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Heinrich der Seefahrer wurde 1394 als Sohn Johann I. in Porto geboren und starb 1460 in Sagres. 1415 kommandierte er die Flotte, die die Festung Ceuta von den Mauren zurückeroberte.
Rudolf Kroboth (geb. 1951) studierte Germanistik und Geschichte, Lehrauftrag für Ethnologie in Tübingen und Bibliotheksleitung in Stuttgart.
Gabriela Pögl (geb. 1953) lebt in Salzburg. Romanistin mit der Spezialisierung auf Mittlere und Frühneuzeitliche Geschichte und Literatur Portugals.
Zum Buch
Segelt „hinaus über das Ende der Welt“ und findet den Weg zu den Reichtümern Indiens. So lautete die Weisung, die der Infant Heinrich, genannt „der Seefahrer“, seinen Kapitänen gab. Doch der Prinz war nicht nur der Auftraggeber und Initiator, sondern auch das logistische Zentrum einer Reihe der bedeutendsten Expeditionen der Entdeckungsgeschichte. Er begründete den Aufstieg Portugals zur Weltmacht und das Zeitalter der Entdeckungen.
Prinz Heinrich von Portugal, der den Beinamen „der Seefahrer“ trägt, obwohl er selbst nie an einer Expedition teilnahm, veranlasste die bedeutendsten Reisen der Entdeckungsgeschichte und legte so den Grundstein für den Aufstieg Portugals zur Weltmacht. In seinem Auftrag suchten wagemutige Männer den Seeweg nach Indien und erkundeten und kartografierten dabei als erste Europäer die West- und Südküste Afrikas. Das vorliegende Buch enthält faszinierende zeitgenössische Dokumente und Reiseberichte, die das Bild dieses Mannes zeichnen, an dessen Ruhm kaum eine andere Gestalt in der portugiesischen Geschichte heranreicht.
DIE 100 BEDEUTENDSTEN ENTDECKER

Heinrich der Seefahrer
(1394–1460)
Cà da Mosto ·
de Zurara · Barros
Heinrich der
Seefahrer
oder die Suche nach Indien
1415–1460
Übertragen und herausgegeben
von Gabriela Pögl und Rudolf Kroboth

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Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2013
Der Text basiert auf der Ausgabe Edition Erdmann, Wiesbaden 2013
Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop
Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH
nach der Gestaltung von Nele Schütz Design, München
Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0345-8
www.marixverlag.de
INHALT
Vorwort des Herausgebers
Heinrich der Seefahrer und das Zeitalter der portugiesischen Entdeckungen
Die portugiesischen Entdeckungen und die Geschichtsschreibung
Welche Antriebskräfte ließen Portugal zur Pioniernation der Entdeckungen werden?
Zur Frühgeschichte der portugiesischen Seefahrt
Das Zeitalter Heinrichs des Seefahrers
Die Eroberung Ceutas im Jahre 1415
Der Beginn der Atlantikerkundungen
Der fehlgeschlagene Tanger-Feldzug von 1437
Die Erforschung der westafrikanischen Küste in den Jahren 1440–1448
Die innenpolitische Krise Portugals von 1448/49
Die Erkundung Guineas und der Kapverdischen Inseln
Der Fall Konstantinopels 1453 und der portugiesische Kreuzzug gegen Marokko im Jahr 1458
Heinrichs Lebenswerk
ALVISE DA CÀ DA MOSTO
Reise nach Westafrika »Newe unbekanthe landte und ein newe weldte in kurtz verganger zeythe erfunden« Übertragen von Rudolf Kroboth nach der deutschen Ausgabe von 1508
Erstes Kapitel
Es gibt darüber Auskunft, wer als Erster den Schiffsweg auf dem Atlantik in Richtung Süden entdeckt hat.
Zweites Kapitel
Dieses Kapitel handelt von den Dingen, die Aloisius Cà da Mosto auf seiner Fahrt in das Land der Neger entdeckt hat.
Drittes Kapitel
Das Kapitel hat die Abfahrtszeit des Schiffes sowie die Winde, unter denen es segelte, zum Inhalt.
Viertes Kapitel
Es beschreibt die Insel Porto Santo, ihre Beschaffenheit und die Dinge, die dort hergestellt werden. Besonderes Interesse gilt dabei dem »Drachenblut«, der Art seiner Herstellung sowie einem allerbesten Honig.
Fünftes Kapitel
Dieses Kapitel handelt von einem Hafen auf der Insel Madeira, der Moncricho genannt wird.
Sechstes Kapitel
Es befasst sich mit der Bedeutung des Namens Madeira und der ersten Besiedlung dieser Insel wie ihrer Fruchtbarkeit. Ferner berichtet es von wilden Tauben, die vor den Menschen nicht fliehen, zudem von weißen Pfauen und vom Zucker. Und schließlich von Weintrauben, die in der Karwoche reif werden.
Siebtes Kapitel
Dieses Kapitel befasst sich mit den Kanarischen Inseln, zehn an der Zahl, und ihren Namen.
Achtes Kapitel
Es handelt von den Pflanzen, die auf den Kanarischen Inseln wachsen, von einem Kraut namens Oricello, aus dem man eine sehr schöne braune Farbe herstellt. Und von einem guten Leder, genannt Corduan. Weiter von den Ungläubigen, die auf den drei Inseln wohnen; und von einer Insel, die wegen ihrer hohen Gebirge wohl einzigartig auf der Welt ist. Außerdem von den dortigen Fürsten und der seltsamen Sitte der Eingeborenen, keine Frau zu heiraten, die noch Jungfrau ist und die vorher noch nicht mit dem Fürsten geschlafen hat, und schließlich von der Fruchtbarkeit der genannten Inseln.
Neuntes Kapitel
Es beschreibt das Kap Blanco und die ihm nahe gelegenen Inseln, die da sind: Argim, Bianca, Garza und Cori. Außerdem ist hier die Rede von Wüstengegenden sowie von einem Ort namens Hoden, der von Leuten aus Barbaria aufgesucht wird.
Zehntes Kapitel
Dieses Kapitel handelt vom Reich Senega und den Sitten der dortigen Eingeborenen.
Elftes Kapitel
Es berichtet, dass die Weiber, welche die größten Brüste haben, hoch geachtet werden; es besagt auch, warum die Azanaghi, als sie zum ersten Mal Schiffe zu Gesicht bekamen, meinten, es handle sich hierbei um Vögel oder Tiere von Tagaza, einem Ort, wo man in großen Mengen Salz abbaut. Und schließlich ist die Rede vom Reich Melli, den Reiseentfernungen, die hier zurückzulegen sind, und den Menschen, die unterhalb des »Circkel Equinoctiali« wohnen und mit Salz Handel treiben.
Zwölftes Kapitel
Wir erfahren, wie der Kaiser von Melli einen der Händler, die sich beim Tauschgeschäft nicht sehen lassen wollen, gefangen nehmen wollte, ferner von Menschen, denen die Unterlippe bis auf die Brust herunterhängt. Weiter ist hier die Rede von Orten, aus denen besagtes Gold stammt und wo man kleine weiße Muscheln als Geldmünzen benutzt.
Dreizehntes Kapitel
Hier wird erzählt, wie die Reichen in dieser Gegend verehrt werden und welche Kleider ihre Frauen tragen. Außerdem erfahren wir hier einiges über die Waffen, die in diesem Land benutzt werden; auch ist die Rede davon, dass es hier nur drei Monate im Jahr regnet, zuweilen große Heuschreckenschwärme über das Land herfallen und es mit einem weißen Nebel überziehen.
Vierzehntes Kapitel
Es beschreibt den Rio de Senega, der die Wüste vom fruchtbaren Land und die Menschen hellbrauner Hautfarbe von denen mit schwarzer Haut trennt.
Fünfzehntes Kapitel
Es handelt von den Menschen, die am Rio de Senega wohnen, von Kap Verde und davon, wie hier die Fürsten erwählt werden, und schließlich noch von ihren Sitten und davon, wie sie mit ihren Frauen umgehen.
Sechzehntes Kapitel
Dieses Kapitel schildert den Glauben der Mohren und ihre Bekleidung.
Siebzehntes Kapitel
In diesem Kapitel ist die Rede von sehr geschwätzigen Leuten, die zudem große Lügner und Betrüger, Fremden gegenüber aber stets sehr freundschaftlich gesinnt sind.
Achtzehntes Kapitel
Es schildert, wie die Fürsten aus dem Königreich Senega sich gegenseitig bekriegen und welche Waffen sie dabei tragen.
Neunzehntes Kapitel
Hier wird berichtet vom Königreich Senega und den umliegenden Orten; ferner lernen wir hier großartige Schwimmer kennen.
Zwanzigstes Kapitel
Dieses Kapitel erzählt von Fürst Budomel und seinen Handelsgeschäften.
Einundzwanzigstes Kapitel
Es handelt von der Reise, die ich mit besagtem Negerfürsten unternahm, und von den kühnen Schwimmkünsten der dortigen Eingeborenen.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Hier ist die Rede von den Dörfern und Häusern Budomels und von seinen vielen Weibern.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
In diesem Kapitel hören wir von dem Hofgesinde Budomels, das er ständig um sich hat, und von der Beschaffenheit seines Hauses.
Vierundzwanzigstes Kapitel
Dieses Kapitel handelt von den Sitten Budomels und seiner Untertanen wie auch davon, auf welche Art und Weise diese ihn grüßen und verehren.
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Es beschreibt die Moschee Budomels, wie die Menschen darin Gottesdienst feiern, ferner die Art und Weise, wie sie leben und essen.
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Es handelt von dem Gemüse und dem Getreide, das im Königreich Senega wächst, ferner von einem guten Wein, den man aus dem Ölbaum gewinnt.
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Hier lesen wir von mancherlei Früchten und einem Öl, das drei besondere Eigenschaften hat.
Achtundzwanzigstes Kapitel
In diesem Kapitel ist die Rede von großen Ottern und Schlangen, die eine Ziege verschlingen können, und von Schlangenbeschwörern.
Neunundzwanzigstes Kapitel
Hier hören wir von vielerlei wilden Tieren, die dort in großer Zahl leben, vor allem von Elefanten, Giraffen und Löwen.
Dreißigstes Kapitel
Es schildert Papageien und andere Vögel der verschiedensten Arten.
Einunddreißigstes Kapitel
Im Folgenden wird ein Jahrmarkt beschrieben, wie er von den hiesigen Mohren üblicherweise abgehalten wird.
Zweiunddreißigstes Kapitel
Von den Pferden, welche von den hiesigen Mohren gekauft werden, handelt dieses Kapitel, auch davon, dass diese Tiere oft an Seuchen eingehen und deshalb einem besonderen Zauber unterworfen werden.
Dreiunddreißigstes Kapitel
In diesem Kapitel ist die Rede von fröhlichen Weibern, die bei Nacht singen und tanzen.
Vierunddreißigstes Kapitel
Hier ist die Rede vom Reich Gambia und von Kap Verde, wohin ich und Antoniotto von Genua gesegelt waren.
Fünfunddreißigstes Kapitel
Es beschreibt Kap Verde und die Sitten seiner Bewohner.
Sechsunddreißigstes Kapitel
Dieses Kapitel schildert einen großen Fluss, auf dem die Mohren mit ihren Kanus herumfahren.
Siebenunddreißigstes Kapitel
Hier wird erzählt, wie unsere Schiffe auf diesem Fluss von den Mohren angegriffen wurden.
Achtunddreißigstes Kapitel
Das Kapitel berichtet von den Verhandlungen, die wir auf dem Fluss Gambia mit den Mohren führten.
Neununddreißigstes Kapitel
In diesem Kapitel wird beschrieben, wie es in diesem Land im Winter aussieht.
Vierzigstes Kapitel
Es handelt von der zweiten Reise, die ich zusammen mit Antoniotto von Genua nach Gambia unternahm; unter anderem ist hier die Rede von den Inseln, die wir auf dieser Reise entdeckten.
Einundvierzigstes Kapitel
Es beschreibt die Insel Do Palme, das Reich Gambia und die Insel St. Andreas; ferner wird hier berichtet, welche Fürsten über dieses Gebiet herrschen.
Zweiundvierzigstes Kapitel
In diesem Kapitel ist die Rede von den Geschenken, die wir Fürst Batimaussa machten, und wie wir dadurch seine Zuneigung gewannen.
Dreiundvierzigstes Kapitel
Es handelt von den Sitten und Kleidern dieser Völker, von sehr großen Bäumen, von Elefanten und der Art und Weise, wie man diese jagt.
Vierundvierzigstes Kapitel
Es beschreibt die Füße und die Beine der Elefanten; außerdem ist hier die Rede von einem Flusspferd.
Fünfundvierzigstes Kapitel
Das Kapitel handelt von dem Fluss und Reich Casamanssa und von dem Kap Rosso.
Sechsundvierzigstes Kapitel
Es beschreibt weitere große Flüsse, die wir an dieser Küste entdeckten, und die hier lebenden Menschen.
Siebenundvierzigstes Kapitel
Das Kapitel berichtet von unserer Heimreise nach Spanien.
GOMES EANES DE ZURARA
Chronik der bemerkenswerten Taten, welche sich bei der Eroberung von Guinea, die auf Befehl des Infanten D. Henrique durchgeführt wurde, ereigneten — II. Band
Erstes Kapitel
Den Brief beinhaltend, den Gomes Eanes de Azurara an den Herrn König schrieb, als er ihm dieses Buch übersandte.
Zweites Kapitel
In dem von der Herkunft des Infanten D. Henrique berichtet wird.
Drittes Kapitel
In dem fünf Gründe angeführt werden, die den Herrn Infanten bewogen, die Lande von Guinea suchen zu lassen.
Viertes Kapitel
Aus welchem Grunde die Schiffe nicht wagten, über das Kap Bojador hinauszusegeln.
Fünftes Kapitel
Wie Gil Eanes, aus Lagos geboren, als Erster das Kap Bojador umrundete, und wie er noch einmal dorthin zurückkehrte, mit ihm Afonso Gonçalves Baldaia.
Sechstes Kapitel
Wie Afonso Gonçalves Baldaia den Rio do Ouro erreichte.
Siebtes Kapitel
Über die Dinge, die in den folgenden Jahren geschahen.
Achtes Kapitel
Wie Antão Gonçalves die ersten Gefangenen machte.
Neuntes Kapitel
Wo sich Antão Gonçalves befand, und wie er ihn zum Ritter schlug.
Zehntes Kapitel
Wie Nuno Tristão zur Ilha de Gete fuhr, und über die Mauren, die er dort gefangen nahm.
Elftes Kapitel
Wie Lançarote den Infanten um Erlaubnis bat, mit seinen Schiffen nach Guinea fahren zu dürfen.
Zwölftes Kapitel
Wer die Kapitäne der anderen Karavellen waren und über die erste Gefangennahme, die sie machten.
Dreizehntes Kapitel
Wie sie zum Kap Branco segelten und über die Dinge, die sie dort unternahmen.
Vierzehntes Kapitel
Wie die Karavellen Lagos erreichten und über die Auskünfte, die Lançarote dem Infanten gab.
Fünfzehntes Kapitel
Wie der Autor über das Mitleid nachdenkt, welches er für jene Menschen empfindet, und wie die Aufteilung vorgenommen wurde.
Sechzehntes Kapitel
Wie der Infant D. Henrique Lançarote zum Ritter schlug.
Siebzehntes Kapitel
Wie Antão Gonçalves, Gomes Pires und Diogo Afonso zum Rio do Ouro fuhren.
Achtzehntes Kapitel
Wie Nuno Tristão nach Tira segelte und von den Mauren, die er dort fand.
Neunzehntes Kapitel
Wie Dinis Dias ins Land der Neger fuhr und über die Gefangenen, die er von dort mitbrachte.
Zwanzigstes Kapitel
Wie sie die Mauren auf dem Kap Branco fingen.
Einundzwanzigstes Kapitel
Über die Worte, welche Gomes Pires sprach, und wie sie nach dem Lande Guinea fuhren.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Wie diese Karavellen den Fluss Nil erreichten und über die Guineer, die gefangen wurden.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Über die Dinge, welche Rodrigo Anes de Travaços und Dinis Dias erlebten.
Vierundzwanzigstes Kapitel
Wie Nuno Tristão im Lande Guinea getötet wurde, und wer mit ihm starb.
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Der Autor erläutert, wie viele Seelen seit dem Beginn der Eroberung in dieses Königreich gebracht wurden.
JOÃO DE BARROS
Die Fahrten entlang der Westküste Afrikas und die Entdeckung der Inseln Porto Santo und Madeira und des Cabo Verde
Erstes Kapitel
Von den Gründen, welche den Infanten Dom Henrique bewogen, die westliche Küste des Landes Afrika zu entdecken, und wie João Gonçalves und Tristão Vaz eines Sturmes wegen, der sie dorthin verschlug, die Insel Porto Santo entdeckten.
Zweites Kapitel
Wie João Gonçalves und Tristão Vaz nach der Abreise des Bartolomeu Perestrello die Insel entdeckten, die man jetzt Madeira nennt und die der Infant Dom Henrique in zwei »Capitanias« teilte, die eine genannt Funchal, die er dem João Gonçalves gab, die andere Machico, welche Tristão Vaz erhielt.
Drittes Kapitel
Von der Bitte, welche der Infant an den Papst richtete und die ihm dieser gewährte; sowie von der Schenkung des Fünften, die ihm der Infant Dom Pedro, sein Bruder, der Regent des Reiches im Namen des Königs, machte, und was dem Antão Gonçalves und Nuno Tristão auf den Fahrten, die jeder unternahm, widerfuhr.
Viertes Kapitel
Wie Gonçalo de Cintra mit anderen in der Bucht, die jetzt seinen Namen trägt, erschlagen wurde, und von der Fahrt, die Antão Gonçalves und nach ihm Nuno Tristão zum Rio do Ouro unternahmen, wobei dieser ein Dorf der Mauren einnahm, und wie Dinis Fernandes nach dem Lande der Neger kam und das Vorgebirge, das wir heute »Das Grüne« nennen, entdeckte.
Fünftes Kapitel
Von der Fahrt, die Dinis Eanes mit den Karavellen von Lissabon, die in Gesellschaft mit ihm fuhren, machte; und von dem, was der Kapitän Lançarote mit den 14 Karavellen von Lagos unter seinem Befehl ausrichtete, auf welcher Reise sie mit dem Verlust einiger der Unseren viele Mauren töteten und gefangen nahmen; und wie Soeiro da Costa, nachdem er an den glorreichsten Taten in Spanien teilgenommen hatte, auf dieser Fahrt zum Ritter geschlagen wurde.
