, dass der Baum ein Geheimnis haben muss, und sucht daher den Kaninchenbau darunter nach Schlangen, Schätzen oder Knochen ab. Nachdem er über eine Wurzel stolpert, schwört er insgeheim, nie wieder zum bösen Baum zu gehen, da die Äpfel sowieso vergiftet sind.
Der Skorpion ist empfindlich und daher extrem verletzlich. Hört das Gras wachsen, bevor es gesät ist. Ist gern geheimnistuerisch, hasst es aber, wenn andere vor ihm Geheimnisse haben. Glaubt, sich schützen zu müssen, und ist misstrauisch. Handelt vorstellungsbezogen und ist daher auf die Einhaltung seines Plans angewiesen; Abweichungen von diesem werden als Störungen registriert. Der Skorpion erlebt auch oft Streitigkeiten und Kampf, oder – im anderen Extrem – Zurückgezogenheit und scheinbare Unterwürfigkeit. Sehr harmoniebedürftig. Hang zu Düsterem. Schreckt nicht davor zurück, sich bei Streitigkeiten unversöhnlich und ohne Wiederkehr zu distanzieren. Ermuntern Sie ihn zu mehr Lebensfreude (zum Beispiel Herumalbern). Bei Verboten ganz konsequent bleiben. Machtkämpfe mit den Eltern! Stabiler Tagesablauf ist wichtig.
Konfliktpotenzial: Der Skorpion kann bei geringster Verletzung die soziale Beziehung komplett in Frage stellen.
Schütze (23.11. – 20.12. / Feuer)
Frage: Was macht ein Schütze-Kind mit einem Apfelbaum?
Antwort: Es knüpft eine Schaukel an die preisgekrönte Edelobstsorte, genießt schaukelnd den Tag – und versteht gar nicht, warum der Gärtner sich so aufregt.
Wenn der Schütze nach gründlichem Anvisieren ein Ziel hat, dann drückt er auch ab. Lässt sich nicht gerne aufhalten. Kann Menschen begeistern, braucht sie aber eigentlich nicht, um erfolgreich zu sein. Kann schnell entscheiden und steht dazu. Zieht leider selbst dann sein Vorhaben durch, wenn sich zwischenzeitlich herausstellt hat, dass es das Falsche ist. Abgedrückt ist eben abgedrückt für den Schützen. Fühlt sich schnell gestört und bevormundet, hält sich nicht gern mit tiefschürfender Tragik auf. Voller Energie, hat oft Probleme bei Disziplin und Konzentration.
Konfliktpotenzial: Der Schütze kann durch Appelle an seine Empathie überaus trotzig werden.
Ich kenne die Bedenken, die viele von Ihnen beim Thema „Sternzeichen“ äußern werden: „Herr Winter, Astrologie ist unwissenschaftlich!“, „Lassen Sie die Tierkreiszeichen weg, ein Mensch lässt sich nicht so einfach kategorisieren!“, „Die Kategorien sind so allgemein gehalten, dass sich jeder darin wiedererkennen kann!“ – und so weiter. Doch wenn Sie sich oder andere Menschen in dieser Auflistung der Persönlichkeitsmerkmale nur ein wenig wiedererkannt haben, dann wissen Sie, dass Dinge, die wir noch nicht kausal erklären können, nicht zwangsläufig Unfug sein müssen.
Wenn diese Eigenschaften ignoriert beziehungsweise unterdrückt werden, dann geraten sie zur größten Schwäche ihres Besitzers: So kann ein Widder stur, ein Löwe herrschsüchtig, eine Jungfrau zögerlich und penibel und eine Waage selbstgerecht werden. Fische und Skorpione können überempfindlich, Wassermänner und Zwillinge weltfremd und zurückgezogen werden – und dies alles nur, weil die Eltern bei der Kindeserziehung nicht wissen konnten, dass Kinder bei der Geburt keine unbeschriebenen Blätter sind, beziehungsweise sich vielleicht sogar weigerten anzuerkennen, dass es eine Grundpersönlichkeit gibt.
