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Andreas Weigl

Bevölkerungsgeschichte Europas

Von den Anfängen bis in die Gegenwart

BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR · 2012

Impressum

Andreas Weigl ist Univ.-Doz. und lehrt am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de.

© 2012 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Wien Köln Weimar Wiesingerstraße 1, A-1010 Wien, www.boehlau-verlag.com Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig.

Lektorat: Dr. Volker Manz, Kenzingen

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: synpannier. Gestaltung & Wissenschaftskommunikation, Bielefeld

Druck und Bindung: AALEXX Buchproduktion GmbH, Großburgwedel

Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier

Printed in Germany

UTB-Band-Nr. 3756 | ISBN 978-3-8463-3756-1 | ISBN Print 978-3-8252-3756-1

Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Vorwort

1. Bevölkerungsgeschichte – historische Demografie

2. Die Quellen der europäischen Bevölkerungsgeschichte

3. Europas Bevölkerungsentwicklung und Malthus

4. Die Phasen der europäischen Bevölkerungsgeschichte

5. Das Zeitalter der Pest

6. Die hochmittelalterliche Expansionsphase (ca. 1000 – 1300)

7. Das European Marriage Pattern

8. Der Demografische Übergang in Europa

9. Der epidemiologische Übergang

10. Der social und der gender gap

11. Die „stille Revolution“

12. Europas Wandel vom Auswanderungs- zum Einwanderungskontinent und die „dritte demografische Transition“

13. Europa und die Welt an der Jahrtausendwende

14. Verzeichnis der Quellen der Tabellen, Grafiken und Abbildungen

15. Literaturverzeichnis

Register

Rückumschlag

Vorwort

Der vorliegende Band baut auf universitären Vorlesungen zum Thema auf. Sein Anliegen ist es, einen für den Studienbetrieb geeigneten Überblick über die europäische Bevölkerungsgeschichte in ihren globalen Bezügen zu liefern. Europäische Spezifika wie beispielsweise das European ­Marriage Pattern, die Cholera als „Lehrmeisterin der modernen Hygiene“ oder aber auch die besondere Rolle der Überseewanderung im Industriezeitalter finden dabei eine entsprechend hervorgehobene Behandlung. Der Band soll aber auch zu weiterführender Beschäftigung mit dem Thema anregen. Ein kurzer Abriss zu den wichtigsten Quellen vermittelt einen Einblick in die Basis historisch-demografischer Forschung, für die Interdisziplinarität größer werdende Bedeutung besitzt. Bei grundsätzlicher Verortung der historischen Demografie in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte war es mir daher inhaltlich ein besonderes Anliegen, das nach wie vor in einem Teil der (angloamerikanischen) Fachliteratur verbreitete malthusianische Paradigma neben anderen ökonomistischen Ansätzen kritisch zu hinterfragen. Einer Bevölkerungsgeschichte zwischen „Kultur“ und „Natur“ dienen auch die Verweise auf Ergebnisse relevanter „Nachbardisziplinen“ wie der Klimageschichte, der Sozialgeschichte der Medizin und der Archäologie. Insofern beschränkt sich auch das Literaturverzeichnis keineswegs ausschließlich auf historisch-demografische Arbeiten im engeren Sinne.

Methodisch ist die historische Demografie von der mit quantifizierenden Verfahren arbeitenden Bevölkerungswissenschaft nicht zu trennen, deren Indikatoren jedoch nicht unbedingt vertraut sein müssen. Um den Text nicht zu überladen, werden einschlägige Definitionen dieser Messzahlen und einiger anderer Fachbegriffe in den Anmerkungen gegeben.

Am Zustandekommen dieser Einführung waren eine ganze Reihe von befreundeten Kolleginnen und Kollegen des Ludwig-Boltzmann-Instituts

[<<7] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe

für Stadtgeschichtsforschung in Wien und des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien beteiligt. Wertvolle Literaturhinweise erhielt ich von Erich Landsteiner. Der gründlichen Durchsicht des Manuskripts durch Gerhard Meißl verdanke ich wertvolle Anregungen und Verbesserungsvorschläge. Nicht zuletzt möchte ich Susanne Claudine Pils erwähnen, die das fachkundige Endlektorat vorgenommen hat. Besonderer Dank gilt schließlich Alicja, Magda und Malgosia, die es geduldig ertragen haben, dass ich während des Schreibens weniger Zeit mit der Familie verbringen konnte.

Wien, im August 2012 Andreas Weigl

[<<8]

1. Bevölkerungsgeschichte – historische Demografie

Das 21. Jahrhundert ist schon des Öfteren als „demografisches Jahrhundert“ bezeichnet worden, und tatsächlich ist die Demografie auf dem Weg, zu einer der politischen Leitdisziplinen zu werden. Das ist eigentlich nicht verwunderlich. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erleben wir jenes Jahrhundert, in dem die Weltbevölkerung mit mehr als neun Milliarden ihren Höchststand in der Geschichte erreichen wird (Münz / Reiterer 2007: 32). Die daraus resultierenden gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen beschäftigen schon geraume Zeit die Entwicklungs- und Umweltpolitik, wobei den zu Beginn der 1970er-Jahre vom „Club of Rome“ präsentierten beängstigenden Szenarien eine wichtige Anstoßwirkung zukam. Demografische Veränderungen stellen sich jedoch keineswegs ausschließlich als Wachstumsproblem dar. In den entwickelten Industrie- und zunehmend auch in den „Schwellenländern“ ist der Umgang mit dem Altern der Bevölkerungen und dessen Konsequenzen für soziale Sicherungssysteme zu einer zentralen Agenda der Gesundheits- und Sozialpolitik geworden. Sie ist verknüpft mit potenziellen und schon gegenwärtig in ihrer Dimension anwachsenden globalen Süd-Nord-Migrationsbewegungen.

Den Befunden der Bevölkerungsgeschichte bzw. der historischen Demografie kommt bei der Beurteilung der zukünftigen Entwicklung Europas und der Welt durchaus Bedeutung zu. Sie sind für eine Analyse der langfristigen Veränderungen nicht nur unabdingbar, sondern auch mit ihnen untrennbar verknüpft. „Voraussagen über die demografische Zukunft Europas konstituieren gegenwärtige Wissensbestände, die zugleich in der Vergangenheit verankert sind“ (Overath 2011: 9). Aus anthropologischer Perspektive beruhen demografische Veränderungen mit Ausnahme exogener Schocks (z. B. Kriege) auf Anpassungsleistungen

[<<9] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe

menschlicher Populationen, die aus einem sich wandelnden ökologischen Umfeld resultieren. Dabei steht beim Menschen kulturelle Adaption im Vordergrund, während seine Umwelt sich biologisch anpasst (Ruffié /Sournia 2000: 229 – 239). Ökologische Herausforderungen bewirken also „kulturell“ bedingte Veränderungen der menschlichen Reproduktion, die gleichzeitig in einem kompetitiven Spannungsverhältnis zur biologischen Evolution der übrigen Organismen stehen. Dieses Verhältnis erfuhr durch die Neolithische Revolution eine erhebliche Intensivierung, wenngleich die ökologischen Effekte der Sesshaftigkeit menschlicher Populationen zunächst noch lokal begrenzt blieben. Diese Begrenzung traf jedoch auf nicht anthropogen verursachte Veränderungen der Umweltbedingungen nicht zu. Erdbeben oder Vulkanausbrüche stehen mit der Existenz der menschlichen Spezies auf der Erde in keinem Zusammenhang, beeinflussen diese jedoch durch ihre zerstörerische Wirkung unmittelbar, Letztere aber auch mittelbar durch ihren langfristigen Einfluss auf die klima­tischen Bedingungen. Vor allem in ihrer auf Sonnenenergie beruhenden vorindustriellen Phase blieb die Bevölkerungs- von der Klimageschichte nicht unwesentlich mitbestimmt – und das auch durch menschliche Eingriffe in die Natur. Anthropogene Faktoren können nämlich auch schon für den vorindustriellen Klimawandel eine begrenzte Wirkung gehabt haben (Mauelshagen 2010: 77 f.). Im Lauf des 20. Jahrhunderts hatten sie mehr und mehr langfristige globale Konsequenzen. Aber nicht nur in der Moderne haben menschliche Gesellschaften auf ökologische Herausforderungen in einer Form reagiert, die entweder nicht nachhaltig war oder überhaupt deren kausaler Ursache nicht entsprach, da ihre Adaption ja nicht vorrangig genetisch erfolgt, sondern kulturell erlernt wird. In historischer Perspektive ist das Gesellschafts-Natur-Verhältnis demnach nicht zuletzt kultureller Evolution ausgesetzt (Sieferle 1997a: 37 – 53). Aus den „gesellschaftlichen Naturverhältnissen“ (Jahn /­Wehling 1998: 75 – 93) lassen sich daher auch viele Befunde der historischen Demografie – Interdisziplinarität vorausgesetzt – erklären.

Die sich im 20. Jahrhundert und da vor allem seit den 1970er-Jahren methodisch in vielfacher Weise weiterentwickelnde historisch-demogra­fische Forschung hat ursprünglich ein wenig künstlich zwischen mikrohistorisch fundierter „moderner“ historischer Demografie und traditioneller,

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auf Makroebene argumentierender Bevölkerungsgeschichte unterschieden (Imhof 1977: 9 – 11). Diese begriffliche Unterscheidung erwies sich allerdings letztlich als nicht zielführend (Sokoll / Gehrmann 2003: 160 f.). Zum einen haben sich die Erwartungen an einzelne von der historischen Demografie entwickelte mikrohistorische Methoden nur zum Teil erfüllt. Ein Beispiel dafür ist die Methode der Familienrekonstitution. Dabei handelt es sich um aufwendige Rekonstruktionen von lokalen Populationen auf der Basis von Tauf-, Heirats- und Sterbematriken. Aus Familien­rekonstitutionen gewonnene Ergebnisse sind nur für den immobilen Teil untersuchter Populationen repräsentativ. Da Befunde der historischen Migrationswissenschaft jedoch auch für vormoderne Bevölkerungen ein quantitativ bedeutsames Wanderungsgeschehen belegen (Hochstadt 1983), wird die Aussagekraft solcher Studien erheblich relativiert. Zum anderen ist die Frage der Repräsentativität von Mikrobefunden ohne Bezug zur Makroebene nicht zu beantworten. Vollständige Rekonstruktionen historischer Bevölkerungen mit den Methoden der Familienrekonstitution und der Bevölkerungsrückschreibung (backward projection) sind – abgesehen vom Problem der Wanderungen über territoriale Grenzen hinaus – meist arbeitstechnisch nicht zu bewältigen und mangels fehlender Quellen vielfach gar nicht durchführbar, wenn auch einzelne beeindruckende Gegenbeispiele wie die Population History of England zu nennen sind (Wrigley / Schofield 1989). Die angeführte Problematik der Erfassung von Migration macht es jedenfalls erforderlich, die historische Migrationsforschung in die Bevölkerungsgeschichte einzubeziehen, obwohl sich diese methodisch zum Teil von der (historischen) Demografie weit weg bewegt hat. Ergebnisse der historischen Migrationsforschung sind aber schon allein aufgrund der Tatsache, dass es sich bei der Migration neben der Fertilität und Mortalität um einen der drei demografischen Basisprozesse handelt und Migrationsbewegungen Einfluss auf Fertilität und Mortalität besitzen, für die Bevölkerungsgeschichte von Relevanz. Der Begriff „Bevölkerungsgeschichte“ sollte aber auch darum beibehalten werden, weil historisch-demografische Prozesse auch von exogenen Größen beeinflusst wurden und diese ohne Einbettung in allgemeine Ergebnisse der geschichtswissenschaftlichen Forschung nicht zu erklären wären. Bevölkerungsgeschichte hat also auch manches mit allgemeiner

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Politik, Wirtschafts, Sozial- und Kulturgeschichte zu tun. Dazu ein Beispiel: Der Dreißigjährige Krieg und seine Wirkungen kostete etwa ein Drittel der mitteleuropäischen Bevölkerung das Leben. Wiewohl diese drastische Konsequenz des Krieges auch mit Spannungen im System „Population“, nämlich mit Anzeichen einer „Überbevölkerung“, zu tun hatte, ist sie doch mit diesen endogenen Einflussfaktoren allein nicht zu erklären. Das heißt freilich nicht, dass traditioneller Bevölkerungs­geschichte, wie sie zum Teil noch bis in die 1970er-Jahre betrieben wurde, das Wort geredet werden soll. Moderne Bevölkerungsgeschichte versteht sich als kritisch gegenüber Biologismen und „reinen“, in quantitativen Indikatoren gefassten „Wahrheiten“. Sie hat ein Quellenverständnis entwickelt, welches die gesellschaftliche Konstruiertheit einschlägiger Quellen bewusst macht (Rosental 2006). Quellenkritik bedeutet jedoch nicht den Verzicht auf verallgemeinerbare Aussagen und die interdisziplinäre Rezeption naturwissenschaftlicher Befunde.

