Читать книгу: «Die Zukunft ist menschlich»
Für Volker, Julian, Zoe und Hanan.
Ich bin dankbar für jeden Tag,
an dem wir gemeinsam die Zukunft teilen und gestalten.
ANDERA GADEIB
Die Zukunft ist menschlich
Manifest für einen intelligenten Umgang mit dem digitalen Wandel in unserer Gesellschaft

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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ISBN Buchausgabe: 978-3-86936-930-3
ISBN epub: 978-3-95623-871-0
Lektorat: Ulrike Hollmann, Hambergen
Umschlaggestaltung: Martin Zech, Bremen | www.martinzech.de
Autorenfoto: Amanda Dahms
Satz und Layout: Das Herstellungsbüro, Hamburg | www.buch-herstellungsbuero.de
Copyright © 2019 GABAL Verlag GmbH, Offenbach
Das E-Book basiert auf dem 2019 erschienenen Buchtitel "Die Zukunft ist menschlich" von Andera Gedeib, ©2019 GABAL Verlag GmbH, Offenbach
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Inhalt
Prolog: Ein Tag im Jahr 2050
Der Mensch im Mittelpunkt
Rückblick
1 Lösungen statt Probleme
Der gesunde Menschenverstand
Mensch und Maschine
2 Vom Algorithmus zum Menschen
Digitalität
Digitalisierung verändert Märkte – die Einfach-mal-machen-Ära
Roboter statt Mensch
Künstliche Intelligenz
Agieren statt reagieren
3 Das digitale Dilemma
Alles digital?
Das KISS-Prinzip
Übernimmt die Maschine?
Ethik
4 Die Gestaltungsfelder des digitalen Wandels
Einleitung
Arbeit
Freizeit & Leben
Bildung
Gesundheit
Mobilität
5 Wie wir das Digitale gestalten können
Methodenkoffer
Manifest
Anhang
Anmerkungen
Danke
Die Autorin
Testimonials
Wenn der Wind der Veränderung
weht, bauen die einen Mauern und
die anderen Windmühlen.
Chinesisches Sprichwort
PROLOG
Ein Tag im Jahr 2050
Wir befinden uns im Jahr 2050. Einem Jahr, in dem alles digitalisiert ist, was digitalisiert werden kann. Die lange Ankündigung ist wahr geworden.
Und wir werden fragen: Wo steht der Mensch? Wir schauen uns in die Augen und stellen fest, dass wir ja immer noch da sind. Dass es sogar Dinge gibt, die zutiefst human geblieben sind und – huch, entgegen allen Vorhersagen – nicht von Maschinen übernommen wurden. Im Gegenteil, der Mensch wird hier nun besonders wertgeschätzt. Mehr noch als vor Beginn der digitalen Revolution.
Wie wird dieses Szenario, unser Leben im Jahr 2050, aussehen? Welche Jobs wird es noch geben? Welche Tätigkeiten sind weggefallen, welche sind neu entstanden? Auf welchen Pfad haben wir in den Anfängen des Digitalisierungszeitalters unsere Kinder gesetzt, um ihnen eine bestmögliche Zukunft zu sichern? Welche Windmühlen haben wir gebaut, als der Wind der digitalen Veränderung aufzog?
Auf diese Fragen will dieses Buch eine Antwort geben. Es geht zurück auf die alten Philosophen, die das Wesen des Menschen schon vor Jahrtausenden, lange vor der digitalen (und industriellen) Revolution, erkundet haben. Außerdem greift es auf die neuesten Erkenntnisse der Gehirnforschung zurück und gibt eine Antwort darauf, welche Potenziale wir Menschen im Zeitalter der digitalen Revolution haben. Nicht zuletzt fußt es auf einigen Studien und der Erfahrung der Autorin und mehreren Tausend Interviews zu den Themen Innovation und Digitalisierung.
Im Gegensatz zu all den Horrorszenarien, in denen der Mensch keine Rolle mehr zu spielen scheint, will dieses Buch einen positiven Ausblick darüber geben, wie wichtig der Mensch in diesem Prozess ist. Es beschreibt anhand konkreter Beispiele, dass es an uns Menschen liegt, wie wir die Digitalisierung gestalten. Von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Maschine (der Einfachheit halber werde ich im Buch den Computer mit seinen Bits und Bytes Maschine nennen). Es zeigt auf, wie jeder Einzelne Teil dieses aktiven Gestaltungsprozesses werden kann, wenn wir uns darauf einlassen. Wie wir Mut gewinnen, auch kritisch mit dem Digitalen umgehen und den digitalen Wandel aktiv bei den Hörnern packen. Ja, wie wir womöglich lernen, uns für die Digitalisierung zu begeistern.
Auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt.
Konfuzius, 551–479 v. Chr.
Dieses Buch ist eine Einladung, Teil dieses großen Transformationsprozesses zu sein, der in die Geschichte eingehen wird. Eine Einladung an jeden Einzelnen von uns, die Weichen für sein eigenes Leben und für das seiner Kinder und Enkel zu stellen. Denn es ist absehbar, dass die Welt unserer Kinder und Kindeskinder vollkommen anders aussehen wird als die Gegenwart, in der wir leben. Gestalten wir diese Zukunft also enkeltauglich.
Dabei meine ich mit »aktivem Gestalten des Digitalen« nicht, dass jeder zwangsläufig programmieren lernen muss, sondern dass wir die neuen, digitalen Angebote verstehen und einsetzen lernen. Dass wir von passiven Nutzern zu aktiven Gestaltern der (digitalen) Zukunft werden.
Das digitale Zeitalter hat gerade erst angefangen, und das in moderatem Tempo, auch wenn uns dies ganz und gar nicht so erscheint. Denn die technologischen Veränderungen entwickeln sich exponentiell und damit wird die Digitalisierung nie mehr so langsam voranschreiten wie heute. Dabei mag es sich jetzt schon anfühlen, als ob ein Schnellzug an einem vorbeirauscht.
Aber all das sollte uns keine Angst machen oder in Ohnmacht versetzen. Denn es könnte der Beginn einer der spannendsten Reisen sein, die wir je gemacht haben. Vorausgesetzt, wir breiten die Arme aus und heißen diese Veränderung willkommen. Denn auch die längste Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Öffnen wir uns für das Thema und trauen wir uns, eine erste neue Entdeckung zu machen, die wir zuvor – vielleicht aus Angst – gescheut haben. Seien Sie Teil dieser spannenden Reise. Gestalten Sie sie mit. Dieses Buch wird Ihnen die Perspektiven, Methoden und den Mut geben, das Thema aktiv anzugehen.
So etwa könnte ein Tag in der Zukunft aussehen: Noch bevor ich wach werde, registriert meine Matratze die Schlafqualität und stellt automatisch die optimale Temperatur ein. Sie merkt, wenn ich aufwache, und schickt ein Signal an die Kaffeemaschine. Diese kennt selbstverständlich meine Vorlieben um diese Uhrzeit und bereitet meinen Lieblingscappuccino vor, der frisch gebrüht auf mich wartet, wenn ich noch etwas verschlafen aus dem Bad in die Küche taumele. Nur Kaffee reicht als Flüssigkeitszufuhr über den Tag nicht. Deshalb trinke ich Wasser aus meiner intelligenten Flasche. Der Sensor in der Flasche verfolgt, wie viel Wasser ich über den Tag zu mir nehme, und ein hübsches Blinken in der Flasche sowie eine Push-Nachricht auf meinem Smartphone erinnern mich, wenn ich zu wenig trinke. Was reingeht, muss auch raus. Die intelligente Toilette analysiert wichtige Vitalparameter aus meinem Urin, den Blutdruck über den Sitz, empfiehlt mir vorausschauend die passende Ernährung für den Tag und sendet meine Biodaten selbstständig zum Arzt. Entdeckt dieser etwas Auffälliges in den Daten, meldet er sich bei mir und schlägt eine passende Therapie vor.
Ich mache mich für eine Kurzreise bereit. Bevor ich losfahre, chatte ich per App mit meinen Haushaltsgeräten. Der Kühlschrank schlägt vor, den Stromsparmodus zu aktivieren, und ich bestätige mit einem kurzen »OK« per Smartphone. Daraufhin wünschen mir die Hausgeräte eine gute Reise und ich verlasse das Haus. Vor der Haustür wartet das autonome Auto auf mich. Natürlich kennt es bereits mein Ziel. Ich setze mich in einen der bequemen Sessel und los geht die Fahrt. Selbstredend sitze ich nicht hinter dem Steuer, schließlich fährt das Auto von heute autonom und damit vollkommen selbstständig. Ich kann mich stattdessen während der Reise mithilfe der großen Displays an den Seitenwänden unterhalten lassen. Meine Lieblingsserien werden angezeigt, Vorschläge, die zu meinen Vorlieben passen, und die neuesten, individuell für mich zusammengestellten Nachrichten warten darauf, gelesen zu werden.
Was denken Sie? Ist das Szenario faszinierend oder abschreckend? Der Großteil der Menschen lehnt es heute ab.
Der Mensch im Mittelpunkt
Ich schreibe dieses Buch für die Zeit, in der es uns Menschen noch gibt. Also, in der sie die Oberhand behalten. Und zwar nicht nur weil ich aus tiefstem Herzen Optimistin bin, sondern auch weil ich fest davon überzeugt bin, dass uns noch sehr viel Zeit bleibt. Allerdings ist es auch höchste Zeit, die Zukunft in die Hand zu nehmen.
Die Dystopie von der Welt, in der die Maschinen das Sagen haben, liegt noch in weiter Ferne. Ich schaue wenig Science-Fiction-Filme und mir fehlt vielleicht die Vorstellungskraft, welche Maschinen im Film schon erfunden wurden, die uns Menschen überholen sollen. Aber ich bin von Hause aus mit der Informatik vertraut und glaube, sehr gut zu verstehen, was die letzten Jahrzehnte der Digitalisierung für uns bedeuten und wo die Reise hingehen könnte. Ich kann Sie gleich zu Anfang des Buches schon beruhigen: In jedem Fall sind wir weit davon entfernt, dass irgendwelche Computer für uns denken oder die Weltherrschaft übernehmen.
Da jede Maschine vom Menschen gemacht ist, schließe ich nicht aus, dass es solche Wahnsinnsideen irgendwo auf der Welt gibt. Vielleicht auch häufiger, als uns lieb ist. Begreifen Sie das als Aufruf an Sie, sich aufzumachen und ganz wach zu erkunden, worin wir Menschen gut sind und warum es nottut, dass jeder Einzelne von uns einen Unterschied machen kann. Mir liegt am Herzen, dass jeder ein Mindestmaß an Verständnis für die digitalen Entwicklungen hat und dass jeder Einzelne Verantwortung für seine eigene Zukunft, aber auch für unsere Gesellschaft übernimmt.
Doch sind wir als Gesellschaft, ist jeder Einzelne, die Politik bereit, die digitale Zukunft aktiv zu gestalten? Haben wir eine Vision, wie sich die Überlegenheit des Menschen auf unsere Arbeit auswirkt? Wie können wir mit den Möglichkeiten des Digitalen besser werden? Stehen wir der Digitalisierung positiv genug gegenüber? Was muss passieren, um uns in die Lage zu versetzen, sie positiv zu gestalten?
Mit jedem kleinen Schritt, jeder kleinen Antwort auf die vielen Fragen kommen wir der positiven Utopie näher: der Harmonie zwischen Mensch und Maschine.
Halb voll
Es ist Silvester. Meine 13-jährige Tochter gießt ein Glas ein und hält inne. Sie fragt: »Mama, ist das Glas halb voll oder halb leer?« Ich sage: »Es ist halb voll. Alles eine Frage der Einstellung.« Sie daraufhin: »Mama, es muss halb voll sein. Es gibt kein halb leer.« Auf meinen fragenden Blick erwidert sie: »Ein Glas kann voll sein und halb voll. Aber entweder es ist leer oder eben nicht leer. Ein ›halb leer‹ gibt es nicht.«
Guter Gedanke, schießt es mir durch den Kopf. Vielleicht ist das Töchterchen weiter als die meisten von uns? Ich jedenfalls habe mir diese Halb-voll-Haltung recht bewusst zugelegt. Auf die Chancen zu schauen statt auf die Risiken. Eben auf das Halbvolle, auf die Möglichkeiten, die vor mir liegen, statt auf die verpassten Chancen. Dem will ich in diesem Buch nachgehen, befindet sich die Welt durch die Digitalisierung doch so sehr im Wandel, wie wir es bislang noch nicht erlebt haben.
Ist das Glas halb voll oder halb leer? Das ist eine Frage der Haltung. Ist sie positiv oder negativ? Geht alles zur Neige und wir können ohnehin nichts tun oder haben wir noch alle Chancen in der Hand?
Wir könnten nun einstimmen in all die negativen Schlagzeilen zur Digitalisierung. Beispielsweise, dass alle anderen Länder uns überholen. Erst das Silicon Valley oder Israel, dann China. Wer weiß, wer als Nächstes kommt und unserer Nation Chancenlosigkeit vorgaukelt. Die ehemals starke Wirtschaftsnation, abgehängt von all den anderen, die schneller sind, sich besser an die neuen Bedingungen anpassen? Na dann gute Nacht.
Und wohlgemerkt, fix unterwegs sind wir als Land wirklich nicht. Man sagt uns auch eher eine Technologiefeindlichkeit als -freundlichkeit nach,1 unsere Mobilfunk-Abdeckung oder mangelndes WLAN in Innenstädten oder im ÖPNV sind einzelne Beispiele dafür. Wir führen eine Diskussion, dass das Internet »nicht an jeder Milchkanne« (gemeint ist der ländliche Raum) nötig sei.2 Es sind harte Fakten, dass wir nicht ganz vorne an der Digital-Spitze stehen. Aber wie reagieren wir? Kopf hängen lassen und abwarten, was passiert? Ich bin dafür, dass wir gemeinsam eine Halb-voll-Haltung einnehmen und zusehen, was wir daraus machen können.
Meine Reisen in den vergangenen Jahren an die Hotspots der Digitalisierung oder Chancen-Orte haben mich vielfach inspiriert, was ich gerne teilen möchte. So werden wir im Kapitel 4 gemeinsam ins Silicon Valley (USA), nach Seoul (Südkorea), Tel Aviv (Israel) und Kapstadt (Südafrika) reisen und einen Blick darauf werfen, wie dort der digitale Wandel gestaltet wird.
Außerdem werden wir in fünf Gestaltungsfelder eintauchen, in denen ich in den vergangenen Jahren viel geforscht habe und Erfahrungen sammeln konnte: Arbeit, Freizeit, Bildung, Gesundheit und Mobilität. Mit belastbaren Daten will ich Ihnen Mut machen, sich für Ihren Bereich selbst Gedanken zu machen.
Lassen Sie uns einen »Weltbürger«-Blick auf die mögliche Zukunft Deutschlands werfen. Die Digitalisierung bietet eine Menge Potenzial für Wohlstand in der Nation – ja, und es gibt viel zu tun, um diese Bewegung wieder mit anführen zu können. Es braucht die Haltung, dass wir es schaffen können, ebenso wie die notwendigen Bedingungen und Lösungsansätze. Für jeden Einzelnen, egal in welcher Rolle, und für die Gesellschaft im Ganzen.
Rückblick
Seit 30 Jahren beschäftigt mich die digitale Welt. An der Uni interessierte mich die Wirtschaftsinformatik als verbindende Disziplin zwischen der realen und der digitalen Welt. Wir lernten, Probleme aus der physischen Welt, speziell der Wirtschaft, in Bits und Bytes, also die Sprache der Computer zu übersetzen.
