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Band 3
Alexander Röder
Der Sturz des
Verschwörers
KARL-MAY-VERLAG
BAMBERG • RADEBEUL
Herausgegeben von
Thomas Le Blanc und Bernhard Schmid
In der Reihe „Karl Mays Magischer Orient“ sind bisher erschienen:
Band 1 – Alexander Röder Im Banne des Mächtigen Band 2 – Alexander Röder Der Fluch des Skipetaren Band 3 – Alexander Röder Der Sturz des Verschwörers Band 4 – Alexander Röder Die Berge der Rache (Herbst 2017)
Thomas Le Blanc (Hrsg.) Auf phantastischen Pfaden Eine Anthologie mit den Figuren Karl Mays
Weitere Informationen zur Reihe „Karl Mays Magischer Orient“ finden Sie im Internet auf www.magischer-orient.karl-may.de
© 2017 Karl-May-Verlag, Bamberg
Alle Urheber- und Verlagsrechte vorbehalten
Illustration: Elif Siebenpfeiffer
Umschlaggestaltung: Petry & Schwamb, Freiburg
ISBN 978-3-7802-1403-4
www.karl-may.de
Inhalt
1 Unter dem Karaul
2 Der Flug des Burak
3 Zu Gast in Skutari
4 Nächtliche Visite
5 Die verborgene Botschaft
6 In die Berge
7 Das Haus der Hexe
8 Gelb und Rot
9 Gestalten im Nebel
10 Ein finsteres Quartier
11 Schwärze und Blei
12 Zähne in der Nacht
13 Kotor
14 Hasardeure und Spione
15 Unerhoffte Hilfe
16 Am Ufer des Drin
17 Unglaubliche Begegnungen
18 Wundersame Wege
19 Nebatja
20 Ein Höllenschlund
21 Im Reich des Schut
22 Felsen und Erz
23 Die Stadt in den Bergen
24 Die Stimme des Bösen
25 Die verborgene Schlucht
26 Die Zuflucht des Schut
27 Der Angriff
28 Eisen und Gold
29 Das letzte Gefecht
30 Die Strafe des Schut
Erstes Kapitel Unter dem Karaul
Ich ritt mit meinem Gefährten Hadschi Halef Omar in hartem Galopp durch das Land der Skipetaren. Wir verfolgten die Hexe Qendressa, die unseren Freund Abdi entführt hatte – um ihn zu unserem alten Feind, dem Schut, zu bringen. Denn nur Abdi kannte das Geheimnis des Zauberkrauts, mit dem der Schut – den wir tot geglaubt hatten – seine schweren Verletzungen heilen wollte. Und dann wollte er seine Machtpläne verwirklichen und den Balkan erobern, unterjochen. Dies mussten wir verhindern!
Während unserer fliegenden Reise erinnerte ich mich nur flüchtig an unseren früheren Besuch in diesem Landstrich, der in jenem Gebiet liegt, in welchem die Ströme des Weißen und des Schwarzen Drin zusammenfließen. Die Schlucht selbst führt an ihrem Grund einen Nebenfluss des Weißen Drin, die Petschka Bistritza. Hier wurde früher Silber abgebaut, und über jenen alten Stollen saß der alte Wachtturm, der Karaul, den der Schut sein Eigen nannte. In den Stollen hatte der Schurke schon vor langer Zeit Kerker eingerichtet, worin er Gefangene hielt, um Lösegeld zu erpressen, die Opfer anschließend aber dennoch zu töten. Damit und mit Pferdehandel hatte der Schut noch vor zwei Jahren sein Leben gefristet, bevor er sich mit seinem Bruder, dem finsteren Zauberer Al-Kadir, auf größere Pläne besonnen hatte und sich auf das schäbige Geschäft mit Stoffen und Kleidung verlegte, die in Zwangsarbeit hergestellt wurden. Damit verdiente er genug Geld, um seine schurkischen Pläne in schreckliche Tat umzusetzen – so hatte er vor, durch vergiftete Uniformen das osmanische Besatzerheer zu schwächen, wenn nicht gar zu besiegen.
Vor zwei Jahren hatten wir den Schut unschädlich gemacht – oder eben doch nur geglaubt, ihn besiegt zu haben. Er hatte den Sturz in die tiefe Schlucht der Verräterspalte jedoch überlebt. Und heute würde ein Sieg über ihn viel schwieriger werden – durch die verfluchte Magie, die Al-Kadir und die Hexe Qendressa beherrschten. Doch Al-Kadir hatte ich schon einmal geschlagen, wenngleich im geistigen Kräftemessen einer Schachpartie, in seiner eigenen roten Festung im Felsenmeer der Wüste Al-Badiya. Mit Können und der Hilfe der höheren Mächte war mir dies gelungen. Al-Kadir war ohne weiteren Kampf geflohen, hatte Zuflucht bei seinem Bruder, dem Schut, gesucht, um nun mit ihm verbündet gegen das Gute zu kämpfen.
Wir würden wiederum den Kampf gegen die Schurken aufnehmen!
Wir hatten den Fluss erreicht und ritten scharf am Ufer entlang. Die Wasser schossen, eng eingezwängt, in heimtückischer Stille dahin. Auf unserer Seite war das Ufer eben, jenseits des Flusses stieg die Felswand steil empor. Gekrönt war die Schlucht von finsterem Nadelwald, durch den bald jene Mauern hindurchschimmern würden, aus denen der tausend Jahre alte Turm ragte. Direkt darunter machten Feld und Fluss eine Krümmung, und hinter dieser lag ein Dorf versteckt. Es lag eingeklemmt zwischen den Höhen der Schlucht, und es war nicht nur niedergedrückt und eingeschüchtert durch die Felsen, sondern auch durch die Armut – der Silberbergbau lag viele Jahrzehnte zurück und der Schut war kein gütiger und freigiebiger Herr gewesen. Die armseligen Häuser kauerten sich wie aneinandergeklammert um einen engen, kleinen Platz in der Mitte. Eine Brücke über den Fluss führte direkt darauf hin, jenseits stieg der Weg die Schluchthöhe hinauf, zum Karaul.
Ein nur wenig stattlicheres Gebäude am kleinen Dorfplatz war der Khan Kolamis, also das Gasthaus des Wirtes Kolami, bei dem wir schon früher einmal eingekehrt waren.
Halef und ich befanden uns nun in unmittelbarer Nähe des Schut und seines Bruders Al-Kadir. Angesichts meines neu gewonnenen Verständnisses für Zauber und Magie und meiner alten Erfahrungen mit Gefahren und Kämpfen hätte sich nun der Eindruck ergeben können, dass ich nichts weniger als unvorsichtig war, wenn nicht gar töricht.
Aber ich hatte nicht allein begriffen, welche übernatürlichen Gefahren uns drohten, nein, ich hatte auch den Glauben an meine eigenen Kräfte gewonnen, und diese bestanden aus dem Schutz vor Zauber, einer gewisse Immunität, die ich durch einen Teil der Macht des magischen Schachspiels erlangt hatte. Ebenso trug der Musaddas dazu bei, jener goldene Sechseckring, welcher in seinen Auswirkungen umgekehrt worden war, seit ich ihn trug: Er machte mich nicht zum Sklaven Al-Kadirs und verriet diesem meine Wege und Gedanken – er schützte mich vielmehr davor. Es ist mit der Zauberei wie mit jeder Kunst und jedem Glauben – alles ist nur wirksam, wenn man sein Vertrauen gefunden hat.
Ich erinnere mich noch an jene erste Reise durch das Land der Skipetaren, als ich den Mübarek und seine Mitverschwörer belauschte und einer sagte: „Aber was das Allerschlimmste ist, er hat nicht nur den einfachen bösen Blick, welcher nur beim unmittelbaren Anschauen wirkt, sondern den Kem bakysch jyraka doghru – den in die Ferne wirkenden bösen Blick! Er braucht sich nur eine Person in Gedanken vorzustellen und sie mit seinem geistigen Auge zu betrachten, so sendet sein Blick dem Betreffenden alles Böse, was er demselben anwünscht.“ Sie fürchteten damals, dass auch ein anderer Mann jene Fähigkeit besitzen würde, die gemeinhin Magiern wie Al-Kadir gegeben war. Durch meinen neuen Glauben an die Zauberei, vor allem aber das Vertrauen in die Kraft, die mich immun dagegen machte, wusste ich: Gerade jener in die Ferne wirkende Blick kann nicht sehen und verheeren, was sich in seiner direkten Nähe befindet. Al-Kadir konnte mich und Halef nicht erkennen, nicht allein, weil meine passive Macht und der Musaddas auch auf meinen Gefährten ausstrahlten, dem ich in Vertrauen und menschlicher Nähe verbunden war, sondern weil der Böse Blick schlichtweg an Weitsichtigkeit litt. Auch wenn die Magie für den nicht Eingeweihten übermächtig erscheint, so hat auch sie ihre Schwächen! Und diese konnte ich für mich und uns nutzen.
Dass wir dennoch Hilfe benötigten, wohl auch weil wir noch unerfahren im Umgang mit der Magie waren, zeigte sich sogleich. Die Sonne ging gerade auf, als wir in das Dorf ritten, und das Licht des beginnenden Tages überwand mühsam die steilen Höhen der Schlucht und drang auf deren Grund.
„Es wird wohl regnen“, sagte Halef mürrisch. „Die Schwalben fliegen tief und haschen nach Insekten.“
„Das sind keine Schwalben“, rief ich aus. „Das sind Raben!“
Wir preschten über die Brücke und auf dem menschenleeren Dorfplatz sahen wir unseren Vertrauten und Mitstreiter im Kampf gegen Al-Kadir, Scheik Haschim, auf seiner weißen Stute Risha. Ein Schwarm schreiender schwarzer Vögel umkreiste ihn in unnatürlich akkuraten Bahnen, aus denen sich in einem Stakkato aus Schwingen und Schnäbeln die Angreifer lösten, um auf Mensch und Pferd einzuhacken.
Ich war entsetzt, den kenntnisreichen und machtvollen Haschim – ja, er war ein Zauberer, wie Al-Kadir, doch der guten Seite zugewandt – in dieser erschreckend hilflosen Lage zu sehen! Da erkannte ich, dass ein weißer Falke wie eine blitzende Sichel durch das schwarze Feld der Raben schnitt und blutige Ernte hielt. Auch Haschim schwang einen Krummsäbel mit silbriger Klinge und zerteilte die finsteren Vögel in der Luft, sodass Schnäbel und Schwingen in den Staub stürzten. Ich fragte mich, warum Haschim die gefiederten Angreifer nicht mit einem Handstreich und einem Ausbruch von Magie davonfegte. Ob er nicht seinen Falken treffen wollte oder ob es ihm bei diesen Gegnern nicht möglich war, konnte ich nur vermuten – aber ohne Überlegen stand fest, dass ich ihm beistehen musste. Ich zückte mein Bowiemesser, Halef zog seinen Yatagan. Zum ersten Mal in meinem Leben als Abenteurer bedauerte ich, als Gewehre nur den Henrystutzen und den Bärentöter zu besitzen, aber keine Flinte für den Schrotschuss! Bislang war mir diese ungenaue, aber wirksame Feuerwaffe nie sonderlich nützlich erschienen, zumal ich kein Jäger von Kleinwild bin – aber bei diesem Vogelschießen wäre gekörntes Blei in großer Menge im wahrsten Sinne trefflich gewesen. So kamen die Blankwaffen zum Einsatz – es schien ratsam, es Haschim gleichzutun.
Jetzt waren Halef und ich heran, Haschim nickte einen grimmigen Gruß und schon stürzten sich die Raben auch auf uns. Halef ließ die Klinge um seinen Kopf kreisen und traf kaum weniger genau, als er es bei einem Gegner mit einem Säbel vermocht hätte – es war einerlei, ob ein rascher Hieb eines feindlichen Schwertarms zu parieren war oder ein Niederstoßen, ein Heranschwingen eines geschnäbelten, krallenbewehrten Wesens, das Arm und Waffe in einem war. Ich besaß wegen des Bowiemessers eine geringere Reichweite als die Säbel, auch wenn die Klinge auf Unterarmlänge aus meiner Faust ragte, und zudem war das Knife, wie die Westmänner zu sagen pflegen, doch eher eine Stich- denn eine Hiebwaffe. Aber diese Hiebe waren dann ein mächtiges Hacken der Schneide und kein elegantes Schwingen der Klinge. Dennoch fügte ich dem Pulk der teuflisch krächzenden Höllenvögel nicht weniger Verluste zu als meine Mitkämpfer – denn mein furchtloser Rappe Rih stieg Mal um Mal auf die Hinterhand und hob mich so im Sattel empor, dass ich den Raben die Klinge kraftvoll entgegenführen konnte. Und der ein oder andere rußfinstere Geselle fiel mit gebrochenem Flügel oder Genick durch die schlagenden Vorderhufe meines Rih. Nach wenigen Herzschlägen taumelten die letzten lebenden Raben heiser klagend davon und flohen in den Wald über der Schlucht. Der Grund des Dorfplatzes war von zerschnittenen und zertretenen Federleibern und dunklem Blut übersät. Haschim schleuderte mit geschmeidiger Geste die Überreste des Schlachtens von seinem Säbel.
„Danke, meine Freunde“, sagte er. „Ihr seid zur rechten Zeit eingetroffen. Die Vorsehung hat euch geleitet. Oder Gefühl und Erkennen.“ Er lächelte mich an.
„Ihr habt es erkannt, Haschim“, entgegnete ich knapp. „Aber wenn wir schon von magischen Dingen sprechen: Warum mussten wir die Raben des Mübarek – denn ich gehe davon aus, dass es seine alten Gefährten waren – auf solch irdische Art bekämpfen?“
„Ich wollte meine Kräfte nicht verschwenden. Ihr ahnt, Kara Ben Nemsi, dass diese Kunst dem Menschen nicht endlos zur Verfügung steht, nicht anders als Muskelkraft oder Kugeln.“
Halef schaute angewidert über das Feld der gefallenen Vögel und spähte dann durch das Dorf. „Haben sich denn alle versteckt? Ein paar Bauern mit Forken hätten uns durchaus helfen können.“
„Die armen Menschen hier wurden von den Raben drangsaliert, wenn der Mübarek diese Schreckensbrut nicht umhersandte“, erklärte Haschim. „Wir haben dem Dorf gedient, indem wir die Vögel nahezu gänzlich ausgelöscht haben. Aber noch wichtiger ist, dass sie uns nun nicht im Innern angreifen können. Hier im Freien war diese Aufgabe einfacher, dank der Pferde.“ Er klopfte dankbar auf den Hals seiner Stute, Risha schnaubte stolz.
Ich nickte, auch mein Rih hatte tapfer gestritten. Dann zeigte ich den Berg hinauf. „Ich kenne den verborgenen Eingang in die Stollen unter dem Karaul. Vielleicht können wir ihn wie damals nutzen.“
„Ich fürchte, das wird nicht möglich sein“, verkündete Haschim. „Der Schut hat weiter an seinem Karaul und den Stollen bauen lassen. Ihr, Kara Ben Nemsi, wart zwei Jahre nicht hier, ich hingegen habe meinen Falken als Späher ausgesandt – der alte Turm ist nur noch das Herz dieser Festung. Ringsum sind neue Gebäude errichtet worden. Und der Karaul selbst ist von Trägern und Balken aus Eisen umgeben. Diese scheinen mir jedoch nicht als Gerüst für Mauerarbeiten zu dienen. Es wirkt vielmehr, als wolle der Schut einen neuen Turm nur aus Metall bauen.“
„Ein Turm aus Metall?“, fragte ich erstaunt. „Es gibt seit einigen Jahren Brücken aus Schmiedeeisen: langgestreckte Kästen aus metallenem Gitterwerk – wenn ich mir vorstelle, dass ein solches Konstrukt, statt über einen Fluss oder eine Schlucht zu reichen, senkrecht in den Himmel ragen würde, so wäre dies ein erschreckender Anblick.“
Halef schüttelte den Kopf. „Genau das, was der Schut würde erreichen wollen. Oder Al-Kadir.“
„Al-Kadir trauert seiner roten Festung nach. Der Schut will sich eine neue errichten, doch nicht aus Stein, sondern aus Stahl. Er ist ein sehr moderner Schurke, wie wir an seinen verborgenen Fabriken in den Bergen gesehen haben. Sein Bruder Al-Kadir ist der Magie zugewandt, der Schut der Technik.“
„Wenngleich er eine sehr eigentümliche Kraftquelle nutzt“, erinnerte Haschim. „Ihr habt sie auch bemerkt, Kara Ben Nemsi. Die Maschinen und deren Kessel, in denen kein Holz und keine Kohle brennt, sondern blaues, flammenloses Feuer, gespeist von seltsamen kristallartigen Kugeln. Ihr müsst zugestehen, dass jenes blaue Feuer eher magisch wirkt, als dass es eine Entdeckung der Chemie oder Physik allein wäre. Dennoch habe ich in all den Büchern und Berichten nichts darüber finden können.“
„Umso nötiger ist es, in den Bau des Schut einzudringen!“
„Führt uns also dennoch zu dem alten Stolleneingang. Selbst wenn er verschlossen ist, kann er uns als Eingang dienen.“
Wir ritten durch das Dorf und dann am Ufer des Flusses entlang. Dort am Felshang hatte sich einst ein schmaler Zugang befunden, ein Abwasserstollen, verborgen von Pflanzenbewuchs – doch jetzt zeigte sich im Fels eine eisenbeschlagene Pforte. Ob diese den Ausgang eines Fluchtwegs verschloss oder ob es ein Zugang vom Karaul zum Dorf war, mochten nur die Erbauer wissen – für uns würde es die Möglichkeit sein, in die Festung des Feindes zu gelangen. Haschim öffnete das Schloss der Pforte mit einer Geste, in der ich nun die gleiche erkannte, welche die Hexe Qendressa in jenem Keller in Edreneh angewandt hatte, in welchen wir gemeinsam vom Schut gesperrt worden waren – aus Täuschung und einem heimtückischen Plan heraus, denn nun wusste ich, dass die beiden zusammenarbeiteten. Damals wusste ich dies nicht, noch weniger, dass Qendressa eine Hexe war. Wenngleich ich dies hätte ahnen können. Ich war blind gewesen, aus eigener Schuld, aus dem Widerwillen heraus, die Magie anzuerkennen. Ich hatte wegen des Musaddas und des Teils der Macht des Schachspiels stets gespürt, dass Zauber gewirkt wurden – es aber nicht wahrhaben wollen.
Haschim nahm die Kette mit dem Amulett ab, das uns im Haus des Mübarek vor fremden Blicken geschützt hatte. Im Innern des Karaul würden wir uns ohnehin aufteilen müssen, und so nutzte Haschim das Amulett, um unsere Pferde zu verbergen. Wohl hätten wir sie im Dorf belassen können, vielleicht sogar im Khan Kolamis. Doch ich fürchtete, dass dieser Mann uns aus Furcht und Zwang verraten würde, so wie unser alter Bekannter Schimin der Schmied auch in die Dienste des Schut gezwungen worden war, bevor wir ihn hatten befreien können.
Also verbarg Haschim seine Stute Risha, meinen Hengst Rih und Halefs Pferd, indem er das Amulett an Rishas Zaumzeug befestigte. Die Tiere würden zusammenbleiben, verständig, wie die edlen Geschöpfe waren, und so für die Augen der Feinde unsichtbar sein. Halef wollte schon fragen, wie wir selbst sie denn würden wiederfinden können, als er bemerkte, dass er die Tiere noch immer sah, obwohl Haschim bestätigte, dass der Zauber bereits wirkte. Halef zuckte mit den Schultern und spähte bereits wieder in den finsteren Gang hinein, der im Berg gähnte. Als Haschim die Pforte geöffnet hatte, waren uns allerlei Molche und Salamander entgegengeflohen, die eilig im Bewuchs des Flussufers verschwanden. Ich konnte meinen Gefährten gegenüber, die beide Söhne der Wüsten waren, nun nicht eine gewisse Seemannsweisheit erwähnen, die in meiner Heimat auch Nichtmatrosen geläufig ist. Stattdessen bemerkte ich, dass alle Ratten wohl noch in ihrem Bau wären – wir könnten sie also umso leichter fangen. Ich nahm meinen Henrystutzen in Anschlag, denn seine Feuerkraft würde mir dienlich sein, selbst wenn wir in ein ehemaliges Bergwerk eindrangen. Aber ich ging davon aus, dass der Schut die engen Stollen und niedrigen Gänge sicher bequemer und repräsentativer ausgebaut hatte – um seiner eigenen Geltungssucht und auch dem eigenen Bruder und dessen Eitelkeit zu entsprechen. Ein künftiger Herrscher des Balkan konnte nicht so lange in einem alten Wachturm und den Löchern wohnen, aus denen einst Silber geschürft wurde, bis er den Palast Topkapi zu Istanbul beziehen konnte.
Halef nahm seine deutsche Büchse mit und einen Gurt mit Patronen. Er fühlte sich mittlerweile sehr sicher im Umgang mit meinem Geschenk und hatte die alte treue Araberflinte aufs Altenteil gesetzt. Haschim beschied sich mit seinem silbrig schimmernden, von Gravuren bedeckten Revolver – zumindest was die Feuerwaffen betraf. Aus seinem Gepäck zog er die antike arabische Armbrust und einen Köcher Pfeilbolzen, die er mit dem Gift des Thrakerwurms präpariert hatte. Als ich begriff, dass dem Reittier Al-Kadirs, dem schwarzen, geflügelten Ross, nun das Ende drohte, fühlte ich Trauer, wenngleich das Gefühl recht unbestimmt war, denn ich hatte das Tier ja nie mit eigenen Augen gesehen, sondern besaß nur jene armlange schwarze Feder, die wir in der Stallung auf der höchsten Spitze von Al-Kadirs Festung gefunden hatten, nachdem Al-Kadir durch die Lüfte geflohen war, auf dem Rücken des Flügelrosses. Doch um Al-Kadirs Macht zu brechen, musste jenes wundersame, magische Wesen diese unsere Welt verlassen.
Wir traten in den Gang hinein.
Die Wände waren tatsächlich frisch behauen, wie wir im hellen Tageslicht erkennen konnten, das weit in die Tiefe fiel. Haschim wollte gerade die Pforte schließen, Halef seine magische Leuchtkugel hervorholen, wenngleich Haschim sicher noch eine weitere Art der Beleuchtung bieten konnte – als ein schwaches bläuliches Licht aufschien. In weiten Abständen zeigten sich helle Punkte entlang der Decke des Gangs, wie eine schimmernde Perlenspur, die in die Tiefe des Berges führte.
„Es ist nicht magisch“, urteilte Haschim.
„Auch kein Gaslicht“, befand ich. „Aber ich habe Dergleichen bereits in der Fabrik des Schut gesehen, wenn auch nur von ferne.“
Wir gingen zu einem der leuchtenden Punkte hin. Tatsächlich war dieser eine faustgroße Glaskugel, in der eine bläuliche Glut glomm. „Es könnte mit Elektrizität betrieben sein“, dachte ich laut. „Ich habe von einem russischen Ingenieur namens Lodygin gehört, der sich mit derlei befassen soll. Der elektrische Strom bringt einen dünnen Kohlestab in einem Glaskolben zum Glühen. Aber man erzählte mir, das Licht erinnere an Gasbeleuchtung und sei nicht blau …“
„… wie die seltsame Kraftquelle des Schut“, erkannte Haschim. „Sie scheint nicht nur Maschinen anzutreiben, sondern auch Licht spenden zu können.“
„Und nach dem, was Schimin der Schmied über die Toten im Tal der Fabrik sagte, bewirkt diese Kraft noch ganz andere Dinge.“
Haschim und ich sahen uns an. Vielleicht wollte der Schut mit der blauen Kraft noch weitere Dinge bewerkstelligen, sie etwa mit dem Sarkojasth verbinden, jenem hölzernen Sargkasten, geschaffen mit alter ägyptischer und alter hebräischer Magie, der zwar sieben Leben schenkte, aber dies nur in unvollkommener Weise. Es war zu befürchten, dass der Schut und Al-Kadir, die Brüder, die sich solch unterschiedlicher Dinge wie Magie und Technik bedienten, nun auch noch über jene blaue Kraft geboten, die eine seltsame Chimäre aus beidem sein mochte.
Halef knurrte. „Immerhin muss ich nicht die Kugel tragen. Sie würde beim Kämpfen nur stören. Sollen die Schurken sehen, was sie davon haben, uns mit solch praktischem Licht zu versehen. Umso besser können wir sie treffen.“
Ich nickte grimmig. Wir gingen voran.
Der Gang schimmerte im bläulichen Licht und gab uns das Gefühl, nicht im Innern eines Berges zu wandeln, sondern in einer Grotte am Meer, die vom Widerschein des Tageslichts auf den Wellen erhellt wurde. Doch was wir außer unseren Schritten und unserem Atem hörten, war nicht etwa ein leiser Hall von Brandung, sondern ein fernes Stampfen und Schlagen wie von Maschinen. Ich glaubte nun nicht, dass der Schut in seiner eigenen Festung eine Textilfabrik mit Webstühlen betreiben würde. Vielleicht rührte der dumpfe Lärm auch von den Arbeiten an der Festung selbst her.
Von jenem Hauptgang zweigten allerlei Seitengänge ab. Ich erkannte, dass sie mit den alten Stollen identisch waren. Hier würden sich die Zellen befinden, in denen der Schut schon vor zwei Jahren seine Geiseln gefangen gehalten hatte – wenngleich ich bezweifelte, dass die Kerker so sauber ausgebaut worden waren wie die Gänge. Für die Sicherheit war gewiss gesorgt worden, jedoch kaum für das Wohlergehen der Gefangenen. Und tatsächlich lagen die Zellentrakte in Finsternis. Wir konnten zu unserer Erleichterung keine Laute vernehmen – es hätte uns geschmerzt, da wir ohnehin keine Zeit hatten, Gefangene zu befreien.
„Es ist seltsam“, bemerkte Haschim. „Ich spüre keine Magie. Ahmar Al-Kadir hat keinen Bann auf das Gebäude gelegt. Es scheint, dass der Schut sich dagegen verwahrt hat.“
„Er hat sein Hausrecht durchgesetzt“, urteilte ich.
Der Gang endete an einem Gitter, welches die Front eines Käfigs bildete. Das Gitterwerk besaß Scharniere und eine Scherenmechanik. Ich schüttelte den Kopf und spürte ein ungläubiges Lachen in mir aufsteigen. Dann wandte ich den Kopf nach oben, schaute, erkannte und begriff endgültig. Es gab keinen Zweifel.
„Sihdi, warum lachst du?“, zischte Halef. „Das ist der Rabenkäfig des Mübarek. Sei froh, dass keines der Biester darinnen ist. Wir müssen ihn nur aus dem Weg räumen, um weitergehen zu können.“
„Nein, Halef“, erklärte ich. „Schau hin. Der Gang geht jenseits dieses Käfigs nicht weiter. Aber darüber.“
„Ohne eine Treppe oder Stiege? Was ist das für eine Teufelei? Um die Gefangenen zu demütigen?“
„Im Gegenteil. Um es dem Wärter bequem zu machen – oder jenem, der die Pforte nach draußen nutzen will. Und es ist keine Teufelei, sondern moderne Technik.“
Ich zeigte auf ein kleines Messingschild, und dessen Gravur las sich: Otis Brothers & Co. New York. Und ich erklärte:
„Es ist ein Aufzug. Wie ein Ziehbrunnen, nur dass statt Wassereimern Menschen hinaufbefördert werden. Der Schut scheint sehr gern mit den Amerikanern Geschäfte zu machen. Und umgekehrt. Das dauert und empört mich zugleich.“
„Wie kann man freiwillig in einen Käfig steigen?“, murrte Halef. „Ich verstehe die Menschen des Westens nicht. Aber nun, sie wohnen ja auch in Gebäuden aus Stein, statt in luftigen Zelten oder Häusern aus Lehm, der kühlt oder wärmt, je nachdem. Wenn ich an die kalten englischen Burgen denke, in denen die Ingles leben – nun, die sind nicht alle so böse und wahnsinnig wie Al-Kadir oder der Schut …“
Haschim hatte prüfend den finsteren Schacht hinaufgeblickt.
„Ihr stimmt mir zu, Kara Ben Nemsi, dass wir dieser Gerätschaft vertrauen müssen. Aber wir werden sie gewiss nicht geräuschlos verwenden können.“
„Allerdings“, nickte ich. „Die Winde wird kreischen und die Gitter werden klappern. Aber wir wollen hoffen, dass sich dort oben niemand in Hörweite befindet, oder dass der Lärm im Karaul alles andere übertönt.“
„Dann hinein“, begann Haschim und schaute zu Halef. „Es wird bequemer sein als unser Weg unter Ostromdscha.“
„Und, Halef“, sagte wiederum ich, „sieh es nicht als Käfig an, in dem man eingesperrt ist, sondern als einen Schutz vor den Steinwänden des Schachts.“
Halef reckte sein Gewehr empor. „Was haltet ihr Herren mich doch für einen Feigling! Und für rückständig und ungebildet. Als wenn ich Furcht vor einer Maschine hätte!“
Er schaute kurz über die Front des Aufzuggitters, streckte die Hand aus und rasselte die Scherenmechanik zur Seite. Dann trat er zur Seite.
„Ich lasse den Herren höflich den Vortritt. Und mein Sihdi darf den Hebel dort bedienen.“
So geschah es. Ratternd und zitternd ruckte der Aufzug nach oben.
Halef stand mit dem Rücken zu mir und Haschim und betrachtete die vorbeiziehende Felswand im schwachen Licht, das durch den Schacht herabfiel. Ich war beruhigt, dass der Aufzug nach dem ersten Lärm nur noch ein mäßiges Brummen und Klappern von sich gab. Dies mochte tatsächlich nicht allzu viel Aufmerksamkeit erregen, angesichts der Geräuschkulisse des Karauls. Ich bemerkte auch einen anderen Laut, der an mein Ohr drang, oder vielmehr eine Abfolge von Lauten! Es war Halef, der leise und verhalten eine kleine Melodie summte – wohl um sich von der ungewohnten Situation abzulenken, die ihm trotz seiner tapferen Worte keineswegs behagte. Ich zog fast unwillkürlich meine Mundwinkel leicht nach oben. Obgleich ich aus Respekt vor meinem Gefährten keinen Blick mit Haschim wechselte, der direkt neben mir stand, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, dass auch über das Gesicht des Scheiks ein heiterer Ausdruck flog, der aber sogleich wieder der gewohnten, edlen Miene wich.