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2. Die Quellen der europäischen Bevölkerungsgeschichte

Grundsätzlich stützt sich die historisch-demografische Forschung vorrangig, wenngleich keineswegs ausschließlich, auf in der Vergangenheit durchgeführte Erhebungen der gesamten Bevölkerung oder von Teilbevölkerungen einer bestimmten territorialen Einheit nach verschiedenen Merkmalen wie Geschlecht, Alter, Stand / Beruf etc. zu einem bestimmten Zeitpunkt als Bestandsgrößen und auf Erhebungen der Ergebnisse demografischer Prozesse (Geburten, Sterbefälle, Heiraten, Wanderungen) als Stromgrößen. Bestandserhebungen waren bekanntlich schon in der Antike verbreitet – eine relativ vollständig erhaltene „Volkszählung“ reicht in China sogar in das Jahr 2 n. Chr. zurück (Scharping 2005: 1). Von modernen Volkszählungen kann jedoch in der Regel erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesprochen werden. In den skandinavischen Ländern seit dem 18. Jahrhundert durchgeführte Erhebungen – im Jahr 1703 in Island, 1720 in Schweden, 1721 in Finnland und 1735 in Dänemark und Norwegen (Imhof 1976: 75, 267) – können als die frühesten Zählungen dieser Art angesehen werden. In Italien bis in das Spätmittelalter, in den meisten europäischen Ländern jedenfalls bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurück reichen regelmäßige Erhebungen der Geburten und Sterbefälle. Modernen Ansprüchen gerecht wurden sie jedoch zumeist erst im 18. Jahrhundert, da sie nun auch eine entsprechende Ausweitung auf alle Bevölkerungsgruppen, einschließlich konfessioneller Minderheiten, erfuhren und auch in den ersten Lebenstagen verstorbene Säuglinge vollständig erfassten. Hingegen stellt die Erfassung von Migrationsbewegungen zum Teil bis in die Gegenwart ein statis­tisches Problem dar, weil nicht gemeldete Wegzüge für eine systematische Untererfassung der Abwanderung sorgen. In der Vergangenheit lassen sich Migrationsbewegungen häufig überhaupt nur als Restgröße

[<<13] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe

aus dem Bevölkerungssaldo 1 und indirekt über den Geburts- oder Herkunftsort von Einwohnern quantitativ fassen.

Der Zusammenhang zwischen der Qualität der genannten Erhebungen und dem Entwicklungsstand der administrativen Durchdringung des Staatsgebietes wird bei den Vorläufern moderner Volkszählungen in Europa besonders deutlich. Dabei handelte es sich um Kon­skriptionen, die im Zusammenhang mit aufgeklärt-absolutistischen Staatsreformen in größerer Zahl durchgeführt wurden und den Anspruch der vollständigen Erfassung der Bevölkerung erhoben. Tatsächlich dienten sie jedoch mehr oder minder verdeckten militärischen und fiskalischen Zwecken. Zudem waren sie der fürstlichen Arkanpraxis unterworfen und ihre Ergebnisse daher einem breiteren Publikum nicht zugänglich. Ein gutes Beispiel solcher Konskriptionen sind die in der Habsburgermonarchie seit 1754 durchgeführten Zählungen, obwohl deren erste durch das Zusammenspiel und die Abgleichung parallel durchgeführter staatlicher und kirchlicher Erhebungen eine vergleichsweise hohe Qualität besitzt. Größter ­Mangel dieser Erhebungen ist die häufige Untererfassung von Frauen und Kindern und von umherziehenden, hochmobilen Bevölkerungsgruppen. Zudem hatten die zu erfassenden männlichen Personen im Rekrutenalter gute Gründe, sich der Zählung wenn möglich zu entziehen, ein Problem, welches die Durchführung der Konskriptionen bis zu ihrem Ende begleiten sollte (Tantner 2007: 202 – 219). Der enge Zusammenhang zwischen Staatsmacht, bürokratischer Durchdringung und Qualität der gewonnenen Daten zeigt sich auch in außereuro­päischen Reichen und Staaten. In China fanden im betrachteten Zeitraum eine ganze Reihe von Bevölkerungserhebungen statt, wobei die Zahlen der Zählungen der Jahre 606, 742 und 1776 wahrscheinlich die Bevölkerungszahl mit einem Fehler von unter 10 % wiedergeben. Im krisenhaften 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts erlauben hingegen die angesichts der schwachen Zentralmacht sehr lückenhaften Erhebungen nur mehr ganz grobe Schätzungen der chinesischen Bevölkerung. Die erste

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Volkszählung, die modernen Standards entsprach, stammt erst aus dem Jahr 1953 (­Scharping 2005: 1 – 3).

Im Zeichen von Reformation und Gegenreformation gingen den Kons­kriptionen des 18. Jahrhunderts aus militärischen, fiskalischen, kirch­lichen, aber auch aus politischen und versorgungstechnischen ­Zwecken durchgeführte vorstatistische Erhebungen voran, die auch meist sekundärstatistischen Charakter trugen, d. h., sie werden erst durch moderne Bearbeitung und Aggregierung zu einer verwertbaren quantitativen Quelle. Ein prominentes Beispiel ist das Soupis poddaných podle víry, das „Untertanen-Verzeichnis nach dem Glauben“, aus dem Jahr 1651, welches etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung der böhmischen Länder erfasste (Cerman / Matušiková / Zeitlhofer 1999). Diese und andere Zählungen erfassten häufig nur Personen ab dem 8. oder ab dem 12. Lebensjahr. In Einzelfällen, wie z. B. im Herzogtum Steiermark, fanden jedoch auch kirchliche Erhebungen statt, die nahezu als Gesamterhebungen zu betrachten sind (Straka 1961).

Das Problem der Untererfassung stellte sich organisatorisch in geringerem Ausmaß in überschaubaren territorialen Einheiten oder bei der Erfassung von Teilpopulationen. So wurde etwa die erste moderne Volkszählung im Jahr 1665 in Neu-Frankreich (Kanada) durchgeführt. Sie erfasste allerdings nur die nicht indianische Siedlerbevölkerung. Die ältesten dieser kleinräumigen Zählungen reichen aber wesentlich weiter zurück. Regelmäßige Bevölkerungszählungen fanden beispielsweise in Venedig spätestens ab dem Jahr 1509 statt (Cipolla 1988: 3). Die Ergebnisse der Zählung von 1509 haben sich aber nur teilweise erhalten (Beloch 1961: 5 – 7). Eine ganze Serie von Zählungen, die um die Mitte des 16. Jahrhunderts in verschiedenen italienischen Territorien durchgeführt wurden, erfasste immerhin schon erhebliche Teile des Landes, so etwa das Großherzogtum Toskana, zur Gänze. Überhaupt stellen die in der Folge auch im 17. und 18. Jahrhundert in den italie­nischen Territorien durchgeführten Zählungen eine Ausnahme dar, erlauben sie doch eine erstaunlich präzise Rekonstruktion der italienischen Bevölkerungsgeschichte, die auf echten Zählungsergebnissen beruht (Beloch 1961: 350 – 356). Eine frühe vollständige Erfassung einer größeren Stadtbevölkerung, die sich annähernd mit der Genauigkeit

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moderner Volkszählungen messen kann, liegt aber auch etwa für die Stadt Nürnberg für das Jahr 1449 vor (Rödel 1990: 17).

Für kleine territoriale Einheiten lassen sich jedoch noch weiter in die Vergangenheit zurückreichende große sekundärstatistische Erhebungen anführen. Die frühesten stellen vier Güterverzeichnisse aus karolingischer Zeit dar, wobei das Polyptychon von Saint-Germain-des-Prés (825 – 829) die größte Bedeutung besitzt. Dabei handelt es sich um ein grundherrschaftliches Güterverzeichnis von insgesamt 25 Villikationskomplexen des Klosters im Raum Paris, welches etwa 1.700 Bauernstellen und mehr als 10.000 Personen der dazugehörigen untertänigen Bevölkerung namentlich erfasst, nicht jedoch landlose ländliche Unterschichten, Lohnarbeiter und Freie (Verhulst 2002: 23 f.; Elmshäuser / Hedwig 1993: 1, 29, 31).

Die natürliche Bevölkerungsbewegung dokumentieren in der europäischen Bevölkerungsgeschichte in erster Linie von den Kirchen geführte Tauf, Heirats- und Sterbematriken, die seit dem späten 14. Jahrhundert in Italien, Spanien und Städten des deutschen Sprachraums geführt wurden (Youngs 2006: 12). Die Matriken von Florenz sind sogar vollständig ab 1451 erhalten (Beloch 1965: 137). Im Allgemeinen wurde die Führung von Matriken in Europa jedoch erst im konfessionellen Zeitalter eingeführt. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts setzte sich die Matrikenführung im katholischen und protestantischen Europa weitgehend durch. Unschärfen und Untererfassungen begleiteten sie allerdings bis in das 18. Jahrhundert. In einzelnen Fällen haben sich auch Totenprotokolle, die zum Zweck der Seuchenprävention geführt wurden, in langen Zeitreihen erhalten. Die bedeutendsten sind wohl die bis in die Regierungszeit Heinrichs VIII. zurückreichenden Londoner Bills of Mortality und die Wiener „Totenbeschauprotokolle“ (erhalten ab 1648).