Hinzufügen möchte ich, dass die Eigenschaften des Sonnenzeichens, also des so genannten „Sternzeichens“, wahrscheinlich nicht mit der Geburt entstehen, sondern bei der Zeugung. Der errechnete Geburtszeitpunkt liefert also den Hinweis auf das Zeichen und bedeutet, dass Sie als Mutter bereits neun Monate lang einen Widder/Löwen/Wassermann und so weiter unter dem Herzen tragen und dieser entsprechend seiner Grundpersönlichkeit auf empfundene Grenzen reagiert. Das ist ungefähr so, als ob Sie Ihr Frühstück aufgrund von Zwischenfällen nicht um neun Uhr einnehmen können, sondern erst um zwölf Uhr. Damit ist es kein Mittagessen, sondern bleibt mit Toast, Eiern und Orangensaft ein Frühstück – zur falschen Zeit. Wenn Sie sich also nicht wiedererkannt haben, liegt das wahrscheinlich daran, dass Sie außerhalb Ihres natürlichen Geburtstermins zur Welt gekommen sind. Schauen Sie dann in der obigen Liste dort nach, wo Sie normalerweise zu finden wären, wenn Sie eine pünktliche Geburt gehabt hätten. Der Aszendent hingegen hat tatsächlich mit der Geburt zu tun, wirkt aufgrund der zeitlichen Unschärfe auch nicht so dominant wie das Sonnenzeichen.
Weshalb ich also dringend anrate, das Thema trotz aller Bedenken ernst zu nehmen, zeigt folgendes Beispiel, das mir aus erster Hand zugetragen wurde: Die beiden fünfjährigen Jungen Tim[3] und Pascal spielen Memory, ein Spiel, bei dem es darum geht, aus verdeckten Kärtchen möglichst viele Kartenpaare aus gleichen Motiven zu bilden. Hierbei muss man sich die Lage der vorübergehend aufgedeckten Karten für den nächsten Spielzug merken. Pascal, ein strukturbedürftiger, ordentlicher Jungfrau-Geborener, dreht spielregelgerecht zwei Karten um und bemüht sich redlich, Paare zu finden. Tim, ein innovativer und lösungsorientierter Wassermann, dreht entgegen den Regeln alle Karten gleichzeitig um, legt die offenliegenden Paare zusammen und sagt: „Fertig! Können wir endlich zum Spielplatz gehen?“ Für ihn ist die Aufgabe, viele Paare zu bilden, gelöst. Das Ganze wäre amüsant, wenn nicht Tims Vater, ebenfalls Jungfrau-Geborener, fast verzweifelt wäre und seinen Sohn für offenbar „entwicklungsgehemmt“ hielt und als „lernbehindert“ einstufte. Tim fiel auch weiterhin dadurch auf, dass er Mühe hatte, komplizierten und für ihn sinnlosen Regeln zu folgen. In der Schule setzte sich dann der Teufelskreis aus Missverständnis und Frustration fort. Viele andere Menschen, darunter beispielweise seine Großeltern, haben überhaupt keine Schwierigkeiten mit dem geistig hellwachen Jungen: Doch seit zwei Jahren bekommt der intelligente, aber missverstandene Tim von seinen Eltern die Schülerdroge Ritalin – ein Ende der Medikation ist dabei nicht absehbar. Hätte sein Vater gewusst und verstanden, dass sich Wassermänner generell mit sinnlosen Regeln schwertun, dafür aber unkonventionelle Problemlösungen finden, wäre er auf seinen Sohn womöglich stolz gewesen oder könnte ihn zumindest adäquat fördern.
Meine These zu den physikalischen Hintergründen des Tierkreiszeichen-Phänomens habe ich versucht, in einem Vortrag „Sternzeichen – Aberglaube oder Physik?“ zu erläutern (81 Min., MP3-CD, zu bestellen im Internet unter www.powerscout.net).