Sechstes Kapitel
Wie der Infant Gomes Pires an den Rio do Ouro sandte, wo er 80 Gefangene machte, und desgleichen, wie er Diogo Gil, um eine Handelsverbindung herzustellen, nach Meza und Antão Gonçalves an denselben Rio do Ouro schickte; und wie ein Edelmann vom Hof des Königs von Dänemark mit dem Wunsch, sich in Guinea umzusehen, in dieses Reich kam, und wie ihn der Infant in einem Schiff absandte und er dort starb.
Siebtes Kapitel
Von der Persönlichkeit des Infanten Dom Henrique und von dem Charakter, welchen er während des ganzen Verlaufes seines Lebens beibehielt.
NACHWORT
ANHANG
Literatur zum Vorwort
Worterklärungen
Geografisches Glossar
Bibliografie
VORWORT DES HERAUSGEBERS
Heinrich der Seefahrer und das Zeitalter der portugiesischen Entdeckungen
»Den Ansporn, eine Seemacht zu werden, erhielt Portugal durch seine geografische Lage. Aber bei einer Bevölkerung, die nur eine und eine viertel Million zählte, hätte man kaum erwarten können, dass es im Verlauf eines Jahrhunderts die halbe Welt entdecken würde.« 1
Die portugiesischen Entdeckungen
und die Geschichtsschreibung
Schlägt man in der Absicht, sich rasch über die geschichtliche Entwicklung Portugals zu informieren, eine der zahlreichen Gesamtdarstellungen zur Geschichte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit auf, dann gewinnt man den Eindruck, dass das an der europäischen Peripherie gelegene Portugal nicht viel mehr als eine Komparsenrolle auf der Bühne der europäischen Geschichte gespielt hat. Dass in diesem Land die Wiege der abendländischen Übersee-Expansion gestanden hat, dass von keinem anderen Volk in der Geschichte so weitreichende geografische Entdeckungen gemacht wurden wie vom portugiesischen, dass Portugal als erste Kolonialmacht Europas dem Blick der Europäer neue Horizonte erschlossen, dass es mit seinen Entdeckungsfahrten in bislang unbekannte Weltregionen die Enge europäischer Provinzialität gesprengt und die abendländische Zivilisation mit bis dahin fremden Kulturen und Gesellschaften in Kontakt gebracht hat, scheint, obgleich von welthistorischer Bedeutung, vergessen worden zu sein. Wenn wir nach den Gründen für dieses erstaunliche Phänomen fragen, dann ist zunächst festzustellen, dass die in erster Linie auf die klassischen europäischen Großmächte konzentrierte Forschungsperspektive der meisten Historiker das geschichtliche Geschehen an der Peripherie Europas als zweitrangig erscheinen lässt und Portugal dementsprechend zu einer historischen »Randgruppe« im Kreise der »feinen Gesellschaft« von England, Frankreich und Deutschland degradiert. Nachteilig für eine angemessene Würdigung der welthistorischen Leistungen Portugals im 15. und 16. Jahrhundert wirkt sich zudem der bis in unsere Tage vorherrschende Eurozentrismus der Geschichtswissenschaft aus, insofern nämlich, als dadurch die außereuropäische Welt allenfalls als Appendix der europäischen Geschichte abgehandelt wird. Und dieses Faktum sorgt dafür, dass der Eintritt der südlichen Hemisphäre in das abendländische Weltbild, vorrangig zu verdanken den außerordentlichen Erfolgen der portugiesischen Seefahrt, in seiner die abendländische Welt verändernden Wirkung – sieht man einmal ab von der einschlägigen Spezialliteratur – nicht deutlich genug herausgestrichen wird. Dass von der Geschichtsschreibung weitgehend versäumt wurde, den tief gehenden Einfluss der portugiesischen Geschichte auf die menschliche Zivilisation recht zu würdigen, vermittelt nach Ansicht des amerikanischen Entdeckungshistorikers B.W. Diffie den Anschein, als sei von der internationalen Historikerzunft insgeheim eine regelrechte »Verschwörung« angezettelt worden, die sich zum Ziel gesetzt habe, Portugal seiner Verdienste auf diesem Gebiet zu berauben. Wenn er auch einräumen muss, dass die strikte Geheimhaltungspolitik des portugiesischen Königshauses, also dessen Bestreben, Portugals Entdeckungspläne und Entdeckungserfolge aus Furcht vor ausländischer Konkurrenz nicht ans Licht der Öffentlichkeit gelangen zu lassen, und der hieraus resultierende Quellenmangel für die beschriebene Unterbewertung der portugiesischen Geschichte mitverantwortlich sind, so vermag Diffie den Historikern dennoch den Vorwurf nicht zu ersparen, ihre Argumentation in Bezug auf Portugals Entdeckungsleistungen sei ausgesprochen destruktiv«.2 Umgekehrt freilich sei manchen betont nationalistischen portugiesischen Historikern, z.B. Gago Coutinho und Armando Cortesão, vorzuhalten, die entdeckungsgeschichtlichen Meriten Portugals größer gemacht zu haben, als sie es in Wirklichkeit waren: durch die Behauptung nämlich, es habe bereits vor Heinrich dem Seefahrer groß angelegte Entdeckungsreisen, vor Vasco da Gama schon geheim gehaltene Vorstöße in den Atlantik und den Indischen Ozean, vor Columbus Fahrten nach Amerika und vor Cabral Expeditionen nach Brasilien gegeben. Solche von keiner Quelle abgestützten Thesen seien lediglich ein »ausgetüfteltes Ratespiel«, das in Verdrehung der historischen Wahrheit dazu führe, all die genannten großen Entdeckerpersönlichkeiten zu »Pygmäen« zu degradieren, die nur den Spuren der vorgeblich »ersten« anonymen Entdecker gefolgt seien.3
Welche Antriebskräfte ließen Portugal zur
Pioniernation der Entdeckungen werden?
Es ist auf den ersten Blick in der Tat erstaunlich, dass ausgerechnet das kleine, bevölkerungsarme und wirtschaftlich vergleichsweise schwache Portugal, erst 1139 unter Afonso, dem Sohn des Grafen Heinrich von Burgund, im Kampf gegen die Mauren und unter Beseitigung der Oberhoheit Kastiliens zu einem selbstständigen Königreich aufgestiegen4, im 15. und 16. Jahrhundert zur führenden Seefahrer- und Entdeckernation Europas wurde. Dass dieses Königreich, das im Rahmen der innereuropäischen Geschichte über die Jahrhunderte hinweg nur eine untergeordnete Rolle spielte, solches zu vollbringen imstande war, lässt sich auf eine Reihe von Gründen zurückführen: Wesentlich ist zum einen die geografische Position Portugals am äußersten Südwestzipfel Europas, die für maritime Unternehmungen sehr günstig war und dem Land gegenüber den Ländern Mittel- und Nordeuropas auf diesem Terrain deutliche geostrategische Vorteile bot. Eine zweite Voraussetzung war die Existenz eines Handelsbürgertums und einer eigenen Schiffsbauindustrie. Die Aussicht auf wirtschaftlichen Gewinn5 und die Befriedigung von Abenteuerlust waren weitere Antriebskräfte. Jungen Adligen versprach die Seefahrt Ehrgewinn und Reichtum, während andere, vor allem das portugiesische Königshaus und die Kirche, in Übersee-Expeditionen in erster Linie die Möglichkeit sahen, die Ungläubigen zum Christentum zu bekehren. Unabhängig davon aber sind die herausragenden Erfolge der portugiesischen Seefahrt nicht zuletzt das ganz persönliche Verdienst von Heinrich dem Seefahrer, der 1394 als vierter Sohn König Johanns I. geboren wurde und im Mannesalter zum »Chef-Promotor«6 der portugiesischen Entdeckungen werden sollte. Denn während die anderen europäischen Länder zu Beginn des 15. Jahrhunderts in nicht enden wollende Kriege und dynastische Machtkämpfe verstrickt waren, übernahm Portugal, getrieben von Heinrichs unbändigem Entdeckungseifer, die Führung bei der Erforschung der außereuropäischen Welt und leitete damit eine neue Epoche der Weltgeschichte ein.
Zur Frühgeschichte der
portugiesischen Seefahrt
Ohne die entscheidenden Impulse, die die portugiesische Seefahrt von Heinrich dem Seefahrer erhielt, in ihrer Bedeutung herunterspielen zu wollen, darf allerdings nicht vergessen werden, dass die Portugiesen auch schon in früheren Zeiten auf seemännischem Gebiet Hervorragendes geleistet haben. Obwohl wir über die Frühgeschichte der portugiesischen Seefahrt nur relativ wenig wissen, ist bekannt, dass, vor allem von den portugiesischen Geschäfts- und Handelszentren Lissabon und Oporto aus, bereits im 12. Jahrhundert ein reger Seehandel mit dem Norden Europas und den Mittelmeerländern getrieben wurde. Auch besaß Portugal schon unter Alfons I. (1139–1185) eine, wenn auch noch recht kleine, Kriegsflotte, die immer wieder in Gefechte mit maurischen Geschwadern verwickelt war und mit deren Hilfe es gelang, die Herrschaft der Araber im Rahmen der portugiesischen Reconquista Zug um Zug nach Süden zurückzudrängen. Und im Jahr 1189 beteiligte sich König Sancho I. (1185–1211) mit 40 Galeeren an einer Kreuzfahrerflotte, die den Süden Portugals von den Mauren befreien sollte.7 Einen großen Schritt nach vorn machte die portugiesische Kriegs- und Handelsmarine unter König Diniz (1269–1325), dem wohl bedeutendsten portugiesischen Herrscher im Mittelalter. Um den Schiffsbau zu fördern, ließ er nicht nur bei Leira einen Fichtenwald zur Beseitigung des Holzmangels anlegen, sondern er rief im Jahr 1293 auch eine Schiffsversicherungsgesellschaft, die bolsa, ins Leben, aus der sich später die feitora, die lange Zeit führende portugiesische Überseehandelsgesellschaft, entwickelte.8 Neben einer Reihe von Steuerprivilegien, die er dem Handelsbürgertum gewährte, fiel in diesem Zusammenhang auch ins Gewicht, dass er die Schiffsbauer in den Ritterstand erhob. Dieser Beruf war also fortan mit einem außerordentlichen gesellschaftlichen Prestige und einem hohen sozialen Status verknüpft, was natürlich dazu führte, dass sich dieser Gewerbezweig besonders stark entwickelte. Und schließlich schuf König Diniz das Amt des Admirals, des Befehlshabers der Kriegsflotte, dessen Inhaber er ebenfalls mit großen Privilegien ausstattete. Betraut mit diesem Amt wurde ein Genueser namens Manoel Pezagno, der als Seefahrer in einem guten Ruf stand. Überhaupt war Genua damals die führende Seemacht, deren Kapitäne auch von den Königen Kastiliens und Frankreichs mit der Organisation ihrer Flotten beauftragt wurden.9
Genueser, die mit besagtem Admiral nach Portugal gekommen waren, waren es auch, die die erste aktenkundige Ozeanfahrt unter portugiesischer Flagge anregten: Am 1. Juli 1341 brachen drei Schiffe zu den Kanarischen Inseln auf, die im Altertum als die »Glücklichen Inseln« bekannt und 1270 von dem Genueser Malocello neu entdeckt worden waren.10 Die portugiesische Expeditionsflotte besuchte auf dieser Fahrt die Inseln Fuerteventura, Gran Canaria, Ferro, Gomera und Teneriffa; einige Chronisten vermuten sogar, dass anlässlich dieser Expedition auch die Azoren erreicht wurden. Im November desselben Jahres trafen die drei Schiffe wieder in Lissabon ein, ohne allerdings eine nennenswerte Beute mitzubringen. Wenn dieser ersten Entdeckungsfahrt vorläufig keine weitere folgte, dann lag das vor allem daran, dass Papst Clemens VI. (1342–1352) – nach mittelalterlichem Recht oblag es der päpstlichen Gewalt, über neu entdeckte und bislang unbesetzte Länder zu verfügen – im Jahr 1344 die Kanarischen Inseln dem Grafen Luis de la Cerde, einem Verwandten des Königshauses von Kastilien, gegen eine jährlich zu entrichtende Tributzahlung verlieh.11 Hinzu kam, dass der fortdauernde Krieg gegen die Mauren den vollen Einsatz der portugiesischen Flotte verlangte.
In der Folgezeit wurde unter den Königen Pedro I. (1357– 1367), der ausländischen Kaufleuten weitgehende Handelsprivilegien einräumte und somit Portugal zu einem Zentrum des europäischen Handels machte, und Ferdinand I. (1367–1383) die Kriegs- und Handelsflotte Portugals stetig ausgebaut und verbessert. Als jedoch Ferdinand I. vor dem Hintergrund der anhaltenden Erbfolgestreitigkeiten mit Kastilien immer mehr Geld in die Kriegsmarine steckte, stieß er mit dieser Politik auf den Widerstand der cortes, des ständisch verfassten Parlaments Portugals, in dem die Stimme des Handelsbürgertums ein großes Gewicht hatte. Beklagt wurde vom Parlament neben der Vernachlässigung der Handelsschifffahrt auch die Steuer- und Zollpolitik des Königs, die aus der Sicht des Handelsbürgertums nur den Adel und den Klerus und obendrein auch noch die ausländischen Kaufleute begünstigte. Da die Volksvertreter mit dem Steuerbewilligungsrecht ein wirksames Druckmittel in der Hand hatten, musste Ferdinand I. ihrem Begehren nach einer stärkeren Förderung der einheimischen Handelsschifffahrt schließlich nachgeben. 1377 gewährte er der portugiesischen Kaufmannschaft einen großzügigen Privilegienbrief, eine Maßnahme, die er drei Jahre später mit der Gründung einer Schifffahrtsgesellschaft, der Companhia das Naus, ergänzte. Beide Entscheidungen waren für die Zukunft der portugiesischen Seefahrt von größter Wichtigkeit: Mit dem Privilegienbrief erhielten die Handelsschifffahrt und der Handelsschiffsbau ein ganzes Bündel weitreichender Begünstigungen zugesprochen, das von der Gewährung von Steuer-und Zollfreiheit in bestimmten Fällen bis hin zu der Erlaubnis reichte, für den Bau von Schiffen über 100 Tonnen Holz in den königlichen Forsten kostenlos schlagen zu dürfen. Hauptzweck der neu geschaffenen Schifffahrtsgesellschaft war die Einrichtung eines genossenschaftlichen Versicherungsfonds, auf den die Reeder zurückgreifen konnten, wenn eins Schiffe auf See verloren gegangen war.12 Angesichts dieser Maßnahmen verlegten sich viele Portugiesen auf die Handelsschifffahrt, versprach eine Betätigung auf diesem Felde doch reichen wirtschaftlichen Gewinn. Und in der Tat erlebten in den Jahren nach 1380 der portugiesische Seehandel und die Handelsflotte einen ungeheuren Aufschwung, eine Entwicklung, in deren Verlauf viel Geld in das Land strömte und die Wirtschaft Portugals insgesamt aufblühte. Auch der König, dem der Ausbau der Handelsflotte von den cortes zunächst hatte abgerungen werden müssen, zog daraus einen Nutzen, denn die Handelsschiffe, deren Größe mit der Ausweitung des Handels ständig zunahm, konnten in Kriegszeiten auch militärisch eingesetzt werden. Freilich erlitt die Flotte Portugals durch Ferdinands Dauerkrieg gegen den Rivalen Kastilien so schwere Verluste, dass sein Nachfolger auf dem portugiesischen Königsthron, Johann I. (1385–1433), Jahre brauchte, um sie wieder zu reorganisieren.13
Das Zeitalter Heinrichs des Seefahrers
Die Eroberung Ceutas im Jahre 1415
Nach Beendigung des Erbfolgekrieges gegen Kastilien in der für die Portugiesen mit einem entscheidenden Sieg endenden Schlacht von Aljubarrota im August 1385 und der nachfolgenden inneren Konsolidierungsphase unter der neuen Dynastie der Aviz, die mit Johann I. an die Macht gekommen war14, schickte sich Portugal im Jahr 1415 an, seiner Expansionspolitik neue Horizonte abzustecken und über die Straße von Gibraltar hinausgreifend auf dem afrikanischen Festland Fuß zu fassen. In diesem Jahr wurde das maurische Ceuta von einem portugiesischen Expeditionskorps im Handstreich erobert, wobei Prinz Heinrich zum ersten Mal ins Rampenlicht der Geschichte treten sollte.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts fand Portugal für eine aktive Afrikapolitik außerordentlich günstige Voraussetzungen vor: Kastiliens außenpolitischer Spielraum war zu der Zeit stark eingeengt durch innere Machtkämpfe mit dem Adel, und da England und Frankreich durch den Hundertjährigen Krieg15 die Hände gebunden und die italienischen Stadtstaaten in gegenseitige Rivalitäten verstrickt waren, hatte Portugal – zudem gestützt auf den endgültigen Friedensschluss mit Kastilien aus dem Jahre 1411 – Energien frei für eine erfolgreiche Südexpansion.