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Abbildung 1 Die erste Seite des ersten erhalten gebliebenen Bandes der Wiener Totenschauprotokolle mit Eintragungen vom 22. August 1648 (Abbildungsnachweis)

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Für die vorstatistische Periode ist es möglich, in einer gewissen Bandbreite demografische Größen wie Einwohnerzahlen, Geburten- und Sterberaten 2 und ähnliche Indikatoren zu schätzen. Schon ab dem Hochmittelalter und dann vor allem im Spätmittelalter bieten Häuser- und Haushaltszahlen eine gewisse Orientierung, wenngleich die lediglich auf Annahmen beruhende Wahl des Multiplikators – Zahl der Bewohner pro Haus oder Haushalt – einen erheblichen Unsicherheitsfaktor darstellt. Es haben sich in Einzelfällen sogar fiskalisch motivierte Erhebungen erhalten, die eine umfängliche sekundärstatistische Auswertung erlauben. Über bloße Häuserzahlen hinaus bietet etwa das englische Domesday Book von 1086 für einen Großteil der nicht städtischen Bevölkerung Englands die Auflistung aller „Haushaltsvorstände“ und im Fall der Sklaven vermutlich sogar von Individuen. Trotz dieser ungewöhnlich guten Datenlage bewegen sich die Schätzungen der englischen Einwohnerzahl für das späte 11. Jahrhundert in einer Bandbreite von 1,4 bis 1,9 Millionen (Hinde 2003: 15 – 19), was auf die zahlreichen methodischen Probleme und Schwierigkeiten bei der Verwendung derartiger Quellen verweist. Noch ausführlichere Informationen enthält der in den Jahren 1427 – 1430 in Florenz erstellte Catasto, der rund 60.000 Haushalte mit 260.000 Personen erfasste (Herlihy / Klapisch 1985). Eine ungewöhnlich genaue Quelle stellt auch die Einhebung des Peterspfennigs als Kopfsteuer der gefirmten Bevölkerung im Königreich Polen dar, die zwar nicht wirklich als Kopfzählung durchgeführt wurde, aber eine sehr genaue Schätzung der Einwohnerzahl um die Mitte des 14. Jahrhunderts erlaubt (Kuhn 1973: 181 – 184). Eine ähnliche für großräumige Bevölkerungsschätzungen brauchbare demografische Quelle sind die anlässlich der osma­nischen Bedrohung erfolgten Ausschreibungen des „Gemeinen Pfennigs“ für alle Einwohner über fünfzehn Jahre im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, die zwischen 1422 und 1551 elfmal durchgeführt wurden. Zählungen einzelner Stadtbevölkerungen, wenngleich nicht in der Vollständigkeit der Nürnberger Erhebung von

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1449, liegen seit dem Spätmittelalter in größerer Dichte vor, beispielsweise für Venedig für das Jahr 1338, Basel 1454 und Straßburg 1473/77. Auch für diese Zählungen ist jedoch von der Nichterfassung und / oder Untererfassung von Angehörigen der städtischen Unterschichten, von Frauen und von Kindern auszugehen (Kellenbenz 1986: 110 f.; Youngs 2006: 12). Zu diesen Quellen treten ergänzend Stadtbeschreibungen, diplomatische und chronikalische Berichte über Hungersnöte, Naturkatastrophen und Sitten­beschreibungen.

Völlig außerhalb der Einwohnererhebungen stehen aus der Archäologie gewonnene Daten zur Größe von Siedlungen, Häusern und Wüstungen. In Verbindung mit dem Wissen über den Stand der Agrartechnologie lassen sich daraus für die Zeit geringer Siedlungsdichte und Urbanisierung sehr grobe Bevölkerungsschätzungen ableiten (Fehring 1987: 78 – 82). Aus der Paläopathologie können Rückschlüsse auf Morbidität und Mortalität von Populationen gezogen werden. Archäologische Befunde sind allerdings nur bedingt historisch-demografisch verwertbar, da zumeist keine geschlossenen Populationen ergraben werden können und es zumindest im Fall von Kindern zu häufigen Untererfassungen kommt, da ungetaufte Säuglinge manchmal außerhalb der Friedhöfe bestattet wurden oder sich Gräber von Säuglingen und Kleinkindern nicht erhalten haben.

Insgesamt ist der Forschungsstand zur Bevölkerungsgeschichte der einzelnen Teile Europas quellenbedingt und aufgrund nationaler Forschungstraditionen recht unterschiedlich. Obwohl – nicht zuletzt aufgrund der dortigen liberalen Tradition (Glass 1973) – Volkszählungen in England und Wales erst relativ spät, nämlich seit 1801, durchgeführt wurden, erlaubte die hohe Dichte an Matrikendaten mittels der Methode der back projection die (eingeschränkte) Rekonstruktion der englischen Bevölkerungsentwicklung zurück bis um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Dabei wurden die Bevölkerungszahlen von der ersten verfügbaren Volkszählung rückgeschrieben, und zwar mithilfe von Tauf- und Sterbe­matrikdaten. Die große Unbekannte bei diesem Verfahren sind die Außenwanderungen, die allerdings zumindest für die nordamerikanischen Kolonien ebenfalls geschätzt werden konnten. Die Rekonstruktion der französischen Bevölkerung bis zum Jahr 1680 konnte sich im Gegensatz zum englischen Pendant auf Altersangaben in den Sterbematriken

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stützen, die sich allerdings, was die Kleinkindersterbefälle anbelangt, als unvollständig erwiesen. Ein weiteres Problem bei der Rekonstruktion der französischen Bevölkerung stellten Migrationen vor allem der männ­lichen Bevölkerung (napoleonische Kriege) dar, die eine nicht unerheb­liche Lücke im Modell verursachten (Sokoll / Gehrmann 2003: 180 – 183).

Das mit Abstand beste demografische Material bieten unzweifelhaft die skandinavischen Länder, die schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts so etwas wie laufend gewartete Bevölkerungsregister eingeführt und in einem im Jahr 1749 in Stockholm eingerichteten Zentralbüro verwaltet haben. Diese Register liefern Daten für das gesamte Staatsgebiet in sehr hoher Datenqualität nicht zuletzt deswegen, weil die skandinavischen Länder vergleichsweise isoliert waren und Wanderungsbewegungen eine verhältnismäßig geringe Rolle spielten. Aber auch in einigen anderen Ländern wie etwa der Schweiz, den Niederlanden und den böhmischen Ländern kann die Bevölkerungsgeschichte als gut aufgearbeitet bezeichnet werden. Am schwierigsten erweisen sich entsprechende Forschungen für jene Teile Europas, deren Rückständigkeit Zählungen behinderte oder deren Qualität beeinträchtigte. Dazu zählte vor allem der osmanische und russische Einflussbereich.

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1 Differenz zwischen der Bevölkerung zum Basis- und zum Endzeitpunkt des betrachteten Zeitraums.

2 Geburten- und Sterberate beziehen die Zahl der in einem Jahr Lebendgeborenen bzw. Verstorbenen auf 1.000 der jeweiligen Bevölkerung.

3. Europas Bevölkerungsentwicklung und Malthus

Die globale demografische Entwicklung lässt sich auf einer Zeitachse als ansteigende Kurve mit exponentiellem (geometrischem) Wachstum 3 darstellen. Die letzten beiden Jahrhunderte waren dabei durch eine besondere Steilheit der Wachstumskurve geprägt, die im öffentlichen Diskurs auch gern als Bevölkerungsexplosion bezeichnet wird, obwohl die Weltbevölkerung in diesem Zeitraum nicht plötzlich „explodierte“, sondern sehr stetig an Wachstumstempo zunahm, zumindest bis in die 1960er-Jahre. Während um 10.000 v. Chr. vielleicht 1 bis 10 Millionen Menschen die Erde bewohnten (U. S. Census Bureau 2011), erreichte nach der Neolithischen Revolution die nunmehr in weiten Teilen sesshaftere Weltbevölkerung um Christi Geburt vielleicht 225 bis 250 Millionen. Das erste nachchristliche Jahrtausend war dann von erheblichen demografischen Schwankungen gekennzeichnet, wobei um das Jahr 1000 in etwa wieder der Ausgangsstand erreicht, wahrscheinlich sogar überschritten wurde. Im Zeitraum von ca. 1000 bis 1340 kam es dann global zu einem ganz erheblichen Wachstumsschub auf vielleicht 440 Millionen. Nach einem erheblichen Rückschlag waren um 1650 rund 600, um 1800 950 Millionen, um 1900 1,65 und um 1950 2,5 Milliarden erreicht. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kletterte die Weltbevölkerung schließlich auf mehr als 6 Milliarden. Gegenwärtig sind bereits 7 Milliarden erreicht. In durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten ausgedrückt, lag das globale Bevölkerungswachstum bis um das Jahr 1000 unter 0,05 %, dann bis Mitte des 18. Jahrhunderts in sehr bescheidenen Dimensionen von 0,1 bis 0,2 %. Erst danach stieg es erheblich an und erreichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im langjährigen Durchschnitt rund 1,8 %.

[<<21] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe


Weltbevölkerung in Millionen: Schätzungen nach ...
JahrBirabenMcEvedy/JonesMalanima/UNJVR *
1255170250
10002542652500,00
13404434400,17
16505456000,10
17507707207700,25
18501.2411.2001.2400,48
19502.5272.5002.5320,72
20006.1231,78
20106.8921,19


Malanima
JahrEuropa **WeltAnteil Europas
14325017,2
5004120020,5
10004326016,5
13408744019,8
15008446018,3
170012568018,4
180019595420,4
19004221.65025,6
20008186.17513,2
JVR * 1 – 20000,150,16

* JVR: durchschnittliche jährliche Veränderungsrate

** einschließlich Russland

Tabelle 1 Europäische Bevölkerung und Weltbevölkerung 1 – 2010 (Abbildungsnachweis)

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Welche Rolle spielte nun Europa im globalen Kontext? Ab wann kann von einer europäischen Bevölkerungsgeschichte eigentlich erst gesprochen werden, und was ist an ihr überhaupt „europäisch“? Wenn man vom geografischen Begriff Europa einmal abstrahiert, ist der Beginn einer im weitesten Sinne europäischen Bevölkerungsgeschichte frühestens etwa um die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrtausends anzusetzen, wenngleich der Entstehungsprozess die gesamte zweite Hälfte des ersten nachchrist­lichen Jahrtausends zeitlich umfasste. Bis in das 5. Jahrhundert bildete das Imperium Romanum als mit Abstand bevölkerungsreichstes territoriales Gebilde auf heutigem europäischen Boden eine den gesamten Mittelmeerraum umfassende politische, ökonomische und bis zu einem gewissen Grad kulturelle Einheit, sodass es wenig Sinn macht, dessen europäische Bevölkerungsteile von den asiatischen und nordafrikanischen zu trennen, was auch aufgrund der dünnen Quellenlage kaum möglich wäre. Die mit hoher Unsicherheit zu schätzende Bevölkerungszahl des Imperiums dürfte wohl zu keinem Zeitpunkt deutlich über 50 Millionen gelegen haben (Van Houtte 1980: 15). Wie sich aus der politischen Geschichte unschwer ableiten lässt, war die Bevölkerung der in Europa gelegenen Teile des Imperium Romanum jedenfalls seit dem 5. Jahrhundert rückläufig, ohne dass die Rückgänge genau bezifferbar wären. Im späten 5. Jahrhundert zerfiel sein westlicher Teil, und auch wenn es im 6. Jahrhundert dem oströmischen Reich noch einmal für wenige Jahrzehnte gelang, einen großen Teil des Mittelmeerraums zurückzuerobern, verlor Ostrom endgültig in den Kriegen mit den Arabern seine imperiale Position und wurde zur Mittelmacht „Byzanz“. Damit zerbrach nicht nur eine romanisierte Mittelmeerwelt. „Die Untergangsphase des Römischen Reiches ist gleichbedeutend mit den Geburtswehen Europas. Am Ende des 1. Jahrtausends reichten das entwickelte Europa und der Club der christlichen Monarchien nicht mehr bis zur Elbe wie im Jahr 500 n. Chr., sondern bis an die Wolga.“ Das Ausmaß merkantiler, kultureller und demografischer Austauschbeziehungen hatte nun ein Niveau erreicht, das den Begriff „Europa“ in den Köpfen der Menschen mit Bedeutung erfüllte (Heather 2011: 349, 548).