Dann kam der Aufzugkäfig zu einem Halt, es ruckte und rasselte kurz, und noch bevor diese Geräusche verklungen waren, griff ich einer Eingebung folgend an Halef vorüber und riss das Scherengitter zur Seite, sodass dessen metallisches Kreischen übertönt wurde. Wir sprangen aus dem Käfig, auf den festen Grund des Felsengangs. Mit angehaltenem Atem verharrten wir, die Waffen fest gepackt, die Körper angespannt – doch nichts war zu hören, außer dem dann und wann anschwellenden, dann wieder dumpf im Hintergrund bleibenden Lärm, der durch die Festung des Feindes klang. Keine lauten Rufe, keine hastigen Schritte – wir hatten keine Wachen aufgeschreckt, keine Aufmerksamkeit erregt. Ein großes Glück: Wir konnten weiter im Verborgenen in den Karaul dringen.
Am Ende des Gangs befand sich ein Fenster, durch welches helles Tageslicht blendete, und gegen den Himmel hoben sich die gezausten, fiedrigen Wipfelschatten eines Nadelwalds ab. Die Bäume standen auf dem Felsgrat jenseits der Schlucht. Wir befanden uns wohl noch nicht im Karaul, sondern darunter, im ausgehöhlten Berg. Auch hier leuchteten kaum erkennbar die bläulichen Glaskugeln in der Decke des Gangs, in dem einige Türöffnungen zu erkennen waren. Es war still, nur das ferne Pochen drang durch das Gestein. Vorsichtig schritten wir voran. Und dann öffnete sich knarrend eine der Türen, ein heller Lichtschein fiel auf den Gang, und in dem hellen Flecken auf Boden und gegenüberliegender Wand zeigte sich der Schatten eines hageren Mannes. Und als der Mann auf den Gang heraustrat, erkannte ich sogleich das Aasvogelgesicht mit der Hakennase und dem spitzen Kinn – es war der Mübarek, unverwandelt, ohne magische Maske, in seiner wahren Gestalt! Er bemerkte uns, erkannte uns – und erschrak entsetzlich! Zum zweiten Mal standen wir ihm plötzlich gegenüber, an einem Ort, der ihm als sicher erschienen war. In Ostromdscha hatte er jedoch Männer des Schut als Wachen besessen, hier unter dem Karaul war er völlig allein. Der Mübarek zuckte zurück, stieß hart gegen die steinerne Kante der Türöffnung. Ich riss den Henrystutzen halb hinauf, wollte einen Schuss aus der Hüfte abgegeben, doch ich zögerte: Das Scheusal Mübarek stand uns gegenüber – aber er war unbewaffnet. Gleich würde er losschreien und die Wachen alarmieren! Wer wusste, wer sich noch in dem Raum hinter ihm oder in jenen ringsum befand.
Der Mübarek öffnete den breiten Mund unter seiner Schnabelnase, wie ein Vogeljunges, das nach Atzung gierte, und ich konnte in seinen roten Schlund sehen – aber kein Laut drang hervor. Neben mir bewegte sich Halef, er trat einen Schritt vor, im Augenwinkel sah ich seinen verblüfften Gesichtsausdruck, auch seine Lippen bewegten sich, aber es blieb völlig still. Haschim hielt seinen Arm von sich gestreckt, die Finger der Hand zu dem geformt, was ich als magische Geste verstand. Der Bann der Stille hatte uns umfangen.
Der Mübarek begriff ebenso, schloss den Mund und warf sich rücklings in den Raum, aus dem er gekommen war. Wir setzten hinterher, unsere Schritte waren nicht zu vernehmen, ich spürte nur die Schläge der Stiefelsohlen auf dem Fels und meinen Herzschlag, das Rauschen des Blutes in meinen Ohren. An der Tür angekommen, duckte ich mich, schwang herum und zielte mit dem Stutzen in den Raum. Mit einem einzigen Blick erfasste ich das Innere – es war die Kammer, welche der Schut dem Mübarek für seine schändlichen Pläne und Taten zugestanden hatte: ein Laboratorium mit ekelhaften und giftigen Dingen, geradeso wie in des Mübareks Wohnstatt in Ostromdscha. In der Kammer stand der Mübarek, für einen Lidschlag in der Fluchtbewegung erstarrt. Er war unschlüssig, ob er fliehen oder kämpfen sollte – ich wusste, er durfte nicht entkommen, denn dann würde er Hilfe rufen und sich gewiss auch verwandeln. Ich wusste nicht, wie rasch er dies bewerkstelligen konnte, aber diesmal durfte ich ihn nicht in anderer Gestalt fliehen lassen wie jene Male zuvor. Der Mübarek beging den Fehler, der vielen Schurken in Not und Gefahr unterläuft: Statt ihr Leben durch Flucht zu retten, wollen sie stattdessen den Gegner besiegen, ihm schaden. Statt ihren Rückzug zu decken, indem sie dem Verfolger ein Hindernis schaffen, versuchen sie, ihn zu bekämpfen, zu verletzen. Und deshalb floh der Mübarek nicht zu den Seiten hin, stieß ein Möbel um oder warf etwas nach mir, das mich verwirren oder gar blenden sollte – nein, er verlor kostbare Herzschläge an Zeit, indem er hastig suchte und wählte und dann nach einem Gegenstand griff. Er schleuderte mir eine silberne Phiole entgegen, und schon in der Bewegung, mit welcher der Mübarek ausholte, sah ich, dass jenes Gefäß geöffnet war und eine schimmernde Flüssigkeit herausspritzte. Es war Gift! Säure! Was auch immer – ich feuerte! Lautlos schlug der Kolben des Henrystutzen dreimal gegen meine Schulter, zweimal repetierte ich, und meine erste Kugel traf die Phiole und trieb sie in der Luft zurück, wobei sie einen Schauer aus Tropfen nach allen Richtungen aussandte – nur nicht in die meine! Wieder schrie der Mübarek! Die Tropfen der Substanz spritzten gegen die Wände, die Decke und die Tische und Regale mit den Tiegeln und Gläsern, den Schachteln und Krügen. Winzige Fäden aus Dampf oder Rauch stiegen empor, wo immer der giftige, ätzende Regen auftraf – und dann schlugen überall Funken und Flammen auf. Gleichzeitig trafen meine weiteren Kugeln den Mübarek und zerfetzten sein Gesicht. Erschrocken sah ich, wie statt des Blutes ein rötlicher Sand davonsprühte. Der Mübarek taumelte zurück, fing sich sogleich wieder und tat, was ich nicht erwartet hatte – er warf sich mir entgegen! Im Schein der Flammen sah ich, wie sich die Löcher in seinem Schädel wieder schlossen und mit pergamentartiger, blättriger Haut überzogen. Der Mübarek streckte seine rissigen Mumienfinger nach mir aus und prallte gegen den Lauf meines Gewehrs. Im Reflex feuerte ich erneut. Noch immer in Stille platzten Sand und Staub in rotbrauner Farbe aus dem Rücken des Wiederbelebten, gegen die Flammen sah ich Hautfetzen davonstieben wie Herbstblätter. Der Mübarek schrie lautlos, statt Speichel und Geifer spritzte mir Staub ins Gesicht, der nach Lehm schmeckte und wie heißer Wüstensand roch. Der Lauf des Henrystutzens brach durch den Leib wie ein Stock durch die rissige Oberfläche ausgetrockneten Schlamms. Dann spürte ich, wie sich der Körper wieder verfestigte, und der Mübarek schnappte mit seinen Kiefern nach meinem Gesicht – er musste dem Wahnsinn verfallen sein! Der Schwung, mit dem sein Leib gegen mich geprallt war, hatte mich straucheln lassen, da ich ohnehin halb gebeugt dastand. Wie mit einer Lanze hatte ich den Mübarek aufgespießt, er hing an meinem Gewehrlauf über mir und krallte mit den brüchigen Fingern nach meinen Augen, die halb verklebt waren von dem Staub, der aus Haut und Blut des Mübarek bestand.
Dann ein Aufblitzen über mir, ein Glänzen von Stahl. Der Kopf des Mübarek sprang davon! Sand und Splitter wie von trockenem Lehm fielen in mein Gesicht. Ein Stiefel trat den kopflosen Leib von meinem Gewehrlauf. Halef reichte mir die Hand. Ich sprang auf die Füße und mit einem Mal hörte ich das Knistern der Flammen und mein eigenes heftiges Atmen. Der Leib des Mübarek fiel zu Boden und brach in blättrige Fetzen und Sand. Der Schädel rollte ein Stück beiseite und der Mund bewegte sich mit rissigen Lippen. Die staubigen Augen fixierten mich, ein Knirschen und Knarzen drang aus dem Mund, dann schrumpfte die Zunge ein und zerfiel ebenso wie der Schädel. Halef scharrte mit dem Stiefel darüber hinweg.
„Da hätte ihm auch Abdis Kräutlein nicht mehr geholfen“, knurrte er angewidert.
„Aber der Schut verspricht sich viel davon“, gab ich zurück. „Wir müssen beide finden!“
Haschim warf einen Blick in die brennende Kammer. „Dies wird Aufmerksamkeit erregen – aber eben nicht wie Schüsse. Ein Feuer kann bei diesen Dingen stets ausbrechen. Und der Mübarek ist verschwunden.“
Der Sog, den das Feuer entwickelte und der Luft aus den Fenstern heranzog, verwehte den letzten Staub, aus dem der Mübarek bestanden hatte.
„Gehen wir“, sagte Haschim. „Der Rauch ist voller Gift. Und wir sollten uns aufteilen. Ich will den Sarkojasth zerstören. Und Al-Kadir und das Windpferd finden.“
Eilig liefen wir den Gang hinunter und fanden Treppen, Wendelschächte, die teils aus den alten Steinstufen des Karaul bestanden, teils auch moderne Stufenspindeln aus gegossenem Eisen besaßen. Wir orientierten uns rasch, dann wandte ich mich noch einmal an Haschim.
„Wie gehen wir mit jener blauen Kraft um? Sollten wir das Glück haben, Schimin den Schmied zu finden, könnte er uns darüber berichten. Aber …“
Halef unterbrach mich. „Erinnerst du dich, Sihdi, vor zwei Jahren? Als wir damals dachten, der Schut könnte fischek urumi, Griechisches Feuer, besitzen? Der Scheik ist wohl der Ansicht, dass …“
„… dass beides einander ähnelt?“, fragte ich eifrig. Wann hatten Halef und Haschim sich darüber ausgetauscht?
„Nein, Kara Ben Nemsi“, verkündete Haschim. „Das Griechische Feuer kann die blaue Kraft zerstören. Griechisches Feuer zerstört selbst magische Dinge, obgleich es selbst nicht magisch ist. Da ich die blaue Kraft aber zu einem Teil für magisch halte, wäre das Feuer ein Gegenmittel.“
„Dann hoffen wir“, nickte ich, „dass sich an diesem Ort nicht nur alle Menschen, sondern auch alle Dinge versammelt haben. Aber ich gehe davon aus, denn dies ist das Ende. Das Ende der Schurken. Und wir bereiten es ihnen.“ Ich gab Haschim die Hand. „Viel Glück. Inschallah.“
„Euch ebenso“, gab Haschim zurück und nickte Halef zu. Dann trennten wir uns.
Halef und ich stiegen die eiserne Wendel hinab. Ich war ungehalten, dass die Gewehre hier ein Hindernis waren. So hielten wir beide die Langwaffen in der einen Hand, um nicht an die Metallstufen zu stoßen oder an Kanten hängenzubleiben, in der anderen die Revolver, um uns zu verteidigen. Wir gelangten in einen niedrigen, weiten Raum, in dem ein Dutzend jener gedrungenen Kesselöfen standen, wie ich einen im geheimen Tal des Schut gesehen hatte. Doch diese hier waren dunkel und leer. Ringsum sah ich Werkbänke und Drehmaschinen, viel Werkzeug und allerlei Kisten voller Einzelteile, eiserne Röhren und riesige Schrauben und Muttern aus mattem Metall. Der bläuliche Schein der Lampen ließ all dies unwirklich erscheinen. Kein Mensch war zu sehen. Auf einem der Tische sah ich Pläne und Zeichnungen liegen und warf einen raschen Blick darauf, während Halef weiter aufmerksam spähte und lauschte. Die großen Papierbögen waren akkurate Kopien eines recht alten Originalplans, der Schrift und dem Stil der Darstellung nach vor wenigstens einem halben Jahrhundert entstanden. Die Abbildungen zeigten die Konstruktion eben dieser Kessel oder Öfen und allerlei Möglichkeiten der Leitung und Übertragung von Kräften und Energie. Unter jeder Zeile des erläuternden Textes war in anderer, kleinerer Schrift eine Übersetzung beigefügt, wiederum darunter in flüchtiger Hand eine weitere. Letztere war in serbischer Sprache, was wenig verwunderlich war, angesichts des Ortes. Die erste Übertragung jedoch war auf Deutsch, und zwar, wie ich anhand einiger Besonderheiten des Ausdrucks erkannte, österreichisch, sogar jenes, das man in Wien sprach. Und die eigentliche Beschriftung war niederdeutsch, genauer holländisch. Der unbekannte Kopist war so gewissenhaft vorgegangen, dass er den Patentstempel nachgezeichnet hatte und die Angaben der Firma, welcher er erteilt wurde. Ursprünglich hatte jemand diese Gerätschaft für einen holländischen Kaufmann und Reeder namens Michiel de Reuß entworfen oder eben patentieren lassen, gegengezeichnet war es vom Syndikus der Firma, einem Doktor Schatzhauser. Dieser Name klang auf seltsame Weise in mir nach, als würde ich ihn kennen, aber ich hatte in meinem Leben noch nie etwas mit niederländischen Rechtsanwälten zu schaffen gehabt, auch kannte ich keine Firma jeglicher Art, die sich Koudhart Maatschappij nannte. Dennoch nahm ich einen der Pläne an mich, faltete ihn und barg ihn in meiner Jacke. Vielleicht konnte ich später nachforschen, jetzt waren die wenigen Augenblicke genug, in denen ich mich damit beschäftigt hatte.
Halef und ich liefen weiter. Es gab viele Türöffnungen und Durchgänge, der Schut hatte seinen alten Karaul und den Berg darunter in den vergangenen Jahren so verwirrend ausgebaut, dass ich mich fragte, ob es nicht ein Fehler gewesen war, hier hinunterzusteigen, statt Haschim nach oben zu folgen. Und warum war kein Mensch zu sehen? Keine Arbeiter, keine Gefangenen, keine Schergen des Schut?
Da hörten wir von ferne einige Stimmen, es mochten drei sein, zumindest aber zwei – und sie stritten! Und am Klang der undeutlichen Worte glaubte ich zu erkennen, dass es keine schlichten Arbeiter oder Wachen waren, die hier eine Auseinandersetzung hatten. Halef und ich hasteten los, die Stimmen führten uns zu einer geraden, steinernen Treppe, die aus dem Felsen selbst getrieben worden war und tiefer nach unten führte. Während wir eilig, aber lautlos die Stufen überwanden, überkam mich ein eigenartiges Gefühl. Mir schien, als kehrte sich die Schwere meines Körpers um, ebenso wie jene meiner Waffen. Oder nein: Ich sah wohl, wie ich einen Fuß nach dem anderen die Stufen hinabbewegte, doch ich spürte, im Gegensatz zu dem, was meine Augen erkannten, dass ich eigentlich nach oben stieg. Ich wandte den Kopf halb zu Halef hin und ein Schwindel ergriff mich. Ich sah an Halefs Blick, dass es ihm ebenso erging. Wenn wir auf einer Wendeltreppe geschritten wären, so hätte ich vermutet, dass der Erbauer einen baulichen Trick angewendet und in einer doppelläufigen Treppenschraube einen unmerklichen Übergang geschaffen haben mochte, um in eine Art von architektonischem Vexierbild die Menschen auf der Stiege in die Irre zu führen. Sozusagen in einem wortwörtlichen und zudem praktischen Treppenwitz. Aber ich wusste es besser. Dies war kein zweifelhafter, überspannter Schabernack – sondern Magie. Und so war ich kaum darüber erstaunt, was Halef und ich sahen, als wir das Ende der Treppe erreichten, das sich durch matten Fackelschein angekündigt hatte. Kaum erstaunt. Aber dennoch überwältigt. Wir traten hinaus auf die Plattform eines Karaul oder Kulla, eines wuchtigen Turms. An der gemauerten Brüstung brannten Fackeln – ein recht altertümlicher Anblick nach den blauen Kugellampen in den Gängen des Innern. Der Turm war Teil eines Rings aus einem Dutzend von fackelgekrönten Türmen, die am Grund einer gewaltigen Höhle aufragten, deren Decke eine nahezu perfekte Kuppel aus geschmolzenem und wieder erstarrtem Gestein bildete, von welcher wie die Zähne eines riesigen Saugmaulfischs hunderttausende von Basaltsäulen hingen. Doch ob diese tatsächlich hingen oder nicht vielmehr von unten hinaufragten – das war eine verwirrende Frage. Denn in der Mitte des Rings aus Türmen stand ein besonders großer Turm, und aus seiner Mitte schien Tageslicht hervor und warf einen hellen Fleck auf den Scheitelpunkt der Kuppel weit darüber – oder darunter. Die Welt hatte sich umgekehrt. Wir waren auf der Treppe aus dem Fels getreten, doch unter diesem führte ein gedachter Weg keineswegs ins Innere der Erde, zu ihrem Mittelpunkt hin – sondern auf den Erdboden zurück, über dem sich das Firmament des Himmels spannte! Welche Verwirrung, welch tückischer Gedanke! Und doch konnte es keine Täuschung sein, denn das Sonnenlicht war wirklich. Und es fiel durch einen Schacht, der sich im alten Karaul des Schut befinden musste. Dass dies wiederum bedeutete, dass sich oberhalb der Kuppel die Rugowa-Schlucht befinden musste, mit dem reißenden Strom brüllenden Wassers, der durch ein Flussbett schoss, von welchem wir nur durch einige Mannslängen Fels getrennt sein mochten – dieser Gedanke ließ mich erschauern. Gleichzeitig aber, da ich wusste, dass hier Magie am Werk gewesen sein musste oder noch immer war, blitzte in mir die Frage auf, ob wir uns auch tatsächlich unter dem Karaul des Schut befanden, oder ob diese Kuppelhöhle, dieser Ring aus Türmen, nicht vielleicht eine gigantische, steinerne Variante des magischen Zelts war, welches sich stets dort befand, wo man es gerufen hatte – und doch wieder nicht.
Aber von diesen Gedanken wurde ich abgelenkt, als die Stimmen, welche uns an diesen Ort gelockt hatten, wieder lauter wurden und mit vielfachem Echo durch die Höhlenkuppel hallten. Auf dem mittleren Turm standen der Schut und Al-Kadir und stritten wütend. Das Licht der Sonne, welches durch den Schacht strömte, beleuchtete ihre Gestalten und Gesichter von unten und gab ihnen so ein dämonisches Aussehen. Al-Kadir war groß, hager und schwarzbärtig, in finstere Gewänder gekleidet, so wie ich ihn in der roten Festung zuletzt gesehen hatte. Der Schut jedoch war verändert. Er war kein schrecklich zerschlagener und schief zusammengewachsener Krüppel mehr. Er war geheilt und gesund – und kräftiger und wütender denn je!
Zweites Kapitel Der Flug des Burak
Der Schut fluchte und tobte. Al-Kadir antwortete knapp und harsch. Die Brüder trugen einen Zwist aus, dessen Inhalt Halef und ich mit einiger Mühe verstehen konnten, denn die wütenden Worte wurden von ihren eigenen Echos überlagert. Die Klangfetzen, die an unsere Ohren drangen, ergaben ein nur vages Bild: Al-Kadir hatte diesen Ort geschaffen, eine altertümliche Stätte magischer Macht. Doch der Schut war dagegen, dass der Bruder, den er gastfrei hielt, sich hier nach eigenem Geschmack einrichtete. Er selbst wolle ein modernes Reich auf dem Balkan schaffen – der Magier solle doch zurück in seine sandigen Weiten der Wüste gehen und dort mit Steinen seine Bauten erschaffen, er, der Schut, setze auf Eisen und Stahl. Und das kalte Herz würde ihm dabei helfen. – Damit musste der Schut jene seltsame blaue Kraft meinen, die wir in seinem Besitz erkannt hatten.
Al-Kadir entgegnete beherrscht, dass ohne die Magie der Schut sein Leben bereits ausgehaucht hätte und ohne Zauber noch immer ein Krüppel sei.
Der Schut im Gegenzug schmähte die Magie, weil sie wohl Krankheiten heilen, aber kein Leben retten könne, die alte Kiste aus Ägypten und der zerbröckelnde Mübarek hätten dies wohl deutlich gezeigt.
Al-Kadir gab zurück, dass jenes Kraut durchaus …
Da lachte der Schut. Er sprach abfällig von der Hexe, die er gedungen hatte, ihm dieses und jenes zu beschaffen, alles für die Hoffnung, er würde ihr die Gabe verleihen, sich dauerhaft zu verjüngen, statt dies nur mit einem kräftezehrenden Zauber zu erreichen.
Al-Kadir zeigte Empörung: Der Schut wolle die Hexe um ihren Lohn betrügen? Sie könne noch nützlich sein!
Der Schut lachte: Alle, die Magie wirken könnten, seien einander auf lächerlich sentimentale Weise verbunden. Aber er würde der Hexe schon geben, was sie verdiente! Er streckte die Hand aus. Der Bruder solle ihm diesen magischen Tand geben, das Amulett, das dauerhaft verjüngte. Und die Hexe rufen. Sie solle es an diesem magischen Ort erhalten – und sich dann fortscheren!
Al-Kadir übergab dem Schut ein Amulett und wandte sich zum Gehen.
Halef war neben mir schon unruhig geworden. „Sihdi“, flüsterte er. „Beide Schurken gemeinsam in unserer Sicht, und wir haben Waffen! Warum sie nicht …“
Schweren Herzens, aber mit dem gerechten Feuer der Ehre musste ich meinem Freund widersprechen. „Wir können sie nicht hinterrücks erschießen.“
„Aber wenn wir uns bemerkbar machen – wer weiß, was Al-Kadir …“
„Mir ist der Schut wichtiger. Und die Hexe!“
Ich hörte, wie Halef mit den Zähnen knirschte. Er erkannte, wie stichhaltig mein Argument war. Die Verräterin hatte uns mehr Schaden zugefügt, für den sie würde bezahlen müssen. Die Rechnung mit dem Schut war noch älter – und umso schmerzlicher, weil wir sie beglichen geglaubt hatten. Al-Kadir hatten wir bereits einmal besiegt – er war hier im Machtbereich des Schut nur ein Gast, und die Brüder waren zerstritten. Und Al-Kadir zur Strecke zu bringen, war die Aufgabe Haschims.
Al-Kadir verschwand im Innern des Turms, der Schut blieb neben der blassen Lichtsäule stehen. Ich erkannte, dass er wahrhaftig geheilt war. Sein Körper war gerade und aufrecht. Sogar die Narben waren verschwunden. Seine frühere gelbe Gesichtsfarbe, die ihm seinen Namen verliehen hatte, war durch den natürlichen Hautton seiner persischen Herkunft ersetzt, wenn er auch bleich wirkte. Seine Kleider waren von schlichter, balkanischer Art – aber ich konnte nicht ausmachen, ob er darunter noch immer die magische Rüstung trug, die ihm bei seinem Sturz in die Schlucht das Leben gerettet hatte, dann aber mit seinem Leib verwachsen war. Nüchtern wog ich ab, dass es wohl möglich wäre, tödliche Schüsse auf den Schut abzugeben, selbst wenn die Rüstung dessen Leib kugelfest gemacht hätte. Auch war in mir nicht mehr der moralische Zwang gegeben, nicht auf einen erbarmungswürdigen Krüppel zu schießen – wenngleich ich mich sehr gut erinnerte, wie der Mübarek vor Jahren Mitleid erregte, als er in der Gestalt des Bettlers Busra an Krücken einhergestakst war und so die Güte der Menschen betrügerisch ausnutzte.
Und dann erinnerte ich mich an noch jemanden, der die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft von Menschen ausnutzte, und deren Hoffnung dazu. Die Hoffnung eines ganzen Volkes und die Freundlichkeit zweier Abenteurer, oder eher noch dreier, wobei der dritte am übelsten den Verrat gespürt hatte, denn Abdi war das Ohr vom Kopf geschnitten worden, bevor er durch die Lüfte entführt wurde, getragen von der Hexe.
Qendressa betrat den Turm, auf dem der Schut wartete.
Sie stellte sich ihm entgegen, in einer Pose, die erkennen ließ, dass sie sehr wohl wusste, dass sie ihm das Leben gerettet oder vielmehr sein altes Leben wiedergeschenkt hatte, indem sie ihn mit dem Heilkraut versorgte und dem Heiler dazu. Sie streckte wortlos die Hand aus. Der Schut hielt das Amulett in der seinen. Er begann mit kalter Stimme zu sprechen und deutete durch die Höhle. Halef und ich duckten uns hinter die Brüstung. Wir hörten, wie der Schut Qendressa schmeichelte und seinen Bruder schmähte.
Dann konnte ich unter dem Hall der Kaverne einige Sätze verstehen.
„Du willst meinem Bruder beistehen bei seinem lächerlichen Spektakel?“, rief der Schut. „Aber so sind die Hexen! Stets den Zauberern gewogen! Doch vergiss nicht, von wem du deinen Lohn erhältst!“
Qendressa schlug den schneidenden Ton an, den ich so gut kannte: „Das Amulett stammt nicht von dir!“
„Doch ich allein gestehe es dir zu!“, herrschte der Schut sie an. Und schloss höhnisch: „Oder auch nicht!“
Dann ein Schrei! Aus Qendressas Kehle. Halef und ich sprangen halb auf. In der Lichtsäule funkelte hell ein Gegenstand auf – das Amulett. Der Schut hatte seine Hand geöffnet und das magische Schmuckstück fiel, nein, stürzte – der Höhlendecke entgegen! Der Zauber, mit dem jene umgekehrte Kaverne geschaffen wurde, konnte die irdische Schwerkraft wohl nicht aufheben. Der blitzende Funke raste empor, traf auf den Fels in der Mitte des hellen Flecks aus Sonnenlicht und – zersprang! Schimmernder Staub stob auf und verschwand, noch bevor Qendressas Schrei verhallt war. Der Schut lachte. Qendressa sank beinahe in sich zusammen, schaute mit gebeugten Schultern schief nach oben, als lastete ihr magisch gezähmtes Alter mit einem Mal auf ihr – oder es war das niederdrückende Gewicht der zerplatzten Hoffnung …
Der Schut lachte: „Nun, Hexe, du musst mir noch etwas dienen, bis mein Bruder ein neues Amulett gefunden hat. Oder hat er es selbst geschaffen? Einerlei!“
„Einerlei!“, rief auch Qendressa. Und dann krallte sie mit einer Hand von unten nach dem Hals des Schut und riss ihm die Kehle auf.
Blut sprang hervor, in einem Strahl von Armesstärke, der im Lichtstrahl des Turms grell aufleuchtete. Der rote Schwall stürzte in der hellen Strahlensäule nach oben, folgte dem Pfad, den das schimmernde Amulett vor ihm genommen hatte. Jegliches Blut, das sich im Körper des Schut befand, wurde aus der klaffenden Wunde gerissen, wie aus einem zweiten Mund strömte das Leben aus dem Schurken, während sich seine Lippen darüber in lautlosem Schrei öffneten und erstarrten. Als der tote Leib des Schut auf die Plattform des Turms sackte, färbte das Blut hoch oben am Scheitel der Kuppel den Lichtkreis in den Basaltzähnen wie Purpur und Scharlach.
Qendressa blickte vom Leichnam des Schut auf und betrachtete ihre rotgefärbte rechte Hand – da riss sie den Kopf herum und sah in unsere Richtung. Ich spürte das Brennen in meinem Magen, und in meinen Ohren schwoll ein drückendes Summen auf. Qendressa hob die rote Hand und deutete auf mich.
Da bewegte sich etwas auf der Treppe hinter mir – nein, jemand! Haschim war plötzlich aufgetaucht – er war die Stufen heraufgehastet, ohne dass ich es vernommen hatte! Dann hörte ich Qendressas Fauchen. Sie hatte Haschim zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen – und sogleich als Magier erkannt. Und zudem als einen, der ihr überlegen war. Qendressa warf mir einen furchterregenden Blick zu, den ich trotz der weiten Entfernung sah, vielmehr aber spürte, dann sprang sie in den Lichtstrahl – und anders als das Amulett und der Blutschwall aus Hand und Hals des Schut, stieg sie nicht zur Höhlendecke hinauf, sondern fiel in den Turm hinein. Ihr Schatten verfinsterte den Kern der Lichtsäule und der grelle rote Fleck auf dem Basalt wurde für einen Augenblick dunkel. Dann verschwand der Schatten, die Lichtsäule schien hell und still. Qendressa war verschwunden. Ich wandte mich um und sah Haschim mit der Armbrust im Anschlag.
„Wolltet Ihr die Hexe …“
„Nein“, rief Haschim, doch sein nächstes Wort ging in einem gewaltigen Rauschen unter. Halef schrie erstaunt auf, ich wirbelte herum, sah nach oben und erkannte ein schwarzes Ross, das auf gewaltigen Schwingen die Luft der Höhle durchmaß. Das Windpferd! Und im Sattel, der ungewöhnlich hoch auf dem Widerrist, also nahe am Hals des Pferdes, angebracht war, damit die Flügel ungehindert schlagen konnten – saß Al-Kadir, mit wehenden Gewändern.
Woher waren das Flügelross und sein Reiter so plötzlich erschienen? Doch warum sollte ich rätseln, zumal auch Haschim so unvermittelt aufgetaucht war! Ich glaubte aber nicht, dass Al-Kadir durch den Tod des Schut oder den Schrei der Hexe herbeigerufen worden war – Al-Kadir wollte wohl mit diesem Auftritt seinen Forderungen gegenüber seinem Bruder Nachdruck verleihen oder ihm schlichtweg drohen. Wie auch immer, jetzt erkannte Al-Kadir den Leichnam des Schut auf dem großen Karaul, begriff wohl, wer dies getan hatte – sah im gleichen Moment aber auch uns drei auf dem kleinen Karaul des Turmrings. Das Windpferd schlug mit den Schwingen und flog eine weite Kurve, dann schwang es sich von der Luft getragen uns entgegen. Im Instinkt hob ich den Henrystutzen und zielte.
„Halt, erinnert Euch!“, rief Haschim und hob selbst die Armbrust mit dem eingelegten Pfeilbolzen, dessen Spitze heller schimmerte, als es blanker Stahl im Licht der Fackeln tun würde. Richtig: Nur das Gift des Thrakerwurms würde das Windpferd töten. Aber ich …
Jetzt zögerte Haschim! Und ließ die Armbrust sinken.
„Was …!“, schrie ich, verzweifelt und erleichtert zugleich.