Maschinen, insbesondere Computer und wie sie funktionieren, haben mich schon früh fasziniert. Vielleicht liegt das daran, wie ich groß wurde: Mein Vater zerlegte als Elektrotechniker zu Hause immer alles, wenn es kaputt war. Mit Vorliebe die Dinge, die über (mindestens) ein Kabel verfügten. Der Duft von Lötzinn lag bei uns quasi immer in der Luft.
Dabei bin ich Späteinsteiger. Kein Atari oder Commodore aus den Anfängen der 80er-Jahre war mein erster Computer, sondern 1989, mit damals 19 Jahren, ein 286er-PC. Meine Freundin erzählt mir heute noch die Geschichte, wie ich ihn zu Beginn am liebsten aus dem Fenster geschmissen hätte, weil er nicht das tat, was ich wollte. Schon damals musste man erst lernen, wie diese Geräte auf den Menschen hören, die digitalen Maschinen stellten sich nicht auf den Menschen ein. Wir werden uns hier mit der Frage auseinandersetzen, wie weit wir heute, 30 Jahre später, sind und wie es wohl in weiteren 30 Jahren aussehen wird.
Meine zweite Mission ist das Marketing, also die »konsequente Ausrichtung« eines »Unternehmens an den Bedürfnissen des Marktes«3: Wie genau bringe ich erfolgreich eine Idee rüber? Wie muss ein neues Produkt gestaltet sein und wie beziehe ich die Zielgruppe ein?
Im sogenannten Marktforschungspraktikum meines Studiengangs waren wir ganz praktisch eingebunden und befragten für den belgischen Rundfunk Hörer. Also stand ich mit einigen Mitstudenten einige Tage auf belgischen Straßen und in Fußgängerzonen, um »die Stimme des Volkes« methodisch fundiert zu ergründen. Diese Übung ließ mich zwangsläufig mit anderen Augen durch die Welt gehen und für alle Zeit den Menschen in den Fokus nehmen.
Die Kombination der beiden Studienfächer war sehr selten – und sorgte für Belustigung. Denn meine Studienkollegen im Marketing befanden die (Wirtschafts-)Informatiker als eigenartig: »Da hat man doch Quadrataugen, wenn man den ganzen Tag auf einen Rechner starrt«, hieß es. Die Computerfans wiederum fanden, dass das Marketing »stets auf blauen Wolken schwebt und sich neue Geschichten ausdenkt«. Beide hatten vermutlich ein wenig recht. Ich jedenfalls fühle mich bis heute in beiden Disziplinen zu Hause und schaue aus beiden Perspektiven auf die digitalen Möglichkeiten.
Ich war, eher zufällig, dabei, als das Internet 1995 seine ersten Schritte in Richtung Wirtschaft ging, nämlich bei der Entstehung des WWW – World Wide Web, wie es damals noch ausführlich benannt wurde. Was heute schlicht »Internet« heißt, war damals ein Novum in der Wirtschaftswelt. Tim Berners Lee hatte im Jahr 1992 am Schweizer CERN die neue Sprache HTML (Hypertext Markup Language) erfunden, die Inhalte mit Hyperlinks auf elegante Weise miteinander verbinden sollte. Was an den Unis gleich experimentell eingesetzt wurde, gelangte kurz darauf in die Wirtschaftswelt.
In einem interdisziplinären Studentenprojekt durfte ich den ersten kommerziellen Webserver in Aachen mitprogrammieren. Die Fachpresse besprach ihn damals als einen der ersten dreißig (!) Webserver in Deutschland. Damit war ich früh mit dem Medium verbunden, das kurz darauf die gesamte (Wirtschafts-)Welt auf den Kopf stellen sollte. Es ließ mich seitdem nicht mehr los.
Ein besonderes Erlebnis war mein zweiter Aufenthalt in den USA. Ich hatte früher einige Monate in New York State gelebt und zog zum Ende des Studiums nach Arlington bei Washington D.C. Für meine Abschlussarbeit fand ich einen Experten für »Computational Statistics« als Sparringpartner: Professor Edward Wegman4 eröffnete mir schon im Jahr 1996 eine Zukunftswelt, nämlich die zu virtuellen Realitäten.
So forschte ich zunächst wissenschaftlich und später in der eigenen Unternehmerpraxis an Zukunftsthemen. Zu den vielen Abschlussarbeiten, die ich in den 90ern betreute, gehörten schon der intelligente Kühlschrank und Mülleimer. Wie viele Kühlschränke bestellen heute selbst Milch nach, wenn sie zur Neige geht, und wie viele Mülleimer in den Haushalten sortieren heute, 25 Jahre später, selbstständig den Müll? So gut wie keine. Was muss also passieren, dass diese oder andere Digitaltechnologien in unsere Haushalte einziehen?
Ich bin überzeugt, dass es vor allem eines braucht: den Blick auf die Perspektive der Nutzer und Nachfrager zu richten und weniger auf die Technologie selbst. Es ist meine Motivation für dieses Buch, Ihnen – seien Sie Verbraucher oder Entscheider – exakt diesen Fokus zu vermitteln. Wie viele Ressourcen könnten wir sparen, wie viel Zeit und Geld besser einsetzen, wenn wir dieses einfache Prinzip leben würden?
Kürzlich spazierte ich durch Bremen und entdeckte ihn in der Fußgängerzone: den intelligenten Mülleimer. Solarzellenbestückt und leider schon ziemlich dreckig, erzählte er seine Geschichte, oder besser gesagt, seine Funktionen. Und die beeindruckten mich. Denn dieser Mülleimer im öffentlichen Raum presst den Müll besonders klein und meldet der zuständigen Behörde, wenn er geleert werden muss. So ein autarkes kleines Ding im Bremer Stadtgeschehen erfüllt seinen Zweck auf smarte Weise. Wenn er sowohl für ein sauberes Stadtbild sorgt als auch die Gebühren für die Bremer reduziert, bin ich sicher, dass es ihn nachhaltig geben wird, bringt er doch einen relevanten Nutzen.
Die Frage ist: Wie schaffen wir es, vom Problemdenken rund um die Digitalisierung zu einer Lösungsorientierung zu kommen? Ohne Probleme wegzudiskutieren, sondern ihnen stattdessen mit einer Halbvoll-Haltung und Lösungsansätzen zu begegnen?
Mehr als 20 Jahre beschäftige ich mich nun mit der Unterstützung neuer Produkte und Services. Eines ist dabei besonders wichtig: Um zukünftige Innovationen auf ihren Weg in den Markt zu bringen, setze ich bewusst früh an. Einige Unternehmen kommen bereits mit ersten Ideen, aus denen Produkte entstehen sollen, vor anderen liegt ein weißes Blatt, sie wollen mit uns etwas gänzlich Neues schaffen. In allen Fällen aber liegt unser Blick gleich zu Beginn gezielt auf den Bedürfnissen der Nutzer.
Was macht ein neues Produkt oder eine neue Dienstleistung erfolgreich? Innerhalb von zwei Jahrzehnten konnte ich mit meinem Unternehmen sieben Millionen Online-Interviews durchführen und damit insgesamt 8000 Produkten oder Services helfen. In der Online-Befragung stellen wir typischerweise die Idee als Text und Bild vor, sodass potenzielle Kunden beurteilen können, wie gut die Idee allgemein gefällt, wie neu und andersartig sie ist und ob man das Produkt oder den Service – unabhängig vom Preis – kaufen würde. Diese Interviews führen wir weltweit online und in allen Branchen durch, vom Schokoriegel über das Erkältungsmittel bis hin zum Elektroauto.
Mitmachen: Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, an Umfragen teilzunehmen, dann können Sie sich hier melden: www.dialego.de/zukunft.
Sie können sich vorstellen, dass uns inzwischen ein richtig großer Datenschatz vorliegt, der die Frage beantworten kann: Was macht eine neue Idee erfolgreich? Welches Muster finden wir? Wann probieren Menschen ein neues Produkt? Denn wir müssen etwas Neues, ein Produkt oder einen Service, ein erstes Mal ausprobieren, um dauerhaft Kunde zu werden und es damit erfolgreich zu machen. Wie wir uns auf diese Weise dem Menschen zuwenden, werden wir in Kapitel 3 und 4 genauer betrachten. Zunächst einmal möchte ich mit Ihnen ganz allgemein in die Lösungssuche einsteigen.
1 Lösungen statt Probleme
Den besten Rat erhielt ich von einem sehr erfahrenen Begleiter meines beruflichen Lebens. Er hatte schon einige Unternehmen geführt und stand mir auch in seiner nicht mehr aktiven Berufslaufbahn noch viele Jahre zur Seite. Sein Rat lautete:
Bitte die Menschen, mit Lösungsansätzen zu dir zu kommen statt mit Problemen.
Dieser Rat ist simpel wie wirkungsvoll zugleich, und zwar im Privatwie im Berufsleben. Ich hörte einfach auf, Probleme zu diskutieren. Ich gebe zu, das war kein Schalter, den ich einfach umlegen konnte, sondern ein Lernprozess. Aber seitdem führe ich jedes, wirklich jedes Gespräch rund um eine Herausforderung nur zu Lösungsansätzen. Diskussionen wie »Das Problem ist« und »Wir müssten mal« stoppe ich sofort. Sie glauben gar nicht, wie viel Lebenszeit Ihnen dieser simple Rat schenken kann. Probieren Sie es!
Lassen Sie uns also auch im Folgenden mehr über die Lösungen sprechen als über die Probleme. Denn das macht schon einen großen Unterschied. Vielleicht haben Sie bereits den einen oder anderen Ratgeber in Sachen Digitalisierung gelesen. Es gibt dicke Schmöker, die zwar Probleme aufgreifen, aber keinerlei Lösungsansatz liefern. Mein Manifest hat genau das Gegenteil im Sinn: Sie zu motivieren, tagtäglich in Lösungen statt Problemen zu denken.
Unser Ziel sollte sein, die Zukunft heute schon enkeltauglich zu gestalten. Lassen Sie uns darüber nachdenken, wie wir uns die Zukunft vorstellen und wie wir sie selbst gestalten wollen. Jetzt mögen Sie vielleicht sagen: »Na ja, die hat gut reden. Arbeitet in der IT, versteht, was sich genau hinter dem Begriff ›Digitalisierung‹ verbirgt, und kann sicher programmieren.« Dabei geht es mir weniger darum, dass jeder programmieren kann, aber dazu kommen wir noch. Vielmehr ist der erste Schritt, die Gestalterrolle anzunehmen. Meinen Kindern gebe ich gerne mit:
Egal ob du denkst, du schaffst es, oder ob du denkst, du schaffst es nicht – du hast in jedem Fall recht!
Henry Ford
Das gilt bei den Kindern für den Sprung vom 3-Meter-Brett genauso wie fürs Kochenlernen.
Genauso stelle ich mir die gemeinsame Haltung positiv vor. Ja, wir können es schaffen. Wir brauchen eine Vision, wie genau wir uns diese Zukunft vorstellen, und müssen selbst die Schritte gehen, sie umzusetzen. Wie werden wir arbeiten? Welche Bildung wird notwendig sein? Wie steht es um Kunst und Kultur im digitalen Zeitalter? Wie nutzen wir die Digitalisierung, um gesünder oder auch länger gesund zu leben? Wie bewegen wir uns fort und wie schützen wir unsere Umwelt? Diese Fragen betreffen unser tägliches Leben heute sowie das unserer Enkelkinder in der Zukunft.
Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für die Welt.
Mahatma Ghandi
Lassen Sie uns groß denken. Wie etwa kann die Digitalisierung helfen, nachhaltig eine bessere Welt zu entwickeln? Die Global Goals, also die weltweiten Ziele, werfen die Frage auf, wie wir ein Leben ohne Armut, Hunger oder etwa Krankheit in allen Teilen der Welt sicherstellen können. Erste Ansätze gibt es: So liefert DHL bspw. mit Drohnen Medikamente in entlegene Gebiete Afrikas.5
Global Goals: Im Jahr 2015 vereinbarten die Staats- und Regierungschefs 17 Ziele für eine bessere Welt bis 2030. Diese Ziele haben die Kraft, Armut zu beenden, Ungleichheit zu bekämpfen und den Klimawandel zu stoppen. Geleitet von den Zielen ist es nun an uns allen – Regierungen, Unternehmen, Zivilgesellschaft und öffentlichkeit –, gemeinsam daran zu arbeiten, eine bessere Zukunft für alle aufzubauen.6
Wenn wir fest davon ausgehen, dass der Roboter, die Maschine oder der Computer uns in Zukunft ersetzen und wir dies quasi als Schicksal hinnehmen, ist dies so ziemlich das Gegenteil davon, sich selbst aktiv für eine positive Zukunftsprognose einzusetzen.
Und während beim Thema Erderwärmung der Einzelne vielleicht noch sagen mag »Das geht mich nichts an« oder »Mein kleiner Beitrag macht doch keinen Unterschied«, weil man es im Täglichen vielleicht nicht spürt, wenn etwa Eisplatten am Nordpol schmelzen, so dürfte sich in Sachen Digitalisierung jeder Einzelne angesprochen fühlen. Schließlich nimmt inzwischen jeder die veränderte Lebenswirklichkeit wahr. Sehr deutlich etwa beim Smartphone, das bei inzwischen acht von zehn Menschen fest im Alltag verankert ist. Dabei ist sein Prototyp, das erste iPhone, erst seit 2007 auf dem Markt.
Ich meine, dass der Mensch auch in Zukunft im Mittelpunkt stehen wird – und dass wir selbst dafür sorgen müssen. Als Menschen. Für Menschen. Mit digitalen »Hilfs«mitteln.
»Halb voll« in diesem Buch
Diese Reise, auf die ich Sie mitnehmen möchte, soll lebendig sein und Ihnen vor allem als Wegweiser dienen, den Sie gleich im Alltag nutzen können. Und so will ich in diesem Buch gedanklich Stationen durchwandern und am Zielpunkt unserer Reise immer zu einer Halbvoll-Haltung gelangen. Einem Aussichtspunkt, von dem aus Sie den Überblick haben oder zumindest eine neue Perspektive. Dabei will ich Sie einladen, bewusst in den Perspektivwechsel einzutauchen, der sich bietet.
»Aussichtspunkt« beschreibt es sehr schön, denn von dort sitzen Sie erhöht und können die Lage überblicken. Wer Herr der Lage ist, fühlt sich gleich besser. Nicht hilflos zusehen müssen mit der Gefahr, den Überblick darüber zu verlieren, was um einen herum passiert, sondern agieren können. In Selbstwirksamkeit kommen, nennen es die Kognitionspsychologen: Überzeugt sein, dass man es schaffen kann, wie schwer auch immer die Aufgabe sein mag, die vor einem liegt. So gehen wir Dinge an, und Herausforderungen lassen sich aus eigener Kraft erfolgreich lösen. Dazu müssen wir selbst die Erfahrung gemacht haben, etwas aus eigener Kraft schaffen zu können.7
Einige Lösungsansätze für mehr Selbstwirksamkeit im Digitalen bringt dieses Buch mit. Insbesondere im Kapitel 4: Bildung werde ich mich damit beschäftigen, wie wir uns die wichtigen Kompetenzen aneignen, über die wir zukünftig verfügen sollten. Wenn Computer sämtliches Faktenwissen speichern und jederzeit für uns abrufbar bereithalten, werden Soft Skills wichtiger als Hard Skills. Zur Frage, was dies für Auswirkungen auf unsere Arbeit haben wird, gibt es ein eigenes Kapitel 4: Arbeit.