Ein größer werdender Teil der Bevölkerung des Kontinents lebte in diesem Europa in klimatisch weniger begünstigten, auch zum Teil sehr kleinteiligen Zonen. So etwas wie „das“ europäische Klima hat es nie

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gegeben. Um die Spannweite der klimatischen Bedingungen Europas zu charakterisieren: Der Zeitraum zwischen dem letzten Frost des endenden und dem ersten des darauffolgenden Winters beträgt in Südeuropa mehr als 300 Tage, im nördlichen Russland zwei bis drei Monate (Livi-Bacci 1999: 31). Dennoch lässt sich ein langfristiger Trend der Klimakurve auf der nördlichen Hemisphäre festmachen, der in groben Zügen den Klima­verlauf zutreffend beschreibt. Kühle Perioden waren die Spätantike und das Frühmittelalter und die Zeitspanne von etwa 1300 bis 1900, die sogenannte Kleine Eiszeit (Malanima 2010a: 102). Die kältesten und auch niederschlagsreichsten zehn der letzten 500 Jahre fielen in den Zeitraum 1592 bis 1601 (Mauelshagen 2010: 65 f.). Die Kleine Eiszeit fand im Zeitraum 1675 bis 1715 im sogenannten Late Maunder Minimum 4 ihren Höhepunkt. Während als primäre Ursache der Klimaschwankungen vor allem Veränderungen der Sonnenaktivität infrage kommen, erfuhr die globale Abkühlung während des Late Maunder Minimum durch heftige Vulkanausbrüche in Teilen Asiens eine Verschärfung (Mauelshagen 2010: 78 – 84; Geiss 2007: 31). Klimatischen Ungunstlagen kam nicht zuletzt darum erhöhte Bedeutung für das Leben und Überleben der zunächst in weiten Teilen des Kontinents auf kleinen Siedlungsinseln lebenden Menschen zu, weil sie entsprechende Auswirkungen auf die lange Zeit sehr bescheidenen Ernteerträge hatten, aus denen ein erheb­licher Teil der menschlichen Nahrung hergestellt wurde. Zwar verdichteten sich im Lauf des Hoch- und Spätmittelalters und dann vor allem in der frühen Neuzeit die Austauschbeziehungen, doch blieb die Abhängigkeit von den Erträgen lokaler und regionaler Agrarproduktion ganz erheblich. Das hatte auch demografische Konsequenzen. Potenzielle Nahrungsmittelknappheit und Hunger beeinflussten den spezifischen gesellschaftlichen Umgang mit Geburt, Krankheit und Tod. Als historisch-demografische Charakteristika Europas wären etwa das European Marriage Pattern, das extramediterrane europäische Agrarsystem oder aber auch der spezifische Verlauf des „Demografischen Übergangs“ zu nennen.

Aus der weiten anthropologischen Perspektive unterschied sich die Wachstumskurve der europäischen Bevölkerung vom Frühmittelalter

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bis in die jüngere Gegenwart von der globalen nicht wesentlich. Vermutlich mehr als 40 Millionen Menschen besiedelten den Kontinent einschließlich der asiatischen Gebiete der früheren Sowjetunion um die Jahre 500 und 1000, rund 100 um 1700, 360 um 1913, mehr als ein halbe Milliarde um die Jahrtausendwende. Die Ähnlichkeit der Kurven endet allerdings im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, denn nun zeigt die Wachstumskurve in Europa – und in den außereuropäischen Industrieländern – im Gegensatz zur Dritten Welt eine ziemlich deut­liche Verflachung. Auf die demografische Entwicklung der letzten rund 60 Jahre geht auch der länger­fristige Unterschied in den durchschnitt­lichen jährlichen Wachstumsraten zurück. Die europäische Bevölkerung (einschließlich Russlands) ist in den letzten eineinhalb Jahrtausenden um 0,20 %, die Weltbevölkerung um 0,23 % jährlich gewachsen. Diese sehr langfristige Perspektive relativiert also die rezenten demografischen Wachstumsungleichgewichte zwischen Industrieländern und Dritter Welt und verweist darauf, dass sie keineswegs so festgeschrieben sind, wie das der entwicklungspolitische Diskurs der letzten Jahrzehnte suggeriert. Es mag beispielsweise überraschen, dass der Bevölkerungsanteil des „vormodernen“ Asien, das mit China und Indien in Vergangenheit und Gegenwart die mit Abstand bevölkerungsreichsten Reiche bzw. Staaten beheimatet, an der Weltbevölkerung um das Jahr 1800 mit über 70 % deutlich über jenem der Gegenwart mit knapp über 60 % lag (UN 2009: 4).

Die rezent exponentiell steil nach oben zeigende hypergeometrische Wachstumskurve der Weltbevölkerung hätte ein Mann wohl als Bestätigung seiner „Theorie“ aufgefasst, der um das Jahr 1800 Bevölkerungswachstum in einem vieldiskutierten Essay problematisierte. Thomas Robert Malthus (1766 – 1834), ein anglikanischer Geistlicher aus Surrey, der gemeinsam mit Adam Smith und David Ricardo das Dreigestirn der klassischen Ökonomie bildete, postulierte, dass sich die Bevölkerungsentwicklung ohne bewusste menschliche Eingriffe mit geometrischem Wachstum, die Erhöhung der Bodenerträge jedoch nur linear 5 steigern würden. Menschen wären daher gezwungen, immer schlechtere (Grenz-)

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Böden zu erschließen und zu bewirtschaften. Der geringere Ertrag dieser Anbaugebiete drücke die entsprechenden Einkommen, mit der Konsequenz multipler Anstiege der Sterblichkeit, die Malthus als positive checks bezeichnete. Die demografische Wirkung dieser positive checks ebenso wie jene vorbeugender Maßnahmen (preventive checks) – Einschränkung der menschlichen Reproduktion durch „Enthaltsamkeit“ – könnten aber mittel- und langfristig den Lauf des demografischen Wachstums nicht aufhalten. Zu stark sei der menschliche Vermehrungstrieb, zumindest bei den Armen und damit bei der überwiegenden und, wie Malthus mutmaßte, aufgrund ihres generativen Verhaltens zunehmenden Mehrheit der Bevölkerung (Malthus 1985: 59 – 218). Nach Malthus würde jedenfalls der Storch den Wettlauf mit dem Pflug gewinnen, wie es ein deutscher Demograf anlässlich des 200. Jahrestages der Veröffentlichung des Essays on the Principle of Population pointiert formuliert hat (Schmid 1999: 81 – 86). In den folgenden, stark erweiterten und veränderten Ausgaben seines Werkes relativierte Malthus seine pessimistische Prognose bis zu einem gewissen Grad, gestand der Industrialisierung eine mildernde Wirkung und der Auswanderung die Funktion eines Bevölkerungsventils zu. Im Kern hielt er aber weiterhin den vorindustriellen Bevölkerungszyklus weder für überwunden noch für überwindbar (Winkler 1996: 127, 207).

Der Zeitpunkt des Erscheinens von Malthus’ Essay im ausgehenden 18. Jahrhundert war keineswegs zufällig. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlebte der eurasische Kontinent ein anhaltendes Bevölkerungswachstum bei sich verschlechternden Überlebensbedingungen (Pomeranz 2000: 211 – 242). Diese von Zeitgenossen wie Malthus als bedrohlich wahrgenommene demografische Situation beförderte in England eine Debatte über das System der vergleichsweise großzügigen englischen Armengesetze, die noch aus elisabethanischer Zeit stammten (Old Poor Law). Im Gegensatz zu einigen philanthropischen Aufklärern agitierte Malthus gegen die Armenhilfe, würde sie doch die Armen seiner Meinung nach nur zur Zeugung und Gebärung weiterer Kinder ermuntern (Sieferle 1990: 81 – 111).

Malthus war allerdings keineswegs der Erste, der sich mit demogra­fischen Fragen beschäftigte, und er war auch nicht der Erste, der im ausgehenden 18. Jahrhundert vor der sich abzeichnenden Dynamik des

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Bevölkerungswachstums warnte. Aber keiner seiner Vorläufer und Zeitgenossen malte ein derartig apokalyptisches Bild der zukünftigen Entwicklung an die Wand, und vielleicht gerade darum blieb er bis heute der einflussreichste „Demograf“ in der Wissenschaftsgeschichte. Vorerst stießen Malthus’ Thesen allerdings nicht auf breite Akzeptanz. In einer späteren Ausgabe seines Essays bemerkte Malthus lakonisch: „Norwegen ist, glaube ich, das einzige Land in Europa, wo ein Reisender Ansätze der Besorgnis wegen einer überschüssigen Bevölkerung hören wird […]“ (Malthus 1900: 209). Tatsächlich herrschte in Kontinentaleuropa im Geist merkantilistischer Populationistik die Idee einer „volkreichen Gemein“ als ein bevölkerungspolitisch anzustrebendes Ziel vor, wie es der „österreichische“ Merkantilist Johann Joachim Becher (1635 – 1682) mehr als ein Jahrhundert davor formuliert hatte. Dieser pronatalis­tische Diskurs wurde im 18. Jahrhundert in den Rahmen einer göttlichen Ordnung – so der preußische Geistliche und Demograf Johann Peter Süßmilch – gestellt. Süßmilch und andere Vertreter der optimistischen Naturtheorie des 18. Jahrhunderts gingen davon aus, dass dieser Ordnung ein Gleichgewichtszustand zwischen Bevölkerung und Ernährungsbasis entspreche, der sich langfristig immer wieder einstelle (Sieferle 1990: 68 f.). In den 1830er- und 1840er-Jahren gewann malthusianisches Denken jedoch immer mehr Anhänger, die Malthus’ Prognosen durch das Elend des frühen Industrieproletariats und dessen sprunghafter Vermehrung bestätigt sahen. Aber viele seiner Epigonen propagierten nicht laissez-faire, wie jedenfalls noch der frühe Malthus, sondern aktive Bevölkerungspolitik (Rainer 2005: 78 – 81). Damit war der Weg zum Neomalthusianismus gewiesen, der den „späten“ Malthus insofern rezipierte, als er auf Familien­planung und Heiratsverbote setzte.

Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurde Malthus’ Prognose jedoch mehr und mehr von den Fakten widerlegt, zunächst weniger, weil er die Bevölkerungsdynamik, als vielmehr, weil er die Möglichkeiten der Ausweitung der landwirtschaftlich genutzten Flächen und die Erhöhung der landwirtschaftlichen Erträge durch Steigerung der Arbeitsproduktivität unterschätzt hatte. Die Versorgungslage blieb jedoch noch einige Jahrzehnte – vor allem aufgrund der hohen Transportkosten – prekär. Im Rahmen der Ernährungsgeschichte Europas reicht das 18. Jahrhundert,

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wie treffend formuliert wurde, bis in die 1840er-Jahre. Die letzten schweren durch Ernteausfälle verursachten Hungersnöte in Europa westlich von Russland fielen in die ersten beiden Drittel des 19. Jahrhunderts: in Deutschland in die Jahre 1816/17 und 1846/47, in Irland in die Jahre 1845 bis 1848. In Finnland ereignete sich im Jahr 1867 die letzte große Subsistenz­krise (Osterhammel 2009: 302). Aber schon in den ersten beiden Dritteln des 19. Jahrhunderts war das Wachstum des agrarischen Outputs in einem großen Teil der werdenden Industrieländer deutlich über dem Bevölkerungswachstum gelegen, besonders in Nordamerika und Australien. Auf der Basis dieser Outputüberschüsse sorgte seit Mitte des 19. Jahrhunderts die „Delokalisation des Hungers“ durch die Einführung neuer Transport- und Konservierungstechniken für das Ausbleiben von Hungersnöten (Montanari 1993: 188 – 192). Die Ackerfläche wurde im Zeitraum von ca. 1860 bis 1910 in Europa, Russland und den westlichen „Außenposten“ (Nordamerika, Australien u. a.) von 255 Millionen auf 439 Millionen ha erweitert, vor allem in den USA und Russland (Grigg 1992: 19). Auf die übrige Welt traf das freilich nicht zu. Im Zeitraum von 1870 bis 1913 stieg die Agrarproduktion pro Kopf in den Industrieländern um 0,55 % jährlich, während sie im Rest der Welt stagnierte (Federico 2009: 16 – 19). Das hatte nicht zuletzt mit den jeweils gebräuchlichen und verbreiteten Anbauformen zu tun. Der etwa in Süd- und Mittelchina betriebene arbeitsintensive Nassreisanbau erlaubte keine vergleichbare „Agrarrevolution“. Außerdem bestanden keine mit Europa und seinen Außenposten einschließlich Sibiriens vergleichbaren Reserven an kultivierbarem Land, zumindest wenn man den damaligen Stand der Agrartechnologie berücksichtigt. Zudem fehlte es etwa in China im späten 19. Jahrhundert am Zugang zu Kunstdünger (Osterhammel 2009: 318 f.). Ähnliche Einschränkungen lassen sich auch für den indischen Subkontinent und Südostasien treffen. Im 20. Jahrhundert ergriff eine auf den Einsatz von Kunstdünger basierende echte Agrarrevolution allerdings immer größere Teile Erde. Die globale Dimension dieser Ausweitung wird u. a. daraus ersichtlich, dass gegenwärtig 80 – 90 % des kultivierbaren Landes auf der Welt auch tatsächlich genutzt werden (Persson 2010: 44).

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schien sich zunächst das Malthus’sche Szenario in der Dritten Welt nachträglich zu bestätigen.

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Malthus fand wieder Beachtung vor allem im angloamerikanischen Raum (Coleman / Schofield 1988), manchmal in einer evolutionsbiologistischen Form (Galor 2011: 232-284). Seine Wiederentdeckung verdankte Malthus der Kritik an der Entwicklungshilfe. Schon um 1970 sprachen sich Einzelne, wie der englische Mediziner Maurice King, für ein laissez-faire in der Entwicklungspolitik aus (Rainer 2005: 170). Bevölkerungspolitische Programme traf der – nicht immer ungerechtfertigte – Vorwurf, dass sie keine Wirkung zeigten, also letztlich wie die Armenunterstützung zwei Jahrhunderte davor angeblich reine Geldverschwendung seien (Connelly 2008). Darüber hinaus ging diese Denkrichtung so weit, Entwicklungshilfe als unmoralisch zu diskreditieren, da die begrenzten Ressourcen der Erde das Erreichen des Entwicklungsniveaus der Industrieländer durch große Teile der Dritten Welt ohnehin nicht zulassen würden (Birg 1996: 132). Auch das klassische malthusianische Argument, Bevölkerungswachstum erzeuge unausweichlich Hunger, tauchte im Überbevölkerungsdiskurs erneut auf (Rainer 1995: 207). Mittlerweile gibt es allerdings massive Hinweise, dass Malthus auch diesmal irren könnte, da sich auch in zahlreichen Teilen der Dritten Welt, ob nun mit west­licher Hilfe oder ohne sie, Anzeichen einer langfristigen demografischen Wachstumsverlangsamung zeigen. Das Wachstum der Weltbevölkerung erreichte in absoluten Zahlen 1989/90 seinen höchsten Wert und die Wachstumsrate schon 1963/64. Seitdem sinken beide Größen kontinuierlich (Münz / Reiterer 2007: 114).

Ein Rückzugsgebiet fanden Anhänger des malthusianischen Modells jedoch in der Behauptung, es sei jedenfalls das klassische Erklärungsmuster für das demografische Geschehen in der vorindustriellen Welt. Das englische Bevölkerungswachstum im Zeitraum von 1680 bis 1820 schien diese Annahme zu untermauern. Nach einschlägigen Berechnungen waren dem Sinken des Heiratsalters im ökonomisch prosperierenden vor- und frühindustriellen England rund 80 % des Wachstums zuzuschreiben. Das Reproduktionsverhalten der englischen Unterschichten entsprach also dem malthusianischen Modell (Boyer 1989). Für andere Perioden der englischen Bevölkerungsgeschichte ist dieser Zusammenhang aber nicht in der gleichen Weise zu belegen (Wrigley 2004: 348 f.).

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Nun soll keineswegs behauptet werden, Malthus’ Beobachtungen wären völlig unzutreffend gewesen. Beispielsweise erbrachte eine ökonometrische Analyse für Frankreich im Zeitraum von 1677 bis 1734, dass Schwankungen der Getreidepreise immerhin 46 % der Schwankungen aller Sterbefälle mit Ausnahme der Kleinkinder erklären können. Für einen vergleichbaren Zeitraum in England betrug der Prozentsatz jedoch nur 24 % (Galloway 1988: 275 – 304). Aber abgesehen davon, dass solche Modellrechnungen von der gewählten Methode und den berücksichtigten intervenierenden Variablen abhängen, wird aus diesen Beispielen allein ersichtlich, dass sich die als checks beschriebenen Mechanismen nicht in diesem Ausmaß generalisieren lassen, wie das Malthus und seine Apologeten suggerieren. So bewirkte beispielsweise die Verdoppelung der Getreidepreise in Nordfrankreich infolge des Jahrtausendwinters von 1709 wohl eine Verdoppelung der Sterberate, im englischen ­Winchester blieb hingegen die Sterblichkeit konstant, und in der Toskana ging der Anstieg der Sterblichkeit dem Preisanstieg voran. Überhaupt hatten schon im frühneuzeitlichen England Preisanstiege und damit verbundene sinkende Reallöhne nur sehr begrenzte Auswirkungen auf die Sterblichkeit. Weder 1647 noch 1649 oder 1710 kam es zu einem nennenswerten Anstieg der Mortalität (Livi-Bacci 1999: 74 – 76). Positive checks fanden also nicht im erwarteten Ausmaß statt, nicht zuletzt, weil Hunger und Unterernährung nicht nur ein Problem des Nahrungsmittelangebots, sondern auch eines der Verteilung sind. Indirekte Effekte von Ernteausfällen wie durch sie verursachte Migrationsbewegungen bei unterentwickelten Märkten trugen oft eher zu Mortalitätsanstiegen bei als Folgen von Unterernährung (Walter / Schofield 1991: 53 f.). Die „Verwundbarkeit“ einer bestimmten Population (Mauelshagen 2010: 95 – 97) ist also mit Bezug auf die Mortalität das eigentliche Kriterium, wie auch eine vergleichende Studie zur Ernte- und Teuerungskrise der frühen 1770er-Jahre in der Schweiz und in Böhmen belegt. Letztere sorgte in Böhmen für einen demografischen Einbruch, in der Schweiz jedoch nicht (Pfister / Brázdil 2006).

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Grafik 1 Bevölkerung in Böhmen 1768 – 1790 (nach Konskriptionen) (Abbildungsnachweis)

Die unterschiedliche Verwundbarkeit von Gesellschaften verweist auf einen weiteren Kritikpunkt: den postulierten Mechanismus zwischen Bevölkerungswachstum und Realeinkommen. Ganz im Gegensatz zu den Annahmen von Malthus konnte empirisch gezeigt werden, dass Bevölkerungswachstum langfristig keineswegs notwendigerweise zu sinkenden Realeinkommen führt. “This is the crucial criticism because it suggests that a positive shock to technology and wages can have permanent effects not on population but on real wages as well” (Persson 2010: 49). Die Unterschätzung des Einflusses des technologischen Fortschritts und zudem auch der positiven Effekte der internationalen Arbeitsteilung bei Malthus überrascht. Vor allem Letztere hätten Malthus, den Augenzeugen des Aufstiegs Großbritanniens zum „Exportweltmeister“, nicht entgehen dürfen.

Aber selbst wenn man die genannten Einflussfaktoren beiseite lässt, stellt sich die Frage der Relevanz des von Malthus beschriebenen Krisen­mechanismus im vorindustriellen Europa, in Nordamerika und Australien. Ganz abgesehen davon, dass ungeklärt bleibt, ab welchem Zeitpunkt die Qualität der Grenzböden zu sinkenden Einkommen führt, spielte deren Bewirtschaftung in Europa lediglich in der ersten Hälfte des 14., gegen Ende des 16. Jahrhunderts oder aber auch im 18. Jahrhundert eine gewisse, gleichwohl regional begrenzte Rolle, in den von

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europäischen Auswanderern besiedelten Überseegebieten aber praktisch überhaupt nicht. Und auch in Europa gab es Landreserven: Im 18. Jahrhundert waren in Ostpreußen, in der pannonischen Tiefebene und in Südrussland ganz erhebliche Neubesiedlungsgebiete mit sehr ertragreichen Böden verfügbar. Über weite Strecken der europäischen Bevölkerungsgeschichte war der Kontinent ohnehin dünn besiedelt und der Mangel an ertragreichen Böden nicht das zentrale Problem, sondern viel eher ein Mangel an Menschen. Waren diese in genügender Zahl vorhanden, so produzierten die in der Landwirtschaft Tätigen in steigendem Maße und mit erhöhter Effizienz für den Markt. In Norditalien, den Niederlanden, in Südostengland und im Pariser Becken entwickelten sich schon im Spätmittelalter Zonen hoher agrarischer Produktivität. Es gab genug Dünger aufgrund der hohen urbanen Bevölkerungsdichte, und agrartechnische Fortschritte verbreiteten sich rasch (Persson 2010: 51). Eine Grundannahme der klassischen Ökonomie erweist sich demnach für die vorindustriellen Verhältnisse als ziemlich unerheblich (Grantham 1999).

