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Mit vier farbigen Bildern von Eduard Winkler
Saga

Annke – Kriegsgeschichte eines ostpreussischen Mädchens (1914-1918)

Copyright © 1931, 2018 Alfred Hein und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711463727

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Die Kosaken

Annke lag im Gras. Roter Mohn und hohe blaue Glockenblumen ragten neben ihren in die Mittagssonne blinzelnden Augen riesenhaft wie Pflanzen eines anderen Gestirns. Unendlich-tiefe Bläue erfüllte die in Urfernen sich wölbende Kathedrale des Himmels. Leise sang der Fluss vorbei, und mit sachtem Schattengewelle wanderte ein Windhauch über die sich zum Dorf hochwiegenden Wiesen und Felder. Die Häuser und Gärten, die Kirche und der am Himmelsrand dunkelnde Wald erschienen im Dunst der Julihitze seltsam flach und zusammengedrückt wie jene Dörfer des russischen Generals Potemkin, die er fernab in der russischen Steppe als leere Kulissen hinbauen liess, um der ihr Land bereisenden Zarin, der grossen Katharina, die hochentwickelte Kultur ihres Reiches vorzutäuschen.

Dieses sich bis nach Asien hineindehnende grossmächtige Russland, das kaum eine Wegstunde weit seine Grenzpfähle aufgerichtet hatte, war seit gestern Deutschlands Feind. Wer ist das nur, dachte Annke, der Feind? Hatte sie die russischen Offiziere bei ihren Einkäufen in Memel nicht oft mit gutmütigem Lächeln durch die Strassen hinschlendern sehen, manchmal zusammen mit den preussischen Offizieren? Die schossen nun aufeinander?

Annke spürte noch das plötzliche Glockengedröhne und das Heulen der Sirenen aus der Sandsteinfabrik im Ohr, sah den Vater vor die Tür des Schulhauses treten und dem bis auf das letzte Mütterchen zusammengelaufenen Dorf ein Extrablatt vorlesen. Worte, gestern allen noch ungeläufig: Mobilmachung, Belagerungszustand, waren heute der einzige Gesprächsstoff des Dorfes und aller Welt, wie es schien. Als vorhin zwei Fischer vom Kurischen Haff an ihr vorüberschritten, fielen auch diese Worte: Mobilmachung, Belagerungszustand …

Mobilmachung – Kurt, der älteste Bruder, musste heute nach Memel in die Kaserne. Auf drei Leiterwagen hatten die eingezogenen jungen Männer das Dorf verlassen. Von ihren Müttern, von ihren Frauen fort. Sie sangen, sie lachten. Auch die Zurückbleibenden verbissen die Tränen und winkten …

„… siegreich wollen wir Frankreich schlagen,

sterben als ein tapfrer Held —“

Mit dem fernen Frankreich lag Deutschland also auch im Streit. Und das alles, weil das kleine Serbien übermütig geworden war? Annke begriff es nicht und sie ärgerte sich darüber. Der Vater schien nur die Jungens für würdig zu halten, ein Gespräch über den Krieg zu führen.

Die Grenze— das war das dritte Wort, das immer fiel. Und der Landsturm – das waren ältere Männer mit seltsamen Helmen wie von 1813, die sind gestern schon durchs Dorf marschiert, an die Grenze. Annke hatte auch für sie Stullen um Stullen schmieren müssen, und alle Milch war fort, als sie weiterzogen.

Zur Grenze —

Ach, was, wischte Annke die sich durcheinander wirrenden Gedanken fort. Ist nicht rundum tiefer Friede? Fliesst nicht ruhig wie immer die Minge zum Walde hin, hinter dem die Grenze war?

Annke erhob sich, dehnte die verrenkten Glieder und lächelte in die Stille ihrer sanftseligen ostpreussischen Heimat hinein. Da waren die beiden Birken, die sich, solange sie denken kann, im Mingefluss spiegelten. Unversehrt. Dort der Drachenhügel, von dem sie im Herbst mit den Brüdern Hunderte von Metern hoch ein wildbemaltes, langgeschwänztes Ungetüm hochsteigen liess, und da rief ja auch wie immer auf dem Gut die Hofglocke zum Mittagessen. Annke machte sich auf den Heimweg ins Schulhaus. Die Mutter hatte ihr die freie Stunde geschenkt, weil Annke gestern bei dem Durchzug der Landsturmleute so schuften musste und abends noch das drei Wochen alte Brüderchen besorgte. Wenn sie auch vom Krieg nicht viel verstand, das konnte sie mit ihren zwölf Jahren! Annke lockten ein paar Mohnblüten, und sie musste sie pflücken. Und fand dabei auch mehrere Büschel reifer Erdbeeren. Eine ganze Handvoll.

Zärtlich betrachtete sie die kleine rote Ernte, da —

Pferdegetrappel.

Drei Reiter querfeldein.

Annke starrte: Pelzmützen. Patronengurte quer über die Schultern gehängt, grosse, krumme Säbel, kleine wilde Pferde!

Kosaken!

Sie wollte schreien, sie konnte nicht.

Die Hände sanken ihr schlaff.

Mohnblumen, Erdbeeren fielen zur Erde.

Die drei Kosaken rasten heran, – Annke sprang zur Seite – wilde funkelnde Augen, zottige Bärte, seltsam gezischte Worte – schon vorbei – über die Mohnblumen und Erdbeeren dahin.

Annke warf sich ins Gras, und ein heftiges Weinen schüttelte sie.

Ja, es war Krieg. Angst erfüllte sie, rätselhaft schwer auf der Brust lastende Angst vor dem unbekannten Grausigen: Krieg.

Ein Schuss!

Noch einer!

Drei – zehn —

Schnellfeuer —

Da lief sie nach Haus!

„Vater —“ schrie sie auf. Sah ihn in seinem Blute schon liegen —

Im Dorf war aber alles fröhlicher Stimmung.

„Der Tilsiter Landsturm hat sie verjagt, die Bestien!“

Welch triumphierender Hass! Auch der Vater und die Brüder sprachen nur von der Vertreibung der Kosakenpatrouille.

„Habt ihr sie gesehen?“ fragte Annke die Brüder.

„Nein – aber am Bahnhof haben sie aufeinander geschossen, unsere und die Russen! Wir haben es gehört.“

„Ich habe sie gesehen —“ Annke wurde jetzt erst der ganze Schreck der jähen Erinnerung bewusst. „Es soll kein Krieg sein,“ stampfte sie auf.

„Das bestimmst du gerade —“ sagte ihr Bruder Bernhard. „Es muss so lange Krieg sein, bis ich auch daran komme,“ er war vierzehn Jahre. „Mit siebzehn kann man sich schon freiwillig melden —“

„Ruhe, Ruhe, junges Blut!“ lächelte Vater Hennig. „Der Krieg ist zu Ende, ehe die Blätter fallen, hat der Kaiser gesagt, aber er wird furchtbar sein —“

Ostpreussische Kriegsweihnacht

Die Blätter waren gefallen, der Krieg tobte furchtbar, Weihnachten kam, und kein Ende der Schlachten in Ost und West war abzusehen. Doch während in ganz Ostpreussen fast die russischen Heere gewütet hatten, schienen sie bei ihren Einbrüchen die nordöstlichste Ecke Deutschlands, den Memeler Zipfel am Kurischen Haff, stets zu vergessen. Ein paar versprengte Patrouillen zeigten sich dann und wann im scharfen Trab auf der breiten Landstrasse nach Memel. Ein einziges Mal noch, als der Vater gerade in der Schulstunde davon erzählte, dass in vielen früheren Kriegen die Russen auf der Seite der Deutschen gefochten hätten, nur wenn ihnen Preussen zu mächtig wurde, wie unter dem grossen König, schlugen sie sich zu den Gegnern, – da pfiffen plötzlich Schüsse haarscharf an den Fenstern vorbei, dass sie zitterten – dann schon drei Kosaken auf ihren blitzend schnell dahinflitzenden Pferdchen – einen Augenblick hielten sie an, einer der Kosaken beugte sich vor, zerschlug mit dem Säbel eine Fensterscheibe und fragte in seinem Kauderwelsch, ob hier „Russki“ wären.