»Halb voll« heißt nicht, dass automatisch alles super läuft. An einigen Stellen werde ich auf kritische Punkte bei der Entwicklung der Digitalisierung und dem Umgang mit digitalen Medien hinweisen. Technologie um der Technologie willen ist ein schlechter Berater, wie ich meine. Aber noch konkreter werden wir im Kapitel 3 sehen, wann etwas Neues – sei es Technologie oder nicht – überhaupt erfolgreich sein kann. Dort erkläre ich die 4W-Formel, die ich seit einigen Jahren in der Praxis anwende.
Insgesamt täte es uns gut, viel mehr in Diskurs zu gehen über »gute und schlechte« Digitalisierung. Und über Werte und Ethik, die als Grundlage wie ein ungeschriebenes Gesetz gelten müssten. Hierzu finden Sie mehr im Kapitel 3: Ethik.
Der gesunde Menschenverstand
Auch wenn das Digitale fremdes Terrain für Sie sein sollte, will ich Sie ermutigen, einen Urinstinkt auszupacken: Ihren gesunden Menschenverstand.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Methoden der Marktforschung habe ich in all den Jahren von der Pike auf gelernt, hinterfragt und weiterentwickelt. Dazu gehört, wie man Umfragen plant, durchführt und analysiert. Vor allem die Validität, also die Gültigkeit von Ergebnissen, ist seit jeher ein wichtiger Faktor in meiner täglichen Arbeit. Die Frage, die mich ständig begleitet, lautet: Können die Ergebnisse richtig sein?
Mit meiner Firma Dialego führen wir für Unternehmen Hunderte, manchmal Tausende von Interviews durch und analysieren diese (übrigens immer anonym). Heraus kommt dann bspw., wie die Menschen zur Digitalisierung stehen. Ein Ergebnis: Im Jahr 2018 sagten die wenigsten, dass sie »sehr offen« (nur 18 %) der Digitalisierung gegenüberstehen, die meisten Menschen waren »eher offen« oder »unentschieden«. Das finde ich plausibel. Mein GMV – gesunder Menschenverstand – sagt: »Das kann gut stimmen«, also veröffentliche ich diese Zahlen auch guten Gewissens. Natürlich muss hinter einer solchen wissenschaftlichen Studie mehr stehen als »nur ein Gefühl«. Die Methodik muss stimmen, die Stichprobe, das Auswertungsverfahren etc. Kunden, die uns beauftragen, vertrauen mir und meinem Team, dass wir das ordentlich umsetzen, und dieses Vertrauen nehme ich sehr ernst.

Wie stehen Sie zur Digitalisierung?
Nichtsdestotrotz spielt der Faktor Mensch eine wesentliche Rolle. Der darf sein Gehirn nutzen und im Kontext seiner Erfahrungen und seines Wissens kritisch auf solche Zahlen schauen. So tue ich es auch bei den eigenen Ergebnissen, selbst wenn ich überzeugt bin, dass die Methode der Untersuchung gut und richtig ist.
Über die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen wird täglich unser gesunder Menschenverstand geschärft. Er lernt übrigens besser als jede Maschine, womit wir uns noch weiter auseinandersetzen werden. Setzen wir ihn also ein. Neuroplastizität nennen Gehirnwissenschaftler die Fähigkeit des Gehirns, mit jeder neuen Erfahrung, die wir machen, neue Verbindungen auszuprägen. Sie ist damit besonders wichtig für uns Menschen.
Wenn der GMV Alarm schlägt
In Zeiten des digitalen Wandels erhöhen sich nicht nur Geschwindigkeit und Taktzahl innerhalb von Unternehmen, sondern gerade auch bei denen, die Nachrichten für Fernsehen, Zeitungen oder digitale Kanäle »produzieren«. Dort werden gerne Studien zitiert, um einer Nachricht mehr Gewicht oder ein Fundament zu geben. Manches Mal aber leider nicht mit wissenschaftlich fundierten Methoden, stattdessen gaukelt man vor, »diese 1000 Interviews sind repräsentativ«. Ich will Sie nicht mit Methodik langweilen, aber mir ist wichtig, dass Sie erkennen, welchen Zahlen Sie trauen können und welchen nicht. Schließlich wollen Sie sich ja ein Bild machen und auf eine Information vertrauen können. Wenn Sie Haltung zeigen, dann auch wohlinformiert.
Aus dem Unternehmensalltag eines Marktforschers kann ich sagen, dass es Anfragen gibt, die lauten: »Hauptsache, Sie liefern 1000 Interviews oder mehr. Dann ist es repräsentativ.« Genau das ist Quatsch, und ich erkläre Ihnen, warum.
Ein einfaches Beispiel, bei dem Sie vermutlich die Alarmglocken läuten hören: Stellen Sie sich vor, Sie sollen herausfinden, wie viel Wert die Deutschen ganz allgemein auf Biolebensmittel legen. Sie stellen sich an einem Samstagmorgen vor einen Biomarkt im Ort und fragen dort 30 Menschen, wie sie es mit dem Einkauf von Biolebensmitteln halten. Am Abend führen Sie die gleiche Umfrage vor dem Multiplex-Kino Ihrer Wahl durch und erreichen weitere 30 Personen. Am Sonntag setzen Sie sich in Ruhe hin, nehmen sich Ihre Interviews vor, werten die Antworten aus (wie oft wurde welche Antwort gewählt?) und vergleichen die beiden Gruppen, also Biomarkt- und Kinogänger. Was vermuten Sie? Was kommt raus? Ticken beide Gruppen gleich? Vermutlich nicht. In der Gruppe der Biomarktkäufer erhalten Sie vermutlich 100 % Zustimmung, wenn es um die Wichtigkeit von Biokost geht. Vor dem Kino wird der Wert deutlich niedriger liegen. Angenommen, Sie erwischen vor allem studentische Befragte, werden diese möglicherweise urteilen, dass sie aus Kostengründen eher zu konventionellen Produkten greifen. Welche Antworten sind nun »richtig«? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten: Die Stichproben waren nicht ausgewogen und nicht geeignet, etwa eine Aussage über alle Deutschen zu treffen, schließlich sind Sie allein durch die Ortswahl Ihrer Interviews jeweils auf spezielle Zielgruppen getroffen. Im Kapitel 2 werden wir darauf etwas genauer schauen.
Mit diesem einfachen Beispiel will ich Sie motivieren, Ihren gesunden Menschenverstand einzuschalten, wenn Sie solche Ergebnisse sehen. Lesen Sie nicht nur die Titelzeile. »Biolebensmittel total angesagt« könnte die Überschrift lauten, wenn ein Artikel über Biokäufer geschrieben wird. Es nützt übrigens wenig, wenn Sie Ihre Freizeit so lange vor dem Biomarkt verbringen, bis Sie 1000 Interviews oder gar 10 000 Interviews durchgeführt haben. Das Ergebnis passt immer noch nur für die Biokäufer. Daraus eine Aussage über die gesamte Bevölkerung abzuleiten wäre schlichtweg falsch. Daran ändert eine große Zahl Befragter gar nichts, sondern nur eine ausgewogene und kontrollierte Rekrutierung der Teilnehmer.
Lesen Sie also weiter, wenn Sie eine Überschrift sehen. Schauen Sie sich an, was im Detail berichtet wird. Wenn eine Studie zitiert wird, hinterfragen Sie diese kritisch. Eine gute Berichterstattung wird Auskunft darüber geben, wie befragt wurde und wie viele Menschen dahinterstehen. Jeder gute Journalist wird kritisch hinterfragen. Sollten Sie journalistisch tätig sein, dann lassen Sie sich nicht vom Druck im Hamsterrad und der Größe einer Stichprobe leiten, sondern überlegen Sie, was Sie veröffentlichen. Schließlich steht Ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel,8 auch wenn wir in Zeiten des Wandels und hohen Drucks sehen, dass reißerische Meldungen sich besser verkaufen mögen.
Aber was heißt das nun? Ich meine, Sie sollten Haltung einnehmen. Aus Ihrer Rolle und Verantwortung heraus, sei es als Mutter oder Vater, Arbeitnehmer, Manager, Lehrer, Pfleger, Freund … Seien Sie ehrlich mit sich selbst und fragen Sie sich: Kann das sein? Nehmen Sie sich die Zeit, gründlich zu lesen. Haben Sie diese nicht, dann verbreiten Sie bitte keine Meldung. Vergegenwärtigen Sie sich, dass Ihr Gegenüber Ihren Aussagen vertraut.
Wir werden uns im Verlauf noch mit der Bedeutung von Marken, bspw. als Absender eines Produkts oder einer Dienstleistung, beschäftigen. Allgemein betrachtet ist jeder Einzelne eine »Marke«, ebenso wie Institutionen. Warum es in Zeiten digital schnell verbreiteter (Falsch-) Meldungen so wichtig ist, sich selbst treu zu bleiben und die eigene Glaubwürdigkeit und Integrität zu wahren, lesen Sie im folgenden Beispiel.
Wie eine hochintegre Institution zweifelhafte Statistiken verbreitet
Während ich dieses Buch schrieb, veröffentlichte das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie das Ergebnis einer Studie auf Twitter: 25 % der Deutschen können in wenigen Worten erklären, was künstliche Intelligenz (KI) bedeutet. Darunter noch ein lustiges Interaktionselement: eine Umfrage. Twitter ist ein 2006 gestarteter Social-Media-Kanal, auf dem mit 1,8 Millionen deutschsprachigen Nutzerkonten vergleichsweise wenige Nutzer aktiv sind. Sie treffen hier überwiegend »Fachpublikum« wie Journalisten, Politiker und Experten ihres Fachs.
Zurück zur Umfrage auf Twitter. Sie ahnen es schon: Wir haben hier den Biomarkteffekt. Ganze 93 % der 43 Teilnehmer auf Twitter (ich war eine davon) können KI erklären. Nur drei verneinten. Mein GMV sagte bei den 93 % »Ja, das passt«, ist Twitter doch ein Medium, in dem sich fast ausschließlich technologieaffine Menschen tummeln. Und wer sich für die Nachrichten eines Wirtschaftsministeriums interessiert, ist wohl erst recht im Thema.
Aber 25 % der Deutschen? Mein GMV schlug Alarm. Wäre der Absender irgendein Klatschblatt gewesen, hätte ich drüber hinweggelesen, weil ich schon diesen Absender nicht ernst nehme (Thema Marke! Dazu weiter unten mehr). Aber das Bundeswirtschaftsministerium? Dort, wo ich seit einigen Jahren und sehr gerne eine Beiratsrolle wahrnehme und Hinweise geben soll, wie das Digitale zu gestalten ist? Da fühle ich mich aufgefordert, Haltung einzunehmen. Ich muckte auf und antwortete auf den Tweet, dass ich Zweifel an der Richtigkeit der 25 % habe. Ich schätze diese Zahl – aus meiner Erfahrung und Studien heraus – deutlich niedriger ein. Zwar erhielt ich keine Antwort des BMWi, aus dem Lobbyumfeld aber erreichte mich eine scharf formulierte private Nachricht. Und was glauben Sie, was darin stand? Wie ich es mir erlauben könnte, eine Aussage des BMWi in Zweifel zu ziehen! Meine Antwort: Gerade weil ich mich in dem Feld auskenne, finde ich es wichtig, Haltung einzunehmen.
Genau das ist entscheidend: Lassen Sie uns in Diskurs gehen, statt blind zu vertrauen. Am Diskurs wachsen wir alle und lernen aus der Erfahrung und im Kontext mit anderen. Dazu gehört auch, etwas aushalten zu können. Im blinden Vertrauen jedoch bleiben wir passiv, wachsen nicht in die Gestalterrolle und fügen der Diskussion keine eigenen Akzente hinzu. Also: Statt einfach im Schwarm mitzuschwimmen, drücken Sie die eigene Haltung oder Überzeugung aus dem gesunden Menschenverstand offen aus, auch wenn mit Widerstand zu rechnen ist. Resilienz nennen die Psychologen diese Widerstandskraft. Was dazu beitragen kann, diesen wichtigen Soft Skill zu schulen, sehen wir im Kapitel 4: Bildung.
Zum Diskurs gehören Argumente und Gegenargumente, die uns oder unser Gegenüber auch überzeugen können. Es gehört Mut dazu, Fehler und Fehleinschätzungen zu korrigieren oder zu kommentieren. Als schädlich dagegen stufe ich Passivität ein – die »Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen«-Haltung der berühmten drei Affen, wie ich sie zunehmend wahrnehme. Und zwar immer dann, wenn die Themen besonders kompliziert werden, wie etwa beim Thema Daten.
Lassen Sie uns aufstehen und den Diskurs starten. Aus gesundem Menschenverstand. Das wäre ein wunderbarer Beginn der »halb vollen« Sichtweise auf die Welt.
Mensch und Maschine
Stärken entfalten
Die »Halb voll«-Haltung kann uns helfen, in jeder Situation auf die Stärken und Potenziale zu blicken statt auf die Schwächen. Der Neurobiologe und Bestsellerautor Gerald Hüther nennt es Potenzialentfaltung und beschreibt, dass wir mit Kreativität und Begeisterung statt Stress und Leistungsdruck das entfalten, was in uns steckt.9 Die Neuroplastizität, also Weiterentwicklung unseres Gehirnnetzwerks, geschieht nur, wenn wir etwas mit Begeisterung tun. So liegt es mir am Herzen, Begeisterungsfähigkeit für diese neue digitale Welt zu schaffen. Wer in Zeiten des digitalen Wandels zum Gestalter wird und die eigenen Stärken entfaltet, kann vom Wandel nicht überrollt werden.
Der Beginn dazu ist Neugier. Beeindruckende Beispiele für Neugier begegneten mir in den USA, wo ich zwei Mal gelebt habe. Das erste Mal flog ich gleich nach dem Abitur rüber, um für einige Wochen bei einer Familie zu leben. Schon im Auto vom Flughafen nach Hause wurde klar, dass ich in einer mir noch sehr fremden Kultur gelandet war. Ich wurde auf lockere Art und Weise über dies und jenes befragt und empfand das als echte Neugier auf die Person, die nun bei ihnen einzog. Jetzt kann man sagen, wer einige Wochen oder Monate den Haushalt teilt, interessiert sich wohl besser für seine neue Mitbewohnerin. Sicher stelle ich die amerikanische Kultur hier sehr vereinfacht dar, aber belassen wir es an dieser Stelle bei diesem für mich bleibenden Eindruck: Während meiner mehrmonatigen Aufenthalte in Familien gewann ich das Gefühl, dass die Kultur Neugier ausstrahlte. Neugier auf das, was da kommen mag. Wissen, dass man etwas selbst entdecken kann und muss. Eine Art Christoph-Kolumbus-Mentalität, die Welt (neu) zu entdecken. Und diese Neugier steckte mich an.
Einfach mal herausfinden, was hinter einer Haltung oder Handlung steckt, was den anderen antreibt und bewegt – ein Grund, warum ich mich im weiteren Verlauf meiner Laufbahn für die Marktforschung entschied und somit dafür, den Dingen auf den Grund zu gehen, den Menschen wirklich zu verstehen und dann in seinem Sinne zu handeln.