Mit einem Feldzug gegen die muslimischen Mauren wollte Johann I. unter anderem Verfehlungen wiedergutmachen, derer er sich im Krieg gegen seinen »christlichen Bruder«, den König von Kastilien, schuldig gemacht zu haben glaubte. Wie uns der Chronist Zurara berichtet, meinte er, dafür am besten Buße tun zu können, »wenn er seine Hände im Blut der Ungläubigen wusch«.16 Nach reiflichem Überlegen wurde am Königshof zu Lissabon schließlich beschlossen, zu diesem Zweck Ceuta anzugreifen, die Stadt, von der aus die muslimischen Omaijaden im Jahr 711 auf die Iberische Halbinsel vorgedrungen waren. Diffie zufolge war diese Entscheidung das »wichtigste Ereignis der Regierungszeit Johanns I., wenn nicht sogar der gesamten portugiesischen Geschichte«.17 Denn die Eroberung Ceutas bildete den Auftakt zur Schaffung des portugiesischen Überseereiches, und sie war gleichsam ein Vorspiel zu den späteren Atlantikerkundungen. Freilich war König Johann dieser Entschluss alles andere als leicht gefallen: Er befürchtete, der Fall Ceutas würde das islamisch-maurische Restkönigreich Granada im Süden Spaniens, das erst 1492 von Kastilien endgültig besiegt werden sollte, vom Nachschub der Hilfstruppen aus Afrika abschneiden und dann Portugals Erzrivalen, den König von Kastilien, ermuntern, nicht nur Granada, sondern auch Portugal mit Krieg zu überziehen. In seiner Crónica de Ceuta bestätigt Zurara ausdrücklich die Bedenken Johanns, die kastilische Front zu entblößen, wenn er ihm folgende Worte zuschreibt: »Die Kastilier hassen uns abgrundtief, zumal die Erinnerung an die Niederlage, die sie gegen uns erlitten haben, noch sehr frisch ist. Es könnte deshalb sein, dass sie diese Gelegenheit ausnützen, um Vergeltung zu üben für die Erniedrigungen, die wir ihnen zugefügt haben.«18 Und obendrein befürchtete der König einen Gegenangriff der Mauren auf die südportugiesische Provinz Algarve, die diesen erst vor Kurzem entrissen worden war. Wenn solchen Befürchtungen zum Trotz schließlich dennoch entschieden wurde, Ceuta zu erobern, dann gab es hierfür – neben dem Kreuzzugsgedanken – eine ganze Reihe von gewichtigen Argumenten19: Ceuta, nach Zurara »die Blume unter den Städten Afrikas« und »Schlüssel zum Mittelmeer«20, war zu der Zeit ein sehr bedeutender Handelsplatz an der Straße von Gibraltar und Endstation verschiedener ins Innere Afrikas führender Karawanenwege. Auf einem davon gelangte man zu den dortigen sagenumwobenen Goldquellen, was auf portugiesischer Seite die Hoffnung nährte, mit der Einnahme von Ceuta den afrikanischen Goldhandel in die Hand zu bekommen. Weiter versprach man sich von der Inbesitznahme eines afrikanischen Hafens an der Straße von Gibraltar eine Stärkung der militärischen Position Portugals gegen die Mauren und einen verbesserten Schutz der Algarveküste gegen das maurische Piratenunwesen. In strategischer Hinsicht sollte Ceuta zu einem Brückenkopf ausgebaut werden, von dem aus weitere Eroberungen in Marokko Platz greifen konnten. Ferner bot ein solcher Feldzug die Möglichkeit zur Beschäftigung der portugiesischen Streitkräfte, die seit dem Friedensschluss mit Kastilien im Jahr 1441 gleichsam »arbeitslos« waren. Auch spielte hierbei die Furcht eine Rolle, dass Portugal von seinen Handelsverbindungen nach Afrika abgeschnitten würde, wenn man Kastilien allein das afrikanische Feld überließe. Ganz persönliche Beweggründe, eine Expedition gegen den maurischen Stützpunkt Ceuta zu fördern, hatten die Prinzen Duarte, Pedro und Heinrich, die Söhne Johanns I. Sie wollten sich nämlich durch eine besondere Waffentat die Ehre verdienen, von ihrem Vater zum Ritter geschlagen zu werden. Und was war hierfür besser geeignet als ein erfolgreicher Kreuzzug gegen die Ungläubigen?
Am 25. Juli 1415 hisste die portugiesische Kriegsflotte die Segel. Sie bestand aus etwa 200 Schiffen jeder Größe und ungefähr 50000 Mann, darunter viele ausländische Söldner und Edelleute, unter anderen auch der Tiroler Dichter Oswald von Wolkenstein. Da die Portugiesen selbst nicht über genügend Schiffe verfügten, um diese Streitmacht nach Afrika überzusetzen, musste hierfür eine große Anzahl aus dem Ausland angemietet werden.21 Einige Tage später ging die Flottille in der Bucht von Lagos, an der Südspitze Portugals gelegen, vor Anker. Um die Truppe für den bevorstehenden Kampf in die richtige Stimmung zu bringen, ließ König Johann dort von seinem Hofkaplan eine zündende Kreuzzugspredigt halten, die mit den Worten endete: »Wer als Katholik und wahrer Christ nicht seine ganze Kraft zur Verteidigung des Glaubens einsetzt, ist kein echter Ritter, kein Glied Jesu Christi; er hat nichts mit ihm gemein und übertrifft an Schlechtigkeit den Ungläubigen.«22 Durch heftige Winde zeitweilig vom richtigen Kurs abgetrieben, erreichte die portugiesische Streitmacht am 14. August schließlich die Reede von Ceuta. Am nächsten Morgen erfolgte die Landung, wobei es den Portugiesen alsbald gelang, in die Stadt einzudringen. Wie Zurara schildert, übernahm Prinz Heinrich selbst die Leitung dieser Operation. Es entbrannte nun ein heftiger Kampf, Straßenzug um Straßenzug, Stadtviertel um Stadtviertel. Die Mauren waren zahlenmäßig weit überlegen, sodass die meisten von Heinrichs Leuten nach und nach ihr Heil in der Flucht suchten. Zuraras Bericht zufolge hielten nur 17 Ritter und Knappen bei Heinrich aus, und dieser kleine Haufen wehrte sich heroisch gegen die maurische Übermacht, wobei sich Heinrich durch außergewöhnlichen Mut hervorgetan haben soll. Erst als es ihm gelungen war, sich mit der Mannschaft seines Bruders Duarte, der inzwischen die Moschee von Ceuta erobert hatte, zu vereinigen, konnte der Versuch unternommen werden, die Zitadelle der Stadt zu erstürmen. Am Abend des 16. August war es dann endlich so weit: Auf der höchsten Zinne der maurischen Trutzburg wehte die portugiesische Flagge, das Banner des heiligen Vincente. Trotz heftiger Gefechte hatten die Portugiesen nach Auskunft des Chronisten insgesamt nur acht Mann verloren, »da die meisten Söldner, im Gegensatz zu den Mauren, einen Harnisch trugen«.23 Als Belohnung für ihren mutigen Einsatz und ihre Tapferkeit wurden die Prinzen Duarte, Pedro und Heinrich am 25. August von ihrem Vater, König Johann I., zu Rittern geschlagen, und zwar mit den Schwertern, die ihnen ihre Mutter kurz vor ihrem Tod – die Königin war unmittelbar vor dem Aufbruch der portugiesischen Flotte nach Ceuta verschieden – noch auf dem Totenbett überreicht hatte.
Nach der erfolgreichen Eroberung Ceutas ergab sich die Frage, ob man die Stadt langfristig halten oder wieder aufgeben sollte. Die Ratgeber des Königs waren hierüber verschiedener Meinung. Die Rückzugsbefürworter verwiesen vor allem darauf, dass eine dauerhafte Besetzung Ceutas mehr Kosten verursache als Gewinne einbringe. Die Gegenpartei war der Auffassung, dass bei einem Rückzug die Stadt wieder den Muslimen ausgeliefert würde und diese so wieder die Möglichkeit hätten, von hier aus die Algarveküste zu überfallen. Nach einigem Hin und Her wurde vom König schließlich beschlossen, Ceuta zu halten. Bevor die portugiesische Flotte am 2. September nach Portugal aufbrach, wurde der Graf von Viana, João Pedro de Menezes, als Gouverneur von Ceuta eingesetzt. Als Besatzungstruppe wurden knapp 3000 Mann mit einigen Schiffen zurückgelassen. Am 6. September 1420 wurde Ceuta – in Übereinstimmung mit einer Bulle Papst Martins V. – in den Rang einer bischöflichen Diözese erhoben.
Die Besetzung Ceutas stellte sich freilich bald als eine schwere Bürde heraus: Dauernde Überfälle der Mauren auf die Stadt machten den portugiesischen Besatzern das Leben schwer. Zwischen 1418 und 1420 wurde Ceuta von einer starken muslimischen Streitmacht belagert, sodass König Johann gezwungen war, seinen Sohn Prinz Heinrich mit einer Entsatzexpedition wieder nach Nordafrika zu schicken. Und obwohl die Mauren daraufhin nicht in der Lage waren, die Stadt zurückzuerobern, brachten Belagerung und ständige Überfälle die Portugiesen um die erhofften Vorteile. Dies galt vor allem auch in wirtschaftlicher Hinsicht, denn der muslimische Handelsschwerpunkt verlagerte sich nach 1415 von Ceuta auf andere Städte in Nordafrika, was zur Folge hatte, dass die Bemühungen der Portugiesen, von Ceuta aus den Sahara-Handel in den Griff zu bekommen, zum Scheitern verurteilt waren.24
Der Beginn der Atlantikerkundungen
Unter den gegebenen Umständen war es den Portugiesen verwehrt, von ihrem Stützpunkt Ceuta aus weiter nach Nordafrika vorzudringen. So führten nicht zuletzt die Enttäuschungen, die man in dieser Angelegenheit hinnehmen musste, am portugiesischen Hof zu einem Umdenken, was die weiteren Expansionspläne betraf. Die nunmehr neu eingeleitete Politik beinhaltete eine Doppelstrategie: Festhalten an Ceuta bei gleichzeitigen Vorstößen entlang der westafrikanischen Küste. Diese Politik war abgestützt durch einen nationalen Konsens: Die portugiesische Kaufmannschaft erhoffte sich hiervon ein weiteres Aufblühen von Handel und Wirtschaft, die Seeleute, darunter viele von hohem sozialen Rang, lockte die Aussicht auf Beutegewinn, andere wiederum konnten dadurch ihre Abenteuerlust befriedigen. Der Kampf gegen die Ungläubigen war ein weiteres einigendes Motiv. Und in den Kreisen der portugiesischen Dynastie dachte man in erster Linie daran, durch eine erfolgreiche Expansionspolitik das Königtum der Aviz zu stärken. Zur Leitfigur dieses Vorgehens wurde Prinz Heinrich. Unabhängig von der Frage, ob man nun ihm allein zuschreiben soll, den Anstoß für die Ausweitung des portugiesischen Herrschaftsbereichs gegeben zu haben – eine Sicht, die mittlerweile traditionell geworden ist –, bleibt festzuhalten, dass er es war, der am konsequentesten die genannte Doppelstrategie verfolgte, nämlich die Muslime sowohl von Ceuta aus als auch von See her durch Schiffsexpeditionen entlang der Küste von Westafrika anzugreifen25.
Ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung war die Kolonisierung von Madeira und der umliegenden Inseln in den Jahren 1418–1425. Danach richtete sich der Blick Portugals erneut auf die Kanarischen Inseln, die von Kastilien als Interessengebiet beansprucht wurden.26 Im Jahr 1424 oder 1425 brach eine erste Expedition unter dem Kommando von Fernando de Castro auf, um die Inselgruppe zu besetzen. Dieses Unternehmen schlug völlig fehl: De Castro musste unverrichteter Dinge wieder umkehren. Obwohl Kastilien heftig dagegen protestierte, unternahm Portugal in der Folgezeit wiederholt den Versuch, die Kanarischen Inseln in seinen Besitz zu bringen.27
In den Jahren zwischen 1425 und 1434 sandte Prinz Heinrich auch mehrere Expeditionen aus – Zuraras Bericht zufolge insgesamt 15 –, die Befehl hatten, jenseits von Kap Bojador, der Grenze der damals bekannten Welt, Neuland zu entdecken. Aus zeitgenössischer Sicht bedeutete dies also nichts weniger, als vorzustoßen »hinaus über das Ende der Welt«.28 Indes gelang keiner dieser Unternehmungen die Umrundung jenes Kaps. Noch am ehesten erreichte dieses Ziel Fray Gonçalo Velho, als er im Jahr 1426 bis nach Terra Alta, kurz vor Kap Bojador gelegen, segelte. Diese Misserfolge ließen Prinz Heinrich jedoch keineswegs resignieren. Zurara führt seine Beharrlichkeit auf folgende Motive zurück: auf Heinrichs unermesslichen Wissensdurst und seinen Drang, unbekannte Länder zu erforschen; auf seinen Wunsch, Handelsbeziehungen mit bislang unentdeckten Regionen zu knüpfen; auf seinen religiösen Eifer, der darauf abzielte, Kontakt mit einem noch zu entdeckenden christlichen Königreich jenseits des islamisch beherrschten Nordafrikagürtels aufzunehmen und mit diesem ein Bündnis gegen die Muslime zu schließen; auf sein Bestreben, die »Heiden« zum Christentum zu bekehren; und schließlich habe Heinrich – so der Chronist – mit den Übersee-Expeditionen das Schicksal erfüllen wollen, das ihm von seinem Horoskop vorhergesagt worden sei.29
In den Jahren 1427–1432 wurden von den Schiffen Heinrichs die Azoren entdeckt und mit Portugiesen besiedelt. Danach machte sich Heinrich daran, die Kanarischen Inseln in portugiesischen Besitz zu bringen. Dazu ging er zunächst auf diplomatischem Wege vor, indem er an Kastilien die Forderung richtete, Portugal das Recht zur Besetzung dieser Inselgruppe einzuräumen. Als dies nichts fruchtete – Kastilien beharrte nach wie vor auf seiner Oberhoheit über die Inseln –, wandte sich der Prinz 1433 direkt an den Papst. Und dieser entsprach – offensichtlich in Unkenntnis der kastilischen Ansprüche – Heinrichs Ersuchen. Daraufhin erhielt Prinz Heinrich von seinem Bruder Duarte, der als Nachfolger des im August verstorbenen Johann I. den portugiesischen Thron bestiegen hatte, weitgehende Verfügungsrechte über die Kanarischen Inseln. Die geistliche Aufsicht über die Inselgruppe wurde dem Christusorden zugesprochen, dem Heinrich als regedor e governador vorstand. Die endgültige völkerrechtliche Klärung der Kanarischen Frage blieb allerdings weiterhin offen, weil der Papst auf kastilischen Druck hin die Entscheidung, die Inseln Portugal zu überlassen, wieder zurücknahm.30
Im Jahr 1434 gelang Gil Eanes endlich die seit Langem angestrebte Umrundung von Kap Bojador, das bislang als unpassierbar gegolten hatte. 1435 folgte eine zweite Fahrt Eanes’, zusammen mit Afonso Gonçalves Baldaia. Damit war eine entscheidende Barriere gefallen, denn von nun an war es für die Seefahrt zumindest in psychologischer Hinsicht leichter, über dieses Kap hinaus weiter nach Süden vorzustoßen – nicht jedoch in technischer Beziehung, da die weit ins Meer hinausragenden Sandbänke und Felsenriffe die Passage dieses Landvorsprungs für die damaligen Schiffe nach wie vor zu einem sehr riskanten Unterfangen machten. Prinz Heinrich zeigte sich mehr denn je ermutigt und entschlossen, seine Schiffe so weit wie nur möglich nach Süden Vordringen zu lassen. Mit entsprechenden Instruktionen versehen, segelte Baldaia 1436 bis Piedra de Galea (Porto do Galé), 120 leagues31 südlich von Kap Bojador auf 22°03’ N gelegen. Auf dieser Reise wurde unter anderem auch der Rio d’Ouro entdeckt.32
Der fehlgeschlagene Tanger-Feldzug von 1437
Nach Baldaias Fahrt trat in der portugiesischen Entdeckungstätigkeit eine mehrjährige Pause ein, die bis 1440 währte. Die militärischen Vorbereitungen für einen Angriff auf das marokkanische Tanger, der Tod König Duartes im Jahr 1438 und die anschließend ausbrechenden Auseinandersetzungen um die Regentschaft zwischen der Königin und Prinz Pedro banden in den Jahren 1436 –1440 alle politischen Energien Portugals.
Am meisten ins Gewicht fiel dabei das Tangerunternehmen von 1437.33 Nachdem Pläne zu einem gemeinsamen Vorgehen von Portugal und Kastilien gegen das maurische Granada an der fortdauernden Rivalität der beiden iberischen Königreiche gescheitert waren, blieb Portugal in seinem Kampf gegen den Islam auf sich allein gestellt. Wie oben gesagt, blieb die Lage um Ceuta sehr unbefriedigend, sowohl was den Handel anbelangte als auch in Bezug auf die Möglichkeit, von hier aus den Kreuzzug gegen die Ungläubigen ins Innere Marokkos voranzutreiben. In dieser Situation wollte Portugal einen neuen Anlauf nehmen zur Zerschlagung der muslimischen Bastionen in Marokko.
Entschiedener Anwalt dieser Politik, die 1436 in den Plan mündete, Tanger anzugreifen, war Prinz Heinrich. Gegen massive Widerstände innerhalb der königlichen Familie – Prinz Pedro z.B. war, sich dabei auf die negativen Erfahrungen um Ceuta stützend, ausdrücklich gegen ein solches Unternehmen34 – konnte sich Heinrich dabei auf eine bula de crusada (Kreuzzugsbulle) von Papst Eugen IV. berufen, wenn er die Überzeugung äußerte, dass ein solcher Kreuzzug »zweifellos dem Willen Gottes« entspreche und in Fortsetzung der Reconquista ein Gott wohlgefälliges Werk sei.35
Umstritten war zudem, ob für diesen Feldzug eine Sondersteuer erhoben werden durfte. Der portugiesischen Bevölkerung eine besondere Kreuzzugsabgabe aufzubürden war unerlässlich, weil im Staatsschatz nicht genügend Geldmittel vorhanden waren, um den Sold und die Verpflegung des Expeditionskorps zu finanzieren. Ein Gutachten von Antonius de Pratovecchio, einem italienischen Rechtsgelehrten, der sowohl den Papst als auch den Kaiser und eine Reihe von Königen juristisch beriet, kam diesbezüglich zu dem Schluss, dass der König das Volk für einen gerechten Krieg zu Steuern heranziehen dürfe: »Collectam pro bello licite subditis imponi posse, ex quo bellum est iustum.«36 Eine Sonderabgabe zur Finanzierung des Tanger-Feldzuges war in der Bevölkerung natürlich sehr unpopulär; nur unter Protest genehmigten die im März 1436 in Evora versammelten cortes die vom König verlangte zusätzliche Steuer.37
Für die Expeditionstruppe wurden ursprünglich 14000 Mann für notwendig erachtet, doch als die Flotte schließlich am 22. August 1437 von Restelo aus aufbrach, waren nur 7000 Mann an Bord, ein Grund, warum das Unternehmen mit einem Desaster enden sollte. Nach der Landung in Ceuta marschierte Prinz Heinrich mit 5000 Mann Richtung Tanger, während sein Bruder, Prinz Fernando, mit der Armada und den restlichen 2000 Mann direkt nach Tanger segelte. Zwischen dem 13. und 20. September wurde die Stadt von den Portugiesen mehrmals erfolglos bestürmt.38 Als am 25. September der Sultan von Fes mit einem riesigen Entsatzheer den Verteidigern von Tanger zu Hilfe eilte, wurden aus den Belagerern Belagerte. Abgeschnitten von ihrer Flotte und angesichts der feindlichen Übermacht, hatten die Portugiesen keine andere Wahl, als den muslimischen Heerführern gegen die Zusicherung freien Abzugs zu den Schiffen die Übergabe Ceutas anzubieten. Am 17. Oktober gingen die Muslime endlich auf diesen Vorschlag ein, allerdings musste sich der Infant Fernando als Unterpfand für Ceuta in die Hand von Salah ben Salah, dem Verteidiger von Tanger, begeben.