Die Kinder schrien auf, flüchteten aus ihren Bänken hinter die Tafel, der Vater aber strich sich ruhig wie immer seinen Bart und schüttelte mit dem Kopf.

Der Kosak lächelte. Wie ein guter Mensch! Annke, die hinter dem Schrank hervorschielte, sah es mit Verwunderung. Bisher hatte sie in ihrer kindlichen Vorstellung geglaubt, dass diese Kosaken ebensowenig lächeln können wie jene Wölfe, die manchmal im Winter sich aus dem ewigweiten Russland über die Grenze verirrten. Nun wusste sie, auch diese waren Menschen. Und ihr kleines Hirn wollte es nicht fassen, warum sich Menschen, die im Grunde ihrer Seele gutmütig lächeln können, hassen und zerfleischen.

Als sie den Vater beim Mittagbrot fragte, sagte er: „Das versteht ein kleines Mädchen nicht. Krieg ist Männersache.“

„Wo mögen die Kosaken sein?“

„Hoffentlich haben sie die Badenser Dragoner abgeknallt, die gleich hinterher kamen,“ sagte Bernhard mit Genugtuung. Und der Bruder machte mit kriegerischem Gesicht nach, wie man das Gewehr an die Backe reisst und zielt.

„Auch den, der gelächelt hat?“

„Was das Mädel bloss für Sorgen hat – da verwüstet die Bande unsere ostpreussischen Wälder, vertreibt Hunderttausende von Haus und Hof, und sie sorgt sich um einen Kosaken.“

Annke schwieg. Sie fühlte sich nicht verstanden. Niemals vergass sie den lächelnden Kosak.

So kam langsam Weihnachten heran. Lange lagen schon die bösen unruhigen Wochen zurück, in denen einer dem anderen voll Sorge zuflüsterte, dass die deutsche Armee hinter die Weichsel zurückgegangen war. In wenigen Tagen hatte sie Hindenburg wieder vorwärts geführt, und während das grosse Heer des Generals Rennenkampf kurz vor Königsberg sich zur Belagerung der ersten Forts anschickte, vernichtete er, seinen Gegner fest in die Zange seiner kühnen, gegen dreifache Übermacht vordringenden Regimenter nehmend, zwei russische Armeen mit einem Schlag.

Das war ein Siegesjubel auch in Rosillen, dem kleinen Dorf am Kurischen Haff, als es hiess: die Russen waren geschlagen und vertrieben. Ja, das Bild des grossen Generals, der in jenen Tagen, da man Ostpreussen verzagt der Übermacht der russischen Dampfwalze preisgab, bewies: nur Mut, Entschlossenheit und ein klarer Kopf führen den, der auf Gott vertraut, zum Ziel, und das Bild dieses geraden, schlichten ostpreussischen Heldenführers hing nun auch in der Schulstube von Rosillen. Die Kinder standen oft davor, der Vater konnte nicht genug von dem Retter Ostpreussens erzählen. Dass ihn der Kaiser schon pensioniert hatte und erst wieder zum Heerführer machte, als man in höchster Not einen entschlossenen General brauchte. Dass es nur zwei Schlachten noch in der deutschen Geschichte gäbe, die ebenso kühn und vernichtend dem Gegner die Entscheidung abrangen: Leuthen und Sedan.

Als der Vater fragte, wer in diesen beiden Schlachten gesiegt hatte, da waren die grossmäuligen Jungens, die sich alle schon als kleine Hindenburgs zu fühlen schienen, plötzlich kleinlaut. Nur eine wusste zu antworten:

„Friedrich der Grosse und Generalfeldmarschall von Moltke.“

Und das war Annke. Der Vater lobte sie zwar, doch als Sachverständige in Kriegsdingen wurde sie trotzdem nie angesehen. Was sie oft tief kränkte. Sie beklagte sich bei der Mutter. Doch die meinte, ob Krieg oder Frieden, eine Frau gehört ins Haus. Da ist ihr Reich, da ist ihr Feld der Ehre.

Zwei Tage vor Weihnachten – Bernhard und die beiden jüngeren Brüder waren, Axt und Säge geschultert, in den Wald ausgezogen, um mit Erlaubnis des Gutsbesitzers einen Weihnachtsbaum zu holen – bekam Vater zwei Briefe. Der eine war von Onkel Adalbert, der in Masurens Wäldern Förster war und von seiner Rückkehr berichtete. Auch er hatte mit seiner Familie flüchten müssen, sie wurden bis nach Pommern transportiert.

„– wie sieht alles furchtbar aus. Die Wälder verbrannt, viel hundertjährige Eichen sind nun auch ein Opfer des Krieges, die Wege zerfurcht von den Rädern der schweren Kanonen, fortgeworfene Waffen liegen noch da und dort im Strassengraben, manchmal ragt aus einem Ackerfeld spitz eine nicht explodierte Granate heraus – als wir durch die Stadt Ortelsburg fuhren, erkannten wir sie nicht wieder.

Die Hauptstrasse entlang reiht sich Ruine an Ruine. Fast alle ohne Dächer. Die Vorderwände aufgerissen. Hier steht einsam ein von den Granaten und Feuersbrünsten verschontes Kinderbett, dort hängt zum Fenster hinaus ein durch den Luftdruck der Explosion geschleuderter Tisch. An einem anderen Haus weht hoch droben am geborstenen Giebel eine Decke oder ein Laken oder sonst etwas, das in dem Aufruhr der Zerstörung sich hier verhakte.

Als wir heimkamen, da fanden wir unser schönes stilles Forsthaus zwar noch unzerstört, aber besudelt und unordentlich wie ein Zigeunerlager vor. Ich will es nicht näher schildern. Nur eines: Im kriegerischen Übermut hat man uns sämtliches Geschirr zerschlagen, auf die Bilder an der Wand wie nach einer Zielscheibe geschossen, und die Puppen unserer kleinen Lisa, die die Flucht gut überstanden hat, lagen von vielen Kugeln durchbohrt auf dem Rasen unseres Gärtchens, wo natürlich auch alles zertrampelt ist. Doch diesen Übermut im ersten Siegesrausch hat Hindenburg an den Russen ja für immer gerächt. Wir sind gleich an die Arbeit gegangen, hilfreiche Hände steuerten das Notdürftigste an Gerät und Möbeln wieder bei, und so hoffen wir auf eine gesegnete Kriegsweihnacht —“

Die Mutter stöhnte leise auf, als der Vater den Brief vorgelesen hatte: „Morgen kann es uns so gehen —“

„Aber, Mutter, wer wird solche Grillen haben —“ wehrte der Vater ab, der immer guten Mutes in die noch so dunkle Zukunft schaute. „Nun wollen wir hören, was Kurt in Frankreich macht.“ Der Bruder schrieb, dass es ihm im Schützengraben gut ginge und dass sie hoffen, es wird die erste und letzte Weihnacht im Felde sein. Freilich kämen sie seit Wochen, da sie sich eingegraben hatten, nicht mehr vorwärts. Aber nirgends gelänge es auch den Franzosen, sie zurückzudrängen. Das Kampfziel Paris sei allerdings vorläufig unerreichbar.