Wie wäre es also, wenn wir dem Menschen zugewandt grundsätzlich auf die Potenziale schauen statt auf die Defizite? Wenn wir betrachten, was den Menschen wirklich ausmacht, und ihn darin fördern, worin er stark ist? Denn wenn wir weiter alle gleich behandeln, betrachten wir den Menschen wie eine Maschine. Die macht alles gleich, kann aber auch nur Bekanntes verarbeiten. Nur das, was sie gelernt hat. Von »Natur« aus, eben weil sie keine Natur ist, sondern programmiert wird mit dem, was sie tun soll. Nicht umsonst gibt es ganze Forschungsfelder, wie etwa die Bionik, bei der die Maschine von der Natur lernen soll. Aber auch dies bedeutet lediglich nachzuahmen, was die Natur selbstständig hinbekommt. Während die Natur sich selbst weiterentwickelt, bleibt die Maschine in ihrem Imitationsmodus stecken. Allein die neurobiologische Erkenntnis, dass Kreativität und Begeisterungsfähigkeit neue Verbindungen im Gehirn des Menschen herstellen, lässt erahnen, dass dies maschinell unmöglich ist.
Bionik: Wissenschaft, die technische, besonders elektronische Probleme nach dem Vorbild biologischer Funktionen zu lösen versucht. (Duden online)
Wir verkennen den großen Unterschied zwischen Mensch und Maschine, wenn wir nicht endlich umdenken, beide grundlegend anders behandeln und deutlich machen, dass uns der Unterschied sehr wohl bewusst ist. Das kommt mir oftmals zu kurz.
Dabei will ich Sie ermuntern, nach Lösungen zu suchen, wie Mensch und Maschine nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten. Eine Lieblingsserie meiner Kinder ist »Miraculous«.10 SuperheldenFilme wie »Superman« u. Ä. erlangen seit Jahrzehnten zuverlässig Weltruhm. Sie handeln davon, wie der Mensch Superkräfte erhält und so die Welt rettet. So ähnlich, mit weniger Fiktion, stelle ich mir die Zukunft vor, wie wir sie prägen. Auch in der Digitalisierung gewinnt der Mensch, mit digitalen Superkräften, die uns nicht schwächen, sondern die wir als Stärke zu nutzen wissen.
Das Wesen des Menschen
Bedenke, dass die menschlichen Verhältnisse insgesamt unbeständig sind, dann wirst du im Glück nicht zu fröhlich und im Unglück nicht zu traurig sein.
Sokrates (469 – 399 v. Chr.)
Was macht den Menschen aus und was die Maschine? Ich will aus der Perspektive der Wirtschaftsinformatikerin erzählen, die im Hinterkopf immer gleich die Realität in Programmlogik übersetzt. Die Wirtschaftsinformatik ist einerseits ein Brückenbauer, und zwar wortwörtlich zwischen (jedem vorstellbaren Zweig) der realen und der Wirtschaftswelt und der Informatik oder Computerwelt. Andererseits ist sie Übersetzer zwischen der neuen digitalen Sphäre, den IT-Experten und allen anderen Lebensbereichen. Denn unser Leben ist bereits durchzogen von digitalen Elementen. Sei es das Theaterticket, das ich per App kaufe, oder der Urlaubsantrag, den ich online einreiche. Auch Maschinen, die ich vielleicht heute noch selbst steuere, werden zunehmend miteinander kommunizieren.
Mich interessiert hier aber das zutiefst Menschliche in unserer Welt. Das Menschliche, das uns täglich begleitet und sich durch eine digitalisierte Welt mehr und mehr herausgedrängt fühlt. Ich möchte ergründen und beweisen, warum der Mensch wichtiger ist als die Maschine. Und warum das auch so bleiben wird, sodass jeder einzelne Mensch dem digitalen Wandel mit mehr Selbstbewusstsein begegnen kann.
Vor allem aber liegt mir am Herzen, Handlungsempfehlungen zu geben, wie Sie, ich, wir alle gemeinsam die Welt menschenwürdig erhalten. Vielleicht finden Sie die heutige digitalisierte Welt schon »menschen-unwürdig« und haben das Gefühl, der Mensch sei bedroht?
Die Würde des Menschen ist unser höchstes Gut. Das Grundgesetz beginnt in Artikel 1 mit dem Grundsatz »Die Würde des Menschen ist unantastbar« und dies gilt natürlich auch in der digitalen Welt. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, Ihnen Impulse mit auf den Weg zu geben, wie Sie als Einzelner dazu beitragen können, die Welt menschenwürdig zu gestalten, auch wenn Ihnen das Digitale vielleicht noch sehr fremd ist. Und dies mit den digitalen Möglichkeiten, nicht gegen sie.
Das Ziel ist erreicht, wenn Sie am Ende des Buches nicht mehr ganz so viel Respekt davor haben. Wenn Sie die letzte Seite mit dem Gefühl lesen, dass Sie es anpacken können, ja, vielleicht sogar richtig Lust haben, »dieses Digitale« jetzt noch mal bei den Hörnern zu packen. Dann ist es gelungen: die Zukunft vom Menschen her und für den Menschen zu denken.
Eine positive Haltung gegenüber den digitalen Möglichkeiten scheint mir die einzige Option zu sein, als Gesellschaft den Wandel so zu gestalten, dass der Mensch auch wirklich im Mittelpunkt steht. Und dabei möchte ich Sie mitnehmen, ganz gleich ob Sie Schüler, Eltern oder ein Manager sind, der Verantwortung für viele Mitarbeiter trägt. Lassen Sie uns eine Reise in eine positive, digitale Zukunft antreten. Dazu gehört auch, dass wir eine Aufklärung erfahren darüber, was technologisch geht, was wir selbst beeinflussen können, wenn wir digitale Technologien nutzen, und wie wir sie selbst gestalten können. Insbesondere all jene, die im Berufsleben stehen, die privat oder auch im Ehrenamt Verbesserungen herbeiführen wollen und können.
Dafür möchte ich Ihnen ein Beispiel geben. Es gibt Menschen, die haben schon ein halbes Leben lang vor, ein Buch zu schreiben. Ich dagegen brauchte ein erschütterndes Erlebnis, um auf diese Idee zu kommen. Mit 45 Jahren hatte mein Mann einen Herzinfarkt. Einfach so, mitten am Nachmittag. Zum Glück war schnell der Krankenwagen da und sein Herz konnte – nicht zuletzt dank digitaler Technologien – mit 100 % Leistung gerettet werden.
Auf dem Weg ins Krankenhaus waren die Helfer im Krankenwagen bereits mit Ärzten in der Notrufstelle verbunden. Sie sahen live seine Vitalparameter und informierten den behandelnden Arzt im Klinikum detailliert, sodass dort alles für den anstehenden Eingriff vorbereitet werden konnte. Die Technologie namens Telenotarzt ist eine Entwicklung, die zufällig und glücklicherweise bei uns in der Region Aachen entstanden und hier als Erstes im Einsatz war. Im Krankenhaus angekommen, waren die Ärzte bereit und schoben ihn gleich in den OP.
Vollkommen unerwartet traf uns dieses schreckliche Ereignis. Und es führte dazu, dass wir überlegten, was wir eigentlich noch erleben wollten, und dass wir begannen, dies umzusetzen.
Ich wünsche niemandem solch eine Situation. Doch auch ohne sie liegt es an jedem Einzelnen selbst, sein eigenes Geschick in die Hand zu nehmen. Besonders in Zeiten des schnellen Wandels, in denen die Zeit rast und sich das Gefühl einstellt, man habe immer weniger Zeit für sich und seine Aufgaben.
Es geht um den Menschen. Darum, wie es uns geht. Mit drei Kindern, zwei Jobs, Selbstständigkeit und mehreren Ehrenämtern, die auf unseren Schultern lasteten, kamen wir schlicht zu kurz. Wir waren weniger die Gestalter unseres Lebens als vielmehr die, die auf äußere Umstände, die wir selbst geschaffen hatten, reagierten. Das Leben gestaltete uns und das machte Angst.
Neurobiologisch gibt es nur drei Reaktionen auf Stress oder Angst: Flucht, Schockstarre oder Angriff.11 Wir entschieden uns für den Angriff im positiven Sinne, nämlich die Neusortierung unseres Lebens. Ich gab viele Ehrenämter ab, bei denen ich das Gefühl hatte, dass das Verhältnis zwischen meinem positiven Zutun und dem Aufwand, wie etwa Reisezeiten, nicht stimmte. Oder wo es einfach menschlich nicht harmonierte und unglaublich viel Energie dabei draufging, dass man im Team klarkommt und miteinander statt gegeneinander arbeitet.
Eine Sache aber kristallisierte sich immer stärker heraus: Ich wollte und will darüber erzählen, warum technologischer Fortschritt nichts ist, vor dem die Menschen sich ängstigen oder weshalb sie in Schockstarre fallen sollten. Dass wir vor der digitalisierten Welt nicht fliehen, sie nicht bekämpfen müssen, sondern dass sie uns Menschen sehr viele Chancen liefert – sei es im Job, in der Freizeit oder, wie ich gerade erst erfahren hatte, im Krankenwagen.
Ich bin überzeugt, dass digitale Technologien geeignet sind, es uns Menschen besser gehen zu lassen und das Leben lebenswerter zu machen. Dazu bedarf es nicht einmal so lebensbedrohlicher Situationen. Dieses Buch spricht nicht ausführlich darüber, wie die Digitalisierung gerade in den Regionen helfen könnte, wo Menschen in Not sind, wie in Schwellen- und Entwicklungsländern, in Krisenregionen und von Bürgerkriegen geschüttelten Ländern. Es würde dem Thema nicht gerecht werden, wenn ich behaupten würde, das könnte man »mal eben« abhandeln. Es macht mir aber Hoffnung, wenn wir bspw. in der Lage sind, Medikamente mit Drohnen in Krisengebiete zu bringen und auch in Schwellenländern erste digitale Lösungen zu sehen.
Perspektivwechsel
Falls Sie sich über meinen Namen wundern: Ja, der steht so im Pass, denn ich bin Deutsche mit Migrationshintergrund. Mein Vater ist Syrer und meine Kindheit verbrachte ich wie viele Migrationskinder: Am ersten Tag der Sommerferien ging es nach Syrien und sechs Wochen später kamen wir zurück. Es ist das Leben in zwei ganz unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten, das mich gelehrt hat, aufmerksam zu sein, Kulturen zu erspüren und andere Perspektiven zu verstehen. Ich liebe es, Teil beider Kulturen zu sein, auch wenn sich der Kontakt zu meiner Familie in Syrien (der weitaus größte Teil lebt weiterhin dort) auf den Austausch via Facebook beschränkt. Allein dafür empfinde ich soziale Netzwerke als unglaublich wertvoll. Dass sie auch Zeitfresser und Ablenkungsmanöver von Wichtigerem sein können, wenn man mehr reagiert als selbst agiert – damit werden wir uns noch beschäftigen.
Ohne Facebook hätte ich nicht so viele Cousinen und Cousins und deren Kinder wiederentdeckt. Es wäre nahezu unmöglich, denn als ich das letzte Mal in Syrien war, gab es dort noch keine Smartphones und somit keinen Austausch über WhatsApp, Viber, WeChat, Kakao oder andere Messenger. Heute verfolgen wir alle digital, was in den Familien passiert, und bekommen viel mehr voneinander mit. Auch hier kann und darf man kritisch sein, denn natürlich bringen die neuen digitalen Möglichkeiten eine schier unfassbare Datensammlung mit sich. Gleichzeitig schmerzt es mich zu sehen, dass in Zeiten des Bürgerkriegs einige Themen nicht öffentlich angesprochen werden, weil die Menschen Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Es ist ein Beispiel dafür, wie Daten gegen den Menschen verwendet werden können. Auch das schauen wir uns noch genauer an.
Dabei geht es mir weniger um ein politisches Statement als vielmehr um den Appell, genau hinzuschauen. Ebenso wie bei den Studienergebnissen tut oft ein Perspektivwechsel gut. Die Weltlage über verschiedene Medienkanäle zu verfolgen ist im digitalen Zeitalter recht leicht und erweitert den eigenen Horizont.
Genau hier liegt schon das erste Potenzial der Zukunft: Mithilfe künstlicher Intelligenz sind automatische Übersetzungen in viele Sprachen bereits in guter Qualität möglich. Kürzlich sah ich ein Start-up, das die Weltnachrichten aus verschiedensprachigen Medien in einer für mich lesbaren Sprache, zum Beispiel Deutsch oder Englisch, zusammenstellte. Ein Beispiel dafür, in einer positiven digitalen Zukunft umfassender informiert zu sein.
Die Merkmale der Maschine
»Mensch und Maschine« sind zumeist ein Kontrast: der lebendige, unberechenbare Mensch versus die maschinell programmierte Routine. Auch wenn ich in meinen Zeilen den Computer oder Roboter meine, so spreche ich oftmals einfach von der Maschine. Was macht sie also aus?
Maschinen sind besonders gut darin, einmal Gelerntes immer wieder zu tun. Das gilt für unsere »digitalen Maschinen« gleichermaßen, die, vereinfacht gesagt, aus etwas Blech und aus viel Software, den sogenannten Algorithmen, bestehen. Jede Maschine wiederholt in hoher Geschwindigkeit und Gleichmäßigkeit ihre Aufgaben.
Computersoftware wird manches Mal als »intelligent« bezeichnet und wir denken: »Moment mal, intelligent ist doch etwas, was uns Menschen ausmacht?!« Und so entspinnt sich die Diskussion darüber, wie intelligent Maschinen eigentlich sind und ob sie uns Menschen in ihrer Intelligenz überholen können. Wie intelligent Maschinen wirklich sein können, betrachten wir in Kapitel 2.
Wer aus dem Kino kommt und lieber heute als morgen in der Zukunftsvision des Science-Fiction-Szenarios leben würde, der mag vielleicht nicht weiterlesen. Ich glaube nicht daran, dass wir innerhalb der kommenden 100 Jahre zum Cyborg mutieren und in einer Art Science-Fiction-Film leben werden. Gleichzeitig bin ich großer Technologiefan und liebe es, quasi in der Zukunft zu leben. Bei vielen neuen Gadgets kann ich es gar nicht abwarten, sie auszuprobieren.
Während hierzulande noch diskutiert wird, wie wir die Zukunft der Mobilität gestalten, setzte ich mich im Jahr 2015 erstmals in ein reines Elektroauto, das mehr Computer als Automobil ist, und fahre es seitdem. Unzählige Menschen haben mich angesprochen und fragen, wie das denn so klappt mit der Reichweite und dem Laden von Strom (falls Sie gerade die gleiche Frage im Kopf haben: Es fährt 400 km weit, ich lade entweder zu Hause oder nutze lokale Ladeinfrastrukturen, die aber noch ausbaubedürftig sind), und wundern sich, dass es auch sicherheitsrelevante Updates vor der Haustür über das WLAN zieht.
Auch die neuen Sprachassistenten wollte ich gleich ausprobieren. Ich gebe zu, den Fakt, dass da nun eine Technik ständig zuhört, wische ich nicht einfach so von der Schulter. Wir sollten die Frage, was von wem wann aufgezeichnet wird, diskutieren, schließlich gibt es eine ethische Seite hinter all der Technologie. Damit und mit der Frage, wen lasse ich zuhören, werden wir uns noch beschäftigen.
Was mich fasziniert, sind technische Alltagsgegenstände, die unser Leben erleichtern. Und dabei möglichst wenig ins Gewicht fallen, also keinen Aufwand produzieren, und sich nahtlos in mein Leben einfügen. Nicht ich will mich an das neue Gerät anpassen, sondern ich erwarte, dass es sich auf mich einstellt und mir eine Art Leichtigkeit verschafft. Nicolas Negroponte beschrieb bereits im Jahr 1995 in seinem Buch »Being Digital«12 eine Zeitung, die wir zukünftig als digitales, rollbares Papier überallhin mitnehmen werden, den Computer, der mich versteht – nicht umgekehrt –, und den Sprachassistenten, der uns zuhört und unsere Sprache spricht.