Nach Rückkehr der Kriegsflotte entbrannte innerhalb der portugiesischen Führung ein schwerer Konflikt darüber, ob man den mit den Muslimen ausgehandelten Vertrag einhalten und also Ceuta im Austausch gegen Fernando aufgeben sollte.39 Prinz Pedro, der schon immer der Ansicht gewesen war, dass Besitzungen in Afrika für Portugal eher eine Belastung als ein Aktivposten seien, drängte auf die Aufgabe Ceutas, ebenso Prinz Johann. Gegen die Auslieferung der Stadt an die Mauren votierten Prinz Heinrich, der darauf baute, Fernando durch einen neuerlichen Feldzug aus der Geiselhaft befreien zu können, und der Erzbischof von Braga, der aus kirchlichen Gründen an Ceuta festhalten wollte. Der Papst äußerte sich in der gleichen Richtung; und auch das Bürgertum von Lissabon und Oporto beharrte kommerzieller Interessen wegen darauf, dass Ceuta unter keinen Umständen aufgegeben werden dürfe. König Duarte befand sich in einem großen Zwiespalt. Wäre es allein nach seinem Herzen gegangen, dann hätte er, um seinen geliebten jüngeren Bruder Fernando freizubekommen, Ceuta sicherlich fallen gelassen. Andererseits vermochte er sich nicht den Argumenten Heinrichs zu entziehen, der entschieden für ein Festhalten an diesem portugiesischen Brückenkopf plädierte. Als König Duarte am 9. April 1438 starb, war das Schicksal Fernandos weiterhin ungewiss. Auch unter Prinz Pedro und Duartes Witwe, die beide als Regenten eingesetzt worden waren, kam es trotz aller Bemühungen in dieser Frage zu keinem Ergebnis, sodass Prinz Fernando, der in der Gefangenschaft viele Misshandlungen und Demütigungen über sich hatte ergehen lassen müssen, schließlich am 5. Juni 1443 in Fes an der Ruhr starb, ohne sein Vaterland jemals wiedergesehen zu haben.
Der portugiesische Historiker David Lopes nennt Fernandos Tod »ein kaltblütig von der Nation verübtes Verbrechen«, für das in erster Linie Prinz Heinrich wegen seines unbedingten Festhaltens an Ceuta verantwortlich sei.40
Heinrichs Biograf John Ure schreibt zu dieser Frage über den Infanten: »Er hatte wirklich viel zu verantworten. Er war es gewesen, der auf dem tollkühnen Unternehmen bestanden hatte, er war es gewesen, der seinen Instruktionen und dem gesunden Menschenverstand zum Trotz gehandelt und Verderben und Erniedrigung auf die portugiesische Armee herabbeschworen hatte; und er hatte sich zur Übergabe seines Bruders Fernando bereitgefunden und später das Herz seines Bruders Duarte so zu verhärten verstanden, dass dieser nicht in Unterhandlungen um die Freilassung Fernandos eintrat. Duarte und Fernando waren nun beide tot. Aber Katastrophen und Tragödien hatten Prinz Heinrichs Charakter nicht weicher werden lassen; er sollte auch weiterhin solche Ziele mit Hartnäckigkeit verfolgen, die seine beträchtliche Einbildungskraft reizten. Und diese Ziele sollten, seiner besonderen Natur entsprechend, zwischen mittelalterlichem Rittertum und aufgeklärter Renaissance die Mitte halten.«41
Die Erforschung der westafrikanischen
Küste in den Jahren 1440–1448
Nach dem Fehlschlag von Tanger und dem Märtyrertod Fernandos zog sich Heinrich nach Sagres, der Halbinsel an der äußersten Südwestspitze Portugals, zurück. An diesem Ort der Provinz Algarve, über die er seit 1419 als Gouverneur regierte, wurden unter seiner Leitung in den folgenden Jahren intensive Studien auf den Gebieten der Mathematik, der Navigation und Kartografie, also Grundlagenforschung für die weiteren portugiesischen Entdeckungsreisen entlang der westafrikanischen Küste, betrieben. Ob man in diesem Zusammenhang von einer besonderen »Schule von Sagres« sprechen kann, wie dies im 19. Jahrhundert üblich war, ist nach neuesten Forschungen nicht mehr so einfach zu beantworten.42 Auch findet sich in zeitgenössischen Dokumenten keine Bestätigung für die Behauptung, Heinrich selbst sei auf den genannten Forschungsgebieten ein herausragender Wissenschaftler gewesen.43 Fest steht John Ure zufolge aber, dass in Sagres »gründliche und erfolgreiche Studien im Schiffsbau, in der Navigation und Kartografie durchgeführt worden sind und dass Prinz Heinrich bei ihrer Leitung jene Eigenschaften klar und deutlich unter Beweis stellte, die wir gewöhnlich einem empirisch vorgehenden Renaissance-Denker zuschreiben«.44 Heinrichs größter Beitrag zur theoretischen Seite der Entdeckungsreisen war, dass er entsprechend seiner Neigung zum Wissenschaftlichen verschiedene renommierte Gelehrte nach Sagres holte und diese dort in ihren Studien förderte. Einer von ihnen war der Jude Jaime Cresques, der aus der berühmten Kartografischen Schule von Mallorca stammte und in Sagres zu einem der führenden Kartografen seiner Zeit wurde.45 Bei der Wahl seiner Mitarbeiter verhielt sich Heinrich geradezu kosmopolitisch: Rassen- oder Glaubenszugehörigkeit spielten keine Rolle, sodass Heinrichs Hof ein buntes Bild verschiedener Nationalitäten bot. Die weltoffene Toleranz, die hierin zum Ausdruck kam, unterschied sich sehr deutlich von jenem »starren Kreuzfahrergeist«46, den Heinrich bei den Feldzügen gegen Ceuta und Tanger an den Tag gelegt hatte. Sein »forschender Intellekt« manifestiert sich auch in dem Titel »Beschützer der Universität von Lissabon«, den er seit 1431 in Anerkennung seiner Verdienste um diese Universität führte.47
Nach seiner Niederlassung in Sagres ging Prinz Heinrich tatkräftig daran, die vier Jahre lang unterbrochene Entdeckertätigkeit entlang der westafrikanischen Küste wieder aufzunehmen. Dass sich in seiner Person all die Kräfte konzentrierten, die auf Expansion drängten, verdeutlicht der Chronist Zurara, wenn im 7. Kapitel seiner Crónica da Guiné »fünf Gründe« angeführt werden, die den »Herrn Infanten bewogen, die Lande von Guinea suchen zu lassen«.
1441 gelangte ein Schiff unter Kapitän Antão Gonçalves zum Rio d’Ouro, im selben Jahr stieß Nuno Tristão bis zum Kap Blanco vor, zum bislang südlichsten Punkt portugiesischer Entdeckungsfahrt (20°46’ N). Tristão hatte ausdrücklichen Befehl, bei dieser Fahrt möglichst viele Eingeborene einzufangen und als Sklaven nach Portugal zu bringen. Diffie ist der Ansicht, dass der psychologische Effekt der Gefangennahme und anschließenden Verschleppung von schwarzen Sklaven – mit Tristãos Schiff kamen die ersten Farbigen nach Portugal – für die weitere Entwicklung der portugiesischen Seefahrt größer gewesen sei als die Erstumrundung von Kap Bojador.48 Viele Abenteurer und eher zwielichtige Figuren wurden nämlich nun von der Aussicht auf den Plan gerufen, beim Handel mit Sklaven profitable Geschäfte machen zu können. Um sich solche Konkurrenz vom Leibe zu halten, ließ sich Prinz Heinrich im Oktober 1443 von seinem Bruder Pedro, der für den noch minderjährigen König Afonso die Regentschaft ausübte, das exklusive Recht einräumen, dass nur in seinem Auftrag die afrikanische Küste befahren werden durfte. Auch Handelsgeschäfte aller Art durften von nun an nur noch getätigt werden, wenn Heinrich hierzu eine Lizenz erteilt hatte. Dieses Recht, das ihm vom Papst ausdrücklich bestätigt wurde, verschaffte dem Infanten eine Art Monopolstellung im Westafrikahandel, die zur finanziellen Grundlage für die künftigen, von Heinrich ausgerüsteten Entdeckungsfahrten wurde.49
Die zahlreichen Schiffsexpeditionen, die nun in den Jahren 1443–1446 entlang der westafrikanischen Küste unterwegs waren, dienten nicht zuletzt der Gefangennahme von Sklaven.50 Das Bestreben, von solchen Fahrten möglichst viele Sklaven nach Portugal mitzubringen, war Heinrichs Kapitänen mittlerweile – so John Ure – »zur zweiten Natur geworden«.51 G.G. Kinzel hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass mit dem Aufschwung des Sklavenhandels die für die portugiesische Volkswirtschaft »sich später so verhängnisvoll auswirkende Einfuhr billiger Arbeitskräfte« begann, die dann im 16. Jahrhundert zur Verachtung der Handarbeit führte – mit der Konsequenz, dass die handwerklichen Fertigkeiten der Portugiesen allmählich verkümmerten.52 Fragt man sich nun, warum Prinz Heinrich diese grausame Verschleppung von Menschen zuließ, dann ist dabei zunächst zu berücksichtigen, dass er die Entdeckungsfahrten entsprechend seinem religiösen Eifer und als Oberhaupt des Christusordens auch als Weiterführung der christlichen Reconquista gegen die Ungläubigen verstand. Er glaubte, in einem gerechten Krieg zu stehen, woraus er das Recht ableitete, Gefangene zu machen. Und es passte zusätzlich in das Bild vom christlich motivierten Vorgehen Heinrichs, dass fast alle der nach Portugal verschleppten Sklaven getauft wurden.53 Zurara berichtet auch, dass er »nie einen dieser Gefangenen in Eisen gesehen« habe.54 Für John Ure sind die genannten christlichen Motive nicht überzeugend. Man müsse Prinz Heinrich zwar von der Anklage freisprechen, den Sklavenhandel an sich in Gang gebracht zu haben, doch könne man ihn andererseits nicht einfach damit entlasten, dass er das in seinem Zeitalter Übliche getan habe. Vielmehr müsse man fragen, wie es dazu kommen konnte, »dass dieser engagierte christliche Kreuzfahrer, der in mancher Hinsicht ein aufgeklärter Denker war, dem ersten Sklavenmarkt in Europa Vorstand«? Ure kommt zu dem Schluss, dass Heinrich in diesem Punkt »ein Opfer jener Verzerrung der Wirklichkeit« geworden sei, die man »als eine der Illusionen des Zeitalters des Rittertums« bezeichnen könne. Er habe in einer ritterlichen »Traumvision« gelebt und von daher Kämpfe mit afrikanischen Stämmen »als ritterliche Geniestreiche aufgefasst«.55
Ure zufolge spielten hierbei auch handfeste materielle Gründe eine gewichtige Rolle: »Als die Entdeckungsreisen immer weiter führten, war es nicht mehr wie früher möglich, Kapitäne nur aus dem Hofstaat von Prinz Heinrich zu rekrutieren. Eine neue Schicht von Abenteurern musste dafür gewonnen werden, in jene entfernten Gewässer aufzubrechen. Während aber Gold auch weiterhin ein Trugbild blieb, waren Sklaven zu einer Realität geworden, die den Zustrom an solchen Abenteurern förderte. Mit jedem neu entdeckten Vorgebirge stieg Prinz Heinrichs Hunger nach Entdeckungen; mit jeder neuen Sklavenladung wurde es einfacher, Kapitäne und Mannschaften für Entdeckungsreisen aufzutreiben. Die beiden Vorgänge – Entdeckungen und Sklavenhandel – ergänzten einander nunmehr. Und der Markt für Sklaven in der unterbevölkerten Algarveregion schien unerschöpflich zu sein.«56 Ures kritisches Fazit zu diesem dunklen Kapitel in Heinrichs Leben lautet: »Aber die Tragödie des Sklavenmarktes in der Stadt Lagos lag darin, dass Prinz Heinrich seine christliche Nächstenliebe von seinen verzerrten ritterlichen Idealen und seinem Entdeckerehrgeiz niedertrampeln ließ. Als er auf seinem stolzen Ross das Auseinanderreißen afrikanischer Familien überwachte und sich über die Rettung ihrer Seelen freute, bemerkte er anscheinend gar nicht, wie unchristlich das war, was er tat. Er zahlte damit den Preis für die ruhmreiche Illusion, die er seit und auch schon vor Ceuta genährt hatte. Sein militärischer Ruf hatte bei Tanger gelitten (…); nun litt auch sein Ruf als Mensch in gleicher Weise.«57
Über der Tatsache, dass »die Sklavenjagd immer häufiger, lukrativer und schmutziger wurde«58, sollte nicht vergessen werden, dass die Afrikafahrten vorrangig der Entdeckung neuen Landes dienten. Von den vielen Entdeckungsreisen dieser Jahre seien hier die wichtigsten herausgegriffen:59 1443 erreichte Nuno Tristão die Inseln Gete und Garças in der Bucht von Arguim, südlich von Kap Blanco; 1444 gelangte Gonçalo de Sintra nach Arguim, und im selben Jahr stieß Dinis Dias bis zum Kap Verde vor und betrat dort als erster portugiesischer Seefahrer »das Land der Schwarzen«. Ein Jahr später, 1445, entdeckte Álvaro Fernandes 96 Kilometer südlich von Kap Verde einen weiteren Landvorsprung, dem er wegen einiger Palmen, die dort wuchsen und die durch einen Tornado ihre Wedel verloren hatten, den Namen Cabo dos Mastos (Kap der Masten) gab. Und ein weiteres Jahr später entdeckte Nuno Tristão die Mündung des Gambia-Flusses. Tristão war in dieser Phase der produktivste Seefahrer Heinrichs. Von allen Kapitänen, die im Auftrag des Prinzen segelten, spiegelte er »am deutlichsten die intellektuelle Neugier seines Herrn« wider.60 Und eben dieser Entdeckergeist und Wissensdurst sollten ihm auf dieser Fahrt zum Verhängnis werden: An der Mündung des Gambia-Flusses angekommen, beschloss Tristão, mit zwei Booten, bemannt mit rund 20 Mann, flussaufwärts zu rudern, um dort Erkundungen anzustellen. Vom dichten Uferdickicht aus wurden die Portugiesen plötzlich von Eingeborenen mit Giftpfeilen beschossen. Unter denjenigen, die der Wirkung des Gifts umgehend erlagen, war auch Tristão. Dieser dramatische Zwischenfall gab Prinz Heinrich Gelegenheit, sein ritterliches Wesen von seiner uneingeschränkt positiven Seite zu beweisen. Er setzte nämlich den Witwen und Kindern der Expeditionsteilnehmer, die bei diesem Überfall ums Leben gekommen waren, eine Rente aus.61
Heinrich war nun fast schon auf dem Zenit seines Ruhms angelangt. 1442 ließ ihn der englische König Heinrich VI. zum Ritter des Hosenbandordens schlagen und ihm dadurch die höchste Auszeichnung zukommen, die England zu vergeben hatte. Und im Februar 1446 gewährte ihm Regent Pedro in Anerkennung seiner Verdienste um die portugiesische Seefahrt und als Ausgleich für die Kosten der Entdeckungsfahrten ein Monopol über den südlich von Kap Bojador betriebenen Handel.62
Die innenpolitische Krise Portugals von 1448/49
Der Ausbruch einer politischen Krise, die 1448/49 das innere Gefüge Portugals in höchstem Maß erschütterte, sollte Heinrichs Kraft für einige Zeit voll in Anspruch nehmen, sodass er seine nautischen Ambitionen einstweilen beiseiteschieben musste.63 Ihren Ausgang nahm die Krise in den Machtkämpfen zwischen Prinz Pedro und Königin Leonore, die nach dem Tod von König Duarte im Jahr 1438 als Duumvirat die Regentschaft für den noch unmündigen Thronfolger Afonso übernommen hatten. Selbst nach dem Tod Leonores 1445 und der Thronbesteigung Afonsos im Jahr 1446 – der neue König war zu diesem Zeitpunkt gerade 14 Jahre alt – intrigierte die Partei der verstorbenen Königin, angeführt von dem Herzog von Braganza, weiter gegen Prinz Pedro und stachelte den jungen König Alfons V. regelrecht gegen diesen auf. Ein von den Gegnern Pedros angezetteltes Komplott, das in der völlig haltlosen Beschuldigung gipfelte, Pedro habe sowohl seinen Bruder Duarte als auch seine Schwägerin Leonore vergiften lassen, führte schließlich zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen König Alfons und seinem Onkel Pedro. Am 20. Mai 1449 trafen die Truppen der beiden Kontrahenten bei Alfarrobeira aufeinander, und Prinz Pedro, von einem Armbrustpfeil tödlich getroffen, war einer der Ersten, die bei dieser Schlacht fielen.
Der 20. Mai 1449 war – so John Ure – »ein trauriger Tag für Portugal, für das Haus von Aviz und für die Idee von Einigkeit und Ritterlichkeit, in der Prinz Pedro und Prinz Heinrich erzogen worden waren und die sie, jeder auf seine Weise, so lange hochgehalten hatten«.64 Dieses dunkle Kapitel der portugiesischen Geschichte wirft auch auf Prinz Heinrich, dessen Ruf durch den fehlgeschlagenen Tanger-Feldzug und die unglücklich geendete Geiselaffäre um Prinz Fernando bereits angeschlagen war, einige Schatten. Er, der bei Alfarrobeira auf der Seite von König Alfons gekämpft hatte, muss sich hier die Frage gefallen lassen, warum er seinen Einfluss am Königshof nicht stärker zugunsten seines Bruders Pedro geltend gemacht hat. Der portugiesische Historiker Oliveira Martins wirft Heinrich in diesem Zusammenhang »sein völliges Aufgehen in seinen afrikanischen Projekten und die schnöde Missachtung der Gefahren für seinen Bruder« vor.65 Andere Kritiker gehen noch weiter, wenn sie Infant Heinrich anklagen, die Vernichtung Pedros bewusst gewollt zu haben, da er hoffte, so seinen Neffen Afonso, der später den Beinamen »der Afrikaner« erhalten sollte, besser für seine Entdeckungsvorhaben einspannen zu können.66 Zur Verteidigung Heinrichs meint John Ure, dass sich die Intrigen gegen Prinz Pedro in für Heinrich fremden Kategorien bewegt hätten. Denn die Lösung dieses Problems sei für ihn »keine Ehrensache, sondern eine machtpolitische Angelegenheit« gewesen, wobei ihn »seine Erziehung im Sinne ritterlicher Ideale (…) im Stich« gelassen habe.67
Die Erkundung Guineas und der
Kapverdischen Inseln
Nach der Schlacht von Alfarrobeira zog sich Heinrich wieder nach Sagres zurück, um von dort aus neue Entdeckungsfahrten nach Afrika zu dirigieren. Zwei Ziele standen nunmehr im Mittelpunkt seines Denkens: die Eroberung der zwischen Portugal und Kastilien nach wie vor umstrittenen Kanarischen Inseln68 und weitere Erkundungen entlang der westafrikanischen Küste, dabei möglichst weit nach Süden vorstoßend. Über diesen Abschnitt der von Heinrich inspirierten Entdeckungsreisen besitzen wir in dem Reisebericht von Alvise Cà da Mosto ein ausgezeichnetes Dokument, das in diesem Buch nachzulesen ist.