„Was ist das – ein Schützengraben, Vater?“ fragte Annke, die in einer grossen Schüssel Kuchenteig rührte und zugleich mit dem Fuss den Wagen hin und her schob, in dem Peterli, das jüngste Brüderchen, lag.

„Im Westen haben sich die Franzosen und Engländer mit den Deutschen so fest im Nahkampf verbissen, dass es weder vorwärts noch rückwärts geht. Keiner will weichen. In solcher Lage graben sich die Soldaten in die Erde ein. Von der belgischen Küste bis zu den Alpen ist heute quer durch Nordfrankreich ein Netz von Wehr- und Laufgräben gezogen, in denen die Soldaten aus sicheren Deckungen einander beschiessen.“

„Und wenn es nie mehr vorwärts geht? Wird dann gekämpft, bis der letzte Soldat in seinem Versteck getötet ist? Dann dauert dieser Krieg hundert Jahre —“

„Mädel —“ erschrak der Vater. „Wie schwarz du immer siehst – aber mir gefällt dieses Erstarren der Front im Westen auch nicht – das deutet auf einen längeren Kampf, als wir erwartet haben —“

Nun war Weihnachten da. Und wenn sie Bruder Kurt nicht im Felde gewusst hätten, wäre es ein unbekümmert seliges Fest wie immer gewesen. Denn rundum erfüllte seit Wochen wieder Friedensstille das Land. Der Landsturm, die ostpreussische Grenzwacht, stand viele Kilometer weit auf russischem Gebiet.

Der Lichterbaum erglänzte, die schönen, heiligen Lieder erklangen, und als der Vater die Weihnachtsgeschichte vorlas, da hatte diesmal das „Friede auf Erden“ einen besonders beschwörenden und wiederum auch sehnsüchtigen Klang.

Annke nahm das Babybrüderchen auf den Arm und hielt es in den Kerzenglanz des buntbeflitterten, silberglitzernden Weihnachtsbaumes.

Da lächelte das Brüderchen zum erstenmal in seinem Leben. Ein so von allen Sorgen und Nöten der Welt unbekümmertes Lächeln —

Die Mutter rief an den Gabentisch. Für die Jungens war natürlich ein ganzes Bataillon Bleisoldaten aufmarschiert mit einem richtigen Hindenburg als Anführer.

Auch Kosaken hatten sie. Und Annke musste wieder an das Lächeln des einen, der zum Schulfenster fragend hereinschaute, denken. Wo mag der jetzt auf seinem kleinen Schimmel dahinrasen oder ruhen – in einem Massengrab?

Annke bekam Andersens Märchen und eine Sparbüchse. Sie schüttelte sie – ja, es war Geld darin.

„Eine Mark!“ flüsterte der Vater ihr ins Ohr.

Soviel hatte Annke noch nie zu eigen besessen, und sie war sehr glücklich.

„Unser Geizkragen hat ’ne Sparbüchse gekriegt,“ höhnte ihr siebenjähriger Bruder Herbert. Bernhard und der neunjährige Adolf stimmten zu: „Nun wird sie sich nie mehr auch nur für ein Dittchen Bonbons kaufen —“

„Pfui – ich gebe euch immer ab, wenn ich was hab’.“

Der Vater drohte gutmütig.

„Annke ist nicht geizig, nur sparsam, sie wird eine gute Hausfrau werden,“ lobte die Mutter und strich sich über ihren Scheitel. Ein wenig abgespannt, denn solche Weihnachtsvorbereitungen auf dem Dorfe, wo nicht alles aus dem nächsten Laden um die Ecke herbeigeholt werden kann, waren nicht einfach. Aber Annke hatte ihr tapfer geholfen.

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Herbert öffnete und wich zurück. Ein fast zwei Meter grosser Greis mit einem langen weissen Bart in einer seltsamen Kutte stand vor ihnen.

„Der Weihnachtsmann —“ schrie Adolf auf.

„Keine Angst – nein, nein, – nur gutt – bin immer auf Strasse – aus Russland – weit, immer noch böser Krieg – wird lange, lange dauern – Menschen zu voll Hass – keine Liebe in Welt – ich aber liebe euch —“

Der Vater geleitete ihn herein. Die Mutter brachte ihm ein Stück Karpfen und Kartoffeln.

Der Alte lächelte, die Gabel reichte er der Mutter zurück und holte einen Holzlöffel aus der Tasche. Dann bekreuzigte er sich und ass.

Als er mit dem Essen fertig war, segnete er die Kinder und sagte zum Vater: „Christus – zu lange fort – heute – Friede auf Erden – und was ist? Wo ist Friede?“

Als Annke endlich in dieser heiligen Nacht einschlief, erschien ihr der alte russische Pilger noch im Traum und sagte zu dem lächelnden Kosaken:

Wo ist Friede?

Die Russen kommen

Die Winterschlacht in Masuren war gewonnen. Noch einmal sind die Russen in Südostpreussen eingebrochen und haben abermals zerstört, was sich seit dem Augusteinfall langsam im Wiederaufbau befand. Wieder wurden Tausende verschleppt, waren Hunderttausende auf der Flucht.

Doch Hindenburg schlug den Feind zum zweiten Male entscheidend. In Gewaltmärschen führte er quer über die gefrorenen Seen und durch die tiefverschneiten Wälder Ostpreussens seine tapferen Divisionen an den Feind heran und begann mit dieser achttägigen Februarschlacht, in der wieder mehr als hunderttausend Gefangene entwaffnet wurden, den grossen Siegeszug von 1915 nach Polen.

An der Nordostgrenze, von Memel bis Schirwindt, hielten indes eine alte brave Landsturmdivision und ein Regiment Badenser Dragoner die Wacht. Seit den Augusttagen hatte der Russe hier noch nie einen ernsthaften Versuch unternommen, vorzudringen. Gewiss gehörte es zum täglichen Geschäft, Schüsse dann und wann hinüber und herüber zu wechseln. Von Zeit zu Zeit wurde das Feuer, besonders um das schon arg zerschossene Garsden, auch heftiger. Und manchmal verstummte dann ein braver Landwehrmann, der gerade sein Pfeifchen anzündete und an seine Kinder daheim dachte, ob sie auch alle gesund wären und sich auf seine Heimkehr freuten – da war es plötzlich vorbei …

Ein Kamerad hob das noch brennende Pfeifchen auf, schüttete es traurig vor sich hinsinnend aus und schickte es mit ein paar tröstenden Zeilen denen, die ihn nie mehr erwarten durften. Ein Holzkreuz über einem stillen Grab, das neben vielen anderen in einer weltverlorenen Lichtung am Waldrande sich hügelt, trägt den Namen eines unbekannten stillen Helden.

Die badischen Dragoner hatten seit Wochen keine Verwundeten mehr. Die Kosaken zeigten sich kaum, die deutschen Batterien schossen zu gut. So waren den braven Badensern die täglichen Patrouillenritte fast ein Vergnügen.

„Das ist ja schon langweilig,“ meinte so mancher. „Hier kriegt man höschtens ein Eischernes Kreuz im Rücken vor lauter Einfrieren auf dem Sattel —“

„Bei uns daheim isch jetzt schon der Frühling do —“

Drei Dragoner, ein Unteroffizier und zwei Mann, ritten wie immer die Strasse von Rosillen nach Garsden entlang, sie wussten ihre alltägliche Meldung voraus: „Alles beim alten.“ Die breite Landstrasse lag im sonnenblitzenden Schnee, als sie plötzlich ein Surren in der Luft hörten, und von russischer Seite näherte sich ein immer grösser werdender Punkt.