Die Kritik an Malthus geht jedoch über seine fragwürdigen ökonomischen Annahmen hinaus. Wer die europäische wie auch die globale Bevölkerungskurve bis weit in das 19. Jahrhundert betrachtet, dem fallen auf den ersten Blick jene tiefen demografischen Einschnitte auf, die die großen Seuchenbewegungen – in Eurasien und Nordafrika vor allem die Pest – erzeugten. Ab der Neolithischen Revolution waren menschliche Gesellschaften bis weit in das 19. Jahrhundert primär Agrargesellschaften, die durch das enge Zusammenleben von Menschen und Tieren gekennzeichnet sind. In solchen entstehen Zoonosen, von Tier zu Mensch wechselseitig übertragbare Infektionskrankheiten. Die Erreger von Zoonosen können mutieren und von Parasiten der Tiere zu Parasiten des Menschen werden, so etwa im Fall der Rinder die Tuberkulose, im Fall der Schweine die Grippe. Über das Wasser, die Luft oder die Blutbahn verbreiten sie sich endemisch und nicht zuletzt epidemisch. Nun ist die Letalität bei manchen dieser Infektionskrankheiten von den materiellen Lebensverhältnissen – Ernährung, Wasserversorgung, Wohnbedingungen – abhängig. Unterernährte Menschen fielen bestimmten Seuchen, vor allem jenen, die die Verdauungsorgane angriffen, viel eher zum Opfer als andere. Infektionen beschleunigten auch im Lebenslauf

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den Ausbruch degenerativer Erkrankungen, die in den modernen Industriegesellschaften in der Regel auf das höhere Alter beschränkt bleiben (Fogel 2004: 32). Es gibt aber eine Reihe von Infektionskrankheiten, deren Morbidität und Letalität nur wenig vom Ernährungszustand des infizierten Individuums abhängt (Lunn 1991: 137). Dazu zählen mit der Pest und den Pocken zwei epidemisch auftretende Infektionskrankheiten, von denen erstere die Bevölkerungsentwicklung Europas im Früh- und Spätmittelalter und im 16. und 17. Jahrhundert ganz entscheidend beeinflusste, während letztere im 18. Jahrhundert eine wichtige, wenngleich mit der Pest nicht ganz vergleichbare Rolle spielte. Damit werden dem Erklärungsgehalt der Malthus’schen checks deutliche Grenzen gesetzt, die in der Epidemiologie sowie in der Klimageschichte und nicht in der Wirtschaftsgeschichte zu suchen sind (Lee / Anderson 2002: 217).

Auch der Zusammenhang zwischen materiellen Lebensverhältnissen und Sterblichkeit ist keineswegs so einfach, wie das Malthus dachte. Der Ernährungszustand kann einerseits durch Veränderungen in der Verfügbarkeit der Nahrungsmittel, andererseits aber auch infolge von Änderungen des menschlichen Energiebedarfs durch Schwankungen von Arbeitsintensität, Klima und Krankheiten beeinflusst werden. Im Extremfall führt dauernde Unterversorgung menschlicher Populationen zum Bevölkerungsrückgang durch den mittel- oder unmittelbaren Hunger­tod. Leichte Unterernährung kann jedoch das Immunsystem sogar stärken (Walter / Schofield 1991: 18 f.). Um die Sache noch komplizierter zu machen, gibt es historisch und gegenwärtig zudem unterschiedliche Niveaus des Ernährungszustandes mit gleichem relativen Sterberisiko (Fogel 2004: 23 – 27).

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3 Wachstum mit einem bestimmten konstanten Prozentsatz.

4 Benannt nach dem Solar-Astronomen Edward W. Maunder (1851 – 1928).

5 Wachstum mit einem bestimmten absoluten Betrag.

4. Die Phasen der europäischen Bevölkerungsgeschichte

Bei der Betrachtung der europäischen Bevölkerungsentwicklung lassen sich zwei voneinander grundlegend zu trennende Phasen unterscheiden. Während die „vormoderne“ Bevölkerungsgeschichte durch ein hohes Maß an Bestimmtheit durch die natürlichen Rahmenbedingungen menschlicher Reproduktion geprägt war und der Einfluss der in Agrargesellschaften verbreiteten Zoonosen zu einem Auf und Ab der demografischen Entwicklung beitrug, hat sich im 19. und 20. Jahrhundert die Industriegesellschaft von dieser Abhängigkeit gelöst, wenngleich Infektionskrankheiten als stille, häufig allerdings nicht letale Bedrohung bestehen geblieben sind. ­Malthusianisch ist die „vormoderne“ Phase nur insofern zu nennen, als in ihr auch die von Malthus beschriebenen preventive checks und positive checks eine gewisse Rolle gespielt haben, nicht jedoch im Sinne eines allgemein gültigen demografischen Regimes. Gemäß dem Gewicht biologischer Einflussgrößen und als positive checks interpretierbarer Krisenmortalität und -fertilität 6 unterschied sich die vormoderne von der modernen Phase der europäischen Bevölkerungsgeschichte durch den Gegensatz zwischen einem Auf und Ab und einem mit Ausnahme der beiden Weltkriege kontinuierlichen, wenngleich im 20. Jahrhundert sich verlangsamenden Wachstum.

Die erste demografische Auf- und Ab-Phase erlebten und erlitten die in Europa lebenden Menschen im Frühmittelalter. Das 6. Jahrhundert stand in Europa eindeutig im Zeichen sich verschlechternder Lebensbedingungen, die allein bereits einen Bevölkerungsrückgang bewirkt hätten (McCormick 2001: 38 – 40). Den nachdrücklichsten Einfluss hatten jedoch die

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sogenannten justinianischen Pestwellen. Diese Pestwellen erreichten Europa um das Jahr 540 und hielten bis Mitte des 8. Jahrhunderts an. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts dürfte ein Tiefpunkt mit Bevölkerungsverlusten von rund einem Drittel bis zur Hälfte der Ausgangsbevölkerung erreicht worden sein. Nach einer Schätzung von J. C. Russell schrumpfte im Zeitraum von ca. 500 bis 650 die Bevölkerung in Südeuropa von 13 auf 9 Millionen, in West-, Mittel- und Nordeuropa von 9 auf 5,5 und in Osteuropa von 5,5 auf 3,5 (Russell 1983: 21). Die folgende „karolingische“ Aufschwungphase konzentrierte sich auf West- und (Ost-)Mitteleuropa. Sie wurde getragen von einer Siedlungsbewegung gegen Osten und ist in erster Linie siedlungsgeschichtlich und hinsichtlich der wachsenden Größe von Siedlungseinheiten zu fassen. Archäologische und einzelne demografische Befunde lassen auf eine Verdopplungszeit der Bevölkerung im 8. und 9. Jahrhundert von 50 bis 150 Jahren schließen (Verhulst 2002: 25; Toubert 1997: 102). Der Aufschwung wurde allerdings durch Hungersnöte und die politische Destabilisierung der späten Karolinger- und frühen Ottonenzeit (Wikinger, Sarazenen- und Magyareneinfälle) unzweifelhaft gebremst. Im langfristigen Vergleich dürfte der Bevölkerungsstand der Spätantike um die Jahrtausendwende wieder erreicht, vielleicht sogar leicht überschritten worden sein.

In Italien um die Mitte des 10. Jahrhunderts, im übrigen Europa etwa ein halbes Jahrhundert später, setzte nun ein wesentlich länger anhaltender demografischer Aufschwung erheblichen Ausmaßes ein. Die Bevölkerung Europas ohne Russland dürfte sich im Zeitraum von ca. 1000 bis 1300 mehr als verdoppelt haben. Der breite demografische Anstieg bildete sich in einer höchst dynamischen Städtegründungsphase und verschiedenen Kolonisationsbewegungen siedlungsgeschichtlich ab, wobei der sogenannten deutschen Ostkolonisation die größte Bedeutung zukam. Die Bevölkerung der Mittelmeerländer wuchs unterdurchschnittlich, während jene West- und Mitteleuropas sich annähernd verdreifacht haben dürfte. Nur in Teilen Osteuropas verursachte der Mongolensturm von 1241 einen temporären demografischen Rückschlag. So ist die Bevölkerung des Königreich Ungarns, die um 1240 etwa 1,2 bis 1,5 Millionen umfasste, wahrscheinlich um rund 200.000 geschrumpft (Russell 1983: 21; Kristó 2007: 49).

Die von 1300/50 bis 1450/1500 reichende, nicht nur demografische spätmittelalterliche Krise stand am Beginn der Kleinen Eiszeit, einer

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Verschlechterung der klimatischen Bedingungen in weiten Teilen ­Europas in Form von niedrigen Temperaturen und Niederschlagsarmut (in Osteuropa). Hungersnöte erschütterten im zweiten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts weite Teile Europas. Der fundamentale Schock der großen Pestwelle von 1348/53, gefolgt von weiteren Wellen, stellte aber das zentrale demografische Ereignis dar, sodass zu Recht vom Zeitalter des „Schwarzen Todes“ gesprochen werden kann. Der ersten Pestwelle fiel ein Drittel, wenn nicht möglicherweise die Hälfte der europäischen Bevölkerung zum Opfer, die folgenden Wellen verhinderten für etwa ein Jahrhundert eine entsprechende demografische Erholung. Verschärft wurden die Bevölkerungsverluste durch langwierige kriegerische Auseinandersetzungen, insbesondere den Hundertjährigen Krieg in Frankreich und die Hussitenkriege in (Ost-)Mitteleuropa.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mehrten sich Anzeichen eines Aufschwungs, sodass nach 1500 zum Teil annähernd wieder das Ausgangsniveau von vor der großen Pest erreicht wurde, nicht jedoch in den Mittelmeerländern und in England. Das 16. Jahrhundert war dann von einem sehr ausgeprägten und breiten Bevölkerungsboom gekennzeichnet. Insgesamt dürfte die europäische Bevölkerung in diesem Jahrhundert nach einer plausiblen Schätzung von rund 70 auf 90 Millionen gewachsen sein. Das entsprach einer Wachstumsrate von 0,25 % (ohne das Gebiet der späteren Sowjetunion). Nicht ganz zufällig waren die wirtschaftlich entwickelten Gebiete auch die Hauptgewinner dieses Aufschwungs. Im späteren Großbritannien nahm die Bevölkerung von etwa 4 auf 6, in den Niederlanden von etwa 0,95 auf 1,5 Millionen zu, was jährlichen Wachstumsraten von etwa 0,45 % entsprach. Auch im deutschsprachigen Raum war das Wachstum ausgeprägt. Diese Wachstumspole verweisen auf die steigende demografische Bedeutung der großen urbanen Gewerbe- und Handelszentren und damit auf ein demografisches Wachstum, welches aus dem allmählichen Entstehen einer rudimentären Weltwirtschaft zumindest teilweise erklärt werden kann. In den schon zuvor vergleichsweise dicht besiedelten Regionen Italiens und in Frankreich fiel das Wachstum etwas schwächer, in absoluten Zahlen allerdings ebenfalls durchaus beträchtlich aus (Maddison 2001: 241).

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TerritoriumZeitraumum 1500um 1600Zähleinheit
Königreich Neapel *1501 – 1595254.380540.090besteuerte Feuerstätten
Sizilien1501 – 1607490.000831.944Einwohner
Sardinien1485 – 160326.26366.669Feuerstätten
Schweiz1500 – 1600582.000 – 605.000895.000 – 940.000Einwohner
Herzogtum Steiermark1528 – 1617373.000478.000Einwohner

* Ohne Neapel Stadt

Tabelle 2 Bevölkerungswachstum im 16. Jahrhundert in ausgewählten Territorien (Abbildungsnachweis)

Um 1600 befand sich Europa in etwa in jener Situation, wie sie um 1300 bestanden hatte. Das 17. Jahrhundert kann dann nicht nur in Europa, sondern auch in vielen anderen Teilen der Welt als Krisenjahrhundert bezeichnet werden. Es wurde geprägt von Krieg, Hungersnöten und erneut schweren Pestausbrüchen, die bis zu einem gewissen Grad durchaus in einem systemischen Zusammenhang standen (Parker 2008). Dennoch war die Wirkung dieser apokalyptischen Plagen nicht mit jener des „Zeitalters des Schwarzen Todes“ zu vergleichen. Das lag vor allem daran, dass Pestepidemien nicht flächendeckend auftraten, nicht die Stärke der Epidemie von 1348/53 hatten, aber auch an der raschen ökonomischen und demografischen Regenerationsfähigkeit der boomenden atlantischen Ökonomien. Besonders stark betroffen von der Krise waren Norditalien und Spanien, vor allem durch die Folgen der schweren Pestepidemie von 1630/31 und 1647/52, und Mitteleuropa, das im Dreißigjährigen Krieg rund ein Drittel seiner Bevölkerung verlor. Hingegen kompensierten die aufsteigenden westeuropäischen Mächte nicht nur die durch (Bürger-)Kriege verursachten Bevölkerungsverluste, sondern verzeichneten trotz mancher Einbrüche insgesamt eine positive Bevölkerungsbilanz. Nord- und Osteuropa waren hingegen ebenfalls durch krisenhafte politische Entwicklungen, die in eine Serie von Kriegen mündeten, in ihrer demografischen Wachstumsdynamik gehemmt. Insgesamt nahm im 17. Jahrhundert die europäische Bevölkerung daher nur leicht zu.