Erworben und veränderbar: Der Charakter
Die Grundpersönlichkeit ist dieser Vorstellung nach also bereits im Mutterleib vorhanden und absolut unveränderlich. Hinzu kommt selbstverständlich noch der so genannte Charakter, also die „individuelle Handschrift“, mit der diese Grundpersönlichkeit ausgelebt wird. Dieser wird geprägt durch unsere Eindrücke und Erfahrungen, welche, so zeigt die Praxis, durchaus bereits in Zeiten vor der letzten Zeugung, also in „früheren Leben“, erworben sein können. Menschen aus allen Kulturkreisen können offenbar in einer einfachen leichten Ruhephase dazu angeregt werden, sich an ein Vorleben zu erinnern. Diese Einflüsse können sich über Hunderte von Jahren im Charakter bemerkbar machen, sind aber durch Erkenntnisse leicht zu verändern. Der Charakter ist also das, was Sie durch Erziehung beeinflussen können. Er wird beispielsweise geformt durch soziale Rollen, in die ein Mensch sich einordnet, durch die Art, wie wir behandelt oder beachtet werden, oder auch dadurch, ob sein Handeln erfolgreich ist oder zur Frustration führt. Hierbei zeigt sich in erschreckender Deutlichkeit, dass Frustrationen, Erniedrigungen und Zurückweisungen beim Kind eine wesentlich höhere emotionale Eindrucks-tiefe hinterlassen als Glücksgefühle und Erfolgserlebnisse. Von all den von uns befragten Probanden erinnert sich die überwiegende Mehrheit als „erste Kindheitserinnerung“ an ein negativ empfundenes Erlebnis. Der Charakter scheint also leichter durch unangenehme Eindrücke geformt zu werden – welche leider oftmals Ängste, also Blockaden und Rückzugsstrategien, erzeugen. Die Relevanz dieser Beobachtung erkannte schon der oben erwähnte Alfred Adler, dessen Individualpsychologie auf der Annahme basiert, dass alle erworbenen Psychopathologien einen frühkindlichen Ursprung haben müssen. So beschrieb Adler in seinem Buch „Menschenkenntnis“[4] bereits 1927, dass der Charakter des Menschen nicht angeboren sei, sondern bereits im Säuglingsalter sehr früh erworben werde, was in der Konsequenz eine sehr hohe Verantwortung für die Erziehungsaufgabe der Eltern bedeutet. Adler untersuchte bei seinem psychotherapeutischen Vorgehen immer das früheste Kindheitserlebnis seiner Patienten, um daraus das Grundmuster der Verhaltens- und Empfindensstörung abzuleiten. Leider zerstritt sich Alfred Adler damals mit dem immer einflussreicher werdenden Sigmund Freud, sodass seine Lehren trotz bahnbrechender Erfolge von der zeitgenössischen Psychotherapeuten-Szene vernachlässigt wurden. Doch genau auf Alfred Adlers Ansatz fußt unsere Methode, mittels der wir in unserem Institut heutzutage innerhalb von manchmal wenigen Minuten Verhaltensstörungen aufdecken und auflösen können. Der Charakter, die Art und Weise, mit der wir durchs Leben gehen, ist nun einmal veränderlich – und er bleibt es ein Leben lang. Es kommt dabei nur auf die emotionale Eindruckstiefe an, wie sehr und wie schnell sich ein Verhaltensmuster ändert. Je beeindruckender eine Erkenntnis ist, desto gründlicher ändert sich das betroffene Verhaltensmuster.
Die Frage, welche der drei Strategien Offensive, Defensive und Akzeptanz für Weiterentwicklung und Konfliktbewältigung zum Einsatz kommt, hängt also im Wesentlichen davon ab, welche positiven Erfahrungen ein Kind im Umgang mit Konflikten gemacht hat. Selbstwertgestörte Menschen, denen bereits geringster Widerstand wie eine unüberwindbare Grenze vorkommt, haben meist enorme Schwierigkeiten, das kindliche Strategiemuster zu verlassen. Diplomatische Lösungen, Souveränität und Akzeptanz scheiden aus dem Repertoire eines Selbstwertgestörten aus.