Feindlicher Flieger!

In dem gleichen Augenblick Pfiffen Gewehrkugeln vom Waldrande her – das Pferd des Unteroffiziers, in der Flanke getroffen, brach zusammen. Verstreute Landwehrleute kamen querfeldein gelaufen – zurück, zurück! Sie kommen mit zehnfacher Übermacht. Garsden ist von den Russen genommen. Sie marschieren auf Memel.

Die Kanonen begannen zu wüten. Ein Gewitter von Granaten, Maschinengewehren und Flintenkugeln, von Handgranaten und Minen erhob sich – alles vergebens – die Deutschen waren zu schwach, sie mussten zurück.

Die Dragonerpatrouille machte kehrt, meldete dem Rittmeister das eben Geschehene, der wusste es bereits vom Divisionsstab, und im nächsten Augenblick rasten die drei deutschen Reiter schon mit einer neuen Meldung durch Rosillen ins Hinterland, um Verstärkung zu holen. Am Abend des 17. März standen die Russen vor Memel.

„Diesmal wird es bös, Vater. Gutsbesitzer Reinhold ist schon fort, hättest ihnen ein gutes Wort geben sollen, wir wären auch noch auf einem der Leiterwagen mitgekommen.“ Ein heftiger Knall neben dem Schulhaus. Im Birkenwäldchen drüben war eine deutsche Batterie aufgefahren und schoss.

Das kleine Brüderchen begann zu weinen, Annke tröstete es, ihre Stimme zitterte vor Angst. Die drei Jungens wollten zu den Soldaten hinaus, der Vater verbot es ihnen. Doch wenigstens am Fenster durften sie stehen, dessen Scheiben bei jedem Abschuss klirrten, und in der Nachmittagsdämmerung sehen, wie die Schüsse aufblitzten.

„Die Granaten fliegen im Bogen über unser Dach, zehn Kilometer weit.“

Wumm – tüü – krachte das Geschütz los und die Granate pfiff dahin.

„Sie werden es schon schaffen,“ sagte zuversichtlich der Vater. Es klopfte. „Herein – ah, der Herr Pfarrer.“

„Alles ist ausgerissen, mein lieber Herr Hennig.“

„Diese Kleingläubigen. Hindenburg wird die Russen auch hier heraustreiben.“

„Wenn er nicht genug noch an der Südgrenze unserer Heimat zu schaffen hat – hören Sie nur, wie das Vieh in den Ställen brüllt.“

„Sind alle ausgerissen, wie sie gingen und standen?“

„Ja, wie sie gingen und standen. Die Russen! Die Russen! Nun—“ der Pfarrer strich seinen langen weissen Bart und schaute durch seine Brille in weite Ferne, „es steht nicht besonders um uns – ich sprach vorhin mit dem Artillerieleutnant, der da im Birkenwäldchen noch schiessen lässt – er fürchtet, sie werden zurückgehen müssen, bald – da —“

Alles schrie auf und sah sich erschreckt an.

„Das Schusterhaus – das Schusterhaus brennt – eine russische Granate.“

Die letzten, die noch sich in den verödeten Wohnungen versteckt hielten, liefen aufgelöst die Dorfstrasse entlang – ohne Gruss standen sie in der Tür.

„Herr Pfarrer, Herr Hauptlehrer – fort, fort!“

„Zu Fuss in die Nacht? Alles im Stiche lassen? Geht das Vieh füttern – verliert nicht den Kopf – wir stehen in Gottes Hand,“ sagte der Pfarrer.

„Wir bleiben,“ entschied auch der Hauptlehrer.

„Und wenn – sie – kommen?“

„Wir wehrlose Menschen. Wir werden für den Feind tun, was wir können. Zu essen sollen sie haben und ein Dach über dem Kopf. Was sollen sie uns dann antun?“

„Na ja, is man jutt, Herr Präzentor (Bezeichnung für Hauptlehrer im Memelland). Dann wollen wir mal nach dem Vieh sehen.“

Die deutsche Batterie schoss bis in die Nacht hinein. Keine russische Granate liess sich mehr in Rosillen nieder.

„Morgen pfeifen wieder nur ein paar Gewehrkugeln – schlaf nur, Annke, schlaf,“ streichelte der Vater das von den plötzlichen Kriegsereignissen erschütterte Mädchen.

Doch Annke schlief die ganze Nacht nur halb. Immer wieder erschienen ihr die drei Kosaken vom Kriegsanfang auf der Wiese, der lächelnde Russe am Fenster, der fromme Pilger am Weihnachtsabend – endlich schlief sie fest und wie tot.

Eine rauhe Hand griff in ihren Schlaf.

Annke fuhr auf.

Kein Schrei kam aus der Kehle.

Ein russischer Soldat. Seine breitrandige Tellermütze über die wirren schwarzen Locken gestülpt. Betrunken.

„Marsch – raus – ich – schlaf.“

Annke sprang aus ihrem Bett, nahm ihre Kleider und flitzte hinaus.

„Ein Russe – ein Russe!“

Da standen auch schon russische Soldaten mit Bajonetten vor dem Vater.

„Wo ist die Kasse vergraben?“ fragte einer, der Deutsch zu sprechen verstand.

Der Vater zuckte die Achseln.

Die Mutter flüsterte Annke zu, sie hätten den Vater mit dem Spaten aus dem Garten kommen sehen, wo er tatsächlich die Kirchenkasse vergraben hat.

Annke schaute in den Garten hinaus. Da trampelten zwanzig bis dreissig Mann kreuz und quer über den Beeten herum.

„Uurra!“ schrie jetzt einer.

Sie hatten die Kasse gefunden.

Alle, bis auf einen, der in Annkes Bett seinen Rausch ausschlief, waren mit dem Geld im Nu verschwunden. Im Wirtshaus, wo nur noch ein lahmer alter Knecht zurückgeblieben war, lockten sie mit den gestohlenen Talern das letzte an Schnaps und Wein aus dem Keller.

Der Vater und der Pfarrer berieten, ob sie fliehen sollten. Die Jungens wurden nach einem Fuhrwerk ausgeschickt. Vorsichtig schlängelten sie sich zwischen den Trupps der meist betrunkenen russischen Soldaten hindurch. Adolf erhielt einmal einen Fusstritt, dass er lang hinfiel und sein Knie aufschlug.

„Pst – nichts sagen – nicht reizen,“ ermahnte ihn der ganz kleinlaut gewordene Bernhard, da ihn, der schon ziemlich gross und kräftig aussah, die Soldaten besonders argwöhnisch musterten.

Sie gingen von Haus zu Haus. Nirgendwo auch nur ein Handwagen.

Als die drei Jungens, am Dorfrand auf einem Geländer des Abflussgrabens hockend, sich ausruhten, sahen sie plötzlich einen Wagen die Strasse von Memel im Galopp herkommen.