Alvise Cà da Mosto, ein aus Venedig stammender Kaufmann und Seefahrer, unternahm in den Jahren 1455 und 1456 im Auftrag Heinrichs zwei Erkundungsfahrten nach Afrika. In Heinrichs Dienste war er durch einen reinen Zufall gekommen: Als das Schiff, mit dem er nach Flandern segeln wollte, im Winter 1454/55 durch Stürme daran gehindert wurde, die Fahrt von der Südspitze Portugals aus nach Norden fortzusetzen, entschloss sich der gerade 22 Jahre alte Cà da Mosto, getrieben von Abenteuerlust und der Hoffnung, durch eine Afrikafahrt zu Reichtum zu kommen, den in Sagres weilenden Heinrich aufzusuchen und sich ihm als Kapitän anzudienen.69 Heinrich willigte ein und so konnte Cà da Mosto mit einem ihm vom Prinzen zur Verfügung gestellten Schiff bereits am 22. März 1455 zu einer Reise aufbrechen. Zunächst wurde Madeira angesteuert und von dort aus Kurs auf die Kanarischen Inseln genommen. Nach einem kurzen Besuch der Inseln Gomera und Teneriffa segelte Cà da Mosto weiter die afrikanische Küste hinab, über Arguim hinaus zum Kap Blanco, dann weiter nach dem Senegal und Kap Verde, wo er einen Monat im Land von Häuptling Budomel zubrachte. Anschließend erkundete er das Gebiet um die Mündung des Gambia-Flusses. Cà da Mosto wäre gerne noch weiter in Richtung Süden vorgestoßen, aber da seine Mannschaft zu meutern drohte – man war schließlich inzwischen schon fast ein Jahr unterwegs –, entschloss er sich widerwillig, die Heimfahrt anzutreten.
Nach Portugal zurückgekehrt, brach Cà da Mosto – zusammen mit Antoniotto Usodimare – alsbald zu seiner zweiten Entdeckungsfahrt auf, die ihn zu den Kapverdischen Inseln führte und zum Geba-Fluss, an dem heute die Stadt Bissao liegt. Ebenfalls zu den Kapverdischen Inseln und zum Fluss Geba, dem südlichsten Punkt der bisherigen Entdeckungen, gelangte eine Expedition unter dem Kommando von Diogo Gomes im Jahr 1456 oder 1457.
Die Berichte von diesen Expeditionen ließen Heinrich zu dem Schluss kommen, dass nach Kap Verde die afrikanische Küste nicht mehr in südlicher, sondern in östlicher Richtung verlaufe, für ihn ein Zeichen, nun bereits ganz nahe an der Südspitze Afrikas zu sein. Der Seeweg in den Indischen Ozean und nach Indien schien offen zu liegen. Davon, dass die Küste unterhalb des Golfes von Guinea sich weiter nach Süden erstreckte, wusste Prinz Heinrich nichts. Viele Entdeckungsreisen mussten noch unternommen werden, bis es Bartolomeu Dias im Jahr 1488, 28 Jahre nach Heinrichs Tod, endlich gelang, das Kap der Guten Hoffnung zu umsegeln.
Was veranlasste Portugal und andere europäische Länder im 15. Jahrhundert, den Seeweg nach Indien um Afrika herum zu suchen? Die großen Anstrengungen, die speziell die Portugiesen im Zeitalter Heinrichs des Seefahrers70 mit diesem Ziel unternommen hatten, erscheinen erst dann im rechten Licht, wenn man Folgendes berücksichtigt: Der Glaube, um Afrika herum auf dem Seeweg nach Indien gelangen zu können, setzte voraus, dass man das ptolemäische Weltbild über Bord geworfen hatte, wonach der Indische Ozean gänzlich von Land umgeben, also ein Binnenmeer war, das folglich mit dem Schiff nicht erreicht werden konnte. Gestützt wurde der Glaube an einen möglichen Seeweg nach Indien vor allem dadurch, dass der Landweg nach dem Orient seit der Mitte des 14. Jahrhunderts zunehmend erschwert war. Dazu beigetragen haben verschiedene historische Entwicklungen: die aufstrebende Macht der Mamelucken in Ägypten, der Aufstieg des Osmanischen Reichs und das Vordringen der Türken auf dem Balkan, der Zerfall des Mongolenreichs, insbesondere die Beendigung der Mongolenherrschaft in China durch die neue nationalchinesische Dynastie der Ming im Jahr 1368. Unter den Ming-Kaisern wurde China systematisch von der Außenwelt abgeschottet, was im Ost-West-Handel zu schweren Einbrüchen führte. Ein weiteres Moment kam hinzu: Angeregt von dem Mythos des Priesters Johannes und der Vorstellung eines großen Christenreichs im Osten, machte sich die abendländische Christenheit, voran der Papst, auf die Suche nach einem christlichen Verbündeten jenseits des islamischen Herrschaftsbereichs, der sich bereits von Nordafrika bis nach Mittelasien erstreckte. Aus all diesen Gründen war das Abendland sehr darauf aus, einen möglichen Seeweg nach Indien ausfindig zu machen.71
Der Fall Konstantinopels 1453 und
der portugiesische Kreuzzug gegen
Marokko im Jahr 1458
20 Jahre hatte Prinz Heinrich warten müssen, ehe er die Schmach von Tanger wettmachen konnte.72 Diese Gelegenheit verdankte er einem historischen Ereignis, das für die abendländische Christenheit zum Trauma wurde. Die Rede ist von der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453. Angesichts dieser ernsten Bedrohung für die abendländische Zivilisation beschwor Papst Calixtus III. die christlichen Monarchen Europas, gemeinsam einen Kreuzzug gegen die Osmanen zu unternehmen mit dem Ziel, die Hauptstadt der Ostkirche wieder dem wahren Glauben zurückzugewinnen. Der Aufruf des Papstes stieß bei den Herrschern indes mehr oder weniger auf taube Ohren. Kaum einer von ihnen machte ernsthafte Anstrengungen, dem bedrohten Byzantinischen Reich zu Hilfe zu eilen, zumal die meisten europäischen Länder mit eigenen Problemen genug beschäftigt waren. England hatte, nachdem gerade der Hundertjährige Krieg gegen Frankreich beendet worden war, durch den Ausbruch eines Bürgerkriegs, des Kriegs der Rosen73, alle Hände voll zu tun; der französische König musste sich zu der Zeit ebenfalls der Machtansprüche einiger seiner Vasallen erwehren; und die italienischen Stadtstaaten waren an einem Kreuzzug gegen die Türken insofern nicht interessiert, als sie darauf hofften, mit dem aufstrebenden Osmanenreich besser ins Geschäft zu kommen als mit Byzanz jemals zuvor.
Als einer der wenigen folgte Portugals jugendlicher König Alfons V. dem Ruf des Papstes. Er erklärte sich bereit, dem Kreuzzug eine Armee von 12000 Mann zur Verfügung zu stellen. Daraufhin wurde er im Februar 1456 von Calixtus ermächtigt, zur Finanzierung des Türkenkriegs eine Kreuzzugssteuer zu erheben, worauf Alfons aus afrikanischem Gold eine neue Goldmünze prägen ließ, den cruzado mit dem Kreuzfahrerkreuz. Nach dem Tod von Papst Calixtus im August 1458 zerschlugen sich die Kreuzzugspläne jedoch endgültig.
Unterdessen hatte es Prinz Heinrich – ganz im Sinne seiner oben beschriebenen Doppelstrategie – mit großem diplomatischem Geschick verstanden, den Blick seines Neffen Alfons auf Marokko zu lenken und den König zu überzeugen, anstelle eines Feldzugs nach Konstantinopel einen Entlastungsangriff gegen die Ungläubigen in Marokko zu führen. Als Angriffsziel wurde schließlich die zwischen Ceuta und Tanger gelegene Küstenstadt Alcácer Ceguer auserkoren, damals ein Stützpunkt des maurischen Piratenunwesens und das Textilzentrum Marokkos. Ende September 1458 brach die portugiesische Armada – 220 Schiffe mit insgesamt 25000 Soldaten – auf und landete am 21. Oktober vor besagter Stadt. Obgleich schon 64 Jahre alt, übernahm Prinz Heinrich das Kommando über dieses militärische Unternehmen. Weitaus besser gerüstet als bei der misslungenen Eroberung Tangers, gelang es den Portugiesen innerhalb von zwei Tagen, die Stadt trotz heftiger Gegenwehr des Sultans von Fes einzunehmen.

Afrikakarte von Sebastian Münster, 1550
Nach der Rückkehr aus Marokko schien Heinrich zu spüren, dass sich sein ereignisreiches Leben dem Ende zuneigte. Aber noch war sein Entdeckergeist nicht erloschen. Kurz vor seinem Tode schickte er eine weitere Expedition aus, die unter dem Kommando von Pedro de Sintra bis nach Sierra Leone gelangte. Von diesem Erfolg, dem weitesten Vorstoß portugiesischer Seefahrer nach Süden bis dahin, erfuhr Prinz Heinrich allerdings nichts mehr. Er hatte bereits am 13. November 1460 für immer die Augen geschlossen. Über seinen Tod schreibt Diogo Gomes, einer von Heinrichs Kapitänen: »Im Jahre 1460 erkrankte der Infant in seiner Stadt am Kap São Vicente und starb am 13. November desselben Jahres, einem Donnerstag. Noch in der Nacht brachten wir die Leiche nach Lagos, in dessen kleiner Kirche sie beigesetzt wurde. Der König und das ganze Land trauerten wegen des Todes dieses edlen Herrn, der seine gesamten Einkünfte und allen Gewinn, den er aus Guinea bezog, für Entdeckungsfahrten und – um des christlichen Glaubens willen – für die Bekämpfung der Sarazenen verwandt hatte. Ende des Jahres schickte mir König Alfons Befehl, ich solle nachsehen, ob die Leiche verwest sei, weil er sie nach dem schönen Kloster Batalha zu überführen wünsche. Doch als ich den Sarg öffnete, war sie trocken und mit Ausnahme der Nasenspitze völlig unversehrt. (…) Ja, unser Infant führte ein jungfräuliches Leben und stiftete so viel Gutes, dass man es nicht aufzählen kann. Bischöfe und Grafen geleiteten seine Leiche zu dem erwähnten Kloster, wo sie neben den Eltern und den fünf Brüdern begraben worden ist. Sein Andenken wird ewig gepriesen werden. Möge er im heiligen Frieden ruhen. Amen.«74
Heinrichs Lebenswerk
Wie wurde Heinrich von der Nachwelt eingeschätzt? Zunächst einmal war das Bild, das die nachfolgenden Generationen sich von dieser herausragenden Persönlichkeit der portugiesischen Geschichte machten, im Laufe der Zeit vielen Wandlungen unterworfen. Das 16. Jahrhundert, das Zeitalter der Renaissance und des Humanismus, sah in Heinrich in erster Linie den Humanisten, der aus den Fesseln scholastischer Dogmatik ausgebrochen war; im 19. Jahrhundert, in einer Zeit also, in der die Menschen an die Allmacht positivistischer Wissenschaft glaubten, wurde Heinrich zum Vorläufer moderner, auf Empirie beruhender Wissenschaft. Und im Zeitalter des Kolonialismus erschien er vielen als Symbol kolonialer Errungenschaften. Von manchen Historikern, wie z.B. dem Portugiesen Joaquim Bensaúde75, wird das Schwergewicht auf Heinrichs christliches Sendungsbewusstsein gelegt. Da erscheint er als der große christliche Stratege, der versuchte, den Islam zurückzudrängen.
Die vier hier erwähnten Aspekte von Heinrichs Persönlichkeit sind sicherlich allesamt zutreffend; keinesfalls aber darf Prinz Heinrich auf einen davon reduziert werden, vielmehr sollte immer eine gewisse Widersprüchlichkeit seines Charakters herausgehoben werden. Auf der einen Seite sind da seine höfische Erziehung und sein Festhalten an altmodischen ritterlichen Idealen, die ihn in wichtigen Lebenssituationen, z.B. bei dem Komplott gegen seinen Bruder Pedro, »zu Fehleinschätzungen und falschen Beurteilungen verführten«.76 Seine rastlose Neugier und sein Wille, seinem und der Menschheit Wissen neue Horizonte zu erschließen, weisen ihn auf der anderen Seite als modernen, wissenschaftlich denkenden Menschen aus – wäre er anders doch gar nicht in der Lage gewesen, geografische Entdeckungen und Neuerungen auf dem Gebiet der Kartografie und Nautik systematisch zu fördern.77 Vermittelt wurde das Zusammenspiel der beiden Komponenten – höfische Lebenswelt und sein Enthusiasmus für Entdeckungen – von einer tiefen Religiosität. Aus dieser bezog er die Rechtfertigung für seine Feldzüge gegen Marokko, die Sklavenjagd und die von ihm gelenkten Vorstöße entlang der westafrikanischen Küste. So gesehen war Heinrich ein Kind seiner Zeit, des Umbruchs vom Mittelalter zur Neuzeit. Ebendiese historische Nahtstelle spiegelte sich in seiner Persönlichkeit wider: Ein Teil seiner Existenz war noch von der mittelalterlichen Welt, von höfischer Kultur und Rittertum geprägt, der andere wies schon voraus in Bereiche, die für die Neuzeit typisch werden sollten. Oder anders formuliert: Heinrich der Seefahrer war bereits – zumindest in seinen Konturen – ein moderner Mensch, ohne gewisse mittelalterliche Wesenszüge ganz abgestreift zu haben.
Warum erhielt Prinz Heinrich von der Nachwelt den Beinamen »der Seefahrer«, obwohl er persönlich doch an keiner der Entdeckungsfahrten teilgenommen hatte, sondern lediglich an den drei Feldzügen gegen Ceuta, Tanger und Alcácer Ceguer? Und aus welchen Gründen übernahm er niemals selbst das Kommando über eins der von ihm nach Afrika ausgesandten Schiffe? Manche Historiker weisen darauf hin, dass es für Prinz Heinrich zu seiner Zeit genauso undenkbar gewesen wäre, an einer seiner Expeditionen teilzunehmen, wie heutzutage für den Präsidenten der USA, in einer Raumkapsel in den Weltraum zu fliegen.78 Außerdem verweist John Ure darauf, dass zu Lebzeiten des Prinzen mit Seefahrten immer noch ein gewisser »gesellschaftlicher Makel« verbunden war.79 Rücksichten auf die höfische Etikette und auf seinen fürstlichen Status hätten Heinrich daran gehindert, an den Expeditionsfahrten teilzunehmen: »Die natürliche Ordnung der mittelalterlichen Gesellschaft machte es undenkbar, dass Prinz Heinrich sich der Würdelosigkeit einer langen Seereise unterzog.«80
Wenn so der Beiname »der Seefahrer« auch nicht ganz passend zu sein scheint, trägt ihn Heinrich doch insofern zu Recht, als sein unbändiges Interesse an Entdeckungen gleichsam der springende Funke war, der – einem sich ausbreitenden Feuer gleich – genügte, »um vierhundert Jahre europäischer Entdecker- und Forschertätigkeit in Gang zu setzen«.81
Unabhängig von der Frage, ob die Triebfeder der portugiesischen Expansion allein in der Person Heinrichs oder eher in kollektiven Kräften (Zeitgeist, Kreuzzugsmentalität, Handelsinteressen etc.), denen Heinrich durch sein Handeln lediglich Ausdruck verlieh, zu suchen ist, bleibt festzuhalten, dass kein anderer in der Geschichte der größten Entdeckernation der Welt an die Bedeutung Heinrichs des Seefahrers heranreicht. Seinem Forscherdrang und seiner Wissbegierde war es zu danken, dass das kleine Portugal innerhalb eines knappen Jahrhunderts »zwei Drittel der Welt dem europäischen Handel (…) eröffnen und diesen Handel auch noch (…) beherrschen« konnte.82 Die Entdeckungsfahrten, die Heinrich von Sagres aus organisierte, hatten den Grundstein gelegt für das portugiesische Weltreich, dessen wichtigste Stationen in chronologischer Reihenfolge waren:
Die Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung durch Bartolomeu Dias im Jahr 1488, Vasco da Gamas Reise an die Ostküste Afrikas, nach Mosambik und nach Indien in den Jahren 1497–1499, die Entdeckung Brasiliens durch Pedro Álvares Cabral 1501, die Eroberung Goas und Malakkas durch Albuquerque 1510 bzw. 1511, die Einnahme der Insel Ormuz im Jahr 1515 und die Besetzung von Bombay im Jahr 1534 und von Macao im Jahr 1557.
Über Heinrich den Seefahrer ist eine Vielzahl von Biografien erschienen, die diese außergewöhnliche Persönlichkeit unter den verschiedensten Aspekten beleuchteten.
Bei dem hier vorliegenden Band nun handelt es sich jedoch um keine Biografie im herkömmlichen Sinne, vielmehr soll dem Leser in Form einer historischen Dokumentation anhand zeitgenössischer und früher Berichte ermöglicht werden, sich selbst ein Urteil über Heinrich den Seefahrer und sein Zeitalter zu bilden.
Um den Charakter der Dokumentation zu wahren, wurden im Übrigen an einigen Stellen die unterschiedlichen und voneinander abweichenden Schreibweisen für Namen und geografische Bezeichnungen beibehalten, so wie sie zu Zeiten der Chronisten gebräuchlich waren.
Rudolf Kroboth
1 (Edgar Prestage, Die portugiesischen Entdecker, Wien, Bern, Leipzig 1936, S. 7)
2 Diffie, Foundations of the Portuguese Empire. S. XV.
3 Diffie, a.a.O.
4 Zur Formationsgeschichte Portugals vgl. Salentiny. Aufstieg und Fall des portugiesischen Imperiums. S. 9 ff.; G.G. Kinzel, Die rechtliche Begründung der frühen portugiesischen Landnahmen, S. 1 ff.
5 Zu den wirtschaftlichen Motiven wie Währungsproblemen aufgrund des Goldmangels etc. vgl. Salentiny, a.a.O., S. 21 ff.
6 Diffie, a.a.O., S. XIV.
7 E. Prestage, Die portugiesischen Entdecker, S. 9.
8 Diffie, a.a.O., S. 21 f.
9 Prestage, a.a.O., S. 10.
10 Hierzu und zum Streit zwischen Portugal und Kastilien um
diese Inselgruppe vgl. Diffie, a.a.O., S. 27 ff.