Einiges davon ist wahr geworden: Spracherkennung hat große Fortschritte gemacht, perfekt ist sie noch nicht. Und sie erkennt nur, was sie gelernt hat, was wir im Kapitel 2: Künstliche Intelligenz besser verstehen werden. Anderes scheint noch in weiter Ferne, wie etwa das digitale Zeitungspapier oder der Computer, der mich selbstständig versteht und in meinem Sinne agiert. Nicht zuletzt ist der Erfolg eines sehr intuitiv bedienbaren Smartphones wie des Apple iPhone ein Indiz, dass in dem Feld noch viel Raum ist für wirklich »smarte« Technik, die sich an den Bedürfnissen des Menschen ausrichtet.
Letztlich will ich selbst jederzeit Herr oder Frau der Lage sein und mich für oder gegen eine Technologie entscheiden können. Aber eine Maschine, die mein Leben erleichtert, hat gute Chancen, ein regelmäßiger Partner meines Lebens zu werden.
Doch wie stellen wir das an? Woran fehlt es, dass wir zwar sorgenvoll in die Zukunft schauen und die Bedeutung der Technologie für uns alle diskutieren, aber wenig Lösungsvorschläge in Sicht sind, wie wir die Zukunft für uns Menschen gestalten?
Es ist an der Zeit, eine eigene Haltung einzunehmen, digitalen Technologien nicht per se und unkritisch nachzuhecheln, uns ihnen aber auch nicht komplett zu verweigern. Wenn wir das Digitale gestalten, kann es eine durchweg positive Entwicklung sein. Wir brauchen eine neue Art der Digitalkultur.
Ich will Ihnen das Handwerkszeug mitgeben, selbst ins Gestalten zu kommen, und Ansätze zum Nachdenken und für den Diskurs aufzeigen. Ich möchte meine Erfahrung teilen aus den vergangenen 20 Jahren Arbeit mit Menschen und Unternehmen, überwiegend im Bereich der Innovation, aber auch rund um Marken und Digitalisierung. Schlussendlich sollen Ihnen der Methodenkoffer und mein Manifest helfen, im Alltag die Herausforderungen der digitalen Realität – oder auch Digitalität – zu meistern.
2 Vom Algorithmus zum Menschen
Digitalität
Sind Sie schon mal über den Begriff »Digitalität« gestolpert? Gemeint ist die Kombination aus »Digitalisierung« und »Realität«. Digitalität will ausdrücken, dass wir nicht über eine rein technologische Entwicklung reden, sondern dass das Digitale bereits Teil unserer Lebensrealität ist und in Zukunft noch viel mehr mit ihr verwoben sein wird. Der Einfluss auf unsere Gesellschaft und unsere Lebenswelten steckt in »Digitalität« ebenso wie die soziale Komponente in unserer heutigen digital-analogen Welt.
Ich persönlich halte nicht viel von Wortklauberei. Während das eine Thema (Digitalisierung) noch nicht vollständig verstanden ist, wird bereits der nächste Fachbegriff (Digitalität) eingeführt. Jeder Einzelne, der mit der Digitalisierung noch nicht abgeholt wurde und verstanden hat, was sie für ihn bedeutet, könnte vollkommen durcheinandergeraten oder gleich abschalten und »nix davon hören« wollen.
Das Internet ist für uns alle Neuland,
sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Treffen mit dem US-Präsidenten Obama im Juni 2013 und wurde im Internet der Experten, auf Twitter, sogleich verhöhnt. In Wirklichkeit sprach sie etwas aus, was vielleicht die Mehrheit der Menschen denkt, und das sollte daher kein Anlass für Gespött sein.
Vor diesem Hintergrund dachte ich spontan, als ich das erste Mal von »Digitalität« hörte: Nein, nicht noch eine neue Formulierung für die gleiche Sache! Für dieses Buch setzte ich mich dann doch näher damit auseinander und muss zugeben, dass sehr viel Sinn in ihm steckt.
»Digitalität« will ausdrücken, dass wir nicht aus der Technikperspektive auf die Veränderungen schauen, die die Digitalisierung mit sich bringt, sondern aus der gesellschaftlichen Perspektive. Genau das ist ja die Motivation für mein Buch! Ich war hin- und hergerissen: Bediene ich mich nun auch dieser unsäglichen Manier, gleich mit dem nächsten Schlagwort um mich zu werfen? Oder ist es nur fair, Sie gleich mitzunehmen in den neuesten »heißen Scheiß« in der Umschreibung dessen, was uns alle inzwischen alltäglich beschäftigt? Nämlich weniger die reine Technologie, die unseren Alltag bestimmt, sondern vielmehr die Frage dahinter, wohin das alles führt und wie unsere zukünftige Lebensrealität aussieht. Und ob wir uns von der digitalen Elite, die in der Lage ist, das Digitale zu verstehen und heute schon zu gestalten, irgendwann abhängen lassen oder ob ganz selbstverständlich das Digitale Bestandteil unserer Realität wird und so ziemlich jedermann es selbst gestalten kann.
Die digitale Realität ist heute schon unser Alltag. Kaum wegzudenken ist das Mobiltelefon, das uns mit allem und jedem vernetzt. Es ist oft das Erste, was wir morgens in die Hand nehmen, und das Letzte, was wir abends aus der Hand legen. Es ist vielfach sogar sehr zentraler Bestandteil unseres Tagesgeschehens, und das nicht nur im Job. Sei es, dass wir mit Freunden, Familie oder Kollegen per WhatsApp in Kontakt sind, uns per digitalem Kalender und mit Einkaufslisten selbst organisieren oder der neue Personal Trainer eine Lauf-App ist. Im Büro oder am Fließband, ja selbst im Traktor, ist das Digitale nicht wegzudenken.
Die Agrarwirtschaft war sogar der erste Wirtschaftszweig mit der höchsten Digitalisierungsrate. Die Zukunft ist auf dem Feld nebenan schon eingezogen, ohne dass wir es vielleicht wahrnehmen: Äcker werden digital kartiert, Sensoren messen die Feuchtigkeit des Bodens, den Schädlingsbefall oder den Wachstumsfortschritt der Pflanzen. Die Daten landen in Echtzeit auf Datenbanken und Landmaschinenhersteller bieten zu den Sensoren am Ackergerät gleich die digitale Plattform mit der Analyse der umfassenden Datensammlung.13 Die genaue Position per GPS fließt ebenso ein wie Sensor- oder Wetterdaten. So empfiehlt heute schon der digitale Helfer den optimalen Zeitpunkt für Aussaat, Düngung oder Wässerung. Dabei fahren Erntemaschinen autonom und Unkraut wird per Laser gejätet. Im positiven Sinne kann die digital unterstützte Bewirtschaftung mit umweltverträglichen Hilfsmitteln die Natur aufs Feld zurückholen und könnte – wenn der Mensch das Ziel setzt – sogar dabei helfen, dass die Artenvielfalt zurückkehrt.
Was denken die Menschen über Digitalisierung?
Wir haben die Menschen gefragt, wie sie zur Digitalisierung stehen.14 Das Ergebnis: Das Internet verändert unser Leben, es bringt viel Neues für unsere Zukunft, aber auch eine neue Geschwindigkeit.
Dass vieles einfacher und schneller geht, gehört zu den positiven Aspekten. Negativ schlägt vor allem zu Buche, dass der Mensch zu kurz kommt, ebenso wie die Sorge um Datenmissbrauch.
Digitale Medien sind integraler Bestandteil unseres Lebens geworden. Wir informieren uns nicht mehr nur (wenn überhaupt) durch klassische Medien, wie Zeitungen oder TV-Sendungen, sondern können Nachrichten im Minutentakt online verfolgen. Filme schauen wir immer seltener nach festem Fernsehprogramm, sondern zu jeder beliebigen Zeit (dann, wann es uns passt) und an jedem beliebigen Ort (dort, wo wir gerade sind) auf verschiedenste Endgeräte gestreamt, sprich: übertragen.
Die neuen digitalen Möglichkeiten der Information und Kommunikation bringen uns einen großen Nutzen, auch wenn wir die damit einhergehende Informationsflut vielleicht schon als Last empfinden und lernen müssen, damit umzugehen. Uns nicht scheuchen zu lassen von dem, was per Handy, E-Mail-Box oder Social Media sofort unsere Aufmerksamkeit fordert. Wir geraten ins Reagieren, statt aus eigenem Antrieb handeln zu können, und verlieren darüber jede Menge Zeit und Fokus, nämlich selbst die Gestalter unseres Tages zu sein. Besonders auffällig wird dies im Job, worüber ich in Kapitel 4 spreche.

Meinung der Menschen zur Digitalisierung

Chancen der Digitalisierung
Wo hat das Gestalten seine Grenzen? Natürlich kann nicht jeder seinen Job täglich neu arrangieren. Aber wir dürfen und müssen die Frage stellen, worin unsere Rolle als Mensch, als Rädchen eines Prozesses, besteht. Ob wir stets auf immer gleiche Weise funktionieren sollten oder ob dies nicht vielmehr eine Aufgabe ist, die die Maschine besser übernehmen kann. Wo können wir den gesunden Menschenverstand einsetzen, um das Digitale sinnvoll zu gestalten?

Risiken der Digitalisierung
Wir schauen auf eine neue digitale Realität. Lernen Sie aus Beispielen, aber auch aus meiner Perspektive als Mutter, Unternehmerin und Informatikerin. Ich wünsche mir, dass Sie dies zu Ihrer ganz persönlichen Reise werden lassen. Was von meinen Exkursen betrifft Sie? In welchem Maße? Was sind Ihre persönlichen Lösungsansätze aus dem Gelernten?
Fragen wir uns gemeinsam, wie wir – jeder Einzelne, aber auch wir als Gesellschaft – die menschlichen Stärken stärken. Und zwar genau in dieser neuen digitalen Realität. Nicht wegen ihr oder gegen sie, sondern mit ihr. Lassen Sie uns erkunden, was die digitale Zukunft bringen wird. Dazu sind ein paar Grundkenntnisse zur digitalen Welt wichtig. Denn mit dem passenden Rüstzeug und Grundverständnis lässt sich genau diese Zukunft gestalten.
Algorithmus
Was ist eigentlich ein Algorithmus? Das Gabler Wirtschaftslexikon sagt, es sei ein
Lösungsverfahren in Form einer Verfahrensanweisung, das in einer wohldefinierten Abfolge von Schritten zur Problemlösung führt.
Algorithmen beschreiben also eine Verfahrensanweisung zur Lösung eines Problems. Sie erkennen nicht das Problem, geschweige denn, dass sie es (eigenständig) lösen – dazu müssten sie es ja »verstehen«. Ein Problem besteht immer in einem gewissen Kontext, den es ebenfalls zu durchschauen gilt. Ein Kaugummi ist etwa im Supermarktregal oder im Mund (sofern Sie gerne Kaugummi kauen) eine gute Sache. Unter dem Schuh klebend nicht. Abgesehen davon, dass uns kein Algorithmus der Welt den Kaugummi von der Schuhsohle kratzen wird, ist die Einordnung, ob »Kaugummi« etwas Gutes oder Schlechtes ist, nur im Kontext machbar. Dem Menschen gelingt das sehr leicht, Maschinen müssen dies vom Menschen lernen.
Schauen wir auf ein Beispiel aus meinem Alltag, um den Begriff »Algorithmus« besser zu verstehen. Mit einem Algorithmus könnten Sie etwa einen Tagesablauf in Form von Schritten beschreiben mit all den Aufgaben, die auf Sie warten (es müssen ja nicht immer gleich »Probleme« sein, wie o. g. Definition beschreibt). Manche Aufgaben können Sie erst erledigen, wenn zuvor eine bestimmte Bedingung eingetreten ist. »WENN – DANN« oder »SOLANGE« sind typische Lösungsverfahren in Algorithmen.
Hier mein Beispiel: Meine kleinste Tochter plant ihren Übernachtungs-Kindergeburtstag mit Freundinnen. Und der sieht in etwa so aus:
WENN alle Kinder da sind,
DANN Flaschendrehen UND Geschenke auspacken,
SOLANGE noch Geschenke da sind.
DANN Marmorkuchen essen.
DANN Schatzsuche usw.
Wenn man sich die einfache Abfolge des Kindergeburtstags anschaut, erkennt man ein Regelwerk, das vermutlich jeder von uns kennt. Die Maschine folgt Algorithmen, wie wir Menschen etwa Ritualen. Es gibt kleine Unterschiede und Abweichungen, die man klar beschreiben kann. Insofern ist der Algorithmus etwas, was uns zutiefst vertraut sein sollte. Nur dann nicht, wenn man dazu eine gesonderte Sprache lernen muss, nämlich die, die die Maschine versteht. Nichts anderes ist ein Computerprogramm: ein Algorithmus oder ein Regelwerk in einer bestimmten (Programmier-)Sprache.

Die Planungen meiner Jüngsten zu ihrer Geburtstagsfeier
Mit Algorithmen kann man also viele logische und auch sehr komplizierte Aufgaben beschreiben, wie etwa das Sortieren von Zahlen, Verzweigungen (WENN – DANN – SONST), Berechnungen oder Wiederholungen.
Hinter der Fassade nahezu aller neueren Geräte in unseren Haushalten arbeitet eine digitale Steuerung. Berechnungen erfolgen in Millisekunden, sei es, dass Ihr Auto Sie bei einem Parkvorgang unterstützt, das Handy eine Nachricht versendet oder der Kühlschrank die Temperatur im Eisfach regelt und anzeigt.
Dabei sind Computerprogramme nie komplex, höchstens kompliziert. Der Unterschied zwischen komplex und kompliziert ist, dass alles Komplizierte einem festen Regelwerk folgt. Ein Schweizer Uhrwerk bspw. mag ein Wunder sein mit seinen vielen Zahnrädern und auch ein wenig undurchschaubar für den Laien. Es ist aber »nur kompliziert«, denn die Zahnräder greifen – solange die Uhr nicht kaputt ist – auf immer gleiche Art und Weise ineinander und bewegen so die Zeiger der Uhr. Auch eine Steuererklärung ist kompliziert, nicht komplex – auch wenn es sich anders anfühlt. Denn es sind einfach unglaublich viele Regeln, die zu beachten sind. So viele, dass selbst der beste Finanzbeamte wohl manches Mal den Überblick verlieren dürfte.
Komplex wird etwas, wenn es unvorhersehbar oder nicht beherrschbar ist. Oder wenn mehrere Einflussfaktoren gleichzeitig einwirken. Oft sind es sogar wir Menschen, die die Dinge komplex werden lassen. Vielleicht eine ganz sympathische Unberechenbarkeit und ein Unterschied zur Maschine. ;-)
Ein Beispiel: Nehmen wir Abläufe in großen Unternehmen, in denen viele verschiedene Menschen in unterschiedlichen Funktionen miteinander arbeiten. Komplex wird es schon, wenn nicht nur zwei Menschen oder Institutionen miteinander zu tun haben, sondern eine dritte hinzukommt. Geschweige denn es werden noch mehr Partner. Das kennen Sie sicher.
Die beste Lösungsstrategie für komplexe Situationen ist übrigens, den gesunden Menschenverstand einzusetzen, nämlich mit dem Ziel, komplexe Situationen zu vereinfachen.