Hei – das war doch —? So knallte doch nur eine mit der Peitsche:

„Grossmutter!“

„Ja, Jungens, was moakt ihr denn hier?“

„Aber Grossmutter – es ist doch Krieg – die Russen sind drin.“

„Auch bei euch? —Ich dachte, hier sind sie noch nicht – na so etwas —“

„Wir wollen alle fort – wart mit dem Wagen hier. – Ja, wen hast du denn da mit?“

„Zwei aus unserem Dorf, Frau Domscheit und Frau Blieskat, die wollten bloss nach ihrem Vieh sehen, das sie beim Plimbeitis in Pflege haben.“

„O Gott, o Gott – überall diese Russkis – haben sicher schon alles fortgetrieben?“

„Vorläufig sind sie nur betrunken – also wart hier, Grossmutter.“

Bernhard, Adolf und Herbert liefen ins Schulhaus zurück: „Die Grossmutter ist mit dem Wagen da – packen, packen.“

Das liess sich keiner zweimal sagen. Annke raste treppauf, treppab, holte ihre kleinen Habseligkeiten zusammen, vor allem Andersens Märchen, ihr Lieblingsbuch, und eine kleine, kaum fingergrosse Puppe, für die sie schon mindestens dreissig Kleidchen mit zierlichsten Borten genäht und gestickt hatte. Dann half sie der Mutter und der jungen Magd, die aus der Goldaper Gegend stammte und immerfort weinte: „Ich will nach Haus,“ die Kleider in einen Bettbezug stopfen, raffte etwas Butter, Wurst und Brot in einem Bündel zusammen, stopfte in den grossen Koffer Vaters Pelz.

„Los, los, los!“ Der Vater, die Jungens standen fix und fertig da. „Hol Pfarrers, Herbert – hintenherum gehen wir über die Rodelbahn an der Pumpe und der Dorflinde vorbei.“

Sie schlichen davon.

Auf der Hauptstrasse des Dorfes sah man in der Winterdämmerung die torkelnden johlenden Gestalten. Manchmal ganz nah die gutmütig klingende Stimme eines siegesfrohen Russen.

Dass sich Menschen einander so viel Leid zufügen, dachte Annke.

Da war schon die Dorflinde. Hier hatten sie so manchen Abend, alle Kinder aus dem Dorf und einige Mägde dazu, gesessen und friedliche fröhliche Lieder gesungen, und haben getanzt und gespielt.

Vorbei – Für immer?

Ist die Jugend aus?

„Wo ist denn der Wagen?“ fragte der Vater.

„Da stand er doch?“

„Grossmutter – Grossmutter!“

„Dort – Vater.“

Auf dem Kutschbock sass ein Russe und kitzelte Grossmutter übermütig mit der Peitsche. Ein anderer wollte sie umarmen. Da holte die Grossmutter aus.

„Oh – das sitzt!“ schrie Bernhard in Erinnerung an manche Tachtel, die er bei Besuchen auf Grossmutters Gütchen bekam.

Alle mussten lachen, denn in dem Augenblick klatschte es wirklich. Der Russe liess ab und sah sie voller Respekt an.

Der Vater trat herzu: „Das ist meine Mutter!“

Doch der Wagen wurde von den Russen beschlagnahmt. Eine Flucht schien nun unmöglich.

Annke schlief diese Nacht auf dem Sofa. In ihr Bett, das der unheimliche Russe mit seinen Stiefeln beschmutzt hatte und das nach Schnaps und Tabak widerlich roch, wollte sie sich nicht mehr legen. Sie schlummerte gleich ein und hatte keinen Traum. Zu verworren und wildbewegt war dieser Tag dahingegangen, das Herz hatten tausend Ängste gejagt, bis es gleichgültig im ewigen Takt weiterschlug: Lebst du noch? Lebst du – noch?

Die Patrouille

Der Leutnant kommandierte leise: „Kompanie halt! – Gewehr zusammensetzen! Freiwillige vor!“

Zwölf Mann meldeten sich. Sechs wählte der Leutnant und schritt vorsichtig auf das Dorf zu.

Als die sieben Deutschen, von keinem Baum oder Strauch geschützt, eine weite Wiese überschreiten mussten, befahl der Leutnant: „Kriechen!“ Und einer hinter dem andern wand sich nun, mit Gewehr und Tornister bepackt, durch den Schnee.

Der Leutnant stockte, richtete sich vorsichtig auf und hielt mit seinem Fernglas Umschau: kein Russe weit und breit.

Jetzt war die Patrouille, alle sieben schüttelten den Schnee von Brust und Knien, aus den Taschen und Schlitzen, am ersten Haus von Rosillen. Der Leutnant klopfte leise ans Fenster, die Frau Pfarrer öffnete.

Als sie die deutschen Uniformen und die anheimelnden, rotgefrorenen Gesichter sah, strahlte sie:

„Seit gestern sind die Russen fort! Jenseits der grossen Landstrasse nach Memel. Christian – mach dir ein anderes Konzept für deine Sonntagspredigt. Die Unseren sind wieder da!“

Die Frau Pfarrer eilte in die Küche und befahl den beiden Mädchen, von den Resten der Speisekammer, die die Russen noch übrig gelassen hatten, das Beste für die so frohe Kunde durch ihr blosses Dasein bringende Patrouille zu bereiten. „Ruft die Soldaten draussen alle herein!“

Als sie mit Speise und Trank in das Wohnzimmer zurückkehrte, sah sie, dass die beiden Gesichter des Leutnants und des Pfarrers ernst vor sich hin blickten.

„Du freust dich nicht, Christian?“

„Die Russen haben sich nur zurückgezogen, um einen Generalangriff auf der ganzen Linie vorzubereiten. Sie wollen die grosse Chaussee drüben und damit alle Zufahrtswege nach Memel in die Hand bekommen.“

„Ja – dann —“

„Du denkst, sofort fliehen? Das ist bei den weittragenden Geschützen heute ein schwieriges Unternehmen, meint der Leutnant. Wir kämen wahrscheinlich in die Schlacht mitten hinein. Trotzdem, Herr Leutnant, wollen wir es versuchen. Wir sind im wesentlichen nur noch die Familie des Hauptlehrers und wir hier im Dorf – vielleicht noch ein paar andere, die sich ängstlich versteckt halten – jedenfalls füttern der Hauptlehrer und ich dauernd das zurückgelassene Vieh – wer weiss, ob es Zweck hat?“

Der Leutnant sagte, man sollte doch mit der Flucht abwarten. Wenn heute abend oder morgen früh die Landstrasse in deutschen Händen ist, dann wäre die Flucht überflüssig, ist sie von russischen Truppen überflutet, so wären die Fliehenden schnell von der flinken Kavallerie erreicht – und was dann geschieht, hängt von der Gnade des Siegers ab, der nicht immer von Barmherzigkeit erfüllt ist. Doch, Herr Pfarrer, ich muss weiter vor – bis —“

„Bis Sie Feuer bekommen?“

Der Leutnant schwieg.

„Das ist ja furchtbar, dieser Auftrag,“ rief die Frau Pfarrer. Sie reichte dem jungen blonden Leutnant, der noch keine zwanzig Jahre zählte, ein Glas Wein und streichelte ihn.

Bernhard, Adolf und Herbert waren auf das Dach des Schulhauses geklettert, um das Vorgehen der Patrouille zu beobachten. Der Pfarrer eilte sofort nach deren Abmarsch ins Schulhaus hinüber, um sich mit dem Vater zu beraten.

Die Patrouille schlich an der hohen Tannenhecke, die den Kirchhof einrahmte, vor, warf sich dann wieder in den Schnee und kroch, eine schwarzgraue Schlange, den Graben entlang.

„Jetzt sind sie nur noch fünfzig Schritt von der Landstrasse,“ flüsterte Bernhard erregt.

„Da – der Leutnant!“ rief Herbert.

„Er hält mit dem Fernglas Umschau.“

Tak – tak – tak – tak —

„Ein Maschinengewehr! Aus dem Tannenwäldchen jenseits der Landstrasse.“

Jetzt auch Gewehrgeknatter.