11 Prestage, a.a.O., S. 12/13.
12 Diffie, a.a.O., S. 37 ff.
13 Prestage, a.a.O., S. 15.
14 Diffie, a.a.O., S. 39 ff.
15 R. Romano, Die Grundlegung der modernen Welt, S. 69 ff.
16 Zitiert nach Prestage, a.a.O., S. 19.
17 Diffie, a.a.O., S. 45.
18 Zitiert nach Diffie, a.a.O., S. 52.
19 Diffie, a.a.O., S. 45 u. 53.
20 Diffie, a.a.O., S. 53.
21 Prestage, a.a.O., S. 15.
22 Zitiert nach Prestage, a.a.O., S. 23.
23 Prestage, a.a.O., S. 54 ff.
24 Prestage, a.a.O., S. 55.
25 Prestage, a.a.O., S. 56.
26 Vgl. Diffie, a.a.O., S. 58; Kinzel, a.a.O., S. 241 ff.
27 Diffie, a.a.O., S. 57 f.; Salentiny, S. 40 ff.
28 So der Titel der Heinrich-Biografie von A. Born: Alexander Born, Hinaus über das Ende der Welt. Heinrich der Seefahrer, München 1980.
29 J. Ure, Heinrich der Seefahrer, S. 64 f.
30 Diffie, a.a.O., S. 64 ff; zur völkerrechtlichen Komplexität dieser Frage und zu den entsprechenden Papst-Bullen vgl. Kinzel, a.a.O., S. 220 ff., S. 241 ff.
31 Eine league entspricht 4,8 km.
32 Diffie, a.a.O., S. 67.; Salentiny, a.a.O., S. 42 ff.; zur Bedeutung der Umschiffung von Kap Bojador in Bezug auf die damaligen Weltvorstellungen vgl. Salentiny, a.a.O., S. 30 ff., und G. Hamann, Der Eintritt der südlichen Hemisphäre, S. 49 ff.
33 Diffie, a.a.O., S. 70 ff.; Ure, a.a.O., S. 77 ff.
34 Zur Diskussion um das Tanger-Unternehmen vgl. Kinzel, a.a.O., S. 189 ff.
35 Diffie, a.a.O., S. 70.
36 Kinzel, a.a.O., S. 211 f.
37 Kinzel, a.a.O., S. 224.
38 Einzelheiten siehe Ure, a.a.O., S. 84 ff.; Kinzel, a.a.O., S. 232 f.
39 Vgl. hierzu Ure, a.a.O., S. 91 ff.
40 Zitiert nach Kinzel, a.a.O., S. 248.
41 Ure, a.a.O., S. 95.
42 Diffie, a.a.O., S. 113 ff.
43 Ure, a.a.O., S. 97.
44 Ure, a.a.O., S. 97; zu den wissenschaftlichen Erfolgen der »Schule von Sagres« vgl. Hamann, a.a.O., S. 33 ff.
45 Ure, a.a.O., S. 107 f.
46 Ure, a.a.O., S. 109.
47 Ure, a.a.O., S. 109.
48 Diffie, a.a.O., S. 78.
49 Diffie, a.a.O., S. 78.
50 Diffie, a.a.O., S. 76 ff.
51 Ure, a.a.O., S. 117.
52 Kinzel, a.a.O., S. 282.
53 Kinzel, a.a.O., S. 301 ff.
54 Zitiert nach Ure, a.a.O., S. 120.
55 Zitiert nach Ure, a.a.O., S. 121.
56 Zitiert nach Ure, a.a.O., S. 122 f.
57 Zitiert nach Ure, a.a.O., S. 123.
58 Zitiert nach Ure, a.a.O., S. 128.
59 Vgl. hierzu Diffie, a.a.O., S. 82 ff.; Salentiny, a.a.O., S. 46 ff.
60 Ure, a.a.O., S. 129.
61 Ure, a.a.O., S. 131.
62 Diffie, a.a.O., S. 88.
63 Vgl. hierzu Ure, a.a.O., S. 144 ff.
64 Ure, a.a.O., S. 154.
65 Zitiert nach Ure, a.a.O., S. 156.
66 Zitiert nach Ure, a.a.O., S. 156.
67 Zitiert nach Ure, a.a.O., S. 156.
68 Vgl. dazu Diffie, a.a.O., S. 92 ff.
69 Vgl. hierzu Salentiny, a.a.O., S. 50 ff.; Diffie, a.a.O., S. 96 ff.
70 Zur Indien-Problematik vgl. Hamann, a.a.O., S. 39 ff.; Kinzel, a.a.O., S. 316 ff.
71 Diffie, a.a.O., S. 35 ff.
72 Diffie, a.a.O., S. 107 ff.; Ure, a.a.O., S. 174 ff.; Prestage, a.a.O., S. 110 ff.
73 Zum sogenannten »Krieg der Rosen«, der Bürgerkrieg zwischen den Häusern York und Lancaster, vgl. Romano, a.a.O., S. 71 ff.
74 Zitiert nach Prestage, a.a.O., S. 183.
75 J. Bensaúde, A Cruzada do Infante D. Henrique, Lissabon 1943.
76 Ure, a.a.O., S. 183.
77 Vgl. hierzu Diffie, a.a.O., S. 113 ff., 123 ff.
78 Ure, a.a.O., S. 73.
79 Ure, a.a.O., S. 75.
80 Ure, a.a.O., S. 76.
81 Ure, a.a.O., S. 185.
82 Ure, a.a.O., S. 96.
ALVISE DA CÀ
DA MOSTO
Reise nach Westafrika
»Newe unbekanthe landte und ein newe weldte in kurtz verganger zeythe erfunden« Übertragen von Rudolf Kroboth nach der deutschen Ausgabe von 1508
Einleitend handelt dieses Buch von der ersten Schiffsfahrt über den Atlantischen Ozean, die bis in das in Niederäthiopien83 gelegene Land der Neger führte und die auf Geheiß des Erlauchten Fürsten und Herrn, Prinz Heinrich, des Bruders des portugiesischen Königs Eduard84, unternommen wurde.
83 Das südlich von Arabisch-Nordafrika gelegene, damals noch weitgehend unbekannte Schwarzafrika.
84 König Duarte (1433–38).
Erstes Kapitel
Es gibt darüber Auskunft, wer als Erster den Schiffsweg auf dem Atlantik in Richtung Süden entdeckt hat.
Ich, Aloisius Cà da Mosto, geboren in der bezaubernden Stadt Venedig, war der erste Mensch, der auf dem Atlantik über die Straße von Gibraltar hinaus in das südlich gelegene Negerland in Niederäthiopien segelte.
Auf dieser Reise sah ich viele neue Dinge, die es wert sind, beschrieben zu werden. Damit die Nachwelt versteht, was mich bewogen hat, ein vorher unbekanntes Land aufzusuchen und dort nach allerlei seltsamen Dingen Ausschau zu halten, also in ein Land zu fahren, das, vergleicht man die Bräuche und Gewohnheiten, die in unseren Städten, Dörfern und Landschaften herrschen, mit denen, die ich dort zu Gesicht bekam, wahrlich als eine völlig andere Welt bezeichnet werden muss, kam ich zu der Einsicht, dass es nützlich wäre, von dieser Reise Aufzeichnungen zu machen. Sofern mich mein Gedächtnis hie und da nicht im Stich lässt, will ich getreulich meiner Erinnerung all das beschreiben, was ich gesehen und erlebt habe. Sollten meine Beschreibungen zugegebenermaßen der Wirklichkeit der Dinge, über die ich berichten möchte, auch nicht immer in allen Einzelheiten gerecht werden, so will ich dennoch möglichst weit bei der Wahrheit bleiben und in Zweifelsfällen – statt Dinge zu behaupten, die die Wirklichkeit überzeichnen – lieber etwas untertreiben.
Da es bis auf die Zeit unseres Stammvaters Adam zurückblickend bis zum heutigen Tag keinerlei Aufzeichnungen gibt, aus denen hervorgehen könnte, dass in das besagte Gebiet schon früher vorgedrungen wurde, ist davon auszugehen, dass der Erste, der eine Schiffsexpedition in das Land der Neger in Niederäthiopien veranlasst hat, Prinz Heinrich von Portugal, der Sohn des Erlauchten Königs Johann I., war.
Über Prinz Heinrichs herausragende Tugenden wäre viel zu sagen. Hier will ich mich aber darauf beschränken zu betonen, dass Heinrich mit all den Kriegen, die in seinem Namen gegen die verschiedenen wilden Völker Afrikas geführt wurden, einzig und allein unserem Herrn Jesu Christo und der Sache des christlichen Glaubens dienen wollte. Bemerkt werden muss auch, dass er niemals eine Frau begehrte und seine Jugend in völliger Keuschheit und Enthaltsamkeit verbrachte. Ferner ist daran zu erinnern, dass er viele ehrenhafte und ritterliche Taten vollbrachte, und zwar durch seine List und – vor allem in den Kämpfen gegen die Neger – durch seinen überragenden Verstand.
Als sein Vater, König Johann I., todkrank daniederlag, ließ er Prinz Heinrich zu sich rufen und vertraute ihm die Führung über die gesamte portugiesische Ritterschaft an. Vor allen Dingen ermahnte er seinen Sohn aber, sich dem ihm bis zuletzt heiligen Anliegen, alle Feinde des Christentums erbarmungslos zu verfolgen, mit aller Kraft zu widmen, worauf ihm der Prinz in kurzen Worten versprach, diesem Wunsch nachzukommen.
Nach dem Tod des Vaters führte Heinrich, und zwar mit Unterstützung König Eduards, seines älteren Bruders, der dem Vater auf den Thron gefolgt war, viele mehrere Jahre dauernde Kriege gegen das am Atlantischen Ozean gelegene marokkanische Reich von Fes, wobei er mit allen Mitteln versuchte, dieses Königreich zu zerschlagen und ihm an möglichst vielen Orten Schaden und Zerstörung zuzufügen. Jahr für Jahr sandte der Prinz seine Flotte gen Süden aus, wobei jedes Mal gewinnträchtige Beutezüge gegen die dortige Negerbevölkerung unternommen wurden. Genau dies stachelte Heinrich an, jedes Jahr weiter nach Süden vorzustoßen. Auf einer dieser Unternehmungen wurde schließlich ein in das Meer hineinragendes Gebirge erreicht, das auf Italienisch »Capo Non« genannt wird, auf Deutsch also »Kap Nichts«, und so heißt es bis zum heutigen Tag. Dieser Ort galt – deshalb sein Name – als das Ende der Welt. Bislang war nämlich davon ausgegangen worden, dass jeder, der dieses Kap zu umsegeln versuchte, niemals wieder zurückkehrte. Ein Sprichwort besagte: »Wer wagt, diesen Ort zu passieren, kommt nimmer heim.«

Die besagten Karavellen Prinz Heinrichs landeten schließlich an diesem Ort, über den hinaus aus dem oben genannten Grund eigentlich nicht gefahren werden durfte. In seinem unbändigen Wissensdurst und im Vertrauen auf Gott entschloss sich Heinrich allen Bedenken zum Trotz, im folgenden Jahr ein Schiff über dieses Kap hinaus vorstoßen zu lassen. Da die portugiesischen Karavellen als die besten Schiffe der Welt galten, bestens ausgerüstet mit allen Erfordernissen, glaubte der Prinz, mit ihnen überall, wohin er auch wollte, hinsegeln zu können. Sein Verlangen, neue Dinge über die Bewohner dieser Länder in Erfahrung zu bringen, und auch sein Wunsch, den dortigen Völkern Schaden zuzufügen, ließen ihn denn auch für die geplante Expedition drei Schiffe, bestückt mit allen erforderlichen Waffen, Munition und Lebensmitteln, ausrüsten und mit mutigen Seeleuten bemannen.
So gerüstet fuhr man schließlich los und passierte nach einiger Zeit das besagte Kap, wobei tagsüber an der Küste entlang weiter nach Süden gesegelt und nachts geankert wurde. Auf diese Weise gelang es den Schiffen Heinrichs, ungefähr 100 Meilen über das »Kap Nichts« hinaus vorzustoßen, um dann wieder, da weder Völker noch Siedlungen, sondern nur sandiges und ausgetrocknetes Land vorgefunden wurde, umzukehren.
Da die Ausbeute dieser Expedition nicht sehr ergiebig gewesen war, schickte Heinrich im folgenden Jahr erneut Schiffe aus – mit dem Befehl, dieses Mal 150 Meilen, und wenn möglich, noch weiter, über den bislang erreichten Punkt hinauszusegeln. Die neue Expedition erfüllte diesen Auftrag befehlsgemäß, wobei man allerdings erneut nichts anderes als ein menschenleeres, sandiges und trockenes Land zu Gesicht bekam.
Nichtsdestoweniger sandte der Prinz Jahr für Jahr neue Schiffe aus, bis schließlich einige Wüstensiedlungen entdeckt wurden, die von Arabern bewohnt waren. Noch weiter südlich trafen die portugiesischen Schiffe auf einen Volksstamm, der Azanaghi genannt wird. Es handelt sich dabei um eine dunkelhäutige Menschenrasse, über die später Näheres berichtet werden soll. Auf diese Weise war schließlich und endlich das Land der Neger entdeckt worden. Und auf weiteren Vorstößen dieser Art lernte man noch andere Negervölker verschiedener Sprache, Bräuche und Religion kennen. Aber darüber soll an anderer Stelle ausführlicher geschrieben werden85.
85 Bei den hier beschriebenen Expeditionen handelt es sich um die von Gil Eanes, der das Kap Bojador umsegelte, und um die von Nuno Tristão, der 1443 den Golf von Argium erreichte.
Zweites Kapitel
Dieses Kapitel handelt von den Dingen, die Aloisius Cà da Mosto auf seiner Fahrt in das Land der Neger entdeckt hat.
Im Jahre unseres Herrn 1454 weilte ich, Aloisius Cà da Mosto, damals 22 Jahre alt, in meiner Geburtsstadt Venedig. Nachdem ich unter venezianischer Flagge schon verschiedene Teile des Mittelmeeres befahren hatte, beschloss ich nun – in der Hoffnung, dort einträgliche Geschäfte tätigen zu können –, nach Flandern zu gehen, wo ich bereits zuvor einmal gewesen war. Mein Sinnen und Streben war zu jener Zeit einzig und allein darauf ausgerichtet, mich auf allen möglichen Wegen auf der Welt umzusehen, nicht nur um Reichtümer zu erwerben, sondern auch um Erfahrungen und Wissen zu sammeln, was mir in späteren Jahren einen guten Ruf und viel Ehre einbringen konnte. Als ich mich hierzu durchrang, besaß ich nur noch sehr wenig Geld. Ich ging an Bord einer flandrischen Galeere, die unter dem Kommando eines Ritters namens Marco Zen stand. Am 8. August des genannten Jahres legten wir zusammen mit zwei anderen flandrischen Schiffen in Venedig ab und segelten im Vertrauen auf Gott in südlicher Richtung, bis schließlich Spanien erreicht war.
Wegen verschiedener Ungewitter waren wir gezwungen, einige Tage am Kap St. Vinzenz zu ankern. Damit befand ich mich ganz zufällig in der Nähe von Prinz Heinrich, der hier auf seinem Landgut Reposera86 lebte. Als Heinrich unsere Anwesenheit in Erfahrung gebracht hatte, schickte er sofort seinen Sekretär Antonio Conzales zu uns. Dieser war begleitet von Patrizio di Conti, einem Venezianer, der damals Konsul meines Heimatlandes im Königreich Portugal war, wie er mir gegenüber mit einem Schreiben, das mit dem Siegel der venezianischen Regierung versehen war, zu erkennen gab. Patrizio stand außerdem im Dienst von Prinz Heinrich.87
Auf dessen Befehl kamen die beiden nun zu uns an Bord und brachten einige Proben des auf Madeira hergestellten Zuckers, von Drachenblut88 sowie anderer Produkte mit, die auf seinen Domänen und Inseln hergestellt wurden. Diese Dinge wurden in meiner Gegenwart vielen Leuten auf unserer Galeere gezeigt, und die beiden stellten uns viele Fragen. Sie berichteten uns, dass Prinz Heinrich in der jüngsten Vergangenheit einige Inseln erobert und besiedelt hatte, die vordem unbewohnt gewesen waren und von denen der Zucker, das Drachenblut und all die anderen nützlichen Dinge, die sie mit sich führten, stammten. Und sie gaben uns zu verstehen, dass die uns gezeigten Dinge nur einen Ausschnitt dessen darstellten, was auf diesen Inseln alles hergestellt und gehandelt würde. Ferner sagten sie uns, dass genannter Fürst seit geraumer Zeit Schiffsexpeditionen veranlasse, die in Gebiete vorstießen, die bislang kein Mensch zu Gesicht bekommen habe. Dabei seien neue Länder, bevölkert von seltsamen Menschen, entdeckt und dabei sonderbare Dinge gesehen worden. Ausdrücklich wurde uns auch berichtet, dass diejenigen, die an solchen Reisen teilgenommen hätten, mit den Waren, die sie den Eingeborenen dort abgekauft hätten, in der Heimat großen Gewinn machten, und zwar im Verhältnis 1:6 oder gar 1:10.
Derartige Erzählungen stießen bei mir und den anderen auf viel Bewunderung und Erstaunen. In mir regte sich daraufhin wachsende Begierde, die Orte, von denen die Rede gewesen war, selbst aufzusuchen. Ich fragte deshalb Heinrichs Abgesandte, ob der Prinz einem solchen Wunsch stattgeben würde. Ihre Antwort war »Ja«. Allerdings müsste von mir eine von zwei genannten Bedingungen erfüllt werden: Wenn man das Schiff – so lautete die eine Bedingung – auf eigene Kosten ausrüste und mit Handelsware belade, sei man bei der Rückkehr gesetzlich verpflichtet, ein Viertel der Waren, die man auf der Reise erstanden habe, besagtem Fürsten abzutreten. Alles Übrige könne man selbst behalten. Wenn aber umgekehrt der Fürst die Ausrüstung des Schiffes übernehme – die mitgeführte Handelsware werde allerdings auch in diesem Fall nicht von ihm bezahlt –, müsse bei der Heimkehr die Hälfte der mitgebrachten Handelsgüter dem Prinzen überlassen werden. Und falls von einer solchen Reise überhaupt nichts zurückgebracht werde, sei der Fürst bereit, die gesamten Kosten der Expedition zu tragen, sodass also in einem solchen Fall allein er Schaden und Verlust erleiden würde. Freilich wurde mir gegenüber ausdrücklich beteuert, dass von einer solchen Reise normalerweise niemand zurückkehre, ohne großen Gewinn gemacht zu haben. Und wenn immer einer unserer Landsleute – sagte man mir weiter – eine solche Fahrt unternehmen wolle, würde dies von dem Fürsten ausdrücklich begrüßt und auch tatkräftig unterstützt werden, da er glaube, dass in den betreffenden Gegenden vielerlei Spezereien und andere wertvolle Produkte eingehandelt werden könnten und außerdem die Venezianer für solche Unternehmungen geeigneter seien als andere Völker.