„Schaut!“, sagte der Scheich, leise und ergeben. „Es ist kein Windpferd! Es ist, wie ich befürchtete. Es ist ein Burak! Schaut sein Haupt!“
Und tatsächlich! Mit Ehrfurcht und Staunen erkannte ich jetzt, als sich das Tier näherte, dass es zwar den Kopf eines Pferdes besaß – aber das Gesicht eines Menschen! Wie könnte ich je diesen Anblick beschreiben! Es war keine groteske Schimäre, kein Mischwesen aus Pferdehaupt und Menschenantlitz, sondern ein flackerndes Doppelbild, von welchem meine Augen stets nur einen Aspekt erkennen konnten, wenngleich unscharf, und wenn ich mich konzentrierte und genauer zu schauen versuchte, legte sich der gegenteilige Eindruck darüber.
„Den Burak kann das Gift nicht töten“, erinnerte mich Haschim.
„Aber ich Al-Kadir!“, rief ich und zielte mit dem Henrystutzen „Wenn er den Burak nicht lenkt, vielleicht …“
Haschim legte hart die Hand auf meine Schulter. „Es ist Euch nicht erlaubt, auf den Burak zu schießen. Und ich frevle, wenn ich Euch nicht daran hindere. Und Al-Kadir ist mein!“
„Sihdi! Er wird uns vom Turm fegen“, schrie Halef. Er schaute mich an und ich nickte. Halef sprang zur Treppe hin und ich folgte ihm, nach einem bitteren Blick zu Haschim.
„Al-Kadir ist Euer.“
Ich sah, wie Al-Kadir den Burak hoch über und vor uns auf der Stelle schweben ließ, die Schwingen schlugen machtvoll und wirbelten einen Strom eisiger Luft auf uns herab. Al-Kadir hob eine Hand.
Halef schrie! Hart war er auf blankem Fels aufgeschlagen – die Öffnung zur Treppe war verschwunden! Die Fackeln um uns begannen zu fauchen und ihre Flammen blähten sich auf. Im grellen Schein sah ich Haschims Augen aufleuchten.
„Al-Kadir ist mein!“, rief er und legte eine seltsame Betonung in den Satz. Er lächelte mich an – hob die Armbrust und drückte ab. Schwirrend sandte die Sehne den Pfeilbolzen durch die Luft – und traf Al-Kadir!
Es war seltsam zu sehen, wie zunächst der Körper des Zauberers zusammensackte und dann erst seine erhobenen Arme niedersanken, als habe die Magie ihnen Auftrieb verliehen wie die Luft den Schwingen eines Vogels. Ob der Burak jedoch tatsächlich den Auftrieb der Luft nutzte oder ebenfalls auf magische Weise flog – wie konnte ich dies wissen?
Was ich jedoch mit meinen eigenen Augen sah, war eindeutig: Ohne den Befehl oder die Führung seines Reiters besann sich der Burak oder besaß wieder seinen eigenen Willen. Er drehte ab, schlug mit den Flügeln, stärker als bei seinem Flug zuvor, als wolle er den Sattel und Al-Kadir abschütteln, doch es gelang ihm nicht. Der Flügelschlag wurde noch heftiger, das Rauschen in der Höhle ohrenbetäubend, ich spürte den Wind bis auf unseren Karaul herab – und dann erloschen alle Fackeln auf einen Schlag. Zwischen jenem Wimpernschlag, in dem meine Augen von der plötzlichen Dunkelheit blind wurden, und jenem, in dem ich die Höhle allein in der Helligkeit der Lichtsäule sah, war der Burak verschwunden.
Ich hörte Halef erschrocken rufen – beinahe wäre er in den wieder offen gähnenden Treppenschacht gestürzt. Im Zwielicht der Höhle fand ich den Blick Haschims. Ich nickte.
„Al-Kadir ist tot. Ein famoser Schuss, Haschim. Und unser aller Sieg.“
Halef murmelte Zustimmung und rieb sich die Knie.
Haschim senkte endlich die Armbrust. „Ein Sieg? Nur für den Augenblick, Kara Ben Nemsi.“
Ich stützte den Henrystutzen auf die Brüstung und lehnte mich daran. „Tötet das Gift des Thrakerwurms tatsächlich nur Windpferde? Keine Menschen? Aber der Pfeilbolzen …“
„Al-Kadir ist tot“, nickte Haschim. „Sein irdisches Leben ist erloschen. Aber wer im Sattel eines Burak stirbt, geht sogleich ein ins Paradies. Doch Al-Kadir hatte das, was Ihr eine schwarze Seele nennt, weshalb ihm das Paradies verwehrt ist. In die Dschehennah, in die Hölle, kann der Burak ihn jedoch nicht tragen – dies ist wiederum dem heiligen Wesen verwehrt. Aber der Burak kann Al-Kadir in das Reich der Geister bringen. Und dann befindet sich dort ein teuflischer Schurke mehr.“
„Aber er ist von der Erde verschwunden“, gab ich zurück. „Das ist mir genug.“
„O Sihdi“, seufzte Halef.
Plötzlich klang ein dumpfes Grollen aus der Erde – rings um uns! Und ein Gurgeln mischte sich darunter, das aus den Türmen zu dringen schien – außer unserem.
„Ist das der Fluss?“, rief ich besorgt und dachte an meine Befürchtung zuvor, dass die Höhlenkuppel einstürzen mochte und wir in den Fluten ertränken. Aber es war kein Wasser, das plötzlich aus den Türmen schoss – es war greller Feuerschein und flammende Glut. Entsetzt sah ich Haschim an. „Das Griechische Feuer? Ihr habt es entfesselt?“
„Nein“, gab Haschim zurück. „Es muss Al-Kadir gewesen sein. Vielleicht war sein Hass auf den eigenen Bruder so groß, dass …“
Halef schnaubte. „Er ist schlicht wahnsinnig geworden. Uns alle hier zu verbrennen!“
Er schaute mich mit riesigen Augen an, die in seinem im Flammenschein leuchtenden Gesicht glänzten. Aus den Türmen sprangen die glühenden Fontänen der Höhlendecke entgegen, doch bogen sie sich nach kurzer Strecke wie der Springquell eines artesischen Brunnens und spritzten tosend und glutend um die Fundamente der Türme. Um alle zwölf, nur nicht den unseren.
Haschim ging zur Treppe. „Das Griechische Feuer wird die Magie auslöschen, und dann dürfte dieser Ort nicht mehr zu betreten sein.“
„Existiert er überhaupt?“, fragte ich eilig. „Oder besteht er nur wegen der Magie?“
„So wie Euer Zelt“, gab Haschim zurück und wandte sich sogleich an Halef. „Euer Zelt, Halef.“
Halef nickte hastig, war schon auf der Treppe – dann hatte er die gedankliche Kette vollendet. „Abdi!“, rief er. „Er muss noch irgendwo im Karaul sein – oder ist er …“
Haschim hob beschwörend die Hände – wenngleich ich so einen Begriff wohl nicht mehr im übertragenen Sinne verwenden sollte – und sagte rasch und sanft: „Abdi geht es gut. Ich habe ihn aus dem Kerker des Schut befreit, so wie Ihr mich aus Al-Kadirs Kerker befreit habt. Und ich muss sagen, dass Abdi hier in angenehmerer Umgebung gefangen war als ich selbst dort.“
„Weil die Schurken Abdi noch brauchten“, nickte ich.
Halef atmete auf, legte aber sogleich die Stirn in Falten. „Hoffentlich ist noch etwas von dem Kräutlein übrig. Und hoffentlich wirkt es gegen Brandblasen.“
„Keine Sorge“, sagte Haschim. „Aber nun lasst uns gehen. Ich habe einen raschen Weg gefunden, als ich den Sarkojasth suchte.“
Wir liefen los, folgten Haschim, der uns leitete.
„Ihr habt den Sarkojasth gefunden? Er ist zerstört?“, fragte ich.
„Er ist unbrauchbar“, nickte Haschim. „Es war einfach. Ich musste nur den schem, das Schöpfungswort, auslöschen, das in das Holz geschnitten war. “
„Ähnlich des schem auf dem Pergament im Mund des Golem, den der Rabbi Löw einst in Prag erschaffen haben soll“, nickte ich.
„Ihr kennt die Legende.“
„Die nur eine Legende ist.“
„Wie Ihr meint, Kara Ben Nemsi“, gab Haschim zurück. „Wichtig ist, dass der Sarkojasth nun im Griechischen Feuer gänzlich verbrennen wird.“
Halef keuchte im raschen Lauf, der uns durch die Felsengänge führte. „Und wenn wir uns nicht eilen, verbrennen auch wir! Die Herren mögen ihre gelehrten Dispute unterlassen und rennen! Ich spüre schon das Feuer!“
Tatsächlich drang ein wabernder Schein durch die Gänge, der von den Wänden selbst herrührte. Es war, als bestünden sie nicht aus Felsen, sondern aus dunklem Glas, durch welches man ein grelles Feuer als mattes Leuchten erkennen konnte. Ob dies eine Wechselwirkung des Griechischen Feuers mit der Magie war – es mochte sein. Mir war nur wichtig, dass wir unseren Weg erkennen konnten. Denn die blauen Lichter an den Wänden der Felsengänge hatten einige Male geflackert und waren dann erstorben.
Um uns glommen die Wände – jedoch ohne dass die geringste Hitze zu empfinden war. Einzig unsere eiligen Schritte, das hastige Laufen trieben uns den Schweiß aus den Poren. Bald vernahm ich nur noch das Schlagen unserer Sohlen und das eigene Schlagen meines Herzens – der Lärm des Karauls war verstummt.
Und endlich schien ein Licht auf, ein natürliches Licht, das Licht des Tages!
Dann standen wir unvermittelt wieder an der Pforte am Flussufer, neben unseren Pferden.
Über uns drangen rauschende, brodelnde Laute aus dem Wald über der Schlucht, und über den Wipfeln waberte die Luft in der Hitze. Schon konnte man erste Flammenzungen sehen.
Doch bald mussten wir unsere Aufmerksamkeit von den Höhen abwenden, denn von jenseits des Flusses, dort, wo sich hinter der Brücke das Dorf befand, peitschten Schüsse auf, und weitere hörten wir von dem Weg, der durch den Wald hinauf zum Karaul führte. Ein Stakkato von Hufschlägen drang ebenfalls von dort herunter, dann sahen wir eine Staubwolke, und als sich diese lichtete, standen Reiter vor uns. Es waren die Skipetaren – sowohl die Brüder Bellios mit ihren blauen Filzkappen als auch die Löwinnen, die früheren Leibwächterinnen der Hexe Qendressa. Hinter ihnen ritten weitere Skipetaren heran. Auch vom Dorf her näherte sich eine Gruppe, zu Fuß und zu Pferde. Niemand hielt die Waffen im Anschlag, doch auch nicht völlig gesenkt – auch wir nicht. Mein Henrystutzen wog seltsam schwer, ich spürte einen ungewohnten Zweifel. Die Schüsse zuvor hatten zweifellos bedeutet, dass die Skipetaren sich ein Feuergefecht mit den Schergen des Schut geliefert hatten – oben vor dem Karaul und unten im Dorf. Und sie schienen siegreich gewesen zu sein, denn es war still, außer dem Brodeln des brennenden Karaul. Vor diesem Brand waren die Skipetaren den Berg hinunter geflohen, nicht etwa vor einer Übermacht an Söldnern mit der Koptscha, dem silbernen Signet des Schut: einem Kreis mit dem Czakan, dem Wurfbeil, darin.
Jetzt standen wir uns gegenüber, Blicke wurden ausgetauscht, die nicht feindselig waren, aber doch skeptisch, unsicher. Ich wusste nicht, wie Haschim die Skipetaren benachrichtigt hatte, noch weniger, mit welchen Worten er sie überzeugt hatte, zum Karaul zu kommen. Dies hatten sie rechtzeitig getan, und sie hatten zwar nicht die Freiheit von den Osmanen errungen, aber doch über jenen Mann, der sie gewiss noch grausamer unterjocht hätte. Vielleicht war es diese Erkenntnis, welche die Skipetaren trotz ihres Sieges nicht jubeln, sondern sie nüchtern und nachdenklich uns gegenüberstehen ließ.
Haschim entbot den Brüdern Bellios einen Gruß, den diese zurückgaben. Die Löwinnen schlossen sich an. Auch Halef und ich grüßten. Doch ich musterte die Gefährtinnen der Hexe. Wussten sie um den Verrat ihrer Herrin, waren sie eingeweiht gewesen – und kannten sie das Schicksal der Hexe? Ich kannte es ja selbst nicht. Sie war geflohen – wohin, das wusste nur sie. Ob sie wiederkehren würde, war ungewiss. Ich versuchte in den Gesichtern der Frauen zu lesen, doch sie schauten so streng wie zuvor, was aber nach einem bestandenen Gefecht nicht verwunderlich war.
Die Stille begann unangenehm zu werden. Halef wechselte von einem Fuß auf den anderen. Die Pferde der Skipetaren traten auf der Stelle.
Dann ein Ruf! Heiser, krächzend, aber fröhlich!
„Herr Kara! Herr Halef!“
Auf dem Weg, der von der Schluchthöhe zu uns führte, trabten zwei Maulpferde heran, eskortiert von einigen Skipetaren. Es war Abdi! Es gelang ihm, auf dem zotteligen Tier so stolz auszusehen wie ein siegreicher Recke auf einem Araberhengst. Und auf dem anderen schwankenden Rücken saß Schimin der Schmied, seine Frau vor sich, einen Arm schützend um sie gelegt. Halef und ich liefen der Gruppe entgegen. Die Brüder Bellios und die Löwinnen führten ihre Pferde beiseite, ein wenig lächelnd, schwach und erschöpft, aber immerhin. Durch dieses Doppeltor, mit jeweils einer Löwin und einem Bellios zur Rechten und zur Linken, schritten Halef und ich, und Abdi sprang aus dem Sattel und trat uns entgegen. Er sah geschunden aus, die Wunde seines abgetrennten Ohrs war schrecklich anzusehen, aber nahezu verheilt – mochte dies an dem Kräutlein liegen? Den Beutel damit trug Abdi nicht mehr am Gürtel – die Hexe hatte es ihm genommen und dem Schut übergeben, die Ergebnisse kannten wir nun.
Wichtig war, dass Abdi lebte – und sogar Schimin und seine Frau hatte befreien können.
Wir begrüßten uns herzlich – und es mochte sein, dass diese Darstellung von Vertrauen und Freundschaft die anderen berührte: Ein verhaltener Jubel kam auf, ein Rufen und Johlen, und dann krachten die Flinten und Gewehre in den Himmel, der sich verdunkelt hatte, von grauen Regenwolken und dem schwarzen Rauch des brennenden Karaul.
Wir hatten uns für die Nacht im Khan Kolamis eingerichtet. Die Skipetaren waren davongeritten. Haschim erklärte mir, dass er einen Bann von den Löwinnen genommen hatte, der ihnen zweifellos von der Hexe Qendressa auferlegt worden war, um sie unbewusst gefügig zu machen und alles Hexenwerk nicht zu bemerken. Ein allgemeines Vertrauen zwischen Skipetaren und eine persönliche Neigung ließen die Löwinnen dann mit den Brüdern Bellios eine Allianz eingehen, die ich schon in den Rhodopen bemerkte hatte und die sich nun, des Bannes entledigt, ihre Bahn brach.
Draußen hatte die Nacht begonnen, es regnete, aber die Schauer hatten das Griechische Feuer im Karaul und der Festung des Schut nicht löschen können. Ein heller Schein zeigte sich noch immer über der Felskante der Schlucht, als würde sich dort die Morgensonne erheben. Haschim sagte, dass das Feuer noch einen Tag und eine Nacht brennen würde und sich dann selbst aufgezehrt hätte. Bis dahin würde es aber im Innern der Felsen und Gemäuer bleiben und nicht auf die Wälder übergreifen, welche durch den Regen vor dem Brand geschützt wären. Haschim lächelte. Ich ahnte, dass er genau wusste, wovon er sprach.
Er bot Abdi an, sich um das Ohr zu kümmern. Halef hatte Abdi das Bündel mit dem Messer und dem abgetrennten Ohr mit betretener Miene überreicht. Abdi verkündete, dass er die Wunde tragen würde, bis er sich an der Hexe gerächt hatte. Das Messer würde ihm dazu dienen – für seine Kocharbeiten würde er es nie mehr nutzen, wohl aber, um es der Hexe ins Herz zu stoßen. Schimin erzählte, er habe einem reichen Mann einmal eine Nase aus Silber geschmiedet, er könne sich so etwas für Abdi ebenfalls vorstellen, nur eben als Ohr. Abdi lehnte ab – er wolle doch keine Diebe anlocken! Schimin berichtete auch, dass er es war, der die Übersetzung auf den Plänen und Zeichnungen angefertigt hatte. Der Schut hatte sie ihm vorgelegt, auf welchem Wege er auch immer daran gelangt war, und da Schimin auch in Wien seine Kunst gelernt hatte, konnte er zumindest die deutschen Zeilen in die serbische Sprache übertragen. Abdi hob die Brauen – Wien! Da war er doch auch einmal gewesen, im Gefolge des Sultans und …
Halef unterband den drohenden Wortwechsel. Dieser Schmäh hatte ihm bereits in der britischen Botschaft in Istanbul missfallen. Ich sah ihm an, dass er, zurück bei den Beduinen der Haddedihn, den dort wirkenden Lehrer Lohse wohl bitten würde, auch ihm einige deutsche Worte und Sätze beizubringen. Guter Halef! Er mag es nicht, wenn er nicht im Mittelpunkt stehen kann, außer er überlässt diese Position großzügig seinem Sihdi.
Ich besaß nun einen Plan der seltsamen Kesselöfen, in denen das blaue Feuer, die blaue Kraft, genutzt oder gebändigt werden konnte. Aber von deren Quelle, den blau leuchtenden, kugelförmigen Steinen oder Kristallen, von denen Schimin gesprochen und die der Schut als kalte Herzen bezeichnet hatte, wusste ich nichts weiter. Falls sich ein Vorrat davon im Karaul befunden hatte, würde das Griechische Feuer sie wohl verbrannt haben. Aber in den Fabriken des Schut, in den Tälern der Gebirge, fanden sich gewiss noch Reste. Wir würden uns dieser Dinge annehmen, wenn wir erst die Sklavinnen, die in den Fabriken zur Fronarbeit gezwungen worden waren, befreit hätten. Den Lageplan der Fabriken hatten wir ja in des Mübareks Haus in Ostromdscha erbeutet.
Abdi meldete sich zu Wort, als ich Ostromdscha erwähnte. Er hatte durch mich ja auch von Nebatja erfahren, der Kräutersammlerin. Er fragte, ob wir sie aufsuchen könnten, denn mit ihrer Hilfe mochte er wohl seinen Vorrat des Kräutleins wieder auffüllen. Es bestünde nämlich nicht allein aus einem einzelnen speziellen Gewächs, sondern erhielte seine Kraft zudem durch die Beimischung allerlei anderer Blätter und Pflanzen. Dies sei auch das Geheimnis, weswegen nie jemand außer seiner Familie über das Kräutlein verfügt hatte, und alle, die davon gehört hatten, jene einzelne Pflanze vergeblich in Büchern und in der Natur gesucht hatten. Ich nickte. Es sollte ja auch Menschen jenseits des indischen Subkontinents geben, die glaubten, es gäbe eine Kari-Pflanze, aus der allein man jenes berühmte Gewürz der Hindu-Küche gewönne, wenngleich es eben doch eine Mischung aus vielerlei Spezereien ist. Abdi lachte, hier war er in seinem Element. Aber als er allzu eifrig von einem gewissen Anglo-Inder erzählen wollte, gebot ich ihm doch Einhalt. Dieser Mensch war aus meinem Leben verschwunden, und ich war zufrieden so. Die Rache an einer gewissen Menschin, nein, Hexe, würde sich irgendwann vollziehen lassen. Und es gab noch andere, um die wir uns kümmern mussten, wenngleich freundschaftlich oder zumindest – geschäftlich.
Am nächsten Morgen würden wir nach Skutari reisen, um die Amerikaner Fontenoy und Beecher sowie auch einen toten Skipetarenfürsten zu treffen.
Drittes Kapitel Zu Gast in Skutari
Die Reise nach Shkodër, wie Skutari in albanischer Sprache genannt wurde, war für unsere Verhältnisse eine herrliche Landpartie. Wir mussten uns nicht übermäßig beeilen und brauchten nicht in magischen Zelten nächtigen, um kostbare Zeit zu sparen.
Beinahe fühlte ich mich wie der reisende Abenteurer, der ich früher einmal gewesen war, als ich die Magie und die Zauberei noch nicht kannte oder zumindest als Aberglauben verlacht hatte – und auch noch nie einer Hexe begegnet war.
Halef, Abdi und ich ritten über die sonnigen Landstraßen. Haschim hatte sich verabschiedet, um eigenen Dingen nachzugehen. Wir würden uns bald wieder treffen. Schimin und seine Frau waren endlich frei, körperlich und von Zwängen, und beide kehrten zurück nach Ismilan, damit Schimin in der alten Schmiede Deselims endlich wieder einer ehrbaren Arbeit nachgehen konnte. Mir hatte er zugeraunt, dass er dennoch ein schönes, silbernes Ohr für Abdi fertigen würde. Statt an Lederriemen um den Kopf, könne er es genauso an einer Kette um den Hals tragen, und kein Dieb würde es sogleich sehen können.
Einige Meilen vor Skutari ritten wir über die Ura e Mesit, die Brücke von Mes, welche die Osmanen im vorigen Jahrhundert erbaut hatten und deren Mittelbogen sich ebenso elegant buckelt wie der Höcker eines Dromedares. Daran, dass ich solche Dinge wieder heiter bemerkte, erkannte ich meine gelöste Stimmung. Das gefährliche Abenteuer war vorüber, die Schurken besiegt – oder zumindest nicht mehr in dieser Welt. Die Hexe würde sich in ihrem Hexenhaus verkriechen, wenn sie denn eines besaß. Sie hatte sich blutig und grausam am Schut gerächt, der sie verraten hatte. Mit uns sollte sie nach menschlichem Ermessen keine Händel, keine Fehde haben – wir hatten sie nicht verraten und auch keinen ihrer Pläne durchkreuzt. Dass sie am Ende nicht erlangt hatte, was sie wollte, hatte sie sich selbst zuzuschreiben: Einem Schurken zu vertrauen, ist niemandem anzuraten. Und sollte sie ihre edleren Ansinnen ernst gemeint haben – eine patriotische Reliquie könnten die Skipetaren auch von uns erhalten. Und was nun uns betraf: Wir hegten sehr wohl Groll gegen die Hexe. Denn sie hatte uns verraten und unseren Gefährten entführt, gar verletzt. Dies würden wir vergelten, sobald sich uns die Gelegenheit bot.
Wir erreichten Skutari. Und diese nicht kleine Stadt trägt, obwohl sie sich in der Nähe des Adriatischen Meeres befindet, einen durchaus orientalischen Charakter, was ja auf die meisten Orte des Balkan zutrifft. Skutari liegt teils in einer fruchtbaren Ebene, teils auf einer Hügelgruppe, welche diese Ebene begrenzt und auf ihrem höchsten Punkt ein verfallenes Kastell trägt, ein Schmuck, der vielen Orten, nicht nur auf dem Balkan, gegeben ist. Rings um die Anhöhe mit den Überresten der Burg Rozafa strömen die Flüsse Kir, Drin und Buna, und so ist es nicht verwunderlich, dass Skodra seit alters her eine wichtige Handelsmetropole ist. Da die Stadt sich zudem noch zwischen den Bergen und dem nach ihr benannten See befindet, war sie stets das sprichwörtliche Nadelöhr, durch welches sich die Linien der kaufmännischen Routen fädeln mussten.
Die Stadt selbst besteht eigentlich aus mehreren Dörfern, welche miteinander verbunden und deren Häuser fast ausschließlich aus Holz gebaut sind, aber vom Wohlstand der Bürger zeugen. Zudem zeigt sich hier wohl der deutlichste Ausdruck der albanischen Kultur, denn obgleich Skutari und das Land der Skipetaren zum Osmanischen Reich gehören, ist diese Gegend doch sehr weit von Istanbul und dem Herrscher der Hohen Pforte entfernt. Die alten Einflüsse der italienischen Venezianer und die jüngeren Einflüsse der habsburgischen Österreicher finden sich zwar auch im Bild der Stadt und ihrer Einwohner, bringen das Skipetarische aber noch deutlicher hervor.
Doch hier war unsere Reise zu Ende, weswegen ich nicht weiter den Baedeker, den Reiseführer, geben möchte.
Wir nahmen die uns bekannten Wege, über die Buna-Brücke und am Basarviertel vorüber, welche zum Haus von Henri Galingré führten. Dieser war Getreidehändler, ursprünglich aus Marseille, sehr wohlhabend und zudem ein Geschäftspartner von Isla Ben Maflei. Wir würden also wie schon in Stambul bei einem Mann aus dem Kreis unserer Freunde wohnen, die uns oftmals ihr Leben verdankten – und wir ihnen gefährliche Abenteuer, an welchen meine treuen Leser dank meiner Aufzeichnungen ebenso fiebernd teilhaben können.
Wir wurden herzlich und froh willkommen geheißen – nicht allein von der Familie Galingré, sondern auch durch Fontenoy und Beecher, die wohlbehalten angekommen waren.
Die Herren waren entspannt und neu eingekleidet, der Gastgeber hatte ihnen wohl die Adresse seines örtlichen Schneiders vermittelt, denn Fontenoy und Beecher hatten neue Anzüge in ihren favorisierten Stoffen: Beecher in unauffälligem Braun, Fontenoy in den hellen Streifen eines Südstaaten-Gentleman.
Sie überreichten Halef und mir feixend die geborgten grauen Nebeltücher – gewaschen und geplättet, mit jeweils einer Schleife aus hübschem Seidenband darum. Obwohl ich mich selbst auch als Westmann verstehe, werde ich doch den Humor der Amerikaner noch weniger begreifen als jenen der Engländer.
Die beiden Amerikaner führten uns, gemeinsam mit dem Hausherrn, zu der Remise mit den Wagen und Kutschen und jenem kleinen Lagerraum daneben, in welchem eine frisch gezimmerte Kiste stand. Sie war hoch und breit genug, dass darin wohl ein Mann würde sitzen können. Und tatsächlich war dies die neue Grabstätte des Skipetarenfürsten Lekë Dukagjini, zumindest vorläufig.
Und vorläufig war das Haus Galingré auch unsere höchst angenehme Behausung. Galingré nahm nicht nur Halef und mich als alte Freunde nur zu gerne auf, er und seine Frau gewannen auch den braven, heiteren Abdi sogleich lieb, und in dem Mann aus Louisiana erkannten sie nahezu eine verwandte Seele. Und weltgewandt wie sie waren, taten sie sich auch mit Beecher nicht schwer, der seinerseits ja ebenfalls weltgewandt war, mochte ihm das der eine oder andere engstirnige Zeitgenosse aufgrund seiner amerikanischen Herkunft und seines afrikanischen Aussehens auch nicht zugestehen, wenn nicht gar absprechen wollen. Wie sehr genieße ich es doch, unter verständigen Menschen zu sein, die ein offenes Herz und einen offenen Verstand haben. Und mit solchen Menschen ist auch herrlich gemeinsam speisen.
So wurden wir zum Essen geladen, als Gastgeschenk hatten wir viele Erzählungen über unsere Abenteuer mitgebracht. Wir waren gelöst, wir waren unter Freunden und wir wurden herrlich bewirtet. Man mag nun durchaus erwarten, in einem französischen Haus auch französisch zu speisen, doch wenn sich dieses Haus nicht auf französischem Boden befindet, wird dieser Erwartung nicht immer entsprochen. Es war aber nun so, dass die Familie Galingré im Gegensatz zu anderen Europäern, die im Ausland lebten, keine einheimischen Bediensteten besaß, sondern wie in der Heimat einen rein französischen Haushalt führte. Es gab französische Hausmädchen, einen französischen Herrschaftsdiener, ebenso einen Kutscher und einen Gärtner und – wohl am wichtigsten – eine französische Küchenfrau, die aufgrund ihrer Kochkünste jedoch zweifellos im Status eines maitre de cuisine stand und somit eine maitresse de cuisine genannt werden sollte, wobei ich aber den Titel madame de cuisine vorziehen würde. Zu den Wunderdingen, die sie vollbrachte, will ich mich gleich äußern. Denn ich möchte hier das etwas rüde Wort des großen Goethe abwandeln, welches da lautet: „Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern.“ Mir ist nun alles Chauvinistisch-Nationale fern, und dies nicht nur, weil ich die Galingrés als Freunde errungen hatte und sehr schätzte. Zudem möchte ich die durchaus mögliche Liebe eines Deutschen zu den Franzosen nicht nur auf die in der Tat vorzüglichen Produkte der gallischen Reben und welschen Fässer beziehen, sondern eben auch auf jenes, was die Töpfe und Pfannen der französischen Herde verlässt. Ich habe nun rund um den Erdkreis gegessen, ja geschmaust – und wie könnte ich da die französische Küche schmähen! Wobei ich natürlich nicht die überzogen-verfeinerten Speisen der berühmten Restaurants und famosen Hotels meine, sondern das, was der Franzose meint, wenn er sagt: On ne mange bien que chez sois – man isst nur daheim gut, was also ein Lob der Hausmannskost bedeutet.
Aber man fragt sich zu Recht – wie kann denn bei Franzosen im Ausland wie zu Haus in Frankreich gegessen werden? Nun, im speziellen Fall der Galingrés verhielt es sich so: Sie waren nicht einfach Franzosen, sondern Südfranzosen und zudem aus Marseille. Wie ich schon früher erwähnte, und um mich selbst zu zitieren: „Der Bewohner der größten Stadt Südfrankreichs besitzt ein volles Recht, auf dieselbe stolz zu sein. Sie hat ein mildes, ein herrliches Klima, ägyptisch klare Nächte und trotz ihrer südlichen Lage eine Luft, welche von ewig gleicher Frische ist. Hier strömen alle Nationen der Erde zusammen, der zugeknöpfte, ernste Englishman, der feurige Italiener, der smarte Yankee, der listige Grieche, der verschmitzte Armenier, der dickblütige Türke, der wortkarge Araber, der schmächtige Hindu, der zopftragende Chinese und der in allen Farben vom schmutzigen Dunkelbraun bis zum tiefsten Schwarz spielende Bewohner Innerafrikas. In dem bunten Gemisch von Rassen, Farben, Trachten und Sprachen herrscht hier der orientalische Typus vor; er erteilt Marseille jenes asiatisch-afrikanische Gepräge, welches man in einer andern Hafenstadt Frankreichs vergebens suchen würde. Wer hinüber nach Algier oder Tunis will, der findet hier die beste Gelegenheit, sein Auge auf die Farben und sein Ohr auf die Klänge des anderen Erdteils vorzubereiten.“
Und dies findet seinen köstlichen Widerhall auch in der Küche Marseilles, die nicht nur südfranzösisch, also provenzalisch ist, sondern die Geschmäcker und Gerüche des weite Gestade umgreifenden Mittelmeerraums aufgesogen hat. Und damit sind eben nicht allein die europäischen Länder Italien und Spanien gemeint, sondern auch Maghreb und Levante, also Nordafrika und das Morgenland. Da es in der Tat so ist, dass auch die Religionen sich auf den Gaumen auswirken, eben wegen der Vorschriften für Zutaten und Zubereitung, findet sich in Marseille ein geradezu ökumenisches Buffet angerichtet: Sephardische Juden, orthodoxe Griechen und christliche Armenier geben ihre Vorlieben zu den vorgenannten katholischen Romanen und muslimischen Orientalen.