„Sie kriechen zurück – zwei bleiben liegen.“

Ein Sausen durch die Luft – ein Krach – eine Fontäne aus Eisensplittern und Erdstücken spritzt mitten in der weissen Wiese auf: Granate! Noch eine! Noch eine!

„Sie laufen zurück – da hinten aus dem Tannenwäldchen – Russen – so viele!“

Hinter der Tannenhecke halten ächzend drei von den sieben an, um sich zu verschaufen.

„Der Leutnant – Kopfschuss,“ sagte der eine und wischte sich mit der erfrorenen Hand den Schweiss von der Stirn.

„Das Wäldchen ist dick voll mit Russen, wir müssen es melden. Das wird schlimm.“

Am anderen Morgen, dem Märzsonntag, an dem der Frühling begann und sonst die jungen Mädchen an den eiszersprengenden Bach gingen und sich schön wuschen, da zogen in dicken schwarzen Kolonnen strassauf, strassab, zehntausende Russen, Infanterie, Artillerie und Reiterei.

Und nun erfüllte sich auch Annkes Schicksal.

Durch Nacht und Schnee ins Ungewisse

Die Schlacht war im Gange.

Rosillen wurde Quartierort der Russen. Schon am Sonnabend nachmittags waren alle zurückgebliebenen Bewohner auf die Strasse getrieben worden: „Marsch, nach Tilsit!“

Doch als der Zug der Flüchtlinge auf der Landstrasse sich mühsam hindurchwand, die Grossmutter kutschierte den Wagen, der alle Frauen trug, Mutter das kleine schreiende Brüderchen im Arm, das Annke, die neben ihr sass, tröstend streichelte, hiess es plötzlich: Halt!

Ein russischer Offizier ritt herzu und gab dem Pfarrer in gebrochenem Deutsch zu verstehen, dass zwei russische Divisionen im Anmarsch auf der Chaussee seien – ein Durchkommen der Flüchtlinge sei unmöglich.

Dann befahl er – Annke und die Mutter schrien auf, als sie sahen, was nun geschah – den Pfarrer, den Vater, einen achtzig Jahre alten Knecht und den fünfzehnjährigen Bernhard in Haft zu nehmen. Der Wagen mit den Frauen wurde von zwei Infanteristen auf den Weg ins Dorf zurückgeschoben, obwohl die Grossmutter kein Blatt vor den Mund nahm und über die „verdammte Schweinerei und Gemeinheit“ so schimpfte, dass einer der russischen Soldaten ihr das Bajonett vor die Brust hielt.

Annke schluchzte vor sich hin: Väterchen. Herbert und Adolf liefen wie zwei Hündchen neben dem Wagen her, der wieder ins Dorf einfuhr, während die vier gefangenen Männer im Gewühl der Soldaten verschwanden.

„Sie werden sie erschiessen,“ flüsterte Annke.

„Quatsch keinen Kohl! Die glauben doch auch an einen Gott – wir haben nichts getan,“ fuhr die Grossmutter drein.

Als die Frauen und Kinder alle im Schulhaus zusammensassen, ratlos, trostleer, ohne Hoffnung – und draussen dröhnten die Kanonen, erscholl das ewige Gekläffe der Gewehrschüsse, das Getacke der Maschinengewehre in die mit leisem Schnee so friedlich sich niedersenkende Märznacht, als selbst die Grossmutter den Kopf hängen liess und schwieg, da – sprang die Tür weit auf:

Bernhard – der Vater – der Pfarrer der Alte – alle waren wieder da!

„Man hat uns bloss ausgehorcht!“ schrie Bernhard. „Wir haben aber nichts verraten!“

„Weil wir ja gar nichts wissen,“ sagte der Pfarrer.

„Doch wer weiss, was noch geschieht?“ seufzte Vater.

„Jau, jau – dänn man tau,“ nickte der alte Knecht vor sich hin.“

Alles lachte! —

Vierundzwanzig Stunden später, als der Geschützdonner immer näher kam und schon deutsche Granaten in das Dorf einschlugen, als die „russische Dampfwalze“ sich wieder rückwärts bewegen musste, und die gestern noch mit siegesgewissen Mienen vorwärts rasenden wilden Reiter heute mit bangen Gesichtern durchs Dorf zur Grenze galoppierten, da riss die Kriegswoge dies Häuflein im Grenzdorf mutig ausharrender Deutscher noch mit sich in den brandenden Strudel.

Plötzlich zerklirrte eine Fensterscheibe. Noch eine.

„Sie schiessen aus purem Übermut in unsere Fenster,“ sagte der Vater.

„Aus Wut, dass sie besiegt werden,“ Bernhard ballte die Fäuste.

„Alle in den Keller!“

Nun hockten die Gehetzten und Hungernden Stunde um Stunde, während zu ihren Häupten dauernd Marschtritte erschollen, dann und wann Schüsse krachten, in dem düsteren kalten Raum.

„Äpfel?“ schrie Adolf.

„Ach, das Schüttelobst,“ sagte der Vater. „Verteil mal – alles hat Hunger.“

„Wir essen Ihre schönen Äpfel, Herr Hennig, es ist aber alles andere als ein paradiesischer Zustand,“ lächelte der Pfarrer. „Wollen wir eine Zigarre rauchen?“

Die Herren zündeten sich die Zigarren an. Gespenstisch leuchteten die Gesichter der Zusammengedrängten auf.

„Jau, jau – dänn man tau,“ meldete sich der Alte.

„Ach so.“ Der Pfarrer reichte ihm auch eine Zigarre hinüber.

„Ich glaube, jetzt können wir wieder nach oben. Die Aasbande ist weg,“ sagte die Grossmutter.

Der Vater und der Pfarrer gingen voran. Sie traten ins Wohnzimmer. Welch Durcheinander! Der Spiegel zerschlagen, das Sofa mit einem Säbelhieb zerschnitten, Tisch, Stühle und Teppich beschmutzt.

Drei russische Unteroffiziere sassen in dem verwüsteten Zimmer herum. Einer zündete gerade die Lampe an. Sie riefen sich unverständliche Worte zu —

Wenige Minuten später hatten sie ihre Soldaten in den Keller heruntergeschickt, die mit Püffen und Kolbenstössen die Armen vor sich her trieben.

Ein russischer Offizier erschien – gab Befehle.

„In einer Viertelstunde – fort – da – mitgehen.“

Er wies auf einen Unteroffizier und vier Mann, die den Pfarrer, der auf den Offizier einreden wollte, mit harten Fäusten festhielten.

Der Offizier lächelte, zuckte die Achseln – eine Granate schlug in der Nähe ein – da eilte er hinaus.

Als die Jungens Grossmutters Wagen, den die Russen bei ihrer Flucht aus dem Dorf vor einigen Tagen stehen gelassen hatten, anspannten und die Grossmutter auf den Kutschbock kletterte, da schüttelten die Russen die Köpfe und zeigten grinsend auf ihre Füsse, ahmten ein kindisches Laufen nach – das hiess also: zu Fuss.

Durch Nacht und Schnee —

Da zogen sie hin.

Der Pfarrer, der Vater, die Grossmutter und der Alte voran.

Dann die Mutter mit dem Brüderchen, das sie, nur in ein Tuch gebunden, im Arm trug. Neben ihr Annke, Adolf und Herbert.

Bernhard mürrisch und wütend hinterdrein.

Dann die Frau Pfarrer mit der Frau Domscheit und der Frau Blieskat, die auch nicht mehr in ihr Heimatdorf zurück durften, ein jeder trug ein Bündel mit eiligst zusammengerafften Sachen, zum Schluss am ärgsten bepackt die Mägde.