Nachdem ich dies vernommen hatte, entschloss ich mich – mit dem festen Vorsatz, eine solche Reise zu unternehmen –, mit den beiden Gesandten Prinz Heinrich persönlich aufzusuchen, was ich denn auch tat. Dieser bestätigte mir, dass all das, was die beiden mir erzählt hatten, voll und ganz der Wahrheit entsprach. Darüber hinaus sagte er mir Anerkennung und Hilfe zu, falls ich tatsächlich reisen wollte.
Daraufhin war ich endgültig entschlossen, die Reise anzutreten, zumal ich noch jung und bei sehr guter Gesundheit war, sodass ich all die Mühen und Strapazen, die ein solches Unterfangen mit sich brachte, ohne Weiteres auf mich nehmen zu können glaubte. Außerdem war ich begierig darauf, die Welt und allerlei sonderbare Dinge kennenzulernen, die vor mir noch keiner meiner Landsleute gesehen hatte. Und nicht zuletzt hoffte ich auch, mit einer solchen Reise zu Ruhm und Reichtum zu kommen.
Nachdem ich mich mit der notwendigen Ausrüstung und Handelsware versehen hatte, kehrte ich auf die Galeere zurück, um dort alle meine Habseligkeiten, die ich bei mir hatte, einem meiner Freunde anzuvertrauen. Gegen Sonnenuntergang ging ich schließlich wieder an Land, während die Galeeren kurz darauf ihre Fahrt nach Flandern fortsetzten.
86 Reposera lag ungefähr fünf Meilen landeinwärts von Sagres an der Spitze von Kap St. Vinzenz in der Provinz Algarve, der Heinrich als Gouverneur vorstand. Hier hatte er sich nach der Eroberung von Ceuta im Jahr 1415 niedergelassen, und von hier aus dirigierte er auch die Entdeckungsfahrten.
87 Patrizio di Conti arbeitete dort als Geograf.
88 Drachenblut ist ein Harz, das aus der Dracaena draco gewonnen wird, früher zu medizinischen Zwecken verwendet wurde und heute vor allem als Färbemittel dient.
Drittes Kapitel
Das Kapitel hat die Abfahrtszeit des Schiffes sowie die Winde, unter denen es segelte, zum Inhalt.
Dass ich in Kap St. Vinzenz zurückblieb, stieß bei Fürst Heinrich auf großes Wohlgefallen. Er erwies mir auf vielerlei Art seine Freundschaft, und nach einer gewissen Zeit hatte er für mich ein Schiff, eine Karavelle, ausgesucht. Dieses Schiff konnte mit 90 Buthen89 beladen werden, was etwa 40 Fuder Wein entspricht, und es stand unter der Gönnerschaft eines gewissen Vinzente Diaz90 aus Lagos, einem 16 Meilen von Kap St. Vinzenz entfernten Hafen.
Nachdem die Karavelle mit allem Erforderlichen ausgerüstet war, stachen wir am 22. März 1455 – in Gottes Namen und mit großen Hoffnungen – von Kap St. Vinzenz aus in See. Mit Nordwind im Rücken segelten wir geradewegs westwärts auf die Insel Madeira zu und erreichten so am 25. des Monats gegen Mittag die Insel Porto Santo, die 600 Meilen von Kap St. Vinzenz entfernt liegt.
89 Zwei Buthen entsprechen einer modernen Tonne.
90 Ein Kaufmann, der 1445 an einer Expedition nach Westafrika teilgenommen hatte.
Viertes Kapitel
Es beschreibt die Insel Porto Santo, ihre Beschaffenheit und die Dinge, die dort hergestellt werden. Besonderes Interesse gilt dabei dem »Drachenblut«, der Art seiner Herstellung sowie einem allerbesten Honig.
Die Insel Porto Santo ist sehr klein; sie hat lediglich einen Umfang von 25 Meilen. Sie war vor 27 Jahren [richtig: 37 Jahren] von Seefahrern Fürst Heinrichs entdeckt worden. Bis dahin unbewohnt, wurde sie daraufhin auf Geheiß Heinrichs mit portugiesischem Volk besiedelt. Regiert wurde sie von Bartholomäus Pollastrella, einem Lehensmann des Fürsten.
Auf dieser Insel gibt es reichlich Korn und Hafer sowie im Überfluss Rindfleisch, Wildschweine und unzählige Kaninchen. Ferner findet man hier das sogenannte Drachenblut, das aus bestimmten Bäumen gewonnen wird. Es handelt sich hierbei um eine Art Gummi oder Harz, das zu einer bestimmten Jahreszeit aus den betreffenden Bäumen herausrinnt. Man sammelt es auf folgende Weise: In den untersten Teil des Stammes werden mit einer Axt oder einem Beil einige Kerben gehauen, woraus dann im folgenden Jahr zu einer bestimmten Zeit Gummi oder Harz fließt, das gekocht und gereinigt schließlich »Drachenblut« ergibt. Diese Baumart trägt auch eine Frucht, die sehr gut schmeckt. Sie sieht aus wie eine Kirsche, ist aber gelb.
Außerdem liegen um diese Insel herum ausgedehnte Fischgründe, voll von Dentali und Orade91 und anderen guten Fischen. Einen Hafen findet man hier nicht, dafür aber einen ausgezeichneten Ankerplatz, der gegen alle Winde gut geschützt ist, außer gegen die Winde aus östlicher und südlicher Richtung, gegen die er kaum Schutz zu bieten vermag.
Diese Insel heißt Porto Santo, und man stellt hier den besten Honig der Welt her, außerdem Wachs in großen Mengen.
91 Schellfisch und Dorsch
Fünftes Kapitel
Dieses Kapitel handelt von einem Hafen auf der Insel Madeira, der Moncricho92 genannt wird.
Am 27. März verließen wir Porto Santo und erreichten am gleichen Tag noch Moncricho, einen der Häfen der Insel Madeira. Dieser liegt ungefähr 40 Meilen von Porto Santo entfernt, wobei bei klarem Wetter der eine Ort vom jeweils anderen zu sehen ist.
92 Machico.
Sechstes Kapitel
Es befasst sich mit der Bedeutung des Namens Madeira und der ersten Besiedlung dieser Insel wie ihrer Fruchtbarkeit. Ferner berichtet es von wilden Tauben, die vor den Menschen nicht fliehen, zudem von weißen Pfauen und vom Zucker. Und schließlich von Weintrauben, die in der Karwoche reif werden.
Die Insel Madeira, vordem völlig unbewohnt, war vor 24 Jahren [richtig: 30 Jahren] von besagtem Fürst mit Portugiesen besiedelt worden. Zu ihrer Verwaltung hatte er zwei seiner Ritter zu Gouverneuren bestellt. Der eine namens Trista Tessera [Tristão Vaz Teixeira] erhielt als Hoheitsgebiet die Inselhälfte um Moncricho, der andere, mit Namen Joao Conzales [João Gonçalves Zarco], die Gebietshälfte um Fonzal [Funchal]. Diese Insel erhielt die Bezeichnung Madeira, das heißt so viel wie »Insel des Holzes«, so benannt, weil auf ihr, als sie von Leuten des erwähnten Fürsten zum ersten Mal entdeckt wurde, kein Fleckchen Erde zu finden war, das nicht mit großen Bäumen bewachsen war. Wollte man diese Insel besiedeln, so war es zunächst notwendig, diese Bäume niederzubrennen, was denn auch geschah, sodass eine geraume Zeit ein wildes Feuer über diese Insel fegte. Die erste Feuersbrunst war gar so groß, dass besagter Joao Conzales, der sich damals gerade dort befand, gezwungen war, zusammen mit allen Männern, Frauen und Kindern vor der Gewalt und der Hitze des Feuers aufs Meer zu fliehen. Um dem Tod zu entgehen, mussten sie dort, bis zu den Hälsen im Wasser und ohne etwas zu essen und zu trinken zu haben, zwei Tage und zwei Nächte lang ausharren. Auf diese Weise räumten sie einen großen Teil des Baumbestandes weg, wodurch Grund und Boden für die Kultivierung frei wurden.
Die Insel hat vier Ansiedlungen, erstens Moncricho, zweitens Zum Heiligen Kreuz (Santa Croce)93, drittens Fonzal und schließlich viertens Camera de Loui, was »Kammer der Wölfe« bedeutet94. Obwohl es noch einige andere Siedlungen gibt, so sind doch diese vier die wichtigsten. In ihnen leben ungefähr 800 Männer, davon allein ungefähr 100 Reitersleute. Der Umfang der Insel beträgt 140 Meilen. Auf ihr gibt es keine landumschlossenen Häfen, dafür aber einige ausgezeichnete Ankerplätze. Der Boden der Insel ist sehr fruchtbar, sodass ihre Bewohner mit allem Notwendigen versorgt werden können.
Obwohl diese Insel so gebirgig wie Sizilien ist, erntet man auf ihr jährlich 300 000 venezianische Stara95 Getreide, manchmal mehr, manchmal etwas weniger. Anfangs stand der Ertrag der Aussaat in einem Verhältnis 60 oder 70:1. Dieses hat sich aber mittlerweile auf 30 oder 40:1 verringert, weil die Anbaufläche – wegen Überbeanspruchung des Bodens – Tag für Tag kleiner wird. An Wasser besteht in diesem Land kein Mangel, denn es gibt hier zahlreiche Quellen, aus denen gutes Wasser in Fülle hervorsprudelt, außerdem acht Flüsse von beträchtlicher Größe, die die Insel durchfließen. An diesen Flüssen befinden sich Sägemühlen, in denen ununterbrochen Holz zu Brettern und Holztafeln der verschiedensten Art verarbeitet wird, um damit das portugiesische Königreich wie auch andere Gegenden zu versorgen. Zwei Holzsorten werden besonders geschätzt: einmal das Zedernholz, das einen sehr starken Geruch hat und dem Zypressenholz ähnelt; aus ihm fertigt man wunderschöne Tische, breit und lang, Schränke und andere Möbelstücke. Bei der anderen Holzart handelt es sich um Eibe, ebenfalls sehr schön und rot wie eine rote Rose. Wegen des Wasserreichtums der Insel hat Prinz Heinrich entlang den Flüssen viel Zuckerrohr anpflanzen lassen und damit einen großen Gewinn gemacht. Ein einmaliges Sieden des ungereinigten Rohstoffes erbrachte nicht weniger als 400 Zentner96 Zucker, woraus ich schließe, dass auf absehbare Zeit hier Zucker in großen Mengen hergestellt wird, denn das warme Klima auf dieser Insel ist für den Zuckeranbau sehr geeignet. Es ist hier niemals so kalt wie auf Zypern oder Sizilien. Aus diesem Zucker machen sie mancherlei Mixturen und Gewürze von bester Qualität.
Wachs und Honig werden ebenfalls hergestellt, allerdings nicht in großen Mengen. Dafür, dass die Insel erst vor Kurzem besiedelt worden ist, ist der hier produzierte Wein sehr gut und so reichlich vorhanden, dass damit nicht nur der Bedarf der Inselbewohner gedeckt, sondern auch ein Teil des Weins ausgeführt werden kann. Unter den Weinsorten, die besagter Prinz anpflanzen ließ, ist auch der Malmasier-Wein97, der auf seinen Befehl hin von Candia hierher gebracht wurde. Dieser Wein gedeiht wegen des fruchtbaren Bodens der Insel so ausgezeichnet, dass die Weinstöcke mehr Reben als Blätter tragen. Die Reben sind etwa vier Ellen lang und bieten einen wunderbaren Anblick, einen schöneren mag man auf der ganzen Welt nicht finden. Es wachsen hier auch – und zwar an Stangen – Trauben von schwarzer Farbe, die innen keine Kerne haben und sehr gut schmecken.
Ferner werden hier aus dem roten Holz der Eibe herrliche und sehr feine Pfeile und Armbrustgestänge hergestellt, die nach Westen ausgeführt werden. Man findet auf dieser Insel auch wilde Pfauen, von denen einige weiß sind, und Rebhühner. Ansonsten gibt es hier kein Wild, außer Wachteln und einer Vielzahl von wilden Schweinen in den Bergen. Von Inselbewohnern, die durchaus glaubhaft waren, wurde mir erzählt, dass hier zu Beginn der Besiedlung riesige Mengen von Tauben gelebt hätten und man diese immer noch finden könne. Gefangen werden diese Vögel auf folgende Weise: An Stangen werden Schlingen angebracht, um damit die Tauben an ihren Hälsen erfassen und so von den Bäumen herunterziehen zu können. Und die Tauben sollen dabei nicht einmal Furcht zeigen, weil sie die Absichten des Vogelfängers nicht zu durchschauen vermögen. Ich will das durchaus glauben, denn mir war zu Ohren gekommen, dass auf einer anderen Insel, die neulich entdeckt wurde, dies auf eine ähnliche Weise geschieht. Rindfleisch ist auf dieser Insel im Überfluss vorhanden. Und da sie ein einziger großer Garten ist, begegnet man hier – gemessen an den hier gültigen Maßstäben – sehr vielen reichen Leuten, deren gesamter Besitz aus Gold besteht. Es gibt hier auch einige Klöster vom Orden der »Minderen Brüder«98, in denen Mönche leben, die ein geheiligtes Leben führen. Und schließlich wurde mir glaubhaft versichert, dass hier Weintrauben wachsen würden, die schon in der Osterwoche reif seien.
93 Das heutige Santa Cruz.
94 Das heutige Camera de Lobos.
95 Dies entspricht 70000 Bushels.
96 In der englischen Ausgabe ist von 400 Cantara die Rede, wobei eins Cantaro etwa drei Gallonen entspricht.
97 Dieser Wein stammt ursprünglich aus der Gegend um Napoli di Malvasia (Monemvasia).
98 Teil des Franziskanerordens, der sich besonders streng dem Armutsgebot verpflichtet hat.
Siebtes Kapitel
Dieses Kapitel befasst sich mit den Kanarischen Inseln, zehn an der Zahl, und ihren Namen.
Nach Verlassen der Insel Madeira setzten wir unsere Reise in Richtung Süden fort, bis wir die Kanarischen Inseln erreichten, die ungefähr 320 Meilen von Madeira entfernt liegen. Diese Inselgruppe besteht aus zehn Inseln, von denen sieben bewohnt und drei öde und menschenleer sind. Folgende sind bewohnt: Lanzaroto, Forteventura, Gran Canaria, Teneriffa, Giemera, La Palma und Ferro. Von diesen sieben Inseln werden vier von Christen bewohnt, und zwar Lanzaroto, Forteventura, Giemera und Ferro. Auf den anderen drei leben nur Heiden. Der Herrscher über die vier christlichen Inseln heißt Ferrera, ein aus Sevilla stammender Edelmann und Ritter, der dem spanischen König untersteht.
Die Nahrung dieser Christen besteht, soweit sie von den Inseln selbst stammt, in der Hauptsache aus Gerstenbrot und in ausreichendem Maß aus Fleisch und Milch, und zwar vor allem von Ziegen, von denen sie hier viel besitzen. Auf Wein und Korn können sie dagegen nicht zurückgreifen, es sei denn, dass solches von anderswoher beschafft wird. Früchte haben sie ebenfalls nicht viel. Und überhaupt verfügen sie über nur sehr wenige Dinge von Wert.
Die einzelnen Inseln liegen 40 bis 50 Meilen auseinander, wobei sie alle auf einer Linie aufgereiht sind, und zwar in Ost-West-Richtung.
Achtes Kapitel
Es handelt von den Pflanzen, die auf den Kanarischen Inseln wachsen, von einem Kraut namens Oricello, aus dem man eine sehr schöne braune Farbe herstellt. Und von einem guten Leder, genannt Corduan. Weiter von den Ungläubigen, die auf den drei Inseln wohnen; und von einer Insel, die wegen ihrer hohen Gebirge wohl einzigartig auf der Welt ist. Außerdem von den dortigen Fürsten und der seltsamen Sitte der Eingeborenen, keine Frau zu heiraten, die noch Jungfrau ist und die vorher noch nicht mit dem Fürsten geschlafen hat, und schließlich von der Fruchtbarkeit der genannten Inseln.
Auf den erwähnten Inseln wächst in großen Mengen ein Kraut namens Oricello99, mit dem man wollene Tücher färbt. Dieses Gewächs wird in großem Umfang nach Cades100 im Reich Sibilia101 ausgeführt, von wo aus es an die verschiedensten Orte in Ost und West weiterbefördert wird.
Ebenfalls in großen Mengen wird auf diesen Inseln ein Leder hergestellt, das corduan102 genannt wird; es ist von hoher Qualität und Festigkeit und wird in großen Stücken angeboten. Außerdem handelt man hier noch mit Talg und wohlschmeckendem Käse.
Die Bewohner dieser vier Inseln heißen Kanarier. Sie sprechen so unterschiedliche Sprachen, dass sie sich untereinander kaum verständigen können. Auf diesen Inseln gibt es keine von Mauern umgebenen Städte, sondern lediglich kleinere Dörfer. Diese liegen aber in den Bergen, die hier sehr hoch sind. Die Ortschaften sind zudem mit stark befestigten Brücken und Zugängen versehen, damit sie von niemandem überfallen oder gar erobert werden können. Letzteres droht ihnen nur von einer Belagerung und dem damit einhergehenden Mangel an Nahrungsmitteln.
Die kleinste der vier Inseln hat einen Umfang von ungefähr 50 Meilen. Die anderen drei Inseln, auf welchen die Ungläubigen wohnen, sind weit größer und viel dichter besiedelt, besonders zwei: Gran Canaria mit rund 8000 und Teneriffa, die größte der drei Inseln, mit ungefähr 15000 Einwohnern. Palma hingegen ist fast unbewohnt, dafür aber sehr schön.
Auf diesen Inseln stehen, um sie notfalls gegen Übergriffe verteidigen zu können, viele Männer unter Waffen. Da die Inseln außerdem noch sehr gebirgig und mit vielen befestigten Orten versehen sind, konnte man sie bislang nicht erobern und so niemals dem Christentum zuführen.