Das „lange“ 18. Jahrhundert (1700 – 1820) sah wieder einen beträcht­lichen Bevölkerungsanstieg von rund 100 auf 170 Millionen. Das entsprach

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einer Wachstumsverdopplung im Vergleich zum 16. Jahrhundert. Das durchschnittliche jährliche Wachstum in Europa lag nun auf einem Niveau, wie es in England und den Niederlanden im 16. Jahrhundert bestanden hatte, in Osteuropa sogar etwas darüber. Der demografische Aufschwung des 18. Jahrhunderts wurde durch eine noch vornehmlich auf dem Arbeitseinsatz beruhende Steigerung der Agrarerträge und durch Ansätze von Massenfertigung in der Produktion (Verlag, Manufaktur), die mit der Verbreitung von Lohnarbeit verbunden waren, begleitet. Dies ließ das durchschnittliche Heiratsalter sinken und die Fertilität ansteigen. Sieht man von Großbritannien ab, kam die größte Bedeutung jedoch dem Ausbleiben der Pestepidemien ab etwa 1720 zu. Lediglich der Balkan und das Russische Reich wurden auch noch danach von Pestepidemien heimgesucht. Der demografische Schwerpunkt des Wachstums lag weiter im Nordwesten, auf den Britischen Inseln und in den Niederlanden.

Nach dem Zeitalter der napoleonischen Kriege, die den Wachstumspfad für rund zwei Jahrzehnte unterbrachen, erlebte Europa von etwa 1820 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs seine größte demografische Expansion. Im langjährigen Durchschnitt betrug die Wachstumsrate 0,75 %, etwas mehr in Ost, etwas weniger in Westeuropa. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden in Teilen Nordwesteuropas, in England, Irland und Norwegen, sogar durchschnittliche Wachstumsraten um 1,5 % und darüber erreicht (Grigg 1980: 237; Wrigley 2004: 348). Die Expansionsphase war zunächst in den 1820er- bis 1840er-Jahren durch ein Aufgehen der Schere zwischen den Geburten und Sterbefällen in vielen Teilen Europas geprägt, was sich aus einem noch nicht sehr ausgeprägten Rückgang der Sterblichkeit erklärt (Chesnai 1992: 54 f.). Unterbrochen wurde diese Wachstums- durch eine Krisenphase um die Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Phase sanitärer Not, vor allem in den wachsenden Großstädten. Die Überlebensverhältnisse waren dort nun so schlecht, dass man von einem urban penalty 7 (Gerry Kearns) sprechen kann. Ab etwa 1870 setzte dann auf breiter Ebene jene transitorische Phase des

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Demografischen Übergangs ein, die durch einen dauerhaften, lediglich durch den Ersten Weltkrieg und dessen unmittelbare Nachkriegsjahre unterbrochenen Rückgang der Mortalität und einen verzögerten, phasen­verschobenen der Fertilität gekennzeichnet war. Wesentlicher Wachstumsmotor war nun der enorme Anstieg der Lebenserwartung 8, vor allem infolge der sanitären Revolution, dem nach der Jahrhundertwende eine breite Medikalisierung 9 und ein von der größeren biografischen Planbarkeit getragener Wandel des generativen Verhaltens in Richtung Kleinfamilie folgte (Leonard / Ljungberg 2010).


Fortsetzung


Tabelle 3 Bevölkerungsentwicklung in Europa und anderen Weltteilen 1 – 2003 (Abbildungsnachweis)

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In der Weltkriegsepoche kam es zu einer Halbierung des demografischen Wachstums, das sich nun im langjährigen Durchschnitt zwischen 0,3 und 0,4 % bewegte. In den entwickelten Industriestaaten schloss sich die Schere zwischen Geburten und Sterbfällen wieder und ein posttransitorischer Zustand gemäßigten Wachstums trat ein. In Deutschland und Österreich führte eine Geburtendepression zu ungewöhnlich niedrigen, bis in die Gegenwart nicht mehr unterschrittenen Fertilitätsniveaus. Diese Geburtendepression wurde durch eine „Abtreibungsrevolution“ verstärkt, wahrscheinlich sogar wesentlich mitbestimmt. Die fatalen Wirkungen beider Weltkriege sorgten für eine zusätzliche Wachstumsbremse. Dass trotz der gefallenen Soldaten und zivilen Opfer – im Ersten Weltkrieg ohne Zivilopfer unter der russischen Bevölkerung vielleicht 12 bis 13 Millionen Europäer (Overmans 2009: 664 f.), im Zweiten Weltkrieg mindestens 50 Millionen, davon rund 18 Millionen nicht sowjetische und bis zu 37 Millionen sowjetische Opfer (einschließlich der asiatischen Teilrepubliken) (Overmans 1990: 103 – 121; Ehmer 2004: 14; Rianovosti vom 7.5.2009) – die Bevölkerung Europas langfristig weiter zunahm, lag an der angesichts der schwierigen ökonomischen

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Rahmenbedingungen erstaunlichen Fortsetzung des rasanten Anstiegs der Lebenserwartung, zum Teil auch an der noch relativ hohen Fertilität in Ost, Südost- und Südeuropa.

Kurzfristig nach 1945 und vor allem seit den späten 1950er-Jahren erlebte Europa einen Babyboom bei anhaltendem kontinuierlichen Anstieg der Lebenserwartung. Dieser Anstieg wurde nun durch materiellen und medizinischen Fortschritt – Verbreitung von Antibiotika und Immunisierung – getragen. Der Aufbau von Wohlfahrtsgesellschaften und ein Revival traditioneller Familienbilder schufen ein pronatalistisches gesellschaftliches Klima, welches durch einen fortschrittsoptimistischen Mainstream zusätzlichen Auftrieb erhielt. Das demografische Wachstum lag nun wieder bei den vor 1914 erreichten Werten – in Westeuropa im Zeitraum von 1950 bis 1973 bei 0,7 %, in Osteuropa bei 1 %, in der Sowjetunion sogar bei 1,4 % (Maddison 2007: 376).

Der bereits vor der massenhaften Verbreitung der Antibabypille einsetzende, aber durch sie massiv verstärkte „Pillenknick“ beendete jedoch den Babyboom ziemlich abrupt und endgültig. Vor dem Hintergrund eines säkularen Wandels von Familienleitbildern und -funktionen kam es zu einer neuerlichen Halbierung des Wachstums bei einer annähernden Stagnation der Geburtsbevölkerung. Zuwächse ergaben sich jedoch direkt durch außereuropäische Zuwanderung, indirekt durch die überdurchschnittliche Fertilität dieser Zuwanderergruppen aus der Türkei, den ehemaligen Kolonien der europäischen Großmächte sowie nach und nach auch aus anderen Teilen der Dritten Welt. Seit den 1970er-Jahren mutierte Europa endgültig zum Einwanderungskontinent. Der Anstieg der Lebenserwartung setzte sich in dieser Phase kontinuierlich fort. Eine Ausnahme bildeten lediglich kurzfristig die ehemaligen Sowjetrepubliken, die von einer ökonomischen und gesellschaftlichen Transformationskrise betroffen waren. Dort sank sogar zumindest temporär die Lebenserwartung der männlichen Bevölkerung. Insgesamt erreichte das Bevölkerungswachstum in Europa nur noch relativ bescheidene Dimensionen, in Europa außerhalb der Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten rund 0,3 % jährlich (Maddison 2007: 376).

Im kontinentalen Vergleich stellte sich die Entwicklung nach groben Schätzungen wie folgt dar: Im Zeitraum von ca. 500 bis 1000 stagnierte

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die eurasische Bevölkerung, jene Nordafrikas schrumpfte sogar beträchtlich. Hingegen erlebte das tropische Afrika vermutlich eine Verdoppelung seiner Bevölkerung und jene der beiden Amerikas nahm vielleicht um rund ein Drittel zu (McEvedy / Jones 1978: 206 – 317; Russell 1983: 22). Von etwa 1000 bis 1500 war erstmals eine Sonderentwicklung Europas festzustellen, die von der hochmittelalterlichen Expansionsphase bestimmt wurde. Das Wachstum bis etwa 1300, vor allem das im 13. Jahrhundert, war so ausgeprägt, dass trotz der Pestwelle von 1348/53 die durchschnittliche Wachstumsrate mit 0,16 % fast doppelt so hoch ausfiel wie in Asien. In der frühen Neuzeit bis etwa 1820 lagen Europa und Asien vom demografischen Wachstumstempo her wieder gleich auf. In der Phase der Industriellen Revolution(en) und danach wich das Bevölkerungswachstum in Europa und seiner transatlantischen Außenposten in Amerika und Australien wieder stärker vom Rest der Welt ab. Im Zeitraum von 1820 bis 1913 betrug die Wachstumsrate in Europa 0,75 %, in Asien 0,34 %, weltweit rund 0,6 %. Im 20. Jahrhundert kehrte sich dieses Verhältnis um, wobei die Unterschiede immer größer wurden. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm die Bevölkerung in Teilen der Dritten Welt erheblich zu. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts war das asiatische Bevölkerungswachstum etwa sechs Mal so hoch wie das europäische. Der demografische Aufstieg Europas fand also vor allem im 19. Jahrhundert statt (Osterhammel 2009: 184 f.) und war von sinkender Mortalität bestimmt. Lediglich Japan, dessen Entwicklung zunächst relativ isoliert von der asiatischen verlief und welches nach der Meiji-Revolution einen der europäischen Entwicklung ähnlichen Wandel zu einer Industriegesellschaft erlebte, bildete eine Ausnahme. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Japan lag um 1820 und auch um 1900 nahe bei der westeuropäischen (Maddison 2001: 30).