So hatte also die Köchin des Hauses Galingré keine Mühen, hier im osmanischen Skutari genauso zu kochen wie in der früheren Heimat, sodass Gastgeber und Gäste stets überaus zufrieden waren und niemand mit dem Gaumen fremdeln musste. Unter meinen Begleitern meinte ich damit natürlich nicht die beiden Amerikaner, die sich schon zuvor auf ihren Reisen durch die Küchen des kontinentalen Europas gegessen hatten und im Falle von Fontenoy ohnehin aus dem kulinarischen Schmelztiegel des amerikanischen Südens stammten, in welchem sich britische, französische und afrikanische Kochtraditionen gemischt hatten. Auch meinte ich nicht den Türken Abdi, der ein vortrefflicher, gelehrter Koch war und zudem Wien und Paris bereist hatte. Nein, da war ja auch noch mein lieber, guter Halef, der stolze, arabische Beduine, der jedoch deren karge Kost gewohnt war, diese schätzte und allem anderen gegenüber stets sehr skeptisch war, wenn es nicht den drei arabischen Geschmacksvorlieben, des sehr Süßen, sehr Fettigen und sehr Gewürzhaften entsprach. Man könnte also erwarten, dass ein Araber und die französische Küche aufs Unschönste kollidieren könnten – wenn es eben nicht die zuvor beschriebene Küche Marseilles gewesen wäre.
Und so war Halef nichts weniger als begeistert! Das Entrée, die Vorspeise, bestand aus Fougasse, dem flachen provenzalischen Brot, welches sein Gegenstück in der italienischen Focaccia hat und dem willigen Orientalen als Entsprechung seines Fladenbrots gelten kann. Schmackhaft gemacht wurde dies durch die Beigaben von Anchoïade, einer Paste aus Sardellen, Knoblauch und Olivenöl, sowie Tapenade, einer Paste aus Oliven, Kapern und Olivenöl. Besonders begeisterte Halef sich für Panisse, kleine Würfel aus Kichererbsenbrei, die in Öl frittiert worden waren und so nichts anderes darstellten als jenes, was der Araber als Falafel oder Ta’amia kennt. Weiterhin wurden allerlei gekochte Gemüse und auch Eier gereicht, dazu die kräftige Tunke aus Öl, Eigelb, Zitrone und Knoblauch, die der Franzose Aïoli nennt und die dem Provenzalen das ist, was dem Normannen seine Butter bedeutet.
Unsere Tischgespräche drehten sich um diese Köstlichkeiten, und wer hätte in Halef einen solch begeisterten kulinarischen Redner erwartet? Als nun auch noch Les pieds et paquets serviert wurden, ein Gericht aus Blättermagen, also dem Pansen des Schafs, eingerollt und mit Knoblauch und Petersilie gefüllt – der traditionelle Schweinespeck war für die muslimischen Gäste durch geeigneteres Fett ersetzt worden –, war Halef den Tränen der Rührung nah. Denn die Beduinen halten Schafe und Lämmer hoch in Ehren, zumal deren Wolle ihnen Kleidung, Zelte und Einkommen sichert.
Der Hausherr Galingré lächelte und wies auf die Beilage hin, ein Gericht aus Pilzen, die ich als Semmelgelbe Stoppelpilze erkannte, welche im Französischen aber Pied-de-mouton, Schafsfuß-Pilz, heißen. Der Araber an sich ist nun mit Pilzen nicht sonderlich vertraut, aber ein vergnüglicher Name hat schon oft den zögerlichen Gaumen gelockert.
Dies war auch ein guter Weg zum Hauptgericht des Abends, den mein tapferer Halef nun einmal beschreiten musste. Denn nun bekam es der Sohn der Wüste mit Geschöpfen aus dem ihm so fremden Element, dem Meer, zu tun. Es wurde uns die berühmte Marseiller Fischsuppe kredenzt, die alle Welt unter dem Namen Bouillabaisse kennt. Deren Farbenpracht und Symphonie aus Aromen ist zu Recht berühmt, und auch die Art der Darreichung ist bestechend: Die reichhaltige Brühe wird nämlich getrennt von den Fischen, Gemüsen und Kartoffeln serviert. Dies ist eine französische Eigentümlichkeit, die sich auch im pot-au-feu mit Rindfleisch und dem sprichwörtlich gewordenen Sonntagshuhn wiederfindet – während der Deutsche seinen Eintopf eben in einem Topf oder einer einzelnen Suppenschüssel belässt, wenn er zu Tisch kommt. Auf unserem Tisch nun gab es zu beiden Gängen geröstetes weißes Brot und eine neuerliche Tunke, mit den Aromen und Farben von Eigelb, Olivenöl, rotem Pfeffer und Safran sowie dem unvermeidlichen Knoblauch.
Galingré betonte die Besonderheit des Gerichts: dass die Bouillabaisse stets aus so vielen verschiedenen Seefischen und Meeresfrüchten wie möglich bereitet würde, es aber eine Sache der Ehre sei, für jeden weiteren Gast noch eine weitere Sorte Schuppentier beizufügen, und es deshalb nachgerade wundervoll sei, einen so reich besetzten Tisch zu haben. Halef fühlte sich geschmeichelt und nahm deswegen seine Scheu vor den gekochten Meeresbewohnern zurück.
Als ich aber ahnte, dass Galingré nun die mannigfaltige Fischersbeute komplett aufzählen wollte, die den Weg in den großen Topf gefunden hatte, ließ ich ihn nur für eine Weile gewähren. Ich sah nämlich, dass Halefs Miene sich merklich veränderte, bei jedem der seltsamen Namen: Rotbarbe, Petersfisch, Meeraal und Merlan waren hier noch die harmlosesten, auch Languste, Kaisergranat, Garnele und Miesmuschel. Als es dann aber zum Knurrhahn, Seewolf, Wolfsbarsch und Seeigel kam und mit Rotem Drachenkopf, Braunem Drachenkopf und Seeteufel weiterging – da wurden Halefs Augen groß und sein Mund klein. Er hatte alles sehr gut verstehen können, da Galingré ja Türkisch und Arabisch sprach, und falls ihm ein Begriff fehlte, Abdi sogleich aushelfen konnte. Ich konnte Galingré gerade noch Einhalt gebieten, als er in seiner Begeisterung erwähnen wollte, wie stolz er sei, sogar araignées de mer erhalten zu haben, eine besondere Köstlichkeit. Ich bezweifelte aber, dass Halef noch ein Gericht hätte genießen können, das Seespinnen enthielt, wenngleich diese auch nur eine Art von Krabben sind. Und die Erwähnung der weiteren Zutaten, nämlich weißen Wein und Pastis, einen Anisschnaps, unterband ich ebenfalls. Es wäre mir zu anstrengend gewesen, Halef davon zu überzeugen, dass während des Kochvorgangs aller Alkohol verdunstet wäre und sich allein die Aromen erhalten hätten.
Aber am Ende speiste auch Halef mit Genuss, selbst wenn es zunächst nur dazu kam, weil Abdi ihn in kecken Worten herausforderte, neben seinem stets vorhandenen Kampfesmut doch auch kulinarischen Mut zu zeigen. Wie gut also, dass man Halef stets an der Ehre packen konnte, und sei es nur zu seinem Besten, nämlich dass er ein köstliches Mahl nicht verschmähte.
Die Tischfreuden endeten mit schwarzem Kaffee und kleinem, bootsförmigem Gebäck, wiederum eine Marseillaiser Spezialität, parfümiert mit Orangenschale. Halef war so weit zufrieden und satt, dass er milde und nachsichtig war, als wir anderen auch ein wenig Cognac genossen. Beim anschließenden Rauchen sprach er wieder mit uns gemeinsam dem lässlichen Laster des Tabaks zu.
Spät am Abend bezogen wir unsere Quartiere und schliefen herrlich bequem auf weichen Federbetten ein.
Die französische Standuhr im Salon schlug die halbe Stunde nach Mitternacht, als wir aufschreckten. Im Haus war Tumult! Wir sprangen aus den Betten, mit bloßen Füßen und im Hemd, griffen nach den Revolvern und rannten auf den Gang hinaus. Halef und ich mussten uns kurz orientieren – Galingré hatte sein Haus ein wenig umgebaut, allerdings wesentlich geschmackvoller, als es dem Schut mit seinem Karaul je möglich gewesen wäre. Und statt der bläulichen Lichtkugeln brannten nur einige vereinzelte, niedergedrehte Lampen als Nachtbeleuchtung. Wir folgten dem Lärm und erkannten, dass er aus den Räumen Galingrés selbst kam. Vor uns hatten zwei weitere Schatten bereits die Tür erreicht und stürzten hinein – es waren Fontenoy und Beecher, welche in einem näherliegenden Zimmer untergekommen waren. Halef und ich erreichten ebenfalls den Durchgang, aus dem ein blasses, weißes Licht drang, in dem Schatten tanzten – und Schreie gellten!
Wir prallten gegen den Türrahmen, die Revolver erhoben, und sahen die unglaubliche Szene: Das Fenster stand offen, die Vorhänge wehten – keine Lampe, keine Kerze war entzündet, und doch flackerte weißes Licht gegen Decken und Wände, wie zitterndes Mondlicht, wie Sternenlicht! Im Bett, unter dem Baldachin, kauerten die Eheleute Galingré, die Laken als dürftigen Schutz vor sich, die Gesichter so weiß wie das Leinen.
Im Raum rangen drei Menschen. Beecher hielt den Revolver in der Faust, eine blasse Hand krallte sich um sein Handgelenk. Fontenoy schwang die blanke Klinge, deren Griff der Pelikanknauf seines Stockdegens war. Funkensprühend kreuzte sich der Stahl mit einer Hakensichel, deren Stockgriff in der Faust des Angreifers steckte – und an dessen kalt glühenden Augen erkannte ich: Hamd el Amasat!
Einige Herzschläge währte der Kampf – wir konnten nicht eingreifen, nicht schießen, denn wir hätten die Amerikaner verwunden, ja töten können. Dennoch warfen Halef und ich uns in den Raum, zerrten die Galingrés aus ihrem Bett, um sie hinter uns zu drängen und mit unseren Körpern zu schützen – wer wusste, was geschehen würde, ob Hamd el Amasat noch Helfer hatte oder ob ihm noch andere Teufeleien gegeben waren, außer den Sternen des Scheitan, die ihn, den einst Geblendeten, wieder sehend machten und gleichzeitig den Raum schaurig beleuchteten.
Mit einem Knurren schlug Hamd die Hakensichel in schrecklichem Hieb gegen den Pelikandegen und prellte ihn Fontenoy aus der Hand. Der Stahl klirrte zu Boden, Fontenoy duckte sich und griff hastig nach dem Knauf. Beecher langte mit der freien Hand nach Hamds Kehle, konnte nur die Schulter fassen, brachte seine Revolverhand aber in geeignete Position und drückte zweimal ab. Die Schüsse donnerten los, ein scharfes und doch dumpfes Klirren klang auf, dann heulten zwei Bleikugeln als Querschläger durch den Raum, zerschlugen einen Krug auf dem Waschtisch und das Glas einer gerahmten Fotografie.
Beecher keuchte entsetzt und schreckte zurück, Fontenoy stach von unten mit dem Degen nach Hamd, verfehlte ihn und erstarrte ebenfalls in Schrecken. Die Kugeln hatten Hamds Augen getroffen, beide, und mitten hinein – aber das Blei war von den Scheitanssternen abgeprallt. Die leuchtenden Augen waren gesplittert, winzige Blitze schossen heraus, die uns blendeten – doch Hamd konnte noch sehen, verspürte wohl auch keine Schmerzen. Er schwang noch einmal den Stock mit der Hakensichel, gegen Fontenoy, gegen Beecher, um sie abzuwehren, sie weichen zu lassen, und traf sogar den Revolver Beechers, dessen Hand im Schrecken erschlafft war und die Waffe fallen ließ. Hamd sprang zum Fenster – Halef und ich hätten auf ihn schießen können, doch die Galingrés klammerten sich entsetzt an unsere Arme und Schultern – zu dumm! Doch wer hätte es ihnen verdenken können!
Noch einmal schaute Hamd el Amasat uns mit seinen Sternenaugen an, dann sprang er aus dem Fenster, und mit einem wilden Ruf und lautem Hufschlag verschwand er.
Mit Mühe konnten wir uns fassen – zum Glück waren alle unverletzt. Fontenoy und Beecher rappelten sich auf. Wir beruhigten die Galingrés und versuchten eilig, das Geschehene zu ergründen: Hamd hatte sich in das Zimmer geschlichen, wohl um Rache zu nehmen, da er sie nicht an Omar Ben Sadek hatte üben können. Doch die Galingrés verneinten – er hatte ihnen wohl nichts tun wollen.
Nur weil die Amerikaner so rasch zur Hilfe eilten, entgegnete ich. Nur deshalb hatte das Scheusal nicht zuschlagen können! Die Galingrés nickten verwirrt Zustimmung, wenngleich nun in mir selbst Zweifel aufkamen.
Endlich sorgte jemand für Licht! Und schloss das Fenster. Wir mussten uns fassen und klar denken. Da rief Halef und zeigte. „Schau, Sihdi!“
Auf einem kleinen Tisch, der mit einer weißen Spitzendecke geschmückt war, stand eine kleine Vase, mit Blumen aus Galingrés Garten darin. Davor lag, ein harscher Kontrast zum Weiß der Spitzendecke, ein schwarzer Handschuh, lang und aus Seide. Wie vom Abendkleid einer Dame. Und darauf lag ein winziges goldenes Schmuckstück. Die Figur eines Ziegenbocks mit geschwungenen Hörnern, das Zeichen der albanischen Fürsten. Wer ein Collier aus solchen Figuren vor Jahrhunderten besessen hatte, war unklar. Wer es jüngst getragen hatte, wusste ich genau.
„Die Hexe!“, rief Halef. „Sie hat uns nicht vergessen.“
Ich nickte.
„Sie wird dies bereuen.“ Meine Worte klangen harsch. Ich war empört, dass unsere Freunde, die braven Eheleute Galingré, in ihrem trauten Heim einen solchen Überfall hatten erleiden müssen. Sie mochten nicht bedroht worden sein, es war nichts gestohlen worden, und den einzigen Schaden an ihrem Hab und Gut hatten die Kugeln der zur Hilfe eilenden Gäste verursacht. Aber es waren eben auch wir gewesen, die Hamd el Amasat in dieses Haus geführt hatten, in welchem wir logierten, weil uns die Galingrés so freundlich gastfrei hielten. Und nun herrschte Tumult: Das nächtliche Haus war aus seiner Ruhe gerissen. Der ältliche Gärtner kam mit seiner noch älteren Schrotflinte heran, mit der er gemeinhin allerlei störendes Getier von den Beeten und Rabatten fernhielt. Dann folgte die resolute Küchenmadame mit dem Küchenbeil, bereit, es genauso gegen Einbrecher einzusetzen wie sonst gegen Hühnerhälse und Fischköpfe. Der Kutscher war mit der Büchse bewaffnet, mit der er sonst seinen Herrn und dessen Waren vom Wagenbock aus verteidigte. Er schien auch damit umgehen zu können, aber er kam nun doch zu spät an den Ort des Geschehens, was ihm aber nicht als Feigheit anzulasten war. Denn nicht nur waren ja etliche veritable Abenteurer und Kämpfer unter dem Dach Galingrés zu Gast, die auf Gefahren und Alarm nun einmal rascher und erfahrener reagieren, nein, er schien anderweitig verhindert gewesen zu sein. Ich bemerkte nämlich, dass eines der Dienstmädchen, die ohnehin als Letzte eintrafen und scheu und ängstlich dreinschauten, durchaus nicht so verschlafen wirkte wie die anderen. Darüber kann ein jeder denken, was ihm beliebt. Man möge aber nicht allein nach dem urteilen, was die Franzosen ein cliché nennen, wenngleich ein solches sich ja dadurch auszeichnet, dass es meist der Wahrheit entspricht.
Wir hatten einiges damit zu tun, die Anwesenden zu beruhigen. Mehr als Worte halfen jedoch die probaten Mittel der Köchin: In kürzester Zeit waren erneut Kaffee und Cognac serviert, was uns gleichermaßen anregte und beruhigte und auch wieder in jene gelöste Stimmung versetzte, die nach dem Abendessen geherrscht hatte. Dies half den Gastgebern, über ihren Schrecken hinwegzukommen. Wir Gäste hingegen vergaßen natürlich nicht, was dieses nächtliche Ereignis zu bedeuten hatte und zu welchen Aktionen es uns führen würde.
Zunächst aber begaben wir uns allesamt erneut zur verdienten Ruhe. In dieser Nacht geschah nichts mehr, was die Galingrés beunruhigte. Allein ich wurde heimgesucht.
Viertes Kapitel Nächtliche Visite
In dem Raum, welcher mir und Halef als Gästezimmer diente, standen ein einzelnes Bett und an der gegenüberliegenden Wand ein Diwan. Die Gastgeber hatten mir die prächtige Bettstatt zugeeignet, deren Giebel, also die hochaufragenden Paneele von Betthaupt und Fußstück, reich und geschmackvoll mit Schnitzwerk verziert waren. Ich war allerdings froh, dass das Bett keinen Himmel besaß, weder einen kleinen am Kopfende und schon gar keinen mit vier Pfosten, denn auch wenn ich ein gutes Bettzeug zu schätzen weiß und mein Haupt auch gerne auf ein Federkissen bette, so bin ich doch der Ansicht, dass man den Luxus eines Bettes doch daran messen sollte, was man spüren kann, denn im Schlaf schaut man nicht umher.
Den Diwan sollte Halef als Ruheplatz nutzen, und er hatte diesen auch höflich angenommen. Als wir uns aber zum Schlaf begaben, nahm er die Decken und Kissen und richtete sich ein Lager auf dem teppichbedeckten Parkett ein.
„Ihr Europäer“, urteilte er mir gegenüber, „mögt ja gern wie im Himmel schlafen, hoch über der Erde und auf künstliche Wolken gebettet. Wir Orientalen aber sind viel lieber der Erde nah, dort, wo unser Platz zu Lebzeiten ist. Und da wir genau wissen, dass wir durch unsere Taten und Allahs des Barmherzigen Güte dereinst in den Himmel kommen, brauchen wir nicht jede Nacht einen Vorgeschmack darauf, wie ihr, die ihr euch anscheinend des Paradieses nicht so sicher seid …“
Es war nach dem köstlichen, ausgiebigen Mahl gewesen und dem langen, heiteren Abend, als Halef dies, satt und müde, vor sich hinbrummte. Ich nickte, als ich mich der Stiefel entledigte, und war zugegebermaßen ein wenig zu mundfaul, um ihm etwas zu entgegnen. Schließlich wusste Halef genau, dass nicht alle Europäer auf weiche Polster gebettet schlafen können und dies ohnehin nicht aus metaphysischen Gründen geschieht. Und dass ich sogar vermag, auch ohne Kissen und Teppiche auf dem nackten Boden zu schlafen, ist Halef nur zu gut bekannt. Nun, er redete eben so vor sich hin, wie es seine Art ist. Dann und wann schaute er zu mir herüber, genauer, an mir vorüber. Ich glaube, dass er aber nicht das geschnitzte Betthaupt beschaute, sondern das Gemälde, das darüber an der Wand hing. Ich hatte dem etwas süßlichen Motiv, das eine galante Szene aus dem Rokoko zeigte, nur wenig Beachtung geschenkt: zu viele Farben, zu viele Schnörkel und Blumen für meinen Geschmack. So kann ich auch nicht sagen, ob es überhaupt ein Gemälde war oder nur eine sehr gute Farblithografie. Zudem war die Lampe schon niedrig gedreht und das Licht gedämpft.
Schließlich streckte ich mich auf dem Leinenlaken aus und zog mir behaglich die Bettdecke über die Brust – denn trotz des Sommers war es in Skutari dank des nahen Sees und der Berge angenehm kühl. Ich streckte den Arm aus und löschte die Lampe.
„Gute Nacht, Halef“, sagte ich ironisch. „Träume süß vom Paradies und dessen Schönheiten.“
Halef murmelte etwas, aber ich verstand es nicht mehr, denn auch ich war sogleich eingeschlafen.
Dann geschah der nächtliche Überfall.
Anschließend hätten wir auch bis zum Morgengrauen wachen können, doch der kluge Abenteurer nutzt die Gelegenheit zum Schlaf, wann immer sie sich bietet, um Kraft für den nächsten Tag zu schöpfen. Wir hatten die Galingrés und auch ihre Bediensteten soweit beruhigt und ihnen versichert, es drohe keine weitere Gefahr, sodass auch Kutscher, Gärtner und Köchin wieder zu Bett gingen. Diese hatten zunächst Wache schieben wollen – was wir als Gäste und gestandene Männer jedoch nicht hatten zulassen können: Wir wollten keinen übermüdeten Haushalt erzeugen. Ob aber die guten Leute trotz dieser Ereignisse in den Schlaf würden finden können, lag nicht in unserem Ermessen. Wir hingegen, die wir das extreme Wechselspiel zwischen Aufregung und Ruhe nur zu gut kannten, vermochten rasch wieder zu schlummern. Aber süß und entspannend war dies wohl nur für Halef. Ich selbst wurde erneut geweckt, wenngleich ich nicht zu sagen vermag, ob ich tatsächlich wach war oder träumte.
Es war deutlich vor Morgengrauen, als ich unvermittelt erwachte. Ich blieb zunächst still und reglos liegen und lauschte. Dies ist meine Gewohnheit, die ich mir über Jahre und Jahrzehnte des Schlafens im Freien angewöhnt habe und auch nicht in behaglichem Quartier ablegen kann. Ich prüfte also, ob ich etwas hören oder einen anderen Hinweis darauf erhalten konnte, was mich geweckt haben mochte. Doch es war und blieb still. Dies war seltsam. Ich schaute zu den Seiten und wandte dann behutsam den Kopf. In der Dunkelheit des Zimmers konnte ich die Pendeluhr auf der Kommode nicht erkennen, aber ich vernahm auch nicht deren leises Ticken, welches Halef – wer hätte dies geahnt? – trotz des ungewohnten Klangs und Taktes als sehr beruhigend und durchaus schlaffördernd empfunden hatte. Auch Halefs Schnarchen konnte ich nicht hören, aber ich hatte dann und wann bereits erlebt, dass mein wackerer Holzarbeiter, der manches Sägewerk des sächsischen Erzgebirges übertönen konnte, eine geräuschlosere Schlafposition eingenommen hatte.
Möglicherweise war Halef aber auch einem Bedürfnis gefolgt und hatte das Zimmer verlassen, obwohl ich sein Aufstehen und den Gang zur Tür eigentlich hätte bemerken müssen. Ich wandte den Blick wieder nach vorn. Meine Augen hatten sich an das schwache Licht gewöhnt, das durch Fenster und Vorhänge in das nächtliche Zimmer fiel. Ich sah auf das Fußbrett am Ende des Betts, erinnerte mich daran, dass ich somit weder den Diwan erblicken konnte noch Halef, der davor sein Lager bereitet hatte. Bevor ich mich aber aufstützen und halb erheben konnte, richtete ich den Blick auf die Kante des Fußbretts und – erschrak. Ja, ich erschrak, denn diesen Anblick hatte ich nicht erwartet.
Ich sah die Zehen zweier schlanker Füße, die sich auf die schmale Kante stützten. Allein mit den Ballen fanden sie Halt, die Sohlen und Fersen schwebten dahinter im freien Raum jenseits des Bettgestells.
Hastig richtete ich mich auf. Jemand hockte wie ein menschengroßer Vogel auf dem Fußbrett meines Betts. Es war eine Frau. Es war Qendressa, die Hexe.
Aber wie sehr hatte sie sich verändert!
Deutlicher, als es das Licht im Zimmer hätte erlauben dürfen, erkannte ich ihre Gestalt. Oder vielmehr das Gewand, welches ihre Gestalt verhüllte. Es war schwarz und floss über ihre Schultern an ihrem Leib hinab, fiel vorn bis auf den Spann der Füße und dahinter weit nach unten, wie die Schwanzfedern eines Raben. Auch ihre Arme waren von dem weit bauschenden dunklen Stoff verborgen, und auch hier schienen es nicht die Ärmel eines Kleids zu sein, die ich sah, sondern Rabenschwingen. Einzig die schlanken Hände zeigten sich bleich vor dem Schwarz, lagen locker, aber dennoch krallengleich auf den Knien der angewinkelten Beine, alles nicht erkennbar unter dem finsteren Gewand vor dem Hintergrund des finsteren Raums.
Qendressa schaute mich an. Ihre grauen Augen blickten stechend aus einem dunklen Abgrund hervor, den ein Rahmen aus tiefschwarzer Antimonschminke auf Lidern und Augenwinkeln hervorrief. Das lange, rabenfarbene Haar verdeckte halb ihre Züge. Diese selbst schienen härter und strenger als zuvor. Ich wunderte mich, wie in jener kurzen Zeit, seit ich die Hexe das letzte Mal gesehen hatte, aus den kurzen Locken ihres Kopfes diese wohl hüftlangen Strähnen hatten werden können. Aber die schärfer gezogenen Konturen ihres Gesichts und die kaum erkennbaren Fältchen ließen mich etwas ahnen. Die Hexe bemühte sich wohl nicht mehr, vermittels eines anstrengenden Zaubers den Schein der Jugend völlig zu wahren. Wie weniger zehrend die Magie sein mochte, wenn sie weniger fehlende Jahrzehnte vorzutäuschen hatte, wusste ich nun nicht, und ich hatte auch keinerlei Vorstellung von jener Hexerei. Es mochte jedoch einen Grund dafür geben, dass die Frau nun nicht mehr wirkte, als habe sie bislang gerade einmal zwei Jahrzehnte und ein halbes auf Erden gewandelt, wie es bisher den Anschein gehabt hatte. Nun schien sie älter, als ich selbst es war, um mindestens zehn Jahre. Und dieses Altern, geradezu über Nacht, würde auch erklären, warum ihr Haar bis zu dieser Länge hatte wachsen können. Ich glaubte nun auch, einige graue Linien im Schwarz zu erkennen, die von den Schläfen ausgingen, welche mir aber doch zu akkurat und schmückend schienen, als dass sie ganz natürlich sein konnten. Auch war ich mir nicht mehr sicher, ob die Schwärze um ihre Augen tatsächlich von orientalischer Kosmetik herrührte. Ich hatte bei dem Anblick wohl sogleich an das Vertraute gedacht, an die Gepflogenheiten der Frauen, wie es sie seit der Zeit des alten Ägyptens gab. Warum sollte die Hexe zu Tiegeln mit Augenschwarz und Lippenrot greifen? Zumal auch ihre Lippen dunkel wirkten und mich zusammen mit den dunkel umrandeten Augen eher an das Gesicht einer Raubkatze gemahnten, was zusammen mit dem vogelartigen verhüllten Leib und der Körperhaltung das Bild eines Fabelwesens ergab, halb Sphinx, halb Harpyie, und deswegen bedrohlich und bösartig erschien.
Wie zum Hohn öffnete Qendressa nun ihren Mund mit den weißen Zähnen und sprach mich äußerst sanft an.
„Sie sind nicht erschrocken, Kara Ben Nemsi“, sagte Qendressa. „Sie werden Ihrem Ruf gerecht.“
Es war mir also gelungen, meine erste, entsetzte Empfindung, die ich bei diesem nächtlichen, nachtmahrischen Anblick empfunden hatte, nicht auf meinem Gesicht aufscheinen zu lassen. Ich atmete tief und ruhig und spannte meinen Körper, da ich einen Angriff für möglich hielt. Mein Revolver lag unter dem Kopfkissen. Die Frage war, ob ich ihn rasch genug ergreifen könnte, bevor irgendein Hexenwerk gegen mich eingesetzt würde – und damit meinte ich nicht einmal tatsächliche Zauberei. Wenngleich ich davon ausging, dass die Hexe bereits irgendeine Form von Magie angewendet hatte. Sie musste bewirkt haben, dass ich das Ticken der Uhr nicht mehr hören konnte und auch keinen Laut von Halef mehr vernahm. Zudem schien es mir fraglich, dass sie sich auf normalem – irdischem, menschlichem Wege in das Haus und dieses Zimmer geschlichen haben konnte, ohne dass Halef oder ich dies bemerkt hatten. Ich erinnerte mich an den Zauber, den Haschim im Karaul des Schut gewirkt hatte, als mit einem Mal eine unnatürliche Stille über uns gefallen war und wir keinen Laut mehr vernehmen konnten – und auch niemand um uns herum. Hier musste etwas Ähnliches geschehen sein. Aber wie war Qendressa in das Zimmer gelangt? Ein Seitenblick zeigte mir, dass das Fenster verschlossen war. Zur Tür konnte ich nicht schauen, ohne meinen Kopf zu wenden, doch dies unterließ ich besser, um Qendressa nicht aus den Augen zu lassen. Nicht, dass sie eine Unaufmerksamkeit meinerseits ausnutzen würde …
Doch Qendressa rührte sich nicht und sprach ruhig weiter.
„Aber warum sollten Sie auch erschrocken sein, ich habe Ihnen ja eine Visitenkarte zukommen lassen, um meinen Besuch anzukündigen. Danke, dass Sie mich empfangen haben, zu dieser Zeit und auch noch in Ihrem Schlafzimmer.“
Qendressa meinte wohl das Stück jenes goldenen Colliers, die kleine Ziegenbockfigur, die Hamd el Amasat abgelegt hatte. Ich hätte nun entgegnen können, dass bei einer standesgemäßen Besuchskarte ein Name hätte vermerkt und in diesem Fall der Anmeldung halber auch die obere linke Ecke der Karte eingeknickt sein müssen, zudem mit dem Vermerk „p.v.“ versehen, also „pour visiter“ – zum Besuch. Man sieht: Ich kenne mich durchaus mit den feineren Gepflogenheiten im Umgang mit Menschen aus. Aber selbst wenn das linke Horn der Goldfigur geknickt worden wäre, wie ich in einem sarkastischen Gedankenanflug bemerkte, hätte ich kaum gewusst, ob es sich um einen Besuch aus geschäftlichem oder gesellschaftlichem Grund handelte. Aber mir war nicht nach Plauderei zumute. So fragte ich schlicht und höflich:
„Was wollen Sie, Zonjusch Qendressa?“
„Sie nennen mich noch immer Fräulein. Das ist sehr charmant.“
Ich ging nicht darauf ein. „Was wollen Sie?“, wiederholte ich.