Konditionierungen und Verhaltensmuster
In den ersten 36 Monaten des Lebens (ab Zeugung gerechnet) verfügt der Mensch über keinerlei rationales und zeitliches Erfassungsvermögen. Weder Zukunft noch Vergangenheit fließen in die kontextuelle Orientierung des Kindes mit ein. Die US-Forscher Yuko Munakata, Christopher Chatham und Michael J. Frank von der University of Colorado in Denver zeigten in einer Studie, dass Kinder bis etwa zum sechsten Lebensjahr nur sehr begrenzt eine Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft herstellen können. Erst mit rund 18 Jahren gelingt es einem Menschen aufgrund eigener präziser Zukunftsvoraussagen, gezielt proaktiv (also selbstauslösend, anstelle von reaktiv) zu handeln. Doch in den ersten drei Jahren, so zeigt die Praxis, fehlt diese Fähigkeit völlig, sodass es noch gänzlich sinnlos ist, einem Vorschul-Kind Vorsichtsmaßnahmen wie „Zieh dir eine Jacke an, draußen ist es kalt“ nahebringen zu wollen. Das Kind muss erst erleben, dass es kalt ist, und handelt danach dementsprechend. „Ab etwa vier Jahren entwickeln Kinder genügend Einfühlungsvermögen, um sich vorstellen zu können, was andere denken und fühlen. Dann erst sind sie in der Lage einzusehen, dass sie vielleicht selbst noch etwas warten müssen, weil dringende Bedürfnisse anderer (zum Beispiel der knurrende Magen des hungrigen Brüderchens) zuerst erfüllt werden müssen. Kinder haben nun die Möglichkeit, ihre Handlungen zu planen. Wenn es ihnen Vorteile bringt, sind sie sogar freiwillig bereit zu warten. So wurden in einem Experiment drei- und vierjährige Kinder vor die Wahl gestellt, entweder einen Sticker sofort zu bekommen oder vier Sticker etwas später. Dreijährige wollten ihren Aufkleber sofort und gaben sich dafür mit nur einem zufrieden. Vierjährige warteten lieber, um dann mehrere Sticker zu bekommen. Ab etwa vier bis fünf Jahren haben Kinder zudem die Fähigkeit entwickelt, sich einer anderen Sache zuzuwenden, ohne ihr ursprüngliches Bedürfnis aus den Augen zu verlieren. Sie sind dann in der Lage, etwas anderes zu machen, bis Mama, Papa oder die Erzieherin im Kindergarten Zeit für sie hat.“[5] Bis die zeitlich-kontextuelle Wahrnehmung sich zu entwickeln beginnt, werden beispielsweise auch punktuelle Gefahren als absolute und andauernde Gefahren empfunden. Emotionales Erleben wird stets als Gegenwart empfunden. Deshalb werden genau in dieser Zeit unterbewusst Verhaltensmuster aufgrund von Erlebnissen und Erfahrungen gebildet, die ein Leben lang aufrechterhalten bleiben können. Dies bedeutet folglich: Macht ein Kind innerhalb genau dieser drei Jahre traumatische Erfahrungen – dazu gehören bereits Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen genauso wie frühkindliche Krankenhausaufenthalte oder schmerzhafte Erlebnisse –, so bildet sich hierdurch beim Kind eine besonders hohe Sensibilität für potenzielle Gefahrensituationen aus. Gefahren haben deshalb generell in unserer Wahrnehmung einen höheren Stellenwert als gute Nachrichten, weil ein Mensch ohne besondere Positivmeldungen zumindest überleben kann – in Gefahr ist dies rasch fraglich.
Meiner Erfahrung nach liegt der Ursprung von Kontrollverlustangst immer in der Kindheit und kann sich völlig unterschiedlich in diversen Schweregraden ausprägen. Auch zieht dieses auf Angst basierende Verhaltensmuster nicht automatisch eine Gier nach Katastrophen nach sich – das Gegenteil kann ebenso eintreten: Der Mensch legt seine „Scheuklappen“ an und hält sich fern von allem, was abenteuerlich, riskant und gefährlich sein kann – nachdem sein unterbewusstes „Radar“ ihn davor gewarnt hat.
Die Erkenntnis, dass ein Kind in den ersten Jahren des Lebens sogar ganz besonders anfällig für Traumatisierungen ist, steht konträr zu der leider weit verbreiteten Ansicht des Schweizer Philosophen Johann Georg Sulzer (1720 – 1779), welcher im Jahre 1748 schrieb: „Diese ersten Jahre haben unter anderem auch den Vorteil, dass man da Gewalt und Zwang brauchen kann. Die Kinder vergessen mit den Jahren alles, was ihnen in der ersten Kindheit begegnet ist. Kann man da den Kindern den Willen nehmen, so erinnern sie sich hiernach niemals mehr, dass sie einen Willen gehabt haben.“[6] Es steht zu befürchten, dass es aufgrund der „Systemträgheit“ noch eine ganze Reihe von Jahren dauern wird, bis dieser verheerende Irrtum endgültig aus den Köpfen der Menschen getilgt ist. Bis dahin werden wohl noch Millionen von Kindern unwissentlich traumatisiert.