Annke Hennig trug auch einen Rucksack voll in der Hast wahllos zusammengesuchter Dinge. Wichtiges war vergessen, Unwichtiges in der Aufregung mitgenommen. Als sie das Brot aus der Speisekammer holen wollte, war es von den Russen schon gestohlen. Milch für das Kleine …?

Auf der Landstrasse währte der Weg zur Grenze in friedlichen Tagen eine Stunde. Doch die Russen schüttelten die Köpfe, als der Vater ihnen den geraden Weg nach Garsden, der russischen Grenzstation, wies. Statt nach Osten, führten die Soldaten sie kreuz und quer über verschneite Felder und Sturzäcker, über Gräben und Hügel gen Norden. Denn immer näher kam das deutsche Gewehrfeuer, in wenigen Stunden mussten die braven Landstürmer von Tilsit her wieder in Rosillen sein.

Mächtige Feuerscheine brennender Scheunen und Gehöfte erfüllten die schwarze Nacht. Der Schnee glitzerte golden darin. „Vielleicht steht auch unser Schulhaus schon in Flammen,“ sagte der Vater. Dann wandte er sich abermals an den Unteroffizier und wies nach Osten. Doch die Russen liefen weiter mit ihnen querfeldein. Das Brüderchen schrie, die Mutter stöhnte unter seiner Last, und die Grossmutter fluchte auf die Soldaten, was das Zeug hielt.

Als ihr einer mit dem Säbel drohte, da sagte sie zum Vater: „Hau ihm eins in die freche Schnauze!“

Plötzlich ein rasendes Pferdegetrappel. Russische Kavallerie im Galopp zurück – schon vorbei!

Versprengte Trupps Infanterie tauchten da und dort auf. Riefen den Begleitsoldaten der Verschleppten ängstlich etwas zu. Darauf trieben sie die müde und erfroren Dahinwankenden zur Eile an.

Immer weiter dahin – dorthin. „Ach Gott,“ sagte der Pfarrer, „hier ist ja erst Grambowischken, wir sind im Kreise herumgelaufen.“

Zum Schluss sprach keiner mehr ein Wort.

Annke rieb die Hände. Sie waren ohne Gefühl. Ihre Füsse stapften seltsam hohl und wie Fremdkörper an ihr hängend dahin. Der Rucksack drückte nicht mehr. Die Tränen, die Worte, alle menschlichen Regungen waren versiegt. Nur das Herz klopfte wild und hart gegen die kleine Brust.

Endlich matt erleuchtete Hütten – das da drüben war Garsden – und hier die Ruinen, durch die die hoffnungslose Schar jetzt schritt, war Laugallen, der deutsche Grenzort.

Lieb Heimatland ade – — —

Aber noch immer hofften die Männer, dass irgendwo plötzlich deutsche Reiter auftauchen und sie in die Heimat zurückführen werden.

Der Schnee sank in dicken Flocken. Eisiger Nordwind. Kein Stern am Himmel. Kanonengedröhne. Gewehrgeknatter. Und als wäre die Erde am Tage des jüngsten Gerichtes aufgebrochen, flackerten die Feuerscheine. Ganze Dörfer brannten.

In den Gefängnissen von Schaulen und Wilna

Die Verschleppten hatten die russische Grenzstation kaum erreicht, als sie, soeben in einem verlassenen, halb zerschossenen Bauernhaus untergebracht, weiter mussten. Mehrere Trupps von Leidensgefährten aus anderen Dörfern der Memeler Niederung waren ihnen zugesellt worden. Einer erzählte: „Die Deutschen wollen bei Laugallen heute nacht die Russen umfassen. Morgen sind wir frei.“

Heftiges Gewehrfeuer erfüllte die Nacht. Aufgeregte Kommandos erklangen. Vielleicht vergass man die Verschleppten über Wichtigerem: der Rettung des nackten Lebens durch die Flucht. Doch das Gewehrfeuer näherte sich nicht. Und nach kaum zwei Stunden – es war halb eins, Kinder und Frauen lagerten auf dem kalten Fussboden – da weckten Fusstritte die Schlummernden.

Annke erkannte wieder die ganze hoffnungsleere Not und weltverlorene Verlassenheit ihrer Lage, – der Vater hob sie auf, nahm der stumm Tränen weinenden Mutter das Baby ab und – die auf fast hundert Menschen angewachsene Schar wankte weiter. Nach Russland hinein.

Alle Viertelstunden rasten die Strasse mit wildem Getöse ratternde Munitionskolonnen entlang— immer zurück – jetzt auch die Geschützbatterien – Kosaken!

Die Verschleppten hofften jedesmal, wenn sie in den Strassengraben zur Seite springen mussten: der nächste Trupp sind die kecken badischen Dragoner!

Doch immer Russen. Russen. Fliehende. Fluchende. Aber noch nicht Geschlagene.

Halt!

Ein neues Dorf. Wieder keine Rast.

Aber schwarze, grobgezimmerte Schlitten mit drei wild in die Zügel beissenden Kosakenpferden davor warteten auf die Gefangenen und trugen sie davon.

„Nun ist es aus,“ sagte der Pfarrer. „Gott schütze uns.“ Seine Frau lag schlafend oder ohnmächtig, wer wusste das, in seinem Arm.

Annke konnte nicht schlafen —

Russland – ihr kindliches Interesse war erwacht. O wenn das doch eine friedliche, freie Fahrt wäre! Es hatte zu schneien aufgehört, der Mond erschien gross und weithin leuchtend am Himmel. Die Feuerscheine der Front verblassten. Tiefe Stille erfüllte die weite, weisse Ebene.

Als kein Schuss mehr auch nur ganz dünn die Nachteinsamkeit zerriss, als russische Soldaten schon wieder in geordnetem Schritt und Tritt vorwärts auf die Grenze zu an ihnen vorbeimarschierten, da hielten die Schlitten in einem grossen Dorfe, und in zwei Stuben eines Bauernhauses wurden die Verschleppten hineingestopft.

Von den beschneiten Schuhen wurde der Fussboden sofort völlig nass. Die Kinder fielen um vor Müdigkeit. Die Mütter und Frauen lehnten an der Wand. Als der Vater die Nässe sah, in die sich seine Kleinen gebettet, da hob er die Fensterläden aus und legte sie auf den Fussboden – die Kinder darauf.

Annke streichelte ihn – doch da sanken schon ihre Lider.

Eines Abends – Annke wusste nicht mehr, wie lange dieser Weg durch endlosen Schnee und endlose Qual währte, – kamen sie in Schaulen an. Den ganzen Tag hatten sie wieder nichts zu essen bekommen. Früh morgens wurde für alle ein Eimer kaltes Wasser zum Waschen und Trinken hineingestellt. Keiner wusch sich. Alle tranken gierig. Die Kinder tauchten unterwegs die Finger in den Schnee, wenn sie auf den niedrigen Schlitten einen Hang entlang fuhren – die Sonne leuchtete aus blauem Himmel über die Schneeweite dahin, aber keine Freude wollte aufkommen – irgendwo lud man die armselige Schar dann wieder in Viehwagen und, als die Nacht herabsank, kamen sie auf dem Bahnhof in Schaulen an.

Hier wurden sie von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett in Empfang genommen, unter den Blicken der hier einquartierten Soldaten und der scheu und freudlos dreinschauenden litauischen, vielfach jüdischen Bevölkerung ging es die fahl erleuchteten, schmutzigen Strassen des nur aus Mietskasernen und armseligen Hütten zusammengewürfelten, nicht Stadt noch Dorf zu nennenden Ortes zum – Gefängnis.