„Ich möchte mich entschuldigen. Nein, sogar um Verzeihung bitten.“
„Wohl eher Nachsicht erflehen, was Ihren Verrat anbetrifft.“
„Ich wurde selbst verraten. Getäuscht.“
„Getäuscht haben Sie ihr eigenes Volk, die Skipetaren. Die Brüder Bellios. Ihre Gefährtinnen. Meine Freunde.“ Ich dachte an die Ereignisse in der Höhle der Fürstenmumie des vermeintlichen Skanderbeg zurück. „Und sie haben Abdollah verletzt, ihm das Ohr genommen.“
„Abdi“, sagte Qendressa weich. „Der arme Abdi. Aber ich war gezwungen. Der Schut wollte ihn und das heilende Kraut. Die Umstände und der Ort zwangen mich dazu, auf diese Art zu handeln. Es tut mir aufrichtig leid, und ich würde …“
„Warum sind Sie dann nicht bei Abdi aufgetaucht und hexen ihm sein Ohr wieder an?“
„Das sind Worte, die ich eher aus dem Munde des treuen Halef erwarten würde, und nicht von Ihnen, Kara Ben Nemsi. Dabei fällt mir auf: Bei der Aufzählung der Menschen, die ich getäuscht habe, haben Sie sich selbst nicht erwähnt …“
„Getäuscht kann man nur werden, wenn man zuvor vertraut hat.“
„Nun verletzen Sie mich – und das schneidet tiefer als …“
„Unterlassen Sie die Ironie!“, sagte ich scharf.
„Ironisch ist, dass ich trotz meines Verrats nicht erhalten habe, weswegen ich den Verrat beging.“
„Der Fluch der bösen Tat.“
„Werden Sie nicht moralisch! Glauben Sie, ich hätte nicht versucht, alles wiedergutzumachen, wenn ich erst das Amulett von Al-Kadir erhalten hätte und vom Leiden der Jahrhunderte befreit …“
„Werden Sie nicht melodramatisch.“
Qendressa schaute mich an. Ich glaubte, eine Regung in ihrem Mundwinkel zu erkennen. Sie legte den Kopf schief.
Ich sprach weiter: „Vergessen Sie nicht, dass ich alles beobachtet habe. Sie haben das Amulett nicht von Al-Kadir erhalten, sondern vom Schut. Für ihn haben Sie gearbeitet.“
„Sicherlich. Aber nur, weil er mir versprach, von Al-Kadir das Amulett zu erhalten. Sie erinnern sich, dass der Schut nicht viel auf Magie hält. So wie Sie.“
„Vergleichen Sie mich nicht mit dem Schut!“
„Gewiss nicht. Er ist Ihr Feind. Und der meine. Er hat uns beide betrogen und verletzt. Er hat Freunde entführt …“
„Sie selbst haben Abdollah entführt!“
„Im Auftrag des Schut. Aber das habe ich Ihnen bereits erklärt. Ich wollte an Ihre anderen Freunde erinnern, den Briten etwa, der damals in der Juwelenhöhle festgesetzt war. Da Sie im Persönlichen so streng sind: Bedenken Sie, dass der Schut auch dieses Land und dessen Leute geschunden hat. Und die Skipetaren sind mein Volk.“
„Ihre Löwinnen haben Sie ebenfalls betrogen und getäuscht. Und die Brüder …“
Qendressa seufzte. „Ja, ich weiß. Aber wenn ich erst das Amulett Al-Kadirs erhalten hätte, wenn ich meine Kräfte nicht mehr hätte gebrauchen müssen, um überhaupt am Leben zu sein …“, Qendressa schluckte hart, „… dann wäre es mir möglich gewesen, alles wieder …“
Ich schnaufte abfällig. Das stete Vertrauen darauf, dass Zauberwerk und Hexerei alles Unrecht auflösen könnten – und sei es nur, weil man die Betroffenen ihrer Erinnerungen beraubte oder unter einen Bann setzte. Es war mir widerlich.
„Zu dumm also“, begann ich ungerührt, „dass jenes Amulett zerstört ist und Sie wohl kaum ein neues erlangen können. Zumindest nicht von Al-Kadir, denn er ist tot!“
„Er ist nicht tot!“
„Gewiss nicht, er ist im Geisterreich“, höhnte ich. „Nicht fortgetragen auf Engelsschwingen, sondern auf jenen des Burak. Ich habe zumindest dies gesehen. Aber was mit diesem Verbrecher nun geschieht, ist mir einerlei. Er wandelt nicht mehr auf Erden.“
Qendressa schüttelte den Kopf. „Sie sind ahnungslos, Kara Ben Nemsi. Das Geisterreich ist nicht Ihr Jenseits, aus dem die Toten nie wiederkehren …“ Ein böses Lächeln glitt über ihre Lippen. „Nun, auch dort gibt es Ausnahmen …“ Dann wurde sie wieder ernst. „Aber Al-Kadir kann noch immer in diese Welt hineinwirken. Ihr solltet dies nicht unterschätzen.“
„Solche mahnenden Worte habe ich bereits vernommen. Von Scheik Haschim. Aber obwohl Sie mich mit dem Schut vergleichen wollten, liegt es mir fern, eine Verbindung zwischen Ihnen und dem Scheik zu ziehen. Er ist ein Ehrenmann.“
„Und ein Zauberer. Dennoch vertrauen Sie ihm?“
Dies war zugegeben ein tückischer Anwurf. Ich hatte nun selbst erlebt, dass Haschim über gewisse Fähigkeiten verfügte. Dies konnte ich nicht abstreiten. Aber es ging nicht darum, ob ich an Magie glaubte oder nicht. Wie bei jeder Fertigkeit und jedem Wissen, jedem Werkzeug ging es nun einmal darum, wer dies nutzte, über welchen Charakter dieser Mensch verfügte. Und Haschim war ein Mann von Adel. Damit meine ich weniger die Tatsache, dass er ein Prinz aus dem Haus der Haschemiten war. Auch nicht, dass er die Königswürde für ein Leben aufgegeben hatte, das sich den Wissenschaften widmete. Und dies waren nicht allein die arkanen und esoterischen, sondern auch jene, die ich irdisch oder altbekannt nennen möchte. Haschim war ein gebildeter Mann, vielleicht gebildeter als ich, aber das Wichtigste war, dass es sich bei ihm um einen Mann von Charakter und Würde handelte. Ich erkenne diese Qualitäten in einem Menschen, denn dies ist mir durch meine Reisen und die damit verbundenen Erfahrungen und Begegnungen gegeben. Deswegen spürte ich, dass Haschim möglicherweise Methoden anwenden würde, die ich nicht anerkannte – um nicht von billigen oder gutheißen zu sprechen –, von denen ich aber wusste, dass er sie nur zum Guten einsetzen würde. Wenn manche nun, oft fälschlich, sagen, dass der Zweck die Mittel heilige, so ist es doch wichtig, dass diese Zwecke und Mittel mit Verstand und Würde ausgewählt werden, womit ich sowohl die Würde des Wählenden meine als auch die der Betroffenen. Und so beurteilte ich Haschim als einen Mann, der mein Vertrauen verdiente.
„Ja, ich vertraue ihm“, verkündete ich also.
„Das sollten Sie nicht tun. Ich habe erfahren, dass …“
„Von wem?“
„Von Al-Kadir.“
„Al-Kadir und Haschim sind seit Jahren verfeindet. Es ist nicht verwunderlich, dass Al-Kadir schlecht von Haschim redet. Und andere von seiner Sicht überzeugen will.“
„Aber wissen Sie denn, warum die beiden …“
„Das ist unerheblich. Und Sie wissen es wohl auch nicht, denn sonst wären Sie damit herausgeplatzt und würden nicht nachfragen.“
„Touché, Kara Ben Nemsi.“ Qendressa bewegte ihre Finger krallengleich. Die langen Nägel schimmerten metallisch. „Al-Kadir hat sich nicht dazu herabgelassen, mit mir zu sprechen.“
„Da Hexen den Rat geben, niemals Zauberern zu trauen, mag dies wohl auch umgekehrt gelten.“
„Nein, dies hat mit den Rivalitäten der Brüder zu tun. Sie haben sich oft gestritten.“
„Das habe ich erleben dürfen. Und diese Uneinigkeit hat sie in ihren Machtplänen scheitern lassen. Und beide sind tot.“ Ich hob das Kinn und sprach eindringlich: „Qendressa. Ihre Herren sind tot. Sie schulden ihnen keine Loyalität, zumal Sie betrogen worden sind. Aber Sie besitzen keine Ziele mehr für eine Rache, weil eben beide …“
„Sie beschwören ja geradezu den Tod der beiden Männer, die auch Ihre Feinde waren. Doch Al-Kadir ist in der Geisterwelt und …“ Sie blickte kurz zur Decke empor, als würde sie überlegen. Ein lächerliches Stück Theatralik. Dann schaute sie mich mitleidig an. „Es ist Ihnen nicht vergönnt, über den Körpern ihrer Feinde zu triumphieren, nicht wahr? Al-Kadir ist entrückt und der Schut – ist er nicht bereits zum zweiten Mal Ihren Blicken durch einen Sturz entschwunden? Wenngleich das Pferd diesmal Al-Kadir getragen hat.“ Sie wandte den Blick ab und schien wie zu sich selbst zu sprechen. „Männer und Pferde. Ich habe diese Verbindung nie so recht begriffen. Vielleicht ändert sich das aber, wenn der Damensattel abgeschafft ist …“ Dann schaute sie mich wieder an und musterte mein Gesicht, in dem sie nach der Erwähnung der beiden Todesstürze des Schut wohl eine Regung, vor allem wohl einen Zweifel zu erkennen hoffte. Aber ich erkannte ihre Finte.
„Sie wollen sich wohl rühmen, den Schut mit eigener Hand getötet zu haben, im Gegensatz zu mir. Aber ich töte meine Feinde ohnehin nicht, sondern führe sie gemeinhin einer menschlicheren Gerechtigkeit zu, was mir zugegeben nicht immer vergönnt ist. Aber Sie vergessen, dass ich Zeuge war. Ich sah den Schut fallen, wenngleich nicht in eine Schlucht wie die Verräterspalte, damals vor zwei Jahren, sondern auf den Stein der Turmplattform, wo er wohl sein Leben ausgehaucht hat, nachdem Sie ihm die Kehle aufgerissen haben.“ Ich nickte zu Qendressas Fingern hin. „Sie haben dem Schut einen Hieb versetzt, als seien Sie keine Dame, sondern jener Bär, der einst den Mübarek zerfleischte.“
„Welcher wiederkehrte“, entgegnete Qendressa.
„Auf widernatürliche Weise und nur für kurze Zeit. Solcherlei scheint einander zu bedingen.“
„Aber Sie geben zu, die Leiche des Schut nicht in Augenschein genommen zu haben.“
„Ich verfüge nicht über den Bösen Blick oder die Hellsicht, die mich durch den Stein einer Turmbrüstung blicken lässt.“
„Vielleicht kann ich es Sie lehren, wenn Sie denn wollten.“
„Und die Überreste des Schut wurden von dem Griechischen Feuer zerstört, das sich in die Kaverne ergossen hat. Scheik Haschim hat mir versichert, dass die Flammen dieses Brandes alles vernichten werden, auch alles, was mit Magie und Zauberei in Verbindung steht. Dieses Mal kann auch jene Rüstung dem Schut nicht helfen …“
Ich stutzte, denn ich hatte mich doch tatsächlich verleiten lassen, an eine schier unglaubliche Kraft jenes Kettenhemdes zu glauben. Es war aber eine Sache, den Schut davor zu bewahren, beim Sturz in die Verräterspalte zerschmettert und damit zu Tode gebracht zu werden, und wieder eine andere, ihn vor den Folgen jenes völligen Blutverlusts zu bewahren, dessen Zeuge ich gewesen war.
„Interessant, dass Sie dies erwähnen“, sagte Qendressa spitzfindig.
Ich konterte sogleich: „Und ich weiß, dass Sie mir raten, nichts auf die Worte des Scheiks zu geben. Aber ich habe da meine eigenen Überzeugungen und bedarf der Ihren nicht.“
„Oh, ich meinte nicht …“ Qendressa hatte rasch geantwortet, überlegte dann aber einen Herzschlag lang. Sie spitzte die Lippen. „Nun, Sie haben wohl Recht. Mir war es ja leider auch nicht vergönnt, den Schut tot zu sehen.“
„Sie sind ja allzu schnell geflohen“, stellte ich fest. „Durch den Schacht des Turms. Dabei hätte ich erwartet, dass Sie sich an einem solchen Anblick wie dem eines Wiedersachers in seinem Blut weiden würden.“
„Seien Sie nicht ungerecht. Ich bin nicht grausam oder blutdurstig.“
„Es würde mich nicht verwundern.“
Qendressa senkte den Kopf und blickte mich durch ihre dichten Wimpern hindurch an. „Dann lassen Sie mich Ihnen einen Grund geben, sich tatsächlich zu wundern.“
„Ich bin gespannt.“
„Wie Ihre Schultermuskeln. Sie werden nicht mehr zu Ihrem Revolver greifen können, wenn Sie weiterhin in dieser Positur verharren. Lehnen Sie sich doch zurück, an diese hübsche Schnitzerei …“
„Wollen Sie mich mit Ihrer Sachkenntnis über die künstlerische Gestaltung von Bettgestellen verblüffen? Tatsächlich bin ich verwundert, dass Sie dies interessiert. Es ist ja französisch und nicht altskipetarisch.“
Qendressa schlug die Augen auf. „Sie weisen auf den Leichnam des Fürsten hin, um mich zu ärgern.“ Sie schüttelte sacht den Kopf. „Unter anderen Umständen würde ich Ihnen einen Handel vorschlagen. – Nein, ich bin ehrlich, ich würde Ihnen den Handel aufdrängen: den Fürsten gegen die Informationen, die ich Ihnen geben kann.“
„Waren Sie wieder einmal in der britischen Botschaft? Im geheimen Archiv?“
„Ich würde allenfalls einer Einladung des Botschafters folgen. Er ist sehr charmant, für einen Briten …“
„Welche Informationen?“ Ich war neugierig, auf was ihre Finte hinauslief.
„Gut, reden wir sachlich, denn es ist ein Geschäft. Ich biete Ihnen die Möglichkeit, den Schut zu vernichten.“
„Er ist bereits tot“, wiederholte ich. „Und wenn Sie durch irgendeine Hexerei bewerkstelligt haben, seinen Leichnam zu bergen, lehne ich dankend ab.“
„Ich spreche vom Reich des Schut. Seinen Fabriken.“
„Wir haben eine akkurate Karte von deren Standorten. Ich habe auch bereits die Behörden in Stambul informiert.“
„Das Reich des Schut besteht nicht aus einigen Fabriken für Kleider. Er hat viel mehr Orte, an denen er gewirkt hat.“
„Sie bieten mir noch eine Karte an?“ Ich überlegte. „Von Bergwerken vielleicht? Das mag sein – die alten Stollen unter seinem Karaul haben nichts mehr abgeworfen. Und in den vergangenen beiden Jahren wird er die Mittel für seine Fabriken wohl kaum aus seinen alten Quellen, der Entführung und der Erpressung, gewonnen haben.“
„Keine Karte. Ich kann Ihnen Kenntnis über jedes Detail verschaffen, das Sie zu wissen wünschen. Jedes Stück Land, jedes Gebäude, auch seine Konten und …“
„Ich hatte vergessen, dass Sie die Handelshochschule in Venedig absolviert haben. Aber Sie haben ja auch alles darangesetzt, damit ich so etwas Ehrenwertes nicht mehr in Beziehung zu Ihnen setze …“
„Sie sind bitter, Kara Ben Nemsi.“
„Keineswegs. Nur realistisch. Nun gut, ich bin an den Informationen interessiert. Sie würden mir einiges an Mühen ersparen. Ich bin Reiseschriftsteller und kein Geheimagent.“
„Sie haben auch einiges darangesetzt, dass ich Ihren ehrenwerten Beruf vergessen habe.“ Qendressa legte den Kopf schief. „Werden Sie auch über mich schreiben?“, fragte sie kokett.
„Wenn, dann nur die schonungslose Wahrheit. Und die ist nicht angenehm.“
„Angenehm anzusehen aber doch …“ Sie warf mit einer Kopfbewegung das Haar zurück, doch es fiel erneut in ihr Gesicht und verdeckte halb ihre Züge.
Ich blieb unbeeindruckt. „Was fordern Sie für Ihre Informationen? Ach, gewiss den Skipetarenfürsten …“
„Nein, ich will nichts für die Informationen – außer ein wenig Vertrauen.“
„Das ist ein noch höherer Preis als ein Fürst.“
„Sie brauchen die Kenntnisse über das Reich des Schut. Solange es nicht vernichtet ist, kann sich jeder dieses Reichtums und dieser Macht bedienen. Und mir scheint, dass nur Sie dies nicht missbrauchen würden.“
„Ich fühle mich geehrt.“
„Und Sie können sich Ihrer Rache hingeben. Und mir die meine ermöglichen. Bedenken Sie, was ich anrichten könnte, wenn ich auf meine Weise …“
Qendressa schaute drohend und ihre Worte hatten etwas für sich. Natürlich lasse ich mich niemals erpressen, weder durch deutliche Drohungen noch durch vage Andeutungen. Aber ich wollte nicht, dass meinetwegen Menschen in Gefahr gerieten, nur weil ich ein Angebot ausschlug. Ich wollte nicht, dass Qendressa vielleicht nur deshalb grausam handelte, weil ich ihr vorgebliches Hilfsangebot verschmäht hatte. Und zudem hatte ich ihr gegenüber tatsächlich meine Gefühle offenbart: Ich wollte nur zu gern diesen lange währenden Kampf gegen den Schut abschließen. Und wenn dieser Kampf mit dem Tod jenes Schurken noch nicht geendet hatte, dann würde ich all dies auf einem anderen Feld zu einem Ende bringen.
„Nun gut“, nickte ich. „Sagen Sie mir, was Sie wissen. Oder händigen Sie mir die Papiere aus.“ Ich hoffte, dass dies nicht ein ähnliches Hexenwerk nötig machte wie der Diebstahl der Dokumente in der britischen Botschaft. Ich hatte Käfer und Insekten gesehen, die Buchstaben von den Schriftstücken fraßen. Ich mochte mir nicht ausmalen, wie der umgekehrte Weg vonstattengehen würde.
„Aber wo denken Sie hin?“, sagte Qendressa empört, oder vielmehr: in gespielter Empörung. „Man erkennt, dass Sie weder Diplomat noch Geschäftsmann noch Geheimagent sind. Ich habe die Informationen natürlich nicht bei mir. Sie hätten mein Angebot ablehnen oder versuchen können, mir die Dinge zu entreißen.“
„Nein, gewiss nicht“, seufzte ich. Ich hatte kein Bedürfnis, Hand an diese Dame zu legen. „Also, wo sind sie?“
„Da ich Ihnen hier einen Besuch abgestattet habe, erwarte ich einen Gegenbesuch. Ich habe ein hübsches kleines Haus in der Nähe. Dort habe ich alles, was Sie gerne haben würden. Oder genauer: von dem ich gerne haben möchte, dass Sie es haben.“
„So viel Haben, so wenig Soll.“
„Bedenken Sie, dass ich die Handelshochschule absolviert habe. Aber ich erinnere daran, dass dies ein Geschäft des guten Willens und des Herzens ist. Also, Kara Ben Nemsi, besuchen Sie mich in meinem Haus. Sie können gern ein paar Freunde mitbringen.“ Sie lächelte und wurde dann ernst. „Aber nicht den Zauberer.“
„Scheik Haschim ist nicht hier.“
„Aber er taucht stets unerwartet auf.“ Qendressa musterte mich. „Ist Ihnen das nicht aufgefallen?“
„Ich treffe viele Menschen zu unerwarteten Zeiten und an unerwarteten Orten. Das ist keine Eigentümlichkeit Scheik Haschims, sondern eher die meine.“
„Dennoch. Ich warne Sie. Mein Angebot ist hinfällig, wenn er auftaucht.“
„Ich werde ihn nicht rufen.“
„Nun gut.“ Sie lächelte. „Dann werde ich Sie jetzt verlassen.“
„Wo befindet sich Ihr Haus?“
„Sie werden es schon finden. Folgen Sie dem Ziegenpfad.“
„Sprechen Sie nicht in Rätseln.“
„Gute Nacht. Und auf bald, Kara Ben Nemsi.“
Qendressa lächelte erneut.
Ich wusste, jetzt würde sie verschwinden, auf dem gleichen geheimnisvollen Wege, wie sie Haus und Zimmer betreten hatte. Ich machte mich bereit, um – ja, was?
Bevor ich reagieren oder auch nur einen weiteren Gedanken fassen konnte – verschwand Qenderessa tatsächlich: Vor meinen Augen löste sie sich auf. Oder nein – ihr Bild verschwand. Und hinter dem Fußbrett des Betts sah ich Halef stehen, der mich mit einem besorgten Blick bedachte.
„Sihdi! Du sprichst im Schlaf!“
Fünftes Kapitel Die verborgene Botschaft
Ich war verwirrt. War Qendressa tatsächlich hier gewesen? War Halef betäubt worden oder hatte ich einen Traum gehabt? Nein, es war wohl eher eine Vision gewesen, Bilder und Worte, die mir durch Qendressas Hexenkünste eingegeben worden waren. Ob sie dies aus der Ferne bewirkt hatte oder ob ich durch meine Berührung des Schmuckstücks einen Kontakt geschaffen hatte – darum musste ich mich nicht scheren. Einzig die Botschaft war wichtig, jedoch nicht, wie sie überbracht worden war. Ich teilte Halef mit, was Qendressa gesagt hatte: ihre dargebrachten Entschuldigungen und das von ihr unterbreitete Angebot. Er war verständlicherweise ungehalten, sogar empört, und dies erstreckte sich von dem unerwünschten, geheimnisvollen Eindringen in unseren Schlafraum bis hin zu den frechen Worten und dreisten Forderungen.
„Dieses Weib war in unserem Zimmer?“, rief er und sah sich um, als erhoffte er eine Spur ihrer Anwesenheit zu entdecken oder den Weg, den sie gekommen und wieder gegangen war. „Und zudem noch in deinem Bett, Sihdi!“ Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des Abscheus, die besonders beeindruckend anzusehen war, da Halef einerseits noch etwas verschlafen war, und sich andererseits Abdrücke der Kissenfalten auf seinen Wangen und der Stirn zeigten. All das zeigte mir, dass es ihm nicht sonderlich gut tat, in der allzu behaglichen Umgebung des französischen Hauses zu speisen und zu nächtigen. Sonst ist Halef auch nach tiefem Schlaf stets hellwach und faltenlos, wenn es sich nicht um Falten der Sorge, der Anspannung oder eben des Abscheus handelt – selbst wenn diese Abscheu auf einer Fehleinschätzung von ihm beruhte.
„Aber nein“, sagte ich rasch. „Sie saß auf dem Fußbrett, direkt vor dir.“
Halef schreckte zurück.
„So etwas Ungehöriges! Aber ich habe dieser Frau ohnehin nie getraut, schon als sie noch keine Hexe war!“ Halef wischte mit der Hand durch die Luft. „Ich meine, als wir dies noch nicht wussten. Aber da war stets etwas Seltsames an ihr. Deswegen verwundert es mich nicht, dass sie unbemerkt wie eine Katze hier hineingeschlichen ist und …“ Jetzt stutzte Halef und war dann noch aufgeregter. „Sihdi! Das hatte es mit meinen Träumen von den Katzen auf sich, die ich in Stambul und Edreneh hatte! Die Vorsehung wollte mich warnen!“ Er seufzte. „Aber leider habe ich die Bedeutung nicht begriffen.“
Ich wollte ihm nicht sagen, dass Qendressa vielmehr wie ein Vogelweib auf dem Fußbrett gehockt hatte, nicht wie eine Katzenfrau – das hätte ihn noch mehr in Zweifel gestürzt.
„Halef, das ist doch nicht wichtig“, sprach ich stattdessen. „Es geht nur darum, was sie …“
„Sihdi, ich schäme mich“, begann Halef mit verschränkten Armen. „Zweimal ist jemand in dieses gastfreundliche Haus eingedrungen. In einer Nacht! Und wir – nein, ich habe beim zweiten Mal nichts bemerkt, obwohl mein Sihdi bedroht wurde. Diese Hexe muss mich betäubt haben, wie auch immer.“ Er schaute mich grimmig an. „Was soll nur werden? Wird uns dieses Weib nun für immer verfolgen?“
„Nicht, wenn wir mit ihr den Handel eingehen. Wir können nur gewinnen.“
„Wir werden in eine Falle laufen“, rief Halef.
„Aber doch nicht wir beide“, lächelte ich, um ihn zu ermutigen. „Wir wissen doch, was uns erwartet.“
„Wissen wir das? Die Hexe hat ihre Tricks und Schliche.“
„Das mag sein. Aber wir nicht minder.“
Halefs Augen blitzten. „Ja, natürlich! Wir werden die Hexe fangen und sie – in einen Käfig sperren. Und dann …“
Nun, dies waren Halefs Ansichten. Und auch wenn sie einiges für sich hatten, so dachte ich doch wesentlich pragmatischer, als sich mein Gemüt wieder beruhigt hatte. Ich gestand es mir nicht gern ein, aber Qendressa hatte Recht: Sie würde mir ermöglichen, den Schut endgültig zu besiegen, indem ich sein Reich vernichtete. Wenn dies mit den Informationen gelingen würde, die sie mir zu bieten hatte, so könnte ich ihr Angebot annehmen – und ihre Reue als ehrlich erachten, sie als Partnerin in diesem Handel ansehen. Und deshalb musste ich mich dagegen verwehren, ihr eine Falle stellen zu wollen. Erst, wenn sie selbst Heimtücke zeigen würde, wäre ich gezwungen, zu reagieren.
„Wir planen alles am Morgen“, sagte ich zu Halef und zeigte zum Fenster, hinter dem noch immer Nacht herrschte.
„Ich bleibe wach“, verkündete Halef. „Ich beschütze dich.“
„Das ehrt dich, doch ich bin sowohl der Ansicht, dass die Hexe uns nicht noch einmal aufsuchen wird, als auch, dass du deinen Schlaf brauchen wirst. Morgen reiten wir in die Berge.“
Halef murrte ein wenig, fügte sich aber den klaren Notwendigkeiten. Kaum hatte er seinen Kopf wieder in die Kissen gedrückt, begann er zu schnarchen. Ich war froh, dieses Geräusch zu vernehmen, ebenso wie das Ticken der Uhr auf der Kommode. Selbst in den Schlaf fand ich jedoch erst, als sich die erste Helle am Horizont zeigte.
Um den Tisch, der für das Frühstück gedeckt war, hatte sich eine verschlafen blickende Runde eingefunden. Die Ereignisse der vergangenen Nacht waren der Ruhe der Anwesenden nicht förderlich gewesen. Und so wurde dem gereichten Kaffee in hohem Maße zugesprochen. Ich könnte nun spitzfindig bemerken, dass es bei einem französischen petit dejeuner ohnehin nur wenig mehr gibt als diesen. Aber da ich kein Engländer bin, kein Niederländer und auch kein Nordamerikaner, der jene beiden Nationalitäten in sich vereint, mochte ich nicht darüber klagen, dass sich auf den Tellern keine flämische Fülle zeigte oder jenes Bergmassiv an Speisen erhob, aus welchem ein british breakfast besteht. Es gab genug pain, beurre et confitures, um nach der Nacht zu Kräften zu kommen. Ob dies lange vorhielt, mochte sich zeigen. Wie gesagt, wurde ohnehin viel Kaffee getrunken. Beecher, der im Orient bislang sehr unter dem allzu starken Mokkagebräu gelitten und ihn stets mit viel Wasser amerikanisiert, also verdünnt, hatte, war sehr von der französischen Röstung und dem französischen Aufguss begeistert. Ich denke aber, der café mundete ihm deshalb, weil er ihn aus köstlichem Porzellan genoss und nicht aus seiner Reise-Blechtasse. Hingegen war Halef, der als Araber den Kaffee ja sozusagen mit der Ammenmilch eingesogen hatte, nachgerade entsetzt, dass die Franzosen ihren Kaffee ebenfalls verdünnten – jedoch nicht mit Wasser, sondern mit Milch. Und dass die Behältnisse für diese Darreichung umfangreicher waren als orientalische Kahweschalen oder die üblichen Tassen, aus welchem Lande oder Material auch immer, befremdete ihn weiterhin. Er hielt sich tapfer, als er sah, wie in diese großen Tümpel hellbraunen Heißgetränks zudem Gebäck getaucht wurde, welches die Form von Halbmonden besaß, um dann tropfnass verspeist zu werden. Mir als Sachsen ist dieses Eintauchen von Backwerk in den Kaffee nicht fremd, wenngleich es der eine oder andere als unfein empfinden mag. Ich darf aber schlicht auf die Franzosen verweisen, die ja gemeinhin als äußerst kultiviert gelten. Und auch sie tunken ein.