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JahrEuropaJVR*China**China***Indien****CH+IndJVR*Eur=100
03159 – 71503585
50
100370,18
15049 – 56
200440,1760411010,09230
250
30040-0,10
350
40036-0,11504797-0,02269
450
50030-0,18
550
60022-0,3146 – 544553980,01445
650
700220,00
75045 – 56
800250,135643990,01396
850
900280,11483886-0,14307
950
1000300,075940990,14330
1050320,13
1100350,1873 – 10883481310,28374
1150420,37
1200490,3198 – 123115691840,34376
1250570,30
1300790,65961001960,06248
135054-0,76
1400570,1157 – 807274146-0,29256
1450600,10
1500700,31103951980,31283
1550730,08
1600910,441601453050,43335
165090-0,02
17001020,251501753250,06319
17501210,34267 – 274
18001540,483301805100,45331
18502180,70380 – 4354122366480,48297
19002950,61341 – 5004152907050,17239
19503950,595474449910,68251
20005100,511.2641.2802.5441,90499

* JVR: durchschnittliche jährliche Veränderungsrate

** Bandbreite der Schätzungen nach den Originalangaben der Zählungen von 2, 141, 606, 742, 1086, 1195, 1391, 1776, 1851 und 1911

*** Schätzung nach Malanima

**** Einschließlich Pakistan und Bangladesch

[<<45] Seitenwechsel innerhalb der Tabelle nach 1850

Tabelle 4 Bevölkerung Europas (ohne Russland), China und Indiens 0 – 2000 (Abbildungsnachweis)

In der vormodernen, sonnenenergiebasierten Periode der globalen Bevölkerungsgeschichte unterschieden sich die Ausgangsbedingungen Europas von jenen Asiens nicht unerheblich. Mit Blickrichtung auf die sich im 19. und 20. Jahrhundert stellende Problematik hoher demografischer Wachstumsraten könnte man etwas simplifizierend formulieren: Das Problem der demografischen Entwicklung in Asien lag darin begründet, dass etwa China und Indien in ihren Kernzonen schon vor 1.500 bis 2.000 Jahren wesentlich dichter besiedelt waren als der europäische Kontinent. Tatsächlich lässt sich für das vorindustrielle Europa und Asien für die Zeit um 1600, die man auch für den Zeitraum davor als repräsentativ ansehen kann, ein enormer Unterschied in den Landreserven zeigen. Um 1600 betrug die Zahl der Menschen pro km2 kultivierbarem Land in Japan 856, in China 477, in Indien 269, in Europa jedoch nur 60. Diesem Vorteil stand im extramediterranen Europa ein klimatischer Nachteil, das raue Klima, gegenüber. Dementsprechend entwickelte sich in diesem Teil Europas in weit größerem Ausmaß als in Asien ein synergetisches Zusammenspiel zwischen Ackerbau und Viehzucht. Die geringen Erträge des Brotgetreides bedurften der Ergänzung durch tierisches Eiweiß, mangels menschlicher Arbeitskraft war der Einsatz des Viehs im Ackerbau unbedingt erforderlich. Im 11. Jahrhundert stammten bereits 70 % der in Europa eingesetzten Energie von Tieren und Wassermühlen, nur 30 % von Menschen (Malanima 2010a: 31, 85 f.; Landsteiner 2011: 182). Die mit hohem menschlichem Arbeitseinsatz betriebenen Monokulturen in den großen asiatischen Reichen erwiesen sich mit wachsender Bevölkerungsdichte als krisenanfälliger als die

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kleinteiligere, „gemischte“ landwirtschaftliche Produktion in Europa. Dementsprechend war im Zeitraum von 1400 bis 1800 die Zahl der Opfer von Naturkatastrophen und daraus resultierenden Hungersnöten in China und Indien weit höher als in Europa (Jones 1991: xxviii, 30 – 35; Sieferle 2002: 176 – 183). Es bleibt allerdings festzuhalten, dass die dichtbevölkerten ökonomischen Kernzonen Ostasiens und Nordwesteuropas Ende des 18. Jahrhunderts unter ganz ähnlichen ökologischen Stressfaktoren litten und sich der durchschnittliche Ernährungszustand der Bevölkerung auch in der Folge im krisenhaften 19. Jahrhundert in Asien nicht entscheidend verschlechterte (Pomeranz 2000: 241), ebenso wie er sich in Europa bei der überwiegenden Mehrheit nicht entscheidend besserte.

Der Einsatz fossiler Energie in Form von Kohle erhöhte das Energie­potenzial dramatisch und leitete in den werdenden Industrieländern den Abschied von den Sonnenenergiesystemen ein, die einer positiven Energiebilanz bedurften, um eine für das Überleben ausreichende Nahrungsmittelproduktion sicherzustellen. Seit Ende des 16. Jahrhunderts wurde Kohle verstärkt in England und den Niederlanden als Energieträger eingesetzt, hatte aber selbst Ende des 18. Jahrhunderts im übrigen Europa noch geringe Bedeutung (Malanima 2010a: 79 – 82). Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war jedoch ein auf fossiler Energie beruhendes Energiesystem in Europa in voller Entfaltung. Im 19. Jahrhundert verdreifachte sich durch den Einsatz von Kohle und Dampfmaschinen die weltweite Energiegewinnung, im 20. Jahrhundert wuchs sie dann um das Dreizehnfache, weil nun auch Erdöl und Erdgas als Energieträger eine zunehmende Rolle spielten (McNeill 2003: 29). Das heißt nicht, dass das Problem der ausreichenden Versorgung der europäischen Bevölkerungen mit Nahrungsmitteln damit mit einem Schlag gelöst gewesen wäre. Es dauerte noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts, bis das der Fall war. Immerhin sorgte bis dahin auch die Überseewanderung von Europäern für eine gewisse Entlastung. Im Zeitraum von 1841 bis 1915 reduzierte sie das Bevölkerungswachstum Westeuropas um 25 bis 30 % (Livi-Bacci 1999: 175 f.). In Summe sollte die Wirkung der Überseewanderung als Wachstumspuffer allerdings nicht überschätzt werden. Selbst am Höhepunkt der Auswanderungswelle um 1900 lag die jährliche

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Emigrationsrate 10 bei 3 Promille, in den südeuropäischen Ländern allerdings bei 5 (Chesnai 1992: 183). Berücksichtigt man die Rückwanderung, wird der langfristige Entlastungseffekt weiter relativiert. Aufgrund ihres technologischen Vorsprungs konnten Europa und seine Außenposten jedoch ihren Vorsprung in der Nutzung von Energie in einen industriell-technologischen Vorsprung verwandeln, der weit über die unmittelbare Sicherung der Subsistenz der europäischen Bevölkerungen hinaus die Basis für jene technophysio evolution (Robert W. Fogel)11 lieferte, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den „biologischen Lebensstandard“ (John Komlos) in immer neue Höhen trieb. Diese Evolution, von der in den letzten Jahrzehnten auch Teilbevölkerungen in den Schwellenländern und der Dritten Welt profitierten, hatte allerdings ihren demografischen Preis: Im 20. Jahrhundert dürften schätzungsweise 25 bis 40 Millionen Menschen weltweit der Luftverschmutzung zum Opfer gefallen sein (McNeill 2003: 120 f.).

Die moderne Bevölkerungsgeschichte der außereuropäischen Welt war allerdings keineswegs eine reine blood, sweat and tears story, wie das im entwicklungspolitischen Diskurs manchmal scheinen mag. Nach 1750 und dann vor allem nach 1800 wurden in Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas bereits sehr hohe Wachstumsraten erreicht. So vervierfachte sich die Bevölkerung Mittelamerikas im Zeitraum von 1825 bis 1900 (Grigg 1980: 238). Der Wachstumspfad wurde jedoch in diesen Teilen der Welt durch innere und äußere Krisen immer wieder unterbrochen. Ein Beispiel für solche demografischen Schocks aus der rezenteren Bevölkerungsgeschichte Chinas sind etwa die Folgen des „Großen Sprungs“ von 1958/62. Die Lebenserwartung bei der Geburt sank in der Volksrepublik China aufgrund einer brachialen Industrialisierungspolitik im Eiltempo, die deren Folgen auf den Einbruch der landwirtschaftlichen

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Produktion ignorierte, kurzfristig von 43 auf 27 Jahre (Banister 1987). Erst als durch den Import westlicher Technologien, die im Rahmen der sanitary revolution entwickelt worden waren, Mortalitätskrisen seltener und in ihrer Wirkung schwächer wurden, begründete dies ab der Mitte des 20. Jahrhunderts den Wachstumsvorsprung, ja die Bevölkerungsexplosion der Dritten Welt. Westliche Technologien sorgten auch dafür, dass die Sterblichkeit in vielen Schwellenländern rasch unter die vergleichbare der Industrieländer, bezogen auf den Zeitpunkt, an dem diese ein bestimmtes wirtschaftliches Entwicklungsniveau erreicht hatten, fiel (Mercer 1990: 151). Dieser Import leitete den Mortalitätsrückgang in der Dritten Welt ein, dem ein Fertilitätsrückgang in den Schwellenländern und seit Kurzem auch in Teilen der Dritten Welt gefolgt ist. Der besonders junge Altersaufbau dieser Populationen, der als „Python-Effekt“ 12 noch zwei bis drei Generationen die absoluten Geburtenzahlen nach oben drückt, obwohl die Fertilität bereits gesunken ist, hat jedoch zur Folge, dass auch in diesen Schwellenländern – mit Ausnahme einiger entwickelter Industrienationen wie Japan, Südkorea und Taiwan – die Schere zwischen Geburten- und Sterbefällen sich noch nicht geschlossen hat. Die ökologischen Rahmenbedingungen des Demografischen Übergangs in der Dritten Welt sind zudem auch deutlich schlechter, als das in Europa der Fall war. Die Fläche des bebaubaren Landes pro Kopf liegt in weiten Teilen der unterentwickelten Länder deutlich unter jener Europas im 19. Jahrhundert (Grigg 1980: 250). Dennoch ist auch in weiten Teilen der Dritten Welt an der Wende zum 3. Jahrtausend eine demografische Wachstumsverlangsamung auf Basis eines Rückgangs der Fertilität unverkennbar. Im Besonderen trifft das auf die jungen Industrienationen China und Indien zu, die mit Abstand bevölkerungsreichsten Länder der Gegenwart. So betrug das Bevölkerungswachstum in China im Zeitraum von 1990 bis 2010 durchschnittlich nur noch 0,9 % jährlich, jenes in Indien im Zeitraum von 2000 bis 2010 1,5 % (UN 2009).

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6 Das durch ökonomische, politische oder andere Krisen unmittelbar ausgelöste Ansteigen der Sterblichkeit und Sinken der Fertilität.

7 Der Begriff bezeichnet die (groß)städtische Übersterblichkeit im Vergleich zu den Sterblichkeitsverhältnissen in ländlichen Zonen.

8 Die Lebenserwartung bei der Geburt bezeichnet die durchschnittliche Zahl von Lebensjahren, die ein bestimmter Geburtsjahrgang unter der im Beobachtungsjahr gemessenen altersspezifischen Sterbewahrscheinlichkeit durchlebt. Letztere wird auf der Basis sogenannter Periodensterbetafeln berechnet.

9 Rationalisierung des gesellschaftlichen Umgangs mit Gesundheit und Krankheit auf der Basis der Ergebnisse (sozial)medizinischer Forschung.

10 Auswanderer bezogen auf 1.000 der Herkunftsbevölkerung.

11 Der Begriff bezeichnet physische Veränderungen menschlicher Bevölkerungen, die nicht als Ergebnis der biologischen Evolution, sondern durch Umwandlung von Energie in Form von Ernährung und Wärme in Arbeit zum Zweck des Wachsens, Überlebens (auch im Sinn der Stärkung der Immunabwehr) und der menschlichen materiellen und geistigen Weiterentwicklung entstanden sind.

12 Dieser Effekt bezeichnet das Nachrücken starker Geburtenjahrgänge in einer Alterspyramide, ein Prozess, der optisch Ähnlichkeit mit dem Verdauungsprozess einer Python nach erfolgreicher Jagd aufweist.

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9783846337561
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