Ein Erlebnis, welches den gleichen Kriterien entspricht wie die allererste erlebte Erschütterung der Sicherheit, das Urtrauma, kann übrigens ein solches verschüttetes Trauma „antriggern“, also wachrufen und damit das seit Jahren angelegte Angstmuster zur Ausprägung bringen. Daher fürchten sich Kinder oftmals in Situationen, in denen wir Erwachsene keinerlei Gefahrenanzeichen wahrnehmen können. Enge Fahrstühle erinnern an Geburtskomplikationen, Spritzennadeln rufen dieselben Gefühle wie bei der ersten Blutentnahme wenige Minuten nach Geburt wach; hohe Brücken und Schwimmbadsprungtürme triggern das Gefühl an, welches ein Baby hat, wenn es von einem fremden Menschen an den Füßen hochgehalten und ihm auf den Po geschlagen wird, nur damit es seinen ersten Atemzug macht. Man kann sich diesen Zusammenhang auch umgekehrt vorstellen: Jemand, der nicht weiß, was das rote Licht einer Ampel bedeutet, wird sich wundern, dass alle anderen davor stehen bleiben.
Und damit sind wir im Bereich der Verknüpfungen oder auch Konditionierungen.
Was eine Konditionierung ist, schlagen wir im Internet nach. Da lesen wir beispielsweise etwas umständlich:
„Unter Konditionierung versteht man in der behavioristischen Lernpsychologie das Erlernen von Reiz-Reaktions-Mustern (Stimulus-Response). Grundlage dieser Lerntheorien ist die Annahme, innere Vorgänge wie Gefühle und Gedanken niemals wissenschaftlich untersuchen zu können, das so genannte Black-Box-Modell. Man unterscheidet zwei Grundtypen der Konditionierung: die Klassische Konditionierung, die ausgelöstes Verhalten betrifft (der lernende Organismus hat keine Kontrolle über den Reiz oder seine Reaktion), und die Instrumentelle beziehungsweise Operante Konditionierung, die ursprünglich spontanes Verhalten betrifft, das je nach wahrgenommener Konsequenz zielgerichtet wird.“[7]
Ich möchte Ihnen das Prinzip der Konditionierung mit meinen eigenen Worten etwas simpler beschreiben:
Sie nehmen etwas wahr, auf das Sie mit einem bestimmten Gefühl reagieren (etwa einen kleinen Stromschlag), und zeitgleich etwas Bestimmtes, das Ihnen bislang völlig gleichgültig war (vielleicht das Wort „Zick“). Je öfter das geschieht, desto eher glauben Sie, dass das bislang Gleichgültige Ihr Gefühl erzeugte: Das heißt, Sie zucken zusammen, wenn Sie nur das Wort „Zick“ hören. Durch das ständige Zusammentreffen beider Reize wird die emotionale Bedeutung des ersten einfach auf einen weiteren Reiz ausgeweitet. So kommt es dann, dass Menschen tatsächlich glauben, Zigarettenrauch würde das Ausschütten von Glückshormonen erzeugen, obwohl ihnen jeder Nichtraucher beim Einatmen von Qualm etwas husten würde und somit bestätigt, dass nicht der Qualm glücklich macht. Der Raucher ist darauf konditioniert, dass Rauchen offenbar nur Erwachsenen erlaubt ist und in kleinen Pausen stattfindet: Er fühlt sich, sobald er qualmt, frei von Erwartungsdruck.
Machen Sie die Augen auf: Unser Kopf ist voller Konditionierungen. Beispielsweise bekommen fast alle Menschen einen Adrenalinstoß, wenn man sie anschreit – dabei ist eine laute Stimme keinesfalls bedrohlich, wie jeder, der schon einmal einen Operntenor live singen gehört hat, bestätigen kann. Das eigentlich Bedrohliche an der lauten Stimme haben Menschen oftmals bereits im Mutterleib erfahren. Mütterliche Stresshormone werden zeitgleich mit „angeschrien werden“ ausgestoßen – und das auch nur, weil noch weiter früher bei der Kindeserziehung nicht nur geschrien, sondern auch geschlagen und verletzt wurde.