Gehen wir zurück zu der Frage, ob ein Algorithmus Probleme lösen kann, denn auch in der öffentlichen Diskussion klingt es manches Mal so, als wären die digitalen Maschinen allwissend und es sei nur eine Frage der Zeit, bis sie Probleme so wie wir Menschen lösen – oder gar besser.
Wenn wir eine Reihe unsortierter Zahlen als Problem bezeichnen und ein Sortieralgorithmus diese in Ordnung bringt, wäre das eine Lösung für ein definiertes Problem. Wenn wir allerdings wahre Probleme aus unserem Leben oder der Weltgesellschaft herausgreifen, wie etwa die Global Goals: keine Armut, kein Hunger, sauberes Wasser oder gute Bildung, dann fällt es schwer, hier irgendeine einfache Lösung per Algorithmus zu ermitteln. Erst recht wird der Computer das Problem nicht selbstständig erkennen, denn Maschinen »verstehen« die Welt nicht, wie etwa ein Mensch sie versteht. Nicht einmal wir Menschen verstehen sie schließlich alle in gleicher Weise. Diese wahrhaft komplexen Probleme bedürfen sehr vieler kleinerer Maßnahmen. Sicher können digitale Hilfsmittel Teil der Lösung sein.
Jedes vom Computer zu lösende Problem wird vom Menschen im Rahmen gesetzter Regelwerke definiert – wie etwa Gesetze eines Landes. Definierte oder auch undefinierte Normen gelten bspw. innerhalb von Institutionen wie Unternehmen, Non-Profit-Organisationen, Kulturinstitutionen, Kindergärten, Schulen oder Universitäten, aber auch im Kontext subjektiver Anschauungen oder in einem ethischen Rahmen. Und Letzteren überträgt der Mensch in die Maschine. Er trainiert sie im wahrsten Sinne des Wortes mit den Regeln, die sie befolgen soll, und mit Daten, die er kennt. Dies sollte uns stets bewusst sein, sei es als Anwender oder als Gestalter von digital unterstützten Produkten oder Dienstleistungen.
Der Mensch wird gebraucht
Schauen wir auf ein Beispiel, in dem der Mensch als führende Kraft von der Maschine ersetzt wird. Diese Dystopie kommt bereits in Science-Fiction-Filmen vor (und vielleicht in Angst-Szenarien in unseren Köpfen), aber ich möchte ein Szenario aus unserer realen Welt nehmen. Was wäre also, wenn die Maschine zukünftig die Führung übernimmt, etwa in einer Institution, die wir kennen: ein Museum für moderne Kunst?
Stellen Sie sich vor, es handelt sich um ein Museum, das jahrelang ein Schattendasein führte. Wurde es früher noch regelmäßig gut besucht von Kulturinteressierten, Schulklassen und Veranstaltungsbesuchern, so nahm die Zahl der Besucher über die Jahre stark ab. Vielleicht waren die Menschen zu beschäftigt, ins Museum zu gehen, vielleicht bemerkten sie auch zu selten, welche spannenden Ausstellungen es dort zu sehen gab. Mit dem Museum starb die damals gut florierende Museumsgastronomie. Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Museum auch für die Museumskultur der Menschen. Keiner ging mehr hin.
Im menschlichen Szenario tritt ein neuer, menschlicher Museumsdirektor auf die Bildfläche. Jung, noch recht unbekannt in der Szene. Aber er kommt mit Ambitionen und bringt richtig Schwung in den Laden. Er organisiert Ausstellungen, die Aufmerksamkeit erregen. In der Stadt fallen die bunten Plakate mit außergewöhnlichen Themen auf. Er bringt Kunst neu ins Gespräch, sucht selbst das Gespräch mit den Menschen und setzt neue Akzente. Und es kommen wieder erstaunlich viele Besucher in das Museum. Es ist wieder belebt.
Im dystopischen Szenario eines Maschinenzeitalters folgt ein digitaler Museumsdirektor. Statt des ambitionierten Menschen gelangt die Maschine, womöglich in Roboterform, in die Position und führt von nun an mit ihrem Regelwerk. Der Algorithmus hat das Problem erkannt und registriert, dass täglich immer weniger Menschen ein Ticket kaufen und Einnahmen fehlen. Dann checkt er das Budget, prüft also, wie viel Geld für den Betrieb des Museums nötig ist und – bei Kulturbetrieben üblich – wie viele Zuschüsse von der Stadt oder einem Mäzen vorliegen. Er rechnet – das kann er gut: Wenn weiterhin so wenige Menschen kommen, dann hat das Museum zu wenig Geld für den Betrieb zur Verfügung. Was kann der Algorithmus (übrigens vom Menschen geschrieben) dann tun? Etwa eine automatische Nachricht an die Geldgeber senden: »Zu wenig Geld vorhanden.« Ohne weitere Begründung, den Kontext hatte er nicht. Die Empfänger der Nachricht – auch Maschinen – schauen in ihre digitalen Kassen und schicken innerhalb von Sekunden ein »Leider kein höheres Budget möglich« zurück. Wie könnte die Museumsmaschine das Problem angehen?
Vielleicht ist die Maschine sogar »kreativ« geworden und hat – mit dem letzten Rest Budget – noch eine Marketingkampagne gestartet. Der »digitale Museumsdirektor« hat seinen digitalen Kollegen »Marketingdirektor 2.0« angestoßen mit dem Hinweis: »Brauche mehr Besucher, gebe x Euro.« Dieser errechnet, wie viele Plakatflächen er mit dem verfügbaren Budget belegen kann, kalkuliert anhand der Passantenströme und vergangener Werbeschaltungen die optimale Belegung und macht sich daran, das Motiv zu entwerfen.
Sie ahnen schon: Wie gut stellen Sie sich das Ergebnis vor? Und was meinen Sie, wie sehr wären Sie als Mensch angesprochen? Aber lassen wir das mal einen Moment dahingestellt.
Nun, es gibt Algorithmen, die Kunst entwerfen können. Stellen wir uns vor, das Plakat »Kommen Sie ins Museum!« wäre von einer künstlichen Intelligenz entworfen und automatisch ausgesteuert an die digitalen Leinwände gebracht (jede Bus- oder Bahnhaltestelle wird bald damit bestückt sein, aber auch die Plakate an den großen Straßenzügen sind digital), die in der Stadt und umliegenden Region zur Verfügung stehen. Gibt es vielleicht trotzdem einen Unterschied? Liegt der Grund, sich Kunstwerke anzusehen, vielleicht vor allem an dem Menschen dahinter, an seiner Geschichte und der Erzählung, die er uns mit seinem Kunstwerk vermittelt?15 Ich bin überzeugt davon. Nehmen wir die weltberühmte Mona Lisa von da Vinci, das Kunstwerk im Louvre in Paris. Es berührt die Menschen, davor zu stehen, es zu bewundern und sich in die Renaissance um das Jahr 1503 zurückzuversetzen, in der es entstand. Die Geschichte bewegt die Besucher. Ist das nicht mehr als ein x-beliebiges Kunstwerk aus dem digitalen Pinsel ohne Gesicht?
Meine Prognose für das digital geführte Museum lautet: Kein Mensch geht hin, Maschinen haben ohnehin kein Interesse an Kunst, in der Folge schließt es. Ich bin überzeugt: Es ist ein riesengroßer Unterschied, ob Mensch oder Maschine am Werk sind. Die Maschine wird, auch auf lange Sicht, nicht verstehen, wie sehr Persönlichkeit, Emotion und Haltung eines Menschen ein Museum unterstützen können. Gleiches gilt für Unternehmen, Schulen, Behörden usw. Sie brauchen einen Menschen mit Werten und Visionen, der die Geschicke inhaltlich gestaltet. Kreativität und Gestaltung sind zutiefst menschliche Fähigkeiten, und ich bin sicher, dass wir das Menschliche auch genau wahrnehmen, ja brauchen.
Der Mensch, der etwas gestaltet, berührt uns. Die Maschine nicht. Wir sagen »uns geht etwas unter die Haut«, wenn uns etwas emotional bewegt. Ein Erlebnis, mit dem wir Emotionen verbinden, erinnern wir besser.16 Ja, es ist inzwischen nachweisbar, dass dies sogar für demenzkranke Menschen gilt.
Durch eigene Erfahrungen entwickeln wir Menschen uns ständig weiter, die Neuroplastizität des Gehirns haben wir ja bereits angesprochen. Und genau diese Eigenschaft hat die Maschine nicht. Sie lernt laut Regelwerk, das der Mensch ihr gibt, und damit viel eintöniger und langsamer als der Mensch. Auch das schauen wir uns noch etwas ausführlicher an.
Das Digitale betrifft uns alle
Eine Besonderheit der neuen digitalen Realität ist, dass sie uns alle betrifft. Im Job (wie sich unsere Arbeit neu gestaltet), in der Freizeit (wie wir uns informieren, kommunizieren und unseren Alltag gestalten), in der Bildung (wie und was wir lernen wollen), in puncto Gesundheit (wie wir länger fit und gesund bleiben) oder in der Mobilität (wie wir uns fortbewegen). Die Digitalisierung bewegt sich quer durch alle Lebensbereiche, Branchen, Abteilungen in Unternehmen und Institutionen oder Schulfächer in der Schule.
Wir können die Digitalisierung für uns nutzen, um ein noch lebenswerteres Leben zu führen – wenn wir uns aktiv einbringen. Dies geschieht nicht, indem wir passiv geschehen lassen und die Gestaltung des Digitalen einigen wenigen Experten überlassen, die »das Digitale« beherrschen, Programmiersprachen verstehen oder »sprechen« (bzw. tippen). Stattdessen sollte jeder Einzelne sich auf die Veränderung einlassen, ja, diese selbst in die Hand nehmen.
Die Entwicklung der digitalen Welt vollzieht sich anders als andere historische Innovationen. Weil das Digitale wirklich alle Lebensbereiche durchdringt, ist es notwendig, dass auch jeder sich damit auseinandersetzt. Wenn früher Herr Daimler das Automobil erfand und Henry Ford es massentauglich und -produzierbar machte, war dies das Spielfeld der Autoexperten. Die digitale Welt aber wird in der Zukunft sowohl im Auto als auch in allen anderen Branchen eine Rolle spielen, ja, jede Einzelne davon revolutionieren. Deshalb ist es elementar, dass wir alle diese Sprache sprechen oder die Logik grundlegend verstehen.
Jetzt werden Sie sagen: »Ja, wie denn? Das ist ja wie eine Reise in ein fernes Land, dessen Sprache ich nicht spreche.« Und Sie haben recht. Die Herausforderung ist groß. Schließlich rollt die Digitalisierungswelle auf uns zu, manche sagen sogar »über uns hinweg«. Vielleicht mag es auf den ersten Blick eine gute Strategie sein, sich wegzuducken und abzuwarten, bis die Welle vorbei ist. Aber wäre es nicht viel schöner, wenn wir alle Surfer wären und statt unter der Welle auf der Welle surfen würden? Wenn wir uns unser Surfbrett maßschneidern und einfach großen Spaß dabei haben und wenn wir das Gefühl bekommen, Herr der Lage zu sein?
Die Neurowissenschaften kennen den Unterschied. Wer das Gefühl hat, selbst nichts verändern zu können, gerät in eine Abwärtsspirale, und es tritt ein, woran man glaubt. Glaube ich, dass ich es nicht mehr schaffen kann, das Digitale selbst zu gestalten? Dann tritt auch genau dies ein.
Meine Wahrnehmung lässt mich sagen, dass wir an einem Wendepunkt stehen. Zu viel »Das geschieht mit mir« oder »Ich kann nichts tun« und zu wenig »Ich kann das begreifen«. Das Bild vom Hamsterrad kommt mir in den Sinn. Es gibt einige Ratgeber, die diese passive oder gar abwehrende Haltung verstärken. Tipps wie »Handys aus« in der Schule oder am Feierabend reichen aber nicht, denn die Welt rennt derweil weiter. Jeder Einzelne und wir als Gesellschaft laufen Gefahr, wie betäubt zuzusehen, wie andere die Welle reiten.
Bei einem fremden Land, dessen Sprache Sie nicht sprechen und das Sie vielleicht auch gar nicht interessiert, können Sie sagen: »Sollen doch andere dorthin reisen. Ich brauche das nicht.« Das können Sie halten, wie Sie mögen. Bleiben Sie einfach daheim oder reisen Sie dorthin, wo es Ihnen mehr behagt und die Sprache gesprochen wird, die Ihnen geläufig ist. Vielleicht wollen Sie auch gar nicht so weit in die Welt hinaus – auch das ist völlig legitim.
Die Digitalisierung aber kommt sicher zu Ihnen. Ganz nah an Sie heran. Und vielleicht ist es das, was so beängstigend ist. Sie umzingelt uns und ist allgegenwärtig, weil sie sich eben in alle Lebensbereiche drängt. Wegducken gilt nicht, es verbessert nicht und schützt nicht. Die Wellen werden größer, bis zu dem Augenblick, in dem Sie eine einzige große Welle über sich spüren, aus der Sie nicht mehr herausschauen können. Sie werden von einem Gefühl der Ohnmacht gepackt, als ob Sie wie von einem Tsunami überrollt werden von »den anderen«, zum Beispiel anderen Nationen, die die digitalen Entwicklungen viel entschlossener und mutiger anpacken. Das soll nicht passieren. Deshalb möchte ich – als bekennende Nichtsurferin ;-) – Ihnen einen Weg zeigen, wie Sie oben auf der Welle bleiben. Wie Sie und ich dieses fremde Land der Digitalität bereisen.
Auch wenn Sie skeptisch sind, ob das eine gute Idee ist. Wir sind mutig, treten als Reisegruppe, ja vielleicht sogar als ganze Nation die Expedition an. In unserer Vorstellung ist es ein Dschungel voller unbekannter Pflanzen und Tiere, das Klima dort ist vollkommen unbekannt. Die Frage zu Beginn der Expedition ist: Was packen wir ein? Welche Kompetenzen sind in der Gruppe notwendig? Welche Rolle will ich einnehmen und wie müssen wir alle uns vorbereiten, um in diesem unbekannten Land klarzukommen? Was würde bewirken, dass wir diese Reise immer wieder antreten und an ihr wachsen?
Diesen Fragen will ich nachgehen. Und am Ende finden Sie meinen Methodenkoffer und ein Manifest, wie Sie die Digitalisierung konkret gestalten können und erfolgreich den Alltag in der Digitalität meistern. Ich freue mich sehr, wenn darin einige Punkte sind, die Ihr Leben bereichern. Denn ich bin sicher, dass jeder Einzelne dazu beitragen und vor allem von dem großen Wandel, den wir alle durchleben, profitieren kann. Lassen Sie es uns angehen.
Digitalisierung verändert Märkte – die Einfach-mal-machen-Ära
Der Umbruch durch die neue, digitale Realität zeigt sich besonders in einer klassischen Branche, die zudem wesentlich für die Information und Urteilsfindung der ganzen Gesellschaft ist: den Nachrichtenmedien. Auch wenn die Vertrauenswürdigkeit traditioneller Kanäle, wie Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine oder öffentlich-rechtliche Fernsehsender, deutlich über allen Online-Angeboten liegt,17 so geht das Interesse langsam, aber kontinuierlich zurück18 und wir informieren uns heute schon deutlich häufiger per Suche im Internet, als Berichte im Fernsehen zu schauen oder eine Zeitung / Zeitschrift zu lesen.19
Während vor über 300 Jahren die erste Tageszeitung erschien, um wichtige Nachrichten unter die Leute zu bringen, leben wir heute mit einer vielfältigen Beliebigkeit an Informationen. Damals wurden Redaktionen aufgebaut, um Informationen zu sammeln, Wichtiges zu selektieren, aufzubereiten und zu drucken. Nur wer journalistischen Verstand besaß, sich eine Druckerpresse kaufen und den nötigen Vertriebsweg aufbauen konnte, konnte Verleger werden. Die Investitionen lagen weit über einem »Das mach ich mal eben«. Der Aufwand, eine mediale Stimme zu haben, war ungleich höher als heute.