Aber es gab keine Spitzfindigkeiten bei Tisch, denn Abdi fungierte als kundiger und heiterer Mittler zwischen Orient und Okzident, indem er Anekdoten von seinem Wienbesuch erzählte, und dass die Wiener sowohl Kaffee als auch Beugel, also die austrische Variante des deutschen Hörnchens und des französischen Croissants, ja ohnehin den Türken verdankten, und er als Türke recht stolz darauf sei – und es für durchaus ehrbar halte, den Halbmond nicht nur im Herzen, sondern auch im Bauch zu haben. Halef nickte vor sich hin. Später erzählte er mir, er habe nun begriffen, warum die Europäer so eilig seien: Wer schon seine Mahlzeit aus Kaffee, Zucker, Brot, Butter und Milch in einem verspeiste, und nicht nach oder nebeneinander, der müsse ja seltsam werden. Er wisse aber noch nicht, was Ursache und was Wirkung sei. Ich war erstaunt. Und vermerkte in meinem Gedächtnis erneut, dass ich ein Wort mit dem Lehrer Lohse wechseln müsste, der bei den Haddedihn-Beduinen sozusagen als Wüsten-Pädagoge in seiner Zelt-Schule Unterricht gab und den Halef vorgeblich überwachte, tatsächlich aber eifrig belauschte. Lohse schien also bei Kant angelangt zu sein. Sollte Halef demnächst von der Hegelschen Dialektik sprechen, müsste ich den Herrn Hochschulprofessor Lohse doch etwas in die Schranken weisen …
Doch zurück zu Tisch: Um die Süße der Morgenbissen nicht noch zusätzlich zum Kaffee zu verbittern, verschwieg ich den Gastgebern gegenüber meine nächtliche Heimsuchung, und ich musste den unruhigen, geradezu zappelnden Halef dann und wann mit einem Blick mahnen, dass er nicht doch damit herausplatzte. Denn ich hatte mich auch noch nicht entschieden, ob ich Fontenoy und Beecher einweihen sollte. Die beiden Amerikaner hatten sich ja bereit erklärt, die Kiste mit den sterblichen Überresten des Skipetarenfürsten Lekë Dukagjini außer Landes zu bringen. Und so schien Venedig ein gutes Ziel zu sein, da sich diese Teile der adriatischen Seeküste einstmals in venezianischem Besitz befunden hatten. Natürlich würde der Fürst nicht den italienischen Behörden übergeben werden. Ich befürchtete, dass diese Ähnliches würden bewirken wollen, wie Qendressa es vorgeblich geplant hatte: ihn als Symbol für den albanischen Freiheitskampf zu nutzen. Aber mir waren solche Ränke zurzeit nicht angenehm, weswegen ich nicht dazu beitragen wollte. Das albanische Volk musste auf einen anderen Retter vom empfundenen Türkenjoch hoffen. Andererseits war es ja nun auch so, dass ich niemals daran gedacht hätte, den Skipetarenfürsten dem Osmanischen Reich zu übergeben – aus genau entgegengesetzten Gründen. Es mochte wohl besser sein, wenn die Kiste in einem der Lagerhäuser Venedigs verschwand, über welche Fontenoy im Rahmen seiner amerikanischen Regierungsdienste verfügen konnte. Ich nahm Fontenoy das Ehrenmannsversprechen ab, dass der Fürst nicht nach Übersee expediert würde. Es war trefflich, dass ich hier nicht allein als Deutscher und Europäer sprechen konnte, sondern gewissermaßen auch als Amerikaner, wenn auch nicht vom Blut, so doch von der Seele und vom Herzen her, von welchem mir, um erneut ein Wort des Olympiers aus Weimar abzuwandeln, nachgerade drei in der Brust schlagen: eines für den Westen, eines für den Orient und eben eines für mein Heimatland.
Ich gewann Fontenoy aber auch mit einem scherzhaften Hinweis darauf, dass man die Fürstenmumie wohl besser nicht in die Nähe der Marie Laveau bringen sollte: Wer wüsste schon, was ein wenig Voodoo mit einer solchen großen Puppe anstellen könnte. Ich möchte mich hier ausdrücklich bei meinen Lesern entschuldigen, die das als Bemerkung von geringem Geschmack verurteilen könnten. Aber der Amerikaner an sich ist solcherlei nicht abgeneigt, was das koloniale Erbe des schwarzen britischen Humors sein mag, und auch der schwarzen Romantik, welche sich mit den deutschen Einwanderern verbreitete. Da mag ein anderer Südstaaten-Gentleman als Fontenoy noch so sehr behaupten, dass das literarische Grauen nicht aus Deutschland, sondern aus der Seele käme. Ich will den Namen dieses Herrn nicht nennen, weil ich ihm durchaus gram bin, ob dieser nicht zutreffenden Bemerkung, die man durch viele schaurige Werke vieler Schriftsteller deutscher Sprache widerlegen kann. Ich halte diesen Mann, der sich auch als Journalist und Satiriker versucht hat, weswegen er wohl den Franzosen so gefällt, für – ich nutze dessen amerikanische Sprache – einen regelrechten po’ boy, einen armen Burschen. Ich bedauere menschlich seinen frühen, tragischen Tod, aber nun, es haben nicht nur Bücher, sondern auch Menschen ihre, oft passenden, Schicksale.
Fontenoy lachte also, klopfte mir auf die Schulter und nickte seine Zusage.
Mit Galingré besprachen wir diesen Teil des vor uns liegenden Tages. Der Kaufmann hatte ohnehin zur nahen Hafenstadt Ulcinj reisen wollen, um eine Warenlieferung entgegenzunehmen. Für diesen Weg nutzte er oft seinen privaten Frachtkahn, mit dem man auf der Buna, dem Fluss, welcher den See von Skutari mit dem Adriatischen Meer verbindet, die Strecke wesentlich rascher bewältigen konnte als auf dem Landweg. Und bequemer war es zudem. Eine Reise also, die einem Fürsten durchaus angemessen war, selbst wenn er seit Jahrhunderten tot war.
Fontenoy war begeistert über die Aussicht einer Kahnpartie. Schon der See hatte ihn angenehm an seine Heimat Louisiana erinnert, besonders das über weite Strecken sumpfige Ufer zu Skutari hin; und die dort nistenden Pelikane hatten ihn geradezu entzückt, worauf er verkündete, er wolle alles daran setzen, dass Albanien und Skutari in New Orleans bekannter würden und bald vielleicht einige mutige Amerikaner als Sommerfrischler in diesen fernen Teil der Alten Welt reisen könnten. Und dem See würde ein schöner, weißer Schaufelraddampfer nach amerikanischem Vorbild durchaus zur Zierde gereichen. Auch wenn der See recht flach wäre, zwei Faden Tiefe würden ja wohl stets erreicht und somit genug. Den Dampfer könnte man „Fontenoy Pelican“ nennen, finanziert aus den Einkünften von Fontenoys modernem Tintenfüllfederhalter. Ja, und wenn auf dem Boot auch noch ein wenig Glücksspiel erlaubt würde …
Beecher ließ ein scharfes Räuspern vernehmen, und Fontenoy winkte ab und zuckte verlegen mit den Schultern. Ich wusste ja ebenfalls, dass der Pinkerton-Mann so seine Erfahrungen mit Falschspiel und river boats hatte und darauf nicht gut zu sprechen war. Dennoch würde er die Flussreise auch genießen können, denn für die Bewachung seiner Güter hatte Galingré seine eigenen Wachleute, zuverlässige Skipetaren, die jedoch besser nicht darüber unterrichtet werden sollten, was sie dieses Mal zu bewachen hatten. Wie bereits erwähnt fühlte ich mich nicht sonderlich gut bei dieser Sache. Ich war froh, sie einem gewieften Kaufmann zu überlassen, den das Gewissen ohnehin nicht sonderlich oft plagte. Das soll nicht despektierlich gegenüber meinem Freund Galingré klingen; ich stelle nur fest, was ist und sich nicht ändern lässt.
Dies war nun also geklärt. Wie aber würden Halef und ich verfahren? Mir war eine Einladung in ein Haus ausgesprochen worden, das wohl irgendwo in der Nähe liegen sollte. Aber wo? Qendressa hatte in ihrem Gespräch mit mir auch nicht die kleinste Andeutung gemacht – abgesehen von jenem ominösen Ziegenpfad.
Doch dann kam mir die erhellende Einsicht. Die Hexe hatte von den beiden Gegenständen gesprochen, die sie durch Hamd el Amasat hatte überbringen lassen, und sie ihre Visitenkarte genannt. Der Handschuh und der goldene Anhänger in Ziegenbocksform hatten mich erkennen lassen, dass Qendressa die Absenderin war. Aber auf einer Visitenkarte ist gemeinhin nicht nur der Name vermerkt, sondern, zumal wenn es sich um eine Geschäftskarte handelt, auch die Adresse. Der Hinweis, wo ich mich mit Qendressa treffen sollte, müsste sich also an oder in diesen beiden Gegenständen finden lassen.
Ich bat die anwesenden Herren, dass wir uns im Geschäftszimmer Galingrés einfinden sollten. Die Frühstückstafel war ohnehin aufgehoben, jetzt würden wir detektivische Arbeit leisten müssen und da war ein kaufmännisches Arbeitszimmer wohl nicht der ungeeignetste Ort.
Rasch holte ich den langen, schwarzen Handschuh und die kleine Goldfigur aus meinem Gästezimmer. Noch in der vorigen Nacht hatte ich Galingré um ein passendes Behältnis gebeten und er hatte mir eine Geldkassette überlassen, die aus äußerst hartem Holz mit Eisenbeschlägen bestand. Natürlich hatte ich die Gegenstände dort nicht abgelegt, weil ich erhofft hatte, etwaige magische Eigenschaften durch die Kiste zu bannen. Ich hatte es getan, damit Halef nicht darüber murren sollte, mit diesen Dingen vor Augen in einem Raum zu schlafen.
Nun kam ich also mit der Geldkassette in den Arbeitsraum. Zwei Fenster gingen zur Straße hinaus – wohl damit der Blick auf das Treiben dort den Geschäftssinn anregen mochte. An den Wänden hingen Karten und Diagramme, Schränke beherbergten Aktendeckel und Korrespondenz. Nach dem großbürgerlichen Plüsch des übrigen Hauses wirkte der Raum äußerst nüchtern. Der Schreibtisch war nahezu kahl, außer einer Schreibgarnitur und lederner Unterlage, aber gegenüber der Lampe stand eine Kristallvase mit frischen Blumen aus dem Garten. Ich wusste nicht, ob dies eine stimmungserhellende Zutat von Madame Galingré war oder ob der Hausherr selbst sich diese Blütenpracht geschnitten hatte.
Galingré und Halef, Fontenoy und Beecher hatten sich auf die verschiedenen Sitzmöbel verfügt, Abdi hatte sich freiwillig zum Küchendienst gemeldet. Er mochte wohl auch nicht mit den Gegenständen aus Qendressas Besitz konfrontiert werden, was ich anbetracht seiner Erlebnisse mit der Hexe nur zu gut verstehen konnte.
Der Hausherr saß in seinem Kontorsessel hinter dem Schreibtisch, die beiden Amerikaner auf Stühlen an dem kleinen runden Tisch, und Halef erfreute sich am weichen Polster eines Hockers, der wohl für orientalische Geschäftspartner bereitstand. Alle rauchten: dünne Zigarren und Zigaretten, und Halef die Gäste-Tschibuk. Er hatte sich nie mit dem anfreunden können, was wir Westler als raschen Tabakgenuss beim Stehen, Gehen und Reiten schätzten. Das Morgenlicht drang also durch die Fensterscheiben in unseren bewölkten Raum, nun konnte die Denkarbeit beginnen. Ich setzte die Geldkassette auf den Schreibtisch und öffnete sie. Dann nahm ich Handschuh und Anhänger heraus und legte beides auf der Tischplatte aus.
„Nun denn“, begann ich und fasste meine Erkenntnis zusammen. „Die Dame hat hiermit eine Einladung ausgesprochen. Was können wir daraus lesen?“
„Dass die Dame nicht förmlich ist, sonst hätte sie eine Karte gesandt“, meinte Fontenoy. „Gleichzeitig ist sie frivol. Oder wie ist der lange Handschuh zu verstehen?“
„Ein Hinweis auf unsere erste Begegnung in der britischen Botschaft“, gab ich zurück.
„Natürlich, Istanbul“, nickte Fontenoy. „Ich gebe zu, weniger auf die Garderoben geachtet zu haben als auf die Damen selbst.“
Beecher zeigte seine Zähne, als er den Rauch ausstieß. „Dem Herrn fehlt manchmal der Blick für das Wesentliche.“ Fontenoy wackelte mit dem Kopf und wedelte mit der dünnen Zigarre, wirkte aber nicht ungehalten. Die beiden Männer kannten sich wohl ebenso gut wie Halef und ich und neckten sich dann und wann. Beecher deutete auf den goldenen Anhänger. „Dieser Ziegenbock hatte etliche Gefährten im Halsschmuck der Dame. Warum sendet sie ihn, wenn der Handschuh als Hinweis auf Istanbul und damit sie selbst ausreichen würde?“
Ich stutzte. „Sie waren auch in der Botschaft, Mister Beecher? Ich hatte Sie gar nicht bemerkt?“
„Das gehört zu meinen Aufgaben“, sagte er. „Zudem war ich dann und wann im Garten.“
Ich fragte mich, ob er auf etwas anspielte. Sollte er beobachtet haben, wie ich unfreiwillig in das Geheimarchiv eingedrungen war, als ich Qendressa verfolgt hatte? Oder meine Rückkehr? Ich musterte Beecher, doch sein dunkles Gesicht zeigte keine Regung. Aber was hätte es auch bedeutet, wenn er davon gewusst hätte? Oder gar früher hatte erkennen können, dass Qendressa eine Hexe war, etwa indem er beobachtet hatte, wie sie sich von der Fassade der Botschaft entfernte – möglicherweise schwebend. Ich hatte ja erfahren, dass diese beiden Amerikaner seltsam nüchtern mit der mir bis jüngst unbekannten Tatsache der Zauberei umgingen.
„Nun gut“, meinte ich. „Der Handschuh und der Anhänger waren Hinweise auf die Absenderin. Dies wären sie auch allein gewesen. Gemeinsam müssen sie also den Ort bezeichnen.“
Galingré rieb sich das Kinn und streifte seine Zigarettenasche am Rand einer emaillierten Schale ab. „Es ist ein Rebus“, sagte er. „Ein Bilderrätsel.“
„Zwar ohne Bilder, aber Sie haben Recht, Monsieur“, nickte ich. „Ich bin kaum verwundert, dass Sie es erkannt haben, schließlich ist der Rebus eine französische Erfindung.“
„Von picardischen Studenten, als Fastnachtsscherz.“ Galingré verzog das Gesicht und zupfte einen Tabakkrümel von der Zunge. „Eine späte Auswirkung der mittelalterlichen Sitten. Unser großer Nationaldichter Rabelais, dem man gewiss keine Humorlosigkeit nachsagen kann, hat sie als plump und barbarisch abgelehnt. Kein Wunder. Die Picardie liegt einfach zu nahe an Belgien.“
Ich hob besänftigend die Hände. „Wir wollen milde sein. Zudem ist dieser Rebus kein Scherz. Wir sollten nicht vergessen, wie ernst dies alles ist. Also, meine Herren – was sagen uns Handschuh und Goldschmuck?“
Es wurde still. Einzig das Geräusch, mit dem Rauch ausgeblasen wurde, war dann und wann zu vernehmen.
Fontenoy drehte an einer seiner Schnurrbattspitzen. „Monsieur Galingré kennt sich hier in Skutari aus. Gibt es ein Gasthaus Zur Ziege oder Zum Handschuh?“
„Nein“, antwortete Galingre. „Hierzulande werden Schänken und dergleichen anders benannt. Sie haben auch keine Wirtshausschilder.“
„Richtig“, nickte ich. „Und zudem müssen beide Begriffe verbunden werden. Ein Wirtshaus namens Goat and Glove gäbe es wohl nur in einem englischen Ort.“
Beecher zeigte vage aus dem Fenster. „Gibt es einen Handschuhmacher in der Nähe? Gute Handschuhe sind aus Ziegenleder.“
„Gewiss“, stimmte Galingré zu. „Aber Handwerker haben keine Räume zur Untermiete.“
„Und ich bezweifle“, gab ich zu bedenken, „dass sich die Hexe hier in Skutari verborgen hat.“
Halef räusperte sich. „Karadagh!“
Ich gebe zu, dass ich im ersten Moment tatsächlich glaubte, dass Halef nur seine Kehle von Trockenheit oder Rauch befreien wollte. Ich schaute ihn an und er nickte. Dann deutete er auf den Tisch und die beiden Gegenstände.
„Das ist der Ort, Sihdi. Schau, es ist ganz einfach. Der Handschuh ist schwarz, auf Türkisch kara, was du ja nur allzu gut weißt. Und die Ziege klettert durch die Berge, was auf Türkisch dagh heißt. Und Karadagh …“
„… ist der Name für Montenegro!“, rief ich. „Der Landstrich jenseits des Skutari-Sees. Dort versteckt sich die Hexe. Bravo, Halef!“
Fontenoy lachte. „Soweit ich weiß, klettern Ziegen aber nicht nur durch die Berge …“
Halef zuckte mit den Schultern, lächelte aber stolz. „Aber hierzulande schon.“
„Und“, fügte ich hinzu, „die Dame Qendressa dürfte sich wohl in der Nähe aufhalten. Das hat Halef genau erkannt. Es wäre unsinnig gewesen, angesichts eines skipetarischen Schmuckstücks etwa in arabischer Sprache zu denken und nach einem Ort namens Djebel Aswad zu suchen. Andererseits birgt auch die lokale slawische Sprache einige Schwierigkeiten, denn Zrnagora kann nicht nur Schwarzberg, sondern auch Schwarzwald bedeuten …“
„Das ist nun unerheblich, lieber Kara Ben Nemsi“, sagte Galingré, der als Kaufmann keinen rechten Sinn für Abschweifungen hatte: Geschäfte müssen bedacht, aber rasch abgschlossen werden und sogleich Ertrag bringen. Bei Gedankengängen ist dies nun einmal nicht so. Dennoch hatte Galingrés Einwand seine Berechtigung, „Montenegro ist ein kleines Gebiet“, sprach er weiter, „aber es gibt Berge und Wälder genug, ob nun schwarz oder nicht, in denen sich ein Haus befinden kann.“
„Oder eine Hütte“, sagte Beecher. „Und wenn wir gerade von Doppelbedeutungen und zweifachem Sinn sprechen – gibt es in Montenegro einen Ort, in dessen Name das Wort Ziege oder dergleichen vorkommt?“
Galingré schüttelte den Kopf, zeigte aber auf die Karten an der Wand. „Jemand kann gern nachschauen.“ Er zog eine Schublade des Schreibtischs auf und förderte eine Leselupe hervor. „Ziege heißt auf Serbisch kosa und auf Türkisch keci …“ Er schaute mich an und zeigte mit der Lupe auf mich.
„Dhia auf Albanisch, wenn ich mich recht entsinne“, sagte ich. „Aber dies ist wohl nicht der richtige Ansatz. Wie viele Orte werden wohl in einem lokalen Dialekt einen Bezug zu Ziegen haben. Es wird hier wohl kaum anders sein als in meiner deutschen Heimat, wo die Bewohner eines jeden Dorfs einen kollektiven Spitznamen besitzen, der oft einen Tierbezug hat, so in etwa …“
Galingré seufzte. „Wir sind uns also einig: Dies ist zu weit gegriffen. Ich gehe davon aus, dass Mademoiselle Qendressa tatsächlich Ihren Besuch erwartet. Die Ortsangabe müsste also eindeutig sein. Und leicht zu enträtseln – welche Dame will schon allzulange warten …“
„Zu dumm“, brummte Fontenoy, „dass Miss Qendressa keine wirkliche Visitenkarte aus Papier hinterlassen hat.“
Wieder räusperte sich Halef. „Haben wir überhaupt nachgeschaut?“
„Natürlich“, meinte Galingré. „Da war nichts weiter. Wenn eine Karte zu Boden gefallen wäre, hätte das Mädchen sie beim morgendlichen Fegen gefunden.“
Halef schüttelte den Kopf und wies auf den Handschuh. „Ich meine, da drinnen …“
„Eine gute Idee!“, lobte ich und war verwundert, dass ich nicht selbst darauf gekommen war. Ich ergriff den Handschuh. Natürlich nicht, um ihn einfach umzukehren und zu schütteln, in der Hoffnung, es würde ein beschriebener Zettel herausfallen. Ich habe nun schon an ganz anderen Orten geheime Botschaften entdeckt, einmal sogar im Mund eines Griechen, der einen Kassiber mit Chiffreschrift bei seiner Entdeckung zerkaut und schon beinahe hinuntergeschluckt hatte. Nein, ich wies mit wissendem Nicken auf Beecher, der seine Dienstmarke als Pinkerton-Mann im Innenfutter seines Jacketts verborgen trug. In diesem Sinne tastete ich den Saum des Handschuhs ab, in dem sich ohne Weiteres ein schmaler Paperstreifen hätte finden können. Doch die Suche blieb erfolglos. Ich wendete das Innere des Handschuhs nach außen, um zu prüfen, ob vielleicht die Seide beschriftet war. Aber es fand sich nichts.
Schließlich erbat ich mir von Galingré dessen Leselupe und untersuchte den goldenen Anhänger. Aber so fein die Details des Ziegenleibs auch waren, die feinen Linien zeichneten nur das Fell nach, waren aber keine Chiffren und keine Schrift. Ich sah ernüchtert auf, legte die Leselupe ab und schaute in die Runde.
Fontenoy wechselte einen Blick mit Beecher. „Wir alle“, begann er dann, „haben in den vergangenen Tagen und Wochen ja die eine oder andere Tarnung verwendet. Wir haben uns verkleidet, verborgen …“
„Worauf wollen Sie hinaus, Mister Fontenoy?“, fragte ich durchaus neugierig. „Sprechen Sie doch nicht ebenfalls in Rätseln.“
Fontenoy lächelte, dass seine goldenen Zähne blitzten. „Ich wollte Sie nur auf Ihrem eigenen Gebiet herausfordern, Mister Shatter … Mister Nemsi. Denken Sie historisch, denken Sie literarisch. Und sehen Sie von der Ziege ab, sondern denken Sie wie der Westmann und wie der Orientale, zu denen Sie sich ja durchaus zählen können.“
Kurz blickte ich zu Halef, an dessen Blick ich erkannte, dass er nicht so recht wusste, ob der Amerikaner hier irgendeine Ironie im Sinn hatte, die man vielleicht auch als Beleidigung hätte auffassen können. Aber ich konnte meinen stolzen und manchmal etwas empfindlichen Freund beruhigen.
„Ah, Mister Beecher. Kein Rebus, sondern ein Gleichnis. Ich könnte nun scherzen und mich begriffstutzig stellen. Ich könnte sagen: Warum weisen sie mich von der Ziege zur Kuh? Denn diese schätzt der Rinderhirt der amerikanischen Prärie, der Cowboy, ebenso wie der Inder des ferneren Orients, so er denn ein Hindu ist.“
Fontenoy schüttelte lächelnd den Kopf, Halef war stolz auf seinen Sihdi und auf sich selbst, denn er wusste, wovon ich sprach.
„Also“, führte ich meine Ableitung fort, „dem Westmann und dem Orientalen ist das Pferd das liebste Tier. Und wenn ich hier eine goldene Ziege nach Geheimnissen untersuche, bringt mich eine Volte durch Historie und Epos zur Ilias des Sängers Homer und damit zu einem Pferd aus Holz. Wenn in dessen Innern sich die Danäer vor Troja verbargen, mag sich eine Botschaft in diesem Schmuckstück befinden …“
Galingré griff hilfsbereit in seine Schreibtischschublade und zog ein Federmesser hervor, welches er mir reichte. Ich erkannte, dass er es nicht mehr zum Zurechtschneiden von Gänsekielen benutzte – dies wäre in unseren Zeiten moderner Schreibfedern aus Stahl doch gar zu altertümlich –, sondern zum Schärfen von Bleistiftspitzen.
Ich hatte im Goldkorpus des Figürchens tatsächlich eine Fuge entdeckt, die vielleicht auf etwas hinweisen mochte. Ich erwartete nun keinen winzigen Öffnungsmechanismus, denn einen solchen hätte das Schmuckstück kaum beherbergen können. Wohl mochte sich im Innern aber ein Papier von geringer Größe befinden – ein schmaler Streifen, etwa befestigt an einem Draht oder Haar, was ich nun würde herausangeln müssen. Eine höchst diffizile Arbeit. Ich ging zum Fenster, um besseres Licht zu haben, nahm Figur und Federmesser zur Hand, während Galingré hilfreich die Lupe hielt.
Ich nickte.
„Nun?“ – „Und?“ – „Sihdi?“, klang es dreifach in meinem Rücken.
Ich wandte mich um.
Ich schüttelte den Kopf.
„Nichts.“
Sechstes Kapitel In die Berge
Ernüchtert schaute ich meine Gefährten an. Es schien, als würden wir das Rätsel nicht lösen können – ja, als würden wir nicht einmal das Rätsel finden.
Die Amerikaner schauten einigermaßen gelassen, sie bedauerten wohl nur, dass der spannende Spaß des Ratens und Vermutens vorüber war. Halef war sehr enttäuscht, vielleicht ein wenig wütend. Ich erkannte, wie er den Tschibuk fester packte, geradeso wie er gemeinhin den Griff seiner Kurbatsch drückte, wenn er zornig wurde.
Ich gab Galingré das Federmesser zurück und ging vom Fenster fort, um den Schreibtisch herum. Dabei drehte ich das Schmuckstück zwischen den Fingern, wiegte den Kopf, ohne einen klaren Gedanken zu fassen. Ich wusste nicht mehr weiter. Beinahe hätte ich das Goldfigürchen missmutig auf die Tischplatte geworfen, aber ich beherrschte mich und stellte die Ziegenminiatur sorgsam auf dem Holz ab. Dann trat ich einen Schritt zurück und musterte sie. Was hatte ich übersehen, was hatte ich nicht bedacht …
Hinter mir hörte ich, wie Halef von seinem Hocker aufsprang und neben mich trat. Er schnaufte und drohte mit dem Tschibuk.
„Verfluchte Hexe!“
Ich war froh, dass es uns als Gästen der Anstand verbot, im Hause Galingré unsere Waffen zu tragen, ich hätte sonst befürchtet, dass Halef den Revolver gezogen und mit dem Kolben auf das Goldfigürchen geschlagen hätte. Ich mochte es ihm nicht verdenken; und wenn ich auch selbst nicht impulsiv zu handeln pflege, so empfand ich doch ebenso eine gewisse Frustration, weil wir nicht weiterkamen. Der goldene Ziegenbock schimmerte im Licht und schien uns zu verhöhnen. Ich wäre kaum verwundert gewesen, wenn dieses kleine Ding plötzlich begonnen hätte, hämisch zu meckern. Aber es war nicht groß genug, um ein mechanisches Spielzeug zu sein, wenngleich ich zu bedenken hatte, dass dies das höhnische Gastgeschenk einer Hexe war …
Das mochte es sein!
In einer Eingebung fixierte ich das Schmuckstück und atmete tief ein. Ich kam mir ein wenig töricht vor, aber es war einen Versuch wert. Dann sagte ich laut und betont:
„Wo in Montenegro?“
„Ja, allerdings“, brummte Fontenoy, während Halef mich verblüfft anschaute. Er wusste, dass ich gemeinhin nicht laut denke oder gar Selbstgespräche führe.
Und dann geschah das Unglaubliche. Alle im Raum sprangen auf, schraken zusammen – allein ich war vorbereitet und trat einen raschen Schritt zurück. Mit einem fauchenden Knall verschwand das Schmuckstück und nur eine kleine Schmauch-wolke blieb zurück und ein wenig Ruß auf der Tischplatte.
„Hexenwerk!“, rief Halef.
„Bühnenzauber“, höhnte Fontenoy.
Wir standen um den Tisch herum und blickten auf den dunklen Fleck, der das polierte Holz verunzierte.
„Und nun?“, fragte Beecher mit dem Zigarillo zwischen den Zähnen. „War dies alles nur ein Scherz, und der Knalleffekt der abschließende Tusch? Ich hätte erwartet, dass die Hexe mehr im Sinn hat als Varieté und Vaudeville.“
Galingré zog sein Taschentuch hervor und wischte über den Rußfleck, bis die Tischplatte wieder glänzte. Dann starrte er darauf – und hob den Blick zur Zimmerdecke. Auch wir schauten nach oben.
„Doch kein Bühnenzauber“, brummte Fontenoy anerkennend und Beecher nahm den Zigarillo aus dem Mund.
Im weißen Putz der Zimmerdecke hatte sich eine dreizeilige Schrift eingebrannt – doch nicht nur dies: In den schwarzen Linien konnte man die dünnen Fäden schimmernden Goldes erkennen, die zweifellos die Überreste des zerplatzten Schmuckstücks waren.
„Das nenne ich ein Menetekel“, sagte ich. „Wenngleich es kein Schreiben an der Wand ist …“
Alle reckten die Hälse und betrachteten die seltsame Schrift. Und damit meine ich nicht deren Aussehen oder Entstehung, sondern vielmehr, dass die Schrift an sich seltsam war.
„Es ist aber kein Hebräisch“, erkannte Fontenoy.
„Und auch kein Aramäisch“, bemerkte Beecher.
„Ebensowenig ist es Akkadisch“, stellte Galingré fest, und zeigte damit, dass er sich in der Heiligen Schrift am besten auskannte.
„Meine Herren“, sagte ich daraufhin. „Dies mag zwar alles an die Ereignisse erinnern, von welchen im Buch Daniel zu lesen ist. Aber wir befinden uns hier nicht in Babylon, sondern in Skutari. Und auch wenn wir gestern vortrefflich gespeist haben, so ist Monsieur Galingré doch gewiss nicht der Herrscher Belsazar. Auch war es nicht die Hand Gottes, die feurige Buchstaben schrieb, sondern Hexenwerk, wie Halef so treffend bemerkte. Und auch wegen meines lieben Gefährten, der ein gläubiger Muslim ist, bitte ich doch, die Bibelstunde nicht auszuweiten.“
Die drei Männer schauten zu Halef hin und nickten vorsichtig.
„O Sihdi“, sagte daraufhin Halef. „Das ist ja sehr freundlich von dir. Aber ich fühle mich keineswegs verletzt oder beleidigt, wenn hier von dem anderen der großen Bücher gesprochen wird. Ich wäre sogar völlig gelassen, wenn auch noch ein Mann des jüdischen Glaubens zugegen wäre und von Tora und Talmud erzählte. Wir sind allesamt Menschen der Schriften und sollten uns vertragen.“
„Weise gesprochen, mein Halef“, lobte ich. „Der Dichter Lessing wäre stolz auf dich, dass du seinem Nathan gleichkommst, und sogar ohne als Parabel einen Ring zu bemühen …“
Nun schauten die drei Männer, die Amerikaner und der Franzose, wiederum mich an. Nun, das war verständlich, waren sie wohl alle in der Bibel bewandert, aber verständlicherweise nicht in deutscher Literatur und Dramatik. Ich gebe zu, dass ich dies so manches Mal bei meinen Äußerungen vergesse, denn ich habe dabei oftmals bereits meine deutschen Leser im Kopf, für die ich meine Abenteuer niederschreibe.
Nun aber stand etwas an der Decke von Galingrés Arbeitszimmer geschrieben, und dies mussten wir entziffern, denn es war zweifellos eine Botschaft von Qendressa.
Tatsächlich kam uns nun die Erfahrung zugute, und die Erinnerung an die früheren Abenteuer, die Halef und ich erlebt hatten. Und deshalb erkannten wir es auch beide zugleich, wobei Halef ein wenig rascher war, denn er schaute bereits wieder auf die Schrift, während ich von Lessing sprach.
„Sihdi“, sagte Halef also, „siehst du, wie die Schrift völlig verkehrt ist und deshalb so seltsam erscheint? Und an was erinnert dich das?“ Er lächelte wissend und schaute die drei Männer an.