So differenziert und so nachhaltig können sich Konditionierungen auswirken. Noch ein Beispiel für ein erlerntes Reiz-Reaktions-Paar?
Orale Stimulation und Mutterliebe werden so lange verknüpft, bis das Kind tatsächlich glaubt, ein Schnuller im Mund würde beruhigen, und womöglich bis zum Lebensende das Gefühl hat, bei Einsamkeit oder Hilflosigkeit etwas essen zu müssen – selbst wenn der Körper bereits ein Übergewicht mit sich herumträgt.
Nun wissen Sie, dass Sie im Umgang mit lernfähigen Kindern sehr behutsam sein müssen, da diese nach kurzer Zeit automatisch davon ausgehen, dass A und B zusammengehören. Die Konditionierung ist leider ein unglaublich mächtiger Faktor beim Erlernen von Verhaltensweisen – sie begleiten einen Menschen oftmals bis zum Ende. Daraus resultierende Verhaltensmuster nehmen ihren Ursprung in der Kindheit und werden durch Wiederholung, Bestätigung und tiefe emotionale Eindrücke verstärkt und unterbewusst auf weitere Reize generalisiert. Solche unterbewussten Verknüpfungen lassen sich mittlerweile, dank moderner Coachingtechniken, jedoch gut und schnell wieder auflösen.
Das „Selbstwertcoaching“ (CD 2) aus meinem Coachingprogramm „Power-Box: Entdecke dein Selbst!“ leistet hier eine gute Hilfestellung, um den „obersten Richter im Kopf“, nämlich das personalisierte schlechte Gewissen, zu entdecken und unschädlich zu machen. Außerdem finden sich auf der CD einige anschauliche Beispiele für „Reframing“ – das Verändern von Gefühlen und dem daraus resultierenden Verhalten durch Einnehmen einer anderen Perspektive.
Suggestionen – Trojanische Pferde im Kopf
Leider gibt es noch einen weiteren ernsten Faktor, der Ihrem Kind das Leben schwermachen kann: die Suggestion. Was das ist? Wenn Sie schon einmal einen Bühnenhypnotiseur live erlebt oder im Fernsehen gesehen haben, kennen Sie das. Der Show-Hypnotiseur ist in der Lage, einem Menschen mit gezielten Suggestionen einzureden, er sei nun auf der Bühne ein gackerndes Huhn, das auf sein frisch gelegtes Ei aufpasse, oder ein halb verdurstender Wanderer in der Wüste, der unter der heißen Sonne schwitze. Auch die Suggestion, man könne bestimmte Worte, Zahlen oder seinen eigenen Namen nicht erinnern und zudem nicht von seinem Stuhl aufstehen, sind Klassiker der Unterhaltungshypnose – und sie funktionieren leider am besten bei sehr autoritär erzogenen Menschen, da diese gewohnt sind, ihre Verantwortung an jemand anderen abzugeben. Niemand würde Suggestionen ernsthaft als Bestandteil von Erziehung bezeichnen – und doch sind unsere Köpfe voll mit Suggestionen aus Kindheit und Jugend. Im falschen Moment geäußerte Sätze wie „Du wirst niemals gut in Mathe sein“ oder „Aus dir wird nie etwas, wenn du dich nicht anstrengst“ entpuppen sich leider nur zu oft als Suggestionen, die jahrelang unterbewusst realisiert werden. Jeder, dem das Kind Autorität oder besonderes Vertrauen zuspricht, befindet sich leider auch automatisch in der Gefahr, dem Kind versehentlich dauerhaft etwas einzureden. Vermeiden lassen sich Suggestionen wohl kaum, dennoch können Sie natürlich darauf achten, dass Sie Ihre Befürchtungen und Ermahnungen nicht versehentlich in Stein meißeln. Die Worte „wirst“, „musst“ und „sollst“ setzen den Menschen unter Entscheidungsdruck – er muss somit reagieren, entweder mit Zustimmung oder mit Gegenwehr. Formulierungen wie „könntest“, „wenn du möchtest“ oder „ich bitte dich“ funktionieren meist besser, um jemanden freiwillig zum Handeln zu motivieren. Natürlich ist es schwierig, immer jedes seiner Worte genau zu kontrollieren. Dies ist auch nicht notwendig. Wichtig ist, dass Ihre Aussagen nicht zu dogmatisch sind und Sie dem Kind dabei Wahlmöglichkeiten lassen. Suggestionen sind auf einen emotionalen Gemütszustand angewiesen. Je angespannter oder nervöser ein Mensch ist, desto leichter platziert sich ein solches „Computervirus“ auf der geistigen Festplatte. Die Auswirkungen können bis hin zur völligen Realitätsverkennung reichen. Suggestionen (Einredungen und Befehle) lassen sich zwar ebenso wie Konditionierungen (unterbewusste Symbolverknüpfungen) wieder rückgängig machen, aber dies erfordert gezieltes fachmännisches Vorgehen. Hypnosetherapeuten arbeiten leider oft mit (gut gemeinten) direkten Suggestionen, um einen Menschen vom Rauchen oder von Süßigkeiten abzubringen. Auch hier muss ein Verantwortungsgefälle vorliegen, damit die Suggestionen greifen können – der Patient muss dem Hypnotiseur emotionale Macht über sich einräumen.