Dieser Medienmarkt produziert seit jeher Inhalte und hofft, sich am Markt durchzusetzen. Marktanteile werden in Einschaltquoten oder verkaufter Auflage gemessen. Ein Titel will mehr gekauft werden als ein anderer, Marktführerschaft wird angestrebt, zumindest abseits staatlich geförderter Medienanstalten. Und Formate, die eine ausreichend große Zielgruppe finden, setzen sich durch bzw. finanzieren sich ausreichend.
Wenn Prozesse digital umgesetzt oder automatisiert werden, nennen wir dies die Digitalisierung der ersten Welle. Die Digitalisierung ist dabei, das Mediengeschäft ganz grundlegend zu ändern. Zunächst erlaubten die digitalen Druckprozesse, deutlich flexibler und günstiger zu drucken. Inzwischen lassen sich auch kleine Auflagen herstellen und kleinere Zielgruppen erreichen. Aber dies ist zunächst »nur« eine Verbesserung des Druckprozesses.
In der Zwischenzeit hat sich auch der Nachrichtenmarkt ganz grundlegend geändert. Druckerpresse und eigenes Vertriebsnetz sind verzichtbar, beides ersetzt das Internet. Heute kann jeder binnen weniger Minuten eine eigene Webseite anlegen (statt Druckerpresse) oder eine App gestalten und ist über das weltweit umspannende Internet (Vertriebsnetz) erreichbar. Es kostet nahezu nichts, Inhalte online zu stellen. Einfach mal machen, lautet die Devise. Ich habe sogar schon von Unternehmen gehört, die »Jede Woche eine neue App!« zum Ziel haben.
Und was passiert? Jeder kann sich in der digitalen Welt jederzeit durch Unmengen an Informationen durchklicken. Meist ist es zu viel. Wurde im klassischen Medium durch den Journalisten der Inhalt ausgewählt, so wird diese Last zunehmend auf den Leser abgewälzt. Oft entscheidet sogar der Algorithmus, was mir als Erstes angezeigt wird. Doch woran mache ich fest, was ich genauer anschaue und ob eine Quelle vertrauenswürdig ist? Als Anbieter von Informationen ist es heute ungleich schwieriger, seiner Stimme Gehör zu verschaffen.
Medienmarken als Orientierung
Marken geben Orientierung. Wenn mir das Nachrichtenmagazin Stern gut gefällt, so bin ich geneigt, weitere Blätter, die unter dem gleichen Markendach erscheinen, zu probieren. Und auch die Website interessiert mich vermutlich mehr, wenn ich jahrelang das Heft gelesen habe.
Nachrichten definieren sich darüber, dass sie einen »Neuigkeitswert« haben, also eine Meldung wert sind. Je mehr »Gewimmel« und Wettbewerb, desto effizienter müssen Anbieter arbeiten, um zu erreichen, dass wir ihre Nachrichten anklicken. Das heißt, es werden immer mehr Klicks in immer kürzerer Zeit, die sich der Einzelne für die Auswahl nimmt, angestrebt. Denn dort, wo sich viele Menschen aufhalten, sind attraktive Werbeflächen, die die Webseite finanzieren. So funktioniert das heutige Geschäftsmodell in der Nachrichtenbranche. Im Wettbewerb um die meisten Leser treffen wir daher im digitalen Medium vermehrt auf recht reißerische, laute Schlagzeilen. »Clickbait«, zu Deutsch: Klick-Köder, nennt man das Vorgehen, möglichst viel Neugier mit der Überschrift zu wecken, sodass der Leser hineinklicken will. Folgt man dem Aufreißertitel, landet man allerdings häufig bei journalistisch schwachen bis unbrauchbaren Informationen und hat damit wertvolle Zeit verloren. Der Marke, die dafür verantwortlich ist, tut das sicher nicht gut – zumindest langfristig nicht.
Die Frage ist: Wie gehen wir mit falschen Informationen um? Können wir sie überhaupt erkennen? Können wir bei der Vielfalt des Angebots den Absender und dessen Glaubwürdigkeit immer einschätzen?
Wer sich stets bei der Medienmarke seines Vertrauens aufhält und von der Qualität der Information nicht enttäuscht wird, fühlt sich selbst beim flüchtigen Lesen gut informiert und wird dort mehr Zeit verbringen. Die Nutzungsstatistiken zeigen aber, dass wir zunehmend Informationen »googeln« und damit auf beliebigen Seiten landen, die der Algorithmus uns vorschlägt.
Worauf klicken Sie in der Ergebnisliste Ihrer Online-Suche? Jeder Einzelne sollte seinen eigenen Medien- und Nachrichtenkonsum hinterfragen. Geht es um echte Information? Wenn Unterhaltung und Information ineinanderfließen, ist es manchmal schwer, das eine vom anderen zu unterscheiden. Bereits in klassischen Medien, ob Print oder TV, markiert das Wort »Anzeige« oder »Produktplatzierung« in der oberen Ecke den Hinweis für den Leser oder Zuschauer, dass ein Beitrag bezahlt, sprich: nicht journalistisch recherchiert und aufbereitet wurde.
Während klassische Zeitungsverlage ihre Auflage kaum halten können, gewinnen Social-Media-Kanäle mit sogenannten Influencern millionenfach Abonnenten. Jeder kann jederzeit seinen Kanal in den sozialen Medien wie YouTube, Instagram oder Facebook oder seinen Audio-Nachrichtenkanal als Podcast starten und sich der Öffentlichkeit stellen. Authentische Kommunikation vom selbst auserkorenen Meinungsmacher. Fühlen wir uns so gut informiert?
Influencer sind inzwischen ebenso verpflichtet, ihren Beitrag zu markieren, wenn sie bezahlt wurden. Die oftmals sehr jungen Persönlichkeiten werden inzwischen professionell vom Marketing bekannter Marken eingesetzt, um etwa die junge Zielgruppe authentisch von neuen Produkten zu überzeugen. Tatsächlich ist die Glaubwürdigkeit eines Influencer-Beitrags hoch, insbesondere wenn ein Produkt sowohl positiv wie negativ besprochen wird. Also eben keine klassische Werbung ist, in der nur die hochglanzpolierte Seite eines Produktes gezeigt wird, wie etwa der Burger, der auf dem Foto perfekt aussieht, aber nicht dem Produkt gleicht, das uns im Schnellrestaurant über den Tresen gereicht wird. Selbst wenn der Influencer seinen Beitrag als Werbung markiert, ist dieser immer noch überzeugender als die einseitige, nur positive Darstellung eines Produkts.20 Authentizität einer »echten« Person, der ich vertraue, scheint sich auszuzahlen. Hauptsache, ich fühle mich auch ehrlich informiert.
In Zeiten beliebig vieler Absender und nahezu unendlicher Möglichkeiten kann jeder sein eigener Sender sein und »auf Sendung« gehen. Dem Nutzer fällt es schwer auszuwählen, woran man sich orientieren und wem man Glauben schenken darf. Ein Beispiel: Vielleicht haben Sie vom Fall Cambridge Analytica im US-Wahlkampf 2016 von Hillary Clinton gegen Donald Trump gehört? Kurz nach Trumps Sieg meldete sich die Technologiefirma und verlautbarte, dass sie Trump zum Sieg verholfen habe. Sie hatte (wie man heute weiß, illegal) Profildaten von 50 Millionen Amerikanern auf Facebook erhalten, diese ausgewertet und entsprechend einem gefundenen Suchraster gezielt Nachrichten ausgespielt, die unentschiedene Wähler überzeugen sollten, Donald Trump zu wählen.21 Ein Vorfall in solchem Ausmaß kann bedeutenden Einfluss auf unsere Demokratie haben.22 Mit der ethischen Frage werden wir uns später noch beschäftigen.
Auch wenn die Aussage des Unternehmens vor allem einem Werbeeffekt diente und allem Anschein nach übertrieben war, so ist das Szenario real: Es liegen jede Menge Daten über einen Menschen vor, der digital, sei es in sozialen Medien wie Facebook, in Messengern oder einfach in Apps, aktiv ist. Mit jedem Like, jedem Beitrag, jeder Reaktion steigt das Wissen im Netz über den Einzelnen. Technisch ist es ein Leichtes, die Daten zu teilen, sie zu analysieren und je nach Zielgruppe eine andere Werbung auszuspielen. Sie erinnern sich an das Wenn-dann-Prinzip von oben? Dies ist nichts anderes. Vereinfacht gesagt, suchte der Algorithmus in den Profildaten nach Hinweisen auf Unentschlossenheit oder andere relevante Merkmale und dann griff »Wenn unentschlossen, dann Meldung xy einblenden«. Das heißt für Sie als Nutzer digitaler Dienste, genauer hinzusehen, zu hinterfragen und im Detail zu lesen, was Ihnen an Informationen dargeboten wird. Seien Sie kritisch und reflektieren Sie das Gelesene im eigenen Kontext. Setzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand ein.
Datenanalyse: ein Zukunftsfeld in nahezu allen Märkten
Wenn Sie Berichte oder Stellenausschreibungen lesen, stellen Sie fest, wie groß die Nachfrage nach Datenexperten ist. Im Februar 2019 meldete zum Beispiel SAP, der größte Softwarehersteller Europas, die Entlassung von über 4000 Mitarbeitern und gleichzeitig die massive Suche nach neuen Mitarbeitern – mit anderen Digitalkompetenzen in den Feldern Künstliche Intelligenz, Cloud Computing und Internet der Dinge. Genau aus diesem Grund: Es gibt Unmengen an Daten. Diese intelligent auszuwerten und zu nutzen ist ein Markt der Zukunft und eine ganz wesentliche Veränderung aller Märkte, in denen wir uns bewegen – inklusive der Softwareindustrie selbst.
Die Frage ist, wie wir diese datengetriebene Zukunft positiv für den Menschen gestalten. Jeder Einzelne sollte die Gelegenheit haben, gut und objektiv informiert zu sein. Einerseits ist Bildung relevant: Jedes Kind – ebenso wie jeder Erwachsene – muss verstehen und sich bewusst machen, was es heißt, Datenspuren zu hinterlassen. Dabei sollte nicht die rein negative Sicht auf die Dinge überwiegen, sondern schlicht ein Bewusstsein geschaffen werden, dass man bewusst entscheiden kann, in welchen Kanälen man sich wie engagiert.
Ich lasse es mir etwa nicht nehmen, mit meiner Familie in Syrien in Kontakt zu sein, beschäftige mich allerdings mit den entsprechenden Einstellungen der Privatsphäre und stelle bspw. keine Fotos meiner Kinder ins Netz. Natürlich gibt es ein Risiko, dass meine Daten abgelauscht werden, aber hier halte ich es mit einer ganz persönlichen Risikoabwägung: Wie groß ist das Risiko im Verhältnis zu meinem persönlichen Bedürfnis, in Kontakt zu sein? Entsprechend entscheide ich, was ich wo teile.
Damit Sie selbst eine Haltung für Ihren Umgang mit dem Digitalen einnehmen können, werden Sie später einen Einblick in die Möglichkeiten der Datenanalyse erhalten. Dies soll keine Angst machen, sondern Bewusstsein dafür schaffen, dass wir mit unseren persönlichen Daten Spuren hinterlassen und bewusst damit umgehen sollten. Gleichermaßen möchte ich Sie an aktueller Forschung zum Thema teilhaben lassen.
Noch viel wichtiger ist aber für alle, die Verantwortung für einen Datenfundus tragen, wie sie damit verfahren. Der Marktforscher unterliegt seit jeher besonderen Regeln, denen er sich verpflichtet, und zwar nicht nur den geltenden Datenschutzgesetzen, sondern auch strengen und berechtigten Standesregeln.23 So werden bspw. persönliche Daten immer getrennt von Aussagen gespeichert und anonym analysiert. Marketing, also das Bewerben etwa eines Produktes, ist stets streng von der Forschung getrennt und einem Marktforscher gar nicht erlaubt. Diese Regeln machen vollkommen Sinn, da sie eindeutig festlegen, dass derjenige, der das Wissen über eine Zielgruppe hat, zwar generelle Ableitungen festhalten darf, aber auf keinen Fall sein besonderes Wissen über, sagen wir mal, Lieschen Müller ausnutzen darf. Der Fall Cambridge Analytica hätte in der Marktforschung nicht stattfinden können. Ein Technologieunternehmen fühlt sich solchen Richtlinien allerdings nicht verpflichtet.
In einem öffentlich geförderten Forschungsprojekt untersuchten wir den Umgang mit Daten genauer24 und haben eines gelernt: Wer bewusst Daten teilt (etwa in Umfragen), empfindet die (anonyme) Analyse der Daten als unbedenklich. Ebenso verhält es sich, wenn ein Problem gelöst werden soll und etwa der Techniker Zugriff auf die Haustechnik erhält, um die Heizung oder die Internetverbindung wieder in Gang zu bringen. Im neuen SmartHome, also dem vernetzten Zuhause, werden eine Menge Informationen gesammelt (wann wird wo Licht angeschaltet, die Waschmaschine oder Heizung angestellt usw.). Wenn diese mit einem Dienstleister geteilt werden sollen, damit er einen Schaden behebt, ist auch hier das Teilen in Ordnung. Darüber hinaus nicht. Der Nutzen, also hier das Lösen eines Problems, muss immer klar gegeben sein.