„Meine Herren“, verkündte ich, „das Rätsel ist gelöst! Dort oben steht eine Botschaft in arabischer Schrift. Allerdings ist sie auf dem Kopf stehend in die Decke gebrannt worden und zudem noch spiegelverkehrt, läuft also nicht, wie es im Arabischen üblich ist, von rechts nach links, sondern wie unsere lateinische Schrift von links nach rechts. Kein Wunder, dass sie auf den ersten Blick so fremd erschien.“
Beecher nickte. „Wer hätte gedacht, dass auch eine magische Schrift oder deren Entstehung den Gesetzen des Letterndrucks gehorchen muss – nur umgekehrt …“ Er schüttelte den Kopf und Fontenoy drehte an einer seiner Schnurrbartspitzen.
„Nicht ganz“, erläuterte ich. „Dies hat eine spezielle Bewandtnis. Halef und ich haben vor zwei Jahren eine ähnliche Schrift gesehen, auf einer geheimen Botschaft, die wir abgefangen hatten, von Hamd el Amasat.“
Galingré knurrte. „Der schändliche Einbrecher mit den leuchtenden Augen.“
Fontenoy und Beecher sahen sich grimmig an.
Ich nickte. „Und dieser handelt im Auftrag der Hexe Qendressa. Beide haben sich wohl diese Spielerei erlaubt. Nicht, weil sie uns die Entzifferung der Botschaft schwer machen wollten, sondern weil wir uns daran erinnern sollten, mit wem wir es zu tun haben. Hamd el Amasat hegt noch immer einen Groll gegen uns.“
„Aber was steht nun dort?“, fragte Fontenoy.
Galingré, der als örtlicher Kaufmann Arabisch lesen konnte, begann zu buchstabieren.
„Sa ila ni …“
„Rückwärts, Monsieur Galingré“, erinnerte ich.
„Ach, gewiss“, nickte er mit verdrehtem Hals. „In ali …“ Er blickte mich an. „Was ist das für ein Kauderwelsch? Halb serbisch, halb rumänisch!“
„Und türkisch noch dazu. Und die Worte sind durcheinandergeworfen“, rief Halef. „Ach Sihdi – wir wissen doch, was da steht!“
„Allerdings“, sagte ich. „Eine weitere Spielerei von Hamd el Amasat. Es ist die gleiche Botschaft wie damals: In pripeh beste la karanirwan chan ali sa panajir menelikde. – Aus den drei Sprachen übersetzt bedeutet es: Sehr schnell Nachricht in Kara Nirwan-Chan; aber nach dem Jahrmarkt in Menelik.“
Galingré machte eine unwirsche Geste. „Aber Menelik ist ein Ort am Pirin-Gebirge, an einem Nebenfluss der Struma. In Bulgarien, nicht in Montenegro! Und Kara Nirwan? Was nutzt uns der Hinweis auf ein Haus des Schut in Bulgarien?“
Ich stutzte. Und besah die Schrift noch einmal. Dann schaute ich Halef an, der mich betreten anblickte. Tatsächlich hatte sich die Geschichte wiederholt. Damals hatte ich mich bei der Entzifferung der Botschaft verlesen, was uns ärgerlicherweise auf eine falsche Fährte geführt hatte. Und nun war dies erneut geschehen! Zu meiner Verteidigung muss ich anführen, dass die Schrift an der Decke ebenso schlecht und schwer leserlich war wie jene damals auf dem verschmierten Zettel. Damals hatte ich Karanorman-Chan gelesen: „Haus im schwarzen Wald“, wo es eigentlich Karanirwan-Chan geheißen hatte „Haus des Kara Nirwan“; eben weil der Schut in Wahrheit Kara Nirwan hieß, was wir zum damaligen Zeitpunkt noch nicht wussten. Noch später hatte ich begriffen, dass mich das zusätzliche „n“ hätte stutzig machen müssen, denn das türkische Wort für Wald lautet orman und nicht norman. Doch damals suchten wir eben nach einem Ortsnamen und nicht nach einem Personennamen, weswegen ich meiner Lesart vertraute, auch weil ich durchaus an Schreibfehler oder Dialekte dachte.
Und nun hatte ich mich in meiner Eilfertigkeit verstiegen, weil ich zu wissen glaubte, was ich da las, ohne aber so akkurat zu lesen, wie es sich beim Entziffern einer Geheimbotschaft geziemte. Ich war enttäuscht von mir selbst! Und auch Halef verzog das Gesicht. Er hatte ebenfalls einen vorschnellen Schluss gezogen. Doch dann schaute er kühn und deutete auf die Schrift: „Wir haben uns von dem Hexenwerk blenden lassen. Dort steht nicht Karanirwan! Es steht tatsächlich Karaorman – schwarzer Wald.“
„Ein einzelner Buchstabe ist verändert“, stellte ich fest. „Das ist bedeutsam. Wir müssen genau hinschauen.“
„Dort, Sihdi“, zeigte Halef. „Im Wort Menelikde sind die Akzente sehr überzeichnet.“
Dies konnte nur eines bedeuten. Da die arabische Schrift keine Vokale verzeichnet, sondern nur kleine Hinweise zwischen den Konsonanten gibt, würde eine Überzeichnung der Akzente wohl bedeuten, dass die Vokale hier bedeutsamer waren.“
„Also E-e-i-e …“
„Bedenke, Sihdi, das ihr Europäer auch manchmal Menlik oder gar Melnik sagt …“
Das war es!
Ich hatte Halef einmal erzählt, dass mir ein Fehler bei der Niederschrift meiner Reiseerlebnisse unterlaufen war, weil ich mich allzu sehr auf die General-Karten von Friedrich Handke verlassen hatte, als ich einige Reiserouten nachprüfte.
„Also fällt ein E fort, jedoch die türkische Endung bleibt bestehen …“, sagte ich und wandte meinen Blick zu der Karte an der Wand.
„Zu einem guten Kartenleser gehört schon etwas …“, murmelte ich und streckte den Finger aus. Dann fuhr ich damit durch die Luft und zielte wie über den Lauf eines Revolvers, als ich eine Linie von Skutari aus in Richtung Montenegro zog. Ich querte den See in Längsrichtung und behielt die gerade Linie bei, als würde ein Vogel fliegen. Eine Krähe, um genau zu sein. Und dann beendete ich meine Bewegung, als meine Fingerkuppe auf die Stadt Zetinje zeigte, die am Fuße des Gebirges Lowtschen lag.
„E-i-e. Zetinje“, sagte ich.
„Ist das nicht etwas gewagt?“, fragte Fontenoy. „Eine Ortsbestimmung durch ein Buchstabenrätsel? Wie können Sie sich sicher sein, dass dieser Ort gemeint ist?“
„Und er ist nicht gerade klein“, gab Galingré zu bedenken. „Dort würde die Suche erneut beginnen – nach dem fraglichen Haus.“
„Nein, es ist Zetinje“, beharrte ich. „Oder vielmehr ein Haus im Gebirge Lowtschen, genauer, unter dem Gipfel des Jezerski Vrh.“
Ich schaute in die Runde. „Ich muss zugeben, dass die Dame Qendressa mich sehr gut kennt. Nicht weil sie eine Hexe ist und etwa Gedanken lesen könnte. Sie ist eine kluge Frau und weiß, dass ich mich für vielerlei Dinge interessiere. Und auf dem Gipfel des Jezerski Vrh befindet sich das Grabmal des Radivoje Tomov Petrowitsch, der als Petar II. Petrowitsch-Njegosch Fürstbischof von Montenegro war.“
„Sie interessieren sich auch für Kirchengeschichte?“, fragte Fontenoy.
„Wenn es nötig ist“, gab ich zurück. „Aber noch näher liegen mir freilich all die Dinge, die mit meiner eigenen Profession als Schriftsteller zu tun haben. Petrowitsch-Njegosch war auch ein bedeutender serbischer Dichter. Er setzte sich für die Freiheit der Serben von der osmanischen Herrschaft ein. Das dürfte Qendressa gefallen, da auch sie für die Freiheit der Skipetaren kämpft.“
„Bist du dir da sicher, Sihdi?“, fragte Halef mit skeptischer, doch auch etwas besorgter Miene.
„Nun ja, Halef“, gab ich zurück. „Ich will durchaus nicht die Serben mit den Skipetaren vergleichen. Und vielleicht war das Befreiungsstreben der Dame ohnehin nur eine Finte.“
„Nein, Sihdi“, sagte Halef. „Ich fürchte, der Hexe gefällt es, dass auf dem Berg ein toter Dichter begraben ist. Nicht, dass sie dort noch einen zweiten Schreiber begraben möchte …“
Natürlich hatte Halef Recht. Es konnte auch eine Falle auf uns warten. Doch dieses Risiko musste ich eingehen. Zumal ich ahnte, dass die wahre Gefahr nicht unbedingt von Qendressa drohte. Doch das würde ich ergründen, wenn wir an jenem Ort angelangt wären. Und dazu mussten wir schleunigst aufbrechen. Über unser langwieriges Rätselraten und Dechiffrieren von Botschaften war der Mittag herangekommen. Wir wollten noch einmal die Gastfreundschaft der Galingrés in Anspruch nehmen, zumal Abdi sich angeboten hatte, aus Dank ein Mahl zu bereiten – oder vielmehr zwei: eines für die Gastgeber und uns, und eines für die Bediensteten, inbegriffen der Köchin.
Ich will nun nicht erneut all die Köstlichkeiten und wohlschmeckenden Dinge aufzählen, die gereicht und angerichtet wurden. Zum einen muss ich die Küchenkünste Abdis nicht erneut darlegen, zum anderen will ich ihn nicht stets als Koch darstellen. Schließlich hatte er sich in der vergangenen Zeit und während der überstandenen Abenteuer zu einem tapferen Reisegefährten gewandelt. Und zu einem Mann, der nach Vergeltung suchte. Es ist mir wichtig, dass ein solcher Mann als ernsthafter Mensch angesehen wird, und nicht als einer, der nur den Kochlöffel schwingt, selbst wenn dies durchaus ein ernsthaftes Unterfangen ist.
Nun, und zum dritten möchte ich meinen Lesern zuliebe nicht erneut eine Speisenfolge wiedergeben und Kulinaria referieren – auch mich drängte es zu Tat und Abenteuer. Zwei Tage in einem gastlichen, gemütlichen, bequemen Haus waren mehr als genug.
So war es also ausgemacht, dass wir nach dem reichen Mahl in die Sättel stiegen – nicht allein um unsere Reise anzutreten, sondern um auch jeglicher Schwere von Gliedmaßen, Mägen und vor allem Köpfen durch raschen Ritt in frischer Luft entgegenzuwirken. Bevor wir zu Tisch gegangen waren, hatten wir alles gepackt und bereitet. Jetzt blieb noch der herzliche Abschied. Wir dankten und wünschten alles Gute – den Herrschaften Galingré und ihren Hausbediensteten wie auch den Amerikanern, die sich mit dem Skipetarenfürsten auf den Weg nach Venedig machten. Wir versprachen uns wechselseitig, bald voneinander hören zu lassen. – All dies mag ein wenig nach Wehmut klingen. Und doch war es ein heiterer Abschied, denn wir hatten allesamt wichtige Aufgaben vor uns.
Die Sonne stand noch hoch, als Abdi, Halef und ich aus Skutari hinausritten. Seltsamerweise fühlte ich eine gewisse Bedrückung. Ich schaute zu den verfallenen Mauern der Feste Rozafa hinauf. Zur Entstehung der Burg gab es, wie zu vielen Burgen, eine Sage. Diese hier erzählte von den vergeblichen Baubemühungen, und dass die jede Nacht einstürzenden Mauern zu einer abergläubischen Tat führten: Eine junge Frau wurde eingemauert. Ob dies jenen wahren Kern darstellte, den jede Ortssage besaß, sei dahingestellt. Die drei Brüder, welche die Burg erbauen ließen und aus ihren Ehefrauen wählen mussten, schienen mir in ihrer allzu symbolischen Zahl doch eher eine Erfindung. Was jedoch nicht von der Hand zu weisen war: All der Opferzauber hatte die Burg nicht davor bewahrt, in vielen Schlachten belagert, umkämpft und eingenommen und dabei immer weiter zerstört zu werden, bis zum heutigen, bejammernswerten Zustand. Und noch ein weiteres Bauwerk sah ich mit anderen Augen als zuvor: Die einstmals prächtige Moschee, die nach ihrer mit Blei gedeckten Kuppel die Bleimoschee genannt wurde, hatte ebenfalls gelitten, wenngleich nicht durch Feindeshand, sondern durch die Anfeindungen der Natur. Vor einigen Jahrzehnten hatten sich in dieser Gegend gleich zwei Erdbeben ereignet, und durch die Erschütterungen des Grundes hatte einer der Flüsse um Skutari seinen Lauf verändert: Der Drin floss daraufhin nicht mehr ins Meer, sondern in die Buna, und seitdem ereigneten sich im Umfeld, besonders aber in einigen Vierteln der Stadt selbst immer wieder schwere Überschwemmungen. Und die Bleimoschee wirkte dann weniger wie ein heller Ort des Glaubens und der Besinnung, sondern wie ein düsteres Wasserschloss, in dessen Mauern die Bewohner durch die Fauldünste der schlammbedeckten Umgebung dem Wahnsinn anheimfallen mochten.
Wie gut, dass ich aus diesen finsteren Gedanken gerissen wurde! Eine Schar Kinder, wohl aus einer der italienischen Schulen, lief lärmend an uns vorüber. Einige der Knaben schauten neugierig zurück, wobei ich nicht zu sagen vermochte, ob sie auf die ihnen fremdartigen Gewehre schauten, die ich mit dem Henrystutzen und dem Bärentöter bei mir führte, oder doch auf den schlaksigen Abdi auf seinem Maultier. Dieser war ja eine sehr auffällige Gestalt und hatte früher für Erheiterung unter den Passanten gesorgt, weil er zwei sehr ausgeprägte Ohrmuscheln an seinem Schädel besessen hatte. Seit allerdings die Hexe Qendressa ihm eines dieser Ohren abgetrennt hatte, war einiges verändert. Man hätte nun annehmen können, dass ein Gesicht mit nur einem einzelnen großen Ohr ein noch komischerer Anblick wäre – und doch war das Gegenteil der Fall. Es war nun so, dass dank der Heilkraft des geheimen Krautes, welches sich in Abdis Besitz befunden hatte, sich die Wunde ohne hässliche Narbenbildung geschlossen hatte. Dennoch trug Abdi noch immer eine schmale Lederbinde um Stirn und Hinterkopf, die an der Stelle des Ohrs einen größeren Flicken aus Leder besaß, mit einem Loch darin, welches von einem feinen Netz bedeckt war. Dies hatte Abdi sich von einem Kürschner fertigen lassen, welcher auch allerlei Arbeiten für die Familie Galingré besorgte. Abdi war der Ansicht, dass ihm niemand in den Schädel schauen sollte, was eine zugegebenermaßen seltsame Erklärung darstellte. Ich vermute aber, dass er Halef und mich damit foppen wollte, wie er ja ohnehin allzu gerne damit spielte, dass man ihn wegen seiner Gestalt für einen schlichten Menschen hielt. Ich nehme an, Abdi wollte mit der Lederbinde seinem Aussehen eine markante Note hinzufügen, was ihm auch durchaus gelang. Denn diese Ohrenklappe erinnerte frappant an die Augenklappe eines Freibeuters oder Bukaniers, wie man sie aus den Schriften zum karibischen Piratenwesen des vorigen Jahrhunderts kennt, welche die Herren Dampier, Exquemelin und Captain Johnson verfasst haben. Dies mochte natürlich nur mir auffallen; die Buben auf den Gassen Skutaris beeindruckte wohl eher der grimmig entschlossene Gesichtsausdruck, der zu Abdis Gestalt in solch augenfälligem Gegensatz stand. Und diese Miene des braven jungen Mannes kam nun nicht von ungefähr. Er begleitete uns zum Bergversteck der Hexe, obgleich wir es ihm freigestellt hatten, vielleicht doch in Skutari zu verbleiben. Abdi war es im Gegensatz zu uns ja nicht gewohnt, sich Feinden und Widersachern zu stellen, noch weniger solchen, durch die er Schmerz und Schmach und Entführung erlitten hatte. Doch Abdi sann auf Rache. An seinem Gürtel trug er sein treues Küchenmesser, das er über Jahre kunstvoll genutzt und gewissenhaft geschärft hatte – bis die Hexe ihm damit das Ohr von der Schläfe getrennt hatte. Seitdem hatte er es nicht mehr gereinigt – an der Klinge haftete noch immer das Blut der scheußlichen Tat. Freilich hatten Halef und ich ihm gut zugeredet, waren auch ernst auf ihn eingedrungen, um ihn von seinem Vorhaben der Blutrache abzubringen, denn diese sei ein altertümliches und ungerechtes Unterfangen. Und sicher hatte Abdi uns versprochen, die Hexe nicht zu töten, wie er es sich im ersten Schmerz und der Wut geschworen hatte. Aber er wollte ihr von Angesicht zu Angesicht entgegentreten, um ihr und sich zu beweisen, dass sie ihn nicht geschlagen hatte.
Und zudem hatte er ein Recht, mit uns gemeinsam die Informationen zu erhalten, die zum Sturz des Schut-Reiches führen würden, denn schließlich war der Schut es gewesen, der Abdi hatte entführen lassen, wegen der Heilkraft des zauberischen Kräutleins aus dem Besitz der Familie Machaon, deren Sohn Abdi war.
Ein weiterer Grund für Abdis Begleitung war auch dadurch gegeben, dass er schon einmal durch diese Gegend gereist war. Als junger Bursche hatte er sich im Gefolge des Sultans Abdülaziz befunden, als dieser mit seinem Neffen Prinz Abdül-hamid Europa bereiste. Abdis Onkel war ein Koch des Prinzen und so hatte Abdi sowohl Wien als auch London erlebt. Es hat nun etwas Seltsames, mit einem jungen Türken Richtung Österreich zu ziehen, doch waren hier nicht der Ort und die Zeit für Scherze, denn diese unsere Reiserichtung nach Zetinje barg tatsächliche Gefahren.
Ich wurde mir dessen besonders bewusst, als ich auf unseren letzten Schritten in Skutari – den Schritten unserer Reittiere, wie ich ehrlicherweise konkretisieren muss – einige Männer in der Tracht katholischer Geistlicher sah. Vor eineinhalb Jahrzehnten wurde nämlich in der Stadt ein Seminar der Societas Jesu, also der Jesuiten, begründet, und vor nicht einmal fünf Jahren ein theologisches Gymasium, das unter Obhut des Ordens der Franziskanermönche stand. Dies waren Bestrebungen des katholischen Kaiserreichs von Österreich-Ungarn, hier am äußersten nordwestlichen Ende des Balkans, dort wo sich Orient und Okzident treffen, ihren Einfluss sowohl in Glaubensdingen als auch in Machtfragen zu bestärken. Von der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung Skutaris wurde dies verständlicherweise nicht gern gesehen, wenngleich wohl weniger aus religiösen als vielmehr monetären Gründen, denn man vermutete, dass die Geistlichkeit sich allzusehr auch in den Handel einmischte. Davon hatte mir Galingré berichtet, den dies als Kaufmann einleuchtenderweise sehr betraf. Mich beunruhigte unsere Expedition nach Zetinje weniger unter merkantilen oder missionarischen Gesichtspunkten als vielmehr der Politik und des Krieges wegen.
Denn in diesem Gebiet begann jenseits der Berge, mit den Hafenstädten Kotor und Herzeg-Novi, die an der Bucht von Kotor liegen, mit dem Königreich Dalmatien das österreichische Kronland. Ich habe nun immer wenig auf Ländergrenzen gegeben, noch weniger auf Ansprüche von Kaisern und Königen. Mir waren stets die Menschen der Länder wichtig, gleich unter welchem Herrscher sie lebten, solange sie es nur ruhig und friedlich tun konnten. Aber wenn die Landeskinder hin- und hergezerrt wurden, dauerte mich dies.
Sicher hatte es den sogenannten Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn gegeben, vor nicht einmal einem Jahrzehnt. Und auch den Ausgleich zwischen Ungarn und Kroatien. Einst gab es das Dreieinige Königreich von Dalmatien, Kroatien und Slawonien, das noch von Kaiserin Maria Theresia ausgerufen wurde. Aber vor zwei Jahren wurde die Militärgrenze zwischen Kroatien und Slawonien aufgelöst und weite Gebiete wurden unter die Verwaltung des Hofskriegsrats in Wien gestellt. Dies mag meine Leser ebenso verwirren wie mich. Aber wichtig war nur eines: In diesem Gebiet, mit seinen verschwimmenden, ja flatternden Grenzen, hatte mein Passierschein, mein Ferman des Sultans, der mich bislang vor allen Unbilden der Zuständigkeiten und der Verwaltungen hatte verschonen können, keine Wirkung mehr. Hier endete das Osmanische Reich – aber leider nicht an einer deutlich sichtbaren Linie. Und selbst jene, die mit roter Tinte auf Karten verzeichnet waren, wurden oft genug missachtet. Dies mochte nun bereits einige Unannehmlichkeiten für Untertanen des osmanischen Herrschers darstellen, also Türken und Araber, wie Abdi und Halef es waren – insbesondere Abdi, denn die Erinnerungen an die beiden Belagerungen Wiens durch die Türken vor rund dreieinhalb und knapp zwei Jahrhunderten nagten noch immer am Stolz der Österreicher. Aber ich war nun einmal Deutscher, und da gab es zwischem meinem Volk und jenem der austrischen Berge und Ebenen eine Schmach, die wesentlich jünger war. Und deshalb wäre ich, wenn ich als Deutscher erkannt würde, von etwaigen Österreichern nicht gut gelitten. Denn vor nicht einmal zehn Jahren hatte das Königreich Preußen, welches nun die Hauptmacht im deutschen Kaiserreich darstellte, in der Schlacht um Königgrätz die Macht der k.u.k.-Monarchie mit Geschützen und Gewehren gebrochen.
So wenig ich nun meine deutsche Herkunft verleugnen mochte – es wäre wohl besser, wenn mich in dieser Gegend niemand als einen Deutschen erkannte. Zumal man mich auch noch für einen Preußen halten würde, wo ich doch stolzer Sachse bin.
Ich bereitete meine Gefährten also darauf vor: Sollten wir in jener Gegend die deutsche Sprache vernehmen – besonders mit dem österreichischen Zungenschlag, den Abdi ja durchaus zu erkennen vermochte –, mussten wir auf der Hut sein. Und keinesfalls sollten meine orientalischen Freunde lauthals verkünden, dass sich meine Landsleute näherten.
Dies sorgte bei Abdi und Halef für Verwunderung und Verständnis zugleich. Mochten Araber und Türken einander fremd, ja manchmal verhasst sein, wegen der unterschiedlichen Kultur und Sprache, aber auch wegen und nicht etwa trotz einer einzigen Regierung – weil diese den einen aufgezwungen war –, so verhielt es sich zwischen Deutschen und Österreichern eben ganz anders und doch wieder gleich: Jene waren in Kultur und Sprache ähnlich, beherrschten einander nicht – waren sich aber dennoch fremd.
„Armer Sihdi“, bemerkte Halef. „Und dann trägst du auch noch jenen Vatersnamen, der dich eigentlich zu einem Austria-ken macht … Willst du vielleicht, dass wir dich für diese kurze Zeit unserer Reise etwa anders nennen?“
„Aber nein, mein Halef“, entgegnete ich, „es ist vielleicht ganz trefflich, dass Nemsi eigentlich Österreicher bedeutet. Je nach Gelegenheit oder Gegenüber kann ich mich ja darauf berufen. Mir ist es zwar fremd, falsche Namen anzunehmen, denn dies ist unlauter. Aber wenn die Umstände dazu zwingen, mag es mit dem Gewissen und dem Gerechtigkeitsempfinden vereinbar sein.“ Ich schaute Halef an und überlegte kurz. „Nötigenfalls soll mein Name also Kara Omar lauten, wenn du nichts dagegen hast.“
„Wir sollen also tun, als seien wir verwandt?“, fragte Halef erstaunt.
„Nun, dies nicht unbedingt“, gab ich zurück. „Aber es mag auch nicht schaden.“
Abdi musterte uns. „Nun, ich finde zwar nicht, dass die Herren sich ähnlich sehen, aber es ist eine Möglichkeit.“ Abdi stutzte. „Klingt aber Kara Omar nicht etwas zu sehr nach dem Ort, zu dem wir reisen? Kara Orman?“
Ich lächelte. „Ein Kampfname für einen kleinen Feldzug. Warum nicht? Jeder Name hat eine Vorbedeutung, wie ein altes römisches Wort sagt.“
Halef zog die Nase kraus. „Ich weiß nicht, Sihdi. Das Omen, welches du beschwörst – du siehst, ich habe mir den Begriff der Latini gemerkt, denn du fügst solcherlei Dinge sehr oft in deine Rede ein – dieses Omen also könnte auch übles Kismet bedeuten.“
„Nicht doch Halef“, bat ich. „Du solltest nicht unken. Wir sollten guten Mutes sein, dann liegt das Schicksal auch in unserer Hand.“
Für unseren Weg nach Nordwesten wählten wir eine Route entlang des Seeufers. Es war wohl nicht das Übelste, vor dem Einritt ins Gebirge noch ein wenig Atem in den Niederungen zu schöpfen. Allerdings begleiteten uns die Berge bereits, denn linker Hand zogen sich die emporragenden Felsen der Rumija entlang, und jenseits dieser Höhen lag das Meer.
Wir genossen jedoch den Seeblick, während wir mal näher, mal ferner von der Wasserlinie entfernt die Straßen und Wege beritten und Siedlungen und Dörfer passierten. Die Pelikane des Sees schmausten von den Wasserfröschen, welche des Abends ihr klagendes Lied anstimmten. Und als Halef sich über den Lärm beklagte, gab ich Abdi durch einen Wink zu verstehen, dass er hier keine kulinarischen Andekdoten anbringen sollte. Denn würden wir irgendwann wieder einmal bei den Galingrés einkehren, würde Halef, so glaubte ich, keinen Bissen aus der französischen Küche mehr anrühren.
Um davon abzulenken, berichtete ich von den Eigentümlichkeiten dieser Gegend, vor allem des Sees. Dieser ist zwar ein flaches Gewässer, aber gerade ein solches braucht eine regelmäßige Wasserspeisung, welche hauptsächlich durch die Moratscha erfolgt, den Fluss, der sich im Norden durch die Ebene bewegt, in welcher die Stadt Podgoritza liegt. Es ist aber auch so, dass der See von Skutari einige Quellen besitzt, die sich unterirdisch oder eher unterseeisch befinden. Diese Karstquellen sind sehr tief und führen frisches Wasser in den See empor. Sie werden oka genannt, was Augen bedeutet, und dies ist ein recht eigentümlicher Name für eine Quelle. Man kennt durchaus eine solche Bezeichnung für kleine Bergseen, eben weil sich in ihnen der Himmel spiegelt, wie er es in einem menschlichen Auge tut, aber für Wasserlöcher in einem Seegrund ist es doch eigenartig.
Halef, der Sohn der Wüste, seufzte. „Ach Sihdi, was für ein gesegnetes Land, in dem es sogar Oasen in den Seen gibt! Allah, der Allmächtige und All-Erbarmer, will seine Glaubenskinder in ihren Heimatländern durchaus prüfen, indem er die Gabenorte des Lebenswassers nur spärlich verteilt hat.“ Er wischte sich über den Augenwinkel. „Aber es gibt noch größere Wunder als dieses, wo süßes Wasser in süßes Wasser quillt. Ich habe davon in einem Bericht gehört, und damit erklärt sich deine Frage nach den Augennamen und zeigt sich zugleich erneut die Güte und Würde Allahs. Es ist nämlich so, dass es an der Küste von Abessinien, das ist ein Königreich in Afrika, jenseits des Meeres, welches man das Rote nennt, eine Grotte gibt. Diese liegt zwischen dem dürren Land und der salzigen See, also ein Ort, der scheußlich ist für alles menschliche Leben. Und dennoch springt in dieser Grotte ein herrlicher Quell aus dem Fels, eben damit sich die Menschen erquicken können. Denn es war so, dass einst Allah vom Himmel blickte und diese feindliche Gegend erblickte, was ihn sehr dauerte, worauf er eine einzelne Träne vergoss. Diese fiel in die Grotte und wurde zu jener Quelle. Und deshalb heißt sie bis heute ‚die Träne Allahs‘.“ Halef schaute mich nickend an.
„Eine schöne Geschichte, Halef“, lobte ich. „Anrührend und erbaulich. Ich gebe zu, dass ich so manches Mal gar zu realistisch denke. Aber das liegt nun einmal daran, dass ich kein Dichter bin, sondern Reiseschriftsteller. Ich freue mich sehr, dass ich in dir einen Gefährten habe, der ein so romatisches Herz besitzt und den Sinn des Orientalen für Poesie!“
„Danke, Sihdi“, sagt Halef. „Das bedeutet mir wirklich einiges, so etwas aus deinem Munde zu hören …“ Er schaute zum Ufer des Sees hinüber. „Vor allem, wenn sonst nur das Quaken dieser Untiere in meinen armen Ohren klingt.“
Auch wenn Halef mich mit dieser Anekdote daran erinnert hatte, dass ich mit zwei muslimischen Gefährten durch ein Land ritt, das unter der Herrschaft des Sultans stand, so konnte ich doch mit eigenen Augen sehen, dass hier der Orient zu enden begann, wie ich bereits zuvor angemerkt hatte. Offenkundig lag dies an der Tatsache, dass immer mehr christliche Gotteshäuser statt islamischer Moscheen zu sehen waren. Doch das Gefühl, das sich mir mitteilte, rührte nicht von der Konfession dieser sakralen Bauten her, und auch nicht davon, wie sehr sie von Gläubigen besucht wurden oder ob sie überhaupt noch intakt und brauchbar waren oder schon verfallen. Wenngleich – dies war wohl der Punkt! Es verhielt sich so: Als wir am Ufer des Sees von Skutari entlangritten, passierten wir einige der kleinen Inseln, die sich unweit aus dem Wasserspiegel erhoben. Und diese Inseln waren zwar nur niedrig bewachsen, aber auf dem Grund erhoben sich die Mauern von Kirchen und Klöstern, die vor über vierhundert Jahren, noch vor der osmanischen Eroberung, dort erbaut worden waren. Und es mag seltsam erscheinen, aber der Anblick der steinernen Bauten im schimmernden See, welche an unserer Seite langsam vor uns auftauchten, uns scheinbar begleiteten und dann wieder hinter uns verschwanden, während wir vorüberritten, erinnerte mich an die Umkehrung dessen, was man auf einer Rheinpartie erfahren würde, während der man an den alten Burgen der mittelalterlichen Herrschergeschlechter vorbeiglitt, die jedoch hoch über den Köpfen auf den Felsen des deutschen Stromes thronten. Es mag wohl sein, dass ich doch über eine romantische Ader verfügte, und es schien das Blut, welches durch jene pumpte, doch unleugbar mit meinem Heimatland verbunden zu sein. Aber ich will nicht sentimental werden. Da sich kein Felsen aus dem Skutari-See erhob, auf dem eine Lorelei des Balkan ihr güldenes Haar kämmte, wie es der Dichter Heine für den Rhein besungen hat, und weder eine Seejungfrau nach Andersen, noch eine Undine nach Fouqué sich zeigte, ja, nicht einmal eine slawische Rusalka – so konnte ich ganz nüchtern einen Fakt bemerken, der mir mehr das Herz erhob als Märchen und Phantasterei. Auf der Insel Startschewa Goritza steht ein Kloster, vor dessen Kirche sich das Grab eines verdienten Mannes befindet, namentlich Boschidar Vukowitsch, welcher der erste Buchdrucker war, der Werke in slawischer Sprache in die Letternpresse gab. Er lebte und arbeitete in Venedig, das vor drei Jahrhunderten sozusagen das Mekka der Druckkunst war und von wo schöne und gefällige Schriftarten herrühren, in denen noch heute gut lesbare Bücher gesetzt werden. Vukowitsch starb in Italien, aber es war sein Wunsch, in seiner Heimat beigesetzt zu werden. Ich will nun nicht an das Unvermeidliche denken, welches hoffentlich noch viele Jahrzehnte in der Zukunft liegt, aber auch ich habe vor, obgleich ich durch die halbe Welt gereist bin und mich an vielen Orten zuhause fühle, mich irgendwann nirgendwo anders zur letzten Ruhe betten zu lassen als in Sachsen. Wenngleich ich mir mein Grabmal nicht in serbisch-orthodoxer Architektur vorstellen möchte, vielleicht doch eher klassisch-griechisch …
Doch dann schüttelte ich die Grabgedanken von mir und richtete meinen Blick nach vorn – auf die Berge, in denen die Hexe Qendressa auf uns wartete.