Immer wieder gibt es Klienten, die mich darum bitten, ihnen per Suggestion das Rauchen zu verleiden. Einer von ihnen war ein älterer Herr, der allen Ernstes wollte, dass ich ihm per „hypnotischem Befehl“ die Erinnerung daran lösche, dass er je geraucht hatte – sein Verantwortungsgefühl tendierte gegen Null. Es stellte sich heraus, dass er in der Kindheit einen extrem despotischen und rechtskonservativen Vater erlitten und sich diesem leider angepasst hatte. Nun hoffte er, für seinen gesundheitlichen Raubbau durch Kettenrauchen keinerlei Konsequenzen tragen zu müssen. Da ich mir vorbehalte, mit wem ich arbeite und wem ich mit meinem Coaching weiterhelfe, stellte ich meinen Kunden vor die Wahl: Entweder werde er rauchfrei nach meinem Ansatz oder müsse sich einen anderen Coach suchen. Er entschied sich für Letzteres und raucht, soweit ich weiß, heute noch, obwohl er allein durch mein Einführungsgespräch einige Tage lang nur noch zehn – statt vorher dreißig – Zigaretten täglich rauchte.
Ein anderes Beispiel für eine nachhaltig wirksame und leichtfertig ausgesprochene Suggestion erlebte meine Kundin Sibylle. Sie hatte in der Jugend von ihrer Mutter immer zu hören bekommen: „Kind, zieh dir keinen Minirock an, du holst dir sonst eine Blasenerkältung.“ Ob der Hintergrund dieser Warnung echte Gesundheitsbedenken oder eher nur Prüderie waren, sei dahingestellt. Jedenfalls wurde diese absolut unsinnige Aussage zu einer handfesten Suggestion, die ihre Wirkung nie verfehlte: Wann immer Sibylle sich einen Minirock anzog, etwa zum Tanzen in der Disco oder auf Partys, beklagte sie meist schon am Tag darauf einen schmerzhaften Harnwegsinfekt. Medizinisch gesehen entsteht ein solcher Infekt aber nicht durch kurze Röcke, sondern durch Bakterien, die in die Harnwege gelangen und gegen die der Körper keine eigene Abwehr hat. Hat Mutters Ermahnung die körpereigene Abwehr geschwächt? Möglich. Vielleicht hat sich Sibylle aber einfach nur an das gehalten, was Mutter sagte, und Symptome aufgrund einer nicht vorhandenen, aber befürchteten Krankheit entwickelt.
[1]Mystic Medusas Sternenkompass, Goldmann 2008[2]Anfangs- und Enddaten variieren etwas, je nach astrologischer Auffassung.[3]Namen und biografische Angaben sind aus Gründen des Datenschutzes stark verändert.[4]Alfred Adler: „Menschenkenntnis“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1966[5]www.elternwissen.com/erziehung-entwicklung/erziehung-tipps/art/tipp/keine-geduld-so-lernt-ihr-kind-zu-warten.html[6]J. G. Sulzer: „Versuch von der Erziehung und Unterweisung der Kinder“ (1748)[7]http://de.wikipedia.org/wiki/Konditionierung
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