Am sensibelsten sind Finanzdaten, wie etwa Kontoinformationen. Knapp dahinter rangieren Gesundheitsdaten, die ebenfalls hoch sensibel sind.25 Am unkritischsten empfinden wir den Namen unseres Haustiers, die sensibelste Information dagegen ist das Passwort. Überlegen Sie: Haben Sie schon einmal selbst ein Passwort vergeben? Und halten Sie ein Haustier? Haben Sie den Namen Ihres Tiers schon einmal in einem Passwort verwendet? Ich habe mich dabei schon erwischt und befinde mich dabei in guter Gesellschaft.26
Betrachten wir das Thema Gesundheitsdaten genauer. Erinnern Sie sich noch an Ihr Gefühl, als Sie zu Beginn von der intelligenten Toilette hörten, die Ihre Daten automatisch an den Arzt sendet? Wie sehen die Menschen also die Weitergabe von Gesundheitsdaten? Wenn wir in Zukunft durch das Auswerten unserer Daten bessere Therapien für Krankheiten erwarten könnten, wäre der Nutzen sehr groß. So stimmen die Menschen der Weitergabe ihrer Gesundheitsdaten zu diesem Zweck mehrheitlich zu. Kritisch wird allerdings der Aspekt gesehen, als Person identifiziert zu werden. Nur wenn die Wahrscheinlichkeit, als Person erkannt zu werden, ganz gering ist, teilen die Menschen Gesundheitsinformationen. Was beim Hausarzt für den persönlichen Check-up vielleicht noch in Ordnung ist, stößt auf ein großes Hindernis, wenn es darum geht, diese Gesundheitsdaten anderweitig zu teilen. Es kommt hier wesentlich auf den Kontext und den Empfänger an: So sind Menschen mehrheitlich bereit, ihre Gesundheitsdaten mit wissenschaftlichen Institutionen wie Universitäten oder Unikliniken zu teilen, lehnen aber eine Weitergabe an Versicherungsunternehmen oder private Wirtschaftsunternehmen, die einen Nutzen daraus ziehen, deutlich ab. Ebenso ist von Bedeutung, um welche Art von Krankheit es geht: Informationen zur generellen Gesundheit, physische oder auch chronische Krankheiten werden tendenziell eher geteilt als mentale Krankheiten, zu denen die meisten generell keine Informationen weitergeben wollen.27
Sollten Sie gefragt werden, ob Sie Ihre Gesundheitsdaten teilen, denken Sie gut darüber nach und informieren Sie sich. Wem wollen Sie diese für welchen Zweck weitergeben? Dient es vielleicht der Gesellschaft? Ist der Service kostenlos, dann zahlen Sie oftmals mit Ihren Daten. Das sollte Ihnen bewusst sein. Und zu guter Letzt: Vertrauen Sie dem Empfänger Ihrer Daten? Damit werden wir uns noch detaillierter beschäftigen. Dies gilt für digitale Gesundheits-Apps und Fitnesstracker ebenso wie für Institutionen. Machen Sie sich die Mühe, die Dateneinstellungen genau anzuschauen und Vereinbarungen zu lesen oder nachzufragen. Seriöse und gute Anbieter werden es Ihnen leicht machen, diese zu finden. Alle anderen löschen Sie vielleicht besser gleich von Ihrem Smartphone. Denn das geht ganz leicht und ist für die digitalen Märkte eines der größten Risiken. Sie verschwinden von der Bildfläche, als Datenpunkt und als Kunde. Und Sie hoppen einfach zum nächsten Anbieter, dem Sie in Sachen Datenschutz mehr vertrauen. (Wie sich unser Anspruch an Marken im digitalen Zeitalter ändert, darauf schauen wir in Kapitel 3 genauer, und von der Gesundheit in Zeiten der Digitalität sprechen wir noch in Kapitel 4.)
Nun haben wir viel auf Online-Angebote oder Apps geschaut. Natürlich geht die Digitalisierung deutlich weiter. Manches Mal manifestiert sie sich sogar in einem Gegenüber: einem Roboter, der menschenähnlich agieren soll. Und wir fragen uns, ob so die digitale Zukunft aussieht.
Roboter statt Mensch
Das menschliche Gehirn ist eben nicht zum Auswendiglernen von Sachverhalten, sondern für das Lösen von Problemen optimiert.28
Gerald Hüther
Man sieht sie überall, die Roboter. Nicht nur auf Fotos, sondern auch im Praxiseinsatz – zumindest testweise. Was denken Sie und wie fühlen Sie sich, wenn Sie mit einem konfrontiert werden? Befinden sich Mensch und Roboter auf Augenhöhe?
China führte uns gerade vor, dass Roboter den Stuhl des Nachrichtensprechers übernehmen können.29 Wird vielleicht im nächsten Schritt nicht nur das gedruckte Magazin, die Zeitung und ihr Produktionsprozess, sondern auch der Sprecher digitalisiert? Ist das digitale Pendant vergleichbar mit dem realen Sprecher? Lassen wir Kulturunterschiede zwischen dem asiatischen Kulturraum und unserem beiseite und beschränken uns auf Ihre persönliche Wahrnehmung. Der Roboter liest brav die Weltnachrichten vor. Kein Versprecher, keine Gefühlsregung. Welche Eigenschaften vermittelt Ihnen der Roboter? Was erwarte ich von einem Sender und seinem Nachrichtensprecher? Ist es nur Gewohnheit, dass ich mir keinen Roboter vorstellen kann?
Lassen Sie uns darüber nachdenken, welche Auswirkungen diese Art der Digitalisierung auf unsere Wahrnehmung eines Anbieters hat.
Bundeskanzlerin trifft Sophia
Sophia ist ein menschenähnlicher Roboter. Gebaut vom Hongkonger Unternehmen Hanson Robotics gilt er – oder besser sie oder gar es? – aktuell als eine der fortschrittlichsten Entwicklungen hinsichtlich des Aussehens, Verhaltens und Reaktionsvermögens. Man schaut durch eine transparente Schädelplatte in sein Gehirn, das aus vielen Drähten und Platinen besteht. Das Gesicht ist bestmöglich als hübsche Maske nachgebaut, der Oberkörper steht regungslos, aber bekleidet mit einem Standardoutfit, bestehend aus Shirt und Jacke. Das Gesicht dreht sich dorthin, wo er eine Stimme vernimmt. Man nimmt leichte Veränderungen der Gesichtszüge wahr, die den Ausdruck von Emotionen vermitteln wollen.
Im Sommer 2018 traf Bundeskanzlerin Merkel auf den nachgebauten Menschen Sophia und plauderte mit ihm.30 Spricht die Kanzlerin, schaut Sophia dorthin. Sophia nimmt auf, was sie hört, und man kann zusehen, wie sie es verarbeitet. Es dauert, bis eine Antwort kommt. Und die Antwort ist entweder ein Abspulen von Gelerntem oder – keine passende Antwort.
Selbst wenn die Maschine in Zukunft noch schneller wird und mehr lernt, so bleibt sie doch eine Antwortmaschine auf Fragen. Keine wahre Emotion, keine Absurdität in den Antworten, wie sie vielleicht vom Menschen kämen. Keine menschliche Emotion oder gar Unberechenbarkeit. Höchstens ein Algorithmus, der arbeitet und irrt oder nicht weiterweiß.
Wenn man das Video von diesem »Gespräch« mit offenen Augen anschaut, stellt man fest, wie weit entfernt der Computer-Mensch vom realen Menschen ist. Es macht womöglich Angst, zu sehen, dass hier ein Mensch mit seinen Antworten nachgebaut wird. Aber auf Augenhöhe ist die Maschine noch nicht und wird es sehr lange nicht sein.
Die Frage ist ja, in welchen Anwendungen macht ein solcher Computer-Mensch Sinn? Positiv ist, dass man gleich erkennt, dass es sich um einen Computer handelt, der Mensch hier also nicht im Ungewissen bleibt. Wir werden später noch sehen, dass das bisweilen schon nicht mehr selbstverständlich ist.
In Japan wird mit Robotern für den Check-in-Prozess im Hotel experimentiert.31 Für das sogenannte Hospitality-Business, also Gastfreundschaft, finde ich diese Idee persönlich befremdlich. Und Sie? In welchen Lebenssituationen möchten wir von einem Computer bedient werden? Natürlich kann man über die reine Kostensicht argumentieren, dass der Roboter viel günstiger ist und Routinefragestellungen bearbeiten kann. Die Frage ist, ob das Gegenüber, solange es ein Mensch ist, also etwa der Gast im Hotel, den Service schätzt oder beim nächsten Mal einen anderen Anbieter wählt.
Gunter Dueck prägte den Begriff des »Bildschirmrückseitenberaters« als prägnante Umschreibung für alle Jobs, die früher oder später überflüssig werden.32 Er meint damit all jene, die heute vor dem Bildschirm sitzen und Formulare für den Kunden ausfüllen, während der Kunde wiederum auf die Rückseite des Bildschirms schaut. Viele dieser Formulare werden in der Zukunft wohl direkt online dem Kunden bereitgestellt und von ihm selbst ausgefüllt werden. Sofern keine Beratung, soziale Interaktion oder menschliche Zuwendung notwendig ist, werden diese Aufgaben zukünftig von der Maschine erledigt. Dies trifft den Bankberater, die »Frau vom Amt«, die Kassiererin im Supermarkt usw.
Die Frage ist: Wo wird die menschliche Zuwendung wertgeschätzt? Oder wo wird sie womöglich sogar zum Differenzierungsmerkmal?
Ersetzt die Maschine den Menschen?
Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll.
Friedrich Nietzsche (1844–1900)
Kaum geht es in einem Zeitschriften- oder Buchtitel um Digitalisierung, muss der Roboter als Aufmacher herhalten. Er ist das Sinnbild der Digitalisierung und uns Menschen beschleicht die Angst: Sieht so das Morgen aus und wird der Mensch in dieser technisierten Zukunft bedeutungslos? Das ist eine berechtigte Frage.
In vielen Technologie- und Digitalisierungsdiskussionen geht es vorrangig darum, wer digital höher, schneller, weiter springen kann, um bisherige Aufgaben des Menschen von nun an maschinell zu lösen. Die Technologie steht so sehr im Vordergrund, dass man meinen könnte, der Mensch wurde aus den Augen verloren, ja, als ginge es darum, den Menschen zu überwinden. So manche digitale Neuigkeit wirkt, als würde sie schlicht in den Markt eingeführt, »weil man kann«. Weil es technisch machbar ist, nicht weil jemand – ein Mensch – darauf gewartet hat.
Ob eine Innovation sinnvoll und erfolgreich ist, hängt jedoch maßgeblich vom Menschen ab. Er entscheidet, was Innovationen, insbesondere auch digitale Innovationen, erfolgreich macht und wo sie an Grenzen stoßen. Die Messlatte hierfür ist vor allem, ob sie einen relevanten Nutzen für den Menschen haben und ob wir die Effektivität (= das Richtige tun) im Blick haben und vor die Effizienz setzen (= die Dinge richtig bzw. immer schneller und günstiger tun).
Soll die Maschine dem Menschen dienen oder umgekehrt? Vermutlich beantworten wir diese Frage alle gleich mit »Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen« – vorausgesetzt, Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, sind ein Mensch. ;-) Aber davon gehe ich einmal fest aus, sonst würde mir dieses Buch nicht so am Herzen liegen.
Warum nur diskutieren wir dann das Maschinenzeitalter so vehement? Warum sorgen wir uns so sehr, dass die technologische Singularität33 eintrifft, in der sich Maschinen mit künstlicher Intelligenz selbst so verbessern, dass sie dem Menschen überlegen werden könnten? Aus meiner Sicht wird dies nie eintreten, allein schon weil Maschinen selbst nichts verstehen und sie darauf angewiesen sind, dass wir Menschen es ihnen beibringen. Es sei denn, wir bewegen uns in einem Science-Fiction-Szenario.
Ich denke, es liegt daran, wie wir über Digitalisierung reden. Denjenigen zu belächeln, der die digitale Welt als Neuland bezeichnet, ist einfach. Zu erklären, was sie denn nun eigentlich ausmacht, deutlich schwerer. Ich bin überzeugt, wir brauchen mehr Aufklärung und Verständnis, was Digitalisierung, insbesondere für den Einzelnen, genau bedeutet.
Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden.
Dieser Satz wurde vielfach zitiert, u. a. von Ossi Urchs und Tim Cole in dem lesenswerten Buch »Digitale Aufklärung« aus dem Jahr 2013.34 Und wir glauben das sofort. Ist unser Leben doch heute schon von digitalen Geräten und Funktionen durchdrungen. In Zeitungsartikeln, Fernsehbeiträgen oder den sozialen Medien begegnen uns jede Menge Fachbegriffe, die sich nicht selbst erklären, und vermeintliche Experten schauen düster genug drein, dass Sie schnell glauben, die Maschine würde uns Menschen alsbald überholen und überflüssig machen. Viele in der heutigen Gesellschaft fühlen sich schlicht abgehängt von den neuen technologischen Möglichkeiten und ergeben sich intuitiv einem der beiden Reflexe: Schockstarre oder Flucht.
Dies gilt gerade für uns Deutsche: Aus 30 Jahren Erfahrung in Digitalisierung und Forschung würde ich sagen, wir Deutsche befinden uns zu großen Teilen in Schockstarre oder auf dem Rückzug. »Ich muss das nicht mehr lernen«, »Ich bin zu alt« oder »Ich will das nicht« sind typische Aussagen, sobald ein noch unbekanntes Gerät oder neuartiger Dienst auf dem Markt erscheint. Und während vieles Einzug in unseren Alltag findet, wir Geräte und Services passiv nutzen, entwickeln wir allzu selten selbst eine digitale Neuheit oder passen selbst etwas unseren Wünschen an. Manch einer glaubt, die Digitalisierung sei wie ein Schnupfen und gehe schon wieder vorbei. Dabei sind die Anzeichen eindeutig: Sie bleibt und schreitet immer schneller voran.
Ich will nicht sagen, dass wir willkürlich die Arme ausbreiten sollten, um die Digitalisierung bedenkenlos willkommen zu heißen. Eine gesunde Skepsis und ein Hinterfragen ist ebenso angebracht wie ein gesundes Selbstbewusstsein als Mensch, indem wir uns auf unsere Menschenwürde besinnen. Aber wie soll man das bewerkstelligen, bei dieser Geschwindigkeit? Wer hätte gedacht, dass schon zehn Jahre nach seiner Einführung fast drei Viertel der Nutzer sich ein Leben ohne Smartphone (übersetzt heißt es treffenderweise das »schlaue Telefon«) nicht mehr vorstellen können?35
Wie wäre es, wenn wir den Spieß umdrehen und den Menschen bei allen neuen Entwicklungen in den Mittelpunkt stellen? Stellen wir uns einmal vor, es würde eben nicht zwingend alles digitalisiert, was technisch digitalisiert werden kann, sondern nur das, was auch dem Menschen nutzt. Dabei will ich hier bewusst weniger auf die Prozessoptimierungen der ersten Welle schauen, die Routineaufgaben automatisieren, sondern vielmehr auf neu entstehende digitale Innovationen.
Betrachten wir die Konsumentenmärkte: Hier herrscht nach wie vor Angebot und Nachfrage, sogar noch dynamischer als bisher. Modekollektionen der großen Textilhandelsunternehmen wechseln inzwischen wöchentlich und folgen damit schnellstens den Vorlieben ihrer Kundschaft. In ersten Pilotprojekten wird der Pulli heute schon im Ladenlokal gestrickt und kann gleich mitgenommen werden, im 3D-gedruckten Turnschuh der Zukunft wird für Sie individuell Fußbett und Sohle hergestellt. Dies ist ein erstes Ergebnis der Digitalisierung im Produktionsprozess, bei dem individualisierte Produkte möglich werden.
Digitale Produkte ohne Nutzen dagegen werden nicht lange am Markt bestehen, weil keiner sie kauft, herunterlädt und – selbst kostenlos (Sie erinnern sich? Sie zahlen mit Ihren Daten) – nicht nutzt. Ich bin fest überzeugt, dass diese Quote im digitalen Kosmos noch deutlich höher liegt, wenn in der Konsumgüterindustrie (also Produkte wie Zahnpasta, Schokolade oder Dosensuppen) mindestens drei von vier neu eingeführten Produkten floppen.36 Mein Tipp liegt bei mindestens 90 %, also neun von zehn Ideen, die in den Markt kommen, gehen meist sang- und klanglos unter. Wenn die Dynamik weiter ansteigt, werden wir schnell auch 99 % erreichen oder mehr. Irgendwann wird nur noch jede tausendste App ein wahrer Erfolg, die genug Menschen erreicht, um wirtschaftlich bestehen zu können. Warum? Weil man technologisch vieles umsetzen kann, worauf aber leider kein Mensch gewartet hat. Die »Jede Woche eine App«-Philosophie ist nicht nachhaltig. Vielmehr sollten sich Macher von Apps vorab damit beschäftigen, was dem Menschen wirklich dient, statt einfach in die Tasten zu hauen.
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