Annke wies Bernhard auf die Drahtscheren, die den russischen Soldaten am Koppel neben dem Seitengewehr hingen. Sie hatte keine Ahnung, dass man in diesem Kriege sich mit Drahtverhauen verschanzte und die Scheren brauchte, um beim Angriff Breschen zu schlagen. Der Soldat, der neben den Kindern schritt, sah ihre Blicke:

„Damit – alle Germanski – Männer – Kopf – abschneiden,“ sagte er mit bissigem Lächeln.

„Wie ein Wolf,“ flüsterte Herbert.

Annke lief zum Vater und nahm seine Hand. Sie durften ihn nicht töten!

Als sie im Gefängnis eingeliefert waren, gab es auf Bitten um warmes Essen, – o wenigstens etwas heissen Tee! – nur ein Kopfschütteln.

„Schon zu – Kuche!“ sagte einer der Soldaten. „Nitschewo —“

Das Brüderchen schrie wie wild. Die Mutter weinte.

Da nahm es eine junge Frau von den in Garsden Hinzugekommenen an ihre Brust und gab ihm zu trinken. Sie hatte selbst ein kleines strammes Bübchen – „doch es reicht auch für zwei!“ lächelte sie.

Annke konnte nicht schlafen. Jeden Augenblick fürchtete sie, dass die Soldaten mit den Drahtscheren den Raum betreten würden —sie sah das Haupt des Vaters blutüberströmt – da schrie sie auf – der Vater eilte herzu!

„Was hast du denn?“

Annke erzählte von den grausigen Worten des Soldaten.

„Aber glaub doch so etwas nicht!“

Sieben Tage blieben sie im Gefängnis zu Schaulen. Einer verlief wie der andere. Und schon fanden sich die meisten mit dieser Lage ab. Es gab nun auch zu essen, warm und sogar reichlich. Jeder bekam täglich ein Pfund Schwarzbrot, dazu warmes Wasser. Tee?

„Tschai? Nitschewo – kaufen selber!“

Aber nach zwei Tagen schlich sich ein kleiner buckliger Jude in den Raum. Er wechselte den Männern das letzte deutsche Geld und brachte ihnen ein grosses Päckchen Tee. Für die Kinder hatte er auch mit einigen Tüten Bonbon sich vorgesorgt, die er ebenfalls verkaufte. Später brachte er noch der Mutter einen alten Rock, aus dem sie für das kleine Brüderchen ein wärmeres Gewand als es Windeln, Hemdchen und Tücher waren, nähte. Doch Brüderchen gedieh prächtig in aller Not, seit die junge Frau – aus Nimmersatt war sie, der nördlichsten Stadt Preussens – ihm immer mit zu trinken gab.

Jede Familie hatte schon ein Eckchen in dem grossen Gefängniskeller, und wenn die Sonne durch die Gitter hineinlachte, da stahl sich auch wieder ein Lächeln auf die Lippen der Verschleppten.

Mittags erhielten sie eine fleischlose ewigsaure Suppe mit Rüben. Annke brachte keinen Bissen herunter und ass mit Bonbons belegtes Brot, eine Erfindung der Hennigkinder.

Jeder zweite Tag war besonders festlich – da wurde nämlich geheizt, und Annke durfte ohne Mantel und Tuch dasitzen, brauchte nicht Dauerlauf zu machen oder die Hände in den Taschen zu vergraben, sondern konnte „Andersens Märchen“ aus dem Rucksack holen – natürlich waren gleich alle Kinder um sie herum – „Annke, lies vor! Von der Hirtin und dem Schornsteinfeger.“

Und Annke las die zierlichen zarten Nippesgeschichten des grossen dänischen Märchenträumers. Solch kindselige Dinge hatten diese Gefängniswände vor und nachher sicher nie gehört.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen —

Ein Offizier!

Annke liess das Buch fallen, zwei Soldaten, die hinter dem Offizier an der Tür Posten fassten, winkten: Aufstehen.

Der Offizier zählte:

Ras, dwa, trie, sterie, schess, szim, woszim – Er notierte die Zahl und ging wieder. Kaum war er hinaus, drückte sich der alte Jude herein.

„Mojen – nu wie geiht? Scheene Löffelchens, Töpfchens – oih – oih —!

Die Jungens liefen hinter ihm her und machten ihn nach. Alles wurde er los! Klagte über das wenige Geld, das man ihm gab, aber er nahm’s und lächelte immer: Auf Wiedersehen!

Doch als er eines Morgens wieder mit Teepäckchen, Fitzelbändchen, Taschentüchern und allerlei Gerät erschien – da war der Raum leer.

Die Verschleppten befanden sich auf dem Weg nach Wilna, wo sie abermals im Gefängnis an eine giftig dreinschauende Wärterin gerieten, die einen tiefen Hass auf alles Deutsche in sich trug, die Kinder puffte, die Mütter von den Vätern trennte, in verschiedenen Räumen unterbrachte und sie auch nicht auf dem Korridor zusammenkommen liess.

Nur vor der Grossmutter hatte sie Respekt. Als diese krank wurde, sie hatte sich etwas erkältet, und ihr befahl, ihren Sohn, Herrn Hennig, zu rufen, da holte die scheele Alte den Vater tatsächlich heran. Drei Tage hatte ihn die Familie nicht gesehen, und in Annkes angstvollem Hirn tauchte wieder die blutige Drahtschere auf —

Das waren drei furchtbare Tage. In dem Gefängnis herrschte unter allen Aufsehern ein höhnischer grausamer Geist. Das Essen wurde in einer grossen runden Wanne in die Mitte des Kerkers gestellt – zwei mit Ketten gefesselte Sträflinge trugen sie herein. Als einer einmal der Mutter, die das Brüderchen im Arm hielt, zulächelte, bekam er einen jähen Schlag mit einer in den Händen des Aufsehers gezückten Knute. Endlich hiess es auch hier hinaus und weiter —

Die vieltürmige Stadt, „das goldene Wilna“, mit dem stolzen Schlossberg wurde den leer und zerbrochen Dahinschreitenden nicht bewusst. Nach einer Stunde Marsch – halt auf dem Bahnhofsplatz.

Gefangene deutsche Soldaten standen hier. Als sie nur leise winkten, wurden sie von den russischen Wachtsoldaten beschimpft. Der Ton der Russen war gehässiger geworden; denn sie wurden abermals aus Ostpreussen hinausgetrieben.

Vier Stunden standen die Gefangenen im Regen. Wilnaer Bürger gingen ihre Reihen neugierig entlang.

Ein grosser stattlicher Herr im Pelz blieb vor der Mutter stehen, wies auf das Brüderchen und rief einen Offizier. Offensichtlich fragte er, was das Kind getan habe.

Der Vater erriet den Sinn der Worte und wies auf die Grossmutter.

Der Offizier zuckte die Achseln, knurrte etwas mürrisch vor sich hin und entfernte sich.

Der Herr mit dem Pelz fragte den Vater in deutscher Sprache: „Sie haben auf unsere Soldaten geschossen?“

„Wir? Bei Gott, das ist nicht wahr —

Der alte Herr schüttelte den Kopf, streichelte die Mutter und ging sinnend fort.

Voll Traurigkeit begann einer in dem Häuflein zu singen:

„Nach der Heimat möcht ich wieder —

nach – — —“

Eine Gruppe Kavalleristen löste sich aus der aufmarschierten russischen Schwadron und verwies ihn zur Ruhe.

Still, still – wir sind in ihrer Gewalt —

O Menschen, Menschen!

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Дата выхода на Литрес:
03 января 2026
Объем:
140 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711463727
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Bookwire
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