Siebtes Kapitel Das Haus der Hexe
Wir verließen das Ufer des Skutari-Sees und ritten dem Lauf des Zrnojewitsch entgegen, bis wir flussaufwärts zum kleinen Ort Rijeka Zrnojewitscha kamen. Wer nun glaubt, das Städtchen sei nach dem Fluss benannt worden, der mag erstaunt sein, dass stattdessen beides den Namen eines Fürsten trägt, dessen Geschlecht vor vierhundert Jahren in dieser Gegend herrschte. Iwan der Schwarze, bedrängt von den osmanischen Eroberern, verlegte damals seinen Sitz in den Weiler Obod und gab diesem neben schützenden Mauern und Steinhäusern auch gleich eine neue Bezeichnung. Die hübsche kleine Brücke, welche den schwarzen Fluss überspannt, in dem sie zwischen zwei Bögen einen dritten wie eine Pforte offenlässt, hat jedoch erst Prinz Danilo Petrowitsch-Njegosch errichten lassen, vor etwa zwei Jahrzehnten. Diesen Namen kannte man nun von jenem Dichter und Kirchenfürsten, der auf dem Gipfel des Lowtschen beigesetzt war. Dieses Gebirge konnte man bereits in der Ferne sehen, zwischen uns und diesem lag Zetinje, die Hauptstadt des Fürstentums Zrnagora, also Montenegro.
Im Tal der Zetina hatte Iwan der Schwarze ein Kloster gegründet und schließlich, nachdem ihm Rijeka zu heikel als Regierungssitz geworden war, weil Skutari in Osmanenhand geriet, seinen Fürstenstuhl in diese leichter zu verteidigende Stadt gestellt. Doch diese Kriegszeiten sind glücklicherweise vorüber, vor zwölf Jahren schlossen die Montenegriner einen Friedensvertrag mit den Osmanen und nun wird Zetinje hoffentlich aufblühen und zu einer modernen kleinen Stadt nach westlichem Vorbild heranwachsen. Man könnte im Scherz behaupten, dass Zetinje sich auf bestem Wege dorthin befindet, denn es gibt seit zehn Jahren ein Hotel am Ort, und obgleich sein Name „Lokanda“ auf Türkisch schlicht Gaststätte oder Wirtschaft bedeutet, so ist es doch das erste Haus am Platze. Und weiterhin besitzt Zetinje seit drei Jahren auch eine lokale Wochenzeitung die sich „Der Montenegriner“ nennt. Es steht also allen Reiselustigen nichts im Wege, sich auch hier ganz weltmännisch mit einem Journal in die Empfangshalle des Hotels zu setzen.
Doch danach stand uns gewiss nicht der Sinn, und so ritten wir stracks durch die Stadt, auch wenn es reizvoll gewesen wäre, auf einen Sprung in der Residenz des früheren Fürsten vorbeizuschauen, etwa auf eine Partie Carambolage. Denn Petar II. hatte sich aus Wien einen Billardtisch in seine neu erbaute Residenz bringen lassen, was vor vier Jahrzehnten in Montenegro eine solche Neuheit und Eigentümlichkeit war, dass das Volk das Palais des Fürsten künftig nur noch Biljarda nannte. Jener Petrowitsch-Njegosch war also nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes ein Dichter-Fürst, sondern wohl auch ein Exzentriker gewesen. Sonst wäre es auch nicht erklärlich, dass die Biljarda in ihrer Architektur wie eine Schimäre aus einer altrömischen Villa und einer mittelalterlichen Trutzburg wirkt. Aber es war mir nicht nach Schimären. Mir war es genug, mit einer Hexe verhandeln zu müssen.
Wir verließen Zetinje und stiegen empor ins Karstgebirge des Lowtschen.
Im hellen Grau des Felses bildeten die Schründe und Klüfte und Höhlen dunkle Flecken, in welche die Vipern und Eidechsen sich flüchteten, wenn unsere Passage sie von ihren sonnigen Plätzen aufscheuchte. Doch unsere Blicke waren nicht auf den Grund gerichtet, dorthin, wo Farne und Blüten grün und bunt sich zeigten, sondern bergan, vorüber an den Stämmen und Kronen der Rotbuchen und des Bergahorn, der Schwarzkiefern und der Hainbuchen. Es war nicht von der Hand zu weisen, dass diese Gegend zwar gebirgig war, das nahe Meer jedoch seinen Teil zum Klima beitrug. Wäre ich ein Botaniker, hätte ich meine reiche Freude gehabt, so war die Fülle der Flora nur ein wenig angenehm für das Auge, aber ein willkommener Schattenspender für den Leib.
Es schien uns vernünftig, den steilen Anstieg in kreisförmigem Kurs zu bewältigen, und so führte uns der Weg auch an jene Flanke des Gebirges, von der man hinab in die Bucht von Kotor blicken konnte, in der die gleichnamige Hafenstadt liegt, welche die Italiener Cattaro nennen. Aber hier begann auch Dalmatien und damit Österreich.
Ich nahm das Fernrohr aus dem Gepäck und spähte hinab. Auf dem blauen Meeresarm schimmerte das Sonnenlicht, die roten Dächer und weißen Häuser kontrastierten heiter. Ich aber zog die Stirn in Falten, als ich eine Gruppe Männer den Ort verlassen sah – mit Alpinistenausrüstung und Gewehren über den Schultern. Es waren keine Soldaten, so viel konnte ich erkennen, aber auch keine Montenegriner, denn diese würden wohl keine bewaffnete Klettertour unternehmen.
Es mochte ein Zufall sein. Aber obgleich ich von Natur aus vorsichtig und bei Notwendigkeit auch misstrauisch bin, so hatten mich die vergangenen Wochen doch gelehrt, mit besonders scharfen Sinnen jegliche Ungewöhnlichkeit zu bemerken und zu bedenken. Die Machenschaften des Schut hatten ja sogar Amerikaner auf den Balkan gelockt. Dass diese sich als Freunde und Mitstreiter entpuppt hatten, war ein erfreulicher Umstand gewesen. Darauf war nicht unbedingt zu hoffen, wenn sich Ausländer aus der näheren Umgebung in das ehemalige Herrschaftsgebiet des Schut begaben. Ich wollte nun nicht daran glauben, dass Qendressa irgendwelche Hilfstruppen benötigt hätte, noch viel weniger, dass hier eine so perfekte Zeitplanung erdacht und eingehalten worden wäre, dass die Österreicher uns bei der Berghütte abpassen konnten. Nein, diese Gedanken waren übertrieben. Herr Doktor Heinroth, der den Lehrstuhl für psychische Therapie in Leipzig innehatte, welcher eigens für ihn eingerichtet worden war, würde dies als überspannte Unfreiheit des Geistes bei sonst wachen Sinnesempfindungen bezeichnet haben. Und Herr Doktor Snell, der verdiente Arzt für Seelenkranke in Niedersachsen und Westfalen, mochte in seinen Schriften die Einheitspsychose aufgelöst und ein paranoides Empfinden konstatiert haben, bei dem die Gesamtheit des geistigen Lebens überwiegend intakt bliebe – aber ich war doch beileibe nicht vom Verfolgungswahn befallen!
Deshalb erwähnte ich meine Fernbeobachtung und meine Gedanken nicht gegenüber meinen Gefährten, um sie nicht über Gebühr zu beunruhigen. Dies war nicht nachlässig oder leichtfertig von mir – denn auf der Hut waren Halef und Abdi ja ohnehin.
Wir setzten also unseren Weg zum Gipfel fort, stets spähend, wann sich das erste Anzeichen einer einsamen Behausung zwischen den Felsen und Stämmen zeigen würde.
Der Himmel hatte eine bleierne Farbe angenommen und die Sonne war hinter Dunst verschwunden. Die Luft bewegte sich nicht mehr, eine dumpfe Schwere senkte sich auf die Hänge des Berges, als wir die Ödnis erreichten, die unter dem Gipfel lag. Die Bäume waren zurückgewichen, zwischen den Felsen und Geröll sprossen nur noch niedere Sträucher, deren Grün jedoch staubig und blass erschien. Zwischen den Wurzeln und Steinen kroch allerlei Getier, Salamander und Lurche, Vipern und Nattern, und es war nicht so wie noch am Fuße des Gebirges, dass die schlängelnden Wesen Scheu zeigten, als wir herankamen. Sie wichen vor den Hufen der Pferde nicht mehr so rasch zurück wie zuvor, wenngleich sie dennoch Respekt vor dem festen Tritt auf dem harten Untergrund zeigten und zumindest nicht näherkamen. Die Reittiere meiner Gefährten wurden ein wenig unruhig, ließen sich aber noch ohne größere Mühe im Zaum halten. Mein Rapphengst Rih blieb wie stets ruhig, er wandte den Blick zu den Seiten, um nicht allein auf sicheren Weg zu achten, sondern auch, um das finstere Gewürm im hellen Auge zu behalten.
Dann enthüllte sich endlich der Endpunkt unserer Reise. Eine Hütte zeigte sich an der Flanke des Berges, halb hineingekrochen in eine Kluft im Fels. Nur zwei schrägstehende Wände aus behauenen Holzstämmen waren zu sehen, ein Winkel aus Balkenblöcken, der wie die Bastion einer Festung hervorsprang. Das niedrige, flache Dach war mit Steinen gedeckt und mit Geröll übersät, sodass es wirkte, als hätte sich der steile Hang einige Schritt weit aus seiner natürlichen Lage gewagt. Dennoch war so eine nahezu perfekte Tarnung gegeben. Das Holz der Wände war ausgeblichen und staubbedeckt, aus der Ferne hätte man selbst mit dem besten Fernrohr oder Feldstecher kaum erkennen können, dass hier eine von Menschen erbaute Behausung stand. In der Wand, auf die wir zuritten, sahen wir eine niedrige Tür, deren Form ein verschobenes Viereck war und aus deren Leibung die kurzen Enden der Wandbalken ragten, um die Umrisslinien zu kaschieren. Zu beiden Seiten dieser kaum erkennbaren Tür zeigten sich die dunklen Höhlungen von Fensterlöchern, die aus der Ferne kaum anders als die Schatten zwischen Felsen wirkten, denn sie waren nicht rechteckig, sondern unregelmäßig aus den Balken der Wände ausgespart. Selten hatte ich ein so geschickt erdachtes Versteck erblickt. Und zudem wäre es sehr leicht zu verteidigen, wie ich erkannte. Ich war nun sicher, dass dies keine schlichte Schutzhütte für Bergsteiger war oder eine Einsiedelei. Gewiss handelte es sich um einen Rückzugsort, den sich vor einigen Jahren … der Schut geschaffen hatte. Dies schien mir einleuchtend. Nach seinem Sturz in die Verbrecherspalte vor zwei Jahren war er wohl kaum in seinen Karaul verbracht worden, um sich von seinen schweren Verletzungen zu erholen. Sich an diesen verborgenen, öden Ort zurückzuziehen wie ein verwundetes Tier wirkte zunächst wenig dem Charakter des Schut entsprechend, der bereits vor seinen Eroberungs- und Herrscherphantasien, als schlichter Pferdehändler Kara Nirwan, zu Großmannssucht geneigt hatte. Jedoch war er wohl von den Umständen gezwungen gewesen und hatte mit diesem festungsartigen Bau vorliebnehmen müssen, der doch so viel weniger repräsentativ und beeindruckend erschien, als es der Karaul gewesen war. Ich stellte mir ernüchtert vor, wie der Schut während seines magischen Heilungsprozesses gelitten haben musste, gefangen in dieser Gebirgszitadelle – und sich kaum anders gefühlt haben mochte als die Geiseln, die er in seinen Kerkern unter dem Karaul zur Erpressung von Lösegeld festgesetzt hatte. Gewiss hielt mein Mitgefühl sich in engen Grenzen, was den Schurken betraf, dennoch wollte ich es ihm nicht ganz verwehren, jetzt, wo er zum zweiten und damit endgültigem Mal geschlagen war und ihn der Tod ereilt hatte. Mir erschien es bemerkenswert, wie sicher ich mir war, dass dieser Bau dem Schut gehört und er sich längere Zeit darin aufgehalten hatte. Mir war, als würde ich seine verflogene Präsenz spüren. Aber war dies wirklich verwunderlich? Ich trug noch immer den Musaddas, den Sechseckring, in meiner Westentasche, der mich auf seltsame Weise mit der Welt der Magie und Zauberei verband, indem er mir eigentümliche Empfindungen vermittelte, wann immer ich in die Nähe jener Mächte geriet. Ich muss jedoch gestehen, dass ich mir noch nicht ganz darüber im Klaren war, ob es nicht doch nur das natürliche – und nicht übernatürliche – Gespür dafür war, dass etwas nicht normal, nicht in Ordnung war. Denn ob nun eine irdische Gefahr drohte oder eine überirdische – dies war doch im Grunde einerlei. Ich war der Ansicht, dass Magie und Zauberei nichts Gutes waren, denn ich hatte bislang erlebt, dass mehr schlechte Menschen diese Dinge nutzten als ehrbare Männer, wie etwa Scheik Haschim einer war. Aber mochte es tatsächlich die Scheidung in gute und böse, in weiße und schwarze Magie geben? Dass es sich bei der Zauberei eben nicht verhielt wie mit einer Waffe, die sowohl vom gerechten Kämpfer wie auch vom üblen Schurken verwendet wurde und doch die gleiche war und blieb?
Wie auch immer, es mochte sein, dass ich die Überreste der Magie spürte, mit welcher der Schut nach seinem Sturz zunächst vor dem Tode bewahrt worden war, nämlich durch die Hilfe jener zauberischen Rüstung, die ihm das Leben bewahrt hatte, ihn aber schrecklich missgestaltet zurückließ. Vielleicht teilte sich mir auch schlicht die Ödnis dieses Ortes mit, und das Leid, das ein Mensch erlitten hatte, selbst wenn er ein Verbrecher gewesen war.
Und noch etwas vermochte ich zu empfinden: Es war wohl die Anwesenheit der Hexe Qendressa. Dies hatte ich in den vergangenen Wochen oft verspürt, hatte es aber nicht so recht einordnen und begreifen können. Seitdem hatte ich aber einiges gelernt, was die Magie und Zauberei betraf, aber auch, was das Wesen jener Frau ausmachte. Da ich allerdings wusste, dass sie uns hier erwartete, war eine gewisse Empfindung meinerseits wohl nur zu verständlich. Und dieses Wissen bestärkte mich auch darin, in diesem Blockhaus des Schut tatsächlich Erkenntnisse über die Machtpläne des toten Schurken erhalten zu können.
Es mochte sein, dass Qendressa diesen Ort als Symbol empfunden und deshalb für unser Treffen ausgewählt hatte, aber zudem konnten sich hier auch Dokumente oder andere Hinweise befinden.
Wir saßen von unseren Pferden ab. Ich hatte auf dem Boden, der von Geröll und spärlichem Bewuchs bedeckt war, keine Spuren von anderen Reittieren erkennen können. Es mochte sein, dass Qendressa auf anderem Wege gekommen war, etwa indem sie den Steilweg der gegenüberliegenden Bergflanke genommen hatte. Dass sie durch die Luft geflogen war, wie auf ihrer Flucht aus den Bergen der Skipetarengruft, wollte ich mir nicht vorstellen. Die Erinnerung an diesen Anblick war mir zu widerlich, was gewiss auch daran liegen mochte, dass die Hexe zuvor den guten Abdi verletzt und ihn zudem noch entführt hatte.
Dementsprechend grimmig schaute der junge Mann. Er griff nach seinem Revolver, den er von Sir David erhalten hatte. Auch Halef und ich taten es ihm gleich. Dies war trotz der Einladung kein Freundschaftsbesuch. Dennoch gingen wir aufrecht zu der Tür der grauen Blockhütte hin. Deckung hätte es ohnehin nicht gegeben. Wir hörten keinen Laut, weder aus dem Innern noch vom Umfeld her. Es mochte sein, dass sich in der Nähe ein verborgener Unterstand für Pferde befand, denn der Schut war damals gewiss nicht an diesen Ort geflogen. Aber diese angenommene versteckte Stallung war entweder verwaist oder die Reittiere waren verstummt.
Da öffnete sich die Tür! Die grauen Bretter schwangen nach innen, lautlos. Ob dies an wohlgeölten Angeln lag oder an einem Zauber, vermochte ich nicht zu sagen. Das Innere der Hütte lag im Halbdunkel, kein Mensch zeigte sich, der uns an der Schwelle empfangen hätte. Nun, es gibt auch andere Methoden, eine Tür aus der Entfernung zu öffnen, zumal, wenn sie sich zum Raum aufziehen lässt. Warum einen Zauber weben, wenn es auch ein schlichter Faden tut?
Ich ging voran. Im Annähern spähte ich in den Raum, der verlassen schien, und bar jeglicher Gegenstände. Der Sturzbalken der Tür war niedrig, sodass ich den Kopf einziehen musste, ebenso wie Abdi, während Halef aufrecht passieren konnte. Im Innern traten meine Gefährten neben mich, leicht nach hinten versetzt.
Der Raum war klein und von dreieckiger Form. Er lag an der Spitze des Winkels, als welcher dieses bastionsartige Blockhaus aus dem Fels ragte. An den Wänden bedeckten glatte Bretter die Holzbalken. In der langen Wand, welche die Basis des Dreiecks bildete, zeigte sich eine weitere Tür, von gewöhnlicher Form. Hinter dieser lag wohl der Raum, den man durch das Fenster von außen erahnen konnte – und dieser mochte noch weiter in den Fels führen. Die niedrigen Deckenbalken waren altersdunkel, staubige Spinnweben zogen sich zwischen ihnen dahin. Nur wenig Licht drang herein. Das schmale Fenster neben der Tür war von dem überhängenden Dach beschattet, wohl ebenso wie jenes, das uns gegenüberlag. Doch dieses war noch aus einem weiteren Grund verdunkelt. Denn auf dem hölzernen Sims saß eine Person, in einer Pose, die ich nur zu gut kannte.
Es war Qendressa, die als schwarze Gestalt auf dem Sims hockte, wie eine Krähe. Mir war nicht klar, ob sie diesen Platz gewählt hatte, um leicht fliehen zu können, oder weil sie sich nur auf diese eigentümliche Weise darstellen wollte. Zugeben musste ich, dass ihr Aussehen nicht einer gewissen Wirkung entbehrte. Obgleich ich sie bereits erlebt hatte, in ihrem nachtfarbenen Gewand und dem tiefdunklen Haar, zwischen dessen Strähnen die finsteren Augen hervorschauten, flößte mir ihr Anblick ein Gefühl des Unwohlseins ein. Ich ahnte jedoch, dass dies nicht von ihrem Aussehen herrührte, sondern daher, dass ich die Magie spüren konnte, die von ihr ausging. Vielleicht hätte ich ein Interesse daran gehabt, sie durch den Mussaddas zu betrachten, wenn ich nicht in der Grabhöhle des Skipetarenfürsten bereits ihre wahre Gestalt erblickt hätte. An dieser würde sich kaum etwas geändert haben. Sie würde noch immer die mehrhundertjährige Greisin sein, auch wenn ihr äußerer Anschein nun nicht mehr der jener jungen Frau war, als die ich sie kennengelernt hatte.
Qendressa zeigte keine Regung. Sie blickte uns an, ohne dass ich in ihrem Blick oder ihren Zügen den bekannten Spott hätte erkennen können. Da sie uns nicht willkommen hieß, ergriff ich das Wort. Zuvor aber ließ ich den Revolver wieder in den Halfter gleiten, meine Gefährten taten es mir gleich, wobei ich jedoch bemerkte, dass Halef und Abdi ihre Waffen nur zögerlich fortnahmen.
„Zonjusch Qendressa“, begann ich höflich. „Sie haben uns geladen, hier sind wir.“
Sie schien abgewartet zu haben, wie ich mich verhielt und äußerte – wenngleich sie mich doch gut genug hätte kennen müssen, um zu wissen, dass ich nicht impulsiv bin und die kühle Überlegtheit der hitzigen Tat stets vorziehe. Ihre Antwort wiederum verwunderte mich ebenfalls kaum.
„Kara Ben Nemsi, wie schön. Und so pünktlich“, sagte Qendressa. „Sie verzeihen, dass ich Ihnen keinen Sitzplatz anbiete.“ Sie deutete durch den leeren Raum, auf dessen Bodenbrettern sich nur Fußspuren im Staub befanden.
„Nun, ein Fenster wäre ja noch frei“, gab ich zurück, „doch ich stehe lieber, wie meine Gefährten.“
Qendressa nickte. „Der tapfere Hadschi Halef Omar. Und der brave Abdi.“ Sie strich sich kokett eine Strähne dunklen Haares über das Ohr, als sie Abdi und den Lederflicken neben seiner Schläfe musterte. „Wie gut das Zauberkraut doch heilt, nicht wahr … aber es lässt nichts nachwachsen, zu dumm.“
Abdi ließ einen leisen Laut der Verachtung vernehmen, rührte sich aber nicht. Ich war froh, dass er so besonnen war, die Hexe nicht zu reizen. Diese schaute wieder mich an. „Wie schade, dass Sie der Magie so ablehnend gegenüberstehen, Kara Ben Nemsi. Wäre es nicht verlockend, sich auf solche Weise kugelfest zu machen? Das wäre dann und wann doch sicher nützlich für Sie, bei dem gefährlichen Leben, das Sie führen.“
„Ich ziehe es vor, erst gar nicht von einer Kugel getroffen zu werden“, meinte ich. „Und auch nicht in Schluchten zu stürzen. Eine magische Rüstung zu tragen, wie der Schut es tat … die Zeiten der Ritter, oder besser noch: Raubritter sind vorüber.“
„Sie könnten eine magische Weste tragen, das wäre moderner und zudem elegant.“
„Sich mit einer Zauberweste vor Kugeln schützen? Da würde ich mir eher eine eiserne Ofenplatte vor die Brust schnallen“, sagte ich kalt. „Sie selbst benötigen derlei gewiss nicht. Jede Kugel würde wohl von ihrem schwarzen Eisenherz abprallen.“
Dies war zugegeben etwas melodramatisch von mir. Aber ich schätze es nicht, wenn meine Gefährten geschmäht werden und mir selbst Feigheit vorgeworfen wird.
Doch es war seltsam. Ich schien mit meinen Worten in Qendressa eine Saite angerissen zu haben, die nun zu klingen begann – in einer Vehemenz, wie ich sie bei dieser Frau noch nie erlebt hatte. Qendressas Augen wurden schmal, ihr Mund ebenso. Als sie ihn wieder öffnete, waren die Lippen verzogen, und ihre Zähne wirkten schärfer als zuvor. Ihr Tonfall war schneidend.
„Wenn es so sein sollte, dann haben Sie und Ihre Gefährten dafür gesorgt. Sie haben mich um meinen Lohn gebracht. Der Schut und Al-Kadir hatten mir ein neues Leben versprochen. Oder gewissermaßen: ein altes Leben. Mein altes Leben. Ohne dass ich mich mit kräftezehrendem Zauber verjüngen müsste …“
Mit einer fahrigen Geste zog Qendressa eine zur Kralle gebogene Hand an ihrer Wange entlang, um sie dann am Kinn weiterzuführen und zurück über den Hals. Ich wusste nicht, ob dies symbolisch sein sollte, aber der Anblick ließ mich erschauern. Und beinahe Mitleid empfinden, als Qendressa mit brüchiger Stimme weitersprach.
„Aber nun fällt mir selbst dies schwer. Schauen Sie mich an – die Zeit eilt mir nach und holt mich ein. Ich kann sie nicht mehr abwehren. Sie dringt durch meine Verjüngung …“
Ich sah, wie ihre blitzenden Augen einen sanften Schimmer annahmen, aber ihre Stimme und Miene waren noch immer hart. „Mit dem, was mir versprochen wurde, hätte ich meine junge Gestalt stets tragen können, ohne einmal am Tag zur alten Vettel zu werden. Ich hätte ein normales Leben führen können …“, sie lachte auf, „… nun, ein normales Hexenleben. In einem Hexenhaus, mit einem Hexenmann und Hexenkindern.“ Sie lachte leise weiter, senkte den Kopf und es liefen Tränen über ihre Wangen, die schwarze Spuren auf der Haut zurückließen.
Neben mir spürte ich, wie Halef die Schultern bewegte. Die Worte Qendressas schienen ihn zu rühren, oder es war ihr Anblick, der ihn dauerte. Auch Abdi trat von einem Fuß auf den anderen. Dann aber sah ich, wie Qendressa uns unter den schweren Wimpern hervor anschaute. Alles war ein perfides Schauspiel!
„Sie sind ironisch, Zonjusch Qendressa“, sagte ich scharf. „Und Sie missachten die Tatsache, dass nicht ich und meine Gefährten Sie um Ihren Lohn gebracht haben, sondern Sie selbst so töricht waren, zwei Schurken wie Al-Kadir und dem Schut zu vertrauen. Sie scheinen zudem zu vergessen, dass wir Zeugen waren, wie der Schut sich mit Al-Kadir gestritten hat, woraufhin …“
„Der Streit drehte sich um Sie!“, fauchte Qendressa.
„Wohl eher um Sie. Weil ich mich von Ihnen nicht so habe manipulieren lassen, wie Sie und die beiden Verbrecher es geplant hatten! Gestehen Sie es sich ein: Es hat Sie der Fluch derer getroffen, die sich mit dem Bösen einlassen. Und zudem haben Sie sich geschadet, indem Sie neben den Plänen der beiden noch Ihre eigenen verfolgt haben. Werfen Sie mir dies nicht vor!“
Qendressa reckte das Kinn und wischte mit der Hand durch die Luft. Neben mir zuckte Abdi zusammen. Die Hexe bemerkte es und lächelte. „Immerhin ist das eine oder andere geglückt.“
„Die Heilung des Schut?“, rief ich. „Und dann rissen Sie ihm die Kehle heraus. Sie selbst haben jenen getötet, der Ihnen hatte helfen wollen.“
„Der Schut war kein Magier! Ich hätte von Al-Kadir ein anderes Amulett erhalten können. Und Al-Kadir haben Sie getötet!“
„Ich töte niemanden. Grundsätzlich“, stellte ich fest. „Genausowenig wie ich Verantwortungen von mir weise. Aber hier irren Sie. Den tödlichen Schuss auf Al-Kadir gab Scheik Haschim ab.“
„Ach, richtig“, sagte Qendressa. „Ich habe mich geirrt …“ Sie schaute kurz zu den Deckenbalken hinauf, nur um dann theatralisch wieder zu uns zu blicken. „Al-Kadir ist nicht tot.“
„Gewiss“, höhnte ich. „Er ist im Geisterreich. Wir unterhielten uns bereits darüber. Aber beschließen wir die metaphysischen Diskussionen. Sie haben uns nicht hierher gerufen, um vor Publikum zu klagen. Sie haben etwas angeboten. Nicht aus einem Handel heraus, sondern Ihrer persönlichen Rache wegen. Informationen über das Reich des Schut. Geben Sie uns diese und wir werden alles zerstören, was der Verbrecher aufgebaut hat, und damit sein Andenken tilgen. Das dürfte Ihnen gefallen.“
„Gewiss. Und ich könnte mir niemanden vorstellen, der dies besser besorgen könnte, als Sie – und Ihre Gefährten.“
„Wir haben ältere Rechnungen mit dem Schut zu begleichen als Sie.“
„Sie setzen ältere Ansprüche gegen höhere Ansprüche? Haben Sie das von diesem französischen Kaufmann?“
„Schätzen Sie sich glücklich, wenn ich diesen Angriff auf unsere Freunde nicht auf Ihre Rechnung setze. Aber ich will mit Ihnen nicht auf merkantilem Gebiet streiten. Ich gestehe Ihnen zu, dass Sie sich dort besser auskennen. Auch im Betrug, der oft mit Handel einhergeht. Ich hingegen …“
„Sie sind ein Mann des Wortes und der Wahrheit, ich weiß.“ Sie legte den Kopf schief, was mir als eine empörend mitleidige, spöttische Geste erschien. Doch dann nickte Qendressa. „Nun gut. Ich will auch mein Wort halten. Sie sollen bekommen, was ich Ihnen versprochen habe.“ Sie deutete zu der Tür, die in den Nebenraum führte. „Dort ist alles, was ich Ihnen geben kann.“
„Ich lag also richtig, als ich gemutmaßt habe, dass dieses Haus sich im Besitz des Schut befand.“
„Scharfsinnig wie stets, Kara Ben Nemsi. Es ist sogar das Haus, in dem der Schut sich von seinen Verletzungen erholte, nachdem man ihn aus der Schlucht geborgen hatte.“
„Auch das habe ich mir bereits gedacht.“
„Dann sehen Sie auch die herrliche Ironie?“
Qendressa stutzte.
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