Eine der Inseln [gemeint ist hier Teneriffa] gilt als eine der höchst gelegenen der ganzen Welt. Sie ist bei klarem Wetter bereits aus einer Entfernung von 60 bis 70 spanischen Meilen, das entspricht 250 italienischen Meilen, zu sehen, denn in ihrer Mitte befindet sich ein Berg,103 der sehr hoch ist und wie ein Diamant dauernd leuchtet. Christen, die hier in Gefangenschaft geraten sind, versichern, dass dieser Berg von seinem Fuß bis zur Spitze 15 portugiesische, also 60 italienische Meilen misst. Diese Insel wird von neun Fürsten beherrscht, die Duchi, d.h. Herzöge, genannt werden. Diese üben ihre Macht nicht aufgrund des natürlichen Gesetzes, wonach der Sohn seinem Vater nachfolgt, sondern nach dem Recht des Stärkeren aus. Sie führen deshalb auch von Zeit zu Zeit Kriege gegeneinander, wobei sie sich wie Vieh abschlachten. Als Waffen besitzen sie nur Steine und speerförmige Knüppel, die an der Spitze – anstelle von Eisen – mit einem scharfen Hornstück versehen sind; und mit diesen schlagen sie aufeinander ein. Abgesehen von den Waffen, die sie mit sich tragen, gehen sie in der Regel völlig nackt – außer einigen, die vorne und hinten mit einem Ziegenfell bekleidet sind. Ihre Körper schmieren sie sich mit Geißbockfett ein, das mit dem Saft eines Krauts vermischt wird. Davon bekommen sie eine grobe und dicke Haut, die sie vor der Kälte, die in dieser südlichen Gegend freilich nicht schlimm ist, schützen soll.
Sie besitzen weder gemauerte Häuser noch Strohhütten, sondern wohnen ausschließlich in Berghöhlen. Hauptsächlich leben sie von Gerste, Fleisch und Ziegenmilch; außerdem essen sie in großen Mengen allerlei Früchte, insbesondere Feigen. Wegen des warmen Klimas wird das Getreide in den Monaten März und April geerntet.
Sie haben weder einen Glauben noch einen Gott. Einige von ihnen beten indes auf absonderliche und abgöttische Weise die Sonne an, andere den Mond und die Planeten.
Ihre Frauen sind zwar kein Gemeingut, aber jeder kann sich so viele nehmen, wie er will. Sie heiraten keine Frauen, die noch Jungfrau sind, sondern nur solche, die bereits eine Nacht mit dem Fürsten verbracht haben, was hier als eine große Ehre gilt.
Die Bewohner der vier christlichen Inseln überfallen auf ihren Schiffen bei Nacht von Zeit zu Zeit die Inseln der Ungläubigen, um heidnische Kanarier, Männer wie Frauen, einzufangen, die sie dann nach Spanien bringen, um sie dort als Sklaven zu verkaufen. Manchmal kommt es vor, dass bei diesen Überfällen einige der Christen in Gefangenschaft geraten. Diese werden von den Eingeborenen allerdings nicht getötet, sondern lediglich gezwungen, Ziegen zu schlachten und zu Fleisch zu verarbeiten. Dies hat folgenden Grund: Das Metzgerhandwerk gilt den Ungläubigen nämlich als die unwürdigste und verachtenswerteste Tätigkeit. Um ihnen Schmach anzutun, lassen sie ihre Gefangenen diese Arbeit so lange ausführen, bis diese auf irgendeine Art losgekauft werden. Und eben von solchen in Gefangenschaft geratenen Christen habe ich diese Tatsache in Erfahrung gebracht.
Die Eingeborenen haben noch einen anderen sonderbaren Brauch: Wenn einer ihrer Fürsten neu eingesetzt wird, bietet einer von ihnen freiwillig an, zu Ehren der neuen Herrschaft und zum Lob des neuen Fürsten zu sterben. Daraufhin begibt sich alles zu einer tiefen Schlucht, in die sich der Betreffende, nachdem er eine bestimmte Zeremonie vollzogen und einige Worte gesprochen hat, hinabstürzt und so in Stücke zerschlagen wird. Der Fürst ist dann verpflichtet, die Verwandten des Toten in Ehren zu halten und mit großen Pfründen auszustatten. Dieser viehische und unvernünftige Brauch ist von den Christen, die auf oben beschriebene Weise auf diesen Inseln in Gefangenschaft geraten und gegen Lösegeld wieder freigelassen worden waren, beobachtet und als wahr überliefert worden.
Die Kanarier sind zart gebaut und außergewöhnlich gute Läufer und Springer, denn aufgrund des felsigen und hügeligen Geländes, das auf ihren Inseln vorherrscht, sind sie es gewohnt, mit dem Geschick und der Leichtigkeit einer Gämse barfuß von Stein zu Stein zu springen, wobei sie Sprünge von unglaublicher Weite vollführen. Auch vermögen sie Steine äußerst zielgenau und mit großer Kraft sehr weit zu werfen. Sie haben so kräftige Arme, dass sie ein Schild mit wenigen Hieben in Stücke schlagen können. Auf Medera [Madeira] konnte ich einen christlichen Kanarier beobachten, der wettete, dass er, wenn er und drei andere Männer je zwölf Pomeranzen104 in die Hand nähmen, er die drei Männer auf acht oder zehn Schritt Entfernung mit jeder seiner zwölf Pomeranzen treffen würde, ohne dass diese umgekehrt in der Lage wären, ihn ihrerseits mit ihren Pomeranzen zu treffen – außer an seinen Händen, mit denen er ihre Würfe abzuwehren versuchen würde. Niemand ging jedoch auf diese Wette ein, denn alle wussten, dass der Kanarier dies mit Leichtigkeit, ja sogar noch besser, als er angegeben hatte, tun konnte. Aus dieser Geschichte mag man entnehmen, dass diese Menschen die geschickteste und flinkste Rasse sind, die man auf der Welt zu Gesicht bekommt.
Ferner bemalen sich die Kanarier ihre Körper mit einer grünen, roten und gelben Paste, die aus Kräutern gewonnen wird. Sie halten diese Bemalung für eine wunderbare Sache und schätzen sie mehr als wir das Weiß unserer schönsten Kleider.
Ich, Aloisius Cà da Mosto, war auf zwei der Kanarischen Inseln, auf Gomera und Ferro, die beide christianisiert sind. Ich legte auch in Palma an, ging dort aber nicht an Land, weil ich meine Reise fortzusetzen wünschte.
99 Pflanze, aus der man braunen Farbstoff gewinnt.
100 Die heutige Hafenstadt Cádiz in Südspanien.
101 Das Herzogtum Sevilla im damaligen Königreich Kastilien.
102 Es handelt sich hier um Ziegenleder.
103 Hierbei handelt es sich um den Pico de Teide, der 3716 m hoch ist.
104 Alter Ausdruck für Orange.
Neuntes Kapitel
Es beschreibt das Kap Blanco und die ihm nahe gelegenen Inseln, die da sind: Argim, Bianca, Garza und Cori. Außerdem ist hier die Rede von Wüstengegenden sowie von einem Ort namens Hoden, der von Leuten aus Barbaria aufgesucht wird.
Südwärts Richtung Mohrenland segelnd, verließen wir diese Insel und erreichten nach einigen Tagen das Kap Blanco, das ungefähr 770 Meilen [in Wirklichkeit sind es nur 570 Meilen] von den Kanarischen Inseln entfernt liegt. Bei diesem Kap zieht sich die Küste landeinwärts zurück und formt so einen Golf, der Forna Dargin [Golf von Arguim] heißt – nach einer kleinen Insel, die in diesem Golf gelegen ist und von den Eingeborenen Argim genannt wird. Nach weiteren 50 Meilen gelangt man zu drei weiteren Inseln, welchen die Portugiesen folgende Namen gegeben haben: Bianca – wegen des dortigen weißen Sandbodens; Garza [Herons-Insel] – nach einem Meeresvogel gleichen Namens, von dem die Portugiesen, als sie diese Insel zum ersten Mal entdeckten, so viele Eier fanden, dass sie damit zwei Boote beladen konnten; und schließlich Cori [Insel Cuori]. Alle drei Inseln sind sehr klein, sandig und völlig unbewohnt. Nur auf Argim findet man ausreichend Süßwasser, nicht jedoch auf den anderen Inseln.
Entlang der Küste – vom Kap Cantin bis zum Kap Blanco – erstreckt sich eine große Wüstengegend, die im Norden von den Bergen [Atlas-Gebirge] begrenzt wird, die unsere Barbarei [Marokko] von Tunis und den anderen Küstenstädten an der Mittelmeerküste abschneiden. Von den Berbern wird diese Wüste Sarra [Sahara] genannt. Im Süden stößt sie an das Land der Neger in Niederäthiopien.
Es handelt sich hierbei um eine sehr große Wüste, die zu durchqueren gut berittene Männer 50 bis 60 Tage in Anspruch genommen werden – an manchen Stellen etwas mehr, an anderen etwas weniger. Die Grenze zu dieser Wüste bildet die Atlantikküste, die hier überall weißsandig, vollkommen ausgetrocknet und eben ist bis hin zu besagter Insel Bianca, die so heißt, weil die Portugiesen, die sie entdeckten, hier nur weißen Sand ohne jedes Anzeichen von Kräutern und Bäumen vorfanden. Diese Insel ist ein sehr schöner Ort, der die Form eines Dreieckes hat, wobei die drei Eckpunkte jeweils eine Meile auseinander liegen.
Entlang der ganzen Küste hier befinden sich ausgedehnte Fischgründe, in denen es von großen und ausgezeichneten Fischen der verschiedensten Arten nur so wimmelt. Das Wasser ist im Golf von Forna Dargin überall nicht sehr tief und voll von Sand und Felsbänken. Außerdem stößt man hier auf äußerst starke Meeresströmungen, sodass man hier nur bei Tage segeln kann, immer das Lot zur Hand, um so die Wassertiefe stets messen zu können. Zwei Schiffe sind auf solchen Bänken bereits zerschellt.

Der Leser sollte ferner wissen, dass auf der Höhe der Insel Bianca 60 Tagesreisen auf dem Kamel landeinwärts ein Ort liegt namens Hoden105. Dieser Ort ist von keiner Mauer umgeben. Er wird von Arabern häufig besucht, denn hier befindet sich ein Markt, bei dem die Karawanen, die von Tanbutu [Timbuktu] kommen, zu rasten pflegen. Auch von anderen Orten des Mohrenlandes kommen Leute auf dem Weg in unsere Barbarei hier durch. Die Bewohner von Hoden ernähren sich vor allem von Datteln und Gerste, wovon sie eine Menge haben. Beides wächst auch an anderen Orten dieser Gegend, freilich nicht im Überfluss. Zum Trinken haben diese Leute nur Milch von Kamelen und anderen Tieren; Wein gibt es hier keinen. In ihrem Besitz sind auch Kühe und Ziegen, freilich nicht sehr viele, weil das Land hier sehr trocken ist. Deshalb sind diese Tiere, gemessen an den unsrigen, auch sehr klein.
Als Mohammedaner sind die Bewohner dieser Gegend den Christen sehr feindlich gesinnt. Sie lassen sich an keinem Ort auf Dauer nieder, sondern ziehen unablässig von Ort zu Ort durch die Wüste, unter anderem auch in das Land der Mohren und in unsere Barbarei. Auf den vielen Kamelen, die sie besitzen, befördern sie Kupfer und Gold, das sie in der Barbarei erworben haben, nach Tanbutu und in das Mohrenland. Von dort bringen sie dann Gold und Pfeffer in die Barbarei. Die Hautfarbe dieser Menschen ist braun. Bekleidet sind sie mit einem weißen Mantel, den sie auf der nackten Haut tragen; er reicht bis zum Nabel und ist mit einem roten Streifen umsäumt. Auf die gleiche Art sind ihre Frauen bekleidet – ohne jede Eleganz. Die Männer tragen, wie es im Land der Mohren Sitte ist, zudem noch einen Turban auf dem Kopf. Und sie gehen immer barfuß. In diesen sandigen Gebieten leben viele Löwen, Leoparden und Strauße, deren Eier ich oft gegessen habe und die mir gut geschmeckt haben.
Man muss auch wissen, dass besagter Prinz Heinrich die Insel Argim für zehn Jahre christlichen Kaufleuten überlassen hat, sodass außer denen, die hierfür eine ausdrückliche Erlaubnis haben, niemand hierher kommen kann, um mit den Arabern Handel zu treiben. Diese Kaufleute haben hier Wohnhäuser und Manufakturen aufgebaut, in denen sie mit den Arabern Handelsgeschäfte tätigen. Die Araber kommen hierher an die Küste, um Handelsgüter der verschiedensten Art zu erwerben, z.B. wollene Kleider, Baumwolle, Silber, alchezeli106, Mäntel, Teppiche und manches andere mehr, vor allem aber Getreide, denn sie leiden dauernd unter Nahrungsmangel. Im Tausch dafür verkaufen sie Sklaven, die sie sich aus dem Land der Mohren besorgen107, und Goldstaub.
Um diese Handelsgeschäfte auf Dauer wirksam schützen zu können, hat Prinz Heinrich auf dieser Insel ein Schloss bauen lassen [gebaut im Jahr 1448]. Aus demselben Grund wird diese Insel seitdem Jahr für Jahr von portugiesischen Karavellen angelaufen.
Die Araber besitzen auch viele Berberpferde, die sie in das Mohrenland bringen, um sie den dortigen Fürsten im Tausch gegen Sklaven zu verkaufen. Je nach seiner Qualität erbringt eins dieser Pferde 10 bis 15 Sklaven. Um Sklaven sowie Gold in die Hand zu bekommen, schlagen sie im Mohrenland neben Silber und anderen Gütern auch Seidenstoffe um, die dem Geschmack der Mohren entsprechen und die in Granada und Tunis in der Barbarei hergestellt werden.
Die dafür eingehandelten Sklaven bringen die Araber zunächst auf den Markt von Hoden, wo diese dann aufgeteilt werden: Ein Teil kommt in die Berge von Barcha [Barca in der Cyrenaika] und dann weiter nach Sizilien oder an andere Orte an der Mittelmeerküste; der andere Teil wird auf die Insel Argim gebracht, um dort an die portugiesischen Kaufleute verkauft zu werden. Auf diese Weise werden von hier aus jährlich bis zu 1000 Sklaven nach Portugal befördert.
Bemerkenswert ist, dass zuvor, als der Sklavenhandel noch nicht so vonstattenging, bewaffnete portugiesische Karavellen, manchmal vier, manchmal aber auch mehr, in den Golf von Argim fuhren, deren Besatzungen bei Nacht an Land gingen, um dort die Fischerdörfer zu überfallen und das Land anschließend verwüstet zurückzulassen. Auf diese Weise brachten sie Männer wie Frauen der hier lebenden arabischen Bevölkerung in ihre Gewalt, die sie dann als Handelsware nach Portugal verschleppten. Derartige Überfälle verübten die Portugiesen entlang eines Küstenabschnitts, der vom Kap Blanco bis zum Reich Senega [Senegal] reicht.
105 Wadan, wichtigster Handelsplatz in der West-Sahara, 350 Meilen östlich vom Golf von Argium gelegen.
106 Kleidungsstück aus grobem Stoff.
107 Zur Sklavenjagd in den Nachbargebieten waren sie von den Portugiesen
angestiftet worden.
Zehntes Kapitel
Dieses Kapitel handelt vom Reich Senega und den Sitten der dortigen Eingeborenen.
Durch das Reich von Senega fließt ein großer Fluss, der das Stammesgebiet der Azanaghi108 gegen das nördliche Königreich der Mohren abgrenzt. Die Azanaghi haben eine bräunliche Hautfarbe, eher dunkel- als hellbraun, und sie leben in Orten entlang der Küste unterhalb von Kap Blanco, viele auch zerstreut über die hier beginnende Wüste. Sie sind Nachbarn der oben erwähnten Araber von Hoden.
Die Azanaghi ernähren sich hauptsächlich von Datteln, Gerste und Kamelmilch, außerdem noch von Hirse und anderen Gemüsen, wie z.B. Bohnen, die sie sich im nahe gelegenen Mohrenland einhandeln. Überhaupt sind sie Menschen, die mit sehr wenig Essen auszukommen vermögen und Hunger gut aushalten können: Ihnen reicht den ganzen Tag über eine Schüssel Gerstenbrei. Sie haben auch gar keine andere Wahl wegen des hier allenthalben herrschenden Nahrungsmittelmangels.
Von den Portugiesen werden die Azanaghi auf die oben beschriebene Art ebenfalls als Sklaven gehandelt, zumal sie hierfür besser geeignet sind als die Mohren. Seit einiger Zeit aber herrscht zwischen ihnen und den Portugiesen Friede und ein reger Handelsaustausch. Prinz Heinrich duldet nämlich keine derartigen Überfälle auf die Azanaghi mehr, weil er hofft, dass diese im friedlichen Zusammenleben mit den Christen eines Tages zu unserem Glauben bekehrt werden können – und dies ohne größere Schwierigkeiten, weil dieses Volk von den Lehren Mohammeds bislang noch weitgehend unberührt ist, mit Ausnahme dessen, was es darüber vom Hörensagen weiß.
Die Azanaghi haben auch einen seltsamen Brauch: Auf ihrem Kopf tragen sie eine Art Taschentuch109, das sie nach vorne über ihr Gesicht ziehen, um so den unteren Teil der Nase und den Mund zu bedecken. Sie sagen nämlich, dass der Mund ein missgestalteter Körperteil sei, aus dem nur schlechte Gerüche strömten. Deshalb gehöre er bedeckt und nicht zur Schau gestellt, vor allem dann, wenn man sich anderen Leuten zuwende. Es ist wahr – schließlich habe ich viele von ihnen gesehen –, dass sie diesen Körperteil stets bedeckt halten, es sei denn, dass sie essen.
Es gibt bei ihnen keine richtigen Fürsten, wohl aber wird den Wohlhabenderen unter ihnen von den übrigen Stammesmitgliedern bis zu einem gewissen Grade Gehorsam entgegengebracht. Der Großteil dieser Menschen lebt in großer Armut. Und obendrein sind sie große Lügner und die schlimmsten Diebe, die man auf der Welt findet. Es sind Menschen von durchschnittlicher Größe, außerdem sind sie sehr mager. Sie haben krauses Haar, das ihnen bis zur Schulter reicht. In dieser Beziehung ähneln sie übrigens sehr den Deutschen, freilich ist ihr Haar im Unterschied zu diesen schwarz. Ferner schmieren sie es jeden Tag mit Fischfett ein, weshalb sie übel stinken, was sie jedoch für ein Zeichen großen Wohlstands halten.
108 Historisch wichtigster Stamm der Tuareg, weit verbreitet über die West-Sahara.
109 Es handelt sich hier um das »litham«, das von den Tuareg noch heute getragen wird.
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